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Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Auf einen Blick

1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit 3

2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle 17

3 Theoretische Grundlagen 51

4 Methodische Grundlagen 143

5 Arzt-Patient-Beziehung 177

6 Urteilsbildung und Entscheidung 197

7 Interventionsformen 205

8 Besondere medizinische Situationen 219

9 Patient und Gesundheitssystem 231

10 Prävention 241

11 Maßnahmen 253

12 Anhang 261
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg
Kurzlehrbuch

Medizinische
Psychologie
und Soziologie

Simone Rothgangel

Begründet von
Julia Schüler
Franziska Dietz

Fachbeirat:
Bringfried Müller

2., überarbeitete Auflage

62 Abbildungen
28 Tabellen
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Georg Thieme Verlag


Stuttgart · New York
IV

Dipl.-Psych. Simone Rothgangel Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin
s.rothgangel@googlemail.com ständigen Entwicklungen unterworfen. Forschung und
klinische Erfahrung erweitern unsere Erkenntnisse, ins-
Fachbeirat: besondere was Behandlung und medikamentöse Therapie
Dr. med. Dipl.-Psych. Bringfried Müller anbelangt. Soweit in diesem Werk eine Dosierung oder eine
MEDI-LEARN Applikation erwähnt wird, darf der Leser zwar darauf
Elisabethstraße 9 vertrauen, dass Autoren, Herausgeber und Verlag große
35037 Marburg Sorgfalt darauf verwandt haben, dass diese Angabe dem
Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes entspricht.
Grafiken: BITmap GmbH, Mannheim; Für Angaben über Dosierungsanweisungen und Applika-
Malgorzata & Piotr Gusta, Paris tionsformen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr über-
Klinische Fälle als Kapiteleinstiege: nommen werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch
Lehrbuchredaktion Georg Thieme Verlag sorgfältige Prüfung der Beipackzettel der verwendeten
mit Fachbeirat Dr. med. Johannes-Martin Hahn Präparate und gegebenenfalls nach Konsultation eines
Layout: Künkel u. Lopka, Heidelberg Spezialisten festzustellen, ob die dort gegebene Empfehlung
Umschlaggestaltung: Thieme Verlagsgruppe für Dosierungen oder die Beachtung von Kontraindikatio-
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Deutschen Bibliothek erhältlich.

1. Auflage 2004
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

© 2004, 2010 Georg Thieme Verlag


Rüdigerstraße 14 Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht
D-70469 Stuttgart besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines
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Druck: Grafisches Centrum Cuno GmbH & Co. KG, Calbe für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen
und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen
ISBN 978-3-13-136422-7 1 2 3 4 5 6 Systemen.
Vorwort V

Vorwort zur 2. Auflage

Liebe Leserin, lieber Leser, Ergänzung von neuen Prüfungsthemen, Kürzung


von inzwischen weniger relevanten Themengebie-
im Jahr 2008 erhielt ich eine Anfrage vom Georg ten.
Thieme Verlag, ob ich das Ihnen vorliegende Kurz- Hervorhebung von prüfungsrelevanten Inhalten
lehrbuch auf den neuesten Stand bringen möchte. durch Lerntipps und Merke-Kästen unter Berück-
Ins „Visier“ des Verlages war ich geraten, weil ich sichtigung von Schwerpunkten und “Lieblingen“
mit der Vorbereitung von Medizinstudenten auf das des IMPP.
Physikum durch meine langjährige Tätigkeit als Strukturierte und verständliche Darstellung der
Dozentin und psychologische Kursbegleiterin für Inhalte.
MEDI-LEARN gut vertraut bin. Ergänzung um viele weitere Tabellen, Abbildun-
Viele Studenten sehen sich vor dem Physikum mit gen und alltagspraktische Beispiele.
folgender Situation konfrontiert: Sie müssen sich – Überarbeitung der Check-Ups am Ende der Kapitel.
häufig in nicht allzu viel Zeit – auf die schriftliche Prü- Diese regen Sie gezielt an, die wichtigen und prü-
fung der verschiedenen Fächer in Form von Multiple- fungsrelevanten Inhalte selbst noch einmal aktiv
Choice-Fragen vorbereiten. Die Fragen werden vom zu überprüfen.
IMPP, dem Institut für medizinische und pharmazeu- Im Hinblick auf diese Ziele wurden vor allem die Kapi-
tische Prüfungsfragen, gestellt. 60 von den insgesamt tel 1, 2, 3 und 4 inhaltlich überarbeitet.
320 Physikumsfragen fallen dabei auf das Fach
„Medizinische Psychologie und Soziologie“. Das sind Außerdem wurde in der neuen Auflage dem Wunsch
relativ viele Fragen, verglichen mit den ca. 80 Fragen, vieler Leser nach einem Glossar entsprochen: Im
die z.B. für das Fach Anatomie anfallen. „Faktentrainer“ sind thematisch – nach der Kapitel-
Der Gegenstandskatalog (GK) des IMPP umfasst dabei struktur sortiert – wichtige Stichworte kurz zusam-
eine Vielzahl von Themen aus den verschiedensten mengefasst. Sie können dieses Heft zum Nachschlagen
Bereichen der Psychologie (Sozial-, Entwicklungs-, von Begriffen, zur Rekapitulation der gelesenen In-
Emotions-, Motivations-, Persönlichkeits-, Biopsycho- halte und als „Kurzkurzzusammenfassung“ für die
logie, klinische Psychologie, medizinische Soziologie, Prüfungsvorbereitung verwenden. Die Zusammen-
Methodenlehre etc.), zu denen mal mehr und mal stellung der Stichworte orientiert sich vor allem an
weniger detaillierte Fragen gestellt werden. der Prüfungsrelevanz. Der „Faktentrainer“ ist damit
Darüber hinaus werden Sie bereits in der Vorklinik im eine weitere Lernhilfe für Sie, erhebt jedoch keinen
Rahmen von Seminaren, Praktika und weiteren Prü- Anspruch auf Vollständigkeit.
fungen mit der Psychologie und Soziologie in Kontakt Dieses Lehrbuch möchte Ihnen die Erarbeitung der
kommen. Inhalte der „Medizinischen Psychologie und Soziolo-
Das Ziel dieses Kurzlehrbuches ist es daher, die Inhalte gie“ erleichtern. Ich freue mich, wenn Sie durch Ihre
des Gegenstandskatalogs abzudecken, dabei jedoch konstruktive Rückmeldung dazu beitragen, die Quali-
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eine Fokussierung auf prüfungsrelevante Themen tät dieses Lehrbuchs stetig weiterzuentwickeln. Die
vorzunehmen und die Inhalte so darzustellen, dass Internet-Adresse für Ihre Rückmeldung finden Sie
sie für Sie als Leser leicht verständlich und gut einzu- hinten auf dem Buchumschlag. Vielen Dank!
prägen sind. Gleichzeitig möchte dieses Buch Ihr Inte- Ich wünsche Ihnen gutes Durchhalten während der
resse an Phänomenen und Theorien der „Medizi- Vorbereitungszeit, viel Glück für die Prüfungen und
nischen Psychologie und Soziologie“ wecken und weiterhin alles Gute für Ihr Studium!
deren Relevanz für Ihre Tätigkeit im Gesundheitswe- Mein herzlicher Dank gilt allen, die mir durch Rat und
sen vermitteln. Tat während dieses Projektes zur Seite standen.
Bei der Überarbeitung des Lehrbuchs habe ich – auf-
bauend auf der Arbeit von Frau Schüler und Frau Dietz Würzburg, Januar 2010
in der 1. Auflage – folgende Ziele verfolgt: Simone Rothgangel
VI Vorwort zur 1. Auflage

Vorwort zur 1. Auflage

Als Psychologinnen ein Lehrbuch über Medizinische für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfra-
Psychologie und Soziologie für Medizinstudierende gen (IMPP, Mainz, 2001) orientiert. Mit dem neuen
zu schreiben, ist gleich eine doppelte Herausforde- GK ist ein begrüßenswertes „Update“ der Medizin-
rung (der wir im Übrigen mit viel Spaß begegnet ischen Psychologie und Soziologie gelungen, das ak-
sind). Die erste Herausforderung besteht darin, psy- tuellen Anwendungs- und Forschungsschwerpunkten
chologische Inhalte aus dem Betrachtungshinter- gerechter wird und moderne medizinisch-psycholo-
grund von Medizinstudierenden zu verstehen. Hierin gische Erkenntnisse für Mediziner nutzbar macht.
sind wir als Dozentinnen für die Vorbereitung von Um Ihnen das Verstehen und Lernen des prüfungs-
Studierenden auf das Physikum bei Medi-Learn be- relevanten Wissens zu erleichtern, dienen der „Lern-
reits geübt. coach“, „Merke“, „Beachte“ und die „Check-ups“. Die
Die zweite Herausforderung besteht im Fach an sich: Praxisrelevanz der Lehrinhalte wird durch einen kli-
Die anspruchsvolle Aufgabe der Medizinischen Psy- nischen Fall zu Beginn jeden Kapitels und durch die
chologie besteht darin, das Ineinandergreifen der Dis- klinischen Bezüge an deren Ende noch einmal explizit
ziplinen Medizin und Psychologie zu beschreiben, zu herausgestellt.
erklären und aus dem Wissen über das Zusammen- Wir möchten Frau Dr. Eva-Cathrin Schulz und Frau
wirken medizinischer Situationen und psychischer Dr. Christina Schöneborn vom Georg Thieme Verlag
Phänomene neue Erklärungen und Interventionen für ihre guten Ideen und ihre freundliche Kooperation
zu entwickeln. Die grundlagentheoretische Psycholo- danken. Zudem danken wir Herrn Bringfried Müller
gie (z. B. Emotion, Motivation) und die anwendungs- von Medi-Learn, von dessen detaillierten Kenntnis-
bezogene Psychologie (z. B. Psychotherapie) liefern sen prüfungsrelevanter Inhalte wir häufig profitiert
Informationen zur Erklärung und Veränderung von haben.
menschlichem Erleben, Befinden und Verhalten und
sind somit unverzichtbare Bestandteile zum Ver- Das Buch hat zum Ziel, eine gute Prüfungsvorbe-
ständnis medizinischer Kontexte. reitung zu sein und den angehenden Mediziner für
Die Medizinische Psychologie und Soziologie sind die psychologische und soziologische Sichtweise in
umfassende und facettenreiche Themenfelder, die seinem Berufsfeld zu sensibilisieren und zu inte-
wir im Rahmen dieses Kurzlehrbuches nur skizzieren ressieren. Wir freuen uns über kritische Rückmeldun-
können. Wenn Ihnen Theorien, Modelle oder Erklä- gen unserer Leser, die uns diesem Ziel näher bringen.
rungen zu wenig tiefgreifend erscheinen mögen, las-
ten Sie dies bitte unserer Fokussierung auf prüfungs- Zürich und Mannheim (März 2004)
relevante Inhalte an und nicht den Theorien selbst.
Bei der Auswahl von Lehrinhalten haben wir uns an Julia Schüler
dem neuen Gegenstandskatalog (GK) des Instituts Franziska Dietz
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Inhalt VII

Inhalt

1 Bezugssysteme von Gesundheit 2.2.4 Die Aktivation und das Bewusstsein 27


und Krankheit 3 2.2.5 Der Schlaf 28
1.1 Begriffserklärungen 3 2.2.6 Der Schmerz 32
1.1.1 Der Überblick 3 2.3 Die psychodynamischen Modelle 36
1.1.2 Die Definition von Gesundheit 3 2.3.1 Der Überblick 36
1.1.3 Die Definition von Krankheit und die 2.3.2 Die Grundannahmen des psycho-
Normbegriffe 3 dynamischen Modells 37
1.1.4 Gesundheit und Krankheit als 2.3.3 Die Abwehrmechanismen 41
Dichotomie vs. Kontinuum 3 2.3.4 Die Entwicklung psychischer Störungen 42
1.1.5 Wichtige Begriffe rund um die Krankheit 4 2.3.5 Der primäre und der sekundäre
1.1.6 Spezielle epidemiologische Begriffe 4 Krankheitsgewinn 43
1.2 Die Sicht der betroffenen Person 5 2.4 Die sozialpsychologischen Modelle 43
1.2.1 Der Überblick 5 2.4.1 Der Überblick 43
1.2.2 Die Einschätzung des Wohlbefindens 2.4.2 Die Einflüsse der psychosozialen
und der gesundheitsbezogenen Umwelt 43
Lebensqualität 5 2.4.3 Die psychologischen Risiko- und
1.2.3 Die Symptomwahrnehmung 6 Schutzfaktoren 44
1.2.4 Subjektive Krankheitstheorien 6 2.4.4 Die soziale Unterstützung 45
1.2.5 Körperwahrnehmung 6
2.5 Die soziologischen Modelle 46
1.2.6 Divergenz von subjektiver und
2.5.1 Der Überblick 46
objektiver Wahrnehmung 6
2.5.2 Die Grundannahmen soziologischer
1.3 Die medizinische Perspektive 7 Modelle 46
1.3.1 Der Überblick 7 2.5.3 Die soziostrukturellen Faktoren 46
1.3.2 Medizinische Befunderhebung und 2.5.4 Die ökologischen Faktoren 47
Diagnose 7 2.5.5 Die Bedeutung ökonomischer
1.3.3 Klassifikationssysteme 8 Umweltfaktoren 48
1.4 Die gesellschaftliche Perspektive 11
1.4.1 Der Überblick 11 3 Theoretische Grundlagen 51
1.4.2 Unser Gesundheits- und Sozialsystem 11 3.1 Die biologischen Grundlagen 51
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1.4.3 Exkurs: Die drei Finanzierungssysteme 3.1.1 Der Überblick 51


der Gesundheitsversorgung 13 3.1.2 Untersuchungsmethoden der
1.4.4 Die Diskriminierung psychisch Kranker 13 Neuropsychologie 51
3.1.3 Die Repräsentationen psychischer
2 Gesundheits- und Funktionen im Gehirn 51
Krankheitsmodelle 17 3.1.4 Die Lateralisation und die Hemi-
2.1 Die Verhaltensmodelle 17 sphärendominanz 56
2.1.1 Der Überblick 17 3.1.5 Die neuronale Plastizität und
2.1.2 Das lerntheoretische Modell 17 Regeneration 56
2.1.3 Das kognitive Modell 18 3.1.6 Die Neurotransmitter und das Verhalten 57
2.1.4 Das kognitiv-behaviorale Modell 18 3.2 Das Lernen 58
2.1.5 Die Verhaltensmedizin 18 3.2.1 Der Überblick 58
2.1.6 Die Verhaltensgenetik 18 3.2.2 Das klassische Konditionieren 58
2.2 Die biopsychologischen Modelle 20 3.2.3 Das operante Konditionieren 62
2.2.1 Überblick 20 3.2.4 Das Lernen am Modell 65
2.2.2 Der Stress und die Krankheit 21 3.2.5 Das Lernen durch Eigensteuerung 66
2.2.3 Das Gehirn und das Verhalten: 3.2.6 Das Lernen durch Einsicht 66
das Elektroenzephalogramm 25 3.2.7 Der Lerntransfer 66
VIII Inhalt

3.2.8 Die Habituation, die Dishabituation und 3.6 Die Persönlichkeit und
die Sensitivierung 66 die Verhaltensstile 101
3.2.9 Die Anwendung der Lerntheorien: 3.6.1 Der Überblick 101
Die Entstehung von Angst 67 3.6.2 Die Eigenschaftstheorien 101
3.2.10 Die Anwendung der Lerntheorien: 3.6.3 Der interaktionistische Ansatz 103
Verhaltensanalyse 68 3.6.4 Das lerntheoretische Persönlichkeits-
3.2.11 Anwendung der Lerntheorien: modell 104
Konfrontationsverfahren 69 3.6.5 Das psychodynamische Modell 104
3.2.12 Anwendung der Lerntheorien: 3.6.6 Persönlichkeitsstörungen 104
Das Biofeedback 70 3.6.7 Spezielle Persönlichkeitskonstrukte
3.3 Die Kognition 71 und Verhaltensstile 105
3.6.8 Persönlichkeitskonstrukte und
3.3.1 Der Überblick 71
Verhaltensstile aus dem klinischen
3.3.2 Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und
Bereich 107
Informationsverarbeitung 71
3.6.9 Das Selbstkonzept und das
3.3.3 Das Gedächtnis 72
Selbstwertgefühl 108
3.3.4 Die Sprache und Sprachstörungen 75
3.3.5 Die Intelligenz 75 3.7 Die Entwicklung und die primäre
Sozialisation 108
3.4 Die Emotion 79
3.7.1 Der Überblick 108
3.4.1 Der Überblick 79
3.7.2 Wichtige Begriffe 108
3.4.2 Die Definition und die Komponenten
3.7.3 Die vorgeburtliche Entwicklung 109
der Emotion 79
3.7.4 Die Risiken vor, während und nach
3.4.3 Die primären und die sekundären
der Geburt 110
Emotionen 80
3.7.5 Die frühkindliche Entwicklung und
3.4.4 Das Messen von Emotionen 81
die primäre Sozialisation 111
3.4.5 Die neurobiologischen Grundlagen
3.7.6 Die soziokulturellen Einflüsse auf
der Emotionen 81
Entwicklung und Sozialisation 117
3.4.6 Theorien zur Emotionsentstehung 81
3.7.7 Die gesellschaftlichen Determinanten 118
3.4.7 Die Angst 83
3.4.8 Die Angststörungen 84 3.8 Die Entwicklung und die
3.4.9 Die Aggression 86 Sozialisation im Lebenslauf 119
3.4.10 Die Trauer 87 3.8.1 Der Überblick 119
3.4.11 Die Depression 87 3.8.2 Die Adoleszenz 119
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

3.5 Die Motivation 90 3.8.3 Das Erwachsenenalter: Der Einstieg


in das Berufsleben 122
3.5.1 Der Überblick 90
3.8.4 Die Veränderungen im höheren
3.5.2 Motiv, Anreiz, Motivation 90
Erwachsenenalter 123
3.5.3 Die primären und die sekundären
3.8.5 Die Veränderungen psychologischer
Motive 90
Funktionen im höheren Lebensalter 124
3.5.4 Die Bedürfnishierarchie nach Maslow 91
3.8.6 Die Modelle des Alterns 125
3.5.5 Die biologischen Grundlagen der
Motivation 92 3.9 Die soziodemographischen
3.5.6 Der instinkttheoretische oder Determinanten des Lebenslaufs 126
ethologische Ansatz 93 3.9.1 Der Überblick 126
3.5.7 Der lerntheoretische Ansatz 95 3.9.2 Die Alters- bzw. Bevölkerungspyramide 126
3.5.8 Erwartung-mal-Wert-Modelle 95 3.9.3 Die Grundbegriffe der Demographie 127
3.5.9 Der volitionspsychologische Ansatz 95 3.9.4 Die Bevölkerungsbewegung 127
3.5.10 Die Motivationskonflikte 96 3.9.5 Die Lebenserwartung,
3.5.11 Die Leistungsmotivation 96 die Überlebenskurve und „DALY“ 129
3.5.12 Die Attributionstheorie im Zusammen- 3.9.6 Die Migration 130
hang mit Leistungsmotivation 97 3.9.7 Die Theorie des demographischen
3.5.13 Sucht 99 Übergangs 131
Inhalt IX

3.9.8 Das Malthus-Gesetz 132 4.5.3 Die interne und externe Validität 158
3.9.9 Die Veränderung des Krankheitsspek- 4.5.4 Einige Untersuchungsfehler und
trums (epidemiologische Transition) 132 deren Kontrolle 158
3.9.10 Die Veränderung des Zeitmusters 4.5.5 Die Feldstudie 159
des Familienzyklus 133 4.5.6 Die Längsschnittstudie und die
3.9.11 Das Kontraktionsgesetz 133 Querschnittstudie 159
4.5.7 Die Ökologische Studie 160
3.10 Die sozialstrukturellen
4.5.8 Die Kohortenstudie 160
Determinanten des Lebenslaufs 134
4.5.9 Die Fall-Kontroll-Studie 161
3.10.1 Der Überblick 134
4.5.10 Die Einzelfallstudie 162
3.10.2 Die soziale Differenzierung 134
4.5.11 Die Evaluationsstudie 162
3.10.3 Die soziale (vertikale) Mobilität 135
3.10.4 Die Intra- und Intergenerationen- 4.6 Die Stichproben 162
mobilität 136 4.6.1 Der Überblick 162
3.10.5 Die Schichtunterschiede hinsichtlich 4.6.2 Die Zufallsstichproben 162
Werthaltungen und Erziehung 136 4.6.3 Die Quotenstichprobe 163
3.10.6 Die Schichtunterschiede hinsichtlich
4.7 Die Methoden der Datengewinnung 163
Gesundheit 137
4.7.1 Der Überblick 163
3.10.7 Die Fourastié-Hypothesen zur
4.7.2 Einige Datenarten 163
Veränderung der Erwerbsstruktur 138
4.7.3 Die Verhaltensbeobachtung 163
3.10.8 Wichtige Veränderungen im Zuge
4.7.4 Das Interview 164
der Modernisierung der Gesellschaft 139
4.7.5 Die psychologischen Testverfahren 165

4 Methodische Grundlagen 143


4.8 Die Datenauswertung und
die Dateninterpretation 168
4.1 Der Überblick 143 4.8.1 Der Überblick 168
4.2 Die Hypothesenbildung 143 4.8.2 Die quantitativen Auswertungs-
4.2.1 Der Überblick 143 verfahren 168
4.2.2 Die Theorie und die Hypothese 143 4.8.3 Die qualitativen Auswertungsverfahren 172
4.2.3 Die Hypothesenformen 144 4.9 Die Ergebnisbewertung 173
4.3 Die Konstrukte und ihre 4.9.1 Der Überblick 173
Operationalisierung 145 4.9.2 Die Replizierbarkeit und die
4.3.1 Der Überblick 145 Generalisierbarkeit 173
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

4.3.2 Die hypothetischen Konstrukte 145 4.9.3 Die Nutzung wissenschaftlicher


4.3.3 Die Operationalisierung 145 Erkenntnisse 174
4.3.4 Die Messung 146
4.3.5 Die Skalenniveaus 146 5 Arzt-Patient-Beziehung 177
4.3.6 Einige Formen von Beurteilungsskalen
5.1 Die Professionalisierung des
und Skalierungsmethoden 148
Arztberufes 177
4.4 Die Untersuchungskriterien 149 5.1.1 Der Überblick 177
4.4.1 Der Überblick 149 5.1.2 Die Profession 177
4.4.2 Die Testkonstruktion 149 5.1.3 Die Merkmale der Professionalisierung
4.4.3 Die Testnormierung 149 des Arztberufes 177
4.4.4 Die Testgütekriterien 151
5.2 Die Arztrolle 178
4.4.5 Die Gütekriterien einer Entscheidungs-
5.2.1 Der Überblick 179
strategie: Sensitivität, Spezifität und
5.2.2 Die Normen der Arztrolle 179
die Prädiktionswerte 154
5.2.3 Die Motivation zum Arztberuf 179
4.5 Verschiedene Studienarten 155 5.2.4 Die berufliche Sozialisation zum Arzt 179
4.5.1 Der Überblick 156 5.2.5 Einige ethische Entscheidungskonflikte
4.5.2 Das Experiment 156 ärztlichen Handelns 179
X Inhalt

5.2.6 Die psychischen Belastungen des 6.3.2 Die Arten der Schlussfolgerung bei
Arztberufes 180 der Diagnosestellung 199
6.3.3 Die Qualitätskontrolle diagnostischer
5.3 Die Krankenrolle 181
Entscheidungen 199
5.3.1 Der Überblick 181
5.3.2 Die Merkmale der Krankenrolle 181 6.4 Die Entscheidungskonflikte und
5.3.3 Positive Seiten des Krankseins 182 die Entscheidungsfehler 200
6.4.1 Der Überblick 200
5.4 Die Kommunikation und die
6.4.2 Die individuellen Entscheidungs-
Interaktion 182
konflikte 201
5.4.1 Der Überblick 182
6.4.3 Die Entscheidungskonflikte zwischen
5.4.2 Was ist Kommunikation? 182
Ärzten 201
5.4.3 Die Formen der Kommunikation 183
6.4.4 Die Entscheidungsfehler 201
5.4.4 Die organisatorisch-institutionellen
Rahmenbedingungen 187
5.4.5 Der Sprachcode 187 7 Interventionsformen 205

5.5 Die Besonderheiten der 7.1 Die ärztliche Beratung und


Kommunikation und Kooperation 188 die Patientenschulung 205
5.5.1 Der Überblick 188 7.1.1 Der Überblick 205
5.5.2 Die Formen der Kooperation mit dem 7.1.2 Die Ziele der ärztlichen Beratung 205
Patienten 188 7.1.3 Die Gesundheitsberatung 206
5.5.3 Die Formen der Kooperation 7.1.4 Die Patientenschulung 206
bei Ärzten 188 7.2 Die Psychotherapie 207
5.5.4 Besondere kommunikative 7.2.1 Der Überblick 207
Anforderungen 189 7.2.2 Die psychodynamisch orientierten
5.5.5 Mögliche Ursachen für Störungen der Psychotherapien 207
Kommunikation und Kooperation 189 7.2.3 Neuere Entwicklungen in der
5.6 Der Erstkontakt 189 Psychoanalyse 209
5.6.1 Der Überblick 190 7.3 Die Verhaltenstherapie 210
5.6.2 Die Patientenperspektive 190 7.3.1 Die grundlegende Idee 210
5.6.3 Die Arztperspektive – Mögliche 7.3.2 Die Verfahren der kognitiven Therapie 211
Beurteilungsfehler 190 7.3.3 Die Gesprächspsychotherapie 212
5.6.4 Die Exploration und die Anamnese 191 7.3.4 Die systemische Therapie 212
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

5.6.5 Die körperliche Untersuchung 192 7.3.5 Die Therapiemodi 214


7.3.6 Die Evaluation von Psychotherapie 214
6 Urteilsbildung und
Entscheidung 197 8 Besondere medizinische
6.1 Die verschiedenen Arten der Situationen 219
diagnostischen Entscheidung 197 8.1 Die medizinischen und die psycho-
6.1.1 Der Überblick 197 logischen Belastungsfaktoren 219
6.1.2 Die Indikationsdiagnostik 197 8.1.1 Der Überblick 219
6.1.3 Die Prozessdiagnostik 197 8.1.2 Die Intensivmedizin 219
6.1.4 Die Ergebnisdiagnostik 198 8.1.3 Die Notfallmedizin 220
6.2 Die Grundlagen der Entscheidung 198 8.1.4 Die Patientenreaktionen 220
6.2.1 Der Überblick 198 8.1.5 Die Transplantationsmedizin 221
6.2.2 Der diagnostische Prozess 198 8.1.6 Die Onkologie 222
6.2.3 Die Klassifikationssysteme 199 8.1.7 Die humangenetische Beratung 223
8.1.8 Die Reproduktionsmedizin 224
6.3 Die Urteilsqualität und die
8.1.9 Die Sexualmedizin 224
Qualitätskontrolle 199
8.1.10 Der Tod, das Sterben und die Trauer 226
6.3.1 Der Überblick 199
Inhalt XI

9 Patient und 10.3 Die sekundäre Prävention 244


Gesundheitssystem 231 10.3.1 Der Überblick 244
10.3.2 Der Zusammenhang zwischen
9.1 Die Stadien des Hilfesuchens 231 Risikofaktor und Krankheit 244
9.1.1 Der Überblick 231 10.3.3 Die Probleme bei der Veränderung
9.1.2 Der erste Schritt: die Symptom- von Risikoverhalten 245
wahrnehmung 231 10.3.4 Die Theorie der kognitiven Dissonanz
9.1.3 Der zweite Schritt: die Information von Festinger 246
von Bezugspersonen 231 10.3.5 Ein Stufenmodell der Verhaltens-
9.1.4 Der dritte Schritt: die Inanspruch- änderung 246
nahme von Unterstützung im Laien-
10.4 Die tertiäre Prävention und
system 232
die Rehabilitation 247
9.1.5 Der vierte Schritt: die Inanspruch-
nahme professioneller Hilfe 232 10.4.1 Der Überblick 247
10.4.2 Die Folgen chronischer Erkrankungen
9.2 Der Bedarf und die Nachfrage 233 und Behinderungen 247
9.2.1 Der Überblick 233
10.5 Die Formen psychosozialer Hilfe
9.2.2 Der Bedarf und die Versorgung 233
und die Sozialberatung 248
9.2.3 Der Einfluss des Ärzteangebots auf
die Nachfrage 234 10.5.1 Der Überblick 248
10.5.2 Die psychosozialen Hilfsangebote 248
9.3 Die Patientenkarrieren im 10.5.3 Die Sozialberatung 249
Versorgungssystem 234
9.3.1 Der Überblick 234
11 Maßnahmen 253
9.3.2 Die Funktion der Primärärzte und
der Spezialisten 234 11.1 Die Gesundheitserziehung und
9.3.3 Die Schnittstellenproblematik bei -förderung 253
chronisch Kranken 235 11.1.1 Der Überblick 253
11.1.2 Die Instanzen 253
9.4 Das Qualitätsmanagement im
11.1.3 Die Formen der Gesundheitsförderung 253
Gesundheitswesen 236
11.1.4 Die Wirksamkeit 253
9.4.1 Der Überblick 236
11.1.5 Die Gesundheitsförderung in
9.4.2 Die Struktur-, Prozess- und
Organisationen 254
Ergebnisqualität 236
9.4.3 Die Maßnahmen der Qualitäts- 11.2 Die Verhaltensänderung 255
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

sicherung 236 11.2.1 Der Überblick 255


9.4.4 Die Veränderungen im Gesundheits- 11.2.2 Die Faktoren der Verhaltensänderung 255
wesen 237 11.2.3 Die verhaltenstherapeutischen Ansätze 255
9.4.5 Die Grundprinzipien evidenzbasierter 11.3 Die Rehabilitation, die Soziotherapie,
Medizin 237 die Selbsthilfe und die Pflege 256
11.3.1 Der Überblick 256
10 Prävention 241 11.3.2 Die Rehabilitation 256
10.1 Der Präventionsbegriff 241 11.3.3 Die Soziotherapie 257
10.1.1 Was ist Prävention? 241 11.3.4 Die Selbsthilfegruppen 257
10.1.2 Warum ist Prävention so wichtig? 241 11.3.5 Die Mitwirkung von Patienten-
vertretern im Gesundheitswesen 258
10.2 Die primäre Prävention 241 11.3.6 Die Pflege 258
10.2.1 Der Überblick 241
10.2.2 Der Wert der Gesundheit 242
12 Anhang 261
10.2.3 Die Bedeutung sozialer Faktoren beim
Gesundheitsverhalten 242 12.1 Quellenverzeichnis 262
10.2.4 Verschiedene Modelle gesundheits- 12.2 Sachverzeichnis 263
relevanten Verhaltens 242
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg
Kapitel 1

Bezugssysteme von
Gesundheit

1.1 Begriffserklärungen 3

1.2 Die Sicht der betroffenen Person 5

1.3 Die medizinische Perspektive 7

1.4 Die gesellschaftliche Perspektive 11


Lizensiert für Universität Saarland/Homburg
2 Klinischer Fall 1

Ein Hilferuf Krankheit ist auch subjektiv


Dr. Taube glaubt nicht, dass Solveig H. wirklich uner-
trägliche Schmerzen hat. Da sein Wartezimmer voll
ist und er keine Zeit hat, sich länger mit der Patientin
zu beschäftigen, entschließt er sich, Solveig H. krankzu-
schreiben – aber nur für einen Tag. Er gibt ihr ein Re-
zept über Diclofenac, ein Schmerzmittel, und bestellt
sie für den übernächsten Tag wieder ein. Dann muss
er ein längeres Gespräch mit ihr führen und eine Ent-
scheidung treffen, wie er weiter vorgeht. Möglich
wäre auch, dass Solveigs Beschwerden psychische Ur-
sachen haben und sie diese psychischen Probleme
auf den Körper projiziert. Die Symptome haben häufig
Symbolcharakter. Eine Patientin mit Rückenschmerzen
könnte z. B. unter einer großen Belastung leiden und
Jeder Suizidversuch sollte ernst genommen werden, unab- das Gefühl haben, ihr werde „mehr aufgebürdet, als
hängig von der Art der Durchführung und dem Ausmaß der sie tragen kann“.
Selbstschädigung.
Eine depressive Neurose
Anatomie, Pathologie, Chirurgie, Radiologie . .. – im Solveig H. erscheint nicht zum vereinbarten Termin.
Medizinstudium lernt man (fast) alles über den Erst drei Wochen später erfährt Dr. Taube aus dem
menschlichen Körper, die wichtigsten Krankheiten, Brief einer psychosomatischen Klinik, warum: Am Tag
die richtige Diagnostik oder die aktuellen Thera- nach dem ersten Besuch in seiner Praxis hat Solveig
pien. Über die menschliche Psyche oder das soziale H. einen Selbstmordversuch mit Schlafmitteln unter-
Verhalten erfährt man nur wenig. Dabei ist es für nommen. Die Diagnose der psychosomatischen Klinik
eine Ärztin oder einen Arzt wichtig, über das lautet: Depressive Störung. Aus dem Brief geht hervor,
Gesundheits- und Krankheitsverhalten Bescheid zu dass die Patientin in schwierigen Verhältnissen aufge-
wissen. Ebenso wichtig ist es, sich seiner eigenen wachsen sei, sich von den Eltern nicht geliebt gefühlt
Rolle in der Arzt-Patient-Beziehung bewusst zu sein. habe und sich ausgenutzt vorgekommen sei. Eine ähn-
In der ersten Kasuistik stellen wir Ihnen die Patien- liche Konstellation habe sich nun in der Metzgerei erge-
tin Solveig H. vor. Körperlich scheint sie gesund ben, wo sie mit einem älteren Metzgermeister und des-
zu sein, sie selbst fühlt sich jedoch krank. Aber sen Frau zusammen arbeitet. Dies habe vermutlich
nicht jede subjektiv empfundene „Krankheit“ lässt zum Ausbruch der depressiven Störung geführt. Ursa-
sich in medizinische Diagnoseschemata pressen. chen können frühkindliche Konflikte sein. Die Patientin
Täuscht Solveig H. ihre Schmerzen vor – oder ist ist inzwischen in stabilem Zustand und konnte in die
sie tatsächlich krank? ambulante Therapie bei einem niedergelassenen Psy-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

chotherapeuten entlassen werden. Dr. Taube macht


Kerngesund oder krank? sich Vorwürfe, dass er Solveig H. für eine Simulantin ge-
„Was mache ich mit dieser Patientin?“ überlegt halten hat. Denn nun ist ihm klar, dass ihr Besuch in der
Dr. Taube. Gerade eben hat ihm die 37-jährige Patien- Praxis eine Art Hilferuf gewesen ist.
tin ihre Probleme geschildert: unerträgliche Rücken-
schmerzen, die vor allem in den Brustkorb ausstrahlten
und ihr manchmal die Luft zum Atmen nähmen. Dr.
Taubes Fragen, wann die Schmerzen am schlimmsten
seien (zu einer bestimmten Tageszeit, bei gewissen Be-
wegungen, . ..?) oder wie sie die Schmerzen beschrei-
ben würde (stechend, dumpf, . ..?), konnte Solveig H.
nicht beantworten. Auch Medikamente wolle sie
nicht nehmen, sie sei nur wegen einer Krankschrei-
bung gekommen. Denn als Metzgereiverkäuferin
könne sie in ihrem Zustand ja nicht arbeiten. Dr.
Taube kann den Symptomen keine Krankheit zuord-
nen. Was also tun mit dieser Patientin?
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Begriffserklärungen 3

1 Bezugssysteme von Gesundheit wahrnimmt oder wenn bei ihr keine pathologischen
und Krankheit (krankhaften) Veränderungen nachgewiesen werden 1
können.
Angenommen ein Kommilitone erkrankt während Die WHO („World Health Organisation“) hingegen de-
der Prüfungsvorbereitungszeit an einem grippalen finiert die Gesundheit eines Menschen nicht negativ
Infekt. Je nachdem ob man diesen Infekt nun aus der als Abwesenheit von Krankheit, sondern positiv als
Perspektive des Kommilitonen, des behandelnden Vorhandensein vollkommenen Wohlergehens: Ge-
Arztes oder der Gesellschaft betrachtet, hat diese Er- sundheit ist „der Zustand völligen körperlichen, geis-
krankung eine unterschiedliche Bedeutung. tigen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“. Da die
Aus Sicht der betroffenen Person: Der Kommilitone Gesundheitsdefinition der WHO einen Idealzustand
kann nicht mehr konzentriert an seinem Schreibtisch beschreibt, den wir nur in seltenen Fällen erreichen
lernen, sondern bleibt mit Halsschmerzen, Husten können, wird sie auch als Idealnorm bezeichnet.
und Fieber im Bett und fühlt sich krank. Das subjek-
tive Sich-Krank-Fühlen wird im Englischen auch als 1.1.3 Die Definition von Krankheit und
„illness“ bezeichnet. die Normbegriffe
Aus medizinischer Perspektive wird der Mitstudie- Eine Person wird aus medizinischer Sicht als „krank“
rende als krank bezeichnet, da die normalen physiolo- bezeichnet, wenn ihr Zustand von einer bestimmten
gischen Vorgänge in seinem Körper beeinträchtigt Norm, also einem bestimmten Richtwert, abweicht.
sind. Aufgabe des Arztes ist es, die Symptome seiner Solche Richtwerte müssen sich objektiv abbilden
Patienten richtig zu deuten und diese einer Krank- lassen und können sich beispielsweise auf physiolo-
heitskategorie in Form einer Diagnose zuzuordnen. gische Parameter (wie z. B. Blutdruck) beziehen. Eine
Die richtige Diagnose ist eine wichtige Voraussetzung Krankheitsdiagnose wird also immer in Zusammen-
für eine erfolgreiche Behandlung. Krankheit im Sinne hang mit bestimmten Vorstellungen darüber ver-
eines medizinischen Befundes wird im Englischen geben, was als normal anzusehen ist. Bei der Ein-
„disease“ genannt. schätzung des Zustandes eines Menschen können ver-
Die gesellschaftliche Sicht: Da seine Leistungsfähig- schiedene Normen bzw. Bezugsmaßstäbe betrachtet
keit eingeschränkt ist, kann der Kommilitone sich werden:
nicht mehr auf die Prüfung vorbereiten sowie seinem Statistische Norm: orientiert sich an tatsächli-
Nebenjob im Krankhaus nachgehen. Unser Sozialver- chen, statistischen Werten, also an Ist-Werten
sicherungssystem setzt hier an und leistet Hilfe: Er (z. B. Mittelwert der Bevölkerung, Prozentangaben,
wird vom Arzt behandelt und „krankgeschrieben“, Häufigkeit etc. ). In diesem Zusammenhang kann
und seine Krankenversicherung übernimmt die Be- z. B. ein Wert als „normal“ angesehen werden,
handlungskosten. In diesem Zusammenhang wird wenn er häufig auftritt. Bsp.: Ein 75jähriger Patient
Krankheit als „sickness“ bezeichnet. beklagt sich über Gelenkschmerzen. Wenn der
Bevor auf diese verschiedenen Bezugssysteme näher Arzt entgegnet, dass dies „normal“ bei alten Men-
eingegangen wird, soll zuerst erläutert werden, was schen sei und in diesem Alter häufig vorkomme,
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

unter Gesundheit und Krankheit verstanden wird. hat er sich an der statistischen Norm orientiert.
Außerdem werden weitere wichtige Grundbegriffe Idealnorm: meint einen wünschenswerten Soll-
erklärt. Wert, z. B. völlige Schmerzfreiheit, vollkommene
Gesundheit (Definition nach der WHO).
1.1 Begriffserklärungen Funktionsnorm: bezieht sich auf eine ausrei-
chende Funktionsfähigkeit (z. B. beruflich oder so-
Lerncoach zial). Bsp.: Als ein Kriterium bei der Diagnose einer
Von den folgenden Begriffen sind die Norm- Angststörung ist zu prüfen, ob der Patient durch
begriffe besonders wichtig. Sie sollten Sie sich seine Ängste in seinem Alltag eingeschränkt ist.
deshalb einprägen. Therapeutische Norm: bezieht sich auf die thera-
peutische Bedeutung eines Normwertes. Kann bei-
1.1.1 Der Überblick spielsweise das Risiko für Folgeerkrankungen ab
In diesem Kapitel lernen Sie wichtige Begriffe rund einem bestimmten Blutdruckwert gesenkt wer-
um das Thema Gesundheit und Krankheit kennen. den, gilt dieser Wert als therapeutische Norm.

1.1.2 Die Definition von Gesundheit 1.1.4 Gesundheit und Krankheit als Dichotomie
Medizinische Definitionen von Gesundheit beschrei- vs. Kontinuum
ben diesen Zustand als Abwesenheit von Krankheit. Im klinischen Alltag ist häufig eine dichotome Be-
Eine Person gilt als gesund, wenn sie subjektiv keine trachtungsweise von Krankheit erfordert. Dichotom
körperlichen, geistigen und seelischen Störungen bedeutet zweipolig, also schwarz oder weiß, „krank“
4 Begriffserklärungen 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

oder „gesund“. Die Sichtweise eines Kontinuums bil- erkranken. Ein psychologischer Schutzfaktor ist z. B.
1 det die Realität jedoch besser ab als eine dichotome die Resilienz. Resilienz bedeutet „Widerstandsfähig-
Betrachtungsweise. Dabei nimmt man an, dass der keit“ oder „Elastizität“ und hilft, mit ungünstigen Le-
Zustand des Patienten am besten durch seine Position bensbedingungen zurechtzukommen, ohne zu er-
auf einer Dimension zwischen den Polen „absolut kranken. Mehr dazu finden Sie ab S. 44.
krank“ und „vollkommen gesund“ zu beschreiben ist. Chronifizierung. Wenn eine Krankheit über einen be-
stimmten zeitlichen Rahmen hinaus bestehen bleibt
Klinischer Bezug und somit von einem akuten Zustand in einen dauer-
Wenn auch die meisten Mediziner dem Verständnis haften Zustand übergeht, spricht man von einer Chro-
von Gesundheit und Krankheit als Kontinuum zustim- nifizierung der Erkrankung. Von einer chronischen
men, sind sie doch in ihrem medizinischen Alltag häu- Depression oder einer chronischen Schmerzstörung
fig zu einer dichotomen Klassifikation gezwungen. Dies (S. 7) spricht man beispielsweise dann, wenn die
ist beispielsweise der Fall, wenn sie „krankschreiben“ Symptome länger als sechs Monate bestehen bleiben.
oder für gesund befinden müssen (krank/gesund) Ein Rückfall oder Rezidiv meint das Wiederauftreten
oder wenn sie anhand von Klassifikationsschemata von den Beschwerden (wie z. B. depressive Symptome
Diagnosen stellen (trifft zu/trifft nicht zu). oder eine Krebserkrankung), obwohl sie bereits er-
folgreich abgeheilt waren.
1.1.5 Wichtige Begriffe rund um die Krankheit
Die Ätiologie beschäftigt sich mit den Ursachen einer
1.1.6 Spezielle epidemiologische Begriffe
Die Epidemiologie beschäftigt sich mit der Entste-
Krankheit. Während der ätiologische Faktor eines
hung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Fol-
grippalen Infektes beispielsweise das Virus ist, spielen
gen von Krankheiten in einer Bevölkerung. Sie arbei-
bei der Entwicklung einer Depression immer mehrere
tet mit Kennwerten, die spezielle Angaben zur Auftre-
Faktoren eine Rolle (Multikausalität).
tenshäufigkeit einer Krankheit und dem Risiko eines
Die Pathogenese beschreibt die Entstehung und Ent-
tödlichen Verlaufs machen. Diese Kennwerte sind
wicklung einer Krankheit. Auch hier weiß man we-
immer auf eine bestimmte Bevölkerung (Population)
sentlich mehr über die Pathogenese von medizini-
bezogen:
schen als von psychischen Erkrankungen. Bei einem
grippalen Infekt gelangen die Viren beispielsweise in
Morbidität (morbus lat. Krankheit) ist die Häufigkeit
von Erkrankungsfällen in einer Bevölkerungsgruppe
den Nasopharynx, vermehren sich dort in den Epi-
über eine festgesetzte Zeit (i. d. R. ein Kalenderjahr).
thelzellen und zerstören diese.
Anders ausgedrückt: Es ist die Erkrankungswahr-
Störung. In der Psychologie wird häufig anstatt des
scheinlichkeit einer Person bezogen auf eine be-
Begriffs „Krankheit“ die als neutraler bewertete Be-
stimmte Population. Unterschieden wird dabei die
zeichnung „Störung“ verwendet, da bei psychischen
Inzidenz und Prävalenz.
Beeinträchtigungen – im Gegensatz zu vielen medi-
zinischen Krankheitsbildern – die ätiologischen und
Inzidenz bezeichnet den Anteil der Neuerkrankungen
bezüglich einer bestimmten Erkrankung innerhalb
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

pathogenetischen Beziehungen nicht eindeutig nach-


einer Population bezogen auf einen bestimmten Zeit-
gewiesen sind. Während ein Herzinfarkt, eine Min-
raum (z. B. letzter Monat). Wenn die Neuerkrankun-
derperfusion des Herzmuskels, z. B. durch die Lumen-
gen über einen längeren Zeitraum, z. B. ein Jahr (Ein-
einengung eines versorgenden Gefäßes entsteht, lässt
Jahres-Inzidenz), erfasst und zusammengerechnet
sich bei einer Depression kein direktes morphologi-
werden, spricht man auch von kumulativer Inzidenz.
sches Korrelat finden. In der Regel spielt bei der Ent-
Merkhilfe: Die Inzidenz bezieht sich auf die Anzahl an
stehung von psychischen Störungen eine Wechselwir-
kung biologischer, psychologischer und sozialer Fak-
Neuerkrankungen!
toren eine Rolle (biopsychosoziales Modell).
Prävalenz ist die Gesamtanzahl der an einer Krank-
heit leidenden Personen im Verhältnis zur Gesamt-
Risikofaktoren sind Faktoren, die die Wahrschein-
population zu einem bestimmten Zeitpunkt (Punkt-
lichkeit für das Auftreten einer Erkrankung erhöhen.
prävalenz) oder in einem bestimmten Zeitraum
Ein bekannter Risikofaktor für die Entwicklung einer
(Periodenprävalenz; z. B. Ein-Jahres-Prävelenz oder
Depression ist z. B. der Verlust einer nahestehenden
Lebenszeitprävalenz). Die Prävalenz wird durch Quer-
Person oder des Arbeitsplatzes. Es erkranken jedoch
schnittsstudien ermittelt (S. 159).
nicht alle Menschen in solch belastenden Situationen
Die Letalität gibt die Anzahl an Personen an, die an
an Depression. Dies kann unter anderem daran liegen,
einer bestimmen Erkrankung versterben. Vereinfacht
dass diese Personen über günstige Persönlichkeitsei-
ausgedrückt bezeichnet sie die „Tödlichkeit“ einer
genschaften oder Unterstützung aus dem sozialen
Krankheit. Beachte: Die Letalität erlaubt keine Aussa-
Umfeld verfügen. Diese protektiven Faktoren ermög-
gen über die allgemeine Sterblichkeit der Gesamtbe-
lichen es ihnen, die Situation zu bewältigen ohne zu
völkerung. Das wird durch die Mortalität beschrieben.
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Die Sicht der betroffenen Person 5

