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2020
12. Oktober 2020

DIGITAL
Florian Dorn, Clemens Fuest, David Gstrein, Andreas Peichl und Marc Stöckli

Corona-Infektionen und die


Dunkelziffer: Vergleichen wir
Äpfel mit Birnen?
ifo Schnelldienst Digital
ISSN 2700-8371

Herausgeber: ifo Institut, Poschingerstraße 5, 81679 München,


Telefon +49(89)9224-0, Telefax +49(89)985369, E-Mail: ifo@ifo.de
Redaktion: Dr. Marga Jennewein, Dr. Cornelia Geißler.
Redaktionskomitee: Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest, Dr. Yvonne Giesing, Dr. Christa Hainz, Prof. Dr. Chang Woon Nam.
Vertrieb: ifo Institut
Erscheinungsweise: unregelmäßig
Nachdruck und sonstige Verbreitung (auch auszugsweise): Nur mit Quellenangabe und gegen Einsendung eines
Beleg­exemplars. Kommerzielle Verwertung der Daten, auch über elektronische Medien, nur mit Genehmigung des
ifo Instituts.

im Internet:
http://www.ifo.de
CORONA-INFEKTIONEN UND DIE DUNKELZIFFER

Florian Dorn, Clemens Fuest, David Gstrein, Andreas Peichl und Marc Stöckli

Corona-Infektionen und die


Dunkelziffer: Vergleichen wir Äpfel
mit Birnen?
In vielen europäischen Ländern steigen die bestä- IN KÜRZE
tigten Covid-19-Infektionszahlen seit dem Ende der
Sommerferien und mit Beginn des Herbstes rapide
an. Vielerorts erreichen die gemeldeten Neuinfekti- Im Herbst 2020 nehmen die Zahlen an erfassten Neuinfektionen
onszahlen in der zweiten Coronawelle sogar schon mit dem Coronavirus europaweit zu. Während viele Politiker
höhere Fallzahlen als während der Spitze der ersten vor wachsenden Gefahren warnen, werfen Kritiker ihnen Pa-
Infektionswelle im Frühjahr. Deutschland ist gegen-
nikmache vor und behaupten, die steigenden Infektionszahlen
wärtig (noch) nicht so stark betroffen wie viele der
europäischen Nachbarn. Dennoch werden auch für seien nur die Folge vermehrten Testens, nicht einer verstärkten
Deutschland vom Robert Koch-Institut (RKI) seit ei- Ausbreitung des Virus. Unsere Analyse zeigt, dass es in der Tat
nigen Wochen steigende Infektionszahlen gemeldet. irreführend ist, die Zahlen zu in Deutschland erfassten Neuin-
Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte jüngst, dass fektionen aus dem Frühjahr direkt mit den aktuellen Neuinfek-
Deutschland Gefahr laufe, alles Erreichte zu verspie- tionszahlen zu vergleichen. Daraus folgt jedoch nicht, dass die
len, was durch die harten Lockdown-Maßnahmen im
steigenden Zahlen allein durch mehr Tests verursacht sind. Wir
Frühjahr erreicht wurde, wenn sich der Trend der letz-
ten Wochen weiter fortsetze.1 verwenden eine einfache Simulationsrechnung, um zu zeigen,
In den Medien werden die neuen Infektions- dass die aktuellen Zahlen tatsächlich für ein verstärktes Infekti-
zahlen häufig mit den Zahlen während des bishe- onsgeschehen sprechen. Gleichzeitig ist es überzogen, die Lage
rigen Höhepunkts der Pandemie verglichen. Eine Anfang Oktober in Deutschland mit der Situation der ersten
vergleichbare Zahl bestätigter Covid-19-Infektionen Aprilhälfte gleichzusetzen. Bei gleicher Anzahl an Testungen
