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Mathematik

mehr zu Schnitte
Hagemeier
2020-05-12

1 Motivation
Gegeben sind die beiden Funktionen von R nach R

f (x) = 3x + 2 g(x) = −x − 2

Da zu jeder Funktion genau ein Graf gehört und umgekehrt, nenne ich die Grafen genauso wie
die Funktionen, nämlich auch f und g. Damit sind f und g jetzt auch zwei Graden im R2 ,
f, g ∈ R2 . Diese beiden Geraden haben genau einen Schnittpunkt. Da zu jedem Punkt genau
ein Vektor gehört und umgekehrt, schreibe ich die Punkte als Vektor. Statt „Der Schnittpunkt
der Grafen der Funktionen f und g ist (−1| − 1).“ schreibe ich
 
−1
f ∩g =
−1

Dieses Schema funktioniert auch bei Geraden, die nicht Graf einer Funktion sind. Und es
funktioniert bei mehr als zwei Dimensionen, wobei es beim R3 dann um eine Gerade als Schnitt
zweier Ebenen geht.

2 Bekanntes
Den Schnittpunkt der Grafen der beiden Funktionen von R nach R

f (x) = 3x + 2 g(x) = −x − 2

kann man berechnen, indem man das x ∈ R sucht, bei dem f (x) = g(x) ist.

f (x) = g(x) ∴ 3x + 2 = −x − 2 ∴ 4x = −4 ∴ x = −1

Das ergibt dann den Schnittpunkt

(−1|f (−1)) = (−1|g(−1)) = (−1| − 1)

1
3 Graf als Gerade in Parameterform
Eine affin lineare Funktion von R nach R hat die allgemeine Form

f (x) = ax + b

a ist die Steigung und b ist der y-Abschnitt. Der Graf dieser Funktion ist die Gerade
          
x 0 + x 0 1
x ∈ R = x∈R = +x x∈R
f (x) b + ax b a

Eine beliebige Gerade hat den Stützvektor ⃗c ∈ R2 und den Richtungsvektor d⃗ ∈ R2 . Ist d1 ̸= 0,
dann ist
           
c1 d1 0 c1 1
+δ δ∈R = + c1 d2 + δd1 d2 δ ∈ R
c2 d2 c2 − c1dd12
  1 
d1 d
 
0 1
= + (δd1 + c1 ) d2 δ ∈ R
c2 − c1dd12 d1

also ist diese Gerade dann der Graf der affin linearen Funktion
 
d2 c1 d 2
f (x) = x + c2 −
d1 d1

Ist d1 = 0, dann ist es kein Graf.

4 Schnitt zweier Geraden im R2


Gegeben sind zwei Geraden im R2 .
n o n o
f = ⃗a + β⃗b β ∈ R g = ⃗c + δ d⃗ | δ ∈ R

Gesucht ist die Schnittmenge der beiden Geraden. Das ist



⃗x ∈ R2 ⃗x ∈ f ∩ g

Es geht also um ⃗x ∈ R2 , für die es β, δ ∈ R gibt mit

⃗a + β⃗b = ⃗x = ⃗c + δ d⃗

Das ergibt umgeformt


β⃗b − δ d⃗ = ⃗c − ⃗a
oder als Gleichung mit Matrix-Vektor-Produkt geschrieben
    
b1 −d1 β c 1 − a1
=
b2 −d2 δ c 2 − a2

Das kann man mit dem Gauß-Verfahren lösen. Gibt es keine Lösung, sind die Geraden parallel,
aber nicht gleich. Gibt es genau eine Lösung, dann schneiden sich die Geraden in einem Punkt.
Gibt es viele Lösungen, dann sind die beiden Geraden gleich.

2
4.1 Das Beispiel von oben
         
0 1 0 1
f= +β β ∈ R g= +δ δ ∈ R
2 3 −2 −1
Zu lösen ist hier die Gleichung
    
1 −1 β 0
=
3 1 δ −4

Nach dem Gauß-Verfahren ergibt das

1 −1 0 I
1 −1 0 1 0 −1 I + II
0 −4 4 3I − III (gestrichen)
3 1 −4 0 1 −1 II
0 1 −1 Gestrichenes : (−4)

Es gibt genau eine Lösung, nämlich β = −1 und δ = −1, also


 
−1
f ∩g =
−1

5 Schnitt zweier Ebenen im R3


Gegeben sind zwei Ebenen im R3 .
n o n o
E = ⃗a + β⃗b + γ⃗c β, γ ∈ R F = d⃗ + ε⃗e + φf⃗ | ε, φ ∈ R