MERKE 1.2 Die Sicht der betroffenen Person


1
Häufig verwechselt werden folgende Begriffe:
Lerncoach
Die Morbidität beschreibt die Auftretenshäufig-
Im Folgenden geht es um die subjektive (indi-
keit einer Krankheit.
viduelle) Sicht von Gesundheit und Krankheit.
Die Letalität gibt die „Tödlichkeit“ einer Krankheit
Achten Sie beim Lesen darauf, dass körper-
an.
liche Veränderungen und die Ausbildung von
Die Mortalität ist die allgemeine Sterbeziffer
Symptomen individuell sehr unterschiedlich
(Anzahl an Todesfällen in einer Bevölkerung un-
sein können.
abhängig von der Todesursache; S. 128).
1.2.1 Der Überblick
Wichtige soziodemographische Kennwerte wie z. B. In diesem Kapitel erfahren Sie, welche Faktoren bei
Mortalität, Geburtenziffer, Fertilität etc. werden ab der Einschätzung der im Rahmen von Gesundheit
S. 128 besprochen. und Krankheit beurteilten Lebensqualität eine Rolle
Die krankheitsspezifische Sterbeziffer bezeichnet spielen. Es erklärt, was subjektive Krankheitstheo-
die Anzahl der innerhalb eines Jahres an einer Krank- rien sind und was man unter Symptomwahrnehmung
heit Verstorbenen im Verhältnis zur Gesamtbevölke- versteht. Es geht um Interozeption (Körperwahrneh-
rung. mung) und um Situationen, bei denen die subjektive
Damit Sie sich die Bedeutung der dargestellten Kenn- Körperwahrnehmung von der objektiven Körper-
ziffern besser veranschaulichen können, sollen ein- wahrnehmung abweichen.
mal exemplarisch die ungefähren epidemiologischen
Kennwerte von Ebola und von Grippeerkrankungen 1.2.2 Die Einschätzung des Wohlbefindens und
dargestellt werden. der gesundheitsbezogenen Lebensqualität
Ebola: Die Letalität bei Erkrankungen am Ebola- Ob wir uns subjektiv als gesund einschätzen, machen
Virus ist extrem hoch (50-80 %). Die Prävalenz- wir unter anderem daran fest, ob wir uns wohl fühlen
und Inzidenzrate war im Jahr 2008 dagegen ver- bzw. ob es irgendetwas gibt, was unserer Wohlbe-
mutlich äußerst gering. Der letzte bekannte Aus- finden einschränkt (z. B. Erkältungssymptome wie
bruch des Virus fand 2003 im Kongo statt. Die Atembeschwerden und Kopfschmerzen).
krankheitsspezifische Sterbeziffer bezüglich des Neben der erlebten Intensität der Symptome spielt bei
Virus war demnach im Kongo im Jahr 2003 höher der Einschätzung unseres Gesundheitszustandes eine
als im Jahr 2004. Die Wahrscheinlichkeit in Rolle, wie sehr wir durch die Beschwerden in unserer
Deutschland an diesem Virus zu erkranken geht Funktions- und Handlungsfähigkeit eingeschränkt
gegen 0 % (Morbidität). sind. Wenn der an einem grippalen Infekt erkrankte
Grippeerkrankungen: Die Letalität bei Grippeer- Mitstudierende den Großteil der Zeit im Bett bleiben
krankungen, d. h. Infektionen mit dem Influenza- muss und daher weder zur Arbeit gehen noch sich
Virus, ist dagegen vergleichsweise niedrig. Die Prä- konzentriert auf die wichtige Prüfung vorbereiten
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

valenz im Jahr 2008 jedoch vergleichsweise sehr kann, wird er sich eher als krank bezeichnen, als
hoch. Influenza tritt saisonal auf mit der höchsten wenn er den Alltag noch bewältigen könnte.
Inzidenzrate in den Wintermonaten. Die Wahr- Krankheit und Schmerzen können unsere Lebensqua-
scheinlichkeit in Deutschland an einer Grippe zu lität deutlich einschränken. Die subjektiv wahrge-
erkranken (Morbidität) ist relativ hoch. nommene Lebensqualität einer kranken oder auch
gesunden Person wird mit den folgenden vier zentra-
Check-up len Komponenten erfasst:
✔ Wie definiert die WHO die Gesundheit? (krankheitsbedingte) körperliche Beschwerden
✔ Wiederholen Sie die verschiedenen Norm- (z. B. Schmerzen)
begriffe. psychische Verfassung (z. B. depressive Verstim-
✔ Was bedeuten die Begriffe Prävalenz und mung)
Inzidenz? Funktionsfähigkeit im Alltag (z. B. Beweglichkeit)
✔ Grenzen Sie die Begriffe Mortalität, Morbidität Ausübung sozialer Rollen (z. B. Leistungsfähigkeit
und Letalität gegeneinander ab. im Beruf).
6 Die Sicht der betroffenen Person 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

MERKE Die subjektiven Theorien des Patienten sind häufig


1 implizit, d. h. sie sind dem Patienten nicht wirklich
Ein bekannter Fragebogen, mit dem die gesund-
bewusst und können daher oft nicht direkt formuliert
heitsbezogene Lebensqualität (z. B. als ein Indikator
werden, beeinflussen jedoch das Verhalten des Pa-
von Therapieerfolg) erfasst wird, ist der „Short-
tienten. Da sie die Mitarbeit des Patienten und
Form-36 Health Survey“ (kurz: SF-36).
damit den Verlauf der Behandlung jedoch wesentlich
beeinflussen, ist es wichtig, dass ein Arzt die Krank-
Der SF-36 besteht aus 36 Fragen und ist ein internatio- heitsannahmen seines Patienten im Gespräch vor-
nal anerkanntes Standardinstrument. Dieser Fragebo- sichtig und geschickt erfragt. Wenn der Patient die Ur-
gen erfasst die Lebensqualität krankheitsübergrei- sache seiner Krebserkrankung beispielsweise allein
fend, d. h. er kann bei unterschiedlichen Krankheiten der beruflichen Überforderung oder einer persönli-
(sowie auch bei Gesunden) eingesetzt werden. chen Schuld zuschreibt, könnte dies dazu führen,
dass er die belastende Chemotherapie abbrechen
1.2.3 Die Symptomwahrnehmung und stattdessen lieber eine alternative Heilmethode
Wie sehr wir körperliche Veränderungen bei uns ausprobieren möchte.
selbst wahrnehmen und beobachten und inwiefern
wir diese als Zeichen einer Krankheit interpretieren, 1.2.5 Körperwahrnehmung
ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ob wir Wie gut wir Krankheitsanzeichen bei uns erkennen
körperlichen Veränderungen (z. B. unregelmäßiger können, hängt auch von unserer generellen Fähigkeit
Herzschlag) überhaupt bemerken und wie wir auf ab, Vorgänge innerhalb unseres eigenen Körpers
diese reagieren, wird dabei auch stark von unseren wahrzunehmen (Interozeption). Die Interozeption
Emotionen (z. B. Angst vor Herzinfarkt) und unseren ist ein Überbegriff und wird nochmals dahingehend
Kognitionen (z. B. der Gedanke „Das ist nicht normal, unterschieden, was wir innerhalb unseres Körpers
mit mir stimmt etwas nicht!“) beeinflusst. wahrnehmen können:

MERKE MERKE
Kognitionen sind Gedanken, Einstellungen, Bewer- Viszerozeption: Wahrnehmung der inneren
tungen etc. Körpervorgänge, des inneren Organbereichs.
Kognitionen sind also vereinfacht alle Prozesse, die in Propriozeption: Wahrnehmung der Körperlage
unserem Kopf stattfinden! im Raum, Muskel- und Sehnenspannung.
Nozizeption: Wahrnehmung von Schmerzen
(zur Nozizeption s. ausführlicher S. 32).
In zahlreichen Kapiteln dieses Buches wird deutlich
werden, dass Emotionen und Kognitionen einen gro-
ßen Einfluss auf menschliches Erleben und Verhalten 1.2.6 Divergenz von subjektiver und objektiver
haben und sich damit auch bedeutend auf Gesundheit Wahrnehmung
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und Krankheit auswirken. Sie können dabei sowohl Unsere subjektive Körperwahrnehmung kann von der
gesundheitsförderliche wie auch -hinderliche Wir- objektiven Wahrnehmung, also von erhobenen medi-
kung haben. zinisch-biologischen Werten, abweichen. Wenn das
Ein Beispiel für die Bedeutung von kognitiven Fakto- subjektive Befinden und der objektiv feststellbare Or-
ren sind die subjektiven Krankheitstheorien. ganbefund nicht übereinstimmen, gibt es zwei Mög-
lichkeiten:
1.2.4 Subjektive Krankheitstheorien Menschen können sich gesund fühlen, obwohl ihre
Mit subjektiven Krankheitstheorien sind alle Annah- biologischen Parameter von festgesetzten Normen
men gemeint, die die Patienten hinsichtlich ihrer Er- abweichen. Beispielsweise empfinden Personen
krankung haben. Diese können sich z. B. auf die Ursa- mit erhöhten Blutzuckerwerten (wie bei Diabetes
che, die Bedeutsamkeit und die Therapie von körper- mellitus) oder erhöhten Blutdruckwerten häufig
lichen Beschwerden beziehen. Ein an Darmkrebs er- keine Beschwerden. Medizinisch betrachtet wer-
krankter Patient kann die Ursache für die aufgetrete- den solche Menschen auch als „gesunde Kranke“
nen Metastasen beispielsweise in der beruflichen Be- bezeichnet.
lastung der letzten Jahre sehen. In diesem Zusammen- Umgekehrt gibt es auch Menschen, die sich krank
hang wird häufig auch der Begriff „Laienätiologie“ fühlen und Schmerzen empfinden, bei denen
genannt, der sich speziell auf die Ursachenzuschrei- man jedoch keine organische Ursache findet (sog.
bung durch einen Nichtmediziner bezieht. Da dieser „kranke Gesunde“). Dieses Beschwerdebild ist
Begriff jedoch auch als abwertend wahrgenommen zentral für die Gruppe der somatoformen Störun-
werden kann, wird er inzwischen seltener verwendet. gen.
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Die medizinische Perspektive 7

Somatoforme Störungen tigen Chronifizierung der Beschwerden kommen


Das Kernmerkmal dieser Störungsgruppe ist, dass kör- kann. 1
perliche Beschwerden vorliegen, die einen medizin- Der frühzeitigen Erkennung und Behandlung von so-
ischen Krankheitsfaktor nahe legen, jedoch keine or- matoformen Störungen kommt deshalb eine große
ganische Ursache festgestellt werden kann (bzw. Bedeutung zu. Empfehlungen für die Gestaltung der
das Ausmaß der Beschwerden deutlich über das auf- ambulanten medizinischen Behandlung sind u. a.:
grund des organischen Befunds zu erwartende Maß Die Koordination der Behandlung durch einen
hinausgeht). Arzt, um unnötige, sich wiederholende Behand-
Im Folgenden werden verschiedene somatoforme Stö- lungsmaßnahmen zu vermeiden.
rungen und deren Hauptkennzeichen nach DSM-IV Frühzeitiges Ansprechen, dass keine organische
(S. 9) vorgestellt. Krankheit vorliegt.
Somatisierungsstörung: Verschiedene körper- Bei der Empfehlung einer psychologischen Be-
liche Beschwerden aus vier Bereichen (Schmerzen, handlung deutlich machen, dass eine „gemein-
gastrointestinale Symptome wie z. B. Durchfall, se- same“ Weiterbehandlung angedacht ist und der
xuelle Symptome wie z. B. Erektionsstörungen und Patient nicht weg-delegiert wird.
pseudoneurologische Symptome wie z. B. Läh-
mungen) über mehrere Jahre. Check-up
Schmerzstörung: Vorhandensein klinisch rele- ✔ Rekapitulieren Sie, wie man die gesundheits-
vanter Schmerzen. Wenn die Schmerzen länger bezogene Lebensqualität erfasst.
als 6 Monate andauern, spricht man von einer ✔ Welche Unterformen der Interozeption
chronischen Schmerzstörung. Mit dem Beginn, kennen Sie?
Schweregrad oder der Aufrechterhaltung der ✔ Warum sollte man als Arzt der subjektiven
Schmerzen werden psychische Faktoren in Zusam- Krankheitstheorie seiner Patienten Beachtung
menhang gebracht. schenken?
Konversionsstörung: Beeinträchtigung willkür- ✔ Was ist das Kernmerkmal der somatoformen
motorischer Funktionen (z. B. Lähmungserschei- Störungen?
nungen in den Armen oder Beinen) oder sensori-
scher Funktionen (z. B. Blindheit, Taubheit), die 1.3 Die medizinische Perspektive
eine neurologische Erkrankung (z. B. Epilepsie) na-
helegt. Man nimmt an, dass es einen psychischen Lerncoach
Zusammenhang gibt, da den Beeinträchtigungen Aus medizinischer Perspektive gilt Krankheit
häufig psychische Konflikte oder andere psycho- als eine Abweichung von einem Normalzu-
soziale Belastungsfaktoren vorausgehen. stand. Diese Abweichungen werden in Klassi-
Hypochondrie: Übersteigerte Angst oder Über- fikationssystemen erfasst, die dem Arzt die
zeugung, an einer ernsthaften Krankheit (z. B. Arbeit erleichtern sollen. Behalten Sie beim
Krebs, AIDS) zu leiden. Diese beruht jedoch auf Lesen aber auch im Kopf, dass diese Systeme
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Fehlinterpretationen körperlicher Beschwerden. der oft komplexen Problematik einer Kran-


Trotz medizinischer Abklärung bleibt die Angst be- kengeschichte nicht immer gerecht werden
stehen. Diese Störung ähnelt einer Angststörung können.
(S. 84).
Die Betroffenen suchen aufgrund ihrer körperlichen 1.3.1 Der Überblick
Beschwerden medizinische Hilfe und sind häufig Nachdem zu Beginn die medizinische Befunderhe-
sehr verunsichert, da sich ihre Symptome medizinisch bung dargestellt wird, widmet sich der Rest des Kapi-
nicht erklären lassen. Sie wechseln häufig den Arzt tels zwei bekannte Klassifikationssystemen, anhand
und suchen Rat bei spezialisierten Fachkräften. Dieses derer psychische und körperliche Beschwerden ver-
sog. „doctor shopping“ oder auch „doctor hopping“ schiedenen Krankheitskategorien zugeordnet wer-
verursacht hohe Kosten für das Gesundheitssystem. den.
Aufgrund der Unerklärbarkeit ihrer Beschwerden
sind die Betroffenen häufig sehr unzufrieden mit 1.3.2 Medizinische Befunderhebung und
der medizinischen Behandlung und gelten als Diagnose
„schwierige“ Patienten. Wird eine psychotherapeuti- Zu Beginn jeder Behandlung ist es Aufgabe des Arztes
sche Behandlung vorgeschlagen, wird diese in der wesentliche Informationen hinsichtlich der körperli-
Regel abgelehnt, da sich die Betroffenen als körperlich chen und psychischen Verfassung seines Patienten
und nicht als psychisch krank einstufen. Bis die Be- zu ermitteln. Die Zusammenstellung und Integration
troffenen psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, aller Einzelergebnisse ergibt schließlich den medizini-
vergehen oft viele Jahre, in denen es zu einer ungüns- schen Befund. Auf Grundlage dieses Befundes ent-
8 Die medizinische Perspektive 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

scheidet der Arzt, ob der Patient die Kriterien für eine Jede Diagnose wird außerdem mit einer bestimmten
1 bestimmte Diagnose erfüllt oder nicht und welche Buchstaben- und Zahlenfolge verschlüsselt bzw. ko-
weiteren Schritte daraus abzuleiten sind. Um ein voll- diert (s. Spalte Kodierung in Tab. 1.1).
ständiges Bild hinsichtlich der Problematik des Pa- Die medizinischen Erkrankungen sind in der ICD-10
tienten zu erhalten, ist es in der Regel notwendig entweder nach der Ätiologie (Ursache) oder der Topo-
Informationen aus mehreren Bereichen zu berück- graphie (Ort) geordnet. Da dies bei psychischen Stö-
sichtigen: rungen nicht so eindeutig möglich ist, werden diese
Gezielte Befragung hinsichtlich der Beschwerden beschreibend dargestellt (deskriptiver Ansatz). Die
(Exploration) ICD-10 besteht aus 21 Kapiteln, die psychischen Stö-
Erhebung der Kranken-Vorgeschichte (Anamnese) rungen befinden sich im 5. Kapitel, dem Kapitel F.
Beobachtung des nonverbalen Verhaltens (Körper-
haltung, Gestik, Mimik) Lerntipp
Körperliche Untersuchung (z. B. Inspektion des Tab. 1.1stellt alle Kapitel der ICD kurz vor. Sie
Mund- und Rachenraumes, Auskultation der soll das Gelesene nur anschaulicher machen.
Lunge etc.) Sie müssen sich dazu keine Details oder Zahlen
Einsatz medizinisch-diagnostischer Verfahren merken.
(z. B. Laborwerte; bildgebende Verfahren, wie
z. B. die Röntgenuntersuchung). Nach dem Sozialgesetzbuch sind in Deutschland Ärzte
Siehe auch Kapitel 5.6 „Der Erstkontakt“ ab S. 190. und Krankenhäuser seit 2000 zur Diagnoseverschlüs-
selung nach ICD-10 verpflichtet (z. B. bei Arbeitsunfä-
1.3.3 Klassifikationssysteme higkeitsbescheinigungen). Die deutsche Version wird
Im Folgenden lernen Sie zwei Klassifikationssysteme als ICD-10-GM (German Modification) bezeichnet.
kennen: die „Internationale Klassifikation der Krank- Insgesamt gibt es eine ganze Reihe verschiedener
heiten (ICD)“ und das „Diagnostische und Statistische ICD-10-Manuale, z. B.:
Manual Psychischer Störungen (DSM)“. Hat man als Manual mit einer gröberen Charakteristik für die
Arzt oder Therapeut verschiedene Informationen Anwendung in der Praxis (klinische Richtlinien)
über einen Patienten gesammelt, stellt sich die Manual mit differenzierteren Kriterien für die For-
Frage, wie man entscheidet, zu welcher Krankheitska- schung (ICD-10-Forschungskriterien)
tegorie der Patient gehört bzw. welche Diagnose zu Manual zur Klassifikation der Funktionsfähigkeit,
vergeben ist. In solch einer Situation zieht man in Behinderung und Gesundheit (engl.: International
Deutschland die „Internationale Klassifikation der Classification of Functioning, Disability and
Krankheiten“ zur Hilfe. Health, ICF).

Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) Lerntipp


(engl.: International Classification of Diseases, ICD; Besonders zur Internationalen Klassifikation
10. Auflage, daher ICD-10). der Funktionsfähigkeit (ICF) sollten Sie noch
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Die ICD-10 ist ein von der WHO herausgegebenes Folgendes wissen:
Klassifikationssystem, in dem alle körperlichen
Krankheiten sowie psychischen Störungen aufgeführt Die ICD beschreibt zwar verschiedene Krankheiten,
sind. Sie ermöglicht eine länder- und fachübergrei- jedoch werden die mit einer Krankheit oder dem Al-
fende einheitliche Kommunikation über Krankheiten. tern einhergehenden funktionalen Probleme (z. B.
Bei jeder Krankheit oder Störung ist genau beschrie- Beeinträchtigung im Bereich der Mobilität, berufliche
ben, welche Symptome, in welcher Anzahl, Intensität, oder soziale Einschränkungen) nicht berücksichtigt.
Häufigkeit oder Dauer gegeben sein müssen, um eine Aus diesem Grund wurde die Internationale Klassifi-
bestimmte Diagnose zu rechtfertigen. Diese Form der kation der Funktionsfähigkeit als länder- und fach-
Diagnosenstellung wird auch als kriterienorientierte übergreifende einheitliche Sprache zur Beschreibung
oder operationale Diagnostik bezeichnet. des funktionalen Gesundheitszustandes entwickelt
und von der WHO im Jahr 2001 verabschiedet. In
Lerntipp Deutschland befindet sich die ICF noch in der Einfüh-
Möglicherweise fällt es Ihnen leichter rungsphase.
sich vorzustellen, was kriterienorientierte Die ICF beschreibt die persönliche Situation mittels
Diagnostik konkret bedeutet, wenn Sie sich verschiedener Domänen, die mit Gesundheit zusam-
beispielhaft die Kriterien der Panikstörung menhängen. Eine Person gilt nach der ICF als funktio-
nach ICD-10 auf S. 85 durchlesen. nal gesund, wenn
ihre physiologischen sowie psychologischen Kör-
perfunktionen und ihre Körperstrukturen (ana-
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Die medizinische Perspektive 9

Tabelle 1.1
1
Die Kapitel der ICD-10
Kapitel Kodierung Gruppe Beispiel
1 A00-B99 Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten Slow-Virus-Infektionen des ZNS
2 C00-D48 Neubildungen Bösartige Neubildungen des Gehirns
3 D50-D89 Krankheiten des Blutes, Störungen der Immunreaktion Anämien
4 E00-E90 Endokrine Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten Hypoglykämischer Schock, Fettsucht
(Adipositas)
5 F00-F99 Psychische Krankheiten, Verhaltens- und Entwick- Schizophrenie, affektive Störungen,
lungsstörungen neurotische und somatoforme Störungen
6 G00-G99 Krankheiten des Nervensystems Enzephalitis, Alzheimer-Erkrankung
7 H00-H59 Krankheiten des Auges Glaukom
8 H60-H95 Krankheiten des Ohres Tinnitus
9 I00-I99 Krankheiten des Kreislaufsystems Apoplexie
10 J00-J99 Krankheiten des respiratorischen Systems Grippe, Asthma bronchiale
11 K00-K93 Krankheiten des Verdauungssystems Ulcus ventriculi
12 L00-L99 Krankheiten der Haut Dermatitis atopica
13 M00-M99 Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems und des Rückenschmerzen
Bindegewebes
14 N00-N99 Krankheiten des Urogenitalsystems Menstruationsbeschwerden
15 O00-O99 Schwangerschaft, Entbindung, Wochenbett Betreuung der Mutter bei Schädigung des
Feten
16 P00-P96 Zustände, die in der Perinatalperiode entstanden sind Krankheiten des Verdauungssystems
(Zeitraum zwischen der 28. Schwangerschaftswoche beim Feten und Neugeborenen, Geburts-
und dem 7. Tag nach der Geburt) trauma
17 Q00-Q99 Angeborene Missbildungen, Deformationen und Mikrozephalie
Chromosomenanomalien
18 R00-R99 Nicht an anderer Stelle klassifizierbare Symptome und Abnorme Blutuntersuchungsbefunde
abnorme klinische und Laborbefunde ohne Vorliegen einer Diagnose
19 S00-T98 Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen Vorsätzliche Selbstbeschädigung, Arznei-
äußerer Ursachen mittel und psychotrope Substanzen mit
schädlicher Wirkung
20 V01-Y98 Äußere Ursachen der Morbidität und Mortalität Verletzung eines Fußgängers bei Trans-
portmittelunfall, Kontakt mit giftigen
Tieren und Pflanzen
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21 Z00-Z99 Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen Behandlung unter Anwendung von Reha-
und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens Maßnahmen, Probleme in Verbindung mit
führen Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit

tomische Teile des Körpers wie Organe und Glied- Bei der Beschreibung der Funktionsfähigkeit einer
maßen) anerkannten Normen entsprechen, Person wird zudem der gesamte Lebenshintergrund,
ihr die Ausführung von Handlung oder Aufgaben also der Kontext, in dem die Person lebt, berücksich-
möglich ist (Aktivität), und tigt. Diese sogenannten Kontextfaktoren werden
sie an wichtigen Lebensbereichen teilhaben kann dabei unterschieden in Umweltfaktoren (wie z. B. Vor-
(Partizipation). handensein bestimmter Hilfsmittel, soziale Beziehun-
Die Domänen „Aktivität“ und „Partizipation“ bezie- gen) und personenbezogene Faktoren (z. B. Alter, Ge-
hen sich auf alle Lebensbereiche einer Person, die schlecht, Beruf).
für eine uneingeschränkte und befriedigende Lebens-
führung von Bedeutung sind (z. B. Lernen, Kommuni- Diagnostisches und Statistisches Manual
kation, Mobilität, Beziehungen, Selbstversorgung). Da Psychischer Störungen (DSM)
sich „Aktivität“ und „Partizipation“ nicht immer strikt (engl.: Diagnostic and Statistical Manual of Mental
voneinander trennen lassen, ist die Entscheidung da- Disorders, DSM; 4. Auflage, daher DSM-IV).
rüber, welche Lebensbereiche welcher Domäne zuge- Das DSM-IV-Handbuch wird von der American Psy-
ordnet werden, häufig schwierig. chiatric Association (APA; einflussreiche Vereinigung
10 Die medizinische Perspektive 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

von Psychiatern in den USA) herausgegeben. Wie der bessere Kommunikation über Diagnosen (Bsp.:
1 Name schon besagt, werden hier nur psychische Stö- Richten sich Ärzte und Psychotherapeuten nach
rungen beschrieben. Die Klassifikation und Diagnos- den geforderten Klassifikationskriterien, so ist si-
tik erfolgt wie bei der ICD-10 rein deskriptiv und kri- chergestellt, dass sie beide eine ähnliche Sympto-
terienorientiert. matik meinen, wenn sie z. B. von einem hypo-
Das DSM-IV ist weitgehend kompatibel mit der ICD- chondrischen Patienten reden),
10. Im Vergleich zur ICD-10 ist die Klassifikation vereinfachte Dokumentation der Diagnosen (auf-
und Beschreibung der psychischen Störungen jedoch grund der Kodierung),
wesentlich differenzierter. Daher ist das DSM-IV das Ableitung von weiteren therapeutischen Schrit-
Bezugssystem der psychologischen und neurobiologi- ten,
schen Forschung. bessere Vergleichbarkeit von Patientengruppen,
Der Zustand des Patienten wird anhand von fünf In- u. a.
formationsbereichen, den so genannten Achsen, be- Beachte: Trotz ihres hohen Nutzens und ihrer breiten
schrieben (multiaxiales System, Tab. 1.2). Neben den Anwendung sollten Klassifikationssysteme nicht als
psychischen Beeinträchtigungen (Achse I und II) wer- unumstößliche Wahrheiten akzeptiert werden. Sie
den weitere bedeutsame Aspekte (wie z. B. die Funk- vereinfachen komplexe menschliche Beeinträchti-
tionsfähigkeit, Achse V) berücksichtigt, um eine voll- gungen und können daher der Vielschichtigkeit der
ständigere klinische Beschreibung zu erreichen. Die individuellen Problematik nicht immer gerecht wer-
Achsen des DSM IV sind in Tab. 1.2 dargestellt. In den.
Tab. 1.3 finden Sie die verschiedenen Kategorien psy- Klassifikationssysteme unterliegen einer ständigen
chischer Störungen nach Achse I des DSM-IV. Überprüfung durch Forschungsergebnisse und klini-
Erfüllt eine Person mehrere Diagnosen gleichzeitig, sche Erfahrungen. Dies führt dazu, dass diese Syste-
sollten auch alle zutreffenden Diagnosen kodiert wer- matisierungen kontinuierlich weiterentwickelt wer-
den. Die Mehrfachkodierung von Diagnosen wird den und in regelmäßigen Abständen, ca. alle 10
auch Komorbidität genannt. Jahre, eine neue Auflage herausgegeben wird.

Bewertung von Klassifikationssystemen Check-up


Die Vorteile solcher einheitlichen Systematisierun- ✔ Welche beiden Klassifikationssysteme kennen
gen von Erkrankungen sind: Sie? Welche Vorteile bringt deren Anwendung
höhere Präzision bzw. Genauigkeit der Diagnosen mit sich?
(Reliabilität; s. a. S. 152), ✔ Was ist mit operationaler Diagnostik
größere Objektivität (d. h. verschiedene Diagnos- gemeint?
tiker kommen bei dem selben Patienten zu der ✔ Nennen Sie Unterschiede zwischen den beiden
gleichen Diagnose, s. a. S. 151), Klassifikationssystemen.
✔ Was bedeutet funktionale Gesundheit nach
der ICF?
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Tabelle 1.2

Das multiaxiale System des DSM-IV


Achse Was wird auf der jeweiligen Achse erfasst? Beispiel-Diagnose
Achse I Klinische Störungen (zu den versch. Kategorien s. Tab. 1.3) Major Depression
Achse II Langanhaltende Beeinträchtigungen: Persönlichkeitsstörungen (S. 105) Selbstunsichere Persönlichkeitsstörung
und geistige Behinderungen
Achse III Medizinische Krankheitsfaktoren (alle körperlichen Störungen und Arrhythmie (= Herzrhythmusstörung;
Zustände, die bedeutsam für die psychische Erkrankung sein können) beeinflusst die pharmakologische
Behandlung)
Achse IV Schwere der psychosozialen und umweltbedingten Belastung Scheidungswunsch des Partners
(z. B. Probleme in Partnerschaft und Beruf)
Achse V Allgemeines Funktionsniveau einer Person anhand der Global Assess- Gegenwärtiges Funktionsniveau: 30
ment of Functioning-Skala (GAF-Skala; psychische, soziale und berufliche
Funktionen); die Skala geht von 1 (anhaltende Leistungsunfähigkeit) bis
100 (optimale Funktion in allen Bereichen);
Die Achse V entspricht damit „in klein“ der Internationalen Klassifikation
der Funktionsfähigkeit (ICF; ein Manual der ICD-10).
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Die gesellschaftliche Perspektive 11

Tabelle 1.3
1
Kategorien psychischer Störungen nach Achse I des DSM IV
Kategorie Beispiel
Störungen, die typischerweise Autismus, Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung S. 72)
im Kleinkindalter, in der Kindheit
oder im frühen Erwachsenen-
alter diagnostiziert werden
Delir, Demenz, amnestische und Demenz vom Alzheimer-Typ (S. 124), Chorea Huntington
andere kognitive Störungen
Psychische Störungen, die auf Schlafstörung aufgrund einer medizinisch definierten Erkrankung
eine medizinische Erkrankung
zurückgehen
Substanzbezogene Störungen Alkoholbezogene Störungen, Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln (→ Sucht S. 99)
Affektive Störungen Majore depressive Störung, bipolare Störung (S. 87)
Schizophrenie und andere Psychotische Symptome wie Wahnvorstellungen, Halluzinationen (→ Schizophrenie S. 215)
psychische Störungen
Angststörungen Generalisierte Angststörung, Phobien (S. 84), Panikstörung (S. 85), Zwangsstörung (S. 85),
posttraumatische Belastungsstörung (S. 25)
Somatoforme Störungen Schmerzstörung, Hypochondrie (→ Somatoforme Störungen S. 7)
Vorgetäuschte Störungen Vortäuschung psychischer oder physischer Symptome
Dissoziative Störungen Multiple Persönlichkeitsstörung
Essstörungen Anorexia nervosa, Bulimia nervosa (→ Essstörungen S. 120); Übergewicht (Adipositas, S. 91)
wird nicht als eigenständige Essstörung diagnostiziert (für Übergewicht gibt es eine extra
Kategorie)
Sexuelle Störungen Verminderte sexuelle Appetenz, Fetischismus (→ Sexuelle Störungen S. 225, 226)
Schlafstörungen Dyssomnien, Parasomnien (S. 30)
Störungen der Impulskontrolle Kleptomanie, Pyromanie
Anpassungsstörungen Fehlangepasste Reaktionen auf eine Belastung
Andere auffällige Zustände Beziehungsprobleme, psychosomatische Störungen

1.4 Die gesellschaftliche Perspektive Zu Beginn dieses Kapitels lernen Sie grundsätzliche
rechtliche Regelungen unseres Gesundheits- und So-
Lerncoach zialsystems kennen, die die Abweichung des Kranken
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Aus gesellschaftlicher Perspektive bedeutet von seinen gesellschaftlichen Rollen legitimieren. Der
Kranksein, dass die betroffene Person ihre zweite Teil beschäftigt sich mit der Diskriminierung
sozialen Rollen nicht mehr erfüllen kann. Die von psychisch Kranken und dem Einfluss des gesell-
betroffenen Personen werden dabei durch schaftlichen Etiketts „psychisch krank“ auf die betrof-
unser Gesundheits- und Sozialsystem aufge- fene Person.
fangen. Verschaffen sie sich beim Lesen einen
groben Überblick über die verschiedenen 1.4.2 Unser Gesundheits- und Sozialsystem
Funktionen dieses Systems. Die Arbeitsunfähigkeit
Im sozialversicherungsrechtlichen Sinne gewährleis-
1.4.1 Der Überblick tet Gesundheit die Arbeits- und Erwerbsfähigkeit,
Da eine kranke Person meist nicht mehr normal leis- während Krankheit Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit
tungsfähig ist, wird sie von der gesellschaftlichen Er- bedeutet.
wartung bzw. Pflicht befreit, ihren sozialen Rollen Von Arbeitsunfähigkeit ist die Rede, wenn der Kranke
(z. B. als Arbeitnehmer, Elternteil) nachzukommen. gegenwärtig nicht seiner Arbeit nachgehen kann oder
Die Gesellschaft erwartet jedoch von dem Kranken, wenn die Gefahr besteht, dass sich durch die Arbeits-
dass dieser seinen Zustand verändern will, um seine tätigkeit sein gesundheitlicher Zustand verschlech-
sozialen Rollen wieder vollständig einnehmen zu tert. Sie wird vom Arzt befristet bescheinigt, was um-
können (s. hierzu die Rollenerwartungen an einen gangssprachlich als Krankschreibung bekannt ist. Der
Kranken nach Parsons, S. 181). Arbeitnehmer muss die Arbeitsunfähigkeitsbeschei-
nigung seinem Arbeitgeber vorlegen.
12 Die gesellschaftliche Perspektive 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

Das Lohnfortzahlungsgesetz sichert die finanziellen schen) versichert, gibt es den Risikostrukturaus-
1 Ressourcen des Erkrankten: Der Arbeitnehmer erhält gleich, d. h. einen finanziellen Ausgleich zwischen
die ersten sechs Wochen weiterhin seinen Lohn vom den Kassen.
Arbeitgeber und anschließend Krankengeld von sei- Während beispielsweise in vielen anderen europäi-
ner Krankenkasse. schen Ländern der Patient seine Behandlung zunächst
selbst bezahlt und später den Betrag von der Kranken-
Die Krankenversicherung kasse erstattet bekommt, gilt in Deutschland für alle
Die Krankenversicherung verhindert, dass dem Kran- gesetzlich Krankenversicherten das Sachleistungs-
ken wirtschaftliche Nachteile durch Behandlungskos- prinzip. Das bedeutet, dass der gesetzlich versicherte
ten und Verdienstausfall entstehen. Die Krankenversi- Patient über seinen Krankenkassenbeitrag das Recht
cherung ist in Deutschland eine Pflichtversicherung. zur ärztlichen Versorgung erwirbt und der Arzt mit
Ca. 90 % der deutschen Einwohner sind gesetzlich ver- der Krankenkasse, nicht mit dem Patienten, seine
sichert. Gesetzliche Krankenkassen sind z. B. die allge- Leistungen abrechnet. Die Honorierung des Arztes er-
meinen Ortskrankenkassen (AOK), die Ersatzkassen folgt indirekt über den Umweg der kassenärztlichen
(z. B. BARMER GEK, Techniker Krankenkasse) oder Vereinigung. Der Patient dagegen hat keine Einsicht
die Betriebskrankenkassen. Ca. 10 % der Einwohner in die von ihm verursachten Kosten. Ein Nachteil die-
sind privat versichert. Anbieter einer privaten Kran- ses Vorgehens ist somit ein geringes Bewusstsein für
kenversicherung sind z. B. die Debeka-Gruppe oder den Wert der erhaltenen Leistungen sowie eine über-
die Allianz. mäßige Inanspruchnahme medizinischer Leistungen.

Die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) Die Private Krankenversicherung (PKV)


Eine gesetzliche Pflichtversicherung besteht für alle Während in der GKV das Solidarprinzip umgesetzt
Auszubildenden, Arbeiter, Angestellten, Rentner und wird, gilt in der PKV das Äquivalenzprinzip. Jeder ver-
Arbeitslosen. Selbstständige und Arbeitnehmer, deren sichert sich gegen sein persönliches Krankheitsrisiko.
Einkommen die Jahresarbeitsentgeldgrenze (= Versi- Die Höhe des Beitrages richtet sich nach verschiede-
cherungspflichtgrenze; im Jahr 2009: 48.600 € brutto nen Kriterien wie dem Gesundheitsstatus der Person
pro Jahr) übersteigt, können zwischen einer GKV oder bei Eintritt in die Krankenkasse (Erhebung von Vorer-
einer privaten Krankenversicherung wählen. Pflicht- krankungen), ihrem Alter, Geschlecht und Beruf
versicherte können zudem private Zusatzversiche- sowie nach den gewünschten tariflichen Leistungen.
rungen abschließen. In der PKV können sich Personen versichern, für die
Die GKV ist ein Bestandteil der Sozialversicherung keine Versicherungspflicht in der GKV besteht (wie
(Sozialversicherung = gesetzliche Kranken-, Unfall-, z. B. Beamte, Selbständige und Personen, deren Ein-
Renten-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung). Die kommen die Versicherungspflichtgrenze überschrei-
Sozialversicherung baut in Deutschland auf dem Prin- tet). Privatversicherte Patienten erhalten nach Inan-
zip der Solidarität auf. spruchnahme medizinischer Leistungen die Rech-
Das Solidaritätsprinzip besagt, dass sich die Höhe des nung des Arztes und begleichen die Behandlungskos-
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Krankenkassenbeitrags am Einkommen des Versi- ten zunächst selbst, bevor diese von ihrer Kranken-
cherten bemisst. Alle Mitglieder bezahlen den glei- kasse erstattet werden (Kostenerstattungsprinzip).
chen festgelegten Prozentsatz ihres Einkommens an Dieses Vorgehen erhöht die Transparenz, da die
die Krankenversicherung und erhalten dafür identi- Patienten so die wirklichen Kosten ihrer Behandlung
sche Leistungen. Nicht berufstätige Ehepartner und erfahren. Es fördert die Mitsprachemöglichkeit des
Kinder sind in der GKV kostenlos mitversichert. Der Patienten und einen Austausch zwischen Arzt und
Beitragsatz beträgt seit dem 1. Juli 2009 14,9 % des Patient bezüglich der Notwendigkeit und der Kosten
Bruttoarbeitsentgelts (= Lohn, Gehalt). Dieser Pro- der geplanten Behandlungsmaßnahmen.
zentsatz wird jeweils ca. zur Hälfte vom Arbeitgeber
und Arbeitnehmer finanziert. Ab einer bestimm- Die gesetzliche Rentenversicherung (GRV)
ten Einkommensgrenze (sog. Beitragsbemessungs- Die Rentenversicherung leistet die regelmäßige Zah-
grenze; im Jahr 2009: 44 100 € brutto pro Jahr) bleibt lung der Rente ab dem Beginn des Rentenalters bis
der Krankenkassenbeitrag jedoch konstant und steigt zum Tode des Rentenversicherten. Die GRV ist wie
nicht mehr mit dem Einkommen an. die GKV ein Teil der Sozialversicherung und eine
Die Leistungen der Krankenkasse richten sich grund- Pflichtversicherung für nicht-selbstständige Arbeit-
sätzlich nach der individuellen Bedürftigkeit und wer- nehmer und Auszubildende.
den nur bei bestehender Notwendigkeit erbracht. Ein Träger der Rentenversicherung auf Bundesebene
Damit keine gesetzliche Krankenkasse im Nachteil ist u. a. der Deutsche Rentenversicherungsbund.
ist, wenn sie einen größeren Anteil an teureren Mit- Dieser entstand 2005 durch den Zusammenschluss
gliedern (wie z. B. alte und chronisch kranke Men- des Verbands Deutscher Rentenversicherungsträger
1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit Die gesellschaftliche Perspektive 13

(VDR) und der Bundesversicherungsanstalt für Ange- jeden Bürger kostenlos. In Großbritannien sind Fach-
stellte (BfA). ärzte in Krankenhäusern Regierungsangestellte, prak- 1
Neben der regulären Rentenzahlung zählen zu den tische Ärzte stehen mit der Regierung in vertraglicher
Leistungen der Rentenversicherung auch Beziehung.
Präventionsmaßnahmen, Der Aufbau des National Health Service in Großbri-
Rehabilitationsmaßnahmen und tannien wurde stark durch den Ökonom William
die Erwerbsunfähigkeitsrente. Henry Beveridge beeinflusst. Daher werden nationale
Erwerbsunfähig sind laut Sozialgesetzbuch diejenigen Gesundheitsdienste, wie z. B. in Italien, Dänemark,
Patienten, die wegen einer Krankheit oder Behinde- Norwegen und Kanada, auch Beveridge-Modelle ge-
rung die Erwerbstätigkeit nicht mehr regelmäßig aus- nannt.
üben oder nur geringe Einkünfte erzielen können. Zur
Abwendung der Erwerbsunfähigkeit aufgrund einer Privates System
Krankheit können medizinische oder berufsfördern- In den USA gibt es ein privatwirtschaftliches Gesund-
de Rehabilitationsmaßnahmen genehmigt werden. heitssystem. Der Großteil der amerikanischen Bevöl-
Weitere Besonderheiten des deutschen Gesundheits- kerung ist privat krankenversichert, d. h. die Gesund-
systems finden Sie im Kapitel 11.3 ab S. 256. heitsversorgung wird privat finanziert. Es gibt keine
Versicherungspflicht. Der Staat zieht sich weitgehend
Lerntipp aus der Finanzierung und Steuerung des Gesundheits-
Auch die Systeme zur Gesundheitsversorgung systems zurück. Die Gesundheitsversorgung erfolgt
außerhalb der deutschen Grenzen sollten hauptsächlich durch private Anbieter und wird
Sie kennen. Dazu folgender kleiner Exkurs: durch Markt- und Wettbewerbsmechanismen regu-
liert.
1.4.3 Exkurs: Die drei Finanzierungssysteme der
Gesundheitsversorgung 1.4.4 Die Diskriminierung psychisch Kranker
Gesundheitssysteme dienen der Absicherung der Be- Das Verständnis und die Behandlungsmöglichkeiten
völkerung gegen das Krankheitsrisiko. Je nach Art der psychischer Krankheiten haben sich in den letzten
Finanzierung werden heute weltweit drei grundle- Jahrzehnten deutlich verbessert und in einem Trend
gende Versorgungssysteme unterschieden. Betrachtet der Deinstitutionalisierung bemerkbar gemacht.
man einzelne nationale Gesundheitssysteme entspre- Statt der Unterbringung in staatlichen psychiatri-
chen diese allerdings in der Regel nicht vollständig schen Krankenhäusern und der damit verbundenen
einem dieser Typen, sondern stellen meist Mischfor- Isolation von der Gesellschaft, weiteten sich ambu-
men dar. lante Versorgungs- und Therapiemöglichkeiten psy-
chisch Kranker aus.
Sozialversicherungssystem (Bismarck-Modell) Psychisches Kranksein ist jedoch nach wie vor mit
Wie bereits beschrieben gibt es in Deutschland ein So- einer Vielzahl von Vorurteilen behaftet. Beispiels-
zialversicherungssystem. Das bedeutet, dass Gesund- weise werden schizophrene und suchtkranke Men-
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heitsleistungen über die gesetzliche Krankenversi- schen häufig als unberechenbar, unzuverlässig und
cherung finanziert werden. Arbeitgeber und Arbeit- gefährlich beurteilt. Eine tatsächliche Gefährdung
nehmer teilen sich die gesetzlich vorgeschriebenen geht dabei nur von einer Minderheit aus, die in der
Sozialversicherungsbeiträge. Die medizinischen Ge- Regel jedoch frühzeitig erkannt wird und behandelt
sundheitsleistungen werden von privaten und öffent- werden kann. Insgesamt werden bei psychisch kran-
lichen Anbietern (Ärzte, Krankenhäuser, Gesund- ken Personen nicht mehr Gewalttaten verzeichnet
heitsämter etc.) erbracht. Neben Deutschland gibt es als bei Gesunden. Ein anderes Vorurteil, dem z. B. de-
dieses Modell der Gesundheitsversorgung z. B. auch pressive und suchtkranke Menschen häufig ausge-
in Frankreich, Österreich, der Schweiz und in Japan. setzt sind, ist der Vorwurf von individueller Schwäche
Reichskanzler Bismarck führte im Jahr 1883 in nach dem Motto „Der sollte sich jetzt endlich mal
Deutschland weltweit die erste gesetzliche Kranken- etwas zusammenreißen!“.
versicherung ein, daher werden Sozialversicherungs- Psychisch Kranke und deren Angehörige leiden unter
systeme auch als Bismarck-Modelle bezeichnet. sozialen Ausgrenzungen und den abweisenden Reak-
tionen ihrer Mitmenschen, die oft wenig über psychi-
Staatlicher Gesundheitsdienst (Beveridge-Modell) sche Erkrankungen und deren Behandlung wissen.
Ein staatlicher Gesundheitsdienst (wie z. B. der Natio- Die Diskriminierung zeigt sich z. B. in der beruflichen
nal Health Service in Großbritannien) wird aus staat- Benachteiligung der Betroffenen oder der Schwierig-
lichen Mitteln, also aus Steuereinnahmen, finanziert. keit, eine Wohnung zu finden. In vielen gesunden
Die medizinische Versorgung erfolgt über öffentliche Köpfen herrscht noch immer die „irrsinnige“ Vorstel-
Versorgungseinrichtungen und ist praktisch für lung von psychisch Kranken, die in Irrenhäusern in
14 Die gesellschaftliche Perspektive 1 Bezugssysteme von Gesundheit und Krankheit

Zwangsjacken zu ihrem eigenen Schutz und dem heute noch geht man davon aus, dass Stigmatisie-
1 Schutz der Gesellschaft untergebracht sind. rungsprozesse einen negativen Einfluss auf den Ver-
Unwissenheit schürt Ängste und Vorurteile, die durch lauf der Krankheit haben. Eine Folge von Stigmatisie-
Aktionen, z. B. initiiert durch die Bayrische Anti Stigma rung ist z. B. eine Verkleinerung des sozialen Netzwer-
Aktion (BASTA zur Aufklärung der Bevölkerung über kes, die Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls,
Schizophrenie; für interessante Links vgl. http:// Ängste, Schamgefühle, Rückzug und eine geringere
www.irrsinnig-menschlich.de), abzubauen versucht Behandlungsbereitschaft. Die ursprünglichen Annah-
werden. men des Labeling-Ansatzes, dass Stigmatisierungs-
prozesse die Ursache für psychische Störungen sind,
Der Etikettierungsansatz stellten sich jedoch als nicht haltbar heraus. Gesell-
Der Etikettierungsansatz (Labeling-Theorie) ist in den schaftliche Stigmatisierung ist eher als Folge anzuse-
60er Jahren als Gegenbewegung zu den damals vor- hen und wird als Erklärungsmodell dem komplexen
herrschenden medizinischen Konzepten – v. a. hin- Krankheitsbild wie z. B. dem einer Schizophrenie,
sichtlich der Entstehung von Schizophrenie – entstan- bei dem genetische und soziale Faktoren eine wesent-
den. Er räumt dem Einfluss der Gesellschaft bei der liche Rolle spielen, nicht gerecht.
Entstehung von psychischen Störungen einen zentra-
len Stellenwert ein, indem er annimmt, dass diese das Check-up
Ergebnis sozialer Interaktions- und Zuschreibungs- ✔ Was besagt das Solidaritätsprinzip, das Sach-
prozesse sind. Erst durch die Etikettierung von Perso- leistungsprinzip und das Äquivalenzprinzip?
nen als „psychisch gestört“ entsteht die eigentliche ✔ Welche Leistungen im medizinischen Bereich
Störung. Durch die negative Bewertung des Betroffe- werden von der Rentenversicherung getra-
nen kommt es zu einer Verfestigung des abweichen- gen?
den Verhaltens. Der Betroffene gewöhnt sich daran ✔ Rekapitulieren Sie verschiedene Finanzie-
„verrückt“ zu sein, nimmt sich irgendwann selbst als rungsmöglichkeiten der Gesundheitsversor-
krank wahr und übernimmt die ihm zugeschriebenen gung der Bevölkerung. Wie werden die
Rolle des „Geisteskranken“. Modelle jeweils genannt?
Die zu Diskriminierung führende Charakterisierung ✔ Wiederholen Sie die Annahmen des Etikettie-
von Personen durch die Zuschreibung negativ bewer- rungsansatzes.
teter Merkmale (z. B. verrückt, unberechenbar, ge-
fährlich) wird als Stigmatisierung bezeichnet. Auch
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Kapitel 2

Gesundheits- und
Krankheitsmodelle

2.1 Die Verhaltensmodelle 17

2.2 Die biopsychologischen Modelle 20

2.3 Die psychodynamischen Modelle 36

2.4 Die sozialpsychologischen Modelle 43

2.5 Die soziologischen Modelle 46


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16 Klinischer Fall 2

Auf den Magen geschlagen Stress frisst den Magen auf


Am kommenden Dienstag sitzt Herr S. wieder bei Dr.
Baumann im Sprechzimmer. Er weiß schon, was er
hat: Ein Magengeschwür. Dr. Baumann überfliegt den
Brief des Gastroenterologen, den Herr S. mitgebracht
hat: Herr S. hat ein Ulkus an der kleinen Kurvatur des
Magens. Der Test auf Helicobacter pylori (ein Bakte-
rium, das häufig Magengeschwüre verursacht) ist ne-
gativ. Herr S. nimmt auch keine Medikamente wie Aspi-
rin oder andere entzündungshemmende Arzneimittel
ein, die ein Ulkus hervorrufen können. Wie könnte
das Magengeschwür dann entstanden sein? Dr. Bau-
mann überlegt, ob er das Blut von Herrn S. auf einige
seltene Erkrankungsursachen untersuchen lassen soll.
Radiologische Darstellung eines Ulcus ventriculi an der kleinen Ihm fällt außerdem auf, dass Herr S. ein wenig zusam-
Kurvatur (→). Das Ulcus zeigt sich als kontrastmittelgefüllte mengesunken auf seinem Stuhl sitzt, er ist blass und
Vertiefung (Depot). wirkt erschöpft und ausgelaugt. Vorsichtig fragt Dr.
Baumann: „Gibt es etwas, das Sie beunruhigt?“ Herr
Herr S. hat ein Magengeschwür, doch weder Bakte- S. zögert einen Augenblick, dann sagt er: „Wissen Sie,
rien noch magenschädliche Medikamente können dieser ganze Stress frisst mich förmlich auf.“
als Ursache festgestellt werden. Schuld ist vermut-
lich psychischer Stress. Auch unsere Psyche hat Ein- Medikamente und Entspannung
fluss auf unser Wohlbefinden und ist dafür verant- Bei Herrn S. ist das Ulcus ventriculi zumindest teilweise
wortlich, ob wir gesund oder krank sind. Mehr psychisch bedingt. Der Patient berichtet Dr. Baumann,
darüber, wie unser Verhalten und unsere Umwelt dass in seiner Firma vor drei Monaten alle Bereiche reor-
sich auf Gesundheit und Krankheit auswirkt, lesen ganisiert worden seien. Er selbst sei dabei zum Leiter
Sie im folgenden Kapitel. einer kleinen Abteilung mit vier Mitarbeitern gewor-
den. Doch er fühle sich der neuen Aufgabe nicht ge-
Bauchschmerzen wachsen. Dieser Stress ist Herrn S. wortwörtlich „auf
Dr. Baumann, junger Assistenzarzt bei einem nieder- den Magen geschlagen“.
gelassenen Allgemeinmediziner, beginnt am Montag- Dr. Baumann hört seinem Patienten geduldig zu. Als
morgen mit der Sprechstunde. Sein erster Patient ist Therapie verschreibt er einen Protonenpumpenhem-
Herr S. Dr. Baumann entnimmt der Karteikarte, dass mer, ein Medikament, das die schädliche Säureproduk-
Herr S. 46 Jahre alt ist und als Buchhalter arbeitet. In tion im Magen verringert. Außerdem empfiehlt er
den letzten zehn Jahren ist er ab und zu mit kleineren Herrn S. Entspannungsverfahren zu erlernen oder bei
Beschwerden in der Sprechstunde gewesen. einem Psychologen Rat zu suchen. Vier Wochen später
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Herr S. kommt gleich zur Sache. Seit etwa drei Wochen trifft Dr. Baumann Herrn S. beim Einkaufen. „Mir geht's
habe er Schmerzen im Oberbauch, leide an häufigem prima“, sagt der Patient zufrieden. „Ich habe einen
Aufstoßen und Appetitlosigkeit. Vor allem nachts neuen Chef bekommen, der mich sehr unterstützt.
seien die Beschwerden oft so schlimm, dass er gar Ach ja, und ich mache einen Kurs in Autogenem Trai-
nicht richtig schlafen könne. Die körperliche Unter- ning; das hilft mir abends beim Entspannen.“
suchung bringt außer einem leichten Druckschmerz
im Oberbauch keine Ergebnisse. Dr. Baumann geht
die möglichen Diagnosen rasch im Kopf durch: Eine
akute Gastritis (Entzündung der Magenschleimhaut),
ein Ulcus ventriculi (Magengeschwür), möglicherweise
auch ein Magenkarzinom (bösartiger Magentumor).
Um abzuklären, um welche Erkrankung es sich handelt,
überweist Dr. Baumann Herrn S. an einen Gastroente-
rologen. Dieser soll eine Gastroskopie (Magenspiege-
lung) durchführen. Dabei wird ein Schlauch in den
Magen geschoben. Der Arzt kann die Magenschleim-
haut ansehen und Gewebsproben entnehmen.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die Verhaltensmodelle 17

2 Gesundheits- und Zuletzt werden noch die Verhaltensmedizin und die


Krankheitsmodelle Verhaltensgenetik vorgestellt.

