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Kollektive Ängste

WOVOR FÜRCHTEN SICH


LATEINAMERIKANER?

Foto: Pedro Hamdan

Kollektive Ängste sind Ausdruck von realen und empfundenen Bedrohungen. In


Lateinamerika überwiegen dabei Themen wie Alltagskriminalität,
Naturkatastrophen und Krankheiten.

Von David Barrios Rodríguez

Die kollektiven Ängste in Lateinamerika haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich
verändert. Einerseits scheint es eine allgemeine Angst vor Alltagskriminalität und allem,
was man als „Gefahren der Stadt“ bezeichnen kann, zu geben. Dieser Begriff wurde aus
einem überaus patrimonialen Denkansatz heraus formuliert, der sich auf Angriffe auf den
Privatbesitz bezieht, ebenso wie auf Angriffe auf das eigene Leben.

Andererseits erleben wir in Ländern wie Kolumbien, Brasilien, Mexiko oder im nördlichen
Dreieck Mittelamerikas – Honduras, El Salvador und Guatemala – die Verbreitung von
Angst in Bezug auf Gewalt- und Gräueltaten, die in ihrem Ausmaß und Schrecken an
kriegsähnliche Zustände erinnern. Diese Auseinandersetzungen haben verschiedene
bewaffnete Akteure als Protagonisten, zu denen auch militarisierte Polizeieinheiten und
/
die jeweiligen nationalen Armeen zählen können. Ihnen gegenüber stehen
unterschiedliche bewaffnete Gruppen, die häufig in Verbindung mit dem organisierten
Verbrechen und Drogenmafias stehen und die sich gegenseitig Territorien streitig
machen, um sich an ihnen zu bereichern. Das ist der Fall bei den Drogenbanden
Brasiliens, den kriminellen Banden (den sogenannten BACRIM) in Kolumbien und den
Maras in Zentralamerika.

KOLLEKTIVE ÄNGSTE UND SOZIALE ÜBERWACHUNG


Solche Ängste sind kollektiver und politischer Natur. Sie haben eine breite Wirkung auf
staatliche Maßnahmen, die oft auf soziale Kontrolle und Überwachung abzielen. Diese Art
von Kontrolle wird häufig durch nicht-staatliche bewaffnete Gruppen verschärft, die in
den von ihnen kontrollierten Gebieten die individuelle Freiheit und die Menschenrechte
stark einschränken.

Um einen allgemeinen Zeitrahmen der Entwicklung dieser Ängste zu bestimmen, können


wir die Phase der progressiven Einführung des Neoliberalismus in der Region in den
letzten Jahrzehnte erwähnen. Die heutigen lateinamerikanischen Ängste haben sich erst
mit diesen strukturellen Reformen herausgebildet und sind Ausdruck und Folge des
bereits genannten patrimonialen Charakters, bei dem es um Besitzansprüche geht.
Seitdem leben wir in einer stark polarisierten und ungleichen Gesellschaft, in der das
Gefühl der Verlassenheit überwiegt.

Die Zunahme von Ängsten in Lateinamerika hat noch ein weiteres Merkmal. In einigen
Fällen stimmt das Gefühl von Angst nicht mit den realen Zahlen überein. Dies spiegelt
sich in den sogenannten Viktimisierungsraten wider, die besagen, in welchem Maß eine
Bevölkerung sich selbst als mögliches Opfer von Straftaten sieht, ohne dass dies durch
reale Gefahren belegt würde. So kann man beobachten, dass auch in Ländern wie
Argentinien, Chile oder Uruguay, die die niedrigsten Kriminalitätsraten in Lateinamerika
aufweisen, politische Strafmaßnahmen instrumentalisiert werden. Im Gegensatz dazu
kann man in den Regionen und Ländern mit hohen Mordraten eine gewisse
„Normalisierung“ beobachten. Diese manifestiert sich durch eine Art emotionale
Abstumpfung nicht nur gegenüber dem Verlust von Menschenleben, sondern auch in
Bezug auf die an den Opfern verübten Gewalttaten. Das bringt tiefgehende kulturelle
Veränderungen mit sich, die durch das alltägliche Zusammenleben mit jenen
Phänomenen und Gefühlen der Angst entstehen.

