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2 Die reellen Zahlen

Im Folgenden setzen wir die Existenz einer Menge R voraus, welche die Axiome der Ab-
schnitte 2.1-2.3 erfüllt. Diese gliedern sich in:
1. Körperaxiome: Axiome der Addition und der Multiplikation
2. Anordnungsaxiome: Festsetzung von „<“ und „>“.
3. Vollständigkeitsaxiom: Wesentliches Axiom für die Existenz von Grenzwerten. -
Durch dieses Axiom unterscheiden sich R und Q wesentlich!

2.1 Die Körperaxiome

2.1.1 Axiome der Addition

Zu jedem geordnetem Paar (a, b) reeller Zahlen a, b ∈ R gibt es genau eine reelle Zahl
a + b ∈ R so, dass die folgenden Axiome gelten:
(A1) Für alle a, b, c ∈ R gilt a + (b + c) = (a + b) + c. (Assoziativität)
(A2) Für alle a, b ∈ R gilt a + b = b + a. (Kommutativität)
(A3) Es gibt eine Zahl 0 ∈ R so, dass a + 0 = a für alle a ∈ R. (Neutrales Element bzgl.
der Addition)
(A4) Für jedes a ∈ R gibt es ein x ∈ R so, dass a + x = 0. (Inverses Element bzgl. der
Addition)

Lemma 2.1 1. Es gibt genau ein 0 ∈ R, sodass (A3) erfüllt ist.


2. Zu jedem a ∈ R gibt es genau ein x ∈ R so, dass (A4) gilt.

Bemerkung: Ein “Lemma” ist ein “kleiner Satz”.


Beweis: Zu 1.: Es seien 01 , 02 ∈ R, sodass (A3) gilt. Dann folgt
(A3) (A2) (A3)
01 = 01 + 02 = 02 + 01 = 02 .
Zu 2.: Es sei a ∈ R und seien x1 , x2 ∈ R s.d. a + x1 = 0 und a + x2 = 0. Dann gilt
(A3) (A1) (A2) (A2) (A3)
x1 = x1 + 0 = x1 + (a + x2 ) = (x1 + a) + x2 = (a + x1 ) + x2 = 0 + x2 = x2 + 0 = x2 ,
d.h. x1 = x2 .

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Bemerkung 2.2 Die eindeutig bestimmte Zahl 0 aus (A3) heißt auch Null. Die zu jedem
a ∈ R eindeutig bestimmte inverse Zahl x ∈ R aus (A4) wird auch mit −a bezeichnet.

Satz 2.3 Es seien a, b ∈ R. Dann gibt es genau ein x ∈ R sodass a + x = b.

Beweis: Wir müssen zwei Behauptungen beweisen:


Existenz: Es gibt ein x ∈ R, sodass a + x = b.
Eindeutigkeit: Es gibt höchstens ein x ∈ R, sodass a + x = b.
Zur Existenz: Definiere x = (−a) + b. Dann gilt
(A1) (A4)
a + x = a + ((−a) + b) = (a + (−a)) + b = 0 + b = b.

Daraus folgt die Existenz.


Zur Eindeutigkeit: Es sei x ∈ R, sodass a + x = b. Dann folgt
(A3) (A4) (A1)
x = 0 + x = ((−a) + a) + x = (−a) + (a + x) = (−a) + b.

Deswegen ist x eindeutig durch a, b ∈ R fest gelegt, wenn es existiert.

Bemerkung: Eine Menge M mit einer Operation/Abbildung +, die jedem Paar (a, b) mit
a, b ∈ M ein a + b ∈ M zuordnet und (A1)-(A4) erfüllt, heißt kommutative (oder abelsche)
Gruppe. D.h. (R, +) ist eine kommutative Gruppe.

