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Die Hainbuche
Bereits vor etwa zehn zum Pyrenäenrand (siehe
Millionen Jahren, im Pliozän, Karte).
war die Hain- buche (Carpinus Weitere Verbreitungsschwer-
betulus L.) in Europa heimisch. punkte anderer Hainbuchen-
Bekannt ist sie auch unter dem arten sind Ostasien und das
deutschen Namen Hagebuche nördliche Amerika.
(mittelhoch-deutsch, hac = Erwähnenswerte Reinbestän-
Gebüsch, Einfriedung), de bildet die Hainbuche nur in
Hornbuche, Steinbuche und Ostpreußen und Litauen, wo sie
Weißbuche. Botanisch gehört besonders gut wächst.
sie zu der Familie der In Deutschland findet sich die
Birkengewächse (Betulaceae), Hainbuche mit Ausnahme des
die in sechs Gattungen 170 friesischen Küstenbereiches
Arten in sich ver- eint. Die überall in den Hartholz-Auewal-
Gattung Carpinus allein bringt dungen, der Ebene und in den
es auf 30 Arten. unteren Hanglagen der Mittel-
Nur eine der Arten, eben die gebirge. So findet sie im
Hainbuche, ist bei uns heimisch: Bayerischen Wald bei 700 m, im
Sie ist aber erst seit etwa 3000 Schwarzwald bei 900 m und in
Jahren als Folge des rück- den Alpen zwischen 800 und
weichenden Eises der letzten 1100 m Höhe ihre Grenze.
Eiszeit wieder zurückgekehrt. In In Deutschland gibt es
vielen deutschen Landschaften größere Reinbestände auf der
gehört sie zum festen Bestand Fränkischen Platte.
des Waldes, wie Ortsnamen
zeigen. Orte mit Haag, Hag,
Hägen, aber mehr noch mit
Hain, Heim, Ham, Han, Horn
lassen darauf schließen. Leicht
erkennbar zeigen das die
Namen Hainbücht, Hainbuch, Häufig tritt die Hainbuche im Unterstand großer Eichen auf
Hambuchen oder Hornshagen.

buche dagegen mit den Eichen In der heute bekannten WaId-


verwandt ist. geschichte hat die Rotbuche die
Verbreitungskarten zeigen, Hainbuche dominiert. Die
dass sich beide "-buchen" aus Pollenanalyse spricht hier eine
dem Weg gehen: Die Hain- deutliche Sprache.
buche gedeiht dort besonders
gut, wo die Rotbuche beispiels-
weise ihre Grenzen findet. Verbreitung
Die Hainbuche bevorzugt
kontinentales, subatlantisch
geprägtes Klima.
Die Hainbuche ist in Europa
weit verbreitet. Sie reicht im
Das Blatt der Hainbuche läuft Norden nach Südengland und
eiförmig in eine Spitze aus und
ist doppelt gesägt Südschweden, im Osten bis
nach West-Rußland und im
Obwohl fast namensgleich, Süden bis nach Italien,
sind Hainbuche und (Rot-) Balkanhalbinsel, Kleinasien,
Buche nicht näher verwandt. Kaukasus, Nordpersien, wobei
Botanische Merkmale bewei- sie in den südlichen Arealteilen
sen, dass Hainbuchen als auf das Gebirge beschränkt Nach der Windbestäubung
Kätzchenblüher mit den Die männlichen Blütenkätzchen bleibt. Die Westgrenze von wachsen aus den weiblichen
Birkengewächsen, die Rot- der Hainbuche Brest dem Atlantik folgend bis Blüten die Fruchtstände
Natürliches Areal von Carpinus betulus

