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Geotechnik Vertiefung I

Skript: Mechanisches Verhalten grobkörniger Böden


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Skript: Mechanisches Verhalten grobkörniger Böden

1 Allgemeines ..............................................................................................................................2
1.1 Wiederholung: Porenzahl ...................................................................................................2
2 Verhalten bei eindimensionaler Kompressionsbeanspruchung (Oedometerversuch) ................3
2.1 Allgemeines .......................................................................................................................3
2.2 Beispiel: Setzung einer Sandschicht infolge einer Dammschüttung in Dammmitte .............4
3 Verhalten bei Scherbeanspruchung ..........................................................................................7
3.1 Dränierte Verhältnisse ........................................................................................................7
3.1.1 Volumetrisches Verhalten ...........................................................................................7
3.1.2 Dilatanzwinkel .............................................................................................................8
3.1.3 Scherfestigkeitsverhalten ..........................................................................................10
3.1.4 Kritischer Zustand (Critical State) ..............................................................................10
3.1.5 Bruchbedingung ........................................................................................................12
3.1.6 Beispiel .....................................................................................................................13
3.2 Verhalten bei undränierter Scherbeanspruchung .............................................................17
4 Literaturhinweise .....................................................................................................................18

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1 Allgemeines

1.1 Wiederholung: Porenzahl

Definition der Porenzahl:


VPorenraum
e=
VFeststoff

Je größer die Dichte (𝐕𝐏𝐨𝐫𝐞𝐧𝐫𝐚𝐮𝐦 ↓ 𝐛𝐞𝐢 𝐕𝐅𝐞𝐬𝐭𝐬𝐭𝐨𝐟𝐟 = 𝐜𝐨𝐧𝐬𝐭), desto kleiner ist die Porenzahl e.

Mit

VPorenraum = Vp VFeststoff = Vs V = Vp + Vs
(der Index s steht für solid) (Gesamtvolumen der Probe)

folgt
m d md 1 1
Vp V − Vs ρd − ρs ρd − ρs ρs
e= = = md = = −1
Vs Vs 1 ρd
ρs ρs

Bei bekanntem Volumen V kann somit auf das Feststoffvolumen geschlossen werden:
V
Vs =
1+e
z. B. zu Versuchsbeginn (V = V0 und e = e0):
V0
Vs =
1 + e0

Sofern die Probe während eines Versuchs ihr Volumen ändert (V), folgt daraus für die Porenzahl:
V0
V0 − ∆V − Vs V0 − ∆V − 1 + e0 (1 + e0 ) ∙ (V0 − ∆V) − V0 ∆V
e= = = = (1 + e0 ) ∙ (1 − ) − 1
Vs V0 V0 V0
1 + e0
Und somit

e = (1 + e0 ) ∙ (1 − εv ) − 1 = e0 − ε⏟v ∙ (1 + e0 )
Porenzahländerung

Mit der allgemeinen volumetrischen Dehnung

εv = ε1 + ε2 + ε3

Für rotationssymmetrische Versuchsanordnungen (z.B. Triaxialversuch):

εv = εa + 2εr

Für oedometrische Verhältnisse:

εv = εa
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2 Verhalten bei eindimensionaler Kompressionsbeanspruchung (Oedometerversuch)

2.1 Allgemeines

In Bild 2.1 sind die Ergebnisse von Ödometerversuchen dargestellt, die mit konstanter Dehnungsrate
ε̇ a durchgeführt wurden, dargestellt. In dem Bild ist die Porenzahl
=Zeit!
e = e0 − εa ∙ (1 + e0 ) = e0 − [ε̇ a ∙ ⏞t ] ∙ (1 + e0 )

gegenüber den gemessenen Vertikalspannungen


F
σa =
A
aufgetragen. Es wurde jeweils ein Versuch an einem dichten Sand (e0 = 0,65) und einem mitteldich-
ten Sand (e0 = 0,8) durchgeführt. Die Proben wurden (stufenlos) bis ca. v‘ = 9000 kPa erstbelastet
und anschließend bis auf ca. v‘ = 50 kPa entlastet. Anschließend wurden die Proben wiederbelastet.
Bild 2.2 zeigt die entsprechenden spannungsabhängigen Steifemoduln (Oedometermoduln):

δσ′a δσ′a
Es = = ∙ (1 + e0 )
δεa δe

0.8 0.8 dicht


dicht mitteldicht
mitteldicht
0.7 0.7
e [-]
e [-]