In den folgenden Abschnitten werden verschiedene 2.1.2 Das lerntheoretische Modell 2


Sichtweisen dargestellt, welche Faktoren die Entste- Das lerntheoretische Modell nimmt an, dass psychi-
hung und den Verlauf von Krankheit und Gesundheit sche Krankheiten durch Lernerfahrungen entstehen
beeinflussen. Man kann sich diese verschiedenen Mo- und aufrechterhalten werden. Auch bei physischen
dellannahmen gut am Beispiel eines Kindes mit einer Krankheiten können Lernprozesse eine Rolle spielen.
Aufmerksamkeitsstörung verdeutlichen: Das lerntheoretische Modell wird auch als behavioris-
Nach dem Verhaltensmodell wird die Ursache für tisches Modell oder als klassisches Verhaltensmodell
die Störung primär in den Lernerfahrungen des bezeichnet.
Kindes (z. B. in der Art wie die Eltern auf seine Ab- Je nach Art des Lernvorgangs werden verschiedene
gelenktheit und Unruhe reagieren) gesucht. Lernformen unterschieden:
Der Fokus des biologischen Modells liegt bei- das klassische Konditionieren (auch respondentes
spielsweise auf möglichen biochemischen Verän- Lernen),
derungen im Transmittersystem des Gehirns. das operante Konditionieren und
Der psychodynamische Blick richtet sich dagegen das Modelllernen.
auf frühkindliche Konflikte. Diese Lernformen werden ausführlich ab S. 58 vorge-
Der sozialpsychologische Blick ist eher auf die so- stellt. Die Grundannahme, dass letztendlich alles Ver-
ziale Einbindung des Kindes gerichtet. halten gelernt ist, bildet auch die Basis des therapeu-
Die soziologische Perspektive schenkt zum Bei- tischen Vorgehens.
spiel den strukturellen Lebensumständen (Um-
weltbelastung, soziale Schicht, etc.) des Kindes be- MERKE
sondere Aufmerksamkeit. Nach dem lerntheoretischen Modell ist eine psychi-
Diese Sichtweisen schließen einander nicht aus, son- sche Störung ein ungünstiges, nicht zielführendes
dern sind meistens durchaus miteinander kombinier- (dysfunktionales) Verhalten.
bar.

Hinter dieser Definition steckt die Auffassung, dass


2.1 Die Verhaltensmodelle
man Verhalten nicht in zwei scharfe Kategorien wie
„krank“ und „gesund“ unterteilen kann, weil kein Ver-
Lerncoach
halten an sich gut oder schlecht ist. Das einzige Krite-
Sie werden im folgenden Kapitel verschiedene
rium, nach dem man eine bestimmte Verhaltensweise
Verhaltensmodelle kennen lernen, also unter-
eines Menschen (z. B. eine übermäßige Angstreaktion
schiedliche Sichtweisen darüber, welchen
gegenüber einer Spinne) beurteilen kann, ist, ob das
Einfluss Lern- und Denkprozesse auf das
Verhalten für diesen Menschen zielführend bzw.
menschliche Verhalten haben. Die Lektüre der
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

günstig (funktional) ist. Erst wenn Verhaltensweisen


Verhaltensmodelle aber auch weiterer Ab-
dysfunktional für die betroffene Person sind und sub-
schnitte fällt Ihnen sicherlich leichter, wenn
jektiven Leidensdruck auslösen, wird eine psychische
Sie sich zuerst die lerntheoretischen Grund-
Störung diagnostiziert.
lagen (ab S. 58) aneignen und dann mit diesem
Mit Hilfe der funktionalen Verhaltensanalyse (S. 68)
Kapitel fortfahren.
wird zunächst der Lernprozess, der zu dem problema-
tischen Verhalten geführt hat, analysiert. Ziel ist es,
2.1.1 Der Überblick
die Bedingungen zu verstehen, die das Verhalten aus-
Bei den Verhaltensmodellen kommt – in Abgrenzung
lösen und aufrechterhalten. Da jedes Verhalten das
zu den anderen Modellen – dem beobachtbaren Ver-
Resultat von Lernprozessen ist, kann man nach An-
halten eine zentrale Rolle zu. Die Verhaltensmodelle
nahme der Lerntheorie jedes Verhalten auch wieder
unterscheiden sich jeweils darin, wie sie den Zusam-
verlernen beziehungsweise umlernen. Entsprechend
menhang zwischen Umweltereignissen und Verhal-
wird in der Verhaltenstherapie (S. 210) mit Hilfe ver-
tensänderungen erklären. Das lerntheoretische Mo-
schiedener Techniken (z. B. Konfrontationsverfahren
dell nimmt an, dass das Verhalten einer Person we-
[S. 69], weitere Techniken S. 210) das problematische
sentlich durch ihre Erfahrungen mit der Umwelt be-
Verhalten systematisch verändert, indem das uner-
stimmt ist. Dagegen stehen beim kognitiven Modell
wünschte Verhalten durch eine funktionalere Alter-
die Gedanken (Kognitionen) im Mittelpunkt. Beide
native ersetzt wird.
Sichtweisen sind im kognitiv-behavioralen Modell
zusammengefügt worden.
18 Die Verhaltensmodelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Klinischer Bezug 2.1.5 Die Verhaltensmedizin


Der Begriff „Verhaltensmedizin“ bezeichnet einen
Wie die Umwelt bisher auf die Erkrankung einer Person
interdisziplinären Wissenschaftsbereich, der bei
reagiert hat, beeinflusst, wie sehr sich diese Person in
2 der Erforschung von Gesundheit und Krankheit biolo-
Zukunft mit allen Kräften bemüht, bei einer Erkran-
kung möglichst schnell wieder gesund zu werden. gische, psychische und soziale Faktoren berücksich-
Wurde ein Patient mit freundlicher Aufmerksamkeit tigt (biopsychosoziales Modell). Dafür ist es notwen-
überschüttet und von lästigen Pflichten entbunden, dig Wissen aus Bereichen der Medizin (Innere Medi-
ist es wahrscheinlicher, dass er sich mit dem Gesund- zin, Physiologie, Biochemie etc.) und den Verhaltens-
werden eher Zeit lässt. Während jemand, dessen Ar- wissenschaften (Psychologie, Pädagogik, Soziologie
beitgeber bei den Kollegen stets verärgert reagierte, u. a.) zu integrieren.
wenn sie krankheitsbedingt fehlten, versuchen wird,
schnell wieder zu gesunden. Das Krankheitsverhalten MERKE
wird also durch die Konsequenzen beeinflusst, die es Wenn man von Verhaltensmedizin spricht, ist damit
in der Umwelt nach sich zieht. in der Regel jedoch spezifisch die Anwendung der
(kognitiven) Verhaltenstherapie in der Medizin
gemeint.
2.1.3 Das kognitive Modell
Während strenge Behavioristen sich nur um das be-
obachtbare Verhalten kümmern, wird im kognitiven Neben den klassischen kognitiv-verhaltenstherapeu-
Modell der Einfluss von Bewertungen und Interpre- tischen Techniken hat sich z. B. auch das Biofeedback
tationen (Kognitionen) auf das Gesundheits- und (S. 70) als wirksame Methode in der Verhaltensmedi-
Krankheitsverhalten betont. Nach dem kognitiven zin etabliert. Es kann dabei helfen, Patienten den
Modell reagiert der Mensch nicht einfach passiv auf Zusammenhang von psychischen (z. B. Stress) und
seine Umwelt, sondern er interpretiert Ereignisse körperlichen Vorgängen (z. B. Muskelspannung) zu
und Erfahrungen. Die Art, wie er bestimmte Ereig- verdeutlichen.
nisse wahrnimmt (beispielsweise als stabil oder ver- Verhaltensmedizinische Ansätze werden besonders
änderlich) und welche Ursachen er Ereignissen zu- bei chronischen Erkrankungsverläufen, wie z. B. bei
schreibt (beispielsweise durch ihn selbst oder durch Schmerzsyndromen, chronischen Herz-Kreislaufer-
äußere Faktoren verursacht), beeinflussen sein Erle- krankungen, Krebserkrankungen, Aids u. a. angewen-
ben und Verhalten. Entsprechend wird auch die Ent- det. Es gibt jedoch viele weitere Anwendungsbereiche
wicklung und Aufrechterhaltung von psychischen wie beispielsweise die Behandlung von Diabetes mel-
Störungen oder Krankheiten durch Gedanken und Be- litus oder die Reduktion von Übergewicht.
wertungen beeinflusst. Die Neigung, sich selbst für
alle negativen Ereignisse verantwortlich zu fühlen 2.1.6 Die Verhaltensgenetik
(internale Attribution), aber positive Ereignisse äu- Die Verhaltensgenetik versucht Erkenntnisse darüber
ßeren Faktoren zuzuschreiben (externale Attribu- zu gewinnen, inwiefern Unterschiede im menschli-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

tion), spielt zum Beispiel bei Depression eine Rolle chen Verhalten, Persönlichkeitsmerkmalen, äußeren
(zur Attribution siehe auch S. 97). Merkmalen, Fähigkeiten etc. auf genetische Faktoren
So werden in der kognitiven Therapie, die sich gerade zurückzuführen sind.
bei der Behandlung von Depression als wirksam er- Nehmen wir als Beispiel die Körpergröße. Diese ist
wiesen hat, u. a. alternative Denkweisen eingeübt von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Anders ge-
(S. 89 und S. 211). sagt: Das Merkmal Körpergröße weist innerhalb
einer Gruppe von Personen eine Variation auf. Diese
2.1.4 Das kognitiv-behaviorale Modell wird statistisch als Varianz angegeben (S. 169). Die
Die beiden beschriebenen Krankheitsmodelle (kogni- Erblichkeit der Körpergröße wird nun geschätzt, in
tives und lerntheoretisches Modell) werden im kogni- dem die Varianz der Messwerte einer bestimmten Po-
tiv-behavioralen Modell verbunden. Hier geht man pulation (z. B. 20-jährige, deutsche Männer) berech-
davon aus, dass sowohl Lernprozesse als auch Kogni- net wird und dann der Anteil der Varianz ermittelt
tionen eine wichtige Rolle bei der Entstehung und wird, der durch genetische Faktoren erklärt wird.
Aufrechterhaltung von psychischen Störungen spie- Bei der Körpergröße wurde so eine Erblichkeit von
len. In der kognitiven Verhaltenstherapie werden so- ca. 90 % ermittelt, d. h. 90 % der vorhandenen Unter-
wohl die Lernprozesse und -bedingungen, die einem schiede innerhalb der untersuchten Population lassen
ungünstigen Verhalten zu Grunde liegen, als auch sich durch erbliche Faktoren erklären.
die dabei auftretenden Gedanken des Patienten ana- Erblichkeitsschätzungen beziehen sich jedoch
lysiert und gemeinsam mit dem Patienten bearbeitet. immer auf bestehende interindividuelle Unterschiede
innerhalb einer Population. Man darf davon ausge-
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die Verhaltensmodelle 19

hend keine Aussagen über den genetischen Anteil der Die genetischen Anteile der Intelligenz
Körpergröße einzelner Personen ableiten. Sie dürften Erblichkeitsschätzungen der Intelligenz sind ein viel
also nicht sagen, dass Ihre eigene Körpergröße zu 90 % diskutiertes Thema mit wichtigen Konsequenzen. All-
auf genetische Faktoren zurückginge. gemein geteilt wird inzwischen die Auffassung, dass 2
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um die Erblich- für die Variationsbreite der Intelligenz sowohl geneti-
keit zu schätzen. sche als auch Umweltfaktoren relevant sind. Geneti-
sche Faktoren sind für 40 bis 70 % (je nach Untersu-
Methoden der Erblichkeitsschätzung chung) der Variabilität der Intelligenz verantwortlich.
Eine Methode ist zum Beispiel eine Zwillingsstudie, Wichtig ist jedoch, dass auch ein großer erblicher An-
bei der eineiige (monozygote) und zweieiige (di- teil nicht bedeutet, dass Umweltfaktoren wie zum
zyogte) Zwillingspaare miteinander verglichen wer- Beispiel gezielte Fördermaßnahmen damit wirkungs-
den. Es wird untersucht, in welchem Ausmaß sich ein- los blieben. Den genetischen Anteil sollte man eher als
eiige Zwillingspaare, die 100 % ihrer Erbinformation eine Reaktionsnorm verstehen, also einen vorge-
teilen, und zweieiige Zwillingspaare, bei denen es zeichneten Bereich innerhalb dessen die Intelligenz-
nur ca. 50 % sind, hinsichtlich bestimmter Merkmale ausprägung je nach Anregungsgrad der Umwelt lie-
(z. B. Körpergröße, Intelligenz, Musikalität) ähneln. gen wird.
Um die Erblichkeit eines Merkmals zu ermitteln,
wird berechnet, wie viel ähnlicher sich die monozygo- MERKE
ten im Vergleich zu den dizygoten Zwillingen sind. Intelligenz wird sowohl von genetischen als auch
Eine weitere Möglichkeit besteht darin, getrennt auf- von Umweltfaktoren und von deren Interaktion be-
gewachsene eineiige Zwillinge zu untersuchen. Alle einflusst.
gefundenen Unterschiede können eindeutig auf Ein-
flüsse der Umwelt zurückgeführt werden. Findet
Die genetischen Anteile der Persönlichkeit
man jedoch Ähnlichkeiten z. B. hinsichtlich ihrer In-
Der genetisch bedingte Anteil von Persönlichkeits-
telligenz, bedeutet dies nicht automatisch, dass diese
merkmalen wie Extraversion, Ängstlichkeit oder
erblich bedingt sind. Trotz unterschiedlicher Eltern-
emotionale Labilität wird aufgrund vorliegender Stu-
häuser ist es durchaus möglich, dass sich auch die
dien als geringer eingeschätzt als der erbliche Anteil
Umwelt der Zwillinge gleicht (z. B. das gleiche Schul-
bei der Intelligenz. Trotzdem zeigt sich über verschie-
system) und somit zu einer ähnlichen Entwicklung
dene Merkmale hinweg, dass ein erblicher Faktor
beiträgt. Wachsen die eineiigen Zwillinge in unter-
existiert, auch wenn die Umwelterfahrungen hier
schiedlichen Familien auf, die sie jedoch in beiden Fäl-
einen stärkeren Einfluss zu haben scheinen.
len aktiv in ihrer geistigen Entwicklung fördern, so
bleibt unklar, ob eine hohe Intelligenzübereinstim-
Die genetischen Anteile bei psychischen
mung nun auf die gemeinsamen Gene oder die jeweils
Störungen
erhaltene Förderung zurückgeht.
Auch bei psychischen Störungen stellt sich die Frage,
In Adoptionsstudien werden adoptierte Kinder be-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

ob ihr Auftreten von genetischen oder Umweltein-


züglich des relevanten Merkmals einerseits mit den
flüssen abhängt. Dabei hat sich gezeigt, dass der gene-
biologischen Eltern (Einfluss der Gene) und anderer-
tische Anteil stark variiert (s. Tab. 2.1).
seits mit den Adoptiveltern (Einfluss der Umwelt) ver-
Im Folgenden soll näher auf die Erblichkeit einer schi-
glichen. Die Stärke der jeweiligen Ähnlichkeit wird in
zophrenen Erkrankung und der Alkoholabhängigkeit
Form eines Korrelationskoeffizienten (S. 170 ) angege-
eingegangen werden.
ben. In Studien zur Erblichkeitsschätzung von Intelli-
genz hat man beispielsweise zeigen können, dass die
Korrelation der IQ-Werte mit der leiblichen Mutter Tabelle 2.1
höher ausfällt als die mit der Adoptivmutter.
Größe des genetischen Einflusses bei psychischen
Die Aussagekraft von Adoptionsstudien wird durch Störungen
den Effekt der selektiven Platzierung eingeschränkt. Deutlich Schizophrenie, bipolare Depression
Selektive Platzierung meint, dass Adoptivkinder häu- (depressive und manische Phasen),
fig in Familien untergebracht werden, die der eigenen Autismus
Familie ähnlich sind. Mittel Depression, Suchterkrankungen
(wie z. B. Alkoholabhängigkeit)
Im Folgenden wird auf die Erblichkeit von Intelligenz,
Persönlichkeitseigenschaften und psychischen Stö-
rungen eingegangen.
20 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Check-up
Die Schizophrenie
✔ Was bedeutet Verhaltensmedizin?
Zur Schizophrenie gibt es eine ganze Serie von Zwil-
✔ Bei welchen Störungen gibt es eine starke
lings- und Familienstudien, deren Ergebnisse die Exis-
2 genetische Komponente?
tenz genetischer Faktoren deutlich stützen. Man
spricht hier von einer erhöhten Vulnerabilität (er-
höhter Verletzlichkeit) der familiär belasteten Indivi-
2.2 Die biopsychologischen Modelle
duen, die ein gegenüber der Normalbevölkerung
2.2.1 Überblick
deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko bedeutet. So lag
Die Biopsychologie geht davon aus, dass sich körper-
die Wahrscheinlichkeit einer schizophrenen Störung
liche Prozesse und Verhalten und Erleben gegenseitig
bei Kindern von schizophrenen Müttern in einer gro-
beeinflussen. Sie betrachtet sowohl die Auswirkun-
ßen amerikanischen Studie bei 17 % (gegenüber 0,1 %
gen psychischer Prozesse (z. B. Stress) auf biologische
in der Normalbevölkerung). Den eigentlichen Auslö-
Prozesse, als auch die Folgen körperlicher Verände-
ser für eine schizophrene Episode geben jedoch meis-
rungen (z. B. Hirnschädigungen) auf das Verhalten
tens Umweltereignisse.
und Erleben. Unter diesem Gesichtspunkt werden
Aufgrund dieser Erkenntnisse spielt der Einsatz von
im folgenden Abschnitt verschiedene Zustände des
Präventionsprogrammen für Risikogruppen eine
menschlichen Organismus betrachtet: Stress, Aktiva-
große Rolle.
tion und Bewusstsein, Schlaf und Schmerz.
Bei der Entstehung einer schizophrenen Erkrankung
Die Biopsychologie ist ein Oberbegriff für einige Teil-
gilt also zu beachten, dass eine erbliche Vorbelastung
gebiete, die sich hinsichtlich ihrer im Vordergrund
lediglich die Auftretenswahrscheinlichkeit der Stö-
stehenden Forschungsfragen unterscheiden:
rung erhöht. Zu der genetischen Vulnerabilität müs-
Die Psychophysiologie sucht nach physiologischen
sen immer auch Umweltfaktoren (wie z. B. kritische
Indikatoren für psychische Prozesse. Sie versucht
Lebensereignisse) hinzukommen. Aus diesem Grund
zentralnervöse und vegetative Veränderungen zu
sagt man, dass lediglich eine Disposition (Anlage),
identifizieren, die psychische Vorgänge wie Stress,
nicht jedoch die Störung selbst, vererbt wird. Dieses
Emotionen oder klinische Störungen begleiten. Dies
Ätiologie-Modell, das eine Verkettung von Erb- und
kann auf zwei Wegen umgesetzt werden. Man variiert
Umweltfaktoren postuliert, wird auch als „Diathese-
psychische Vorgänge (Lernen, Gefühlszustände) im
Stress-Modell“ oder auch als „Vulnerabiltäts-Stress-
Experiment und erfasst die davon abhängigen körper-
Modell“ bezeichnet. Es wurde zuerst für die Entste-
lichen Vorgänge oder es erfolgt ein Vergleich von vor-
hung von Schizophrenie eingeführt, wird heute je-
gefundenen psychischen Zuständen (Angststörungen
doch für die Erklärung der Ätiologie vieler psychi-
vs. keine Angststörungen) in ihren physiologischen
scher Störungen herangezogen.
Korrelaten.
MERKE Beispiele für häufig erhobene physiologische Maße
und ihre Messverfahren finden sich in Tab. 2.2.
Diathese-Stress-Modell: Neben genetischen Fak-
Die physiologische Psychologie ist eine Disziplin der
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toren (Diathese) müssen immer auch Belastungen


Grundlagenforschung. Sie untersucht direkte Zusam-
(Stress) hinzukommen müssen, damit sich eine
menhänge zwischen zentralnervösen Prozessen und
Krankheit manifestiert.
Verhalten beim Menschen und beim Tier. Im Tierex-
periment werden häufig physiologische Parameter
Der Alkoholismus variiert und das Verhalten als abhängige Variable beo-
Hinweise auf eine genetische Prädisposition gibt es bachtet. So werden beispielsweise Hirnstrukturen ge-
auch bei der Alkoholabhängigkeit. Mit Hilfe gut kon- zielt ausgeschaltet, um herauszufinden, welche Rolle
trollierter Adoptionsstudien konnte gezeigt werden, sie für das Lernen oder für aggressives Verhalten spie-
dass unabhängig vom gelernten Konsumverhalten, len.
Söhne von Alkoholikern ein größeres Risiko haben, Die Neuropsychologie beschäftigt sich ebenfalls mit
ebenfalls alkoholabhängig zu werden. Für diese er- der Frage, welche Hirnstrukturen für Verhalten oder
höhte Vulnerabilität gibt es ein Korrelat auf molekula- emotionale Prozesse verantwortlich sind, wobei sie
rer Ebene. Das D2-Gen, das Information zu einem sich auf Untersuchungen von Patienten mit Hirnschä-
Dopamin-Rezeptor codiert, scheint mit Alkoholismus digungen und den Einsatz bildgebender Verfahren
im Zusammenhang zu stehen (Uhl, Perscio, Smith, stützt. Auf S. 51 wird ausführlicher auf einige neuro-
1992). Über dieses Gen wird vermutlich eine erhöhte psychologische Grundlagen eingegangen.
Alkoholtoleranz vererbt, die das Risiko einer Abhän- Die Psychoendokrinologie untersucht die Wechsel-
gigkeit wahrscheinlich durch das Ausbleiben aversi- wirkung von endokrinen Vorgängen und mensch-
ver Konsequenzen selbst bei hohem Alkoholkonsum lichem Erleben und Verhalten. Die experimentellen
fördert. Ansätze untersuchen auch hier zwei Wirkrichtungen:
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 21

Tabelle 2.2

Einige Messverfahren zur Erfassung physiologischer Messwerte und deren psychologische Korrelate
2
Messverfahren psychologische Korrelate
Indikatoren des peripheren Nervensystems
kardiovaskuläre Aktivität Elektrokardiogramm (EKG), Stress, Aufmerksamkeit, Aktivierung,
(Herzfrequenz, Blutdruck) Manschettendruckverfahren Orientierung
elektrodermale Aktivität Messung durch zwei Elektroden an der Habituation, Emotionen
(EDA, Hautleitfähigkeit) Handinnenfläche
muskuläre Aktivität Elektromyogramm (EMG) Emotionen
Indikatoren des zentralen Nervensystems
elektrophysiologische Hirnaktivität Elektroenzephalogramm (EEG), Aktivierung, Schlaf
bildgebende Verfahren ( z. B. PET)
Indikatoren endokriner Systeme und des Immunsystems
Aktivität endokriner Systeme Bestimmung der Hormonkonzentration Stress (z. B. Anstieg des Kortisolspiegels)
in Blut, Urin, Speichel (z. B. Radio-
immunoassay)
Aktivität des Immunsystems Bestimmung der Konzentration Stress, Immunsystem und Lernen (S. 60)
immunaktiver Zellen im Blut

Einerseits kann die Hormonkonzentration manipu- des Wortes. Das Physikum ist beispielsweise ein Stres-
liert werden, indem zum Beispiel ihre Produktion sti- sor (also ein Reiz, der zu einer Stressreaktion führt),
muliert oder blockiert wird und die psychologischen während unsere körperlichen und psychischen Reak-
Auswirkungen als abhängige Maße betrachtet wer- tionen darauf als Stress bezeichnet werden.
den. Andersherum werden psychische Prozesse ver- Stressoren können aus der Umwelt stammen (z. B.
ändert, indem Emotionen induziert oder Stresszu- hohe Leistungsanforderungen von außen) oder inner-
stände hergestellt und anschließend die Veränderun- halb der Person liegen (z. B. überhöhtes Anspruchsni-
gen im Hormonsystem als abhängige Variable beo- veau) und von physischer wie psychischer Natur sein.
bachtet werden. Zu den psychischen Stressoren zählen beispielsweise
Aus dem dreiteiligen Wort Psychoneuroimmunolo- kritische Lebensereignisse (critical life events) wie der
gie ist bereits dessen Gegenstandsbereich ersichtlich: Tod eines nahen Angehörigen, Zeitdruck, Reizüberflu-
sie beschäftigt sich mit dem komplexen Zusammen- tung, Isolation und ständige kleine Ärgernisse. Einige
wirken des psychischen, des zentralnervösen und physische Stressoren sind z. B. Krankheiten, Lärm,
des Immunsystems. Kälte oder Schlafmangel.
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2.2.2 Der Stress und die Krankheit Das Konzept kritischer Lebensereignisse
(Critical Life Events)
Lerncoach Als kritische Lebensereignisse werden positive und
Aus dem folgenden Kapitel werden die ver- negative Veränderungen bezeichnet, die vom Indivi-
schiedenen Stressmodelle besonders gerne duum eine Anpassungsleistung an eine neue soziale
geprüft: das allgemeine Adaptationssyndrom, Situation erfordern. Beispiele sind die Geburt eines
das psychoendokrine Stressmodell nach Kindes, die eigene Hochzeit, der Verlust einer nahe-
Henry, vor allem das Coping-Modell nach stehenden Person, der Umzug in eine andere Stadt,
Lazarus und auch das Konzept der Reaktions- der Wechsel oder Verlust des Arbeitsplatzes etc. Sol-
spezifität. Es empfiehlt sich also, dieses che Ereignisse können eine Veränderung der sozialen
Kapitel gründlich zu lesen. Rollen (z. B. Elternrolle bei Geburt eines Kindes) oder
persönlicher Ziele und Wertvorstellungen erfordern.
Stress und Stressoren Derartige Einschnitte werden auch als psychosoziale
Stress ist eine Anpassungsreaktion des Organismus, Stressoren bezeichnet.
die auftritt, wenn die Anforderungen der Umwelt un-
sere Bewältigungsmöglichkeiten übersteigen. Das Ziel MERKE
dieser Anpassungsreaktion besteht darin, die Homöo- Als kritische Lebensereignisse werden sowohl po-
stase, also das Gleichgewicht zwischen Person und sitive als auch negative Ereignisse bezeichnet, die
Umwelt, wiederherzustellen. eine Anpassungsleistung des Individuums erfordern.
Mit Stress wird also die Reaktion und nicht der Reiz
bezeichnet. Dies widerspricht dem Alltagsgebrauch
22 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Die Auswirkungen von kritischen Lebensereignissen Support“). Besonders ungünstig wirken sich negative
Je nach Schweregrad und Bewältigungsmechanismen Reaktionen wie Vorwürfe der Selbstverschuldung
des Individuums ziehen kritische Lebensereignisse oder Abwertung gegenüber den Opfern kritischer Le-
2 unterschiedliche Konsequenzen nach sich. Diese rei- bensereignisse aus.
chen von einer Schwächung des Immunsystems und Im Folgenden werden wir uns mit den physiologi-
einer damit verbundenen erhöhten Anfälligkeit für schen und psychologischen Reaktionen beschäftigen,
Krankheiten über die Ausbildung psychosomatischer die ein Stressor nach sich ziehen kann.
Störungen bis zu einem erhöhten Suizidrisiko.
Die physiologischen Stressreaktionen
Die Messung des Stressgehalts kritischer Das für Stress charakteristische physiologische Reak-
Lebensereignisse tionsmuster dient einer Mobilisierung unseres Orga-
Ein Instrument zur Messung der Belastung ist die nismus, die ihn zum Kampf oder zur Flucht befähigt
Social Readjustment Scale. Zur Erstellung wurden („Fight-or-flight“-Syndrom nach Cannon), wenn wir
auf Basis einer repräsentativen Stichprobe „Stress- in uns in einer akuten Bedrohungssituation befinden.
werte“ für verschiedene Lebensereignisse ermittelt. Die Gehirnregion, die maßgeblich an Stressreaktio-
Dem Ereignis „Tod des Partners“ wurden beispiels- nen beteiligt ist, ist der Hypothalamus („Stresszent-
weise 100 Punkte zugeordnet, dem Verlust des Ar- rum“). Man unterscheidet zwei Systeme der Stress-
beitsplatzes 50 Punkte. Das heißt, die Skala hat zum reaktion.
Ziel, die objektive Stressbelastung einer Person zu er- Das sympathische Nebennierenmark-System:
fassen. Auf eine akute Bedrohung reagiert der Organismus
Ein wesentlicher Kritikpunkt an den Life-Event- mit der Dominanz des sympathischen Anteils des
Skalen ist, dass ein direkter Vergleich der Ereignisse vegetativen Nervensystems. Der Sympathikus
eigentlich nicht möglich ist. Das individuelle Erleben wird manchmal auch als „Stressnerv“ bezeichnet:
bei stressvollen Ereignissen variiert stark. Beispiels- Herzfrequenz und Blutdruck steigen, es wird
weise hängt die Belastung durch die Scheidung der El- schneller geatmet, die Blutgefäße verengen sich
tern von Faktoren wie dem Alter des Kindes oder be- und die Hautleitfähigkeit steigt (schwitzen).
reits bestehenden Problemen ab. Neben dem stress- Gleichzeitig wird der parasympathische Anteil ge-
auslösenden Ereignis an sich ist die Auswirkung hemmt, so nehmen beispielweise die Speichelse-
eines Ereignisses stark von Merkmalen der betroffe- kretion (trockener Mund) und die Magen- und
nen Person abhängig. Darmmotilität ab.
Durch die Sympathikusaktivität wird das Neben-
Merkmale, die Stressreaktionen wahrscheinlicher nierenmark zum Ausschütten von Adrenalin (Epi-
machen nephrin) und Noradrenalin (Norepinephrin) an-
Bestimmte Merkmale von kritischen Lebensereignis- geregt. Sie zählen zu den Katecholaminen („Stress-
sen machen eine Neuanpassung jedoch besonders hormone“) und sorgen für die Bereitstellung von
schwer: Energie, indem sie die Leber zu einer erhöhten
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geringe Kontrollierbarkeit (z. B. Naturkatastro- Glukoseproduktion anregen. Zudem veranlassen


phen) sie die Milz dazu, vermehrt rote Blutkörperchen
große Unerwünschtheit (z. B. Schwangerschaft bei auszuschütten, um bei einer möglichen Verletzung
fehlendem Kinderwunsch) die Blutgerinnung zu unterstützen. Die Katechola-
geringe Vorhersagbarkeit (z. B. Tod eines Familien- mine tragen zudem zur Produktion weißer Blut-
mitgliedes durch Unfall) körperchen bei, die zur Vermeidung einer Infek-
früher biographischer Einschnitt (z. B. Tod eines El- tion nötig sind.
ternteils in der Kindheit) Das Hypophysenvorderlappen-Nebennierenrin-
hohe persönliche Relevanz (z. B. Brand des selbst den-System: Die Hypophyse schüttet bei Stress
gebauten Hauses). zwei Hormone aus. Das thyreotrope Hormon
(TSH) regt die Schilddrüse an, das adrenocortico-
Die Risiko- und Schutzfaktoren des Individuums trope Hormon (ACTH) die Nebennierenrinde. Aus
Auf individuellem Niveau erweisen sich Eigenschaf- der Nebennierenrinde werden als Folge Glukokor-
ten wie Erfahrung mit Stress, Selbstvertrauen in die tikoide (z. B. Kortisol) freigesetzt, die unter ande-
Bewältigung kritischer Situationen, Selbstwirksam- rem für die Freistzung von Glukose aus der Leber
keitsüberzeugung, internale Kontrollüberzeugung und eine Reihe von Stoffwechselprozessen verant-
(S. 107) und ein breites Repertoire an Problemlöse- wortlich sind. Kortisol wird häufig als physiologi-
strategien als günstig. scher Indikator für Stress herangezogen.
Auf sozialem Niveau zeigen viele Studien die stütz-
ende Wirkung von sozialer Unterstützung („Social
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 23

Die negativen Auswirkungen von Stress Der individualspezifischen Hypothese steht die reiz-
Die geschilderten physiologischen Stressreaktionen spezifische Hypothese (stimulusspezifische Hypo-
sind bei körperlicher Bedrohung sinnvoll und notwen- these) gegenüber.
dig, nicht jedoch bei psychischen Stressoren. Eine stän- 2
dige, intensive Aktivierung der Stressreaktion in unse- MERKE
rem Körper – beispielsweise in der Prüfungszeit – ist Die reizspezifische Hypothese besagt, dass be-
hier nicht nur unangemessen, sondern kann durch stimmte Umweltreize bei unterschiedlichen Indivi-
die Überbeanspruchung von Systemen sogar schädi- duen immer das gleiche psychophysiologische
gend sein. Zum Beispiel erhöht die stressbedingte Reaktionsmuster hervorrufen. Dies wird auch als
Sympathikusaktivierung das Risiko für Herz-Kreis- Situationsstereotypie bezeichnet.
lauf-Erkrankungen und Magen- und Darm-Erkran- Beispiel: Plötzlicher Lärm führt z. B. bei allen Men-
kungen. schen zu einer Aktivationssteigerung im Körper.
Der Wirkmechanismus, wie Stress zu somatischen
Schäden führen kann, soll am Beispiel des Magenge-
Das Allgemeine Adaptationssyndrom von Selye
schwürs erläutert werden:
Das bekannteste Modell zur Reaktion auf chronischen
Klinischer Bezug Stress ist das von Selye (1956) beschriebene Allge-
Entstehung von Magengeschwüren. Es gibt unter- meine Adaptationssyndrom (AAS). Wie der Name
schiedliche und widersprüchliche Erklärungen zur Ent- sagt, handelt es sich um eine Anpassung des Organis-
stehung von Magengeschwüren (Ulcus ventriculi). So mus, die durch ein typisches Muster physiologischer
werden beispielsweise Bakterien oder die eigenen Ma- Reaktionen gekennzeichnet ist. Die physiologischen
gensäfte, die meist eine zu hohe Salzsäurekonzentra- Reaktionen sind nicht spezifisch für bestimmte
tion aufweisen, verantwortlich gemacht. Welche der Reize, sondern treten in einer typischen Abfolge von
kontrovers diskutierten Ursachen auch zutrifft, Stress drei Phasen ganz allgemein (unspezifisch) bei jeder
verstärkt sie, indem er die Wand des Verdauungstrak- Art von Stressor auf (Tab. 2.3):
tes schädigt und seine Funktion beeinträchtigt: Die
1. Alarmphase: ist die unmittelbare Reaktion zur
Sympathikusaktivierung leitet das Blut vom Ver-
Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts.
dauungssystem weg in die Skelettmuskeln, verringert
Sie ist in erster Linie durch die Ausschüttung von
so die Wirksamkeit der Schleimschicht und damit die
Kortisol aus der Nebennierenrinde gekennzeich-
Abwehrkraft des Verdauungstraktes. Nach jeder Stress-
net. Kortisol wird häufig als physiologischer Indi-
reaktion wird die Sympathikusdominanz durch eine er-
höhte parasympathische Aktivität kompensiert, die die kator für Stress herangezogen.
schädigende Salzsäuresekretion erhöht. 2. Widerstandsphase (Resistenzphase): Hier kommt
es durch den Anstieg des adrenocorticotropen
Hormons (ACTH) und Kortisol zu einer Energiemo-
Das Konzept der Reaktionsspezifität bilisierung und Stoffwechselsteigerung, die dem
Physiologische Stressreaktionen können unterschied- Stressor entgegengesetzt werden kann. So gelingt
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liche Organe betreffen. So gibt es beispielsweise Men- zunächst eine Gewöhnung an den Stresszustand.
schen, die über verschiedene Belastungssituationen
hinweg dazu neigen, mit dem gastrointestinalen Sys-
tem zu reagieren und andere, die eher mit dem mus- Tabelle 2.3
kulären System „antworten“. Während Johannes in
Stresssituationen z. B. in der Regel Kopfschmerzen be- Das Allgemeine Adaptationssyndrom von Selye
kommt, reagiert seine Freundin Maria vor allem mit Phase Kennzeichen
Magenbeschwerden. Man spricht diesbezüglich von
Alarm- unmittelbare Reaktion zur Wiederherstel-
einer individualspezifischen Hypothese der Reaktion phase lung des inneren Gleichgewichts
auf Reize. Kortisolausschüttung
Wider- Energiemobilisierung und Stoffwechsel-
MERKE stand- steigerung durch ACTH- und Kortisolaus-
sphase schüttung.
Die individualspezifische Hypothese besagt, dass (Resistenz- Gewöhnung an den Stresszustand
ein Individuum auf unterschiedliche Reize mit einem phase) verminderte Resistenz gegenüber anderen
Stressoren
bestimmten, für es typischen Reaktionsmuster
reagiert. Dies wird auch als Individualstereotypie Erschöp- erhöhte Hormonausschüttung kann nicht
fungs- mehr aufrechterhalten werden
bezeichnet. phase Widerstand bricht zusammen
bei länger bestehendem Stressor: Organ-
schädigungen, psychosomatische Erkran-
kungen, Störung der Immunabwehr, im
Extremfall Tod
24 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Gleichzeitig ist jedoch die Resistenz gegenüber an- Ein Beispiel: Normalerweise werden bei der zellulä-
deren Stressoren vermindert. ren Immunreaktion Mikroorganismen und befallene
3. Erschöpfungsphase: ist erreicht, wenn nach eini- Körperzellen von T-Zellen (T-Lymphozyten) vernich-
2 ger Zeit die erhöhte Hormonausschüttung nicht tet. Bei der humoralen Immunreaktion bilden B-Zel-
mehr aufrechterhalten werden kann. Der Wider- len (B-Lymphozyten) Antikörper, die Mikroorganis-
stand bricht zusammen. Bleibt der Stressor länger men deaktivieren oder vernichten. Stress führt nun
bestehen, werden Organe geschädigt, es kommt zu unter anderem dazu, dass die vermehrt ausgeschütte-
psychosomatischen Erkrankungen, zur Störung ten Glucocorticoide und das Noradrenalin die Rezep-
der Immunabwehr und im Extremfall zum Tod. toren von B-Zellen und T-Zellen besetzen und sie so
Beachte: Die Erkenntnisse Selyes zum Allgemeinen für die Immunabwehr unbrauchbar machen.
Adaptationssyndrom wurden an Versuchstieren ge-
wonnen. Psychologische Aspekte wie Kognitionen Das Coping-Modell nach Lazarus
und Emotionen blieben völlig unberücksichtigt. Eine (psychologisches Stressmodell)
Übertragbarkeit auf den Menschen ist also nur einge-
schränkt möglich. Lerntipp
Beim diesem Modell sind besonders die drei
Das psychoendokrine Stressmodell nach Henry Phasen der Bewertung und die verschiedenen
Das psychoendokrine Stressmodell nach Henry Formen der Bewältigungsstrategien wichtig.
(1986) bezieht emotionale Stressreaktionen mit ein: Schenken Sie ihnen deshalb besondere Auf-
ein Stressor kann Ärger, Angst oder Depression her- merksamkeit.
vorrufen. Die Emotionen ziehen wiederum unter-
schiedlichen Verhaltensweisen sowie neuroendokri- Lazarus geht davon aus, dass die Bewertung der Situa-
nen Reaktionsmustern nach sich (Tab. 2.4): tion die eigentliche Stressreaktion bedingt. Er unter-
scheidet in seinem Coping-Modell (Coping = Bewälti-
Tabelle 2.4 gung) drei Phasen der kognitiven Bewertung:
Die primäre Bewertung („primary appraisal“) ist
eine erste schnelle Einschätzung der Situation. Hier
Das psychoendokrine Stressmodell nach Henry
wird ein Ereignis danach bewertet, ob es relevant, ir-
Emotion Verhalten Neuroendrokines
Reaktionsmuster relevant, positiv oder negativ und bedrohlich für
den Organismus ist. Wird die Situation für potenziell
Ärger Kampfverhal- Vermehrte Ausschüt-
ten (Fight) tung von Noradrenalin schädigend befunden, wird das Ausmaß ihrer Konse-
und Testosteron quenzen abgeschätzt und entschieden, welches Ver-
Angst Fluchtverhal- Ausschüttung von halten zur Abwendung von Schaden nötig ist.
ten (Flight) Adrenalin Das Coping-Modell nach Lazarus soll am Beispiel des
Depression Passive Unter- Rückgang an Testoste- bevorstehenden Physikums veranschaulicht werden.
ordnung ron, Fehlregulation des
Primäre Bewertung: Ist die bevorstehende Prüfung
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noradrenergen Systems
relevant für mich? Schätze ich diese als positiv ein
(„Endlich kann ich mal zeigen, was ich schon alles
Der Stress und das Immunsystem
kann!“)? Nur wenn die Prüfung als negativ („Ich
Die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich unter
weiß nicht, ob meine Vorbereitungszeit für ein siche-
anderem mit der Frage, ob und wie Stressoren das Im-
res Bestehen ausreicht!“) eingeschätzt wird, ist eine
munsystem unterdrücken und so den Kampf gegen
sekundäre Bewertung überhaupt nötig.
Bakterien und Viren erschweren. Zahlreiche Untersu-
Die sekundäre Bewertung („secondary appraisal“)
chungen mit verschiedenen Stressoren konnten die
folgt als zweiter Schritt. Hier wird bewertet, mit wel-
negativen Auswirkungen von Stress am Versuchstier
chen eigenen Mitteln die Situation zu bewältigen ist.
und am Menschen aufzeigen: Tiere reagierten auf
Welche sozialen und persönlichen Ressourcen beste-
elektrische Schocks oder auf Lärm mit einer Reduk-
hen und können für welche Handlungsmöglichkeiten
tion der Aktivität von Lymphozyten, beim Menschen
genutzt werden? Während der Bewältigung wird
wirkten Stressoren wie Prüfungen, Schlafentzug
überprüft, ob die angewandten Strategien funktionie-
oder Trennungen vom Lebenspartner immunsup-
ren oder durch andere ersetzt werden müssen.
pressiv.
„Physikum“-Beispiel: Welche Bewältigungsmöglich-
Die mit den beiden oben beschriebenen Stresssyste-
keiten habe ich? Ich könnte in der Prüfungszeit
men einhergehenden neuronalen und hormonellen
meine Nebenjob reduzieren und mir einen sinnvollen
Aktivitäten können sich auf vielfältige Art und
Lernplan erstellen, der sich auf die wesentlichen Prü-
Weise auf das Immunsystem auswirken.
fungsinhalte und „Kreuzen“ von vorherigen Prüfungs-
fragen konzentriert.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 25

Je nach Verhältnis der zur Verfügung stehenden Be- nalen Beeinträchtigungen leiden. Dies bezeichnet
wältigungsmöglichkeiten und deren Erfolg und den man als posttraumatische Belastungsstörung. Zu den
Anforderungen der Umwelt kommt es zu einer opti- Symptomen nach DSM-IV zählen
mistischeren oder pessimistischeren Neubewertung das ständigen Wiedererleben des traumatischen 2
der Situation. Ereignisses in Form von Erinnerungen, Träumen
„Physikum“-Beispiel: Mein Chef gibt mit für die oder dem Handeln und Fühlen, als ob das trauma-
nächsten Wochen frei. Ich kann mich im Großen tische Ereignis wiederkehrt (das bildliche Wieder-
und Ganzen gut an meinen Lernplan halten und erleben einzelner Aspekte der traumatischen
„kreuze gut“. Der Prüfung sehe ich daher inzwischen Situation wird auch als „Flashback“ bezeichnet),
deutlich optimistischer entgegen. das Vermeiden von Aktivitäten, die an das Trauma
Da Bewertungsprozesse Kognitionen sind, wird das erinnern,
Modell von Lazarus auch als kognitive Stresstheorie eine reduzierte Reaktionsfähigkeit auf Umwelt-
bezeichnet. reize (die Patienten geben beispielsweise an, sich
von anderen entfremdet zu haben oder emotional
MERKE betäubt zu sein),
Unter kognitivem Coping versteht man die ein hohes Erregungsniveau (übertriebene
Bewältigung einer bedrohlichen Situation durch Schreckreaktionen) und
Überlegen, Nachdenken, Bewerten, Prüfen etc. Angst oder Schuldgefühle.
Die Symptome müssen länger als einen Monat anhal-
ten.
Lazarus unterscheidet zwei Formen der Bewältigung
von Stress: die emotions- und die problemorientierte
Bewältigung. Check-up
Die problemzentrierten Strategien haben zum Ziel, ✔ Was ist ein kritisches Lebensereignis?
die belastende Situation zu beseitigen oder zu verbes- ✔ Wiederholen Sie die Definition der individual-
sern. Beispiele sind: und der reizspezifischen Hypothese.
Suche nach Informationen, ✔ Was besagt das Allgemeine Adaptations-
direkte, geplante Handlungen, syndrom?
kognitives Coping, z. B. Neu- oder Umbewertung ✔ Eine Person ist ärgerlich, ängstlich bzw.
des Stressors. depressiv. Welche hormonellen Ver-
Die emotionszentrierten Strategien haben zum Ziel, änderungen könnten Sie feststellen?
die durch die Situation entstandenen unangenehmen ✔ Welche Bewertungsprozesse laufen in unse-
Emotionen abzubauen, ohne sich konkret mit deren rem Kopf nach Lazarus ab, wenn wir mit einer
Ursache auseinander zu setzen. Beispiele sind: herausfordernden Situation konfrontiert wer-
Flucht oder Vermeidung (z. B. durch Ablenkung), den? Überlegen Sie sich ein eigenes Beispiel.
Distanzieren, ✔ Was bedeutet problem- bzw. emotions-
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Annahme von Verantwortung, zentriertes Coping?