Waldbau
Die Hainbuche ist gegenüber
anderen Baumarten duldsam.
Unter- und zwischenständig in
Mischbeständen, bleibt sie
selbst unterdrückt lebensfähig.
Verbiß und Verschnitt verkraftet
sie gut. Sie besitzt ein hohes
Ausschlagvermögen. Das tief-
greifende Wurzelwerk schiebt
nach Abhieb neue Triebe.
Dieses Vermögen förderte ihren
hohen Anteil in den Waldun- Typisch für den Stamm der Hainbuche ist der Drehwuchs
gen, die im Mittel- oder Nieder- (spannrückig)
waldbetrieb bewirtschaftet wur-
den; zumal durch jährliche Hecken
Verjüngung immer wieder
genügend Kernwüchse den Günstigen Wuchs zeigt sie auf Außerhalb des Waldes wird
Die Hainbuche bevorzugt frischen, feuchten, nährstoff- die Hainbuche in zahlreichen
Bestand ergänzten. Die frische, feuchte, nährstoff- und
überalterten Stöcke wurden so und basenreichen, feinerdigen, Gartenformen kultiviert und
basenreiche Böden
ständig durch junge Bäume tiefgründigen Böden. Sie ersetzt insbesondere als Heckenge-
ersetzt. die Buche auf schweren hölz angepflanzt. Die hohe
Meistens tritt die Hainbuche tonreichen Böden und in Schnittverträglichkeit und die
Für den Aufbau von
als Mischbaumart entweder feuchten Mulden und wächst Eigenschaft, die Blätter im
Windschutzstreifen eignet sich
einzeln eingesprengt oder in auch auf trockeneren Winter lange zu behalten,
Hainbuche von der Ebene bis in
kleinen Horsten auf. In Eichen- Kalksteinböden. haben sie zu einer der belieb-
die mittleren Gebirgsstufen. Die
Mischwäldern gehört sie zum abgestorbenen Blätter hält sie
festen Bestandteil der den ganzen Winter über und
Artenpalette. bietet damit während der
Vorzüglich eignet sie sich, um rauhen Jahreszeit weiterhin
Waldaußenränder aufzubauen, Schutz.
die sie festigt, dicht oder licht Der Waldbauer schätzt die
halten kann. Die Toleranz zu Hainbuche als „dienende“
anderen Baumarten und ihr Baumart mit vielerlei Qualitäten.
Schattenerträgnis sind dabei Sie ist ausdauernd und hilft, die
hilfreich. Schäfte von Eiche oder Esche
zu ummanteln und zu
beschatten; sie beschattet auch
den Boden, der durch das
abgeworfene, leicht zersetzliche
Laub guten Müll bildet; die
Herzwurzel erschließt den
Boden; und als Halbschatten-
oder Schattenbaumart kann sie
überall dort, wo sie noch nicht
ist, gepflanzt werden. In
Eichenkulturen wurde sie des-
Nach etwa zwei bis drei halb meist mit der Eiche
Wochen Samenruhe schiebt der gleichzeitig gepflanzt, auch um
Keimling zwei linsenförmige den Verbiss durch Wild auf sich Die Hainbuche steht häufig auf Die Hainbuche festigt die Wald-
Keimblätter zu ziehen. aus- geprägten Wurzelanläufen ränder
Als mittelgroßer Baum erreicht An den neu entstandenen
die Hainbuche maximale Höhen Kurztrieben bilden sich die
von 25 m mit Durchmessern von weiblichen Blüten als lockere
0,5 bis 1,0 m. Die Hainbuche ist Ähren.
als Halbschattenbaumart (auf Nach der Windbestaubung
guten Standorten Schatten- wachsen sie zu hängenden
baumart) zumeist auf die Fruchtständen. An ihnen
unteren Waldschichten be- befinden sich versteckt in den
schränkt, dabei wesentlich dreilappigen Hüllschuppen
kleiner mit Durchmessern kantige nüsschenähnliche Sa-
zwischen 0,35 bis 0,40 m. men. Sie reifen im Oktober,
Aufgrund ihres großen über den Winter verbreitet sie
Stockausschlagsvermögens der Wind. Gerne werden die
wächst die Hainbuche oft Hainbuchensamen vom Kern-