0.6 0.6

0.5 0.5
0 2500 5000 7500 10000 1 10 100 1000 10000
a' [kN/m²] a' [kN/m²]
Bild 2.1: Ergebnisse von Ödometerversuchen an mitteldichten (e0 = 0,8) und dichten (e0 = 0,65)
Sand

700 1000
600 Wiederbelastung

500
Es [MN/m²]
Es [MN/m²]

Entlastung 100
400 Entlastung

300 Erstbelastung Erstbelastung


10
200
100
0 1
0 2500 5000 7500 10000 1 10 100 1000 10000
a' [kN/m²] a' [kN/m²]
Bild 2.2: Spannungsabhängiger Steifemodul
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Die Ergebnisse zeigen, dass sich der dicht eingebaute Sand bei Erstbelastung deutlich steifer verhält
als der mitteldicht eingebaute Sand. Die Steifigkeit bei Ent- und Widerbelastung ist für beide Einbau-
dichten deutlich höher als die Steifigkeit bei Erstbelastung und annähernd unabhängig von der Ein-
baudichte, jedoch ebenfalls spannungsabhängig.

Oftmals wird statt unterschiedlichen Steifigkeiten bei Ent- und Wiederbelastung eine mittlere (span-
nungsabhängige) Steifigkeit angegeben. Der Boden wird in dem zugehörigen Spannungsbereich da-
bei als vorbelastet bezeichnet.

Die spannungsabhängige Steifigkeit muss bei der Wahl von Steifemoduln (z. B. zur überschlägigen
Berechnung von Setzungen) berücksichtigt werden. D.h., dass aus den a‘ - e - Kurven die Steifigkeit
im zu betrachtenden Spannungsbereich ermittelt werden sollte. Zudem ist abzuschätzen, ob der Bo-
den in diesem Spannungsbereich infolge seiner „Belastungsgeschichte“ vorbelastet ist oder nicht.
Der Steifemodul muss bei vorbelasteten Böden aus dem Ent- bzw. Wiederbelastungsast abgeleitet
werden.

Anmerkungen:
- Ein Versuch mit stufenweiser Aufbringung der Last würden in etwa ähnliche Ergebnisse liefern.
- Die Versuchsergebnisse werden oftmals auch als v‘ - v – Kurven dargestellt. Wobei der Index v
sowohl bei der Spannung als auch bei der Dehnung für „vertikal“ steht.
- Die Radialspannungen r werden in der Praxis üblicherweise nicht gemessen, da sie auf die Er-
mittlung des Steifemoduls keinen Einfluss haben.
- Zeit-Verformungs-Kurven werden für grobkörnige Böden üblicherweise nicht dargestellt, da - an-
ders als bei bindigen Böden - aufgrund der hohen Durchlässigkeiten keine zeitabhängigen Ver-
formungen infolge von Konsolidationsvorgängen auftreten.
- Grobkörnige Böden können jedoch zeitabhängige Verformungen infolge von Kriechverformungen
aufweisen. Die Kriechdehnungen sind jedoch so gering, dass sie für herkömmliche Ingenieursan-
wendungen vernachlässigbar sind. Für spezielle Fälle, wie z.B. verkippte (zugeschüttete) Braun-
kohle-Tagebauen, die mehrere hundert Meter tief sein können, können die Kriechverformungen
jedoch maßgebend werden. In solchen Fällen ist die Zeit-Verformungs-Kurven auszuwerten.

2.2 Beispiel: Setzung einer Sandschicht infolge einer Dammschüttung in Dammmitte

Schichtweise Dammschüttung: vereinfachend in zwei 5 m - Schritten


15,0 m 60,0 m 15,0 m
10,0 m

γ = 20 kN/m³
GOF 0,0 m
A
z
-2,0 m Auffüllungen g = 20 kN/m³ A

100 kPa/
Schicht Sand (mitteldicht)
const. γ = 20 kN/m³
z
-7,0 m
Sandstein
(inkompressibel,
undurchlässig)
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Infolge der schichtweisen Dammschüttung wird die Sandschicht pro geschütteter Dammschicht über
ihre gesamte Tiefe mit einer setzungswirksamen in etwa konstanten vertikalen Spannung von etwa
z = 100 kPa belastet (im Verhältnis zur Schichtdicke großflächige Auflast).