Bagatellisieren. ✔ Rekapitulieren Sie die Symptome der PTBS.
Sowohl problem- sowie emotionsorientierte Strate-
gien lassen sich dabei entweder der Handlungsebene 2.2.3 Das Gehirn und das Verhalten:
oder der kognitiven Ebene zuordnen. das Elektroenzephalogramm

Klinischer Bezug Lerncoach


Die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): Die im folgenden Abschnitt beschriebene En-
Den meisten Menschen gelingt nach einiger Zeit die zephalografie kennen Sie möglicherweise be-
Bewältigung von Stresssituationen. Die mit ihnen ver- reits aus der Physiologie. Auch die Psychologie
bundenen Emotionen lassen nach: der Organismus bedient sich ihrer Methoden. Achten Sie beim
stellt nicht nur körperlich, sondern auch emotional wie- Lesen besonders auf die Frequenzbänder des
der ein Gleichgewicht her. Spontan-EEG und wie diese durch außen be-
Sind die Stressoren sehr intensiv (Krieg, Naturkatastro- einflusst werden können.
phe, Gewalt- oder Sexualverbrechen, schwerer Ver-
kehrsunfall oder andere Ereignissen tatsächlicher Le- Um Informationen über die Aktivität des Gehirns bei
bensbedrohung oder drohender schwer wiegender psychischen Prozessen zu gewinnen, macht man
Verletzungen) und/oder fehlen bestimmte Bewälti-
sich die bioelektrische Aktivität bestimmter Gehirn-
gungskompetenzen, kann es dazu kommen, dass
regionen zu nutze. Diese misst man mit Oberflächen-
viele Menschen auch Monate oder Jahre nach dem
elektroden an standardisierten Ableitpunkten auf der
Ende einer Belastungssituation unter starken emotio-
26 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Kopfhaut. Die Potenzialschwankungen, die so abgelei- wird als Alpha-Blockade und bei vorher synchron-
tet werden können, sind das Ergebnis der Aktivität isiertem EEG als EEG-Desynchronisation bezeich-
großer Neuronenverbände. Die gemessenen Signale net.
2 werden im sogenannten Elektroenzephalogramm Die Theta-Wellen (ϑ-Wellen) und Delta-Wellen
(EEG) niedergeschrieben. (δ-Wellen) ähneln aufgrund ihrer niedrigen Fre-
quenz und ihrer hohen Amplitude am ehesten
Das Spontan-EEG einem Wellenmuster. Sie werden im Schlaf beo-
Das Spontan-EEG zeigt die Potenzialschwankungen, bachtet (s. u.) und kommen beim gesunden Er-
die ohne einen Einfluss von außen im Wachzustand wachsenen im Wachzustand nicht vor.
oder im Schlaf zu messen sind. Das EEG-Muster unterscheidet sich je nach Lebensal-
ter. Beim Kind ist das EEG insgesamt niedrigfrequen-
Die Frequenz und die Amplitude ter als beim Erwachsenen, so dass auch im Wachzu-
Diese beiden Parameter sind die wichtigsten Para- stand Theta- und Delta-Wellen auftreten können.
meter zur Beschreibung des Aktivitätszustandes des
Gehirns: Lerntipp
Die Frequenz ist die Häufigkeit elektrischer Po- Prägen Sie sich die Frequenzbänder des EEG
tenzialschwankungen und wird in Hertz [Hz] an- gut ein. Sie werden Ihnen für das Verständnis
gegeben. Die Frequenzen des EEGs umfassen der folgenden Abschnitte nützlich sein.
einen Bereich von 1–80 Hz.
Die Amplitude ist ein Maß für die Intensität der Die evozierten Potenziale
Potenzialschwankungen, im EEG also die Höhe Die evozierten Potenziale (ereigniskorrelierte Po-
des Ausschlags. Sie wird in Mikrovolt (μV) angege- tenziale, EKP) sind Veränderungen der elektrischen
ben und kann zwischen einigen bis mehreren hun- Aktivität, die durch ein Reizereignis hervorgerufen
derten Mikrovolt liegen. (= evoziert) werden. Sie sind also vom spontanen
Hohe Frequenzen gehen häufig mit niedriger Ampli- EEG abzugrenzen. Je nach auslösendem Reiz spricht
tude einher, so dass im EEG ein „Zackenmuster“ zu er- man von visuell evozierten Potenzialen (z. B. durch
kennen ist. Die Kombination niedriger Frequenzen mit einen Lichtreiz), akustisch evozierten Potenzialen
hoher Amplitude lässt ein „Wellenmuster“ entstehen. (Ton) oder von somatosensorisch evozierten Poten-
zialen (leichter Stromstoß).
Die Frequenzbänder des EEG Die evozierten Potenziale werden durch das weit
Man unterscheidet vier Typen von Frequenzbändern höher-amplitudige Spontan-EEG überlagert und
nach ihrer dominierenden Frequenz (Abb. 2.1): müssen mit Mittelungstechniken sichtbar gemacht
Alpha-Wellen (α-Wellen) sind niedrigfrequente werden. Hierzu werden in einer Vielzahl von Durch-
Wellen, die sich im Ruhe-EEG ableiten lassen. Hier- gängen Potenziale auf die gleiche Art und Weise evo-
bei ist der Patient wach und entspannt und hält die ziert und die entstandenen EEG-Muster übereinander
Augen geschlossen. Finden sich Alpha-Wellen an gelegt. Die in beide Richtungen ausschlagenden
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mehreren Ableitpunkten, spricht man von einem Potenzialschwankungen der ständig vorhandenen
synchronisierten EEG. EEG-Hintergrundaktivität (Spontan-EEG, auch „Rau-
Beta-Wellen (β-Wellen): Öffnet der Patient die schen“) mitteln sich hierbei gegenseitig aus, werden
Augen oder erfordert ein Sinnesreiz oder eine geis- also weggefiltert und geben die Sicht auf die evozier-
tige Tätigkeit Aufmerksamkeit, verschwinden die ten Potenziale frei.
Alpha-Wellen. An ihre Stelle treten hochfrequente Zu den evozierten Potenzialen zählen auch die CNV
und niedrigamplitudige Beta-Wellen. Das Ablösen und die P300.
des Alpha-Rhythmus durch den Beta-Rhythmus
CNV (Contingent Negative Variation)
CNV steht für „Contingent Negative Variation“ und ist
Frequenz
auch als Bereitschaftspotenzial bekannt. Die CNV
α 8 – 13 Hz wird üblicherweise mit dem folgenden Paradigma er-
100 μV hoben: ein Signal (= Alarmreiz) kündigt einen impera-
β 14 – 30 Hz tiven Reiz an, auf den (z. B. motorisch) reagiert wer-
ϑ 4 – 7 Hz den muss. Nach dem Signal zeigt sich eine kontinuier-
1s liche Negativierung im EEG, die als Bereitschaft inter-
δ 0,5 – 3 Hz pretiert wird, auf den folgenden Reiz zu reagieren. Die
Negativierung erfolgt im Vergleich zu anderen Po-
Abb. 2.1 Vier häufige Arten rhytmischer Aktivität im
Spontan-EEG des Erwachsenen (nach Silbernagl/Despopou- tenzialveränderungen relativ langsam und zählt aus
los). diesem Grund zu den langsamen Hirnpotenzialen.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 27

P300 Die Bewusstseinszustände im EEG


Diese Potenzialschwankung interessiert vor allem bei Das Ausmaß der Aktivation kann durch das EEG abge-
Untersuchungen von Aufmerksamkeitsprozessen. bildet werden.
Das typische Paradigma ist das „Odd-ball-Para- 2
digma“: es wird eine Reihe gleicher Töne dargeboten, MERKE
in die ab und zu ein abweichender Ton eingestreut Als Faustregel gilt: Je höher die Frequenzen des EEGs,
wird, auf den reagiert werden muss. 300 Millisekun- desto höher der Grad des Bewusstseins.
den nach dem Entdecken des relevanten Reizes zeigt
sich eine positive Potenzialverschiebung: die P300.
Da bestimmte Frequenzen und Amplituden häufig ge-
MERKE meinsam auftreten, kann man sich auch merken: Je
ruhiger ein Mensch ist, desto wellenförmiger, und je
Im Allgemeinen kann man sich merken, dass eine
aktiver, desto zackiger ist sein EEG.
Negativierung im EEG ein Indikator für eine kortikale
Wir sind bereits auf die Frequenzbänder eingegangen,
Mobilisierung ist und eine Positivierung auf eine
Tab. 2.5 ordnet sie noch einmal explizit dem Grad des
Deaktivierung hinweist.
Bewusstseins zu.

Check-up Tabelle 2.5


✔ Was ist ein Spontan-EEG? Tabelle Die Zuordnung unterschiedlicher Grade des
✔ Wie nennt man die elektrische Aktivität, die Bewusstseins zu den EEG-Frequenzbändern
durch ein Reizereignis hervorgerufen wird? Bewusstseinsgrad Frequenzbänder
✔ Wiederholen Sie die CNV. aufmerksamer Wachzustand, Beta-Wellen (ca. 24 Hz)
Erregung
2.2.4 Die Aktivation und das Bewusstsein entspannter Wachzustand Alpha-Wellen (ca. 12 Hz)
bei geschlossenen Augen
Lerncoach Einschlafen, Dösen Theta-Wellen (ca. 6 Hz)
Ein Prüfungsklassiker dieses Kapitels ist die Tiefschlaf, Bewusstlosigkeit Delta-Wellen (ca. 3 Hz)
Orientierungsreaktion. Überlegen Sie sich
dazu, welche physiologische Veränderungen MERKE
in Ihrem Körper ablaufen, wenn plötzlich
Die ungefähren Frequenzen kann man sich merken,
jemand unangekündigt neben Ihnen in die
indem man vom niedrigsten Grad des Bewusstseins
Hände klatscht.
ausgehend die Frequenzen immer verdoppelt.
Die Indikatoren von Aktivation
Aktivation, Aktivierung oder „Arousal“ meint eine all- Die Aktivierung und die Leistung
gemeine Funktionsanregung des Organismus mit Die psychologische Forschung hat sich mit der Frage
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

dem Ziel der Handlungsvorbereitung. Subjektiv wird befasst, welches Aktivierungsniveau für eine gute
sie als Anspannung und Wachheit erlebt, zu den neu- Leistung optimal ist. Das Yerkes-Dodson-Gesetz be-
rophysiologischen Indikatoren zählen die folgenden: schreibt die Beziehung zwischen dem Aktivationsni-
Auf der Ebene des zentralen Nervensystems führt die veau und der Leistung anhand einer umgekehrt-U-
erhöhte Aktivität des aufsteigenden retikulären Akti- förmigen Beziehung. Diese Beziehung gilt für Aufga-
vierungssystems (ARAS), einer Struktur in der For- ben mittlerer Schwierigkeit (Abb. 2.2, S. 28): Demnach
matio reticularis, zu einer EEG-Desynchronisation ist die Leistung bei mittlerer Aktivation am größten
(Alpha-Blockade). und lässt bei zu- oder abnehmendem Aktivationsni-
Auf vegetativer Ebene zeigt sich die erhöhte Sympa- veau nach. Dies liegt daran, dass wir unsere ganze
thikusaktivität in einem Anstieg der Herzfrequenz, Aufmerksamkeit und Energie auf die Aufgabe ausrich-
der Atemfrequenz und des Blutdrucks. Es kommt zu ten.
einer peripheren Vasokonstriktion, einer Zunahme Die umgekehrte U-Form wird je nach Schwierigkeits-
der Lidschlagfrequenz und zur Pupillendilatation. grad der Aufgabe verzerrt:
Der Tonus der Skelettmuskulatur ist erhöht und die Bei schwierigen Aufgaben liegt das Optimum der
elektrodermale Aktivität nimmt zu. Es werden ver- Leistungsfähigkeit nicht mehr bei mittlerer, son-
mehrt Katecholamine (z. B. Adrenalin, Noradrenalin) dern verschiebt sich in Richtung niedriger Aktivie-
und andere Hormone ausgeschüttet. rung.
Leichte Aufgaben lassen sich hingegen besser mit
höherem Aktivationsniveau lösen.
28 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

höchste Die Pupillen weiten sich.


Leistung Leistung Die Reizschwelle für die durch den Reiz angespro-
chene Sinnesmodalität sinkt.
2 Der Muskeltonus erhöht sich.
hoch

Die Habituation
Mit zunehmender Wiederholung des gleichen Reizes
(z. B. wiederholtes In-die-Hände-Klatschen) wird die
mittel Intensität der Orientierungsreaktion schwächer.
Man spricht von Habituation oder Gewöhnung
(vgl. S. 67).

niedrig Die Defensivreaktion


Im Gegensatz zur Orientierungsreaktion hat eine De-
niedrig mittel hoch
fensivreaktion eine Abwendung vom schädigenden
Aktivation
Reiz (Flucht) oder ein Abwenden der Bedrohung (An-
Abb. 2.2 Yerkes-Dodoson-Gesetz bei mittelschweren griff) zum Ziel. Sie tritt bei Reizen hoher Intensität auf
Aufgaben. und wird subjektiv als Erschrecken erlebt (z. B. Zu-
rückweichen des Kopfes bei lautem unerwarteten
Knall in der Nähe des Ohres).
Die Orientierungsreaktion
Die Orientierungsreaktion verändert das Aktivie- Check-up
rungsniveau des gesamten Organismus und versetzt ✔ Welche körperlichen Veränderungen finden
ihn so in die Lage, Reize, die für ihn bedeutsam sein statt, wenn sich unser Organismus auf eine
könnten, zu erfassen und auf sie reagieren zu können. schnelle Informationsaufnahme vorbereitet?
✔ Überlegen Sie sich, warum es gut ist, am Tag
MERKE der Prüfung gesundes Lampenfieber zu ver-
Die Orientierungsreaktion besteht in einer Hinwen- spüren.
dung zum Reiz. Sie richtet die Aufmerksamkeit auf
Reize, die neu und unerwartet sind. 2.2.5 Der Schlaf

Lerncoach
Ein Beispiel: Ein unerwarteter akustischer Reiz mitt-
Ca. ein Drittel seines Lebens verbringt der
lerer Intensität – zum Beispiel das Klatschen in die
Mensch schlafend. Im folgenden Abschnitt er-
Hände – führt zu einer Drehung des Kopfes oder des
fahren Sie unter anderem, wie sich das EEG
gesamten Körpers in Richtung der Reizquelle (motori-
während der verschiedenen Schlafstadien
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

sche Hinwendung). Wurden andere motorische Akti-


verändert. Achten Sie beim Lesen besonders
vitäten durchgeführt, werden diese währenddessen
auf die spezifischen Wellenaktivitäten dieser
unterbrochen. Neben der motorischen Hinwendung
Stadien.
geht die Orientierungsreaktion noch mit einer ganzen
Reihe anderer Veränderungen der unterschiedlichs-
Während des Schlafs sind psychische und physische
ten Systeme einher:
Funktionen auf ein Minimum an Aktivation reduziert
Die Bestandteile der Orientierungsreaktion sind
(eine Ausnahme bildet der REM-Schlaf, in dem die Ak-
zum Teil schon als Indikatoren erhöhter Aktivierung
tivierung hoch ist).
genannt worden:
Sowohl der Schlaf-Wach-Rhythmus als auch der
EEG-Desynchronisation (sehr kurze Latenzzeit!).
Schlaf an sich unterliegen einer regelmäßigen Ab-
Die Pulsfrequenz nimmt erst ab (!) und steigt dann
folge. Betrachten wir zunächst die Abfolge der Schlaf-
wieder an.
phasen während einer Nacht.
Die Blutgefäße des Kopfes weiten sich, in der Peri-
pherie verengen sie sich.
Die Schlafstadien
Die Schweißdrüsenaktivität nimmt zu, der Haut-
Eine Klassifikation der Schlafstadien unterteilt diese
widerstand nimmt ab, die Hautleitfähigkeit steigt.
in den REM-Schlaf (REM) und in den Non-REM-Schlaf
Vor allem bei den Veränderungen der Sinnesorgane
(NREM), der wiederum die Schlafstadien I–IV um-
wird deutlich, dass es um eine Informationsauf-
fasst. Die muskuläre Spannung ist ein gutes Indiz für
nahme geht:
die Schlaftiefe: der Muskeltonus nimmt vom Stadium
I bis zum Stadium IV immer mehr ab, bis es schließlich
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 29

Schlafstadium Hirnstromkurve (EEG) Der REM-Schlaf


Der REM-Schlaf wird auch paradoxer Schlaf genannt,
50 μV
Wachen da sein niedrigfrequentes EEG-Muster paradoxer-
A weise dem des Wachseins ähnelt. Seinen Namen
α-Wellen 1s 2
trägt der REM-Schlaf aufgrund mehrerer sekunden-
Einschlafen (I)
langer Salven schneller Augenbewegungen („Rapid
B
ϑ-Wellen Eye Movements“) von 1–4 Hertz, die durch Intervalle
Leichtschlaf (II) ohne Augenbewegungen unterbrochen werden. Seine
C Charakteristika sind:
β-Spindeln
Niedrigfrequente Wellen und Sägezahnwellen
mitteltiefer Schlaf (III) (niedrige Theta-Wellen von 1–4 Hz).
D Hohe Traumaktivität: mehr als 90 % der in diesem
δ-Wellen mit K-Komplex
Stadium geweckten Menschen berichten über
Tiefschlaf (IV) Träume. Im Gegensatz zu den Tiefschlafträumen
E sind diese emotional, lebendig und durch aktive
δ-Wellen
Handlungen gekennzeichnet.
paradoxer Schlaf (V) Erhöhte Variabilität der Atem- und Herzfre-
F β- / δ-Wellen quenz.
Atonie der Muskulatur, kann durch einzelne Mus-
Abb. 2.3 Charakteristika der vier NREM-Phasen und des kelzuckungen (Myoklonien) unterbrochen wer-
REM-Schlafs (nach Möller/Laux/Deister).
den.
Hohe Weckschwelle.
Beim Mann kommt es zur spontanen Erektion, bei
im REM-Schlaf zu einer völligen Atonie der Muskula- der Frau zu einer Erhöhung der vaginalen Durch-
tur kommt. Die Abgrenzungen der einzelnen Stadien blutung (unabhängig von den sexuellen Inhalten
geschehen anhand des EEGs (Abb. 2.3). der Träume).

Der NREM-Schlaf Die Abfolge der Schlafphasen


Stadium I ist der Übergang vom Wachsein zum Die NREM- und REM-Schlafstadien wiederholen sich
Einschlafen. Die Alpha-Wellen, die im entspannten bei einer achtstündigen Schlafdauer vier bis sechs
Wachzustand bei geschlossenen Augen auftreten, Mal. In den ersten eineinhalb Stunden durchläuft
werden seltener und es tritt vermehrt Theta-Akti- der Schlafende die Stadien I–IV, gefolgt vom ersten,
vität auf. etwa 10-minütigen REM-Schlaf. Während der folgen-
Stadium II (leichter Schlaf) bezeichnet das eigent- den NREM- und REM-Zyklen nimmt die Dauer der
liche Einschlafen. Alpha-Wellen sind nicht mehr Tiefschlafphasen immer mehr zugunsten der REM-
nachweisbar, Theta-Wellen und einige typische Phasen ab.
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graphische Elemente (Graphoelemente) bestim-


men das EEG: Schlafspindeln (Beta-Spindeln) MERKE
sind ein- bis zweisekündige ab- und zunehmende In der zweiten Nachthälfte ist der Anteil des REM-
Entladungen mit einer Frequenz von 12–14 Hz, als Schlafes an der Schlafdauer größer als in der ersten
K-Komplexe bezeichnet man die Abfolge einzelner Nachthälfte.
starker Positivausschläge mit folgenden Negati-
vausschlägen.
Insgesamt macht der REM-Schlaf beim Erwachsenen
Stadium III wird als mittlerer Schlaf (manchmal
etwa 20 % und der NREM-Schlaf 80 % der gesamten
auch schon als Tiefschlaf) bezeichnet. Es treten
Schlafdauer aus.
Delta-Wellen auf, zudem sinken Atem- und Herz-
frequenz.
Der Schlaf und das Alter
Stadium IV ist der eigentliche Tiefschlaf. Der An-
Sowohl die Schlafdauer als auch der Rhythmus des
teil der Delta-Wellen nimmt auf mehr als 50 % zu.
Schlafes ändern sich mit dem Alter. Der Neugeborene
Beachte: Auch im Tiefschlaf wird geträumt, jedoch
schläft 16–20 Stunden verteilt über etwa fünf Ab-
seltener und von anderer Qualität als im REM-Schlaf:
schnitte. Der gesunde Erwachsene benötigt im
nur 20 % der im Tiefschlaf Geweckten berichten von
Durchschnitt acht Stunden Schlaf, die er am Stück
Träumen, die eher abstrakt und emotionslos sind.
schläft, während er die übrigen 16 Stunden wach ver-
Stadium III und IV werden aufgrund ihres wellenför-
bringt. Ältere Menschen kommen mit sechs Stunden
migen EEGs auch als „Slow-Wave-Sleep“ (SWS) be-
oder weniger aus. Auch die Dauer der REM-Phasen
zeichnet.
30 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

nimmt mit dem Alter ab: bei Neugeborenen liegt der Dass auf den REM-Schlaf nicht verzichtet werden
Anteil des REM-Schlafes bei 50 %, beim Erwachsenen kann, zeigt das Bedürfnis ihn nachzuholen: der
bei 20 % und bei älteren Menschen liegt er meist noch REM-Anteil erhöht sich in den folgenden Erholungsn-
2 darunter. ächten, man spricht von einem „REM-Rebound“.

Die Funktion des Träumens Die Schlafstörungen


Worin die Funktion des Träumens besteht und woher Beim oben beschriebenen Schlafentzug handelt es
unsere Trauminhalte stammen, ist umstritten. Viele sich um von außen herbeigeführte Störungen des
Forscher sind sich jedoch zumindest darin einig, Schlafes. Davon abzugrenzen sind Schlafstörungen
dass der REM-Schlaf mit der Verarbeitung von tags- im Sinne einer Krankheit. Sie finden in Klassifika-
über gewonnenen Informationen zusammenhängt tionssystemen (wie der ICD oder dem DSM) zur Diag-
und an der Konsolidierung von Gedächtnisinhalten nostik von psychischen und physischen Erkrankun-
beteiligt ist (Informationen werden ins Langzeitge- gen in den letzten Jahren vermehrt Beachtung.
dächtnis überführt). Die Vielzahl an Schlafstörungen kann grob in die bei-
den Kategorien der Dyssomnien und der Parasomnien
Der Schlafentzug eingeordnet werden.
Die Notwendigkeit des Schlafes wird besonders deut-
lich, wenn er vorenthalten wird: im Tierexperiment Die Dyssomnien
konnte nachgewiesen werden, dass beim Entzug von Die Dyssomnie meint eine Fehlregulation des Schla-
Schlaf wichtige biologische Funktionen nicht mehr fes, die seine Dauer, seine Qualität und seinen Zeit-
aufrechterhalten werden können und dass längerfris- punkt betrifft. Die Störungen werden nach einem Zu-
tiger Schlafentzug sogar zum Tode führt. viel und einem Zuwenig an Schlaf noch einmal in
Untersuchungen zum Schlafentzug im Humanbereich Hypersomnien und Hyposomnien unterschieden.
erlauben es, auch Aussagen über das psychische Be- Zwei wichtige Hypersomnieformen sind das Schlaf-
finden zu machen. Apnoe-Syndrom und die Narkolepsie.
Patienten mit Schlaf-Apnoe-Syndrom schnarchen
MERKE nachts laut und unregelmäßig. Das Hauptcharakteris-
Hindert man Menschen am Schlafen im Allgemeinen tikum sind jedoch anfallsweise auftretende Atemstill-
(totaler Schlafentzug), führt dies tagsüber zu stände von mehr als 10 Sekunden Dauer vor allem
Konzentrationseinbußen, leichter Ablenkbarkeit und während des NREM-Schlafes. Hierbei sind die oberen
schlechteren Gedächtnisleistungen. Atemwege blockiert und die Luft kann nicht mehr aus
der Lunge entweichen. Der Herzschlag verlangsamt
sich und es kommt zu Sauerstoffmangel. Der Patient
Bei Schlafentzug über mehrere Tage kommen Sinnes-
erwacht kurz und atmet dann normal weiter, die
täuschungen hinzu. So werden Teile der Umwelt
Struktur des Schlafes wird jedoch massiv gestört. Ent-
falsch wahrgenommen oder Dinge gesehen und ge-
sprechend berichten die Patienten davon, tagsüber
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hört, die es für andere nicht gibt (Halluzinationen).


schläfrig und unkonzentriert zu sein und zum Ein-
Im EEG-Muster treten im Wachzustand die für die
schlafen zu neigen.
Schlafphasen typischen niedrigfrequenten Wellen
Bei der Narkolepsie treten neben anderen Sympto-
auf.
men zwanghafte Schlafattacken während des Tages
Erlaubt man den Probanden wieder zu schlafen, ver-
auf, die plötzlich eintreten, mehrere Minuten dauern
ändern sich die Schlafzyklen vor allem zugunsten
können und bei denen heftig geträumt wird. An-
der Tiefschlafphasen. In der ersten Erholungsnacht
schließend fühlen sich die Patienten jedoch ausgeruht
nimmt der zeitliche Anteil des Tiefschlafs zu, später
und erholt. Die Attacken werden häufig von starken
wird auch der REM-Schlaf nachgeholt.
Emotionen ausgelöst.
MERKE
Die Parasomnien
Unter selektivem Schlafentzug versteht man das
Unter Parasomnien werden sonderbare Phänomene
Unterdrücken allein der REM-Phasen.
zusammengefasst, die während des Schlafes auftre-
ten. Hierzu zählen beispielsweise das Schlafwandeln
Weckt man die Probanden, sobald schnelle Augenbe- (Somnambolismus) und Sprechen im Schlaf. Diese
wegungen auftreten – nimmt man sozusagen einen treten übrigens am häufigsten in Schlafstadium IV
„Traumentzug“ vor – zeigen sich als Folge psychische auf und nicht, wie fälschlicherweise oft angenom-
Irritationen während des Wachseins. Die Probanden men, während des REM-Schlafes (komplexe Bewe-
geben an, hyperaktiv, reizbar und manchmal labiler gungen sind im REM-Schlaf wegen der Atonie der
und ängstlicher zu sein.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 31

Muskulatur noch weniger erklärbar als während der mus bleibt also weitestgehend bestehen. Es muss
anderen Schlafphasen). einen inneren Zeitgeber, eine innere zirkadiane Uhr,
Zu den Parasomnien zählt ebenfalls das nächtliche geben.
Zähneknirschen (Bruxismus), das zu erheblichen 2
Schäden an den Zähnen und der Kiefermuskulatur MERKE
führen kann. Als eine Ursache gilt psychische Anspan- Als wichtigstes anatomisches Korrelat der zirka-
nung während des Tages. dianen Uhr gilt der Ncl. suprachiasmaticus – eine
Struktur im medialen Hypothalamus.
Der zirkadiane Rhythmus
Die zirkadiane Rhythmik biologischer Variablen
Der Nucleus suprachiasmaticus ist paarig angeordnet
Die Wissenschaftsdisziplin, die sich mit zeitlichen
und liegt oberhalb der Kreuzung der Sehnerven
Körperrhythmen befasst, nennt sich Chronobiologie.
(Chiasma opticum). Schaltet man den Einfluss der
Einer der offensichtlichsten Rhythmen des Körpers ist
Kerne durch gezielte Läsionen aus, werden bei allen
der zirkadiane Rhythmus (24-Stunden-Rhythmus).
Säugetieren trotz externer Zeitgeber der Schlaf-
Auch der Schlaf-Wach-Rhythmus, die Abfolge von
Wach-Rhythmus und andere zirkadiane Rhythmen
Schlafen und Wachen, gehorcht diesem Rhythmus.
aufgehoben. Werden die suprachiasmatischen Kerne
Der wichtigste Zeitgeber für Schlafen und Wachen ist
vom übrigen Gehirngewebe isoliert, erhalten sie also
der Wechsel von Hell und Dunkel. Beim Menschen
keine Informationen mehr von außen, zeigen ihre
kommen soziale Zeitgeber hinzu.
Neurone, wie die Bunkerexperimente erwarten las-
Neben dem Schlaf-Wach-Rhythmus finden sich Ta-
sen, weiterhin einen zirkadianen Aktivitätszyklus.
gesschwankungen auch bei vielen anderen physiolo-
Auch wenn die biologische Uhr ohne den Tag-Nacht-
gischen und biochemischen Prozessen. So unterliegen
Wechsel „weiterläuft“, wird sie doch unter normalen
beispielsweise das endokrine System und die Wärme-
Lebensumständen durch diesen synchronisiert. Die
regulation einer zirkadianen Rhythmik. Der Kortisol-
Synchronisation erfolgt durch den äußeren Wechsel
spiegel steigt in den Morgenstunden bis zum Mittag
von Tag und Nacht, indem Hell- und Dunkelinforma-
und fällt dann bis zum Spätnachmittag auf sein Mini-
tionen von der Retina über den Nervus opticus zu
mum ab. Die Körpertemperatur ist am frühen Morgen
den suprachiasmatischen Kernen gelangen.
minimal und erreicht am Abend ihr Maximum.

Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus


Die zirkadiane Rhythmik psychologischer Variablen
Stimmt die biologische Uhr mit umweltbedingten
Nicht nur biologische, sondern auch psychologische
Zeitgebern nicht überein, beeinträchtigt dies das Be-
Variablen unterliegen Tagesschwankungen. So ist die
finden. Menschen, deren Zeitrhythmus zum Beispiel
Leistungsfähigkeit nicht über den Tag hinweg gleich.
durch Nacht- oder Schichtarbeit oder durch Zeitzo-
Rechnen und logisches Schlussfolgern gelingen vor-
nen-Flüge gestört ist, berichten häufig über Erschöp-
mittags am besten. Gedächtnisinhalte können mor-
fung, Gereiztheit und Müdigkeit. Die als „Jet-lag“ be-
gens besser als abends abgerufen werden. Am frühen
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

kannten Symptome verschwinden nach einigen


Nachmittag haben die meisten Menschen ein Auf-
Tagen, wenn sich die zirkadiane Uhr an die neuen
merksamkeitstief. Auch die Wahrnehmungsschwelle
Umweltbedingungen angepasst hat (Resynchronisa-
für Schmerzen verändert sich im Laufe des Tages.
tion). Störungen der zirkadianen Periodik über län-
Die maximale Schmerzschwelle liegt zwischen 12.00
gere Zeit hinweg können die Immunabwehr beein-
und 18.00 Uhr, die minimale Schmerzschwelle zwi-
trächtigen und zu funktionellen und psychosomati-
schen Mitternacht und drei Uhr morgens.
schen Störungen führen.

Die innere Uhr


Check-up
Woher weiß der Organismus wie spät es ist? Allein an
✔ Wiederholen Sie die Schlafstadien.
äußeren Zeitgebern kann es nicht liegen, dass der zir-
✔ Kann man jemand im REM-Schlaf leicht
kadiane Rhythmus aufrechterhalten wird. Enthält
wecken?
man Menschen in Bunkern oder Höhlen mit konstan-
✔ Wie verändern sich der REM-Schlaf- und der
tem Licht jegliche Informationen über die Tageszeit
Tiefschlaf-Anteil im Laufe einer Nacht?
vor – können sie also weder aufgrund der Helligkeit,
✔ Beschreiben Sie zwei Formen der Hyper-
noch aufgrund anderer Merkmale, wie der Aktivität
somnie.
anderer Menschen, Rückschlüsse daraus ziehen, ob
es Tag oder Nacht ist – pendelt sich der Zyklus von
Wachen und Schlafen dennoch auf etwa 25 Stunden
ein. Warum der Zyklus eine Stunde verlängert ist, ist
bislang unklar. Der zirkadiane Schlaf-Wach-Rhyth-
32 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

2.2.6 Der Schmerz MERKE


Von chronischem Schmerz spricht man, wenn
Lerncoach
Schmerzen für mindestens sechs Monate entweder
2 Schmerzen sind sensorische Erfahrungen, die
andauernd oder wiederkehrend auftreten.
als unangenehm erlebt werden, jedoch eine
lebenswichtige Funktion erfüllen: sie signali-
sieren körperliche Schädigung und dienen so Chronische Schmerzen entstehen dann, wenn das
dem Schutz des Organismus. Wichtig in die- Schmerzdämpfungssystem (Endorphinsystem), das
sem Zusammenhang sind die verschiedenen akute Schmerzen zum Abklingen bringt, durch sehr
Komponenten des Schmerzes. Sie sind ein be- starke oder lang andauernde Schmerzen überlastet
liebtes Prüfungsthema. wird. Dann verändern sich die Nervenzellen plastisch
und steigern ihre Aktivität. Die Neurone im Rücken-
Die frühere Auffassung, dass allein physische Schäden mark reagieren empfindlicher, registrieren Reize ge-
die Schmerzempfindung bestimmen, wurde durch ringer Intensität (z. B. Druck, Wärme) als Schmerzim-
die Annahme ersetzt, dass Schmerzen in starkem Aus- pulse und leiten sie an das Gehirn weiter: Der
maße auch durch psychische und soziale Faktoren be- Schmerz hat eine Gedächtnisspur ausgebildet, man
stimmt werden (bei somatoformen Schmerzstörun- spricht von einem Schmerzgedächtnis. Da der für
gen können organische Ursachen sogar ganz fehlen). den Organismus bedrohliche Auslöser fehlt, hat der
Die Abkehr von einer rein organmedizinischen und chronische Schmerz auch nicht mehr die Funktion
objektiven Sicht des Schmerzes findet in der Defini- eines Warnsignals.
tion der „International Association for the Study of
Pain“ (IASP) Ausdruck, die den subjektiven Aspekt be- Schmerzqualität
tont: „Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Ge- In Abhängigkeit vom Entstehungsort lässt sich
fühlserleben, das mit aktueller oder potenzieller Ge- Schmerz nach verschiedenen Qualitäten einteilen.
websschädigung verknüpft ist oder mit Begriffen Der Oberflächenschmerz: Eine Verletzung der
einer solchen Schädigung beschrieben wird.“ Körperoberfläche wie Schnitt- oder Brandwunden
verursacht Oberflächenschmerz, der als hell, ste-
Das nozizeptive System chend oder brennend und als gut lokalisierbar er-
Die Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung noxi- lebt wird. Oberflächenschmerz wird über schnell-
scher Informationen wird als Nozizeption bezeichnet. leitende A-Delta-Schmerzfasern weitergeleitet.
Die Aktivierung unseres nozizeptiven Systems erfolgt Der Tiefenschmerz: Beispiele für Tiefenschmerzen
über gewebeschädigende oder -bedrohende Reize. sind Zahn- oder Magenschmerzen, die eine boh-
Diese erregen ganz spezielle Rezeptoren, die Nozizep- rende, dumpfe Qualität haben. Sie sind schlecht lo-
toren. Die Erregung wird über Schmerzfasern über kalisierbar, der Schmerz strahlt aus. Tiefen-
das Rückenmark und den Hirnstamm zum Kortex schmerz wird über die langsameren C-Schmerzfa-
weitergeleitet. Ziel ist das Kortexgebiet der Somato- sern weitergeleitet.
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sensorik – der Gyrus postcentralis im Parietallappen. Der Phantomschmerz: Hierbei handelt es sich um
Schmerz kann je nach seiner Dauer in akuten und eine besondere Form des Schmerzes, da der Ort
chronischen Schmerz unterteilt werden. Zudem wer- der Empfindung fehlt. Ungefähr die Hälfte der Pa-
den verschiedene Formen der Schmerzqualität unter- tienten nach Bein- oder Armamputation haben
schieden. Empfindungen in den Gliedmaßen, die real nicht
mehr vorhanden sind. Dennoch werden die verlo-
Schmerzdauer renen Extremitäten so deutlich wahrgenommen,
Je nach Dauer werden Schmerzen in akute und chro- als gäbe es sie tatsächlich. Die im Phantomglied
nische Schmerzen eingeteilt. auftretenden Schmerzen heißen Phantomschmer-
Akute Schmerzen: Bei akuten Schmerzen sind die zen und werden durch eine Reizung der Nerven im
Auslöser (z. B. Verletzungen) meist direkt erkenn- Stumpf erklärt, die die Signale in den somatosen-
bar. Der Schmerz tritt für einige Sekunden bis sorischen Kortex weiterleiten. Schmerzen in Phan-
höchstens einige Wochen auf, ist gut lokalisierbar tomfingern und -zehen werden häufig als Krampf
und mit erhöhter vegetativer Aktivierung verbun- oder brennender Schmerz beschrieben.
den.
Chronische Schmerzen: Sie dauern länger an, be- Die Komponenten des Schmerzes (Abb. 2.4)
treffen meist größere Körperareale und führen Die sensorisch-diskriminative Komponente: Diese
häufig zu psychischen Beeinträchtigungen wie Komponente bezeichnet die physiologische Wahr-
Angst, Depressivität, Verzweiflung oder Aggressi- nehmung des Schmerzes. Über schnellleitende Fasern
vität. werden dem Gehirn Informationen über Lokalisation,
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 33

sensorisch-
diskriminative
Komponente
2
affektive
Aufnahme, (emotionale)
Weiterleitung Komponente Schmerzbe-
und wertung
Noxe Verarbeitung (kognitive
noxischer vegetative Komponente)
Signale (autonome)
Komponente

motorische
Komponente Schmerz- Reaktionen der
äußerung Umwelt
(psycho- z. B. positive oder
motorische negative
Komponente) Konsequenzen

Abb. 2.4 Die Schmerzkomponenten. Die gestrichelten Linien bedeuten, dass hier eine Rückkopplung stattfindet.

Qualität, Intensität, Beginn und Ende des Schmerzes wie man mit der aufgetretenen Verletzung bzw. den
vermittelt. Schmerzen umgeht (ob man beispielsweise einen
Die affektive (emotionale) Komponente: Diese Arzt aufsucht oder nicht).
Komponente beschreibt die unlustbetonten Emotio- Gewöhnlich treten die Schmerzkomponenten ge-
nen wie beispielsweise Angst und die Störung unseres meinsam auf, sie können jedoch durchaus völlig ge-
Wohlbefindens, das in der Regel mit dem Erleben von trennt voneinander ablaufen.
Schmerzen einhergeht. Wie stark eine Person subjek-
tiv leidet, zeigt sich vor allem darin, wie sie den Lerntipp
Schmerz affektiv beschreibt. Der Schmerz kann z. B. Stellen Sie sich vor, Sie wollen ein Bild auf-
als „unerträglich“, „schrecklich“ oder „aushaltbar“ be- hängen und verletzten sich, während Sie den
schrieben werden. Nagel in die Wand schlagen, leicht mit dem
Die vegetative Komponente: Darunter versteht man Hammer. Beschreiben Sie den Schmerz
die Anregung des vegetativen Nervensystems, die bei anhand der verschiedenen Komponenten.
akutem Schmerz automatisch geschieht. Die körper-
liche Aktivierung gleicht einer Stressreaktion. So wer- Der von uns wahrgenommene Schmerz führt zu nach
den beispielsweise die Herzfrequenz, der Blutdruck, außen sichtbaren Schmerzverhalten (Klagen, Verän-
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die Atemfrequenz und die Muskelspannung erhöht. derung des Gesichtsausdrucks, Schonverhalten etc.),
Schmerz kann zudem Übelkeit und Schweißausbrü- auf das unsere Umwelt reagiert (Abb. 2.4). Bei der Be-
che verursachen. Bei sehr starken Schmerzen kann handlung – vor allem von chronischen – Schmerzen
es zum Blutdruckabfall und zur Ohnmacht kommen. (s. unten) ist es wichtig die Reaktionen der Umwelt
Die (psycho)motorische Komponente: Sie umfasst miteinzubeziehen, da diese die Aufrechterhaltung
reflektorische Schutz- oder Fluchtreaktionen. Auch und die Bewertung von Schmerzen beeinflussen.
die Muskulatur des Gesichts und somit seine Mimik
verändern sich zu einem „schmerzverzerrten“ Ge- Die Messung von Schmerzen
sicht. Schonverhalten wird ebenfalls dieser Kompo- Die Methoden zur Messung von Schmerzen bezeich-
nente zugeordnet. net man als Algesimetrie, die subjektiv oder experi-
Die kognitive Komponente: Sie beschreibt die Be- mentell erfolgen kann.
wertung des Schmerzes. Dem Schmerz werden Ursa-
chen zugeschrieben („Meine Hand tut weh, weil ich Die subjektive Algesimetrie
den brühend heißen Kaffee beim Einschenken ver- Die Patienten beurteilen meist anhand von Fragebo-
schüttet habe.“). Zudem werden zur Verfügung ste- gen bzw. Ratingskalen ihr subjektives Schmerzemp-
hende Möglichkeiten der Schmerzbewältigung in Be- finden.
tracht gezogen („Kurz unter kaltes Wasser, das Die Schmerzintensität kann über Ratingskalen erfasst
hilft!“). Die kognitive Beurteilung des Schmerzes werden, zum Beispiel anhand einer visuellen Analog-
(z. B. „Das ist bestimmt nicht weiter schlimm. Der skala (Abb. 2.5a): Hier markiert der Patient auf einer
Schmerz lässt sicher bald wieder nach.“) bestimmt, Linie von ca. 10cm oder einem Lineal mit einem ver-
34 Die biopsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Visuelle Analogskala (VAS)

Vorderseite (Patient)
2 keine unerträglicher
Schmerzen Schmerz

Geben Sie mit Hilfe des Schiebers die von Ihnen empfundene Schmerzstärke an.

Rückseite (Untersucher)
keine unerträglicher
Schmerzen Schmerz

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
a

Numerische Ratingskala (NRS)


Abb. 2.5 Skalen zur Messung der
Geben Sie bitte die Stärke der von Ihnen empfundenen Schmerzen an. Schmerzintensität. a Visuella Analog-
skala (VAS) mit Vorder- und Rückseite.
b Numerische Ratingskala (NRS). Hier
kann der Patient die entsprechende Zahl
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 bei einer Papierversion z. B. ankreuzen
kein Schmerz unerträglicher Schmerz oder bei Linealform die entsprechende
Zahl mit einem verstellbaren Zeiger mar-
b kieren (nach Schulte amEsch, 2006).

schiebbaren Zeiger zwischen den Extrempunkten Die experimentelle Algesimetrie


„keine Schmerzen“ bis „unerträglicher Schmerz“ die Die experimentelle Algesimetrie versucht, objektiv
Intensität seiner Schmerzen. Auf der Rückseite kön- messbare physiologische Indikatoren zu gewinnen,
nen die Markierungen des Patienten dann in Zahlen die mit der subjektiven Wahrnehmung des Schmerzes
abgelesen werden oder die Abstände zu den End- zusammenhängen. Hierzu werden im Labor Reize un-
punkten werden ausgemessen. terschiedlicher Qualität und Intensität vorgegeben
Während die visuelle Analogskala nur durch die End- und als Indikatoren evozierte Potenziale, die Aktivität
punkte markiert ist, werden bei der numerischen Ra- afferenter Nervenfasern und vegetative Reflexe ge-
tingskala (Abb. 2.5b) zudem noch Zahlenwerte ange- messen.
geben, z. B. von 0 (keine Schmerzen) bis 10 (unerträg- Die Schwelle, an der ein physikalischer Reiz als
liche Schmerzen). Schmerz wahrgenommen wird, ist die Schmerz-
Die Schmerzempfindlichkeit einer Person kann man schwelle. Sie kann quantifiziert werden, indem die
z. B. messen, indem ein Proband seinen Arm in Eis- Intensität eines elektrischen, thermischen oder me-
wasser taucht und danach angibt, als wie stark er chanischen Reizes schrittweise erhöht wird, bis ein
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die Schmerzen auf einer Skala von 0-10 bewertet. unangenehmes Gefühl zur Schmerzempfindung wird.
Die Qualität des Schmerzes wird häufig über Adjek- Die Schmerztoleranz ist die Grenze, ab der die Inten-
tivlisten (Checklisten) erhoben. Der Patient kann bei- sität des Schmerzes nicht mehr tolerierbar ist. Sie
spielsweise ankreuzen, ob seine Schmerzen stechend, kann beispielsweise durch den Cold-Pressure-Test er-
brennend oder pochend (sensorische Qualität) oder fasst werden. Hierzu tauchen die Probanden ihre
lästig oder quälend sind (affektive Dimension). Hand in Eiswasser und es wird die Zeit registriert,
bis der Kältereiz nicht mehr zu ertragen ist und die
MERKE Hand aus dem Wasser gezogen wird.
Ein Verfahren zur Erfassung Schmerzintensität Die Höhe der Schmerzschwelle und Schmerztoleranz
wie -qualität ist der der McGill-Pain-Questionnaire ist interindividuell sehr verschieden.
(MPQ).
Das Gate-Control-Modell des Schmerzes
Das biopsychosoziale Krankheitsmodell geht davon
Der MPQ besteht aus mehreren Gruppen schmerzbe-
aus, dass biologische, psychologische und soziale Fak-
schreibender Adjektive (z. B. „anstrengend, erschöp-
toren bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von
fend, schrecklich, brutal, mörderisch“ oder „heiß,
Schmerzen zusammenwirken.
brennend, brühend heiß, versengend“), aus denen
Das von Melzack & Wall (1965) entwickelte und spä-
der Patient jeweils die Adjektive auswählt, die seinen
ter revidierte Gate-Control-Modell des Schmerzes
Schmerz am besten beschreiben.
(Kontrollschranken-Theorie) gilt als Anstoß zu der
Sichtweise, die psychologischen Variablen eine
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die biopsychologischen Modelle 35

Aktivität anderer Nerven (z.B. durch


Aktivität der Schmerznerven leichtes Reiben der betroffenen Stelle)

2
„auf“ „zu“
Faktoren, die das Tor öffnen: Faktoren, die das Tor schließen:
• Ausmaß der Verletzung „auf“ „zu“ • Medikamente
• negative Emotionen (Angst, Sorge) Tor (Gate) im Rückenmark • positive Emotionen
• Depression • Entspannung
• Konzentration auf den Schmerz • Ablenkung

ZNS
Schmerzwahrnehmung ist davon
abhängig, wie weit das Tor geöffnet
oder geschlossen ist.

Abb. 2.6 Das Gate-Control-Modell.

wichtige Rolle bei der Schmerzwahrnehmung ein- die der Patient als „stressig“ empfindet. Hierzu zählen
räumt. Grob skizziert sagt es Folgendes aus: v. a. Prüfungssituationen, die der Patient als selbstwert-
Der nozizeptive Input wird auf dem Weg zum ZNS auf bedrohlich erlebt und denen er sich hilflos ausgeliefert
der Höhe des Rückenmarks zum ersten Mal verarbei- fühlt (kognitive Bewertung). Anstatt sich mit den Prü-
tet. In den Hinterhörnern des Rückenmarks gibt es fungsinhalten rechtzeitig auseinander zu setzen,
neuronale Mechanismen, die als „Tor“ (Gate) dienen wählt er eine dysfunktionale Form des Copings und
und überwachen, wie viel des peripheren nozizepti- schiebt die Prüfungsvorbereitung vor sich her. Dies er-
ven Inputs zum ZNS, in dem dann die eigentliche höht die Angst und Anspannung, die sich auch in einer
Schmerzwahrnehmung stattfindet, „durchgelassen“ Verspannung der Nackenmuskulatur niederschlägt
und zu Spannungskopfschmerzen führt. Der Ärger,
wird (Control). Drei Arten von afferenten Schmerzfa-
sich wegen der Kopfschmerzen nicht konzentrieren
sern kontrollieren das „Tor“ (Abb. 2.6).
zu können, verstärkt den Schmerz noch. Der Arzt zwei-
Nozizeptive Fasern: A-Delta Fasern (stechender
felt, dass allein das Anordnen eines Kopfschmerzmedi-
Schmerz) und C-Fasern (dumpfer Schmerz) öffnen
kaments das Problem längerfristig lösen wird und rät
das „Tor“.
zu einer psychologischen Beratung.
Nicht-nozizeptive Fasern: A-Beta Fasern, die Infor-
mationen von leichter Berührung (z. B. Reiben
einer angestoßenen Körperstelle) weiterleiten, Kognitiv-verhaltenstherapeutische Ansätze bei
schließen das „Tor“. (chronischen) Schmerzen
In Abb. 2.6 sind zudem Faktoren aufgeführt, die das Lerntheoretische Ansätze können zur Erklärung von
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„Tor“ öffnen oder schließen. Weiterhin wird das chronischen Schmerzen mit herangezogen werden.
„Tor“ durch efferente Fasern modifiziert: absteigende Unter anderem wird davon ausgegangen, dass die
zentrale Einflüsse wie Kognitionen und Emotionen Konsequenzen, die einem Verhalten folgen – hier
können die Weiterleitung des Schmerzes blockieren. der Ausdruck von Schmerzen –, das zukünftige
Kognitiv-verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen Verhalten bestimmen (operante Konditionierung,
(s. u.) zielen unter anderem darauf ab, solche Einfluss- S. 62). Wird die Äußerung von Schmerzen oder
faktoren zu modifizieren. Schmerzverhalten einer Patientin, wie im Bett zu blei-
ben, positiv verstärkt (z. B. durch besondere Zuwen-
MERKE dung des Ehemanns: er kommt dann früher von der
Die Schmerzwahrnehmung wird durch Angst Arbeit nach Hause) oder negativ verstärkt (z. B. die Fa-
und Depression verstärkt und durch Optimismus und milie nimmt der Patientin die gesamte für sie unange-
Hoffnung verringert. nehme Hausarbeit ab) trägt dies zur Aufrechterhal-
tung des Schmerzverhaltens bei.
Klinischer Bezug In der modernen Schmerztherapie werden psycholo-
gische und somatische Behandlungsansätze gleich-
Stress und Schmerz: Ein Patient berichtet von dump-
zeitig eingesetzt. Im Folgenden werden verschiedene
fen, vom Hinterkopf her ausstrahlenden Kopfschmer-
psychologische Ansätze vorgestellt, die sich als effek-
zen, die manchmal auch von vegetativen Symptomen
tiv bei der Behandlung von Schmerzen erwiesen
(dem Patienten wird übel) begleitet werden. Bei ge-
haben.
nauer Nachfrage erfährt der behandelnde Arzt, dass
diese Kopfschmerzen nur in Situationen auftreten,
36 Die psychodynamischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Verhaltensanalyse strategien ist wirksam. Sie erhöhen das Gefühl der


Zu Beginn der Therapie wird in der Regel eine Verhal- subjektiven Kontrolle über den Schmerz und lassen
tensanalyse (z. B. SORKC-Modell, S. 68) durchgeführt, ihn erträglicher erscheinen.
2 um beispielsweise Informationen darüber zu gewin-
nen, wann und unter welchen Umständen der Entspannungstechniken
Schmerz auftritt. Welche negativen und positiven Bei schmerzverursachenden Muskelverspannungen
Konsequenzen folgen? Wie tragen sie zur Aufrechter- wird die Schmerzursache direkt durch die Muskelent-
haltung oder zum Wiederauftreten des Schmerzes spannung (z. B. progressive Muskelrelaxation nach Ja-
bei? cobson, PMR) bekämpft. Entspannungstechniken ver-
hindern zudem das Auftreten von Angst, die den
Operante Prinzipien Schmerz verstärkt.