2.1.2 Axiome der Multiplikation

Jedem Paar (a, b) mit a, b ∈ R ist genau ein a · b = ab ∈ R zugeordnet. Die Zuordnung heißt
Multiplikation. Es gelten die folgenden Axiome:
(M1) Für alle a, b, c ∈ R gilt a · (b · c) = (a · b) · c. (Assoziativität)
(M2) Für alle a, b ∈ R gilt a · b = b · a. (Kommutativität)
(M3) Es gibt eine Zahl 1 ∈ R, sodass a · 1 = a für alle a ∈ R. (Neutrales Element bzgl.
der Multiplikation)
(M4) Für alle a ∈ R mit a 6= 0 gibt es ein x ∈ R, sodass a · x = 1. (Inverses Element bzgl.
der Multiplikation)

Lemma 2.4 1. Es gibt genau ein 1 ∈ R, das (M3) erfüllt.


2. Für jedes a ∈ R, a 6= 0, gibt es genau ein x ∈ R, sodass (M4) gilt.

Beweis: Analog zu Lemma 2.1.

Bemerkung 2.5 Die eindeutige Zahl 1 aus (M3) heißt auch Eins. Die zu a ∈ R, a 6= 0,
eindeutig bestimmte Zahl x sodass a · x = 1 heißt zu a invers und wird mit a1 oder a−1
bezeichnet.

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Satz 2.6 Seien a, b ∈ R mit a 6= 0. Dann gibt es genau ein x ∈ R mit a · x = b.

Beweis: Analog zu Satz 2.3. Die Lösung ist x = 1


a · b = a−1 · b.

Bemerkung (M1)-(M4) besagt, dass {x ∈ R, x 6= 0} eine kommutative Gruppe bzgl.


Multiplikation ist.
Es fehlen noch zwei Axiome, die Addition und Multiplikation miteinander verbinden:
(K1): Es gilt 0 6= 1.
(K2): Für alle a, b, c ∈ R gilt: (a + b) · c = (a · c) + (b · c) (Distributivität).
Bemerkung: (A1)-(A4), (M1)-(M4), (K1),(K2) besagen, dass R ein Körper ist.
Konvention für das Weglassen von Klammern: Es gilt “Punktrechnung vor Strichrech-
nung”. So ist z.B. a · b + c · d als (a · b) + (c · d) zu lesen.

Lemma 2.7 1. Für alle a ∈ R ist a · 0 = 0.


2. Wenn a · b = 0, dann ist a = 0 oder b = 0.

Bemerkung zu “oder”: Das oder bedeutet hier nicht entweder . . . oder. Es können auch
a = 0 und b = 0 sein, wenn a · b = 0.
Beweis: Zu 1.: Für alle a ∈ R ist
(A3) (K2)
a · 0 = a · (0 + 0) = a · 0 + a · 0.

Aus Satz 2.3 folgt, dass 0 = a · 0, denn es gilt ebenfalls a · 0 = a · 0 + 0 und die Lösung der
Form a + x = b ist eindeutig, siehe Satz 2.3.
Zu 2.: Für alle a, b ∈ R mit a · b = 0 gilt:
1. Fall a = 0: Dann ist die Aussage a = 0 oder b = 0 wahr.
2. Fall a 6= 0: Dann folgt:
(M1) Vor.
b = 1 · b = (a−1 · a) · b = a−1 (ab) = a−1 · 0 = 0

Daraus folgt, dass a = 0 oder b = 0 ist wahr.

2.2 Die Anordnungsaxiome

Auf R ist eine Relation “<” erklärt, d.h. für alle a, b ∈ R ist a < b eine Aussage die wahr
oder falsch ist.
(O1): Für alle a, b ∈ R ist genau eine der drei Aussagen wahr:

a < b, b < a, a=b (T richotomie)

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(O2): Für alle a, b, c ∈ R gilt: Wenn a < b und b < c gilt, so ist auch a < c wahr. (Tran-
sitivität)
(O3): Für alle a, b, c ∈ R gilt: Aus a < b folgt, dass a + c < b + c. (Monotonie bzgl. der
Addition)
(O4): Für alle a, b, c ∈ R gilt: Wenn a < b und 0 < c, folgt a · c < b · c. (Monotonie bzgl.
der Multiplikation)
Wir führen folgende Schreibweisen ein:
1. a ≤ b sei genau dann wahr, wenn a < b oder b = a wahr ist.
2. a > b sei genau dann wahr, wenn b < a wahr ist.
3. a ≥ b sei genau dann wahr, wenn b ≤ a wahr ist.
Kurz: a ≤ b ⇔ a < b oder a = b; dabei bedeutet ⇔ “genau dann, wenn”. a > b ⇔ b < a
und a ≥ b ⇔ b ≤ a.