0.8 mitteldicht 40
mitteldicht - Erstbelastung
30

Es [MN/m²]
e [-]

20

10

0.7 0
0 100 200 300 400 500 0 100 200 300 400 500
a' [kPa] a' [kPa]
Bild 2.3: Ergebnisse des Oedometerversuchs am mitteldichten (e0 = 0,8) Sand im Spannungsbe-
reich bis 500 kPa (Erstbelastung)

1. Schüttlage von 0 m bis 5 m Dammhöhe:

Vertikale Überlagerungsspannungen:

ü, z=2m = 2m · 20 kN/m³ = 40 kN/m²

ü, z=7m = 40 kN/m² + 5 m · 20 kN/m³ = 140 kN/m²

Infolge Schüttung erster Dammlage kommt jeweils hinzu:

z = 100 kPa

Spannungsbereich geht von etwa 40 kPa bis 240 kPa.

Ermittlung des Steifemoduls (mitteldichter Sand, Erstbelastung):


MN MN 15+5 MN
Es,40kPa ≈ 5 m2
bzw. Es,240kPa ≈ 15 m2
→ Es,mittel ≈ 2
= 10 m2

Setzung s infolge 1. Schüttlage:


∆σ 100
s1.Schüttlage = ∙ di = ∙ 5m = 5 ∙ 10−3 m ≈ 0,5 cm
Es,mittel 10∙103

2. Schüttlage von 5 m bis 10 m Dammhöhe:

Überlagerungsspannungen + erste Schüttlage:

ü, z=2m = 40 + 100 = 140 kN/m²

ü, z=7m = 140 + 100 = 240 kN/m²

Infolge Schüttung zweiter Dammlage kommt jeweils hinzu:

z = 100 kPa

Spannungsbereich geht von etwa 140 kPa bis 340 kPa.


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Ermittlung des Steifemoduls (mitteldichter Sand, Erstbelastung):


MN MN 12,5+20 MN
Es,140kPa ≈ 12,5 m2
bzw. Es,340kPa ≈ 20 m2
→ Es,mittel ≈ 2
= 16 m2

Setzung s infolge 2. Schüttlage:


∆σ 100
s2.Schüttlage = ∙ di = ∙ 5 m = 3,1 ∙ 10−3 m = 0,3 cm
Es,mittel 16∙103

Die zweite Schüttlage verursacht nur noch etwa die Hälfte der Setzung der ersten Schüttlage, obwohl
die Spannungserhöhung gleichgeblieben ist. Das liegt an der Zunahme des Steifemoduls nach dem
Aufbringen der ersten Schüttlage.

Anmerkung: Die obige Berechnung stellt eine Vereinfachung dar. Genauere Ergebnisse ließen sich
mit einem tiefenabhängigen Steifemodul und einer tiefenabhängigen Spannungsverteilung infolge
der Dammschüttung erzielen.
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3 Verhalten bei Scherbeanspruchung

3.1 Dränierte Verhältnisse

Grobkörnige Böden zeigen in Abhängigkeit von der Lagerungsdichte bei Scherbeanspruchung ein
charakteristisches bodenmechanisches Verhalten. Dieses lässt sich beispielsweise im Rahmen-
scherversuch, im Einfachschergerät oder im Triaxialversuch beobachten. Im Folgenden wird das
Scherverhalten von grobkörnigen Böden anhand von triaxialen Kompressionsversuchen erklärt.

Während einer dränierten triaxialen Kompression (a = 1‘ > r = 3‘ = const.) zeigen Proben des
selben Bodens, die dicht bzw. locker in den Versuchsstand eingebaut wurden, bei gleichem Zelldruck
ein unterschiedliches Verhalten (Bild 3.1).

q q Nichtlineare
3' = const. Bruchbedingung
Dicht und/oder
qPeak kleine Spannungen
qPeak
Critical State Line
a) (CSL)
qcrit qcrit d)
Locker und/oder
große Spannungen Spannungspfade

q
-v  p0 p crit p Peak p
dv 0 t

b) Dilatanz
q
Kontraktanz 
t
dv 0
e e
e0,locker Critical State Line
(CSL)
c) ecrit
e)
e0, dicht dv 0