Lerntipp Biofeedback
Die operanten Prinzipien sind gelegentlich Das Biofeedback (S. 70) ist eine Methode, mit der kör-
Prüfungsthema. perliche Prozesse registriert, anschaulich aufbereitet
und dem Patienten zurückgemeldet werden. So wird
Die Grundidee des operanten Ansatzes besteht darin, es möglich, nicht unmittelbar sichtbare Körpervor-
schmerzfreies Verhalten aufzubauen und Schmerz- gänge zu beeinflussen. Ein Einsatzgebiet ist beispiels-
verhalten (Mimik, Schonhaltungen, Schonbewegun- weise die Messung muskulärer Spannung (EMG) bei
gen, etc.) zu löschen. Im Folgenden lernen Sie einige Spannungskopfschmerzen.
grundlegende Prinzipien kennen, die bei der Therapie
von Schmerzpatienten beachtet werden sollten: Kognitive Umstrukturierung
Die Einnahme von Schmerzmitteln sollte nicht Die kognitive Umstrukturierung verändert das Den-
schmerzkontingent (also nach Bedarf gerichtet), ken der Patienten. Ein Beispiel für eine Umstrukturie-
sondern zeitkontingent (nach festem Zeitschema) rungsmethode ist das Schmerzimpfungstraining (in
erfolgen. Ansonsten besteht die Gefahr einer psy- Anlehnung an Meichenbaum). Hier werden Gedan-
chischen Abhängigkeit, da die Medikamentenein- ken, die die Schmerzbewältigung behindern oder sie
nahme bei auftretenden Schmerzen durch die an- unterstützen, aufgedeckt und in bewältigungsorien-
schließende Schmerzreduktion negativ verstärkt tierte Kognitionen umgewandelt. Es wird ein gedank-
wird. licher Dialog zurechtgelegt, der beim Auftreten von
Elementar ist der Aufbau und die Verstärkung von Schmerzen eine Anleitung zu dessen Bewältigung
zunehmender körperlicher Aktivität (in kleinen, liefert.
machbaren Schritten).
Keine schmerzkontingente Bewegungsscho- Check-up
nung! Tätigkeiten und Arbeitsabläufe sollten in ✔ Schmerz besteht aus mehreren Komponen-
kleinen, machbaren Schritten eingeübt werden. ten. Welche sind dies?
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Außerdem werden zuvor sinnvolle Pausen einge- ✔ Rekapitulieren Sie Methoden, mit denen
plant. Die Tätigkeiten dürfen erst nach Abschluss Schmerz erfasst werden kann.
beendet werden (dann loben!) und nicht bei auf- ✔ Was sind wichtige operante Prinzipien, die
tretenden Schmerzen. bei der Behandlung von Schmerzpatienten
Keine symptomkontingenten Arztbesuche (feste beachtet werden sollten?
Termine vereinbaren)!
Keine schmerzkontingente Aufmerksamkeit! 2.3 Die psychodynamischen Modelle
Emotionale Zuwendung des Therapeuten sollte
v. a. bei erfolgreicher Durchführung von vereinbar- Lerncoach
ten Therapieschritten und nicht hauptsächlich bei Die Annahmen, von denen die psychodynami-
Schmerzäußerungen erfolgen. schen Modelle ausgehen, erscheinen uns
Information und Einbeziehung der Angehörigen! heute häufig als seltsam. Behalten Sie beim
Lesen im Kopf, dass viele der geschilderten
Informationsvermittlung Annahmen vor mehr als 100 Jahren aufgestellt
Informationen über die Ursache des Schmerzes und wurden.
den Zusammenhang von psychischen und somati-
schen Faktoren machen das Schmerzgeschehen trans- 2.3.1 Der Überblick
parenter und führen häufig allein schon dazu, dass Sigmund Freuds psychodynamische Theorie der
besser mit ihm umgegangen werden kann. Auch die menschlichen Persönlichkeit ist eine umfassende
Vermittlung einfacher Methoden wie Ablenkungs- Theorie, die sowohl die normale Entwicklung als
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die psychodynamischen Modelle 37

auch die Entstehung psychischer Störungen umfasst.


Zudem enthält sie Annahmen über die Beweggründe
des menschlichen Verhaltens. Sie wird auch als psy- Bewusstsein
choanalytische Theorie bezeichnet. 2
Seine Theorie entwickelte der Neurologe Freud auf
der Basis von klinischen Fallstudien im ausklingen- Vorbewusstes
den 19. Jahrhundert. Freuds Annahmen und vor
allem die Betonung der Rolle der Sexualität waren
im prüden viktorianischen Zeitalter sehr gewagt und
stießen auf einigen Widerstand. Dennoch wurde sie
zu einer der einflussreichsten und bedeutendsten
Theorien über die menschliche Psyche. Freud war
Unbewusstes
der erste, der die große Bedeutung von unseren Ge-
fühlen, unseren inneren psychischen Konflikten und
unseres Unbewussten in den Mittelpunkt stellte.

2.3.2 Die Grundannahmen des psycho-


dynamischen Modells Abb. 2.7 Topografisches Modell der Persönlichkeit.
Die inneren Ursprünge des Verhaltens
Freud lehnte sich bei der Entwicklung seiner Theorie sche nicht dem Bewusstsein zugänglich sei. Im topo-
an die sich damals gerade neu etablierende Thermo- graphischen Modell (griech. topos = Ort) wird die
dynamik an. Er ging davon aus, dass es eine psychi- menschliche Psyche in drei Bereiche unterteilt
sche Energie in uns gibt, die uns zum Handeln moti- (Abb. 2.7):
viert und die, wie die Thermodynamik auch, gelenkt das Bewusste (hier befinden sich alle uns im Mo-
oder entladen werden muss. Diese psychische Energie ment zugänglichen Informationen)
speist sich aus angeborenen Trieben. Diese Triebe das Vorbewusste (enthält alle aus dem Gedächtnis
motivieren also alle unsere Verhaltensweisen. Das be- abrufbaren Informationen)
deutet, dass es nach Freud keine zufälligen Handlun- das Unbewusste (die Inhalte des Unbewussten
gen gibt, sondern letztendlich jede unserer Verhal- sind uns im Normalfall verborgen).
tensweisen einem bestimmten Wunsch entstammt. Die Inhalte des Unbewussten sind zwar verborgen,
Diese Wünsche sind dem Bewusstsein jedoch häufig äußern sich jedoch indirekt: Sie bestimmen den In-
nicht zugänglich. halt der Träume und beeinflussen unser Verhalten.
Beispielsweise werden so genannte Freudsche Ver-
Die Energetisierung des Verhaltens durch Triebe sprecher, bei denen eine Person scheinbar aus Verse-
Freud postulierte ursprünglich zwei grundlegende hen etwas anderes sagt, als sie sagen wollte als Mani-
Triebe: den Selbsterhaltungstrieb (Ego), der die Er- festation eines unbewussten Wunsches angesehen
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füllung der existenziellen Bedürfnisse einfordert, („Schade, dich zu sehen.“ statt „Schön, dich zu
und den Sexualtrieb (Eros). Freud interessierte sich sehen.“). In der psychoanalytischen Therapie wird
besonders für den Sexualtrieb. Die sexuellen Impulse versucht über verschiedene Techniken wie die freie
treiben den Menschen zu jeder Art von angenehmer Assoziation oder die Traumdeutung die Inhalte des
sinnlicher Erfahrung. Das sexuelle Verlangen kann Unbewussten bewusstseinsfähig zu machen (zur psy-
dabei sowohl durch eine sexuelle Handlung als auch choanalytischen Therapie S. 207).
indirekt durch eine Art Stellvertreter-Handlung (Sub-
limierung) befriedigt werden. Die Quelle der sexuel- Die Entwicklung der Persönlichkeit
len Energie wird mit dem Begriff der Libido bezeich- Nach Freuds Ansatz wird die Persönlichkeit eines
net. Beeinflusst durch die Erfahrungen im Ersten Menschen durch seine Erfahrungen bedingt. Alle Er-
Weltkrieg postulierte Freud später noch einen weite- lebnisse der Person tragen zu dieser Entwicklung
ren energetisierenden Trieb: Thanatos, den Todes- bei. Allerdings kommt den ersten Jahren der frühkind-
trieb, der uns Menschen zu aggressivem und destruk- lichen psychosexuellen Entwicklung eine ganz be-
tivem Verhalten veranlasst. sondere Bedeutung zu. Aus der individuellen Erfah-
rung der verschiedenen psychosexuellen Entwick-
Das topographische Modell lungsstufen formt sich der Charakter des Menschen.
Die wahrscheinlich bedeutendste theoretische An- Nach Freud verläuft die psychosexuelle Entwicklung
nahme Freuds bezieht sich auf die Bewusstseinszu- in einer festgelegten Abfolge von Phasen (Tab. 2.6).
stände der menschlichen Psyche. Freud ging davon Jede Phase zeichnet sich dadurch aus, dass die Befrie-
aus, dass der Großteil unserer Bedürfnisse und Wün- digung der Triebbedürfnisse durch die Stimulation
38 Die psychodynamischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Tabelle 2.6

Die Phasen der psychosexuellen Entwicklung nach Freud


2
Phase / Alter Kennzeichen Haltung / Charakter durch mit Charaktertypus
(erogene Zone) Fixierung assoziierte Störung
orale Phase wichtigste Erfahrung ist die Nahrungs- orale Haltung: frühe Phase: schizoide
0–2 Jahre (Mund) aufnahme (Kind will „gefüttert wer- fordernde, unreife Persönlichkeitsstörung
den“) Haltung (ambivalente Einstellung
Mund ist Medium der Informations- Neigung zum Sarkasmus zu Mitmenschen – Angst
und Kontaktaufnahme mit der Umwelt Tendenz zu Abhängigkeit, versus Kontaktsuche)
Sucht späte Phase: Depression
Optimismus, Großzügig-
keit
anale Phase Befriedigung wird durch Ausscheiden zwanghafte Haltung: zwanghafte Persönlich-
2–3 Jahre (Anus) des Kots und dessen Zurückhalten er- Geiz, Pedanterie, Pünkt- keitsstörung
lebt lichkeit, Korrektheit
Kind wird mit Anforderungen (Nor- starkes Kontrollbedürfnis,
men) der Umwelt konfrontiert, die die Zwanghaftigkeit
Freude an der Stimulationszone miss- Eigensinnigkeit (Trotz)
billigt ambivalentes Verhältnis
im Zurückhalten des Kots erlebt es zum zu Autoritäten (Dominanz
ersten Mal eine Art Selbstbestimmung versus Unterwerfung)
und Möglichkeit der Verweigerung ge-
genüber der erlterlichen Kontrolle
phallische/ödipale Kind begehrt den jeweils gegenge- phallische Haltung: hysterische Persönlich-
Phase schlechtlichen Elternteil und konkur- innerer Zwang zum Kon- keitsstörung
3–5 Jahre riert mit dem überlegenen gleichge- kurrieren und Dominieren
(Genitalien) schlechtlichen Elternteil Demonstration der eige-
Konflikt bei Jungen Ödipuskomplex: nen Potenz (auch durch
Angst vor Strafe für ihr „unrechtmäßi- Statussymbole)
ges“ Begehren führt zu Kastrations- Großherzigkeit, Unbe-
angst kümmertheit
Konflikt bei Mädchen Elektrakomplex:
entdecken, dass ihnen das männliche
Geschlechtsteil „fehlt“ und entwickeln
Penisneid
Lösung des Konflikts durch Identifika-
tion mit dem gleichgeschlechtlichen
Elternteil
Latenzphase Triebenergie wird auf kulturelle Inhalte Fixierung wird nicht thema- keine Störung assoziiert
6–12 Jahre (keine gelenkt (Lesen, Schreiben, etc. ). tisiert
errogene Zone) Erkundung der Umwelt und der eige-
nen intellektuellen Fähigkeiten steht im
Vordergrund
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genitale Phase „Wiederentdeckung“ der Genitalien genitale Persönlichkeit wird keine Störung assoziiert
ab 12 Jahren gegengeschlechtliche Partnersuche als die „reife Form“ der Per-
(Genitalien) außerhalb der Familie sönlichkeit beschrieben

einer bestimmten Körperzone erfolgt (Mund, Anus, MERKE


Genitalien). Diese Körperzone wird als Libidoobjekt Unter Regression versteht man ein Verhalten, das
(Ort des Lustgewinns) bezeichnet. nicht der aktuellen Entwicklungsstufe einer Person
Jede Phase beinhaltet einen typischen Konflikt, der entspricht. Die Person regrediert bzw. fällt auf früh-
vom Kind bearbeitet und gelöst werden muss. Wird eres Verhalten zurück. Regression tritt häufig in be-
er nicht gelöst, besteht das Risiko einer Fixierung: lastenden Situationen auf.
Das Kind kann in seiner Entwicklung mit einem Teil
seiner Persönlichkeit in dieser Phase „stecken blei-
Ein Beispiel für Regression: Ein siebenjähriges Kind
ben“. In diesem Fall bildet es Charakterzüge aus, die
bekommt am Morgen seiner Einschulung zuhause
diesen phasentypischen Konflikt widerspiegeln. Eine
einen heftigen Wein- und Wutanfall: es legt sich de-
Fixierung kann sowohl durch zuviel Verwöhnung als
monstrativ auf den Boden, schreit laut und möchte
auch durch das Erleben von Frustration aufgrund zu
nicht in die Schule gehen.
hoher Anforderungen ausgebildet werden. Zudem
Die von Freud beschriebenen Persönlichkeitstypen
kann es im Erwachsenenalter zu einer Art Rückfall
sind jeweils nach der Entwicklungsphase benannt,
in diese nicht vollkommen bewältigte Phase kommen
die unzureichend bewältigt wurde. Dahinter steckt
(Regression).
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die psychodynamischen Modelle 39

die Annahme, dass die frühkindlichen Erlebnisse sächlichen Beobachtung von kindlichem Verhalten.
nachhaltig die Persönlichkeit des Individuums for- Einer exakten empirischen Überprüfung entzieht
men. sich die Theorie, da viele Annahmen nicht wirklich
Die Beschreibung der Charaktertypen oder Haltun- falsifiziert werden können. Beispielsweise wird, wie 2
gen entstammt größtenteils klinischen Fallstudien. oben dargestellt, angenommen, dass sich aufgrund
Aus diesem Grund fallen besonders die problemati- unserer frühkindlichen Erfahrungen bestimmte Per-
schen Eigenschaften auf, wobei jedem Typ jedoch sönlichkeitseigenschaften ausbilden. Bleibt trotz
auch positive Züge zugeschrieben werden. einer bestimmten Erfahrung in der Kindheit eine vor-
hergesagte Persönlichkeitseigenschaft aus, kann dies
Lerntipp auch damit erklärt werden, dass diese durch einen
Sie sollten sich die Reihenfolge der psycho- Abwehrmechanismus (siehe später) unterdrückt
sexuellen Phasen und das entsprechende Alter wurde. Das heißt auch ein Fehlen einer prognostizier-
merken (Tab. 2.6). Das Alter legt die Phase ten Eigenschaft kann nicht als Beleg gegen die Gültig-
fest. D. h., egal wie gut z. B. die orale Phase keit der Theorie angesehen werden.
durchlaufen wurde, ab 2 Jahren kommen alle
Menschen in die anale Phase! Außerdem soll- Eriksons Stufenmodell psychosozialer Entwicklung
ten Sie wissen, in welcher Phase sich welche Eriksons Modell (1959) baut direkt auf Freuds Modell
Charaktertypen ausbilden können. psychosexueller Entwicklung auf. Auch die Grundan-
nahme der universellen Gültigkeit und der festen Ab-
Die Kritik an Freuds Persönlichkeitstheorie folge der Stufen hat er übernommen (Tab. 2.7). Im Ge-
Freuds Persönlichkeitstheorie ist von verschiedenen gensatz zu Freud werden die zu lösenden Konflikte
Seiten heftig kritisiert worden. Der Hauptkritikpunkt oder Krisen jedoch als psychosozial beschrieben,
bezieht sich auf die unsystematische empirische d. h., dass die Krise durch eine Interaktion zwischen
Basis und die mangelnde Überprüfbarkeit der Theo- der biologischen Veränderung des Individuums und
rie (zum Prinzip der Falsifikation S. 144). Freud entwi- seiner sozialen Umwelt entsteht. Bei Freud bleibt die
ckelte seine Theorie auf der Basis von Selbstbeobach- soziale Umwelt (Eltern, Gesellschaft) dagegen außen
tungen und Interviews mit erwachsenen Patienten. vor. Zudem hat Erikson sein Entwicklungsmodell auf
Die Annahmen über die kindliche Entwicklung basie- das ganze Leben ausgeweitet.
ren also allein auf einem Rückblick, nicht auf der tat-

Tabelle 2.7

Eriksons Modell psychosozialer Entwicklung


Phase (Jahre) Konflikt Beschreibung des Resultat einer ange- Resultat einer unange-
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Konflikts messenen Lösung messenen Lösung


oral 0–1½ Urvertrauen vs. emotionale Bindung stabiles Sicherheits- Unsicherheit, Angst
Urmisstrauen an Bezugsperson bewusstsein
anal 1½–3 Autonomie vs. Scham Regeln lernen z. B. bei Selbstwahrnehmung Zweifel an eigener Kon-
und Zweifel der Sauberkeitserzie- als Handelnder trolle über Ereignisse
hung
phallisch 3–6 Initiative vs. Schuld- Suche nach Ich-Identi- Vertrauen auf eigene mangelndes Selbstver-
gefühl tät (Orientierung an Initiative, Kreativität trauen
Eltern)
mittlere Kindheit Leistung vs. Minder- schulisches Lernen Vertrauen auf eigene mangelndes Vertrauen
6–10 wertigkeitsgefühl Leistung in eigene Leistung
Adoleszenz Identität vs. Rollen- Integration der Facet- Vertrauen in eigene schwankendes, unsiche-
diffusion ten des Selbstkon- Person res Selbstbewusstsein
zepts
junges Intimität vs. Isolierung Aufbau von Solidarität Fähigkeit zur Nähe Gefühl der Einsamkeit,
Erwachsenenalter und Wir-Gefühl und Bindung an an- Leugnung des Bedürf-
dere nisses nach Nähe
mittleres Generativität vs. Förderung der jungen Interesse an Familie, selbstbezogene Interes-
Erwachsenenalter Stagnation Generation Gesellschaft, künfti- sen, fehlende Zukunfts-
ger Generation orientierung
höheres Ich-Integrität vs. Reflektion über eige- Gefühl der Ganzheit, Gefühl der Vergeblich-
Erwachsenenalter Verzweiflung nes Leben, Akzeptanz Zufriedenheit mit keit, Enttäuschung
des Todes dem Leben
40 Die psychodynamischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Lerntipp davon, ob das in der realen Situation gerade mög-


Bei Eriksons Entwicklungsmodell ist es wich- lich ist oder nicht. Die Wünsche sind häufig unlo-
tig, die Namen der verschiedenen Konflikte zu gisch oder unrealistisch und haben eher den Cha-
2 kennen und sie den jeweiligen Lebensphasen rakter eines Traumes. Das Es ist als Instanz schon
zuordnen zu können. D. h. Sie sollten die erste ab der Geburt vorhanden.
und zweite Spalte von Tab. 2.7 lernen, die an- Über-Ich („das Gewissen“): Das Über-Ich ist der
deren Spalten dienen dem Verständnis. Sitz der Werte und moralischer Vorstellungen.
Diese Moralvorstellungen entspringen den Ge-
Das Strukturmodell der Persönlichkeit und Verboten, die das Kind vor allem durch seine
Während das topographische Modell den Ort (griech. Eltern und die Gesellschaft lernt und internalisiert.
topos) des psychischen Geschehens beschreibt, bein- Die Inhalte des Über-Ich sind unbewusst oder vor-
haltet das Strukturmodell die verschiedenen Instan- bewusst. Wegen seiner unvollständigen Zugäng-
zen der Persönlichkeit. Nach Freud setzt sich die Per- lichkeit zum Bewusstsein kann das Über-Ich zur
sönlichkeit aus Es, Ich und Über-Ich zusammen. Quelle unbewusster Selbstbestrafungstenden-
Diese drei Instanzen befinden sich in einem dynami- zen werden. Aufgrund der strengen Normen und
schen Gleichgewicht d. h. in verschiedenen Situatio- Ideale, die das Über-Ich vom Verhalten fordert,
nen gewinnt mal die eine, mal die andere Instanz kommt es oft zu Konflikten mit dem lustbetonten
„die Oberhand“ über das Verhalten. Es.
Die drei Instanzen werden folgendermaßen beschrie- Ich („der Vermittler“): Das Ich verkörpert den re-
ben: alitätsorientierten Aspekt der Persönlichkeit. Es
Es („das Tier“): Das Es wird als primitiver unbe- nimmt eine Art Vermittlerrolle zwischen Es und
wusster Teil der Persönlichkeit betrachtet. Es ist Über-Ich ein und versucht, den Konflikt zwischen
der Sitz der primären Triebe, das heißt, es liefert den Impulsen des Es, den Anforderungen des
die psychische Energie für alle Verhaltensweisen. Über-Ich und den Gegebenheiten der Realität zu
Von der Funktionsweise wird das Es als primär lösen. Die Inhalte des Ich sind bewusst. Seine Funk-
prozesshaft beschrieben. Das bedeutet, dass es tionsweise wird als sekundär prozesshaft be-
rein nach dem Lustprinzip funktioniert, keinen schrieben. Im Gegensatz zum Es handelt es logisch
Realitätsbezug aufweist und nur auf sofortige Be- und orientiert sich an den wirklichen Gegebenhei-
dürfnisbefriedigung aus ist. Wünsche aus dem Es ten (Realitätsprinzip). Um die Konflikte zwischen
drängen auf sofortige Realisierung unabhängig Es und Über-Ich lösen zu können, setzt das Ich

Ebene des Äußere


Kennzeichen
Bewusstseins Umwelt
• Moralische
Vorstellungen
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• (Gebote und unbewusst ÜBER-ICH


Verbote von oder
Eltern und vorbewusst „das Gewissen“ Eltern und
Gesellschaft) Gesellschaft
Forderungen

• Kritischer
Verstand
• Realitätsprinzip
• Kontrollinstanz
ICH
bewusst
• Einsatz von „der Vermittler“
Abwehrme- Reaktionen
chanismen

Forderungen

„das Tier“
• Sofortige
Bedürfnis- unbewusst ES
befriedigung
• Lustprinzip Reize

Abb. 2.8 Die drei Instanzen der


Persönlichkeit nach Freud.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die psychodynamischen Modelle 41

Abwehrmechanismen ein. Mit diesen „Werkzeu- klärt diese jedoch für nicht wahr (leugnet sie) und lebt
gen“ kann die vom Es aufsteigende Triebenergie weiter, als hätte er die Diagnose nie erhalten. (Im
auf verschiedene Arten „unschädlich“ gemacht Akutstadium kann diese Verleugnung zeitweise
werden. Die Abwehrmechanismen lernen Sie im durchaus günstig für den Zustand des Patienten sein.) 2
nächsten Teilkapitel kennen. Achtung! Verwechslungsgefahr mit der Verdrängung:
Abb. 2.8 veranschaulicht das Zusammenwirken der Bei der Verleugnung wird ein bedrohlicher Inhalt aus
3 Instanzen. der äußeren Realität ausgeblendet, bei der Verdrän-
Dass Sie im Augenblick bewusst diese Worte lesen, gung wird inneren Impulsen der Zugang zum Be-
liegt also an der Tätigkeit Ihres Ichs. Der Wunsch lie- wusstsein verwehrt.
ber in die Stadt zu gehen, um sich mit Ihren Freunden Verschiebung: Emotionen, die sich gegen eine be-
zu treffen entspringt dagegen dem Bedürfnis des Es, stimmte Person richten, bei der man diese jedoch
seine Lust zu befriedigen. Der Grund dafür, dass Sie nicht „rauslassen“ kann, werden auf eine andere Per-
nicht nachgeben, sondern weiter lesen, ist Ihr Über- son oder ein Objekt „verschoben“.
Ich, das Ihnen ein ziemlich schlechtes Gewissen ma- Beispiel: Ein Patient ist aufgrund seiner Diagnose wü-
chen würde. Das Ich findet vielleicht einen passenden tend auf den Arzt. Er weiß jedoch, „dass man nicht
Ausgleich, und eventuell hören Sie deswegen im Hin- wütend auf denjenigen sein darf, der einem hilft“,
tergrund zur Entspannung gerade Musik. daher verschiebt er seine Wut auf seine Frau und ver-
hält sich ihr gegenüber äußerst gereizt.
2.3.3 Die Abwehrmechanismen Isolierung (auch Affektisolierung genannt): Hier wer-
Aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse der drei den die mit einer Situation bzw. einem Gedankenin-
Instanzen kommt es häufig zu Konflikten. In solchen halt normalerweise spontan auftretenden Gefühle
Fällen versucht das Ich eine Lösung zu finden. Bei- nicht zugelassen, also isoliert.
spielsweise widerspricht Ihr möglicher Wunsch, sich Beispiel: Jan wird von seiner Frau verlassen. Als er dies
mit Ihren Freunden zu treffen der Tatsache, dass Sie am Telefon einem Freund erzählt, spricht er ganz
gerade mitten in einer intensiven Lernphase stecken. sachlich darüber, ohne seine Trauer zuzulassen.
Sind die Bedürfnisse des Es mit den Bedingungen der Reaktionsbildung: Eine Person tut genau das Gegen-
Umwelt nicht in Einklang zu bringen, kann das Ich Ab- teil von dem, was sie eigentlich fühlt. Sie verhält sich
wehrmechanismen einsetzen, um die Wünsche des sozusagen entgegengesetzt zu einem Impuls aus
Es abzublocken und ihnen den Zugang zum Bewusst- dem Es, den sie nicht akzeptieren kann.
sein zu verwehren. Abwehrmechanismen sind wich- Beispiel: Die PJ-lerin Marie ärgert sich sehr über das
tige mentale Werkzeuge des Ich, damit es das Verhal- Verhalten des Oberarztes. Sie verhält sich daraufhin
ten auf die jeweilige Situation abstimmen kann. äußerst freundlich ihm gegenüber.
Abwehrmechanismen gehören damit zum alltägli- Rationalisierung: Man versucht, ein unbewusst moti-
chen Erleben und werden erst dann pathologisch, viertes Verhalten, das einem Es-Impuls entsprungen
wenn sie zu häufig und zu starr eingesetzt werden. ist, oder einen unangenehmen Sachverhalt im Nach-
Problematisch ist auch eine zu geringe Ich-Stärke, hinein durch eine rationale Erklärung zu rechtferti-
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die dazuführen kann, dass entweder das Es oder das gen. Anders ausgedrückt: man redet sich etwas schön.
Über-Ich entscheidend das Verhalten steuern. Beispiel: Ein Patient verhält sich ausgesprochen un-
höflich gegenüber der Sprechstundenhilfe. Dies er-
Lerntipp klärt er damit, dass sie ihn eindeutig zu lange warten
Die folgenden Abwehrmechanismen sollten ließ.
Sie alle – auch wenn es nicht wenige sind – Projektion: Eigene Emotionen, die man bei sich selber
kennen. Sie werden regelmäßig geprüft. nicht akzeptieren kann, werden in eine andere Person
verlagert bzw. auf diese projiziert.
Verdrängung: Nicht akzeptablen Impulsen aus dem Beispiel: Eva hat starke Prüfungsängste. Diese kann
Es wird der Zugang zum Bewusstsein verwehrt. sie bei sich jedoch nicht akzeptieren. Als sie von
Beispiel: Tina fühlt sich zu dem Partner ihrer besten einer Freundin gefragt wird, wie es ihre gehe, sagt
Freundin hingezogen. Diese konfliktreichen Impulse Eva: „Mir geht es gut, aber um Maike mache ich mir
werden jedoch vom Ich zurück in das Unbewusste ge- Sorgen. Die macht sich immer so verrückt, ob sie die
drängt und Tina nimmt diese Gefühle daraufhin nicht Prüfung bestehen wird.“ Eva projiziert ihre Ängste
mehr wahr. also auf Maike.
Verleugnung: Eine nicht akzeptable, unangenehme Beachte: Nicht mit der Übertragung (S. 209) verwech-
äußere Realität wird nicht wahrgenommen, indem seln. Die Übertragung ist kein Abwehrmechanismus.
der Zugang zum Bewusstsein blockiert wird. Hier werden frühere Interaktionserfahrungen in
Beispiel: Ein Patient erfährt von seinem Arzt, dass er einer therapeutischen Beziehung reaktiviert. Bei der
an einer lebensbedrohlichen Erkrankung leidet. Er er- Projektion nimmt die Person aktuelle, nicht akzep-
42 Die psychodynamischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

tierte Emotionen oder Impulse nicht bei sich selbst 2.3.4 Die Entwicklung psychischer Störungen
wahr, sondern unterstellt sie einer anderen Person. Um die psychoanalytische Annahmen besser veran-
Konversion (= Umwandlung): Ein psychischer Kon- schaulichen zu können, soll an dieser Stelle ein
2 flikt wird in eine körperliche Symptomatik umge- etwas vereinfachendes, „überspitztes“ Fallbeispiel
lenkt. (s. hierzu auch die Konversionsstörung S. 7). dargestellt werden: Die 25jährige Mechthild fühlt
Beispiel: Eva hat sich intensiv auf die Prüfung vorbe- sich in Gegenwart von Männern extrem unwohl, ver-
reitet, hat jedoch Angst, dass ihr Wissen trotzdem sucht jeglichen Kontakt zu vermeiden und schon der
nicht ausreichen wird, um die Prüfung zu bestehen. Gedanke an ein Gespräch mit einem Mann bereitet
Am Tag vor der Prüfung leidet sie plötzlich unter hef- ihr große Angst. Nach Annahme der Psychoanalyse
tiger Übelkeit und Migräne. liegt einer solchen Angstneurose (=Angststörung;
Sublimierung: Unerwünschte Triebimpulse werden Neurose ist eine veralterte Bezeichnung für eine psy-
in gesellschaftlich akzeptables Verhalten umgelenkt. chische Störung) ein unbewusster Konflikt zu
Freud sah jegliches intellektuelles und künstlerisches Grunde. Dieser Konflikt lässt sich häufig auf Erfahrun-
Schaffen als Sublimierung sexueller Impulse. Die Sub- gen zurückführen, die meistens bereits in der frühen
limierung ist daher ein positiver Mechanismus, der Kindheit gemacht wurden. Mechthild erzählt der Psy-
den Schlüssel zur kulturellen Weiterentwicklung dar- choanalytikerin im Gespräch, dass sie schon als Kind
stellt. sehr unter ihren wenig warmherzigen Eltern litt, die
Beispiel: Ein Medizinstudent hat aggressive Impulse. sie nach streng religiösen Vorstellungen erzogen
Er entscheidet sich Chirurg zu werden und kann so haben. Als Jugendliche durfte sie beispielsweise
seine Impulse in „erwünschter Form“ bei seiner ope- nicht wie die anderen Mädchen mit gleichaltrigen
rativen Arbeit ausleben. Jungen ausgehen und voreheliche sexuelle Erfahrun-
Ungeschehenmachen: Man versucht eine nicht ak- gen galten als unsittlich und wurden von den Eltern
zeptable Handlung, einen Gedanken oder ein Ereignis vehement zurückgewiesen.
etc. rückgängig (bzw. wieder gut) zu machen, indem Im Verlauf von mehreren therapeutischen Sitzungen
aktiv eine entgegengesetzte Handlung durchgeführt zeigt sich, dass Mechthild im Lauf ihrer Pubertät se-
wird. Dieser Handlung wird eine Art magische, sym- xuelle Bedürfnisse und Phantasien entwickelte. Da
bolische Kraft zugeschrieben, sie ist jedoch faktisch diese Impulse aus dem Es jedoch nicht akzeptabel
unwirksam. (Hierzu gehören auch Zwangsrituale, waren, da sie den Moralvorstellungen des Über-Ich
S. 85). widersprachen, wurden diese Inhalte vom Ich ver-
Beispiel: Peter erleidet einen Herzinfarkt, den er durch drängt und zurück ins Unbewusste geschoben. Der
Gewichtsreduktion und körperliche Aktivität eventuell unbewältigte psychische Konflikt zwischen den se-
hätte vermeiden können. Wenige Tage nach der Opera- xuellen Bedürfnissen und den strengen Moralvorstel-
tion trainiert er mehrere Stunden im Fitnessstudio. lungen führte zu starker intrapsychischer Spannung
Dieses Verhalten ist jedoch unwirksam, da der Herzin- und Angst. Wenn das Ich für diesen Konflikt keine Lö-
farkt so nicht rückgängig gemacht werden kann. sung findet, kann sich im Extremfall, wie im Fall von
Beispiel Zwangsritual: Ein streng religiös erzogene Pa- Mechthild, diese intrapsychische Spannung in Form
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tientin ist der Überzeugung, ein Bußritual durchfüh- einer neurotischen Störung entladen.
ren zu müssen (20mal den Rosenkranz beten), sobald Beachte: Nach psychoanalytischer Auffassung ist die
sie an sexuelle Inhalte denkt. Symptomatik einer psychischen Störung (hier die
Angst vor Männern) lediglich ein Hinweis auf einen
Klinischer Bezug verdrängten Konflikt. Das eigentliche Problem liegt
Abwehr bei schweren Erkrankungen: Gerade in be- jedoch im Unbewussten und muss zunächst bewusst
lastenden Situationen, beispielsweise wenn bei einem gemacht werden.
Patienten eine lebensbedrohliche Krankheit diagnosti- Die Techniken der Psychoanalyse, mit denen unbe-
ziert wird, reagieren Menschen häufig mit Abwehrme- wusste Inhalte aufgedeckt werden sollen, werden
chanismen. Sie verleugnen z. B. die Schwere ihrer Er- im Kapitel zur Psychotherapie besprochen (S. 208).
krankung oder verhalten sich demonstrativ fröhlich ge- Ein weiteres Problem der Patienten besteht darin,
stimmt (Reaktionsbildung), oder sprechen teilweise dass ein im Unbewussten schwelender Konflikt Ener-
ganz sachlich und ohne emotionale Beteiligung über gie bindet: Das Ich muss ständig Abwehrmechanis-
die Diagnose (Isolierung). In solchen Fällen stellen Ab- men einsetzen, sodass weniger psychische Energie
wehrmechanismen eine Art psychische Schutzreaktion für eine positive Lebensgestaltung bleibt.
dar, die dem Patienten helfen, die psychische Belas-
tung zu bewältigen. Problematisch werden solche Be-
wältigungsstrategien allerdings dann, wenn sie länger-
fristig aufrecht gehalten werden und der Patient sich
nicht der Realität stellt.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die sozialpsychologischen Modelle 43

2.3.5 Der primäre und der sekundäre 2.4.1 Der Überblick


Krankheitsgewinn Der Fokus der sozialpsychologischen Modelle liegt auf
Die Entwicklung eines Symptoms bringt für den Pa- dem Einfluss der psychosozialen Umwelt auf Krank-
tienten auch Vorteile mit sich. Dabei werden zwei ver- heits- und Gesundheitsverhalten. Es wird der Einfluss 2
schiedene Arten des Krankheitsgewinns unterschie- von sozialen Rollen, Normen und persönlichen Ein-
den: stellungen dargestellt. Anschließend lernen Sie eine
Als primärer Krankheitsgewinn wird der Nutzen be- Reihe von psychologischen Schutzfaktoren und die
zeichnet, den der Patient direkt durch seine psychi- wahrgenommene soziale Unterstützung kennen, die
sche Symptomatik hat. Durch die Entwicklung z. B. das Erkrankungsrisiko reduzieren.
einer Neurose kommt es zur Verringerung der inner-
psychischen Spannung. Der zugrunde liegende Kon- 2.4.2 Die Einflüsse der psychosozialen Umwelt
flikt wird durch die Bildung eines Symptoms sozusa- Die sozialen Rollen
gen entschärft. Die ständige Spannung durch einen Die soziale Rolle stellt einen zentralen Begriff in der
im Unbewussten schwelenden Konflikt reduziert Soziologie dar und bezeichnet die Summe der Verhal-
sich, da das Symptom eine Art Ventil für den ange- tenserwartungen, die an den Inhaber einer sozialen
stauten Druck bietet. Position gestellt werden. Jeder Mensch, der in die Ge-
Als sekundärer Krankheitsgewinn wird dagegen der sellschaft eingebunden ist, erfüllt mehrere, zum Teil
Nutzen, den der Patient aus seiner Krankenrolle zieht, nur schwer miteinander vereinbare Rollen. Beispiels-
bezeichnet. Dieser sekundäre Nutzen kann einerseits weise muss eine Frau im beruflichen Bereich den Er-
in der Sorge und Aufmerksamkeit durch die Angehö- wartungen, die an sie als Ärztin gestellt werden, und
rigen oder andererseits in der Entlastung von familiä- im familiären Bereich den Anforderungen einer Mut-
ren oder beruflichen Pflichten liegen. Diese Art des ter und Partnerin gerecht werden. Zudem ist sie viel-
Krankheitsgewinns wird auch in anderen Therapie- leicht noch Mitglied in einem Verein oder einer Partei
richtungen thematisiert, beispielsweise wenn in der oder Kirchengemeinde.
Verhaltenstherapie die Konsequenzen der psychi- Die Übernahme der gesellschaftlichen Rollenerwar-
schen Störung für den Patienten analysiert werden. tungen (Rollenidentifikation) führt bei nicht verein-
baren Ansprüchen zu Rollenkonflikten (s. a. S. 180),
Check-up die für die betroffene Person als Stressoren (Stressaus-
✔ Was geschieht bei folgenden Abwehrmecha- löser) wirken und sich negativ auf das Immunsystem
nismen: Projektion, Isolierung, Gegenüber- niederschlagen können.
tragung, Ungeschehenmachen, Verleugnung Auch der Rollenverlust, beispielsweise aufgrund von
und Verdrängung? Arbeitslosigkeit (Verlust der Erwerbstätigenrolle)
✔ Welche Phasen durchlaufen nach Freud alle oder wenn die Kinder das Elternhaus verlassen (Ver-
Menschen im Laufe ihrer Kindheit? Welche lust der Elternrolle), erhöht die Anfälligkeit für psy-
Charakterzüge können sich in den jeweiligen chische, psychosomatische und somatische Krankhei-
Phasen ausbilden? ten.
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✔ Welche Konflikte müssen wir im Laufe unseres


Lebens nach Eriksons Auffassung meistern? Die Normen
✔ Tamara neigt in Stresssituationen dazu, viel zu Normen sind in der Gesellschaft verankerte Regel-
rauchen. Überlegen Sie sich, in welche früh- systeme, die sich auf das Verhalten der Gesellschafts-
kindliche Phase Tamara nach psychoanalyti- mitglieder beziehen. Normabweichendes Verhalten
scher Auffassung dabei zurückfällt. Wie nennt (Devianz) wird negativ sanktioniert. Die von der Ge-
man diesen Vorgang? sellschaft an das Individuum herangetragenen Ver-
haltensnormen können Stressoren darstellen. Ein Bei-
2.4 Die sozialpsychologischen Modelle spiel ist, wenn eine berufstätige Mutter sich dafür
rechtfertigen muss, dass sie nicht so viel Zeit für ihr
Lerncoach Kind hat, wie es der gesellschaftlichen Idealvorstel-
Auch unsere Sichtweise der Welt oder soziale lung (Idealnorm) entspricht. Zudem haben gesell-
Bedingungen beeinflussen unser Gesundheits- schaftliche Sanktionen für normabweichendes Ver-
und Krankheitsverhalten. Sie können zum halten einen Einfluss auf den psychischen und physi-
Einstieg dazu überlegen, ob Sie den Einfluss schen Zustand des Individuums. Wird ein Mensch von
solcher Faktoren bei sich oder Personen in seiner Umwelt aufgrund seines abweichenden Ver-
Ihrem Umfeld schon einmal festgestellt haltens abgelehnt, so kann sich dies negativ auf seinen
haben. Gesundheitszustand auswirken.
44 Die sozialpsychologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Die Einstellungen benspartner oder der Verlust der Arbeit (s. a. die Risi-
Einstellungen beinhalten eine affektive (gefühlsmä- kofaktoren im Hinblick auf die Entstehung einer De-
ßige) und eine kognitive (bewertende) Komponente pression S. 59).
2 gegenüber dem Einstellungsgegenstand. Sie beeinflus- Im Rahmen dieses Abschnitts werden nun eine Reihe
sen das mit diesem Gegenstand verbundene Verhal- von psychologischen Schutzfaktoren vorgestellt, die
ten. Auch beim Gesundheits- und Krankheitsverhalten sich günstig auf das Krankheitsrisiko und den Umgang
spielen Einstellungen eine wichtige Rolle. Zwar gibt es mit einer Krankheit auswirken. Ein protektiver Faktor
keine zwangsläufige Beziehung zwischen Einstellung ist z. B. die Resilienz.
und Verhalten (jemand, dem seine Gesundheit wichtig
ist, kann trotzdem ungesund essen), aber es existiert Die Resilienz (psychische Elastizität)
ein positiver Zusammenhang (siehe dazu auch das Als Resilienz werden die psychischen und physischen
Modell des geplanten Verhaltens, S. 243). Das bedeu- Fähigkeiten eines Individuums bezeichnet, die es ihm
tet, dass ein Mensch mit einer positiven Einstellung ermöglichen, Lebenskrisen oder schwere Krankhei-
gegenüber gesunder Ernährung mit größerer Wahr- ten ohne langfristige Beeinträchtigung zu meistern.
scheinlichkeit gesundes Essen vorziehen wird als je- Hohe Resilienz im Umgang mit Krisen zeichnet sich
mand, dem gesundheitsbewusste Ernährung egal ist. dadurch aus, dass der Mensch die Situation akzep-
Präventionsprogramme zielen häufig darauf ab, die tiert, dass er aktiv nach einer Lösung sucht (aktives
Einstellung gegenüber gesundheitsschädigendem Ver- Coping), dass er Hilfe und Unterstützung einfordert
halten zu ändern (z. B. beim Rauchen). Allerdings ist und trotz der ungünstigen Situation die Überzeugung
eine Einstellungsänderung häufig leichter herbeizu- bewahrt, dass sie sich wieder bessern wird. Weitere
führen als eine Änderung des Verhaltens, da hier fest Kennzeichen der Resilienz sind eine hohe internale
eingefahrene Gewohnheiten oft der Veränderung im Kontrollüberzeugung (S. 107) und ein günstiger At-
Weg stehen. tributionsstil (S. 98), bei dem positive Ereignisse in-
ternal (auf die eigene Person) und negative Ereignisse
Lerntipp external (auf andere Faktoren außerhalb der eigenen
Das Zusammenspiel von Einstellungen und Person) attribuiert werden.
Verhalten wird in der Theorie der kognitiven
Dissonanz von Festinger beschrieben. Diese Die Selbstwirksamkeitserwartung
Theorie finden Sie auf S. 246. Die Selbstwirksamkeitserwartung („Self-Efficacy“,
Bandura, 1982) ist das Ausmaß der Überzeugung,
Klinischer Bezug dass man selber zu einem bestimmten Verhalten
Nutzung von Präventionsmaßnahmen: Die Bedeu- in der Lage sei. Wenn man vorhersagen will, wie ein
tung sozialpsychologischer Faktoren für das Krank- Mensch sich in einer bestimmten Situation verhalten
heits- und Gesundheitsverhalten wird bei der Nutzung wird, ist es hilfreich zu wissen, wie er selbst seine ei-
von Präventionsmaßnahmen deutlich. Ob jemand bei- genen Handlungsmöglichkeiten einschätzt. Im Falle
spielsweise an einer Krebsvorsorgeuntersuchung teil- eines Kranken kann eine hohe Selbstwirksamkeitser-
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nimmt oder nicht, hängt weniger von seinem objekti- wartung beispielsweise dazu führen, dass er be-
ven Krebsrisiko (z. B. Krankheitsfälle in der Familie) als stimmte Dinge ausprobiert (wieder aufstehen, alleine
vielmehr von seinen Überzeugungen bezüglich seiner nach draußen gehen, etc.), die ein Patient mit ähn-
eigenen Krankheitsanfälligkeit, bezüglich des Nutzens lichem Gesundheitszustand, aber geringerer Selbst-
derartiger Vorsorgeuntersuchungen und seiner allge- wirksamkeitserwartung nicht versuchen würde.
meinen Einstellung gegenüber Arztbesuchen ab.
Zudem sind Rollenerwartungen und gesellschaftliche Klinischer Bezug
Normen für die Entscheidung relevant: Beispielsweise
Selbstwirksamkeit und Krebserkrankung: In Studien
ist eine Erklärung für den höheren Frauenanteil bei
mit Krebspatienten konnte gezeigt werden, dass sich
der Wahrnehmung von Präventionsmaßnahmen, dass
eine hohe Selbstwirksamkeitserwartung (Überzeu-
es zur Rolle der Frau gehört, sich um die eigene Ge-
gung, dass man vorgenommene Ziele auch aufgrund
sundheit zu kümmern, während dieses Verhalten mit
eigener Fähigkeit und Anstrengung erreichen kann) po-
der klassischen Männerrolle weniger vereinbar scheint.
sitiv auf den Krankheitsverlauf auswirkt. Die Patienten,
die von ihren eigenen Kompetenzen überzeugt waren,
2.4.3 Die psychologischen Risiko- und schienen sich ihrer Krankheit aktiver zu widersetzen
Schutzfaktoren und sich gegen die mit ihrem Zustand verbundenen
Risikofaktoren, die die Entstehung einer Krankheit Einschränkungen zu wehren. Dieses Verhalten hat
begünstigen sind z. B. soziale Isolation und schwer- nicht nur positive Einflüsse auf das subjektive Wohlbe-
finden der Patienten, sondern auch auf den messbaren
wiegende Lebensereignisse, sog. Verlusterlebnisse
physiologischen Zustand.
wie der Tod einer geliebten Person, Trennung vom Le-
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die sozialpsychologischen Modelle 45

Der Optimismus chen Ressourcen umgehen und dem Leben einen


Generalisierter Optimismus – also eine grundsätzlich Sinn abgewinnen können. Sind diese Überzeugungen
positive Lebenseinstellung – wirkt sich günstig auf wenig ausgeprägt, ist der Kohärenzsinn gering und
die Gesundheit aus. Menschen mit einem ausgepräg- damit zur Erhaltung der Gesundheit weniger günstig. 2
ten Optimismus sind im Durchschnitt gesünder und Zu weiteren Eigenschaften und Verhaltensstilen, die
zeigen mehr gesundheitsfördernde Verhaltenswei- mit Krankheits- und Gesundheitsverhalten im Zu-
sen. Eine mögliche Erklärung für diesen Zusammen- sammenhang stehen, siehe ab S. 107.
hang könnte in der geringeren Stressbelastung von
optimistischen Menschen liegen. Da sie weniger Si- 2.4.4 Die soziale Unterstützung
tuationen als für sie bedrohlich wahrnehmen, erleben Neben unseren individuellen Eigenschaften kann
sie weniger negativen gesundheitsbelastenden Stress. auch die soziale Situation einen Einfluss auf unsere
Gesundheit haben (Abb. 2.9). Als besonders relevanter
„Hardiness“ (Widerstandsfähigkeit) Faktor hat sich in der gesundheitspsychologischen
Ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal, das vor negati- Forschung die soziale Unterstützung („social sup-
ven Auswirkungen möglicher Stressoren schützt, ist port“) herausgestellt. Damit wird das Ausmaß an
die „Hardiness“ (Kobasa, 1984). Drei Faktoren unter- Rückhalt von vertrauten Personen bezeichnet, auf
scheiden widerstandsfähige von weniger wider- das ein Mensch bei Problemen zurückgreifen kann.
standsfähigen Menschen: Sie erleben schwierige
Situationen als Herausforderung und nicht als Be- MERKE
drohung, sie zeigen Engagement, statt sich passiv Social Support kommt aus dem privaten,
zu verhalten, und erleben ein Gefühl der Kontrolle nicht-institutionalisierten Kontext und beinhaltet
über das, was sie tun. emotionale Hilfe,
Wissensvermittlung,
Das Konzept der Salutogenese nach Antonovsky materielle Hilfeleistungen und
Antonovsky (1993) versuchte zu ergründen, welche Übereinstimmung in Einstellungen und Werten.
persönlichen und in der Umwelt liegenden Faktoren
dazu führen, dass jemand trotz ungünstiger Verhält-
Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass soziale Unterstüt-
nisse gesund bleibt.
zung bzw. ein vorhandenes stützendendes soziales
MERKE Netzwerk eine Art Pufferfunktion bei stressigen
Ereignissen hat und die Stressbewältigung erleichtert.
Im Gegensatz zur pathogenetischen Perspektive,
Dabei ist jedoch vor allem entscheidend, wie der Be-
die sich um die Erklärung der Entstehung von
troffene die Unterstützung wahrnimmt und weniger
Krankheiten kümmert, ist die salutogenetische
die objektiv gegebene soziale Unterstützung.
Perspektive auf die Entstehungs- und Erhaltungs-
Die Relevanz des sozialen Netzwerks wird umso deut-
bedingungen der Gesundheit gerichtet.
licher, wenn man sich die Kehrseite ansieht: die so-
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ziale Isolation. Menschen, die nur geringe und insta-


Nach dem Konzept der Salutogenese sind Krankheit bile soziale Kontakte haben, zeigen einen ungünstige-
und Gesundheit zwei unabhängige Faktoren, so dass
die Förderung der Gesundheit etwas anderes beinhal-
tet als nur die Reduzierung von Krankheit. Im saluto-
genetischen Konzept werden zwei Kernstücke für die
Erhaltung der Gesundheit betont: die allgemeinen
Widerstandsressourcen und der Kohärenzsinn.
Zu den Widerstandsressourcen zählen alle Fähigkei-
ten eines Menschen, die ihm dabei helfen, mit biologi-
schen, psychischen oder sozialen Spannungen und
Belastungen besser umzugehen. Ein funktionierendes
Immunsystem gegen Krankheitserreger zählt ge-
nauso dazu, wie ein soziales Netzwerk oder Intelli-
genz und geistige Flexibilität, die eine gute Anpassung
an die Umwelt ermöglichen.
Als Kohärenzsinn wird eine stabile Handlungsorien-
tierung bezeichnet. Sie ist bei Menschen hoch ausge-
prägt, die das Gefühl haben, dass sie die Welt, in der
sie leben, verstehen, mit ihren gegebenen persönli- Abb. 2.9 Ein krankes Kind bekommt fürsorgliche Unter-
stützung durch seine Mutter.
46 Die soziologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

ren Krankheitsverlauf. Gerade bei alten Menschen, Auf innergesellschaftlicher Ebene geht es darum, wie
die aufgrund des Verlusts des Partners und der sich die unterschiedliche Teilnahme an gesellschaftli-
Freunde vereinsamen, ist soziale Isolation ein häufi- chen Ressourcen auf Gesundheit und Krankheit der
2 ges Problem. Im Krankheitsfall ist die Genesung in Individuen auswirkt. Beispielsweise stellt sich in
diesem Fall verlangsamt. Zudem hat sich herausge- Deutschland die Frage, welchen Einfluss der Faktor
stellt, dass sozial isoliert lebende Menschen eine hö- Erwerbstätigkeit (ob jemand im Besitz eines Arbeits-
here Schmerzempfindlichkeit haben. platzes oder arbeitslos ist) auf die Inanspruchnahme
der gesundheitlichen Versorgungssysteme hat.
Check-up
✔ Was besagt das Konzept der Resilienz und der 2.5.3 Die soziostrukturellen Faktoren
Selbstwirksamkeitserwartung? Als soziostrukturelle Faktoren werden alle Elemente,
✔ Welche beiden Faktoren sind nach dem die den Aufbau einer Gesellschaft betreffen, be-
salutogenetischen Konzept bedeutend für den zeichnet. In medizinsoziologischen Studien haben
Erhalt der Gesundheit? sich zahlreiche Faktoren herauskristallisiert, die in
✔ Welche Hilfeleistungen werden der sozialen einem Zusammenhang mit dem Auftreten von Krank-
Unterstützung zugeordnet? heit und Gesundheit stehen.