Gesucht ist die Schnittmenge der beiden Ebenen. Das ist



⃗x ∈ R3 ⃗x ∈ E ∩ F

Es geht also um ⃗x ∈ R3 , für die es β, γ, ε, φ ∈ R gibt mit

⃗a + β⃗b + γ⃗c = ⃗x = d⃗ + ε⃗e + φf⃗

Das ergibt umgeformt


β⃗b + γ⃗c − ε⃗e − φf⃗ = d⃗ − ⃗a
oder als Gleichung mit Matrix-Vektor-Produkt geschrieben
 
  β  
b1 c1 −e1 −f1   d 1 − a1
b2 c2 −e2 −f2   γ  = d2 − a2 
ε
b3 c3 −e3 −f3 d 3 − a3
φ

Das kann man mit dem Gauß-Verfahren lösen. Das Ergebnis setzt man dann in E oder in F
ein.

3
5.1 Beispiel
      
 1 1 −1 
E = 2 + β −1 + γ  0  β, γ ∈ R
 
3 2 1
      
 3 0 −1 
F = 3 + ε 1 + φ  2  ε, φ ∈ R
 
2 2 3
Zu lösen ist hier die Gleichung
 
 β 
 
1 −1 0 1   2
−1 0 −1 −2  γ  =  1 
ε
2 1 −2 −3 −1
φ

Nach dem Gauß-Verfahren ergibt das

1 −1 0 1 2 I
0 −1 −1 −1 3 I + II
0 −3 2 5 5 2I − III

1 −1 0 1 2 I
0 −1 −1 −1 3 II
0 0 −5 −8 4 3II − III
1 −1 0 1 2 I
0 −5 0 3 11 5II − III
0 0 −5 −8 4 III
5 0 0 2 −1 5I − II
0 −5 0 3 11 II
0 0 −5 −8 4 III
1 0 0 25 − 15 I:5
0 1 0 − 5 − 11
3
5
II : (−5)
0 0 1 58
− 5 III : (−5)
4

0 0 0 0 0 Nullzeile
Damit hat man
  1   1    2 
1 0 0 52 −5 −5 1 0 0 25 5
0 1 3   11  
0 − 5  − 5  − 11  0 1 0 − 35   3 
 4  = 
5  ∧   5  = 0
0 0 1 58 
−5 4 
−5 0 0 1 85   85 
0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 −1

Und weiter
  1
  
 − 15  −5   2
1 −1 0 1  11   11  1 −1 0 1  5

− −
−1 0 −1 −2  54  =  54  −1 0 −1 −2 
3
=0
−  −  ∧ 
5
8 
2 1 −2 −3 5 5 2 1 −2 −3 5
0 0 −1

4
Also ist    1   2  
β 
 −5 

 γ  − 11  
5
− 3 
  ∈  54  + ζ  8 5  ζ ∈ R
 ε   −    

 5 5 

φ 0 −1
−1
Setzt man β = + ζ 25 und γ = −11
5 5
+ ζ −3
5
in die Gleichung für E ein, ergibt das
      
 1   1   −1 
−1 2   −11 −3  
E∩F =   −1 +

2 +
5

5 5

5
0 ζ ∈ R
3 2 1
Sortiert ergibt das
           
 1 1 −1 1 −1 
−1   −11   2   −3  
E∩F =   
2 + −1 + 0 +ζ  −1 + 0 ζ ∈ R
 5 5 5 5 
3 2 1 2 1
    
 3 1 

2
E∩F =  11  
+ ζ −5 ζ ∈ R
 52 1 
5 5
ζ+2
Das ist eine Gerade. Um Brüche zu vermeiden, kann man noch ξ = 5
substituieren und hat
    
 1 5 

E∩F =    −2 

3 +ξ ξ ∈ R
0 1
ε und φ in F einsetzen, geht auch.

5.2 Bemerkung
Dieses Verfahren ist sehr aufwendig. Aber es funktioniert bei allen Schnitten von affinen Un-
terräumen. Bei Schnitten von Geraden im R2 oder Schnitten von Ebenen im R3 , geht es mit
der Normalenform viel leichter.

6 Normalenform
Um einen affinlinearen Unterraum, zB eine Gerade im R2 oder eine Ebene im R3 , zu be-
schreiben, kann man auch einen Vektor nehmen, der senkrecht auf die Richtungsvektoren des
Unterraums ist. So ein Vektor ist ein Normalenvektor.

