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© Basler Zeitung, 03.09.

2010

Schweizer wollen Sterbehilfe durch den Arzt


Klare Mehrheit möchte Sterbehilfe laut Studie liberalisieren – aber Sterbetourismus verbieten

Alte, kranke Schweizer sollen das Recht auf Sterbehilfe haben, sagt eine klare Mehrheit der
Bevölkerung. Nicht aber psychisch Kranke, Gesunde und Menschen aus dem Ausland.
Die Schweizer Bevölkerung ist in der Frage der Sterbehilfe tief gespalten: Auf der einen Seite
stehen die strikten Gegner, die sich vor allem unter religiösen Menschen finden. Auf der
anderen Seite die klaren Befürworter, für die Selbstbestimmung bis zuletzt ein zentraler Wert
des Lebens darstellt. Gestern haben die Zürcher Kriminologen Christian Schwarzenegger und
Patrik Manzoni eine repräsentative Umfrage vorgestellt, welche die bisherige Vermutung
bestätigt: Die Befürworter sind klar in der Mehrheit. Eindeutig. Dies ist politisch brisant: Will
der Bundesrat doch bis Ende Jahr seine neue Stossrichtung vorlegen, nachdem seine
Vorschläge für ein Verbot von Suizidhilfeorganisationen oder eine Beschränkung auf das
absolute Lebensende in der Vernehmlassung ein miserables Echo ernteten.

Konkret stellten sich die Befragten zu einzelnen Beispielen wie folgt:

80 Prozent wollen, dass ein Arzt einer todkranken Krebspatientin mit unerträglichen
Schmerzen weiterhin das tödliche Natriumpento-barbitural (NaP) verschreiben darf. Mehr als
zwei Drittel der Befragten wollen in diesem Fall sogar die heute verbotene direkte aktive
Sterbehilfe erlauben: Der Arzt sollte ihr auf Wunsch selbst eine tödliche Spritze verabreichen
oder das Schmerzmittel so hoch dosieren, dass sie schneller stirbt.

73 Prozent wollen, dass ein 85-Jähriger bei klarem Verstand, der an mehreren nicht-tödlichen
Krankheiten leidet, im Rollstuhl sitzt und das Leben nicht mehr lebenswert findet, sich
weiterhin NaP verschreiben lassen darf. Beim Beispiel eines Alzheimer-Patienten waren es
noch 60 Prozent.

Mit einer knappen Mehrheit verbieten würden die Befragten einzig das Aussetzen der
künstlichen Ernährung bei einer 30-jährigen Komapatientin, wenn sich die Angehörigen
darüber nicht einig sind. Sind sie sich hingegen einig, sind ganze 86 Prozent gegen ein
Verbot.

Sehr skeptisch äusserten sich die Befragten hingegen zu Suizidbegleitung für psychisch
Kranke, wie sie Exit (Verein, der sich für die Sterbehilfe einsetzt) in wenigen Einzelfällen
durchführt. Klar abgelehnt wird Sterbebegleitung für gesunde, sogenannt «lebenssatte» alte
Menschen.

Klare Vorstellungen haben die Befragten, wer bei Selbsttötungen helfen soll: ein Arzt. 60
Prozent finden, auch speziell ausgebildetes Pflegepersonal sollte assistieren können. Nur 43
Prozent aber wollen ausgebildete Sterbehelfer mit dieser Aufgabe betrauen. Nichts wissen
wollen ganze zwei Drittel der Befragten davon, dass Ausländer von der liberalen Schweizer
Regelung profitieren. Die Zürcher Volksinitiative für ein Verbot des Sterbetourismus hat also
gute Chancen. Allerdings dürfte diese Initiative gegen Bundesrecht verstossen und damit bei
einer Annahme kaum umsetzbar sein.

Was bei der Sterbehilfe erlaubt ist und was nicht


In der Diskussion um die Sterbehilfe werden Begriffe verwendet, die oft verwechselt werden.
Was ist erlaubt? Was ist verboten? Die wichtigsten rechtlichen Regelungen finden sich im
Strafrecht.

Unter der Sterbehilfe ist die Tötung (aktiv) oder das Sterbenlassen (passiv) eines leidenden
Patienten zu verstehen, meist in der Endphase seines Lebens. Die aktive oder passive
Sterbehilfe durch den Arzt erfolgt auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten oder beruht auf
einer Anordnung in einer Patientenverfügung. Dabei ist die direkte aktive Sterbehilfe
grundsätzlich verboten, selbst wenn es ein Patient oder Sterbender ausdrücklich verlangt.
Davon wird eine Ausnahme gemacht, wenn die lebensverkürzende Wirkung eine
unbeabsichtigte, aber unvermeidbare Nebenfolge einer Schmerzbehandlung ist (sog. indirekte
aktive Sterbehilfe). Die passive Sterbehilfe, also das Unterlassen von lebenserhaltenden
medizinischen Massnahmen und das Sterbenlassen eines Menschen, ist rechtmässig, wenn der
Betroffene ausdrücklich auf diese Behandlung verzichtet oder dies in einer
Patientenverfügung so regelt.

Von Suizidbeihilfe spricht man, wenn eine Person einen Sterbewilligen bei der Selbsttötung
unterstützt. Voraussetzung dafür ist, dass sich der Sterbewillige der Tragweite seiner
Handlung bewusst sei und die tödliche Handlung selbst ausführen muss.
Sterbehilfe-Organisationen leisten Suizidbeihilfe bei Menschen mit hoffnungsloser
Krankheitsprognose, unerträglichen Beschwerden oder unzumutbarer Behinderung. Die Hilfe
besteht in der Beratung, Vorbereitung und Begleitung des Suizids, der mit einer tödlichen
Dosis des Medikaments Natrium-Pentobarbital (NaP) durchgeführt wird.
Die Suizidbeihilfe ist nur dann verboten, wenn sie aus selbstsüchtigen Beweggründen heraus
erfolgt.