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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 1 von 38

Georg Büchner und die literarische Moderne


Untersuchung des Dramenfragments Woyzeck auf Bildfelder
der Moderne
Dr. Karl-Eckhard Lenk, Verden

© Werner Herzog Film GmbH, München


Klaus Kinski als Woyzeck (1978)

D ie Literatur Georg Büchners sperrt sich


gegen die Einordnung in die zeitge-
nössischen literarischen Strömungen. „Vor-
Das Wichtigste auf einen Blick

Dauer:
märz“, „Junges Deutschland“ oder gar
„Biedermeier“ – auf Büchners Werk 7–9 Stunden + LEK
scheint keines der Etiketten zu passen.
Seine Texte wirken wie ein Anachronis- Kompetenzen:
mus. Büchner steht mit seinen Themen und – Texte der Sekundärliteratur strukturie-
sprachlichen Bildern in seiner Zeit allein ren und grafisch zusammenfassen
und ist ihr zugleich 70 Jahre voraus. Von
den Zeitgenossen verkannt und ausge- – Merkmale der literarischen Moderne
grenzt, beginnt seine Entdeckung erst mit an Texten aufzeigen
dem Naturalismus, vollends mit dem
– die Problematik der Abgrenzung lite-
Expressionismus. Untersuchen Sie mit Ihren
Schülerinnen und Schülern das Dramen- rarischer Epochen reflektieren
fragment Woyzeck unter Aspekten wie – eine Verfilmung zur Textvorlage in
„Determination“, „Abgrund“, „Transzen- Bezug setzen und kritisch bewerten
denzverlust“, „Sprachkrise“ und „Einsam-
keit“– und entdecken Sie Georg Büchner
als Vorreiter der literarischen Moderne!

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2 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Fachwissenschaftliche Orientierung
Gegenstand der Reihe: Merkmale der literarischen Moderne bei Büchner

Büchners Stellung in der Literaturgeschichte ist ambivalent. Einerseits nimmt er Aspekte der
Literatur des Sturm und Drang auf (Melancholie, Shakespeare-Verehrung, Ablehnung der
regelorientierten Poetik, offene Form des Dramas), andererseits kritisiert er die überlieferten
Moral- und Religionsvorstellungen und bricht mit den literarischen Konventionen, missachtet
in seinen Werken die Grundsätze der idealistischen Ästhetik. „Von den Zeitgenossen wurde
diese radikale Kritik unterdrückt, verdrängt, oft gar nicht bemerkt. Erst das 20. Jahrhundert
rehabilitierte die Exzentriker des 19. Jahrhunderts als Begründer der Moderne.“ (Heinz
Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur. München/Wien: Hanser Verlag
2002. S. 130.) Der Literaturwissenschaftler Silvio Vietta rechnet zu diesen „Exzentrikern“,
die er als Vorreiter und Begründer der Moderne einstuft, Hölderlin, Novalis, Kleist und Büch-
ner (Vietta 1992, S. 8, 31). Auffällig ist bei diesen Autoren eine biografische Parallele:
Alle haben die Erfahrung fundamentaler Lebenskrisen gemacht. In diesem Sinne tragen alle
die viel zitierte „Negativität“ der Moderne in sich.

Der literaturwissenschaftliche Kontext – Diskussion um den Beginn der Moderne

Umstritten ist die Frage, wann der Beginn der literarischen Moderne anzusetzen sei. Silvio
Vietta hat in seinen Studien „Die literarische Moderne“ (1992) und „Ästhetik der Moderne“
(2001) die Frühromantik um 1800 als Entstehungsphase der literarischen Moderne be-
zeichnet. Als „kopernikanische Wende der Ästhetik“ breche die Frühromantik mit der Nach-
ahmungsästhetik, setze an ihre Stelle die Fantasie als produktive Einbildungskraft. Die
moderne Erkenntniskrise beginnt – so Vietta – bei Friedrich Hölderlin und Heinrich von
Kleist als Sprachkrise ( sog. „Kantkrise“ von 1801), aber auch bei Georg Büchner in seiner
Erzählung Lenz. In Hölderlins Roman Hyperion (1797) brächen die „problematischen
Grunderfahrungen der Moderne“ erstmals auf: Sinnlosigkeit, Lebensüberdruss, Nihilismus.
Die meisten Forscher datieren den Beginn der literarischen Moderne hingegen auf die Zeit
um 1900 und warnen vor einer Herauslösung Büchners aus dem historischen Zusammen-
hang. Henri Poschmann, der Büchners Werke herausgegeben hat, nennt die Büchner zu-
geschriebene Modernität „falsch, weil unhistorisch“ (Poschmann 1982, S. 137). Er rechnet
Büchner dem Vormärz zu, bleibt in seiner Begründung jedoch unverbindlich: Im Vormärz
gebe es besonders viele „Brüche“, in diesen Brüchen „scheinen […] Bezüge zu verschütte-
ten Traditionen älterer Schichten auf, […] deuten sich erste Momente von künftig Möglichem
an“ (S. 143). Auch der Literaturwissenschaftler Rolf Grimminger stellt Viettas Periodisierung
infrage. Man löse mit einer so frühen Datierung der literarischen Moderne die „konkreten
Konturen“ der Literatur auf, missachte den „geltenden Begriffsgebrauch in der Literaturge-
schichte“ (Grimminger 1995, S. 25). Er warnt vor einer „Zurückdatierung der Moderne in
die Aufklärung“; erst die Revolutionen um 1900 hätten „eine radikale Diskontinuität in das
Spiel der Geschichte“ gebracht.
Dieser Streit um den Beginn der literarischen Moderne kann hier natürlich nicht entschieden
werden. Die vorliegende Konzeption folgt jedoch dem Deutungsansatz Silvio Viettas, der
in seinen Arbeiten die Parallelen zwischen der literarischen Moderne ab 1900 und den
Autoren der Frühmoderne (Hölderlin, Novalis, Kleist und Büchner) dargelegt hat. Seine
konkrete Analyse der Bildfelder, Denkformen und Problemzusammenhänge wird hier bei-
spielhaft auf Szenen des Woyzeck von Georg Büchner übertragen.
Bereits 1968 hat Emrich resümiert: „Georg Büchners Dichtung enthält in Form und Gehalt
konzentriert bereits alle wesentlichen Aufbauelemente, die die moderne Dichtung unseres

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Jahrhunderts konstituieren.“ (Wilhelm Emrich: Von Georg Büchner zu Samuel Beckett. Zum
Problem einer literarischen Formidee. In: Aspekte des Expressionismus. Periodisierung, Stil,
Gedankenwelt. Hg. von Wolfgang Paulsen. Heidelberg: Stiehm Verlag 1968. S. 11.) Diese
These kann mit den vorliegenden Materialien überprüft werden.

Zentrale Themen und Bildfelder der Moderne

Wer den Beginn der literarischen Moderne bereits mit der Frühromantik ansetzt, steht vor
dem Problem, dass das weitere 19. Jahrhundert in Deutschland kaum „moderne“ literari-
sche Autoren und Texte kennt. Silvio Vietta sieht den Zusammenhalt der literarischen
Moderne jedoch durch wiederkehrende Bildfelder und Problemkonstellationen gesichert.
Er bezeichnet die literarische Moderne als Makroepoche, die Mikroepochen wie „Bieder-
meier“ und „Vormärz“ übergreife. „Es zeigt sich, dass die großen Autoren der literarischen
Moderne […] mit erstaunlicher innerer Kontinuität wenige, aber zentrale Problemzusam-
menhänge der Moderne entfalten.“ (Vietta 1992, S. 31.)
Zu diesen zentralen Problemzusammenhängen der literarischen Moderne zählt Vietta:
– die Sprach- und Erkenntniskrise des Menschen;
– die Bildfelder der Nacht, der Kälte, des Labyrinths;
– die Bildfelder der Apokalypse und der Wüste;
– das Bildfeld der Krankheit und des Wahnsinns;
– den Transzendenzverlust (Nietzsche: „Gott ist tot“);
– die Ich-Dissoziation (Entfremdung des Menschen bis zur Bewusstseinsspaltung);
– den Verlust der Individualität (der Mensch wird zum Objekt);
– die Ästhetik des Hässlichen;
– den Fragmentarismus (Fragment als „moderne“ Kunstform);
– die Dekonstruktion: Parodie, Satire, Ironie.

Die meisten dieser Merkmale finden sich in ähnlicher Weise auch in Büchners Werken:
– Sprachkrise, Nichtverstehen, Sprachverfall (Dantons Tod, Woyzeck);
– Bildfeld des Untergangs (Woyzeck);
– Bildfelder: Finsternis, Kälte, Wahnsinn (Lenz);
– Transzendenzverlust (Woyzeck);
– Verlust der Individualität, Mensch wird zum Objekt (Woyzeck);
– Ästhetik des Hässlichen (Woyzeck);
– Fragmentarismus (Woyzeck);
– Dekonstruktion: Parodie, Satire, Ironie (Leonce und Lena);
– paradoxes Denken (Lenz);
– Fremdheit des Menschen, Leere der Welt (Lenz).

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Inhalt der Lektüre: Büchners Woyzeck (1837)

Das Dramenfragment Woyzeck spielt in einer kleinen Garnisonstadt des 19. Jahrhunderts.
Der Soldat Franz Woyzeck lebt trotz seines Soldes in Armut. Sein einziger Halt im Leben
ist Marie, mit der er ein Kind hat. Der Hauptmann lässt sich von Woyzeck rasieren und
hält ihm vor, dass das Kind unehelich sei. Woyzeck hört Stimmen und glaubt sich von den
Freimaurern verfolgt. Er leidet an paranoiden Zwängen. Für den Doktor der Kleinstadt ist
er medizinisches Versuchsobjekt und bessert damit seinen kargen Lohn auf.
Seine Umwelt, orientiert am Alkohol, an Gewalt und sexueller Lust, steht zynisch gegen
ihn. Marie ist fasziniert von der sexuellen Ausstrahlung des Tambourmajors und betrügt
Woyzeck. Im Wirtshaus sieht Woyzeck die beiden tanzen; für ihn bricht eine Welt zusam-
men. Getrieben von inneren Stimmen steigert sich seine Eifersucht bis zum Wahnsinn. Er
plant den Mord an Marie und ersticht sie auf einem Waldweg am Teich.
Büchner verwendet im Woyzeck – wie bereits in Dantons Tod und in Lenz – fremdes Sprach-
material, teils wörtlich, teils in Anspielung: Versatzstücke aus Volkslied, Kindervers, Bibel-
zitat, Soldatenjargon, Märchen und Predigt finden sich im Text. Besonders bemerkenswert
ist der medizinische Fachjargon des Doktors. Büchners ästhetische Verfahrensweisen – Zitat,
Collage und Montage – ähneln denen der literarischen Moderne.
Büchner nutzte als Vorlage einen historischen Mordfall, der sich 1821 in Leipzig ereignete.
Er verwendete die psychologischen Gutachten, die der Hofgerichtsrat Clarus für den Mord-
prozess erstellt hatte. Aber Büchner ging es nicht (nur) um den historischen Fall Woyzeck.
Der Text kann als Auseinandersetzung mit der Situation des Menschen überhaupt gelesen
werden: als Darstellung seiner Fremdheit und Sprachlosigkeit in der Welt. Das Versagen
der Sprache – das zentrale Thema der literarischen Moderne seit 1900 – ist auch das
große Thema im Woyzeck.

Der Autor Georg Büchner

Eine Einführung in Büchners Biografie und die geschichtliche Situation gibt die Unterrichts-
einheit „Georg Büchner – Dichter und Revolutionär. Leben und Werk im sozialgeschichtli-
chen Kontext“ (RAAbits Deutsch/Literatur II/B5, Reihe 4, 57. EL, Februar 2007).
Zudem findet man Informationen über Büchners Biografie, auf die Bedürfnisse der Schule
zugeschnitten, auf der Seite des Georg-Büchner-Gymnasiums Winnenden:
http://www.gbg.wn.schule-bw.de/gb_pers.htm.
Es ist sinnvoll, am Beginn dieser Unterrichtseinheit die Zeit Büchners und sein soziales und
politisches Umfeld von 1830 bis 1837 historisch zu konkretisieren: Die Schülerinnen und
Schüler sollten die Zeit als Phase des geschichtlichen Umbruchs (Anlaufphase der industriel-
len Revolution), des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts (Eisenbahn, Kunstdünger) und
des ästhetischen Stillstands (Biedermeier, Vormärz) kennenlernen.

Didaktisch-methodische Überlegungen
Konzept der Reihe und Organisation des Leseprozesses

In dieser Unterrichtseinheit wird Büchners Dramenfragment Woyzeck nicht umfassend be-


handelt. Exemplarisch werden einzelne Textausschnitte präsentiert und im Hinblick auf
Aspekte und Bildfelder der literarischen Moderne analysiert. Die vorliegende Reihe kann

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daher als Ergänzung einer umfassenderen Sequenz fungieren, die entweder die literarische
Moderne als Epoche oder Büchners Woyzeck als Lektüre in den Vordergrund rückt. Den
Schülerinnen und Schülern sollte das gesamte Drama Woyzeck bekannt sein; Büchners
Text sollte vor Beginn der Reihe gelesen werden. Ergänzend empfiehlt es sich, Werner Her-
zogs Film Woyzeck (1978) im Unterricht zu zeigen (siehe M 3); die Verfilmung ist sehr
textnah und kann das Verständnis des literarischen Textes unterstützen.