2.5 Die soziologischen Modelle Die soziale Schicht


Der wohl am besten untersuchte Faktor ist die soziale
Lerncoach Schichtzugehörigkeit (zum Konzept der sozialen
Zur Einstimmung auf die soziologische Be- Schicht siehe S. 134). In Deutschland hat sich in
trachtungsweise können Sie sich überlegen, einer Vielzahl von Studien immer wieder gezeigt,
wie die Lebensumstände verschiedener Men- dass Angehörige verschiedener sozialer Schichten
schen ihre Gesundheit beeinflussen. Wie wirkt sich bezüglich ihres Gesundheits- und Krankheitsver-
sich z. B. Fließbandarbeit auf den Beschäftig- haltens unterscheiden.
ten aus? Angehörige unterer sozialer Schichten zeigen im
Durchschnitt weniger gesundheitsfördernde und
2.5.1 Der Überblick mehr gesundheitsgefährdende Verhaltensweisen als
Im Gegensatz zu Verhaltensmodellen oder dem psy- Angehörige oberer Schichten. Auch im Krankheitsver-
chodynamischen Modell zur Erklärung von Krankheit halten bestehen Unterschiede zumeist zum Nachteil
und Gesundheit, die bei ihrem Erklärungsansatz das Angehöriger unterer Schichten. Dort ist z. B. das Auf-
Individuum und sein Verhalten fokussieren, gehen so- suchen professioneller Hilfe, die Befolgung ärztlicher
ziologische Modelle vom Einfluss sozialer Strukturen Anweisungen (Compliance) oder die aktive Koopera-
auf Gesundheit und Krankheit aus. Sie betonen den tion des Patienten geringer ausgeprägt (vgl. S. 137).
Zusammenhang zwischen dem Aufbau einer Gesell- Diese Unterschiede bezüglich des Gesundheits- und
schaft (Gesellschaftsstruktur), der Wirtschaftsform, Krankheitsverhaltens können zumindest zum Teil
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

der Art der gesellschaftlichen Gesundheitssicherung die höhere Auftretenswahrscheinlichkeit zahlreicher


und -erhaltung (z. B. Art und Umfang der Krankenver- physischer und psychischer Erkrankungen in den un-
sicherung) und der Auftretenshäufigkeit und Art von teren Schichten erklären. Beispielsweise ist der Anteil
Erkrankungen. adipöser (fettleibiger) Personen in unteren sozialen
Schichten deutlich höher als in Mittel- und Ober-
2.5.2 Die Grundannahmen soziologischer Mo- schicht. Aber auch Rauchen und Alkoholkonsum wei-
delle sen einen sozialen Schichtgradienten (Abnahme des
Soziologische Modelle können diese Strukturen auf betroffenen Bevölkerungsanteils bei höheren Schich-
zwei Ebenen betrachten. Auf globaler Ebene geht es ten) auf. Adipositas und Rauchen gelten beispiels-
um einen Vergleich zwischen verschiedenen Staaten. weise als Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkran-
Hier stellt sich die Frage, wie sich unterschiedlich po- kungen.
litische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Struktu-
ren auf Gesundheit und Krankheit der Einwohner Erklärungsmodelle des sozialen Schichtgradien-
auswirken. Eine Frage wäre beispielsweise: „Wie ten von Morbidität und Mortalität
wirkt sich eine staatliche Gesundheitssicherung (z. B.
in Deutschland) im Vergleich zu einer privaten Absi- Lerntipp
cherung (z. B. in den USA) auf die Frequentierung Die beiden folgenden Hypothesen sind prü-
von Ärzten aus?“ fungsrelevant! Prägen Sie sie sich gut ein.
2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle Die soziologischen Modelle 47

Verursachungshypothese (auch soziogene Hypothese) konnten die Forscher eindrucksvoll zeigen, dass man-
Der oben beschriebene Erklärungsansatz wird als Ver- gelnde Erwerbstätigkeit nicht nur ökonomische Ein-
ursachungshypothese bezeichnet. Nach dieser An- bußen mit sich bringt, sondern dass sowohl die psy-
nahme liegt die Ursache für die Ungleichverteilung chische als auch die physische Befindlichkeit der Be- 2
von Gesundheit und Krankheit zu Ungunsten der un- troffenen deutlich beeinträchtigt war. Diese Befunde
teren Schichten in gesundheitsgefährdenden Belas- konnten immer wieder repliziert werden. Allerdings
tung (z. B. schlechtere Lebensbedingungen wie hö- hängt die Stärke des negativen Einflusses der Arbeits-
here Umweltverschmutzung, Belastung am Arbeits- losigkeit von vielfältigen Faktoren der Person und
platz) und Risikoverhalten (z. B. höherer Alkohol- ihrer sozialen Umgebung ab (z. B. Qualität der sozialen
und Tabakkonsum, schlechtere Ernährungsgewohn- Unterstützung, Bedeutung der Arbeitstätigkeit für das
heiten) das mit der Schichtzugehörigkeit einhergeht. Selbstkonzept, etc. ).
Neben der Arbeitslosigkeit können aber auch be-
Soziale Drifthypothese (auch Selektionshypothese) stimmte Bedingungen der Erwerbstätigkeit einen
Einen alternativen Erklärungsansatz stellt die soziale ungünstigen Einfluss auf die Gesundheit haben. Bei-
Drifthypothese: Nach ihrer Annahme ist die ungleiche spielsweise ist bekannt, dass allein der subjektive Ein-
Verteilung von Gesundheit und Krankheit dadurch druck von Arbeitsplatzunsicherheit stressauslösend
begründet, dass Krankheiten zu sozialem Abstieg wirken kann. Aber auch starke berufliche Belastun-
führen bzw. einen sozialen Aufstieg verhindern. gen, sowohl physischer Art (z. B. Schicht-, Schwerstar-
Somit wäre die soziale Ungleichheit bezüglich der beit) als auch psychischer Art (z. B. hohe Verantwor-
Krankheitshäufigkeit eine Konsequenz des krank- tung, geringe Kontrolle, hoher Zeitdruck), wirken
heitsbedingten „sozialen Abdriftens“. Belege für sich längerfristig negativ auf die Gesundheit aus.
diese Annahme gibt es im Bereich der psychischen
Störungen. Bei Studien zur sozialen Mobilität bei Schi- 2.5.4 Die ökologischen Faktoren
zophrenen ist ein sozialer Abstieg nach Auftreten der Während bei den sozialstrukturellen Faktoren die
Störung häufig beobachtet worden. Allerdings ist Einflüsse innergesellschaftlicher Ungleichheiten auf
auch dieser Erklärungsansatz nicht unumstritten. Gesundheit und Krankheit erläutert wurden, geht es
bei den ökologischen Faktoren um alle relevanten
MERKE Umwelteinflüsse, die über verschiedene Gesell-
Der Beitrag der sozialen Drift-Hypothese zur Erklä- schaften hinweg wirksam sind. Die ökologischen
rung einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit Faktoren kann man wie folgt unterteilen:
der unteren sozialen Schichten ist geringer als der Die soziale Umwelt: Hierunter fallen die bereits oben
Beitrag der Verursachungshypothese. erwähnten Faktoren der Erwerbs- und Arbeitssitua-
tion und des sozialen Status (soziale Schichtzugehö-
rigkeit). Aber auch die Familiensituation (z. B. intakte
Klinischer Bezug
Familienverhältnisse oder „broken Home“), die so-
Essstörungen und Gesellschaftsschicht: Nicht bei
ziale Vernetzung des Individuums und seine Wohn-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

allen psychischen und physischen Krankheiten sind An-


verhältnisse werden hier eingeordnet.
gehörige unterer sozialer Schichten häufiger betroffen
Die kulturelle Umwelt: Gerade bei der Behandlung
als Mittel- und Oberschichtangehörige. Ein Gegenbei-
ausländischer Patienten wird deutlich, dass die kul-
spiel stellt die Anorexia nervosa (Magersucht) dar.
turelle Einbettung eines Menschen eine wichtige
Das Merkmal einer Anorexie ist ein deutliches Unterge-
wicht und eine stark verzerrte Körperwahrnehmung. Rolle bezüglich seines Gesundheits- und Krankheits-
Hier sind überproportional viele Mädchen und Frauen verhaltens spielen kann. So unterscheiden sich in ver-
aus höheren Schichten, oft Gymnasiastinnen oder Stu- schiedenen Kulturen die Wertvorstellungen bezüg-
dentinnen, betroffen. Dagegen findet sich bei der Buli- lich Gesundheit und Krankheit, aber auch der Um-
mia nervosa, einer Essstörung, die mit unauffälligem gang damit. Während in unserem Kulturkreis ein ra-
Gewicht und mit Fressanfällen und darauf folgendem tional-naturwissenschaftliches Verständnis von
Erbrechen der Nahrung einhergeht, keinerlei Schicht- Krankheiten weit verbreitet ist, wird ihnen in anderen
gradient (zur Anorexie und Bulimie siehe auch S. 120). Kulturen zum Teil eine weitere Bedeutung zugespro-
chen. Eine Krankheit wird zu einem Symbol, stellt
eine Strafe oder Warnung dar. Diese Unterschiede
Die Erwerbstätigkeit können bei der Kommunikation mit Patienten aus an-
Gerade angesichts der großen Probleme am Arbeits- deren Kulturkreisen problematisch werden, wenn
markt ist die Frage nach den gesundheitlichen Aus- stillschweigend ein einheitliches Verständnis voraus-
wirkungen von Arbeitslosigkeit besonders wichtig. gesetzt wird.
Bereits in einer frühen Studie, die im österreichischen Die natürliche Umwelt: Die biologischen, chemi-
Marienthal durchgeführt wurde (Lazarsfeld, 1932), schen und physikalischen Bedingungen der eigenen
48 Die soziologischen Modelle 2 Gesundheits- und Krankheitsmodelle

Lebensumwelt beeinflussen unsere Gesundheit und gen ökonomischen Verhältnissen der Betroffenen be-
Krankheit. Deutlich wird die Auswirkung ungesunder stimmt. Allerdings gibt es auch in Deutschland eine
Bedingungen besonders bei plötzlichen Erkrankungs- Tendenz, dass Angehörige höherer Schichten eine
2 häufungen (z. B. aufgrund radioaktiver Strahlung oder qualitativ bessere medizinische Versorgung erhalten.
chemischer Vergiftungen). Besonders problematisch
sind Umweltbedingungen, die sich erst nach längerer Klinischer Bezug
Zeit auf die Gesundheit auswirken, sodass ein genauer Umweltfaktoren und Lebenserwartung: Besonders
Nachweis ihrer Gefährdung schwer fällt. deutlich wird die Bedeutung von ökologischen und
Die technische Umwelt: Auch die technische Umwelt wirtschaftlichen Faktoren bei einer weltweiten Be-
kann Einfluss auf die Gesundheit und Krankheit neh- trachtung der Gesundheitsversorgung. Ein Indikator
men: dazu zählen beispielsweise gesundheitliche dafür ist die durchschnittliche Lebenserwartung:
Gefahren oder Schäden, die durch die Nutzung tech- während in den hoch industrialisierten Staaten der
nischer Geräte auftreten (z. B. Autounfälle, Elektro- Nordhalbkugel (Nordamerika, Europa) die durch-
smog). Andererseits kann durch technische Möglich- schnittliche Lebenserwartung bei 78 Jahren liegt, be-
keiten aber auch eine Verbesserung der Gesundheit trägt sie in den ärmsten Entwicklungsländern im
erreicht werden (z. B. Katalysator zur Filterung der
Schnitt 51 Jahre.
Autoabgase).
Check-up
2.5.5 Die Bedeutung ökonomischer ✔ Welche Faktoren nehmen nach Annahme der
Umweltfaktoren soziologischen Modelle Einfluss auf Krankheit
Neben den dargestellten ökologischen Faktoren und Gesundheit des Menschen?
spielen die ökonomische Gegebenheiten (also die ✔ Welche Unterschiede bestehen im Gesund-
wirtschaftliche, finanzielle Situation) sowohl auf indi- heitsverhalten zwischen den sozialen Schich-
vidueller als auch auf staatlicher Ebene eine große ten?
Rolle für die Qualität der Gesundheitsversorgung. ✔ Welche Erkrankungen treten in der Unter-
Während innerstaatlich diese ökonomischen Unter- schicht häufiger auf, welche in der Ober-
schiede in Deutschland größtenteils durch ein ein- schicht?
heitliches Gesundheitsversorgungssystem (gesetzli- ✔ Wiederholen Sie die beiden Erklärungsansätze
che Krankenversicherung) ausgeglichen werden, bzgl. des erhöhten Erkrankungsrisikos der
wird die Qualität der Versorgung in Ländern mit pri- unteren sozialen Schichten.
vater Absicherung wie den USA auch von den jeweili-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg
Kapitel 3

Theoretische Grundlagen

3.1 Die biologischen Grundlagen 51

3.2 Das Lernen 58

3.3 Die Kognition 71

3.4 Die Emotion 79

3.5 Die Motivation 90

3.6 Die Persönlichkeit und


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die Verhaltensstile 101

3.7 Die Entwicklung und die primäre


Sozialisation 108

3.8 Die Entwicklung und die Sozialisation


im Lebenslauf 119

3.9 Die soziodemographischen


Determinanten des Lebenslaufs 126

3.10 Die sozialstrukturellen Determinanten


des Lebenslaufs 134
50 Klinischer Fall 3

Ein neuer Sport Die Arterie bewegen


Jens ist erst skeptisch. Er ist doch nicht psychisch krank!
Doch das Konzept des Psychologen überzeugt ihn
schnell: Er soll lernen, physiologische Vorgänge be-
wusst zu steuern. Biofeedback heißt diese Methode.
Bei Migräne bedeutet das, den Durchmesser von Blut-
gefäßen steuern zu lernen. Denn die Kopfschmerzen
bei Migräne werden durch eine Erweiterung von Arte-
rien verursacht, die zum Gehirn führen. Jens soll also
lernen, diese Blutgefäße zu verengen. Dafür wird ein
Sensor an seiner Schläfe befestigt. Dieser misst über
den Blutfluss den Durchmesser der Arteria temporalis.
Auf einem Bildschirm sieht Jens einen großen Kreis.
Könnte er die Arterie kontrahieren, würde der Kreis
Histologischer Schnitt durch eine Arterie (A) (En = Endothel, kleiner werden. Doch so sehr Jens es versucht, es will
Med = Media, Ad = Adventitia) nicht gelingen. Der Therapeut tröstet ihn: Biofeedback
zu erlernen sei wie für eine neue Sportart zu trainieren.
Die Persönlichkeit des Menschen ist wie ein Mosaik- Dabei müsste man mitunter Muskeln bewegen, von
bild aus vielen Einzelteilen zusammengesetzt. Auf deren Existenz man bisher noch nichts geahnt hätte –
dem Weg zur Persönlichkeit spielt Lernen eine und das ginge nicht von heute auf morgen.
nicht unerhebliche Rolle. Um die biologischen
Grundlagen des Lernens und die verschiedenen Alles ist weniger schlimm
Lernprozesse geht es unter anderem im folgenden Jens hat regelmäßige Therapiestunden, doch ein Erfolg
Kapitel: Der Mensch lernt, auf Reize zu reagieren, will sich zunächst nicht einstellen. Aber plötzlich, als er
mit Erfolg und Misserfolg umzugehen und Ideen schon aufgeben will, hat er den Dreh raus: Der Kreis
in Taten umzusetzen. Man kann sogar lernen, nor- wird ein Stück kleiner, dann wieder größer, wieder klei-
malerweise unbewusst ablaufende Vorgänge des ner. .. Jens ist begeistert: Er kann tatsächlich die Durch-
Körpers zu kontrollieren. Wie z. B. der Migränepati- blutung in den Arterien steuern! Nun muss diese Me-
ent Jens. thode nur noch gegen seine Migräne helfen. Als er
das nächste Mal eine Migräneattacke kommen spürt,
Lichtblitze und Kopfschmerzen setzt er sich ruhig hin und konzentriert sich auf seine
Jens leidet schon seit seiner Kindheit unter Migränean- Arteria temporalis. Zwar kann er den Migräneanfall
fällen. Die Attacken kommen etwa drei- bis viermal im nicht völlig unterdrücken, doch diesmal ist alles weni-
Monat und beginnen mit einer „Aura“: Grellen Lichtblit- ger schlimm: Der Anfall dauert nicht so lange wie
zen und Sehstörungen. Etwa eine Stunde später fangen sonst, und die Kopfschmerzen sind weniger heftig. So
heftige Kopfschmerzen an, die meist zwei Tage dau- lässt sich ein Migräneanfall ertragen, findet Jens. Und
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ern. Helles Licht und Lärm sind dann unerträglich. Am vor allem: Er hat endlich das Gefühl, selbst etwas
besten ist es, wenn sich Jens in ein abgedunkeltes Zim- gegen seine Krankheit tun zu können. Es hat sich also
mer legt und wartet, bis der Anfall vorübergeht. Inzwi- gelohnt, diese neue „Sportart“ zu erlernen.
schen hat der 29-jährige Jurist schon alle Medikamente
ausprobiert, die bei Migräne in Frage kommen. Die
Krankheit hat sich dadurch kaum beeindrucken lassen.
Auch Entspannungsverfahren haben Jens wenig gehol-
fen. Da macht ihm seine Neurologin den Vorschlag, es
mit Verhaltenstherapie zu versuchen und überweist
ihn an einen Psychologen.
3 Theoretische Grundlagen Die biologischen Grundlagen 51

3 Theoretische Grundlagen Hirnschädigungen sind selten auf ein spezielles


Areal begrenzt, so dass man keine differenzierte
3.1 Die biologischen Grundlagen Information über seine Funktionsweise erhält.
Die Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen Pa-
Lerncoach tienten ist nicht absolut (z. B. wegen unterschiedli-
In diesem Kapitel lernen Sie die Neuropsycho- cher Schädigungsursachen).
3
logie kennen, die die Beziehung zwischen den Es fehlen Vergleichsdaten der Patienten vor der
Gehirnfunktionen und dem menschlichem Hirnschädigung, die man bräuchte, um die Verän-
Verhalten untersucht. Wahrscheinlich haben derungen exakt beschreiben zu können.
Sie in der Physiologie oder der Neuroanatomie Eine präzise Entfernung des beforschten Areals ist aus
bereits den Aufbau des Gehirns mit seinen ethischen Gründen beim Menschen verständlicher-
verschiedenen funktionellen Abschnitten weise nicht zulässig. Darum gehen speziell im Bereich
kennengelernt, und können so hier leicht der visuellen Wahrnehmung viele Erkenntnisse auf
Querverbindungen herstellen. Experimente mit Säugetieren zurück. Eine Einschrän-
kung ergibt sich hierbei jedoch bei der Erforschung
3.1.1 Der Überblick weiterer kognitiver Funktionen wie Denken, Spre-
Die Hauptfragestellungen der Neuropsychologie lau- chen oder Problemlösen.
ten:
Wie und wo sind psychische Funktionen wie Spra- Die bildgebenden Verfahren
che, Gedächtnis oder Emotionen kortikal reprä- Mit Hilfe bildgebender Verfahren konnten in den letz-
sentiert? ten Jahrzehnten große Fortschritte bei der Lokalisa-
Wie sehen die neuronalen Mechanismen von Ver- tion von psychischen Funktionen bei gesunden Pa-
halten und Verhaltensveränderung (z. B. beim Ler- tienten gemacht werden. Die Positronen-Emissions-
nen, bei der Erholung nach Hirnschädigung) aus? Tomographie (PET) gibt Aufschluss über die Aktivität
Welche Funktion haben Neurotransmitter im Ge- der Hirnareale bei der Ausführung bestimmter Aufga-
hirn für die Steuerung des menschlichen Verhal- ben, wobei der Glucoseverbrauch als Indikator für die
tens? Stoffwechsel-Aktivität dient. Bei der funktionalen
Magnetresonanztomographie (fMRT) wird die
3.1.2 Untersuchungsmethoden der Sauerstoffsättigung des Blutes als Indikator genutzt,
Neuropsychologie um die Aktivität der Kortexareale darzustellen.
Die meisten Methoden sind aufgrund der Notwendig- Beide Methoden haben den Vorteil, dass sie ein räum-
keit entstanden, bei einem operativen Eingriff wich- liches Bild des aktiven Gehirns liefern. Einer ihrer
tige Hirnareale nicht zu verletzten. Um dies zu verhin- Nachteile liegt neben den hohen Kosten in der gerin-
dern, musste man präoperativ wissen, welche Hirn- gen zeitlichen Auflösung der Vorgänge. Da viele psy-
strukturen zum Beispiel für die Sprache zuständig chische Funktionen, gerade im Bereich des Denkens
sind. Während ältere Studien fast ausschließlich an und Wahrnehmens, extrem schnell ablaufen, ist es
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Patienten mit Hirnschädigung durchgeführt wurden, mit diesen Verfahren nicht möglich, eine einzelne
sind inzwischen dank der Entwicklung bildgebender Verhaltenssequenz aufzuzeichnen, beispielsweise
Verfahren auch Untersuchungen an gesunden Pro- die Aktivität bei der Beantwortung einer einzelnen
banden möglich. In diesem Fall müssen die Versuchs- Frage. Für derartige Fragestellungen kann das Elektro-
personen bestimmte Aufgaben ausführen. Dabei wird enzephalogramm (EEG) eingesetzt werden, bei dem
die Hirnaktivität während der Ausführung aufge- die evozierten Potenziale als Reaktion auf ein einzel-
zeichnet. Dieses Aktivitätsbild kann man nun mit an- nes Ereignis gemessen werden (S. 26).
deren Bedingungen, beispielsweise der Hirnaktivität
in einer Ruhesituation, vergleichen. MERKE
Der Vorteil von PET und fMRT liegt in der guten
Die Läsionsstudien räumlichen Auflösung. Gleichzeitig ist die zeitliche
Die älteren Befunde zur Repräsentation von speziellen Auflösung schlecht. Das EEG liefert gute zeitliche
Funktionen stammen fast ausschließlich von Läsions- Auflösung, aber kaum räumliche Informationen!
studien. Hierbei wird bei Patienten, die aufgrund
einer Krankheit, Verletzung oder eines operativen
Eingriffs eine Schädigung in einem bestimmten Kor-
3.1.3 Die Repräsentationen psychischer
texareal aufweisen, überprüft, welche psychischen
Funktionen im Gehirn
Bei der Zuordnung psychischer Funktionen zu Reprä-
Funktionen beeinträchtigt sind. Bei der Interpretation
sentationsarealen im Gehirn gibt es keine 1:1-Über-
solcher Befunde gibt es jedoch verschiedene Ein-
einstimmung: Eine Struktur kann an verschiedenen
schränkungen:
52 Die biologischen Grundlagen 3 Theoretische Grundlagen

psychischen Funktionen beteiligt sein und eine psy- verschiedenartige Störungen in der Gleichgewichts-
chische Funktion verfügt im Normalfall über multiple regulation und der Bewegungskoordination verstan-
Repräsentationsareale. den. Es kommt zu exzessiven, überschießenden Be-
Bei der funktionalen Zuordnung der Strukturen steht wegungen bei den Betroffenen. Weitere Symptome
die Forschung noch vor vielen offenen Fragen. Ent- einer Kleinhirnschädigung sind eine mangelhafte
sprechend unspezifisch sind zum Teil die folgenden Blickstabilisierung und ein herabgesetzter Muskelto-
3
Angaben. Um die funktionale Zuordnung von kortika- nus
len und subkortikalen Regionen zu psychologisch re-
levantem Verhalten und Erleben besser zu verstehen, Die Basalganglien, das limbische System und das
muss man sich ein grundsätzliches Organisations- Diencephalon (Zwischenhirn)
prinzip des Gehirns verdeutlichen, das aus der evolu- Als Basalganglien werden die Kernstrukturen unter-
tionären Entwicklung des Menschen ableitbar ist. So halb des vorderen Neokortex bezeichnet. Zu ihnen ge-
sind die evolutionsgeschichtlich älteren Hirnstruktu- hören das Putamen („Schale“), das Pallidum (auch
ren, die bereits bei simplen Lebensformen vorhanden Globus pallidus, „bleiche Kugel“), der Nucleus cauda-
sind, für die lebenserhaltenden Funktionen zuständig. tus („Schweifkern“) [und in manchen Darstellungen
Dagegen haben die Strukturen des Neokortex, die in auch die Amygdala („Mandelkern“)]. Diese Strukturen
dieser Ausdifferenzierung lediglich beim Menschen bilden einen Schaltkreis mit dem Neokortex.
zu finden sind, evolutionsbiologisch „junge Aufga- Aufgrund der anatomisch engen Verbindung der Ba-
ben“ wie Sprach- oder Denkprozesse. Entsprechend salganglien zu den motorischen Kernen des Thalamus
dieser Überlegung gliedert sich der folgende Text in hatte man ihre Bedeutung zunächst nur für den Be-
eine funktionale Betrachtung des Hirnstamms, des wegungsbereich gesehen. Die Funktion der Basal-
Kleinhirns (Zerebellum), des Zwischenhirns (Dien- ganglien ist hierbei vor allem die Steuerung von Aus-
cephalon) und des Endhirns (Neokortex). maß, Geschwindigkeit und Kraft von Körperbewe-
gungen. Durch Läsionsstudien zeigte sich jedoch,
Der Hirnstamm dass sie gemeinsam mit den basalen Teilen des Vor-
Der Hirnstamm, bestehend aus dem verlängerten derhirns die Erregungsschwelle des Neokortex
Mark (Medulla oblongata), der Brücke (Pons) und steuern. Zudem sind sie an Motivationsprozessen
dem Mittelhirn (Mesencepahlon), ist vor allem an (Antrieb) und über die Regulierung von Aufmerksam-
der Steuerung autonomer Funktionen beteiligt. keit an der Gedächtnisbildung beteiligt.
Dazu gehören die Aufrechterhaltung von Herzschlag Das limbische System, eine Gruppe heterogener
und Atmung, aber auch die Bewegungskontrolle, die Kerne zu der auch die Amygdala und der Hippocam-
Regulierung von Schlaf-Wach-Rhythmus sowie die pus gerechnet werden, ist an der Steuerung fast aller
Nahrungsaufnahme und das Sexualverhalten. Aus Verhaltens- und Denkprozesse bedeutsam beteiligt
verhaltenspsychologischer Sicht besonders wichtig (Abb. 3.1). Es bildet die wichtigste Verbindung zwi-
ist das Fasernetzwerk, das vom Rückenmark durch schen neokortikalen Funktionen und denen des
den Hirnstamm zum Vorderhirn verläuft: Es wird als Stammhirns. Besonders hervorstechend ist seine Be-
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Formatio reticularis (Retikulärformation) oder auf-


steigendes retikuläres aktivierendes System (ARAS)
bezeichnet und spielt eine Rolle bei der Aufrechter-
Corpus callosum Thalamus Hypothalamus
haltung der Aufmerksamkeit bzw. des Bewusstseins.
Zerebrum
Lerntipp
Im Folgenden werden die einzelnen Hirn-
strukturen und ihre physiologischen und psy-
chologischen Funktionen besprochen. Bei der
Zuordnung psychischer Funktionen zu den
einzelnen Strukturen, kann es hilfreich sein,
sich zu überlegen, was bei einem Ausfall oder
einer Schädigung des entsprechenden Be-
reichs zu erwarten wäre.
Hypophyse
Das Zerebellum (Kleinhirn)
Das Zerebellum erfüllt unterschiedliche Funktionen. Amygdala
Rücken--
Die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts, aber auch Hippocampus mark Zerebellum
die Feinmotorik wird hier gesteuert. Bei Schädigung
des Kleinhirns kommt es zur Ataxie. Darunter werden Abb. 3.1 Das limbische System (nach Zimbardo).
3 Theoretische Grundlagen Die biologischen Grundlagen 53

deutung jedoch für das Erleben und die Verarbeitung Frontallappen Sulcus centralis Parietallappen
von Emotionen.
Okzipital-
MERKE h
isc lappen

ik
r
so

tor
Die emotionale Bewertung von Information findet

n
Mo

ose
in der Amygdala statt. 3

somat
Der Hippocampus spielt dagegen eine zentrale Rolle
Sprechen
bei der Einspeicherung neuer Gedächtnisinhalte:
hier werden ankommende mit bereits gespeicherten
ren
Informationen verglichen. Hö Sehen

Riechen
Klinischer Bezug
Sulcus
Der Fall H. M.: Frühe Hinweise auf die Rolle des Hippo- lateralis
campus bei der Encodierung (Einspeicherung) neuer
Temporallappen visueller
Gedächtnisinhalte gehen unter anderem auf den Fall
Cortex
H. M. zurück. An diesem Patienten wurde aufgrund me-
dikamentös nicht behandelbarer, starker epileptische Rückenmark Zerebellum
Krämpfe eine beidseitige Entfernung (bilaterale Resek- Abb. 3.2 Aufteilung des Neokortex in vier Hirnareale
tion) der medialen Temporallappen durchgeführt. (nach Bähr/Frotscher und Klinke/Pape/Kurz/Silbernagl).
H. M. erlitt durch diese Operation eine anterograde Ge-
dächtnisstörung (anterograde Amnesie), das heißt
seine Fähigkeit zur Einspeicherung neuer Gedächtnisin- Die folgenden Abschnitte über die einzelnen Gehirn-
halte war langfristig nach der Operation gestört. Die lappen sind so aufgebaut, dass zunächst die in dieser
bereits im Langzeitgedächtnis vorhandenen Inhalte Region lokalisierten psychischen Funktionen erläu-
waren jedoch weiterhin abrufbar. tert werden. Im folgenden Abschnitt wird aufgezeigt,
welche Funktionsausfälle nach einer Schädigung der
Hirnregion zu beobachten sind.
Der Hypothalamus, eine Kerngruppe die unter dem
Thalamus liegt, ist ebenfalls für viele Verhaltenswei- Der Frontallappen (Stirnlappen)
sen von Bedeutung. Zentral ist die Regulation der kör- Anatomisch gliedert sich der Frontallappen in eine
perinternen Homöostase wie die Regelung von At- motorische, prämotorische und präfrontale Region.
mung, Kreislauf, Flüssigkeits- und Nahrungsauf- Die motorische und die prämotorische Region sind
nahme, Temperatur und Schlaf aber auch die Steue- für die Steuerung des gesamten Bewegungsapparats
rung der sexuellen Erregung und des endokrinen Sys- inklusive der Gesichts- und Sprachmuskulatur
tems. Der Thalamus hat – auch anatomisch durch (Broca-Areal) und der Augenbewegungen zuständig.
seine enge Verbindung zum Neokortex – eine Art Der prämotorische Bereich wird der Planung und der
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Tor-Funktion, da er eine zentrale Rolle an der Auf- motorische der Ausführung der Bewegungen zuge-
merksamkeitsregelung einnimmt. Informationen, ordnet. In der motorischen Region sind entlang des
auf die keine Aufmerksamkeit gerichtet wird, gelan- Sulcus centralis (zentrale Furche) die einzelnen Kör-
gen nicht zu einer weiteren Verarbeitung in den Neo- perregionen repräsentiert (somatotopische Gliede-
kortex. rung). Je präziser die Kontrolle über die Motorik
eines Körperteils ist, desto größer ist ihr Repräsenta-
Der Neokortex tionsareal. Die prämotorischen Areale scheinen
Der Neokortex (auch Hirnrinde) ist die Hirnstruktur, zudem eine Rolle beim assoziativen Lernen (klassi-
die beim Menschen im Verhältnis zu anderen Säuge- sches und operantes Konditionieren, S. 58) zu spielen.
tieren die größte Ausdifferenzierung aufweist. Es ist Bei einem Schlaganfall, bei dem motorische Areale be-
einerseits die evolutionär jüngste Struktur, anderer- troffen sind, kommt es zu Lähmungserscheinungen
seits die Basis für alle Funktionen, die charakteristisch der kontralateralen Körperseite (Hemiparese).
für den Menschen sind (der Neokortex als „Sitz des
Willens“). MERKE
Anatomisch gliedert sich der Neokortex in zwei Hemi- Die zentrale Rolle des Frontallappens liegt in der
sphären, die wiederum in jeweils vier Lappen unter- Planung und Steuerung von Verhalten, womit vor
teilt werden (Abb. 3.2). Die beiden Hemisphären wer- allem die präfrontale Region in Verbindung gebracht
den durch das Corpus callosum, eine brückenähnliche wird.
Faserstruktur, verbunden.
54 Die biologischen Grundlagen 3 Theoretische Grundlagen

In dieser Region ist eine Art von temporärem Ge- Der Parietallappen (Scheitellappen)
dächtnis lokalisiert: hier laufen Informationen über Der menschliche Parietallappen ist im Vergleich zu
die gerade ausgeführten Handlungen und eingegan- dem des Menschenaffens deutlich größer. Man kann
genen Wahrnehmungen zusammen, die es ermögli- ihn anatomisch in einen anterioren und einen poste-
chen, das weitere Verhalten auf die Umweltbedingun- rioren Bereich aufteilen.
gen abzustimmen. Der anteriore Bereich spielt für die Somatosensorik,
3
Fehlt diese Gedächtnisfunktion, sind die Verhaltens- d. h. Berührungs-, Temperatur-, und Schmerzreize
veränderungen immens: Patienten mit Läsionen im eine Rolle.
Frontallappen zeigen eine umweltgesteuerte Verhal-
tenskontrolle, das heißt, sie lassen sich durch aktuelle MERKE
Reize ihrer Umwelt von ihren vorgenommenen Akti- Im Parietallappen liegen die Areale der sensori-
vitäten ablenken, wobei sie diese vollkommen verges- schen Repräsentation des Körpers.
sen und nicht wieder aufnehmen. Die komplexe Pla-
nung und Steuerung von Verhalten ist gestört. Wird
Ihre Größe steht im Zusammenhang mit der Sensibi-
ihnen z. B. die Aufgabe gestellt, Karten nach einer be-
lität der jeweiligen Körperregion und weist eine der
stimmten Regel zu sortieren, halten sie trotz Auffor-
motorischen Region sehr ähnliche somatotopische
derung zur Veränderung starr an einmal eingeführten
Gliederung auf. Zum Beispiel hat das Projektionsareal
Regeln fest (Perseveration).
des Gesichts und speziell der menschlichen Lippen
eine vergleichsweise große Ausdehnung. Das Projek-
Der Temporallappen (Schläfenlappen)
tionsareal von Rücken und Rumpf ist im Verhältnis
Im Temporallappen befinden sich Regionen für die
zu ihrer eigentlichen Größe dagegen klein. Die Abbil-
auditorische Wahrnehmung und Analyse. Diese
dung der Projektionsareale im Parietallappen wird
Funktion wurde bereits 1874 von Wernicke beschrie-
häufig als ein verzerrter Homunculus bezeichnet.
ben, der eine Störung des Sprachverständnisses bei
Der posteriore Teil des Parietallappen steuert räumli-
einem Patienten mit entsprechend lokalisierter Schä-
che Funktionen. Dazu gehört einerseits die Koordina-
digung beschrieb. Aber auch visuelle Information wird
tion der Bewegungen und der visuellen Wahrneh-
im an den Okzipitallappen grenzenden Bereich analy-
mung bei allen gezielten Bewegungen wie zum Bei-
siert, wobei diese Areale speziell für die Formwahr-
spiel dem Greifen nach einer Tasse. Andererseits ist
nehmung relevant sind. Die medialen Regionen des
er auch an Denkvorgängen beteiligt, die eine Art
Temporallappens in Verbindung mit dem Hippocam-
räumliche Funktion verlangen. Dazu gehören das
pus spielen eine herausragende Rolle für das Langzeit-
Lesen und Rechnen, wobei die räumliche Anordnung
gedächtnis. Aufgrund ihrer engen Verknüpfung wird
der Informationen eine Rolle spielt.
auch die Amygdala häufig zum Temporallappen ge-
Patienten mit Läsionen im Parietallappen haben
rechnet. Ihre Bedeutung liegt in der affektiven Kom-
gravierende räumliche Orientierungsstörungen, vor
ponente bei der Reizerkennung, die erst eine Bedeu-
allem wenn sie sich in einer ungewohnten Umgebung
tungszuschreibung zu der jeweiligen Information
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zurecht finden müssen. Manche Patienten haben


möglich macht.
zudem eine gestörte Wahrnehmung taktiler Reize.
Die Symptome, die nach einer Temporallappenschä-
Hierbei nimmt der Patient wahr, dass er nach einem
digung auftreten, sind vielfältig. Es kann zu Störungen
Gegenstand tastet, jedoch kann er den getasteten Ge-
der Hörwahrnehmung kommen, die besonders bei
genstand nicht identifizieren (taktile Agnosie, s. u.).
der linken Hemisphäre häufig mit einer Einschrän-
Zudem zeigt sich meist bei einer linksseitigen Läsion
kung des Sprachverständnisses (Wernicke-Aphasie)
ein Verlust der Fähigkeit zum Schreiben und Lesen
einhergeht. Rechtshemisphärisch kann dagegen die
(Agraphie und Alexie).
Wahrnehmung von Melodien – auch bei der Sprach-
wahrnehmung (Prosodie) – beeinträchtigt sein. Klinischer Bezug
Zudem treten massive Störungen des Langzeitge-
Agnosie: Herr H., der während eines Unfalls ein schwe-
dächtnisses auf. Es existieren darüber hinaus Fallbe-
res Schädelhirntrauma erlitt und mehrere Wochen be-
schreibungen von Patienten mit Veränderungen des
wusstlos war, wird nach einiger Zeit neuropsycholo-
Affekts (Emotionen) und der Persönlichkeit.
gisch untersucht. Als die Ärztin Herrn H. ein Wasserglas
zeigt und fragt, was das sei, kann Herr H. Elemente des
MERKE
Gegenstandes beschreiben (z. B. Größe, Form), er kann
Der Temporallappen ist unter anderem für alle diesen jedoch nicht als Wasserglas erkennen bzw. be-
Prozesse relevant, die mit der Wahrnehmung audi- nennen. Nach weiteren Untersuchungen und einer um-
torischer Information und dem Langzeitgedächt- fangreichen Differenzialdiagnostik (z. B. Ausschluss
nis zusammenhängen. von Demenz, Aphasien, Störung von Aufmerksamkeit
und Orientierung, Unvertrautheit des Gegenstandes)
3 Theoretische Grundlagen Die biologischen Grundlagen 55

kommt die Ärztin zu dem Schluss, dass bei Herrn H. Parietallappen ziehende Bahn ist dagegen an der
eine Objektagnosie vorliegt. Steuerung von Bewegungen im Raum beteiligt,
Eine Agnosie bezeichnet allgemein die Unfähigkeit wofür Informationen aus der Umwelt benötigt wer-
des Erkennens oder Deutens von Sinneseindrücken, den. Einzelne Funktionen scheinen asymmetrisch lo-
ohne dass bei der betroffenen Person eine Beeinträch- kalisiert zu sein: So findet man im linken Okzipital-
tigung der Sinnesorgane (Augen, Ohren, Tastsinn etc.), lappen eine Region, die auf das Erkennen von Wörtern
der elementaren Wahrnehmung und der Sprache vor- 3
spezialisiert ist, während das entsprechende (homo-
liegt. Im Gegensatz zu einer Aphasie ist eine Agnosie loge) Areal in der rechten Hemisphäre für die Erken-
eher selten und tritt vor allem nach rechtshemisphäri- nung von Gesichtern eine besondere Rolle spielt.
schen Läsionen (inferiorer Parietallappen, okzipitotem-
Patienten mit okzipitalen Schädigungen haben ver-
porale Areale) oder bilateralen Läsionen auf. Je nach-
schiedene Störungen der visuellen Wahrnehmung
dem welche Sinnesmodalität betroffen ist und welcher
(Agnosien). Meistens ist die Erkennung von Objekten
Gegenstand nicht mehr erkannt wird , werden ver-
eingeschränkt (Objektagnosien), aber es werden
schiedene Formen der Agnosie unterschieden:
auch spezifische Ausfälle beim Lesen (Alexien) oder
Visuelle Agnosie: Optische Reize z. B. Gegenstände (=
Objektagnosie) oder Gesichter (= Prosopagnosie) kön- bei der Erkennung von Gesichtern (Prosopagnosien)
nen nicht wahrgenommen werden (trotz intaktem berichtet.
Sehsystem).
Auditive Agnosie: Schwierigkeiten bei der Einschätzung Eine Übersicht zu häufigen Verhaltensausfällen
von Geräuschen (z. B. Entfernung, Richtung) trotz erhal- nach Hirnschädigung (Tab. 3.1)
tener Zuwendung in Richtung der Geräuschquelle.
Taktile Agnosie (Astereognosie): Gegenstände kön- Lerntipp
nen nicht durch Ertasten identifiziert werden. Von den folgenden Verhaltensausfällen sind
besonders die Amnesie, die Agnosie und die
Aphasie wichtig.
Der Okzipitallappen
Aufgabe der okzipitalen Kortexareale ist die visuelle Aufgrund der individuellen Ausformung jedes Ge-
Informationsverarbeitung. Unterschiedliche anato- hirns ist die Zuordnung der Hirnareale zu den Funk-
mische Regionen sind an der Wahrnehmung von tionsausfällen jedoch nicht eindeutig. So ist es durch-
Form, Farbe und Bewegung beteiligt. Zudem kann aus möglich, dass die Symptomatik zweier Patienten
man zwei bedeutsame Verarbeitungsbahnen ein- trotz Schädigung in derselben Hirnregion sehr unter-
grenzen, von denen die eine ventral zum Temporal- schiedlich ausfällt.
lappen, die andere dorsal zum Parietallappen zieht. Die in Klammern dargestellten Zuordnungen zur lin-
Die Verbindung zum Temporallappen scheint vor ken oder rechten Hemisphäre gelten ebenfalls für
allem für die Stimuluserkennung relevant. Die zum die meisten Individuen, nicht jedoch für alle.