q
p0 p crit p Peak p

Bild 3.1: Scherverhalten bei dränierter triaxialer Kompression

3.1.1 Volumetrisches Verhalten

Die locker gelagerte Bodenprobe hat bei Versuchsbeginn eine große Porenzahl. Durch die Bean-
spruchung im Triaxialgerät verringert sich der Porenraum und damit das Volumen der Bodenprobe
(Verdichtung). Dieses Verhalten wird als Kontraktanz bezeichnet (Bild 3.1b und c). Bei der dicht ge-
lagerten Bodenprobe kommt es zu Beginn zunächst zu einer geringen Verringerung des Volumens
der Bodenprobe. Anschließend nimmt das Volumen jedoch wieder zu (Auflockerung). Die Zunahme
des Volumens wird als Dilatanz bezeichnet (Bild 3.1b und c). Dies kann durch Verzahnungseffekte
(Interlocking) der einzelnen Körner erklärt werden. Interlocking-Effekte umfassen behinderte Parti-
kelrotationen aufgrund der „Eckigkeit“ der Körner oder ein behindertes gegeneinander Gleiten von
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Körnern aufgrund der Rauheit der Partikeloberflächen. Anschaulich lässt sich kontraktantes und di-
latantes Bodenverhalten bei Scherung anhand eines einfachen Kugelmodells erläutern.

Bild 3.2: Kontraktanz Bild 3.3: Dilatanz

Bei einer locker gelagerten Probe liegen die Kugeln zunächst übereinander (Bild 3.2). Durch die
Scherbeanspruchung rutschen und rotieren die Kugeln in die Zwischenräume, das Volumen wird
kleiner (Kontraktanz). Bei der dicht gelagerten Probe liegen die Kugeln bereits in den Zwischenräu-
men (Bild 3.3). Bei Scherung rutschen und/oder rotieren die oberen Kugeln aus den Zwischenräumen
über die untenliegenden Kugeln. Es kommt zu einer Volumenzunahme (Dilatanz).

Anmerkung:
Die Tendenz von Böden, ihr Volumen bei Scherbeanspruchung zu verändern, ist ein großer Unter-
schied zu vielen anderen Baumaterialien (z.B. Metall, Beton). Lockere Böden neigen dazu, ihr Volu-
men zu reduzieren (Kontraktanz). Dichte Böden neigen dazu, ihr Volumen zu vergrößern (Dilatanz).

3.1.2 Dilatanzwinkel

Der Dilatanzwinkel ψ ist eine Funktion des Verhältnisses von Volumendehnungsrate zu Scherdeh-
nungsrate:
Volumendehnungsrate
ψ = f( )
Scherdehnungsrate

Am leichtesten lässt sich der Dilatanzwinkel im Einfachschergerät (Bild 3.4) veranschaulichen.


x
dx σz
τzx

z dh
ψ

τxz
h0

Bild 3.4: Dilatanzwinkel im Einfachschergerät

Während der Scherung erfährt die Probe eine Veränderung ihrer Höhe. Verhält sich die Probe kon-
traktant, nimmt die Probenhöhe während der Scherung ab. Verhält sich die Probe dilatant, nimmt die
Probenhöhe während der Scherung zu. Da die Probe seitlich gestützt ist und sich somit seitlich nicht
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ausdehnen kann, entspricht die Höhenänderung auch gleichzeitig der Volumenänderung der Probe.
Die Volumendehnungsrate (Rate = Inkrement) ist:
δh
δεv = h
0

Die Scherdehnungsrate ist:


𝑘𝑙𝑒𝑖𝑛𝑒
δx 𝐷𝑒ℎ𝑛𝑢𝑛𝑔𝑒𝑛 δx
δγxz = tan ⏞

h0 + δh h0 + δh
≈0
δεv ⏞2 δh
δh ∙ (h0 + δh) δh ∙ h0 + δh
→ = = =
δγxz δx ∙ h0 δx ∙ h0 δx

Mit Bild 3.4 lässt sich der Dilatanzwinkel wie folgt interpretieren:
δεv δh
tan(𝜓) = =
δγxz δx

Allgemein gilt:
 Je scharfkantiger die Körner und je ungleichförmiger das Korngerüst, desto größer ist der Dilatan-
zwinkel.
 Der Dilatanzwinkel ist keine Bodenkonstante, sondern zustandsabhängig (Lagerungsdichte und
Spannungsniveau).
 Der Dilatanzwinkel ist abhängig von der Scherdehnung (oder auch von der Axialdehnung).

Gemäß der Vorzeichendefinition in der Bodenmechanik gilt:


 Bei Volumenvergrößerung ist der Dilatanzwinkel positiv.
 Kontraktantes Verhalten (Volumenverringerung) wird über einen negativen Dilatanzwinkel ge-
kennzeichnet und daher auch negative Dilatanz genannt.