Aufbau der Unterrichtsreihe

Zu Beginn der Reihe erarbeiten die Schülerinnen und Schüler die charakteristischen Merk-
male und Bildfelder der literarischen Moderne; sie werden in einem Cluster zusammenge-
fasst (Stunde 1). Dann werden exemplarische Textzeugnisse (Sekundärtexte) aus dem 20.
Jahrhundert untersucht und die verschiedenen Argumente für Büchners „Modernität“ zu-
sammengestellt (Stunden 2/3).
Um das Drama Woyzeck zunächst im Zusammenhang zu erfassen, wird die Verfilmung
von Werner Herzog (1978) untersucht und mit Büchners Text verglichen (Stunden 4/5).
Den Schwerpunkt der Unterrichtsreihe bildet dann die Untersuchung ausgewählter Szenen
des Woyzeck auf Aspekte und Bildfelder der Moderne (Stunden 6–9).

Die verwendete Textausgabe

Im Folgenden wird, sofern nicht anders angegeben, nach der Ausgabe von Henri Po-
schmann zitiert, die als Insel-Taschenbuch vorliegt:
Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von
Henri Poschmann. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag 1984 (= it 846).
Alternativ kann auch die Reclam-Ausgabe des Woyzeck im Unterricht verwendet werden.
Da die Reihenfolge der Szenen im Fragment Woyzeck umstritten ist, bietet diese Ausgabe
von Burghard Dedner allerdings eine abweichende Szenenfolge:
Georg Büchner: Woyzeck. Leonce und Lena. Hg. von Burghard Dedner. Stuttgart: Re-
clam Verlag 2005 (= RUB 18420).

Die Verfilmung von Werner Herzog (1978)

Der Regisseur Werner Herzog (geb. 1942) hat Büchners Woyzeck 1978 verfilmt. Die
Hauptrollen spielen Klaus Kinski (Woyzeck) und Eva Mattes (Marie). Herzog hält sich sehr
genau an Büchners Text. Bemerkenswert sind die langen Kameraeinstellungen und die be-
wegende Musik (Vivaldi, Benedetto Marcello). Der Film ist als DVD im Handel erhältlich:
Herzog, Werner: Woyzeck. Deutschland 1978. (Arthaus Film, 77 Minuten.)
Auch in einem anderen Film von Werner Herzog spielen Texte von Büchner eine wichtige
Rolle: Unter dem Titel „Jeder für sich und Gott gegen alle“ hat Herzog 1974 den Fall Kaspar
Hauser verfilmt. Er lässt seinen Film in einer bewegenden Szene mit einem leicht veränder-
ten Zitat aus Büchners Erzählung Lenz beginnen („Hören Sie denn nicht das entsetzliche
Schreien ringsum, das man gewöhnlich die Stille heißt?“) und mit der Szene 31 aus dem
Drama Woyzeck enden („Ein guter Mord, ein ächter Mord [...]“). Auch dieser Film von
Werner Herzog zeigt zentrale Aspekte der literarischen Moderne: Sprachkrise und Nicht-
verstehen, Groteske und Außenseitertum, Einsamkeit und Determination des Menschen. Er
kann daher in einem Exkurs ergänzend im Unterricht eingesetzt werden.

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Voraussetzungen in der Lerngruppe

Ideale Voraussetzung für die Unterrichtsreihe ist die Kenntnis von Grundstrukturen der lite-
rarischen Moderne, vor allem der Epoche des Expressionismus (1910–1925). In dieser
Zeit bündeln sich Problemzusammenhänge und Bildfelder der literarischen Moderne. Die
Lerngruppe sollte zudem Interesse an (literatur)theoretischen Fragestellungen haben.

Ziele der Reihe


Die Schülerinnen und Schüler
– kennen Problemzusammenhänge und Bildfelder der literarischen Moderne;
– analysieren Zeugnisse der Büchner-Rezeption im 20. Jahrhundert;
– vergleichen Herzogs Verfilmung des Woyzeck (1978) mit der literarischen Vorlage;
– untersuchen zentrale Textstellen des Woyzeck auf Bildfelder der literarischen Moderne;
– erkennen die Sprachkrise als zentrale Gemeinsamkeit von Büchners Woyzeck und der
Literatur der Moderne;
– reflektieren die Problematik der Abgrenzung literarischer Epochen.

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Schematische Verlaufsübersicht

Georg Büchner und die literarische Moderne


Untersuchung des Dramenfragments Woyzeck auf
Bildfelder der Moderne

Stunde 1
Die literarische Moderne – ein Überblick M 1, M 2

Stunden 2/3
Büchner-Rezeption 1909–1963 – Rezensionen und Essays M3

Stunden 4/5
Film und Drama im Vergleich – Werner Herzogs Verfilmung Woyzeck M 4

Stunde 6
Abgrund, Absturz, Apokalypse – Woyzeck, Szenen 1, 4, 13, 28 M5

Stunde 7
Determination und Verlust der Freiheit – Woyzeck, Szenen 15, 16 M6

Stunde 8
Transzendenzverlust – Woyzeck, Szene 23 M7

Stunde 9
Sprachkrise, Einsamkeit, Ich-Verlust – Woyzeck, Szene 30 M 8, M 9

Minimalplan

Die Untersuchung von Herzogs Verfilmung des Woyzeck (Stunden 4/5) kann entfal-
len, wenn Büchners Woyzeck ausführlicher als Lektüre im Unterricht behandelt wird.
Je nach Bedarf können die Materialien M 5–M 8 aus dieser Unterrichtsreihe einzeln
eingesetzt werden, um bestimmte Aspekte der literarischen Moderne zu beleuchten.

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Stunde 1 Die literarische Moderne – ein Überblick

Material Verlauf

M1 Themen und Bilder der literarischen Moderne / Lektüre des einführenden


Textes in Einzelarbeit (EA); Klärung von Verständnisfragen und Begriffen im
Unterrichtsgespräch (UG)

M2 Die literarische Moderne im Überblick / Zusammenfassung des Textes in


Form eines Clusters in Partnerarbeit (PA); Vorstellung der Ergebnisse im Ple-
num (UG)

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler kennen Themen und Problemzusammenhänge der
literarischen Moderne.

Stunden 2/3 Büchner-Rezeption 1909–1963 – Rezensionen und Essays

Material Verlauf

M3 Büchners Modernität / Überblick über die Büchner-Rezeption im Lehrervortrag


(LV); siehe dazu: Hinweise in den Erläuterungen

Rezensionen und Essays / Bearbeitung und Erläuterung der Textauszüge in


arbeitsteiliger Gruppenarbeit (GA)

Präsentation / Vorstellung der Ergebnisse und Zusammenfassung im Plenum


(UG); Sicherung der Ergebnisse an der Tafel

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler stellen Argumente für Büchners Modernität zusam-
men.

Stunden 4/5 Film und Drama im Vergleich – Werner Herzogs Verfilmung Woyzeck

Material Verlauf

M 4, Film Woyzeck im Film / Vorführung der Verfilmung von Werner Herzog;


auf DVD Anfertigung eines Szenenprotokolls (Schauplatz, Personen)

Film und Vorlage im Vergleich / Sammlung von Beobachtungen zur Reihen-


folge der Szenen, zur Kameraeinstellung, zur Gestaltung der Mordszene;
Ausfüllen der Tabelle (GA)

M2 Aspekte der Moderne im Film / Austausch der Ergebnisse im Plenum; Samm-


lung der Aspekte der Moderne, die in der filmischen Inszenierung deutlich
werden (UG)

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler vergleichen den Dramentext mit der Verfilmung und
kennen Merkmale der offenen Form des Dramas.

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Stunde 6 Abgrund, Absturz, Apokalypse – Woyzeck, Szenen 1, 4, 13, 28

Material Verlauf

M2 Die Funktion sprachlicher Bildfelder und Motive / Impuls: Wodurch wird die
Einheit des Dramas gesichert, wenn doch die Szenen autonom und unzusam-
menhängend sind? (UG)

M5 Bildfeld „Abgrund, Absturz, Apokalypse“ / Untersuchung der Textauszüge


auf Bilder von Abgrund und Absturz (PA); Bestimmung ihrer Funktion für die
Einheit des Dramas (UG)

Präsentation der Ergebnisse / Austausch der Beobachtungen am Text, Siche-


rung der Ergebnisse an der Tafel (UG)

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler deuten das Bildfeld des Abgrundes als ein zentrales
Motiv des Dramas, das für einen Zusammenhalt der Szenen sorgt.

Stunde 7 Determination und Verlust der Freiheit – Woyzeck, Szenen 15, 16

Material Verlauf

M6 „Wirtshaus“ und „Freies Feld“ / Gemeinsame Lektüre der Szenen 15 und 16


(UG)

Sprachanalyse / Arbeitsteilige Bearbeitung der Aufgaben zur Interpretation


(GA); Vorstellung der Ergebnisse und Zusammenfassung im Plenum (UG)

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler erschließen über eine Sprachanalyse das Menschen-
bild im Woyzeck.

Stunde 8 Transzendenzverlust – Woyzeck, Szene 23

Material Verlauf

M7 Sterntaler / Information zur Märchensammlung der Brüder Grimm von 1812;


Entstehung des Titels „Sterntaler“ (LV)

Textvergleich / Interpretation des Märchens der Großmutter (Woyzeck, Szene


23) im Vergleich mit dem grimmschen Märchen Sterntaler (PA)

Präsentation / Vorstellung und Zusammenfassung der Ergebnisse im Plenum


(UG); Sicherung der Ergebnisse an der Tafel

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler analysieren das Märchen der Großmutter als mo-
derne, desillusionierte Variation der grimmschen Vorlage.

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Stunde 9 Sprachkrise, Einsamkeit, Ich-Verlust – Woyzeck, Szene 30

Material Verlauf

M8 Analyse der Kommunikation / Gemeinsame Lektüre der Szene (UG); Unter-


suchung und Deutung der Sprache und Kommunikation (PA); Zusammentragen
der Ergebnisse (UG)

Der Idiot Karl – Deutungshypothesen / Sammlung von Hypothesen zum Ver-


ständnis der Szene an der Tafel; Versuch der Gewichtung (UG)

M9 Das Menschenbild im Woyzeck / Interpretation der Fotocollage; Abschluss-


diskussion über die Figurenpsychologie in Büchners Drama (UG)

Stundenziel: Die Schülerinnen und Schüler analysieren Büchners Darstellung der Sprachkrise
und entwickeln Hypothesen zur Deutung der Figur des Idioten Karl.

Materialübersicht

M 1 (Tx) Die literarische Moderne – Themen und Bildfelder

M 2 (Tb) Die literarische Moderne im Überblick

M 3 (Tx) Was ist „modern“ an Georg Büchner? – Rezensionen und Essays

M 4 (Ab) Film und Drama im Vergleich – Werner Herzog: Woyzeck (1978)

M 5 (Tx) Abgrund, Absturz, Apokalypse im Woyzeck

M 6 (Tx) Determination und Verlust der Freiheit im Woyzeck

M 7 (Tx) Transzendenzverlust – das Märchen der Großmutter und Sterntaler


im Vergleich

M 8 (Tx) Sprachkrise und Einsamkeit im Woyzeck

M 9 (Fo) Woyzeck – eine Fotomontage

Lernerfolgskontrolle

LEK (Ab) Georg Kaiser: Von morgens bis mitternachts (1917)

Abkürzungen: Ab = Arbeitsblatt; Fo = Folie; Tb = Tafelbild; Tx = Text

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M1
Die literarische Moderne – Themen und Bildfelder
Um 1900 verändert sich die deutsche Literatur und Kunst grundlegend
und schnell. Man bezeichnet die Zeit von 1880 bis 1930 als Epochenum-
bruch. Diese Zeit der sogenannten „klassischen Moderne“ ist reich an
Experimenten, an ästhetischer Reflexion und Innovation – in Literatur,
5 Kunst und Musik. Keine andere literarische Epoche hat in Deutschland
eine solche Vielfalt an Themen, Texten, Theorien und Kontroversen her-
vorgebracht.
Die Autoren des Naturalismus (ab 1885) wollen die gesellschaftliche
Wirklichkeit direkt und ohne Illusion wiedergeben. „Die Kunst hat die
10 Tendenz, wieder die Natur zu sein“ ist ihre Maxime. Sie kritisieren in
ihrer Literatur die politischen Zustände und die herrschende Klasse im
Kaiserreich. Die verspätete Industrialisierung in Deutschland ließ seit
1870 die Städte schnell wachsen. Massenarbeitslosigkeit, Wohnungsnot,
fehlende soziale Absicherung und Kinderarmut bestimmten vielerorts das
15 Leben. Eine neue Klasse entstand – die Klasse der Arbeiter, die auch po-
litisch ausgegrenzt wurde. Die Dichter des Naturalismus betonen, dass
das Milieu – die soziale Umwelt – den Menschen bestimmt, sie sprechen
von der sozialen Determination. In ihren Dichtungen verwenden sie häu-
fig Dialekt und schaffen so Authentizität. Der naturalistische Dichter
20 Gerhart Hauptmann stellt in seinen Dramen ab 1889 das Elend (Die
Weber), den Alkoholismus (Hanneles Himmelfahrt) und auch die sexuelle
Abhängigkeit (Fuhrmann Henschel) schonungslos offen dar. Kaiser Wil-
helm II. bezeichnet die Kunst des Naturalismus polemisch als „Rinnstein-
kunst“.
25 Alle ab 1900 folgenden Epochen richten sich gegen den Naturalismus.
Der vielleicht folgenreichste Gedanke stammt von Hugo von Hofmanns-
thal. In seinem Essay „Ein Brief“ (dem sog. „Chandos-Brief“) formuliert
er fundamentale Zweifel an der Sprache und ihrer Fähigkeit, das Innere
des Menschen auszudrücken (1902). Auf der Suche nach einer neuen Poe-
30 tik radikalisiert Hofmannsthal ältere Auffassungen, z. B. die des Dich-
ters Heinrich von Kleist, der während der sogenannten „Kantkrise“ 1801
meinte, die Sprache könne „die Seele nicht malen“. Sprachkrise und
Sprachskepsis sind die grundlegenden Kennzeichen der klassischen Mo-
derne. Vor allem in der modernen Lyrik ab 1900 – beispielhaft das Werk
35 von Georg Trakl – tendiert die Bildlichkeit zur Chiffre, die eine eindeutige
Auslegung unmöglich macht. Im Futurismus (Filippo Tommaso Marinetti,
1912) und im Dadaismus (Kurt Schwitters, 1920–1925) konkretisiert sich
die Suche nach einer neuen Sprache und nach der Erweiterung der dich-
terischen Ausdrucksmöglichkeiten. In experimentellen Texten des Da-
40 daismus ist die Sprache nicht mehr Mittel, um eine äußere Wirklichkeit
auszudrücken, sondern die Sprache wird selbst zum Objekt, zum Gegen-
stand der Reflexion. Sie erhält neben ihrer traditionellen Funktion eine
neue, materielle Dimension und wird zum Gegenstand der Auseinander-
setzung.
45 Der Zweifel an der Sprache, das Erlebnis des Versagens der Sprache führt
zu einer Entfremdung von Ich und Welt. Die Ich-Dissoziation, der Verlust
der Identität, wird zur zentralen Erfahrung. Die Lyrik des Expressionis-
mus (1910–1925) zeigt die Fremdheit und Einsamkeit des Menschen in
der Welt der Großstadt. Die Groteske in den Gedichten von Jakob van
50 Hoddis (1909–1912) verweist auf die fremde und widersprüchliche Welt.
Außenseiter und Degradierte wie Prostituierte, Bettler, Versehrte und Al-