Tabelle 3.1
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Eine Übersicht zu den Verhaltensausfällen nach Hirnschädigungen


Bezeichnung der Schädigung Beschreibung des Funktionsausfalls assoziiertes Hirnareal
Amnesie Gedächtnisverlust Temporallappen und Hippocampus
anterograd gestörte Gedächtnisneubildung
retrograd gestörter Abruf bereits eingespeicherter
Informationen
Agnosie Störung der Wahrnehmung
Objektagnosie Unfähigkeit, Objekte zu erkennen Parietallappen
Prosapagnosie Gestörte Gesichtererkennung Okzipitallappen
Alexie Störung des Lesens Parietallappen
Aphasie Beeinträchtigung der Sprache (dominante, meist linke) Hemisphäre
Broca-Aphasie Störung der Sprachproduktion (dominanter, meist linker) Frontallappen
(motorische Aphasie) (Broca-Areal)
Wernicke-Aphasie Störung des Sprachverständnisses (dominanter, meist linker) Temporallappen
(sensorische Aphasie) (Wernicke-Areal)
Agraphie Störung des Schreibens Parietallappen
Apraxie Unfähigkeit, zielgerichtete Bewegungen (dominanter, meist linker) Parietallappen
durchzuführen
56 Die biologischen Grundlagen 3 Theoretische Grundlagen

3.1.4 Die Lateralisation und die Hemisphären- 3.1.5 Die neuronale Plastizität und Regeneration
dominanz
Vergleicht man die Symptomatik von Patienten mit MERKE
einer Schädigung homologer Areale in der rechten Die neuronale Plastizität beschreibt die Fähigkeit des
und in der linken Hemisphäre, so zeigen sich deutli- Gehirns, sich zu reorganisieren und ausgefallene
che Unterschiede, die auf eine funktionale Spezialisie- Funktionen auf verschiedene Weise zu kompensie-
3
rung der Hirnhälften (Lateralisation) hindeuten. ren.
Die Spezialisierung der Hirnhälften zeigt sich auch bei
bildgebenden Verfahren in einer stärkeren Aktivität
Diese Fähigkeit ist die Basis jeglicher Lernprozesse, bei
einer der beiden Hemisphären bei der Bearbeitung
denen sich das Verhalten des Individuums aufgrund
von verschiedenen Aufgaben (wie z. B. Lesen oder
von Umwelteinwirkungen nachhaltig verändert.
Geometrieaufgaben). Informationen, die im linken
Denn jede Veränderung – und sei es nur eine neu im
Gesichtsfeld dargeboten werden, werden in der rech-
Gedächtnis abgespeicherte Telefonnummer – benö-
ten Hemisphäre verarbeitet und umgekehrt.
tigt eine neuronale Grundlage. Zudem ermöglicht
Die in Tab. 3.2 dargestellte Zuordnung von verschiede-
die neuronale Plastizität eine funktionale Erholung
nen Funktionen zu den Hemisphären ist jedoch nicht
nach einer Schädigung von Hirnarealen. Diese Fähig-
als absolut zu betrachten, sondern beschreibt ledig-
keit zur Regeneration ist jedoch bei betroffenen Pa-
lich eine häufig auftretende Überlegenheit. An vielen
tienten sehr unterschiedlich. Nur selten ist mit einer
Verhaltensweisen sind Areale beider Hemisphären
vollständigen Kompensation zu rechnen.
beteiligt.
Die Lateralisation von Funktionen wird einerseits von
Die neuronale Plastizität als Grundlage des
genetischen Faktoren wie Händigkeit und Geschlecht
Lernens
und andererseits von Umweltfaktoren (z. B. Anre-
Die anatomischen bzw. physiologischen Vorausset-
gungsgrad, spezielle Anforderungen) beeinflusst. Ins-
zungen für Lernen nehmen in den ersten Lebensmo-
gesamt ist die Asymmetrie bei linkshändigen Perso-
naten und -jahren des Kindes explosionsartig zu. Die
nen geringer ausgeprägt als bei Rechtshändern.
Grundlage dafür kann nicht allein in der Neubildung
von Neuronen liegen, da diese bis zum Ende der
Lerntipp
Schwangerschaft größtenteils abgeschlossen ist. Le-
Für die Zuordnung der verschiedenen Funk-
diglich im Zerebellum und im limbischen System ent-
tionen zu den beiden Gehirnhälften, können
stehen noch bis kurz nach der Geburt neue Zellen. Der
Sie sich vorstellen, dass in unserem Gehirn
relevante Mechanismus des Lernens ist die Verzwei-
zwei verschiedene Personen sitzen:
gung und Verdickung der Dendriten. Axone und Kol-
Links: ein gut gelaunter Sprachwissenschaftler.
lateralen wachsen aus und die Anzahl der Synapsen
Rechts: ein schlecht gelaunter, musisch be-
und der synaptischen Dornen (Spines) am Ende der
gabter Ingenieur.
Dendriten nimmt zu. Es kommt zu einer Zunahme
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des Hirngewichts.
Tabelle 3.2 Eine notwendige Voraussetzung für die geschilderten
Veränderungen ist eine anregende Umgebung mit
Die funktionale Spezialisierung der Hirnhälften
sowohl sensorischer als auch motorischer Stimula-
(Lateralisation)
tion. Die enorme Bedeutung der Umgebungsreize
Hemisphäre Spezialisierung
wird in Deprivationsversuchen oder aufgrund der De-
Linke Sprache (sprachgebundene Funktionen:
fiziterscheinungen bei Kindern, die von ihren Eltern
Hemisphäre Lesen, Schreiben, Sprechen, Rechnen)
Sprachlich-sequentielles Denken grob vernachlässigt wurden, deutlich. Schränkt man
Verbales Gedächtnis (Allgemeinwissen) einem neugeborenen Kind oder Tier die Wahrneh-
Neutral-positive Emotionen
mungs- oder Bewegungsmöglichkeiten ein, so ver-
Rechte Räumliche Wahrnehmung (z. B. bei langsamt sich die Ausdifferenzierung der entsprech-
Hemisphäre Geometrieaufgaben oder der mentalen
Rotation, also der vorgestellte Drehung enden Hirnareale. Es kann zu einer dauerhaften Ein-
von Objekten) schränkung der Lernfähigkeit kommen. Je früher die
Visuell-räumliches Denken
Verarbeitung nicht-sprachlicher Infor-
Deprivation erfolgt und je länger sie andauert, desto
mationen (z. B. komplexe Muster, eklatanter sind die Folgeschäden.
Gesichter, nicht-sprachliche Geräusche, Lernen ist jedoch das ganze Leben lang möglich: Als
Musik)
Taktile Wahrnehmung (z. B. Blinden- Grundlage dafür kommt die Neuaktivierung vorher
schrift) „stiller“ Synapsen bzw. „gehemmter“ synaptischer
Episodisches Gedächtnis (persönliche, Verbindungen in Frage. Auf der Ebene des einzelnen
emotionale Ereignisse)
Depressiv-negative Emotionen Neurons beruht Lernen auf der Bildung von Hebb-
3 Theoretische Grundlagen Die biologischen Grundlagen 57

Synapsen. Bei diesen Synapsen erhöht sich bei gleich- war beeindruckend. Patienten, die unter Halluzinatio-
zeitiger Aktivierung von prä- und postsynaptischem nen und Wahnvorstellungen litten und zuvor nur
Neuron die Verbindungsstärke. ruhig gestellt werden konnten, zeigten eine Linde-
Auf anatomischer Ebene zeigt sich die neuronale Plas- rung der Symptomatik.
tizität in der unterschiedlichen Ausdifferenzierung Dieses Beispiel illustriert, wie der Erkenntnisgewinn
der motorischen und sensorischen Projektionsareale. über die Wirkweise verschiedener Neurotransmitter
3
So ist zum Beispiel das Areal der mentalen Repräsen- häufig verläuft: Wenn ein Psychopharmakon bei
tation der linken Hand bei einem professionellen Gei- einem bestimmten Typ von Störung die Symptomatik
ger größer als bei einem Menschen, der seine Hand positiv beeinflusst, kann man über seine chemische
nicht für solche präzisen Bewegungsabläufe benötigt. Struktur ableiten, welches Transmittersystem bei die-
Diese „Individualisierung“ der Projektionsareale zeigt ser Störung fehlreguliert ist. Problematisch dabei ist,
noch einmal den bedeutenden Einfluss der Umwelt- dass die meisten Psychopharmaka eine Vielzahl von
bedingungen auf die „biologische Entwicklung“ des Übertragungsprozessen, neuronalen Strukturen und
Individuums. Verhaltensweisen beeinflussen. Eine einfache Zuord-
nung von Transmittersystemen zu psychischen Stö-
Die neuronale Plastizität und die Regeneration rungen hat sich in allen Fällen als unmöglich heraus-
Die Erholung geschädigter Hirnfunktionen verläuft gestellt.
im Normalfall langsam, wobei zunächst die ausgefal-
lene Funktion auf niedrigem Niveau kompensiert MERKE
wird. Die danach folgenden Erholungsstadien weisen Die im Gehirn vorkommenden Neurotransmitter
auf funktionaler Ebene Ähnlichkeit mit den Entwick- haben keine festgelegte Funktion, sondern können je
lungsschritten eines Kindes auf. nach dem Ort ihrer Wirkung und dem Zusammen-
Auf neuronaler Ebene werden verschiedene Mecha- spiel mit anderen Neurotransmittern eine unter-
nismen diskutiert, die einer Erholung zugrunde lie- schiedliche Wirkung haben.
gen. Unter Regeneration versteht man einen Vor-
gang, bei dem verletzte Neurone wieder Faserverbin-
Das dopaminerge System
dungen zu dem Areal aufnehmen, mit dem sie vor der
Trotz ihrer geringen Quantität – die Katecholamine
Schädigung in Verbindung standen. Im peripheren
machen insgesamt nur ein bis zwei Prozent der ge-
Nervensysten ist die Regeneration ein bekanntes Phä-
samten Transmittersubstanzen im ZNS aus – sind Do-
nomen, das sowohl bei motorischen als auch sensori-
pamin, Noradrenalin und Adrenalin von herausragen-
schen Neuronen beobachtet werden kann. Im Zent-
der Bedeutung für den Bereich der Emotion, des Den-
ralnervensystem gibt es diverse Versuche, die Rege-
kens (Kognition) und der Motorik.
nerationsvorgänge zu erleichtern. Zum Beispiel wird
Die beiden wichtigsten Dopaminsysteme sind das
neuronales Gewebe am Läsionsort platziert, um als
mesolimbische und das nigrostriatale System. Im me-
Überbrückung für neu wachsende Fasern zu dienen.
solimbischen System hat Dopamin eine positive Ver-
Wie die Veränderungen auf neuronaler Ebene ausse-
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stärkerfunktion, die zum Beispiel bei Lernvorgängen


hen, ist dabei noch reine Spekulation. Der Mechanis-
eine Rolle spielt (S. 65). Die D1-Rezeptoren scheinen
mus des „Sprouting“ – das Aussprossen von Axonkol-
bei der Symptomatik von Schizophrenen eine Rolle
lateralen, die das degenerierte Axon ersetzen – ist da-
zu spielen. Speziell die sogenannten positiven Symp-
gegen eindeutig belegt.
tome (positiv im Sinne eines verstärkten oder über-
Weitere mögliche Mechanismen sind eine einset-
zeichneten Auftretens) wie Halluzinationen, Wahn
zende Denervierungsüberempfindlichkeit durch
oder Denkstörungen werden auf eine Überaktivität
eine Zunahme von Rezeptoren an geschädigten Ner-
oder erhöhte Anzahl der Dopaminrezeptoren in den
ven und Muskeln. Dadurch wird die Reaktion auf die
mesolimbischen Verbindungen zurückgeführt. Die
Stimulation der verbliebenen Afferenzen verstärkt.
Negativ-Symptomatik der Schizophrenie (Apathie,
Spracharmut, Lustlosigkeit) scheint dagegen mit
3.1.6 Die Neurotransmitter und das Verhalten
einer reduzierten Aktivität der Dopamin-Neurone
Bereits im 19. Jahrhundert vermutete man, dass psy-
im präfrontalen Kortex in Verbindung zu stehen. Ein
chische Störungen wie Schizophrenie und manische
Dopaminmangel im nigrostriatalen extrapyramidalen
Depression mit einer Fehlfunktion des Gehirns zu-
System steht mit den Symptomen der Parkinson-
sammenhängen. Die ersten Erkenntnisse zur Rolle
Krankheit in Beziehung (z. B. Ruhetremor, Akinese,
von Neurotransmittern bei psychischen Störungen
d. h. Bewegungsarmut und Rigor, d. h. erhöhter Mus-
gehen auf eher zufällige Medikationsversuche bei
keltonus mit Steifheit der Muskeln).
schizophrenen Patienten zurück, denen man in den
fünfziger Jahren das Neuroleptikum Chlorpromazin
testweise verabreichte: Die therapeutische Wirkung
58 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

Das serotonerge System Die Anwendung der Lerntheorien findet Ausdruck


Serotonin hat größtenteils eine dämpfende Funktion in Verhaltensanalyse und Verhaltensmodifikation.
im ZNS. Es spielt eine Rolle bei der passiven Vermei-
dung und bei der Steuerung des Schlaf-Wach-Rhyth- 3.2.2 Das klassische Konditionieren
mus (schlafanstoßende Wirkung). Zudem hat Seroto- Auf das Prinzip des klassischen Konditionierens ist
nin Einfluss auf den zerebralen Blutfluss, da es als Va- man eher zufällig gestoßen. Der russische Physiologe
3
sodilator die Blutgefäße erweitert. Iwan Petrowitsch Pawlow (1849–1936) beabsichtigte
Aufgrund der Entwicklung von neuen Antidepressiva ursprünglich Aussagen über das Verdauungssystem
wie Fluoxetin, das spezifisch auf Serotonin wirkt von Hunden zu gewinnen. In diesem Zusammenhang
(selektiver Serotonin-Wiederaufnahmehemmer), ist maß er die Speichelsekretion bei der Gabe von Futter.
man zur Schlussfolgerung gekommen, dass eine ab- Hierbei beobachtete er, dass die Hunde nach einiger
norme Serotoninaktivität im Zusammenhang mit Zeit auch auf einen ursprünglich neutralen Reiz (Sti-
Depressionen steht. Zudem zeigen sich bei EEG-Ab- mulus), wie das Näherkommen des Versuchsleiters,
leitungen Depressiver Anomalien im Schlaf-Wach- mit Speichelfluss reagierten, und zwar noch bevor
Rhythmus, die wiederum als Hinweis auf eine ge- Pawlow sie mit Fleischpulver fütterte. Die enge zeitli-
störte Serotonin-Regulation gelten. che Verknüpfung (Assoziation) zweier Ereignisse (An-
blick des Versuchsleiters und Futter) führte dazu, dass
Check-up die Hunde auf beide Ereignisse die gleiche Reaktion
✔ Wiederholen Sie noch einmal die Zuordnung (Speichelsekretion) zeigten.
von psychischen Funktionen zu bestimmten Pawlow setzte bei weiteren Experimenten eine Glo-
Hirnstrukturen, indem Sie sich überlegen, cke anstatt des Anblick des Versuchsleiters als Signal-
welche Fähigkeiten Sie bei einem Patienten reiz ein. Jedes Mal, wenn die Hunde etwas zu Fressen
mit einer Hirnschädigung testen könnten, um bekamen, wurde kurz vorher die Glocke geläutet.
zu wissen, welche Hirnareale betroffen sind. Nach mehreren Durchgängen stellte Pawlow fest,
✔ Bei welchen Aktivitäten „arbeitet“ vorwie- dass die Hunde bereits allein bei dem Glockenton
gend die linke bzw. rechte Gehirnhälfte? mit Speichelfluss reagierten.
✔ Was bedeutet neuronale Plastizität? Da das Verhalten, das gezeigt wird, in diesem Fall die
Speichelproduktion, immer eine Reaktion („res-
3.2 Das Lernen ponse“) auf einen Reiz ist, nennt man es auch respon-
dentes Verhalten und das klassische Konditionieren
Lerncoach dementsprechend auch respondentes Modell.
Im folgenden Kapitel werden Ihnen verschie-
dene Lernmodelle vorgestellt. Die Lern- Lerntipp
modelle sind wichtige Grundlagen, auf denen Prägen Sie sich im Folgenden besonders das
auch manche Psychotherapien aufbauen. In Grundprinzip der klassischen Konditionierung
der Physiologie werden Ihnen ebenfalls einige und die Begriffe Stimulus, Reaktion, kondi-
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dieser Modelle begegnen. Da sie auch sehr tioniert und unkonditioniert gut ein. Diese
beliebte Prüfungsthemen sind, empfiehlt werden regelmäßig geprüft.
es sich, dieses Kapitell sorgfältig durchzu-
arbeiten. Modell und Grundbegriffe des klassischen
Konditionierens
3.2.1 Der Überblick Hier soll als Beispiel ein Versuch dienen, der auch gut
Während das vorangegangene Kapitel das angebo- am Menschen durchzuführen ist, die sogenannte Lid-
rene menschliche Verhalten behandelte, geht es nun schlagkonditionierung. Ein Luftstrom auf das Auge
um Verhaltensweisen, die im Laufe der individuellen löst einen Reflex aus, nämlich Zwinkern. Klassisches
Lebensgeschichte durch Erfahrungen erworben wer- Konditionieren führt dazu, dass dieselbe Reaktion,
den. Man unterscheidet folgende Lernformen: das Augenzwinkern, durch einen Reiz wie z. B. einen
Klassisches Konditionieren Ton (dieser löst angeborenerweise keinen Lidschluss
Operantes Konditionieren aus), hervorgerufen werden kann.
Lernen am Modell Der Ablauf bei der klassische Konditionierung besteht
Lernen durch Eigensteuerung aus drei experimentellen Schritten.
Lernen durch Einsicht
Habituation und Sensitivierung (nicht-assoziatives
Lernen)
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 59

1. Vor der Konditionierung: neutralen und unkonditionierten Stimulus eine


Der unkonditionierte Stimulus (UCS) „Luftstrom auf Rolle (z. B. Lidschlagreaktion: Millisekunden, Spei-
das Auge" löst die unkonditionierte Reaktion (UCR) chelfluss: mehrere Sekunden). Damit die beiden
„Lidschlussreflex" aus. Die klassische Konditionie- Reize miteinander assoziiert werden können, müssen
rung ist immer an solch einen angeborenen Reflex sie also in räumlich-zeitlicher Nähe dargeboten wer-
gebunden. den. Diese wird als Kontiguität bezeichnet.
3
Ein neutraler Stimulus (NS), wie etwa ein heller Ton,
führt nicht zu diesem Effekt, sondern löst zunächst le- 3. Testphase: nach erfolgreicher Konditionierung
diglich eine Orientierungsreaktion (wie z. B. die Hin- Wenn der neutrale Reiz und der unkonditionierte
wendung zu dem Ton durch Drehen des Kopfes) aus Reiz erfolgreich im Gehirn gekoppelt wurden, erhält
(Abb. 3.3). der neutrale Stimulus, der helle Ton, Signalcharakter
und kann dann alleine die Reaktion, das Zwinkern,
auslösen (Abb. 3.5). Wenn der helle Ton allein das
Luftstrom Lidschluss Zwinkern auslösen kann, wird er als konditionierter
UCS UCR Stimulus (CS) bezeichnet und das Zwinkern entspre-
chend als die konditionierte Reaktion (CR).

heller Ton kein Effekt heller Ton Lidschluss


(oder Orien-
NS tierungsreaktion) CS CR

Abb. 3.3 Die beiden Stimuli vor der Konditionierung. Abb. 3.5 Nach erfolgreicher Konditionierung.

Merke: Der Luftstrom heißt deshalb unkonditionier- Wann die Reaktion, hier der Lidschluss, als konditio-
ter Reiz, da er ohne Konditionierung, d. h. angebore- nierte oder unkonditionierte Reaktion bezeichnet
nerweise, zu einer Reaktion führt. wird, hängt also davon ab, durch welchen Reiz die
Reaktion ausgelöst wurde.
2. Lernphase: Konditionierung Tab. 3.3 fasst die wichtigsten Begriffe zur klassischen
Der neutrale Stimulus wird zusammen mit dem un- Konditionierung nochmals zusammen. Die in Klam-
konditionierten Stimulus dargeboten, in diesem mern aufgeführten gängigen Abkürzungen der Be-
Falle der helle Ton zeitlich kurz gefolgt von dem Luft- griffe ergeben sich aus deren englischen Übersetzung.
strom (Abb. 3.4). Wenn der neutrale Reiz, der helle Ton,
mehrmals den unkonditionierten Stimulus ankün- MERKE
digt, erhält er Signalwirkung für den Organismus Anstatt (un)konditioniert kann im Deutschen auch die
und wird zum konditionierten Stimulus. Aus diesem Bezeichnung (un)bedingt verwendet werden!
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Grund wird das klassische Konditionieren auch als


Signallernen bezeichnet.

Luftstrom Tabelle 3.3

UCS
Lidschluss
Wichtige Begriffe aus der klassischen Konditionierung
UCR Begriff Erklärungen
heller Ton
NS Neutraler Stimulus ein Reiz, der zu keiner Reaktion bzw.
(NS) zu einer irrelevanten Reaktion führt.
Unkonditionierter ein Reiz, der angeborenerweise –
Abb. 3.4 Lernphase (Konditionierung). Stimulus (UCS) also ohne vorangegangenes Lernen
– zu einer Reaktion führt
Unkonditionierte die Reaktion, die auf den unkondi-
Die deutlichsten Lerneffekte werden erzielt, wenn der Reaktion (UCR) tionierten Stimulus folgt
neutrale Stimulus zeitlich kurz vor dem unkondition- Konditionierter ein Reiz, der aufgrund einer mehr-
ierten Stimulus dargeboten wird. Der helle Ton erhält Stimulus (CS) maligen Kopplung mit einem un-
dadurch Signalwirkung: er kündigt dem Organismus konditionierten Stimulus irgend-
wann die gleiche Reaktion auslöst
an, dass gleich der Luftstrom kommt. Neben der Rei- wie der unkonditionierte Stimulus
henfolge der Reize spielt auch das Interstimulusin-
Konditionierte die Reaktion, die auf den kondi-
tervall, also der Zeitraum zwischen Einsetzen des Reaktion (CR) tionierten Stimulus folgt
60 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

Was ist also klassisches Konditionieren? verabreichten den Ratten, einige Minuten nachdem
„Klassische Konditionierung ist eine grundlegende diese die saccharinhaltige Flüssigkeit getrunken hat-
Lernform, bei der ein Reiz oder ein Ereignis das Auf- ten, mehrmals Zyklophosphamid. Als erneut die
treten eines anderen Reizes oder Ereignisses vorher- Schaf-Erythrozyten (CS) injiziert wurden, zeigte sich,
sagt. Der Organismus lernt eine neue Assoziation zwi- dass auch die Gabe von Saccharin die Immunreaktion
schen zwei Reizen – einem Reiz, der zuvor die Reak- auf diese Fremdkörper schwächte (CR) – im Vergleich
3 zu Kontrolltieren, bei denen das Medikament und die
tion nicht auslöste, und einem anderen, der nach
den Gesetzten der Natur die Reaktion auslöst.“ (Zim- Saccharinlösung nicht gekoppelt worden waren.
bardo, 1999) Die Hemmung der Immunkompetenz kann auch im
positiven Sinne in der Transplantationsmedizin genutzt
Klassische Konditionierung ist ein Phänomen, das
werden. So können mit Hilfe der klassischen Konditio-
auch im klinischen Kontext auftreten kann.
nierung Abstoßungsreaktionen gegenüber körper-
fremden Geweben reduziert werden.
Lerntipp
Auch allergische Reaktionen sind konditionierbar. Ur-
Um Ihr Wissen über das Prinzip des klassi-
sprünglich harmlose Reize wie das Photo eines blü-
schen Konditionierens zu verfestigen, könnten henden Nussbaums können allergische Reaktionen
Sie die folgenden klinischen Beispiele nach (z. B. Niesen) auslösen.
dem oben dargestellten 3-Schritte-Schema für
sich selbst kurz skizzieren.
1. Um welche beiden Reize geht es? Was ist Die Konditionierung von Furcht
der UCS, was der NS? Ein Beispiel für einen klassischen Konditionierungs-
2. Wie wird der NS zum konditionierten vorgang ist das Erlernen von Furcht. Furcht ist an
Stimulus? und für sich eine natürliche und nützliche Reaktion
3. Was geschieht nach erfolgreicher Kondi- auf bedrohliche Reize. Sie verliert aber ihre Funktio-
tionierung? Welcher Stimulus löst nach der nalität und verursacht Leidensdruck, wenn sie an un-
Konditionierung die Reaktion aus? gefährliche Stimuli geknüpft wird. Das wohl bekann-
teste Beispiel ist die Konditionierung des Kleinkindes
Klinischer Bezug Albert („Little Albert“). Watson & Raynor (1920) be-
Antizipatorische Übelkeit: Bei Krebspatienten ließ obachteten in einer aus ethischen Gesichtspunkten
sich als Ergebnis einer Konditionierung „antizipatori- fragwürdigen Untersuchung, dass Albert gerne mit
sche Übelkeit“ beobachten. Medikamente, die im Rah- einer weißen Ratte spielte, auf einen lauten Gong-
men einer Chemotherapie das Zellwachstum verhin- schlag jedoch mit starker Furcht reagierte (Weinen,
dern sollen (Zytostatika), führen zu den unerwünsch- Davonkrabbeln).
ten Nebenwirkungen Übelkeit und Erbrechen. In den Die Versuchsleiter ließen jedesmal, wenn Albert mit
Termini des Lernens werden die Medikamente als dem Tier (NS) zu spielen begann, einen lauten Gong
UCS bezeichnet, die Übelkeit als UCR. Durch mehrma- (UCS) ertönen, worauf das Kind mit Furcht (UCR) rea-
lige zeitliche Assoziation der Medikamentengabe mit gierte. Schon nach wenigen Durchgängen reichte al-
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ursprünglich neutralen Reize (NS), wie z. B. dem Kran- lein der Anblick der Ratte (jetzt CS) aus, um die emo-
kenhausgeruch beim Betreten der Klinik oder dem An- tionale Notlage (jetzt CR) auszulösen. Albert fürchtete
blick des Klinikgebäudes, werden diese ursprünglich
sich zudem nicht nur vor der weißen Ratte, sondern
neutralen Stimuli zu konditionierten Stimuli (CS) und
auch vor ähnlichen Stimuli, wie einem Kaninchen
lösen die konditionierte Reaktion (CR) aus: Allein der
oder anderen pelzigen Objekten, es fand also eine
Krankenhausgeruch oder das Betreten des Klinikgelän-
Reizgeneralisation (s. u.) statt.
des genügt (CS), um beim Patienten Übelkeit zu verur-
Konditionierte Furcht erweist sich als sehr löschungs-
sachen (CR).
Konditionierung von Immunfunktionen: Aus der Psy- resistent, vor allem bei intensiver UCR. So zeigen
choneuroimmunologie ist bekannt, dass sich auch das Kriegsveteranen noch Jahre nach ihren Kriegserleb-
Immunsystem klassisch konditionieren lässt - dies gilt nissen starke emotionale Reaktionen auf Stimuli wie
sowohl für eine Abschwächung als auch für eine Steige- Gefechtslärm oder Alarmglocken, die einst drohende
rung der Immunreaktion. Ein Beispiel für eine gelernte Lebensgefahr ankündigten.
Immunschwäche: Forscher spritzten Ratten als Fremd-
körper Schaf-Erythrozyten und ermittelten anschlie- Prepardness
ßend zur Bestimmung der Immunantwort die Menge Nach der Veröffentlichung der geschilderten Studie
an produzierten Antikörpern. Wurde das Medikament mit „little Albert“ wiederholten andere Forscher ex-
Zyklophosphamid (UCS) verabreicht, kam es zu einer perimentell eine Furchtkonditionierung an neutrale
Reduktion der Immunantwort (UCR). Das immunsu- Reize (z. B. an einen Hasen), konnten die Befunde
pressive Medikament wurde daraufhin mit einer sac- von Watson und Raynor jedoch nicht bestätigen. Das
charinhaltigen Lösung (NS) gekoppelt: Die Forscher Experiment funktionierte vermutlich nur, weil wir
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 61

Menschen eine Ratte bereits als Gefahrenreiz in unse- auch bei Tönen mit anderen Frequenzen gezeigt
rem biologischen System abgespeichert haben. wird. Wird die Zwinkerreaktion auch bei anderen
Die Objekte, vor denen wir Menschen Ängste entwi- Tönen gezeigt, hat eine Reizgeneralisierung stattge-
ckeln können, sind theoretisch beliebig. Wir entwi- funden (Reizgeneralisierungsgradient). Bei der Reiz-
ckeln jedoch leichter Ängste vor bestimmten Objekten generalisation gilt: Je ähnlicher der neue Reiz dem
(wie z. B. Ratten, Spinnen oder Schlangen sowie Dun- konditionierten Reiz ist, desto stärker fällt die Reak-
3
kelheit oder Gewitter) als vor (in der Regel) gefähr- tion aus (Abb. 3.6).
licheren Objekten wie einer Steckdose oder einem
Auto. Menschen wie auch Tiere bringen – bedingt MERKE
durch tausende Jahre Evolution – bereits eine gewisse Reizgeneralisation: Ausweitung (Generalisierung!)
angeborene Bereitschaft (Preparedness) für das Er- der konditionierten Reaktion auf neue Reize, die dem
lernen von Ängsten mit, die für Menschen und Tiere in gelernten Reiz ähnlich sind.
der Vorzeit von Bedeutung waren.

MERKE Reizdiskrimination
Führt man ein Diskriminationstraining durch, d. h. der
Preparedness (= Vorbereitetsein) bedeutet, dass im
Organismus lernt, dass nur der 500-Hz-Ton den Luft-
Laufe der Evolution angeborene Lerndispositionen
strom ankündigt, nicht jedoch Töne mit niedrigeren
ausgebildet wurden, die die Geschwindigkeit des
oder höheren Frequenzen, verändert sich der Reizge-
Lernprozesses beeinflussen.
neralisierungsgradient. Wenn der Organismus zwi-
schen ähnlichen Reizen unterscheiden (diskriminie-
Extinktion (Löschung) ren) kann und nur auf den Trainingsreiz hin die kondi-
Ein konditionierter Reiz verliert seine (Signal-)wir- tionierte Reaktion, den Lidschluss, zeigt, spricht man
kung, wenn er wiederholt ohne den unkonditionier- von Reizdiskrimination oder Reizdiskriminationsler-
ten Stimulus dargeboten wird. Bei der Lidschlagkon- nen (Abb. 3.6).
ditionierung wird also der helle Ton sehr viele Male
hintereinander ohne den Luftstrom dargeboten. Wir MERKE
lernen, dass auf den Ton kein Luftstrom mehr folgt Reizdiskrimination: Der Organismus kann ähnliche
(dieses Lernen erfolgt jedoch implizit bzw. unbe- Reize unterscheiden (daher Diskrimination) und zeigt
wusst). Die Assoziation zwischen den beiden Reizen nur auf den exakten Reiz hin die konditionierte
wird wieder aufgehoben. Die Reaktion auf den kondi- Reaktion.
tionierten Reiz lässt mehr und mehr nach, bis sie
schließlich ganz unterbleibt. Dieses Phänomen wird
Konditionierung höherer Ordnung
als Löschung oder Extinktion bezeichnet.
Von Konditionierung höherer Ordnung spricht man,
wenn zum Auslösen einer konditionierten Reaktion
Reizgeneralisation
mehrere konditionierte Reize aneinandergereiht wer-
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Erfolgt die Lidschlag-Konditionierung z. B. mit einem


den.
500-Hz-Ton, kann man in einer anschließenden Test-
phase überprüfen, ob die Reaktion, der Lidschluss,

Stärke bzw.
Häufigkeit
der
Reaktion
vor
nach Diskrimi- Diskriminationstraining:
nationstraining Reizgeneralisierungs-
gradient

100 200 300 400 500 600 700 800 900 Frequenz

Abb. 3.6 Reizgeneralisierung und


Trainingsfrequenz Reizdiskrimination.
62 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

Am Beispiel des Pawlowschen Hundes wäre Spei- auf: Menschen und auch Tiere lernen aus den (Er-)
chelfluss als Reaktion auf den Glockenton eine Folgen ihres Verhaltens (Tab. 3.4).
Konditionierung erster Ordnung.
Wird nun der Ton mit einem weiteren Stimulus Die Skinnerbox
zum Beispiel mit einem Lichtreiz – durch gemein- Mit dem operanten Konditionieren ist der Name des
same Darbietung – gekoppelt/assoziiert, so fun- US-amerikanischen Psychologen Skinner unweiger-
3
giert dieser Reiz als Signal für den Ton. lich verknüpft. Die häufig zitierte „Skinnerbox“ ist
Wenn der Lichtreiz die Reaktion des Speichelflus- eine Apparatur für Tierexperimente, bei der durch
ses auslösen kann (ohne jemals mit dem Futter, die Betätigung eines Hebels eine Futterpille in den
dem unkonditionierten Reiz gekoppelt worden Käfig fällt. Drückt nun ein Versuchstier, meistens
zu sein!), hat eine Konditionierung zweiter Ord- eine Ratte, zufällig den Hebel hinunter, wird es für
nung stattgefunden. dieses Verhalten mit einer Futterpille belohnt. Das He-
Grob skizziert sieht der beschriebene Ablauf folgen- beldrücken der Ratte wird verstärkt und die Wahr-
dermaßen aus: scheinlichkeit seines Auftretens erhöht.
CS Glockenton → CR Speichelfluss
CS Glockenton + NS Lichtreiz Verstärkung
CS Lichtreiz → CR Speichelfluss (aus dem NS ist ein CS Man unterscheidet zwischen positiver und negativer
geworden!) Verstärkung:
Positive Verstärkung meint ein „Hinzugeben“ von
MERKE angenehmen Konsequenzen (positiv, weil etwas da-
Einfache Konditionierung ist an angeborene Reize zukommt!). Beispiele für positive Verstärker sind Fut-
gebunden. Bei einer Konditionierung höherer terpillen beim Tier oder Lob und Zuwendung für er-
Ordnung wird hingegen ein gelernter Reiz mit wünschtes Verhalten beim Menschen.
einem weiteren neutralen Reiz gekoppelt. Auch Aktivitäten können positive Verstärker sein. Ein
Kind könnte dafür, dass es sein Zimmer aufräumt, mit
der Erlaubnis, Fahrradfahren zu dürfen, belohnt wer-
3.2.3 Das operante Konditionieren
den. Psychologisch korrekt formuliert, kann eine Ver-
Während der Lernprozess beim klassischen Konditio-
haltensweise mit einer hohen Auftretenswahrschein-
nieren durch eine Assoziation zwischen zwei Reizen
lichkeit (Fahrradfahren) eine Verhaltensweise mit
stattfindet, besteht er beim operanten Konditionieren
einer geringen Auftretenswahrscheinlichkeit (Zim-
in einer Kopplung von Reaktionen und ihren Konse-
mer aufräumen) verstärken. Dieses Prinzip heißt
quenzen. Das Verhalten ist nicht die Folge eines vo-
nach seinem Entdecker David Premack das „Pre-
rangehenden Reizes, sondern tritt ursprünglich zufäl-
mack-Prinzip“.
lig auf (emittiertes Verhalten), z. B. ein Hund hebt
seine Pfote. Erfolgt auf dieses Verhalten jedoch eine MERKE
bestimmte Konsequenz (z. B. Hundeleckerli), wird da-
Premack-Prinzip vereinfacht: Eine beliebte Aktivität
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

durch das zukünftige Verhalten beeinflusst (operan-


wird als Verstärker für eine unbeliebte Aktivität ge-
tes Verhalten).
nutzt.
Operantes Konditionieren wird auch als Lernen am
Erfolg oder Belohnungslernen bezeichnet.
Negative Verstärkung meint ein „Entfernen“ von un-
Das Gesetz der Wirkung angenehmen Reizen (negativ, weil etwas weggenom-
Thorndikes „Gesetz der Wirkung“ (1913) besagt, dass men wird!).
Reaktionen, die zu befriedigenden Konsequenzen Wehrt sich ein Kind mit Händen und Füßen gegen
führen, verstärkt und so mit größerer Wahrschein- eine zahnärztliche Behandlung und wird diese da-
lichkeit wiederholt werden. Reaktionen, die unbefrie- raufhin abgebrochen, wird das abwehrende Verhalten
digende Folgen haben, werden hingegen geschwächt des Kindes negativ verstärkt. Es ist wahrscheinlich,
und treten mit geringerer Wahrscheinlichkeit wieder dass das Kind auch in Zukunft die gleichen „erfolgrei-
chen“ Verhaltensweisen zeigt.

Tabelle 3.4

Lernen anhand von Konsequenzen am Beispiel eines Hundes


Verhalten/Reaktion → Konsequenz → Zukünftiges Verhalten
„Pfote geben“ Befriedigend, z. B. „Lob“ Wahrscheinlichkeit für das Verhalten „Pfote geben“ steigt ↑
„Sofa anknabbern“ Unbefriedigend, z. B. „Tadel“ Wahrscheinlichkeit für das Verhalten „Sofa anknabbern“ sinkt ↓
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 63

MERKE Tabelle 3.5

Eine Verstärkung erhöht die Auftretenswahrschein- Die Formen der Verstärkung und Bestrafung
lichkeit von Verhalten. (+ bedeutet Hinzufügen und – bedeutet Wegnehmen von
Konsequenzen).
Verstärkung Verhaltenswahrscheinlichkeit wird
Zur Verstärkung können primäre und sekundäre Ver- erhöht ↑ durch…
3
stärker eingesetzt werden: positive + angenehme Konsequenzen
Primäre Verstärker befriedigen elementare biolo- negative – unangenehme Konsequenzen
gische Bedürfnisse. Beispiele sind Nahrung, Schlaf
Bestrafung Verhaltenswahrscheinlichkeit wird
und Ruhe. gesenkt ↓ durch…
Sekundäre Verstärker sind gelernte Verstärker positive + unangenehme Konsequenzen
(auch: konditionierte Verstärker). Beispiele sind
negative – angenehme Konsequenzen
Geld und soziale Anerkennung.

Klinischer Bezug Tab. 3.5 fasst die genannten Formen der Bestrafung
Die medikamentöse Schmerzbehandlung – nega- und Verstärkung noch einmal zusammen.
tive Verstärkung: Ein Beispiel für negative Verstär-
kung ist das Nachlassen von Schmerzreizen durch die Lerntipp
Einnahme von Schmerzmedikamenten. Das Pillen- Die Bedeutung der Begriffe „positiv“ und
schlucken wird negativ verstärkt und seine Auftretens- „negativ“ wird häufig missverstanden. Sie
wahrscheinlichkeit erhöht. Um eine Medikamentenab- kennzeichnen keine Valenz. Prägen Sie sich
hängigkeit zum Beispiel bei Patienten mit chronischen gut ein, dass „positiv“ ein Hinzugeben und
Schmerzen zu verhindern, ist es wichtig, diese Assozia- „negativ“ ein Wegnehmen von Konsequenzen
tion zu vermeiden. Demnach wäre eine zeitkontin- bedeutet. Je nachdem, ob es sich z. B. um eine
gente (nach einem bestimmten Zeitintervall) Verabrei-
positive Verstärkung oder Bestrafung handelt,
chung von Medikamenten einer schmerzkontingenten
werden nach einem bestimmten Verhalten
Gabe (immer dann, wenn Schmerzen bereits aufgetre-
demnach angenehme bzw. unangenehme
ten sind) vorzuziehen.
Konsequenzen hinzugegeben.

Die Verstärkerpläne
Bestrafung Um Verhalten zu erlernen, muss eine Kontingenz, das
Die Bestrafung ist der Verstärkung entgegengesetzt. heißt eine konsistente Beziehung zwischen dem Ver-
Erhalten die Ratten in der Skinnerbox jedesmal, halten und seinen Konsequenzen bestehen.
wenn sie den Hebel drücken einen Schmerzreiz Perfekte (bzw. hohe) Kontingenz bedeutet, dass
durch ein unter Strom gesetztes Bodengitter, wird nach (fast) jedem gezeigten Verhalten die Konse-
das Hebeldrücken nach kurzer Zeit unterlassen. quenz folgt.
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Niedrige Kontingenz bedeutet, dass nach dem ge-


MERKE zeigten Verhalten nur manchmal die Konsequenz
Eine Bestrafung führt dazu, dass das Verhalten mit folgt.
geringerer Wahrscheinlichkeit wieder auftritt. Sogenannte Verstärkerpläne legen fest, wie regelmä-
ßig Verhalten verstärkt wird:
Bei kontinuierlicher Verstärkung wird jede Reak-
Man unterscheidet zwischen positiver und negativer
tion verstärkt. Dieser Lernvorgang ermöglicht
Bestrafung:
einen schnellen Aufbau von Verhalten. Beispiel:
Bei positiver Bestrafung wird ein unangenehmer
Ein Hund, der jedesmal ein Leckerchen erhält,
(aversiver) Reiz hinzugefügt (positiv, weil etwas
wenn er auf seinen Namen hört, wird sehr schnell
dazukommt!). Beispiele sind Schmerzreize oder
lernen zu gehorchen.
eine Moralpredigt bei unerwünschtem Verhalten.
Bei intermittierender Verstärkung (partielle Ver-
Bei negativer Bestrafung wird ein angenehmer
stärkung) wird nicht jedes gezeigte Verhalten ver-
Reiz entfernt (negativ, weil etwas weggenommen
stärkt. Man kann unterscheiden:
wird!): Kindern wird das Taschengeld gestrichen
• Quotenverstärkung: Konsequenz erfolgt ent-
oder das geliebte Fahrrad weggeschlossen. Frei-
weder nach fester (auch fixierter) oder variabler
heitsentzug durch eine Gefängnisstrafe ist eine an-
Quote (d. h. z. B. jedes 3. Mal oder durchschnitt-
erkannte gesellschaftliche Bestrafungsmaßnahme.
lich jedes 3. Mal bekommt der Hund ein Le-
Durch Bestrafung erworbenes Verhalten ist weniger
ckerli). Entscheidend bei der Quotenverstärkung
stabil als durch Verstärkung erlerntes.
ist die Häufigkeit des gezeigten Verhaltens.
64 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

• Intervallverstärkung: Konsequenz erfolgt ent- MERKE


weder nach festem oder variablen Zeitintervall
Operante Löschung/Extinktion: Ein bisher ver-
(d. h. z. B. immer das erste Verhalten nach 5 Mi-
stärktes Verhalten wird nicht mehr verstärkt.
nuten oder durchschnittlich nach 5 Minuten
wird verstärkt). Entscheidend bei der Intervall-
verstärkung ist also die Zeit, die verstreicht, bis Beachte: Löschung bedeutet beim operanten Kondi-
3
das Verhalten wieder verstärkt wird. tionieren also etwas anderes als beim klassischen
Je seltener und unregelmäßiger die Verstärkung er- Konditionieren (S. 61)!
folgt, desto schwerer wird dieses Verhalten wieder Zeigt Tom z. B. in der Schulklasse ein nicht tolerierba-
abgebaut/gelöscht. D. h. intermittierende Verstär- res Verhalten, wie z. B. aggressives Schubsen von Klas-
kung führt zu einem langfristigen Aufbau des Verhal- senkameraden in Konfliktsituationen, kann man die-
tens. ses Verhalten nicht ignorieren. Die Lehrerin würde
Tom in der konkreten Situation z. B. durch Tadel
MERKE oder eine Aufräumarbeit in der Klasse (positiv) be-
Besonders stabil (löschungsresistent) ist Verhalten, strafen. Bei der Bestrafung von unerwünschten Ver-
das durch variable intermittierende Verstärkung er- halten ist es wichtig zu beachten, dass diese konse-
lernt wurde. quent und zeitlich so direkt wie möglich nach Zeigen
des Verhaltens erfolgt.
Als sehr wirksam hat sich im pädagogischen Kontext
Klinischer Bezug
eine spezielle Form der negativen Bestrafung, das
Spielsucht: Das Prinzip der intermittierenden Ver- Time Out, erwiesen. Bricht Tom z. B. vereinbarte so-
stärkung erklärt die Entwicklung und Aufrechterhal-
ziale Regeln während eines Gruppenspiels, muss er
tung von Spielsucht. Die Auftretenswahrscheinlichkeit
für eine bestimmte festgelegte Zeit (z. B. 5 Minuten)
des Spielens erhöht sich, weil das Verhalten ab und zu
das Spiel unterbrechen und an einem neutralen Ort
durch einen Gewinn verstärkt wird.
(z. B. leeres Zimmer) warten. Dies entspricht einer ne-
gativen Bestrafung, da Tom etwas angenehmes, die
Langfristiger Lernerfolg Teilnahme am Gruppenspiel (wir gehen einmal
Eine Mutter möchte, dass ihr 7-jähriger Sohn Tom davon aus, dass Tom gerne teilnimmt), entzogen wird.
lernt, langfristig selbständig seine Zähne zu putzen.
Um dieses Thema hatte es schon häufig Auseinander- MERKE
setzungen gegeben. Aus lerntheoretischer Sicht Time Out: Wenn unerwünschtes Verhalten auftritt,
würde man der Mutter folgendes Verhalten empfeh- werden der Person für eine festgelegte Zeitspanne
len: alle angenehmen Konsequenzen entzogen.
Zu Beginn sollte die Mutter mit kontinuierlicher Ver-
stärkung beginnen, d. h. sie sollte das Zähneputzen
Beachte: Darüber hinaus ist es natürlich von Bedeu-
jedes Mal verstärken (z. B. durch Lob, Vorlesen aus
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

tung herauszufinden, warum Tom häufig solche prob-


dem Lieblingsbuch). Kontinuierliche Verstärkung
lematischen Verhaltensweisen zeigt (z. B. Exploration
führt dazu, dass ein Verhalten sehr schnell aufgebaut
der schulischen und familiären Situation). Außerdem
wird. Wenn Tom das gewünschte Verhalten zeigt,
sollte Tom, anstatt lediglich für schlechtes Verhalten
sollte sie zu einer (variablen) intermittierenden Ver-
bestraft zu werden, vor allem alternative Verhaltens-
stärkung übergehen, d. h. Tom wird nur noch ab und
weisen erlernen und für deren Ausführung gelobt
zu belohnt (z. B. durchschnittlich 2mal in der Woche).
werden.
Wenn Tom eines Abends wieder in sein altes Verhal-
ten zurückfällt und beginnt, den Spiegel mit der Zahn- MERKE
pasta anzumalen, sollte dieses unerwünschte Verhal-
Langfristiger Lernerfolg
ten am besten konsequent ignoriert werden. Tom
Erwünschtes Verhalten zuerst kontinuierlich,
hatte gelernt, dass er dadurch normalerweise schnell
dann intermittierend verstärken.
die Aufmerksamkeit seiner Mutter gewinnen konnte:
Unerwünschtes Verhalten ohne problematische
Auch wenn Eltern tadeln, fungiert die elterliche Auf-
Folgen konsequent ignorieren.
merksamkeit tatsächlich häufig als Belohnung – und
Unerwünschtes, nicht tolerierbares Verhalten
damit als positive Verstärkung. Ignoriert die Mutter
konsequent und möglichst direkt bestrafen.
jedoch Toms unerwünschtes Verhalten, wird dieses
nicht mehr weiter verstärkt. Das Verhalten wird abge-
baut und bleibt irgendwann ganz aus (Löschung).
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 65

Die Reizgeneralisation und die Reizdiskrimination raten in den Bereichen des Septums und lateralen Hy-
Das Prinzip der Reizgeneralisation und Reizdiskrimi- pothalamus (in der Region des medialen Vorderhirn-
nation, das Sie bereits beim klassischen Konditionie- bündels) waren besonders hoch: Die Ratten verab-
ren kennengelernt haben, gibt es auch beim operan- reichten sich hier selbst einige tausend Reize pro
ten Konditionieren und bezeichnet inhaltlich den Stunde.
gleichen Effekt. Von den dopaminergen Faserzügen, an denen die in-
3
Reizgeneralisation bedeutet, dass das gelernte trakranielle Selbststimulation ein besonders hohes
Verhaltens auch in anderen Situationen gezeigt Belohnungsgefühl auslöst, scheint vor allem das me-
wird. Generalisierung = Ausweitung! solimbische dopaminerge System von Bedeutung.
Reizdiskrimination bedeutet, dass der Organis- Diese Dopaminbahn entspringt in der Region des
mus gelernt hat, dass sein Verhalten nur bei spezi- ventralen Tegmentums (Mittelhirn) und zieht zum
ellen Gegebenheiten (= diskriminative Hinweis- Nucleus accumbens (Zwischenhirn). Das System ist
reize) einen Effekt hat. auch für die belohnenden Eigenschaften von natürli-
chen Reizen wie Futter oder Wasser entscheidend.
Lerntipp Beim Menschen ließ sich nachweisen, dass der Nuc-
Sie sollten das Prinzip der Reizgeneralisation leus accumbens als Teil des mesolimbischen Dopa-
und -diskrimination verstanden haben. Sie minsystems an der belohnenden Wirkung von Dro-
müssen jedoch nicht unterscheiden können, gen beteiligt ist.
ob es sich z. B. um eine Reizgeneralisierung
einer operant oder klassisch konditionierten MERKE
Reaktion handelt. Im Gehirn lassen sich neurobiologische Substrate für
die Verstärkung von Verhalten finden. Besonders das
Shaping dopaminerge System spielt bei der körpereigenen
Als Shaping (engl. = Formung) bezeichnet man das Verstärkung eine wichtige Rolle.
stufenweise Erlernen von komplexen Verhaltens-
weisen durch die Belohnung von Teilsequenzen:
3.2.4 Das Lernen am Modell
Skinner ist es gelungen, Tauben das Ping-Pong-Spie-
Das Lernen am Modell wird auch als Beobachtungs-
len beizubringen, indem er stufenweise die Annähe-
lernen, Modell-Lernen oder Nachahmungslernen be-
rung an die erwünschte Verhaltensweise belohnte.
zeichnet. Durch die Beobachtung des Verhaltens an-
So verstärkte er das Verhalten der Tauben zunächst,
derer und dessen Konsequenzen werden komplexe
wenn sie in Richtung des Schlägers pickten, dann,
Verhaltensweisen imitiert und so erlernt. Eine direkte
wenn sie ihn mit dem Schnabel aufnahmen, wenn
Verstärkung oder Bestrafung des eigenen Verhaltens
sie mit ihm eine bestimmte Bewegung ausführten,
ist nicht nötig. Es genügt, wenn stellvertretend das
usw., bis sie schließlich den Ball trafen.
Modell Konsequenzen erfährt (stellvertretende Ver-
stärkung bzw. Bestrafung).
Prompting
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Durch Beobachtungslernen können komplexe pro-


Unter Prompting versteht man zusätzliche Hilfestel-
und antisoziale Verhaltensmuster erklärt werden,
lungen durch das Anstoßen von Verhaltensweisen
deren Erwerb durch operantes Konditionieren sehr
von außen. Schafft es beispielsweise ein Klient auf-
umständlich und zeitaufwendig wäre.
grund pathologischer Angst vor Verseuchung nicht,
Albert Bandura untersuchte in Experimenten den Er-
eine Türklinke anzufassen, kann ihm die Hand geführt
werb aggressiven Verhaltens. Kinder, die Erwachsene
werden. Das Verhalten wird durch den Therapeuten
beim Malträtieren einer Plastikpuppe beobachteten,
zusätzlich unterstützt.
ahmten während des Experiments häufiger ähnliche
aggressive Verhaltensweisen nach als eine Kontroll-
Die neurobiologischen Grundlagen der
gruppe, denen man kein aggressives Modell vorgab
Verstärkung
(Bandura et al., 1963).
Olds & Milner fanden 1953 neuronale Substrate für
Nicht nur komplexe motorische Verhaltensweisen,
Belohnung im medialen Vorderhirnbündel des Rat-
sondern auch Einstellungen, Normen und sogar Emo-
tenhirns. Das mediale Vorderhirnbündel ist die
tionen werden über Modelle erlernt. Kinder können
große aufsteigende Dopaminbahn des Säugerhirns.
sich zum Beispiel die Angst vor Spinnen von einem
Die Versuchstiere konnten sich selbst durch einen He-
verängstigten Elternteil abgucken. Modelle aus der
beldruck kurze Stromstöße in bestimmte Hirnregio-
Familie, Freunde oder auch Fernsehstars beeinflussen
nen verabreichen. Ziel solcher Untersuchungen zur
das eigene Verhalten (Abb. 3.7). Dies geschieht mit grö-
intrakraniellen Selbstreizung war die Identifikation
ßerer Wahrscheinlichkeit, wenn das Modell beliebt ist
von Gehirnregionen, deren Stimulation besonders be-
und für sein Verhalten verstärkt wird.
lohnenden Charakter hatte. Die Selbststimulierungs-
66 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

3.2.6 Das Lernen durch Einsicht


Beim Lernen durch Einsicht ist von außen nicht zu
sehen, dass der Lernende eine Erfahrung macht. Der
Lernende probiert nicht aus (Versuch und Irrtum),
welches Verhalten zu einer Lösung eines gegeben
Problems führt, sondern es kommt durch reines Über-
3
legen zu einer Verhaltensveränderung. Ein zu lösen-
des Problem könnte z. B. eine Mathematikaufgabe
sein, die einen neuen Lösungsweg erfordert, oder
der Weg von A nach B mit dem U-Bahn-Netz einer un-
bekannten Großstadt oder das Erkennen der Bedeu-
tung eines unbekannten Gegenstandes. Lernen
durch Einsicht ist eine kognitive Lernform: Wir fin-
den eine neue Lösung, indem wir einen Sachverhalt
verstehen, Ursache-Wirkungszusammenhänge er-
kennen oder die Bedeutung einer Situation erfassen.
Charakteristisch für das Lernen durch Einsicht ist,
dass die Lösung wie durch einen Geistesblitz plötzlich
Abb. 3.7 Die Wirkung des Modell-Lernens wird vor allem gefunden wird („Aha-Erlebnis“) und das zum Ziel füh-
im Zusammenhang mit der Darstellung von aggressivem rende Verhalten flüssig hintereinander durchgeführt
Verhalten in den Medien diskutiert. wird.