6.1 Gerade im R2
Die Gerade     
0 1
f= +β β ∈ R
2 3
   
0 ⃗ 1
hat den Stützvektor ⃗a = und den Richtungsvektor b = . Senkrecht auf ⃗b ist zB der
  2 3
−3
Vektor ⃗n := . Mit α := ⃗n • ⃗a = 2 hat man für jeden Punkt ⃗x ∈ f
1
 
⃗n • ⃗x = ⃗n • ⃗a + β b = ⃗n • ⃗a + β⃗n • ⃗b = α + β · 0 = α

5
Eine Normalenform der Gerade f ist
   
−3
2
f = ⃗x ∈ R • ⃗x = 2
1

6.2 Ebene im R3
Die Ebene       
 1 1 −1 
E = 2 + β −1 + γ  0  β, γ ∈ R
 
3 2 1
     
1 1 −1
 
hat den Stützvektor ⃗a = 2 und die Richtungsvektororen b = −1 und ⃗c = ⃗    0 .
3   2 1
−1
Senkrecht auf ⃗b und ⃗c ist zB der Vektor ⃗n := ⃗b × ⃗c = −3. Mit α := ⃗n • ⃗a = −10 hat man
−1
für jeden Punkt ⃗x ∈ E
 
⃗n • ⃗x = ⃗n • ⃗a + β⃗b + γ⃗c = ⃗n • ⃗a + β⃗n • ⃗b + γ⃗n • ⃗c = α + β · 0 + γ · 0 = α

Eine Normalenform der Ebene E ist


   
 −1 

3  
E = ⃗x ∈ R −3 • ⃗x = −10
 
−1

Sollte das Kreuzprodukt null werden, dann sind ⃗b und ⃗c linear abhängig, und E ist keine Ebene,
sondern eine Gerade.

6.3 Schnitt zweier Geraden im R2


Den Schnittpunkt der Geraden
       
−3
2 0 1
f = ⃗x ∈ R • ⃗x = 2 g= +δ δ∈R
1 −2 −1
   
0 1
kann man berechnen, indem man einen beliebiges ⃗x = +δ ∈ g in die Gleichung
−2 −1
für f einsetzt.
     
−3 0 1
• +δ =2 ∴ −2 + δ · (−4) = 2 ∴ δ = −1
1 −2 −1

Das ergibt dann den Schnittpunkt


     
0 1 −1
⃗x = + (−1) =
−2 −1 −1

Wenn es kein passendes δ gibt, dann sind die beiden Geraden parallel und nicht gleich. Wenn
jedes δ ∈ R passt, dann sind die beiden Geraden gleich.

6
6.4 Schnitt zweier Ebenen im R3
Den Schnittpunkt der Ebenen
      
 1 1 −1 
E = 2 + β −1 + γ  0  β, γ ∈ R
 
3 2 1
      
 3 0 −1 
F = 3 + ε 1 + φ  2  ε, φ ∈ R
 
2 2 3
kann man berechnen, indem man beide Ebenen in Normalenform bringt.
       
 −1   −1 

E = ⃗x ∈ R3 −3 • ⃗x = −10 F = ⃗x ∈ R3 −2 • ⃗x = −7
   
−1 1
Wenn das Kreuzprodukt der beiden Normalenvektoren null ist, dann sind die beiden Ebenen
parallel. Wenn auch noch der Stützvektor von E die Gleichung von F erfüllt, dann sind die
beiden Ebenen gleich. Wenn das Kreuzprodukt nicht null ist, dann ist es ein Richtungsvektor
der Schnittgeraden. In diesem Beispiel ist
     
−1 −1 −5
⃗h := −3 × −2 =  2 
−1 1 −1
Weil die beiden Ebenen nicht parallel sind, gibt es einen der beiden Richtungsvektoren von E,
der nicht senkrecht zu dem Normalenvektor von F ist. Hier sind es beide. ZB hat die Ebene F
und die Gerade     
 1 −1 
2 + γ  0  γ ∈ R
 
3 1
genau einen Schnittpunkt. Den kann man mit der Normalenform von F finden.
     