wie Anfang Oktober herrschte demnach zuletzt Mitte
im Frühjahr wären eher Anfang Mai 2020 ähnliche Zahlen an
April, wenn man die neu gemeldeten Fälle heranzieht.
Während Mitte April allerdings aufgrund sinkender Neuinfektionen gemessen worden. Eine ausgewogene und rea-
Infektionszahlen gerade über den optimalen Kurs bei listische Interpretation der Infektionslage ist wichtig, um ange-
den Lockerungen der einschränkenden Maßnahmen messene Reaktionen sowohl der politischen Entscheidungsträ-
diskutiert wurde (vgl. Dorn et al. 2020a; 2020b), sind ger als auch der Akteure des Wirtschaftslebens zu ermöglichen.
die Vorzeichen nun umgedreht – aufgrund steigen-
der Infektionszahlen sieht die Politik wieder vermehrt
die Notwendigkeit, Schutzmaßnahmen (lokal) zu ver-
schärfen, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten. haltensanpassungen eines Großteils der Bevölkerung
Gleichzeitig wird allerdings betont, man wolle einen verlangsamt ist.2 Gleichzeitig ist davon auszugehen,
flächendeckenden Lockdown wie im März und April dass im März und April eine deutlich höhere Dunkel-
vermeiden; dabei liegen die bestätigten Neuinfektio- ziffer an nicht identifizierten Infektionen vorherrschte
nen in Deutschland gegenwärtig sogar auf dem glei- und deshalb die heutigen Infektionszahlen anders
chen Niveau wie zur Zeit der Meldung des flächende- zu interpretieren sind als die Zahlen im Frühjahr.
ckenden Lockdown in der zweiten Märzhälfte. Schlichte Vergleiche der gegenwärtigen Infektions-
Dabei drängt sich die Frage auf, ob die gegenwär- zahlen mit den gemeldeten Infektionen im Frühjahr
tige Situation mit der von April oder März tatsächlich können deshalb irreführend sein. Das wiederum wirft
vergleichbar ist oder ob man hier Äpfel mit Birnen die Frage auf, ob Kritiker, die aktuelle Warnungen vor
vergleicht. Die Dynamik der Neuinfektionen war im steigenden Infektionen als »Panikmache« bezeichnen,
März deutlich höher als der gegenwärtig zu beobach-
tende Anstieg, der möglicherweise auch durch die 2
Diese Entwicklung ist auch an der Schätzung der Reproduktions-
zahl (R) abzulesen, die angibt, wie viele weitere Personen durch ei-
noch bestehenden Schutzregelungen (z.B. AHA-Regeln: nen Infizierten angesteckt werden. Während laut RKI der Schätzer für
Abstand-Hygiene-Atemschutzmasken) sowie die Ver- den 7-Tage-R-Wert vor Verhängung der umfassenden Lock-
down-Maßnahmen Mitte März noch bei einer Reproduktion von
1
Während der Generaldebatte im Bundestag zum Bundeshaushalt über 3 lag, basiert der gegenwärtige Anstieg auf einem Wert zwi-
am 30. September 2020 warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel: schen 1–1,3 (jedoch seit einigen Wochen mit steigender Tendenz),
»…wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht vgl. hierzu https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_
haben.«, vgl. https://www.tagesschau.de/inland/ Coronavirus/Projekte_RKI/Nowcasting.html (Stand: 3. Okto-
merkel-bundestag-153.html. ber 2020).

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CORONA-INFEKTIONEN UND DIE DUNKELZIFFER