3.2.7 Der Lerntransfer


Beim Modell-Lernen sind kognitive Variablen von Wenn wir das von uns gelernte Verhalten oder Prob-
Bedeutung: Die Aufmerksamkeit muss auf Merkmale lemlösungen auf andere Situationen übertragen, be-
des Modells gerichtet werden, das Beobachtete muss zeichnet man dies auch als Lerntransfer.
eingeprägt und zur richtigen Zeit erinnert werden. Er- Der Lerntransfer kann je nach Beschaffenheit der
wartungen werden gebildet. Hinzu kommt, dass der neuen Situation nützlich oder nutzlos sein oder
Mensch motiviert sein muss, das Verhalten zu zeigen sogar einer angemesseneren Problemlösung im
und die Fähigkeit besitzt, es auch auszuführen. Wege stehen.
Bandura (1977) geht mit seiner sozialen Lerntheorie Bei einem positiven Lerntransfer wird ein bereits
weit über die rein behavioristische Sichtweise hinaus, gelernter Sachverhalt auf ein anderes Problem er-
die besagt, dass Verhalten allein durch Umweltreize folgreich angewandt.
determiniert ist: Faktoren der Person, ihr Verhalten Bei einem negativem Lerntransfer eignet sich der
und Umwelteinflüsse wirken zusammen und beein- gelernte Sachverhalt nicht als Problemlösung für
flussen sich gegenseitig. Nach Bandura besitzt der die Situation, auf die er übertragen wird.
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Mensch die Kontrolle über sein Verhalten und kann Beispiel: Fährt man jahrelang ein Fahrrad mit Rück-
es selbst steuern. trittbremse und wechselt dann auf ein anderes, wird
das gelernte Verhalten (Bremsen durch Rücktritt)
3.2.5 Das Lernen durch Eigensteuerung zum Erfolg führen, vorausgesetzt, es handelt sich
Wir Menschen sind nach Bandura nicht nur von der ebenfalls um ein Fahrrad mit Rücktrittbremse. Besitzt
äußeren Umwelt beeinflusst, wir können unser Ver- das neue Rad nur Felgenbremsen, ist das „Rücktreten“
halten auch selbständig steuern, indem wir äußere jedoch nutzlos. Die Anwendung des einmal Gelernten
Belohnung und Bestrafung durch Selbstverstärkung bleibt nicht nur erfolglos, sondern verhindert zudem,
und -bestrafung ersetzen. Wir setzen uns selbstän- dass eine adäquatere Problemlösung gezeigt wird.
dige Ziele wie z. B. die gute Vorbereitung einer wichti- Wäre die Information, dass der Rücktritt zum Anhal-
gen Prüfung und belohnen uns am Ende eines erfolg- ten führt, gar nicht vorhanden, würde man vielleicht
reichen Tages mit dem gemütlichen Zusammensein auf die Idee kommen, die Felgenbremse zu ziehen, an-
mit Freunden und empfinden Stolz und Zufrieden- statt mehrmals ins Leere zu treten.
heit. Ob wir uns belohnen, hängt dabei davon ab, wel-
che Erwartungen wir an uns haben, welche Ziele wir 3.2.8 Die Habituation, die Dishabituation und
uns stecken und wie wir eine bestimmte Leistung be- die Sensitivierung
werten, d. h. beim Lernen durch Eigensteuerung spie- Definiert man Lernen ganz allgemein als eine Verhal-
len kognitive Prozesse eine wesentliche Rolle. tensänderung, die aufgrund von Erfahrungen des Or-
ganismus zustandekommt, müssen konsequenter-
weise auch elementare Verhaltensänderungen wie
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 67

Habituation und Sensitivierung als Lernen bezeichnet anschließend selbst leichte taktile Reize am Siphon
werden. zu extremen Reaktionen.

Die Habituation MERKE


Eine Habituation führt zu einem Abschwächen der
MERKE Reaktion, eine Sensibilisierung zu einer Verstär- 3
Habituation ist ein Nachlassen der Reaktionsinten- kung.
sität bei wiederholter Darbietung eines Reizes.

Nicht assoziative Lernformen


Habituation findet sich bereits bei wenig entwickel- Im Gegensatz zum klassischen und operanten Kondi-
ten Lebewesen, z. B. bei der großen Meeresschnecke tionieren, bei denen Lernvorgänge auf zeitlichen As-
Aplysia. Wird das Saugrohr (Siphon) der Schnecke, soziationen von Reizen bzw. von Reaktionen und Kon-
mit dem sie Meerwasser auszustoßen pflegt, berührt, sequenzen beruhen (assoziatives Lernen), stellen Ha-
kommt es zum Kiemenrückziehreflex: Siphon und bituation und Sensitivierung Verhaltensänderungen
Kieme werden reflektorisch eingezogen. Bei wieder- aufgrund von Stimuli dar, die zeitlich nicht miteinan-
holter taktiler Stimulation des Siphons wird die Reak- der assoziiert sind. Diese Art des Lernens bezeichnet
tion immer schwächer, bis sie schließlich ganz ver- man demnach auch als nicht assoziatives Lernen.
schwindet. Diese Gewöhnung an einen wiederkehr-
enden Reiz bezeichnet mal als Habituation. MERKE
Erst die Habituation ermöglicht, dass unveränderte Nicht alle Verhaltensänderungen beruhen auf
Reize aus dem Bewusstsein ausgeblendet werden Lernen. Vom Lernen abzugrenzen sind Reifungs-
können und verhindert so, dass bekannten Reizen zu- vorgänge. Sie sind durch Erbanlagen determiniert
viel Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. So neh- (vgl. S. 109).
men Menschen die taktilen Reize durch ihre Kleidung
nicht ständig bewusst wahr, Kontaktlinsenträger
nicht mehr den Fremdkörper im Auge. Habituation 3.2.9 Die Anwendung der Lerntheorien:
an Schmerzen gelingt jedoch nicht. Eine Gewöhnung Die Entstehung von Angst
an Reize, die dem Organismus schaden, wäre für sein Die Verhaltenstherapie wendet Erkenntnisse der ex-
Überleben äußerst dysfunktional. perimentellen Psychologie (überwiegend der Lern-
psychologie) bei der Therapie psychischer Störungen
MERKE unmittelbar an. Besonders bei der Therapie von
Angststörungen hat sie sich als sehr effektiv erwiesen.
Von der Habituation sind abzugrenzen:
Im Folgenden dient eine spezifische Phobie als Bei-
Extinktion: Nachlassen der Intensität oder der
spiel (eine spezifische Phobie ist eine starke, anhal-
Häufigkeit von Reaktionen, die durch klassisches
tende und irrationale Angst vor bestimmten Objekten
oder operantes Konditionieren erworben wurden.
oder Situationen; zum Beispiel Furcht vor Tieren, vor
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Adaptation: Anpassung an kontinuierlich dar-


Gewitter oder Zahnbehandlung, s. a. S. 84).
gebotene Reize, indem die Reizschwelle eines
Sinnesorgans erhöht wird.
Die Entstehung von Angst: Klassische
Konditionierung
Die Dishabituation Anfang der 20er Jahre wurde der Fall eines Mädchens
Die Wiederholung gleicher Reize führt zu einer Habi- beschrieben, das durch klassische Konditionierung
tuation. Wird jedoch in die Reihe gleicher Reize ein Angst vor fließendem Wasser erwarb: Es klemmte
andersartiger Reiz eingestreut, wird die ursprüngli- sich bei einem Spaziergang den Fuß in einer Felsspalte
che Reaktion wieder hergestellt. Dishabituation ein und konnte sich trotz großer Bemühungen nicht
meint ein Wiederauftreten der Reaktion nach Habi- selbst befreien. Das Eingeklemmtsein (UCS) führte
tuation. Man könnte sie auch als „Entwöhnung“ nach zu einer Angstreaktion (UCR). So schrie das Kind um
einer „Gewöhnung“ bezeichnen. Hilfe und weinte. Gleichzeitig mit dem UCS trat ein
anderer Stimulus (ursprünglich NS), nämlich das Ge-
Die Sensibilisierung (Sensitivierung) räusch fließenden Wassers auf, das von einem nahe-
Sensibilisierung ist eine Zunahme der Reaktions- gelegenen Wasserfall stammte. Die Geschichte ging
intensität auf Reize nach einem schädigenden Reiz. insofern gut aus, als das Mädchen unverletzt befreit
Tritt ein schädigender Reiz auf, wie z. B. ein Wasser- werden konnte. Jedoch zeigte es von da an bis ins Er-
strahl auf den Schwanz der Meeresschnecke, führen wachsenenalter massive Angst (CR) vor dem Geräusch
und Anblick fließenden Wassers (CS).
68 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

Die Aufrechterhaltung von Angst: Lerntipp


Negative Verstärkung Das SORKC-Schema (s. a. Abb. 3.8) ist ein wich-
Wie beim klassischen Konditionieren erwähnt (s. Ex- tiges Werkzeug für die Verhaltensanalyse. Es
tinktion S. 61), wird eine Reiz-Reaktions-Verknüp- ist wichtig, dass Sie die einzelnen Komponen-
fung wie im Falle des Mädchens wieder aufgelöst, ten kennen und erklären können.
wenn der CS (Wasser) wiederholt ohne den UCS (Ein-
3
geklemmtsein) auftritt. Wie aber kann es dann sein, Die Informationen zu den einzelnen Komponenten
dass die Angst des einst kleinen Mädchens jahrelang des SORKC-Modells kann der Therapeut in einem
bestehen blieb? mehr oder weniger strukturierten Gespräch erfragen
Für das Beibehalten der Angst ist ein Vermeidungs- und so nach und nach ein umfassendes Bild über das
verhalten verantwortlich. Das Mädchen vermied problematische Verhalten und den Kontext, in das
nach dem Ereignis konsequent Situationen, in denen dieses eingebettet ist, generieren.
sie mit dem Stimulus „fließendes Wasser“ konfron-
tiert werden konnte. Sie sträubte sich beispielsweise, 1) R = Reaktion
Landschaften zu betrachten, in denen ihr der Anblick Als erstes betrachtet man das interessierende Verhal-
von Flüssen „drohte“. Wird angstauslösenden Stimuli ten, also das Verhalten, das man erklären und verste-
aus dem Wege gegangen, bleibt dem Organismus die hen möchte. Dieses Verhalten wird als Reaktion be-
Erfahrung vorenthalten, dass auf sie keine negativen zeichnet. Die Reaktion wird dabei auf verschiedenen
Konsequenzen folgen. Ebenen beschrieben: kognitiv, emotional, physiolo-
Die Angst wird also nicht verlernt und stabilisiert gisch, motorisch d. h. sichtbares Verhalten
sich: Das Vermeidungsverhalten wird negativ ver- Beispiel: Hier ist das problematische Verhalten die
stärkt, da die unangenehme Angst nicht auftritt. Angst der Patientin vor Wasser. Die Angstreaktionen
werden dabei auf verschiedenen Ebenen betrachtet.
MERKE Emotional: starke Angstgefühle. Physiologisch: Herz-
Für die Entstehung von Angst sind klassische Kondi- klopfen, Zittern. Kognitiv: „Ich kann das nicht aushal-
tionierungsvorgänge verantwortlich, ihre Aufrecht- ten.“ Motorisch: Die Patientin vermeidet die Konfron-
erhaltung erklärt sich durch operante Konditionie- tation mit den Angstsituationen, indem sie z. B. einen
rung. Umweg in der Stadt in Kauf nimmt, um nicht an einem
Brunnen vorbeizukommen.

3.2.10 Die Anwendung der Lerntheorien:


2) S = Stimulus
Verhaltensanalyse
Wenn man das problematische Verhalten erfasst hat,
Würde sich die Frau mit der Phobie vor fließendem
kann man als Therapeut in einem nächsten Schritt er-
Wasser an einen Verhaltenstherapeuten wenden,
fragen, wann und unter welchen Umständen dieses
wird dieser zunächst versuchen, detaillierte Infor-
auftritt. Mit der Stimulus-Variable werden die aus-
mationen über die Entstehung und Verstärkung der
lösenden Bedingungen beschrieben. Dabei werden
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Angst zu gewinnen. Er würde eine funktionale


externe und interne Stimuli unterschieden:
Verhaltensanalyse erstellen, die sich an das soge-
Beispiel: Die Angstreaktionen treten immer dann auf,
nannte SORKC-Modell anlehnt (Abb. 3.8). SORKC
wenn die Patientin Wasser sieht, vor allem jedoch bei
steht für Stimulus-Organismus-Reaktion-Kontin-
dem Hören von Wassergeräuschen (externer Stimu-
genz-Konsequenz.
lus). Die Angst tritt auch auf, wenn die Patientin an

Kontingenz (K)
= Stärke des Zusammenhangs
zwischen R und C (z. B. Angst lässt
nicht jedes Mal nach (= niedrige
Kontingenz)

Stimulus (S) Organismus (O) Reaktion (R) Konsequenz (C)


Wassergeräusch Negative Kindheitserfahrung • emotional: starke Angstgefühle Nachlassen der Angst nach
mit Wasser • motorisch: Vermeidungsreaktion Vermeidungsreaktion

Abb. 3.8 SORKC-Modell. Die Beispiel beziehen sich auf eine Patientin, die starke Ängste vor Wasser(geräuschen) entwickelt hat.
Die einzelnen Komponenten werden dabei nicht vollständig, sondern nur exemplarisch dargestellt.
3 Theoretische Grundlagen Das Lernen 69

entsprechende Situationen denkt und sobald sie z. B. frontationstherapien verwirklicht, zu denen die sys-
bemerkt, dass sie in der Stadt bald an einem Brunnen tematische Desensibilisierung und die Reizüberflu-
vorbeikäme (interner Stimulus). tung zählen.

3) C = Konsequenz (engl. consequence) Systematische Desensibilisierung


Die Konsequenz sind die Folgen, die das Verhalten für Als systematische Desensibilisierung wird ein von
3
das Individuum hat. Josef Wolpe (1958) entwickeltes dreischrittiges Vor-
Beispiel: Konsequenzen des Vermeidungsverhaltens: gehen bestehend aus Entspannungstraining, Angst-
Kurzfristig: Die Angst der Patientin lässt nach (nega- hierarchie und Konfrontation bezeichnet. Wolpe
tive Verstärkung). Langfristig: Die Patientin ärgert ging davon aus, dass Entspannung und Angst zwei
sich über ihr Verhalten und schämt sich vor anderen miteinander inkompatible Reaktionen sind. Lernt
(positive Bestrafung). ein Mensch auf einen Stimulus mit Entspannung zu
reagieren, kann er nicht gleichzeitig Angst empfin-
MERKE den. Dieses Prinzip der gegenseitigen Hemmung be-
Verhaltenssteuernd sind v. a. die kurzfristigen Kon- zeichnet Wolpe als „reziproke Hemmung“ oder als
sequenzen! „Gegenkonditionierung“. Mit Hilfe eines Entspan-
nungstrainings wie der progressiven Muskelrelaxa-
tion (Jacobson, 1938) wird auf bestimmte Hinweis-
4) K = Kontingenz
reize körperliche Spannung abgebaut. Der Patient
Hiermit wird der Zusammenhang zwischen der
lernt, sich immer dann zu entspannen, wenn Angst
Reaktion und ihrer Konsequenz beschrieben, d. h. in
auftritt.
welcher Regelmäßigkeit die Konsequenzen dem Ver-
Parallel zum Entspannungstraining stellt der Klient
halten folgen. Treten die Konsequenzen immer,
mit Unterstützung des Therapeuten eine Angsthierar-
manchmal oder nie ein, wenn vorher die Reaktion ge-
chie auf. Konkrete Situationen, die die phobische
zeigt wurde? Wird das Verhalten also kontinuierlich
Reaktion auslösen, werden nach der Intensität ihrer
oder intermittierend verstärkt?
Bedrohlichkeit in eine Rangfolge gebracht: Auf un-
Beispiel: Es wird Kontingenz von Vermeidungsverhal-
terster Stufe der Hierarchie steht ein Ereignis, das
ten und Angstreduktion betrachtet: Nachdem die Pa-
nur geringfügig Angst auslöst. Bei der Phobikerin
tienten den Umweg genommen hat, verschwindet
des vorangegangenen Beispiels könnte dies die Pla-
ihre Angst anfänglich jedes Mal (hohe Kontingenz).
nung eines Tagesausflugs zu einem nahe gelegenen
Bald lässt die Angst jedoch nicht mehr jedes Mal
Wasserfall sein. Auf der nächsthöheren Ebene könnte
nach, sondern bleibt auch nach dem Vermeiden der
sie angeben, eine Reisetasche zu packen und sich auf
Situation bestehen (niedrige Kontingenz).
den Weg zu begeben. Weit oben in der Angsthierar-
chie könnte stehen, schon von weitem das Rauschen
5) O = Organismus
des Wassers zu hören. Vielleicht würde für sie das
Diese Variable berücksichtigt, welche biologischen
am meisten beängstigende Ereignis darin bestehen,
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

(z. B. Herzkrankheit, Tinnitus) und psychologischen


den Wasserfall zu erblicken und von dem Spritzwas-
Gegebenheiten (z. B. Einstellungen, Schemata, Erfah-
ser nass zu werden.
rungen, Defizite, Kompetenzen) die Person mitbringt.
Nachdem die Angsthierarchie erstellt wurde, beginnt
Beispiel: Die Patientin ist als Kind in einer Gefahrensi-
die eigentliche Desensibilisierung. Der Klient führt
tuation gewesen, in der sie die ganze Zeit die Geräu-
einen Entspannungszustand herbei und wird mit
sche von Wasser hörte (Lebenserfahrung). Der Thera-
dem Ereignis konfrontiert, das am wenigsten Angst
peut stellt während des Gespräches eine hohe Thera-
auslöst. Die Konfrontation kann allein in der Vorstel-
piemotivation und ein hohes Reflexionsvermögen bei
lung stattfinden („in sensu“) oder aber das Verhalten
der Patientin fest (Kompetenz).
wird vom Patienten tatsächlich ausgeführt („in vivo“).
Ist der Klient bei der Konfrontation mit dem Ereignis
3.2.11 Anwendung der Lerntheorien:
der ersten Hierarchiestufe völlig entspannt, wird die
Konfrontationsverfahren
nächsthöhere Stufe mit der Entspannungsreaktion
Sind die Bedingungen der Angst genau diagnostiziert,
verknüpft. Die Bedingung für ein Aufsteigen in der
kann mit der Verhaltensmodifikation begonnen wer-
Hierarchie ist die völlige Angstfreiheit auf der darun-
den. Die Angst der Frau wird gelöscht, wenn sie sich
terliegenden Ebene. Der Klient arbeitet mit Hilfe des
wiederholt dem gefürchteten Objekt aussetzt und
Therapeuten über mehrere Sitzungen die Angst-
dabei die Erfahrung macht, dass es ihr nicht schadet.
hierarchie ab, bis er schließlich auch das bedroh-
Die Löschung von Angst geschieht durch die Kon-
lichste Ereignis bewältigen kann.
frontation mit angstauslösenden Reizen, die ohne ne-
gative Konsequenzen bleibt. Diese Idee wird in Kon-
70 Das Lernen 3 Theoretische Grundlagen

Abb. 3.9 Zwei mögliche


Reizkonfrontationen für die
Therapie eines Höhen-
ängstlichen (aus Möller/
Laux/ Deister).

Reizüberflutung Biofeedbacksysteme werden z. B. häufig bei inadä-


Statt einer allmählichen Annäherung an das angstaus- quater muskulärer Spannung eingesetzt. Durch
lösende Objekt, stellt die Methode der Reizüberflu- einen Elektromyographen (EMG) kann beispielsweise
tung eine sofortige intensive Konfrontation dar. Bei die Muskelspannung der Nacken- und Stirnmuskula-
dieser Methode nach Stampfl (1975) wird der Klient tur gemessen werden und in ein für den Patienten
mit angstauslösenden Stimuli „überflutet“ („Flood- leichter zu interpretierendes Signal umgewandelt
ing“), damit er feststellen kann, dass von ihnen werden (Abb. 3.10). Häufig sind dies Balken, die je
keine reale Bedrohung ausgeht. Hierbei sollen starke nach Aktivität der Muskulatur größer oder kleiner
emotionale Reaktionen auftreten, auf eine Abstufung werden, oder Töne in unterschiedlicher Höhe.
der Intensität oder auf Entspannung wird also ver- Ein Patient mit Spannungskopfschmerzen kann so
zichtet. lernen, willentlich seine Nackenmuskeln zu entspan-
Findet die Konfrontation in sensu statt, wird die nen und so letztendlich die Entstehung von Kopf-
angstauslösende Szene vom Therapeuten häufig schmerzen verhindern. Gelingt dies im Labor, müssen
stark übertrieben beschrieben (tosende Wassermas- die Lernerfahrungen auf Situationen außerhalb des
sen, reißende Flüsse). Der Klient soll sich in die Situa- Labors übertragen werden.
tion hineinversetzen, die entstehende Angst aushal-
ten und spüren, wie sie nachlässt. Bei einer in-vivo- Check-up
Konfrontation würden sich Therapeut und Klientin ✔ Wiederholen Sie die Bedeutung der Begriffe
sofort in eine sehr bedrohliche Situation (wie die auf UCS, UCR, NS, CS, CR.
der höchsten Stufe der Angsthierarchie) hineinbege- ✔ Machen Sie sich nochmals klar, wie Verhalten
ben. bei den folgenden Lernformen erworben wird:
Abb. 3.9 zeigt zwei Situationen, die sich zur Reizkon- ✔ Klassisches Konditionieren
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frontationstherapie mit einer höhenängstlichen Per- ✔ Operantes Konditionieren


son eignen könnten. ✔ Lernen am Modell
✔ Lernen durch Einsicht
MERKE ✔ Vergegenwärtigen Sie sich am Beispiel einer
Konfrontation kann in kleinen Schritten (schritt- Spinnenphobie noch einmal die Schritte der
weise Desensibilisierung) oder plötzlich und inten- systematischen Desensibilisierung. Wie
siv (Reizüberflutung) durchgeführt werden. würde man bei der Reizüberflutung vor-
gehen?

3.2.12 Anwendung der Lerntheorien:


Das Biofeedback
Eine weitere verhaltenstherapeutische Methode ist
das Biofeedback (s. auch klinischer Fall). Hier werden
dem Patienten körperliche Veränderungen (z. B. Hirn-
ströme, Herzfrequenz oder Muskelspannung), die an-
sonsten nicht so einfach wahrnehmbar sind, in Form
optischer oder akustischer Reize zurückgemeldet.
Durch diese Rückmeldungen lernt der Patient, physio-
logische Vorgänge bewusst zu steuern.
3 Theoretische Grundlagen Die Kognition 71

Bildschirm

Konverter 3
Verstärker
Rezeptor

Signal

Abb. 3.10 Biofeedback.

3.3 Die Kognition Aufmerksamkeit


Für eine bewusste Informationsverarbeitung ist zual-
Lerncoach lererst die Ausrichtung Ihrer Aufmerksamkeit auf die
Der Begriff „Kognition“ beinhaltet alle Pro- vor Ihnen abgedruckten Sätze nötig. Klingelt gerade
zesse, die bei der Aufnahme, Verarbeitung und das Telefon, so ist es wahrscheinlich, dass sie nicht
Speicherung von Informationen beteiligt sind zu einer inhaltlichen Analyse der Sätze kommen, da
(lat. cognoscere = erfahren, erkennen). Beim diese nur durch bewusste Konzentration auf die je-
folgenden Kapitel ist es wichtig, dass Sie ver- weilige Information ablaufen kann.
stehen, wie diese Prozesse ineinandergreifen Aufmerksamkeit wird in der Psychologie als ein
und funktionieren. Sie vermitteln dem Men- Zustand konzentrierter Bewusstheit definiert, der
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schen ein Bild von seiner Umwelt, so dass er sich auf neuronaler Ebene durch die Bereitschaft des
mit dieser interagieren kann. zentralen Nervensystems auszeichnet, auf Stimula-
tion zu reagieren. Man kann zwischen verschiedenen
3.3.1 Der Überblick Arten von Aufmerksamkeit unterscheiden:
Dieses Kapitel beschäftigt sich mit wesentlichen The- Vigilanz oder Daueraufmerksamkeit: Fähigkeit
men der Kognitionspsychologie: Aufmerksamkeit, auch bei monotonen Aufgaben, also bei geringer
Wahrnehmung, Informationsverarbeitung, Gedächt- Stimulation, über längere Zeit die Konzentration
nis und Sprache. Außerdem wird in diesem Kapitel aufrechtzuerhalten, um auf Reize zu reagieren.
noch ein beliebtes Prüfungsthema, die Intelligenz, Diese Fähigkeit wird zum Beispiel bei der Eig-
ausführlicher behandelt. nungsprüfung von Fluglotsen getestet, da sie in
ihrem Beruf stundenlang vor dem Bildschirm das
3.3.2 Aufmerksamkeit, Wahrnehmung und Auftauchen seltener Ereignisse überwachen müs-
Informationsverarbeitung sen.
Während Sie diesen Text lesen und die darin enthal- Selektive Aufmerksamkeit: Fähigkeit, sich auf
tenen Informationen aufnehmen und verstehen, einen speziellen Ausschnitt der Umwelt zu be-
laufen permanent verschiedene Prozesse in Ihrem schränken und andere Reize auszublenden. Diese
Gehirn ab. Fähigkeit ist für die psychische Funktionsfähigkeit
des Menschen sehr wichtig. Ist sie beeinträchtigt,
spricht man von einer Aufmerksamkeitsstörung.
72 Die Kognition 3 Theoretische Grundlagen

Klinischer Bezug Sensorische Informationen aus der Umwelt


Aufmerksamkeitsstörung: Eine solche Störung wird
bei Kindern im Schulalter vergleichsweise häufig diag-
nostiziert. Oft geht ein Aufmerksamkeitsdefizit mit
einer Hyperaktivitätsstörung einher (ADHS, Auf- 1. Sensorisches Gedächtnis
3 merksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Beim ikonisches Gedächtnis
Vorliegen einer Aufmerksamkeitsstörung ist die Filter- max. 1 Sekunde
funktion der Aufmerksamkeit eingeschränkt, sodass echoisches Gedächtnis
ein vollständiges Ausblenden irrelevanter Reize nicht max. 2 Sekunden
möglich ist. Die Kinder können sich nicht auf eine Tätig-
keit konzentrieren, sondern lassen sich dauernd von
jedem kleinsten Ereignis ablenken. 2. Kurzzeitgedächtnis / Arbeitsgedächtnis
20 – 30 Sekunden
Wahrnehmung und Informationsverarbeitung
Zurück zu Ihrer Lesetätigkeit. Über das visuelle Wahr-
3. Langzeitgedächtnis
nehmungssystem wird das schwarz-weiße Muster
der Worte über die Retina und den Sehnerv in den Minuten bis Jahre
visuellen Kortex (Okzipitallappen) geleitet. Dieser
Abb. 3.11 Einteilung des Gedächtnisses. Bei den Gedächt-
Vorgang der Reizaufnahme, aber auch dessen Ergeb- nisspeichern ist jeweils angegeben, wie lange Informationen
nis, wird als Wahrnehmung bezeichnet. behalten werden können.
Der Wahrnehmungsprozess kann dabei in folgende
Stufen unterteilt werden: Das wohl prominenteste Modell des Gedächtnisses ist
die sensorische Empfindung (Umwandlung der das Drei-Speicher-Modell, nach dem sich unser Ge-
physikalischen Energie in neurale Aktivität), dächtnis nach der Dauer der Informationsspeiche-
die Bildung eines inneren Abbildes der äußeren rung in die drei verschiedenen Subsysteme sensori-
Realität (mentale Repräsentation) und sches Gedächtnis, Kurzzeitgedächtnis und Langzeit-
die Interpretation und Klassifikation dieses inne- gedächtnis einteilen lässt (Abb. 3.11).
ren Abbilds.
Bei der Informationsverarbeitung wie z. B. beim Lesen Lerntipp
eines Textes unterscheidet man zwei verschiedene Prägen Sie sich die wesentlichen Kennzeichen
Wege. der drei Speicher gut ein (Abb. 3.11).
Bottom-Up-Prozess: Die einzelnen Reizeigen-
schaften aus der Umwelt wie die vor Ihnen abge- 1. Das sensorische Gedächtnis
druckten Buchstaben werden zur Bildung einer Weitere Bezeichnungen: sensorisches Register; frü-
mentalen Repräsentation sozusagen „von unten her auch Ultrakurzzeitgedächtnis. Das sensorische
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nach oben“ zum Gehirn weitergegeben. Gedächtnis ist ein vom Umfang her unbegrenzter
Top-Down-Prozesse: Bereits vorhandenes Wissen Speicher, in den zuerst alle Reize der Umwelt, die
über die Umwelt, Erwartungen, aber auch die der Mensch durch seine Sinnesleistungen wahr-
emotionale Stimmung und die Motivation des In- nimmt, gelangen. Dort können Informationen jedoch
dividuums kann „von oben“ die Bildung der inne- nur für sehr kurze Zeit gespeichert werden. für maxi-
ren Repräsentation beeinflussen. Sie könnten die- mal 0,5 bis 2 Sekunden behalten werden. Visuelle In-
sen Text beispielsweise auch dann lesen, wenn formationen werden im ikonographischen oder auch
Buchstaben nicht lesbar sind, da wir mit Hilxe ikonischen Gedächtnis für weniger als eine Sekunde
der vorhandxxen Informaxxxnen fehlende Infor- gespeichert, auditive Informationen im echoischen
mation ergänzen kxxnen. Gedächtnis maximal 2 Sekunden. Werden die Infor-
mationen innerhalb von einer bis zwei Sekunden
3.3.3 Das Gedächtnis nicht in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, zer-
Der Begriff „Gedächtnis“ bezeichnet einerseits die fallen sie sofort wieder (Abb. 3.11).
kognitive Fähigkeit, Erfahrungen zu speichern (Enco-
dierung) und abzurufen (Decodierung), wird ande- 2. Das Kurzzeitgedächtnis (KZG)
rerseits aber auch für den Inhalt des Behaltenen, Das KZG ist eine Art Zwischeninstanz, die einen Teil
also die Erinnerung oder Gedächtnisspur (Engramm) der Informationen aus dem sensorischen Gedächtnis
verwendet. Das Behalten von Informationen wird als übernimmt und gegebenenfalls ins Langzeitgedächt-
auch als Retention bezeichnet. nis überführt. Hier findet die bewusste Verarbeitung
des wahrgenommenen Materials statt. Das KZG wird
3 Theoretische Grundlagen Die Kognition 73

deswegen zum Teil auch als Arbeitsgedächtnis be- nalen Grundlagen des KZGs sind im parietalen Fron-
zeichnet. tallappen lokalisiert.
Die Speicherkapazität des KZGs ist stark begrenzt. Um
die Kapazität des KZGs zu erfassen, wird die Gedächt- 3. Das Langzeitgedächtnis (LZG)
nisspanne bestimmt. Den Probanden wird beispiels- Das LZG lässt sich unterteilen in das deklarative (ex-
weise eine Zufallliste an Zahlen vorgelegt: 1 9 8 8 3 plizite) und das nicht-deklarative (implizite) Gedächt-
3
1 1 2 1 0. Anschließend wird die Zahlenreihe abge- nis (Squire, 1995; Abb. 3.12). Weder die Speicherdauer
deckt und überprüft, an wie viele Elemente sich die noch der Umfang der Inhalte des LZGs sind begrenzt.
Probanden erinnern können. Dass Gedächtnisinhalte trotzdem nicht immer abruf-
bar sind, scheint auf Fehler beim Abruf zurückzufüh-
MERKE ren zu sein. Um diesen zu erleichtern ist eine starke
Möchte man Kapazität des KZGs erfassen, kann man Vernetzung der Inhalte notwendig, sodass die ge-
die Gedächtnisspanne testen. Dazu überprüft man, suchte Information durch assoziierte Abrufhilfen mit-
wie viele Elemente sich eine Person aus einer aktiviert werden kann.
Zufallsreihe von z. B. Zahlen oder Buchstaben un-
mittelbar merken kann. Deklarative (explizite) Inhalte
Explizite Inhalte sind bewusste, sprachlich abrufbare
Inhalte und werden im deklarativen Gedächtnis ge-
Miller konnte in den 50er Jahren zeigen, dass Men-
speichert. Wir können z. B. verbalisieren, was wir ges-
schen durchschnittlich sieben (plus/minus zwei) In-
tern zu Abend gegessen haben (episodisches Gedächt-
formationseinheiten gleichzeitig bewusst erinnern
nis) oder wie die Hauptstadt von Frankreich heißt
können. Die begrenzte Kapazität des Arbeitsgedächt-
(semantisches Gedächtnis). Auch das im Medizinstu-
nisses kann durch eine bedeutungshaltige Gruppie-
dium erworbene Faktenwissen ist explizites Wissen.
rung der Einzelelemente (= chunking) verbessert
werden. MERKE
Beispiel: Angenommen Sie sollen sich die obige Zah-
Deklaratives Gedächtnis:
lenreihe für eine längere Zeit einprägen. Sie könnten
Episodisches Gedächtnis: Wissen über die
sich diese leichter merken, wenn Sie die einzelnen
eigene Person („Lebensepisoden“).
Elemente zu sinnvollen Gruppen (= chunks) anord-
Semantisches Gedächtnis: Bedeutungswissen
nen. 1988 z. B. als Geburtsjahr eines Freundes und
über die Welt unabhängig von der eigenen
die Zahlenfolge 31.12.10 als das Datum Silvester im
Erfahrung.
Jahre 2010.
Eine Information, die nicht weiter verarbeitet oder
bewusst wiederholt wird, hält sich im KZG nur 20 Se- Bei der Neubildung von expliziten Gedächtnisinhal-
kunden. Um ins Langzeitgedächtnis zu gelangen, ten spielt der mediale Temporallappen eine wichtige
muss der KZG-Inhalt durch einfache oder tiefere/ela- Rolle. Ist er geschädigt, können Inhalte nach dem
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borierte Wiederholung (bewusstes Vernetzen der In- schädigenden Ereignis nicht mehr gespeichert wer-
formation z. B.) weiterverarbeitet werden. Die neuro- den (anterograde Amnesie, s. u.).

3. Langzeitgedächtnis

deklarative (explizite) Inhalte nicht deklarative (implizite) Inhalte

semantisches episodisches prozedurales Priming einfaches klassisches nicht


Gedächtnis: Gedächtnis: Gedächtnis: Konditionieren assoziatives
Faktenwissen persönliches Fertigkeiten und Lernen
Wissen Gewohnheiten

emotionale Skelettmus-
Reaktionen kulatur

medialer Striatum Neo- Amygdala Zerebellum Reflexbö-


Temporallappen kortex gen

Abb. 3.12 Die Unterteilung des Langzeitgedächtnisses.


74 Die Kognition 3 Theoretische Grundlagen

Nicht deklarative (implizite) Inhalte er mit nicht allzu geringer Wahrscheinlichkeit „rot“
Implizite Inhalte sind dem Bewusstsein nicht direkt anstatt „grün“ sagen.
zugänglich und daher auch nicht sprachlich abrufbar.
Dazu gehören beispielsweise die Inhalte des prozedu- Interferenztheorie – pro- und retroaktive
ralen Gedächtnisses. Hemmung
Die Interferenztheorie kann u. a. erklären, warum es
3 MERKE zu Schwierigkeiten biem Gedächtnisabruf und bei
Prozedurales Gedächtnis: Speicherung von Fertig- der Einspeicherung von neuen Informationen kom-
keiten und Gewohnheiten (z. B. der automatische men kann. Wenn Gedächtnisinhalte miteinander
Handlungsablauf beim Binden der Schnürsenkel). konkurrieren, kann man auch sagen, dass sie in Infe-
renz zueinander stehen. Man unterscheidet dabei
zwei Arten von Interferenz:
Implizite Gedächtnisinhalte sind zudem die Ergeb-
Proaktive Interferenz/Hemmung: Vorher Gelern-
nisse von Priming (s. u.), einfachen Konditionierungs-
tes überlagert später Gelerntes („pro“ = nach
vorgängen und nicht assoziativem Lernen (S. 67). Bei-
vorne; oberes Bild in Abb. 3.13). Das heißt, der
spielsweise ist das bei Praktika und Famulaturen eher
Stoff, den Sie sich bis jetzt eingeprägt haben, er-
indirekt erworbene Wissen zum Umgang mit Patien-
schwert die Einspeicherung von neuen Informa-
ten als implizit einzuordnen. Läsionen im Bereich der
tionen.
Basalganglien schädigen das implizite Gedächtnis.
Retroaktive Interferenz/Hemmung: Später Ge-
lerntes überlagert früher Gelerntes („retro“ =
Priming
nach hinten; unteres Bild in Abb. 3.13). Das würde
Mit Priming wird in der Psychologie in der Regel fol-
bedeuten, dass das, was Sie gerade lernen, den
gender Effekt bezeichnet:
Abruf von früherer Information erschwert. Zum
MERKE Beispiel könnten Sie die Interferenztheorie wie-
dergeben. Die Einteilung des Gedächtnisses in die
Priming: Die Reaktion auf einen Zielreiz (target) ist
verschiedenen Speicher könnten Sie dagegen
erleichtert, wenn zuvor ein Bahnungsreiz (to prime =
nicht abrufen.
vorbereiten) dargeboten wurde.

Dies soll am Beispiel des semantischen Primings ver-


deutlicht werden: Wird das Wort „Tier“ (prime) dar- Früher
Gelerntes Hemmung
geboten, wird daraufhin das Wort „Hund“ (target)
schneller erkannt als das Wort „Haus“. In diesem Zu-
sammenhang spricht man bei Priming auch von Vor-
aktivierung.
Aus neurologischer Perspektive kann man sich Pri- Später
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

Hemmung Gelerntes
ming als eine Aktivationsausbreitung im neuronalen
Netzwerk unseres semantischen Gedächtnisses vor-
stellen. Neuronenverbände, die semantisch ver- Zeit
wandte Wortbedeutungen kodieren, liegen räumlich
näher beieinander. Wird das Wort „Tier“ (prine) dar- Abb. 3.13 Interferenztheorie. Bei der proaktiven Hem-
geboten, wird der zughörige Neuronenverband akti- mung wir „nach vorne gehemmt“ (obere Abbildung). Bei der
retroaktiven Hemmung wird „nach hinten gehemmt“ (untere
viert (z. B. verschiedene Tierarten). Die Aktivierung Abbildung).
breitet sich dann von dort aus weiter aus. Die Begriffe,
bei denen ein höheres Aktivationsniveau vorliegt, ge-
langen leichter ins Bewusstsein und können daher Antero- und retrograde Amnesie
schneller verarbeitet werden. Eine Amnesie ist ein Gedächtnisverlust (z. B. nach
Es gibt auch ein Kinderspiel, das sich diesen Effekt zu- Schädelhirntrauma), der mehr oder weniger dauer-
nutze macht: Sie können das einmal mit einem be- haft sein kann. Bei der Unterteilung der amnestischen
freundeten Kommilitonen ausprobieren: Er soll ganz Störungen betrachtet man immer den Zeitpunkt der
oft hintereinander das Wort „Blut“ sagen und danach Schädigung und davon ausgehend, ob sich die Patien-
möglichst schnell eine Frage von Ihnen beantworten. ten an Informationen vor oder nach dem schädigen-
Wenn er das Wort häufig wiederholt hat, fragen Sie den Ereignis (z. B. Unfall) nicht mehr erinnern können
ihn: „Bei welcher Farbe geht man über die Ampel?“ (Abb. 3.14).
…wenn Ihr Freund nicht aktiv aufgepasst hat, wird
3 Theoretische Grundlagen Die Kognition 75

Auf der neuronalen Ebene der Sprache ist das Werni-


retrograde Amnesie: anterograde Amnesie: cke-Areal im Temporallappen für das Sprachver-
ständnis zuständig (zur Lage und Funktion des
Ereignisse vor der Ereignisse nach der
Schädigung können Schädigung können
Sprachzentrums im Gehirn siehe Lehrbücher der Phy-
nicht mehr erinnert nicht mehr erinnert siologie). Tritt eine Läsion im Bereich des Temporal-
werden werden lappens auf, ist eine Wernicke-Aphasie (Aphasie
3
Zeitachse =Sprachstörung, „Sprachlosigkeit“) wahrscheinlich.
Die Symptomatik zeichnet sich durch eine motorisch
Zeitpunkt der Hirnschädigung flüssige Sprache aus, wobei der Patient jedoch nicht
(z.B. Unfall) auf die Fragen des Gegenübers reagiert, sondern
„sinnfrei“ redet, da sich ihm weder der Inhalt noch
Abb. 3.14 Antero- und retrograde Amnesie.
die syntaktische Struktur des Gesagten erschließt.

Anterograde (vorwärtswirkende) Amnesie: Die Sprachproduktion


Einspeicherung neuer Gedächtnisinhalte nach Die Sprachproduktion umfasst die Prozesse der Ge-
dem schädigenden Ereignis ist gestört. Beispiels- nerierung einer sprachlichen Botschaft und die Akti-
weise können sich die Patienten nicht den vierung und Selektion entsprechender inhaltlicher
Namen des behandelnden Arztes merken. und grammatikalischer Einheiten aus dem mentalen
Retrograde (rückwirkende) Amnesie: Gedächt- Lexikon. Das mentale Lexikon kann man sich wie
nisinhalte, die bereits vor dem schädigenden Er- einen riesigen Wortspeicher vorstellen, in dem zu
eignis gespeichert wurden, können nicht mehr ab- jedem lexikalischen Eintrag Informationen zur Be-
gerufen werden. Beispielsweise können sich die deutung, aber auch zur grammatikalischen Struktur
Patienten nicht mehr erinnern, wie es zu dem Un- des Wortes zu finden sind. Diese Einheiten müssen
fall gekommen ist. dann im nächsten Schritt in motorisch zu produzie-
rende Laute (Phoneme) transformiert werden.
Klinischer Bezug Die Repräsentation der Sprachproduktion liegt
Korsakow-Syndrom: Eine spezielle Art der Amnesie schwerpunktmäßig im Broca-Areal im Frontallappen.
(Gedächtnisstörung) ist das Korsakow-Syndrom. Es Bei einer Schädigung dieses Bereichs kommt es mit
wird durch Alkoholmissbrauch hervorgerufen. Bei den großer Wahrscheinlichkeit zu einer Störung der
Patienten treten große Erinnerungslücken auf. Aller- Sprachproduktion (Broca-Aphasie) mit Problemen
dings neigen sie dazu, diese nicht offen zuzugeben, bei der Spontansprache, Wortfindungstörungen und
sondern zu konfabulieren. Konfabulation wird das grammatikalisch fehlerhaften Sätzen.
Überspielen von Gedächtnislücken durch frei erfun- Sind sowohl das Sprachverständnis als auch die
dene Geschichten genannt. Dabei ist allerdings nicht Sprachproduktion gestört, spricht man von einer glo-
klar, ob solche Patienten absichtsvoll lügen oder ob balen Aphasie.
sie sich ihrer Erfindung gar nicht bewusst sind, da sie
Lizensiert für Universität Saarland/Homburg

diese nicht mehr scharf von realen Erinnerungen ab-


3.3.5 Die Intelligenz
grenzen können.
Was ist Intelligenz?
Obwohl der Begriff der Intelligenz gerne in den ver-
Lerntipp schiedensten Zusammenhängen verwendet wird,
Den Begriff Konfabulation sollten Sie sich ein- gibt es keine allgemein anerkannte wissenschaftliche
prägen. Vielleicht können Sie sich ihn besser Definition. William Stern (1911), einer der Väter der
merken, wenn Sie beachten, dass in Kon- Intelligenzforschung, bezeichnet Intelligenz als „allge-
fabulation „fabula“ steckt, also eine Fabel oder meine geistige Anpassungsfähigkeit an neue Aufga-
Geschichte. ben und Lebensbedingungen“. Im Vordergrund steht
hier die Flexibilität des Denkens, die es ermöglicht,
Wissen zu erwerben und auf veränderte Umstände
3.3.4 Die Sprache und Sprachstörungen adäquat zu reagieren. Ein Problem der Intelligenzdefi-
Sprachverständnis nition liegt darin, dass es sich bei Intelligenz um ein
Unter Sprachverständnis wird die Verarbeitung eines hypothetisches Konstrukt handelt, dass sich nur in-
auditiven oder visuellen (beim Lesen) Stimulus von direkt, nämlich im „intelligenten Verhalten“ beobach-
der Aufnahme bis zur Analyse der Bedeutung (Seman- ten lässt (Operationalisierung eines Konstrukts,
tik) und der grammatikalischen Einbettung (Syntax) S. 145).
sowie der anschließenden Interpretation aufgrund
des vorhandenen Weltwissens verstanden.
76 Die Kognition 3 Theoretische Grundlagen

MERKE altrigen oder die der Studenten) an. Werden zwei Pro-
banden mit unterschiedlichen Referenzgruppen ver-
Grundsätzlich werden verbale und rechnerische
glichen (z. B. 15-jährige Hauptschüler und 15-jährige
Fähigkeiten sowie Problemlösefähigkeiten (logisches
Gymnasiasten), sind ihre Werte nicht mehr direkt ver-
Denken) als Komponenten der Intelligenz bezeich-
gleichbar. Auch beim Abweichungs-IQ wird genau wie
net. Kreativität ist nach der klassischen Intelligenz-
beim klassischen IQ die jeweilige Testleistung mit
3 forschung keine Komponente der Intelligenz.
einer altersspezifischen Normierung in Bezug gesetzt.
Allerdings kann die jeweilige Altersgruppe noch nach
Der Intelligenzquotient (IQ) weiteren relevanten Variablen wie der besuchten
Der klassische IQ Schulform aufgegliedert sein. Dementsprechend
Der Beginn der Intelligenzmessung geht auf den Fran- wichtig ist es, bei einem Intelligenztest aktuelle
zosen Alfred Binet (1905) zurück, der zu Beginn des Normwerte der passenden Referenzpopulationen zu
20. Jahrhunderts vom französischen Unterrichtsmi- haben.
nisterium den Auftrag bekommen hatte, einen Test
zu entwickeln, um die intellektuelle Leistung von MERKE
Schulkindern messen zu können. Diese Messung Die Werte zweier Probanden, für die ein Abwei-
sollte dabei helfen, geistig zurückgebliebene Kinder chungs-IQ bestimmt wurde, lassen sich nur verglei-
entsprechend ihrer Fähigkeiten zu fördern. Der Test chen, wenn sie auf dieselbe Referenzgruppe bezogen
war so aufgebaut, dass er Aufgaben aufsteigender sind.
Schwierigkeit enthielt, die jeweils z. B. im Schnitt
von der Altersgruppe der Sechsjährigen oder Sieben-
Intelligenzmodelle
jährigen usw. gelöst werden konnten. Löste ein Kind
Über die Struktur und die Komponenten der Intelli-
(egal welchen Alters) beispielsweise alle Aufgaben,
genz (wie z. B. logisches Denken, verbale Fähigkeiten,
die im Schnitt ein Achtjähriger lösen kann, so erhielt
Gedächtnis etc.) gibt es bis heute verschiedene Mo-
es den Wert von 8 für sein Intelligenzalter.
dellvorstellungen. Drei davon werden im Folgenden<