Generell ist die Definition des Dilatanzwinkels leider nicht einheitlich, da die Scherdehnung unter-
schiedlich definiert werden kann bzw. die Herleitung des Dilatanzwinkels teils auf elasto-plastischen
Stoffmodellen basiert. In der Literatur existieren deshalb unterschiedliche Ansätze zur Bestimmung
des Dilatanzwinkels. Für die triaxiale Kompression sind nachfolgend mögliche Definitionen darge-
stellt:

δε
δεv δεv 2 v
δεa
sin(ψ) = − =− = VAID & SASITHARAN 1992
δεa − δεr (δεv − δεa ) δε
δεa − 3− v
2 δεa

δεv
δεv δεv δεa VERMEER & DE BORST 1984
sin(ψ) = − =− =
δεa − 2δεr δεa − (δε v − δεa ) δε
2− v
δεa
δε
δεv δεv 3 v
δεa
sin(ψ) = − =− = COLLINS & MUHUNTHAN (2003)
2 2 (δεv − δεa ) δε
3
(δεa − δεr )
3 (δεa − 2 ) 3 − δεv
a
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Da das Verhältnis von volumetrischer Dehnung zu Scherdehnung während eines Versuches nicht
konstant ist (Bild 3.1b), wird der Dilatanzwinkel üblicherweise als das maximale Verhältnis von Volu-
mendehnung zu Scherdehnung definiert. Dieses tritt im Bereich des Peaks der q-a-Kurve (oder auch
q-q-Kurve) auf (Bild 3.5).

q
3' = const.
qPeak

qcrit

a
-v

ymax dv
da
a

Bild 3.5: Dilatanzwinkelbestimmung

3.1.3 Scherfestigkeitsverhalten

Bei Betrachtung von Bild 3.2 und Bild 3.3 erscheint es intuitiv richtig zu sein, dass das anfangs lo-
ckere Korngefüge weniger Widerstand gegen Scherung aufbringen kann, als das anfangs dichte
Korngefüge. Das liegt an dem zusätzlichen Widerstand, der durch den geometrischen Zwang (Dila-
tanz) in der dichten Probe überwunden werden muss. Wie in Bild 3.3 dargestellt, wird die dichte
Probe jedoch mit zunehmender Scherverformung auflockern. Der geometrische Zwang entfällt somit
sukzessive, womit der Widerstand gegen Scherung wieder abnehmen sollte.

Tatsächlich stellt sich dieses Verhalten in der Realität auch ein (Bild 3.1a). Unter dränierten Bedin-
gungen, bei denen keine Veränderungen des Porenwassers durch Volumenänderungen möglich
sind, ist die maximale Scherfestigkeit (qPeak) einer dilatatanten (dichten) Probe höher als bei einer
kontraktanten (lockeren) Probe. Im q - q - Diagramm zeigt die dilatante Probe in der Regel einen
Peak. Mit zunehmender Scherung der Probe lockert die Probe auf, womit der Widerstand gegen die
Scherbeanspruchung (= deviatorische Spannung) nach Erreichen des Peaks wieder abfällt.

Die locker gelagerte Bodenprobe verdichtet sich während des Schervorgangs und strebt deshalb
monoton gegen einen Endwert der Scherfestigkeit. Im q - q – Diagramm weist sie in der Regel keinen
Peak auf (Bild 3.1a).

3.1.4 Kritischer Zustand (Critical State)

Bei gleichem Zelldruck resultiert die während der Scherung erfolgende Verdichtung der lockeren
Probe (mit der damit einhergehenden Zunahme der deviatorischen Spannung) und die Auflockerung
der dichten Probe (mit der damit einhergehenden Abnahme der deviatorischen Spannung) bei gro-
ßen Scherdehnungen sogar in derselben (mit weiter zunehmender Scherdehnung konstanten)
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Scherfestigkeit qcrit (dq = 0) (Bild 3.1a). Gleichzeitig findet bei beiden Bodenproben keine Volumenän-
derung mehr statt (dv =de = 0). Die weitere Scherung findet dann bei konstantem Volumen und
konstantem Scherwiderstand statt. Der Boden verhält sich damit wie ein Fluid. Er fließt. Dieser Zu-
stand wird als kritischer Zustand bezeichnet.
Bei kontraktanten Proben entspricht die Scherfestigkeit im kritischen Zustand der maximalen Scher-
festigkeit.