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koholiker erscheinen in den Gedichten; das Hässliche wird zum Thema


(Gottfried Benn). Anonyme Mächte (Technik, Krieg) bedrohen den Men-
schen, rauben ihm seine Individualität und degradieren ihn zum ohn-
55 mächtigen Objekt (Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge,
1910). Apokalyptische Visionen gestalten das ersehnte Ende der bürger-
lichen Welt (Georg Heym, Ludwig Meidner, Apokalyptische Landschaf-
ten).
Sigmund Freud begründet die Psychoanalyse als Wissenschaft und ver-
60 öffentlicht 1900 seine Abhandlung Die Traumdeutung. Freud eröffnet
neue Wege zur Analyse des Unbewussten und der Sexualität. Das Ver-
hältnis von Fantasie und Wirklichkeit wird neu bestimmt. Es sind die be-
stimmenden Themen im Werk von Arthur Schnitzler (Der Reigen,
Traumnovelle, 1926). Innerer Monolog und Bewusstseinsstrom erscheinen
65 als neue Techniken der Erzählkunst in den Werken von James Joyce
(Ulysses, 1922) und Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz, 1929). Texte
verschiedener Sprachschichten werden montiert (Reklame, Nachrichten-
texte, Wetterbericht, Jargon der Unterwelt, Bibelzitate).
Der Transzendenzverlust beginnt in der deutschen Literatur bereits mit
70 der Religionskritik der Aufklärung. Friedrich Nietzsche (1844–1900)
radikalisiert diese Religionskritik und analysiert den Umbruch der Zeit.
Er entwickelt Ideen, die erst nach seinem Tod bestimmend werden. In sei-
nem Text Der tolle Mensch (1882) zeigt er den Verlust der christlichen
Religion („Gott ist tot“). Das Licht als Symbol der Wahrheit (Jesus Chris-
75 tus: „Ich bin das Licht der Welt“) erlischt. In diesem Text finden sich zen-
trale Bildfelder des Expressionismus und der literarischen Moderne:
Kälte, Verlöschen des Lichts bzw. Dunkelheit, bodenloser Absturz, Ver-
wesung und Wahnsinn. Bezeichnend für das Spiel mit dem Licht ist der
Titel der bekanntesten Sammlung expressionistischer Lyrik: „Mensch-
80 heitsdämmerung“ (1920). Die Bildfelder sind Ausdruck eines Zustandes
„transzendentaler Obdachlosigkeit“ (Georg Lukács, Die Theorie des Ro-
mans, 1915).
Krankheit und Wahnsinn sind weitere wichtige Bildfelder der literari-
schen Moderne (Hölderlin, Nietzsche, Expressionismus, Heym, Thomas
85 Bernhard). Krankheits- und Wahnbedrohungen werden aus einer mitfüh-
lenden Haltung dargestellt. Die literarische Moderne steht nicht mehr auf
der Seite des vorgeblich „Gesunden“.
Der Beginn der literarischen Moderne ist umstritten. Eine Mehrheit der
Literaturwissenschaftler setzt ihn auf die Jahrhundertwende um 1900
90 fest. Eine Minderheit der Forscher, vor allem Silvio Vietta, glaubt, dass
schon um 1800 – in der Literaturtheorie der Frühromantik – zentrale Ge-
danken der Moderne entwickelt wurden. Vietta zählt Autoren wie Höl-
derlin und Büchner dementsprechend zur „Frühmoderne“.

Aufgaben

1. Strukturieren Sie den Text, indem Sie den Abschnitten Überschriften


geben und weitere zentrale Begriffe am Rand notieren.
2. Fassen Sie die Merkmale, Problemzusammenhänge und Bildfelder
der literarischen Moderne in einem Cluster strukturiert zusammen.

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Die literarische Moderne im Überblick


M2

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Erläuterung (M 1, M 2)

Stundenverlauf – Die literarische Moderne: ein Überblick

Zum Einstieg in die Unterrichtsreihe erarbeiten sich die Schülerinnen und Schüler anhand
eines Überblickstextes (M 1) zentrale Themen und Bildfelder der literarischen Moderne.
Auf diese Weise begegnen sie einer Reihe abstrakter Begriffe und zum Teil vermutlich un-
bekannter Aspekte und Namen. Rückfragen zu einzelnen Merkmalen und Autoren sollten
direkt von der Lehrkraft beantwortet werden; viele zunächst etwas vage Begriffe konkreti-
sieren sich im weiteren Verlauf der Reihe, wenn direkt am literarischen Text gearbeitet wird.
Nachdem die Schülerinnen und Schüler den Text in Einzelarbeit gelesen, den Abschnitten
Überschriften gegeben und sich zentrale Begriffe am Rand notiert haben, fassen sie in Part-
nerarbeit die Themen und Bildfelder der Moderne, die im Text genannt werden, in einem
Cluster strukturiert zusammen. Die Ergebnisse werden im Plenum vorgestellt. An der Tafel
kann eine gemeinsame Version erstellt werden (M 2). Das Cluster sollte am Ende in einer
verbindlichen Form für alle Schülerinnen und Schüler vorliegen, da es zur Orientierung und
zum Nachschlagen während der weiteren Unterrichtsreihe eine wichtige Rolle spielt. Die
Schülerinnen und Schüler sollten die Übersicht in den folgenden Stunden stets zur Hand
haben und verwenden.

Hintergrundinformationen – die literarische Moderne


Der Text M 1 liefert für die Unterrichtsreihe wichtige Basiskenntnisse zur literarischen Mo-
derne. Der Text referiert dabei die gängige Epocheneinteilung der Literaturgeschichtsschrei-
bung, die den Beginn der literarischen Moderne um 1900 datiert. Erst der letzte Absatz
des Textes nimmt auf das zentrale Problem dieser Unterrichtseinheit Bezug: die Frage, ob
die Moderne nicht schon 100 Jahre zuvor, bei Autoren der Frühromantik beginnt. Lassen
sich charakteristische Merkmale der Literatur der Moderne nicht schon bei Büchner ausma-
chen? Diese Leitfrage wird in den folgenden Stunden im Mittelpunkt stehen.
In besonderer Vielfalt und Dichte finden sich die im Text genannten Aspekte der Moderne
in der Literatur des Expressionismus (1910–1925). Weitere Hinweise zu einzelnen Pro-
blemzusammenhängen der literarischen Moderne sind der Untersuchung von Silvio Vietta
zu entnehmen: Lyrik des Expressionismus. Hg. von Silvio Vietta. 4. Auflage. Tübingen: Nie-
meyer Verlag 1999.

Erwartungshorizont (M 1)
Zu 1.: Die Aufgabe hat im Wesentlichen die Funktion, die Erstellung des Clusters (M 2) vor-
zubereiten. Folgende Lösung ist denkbar:
(1) Kennzeichen der Epoche – Experimente und Innovationen
(2) Der Naturalismus – Kunst und Literatur als Nachbildung sozialer Realität
(3) Ursprung der Moderne – Sprachskepsis und Sprachkrise
(4) Merkmale der Moderne I – Entfremdung und Ich-Dissoziation
(5) Merkmale der Moderne II – Montagetechnik, innerer Monolog, Bewusstseinsstrom
(6) Merkmale der Moderne III – Transzendenzverlust
(7) Merkmale der Moderne IV – Krankheit und Wahnsinn
Zu 2.: Siehe Tafelbild M 2.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 15 von 38

M3
Was ist „modern“ an Georg Büchner? –
Rezensionen und Essays

Text 1 – Georg Heym: Tagebuch (1909)


Der expressionistische Dichter Georg Heym (1887–1912) hatte eine starke Affinität zu
Büchner, über dessen Werk er auch literarische Texte schrieb. In seinem Tagebuch notierte
er am 20. Juli 1909:
„Ich liebe alle, die in sich ein zerrissenes Herz haben, ich liebe Kleist, Grabbe, Hölderlin, Büchner,
ich liebe Rimbaud und Marlowe. Ich liebe alle, die nicht von der großen Menge angebetet werden.
Ich liebe alle, die oft so an sich verzweifeln, wie ich fast täglich an mir verzweifle. […]“
In: Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar. Bd. 1: 1875–1945. Berlin:
Erich Schmidt Verlag 2001. S. 172.

Text 2 – Paul Landau: Georg Büchner und die Gegenwart (1913)


Paul Landau (1880–1951) war Theater- und Kunstkritiker, Herausgeber und Literarhistori-
ker. Im Berliner Börsen-Courier erschien von ihm am 17. Oktober 1913 ein Artikel mit der
Überschrift „Georg Büchner und die Gegenwart. Zum 100. Geburtstag des Dichters“.
„ [...] So hat es denn auch seine tiefere Bedeutung, daß gerade heute, 100 Jahre nach seiner Geburt,
fast 77 nach seinem Tode, der Dichter Georg Büchner modern ist. Was zieht die Gegenwart zu diesem
jungen Manne […]? Wohl mag dabei die Aufmerksamkeit mitsprechen, die wir so gern dem Un-
vollendeten, Fragmentarischen einer Existenz zuwenden […]. Auch das dramatisch erregende Schick-
5 sal dieses Jünglings erweckt Anteil: wir feiern den Revolutionär, der […] als ein Kämpfer fällt für
ein Ideal der Zukunft, die Stirn verklärt von dem Morgenrot einer besseren Zeit. […]
„Dantons Tod“: Dies Drama wächst aus dem Stil des Goetheschen Jugenddramas, des „Götz“ und
„Egmont“ heraus; es hat von Grabbes geschichtlichem Realismus, von einer sprunghaften, pointier-
ten Technik gelernt; aber es macht zum ersten Male Ernst mit der dramatischen Gestaltung des Mi-
10 lieus, mit der lebendigen, psychologischen Behandlung der Massen, mit der Ausschaltung des
tragischen Helden und führt in gerader Linie hin zu der naturalistischen Tragödie, die in Gerhart
Hauptmanns „Webern“ und „Florian Geyer“ ihren Ausdruck gefunden. […]
Wer den „Wozzeck“ liest, muß an Wedekind denken, an den Wedekind von „Frühlings Erwachen“
und von „Musik“ […]. Die hohnvoll wüste, in einem schmerzvollen Gelächter aufschreiende Welt-
15 verachtung, die starre Gegenüberstellung tragischer Größe und burlesker Karikaturistik, die unser
modernster Dramatiker hat, ist im „Wozzeck“ mit einer fabelhaften Sicherheit ausgebildet. […]“
In: Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar. Bd. 1: 1875–1945. Berlin:
Erich Schmidt Verlag 2001. S. 193–194.

Text 3 – Walter Höllerer: Georg Büchner in seinem Woyzeck. Dif-


forme Schönheit und fragmentarische Vollendung (1954)
Walter Höllerer (1922–2003) war Literaturwissenschaftler, Mitherausgeber von Literatur-
zeitschriften sowie Mitglied der Gruppe 47, der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung und der Akademie der Künste.
„Georg Büchners Werke sind erstaunliche erratische Blöcke in der deutschen Literaturgeschichte.
Nicht von ungefähr wurden sie erst siebzig Jahre nach ihrer Entstehung, um 1910, zur Zeit der ex-
pressiven Dichter, für ein breiteres Publikum entdeckt. Werke eines Unzeitgemäßen, der seiner Epo-
che ein Jahrhundert voraus war: im Bühnenstil, im Sprachstil, in der dichterischen Konzeption. Was
5 dieser Zeitgenosse von Eichendorff, Heine, Mörike, Stifter schrieb, knüpfte noch an romantische
Form an und lehnte sich zugleich dagegen auf. In dieser Auflehnung bewährten sich die Mittel der

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16 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Desillusion, und eine radikal realistische, ja naturalistische Nähe zu den Dingen verwahrte sich gegen
Poetisierung. Aber Büchner war mehr als ein Stratege des Realismus. Er durchbrach die poetische
Abschilderung einer für selbstverständlich angenommenen Wirklichkeit. In seinen Werken finden
10 sich Stellen, die nur mit einer viel späteren Dichtung zu vergleichen sind: im supranaturalen Auf-
sprengen und Verfremden dieser Wirklichkeit. […]“
In: Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar. Bd. 2: 1945–1980. Berlin:
Erich Schmidt Verlag 2002. S. 249 f.

