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Die Geschichte der zehn Tage am Sterbebett meines Vaters ist noch etwas, das erzählt

werden muss. (Bisher existiert sie auf hebräisch und ist nicht für die Außenwelt bestimmt.)
Auf jeden Fall habe ich mich irgendwann zum Entschluss durchgerungen, wieder nach Hause
zu fliegen, was genau so schwer fiel, wie der Entschluss zu kommen. Ich kam um Mitternacht
an, musste von meiner Frau vom Flughafen abgeholt werden, wegen der Quarantäre-
Bestimmungen, um halb drei Uhr (isr. Zeit) bin ich ins Bett und habe zwei Stunden lang
geschlafen. In diesen zwei Stunden hat er sich von unserer Welt verabschiedet.

Mein Bruder bat mich, etwas zur Beerdigung zu schreiben. Es sollte nicht länger als zwei
Minuten sein. Ich hätte natürlich viel mehr zu sagen….

Doron hat es dann vorgelesen (Da die Beerdigung in der Schweiz war, habe ich das scharfe -ß
weggelassen:

Prof. Dr. med. Dr. hc. David Chaim Shmerling, oder einfach: Aba, denn für mich war er immer
nur Aba, hatte viele Begabungen, mit Hilfe derer er seine Karriere aufbaute und eine Familie
gründete. Er hatte weitreichende Interessen in sehr verschiedenen Bereichen, die nichts mit
seinem Beruf und seiner Karriere zu tun hatten. Er bereiste die Welt, meistens von einem
Kongress zum andern, liebte klassische Musik, kirchliche Architektur, israelische Archäologie,
französische und englische Belletristik. Er pflegte mit Liebe den grossen Garten, den wir in
Gossau hatten, und hatte im Keller eine Werkstatt, in der ich ihm gerne zusah, wie er an
irgendwas "werkelte". Er war ein Löwe, nicht nur weil er im Sternzeichen des Löwen geboren
wurde, sondern in vielerlei Hinsicht, und sprach sehr verschiedene Sprachen exzellent,
fliessend und akzentfrei. Nach seiner Pensionierung instruierte er ehrenamtlich die Ärzte des
Kinderspitals in Jerewan in Armenien, was ihn sehr begeisterte, unter anderem, da das
Schicksal der Armenier ihn seit seiner Jugend begleitete, nachdem er "die vierzig Tage des
Musa Dagh" gelesen hatte. In seiner Bibliothek fand ich die beiden Bände der ersten
hebräischen Übersetzung dieses umwerfenden Romans von Franz Werfel aus dem Jahr
1934, der Roman, der den Armeniern eine Seele gab, wie sie selber sagten, und der die
hebräische Jugend in Palästina wie auch die Ghettokämpfer in Europa inspirierte. In diesem
Roman sagt das Haupt der Derwische, der Scheich Ahmed: "Es gibt ein zweifaches Herz. Das
fleischliche und das geheime himmlische Herz, das jenes umschliesst, so wie der Duft die
Rose einhüllt."

Während seiner ersten Dienstzeit, längst bevor er Aba und Professor usw. war, diente er in
Grand Arenas bei Marseille, in einem Flüchtlingslager, und einmal musste er gefälschte
Pässe an den französischen Polizisten vorbeischmuggeln. Er stand da mit zwei Koffern voller
gefälschter Pässe, und der Polizist fragte, was er da habe, und er sagte lachend: "Gefälschte
Pässe!" Beide lachten, und der Polizist ließ ihn durch. Aba hatte Charme, und Witz, und die
Fähigkeit zu überzeugen, und Selbstbewusstsein. Jetzt steht er da, vor einem Grenzpolizisten
ganz anderer Art, dem kein Mensch jemals lebend begegnet ist. Ich weiss nicht, wie gut er
darauf vorbereitet ist, er ist an diese Grenze gestürzt, hat sich den Kopf aufgeschlagen, und
hatte zwei Wochen Zeit, bis er an die Reihe kam. Ich weiss nicht, welche Erwartungen er hat,
und ich weiss nicht, was für einen Pass er in der Hand hält. Ich kann mir gut vorstellen, dass
er sich in diesen zwei Wochen im Dämmerzustand einen guten Pass hergestellt hat, und ich
wünsche ihm, dass sie ihm dort wohlgesinnt sein mögen. Sein fleischliches Herz hat
aufgehört zu schlagen, möge sein himmlisches mit seinem Rosenduft seine Ruhe finden.

!‫ אבא! תרגיש טוב‬,‫היה שלום‬