Trägt man die kritischen Zustände für mehrere Zelldrücke in das p‘-q-Diagramm ein, ergibt sich eine
lineare Beziehung zwischen qcrit und der mittleren Spannung im kritischen Zustand pcrit mit der Stei-
gung Mcrit, die durch den Ursprung geht (Bild 3.1d). Diese Beziehung wird Critical State Line genannt.
Sie kann ebenso im s‘-t-Diagramm oder auch im ‘-t-Diagramm dargestellt werden (Bild 3.6).

q Nichtlineare
Bruchbedingung t Nichtlineare Bruchbedingung
bei Betrachtung von
Peakzuständen
Critical State Line

Mcrit
(CSL) ≜
Critical State Line
1
(CSL)

'
p
Bild 3.6: Bruchbedingungen in p‘-q-Ebene und in ‘-t-Ebene

Dabei gilt bei triaxialer Kompression:

6 sin φ′crit
Mcrit =
3 − sin φ′crit

Und damit:
3 ∙ Mcrit
φ′crit = arcsin
6 + Mcrit

Da die Critical State Line auch bei Darstellung in der ‘-t-Ebene durch den Ursprung geht, weisen
Böden im kritischen Zustand keine Kohäsion auf (c‘crit = 0).

Im kritischen Zustand konvergiert die Porenzahl e sowohl der ursprünglich dichten als auch der ur-
sprünglich lockeren Probe gegen die sogenannte kritische Porenzahl ecrit. Beide Proben weisen also
dann die selbe Dichte auf (Bild 3.1c und e). Nach Erreichen dieses kritischen Zustands findet keine
weitere Porenzahländerung mehr statt (volumenkonstantes Fließen).

Die kritische Porenzahl ist abhängig von der mittleren effektiven Spannung. Durch die Durchführung
von vielen Versuchen bei unterschiedlichen Einbaudichten und Zelldrücken ergibt sich die in Bild
3.1e dargestellte nichtlineare Beziehung zwischen der kritischen Porenzahl und der mittleren effek-
tiven Spannung. Diese Beziehung stellt die Critical State Line (CSL) in der e-p‘-Ebene dar.
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Anmerkung:
Auf Mikroebene stellt sich in diesem Zustand ein statistisches Gleichgewicht zwischen der Volumen-
reduktion durch den Kollaps von Kraftketten innerhalb der Proben und der Volumenerweiterung, die
zur Reduzierung von Interlocking-Effekten erforderlich ist, ein.

3.1.5 Bruchbedingung

Für die anfangs dicht gelagerte Bodenprobe lässt sich bei der Auswertung von Triaxialversuchen
sowohl ein Peak-Reibungswinkel bezogen auf das Maximum der Kurve φ‘peak als auch ein kritischer
Reibungswinkel φ‘crit ermitteln. Führt man Triaxialversuche bei unterschiedlichen Zelldrücken und
unterschiedlichen Anfangsporenzahlen e0 durch, so stellt man fest, dass nur der kritische Reibungs-
winkel eine Bodenkonstante ist. Der Peak - Reibungswinkel φ‘peak hingegen ist zustandsabhängig.

Bei Auswertung von Peak-Zuständen können daraus nichtlineare Bruchbedingungen resultieren


(Bild 3.1d bzw. Bild 3.6).
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3.1.6 Beispiel

In Bild 3.7 sind die Versuchsergebnisse eines dränierten triaxialen Kompressionsversuchs an einem
dicht gelagerten schluffigen Sand bei drei unterschiedlichen Zelldrücken (25 kPa / 50 kPa / 100 kPa)
dargestellt. Die Proben wurden vor dem Abschervorgang isotrop konsolidiert.

Bild 3.7: Triaxiale Kompressionsversuche an einem verdichteten schluffigen Sand

Aufgaben:

1. Stellen Sie die Spannungspfade im p‘-q-Diagramm dar.


2. Ermitteln Sie die Scherparameter zur Beschreibung der Mohr-Coulomb‘schen Bruchbedingung
bei Auswertung der Peakzustände.
3. Beurteilen Sie, ob alle Versuche den kritischen Zustand erreicht haben. Schätzen Sie den Rei-
bungswinkel und die Kohäsion für den kritischen Zustand ab und zeichnen Sie die Critical State
Line in das p‘-q-Diagramm ein.
4. Ermitteln Sie den maximalen Dilatanzwinkel für den Versuch bei p0 = 25 kPa.
5. Stellen Sie die druckabhängigen Sekantenreibungswinkel der nichtlinearen Bruchbedingung dar.
6. Erklären Sie, wieso der Boden bei Auswertung der Peakzustände eine Kohäsion aufweist. Han-
delt es sich um eine reale Scherfestigkeit?
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Lösung:

1. Stellen Sie die Spannungspfade im p-q-Diagramm dar.

p0 q0 qPeak p‘Peak = p0 + q/3

25 0 100 58,3

50 0 150 100,0

100 0 250 183,3

300 Spannungspfade
''kritischer'' Zustand
Peakzustand
Mohr-Coulomb
250 CSL

200
q [kPa]

150

100

50

0
0 100 200 300
p' [kPa]
2. Ermitteln Sie die Scherparameter zur Beschreibung der Mohr-Coulomb Bruchbedingung für die
Peakzustände.