Text 4 – Walter Jens: Poesie und Medizin (1963)


Walter Jens (geb. 1923) war Professor für allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen
und Mitglied der Gruppe 47. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und
Dichtung, Erzähler, Essayist und Literaturkritiker. Am 6. Oktober 1963 hielt er auf einer
Matinee des Wiener Burgtheaters einen Vortrag über Georg Büchner.
„Meine Damen und Herren, der Mann, dessen 150. Geburtstag wir feiern: der Schriftsteller, Natur-
wissenschaftler und Politiker Büchner ist uns so nah, daß der feierliche Epitaph sich unversehens in
die laudatio eines Zeitgenossen, das Preislied auf einen jüngst Verstorbenen verwandelt. Als Poet ein
Ahnherr Wedekinds und Brechts; als Mediziner, in Diktion und Optik, Gottfried Benn verwandt; […]
5 als Szenenpraktiker ein Meister der gestischen Demonstration: so scheint dieser Unzeitgemäße – in
gleicher Weise wie sein Wahlbruder Lenz – eher in die Sturm- und Drangzeit unseres Jahrhunderts,
in den frühen Expressionismus, als in die ausklingende Goethe-Ära zu passen [...].
Wie weit war dieser Vierundzwanzigjährige der Zeit voraus; wer dächte, analysiert er die Bilder
Büchners, nicht an die Lyrik von 1910: „Das Nichts hat sich ermordet, die Schöpfung ist seine
10 Wunde, wir sind seine Blutstropfen, die Welt ist das Grab, worin es fault“ – könnte das nicht eine
Zeile aus der „Menschheitsdämmerung“ sein? […]
Und wem fielen bei der Lektüre der Dialoge Büchners, jener verkürzten und zarten, von Untiefen
und Löchern erfüllten Gespräche, in denen Frage und Antwort, Satz und Gegensatz nicht im Sinne
der Logik verknüpft sind (man spricht ja aneinander vorbei, zu einem dritten oder zu sich selbst)
15 … wem fielen da nicht Schnitzlersche oder Wedekindsche Gesprächsfetzen ein? Wer schließlich
dächte – dem Gestisch-Demonstrativen bei Büchner nachsinnend – nicht zu guter Letzt an Brecht?
Die Bilderfolge und die epische Sequenz; die Verfremdung von Szene zu Szene; Simultaneität und
Shakespearisieren, Dialekt-Spiel und Imitation: ist der predigende Handwerksbursch im „Woyzeck“
nicht wahrhaftig das Urbild eines Brechtschen Kopisten, ein Vorläufer des Feldpredigers oder des
20 Mönchs? Wie weit, nochmals, war dieser vierundzwanzigjährige Poet, Soziologe und Anatom der
Zeit voraus! Seiner Zeit? Oder unserer Zeit? Ist es möglich, daß künftige Epochen, neue Praktiken
entwickelnd, auch diese schon bei Büchner vorgeformt finden? Es könnte wohl sein.
„Ich sitze am Tage mit dem Skalpell und die Nacht mit den Büchern“: als Büchner diese Zeilen nie-
derschrieb, vier Monate vor seinem Tod, im November 1836, begann, wir wissen es heute, eine neue
25 Epoche.“
In: Dietmar Goltschnigg (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kommentar. Bd. 2: 1945–1980. Berlin:
Erich Schmidt Verlag 2002. S. 333, 342–343.

Erläuterungen:

Z. 2: Epitaph = Grabrede
Z. 3: laudatio = die Lobrede
Z. 11: „Menschheitsdämmerung“ = Sammlung expressionistischer Lyrik von 1920; das Zitat stammt aus Büchners
Dantons Tod III,7.
Z. 23: Zitat aus Brief an Wilhelm Büchner aus Zürich, Ende 1836

Aufgabe

Erarbeiten Sie aus den Texten 1 bis 4, wie die Modernität Büchners je-
weils begründet wird.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 17 von 38

Erläuterung (M 3)

Stundenverlauf – Büchner-Rezeption 1909–1963: Rezensionen und Essays


Zu Beginn kann die Lehrkraft die Büchner-Rezeption seit 1875 kurz skizzieren. Die Schüle-
rinnen und Schüler bearbeiten die Texte (M 3) dann in zwei Gruppen (Gruppe 1: Texte 1, 2
und Gruppe 2: Texte 3, 4). Anschließend werden die Argumente der Autoren für Büchners
Modernität in einem Unterrichtsgespräch zusammengefasst und in Stichworten an der Tafel
fixiert.

Hintergrundinformationen – Büchner-Rezeption ab 1875


Büchner arbeitet am Woyzeck in den Jahren 1836/37; nach seinem frühen Tod 1837 bleibt
der Text als Fragment zurück. Erst im Jahr 1875 wird er erstmals veröffentlicht. Der Heraus-
geber Karl Emil Franzos verhindert so das vollständige Vergessen des Textes und macht die
Debatte über Büchner überhaupt erst möglich. Büchner wird dann vom Naturalismus (Gerhart
Hauptmann), besonders aber vom Expressionismus (Georg Heym) entdeckt. Heyms dichteri-
sches Werk zeigt die Beziehungen zwischen dem Expressionismus und Büchner so deutlich
wie kaum ein anderes (Groteske, Vorliebe für das Revolutionäre, Ablehnung der eigenen
Zeit, Hinwendung zu den Außenseitern, Verzweiflung, frühreife Genialität, Ästhetik des Häss-
lichen). Am 8. November 1913 wird Woyzeck im Residenztheater München uraufgeführt.
Nach 1945 wird Büchners Werk in beiden deutschen Staaten unterschiedlich rezipiert. In
der Bundesrepublik Deutschland bis Ende der 50er-Jahre eher übergangen, erlebt Büchner
seit 1968 eine ungebrochene Renaissance. In der DDR ist die Sensibilität für die Problem-
zusammenhänge der literarischen Moderne gering – zu groß ist der Abstand zur Ästhetik
des „sozialistischen Realismus“.
Die drei Bände von Goltschnigg, aus denen die Texte (M 3) entnommen sind, haben die
Büchner-Rezeption auf eine neue und solide Grundlage gestellt. Die hier ausgewählten
Texte ließen sich beliebig vermehren. Wiederkehrende Urteile über Büchners Werk sind
bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts: „Genie“, „Sensibilität“, „Romantik“, „Realis-
mus“, „Materialismus“, „Widersprüchlichkeit“, „Offenheit“, „expressive Sprache“, „sach-
liches Pathos“, „poetischer Nihilismus“. Diese Stichworte spiegeln die Vielfalt von Büchners
Werk, aber auch die Ratlosigkeit vieler Rezensenten und Literaturwissenschaftler gegenüber
Büchner. Der vierte hier dargebotene Text, Walter Jens’ Rede Poesie und Medizin zu Büch-
ners 150. Geburtstag (1963), ist eine präzise Analyse der Ästhetik Büchners (Sprache,
Rhetorik, Menschenbild, Bildlichkeit, gestisches Sprechen, Dialog).

Erwartungshorizont (M 3)
Text 1: Seine Zerrissenheit und Verzweiflung lassen Büchner auf den expressionistischen
Dichter Georg Heym gewissermaßen wie einen Zeit- und Leidensgenossen wirken.
Text 2: Paul Landau nennt folgende Aspekte von Büchners Modernität: das Fragmentari-
sche; Büchner als Revolutionär; Bezug zum Sturm und Drang; „Gestaltung des Milieus“;
Darstellung der Masse; Ausschaltung der Tragik.
Text 3: Höllerer sieht Büchner als seiner Zeit um ein Jahrhundert voraus; weitere Stich-
worte: „Desillusion“; „Ablehnung der Poetisierung“; „Verfremden [der] Wirklichkeit“.
Text 4: Walter Jens sieht Büchner als „Ahnherr Wedekinds und Brechts“. Seine „eigentliche
Epoche“ sei der Expressionismus, verstanden als „Sturm und Drang unseres Jahrhunderts“;
Büchners Bilder entsprächen der Lyrik von 1910; Büchners Dialoge erinnerten an Schnitzler
und Wedekind, die Predigt des Handwerksburschen in Woyzeck lasse an die Rede des
Feldpredigers in Brechts Mutter Courage und ihre Kinder denken. Kurzum: Büchners Lite-
ratur um 1836 markiere den Beginn einer „neuen Epoche“.

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18 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

M4
Film und Drama im Vergleich –
Werner Herzog: Woyzeck (1978)
Aufgaben

1. Sehen Sie sich Herzogs Verfilmung des Woyzeck an und machen Sie sich
eine Notiz zu jeder Szene: Wo spielt die Szene? Welche Personen treten auf?
2. Notieren Sie Stichpunkte zu den folgenden Aspekten:

Reihenfolge der
Szenen

Dramatische
Form und Nähe
zum Text

Kamera-
einstellung

Filmische
Gestaltung
der Mordszene

3. Zeigen Sie, welche Themen und Problemzusammenhänge der literarischen Moderne


Herzogs Verfilmung des Woyzeck widerspiegelt.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 19 von 38

Erläuterung (M 4)

Stundenverlauf – Film und Drama im Vergleich: Werner Herzogs Verfilmung


Woyzeck
Die Schülerinnen und Schüler sollten Büchners Text vor der Vorführung des Films zu Hause
lesen. Der Film kann dann helfen, Verständnisschwierigkeiten bei der Lektüre zu überwin-
den. Während der Filmvorführung erstellen die Schülerinnen und Schüler ein kurzes Sze-
nenprotokoll (Schauplatz, Personen). Dies hilft ihnen, im Anschluss den Film mit der
literarischen Vorlage zu vergleichen. Nach der Vorführung des Films erhalten die Schüle-
rinnen und Schüler Gelegenheit, Einzelheiten im Text nachzulesen. In Gruppenarbeit tragen
sie Beobachtungen zum Film zusammen und machen sich in der Tabelle Notizen (M 4).
Die Ergebnisse werden im Unterrichtsgespräch ausgetauscht und diskutiert.
Zum Abschluss wird die Aufmerksamkeit bereits auf Aspekte und Bildfelder der Mo-
derne in Büchners Werk gelenkt. Mithilfe der Übersicht über zentrale Problemzusammen-
hänge (Cluster M 2) tragen die Schülerinnen und Schüler zusammen, wo sie ähnliche
Motive in der Verfilmung von Herzog erkennen.

Erwartungshorizont (M 4)
Zu 2.:

Reihenfolge der – Herzog stellt die Szenen um


Szenen – Reihenfolge nach der Zählung bei Dedner (Reclam-Ausgabe): Szene 5, 1, 2, 8, 3, 6, 10, 4, 9,
7, 11, 12, 13, 15, 14, 17, 16, 18, 19, 20, 22, 24, 25, 23, 26
– Reihenfolge nach der Zählung bei Poschmann (Insel-Ausgabe): Szene 9, 1, 2, 11, 3, 4, 10, 7,
8, 12, 13, 14, 15, 16, 19, 17, 21, 20, 22, 23, 24, 26, 27, 28, 29, 31
Dramatische Form – Offene Form des Dramas: Selbstständigkeit der verschiebbaren Szenen
und Nähe zum Text (abrupter Szenenwechsel)
– Sehr textnahe Verfilmung, kaum Kürzungen, einige Ergänzungen
– Theaterhafte Inszenierung, strikte Werktreue; Nebenfiguren sind zum Teil gestrichen
(z. B. der Narr)
– Veränderungen: Im Film erzählt z. B. Marie das Märchen, eigentlich: die Großmutter;
Text zum Schluss eingeblendet, nicht gesprochen („Ein guter Mord […]“)
Kameraeinstellung – Sehr lange Kameraeinstellungen aus der Totale, sehr wenige Schnitte
– Konzentration des Zuschauers auf den Dialog und die nonverbale Kommunikation
Filmische Gestaltung – Wirkt surreal: extreme Zeitlupe, stilisiert ➝ Schmerz, Verzweiflung
der Mordszene – Unterlegung mit Musik (Vivaldi, Benedetto Marcello)

Zu 3.: Verschiedene Themen und Problemzusammenhänge der literarischen Moderne kön-


nen genannt und an einzelnen Filmszenen erläutert werden:
– Sprachkrise: Verschweigen (Marie), Verstummen (Andres), Nichtverstehen (Hauptmann
und Woyzeck);
– Entfremdung: Verlust der Identität (z. B. Woyzecks Abrichtung im Vorspann des Films);
– Gesellschaft: Woyzeck als Außenseiter, Antiheld;
– Transzendenzverlust, Hoffnungslosigkeit: das Märchen, das Marie den Kindern erzählt;
– Abgrund, Absturz: „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hin-
absieht“ (Woyzeck);
– Krankheit: Der Wahnsinn bedroht Woyzeck.

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20 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

M5
Abgrund, Absturz, Apokalypse im Woyzeck

Textauszug 1 – Büchner: Woyzeck, Szene 1: Freies Feld. Die Stadt in


der Ferne

Woyzeck und Andres verdienen sich Geld, indem sie für den Hauptmann Stöcke schnei-
den.