vielstämmig und strauchartig mit beißer gefressen.
Höhen zwischen 5 und 10 m. Nach etwa zwei bis drei
Die Hainbuche erreicht ein Wochen Samenruhe schiebt der
Alter von 120 bis 150 Jahren. In Keimling zwei linsenförmige
Die Hainbuche in einer beson- der Jugend ist sie Keimblatter; der Beginn des Vorzüglich eignet sich die Hain-
ders typischen Wuchsform schnellwüchsiger als die neuen Baumes. Die buche, um Waldaußenränder
Rotbuche. Die Höhen- Samenjahre sind häufig. Der aufzubauen
testen Heckenpflanzen wer-den wuchsleistung (6 m hoch in 10 Same bleibt etwa drei Jahre
lassen. Auch ist sie für unsere Jahren) sinkt bereits nach 30 keimfähig.
Vögel ein beliebter Brutplatz. Jahren rasch ab und endet Das schwerste und härteste
Schnitthärte und Austriebs- schließlich bei 80 bis 90 Jahren. einheimische Holz lässt sich nur
vermögen, gestaltende und Fruchtbar werden die sehr schwer spalten, aber gut
gestalterische Formung erlau- Hainbuchen mit 20 Jahren, im be- und verarbeiten. Durch das
ben mit Hainbuchen lebende Bestand etwa zehn Jahre Holz starke Schwinden, Reißen und
Hecken anzulegen. Lauben und später. Aus kleinen, am Zweig Verwerfen ist es indessen nicht
Einfriedungen geraten mit anliegenden, kegelförmigen für alle Verwendungszwecke
Hainbuchenholz war in
Hainbuchen gut; die Knicks in Knospen entfalten sich zunächst und für hohe Stückzahlen
vorindustrieller Zeit und zu
Schleswig-Holstein und die die Blätter. Das Blatt wirkt geeignet.
Beginn des Industriezeitalters
Wallhecken im Münsterland immer wie gerade aufgefaltet, Diese Qualitätsverluste lassen
wegen seiner Eigenschaften
haben Hainbuche als tragendes hat eine Lange bis zu 15 cm, sich durch besondere Lagerung
klar hervortretende Seiten- begehrt.
Element. Hier gab es auch die Hainbuchenholz ist weiß bis und Trocknung sowie frühzeitige
„Kopfbuchen“, die durch nerven und einen erkennbaren
gelb. Der noch wasserleitende Fällung im Winter verringern.
vielfältigen Austrieb reichlich Blattstiel. Eiförmig läuft es in
Kern und der tiefer im Baum Zusätzlich muss das Holz rasch
Brennholz lieferten. Und wie eine Spitze aus, der Blattrand ist
liegende Splint sind nicht ohne abgefahren und spätestens bis
selbstverständlich haben die doppelt gesägt. Nach der
weiteres erkennbar, d. h. sie zum April eingeschnitten
Gartengestalter und -künstler Laubentwicklung, die dem
Bestand einen zart grün sind nicht durch unterschied- werden.
die Hainbuche für sich entdeckt.
überlaufenden Schimmer liche Färbung voneinander ab- Von Drechslern, Wagnern,
Das besondere an der
verleiht, erscheinen von April/ gesetzt wie etwa bei der Eiche Werkzeugmachern war das
Hainbuche ist das Bizarre, das
Mai bis Juni die hängenden, oder Kirsche. Das Holz ist fest, qualitativ hochwertige feste Holz
innere Gefüge im Kronen-
bleichen männlichen Blüten- hart, zäh, sehr dicht mit einer gesucht: Für Maschinenteile in
aufbau, das sich in Frei- und
Gruppenstand ganz anders kätzchen an den vorjährigen Rohdichte von 0,8 g/cm3 (Eiche Mühlenbetrieben, im Windmüh-
präsentiert als im geschlos- Zweigen. ca. 0,7 g/cm3.) lenbau, für
senen Bestand. Dazu kommt
das Farbspiel der Jahreszeiten
vom zarten lindgrün bei
Laubausbruch bis zum
farbenfrohen gelbrötlichen
Herbstaspekt. Züchter haben für
die Parks unter anderem viele
Gartenformen entwickelt.