−1 1 −1
−2 • 2 + γ  0  = −7 −5
∴ −2 + γ · 2 = −7 ∴ γ=
2
1 3 1
Also ist ein Stützvektor     7
1 −1
  −5    2 
⃗g := 2 + 0 = 2
2 1
3 1 2
Das ergibt dann die Schnittgerade
 7    
 2 −5 

E∩F =  
2 +ζ  2 ζ ∈ R
 1 
2
−1

Um Brüche zu vermeiden, kann man noch ξ = ζ − 21 substituieren und hat


    
 1 5 

E ∩ F = 3 + ξ −2 ξ ∈ R
 
0 1

7
6.5 Hessesche Normalenform
Wenn man den Normalenvektor noch auf Länge 1 bringt, dann hat man die Hessesche Norma-
lenform. Das kann man erreichen, indem man die Normalenform äquivalent durch den Betrag
des Normalenvektors teilt. Zum Beispiel
      −1  
 √ 
 −1    −26  −7 
⃗x ∈ R −2 • ⃗x = −7 = ⃗x ∈ R  √6  • ⃗x = √
3  3
    √1
6
1 6

Da nun der Normalenvektor Länge Eins hat, ist der Abstand des affinlinearen Unterraums zum
Koordinatenursprung in Richtung des Normalenvektors genau die Zahl rechts vom Gleich.

7 Lot und Lotfußpunkt


7.1 Punkt und Gerade im R2
Im R2 ist das Lot vom Punkt A auf die Gerade g die Gerade, zu der die kürzeste Verbindung
zwischen A und g gehört. Der Schnittpunkt des Lots und der Geraden g ist der Lotfußpunkt.
Das Lot steht senkrecht auf die Gerade. Ein Richtungsvektor des Lots ist ein Normalenvektor
der Geraden. Mit dem Lotfußpunkt ⃗l, dem Normalenvektor ⃗n und dem Punkt ⃗a haben die
Gerade g und die dazu parallele Gerade h durch den Punkt ⃗a die Normalenformen
n o 
g = ⃗x ∈ R2 ⃗n • ⃗x = ⃗n • ⃗l h = ⃗x ∈ R2 ⃗n • ⃗x = ⃗n • ⃗a

Weil es ein α ∈ R gibt mit ⃗a = ⃗l + α⃗n, folgt


 
    ⃗
⃗n • ⃗a − l
⃗n • ⃗a = ⃗n • ⃗l + α⃗n ∴ ⃗n • ⃗a − ⃗l = α⃗n • ⃗n ∴ α=
⃗n • ⃗n
Wenn ⃗n Länge 1 hat, dann ist α der Abstand zwischen dem Punkt ⃗a und der Geraden g, wobei
die Richtung von ⃗n berücksichtigt ist.

7.1.1 Beispiel
      
0 1 4
f= +β β ∈ R ⃗a =
2 3 6
Hessesche Normalenform für f ist
( ! )

2
−3
√ 2
f= ⃗x ∈ R √1
10
• ⃗x = √
10 10

Das ergibt dann !  


−3
√ 4 2 −12 + 6 − 2 −8
α= √1
10
• −√ = √ =√
10
6 10 10 10
Und der Lotfußpunkt ist damit
  !   8
−3
−8
⃗l = ⃗a − α⃗n = 4 − √

10 4− 24
10 5
√1
= 8 = 34
6 10 10
6+ 10 5

8
7.2 Punkt und Ebene im R3
Das ist analog, nur dass es jetzt statt um die Gerade g um die Ebene E geht.

7.2.1 Beispiel
        
 1 1 −1  3

E = 2 + β −1 + γ  0  β, γ ∈ R ⃗a = 4
 
3 2 1 5
Hessesche Normalenform für f ist
  −1  

 √ 

3 √−3 
11
−10 
E = ⃗x ∈ R  11  • ⃗x = √

 √−1 11 

11

Das ergibt dann


 −1   

3
 √−3
11
   −10 −3 − 12 − 5 + 10 −10
α =  11  • 4 − √ = √ =√
√−1 5 11 11 11
11

Und der Lotfußpunkt ist damit


   −1     23 

3 3− 10
−10
⃗l = ⃗a − α⃗n = 4 − √  √−3 
 11

11
30 
11
11 
= 4− 11
=  14
11

5 11 −1
√ 5− 10 45
11 11 11

8 Aufgaben selber machen


8.1 Schnitt zweier Ebenen im R3
Denk dir zwei Ebenen im R3 aus. Für jede Ebene brauchst du einen Stützvektor und zwei
Richtungsvektoren. Berechne dann die Schnittgerade.

8.2 Lotfußpunkt
Denk dir eine Ebene und einen Punkt im R3 aus. Berechne den Lotfußpunkt.