WOYZECK: Es pocht hinter mir, unter mir, (stampft auf den Boden) hohl, hörst
du? Alles hohl da unten. Die Freimaurer!
ANDRES: Ich fürcht mich.
WOYZECK: ’s ist so kurios still. Man möcht den Atem halten. Andres!
5 ANDRES: Was?
WOYZECK: Red was! Starrt in die Gegend. Andres! Wie hell! Ein Feuer fährt
um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen. [...]

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 11.

Erläuterungen:

Z. 2: Die Freimaurer: Geheimbund (Männer-Orden), Träger der Aufklärung im 18. Jahrhundert, mit philanthropischen und
kosmopolitischen Bestrebungen. In der Bevölkerung führten die Geheimhaltung der Aktivitäten und die Undurchschau-
barkeit des Ordens zu Unsicherheit und Ängsten.
Z. 6: „Ein Feuer fährt um den Himmel und ein Getös herunter wie Posaunen“: Bild des Weltuntergangs aus der Bibel:
Offenbarung des Johannes (Johannes 8,5 f.)

Textauszug 2 – Büchner: Woyzeck, Szene 4: Unteroffizier. Tambour-


major

Der Unteroffizier und der Tambourmajor sehen Marie.

UNTEROFFIZIER: Halt, jetzt. Siehst du sie! Was ein Weibsbild!


TAMBOURMAJOR: Teufel, zum Fortpflanz von Kürassierregimentern und zur
Zucht von Tambourmajors.
UNTEROFFIZIER: Wie sie den Kopf trägt, man meint, das schwarze Haar müßt
5 ihn abwärts ziehn, wie ei Gewicht, und Auge, schwarz …
TAMBOURMAJOR: Als ob man in ein Ziehbrunn oder zu ein Schornstei hinun-
teguckt. [...]

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 15.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 21 von 38

Textauszug 3 – Büchner: Woyzeck, Szene 13 (Teilentwurf 2)

Der folgende Textauszug stammt aus einem früheren Entwurf des Woyzeck. (Büchner hat
diese Szene später umgearbeitet zur Szene 13: Marie. Woyzeck. Marie heißt in dieser
Fassung Louisel.) Woyzeck hat Anzeichen dafür, dass sie ein Verhältnis mit dem Tambour-
major hat.

LOUISEL: Guten Tag Franz.


WOYZECK sie betrachtend: Ach bist du’s noch! Ey wahrhaftig! nein man sieht
nichts, man müßt’s doch sehen! Louisel du bist schön!
LOUISEL: Was siehst du so sonderbar Franz, ich fürcht mich.
[…]
WOYZECK: Weib! – Nein es müßte was an dir seyn! Jeder Mensch ist ein Ab-
grund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht. Es wär! Sie geht wie
die Unschuld.
[...]

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 80.

Textauszug 4 – Büchner: Woyzeck, Szene 28: Woyzeck an einem


Teich

Woyzeck hat Marie aus Eifersucht erstochen.

WOYZECK: So, da hinunter! Er wirft das Messer hinein. Es taucht in das dunkle
Wasser, wie Stein! Der Mond ist wie ein blutig Eisen! Will denn die ganze
Welt es ausplaudern? [...]

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 44.

Aufgabe

Erläutern Sie die Funktion, die die Bilder von Abgrund und Absturz in dem
Drama Woyzeck haben.

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22 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Erläuterung (M 5)
Stundenverlauf – Abgrund, Absturz, Apokalypse: Woyzeck, Szenen 1, 4, 13, 28
Beim Vergleich der Verfilmung Herzogs mit der literarischen Vorlage (Stunden 4/5) haben die
Schülerinnen und Schüler erkannt, dass die Szenen in Woyzeck autonom sind, das ganze
Drama bis heute in seiner Textstruktur unfest ist. Am Beginn der Stunde kann daher die Im-
pulsfrage stehen: Wenn die Szenen weitgehend voneinander unabhängig und unzusammen-
hängend sind – wodurch wird dann der Zusammenhang, die Konsistenz des Dramas gesichert?
Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit auf die Bildfelder gelenkt; eventuell kann eine Bild-
kette beispielhaft vorgegeben werden (z. B. Kälte).
In Partnerarbeit werden dann die Textauszüge (M 5) hinsichtlich des Bildfeldes „Abgrund, Ab-
sturz, Apokalypse“ untersucht. Die Schülerinnen und Schüler erläutern die Funktion, die die Bil-
der von Abgrund und Absturz in dem Drama Woyzeck haben. Die Ergebnisse werden in einem
Unterrichtsgespräch zusammengetragen und an der Tafel festgehalten.

Hintergrundinformation – Das Bildfeld „Abgrund, Absturz, Apokalypse“


Die „metaphorische Verklammerung“ (Klotz, S. 104–106) sichert den Strukturzusammenhang
des offenen Dramas. Zu dieser Verklammerung gehört das Bildfeld von Absturz und Abgrund;
es ist im Drama Woyzeck dominant und bezieht sich hier auf individuelle Menschen. (Im Ex-
pressionismus geht es dann eher um das Kollektivsubjekt Gesellschaft: um die Zerstörung und
das Ende der (bürgerlichen) Welt (Vietta 1992, S. 175).)
Klotz nennt als weitere verbindende Motive und „Bildketten“: „rot“, „stechen“, „Messer“, „Blut“,
„Mond“, „heiß und kalt“ und das rhythmische Motiv „stich tot“ und „immerzu“ (Klotz 1969, S.
105).

Erwartungshorizont (M 5)
Die Bilder des Abgrunds und des Absturzes durchziehen den gesamten Text und sorgen für
einen motivischen Zusammenhalt. Sie spiegeln existenzielle Bedrohung wider. Das Abgründige
meint in diesem Falle: Es gibt keinen Halt, kein menschliches Vertrauen mehr.
Textauszug 1 (Szene 1): Woyzecks Worte verweisen bereits zu Beginn auf den bevorstehen-
den Sturz ins Bodenlose. „Die Katastrophe [ist] bereits vor Beginn des Dramas da, das Ende ist
schon im Anfang anwesend.“ (Emrich 1968, S. 12.) Woyzeck hat halluzinatorische Erschei-
nungen („Ein Feuer fährt um den Himmel“); der Bezug zur Offenbarung des Johannes ist ange-
regt durch das Clarus-Gutachten (s. o. S. 4: Inhalt der Lektüre). Danach habe der historische
Woyzeck „drei feurige Gesichter am Himmel gesehen [...]. Er habe diese drei Gesichter auf
die Dreieinigkeit bezogen“ (Hans Mayer 1963, S. 98).
Textauszug 2 (Szene 4): Maries Körper hat für die Männer magische Anziehungskraft. Die
Bilder des Abgrunds (Ziehbrunnen, Schornstein) stehen hier möglicherweise für den Verlust des
Verstandes angesichts der sexuellen Ausstrahlung Maries.
Textauszug 3 (Szene 13): Der berühmte Satz „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt
einem, wenn man hinabsieht“ stand in den meisten Büchner-Ausgaben bis in die 60er-Jahre.
Dagegen übernimmt Poschmann den Satz aus dem Teilentwurf 2 (S. 80) nicht in seine „kombi-
nierte Werkfassung“, weil Büchner ihn bei der Umarbeitung der Szene bewusst gestrichen habe.
Es handele sich dabei „um eine konzeptionelle Zurücknahme dieser schwerwiegenden Aus-
sage“, so Poschmann.
Die zitierte Aussage Woyzecks kann auch auf ihn selbst bezogen werden. Herzog hat den be-
rühmten Satz wohl bewusst in seine Verfilmung übernommen.
Textauszug 4 (Szene 28): Konkret geht es um den Versuch, das Messer als Indiz zu beseiti-
gen. Übertragen lassen sich Abgrund und Absturz darauf beziehen, dass sich Woyzecks Ängste
und Ahnungen bestätigt haben: Er ist zum Mörder geworden.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 23 von 38

M6
Determination und Verlust der Freiheit im Woyzeck
Textauszug 1 – Büchner: Woyzeck, Szene 15 (Wirtshaus)

In der Szene 15 erkennt Woyzeck, dass Marie ein Verhältnis mit dem Tambourmajor hat.

WIRTSHAUS

Die Fenster offen, Tanz. Bänke vor dem Haus. Burschen


ERSTER HANDWERKSBURSCH:
Ich hab ein Hemdlein an
Das ist nicht mein.
5 Meine Seele stinkt nach Brandewein. –
ZWEITER HANDWERKSBURSCH: Bruder, soll ich dir aus Freundschaft ein
Loch in die Natur mache? Verdammt! Ich will ein Loch in die Natur machen.
Ich bin auch ein Kerl, du weißt, ich will ihm alle Flöh am Leib tot schlage.
ERSTER HANDWERKSBURSCH: Meine Seele, meine Seele stinkt nach Bran-
10 dewein. – Selbst das Geld geht in Verwesung über. Vergißmeinicht! Wie ist
diese Welt so schön. Bruder, ich muß ein Regenfaß voll greinen. Ich wollt
unse Nasen wärn zwei Bouteille und wir könnte sie uns einander in den Hals
gießen.
Woyzeck stellt sich ans Fenster. Marie und der Tambourmajor tanzen vorbei,
15 ohne ihn zu bemerken.
DIE ANDERN im Chor:
Ein Jäger aus der Pfalz,
Ritt einst durch einen grünen Wald.
Halli, halloh, gar lustig ist die Jägerei
20 Allhier auf grüner Heid,
Das Jagen ist mei Freud.
MARIE im Vorbeitanzen: Immer zu, immer zu –
WOYZECK erstickt: Immer zu – immer zu! Fährt heftig auf und sinkt zurück auf
die Bank Immer zu, immer zu. Schlägt die Hände ineinander. Dreht euch,
25 wälzt euch. Warum bläst Gott nicht die Sonn aus, daß alles in Unzucht sich
übernander wälzt, Mann und Weib, Mensch und Vieh. Tut’s am hellen Tag,
tut’s einem auf den Händen, wie die Mücken. Weib. – Das Weib ist heiß, heiß!
– Immer zu, immer zu. Fährt auf. Der Kerl! Wie er an ihr herumtappt, an ihrm
Leib, er, er hat sie wie ich – zu Anfang!
30 ERSTER HANDWERKSBURSCH predigt auf dem Tisch: Jedoch wenn ein
Wandrer, der gelehnt steht an den Strom der Zeit oder aber sich die göttliche
Weisheit beantwortet und sich anredet: Warum ist der Mensch? Warum ist

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24 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

der Mensch? – Aber wahrlich ich sage euch, von was hätte der Landmann,
der Weißbinder, der Schuster, der Arzt leben sollen, wenn Gott den Menschen
35 nicht geschaffen hätte? Von was hätte der Schneider leben sollen, wenn er
dem Menschen nicht die Empfindung der Scham eingepflanzt, von was der
Soldat, wenn Er ihn nicht mit dem Bedürfnis sich totzuschlagen ausgerüstet
hätte. Darum zweifelt nicht, ja, ja, es ist lieblich und fein, aber alles Irdische
ist eitel, selbst das Geld geht in Verwesung über. – Zum Beschluß, meine ge-
40 liebten Zuhörer, laßt uns noch übers Kreuz pissen, damit ein Jud stirbt.

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 32–34.

Erläuterungen:

Z. 7: „ein Loch in die Natur machen“: verletzen


Z. 10: „das Geld geht in Verwesung über“: nach Jakobus 5,2 (NT): „Euer Reichtum ist verfault, euer Gold und Silber ist ver-
rostet“
Z. 25: „Warum bläst Gott nicht die Sonn aus“: möglicherweise in Anlehnung an die Schilderung in der Offenbarung des Jo-
hannes 9,2 (NT): „und es ward verfinstert die Sonne und die Luft“
Z. 30: In der „Predigt“ des Ersten Handwerkerburschen: Anhäufung biblischer Floskeln, z. B. Buch Sirach 4,24 (AT): „Denn
was ist der Mensch? Wozu tauget er?“; z. B. Lukas 4,24 (NT): „Er aber sprach: Wahrlich, ich sage euch“; z. B. Pre-
diger 1,2 (AT): „Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger“
Z. 40: „übers Kreuz pissen“: verbreitete antisemitische Vorstellung im 19. Jahrhundert: „Schlagen zwei übers Kreuz Wasser
ab, stirbt ein Jude.“

Textauszug 2 – Büchner: Woyzeck, Szene 16 (Freies Feld)

FREIES FELD
WOYZECK: Immer zu! immer zu! Still. Musik. Reckt sich gegen den Boden. He
was, was sagt ihr? Lauter, lauter, stich, stich die Zickwolfin tot? Stich, stich
die Zickwolfin tot. Soll ich? Muß ich? Hör ich s da auch, sagt’s der Wind
5 auch? Hör ich’s immer, immer zu, stich tot, tot?

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 34.