Recht haben. Wie im Folgenden erläutert wird, stellt Deshalb können Änderungen bei den Tests die öf-
ein bloßer Vergleich der gemeldeten Neuinfektions- fentliche Wahrnehmung der Pandemielage verzer-
zahlen heute und im Frühjahr in der Tat die aktuelle ren. US-Präsident Donald Trump schreckte nicht
Infektionslage missverständlich dar. Trotzdem spricht davor zurück, bei einer Wahlkampfveranstaltung
viel dafür, dass sich das Virus derzeit wieder stärker Mitte Juni vorzuschlagen, in den USA einfach weni-
in der Bevölkerung verbreitet, so dass Warnungen ge- ger Tests durchzuführen; schon sei die Epidemie auf-
rechtfertigt sind und nicht als Panikmache abgetan grund weniger (bestätigter) Infektionen nicht mehr
werden sollten. so schlimm.5 Mehr Testen kann hingegen im Umkehr-
schluss durchaus dazu führen, dass mehr Infektionen
DIE HÖHE DER DUNKELZIFFER: MEHR TESTS, entdeckt werden, insbesondere dann, wenn die Dun-
MEHR BESTÄTIGTE INFEKTIONEN? kelziffer an Infektionen in der Bevölkerung hoch ist.
In Deutschland haben sich seit Beginn der Epi-
Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Zahl der demie die Teststrategie und Anzahl der Tests mehr-
tatsächlich Infizierten deutlich höher liegen kann mals verändert. Abbildung 1 zeigt, wie sich die Test-
als die Zahl der bestätigten Infektionen. Serologi- zahlen seit Beginn der Epidemie wöchentlich ent-
sche Untersuchungen des Bevölkerungsanteils mit wickelten. Von knapp 130 000 in der zweiten März-
Antikörpern in Orten mit sogenannten Super-Sprea- woche (KW 11) stieg die Zahl in den Folgewochen
ding-Events im Frühjahr3 gehen davon aus, dass das zunächst auf knapp das Dreifache an. Anfang April
tatsächliche Infektionsgeschehen lokal um etwa lag die Anzahl der durchgeführten PCR-Tests erstmals
2,5- bis sechsmal höher lag als durch PCR-Tests be- über 400 000 Testungen pro Woche und verharrte um
stätigte Infektionen mit SARS-Cov-2 (vgl. Knabl et al. dieses Niveau, bis es Mitte Juni u.a. aufgrund von
2020; Streeck et al. 2020; Santos-Hövener et al. 2020). Massentests nach größeren Ausbrüchen in Schlacht-
Eine serologische Untersuchung von über 30 000 Blut- betrieben zu einem erneuten Anstieg der Testungen
spenden von Erwachsenen aus ganz Deutschland kam. Während die Teststrategie zunächst nur auf
schätzt Mitte September den Anteil der Bevölke- symptomatische Verdachtspersonen oder beruflich
rung mit spezifischen Antikörpern auf 1,25% (vgl. RKI gefährdete Gruppen konzentriert war, ermöglichte
2020a). Umgerechnet wären dies geschätzt knapp Bayern seit Juli als erstes Bundesland Corona-Tests
über 1 Million Infizierte in Deutschland, was einem frei zugänglich und kostenfrei. Während die Testun-
vierfach höheren Infektionsgeschehen als durch die gen in Deutschland laut RKI somit bis Ende Juli wei-
bisherige PCR-Testerfassung zu diesem Zeitpunkt ent- ter auf wöchentlich knapp 580 000 anstiegen, ver-
spräche. Bohk-Ewald et al. (2020) schätzen mit Stand doppelte sich die Zahl innerhalb kürzester Zeit im
