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§ 1 Zweck des Wohngeldes - beck-online 08.12.

19, 21:21

WoGG § 1 Zweck des Zimmermann Zimmermann, Wohn- Rn. 1-7


Wohngeldes geldgesetz
1. Auflage 2014

§ 1 Zweck des Wohngeldes

(1) Das Wohngeld dient der wirtschaftlichen Sicherung angemessenen und familienge-
rechten Wohnens.

(2) Das Wohngeld wird als Zuschuss zur Miete (Mietzuschuss) oder zur Belastung (Las-
tenzuschuss) für den selbst genutzten Wohnraum geleistet.

I. Entstehungsgeschichte, Allgemeines

Die Neufassung des § 1 durch das Gesetz zur Neuregelung des Wohn- 1
geldrechts und zur Änderung des Sozialgesetzbuchs vom 24.9.2008
unterteilte den bisherigen Abs. 1 in zwei Absätze.17 In Abs. 2 sollte
nunmehr die Unterscheidung zwischen Zuschuss zur Miete und zur Be-
lastung für den selbst genutzten Wohnraum stärker hervorgehoben
werden.

Die bisherigen Regelungen zum Wohngeldausschluss in den Abs. 2 2


und 5 aF wurden wegen der systematischen Nähe zum Begriff des
Haushaltsmitgliedes in die §§ 7 und 8 Abs. 1 eingeordnet und ergänzt.
Abs. 3 aF (Antragberechtigung der vom Wohngeld ausgeschlossenen
Familienmitglieder in Mischhaushalten) wurde unter Anpassung an den
neuen Haushaltsbegriff aus systematischen Gründen dem § 3 Abs. 4
zugeordnet. Abs. 4 aF (Nichtanrechnung des Wohngeldes als Einkom-
men bei anderen Sozialleistungen), wurde sprachlich geringfügig ge-
ändert und in § 40 eingefügt.18

II. Erläuterungen

1. Angemessener Wohnraum

Das Wohngeld soll Haushalten mit niedrigem Einkommen einen ange- 3


messenen, also einen einem Mindestwohnstandard entsprechenden
Wohnraum wirtschaftlich ermöglichen und auf Dauer sichern. Aller-
dings wird der Mindestwohnstandard im Wohngeldgesetz nicht festge-
legt. Vielmehr sind in § 12 Abs. 1 Höchstbeträge für Miete und Belas-
tung vorgesehen, aus denen sich die obere Grenze der Angemessen-
heit entnehmen lässt. Anders als in der Sozialhilfe und bei der Grund-
sicherung im Alter und bei voller Erwerbsminderung (§§ 9 Abs. 1, 35
Abs. 1 S. 1 SGB XII iVm § 42 Nr. 4 SGB XII) oder bei der Grundsiche-
rung für Arbeitsuchende SGB II (§ 22 Abs. 1 S. 1 SGB II), bei denen die
Wohnkosten einer individuellen, die Besonderheiten des Einzelfalles
berücksichtigenden Angemessenheitskontrolle unterworfen sind,19 fin-
det im Wohngeldgesetz keine Angemessenheitskontrolle statt. Auch
örtliche Besonderheiten, wie außerordentliche Miethöhen20 oder der
außergewöhnliche Wohnraumbedarf eines behinderten Menschen, fin-
den keine Berücksichtigung.

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Verfassungsrechtliche Bedenken gegen die Pauschalierung bestehen 4


nicht. Aus den Art. 1, 20 Abs. 1 GG (Schutz der Menschenwürde, Sozi-
alstaatsgebot) ergibt sich lediglich, dass der Gesetzgeber dem mittel-
losen Bürger durch Sozialleistungen die Mindestvoraussetzungen für
ein menschwürdiges Dasein schaffen muss.21 Hinsichtlich der Ausge-
staltung hat er einen weiten Ermessenspielraum und kann sich der
Pauschalierung und Typisierung bedienen.22 Das Wohngeld ist lediglich
eine Sozialleistung, die statt der Grundsicherung geleistet wird. Da die
Grundsicherung grundsätzlich jedem Bürger offen steht und ein men-
schenwürdiges Dasein ermöglicht, weil u.A. auch die angemessenen
Kosten für Unterkunft in tatsächlicher Höhe übernommen werden, ist
eine fehlende individuelle Berücksichtigung des Bedarfes im Wohn-
geldrecht mit den genannten Grundrechten vereinbar.