KAPITALISMUS UND ANDERE KATASTROPHEN


Die bisher genannten Ängste sind die offensichtlichsten und am weitesten verbreiteten.
Daneben stehen aber noch weitere Ängste, die die lateinamerikanischen Gesellschaften
ebenso beeinflussen. Naturkatastrophen treten immer häufiger und heftiger auf. Und sie
werden vom profitgierigen Raubbau an der Natur und dem damit verbundenen
Klimawandel beschleunigt. So wüten Hurrikane, Stürme und Zyklone regelmäßig über die
Küstenregionen des Kontinents. Ähnliches gilt besonders in Chile und Mexiko für
/
Erdbeben und deren verheerenden Folgen, wobei das Beben in Haiti im Januar 2010 bis
dahin ungekannte soziale Auswirkungen nach sich zog. Die Befürchtung, dass Menschen
noch unter den Trümmern lebend begraben waren, führten zu außergewöhnlichen Gesten
von Solidarität und sozialem Engagement.

Auch genannt werden sollten Ängste, die mit der Ausbreitung von Krankheiten entstehen.
Betrachten wir etwa das Auftreten der Influenza A (H1N1) im Jahr 2009, deren
Epizentrum Nordamerika war und die im Nachhinein aufgrund der hohen Infektionszahlen
als Pandemie eingestuft wurde. In diesem Zusammenhang wurden außergewöhnliche
Maßnahmen in Mexiko durchgesetzt, wie die Militarisierung der öffentlichen Plätze. Diese
hatte zwar schon mit dem Beginn des sogenannten Drogenkriegs begonnen, fand nun
aber in einem viel größeren Umfang statt. Und paradoxerweise trug sie sogar dazu bei,
das Ansehen des mexikanischen Militärs – welches immer wieder in Verbindung mit
mehrfachen Menschenrechtsverletzungen gebracht wird – unter der Bevölkerung zu
verbessern.

Heute, mit der durch das Corona-Virus hervorgerufenen Krankheit COVID-19 und den auf
internationaler Ebene getroffenen Maßnahmen befinden wir uns in einer absoluten
Ausnahmesituation. Ohne die aktuelle Situation zu verharmlosen, sollte doch darauf
hingewiesen werden, dass in Lateinamerika und der Karibik heilbare Krankheiten,
besonders Magen-Darm-Infektionen oder solche tropischer Natur, jährlich Tausende von
Opfern fordern. Das hat auch mit der ausgeprägten Ungleichheit in der Region zu tun,
der Mängel oder den Kürzungen im Gesundheitswesen sowie den zum Teil prekären
materiellen Bedingungen. Hinzu kommt außerdem, dass die Region die höchsten Zahlen
an tödlich endender Gewalt aufweist, massive Vertreibungsprozesse stattfinden und ein
extrem hohes Ausmaß an Gewalt gegenüber Frauen zu konstatieren ist. Auch wenn es
noch zu früh ist, um eine Vorhersage über die Auswirkungen des Corona-Virus in der
Region zu machen, ist schon jetzt klar, dass eine schnelle Verbreitung des Virus in
Lateinamerika verheerende Folgen haben könnte.

In Lateinamerika und der Karibik können Angst und Gewalt koexistieren mit der
Empörung, die in sozialen, ökologischen und anti-neoliberalen Kämpfen gegen
sexistische Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung ihren Ausdruck findet. In den
kommenden Monaten werden wir auch einschätzen können, ob die durch das Corona-
Virus ausgelöste Angst die soziale Unzufriedenheit in Ländern wie Kolumbien, Brasilien,
Bolivien und Chile überlagern und rechtsgerichtete Regierungen stützen wird – oder ob
sie eine entgegengesetzte Wirkung entfaltet.
 

AUTOR

David Barrios Rodríguez ist Doktor in Lateinamerikastudien an der Universidad Nacional


Autónoma in México City. En ist Mitglied der Lateinamerikanischen Beobachtungsstelle
für Geopolitik (OLAG) und studiert aktuelle Formen der Militarisierung mit Schwerpunkt
/
auf Lateinamerika und die Karibik.

Übersetzung: Kathrin Dehlan


Copyright: Goethe-Institut Kolumbien
April 2020

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