Erläuterung:

Z. 3: „Zickwolfin“: ein Familienname (Süddeutschland); wohl eher: die Johanna Woost, das Mordopfer des historischen
Woyzeck in Leipzig 1821

Aufgaben

1. Interpretieren Sie die Szene „Wirtshaus“ (Textauszug 1); zeigen Sie am Text typische
Aspekte der literarischen Moderne.
2. Untersuchen Sie die Sprache in Woyzecks Monolog „Freies Feld“ (Textauszug 2) und
überlegen Sie, was sich daraus für das Menschenbild ergibt.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 25 von 38

Erläuterung (M 6)

Stundenverlauf – Determination und Verlust der Freiheit: Woyzeck, Sze-


nen 15, 16

Zum Einstieg wird der Text gemeinsam gelesen. Die Aufgaben können dann in zwei Grup-
pen bearbeitet werden (Gruppe 1: Aufgabe 1; Gruppe 2: Aufgabe 2). Wegen der gefor-
derten Sprachanalyse ist die zweite Aufgabe schwieriger.
In einem anschließenden Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse zusammengetragen
und an die Tafel geschrieben. Bei der Arbeit am Text sollte die Übersicht über Aspekte der
Moderne (Cluster M 2) erneut herangezogen werden.

Erwartungshorizont (M 6)

Zu 1.: In dieser Szene erhärtet sich für Woyzeck der Verdacht, dass Marie ein Verhältnis
mit dem Tambourmajor hat. Für Woyzeck bricht damit alles zusammen, seine Welt gerät
aus den Fugen, seine Eifersucht steigert sich zum Wahnsinn. Atmosphärisch umrahmt wird
dieses Geschehen von den Liedern und Unterhaltungen der Handwerkerburschen, die sich
auch als Kommentare zum Geschehen lesen lassen und ein düsteres Welt- und Menschen-
bild zu offenbaren scheinen.
Es zeigen sich hier einmal mehr zentrale Aspekte moderner Literatur:
– Montage verschiedener Sprachschichten (Bibel, Volkslied, Dialekt);
– ein Außenseiter (Woyzeck) als Hauptfigur (= Absage an das Drama der Klassik);
– Sprachkrise ➝ Gestik als Sprachersatz („fährt heftig auf“);
– Fremdheit und Verzweiflung des Menschen („Warum bläst Gott nicht die Sonn aus“);
– Untergangsvision: „Warum bläst Gott nicht die Sonn aus“ (➝ Offenbarung des Jo-
hannes);
– Ästhetik des Hässlichen („tut’s am hellen Tag“, „Verwesung“, „übers Kreuz pissen“).
Zu 2.: Woyzeck hört Stimmen, die ihn zum Mord an Marie treiben. Die rhythmische Formel
„immer zu, immer zu“ weist zurück auf Szene 15 (Maries Ausrufe beim Tanz). Woyzecks Rede
wird zunehmend knapp und zusammenhanglos. Wiederholungen zeigen die Zwanghaftigkeit
seines Handelns; der Wahnsinn, die Sprache selbst gewinnt Macht über Woyzeck. Er ist nicht
mehr Herr über sich selbst, sondern wird von außen bestimmt („Soll ich? Muß ich?“).
Weitere Stichworte (in Anlehnung an Krapp, S. 79–82):
– Sprachkrise (Gestammel) ➝ Versagen der Sprache („Immer zu – immer zu“);
– Zerfall der Sprache durch Verkürzung, Verlust des Kontinuums der Rede;
– Fehlen von logischen Fügungen und syntaktischem Zusammenhang;
– Wiederholungen führen zu einem eigenen Rhythmus: „Lauter, lauter, stich, stich […]“;
– Wiederholungen zeigen den inneren Zwang; das Wort gewinnt Macht über Woy-
zeck;
– Verkehrung: Die Sprache beherrscht den Menschen, nicht der Mensch die Sprache;
– Woyzeck nicht mehr Subjekt („Soll ich? Muß ich?“) ➝ Determination von außen;
– konfuse Sprache ➝ Verlust der Freiheit des Willens.

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26 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

M7
Transzendenzverlust – Das Märchen der Großmutter
und Sterntaler im Vergleich
Text 1 – Büchner, Woyzeck: Das Märchen der Großmutter

In Szene 22 (Marie mit Mädchen vor der Haustür) erzählt die Großmutter den Kindern
ein Märchen.
GROßMUTTER: Es war eimal ein arm Kind und hat kein Vater und kein Mutter, war
alles tot und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es ist hingangen und
hat gerrt Tag und Nacht. Und wie auf der Erd Niemand mehr war, wollt’s in Himmel
gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie’s endlich zum Mond kam,
war’s ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie’s zur Sonn kam,
war’s ein verwelkt Sonneblum und wie s zu den Sterne kam, warn’s klei golde
Mücke, die warn angesteckt wie der Neuntöter sie auf die Schlehe steckt, und wie’s
wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein
und da hat sich’s hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein.
In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 39.

Text 2 – Jacob und Wilhelm Grimm: Sterntaler (1812)

Das zitierte Märchen der Großmutter aus Büchners Woyzeck bezieht sich auf ein bekann-
tes Märchen der Brüder Grimm.
Es war einmal ein armes, kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, es
hatte kein Haus mehr, in dem es wohnen, und kein Bett mehr, in dem es schlafen
konnte, und nichts mehr auf der Welt, als die Kleider, die es auf dem Leib trug, und
ein Stückchen Brod in der Hand, das ihm ein Mitleidiger geschenkt hatte; es war aber
fromm und gut. Da ging es hinaus, und unterwegs begegnete ihm ein armer Mann,
der bat es so sehr um etwas zu essen, da gab es ihm das Stück Brod; dann ging es
weiter, da kam ein Kind, und sagte: „Es friert mich so an meinem Kopf, schenk mir
doch etwas, das ich darum binde,“ da thät es seine Mütze ab und gab sie dem Kind.
Und als es noch ein bisschen gegangen war, da kam wieder ein Kind, und hatte kein
Leibchen an, da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das
gab es auch von sich hin, endlich kam es in Wald, und es war schon dunkel geworden,
da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: es ist
dunkele Nacht, da kannst du wohl dein Hemd weggeben, und gab es hin. Da fielen
auf einmal die Sterne vom Himmel und waren lauter harte, blanke Thaler, und ob es
gleich sein Hemdchen weggegeben, hatte es doch eins an, aber vom allerfeinsten
Linnen, da sammelte es sich die Thaler hinein und ward reich für sein Lebtag.
In: Jacob und Wilhelm Grimm: Die älteste Märchensammlung der Brüder Grimm. Synopse der handschriftlichen Urfassung
von 1810 und der Erstdrucke von 1812. Hg. u. erl. von Heinz Rölleke. Cologny: Fondation Martin Bodmer 1975. S. 61
(= Bibliotheca Bodmeriana).

Aufgaben

1. Interpretieren Sie das Märchen der Großmutter aus Büchners Woyzeck. Ziehen Sie
dabei das Märchen Sterntaler der Brüder Grimm (1812) zum Vergleich heran.
2. Zeigen Sie an den Texten typische Merkmale des Märchens (Text 2) und der literarischen
Moderne (Text 1).

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 27 von 38

Erläuterung (M 7)

Stundenverlauf – Transzendenzverlust: Woyzeck, Szene 23


Die Stunde beginnt mit einer kurzen Information durch die Lehrkraft zu den Brüdern Grimm
und zu ihrer Märchensammlung von 1812. Auch die Entstehung des Titels „Sterntaler“ kann
erläutert werden (siehe Hintergrundinformationen).
In Partnerarbeit interpretieren die Schülerinnen und Schüler dann das Märchen aus Woy-
zeck, indem sie es mit dem der Vorlage des grimmschen Märchens vergleichen. Merkmale
des Märchens (Text 1) und der literarischen Moderne (Text 2) werden gegenübergestellt. In
einem Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse ausgetauscht.

Hintergrundinformationen – Die Brüder Grimm und das Märchen Sterntaler


Das Märchen Sterntaler existiert in vielen Varianten. Die Urfassung des Textes stammt von
Jacob Grimm und trägt den Titel „Das arme Mädchen“. Wilhelm Grimm änderte den Titel
in „Sterntaler“. Dabei bezog er sich auf Taler des Landgrafen Friedrich II. von Hessen-Kassel
(1720–1785), die sein Bildnis auf der einen, den Ordensstern des hessischen Löwen auf
der anderen Seite zeigten. Dieser Stern gab der Münze im Volksmund den Namen „Stern-
taler“. Der Bezug zu den Sternen am Himmel war dabei bereits mitgedacht.
Hier wird die Urfassung des Textes von 1812 verwendet. Auf die Unterscheidung von Kunst-
und Volksmärchen soll an dieser Stelle nicht näher eingegangen werden. Hier liegt ein
Volksmärchen vor – eine bewusste Entscheidung der Grimms, die sich in ihrer Märchen-
sammlung von 1812 gegen das ästhetisierende Kunstmärchen abgrenzen wollten.

Erwartungshorizont (M 7)
Büchner demontiert das Märchen der Brüder Grimm. Während das Mädchen in der Fas-
sung der Brüder Grimm fromm, gütig und voller Gottvertrauen handelt und schließlich be-
lohnt wird, gibt es im Märchen der Großmutter keinerlei Hoffnung mehr. Das Märchen im
Woyzeck ist vielmehr eine Geschichte fundamentaler Desillusionierung: Was am Himmel
zu glänzen und strahlen schien, entpuppt sich als faul, hohl und verwelkt. Es gibt keine
Transzendenz mehr, keine Ordnung und keine Hoffnung auf Erlösung. Der Mensch ist ein-
sam und verlassen. Das Märchen kann als Gleichnis auf die Situation des Menschen in der
Moderne gelesen werden.

Merkmale des Märchens (Text 2):


– „Es war einmal […]“ – Einstiegs-Formel im Präteritum; dennoch Eindruck unmittelbarer
Gegenwart;
– einfache Sprache: Satzbau, altertümliche Worte („tat es ab“ für „ausziehen“);
– Steigerung der Bewährungsproben („Da [...], da [...], da [...]“);
– Gottvertrauen und Güte werden belohnt („Es war aber gut und fromm“);
– glückliches Ende („Happy End“);
– Fantastik/Nähe zum Traum: Goldene Taler fallen vom Himmel;
– kindgemäße Sprache: Formeln, Wiederholungen, Diminutiva („Röcklein“, „Hemdchen“).

Merkmale der literarischen Moderne (Text 1):


– Transzendenzverlust: Es gibt keinen Gott mehr;
– Desillusionierung der Welt (für die Armen);
– hessischer Dialekt („kei Vater“, „klei golde Mücke“): Nähe zur Realität;
– Wortfeld des Verfalls: alles „tot“, „faul“, „verwelkt“, „umgestürzt“;
– Einsamkeit des Menschen: „war Niemand mehr auf der Welt“, „und ist ganz allein“.

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28 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

M8
Sprachkrise und Einsamkeit im Woyzeck
Nachdem Woyzeck Marie aus Eifersucht erstochen hat (Szene 24), geht er ins Wirtshaus
(Szene 26). Man entdeckt Blut an seiner Hand. Woyzeck redet sich heraus („Ich glaub, ich
hab mich geschnitte, da an die rechte Hand“) und läuft zurück zum Teich, wo er das Messer
liegen gelassen hat (Szene 27, 28). Er findet das Messer und wirft es in den Teich, um es
als Beweisstück zu vernichten. Da es zunächst nah am Ufer liegt, geht er in den Teich und
wirft das Messer noch weiter in den See. Kinder kommen neugierig: Die Nachricht von
dem Mord hat sich herumgesprochen (Szene 29).
In der Szene 30 kommt es zur Begegnung zwischen Karl, Woyzeck und seinem Sohn Chris-
tian, bevor die Justiz erscheint (Szene 31: Gerichtsdiener. Arzt. Richter).

DER IDIOT. DAS KIND. WOYZECK


KARL hält das Kind vor sich auf dem Schoß: Der ist ins Wasser gefallen, der is
ins Wasser gefalle, nein, der is ins Wasser gefalle.
WOYZECK: Bub, Christian,
5 KARL sieht ihn starr an: Der is ins Wasser gefalle.
WOYZECK: will das Kind liebkosen, es wendet sich weg und schreit: Herrgott!
KARL: Der is ins Wasser gefalle.
WOYZECK: Christianche, du bekommst en Reuter. Das Kind wehrt sich. Zu
Karl: Da kauf dem Kind en Reuter.
10 KARL sieht ihn starr an.
WOYZECK: Hop! hop! Roß.
KARL: jauchzend: Hop! hop! Roß! Roß! Läuft mit dem Kind weg.

In: Georg Büchner: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert von Henri Poschmann. Frankfurt am
Main/Leipzig: Insel Verlag 1984. S. 45.

Erläuterungen:

Z. 1: „Der is ins Wasser gefallen“: Fingerabzählreim aus Hessen: „Der is ins Wasser gefalle, / der hat en herausgeholt,/
der hat en abgetrocknet, / der hat en hamgetrache, / der is ganz alla zu Haus.“
Z. 8: „Reuter“: landschaftliche Bezeichnung für eine Art Lebkuchen
Z. 11: „Hop! hop! Roß.“: Anfang eines Kniereiter-Liedes für Kinder („Hoppe, hoppe, Reiter, / wenn er fällt, dann schreit er
[…]“)

Aufgaben

1. Untersuchen Sie die Sprache und die Kommunikation in dieser Szene.


2. Versuchen Sie eine Deutung für die Figur des Karl.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 29 von 38

M9
Woyzeck – eine Fotomontage

© Szenenbild aus Woyzeck (1978): Werner Herzog Film GmbH, München (www.wernerherzog.com)

Aufgabe

Interpretieren Sie die Fotomontage: Wie lässt sich diese Darstellung mit dem Menschenbild
in Georg Büchners Woyzeck in Verbindung bringen?