Folgerung 2.8 Seien a, b ∈ R. Dann folgt aus a ≤ b und b ≤ a, dass a = b.

Beweis Es muss wegen (O1) entweder a < b oder b < a oder a = b gelten. a < b widerspricht
b ≤ a und b < a widerspricht a ≤ b. Deswegen muss a = b gelten.

Definition 2.9 1. a ∈ R ist positiv, wenn a > 0.


2. a ∈ R heißt negativ, wenn a < 0.
3. a ∈ R heißt nicht positiv/negativ, wenn a ≤ 0/a ≥ 0.
Für a ≤ b seien
[a, b] := {x ∈ R : a ≤ x ≤ b} (abgeschlossenes Intervall)
[a, b) := {x ∈ R : a ≤ x < b} (halboffenes Intervall)
(a, b] := {x ∈ R : a < x ≤ b} (halboffenes Intervall)
(a, b) := {x ∈ R : a < x < b} (offenes Intervall)
(a, ∞) := {x ∈ R : a < x}, [a, ∞) := {x ∈ R : a ≤ x}
(−∞, b) := {x ∈ R : x < b}, (−∞, b] := {x ∈ R : x ≤ b}

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2.2.1 Das Rechnen mit Ungleichungen

Satz 2.10 Es seien a, b, c, d ∈ R. Dann gilt:


1. Aus a < b und c < d folgt a + c < b + d. (Addition von Ungleichungen)
2. Aus 0 < a < b und 0 < c < d folgt a · c < b · d. (Multiplikation von Ungleichungen)

Beweis: Zu 1.: Aus (O3) folgt a + c < b + c und b + c < b + d. Mit (O2) folgt daraus
wiederum a + c < b + d.
Zu 2.: Das zeigt man genauso mit Hilfe von (O4) anstatt von (O3).

Satz 2.11 Es seien a, b, c ∈ R. Dann folgt aus a < b und c < 0, dass a · c > b · c.
(Multiplikation mit einer negativen Zahl)

Beweis: Es gilt:
(O3) (A4) und (A3)
c < 0 ⇒ c + (−c) < 0 + (−c) ⇒ 0 < −c

Weiterhin folgt, aus a < b und 0 < −c mit Hilfe von (O4), dass a · (−c) < b · (−c). Außerdem
gilt für alle a, c ∈ R, dass a · (−c) = −(a · c), weil
(K2) (A3) Lemma 2.7
a · c + a · (−c) = a · (c + (−c)) = a · 0 = 0.

Daraus folgt:
−a · c = a · (−c) < b(−c) = −bc
Addiert man ac + bc auf beiden Seiten, folgt,

bc = (−ac) + ac + bc < −bc + ac + bc = ac.

Folgerung 2.12 Für a 6= 0 ist a2 := a · a > 0.

Beweis: Ist a > 0, so folgt a2 > 0 aus (O4). Ist a < 0, so folgt a2 > 0 aus Satz 2.11.

Folgerung 2.13 Es gilt 0 < 1 und x < x + 1 für alle x ∈ R.

Beweis: Setze a = 1 in Folgerung 2.12. Wegen (K1) ist dies zulässig (0 6= 1). Daraus folgt
0 < 12 = 1 und aus (O3) folgt x < x + 1 für alle x ∈ R.

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Schließlich sei N0 wie in Abschnitt 1 als kleinste induktive Teilmenge von R definiert und
N = {n ∈ N0 : n 6= 0}. Nun definieren wir formal

Z = {x ∈ R : x ∈ N0 oder − x ∈ N},
n no
Q = x ∈ R : Es gibt n, m ∈ Z, m 6= 0, sodass x = ,
m
wobei mn
:= n · m−1 . Man kann nun leicht zeigen, dass a + b, −a ∈ Z für alle a, b ∈ Z und
a + b, −a, a · b ∈ Q sowie a−1 ∈ Q, falls a 6= 0, für alle a, b ∈ Q gilt. Weiterhin kann man
alle üblichen Regeln der Bruchrechnung und Rechnen mit Ungleichungen aus den Körper-
und Anordnungsaxiomen folgern.