von Mitte Mai hingegen, dass die Infektionszahlen August und September. Hintergrund war insbeson-
für Deutschland lediglich um den Faktor 1,8 höher dere der Beschluss der Gesundheitsminister der
liegen würden. Länder Ende Juli, dass bis Mitte September grund-
Wie viele Infektionen tatsächlich erfasst werden, sätzlich allen Reiserückkehrern aus dem Ausland ein
hängt schließlich auch von der Teststrategie und der kostenfreier Test angeboten wird, unabhängig von
Anzahl durchgeführter Tests in der Bevölkerung ab.4 Symptomatik und nachgewiesenen Kontakten.6 Ab-
bildung 1 zeigt, dass die Testkapazitäten7 der Labore
3
Wie beispielsweise der Karneval im nordrhein-westfälischen Gan- in Deutschland zwar auch erst im Verlauf der Zeit an-
gelt, der Après-Ski im Tiroler Skiort Ischgl, das bayerische Starkbier-
fest in Bad Feilnbach oder das hohe Infektionsgeschehen infolge
gestiegen sind, aber erst durch den massiven Anstieg
eines Kirchenkonzerts der Gemeinde Kupferzell in Baden-Württem- an Testungen während des Sommers die gemeldeten
berg.
4
Zudem können fehlerhafte Diagnosen die Anzahl positiv gemelde-
Testkapazitäten stärker ausgeschöpft wurden. Zuvor
ter Infektionszahlen verzerren (vgl. Günther et al. 2020). hätten die Testkapazitäten durchaus mehr Tests in
Deutschland erlaubt. Die geringeren Testungen waren
Abb. 1
5
Tests und Testkapazitäten Vgl. BR vom 21. Juni 2020: »Trump spricht sich für weniger
Corona-Tests in seinem Land aus«, verfügbar unter:
Anzahl der Tests Testkapazitäten https://www.br.de/nachrichten/meldung/trump-spricht-sich-fuer-
Wöchentliche Tests weniger-corona-tests-in-seinem-land-aus,3002de9d1; Augsburger
1.800.000 Allgemeine vom 25. Juni 2020: »Donald Trumps irre Corona-Strate-
1.600.000 gie: Weniger Tests, weniger Fälle«, verfügbar unter:
https://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Donald-Trumps-ir-
1.400.000 re-Corona-Strategie-Weniger-Tests-weniger-Faelle-id57616441.html.
6
1.200.000 Laut RKI (2020b, S. 10) sei zu beachten, dass die Zahl der Tests
nicht mit der Zahl der getesteten Personen gleichzusetzen ist, da
1.000.000 in den Angaben Mehrfachtestungen von Patienten enthalten sein
800.000 können.
7
Laut Robert Koch-Institut (2020b, S. 11) werden zusätzlich zur
600.000
Anzahl durchgeführter Tests in der RKI-Testlaborabfrage und durch
400.000 einen labormedizinischen Berufsverband auch Angaben zur tägli-
200.000 chen (aktuellen) Testkapazität erfragt. Die Angaben der Labore und
des Berufsverbands sind freiwillig und stellen nur eine Momentauf-
0 nahme für die jeweilige Kalenderwoche dar. Die übermittelnden La-
bis KW12 KW14 KW16 KW18 KW20 KW22 KW24 KW26 KW28 KW30 KW32 KW34 KW36 KW38 KW40 bore machen Angaben zu ihren Arbeitstagen pro Woche, die zwi-
KW10 schen vier und sieben Arbeitstagen lagen. Daraus errechnet das RKI
Quelle: Robert Koch-Institut; Berechnungen des ifo Instituts. © ifo Institut eine theoretische Testkapazität für Deutschland.