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30 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Erläuterung (M 8, M 9)
Stundenverlauf – Sprachkrise, Einsamkeit, Ich-Verlust: Woyzeck, Szene 30

Häufig wird die Szene, in der Woyzeck den Hauptmann rasiert, als Beispiel für gestörte Kommuni-
kation herangezogen (Szene 9: Der Hauptmann. Woyzeck). Die Szene 30 ist jedoch ein noch bes-
seres Beispiel für die Darstellung der Sprachkrise im Woyzeck. Die Stunde beginnt mit der
gemeinsamen Lektüre des Textes (M 8).
Zunächst in Partnerarbeit analysieren und beschreiben die Schülerinnen und Schüler die Kommuni-
kation in der Szene. Im Unterrichtsgespräch werden die Ergebnisse zusammengetragen. Die Deu-
tung der Figur des Idioten Karl sollte dann gleich im Anschluss im gemeinsamen Gespräch
erfolgen. Die Schülerinnen und Schüler entwickeln Hypothesen. Diese werden an die Tafel geschrie-
ben, ohne dass sie kommentiert oder gewichtet werden.

Der Idiot Karl (Szene 30) – Deutungshypothesen


– Karls Reden ist irre, er ist nicht zurechnungsfähig ➝ ein Narr.
– Karls wiederholte Aussage „Der is ins Wasser gefalle“ bezieht sich nicht konkret auf Woy-
zeck und seine nasse Kleidung, sondern auf sein Schicksal allgemein.
– Der Satz „Der is ins Wasser gefallen“ hat gar keinen Sinn.
– Karl hat Visionen.
– Nur Karl und das Kind sind noch nicht gesellschaftlich geschädigt/deformiert.

Es kann dann versucht werden, die Hypothesen zu gewichten, das heißt nach Wahrscheinlichkeit
zu ordnen. Im Endeffekt muss die Frage jedoch offenbleiben: Letztlich lässt sich keine der Hypothesen
verifizieren; eine verbindliche Deutung gibt es nicht.
Den Abschluss der Unterrichtsreihe bildet ein Gespräch über die Fotomontage (M 9). Sie
bietet Anlass, abschließend das Menschenbild in Büchners Woyzeck zu diskutieren. Zugleich wird
damit der Bogen zum Beginn der Beschäftigung mit dem Drama Woyzeck geschlagen: Das zu-
grunde liegende Bild zeigt den Schauspieler Klaus Kinski als Franz Woyzeck in Werner Herzogs
Verfilmung, unmittelbar nach dem Mord an Marie.

Hintergrundinformationen – Die Figur des Idioten Karl


Der Idiot Karl ist eine schwierige Figur. In den handschriftlichen Fassungen tauchen drei Bezeich-
nungen auf: „Karl“, Idiot“ und „Narr“. In Szene 5 aus dem Teilentwurf 1 (S. 52) deutet der Narr
voraus: „Ich riech, ich riech Blut.“ In Szene 21 (S. 37) zitiert Karl vorausdeutend aus Märchen, z.
B. Rumpelstilzchen. Literarisches Vorbild für den Idioten ist häufig der Narr bei Shakespeare; in der
vorliegenden Szene ist aber eindeutig der geistig Zurückgebliebene gemeint.
Die Szene 30 wirft vehement die Frage nach der „richtigen“ Anordnung der Schlussszenen auf. Da-
rüber hat es eine lange Diskussion gegeben. Hans Mayer zählt die Szene noch zu den Entwürfen
und hat sie in seiner Ausgabe aus dem Text ausgeschieden (Mayer 1963, S. 48 f.). Dagegen war
Hermann van Dam einer der ersten, der die Originalität der Szene erkannte: „Die Narrenszene […]
ist so echt und eindringlich Büchner, daß man sie nur ungern lediglich in den Paralipomena sieht.“
(Hermann van Dam: Zu Georg Büchners Woyzeck. In: Akzente 1 (1954). S. 82–99.)
Die ältere Deutung (Edschmid, Bergemann, Witkowski) hielt den Satz des Idioten „Der is ins Wasser
gefalle“ für eine Vorausdeutung auf Woyzecks Ertrinken. Diese ältere Deutung haben Poschmann
und Dedner verworfen. Büchners Intention ist nach allgemeiner Überzeugung nicht das Expressive
(Woyzeck ertrinkt), sondern die soziale Anklage (Woyzeck wird verhaftet, ihm wird der Prozess ge-
macht). Dedner (Reclam-Ausgabe 2005) vertauscht gegenüber der Ausgabe von Poschmann (Insel-
Ausgabe 1984) die Reihenfolge der Schlussszenen; er setzt zuerst die Verhaftungsszene (Szene 31),
dann die Szene: Idiot, Kind, Woyzeck (= Poschmann, Szene 30).
Werner Herzog hat die Szene 30 in seiner Verfilmung nicht berücksichtigt und auch sonst die Figur
des Narren gestrichen.

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 31 von 38

Erwartungshorizont (M 8)
Zu 1.: Szene 30 ist ein Beispiel für das vollständige Sprachversagen. Die folgende Deutung in Stich-
worten orientiert sich an Krapp (S. 89–91):
– Zerfall der Szeneneinheit ➝ Diskontinuität des Textes
– Brüche im Dialog ➝ monologische Struktur der Szene
– Redeteile sind „Versatzstücke“, „Requisiten der Sprache“
– Ellipsen (Satzverkürzungen): „Bub, Christian“, „Herrgott!“, „Hop! Hop! Roß.“
– Drei Ebenen des Gesprächs: Karls Irrereden / Woyzecks Gefühle / Abwehr des Kindes
– Furcht des Kindes vor seinem Vater
– Nonverbale Kommunikation ersetzt Sprache: „will liebkosen“, „sieht ihn starr an“, „wehrt sich“
(„sieht ihn starr an“ ➝ Überraschung? Verständnislosigkeit?)
– Karl „jauchzend“: Der Idiot versteht das naive Kinderlied und die Welt des Kindes
– Sprachausdruck dominiert: „Bub, Christian“ ➝ Geste der Güte des Vaters
– „Kauf dem Bub en Reuter“ ➝ Versuch, dem Kind eine Freude zu bereiten
– Woyzeck wirkt „verlassen selbst von diesen […] armseligsten Wesen seiner Welt“ (Krapp,
S. 91); seine Situation: totale Einsamkeit des Menschen

Zu 2.: Die Deutung der Figur des Karl lässt mehrere Hypothesen zu, die unterschiedlich gewichtet
werden können. Hier der Vorschlag einer „Rangliste“:
(1) Karl hat eine ähnliche Sensibilität wie Woyzeck. Er hat Visionen, spricht aus, was andere
nicht einordnen können. Der Abzählvers des Narren wird „in der Wiederholung doch zu einer
dunklen Beschwörung des Schicksals, das sich […] um den Woyzeck legt.“ (Krapp, S. 91.)
(2) Es gibt nur zwei Menschen in dem Drama, die noch nicht gesellschaftlich deformiert sind –
Karl und das Kind. Sie handeln rein, unvermittelt, außerhalb der sozialen Determination.
(3) Der monotone Satz des Idioten ist lediglich Bruchstück eines Fingerabzählreimes. Ob er einen
konkreten Sinn hat, ist offen.
(4) Das Kind lag bisher in Maries Armen. Nun ist es einzig beim Idioten geborgen, eine andere
Geborgenheit gibt es für das Kind nicht.
Henri Poschmann schreibt zur Figur des Idioten Karl: „Offenbar liegt es in der Absicht des Autors,
dass die Rede Karls dunkel bleibt. […] Seine besondere Wahrnehmungsfähigkeit liegt außerhalb
des Rationalen.“ (Georg Büchner: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hg.
von Henri Poschmann. Bd 1. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992. S. 771.)

Erwartungshorizont (M 9)
Die Fotomontage zeigt symbolisch die Demontage des Soldaten Woyzeck. Sein Gesicht ist verzerrt
vor Schmerz und Verzweiflung, vielleicht gar gezeichnet vom Wahnsinn. Schrittweise erfolgt in der
Bilderfolge die Auslöschung seines Ichs, der „Ich-Verlust“, die „Ich-Dissoziation“ – ein charakteristi-
sches Motiv der literarischen Moderne. Die Darstellung kann eine abschließende Diskussion über
das Menschenbild im Woyzeck anregen: Schlagworte wie „Verlust der Freiheit“, „Determination“,
„Sprachzerfall“, „Einsamkeit“ und „Desillusionierung“ können dabei erneut aufgegriffen werden.

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32 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

LEK
Georg Kaiser: Von morgens bis mitternachts (1917)
Zusammenfassung der Handlung aus Kindlers Literaturlexikon:

Die unvermutete Begegnung mit einer eleganten Dame von Welt, die an sei-
nem Schalter Geld abheben will, ohne im Besitz der nötigen Unterlagen zu
sein, wirft den Bankkassierer aus dem Geleise seines ereignislosen Beamten-
daseins. Er entwendet ihretwegen 60.000 Mark aus der Kasse, doch hält sie
5 die versprochene Verabredung zur Flucht nicht ein. Alleingelassen und ge-
hetzt von der Begierde, das „echte Leben“ zu finden, durchlebt der aus Ver-
zweiflung und Sehnsucht zum „Wanderer“ Gewordene von morgens bis
mitternachts in symbolischer Raffung typische Existenzsituationen, an deren
Ende der Tod steht. Die Erlebnisse beim Sechstagerennen, im Nachtklub und
10 bei der Versammlung der Heilsarmee steigern nur noch seinen Ekel an der
Welt, und als ihn das Mädchen von der Heilsarmee für ein paar Groschen an
die Polizei verrät, jagt er sich eine Kugel durch den Kopf. Zum Leitmotiv wird
das Geld – „Das Geld verschlechtert den Wert. Das Geld verhüllt das Echte –
das Geld ist der armseligste Schwindel unter allem Betrug.“

In: Kindlers neues Literatur Lexikon. Hg. von Walter Jens. Bd. 9. München: Kindler Verlag 1996. S. 75.

Im folgenden Auszug aus dem Drama agieren der Kassierer, seine Mutter und seine Frau.
Zur Vorgeschichte: Der Kassierer hat 60 000 Mark unterschlagen. Danach ist er auf ein
verschneites Feld geflohen und hat sich in einem langen Monolog seine Situation vor Augen
geführt. Nachdem er sich durch die verschneite und gefrorene Landschaft gekämpft hat,
kehrt er nach Hause zurück.

Zweiter Teil. Stube bei Kassierer.


[...]
KASSIERER (tritt rechts ein, hängt Hut und Mantel auf).
[...]
FRAU: Woher kommst du?
5 KASSIERER: Aus dem Grabe. Ich habe meine Stirn durch Schollen gebohrt.
Hier hängt noch Eis. Es hat besondere Anstrengungen gekostet, um durch-
zukommen. […] Man liegt tief gebettet. So ein Leben lang schaufelt mächtig.
Berge sind auf einen getürmt. Schutt, Müll – es ist ein riesiger Abladeplatz.
Die Gestorbenen liegen ihre drei Meter abgezählt unter der Oberfläche – die
10 Lebenden verschüttet es immer tiefer.
FRAU: Du bist eingefroren – oben und unten.
KASSIERER: Aufgetaut! Von Stürmen – frühlingshaft – geschüttelt. Es rauschte
und brauste – ich sage dir, es hieb mir das Fleisch herunter, und mein Gebein
saß nackt. Knochen – gebleicht in Minuten. Schädelstätte! Zuletzt schmolz
15 mich die Sonne wieder zusammen. Dermaßen von Grund auf geschah die
Erneuerung. Da habt ihr mich.
MUTTER: Du bist im Freien gewesen?

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 33 von 38

KASSIERER: In scheußlichen Verliesen, Mutter! Unter abgrundsteilen Türmen


bodenlos verhaftet. Klirrende Ketten betäubten das Gehör. Von Finsternis
20 meine Augen ausgestochen!
[…]
FRAU: Die Bank hat nicht geschlossen?
KASSIERER: Niemals, Frau. Die Kerker schließen sich niemals. Der Zuzug hat
kein Ende. Die ewige Wallfahrt ist unbegrenzt. Wie Hammelherden hopsen
25 sie hinein – in die Fleischbank. Das Gewühl ist dicht. Kein Entrinnen […]
Sie fassen nach einem – sie krallen Nägel ein! Hürden und Schranken – Ord-
nung muß herrschen. Gleichheit für alle. Aber ein tüchtiger Sprung – nicht
gefackelt – und du bist aus dem Pferch – aus dem Göpelwerk. Ein Gewalt-
streich, und hier stehe ich! Hinter mir nichts – und vor mir? […]
In: Georg Kaiser: Von morgens bis mitternachts. Stück in zwei Teilen. Fassung letzter Hand. Hg. u. mit einem Nachw. vers.
v. von Walther Huder. Stuttgart: Reclam Verlag 1994. S. 30 f. © 1966 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Später erlebt der Kassierer im Lokal der Heilsarmee Lebensbeichten eines Soldaten und
einer Prostituierten. Ein Mädchen der Heilsarmee verrät den Kassierer an die Polizei. Der
Kassierer zieht eine Bilanz seines Lebens und erschießt sich.