2. Familiengerechtes Wohnen

Auch aus dem Gebot familiengerechten Wohnens (Art. 6 Abs. 1 GG), 5


welches auf den Schutz von Ehe und Familie abstellt, ergibt sich kein
Anspruch auf Individualisierung des Wohngeldes. Hierbei handelt es
sich um einen Programmsatz, der in § 11 Abs. 1 WoGG umgesetzt
wird, nach dem die Größe der Familien und deren Wohnbedarf nach
der Anzahl der im Haushalt lebenden Personen berücksichtigt werden
muss.

3. Rechtsanspruch

Wohngeld wird als Zuschuss zur Miete oder zu den Lasten des selbst 6
genutzten Wohneigentums (Lastenzuschuss) geleistet. Aus dem Wort-
laut des Gesetzes „wird … geleistet“, ergibt sich der Rechtsanspruch
auf die Leistung von Wohngeld. Die Leistung erfolgt als Zuschuss zur
Miete oder vergleichbare Aufwendungen und verbleibt endgültig bei
dem Berechtigten (§§ 7, 26 Abs. 1 SGB I). Anders als nach § 17 Abs. 2
BAföG, §§ 9 Abs. 4, 22 Abs. 2 S. 2 SGB II oder §§ 37 Abs. 1 SGB XII ist
im WoGG keine Leistung in Form eines rückzahlbaren Darlehen vorge-
sehen. Der Begriff Zuschuss hat im Wohngeldrecht eine weitere Be-
deutung: Das Wohngeld mindert in der Regel nur die Belastungen des
Mieters oder Eigentümers, weil anders als in der Grundsicherung keine
vollständige Übernahme der Wohnkosten vorgesehen ist.

4. Miete, Belastungen

Der Zuschuss wird nur für den selbst genutzten Wohnraum 7


geleistet.23 Dies betrifft sowohl die Miete als auch die Lasten des
Wohneigentums. Ein Anspruch auf Wohngeld besteht nur für tatsächli-
che Belastungen, so dass der Anspruch auf Wohngeld bei Nichtzahlung
von Miete oder der mit dem Eigentum verbundenen Belastungen nicht
besteht.24

Miete ist das vereinbarte Entgelt für die Gebrauchsüberlassung von


Wohnraum aufgrund von Mietverträgen oder ähnlichen Nutzungsver-
hältnissen einschließlich Umlagen, Zuschlägen und Vergütungen (§ 9
Abs. 1).

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Belastung sind die Kosten für den Kapitaldienst und die Bewirtschaf-
tung von Wohnraum in vereinbarter oder festgesetzter Höhe (§ 10
Abs. 1).

17 Vom 24.9.2008, BGBl. I, 1856.


18 BT-Drucks. 16/6543, 87.
19 BSG 7.11.2006 – B 7 b AS 10/06 R.
20 Zu den Wohnkosten in Ballungsräumen vgl auch die Rspr zur Beamtenbesoldung BVerfG
6.3.2007 – 2 BvR 556/04 Rn 62.
21 BVerfG 29.5.1990 – 1 BvL 20/84, 1 BvL 26/84, 1 BvL 4/86; 9.2.2010 – 1 BvL 1/09, 3/09,
4/09.
22 BVerfG 9.2.2010 – 1 BvL 1/09, 3/09, 4/09 Rn 138.
23 BT-Drucks. 16/6543, 87.
24 OVG MV 24.2.2009 – 2 L 244/08; VG Augsburg 25.1.2006 – Au 2 K 05.175; OVG Lüne-
burg 29.5.2012 – 4 LA 114/12.

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