M = 1,2

qp=0 = 30 kPa
3∙M 3 ∙ 1,2
φ′M−C = arcsin = arcsin = 30°
6+M 6 + 1,2

(3 − sin φ′ M−C ) (3 − sin 30)


c′M−C = qp=0 ∙ ′
= 30 ∙ = 14.4 kPa
6 ∙ cos φ M−C 6 ∙ cos 30
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3. Beurteilen Sie, ob alle Versuche den kritischen Zustand erreicht haben. Schätzen Sie den Rei-
bungswinkel und die Kohäsion für den kritischen Zustand ab und zeichnen Sie die Critical State
Line in das p-q-Diagramm ein.

Von allen Versuchen hat der Versuch bei p0 = 100 kPa am ehesten den kritischen Zustand er-
reicht (dp = 0 und dv = 0).

qcs = 238 kPa

p‘crit = 100 + 238/3 = 179 kPa

Mcrit = 238/179 = 1.33


3 ∙ 1,33
φ′crit = arcsin = 32.9°
6 + 1,33
Im kritischen Zustand ist die Kohäsion immer Null  c’crit = 0 kPa

4. Ermitteln Sie den maximalen Dilatanzwinkel für den Versuch bei p0 = 25 kPa.
Bei ca. 3 % Dehnung

v,a = 2% = 0,0035 und v,a = 4% = 0,0085


δεv 0,0085 − 0,0035
δεv 3
3 0,04 − 0,02
δεa
sin(ψ) = − = = = 0,273
2 δε 0,0085 − 0,0035
(δεa − δεr ) 3 − v 3 −
3 δεa 0,04 − 0,02
 y = 15°

5. Stellen sie die druckabhängigen Sekantenreibungswinkel der nichtlinearen Bruchbedingung dar.

Definition des Sekantenreibungswinkels:

t t

CSL

3' 1' '

½ · (1' + 3')

𝑞𝑝𝑒𝑎𝑘 3∙M
p0 qPeak p‘Peak = p0 + qpeak/3 𝑀𝑠𝑒𝑘. = 𝜂 = φ′peak = arcsin ( ))
𝑝′𝑝𝑒𝑎𝑘 6+M
100
25 100 58,3 = 1,71 41,8
58,3
150
50 150 100,0 = 1,5 36,9
100
250
100 250 183,3 = 1,36 33,7
183,3
Geotechnik Vertiefung I
Skript: Mechanisches Verhalten grobkörniger Böden
Seite 16

45

40
'peak,sekante [ ]

35

30 Sekantenreibungswinkel im Peak
kritischer Reibungswinkel
25
0 50 100 150 200
p'peak [kPa]

6. Erklären Sie, wieso der Boden bei Auswertung der Peakzustände eine Kohäsion aufweist. Han-
delt es sich um eine reale Scherfestigkeit?

Die Kohäsion ist zur Beschreibung der Geradengleichung der im gewählten Spannungsbereich
(ca. p‘ = 50 kPa bis p‘ = 200 kPa) linearisierten Bruchbedingung erforderlich (t = ‘ · tan ‘ + c‘).
Es handelt sich also um den rechnerischen Schnittpunkt der Schergerade mit der t-Achse. Die
Kohäsion ist damit ein rechnerischer Wert und keine tatsächlich vorhandene Scherfestigkeit.

Wie aus Aufgabe 5 ersichtlich, steigt der Sekantenreibungswinkel mit abnehmender effektiver
Spannung an. Extrapoliert man dieses Verhalten in erster Näherung, so lässt sich annehmen,
dass die eigentlich nichtlineare Bruchbedingung bei der effektiven Spannung p‘ = 0 kPa durch
den Ursprung geht.