KASSIERER: Hier stehe ich. Oben stehe ich. […] Einsamkeit ist Raum. Raum
ist Einsamkeit. Kälte ist Sonne. Sonne ist Kälte. Fiebernd blutet der Leib.
Fiebernd friert der Leib. Felder öde. Eis im Wachsen. Wer entrinnt? Wo ist
der Ausgang?
[…]
Von morgens bis mitternachts rase ich im Kreise […] – wohin?!! (Er zerschießt
die Antwort in seine Hemdbrust.)
In: Georg Kaiser: Von morgens bis mitternachts. Stück in zwei Teilen. Fassung letzter Hand. Hg. und mit einem Nachw. vers.
v. Walther Huder. Stuttgart: Reclam Verlag 1994. S. 64 f. © 1966 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Aufgaben

1. Vergleichen Sie auf der Grundlage der Inhaltsangabe und der


Textauszüge Kaisers Drama Von morgens bis mitternachts mit
Büchners Woyzeck. Berücksichtigen Sie dabei vor allem die
Aspekte szenisch-dramatische Gestaltung und Sprache.
2. Vergleichen Sie das Menschenbild und die Figurenpsychologie
bei Büchner und Georg Kaiser.
3. Erörtern Sie auf der Grundlage der Gegenüberstellung von Büchners Woyzeck und
Georg Kaisers Von morgens bis mitternachts, ob man Büchners Woyzeck der literari-
schen Moderne zurechnen kann.

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34 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Erläuterung (LEK)

Hintergrundinformationen zur Lernerfolgskontrolle

Georg Kaiser (1878–1945) gehörte zu den meistgespielten Dramatikern des Expressionis-


mus in den 20er-Jahren und hat das epische Theater Brechts vorbereitet. Er steht in der the-
matischen und ästhetischen Nachfolge Wedekinds, dieser steht in der Nachfolge Büchners.
Die vorliegenden Auszüge aus Georg Kaisers Drama Von morgens bis mitternachts zeigen
die Nähe zwischen Büchner und der expressionistischen Dramatik. Ein so direkter Textver-
gleich zwischen Büchner und einem Autor der literarischen Moderne ab 1885 ist selten
unternommen worden.
Die Textauszüge aus Kaisers Drama zeigen Gemeinsamkeiten mit Büchner, aber auch deut-
liche Unterschiede. Diese sollen herausgearbeitet werden, indem auf die im Unterricht be-
handelten Passagen aus Büchners Woyzeck (M 4–M 8) Bezug genommen wird. Die
Schülerinnen und Schüler sollten zu diesem Zweck eine Textausgabe des Woyzeck zur Ver-
fügung haben. Die Klausur ist für drei bis vier Unterrichtsstunden konzipiert.
Die Aufgabe 3 fordert eine – sehr vorläufige – Antwort auf die Frage, ob man Büchner der
literarischen Moderne zurechnen darf. Es kann dabei selbstverständlich nicht verlangt wer-
den, die Frage abschließend zu klären, wann die literarische Moderne beginnt. Die Schü-
lerinnen und Schüler sollen darstellen, was für und gegen Büchners Zugehörigkeit zur
literarischen Moderne spricht, und geeignete Textstellen aus Büchners Woyzeck als Belege
suchen.

Erwartungshorizont
Zu 1.: In der szenisch-dramatischen Gestaltung und hinsichtlich der Sprache weisen Büch-
ners Woyzeck und Kaisers Drama Von morgens bis mitternachts deutliche Gemeinsamkei-
ten auf: Auffällig ist z. B. der elliptische Satzbau, die drastische Sprachverwendung und
die offene Form des Dramas. Zugleich sind auch Unterschiede zu erkennen: Der vorlie-
gende Auszug aus Kaisers Stück ist ganz vom Bildfeld der Kälte durchzogen; dieses Motiv
ist bei Büchner nur vereinzelt zu finden.
Weitere Stichwörter zum Vergleich der szenisch-dramatischen Gestaltung und der Sprache:
– Stationendrama / offene Form (Büchner, Kaiser);
– Bildfeld der Kälte ➝ verweist auf Entfremdung (bei Kaiser dominant, auch bei
Büchner an einzelnen Stellen);
– extreme Wortbedeutungen (bei Kaiser dominant, bei Büchner an einzelnen Stel-
len); Beispiele: „gebohrt“, „getürmt“, „geschüttelt“, „gebleicht“, „krallen“, „bo-
denlos“, „abgrundsteil“;
– Ellipsen, assoziatives Sprechen: „von Finsternis meine Augen ausgestochen“ (Büch-
ner und Kaiser);
– expressionistischer Stakkatostil bei Kaiser: „Fiebernd blutet der Leib. Felder öde.
Eis im Wachsen“;
– Personifikationen bei Kaiser („So ein Leben lang schaufelt mächtig“, „Mein Gebein
saß nackt“ ➝ Merkmal der Groteske).
Zu 2.: Hinsichtlich des Menschenbildes und der Figurenpsychologie zeigen Kaisers und
Büchners Drama starke Gemeinsamkeiten: Zwar begibt sich der Kassierer – anders als
Woyzeck, der in seiner Existenz von vornherein gefangen scheint – zunächst auf eine Art

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 35 von 38

Ich-Suche, eine Suche nach dem „echten Leben“. Diese endet jedoch in einer totalen Des-
illusionierung und letztlich in einer Auslöschung seines Ichs. Wie bei Büchner vollzieht sich
auch in Kaisers Drama ein Abstieg in Stationen; er mündet in Untergang und Tod. Beide
Protagonisten erscheinen dabei letztlich fremdbestimmt, determiniert; das Leben wirkt auf
sie wie ein Gefängnis.
Folgende Zitate aus Kaisers Drama können als Belege herangezogen werden:
– Monotonie und Leere; das Leben – ein Kreislauf („rase ich im Kreise“);
– Determination des Menschen („Kein Entrinnen“, „und du bist aus dem Pferch“);
– das Leben – ein Gefängnis („Die Kerker schließen niemals“).
Zu 3.: Bei der Antwort auf die Frage, ob man Büchner der literarischen Moderne zurechnen
kann, sollten die Schülerinnen und Schüler möglichst vielfältig argumentieren und geeignete
Textstellen aus Büchners Woyzeck heranziehen. Für die Bewertung der Leistung ist insbe-
sondere eine differenzierte Darstellung der Problematik ausschlaggebend.
Um eine textnahe Erörterung auf der Grundlage von Textbelegen zu ermöglichen, sollen
gemäß der Aufgabenstellung Büchners Woyzeck und Georg Kaisers Drama Von morgens
bis mitternachts als Grundlage gewählt werden. In diesem Sinne wird im Folgenden nicht
unterschieden zwischen der literarischen Moderne und Georg Kaiser.
Im Folgenden einige mögliche Aspekte in Stichpunkten:
Gemeinsamkeiten: Büchner – literarische Moderne:
– Ich-Dissoziation, Ich-Verlust (Büchner, Kaiser)
– Bildfeld der Kälte ➝ Fremdheit des Menschen in der Welt
– Außenseiter als zentrale Figuren (Büchner: Franz Woyzeck; Kaiser: z. B. Prostituierte)
Unterschiede: Büchner – literarische Moderne:
– Ausbruchsversuch aus der Monotonie (Kaiser) – Passivität, Verharren (Büchner)
– historischer Kontext und Themen: Kapitalismus, dominante Rolle des Geldes (Kaiser
1917); Transformationsphase des Feudalstaats, Situation eines einfachen Soldaten,
Armut (Büchner 1837)

Hinweise zur Bewertung


Bei den gestellten Aufgaben handelt sich um untersuchendes und erörterndes Erschließen.
Der Operator „Vergleichen“ in Aufgabe 1 und 2 zählt zum Anforderungsbereich II. Auf-
gabe 3 ist überwiegend dem Anforderungsbereich III zuzuweisen.
Eine ausreichende Leistung liegt vor, wenn in Aufgabe 1 wenigstens ein Aspekt sinnvoll er-
arbeitet worden ist. Eine gute Leistung liegt vor, wenn Sprache und szenisch-dramatische
Gestaltung anhand der Texte präzise erläutert worden sind.
Gewichtung der Aufgaben 1 bis 3: jeweils ein Drittel der Gesamtnote.

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36 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

Medienhinweise
Empfohlene Textausgaben

Büchner, Georg: Woyzeck. Nach den Handschriften neu hergestellt und kommentiert
von Henri Poschmann. Frankfurt am Main/Leipzig: Insel Verlag 1984 (= insel taschen-
buch 846).

Büchner, Georg: Woyzeck. Leonce und Lena. Hg. von Burghard Dedner. Stuttgart: Re-
clam Verlag 2005 (= Reclams Universal Bibliothek 18420).

Weitere Primärliteratur

Büchner, Georg: Sämtliche Werke, Briefe und Dokumente in zwei Bänden. Hg. von
Henri Poschmann. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1992/99.
Im ersten Band dieser Ausgabe, der die Dichtungen Büchners enthält, bietet Poschmann
eine Darstellung der Entstehungsgeschichte, einen Stellenkommentar und eine umfas-
sende Charakterisierung der literarischen Werke Büchners. Der zweite Band versam-
melt Briefe und Dokumente.

Goltschnigg, Dietmar (Hg.): Georg Büchner und die Moderne. Texte, Analysen, Kom-
mentar. Bd. 1: 1875–1945. Bd. 2: 1945–1980. Berlin: Erich Schmidt Verlag 2001.
Goltschniggs Dokumentation bietet für das Thema eine neue Textbasis mit zahlreichen,
bisher unbekannten Texten. Was bislang allenfalls zersplittert und an entlegenen Orten
abgedruckt wurde, ist hier zum ersten Mal zentral dokumentiert.

Mayer, Hans: Georg Büchner: Woyzeck. Vollständiger Text und Paralipomena. Frankfurt
am Main/Berlin: Ullstein Verlag 1993 (= Dichtung und Wirklichkeit 11).
Mayer hat mit diesem Buch die Diskussion der 60er-Jahre über den Woyzeck entschei-
dend angestoßen. Er druckt den Text des Fragments nach der überholten Fassung von
Bergemann (1922). Mayers Interpretation ist eine komplexe literatursoziologische
Studie; er ordnet Büchner literaturgeschichtlich ein und klärt vor allem die Bezüge zur
ästhetischen Moderne (Hauptmann, Toller, Wedekind, Alban Berg).

Vietta, Silvio (Hg.): Lyrik des Expressionismus. 4. verb. Auflage. Tübingen: Niemeyer
Verlag 1999 (= Deutsche Texte 37).
Vietta ordnet die Gedichte inhaltlich und gibt problemorientierte Einführungen in zen-
trale Aspekte der expressionistischen Lyrik und der literarischen Moderne.

Sekundärliteratur

Grimminger, Rolf: Aufstand der Dinge und der Schreibweisen. Über Literatur und Kultur
der Moderne. In: Rolf Grimminger; Jurij Murasov; Jörn Stückrath (Hg.): Literarische Mo-
derne. Europäische Literatur im 19. und 20. Jahrhundert. Reinbek bei Hamburg:
Rowohlt Verlag 1995 (= rowohlts enzyklopädie 553). S. 12–40.
Der Aufsatz bietet einen einführenden Überblick zur literarischen Moderne. Er entstand
im Rahmen des Funkkollegs „Literarische Moderne. Europäische Literatur im 19. und
20. Jahrhundert“ (1993/94).

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III/B Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 Georg Büchner: „Woyzeck“ 37 von 38

Kiesel, Helmuth: Geschichte der literarischen Moderne. Sprache, Ästhetik, Dichtung im


zwanzigsten Jahrhundert. München: Beck Verlag 2004.
Kiesel verzichtet auf theoretische Diskussion und stellt die Geschichte der literarischen
Moderne vor. Dabei geht er, im Unterschied zu Vietta, besonders auf Benn und Brecht
ein.

Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. 11. Auflage. München: Hanser
Verlag 1969.
Standardwerk der Literaturwissenschaft; Klotz entwickelt den Typus des offenen Dramas
an Büchners Woyzeck.

Knapp, Gerhard P.: Georg Büchner. 3. Auflage. Stuttgart: Metzler Verlag 2000 (=
Sammlung Metzler 159).
Knapp hat die komplexen Ergebnisse der Büchner-Forschung präzise aufgearbeitet und
übersichtlich dargestellt.

Krapp, Helmut: Der Dialog bei Georg Büchner. 2. Auflage. Darmstadt: Gentner Verlag
1970.
Krapps Untersuchung insbesondere der Sprache und der Dialog-Gestaltung im Woy-
zeck liefert wichtige Hinweise hinsichtlich der Darstellung der „Sprachkrise“ bei Georg
Büchner.

Poschmann, Henri: Probleme einer literarisch-historischen Ortsbestimmung Georg Büch-


ners. In: Georg Büchner Jahrbuch 2 (1982). S. 133–143.
Poschmann wendet sich gegen eine Zuordnung Büchners zur Moderne. Er verortet
Büchner in der Epoche des Vormärz.

Vietta, Silvio: Die literarische Moderne. Eine problemgeschichtliche Darstellung der


deutschsprachigen Literatur von Hölderlin bis Thomas Bernhard. Stuttgart: Metzler Ver-
lag 1992.

Vietta, Silvio: Ästhetik der Moderne. Literatur und Bild. München: Fink Verlag 2001.
Viettas problemorientierte Analysen gelten bis heute als bahnbrechend in der Diskus-
sion über die literarische Moderne. Besonderes Gewicht haben die Literaturtheorie der
Frühromantik (1992, S. 41–44), die Erkenntnis- und Sprachkrise von Hölderlin bis Peter
Handke (1992, S. 131–157), Büchners Descartes-Rezeption und die Bildfelder der li-
terarischen Moderne (1992, S. 170–240). Vietta hat die Diskussion über die literari-
sche Moderne insbesondere um zwei Dimensionen erweitert: um die Konvergenz der
Künste (Text und Bild) und um die europäische Dimension.

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38 von 38 Georg Büchner: „Woyzeck“ Drama – Vormärz bis Naturalismus ● Beitrag 1 III/B

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