2.2.2 Der Betrag reeller Zahlen

, falls a ≥ 0,

a
Für a ∈ R sei |a| :=
−a , falls a < 0.

Satz 2.14 (a) Für alle a ∈ R ist |a| ≥ 0 und es gilt: Aus |a| = 0 folgt a = 0.
(b) Für alle a, b ∈ R ist |a · b| = |a| · |b|.
(c) Für alle a, b ∈ R ist |a + b| ≤ |a| + |b| (Dreiecksungleichung).
(d) Für alle a ∈ R gilt a ≤ |a|, | − a| = |a|.

Beweis: Zu (a): Folgt direkt aus der Definition von | · |.


Zu (b): Beweis per Fallunterscheidung.
1. Fall a = 0 oder b = 0: Dann ist a · b = 0 wegen Lemma 2.7.1 sowie |a| = 0 oder |b| = 0.
Daraus folgt |a · b| = 0 = |a| · |b|.
2. Fall a > 0 und b > 0: Dann ist a · b > 0 wegen (O4). Daraus folgt |a · b| = a · b = |a| · |b|.
3. Fall a > 0 und b < 0: Dann ist a · b < 0 wegen Satz 2.11. Daraus folgt

|a · b| = −(a · b)=a · (−b) = |a| · |b|,

wobei die zweite Gleichung im Beweis von Satz 2.11 bezeigt wurde (mit c = b).
4. Fall a < 0 und b > 0: Analog zum 3. Fall, vertausche a und b.
5. Fall a < 0 und b < 0: Dann ist a · b > 0 wegen Satz 2.11. Daraus folgt

|a · b| = a · b = (−a) · (−b) = |a| · |b|

wobei die zweite Gleichung auf dem 2. Übungsblatt gezeigt wird.


Zu (d): Falls a ≥ 0, so gilt a = |a| und
−a≤0
| − a| = −(−a) = a = |a|.

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Falls a < 0, so folgt aus (O3):


−a>0 a<0
a < 0 < −a = |a| und | − a| = −a = |a|.

Zu (c): Falls a + b ≥ 0, so folgt aus (d) und (O3)


a≤|a| b≤|b|
|a + b| = a + b ≤ |a| + b ≤ |a| + |b|.

Falls a + b < 0, so folgt aus dem vorangehenden Fall


a+b≥0 (d)
−a − b > 0 und |a + b| = | − a − b| ≤ | − a| + | − b| = |a| + |b|

Folgerung 2.15 Für alle a, b ∈ R gilt ||a| − |b|| ≤ |a − b|, wobei a − b := a + (−b).

Beweis: Es gilt
Satz 2.14
|a| = |(a − b) + b| ≤ |a − b| + |b|
Daraus folgt |a| − |b| ≤ |a − b|. Vertauscht man a und b , so erhält man:
Satz 2.14(d)
−(|a| − |b|) = |b| − |a| ≤ |b − a| = | − (b − a)| = |a − b|.

Somit erhalten wir ||a| − |b|| ≤ |a − b|.

2.3 Das Vollständigkeitsaxiom

Für die Formulierung vom Vollständigkeitsaxiom benötigen wir.

Definition 2.16 Sei M eine Teilmenge von R


1. s ∈ R heißt obere/untere Schranke von M, falls m ≤ s (bzw. m ≥ s) für alle m ∈ M .
2. M heißt nach oben (unten) beschränkt, wenn es eine obere (untere) Schranke von M
gibt. M heißt beschränkt, falls M nach oben und unten beschränkt ist.
3. s ∈ R heißt Maximum ( Minimum), wenn s ∈ M und s eine obere (untere) Schranke
von M ist. Kurz: s := max M (bzw. s := min M ).
4. s ∈ R heißt Supremum ( Infimum) von M , wenn s eine obere (untere) Schranke
von M ist und es keine kleinere obere (größere untere) Schranke von M gibt. Kurz:
s = sup M (bzw. s = inf M ). D.h. es gilt s0 ≥ s (bzw. s0 ≤ s) für jede andere obere
(untere) Schranke s0 von M .