Anmerkung:
Triaxialversuche bei sehr kleinen Spannungsniveaus sind bzgl. der Ausführbarkeit und der Inter-
pretation der Versuchsergebnisse schwierig, weswegen sie selten durchgeführt werden. Die in
der Literatur vorliegenden Erkenntnisse für grobkörnige Böden bestätigen jedoch die obige Be-
trachtungsweise.
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3.2 Undränierter Verhältnisse

Die totalen Spannungspfade weisen bei der Darstellung einer undränierten triaxialen Kompression
im p-q-Diagramm eine Neigung von dq:dp = 1:3 auf. Die Abweichung des effektiven Spannungspfa-
des im p‘-q-Diagramm vom totalen Spannungspfad im p-q-Diagramm gibt den Porenwasserdruck an,
der während des Versuches entstanden ist. Dieser muss zur Darstellung der effektiven Spannungs-
pfade gemessen werden. Bei undränierten Triaxialversuchen entstehen bei kontraktantem Verhalten
Porenwasserüberdrücke (Bild 3.8b) und bei dilatantem Verhalten Porenwasserunterdrücke (Bild
3.8a). Daher lässt sich dilatantes bzw. kontraktantes Verhalten von nichtbindigen Böden gut anhand
der Entwicklung der effektiven Spannungen (= totale Spannungen – Porenwasserdruck) im p‘-q-Di-
agramm beobachten.

a) b)
Totaler Spannungspfad
q = σ a – σr

e0 = const
q = σa – σr

M M
1 1

uw < 0

uw > 0
Effektiver Spannungspfad

uw > 0

p = 1/3 (σ a + 2σ r) - uw p = 1/3 (σ a + 2σ r) - uw
bzw. p = 1/3 (σa + 2σr) bzw. p = 1/3 (σa + 2σr)

Bild 3.8: Porenwasserdruckentwicklung während undränierten triaxialen Kompressionsversuchen


an Sand

Im Gegensatz zu dränierten Triaxialversuchen zeigen die kontraktanten Proben dabei ein Peak-Ver-
halten im a – q- Diagramm (Bild 3.9a) während die dilatanten Proben bis zum Erreichen des kriti-
schen Zustands eine monoton zunehmende Scherfestigkeit aufweisen (Bild 3.9b). Dies kann durch
den Porenwasserdruck erklärt werden, der während des Versuches aufgrund der undränierten Be-
dingungen entstehen muss. Bei dilatanten Proben entwickeln sich im Laufe des Versuchs negative
Porenwasserdrücke (also Porenwasserunterdrücke), die die Probe mit zunehmender Scherdehnung
zunehmend stabilisieren, indem sie die mittlere effektive Spannung um den Betrag des (negativen)
Porenwasserdrucks erhöhen:

p‘ = 1/3 · (1 + 3) + |uw|.

Der effektive Spannungspfad „biegt dann nach rechts ab“. Das kann dazu führen, dass der effektive
Spannungspfad entlang der Bruchbedingung nach oben wandert. Dies geschieht, bis ein Grenzzu-
stand erreicht ist, indem keine weiteren Porenwasserdruckänderungen mehr auftreten
(duw = 0  dq = 0). Bei kontraktanten Proben entwickeln sich hingegen (positive) Porenwasserdrü-
cke (also Porenwasserüberdrücke), was dazu führt, dass die mittlere effektive Spannung während
des Versuchs immer weiter abnimmt:

p‘ = 1/3 · (1 + 3) - |uw|.


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Seite 18

Der effektive Spannungspfad „biegt dann nach links ab“ und kann entlang der Bruchbedingung nach
unten wandern bis wiederum der Grenzzustand erreicht ist (duw = 0  dq = 0).

Die Porenzahl bleibt während den Versuchen aufgrund des undränierten Zustands und der annä-
hernden Inkompressibilität des Porenwassers konstant.
effektiver Spannungspfad - locker

effektver Spannungspfad - dicht

totaler Spannungspfad - dicht

totaler Spannungspfad - locker


q = 1 - 3

q = 1 - 3
b)
locker

dicht
b)
M
1

a)
a)

p'0
a p' = 1/3·(1 +23) - uw bzw.
p = 1/3·(1 +23)

Bild 3.9: Undränierte triaxiale Kompressionsversuche an einem lockeren und einem dichten Sand
(Verdugo 1992)

4 Literaturhinweise

Vaid, Y.P. & Sasitharan, S., 1992. The strength and dilatancy of sands. Canadian Geotechnical Jour-
nal, 29, pp.522–526.
Verdugo, R.L., 1992. Characterization of Sandy Soil Behaviour under Large Deformation. PhD thesis,
University of Tokyo.
Vermeer, P.A. & de Borst, R., 1984. Non-Associated Plasticity For Soils, Concrete and Rock. Heron,
29(3), pp.1–64.