Erscheinungsbild
Der im Waldbestand astfreie
Stamm verjüngt sich zur Krone
hin rasch. Der Stamm zeigt
rippige, meist spiralig verlau-
fende Wülste. Weiß- bis silber-
grau ist das Rindenbild, in
höherem Alter rautenartig
aufgerissen. Eine Borke wird
nicht gebildet. Nicht glattrund ist
der Stammquerschnitt, sondern
oft verbunden mit Drehwuchs
typisch „spannrückig“. Häufig
steht die Hainbuche auf aus-
geprägten Wurzelanläufen. Sie HAINBUCHEN-SCHNEITEL WALD
sichern Stabilität bis ins Alter Besonders die Hainbuche eignet sich wegen ihres Futterwertes und Regenerationsvermögens zum
von rund 150 Jahren. Schneiteln. Hierbei werden junge, beblätterte Zweige für Futter- und Streuzwecke abgeschnitten
Das schwerste und härteste einheimische Holz lässt sich gut Bis heute werden die in der Textilindustrie benötigten
be- und verarbeiten Webschützen und Hülsen zum größten Teil aus Hainbuchenholz
gefertigt
Hobel, Holzschrauben, Axt- und Gefahren
Gerätestiele, Maßstäbe und
Hämmer, Radkämme, -achsen Den frostharten Baum trifft auf
und -speichen, Klavierteile, ungeeigneten Standorten eher
Billardqueues, Spindeln, Och- die Sommerdürre. Verbiss
senjoche und Dreschflegel, durch Wild lässt sich nirgends
Fleischhackklötze, Milchkübel ausschließen. In Mäusejahren
und Butterfässer, Schuh- wird die Hainbuche durch
zwecken, -stifte und -leisten, Rindenabnagen, mehr aber
Dübel und Keile, Kegel und durch Wurzelfraß geschädigt.
Schlittenkufen. Insektenschäden an Blättern
Durch Ersatzwerkstoffe hat erreichen aber nie den Umfang
das Hainbuchenholz heute viele einer Kalamität wie etwa durch
seiner Verwendungsmöglich- Borkenkäfer beim Nadelholz.
keiten eingebüßt. Bis heute
werden die in der Textil- Brauchtum
industrie benötigten Webschüt-
zen und Hülsen zum größten Um die Hainbuche ranken
Teil aus Hainbuchenholz sich wenig Sagen und fast keine
gefertigt. Ebenso im Klavierbau Brauchtumsgeschichten. Über-
wird die Hainbuche oft liefert ist die Bezeichnung
verwendet. 95 % der Klavier- „hanebüchen“ für alles Derbe,
mechanik bestehen aus Grobe, Feste und Unerhörte.
Hainbuche. Wahrscheinlich geht der
Das heizkräftige Brennholz Ausdruck zurück auf eine
wurde in den Niederwald- Verballhornung von „hage- Viele Hackklötze sind aus Hainbuchenholz hergestellt
umtrieben auch direkt von büchen“, also „hainbu-
Köhlern zu Holzkohle sehr guter chenahnlich“. Erstmals soll
Qualität verarbeitet. Sie war Ende des 17. Jahrhunderts von
besonders für die Schwarz- Bauern als „hagebüchene
pulverherstellung geeignet. Aus Kerle" und dem „heimbüchenen
Hainbuchenasche wurde Pott- Bauernstand" die Rede
asche hergestellt. gewesen sein.

Impressum
Herausgeber:
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Meckenheimer Allee 79,
53115 Bonn
Telefon: 0228- 945983-0, Fax: 0228 -945983-3,
Email: info@sdw.de,
Internet: http://www.sdw.de

Spendenkonto: Sparkasse Bonn,


Ktn. 31017775, BLZ 37050198
Text: Christian Griesche, Sabine Krömer-Butz
Bilder: AG Holz(4), Kausch(3), Griesche(3), Schmidle(3), Hooge(2),
Zernecke(1)
Verbreitungskarte: Lexikon d. Forstbotanik; Schütt, Schmuck, Stimm

Gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung, Für Werkzeuge wird das qualitativ hochwertige Hainbuchenholz
Landwirtschaft und Verbraucherschutz häufig verwendet