Bemerkungen 2.17 1. Das Maximum, Minimum, Supremum, Infimum einer Menge


ist eindeutig, wenn es existiert.

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2. Falls max M (bzw. min M ) existiert, so existiert auch sup M (bzw. inf M ) und es gilt:
max M = sup M (bzw. min M = inf M )

Beweis: Die erste Aussage wird in der Zentralübung bewiesen und die zweite auf dem 3.
Übungsblatt.

Beispiel 2.18 Sei M = (0, 1]. Dann sind −1000, −1, 0 untere Schranken von M und 0 =
inf M , da es keine untere Schranke s von M mit s > 0 gilt. Allerdings besitzt M kein
Minimum, da 0 ∈ / M . Außerdem gilt max M = 1.

Das letzte Axiom, das die reellen Zahlen charakterisiert, ist das Vollständigkeitsaxiom:

(V) Jede nach unten beschränkte, nicht leere Teilmenge von R besitzt ein Infimum.

Folgerung 2.19 Jede nach oben beschränkte, nicht leere Teilmenge von R besitzt ein Su-
premum.

Beweisskizze: Sei M ⊆ R nach oben beschränkt und nicht leer. Dann ist −M := {x ∈
R : −x ∈ M } nach unten beschränkt. Aus dem Vollständigkeitsaxiom (V) folgt dann, dass
inf(−M ) existiert und es gilt inf(−M ) = − sup(M ). Die letzte Identität wird auf dem 3.
Übungsblatt gezeigt werden.
Für Anwendungen ist die folgende Charakterisierung von Infimum nützlich.

Satz 2.20 Es sei M ⊆ R und s ∈ R. Dann gilt s = inf M (s = sup M ) genau dann, wenn
s eine untere (obere) Schranke ist und es für alle ε > 0 ein m ∈ M gibt, sodass

m<s+ε (bzw. m > s − ε).

Beweis: Wir beweisen die Aussage, indem wir zwei Implikationen zeigen.
1. Implikation “⇒”: Es sei s = inf M .
Behauptung: Für alle ε > 0 gibt es ein m ∈ M mit m < s + ε.
Annahme: Es gilt das Gegenteil, d.h. es gibt ein ε > 0, sodass es kein m ∈ M gibt mit
m < s + ε. Daraus folgt, dass es ein ε > 0 gibt, sodass m ≥ s + ε für alle m ∈ M . Damit
ist aber s0 := s + ε eine untere Schranke von M . Dies ist ein Widerspruch dazu, dass s die
kleinste untere Schranke von M ist. Daraus folgt die Behauptung.
2. Implikation “⇐”: Es sei s ∈ R eine untere Schranke von M , sodass die obige Behaup-
tung gilt. Wir müssen zeigen, dass s die größte untere Schranke ist. (Daraus folgt s = inf M ).
Sei also s0 ∈ R eine weitere untere Schranke von M .
Wir nehmen an, dass s0 > s. Dann ist ε := s0 − s > 0 und wegen der Behauptung gibt es
ein m ∈ M , sodass m < s + ε = s0 . Das ist aber ein Widerspruch dazu, dass s0 eine untere
Schranke ist. Also gilt s0 ≤ s.

Konvention: inf(∅) = ∞, sup(∅) = −∞, wobei ∅ die leere Menge bezeichnet.

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Folgerung 2.21 Für alle a > 0 gibt es eine reelle Zahl y > 0, sodass y 2 = a.

Beweis: Wir nehmen zunächst an, dass a > 1 gilt und definieren
M = {x ∈ R : x ≥ 0 und x2 ≥ a}.
Dann ist M (durch 0) nach unten beschränkt. Aus dem Vollständigkeitsaxiom (V) folgt die
Existenz von y := inf M . Es bleibt zu zeigen, dass y 2 = a.
Wir nehmen an, dass y 2 6= a. Dann gilt y 2 > a oder y 2 < a.
2
1. Fall y 2 > a: Sei ε := y 2y−a > 0. Dann folgt

(y − ε)2 = y 2 − 2εy + |{z}


ε2 ≥ y 2 − (y 2 − a) = a.
≥0

Daraus folgt, dass y − ε ∈ M und y − ε < y. Dies ist aber ein Widerspruch dazu, dass y
eine untere Schranke ist.
2
2. Fall 1 ≤ y 2 < a: Es sei ε := min{y, a−y
3y }. Dann folgt aus Satz 2.20, dass es ein x ∈ M
gibt, sodass x < y + ε. Damit erhalten wir
x2 < (y + ε)2 = y 2 + 2εy + |{z}
ε2 ≤ y 2 + 3yε ≤ y 2 + (a − y 2 ) = a
|{z}
≤εy 2
≤3y a−y
3y

Das ist ein Widerspruch dazu, dass x ∈ M .


3. Fall y 2 < 1: Kann nicht auftreten, da 1 eine untere Schranke von M ist, weil aus
x2 ≥ a > 1 folgt, dass x ≥ 1 gilt.
Falls a ∈ (0, 1), betrachten wir a0 = a1 > 1. Dann folgt aus dem Fall “a > 1”, dass es ein
y 0 > 0 gibt mit (y 0 )2 = a0 = a1 . Dann gilt aber für y := y10 , dass
1 1
y2 = 0 2
= 1 = a.
(y ) a
Falls a = 1 wählen wir y = 1.

Folgerung 2.22 Für alle a > 0 gibt es genau eine Zahl y > 0 mit y 2 = a. Diese wird mit

a bezeichnet. Außerdem gilt
√ √ √
ab = a · b für alle a, b > 0 (2.1)
√ √
und aus 0 < a < b folgt a < b (strenge Monotonie der Wurzel).

Beweis: Um die Eindeutigkeit zu zeigen nehmen wir an, dass es zwei verschiedene x1 , x2 >
0 mit x21 = x22 = a gibt. Dann gilt x1 > x2 oder x2 > x1 . Daraus folgt, dass 2 2
√ a = x1 > x2 = a

oder a = x1 < x2 = a und somit ein Widerspruch. Dies zeigt auch a < b für 0 < a < b.
2 2

Da für alle a, b > 0 √ √ √ √


( a · b)2 = ( a)2 · ( b)2 = a · b
√ √ √
gilt und die Wurzeln eindeutig sind, folgt a · b = a · b.


Schließlich definieren wir noch 0 = 0.

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2.4 Die Archimedische Anordnung der reellen Zahlen

Lemma 2.23 Die Menge N ist nicht nach oben beschränkt.

Beweis: Wir nehmen an, dass N nach oben beschränkt ist. Dann folgt aus Folgerung 2.19,
dass s := sup N existiert. Aus Satz 2.20 folgt wiederum, dass es ein n ∈ N gibt mit s−1 < n.
(Wähle ε = 1!) Damit erhalten wir aber s < n + 1, was ein Widerspruch dazu ist, dass s
eine obere Schranke von N ist.

Als Folgerung erhalten wir:

Satz 2.24 (Archimedische Anordnung von R)


Für beliebige reelle Zahlen a, b ∈ R mit a > 0 gibt es ein n ∈ N so, dass a · n > b.

Beweis: Annahme: Es gibt a, b ∈ R mit a > 0, sodass a · n ≤ b für alle n ∈ N gilt.


Dann folgt n ≤ ab für alle n ∈ N. Somit ist N nach oben beschränkt. Das ist ein Widerspruch
zu Lemma 2.23.

1
Folgerung 2.25 Es sei a ∈ R, sodass 0 ≤ a ≤ n für alle n ∈ N gilt. Dann ist a = 0.

Beweis: Wir nehmen an, dass a > 0 gilt. Dann folgt aus Satz 2.24, dass es ein n ∈ N gibt,
sodass a · n > 1. Daraus folgt aber a > n1 und damit ein Widerspruch zur Annahme.

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