2 ifo Schnelldienst digital 12/2020, 12. Oktober 2020


CORONA-INFEKTIONEN UND DIE DUNKELZIFFER

laut RKI-Statistik also nicht fehlenden Kapazitäten Abb. 2


geschuldet. Testzahlen und Positivrate

Positivrate, in % Tests pro Tag


DIE BEDEUTUNG DER POSITIVRATE 11 180.000
10 160.000
9
Der stufenweise Anstieg der täglichen Testungen wird 8
140.000
auch in Abbildung 2 sichtbar. Die täglichen PCR-Tests 7 120.000
6 100.000
stiegen zunächst auf rund 50 000 Tests pro Tag wäh-
5 80.000
rend des Lockdown im Frühjahr an und verharrten auf 4 60.000
diesem Niveau bis Mitte Juni. Trotz gleichbleibender 3
40.000
2
Testzahlen veränderte sich im selben Zeitraum jedoch 1 20.000
die Positivrate, also der Anteil an Tests mit positivem 0 0

12. Jul.
19. Jul.
26. Jul.
15. Mrz.
22. Mrz.
29. Mrz.

13. Sep.
20. Sep.
27. Sep.
3. Mai.

7. Jun.
5. Apr.

16. Aug.
23. Aug.
30. Aug.
5. Jul.

4. Okt.
6. Sep.
2. Aug.
9. Aug.
14. Jun.
21. Jun.
28. Jun.
10. Mai.
17. Mai.
24. Mai.
31. Mai.
12. Apr.
19. Apr.
26. Apr.
Befund von Covid-19. Zunächst stieg der Anteil posi-
tiver Tests auf über 10% Anfang April an, bis dieser
im Verlauf des Mais auf einen Anteil positiver Tests Quelle: Robert Koch-Institut; Berechnungen des ifo Instituts. © ifo Institut
von unter 1% zurückging. Dieser Zusammenhang ist
neben den bestätigten Infektionen ebenfalls ein star-
kes Indiz dafür, dass im März und April tatsächlich ein WIE WÄREN DIE GEMELDETEN INFEKTIONS-
hohes Infektionsgeschehen vorlag, dieses aber durch ZAHLEN, WENN DIE ANZAHL DER TESTS SEIT
die Schutzmaßnahmen und Verhaltensänderungen DEM FRÜHJAHR SO HOCH GEWESEN WÄRE WIE
seit April stark zurückging. Wenn die Testzahlen und HEUTE? EIN ALTERNATIVES TESTSZENARIO
Teststrategie gleichbleiben, ist die Entwicklung der
Positivrate ein starker Indikator dafür, ob das Infek- Beim Vergleich der bestätigten Infektionen mit dem
tionsgeschehen steigt oder sinkt. Sars-Cov-2-Virus und den zugrunde liegenden ver-
Abbildung 2 zeigt im weiteren Verlauf ab Juni änderten Teststrategien und Testzahlen in den ver-
einen weiteren auffälligen Zusammenhang zwischen gangenen Monaten wird offensichtlich, dass die be-
den Testzahlen und der Positivrate. Während die An- stätigten Fallzahlen über die Zeit nicht vergleichbar
zahl der täglichen Tests von Juni bis Mitte September sind. Vielmehr ist zu erwarten, dass aufgrund der ho-
deutlich anstiegen, blieb die Positivrate auf einem hen Testzahlen bei vergleichsweise niedriger Positiv-
überraschend konstanten Niveau unter 1 und über- rate die Dunkelziffer an Infektionen in der Bevölke-
schritt dieses erst Ende September erstmals wieder. rung zuletzt deutlich niedriger einzustufen ist, als es
Dieser Zusammenhang ist insofern auffällig, als die beispielsweise bei ähnlichen bestätigten Fallzahlen
Positivrate selbst eine Funktion der Testungen ist. während des Lockdown im März oder April der Fall
Wenn bei unverändertem Infektionsgeschehen die zu war – also der Zeitraum, auf den mit dem gegenwär-
testenden Personen alle rein zufällig aus der Bevöl- tig gemeldeten Infektionsaufkommen öffentlich gern
kerung ausgesucht würden, wäre zu erwarten, dass verwiesen wird. Mit einfachen Annahmen versuchen
die Positivrate bei vermehrten Tests konstant bleibt. wir daher in der Simulation eines kontrafaktischen
Tatsächlich werden Tests aber nicht zufällig durch- Testszenarios, das Infektionsgeschehen zwischen den
geführt, sondern vor allem bei Verdachtsfällen. Bei verschiedenen Phasen der Epidemie vergleichbarer
unverändertem Infektionsgeschehen ist deshalb da- abzubilden. Wir simulieren im kontrafaktischen Sze-
von auszugehen, dass mit steigenden Testzahlen die nario die Infektionszahlen seit Beginn der Epidemie
Positivrate sinkt.8 Der trotz konstanter Testungen seit unter der Annahme, dass in Deutschland von Anfang
Mitte August steigende Anteil an Positivtests deutet an täglich so viele Tests wie beim Höchststand Ende
hingegen darauf hin, dass das Infektionsgeschehen September durchgeführt worden wären – in unserer
tatsächlich wieder zunimmt. Die gemeldeten Neuin- Rechnung täglich 166 913 Testungen. Letztlich geht es
fektionen scheinen daher in diesem Zeitraum nicht darum, die durch unterschiedliche Testzahlen im Zeit­
auf ein vermehrtes Testen zurückzuführen sein, son- ablauf notwendigerweise auftretenden Unterschiede
dern vielmehr auf einen tatsächlichen Anstieg des In- in der Dunkelziffer herauszurechnen. Gleichzeitig tref-
fektionsgeschehens in der Bevölkerung. Bei der Ende fen wir in der Simulation die restriktive Annahme, dass
September vorliegenden hohen Anzahl an wöchent- sich durch die erhöhten Testungen keine Änderungen
lichen Tests von knapp 1,15 Millionen wäre schon in den geschätzten Positivraten ergeben (siehe Zeit-
ein Anstieg der Positivrate um 0,1 Prozentpunkte mit reihe der Positivraten in Abb. 2). Der oben erwähnte
zusätzlich entdeckten Fällen von 1 150 pro Woche Effekt, dass die Positivraten bei mehr Tests tendenziell
verbunden. sinken sollten, wird in unserer Simulation also nicht
berücksichtigt. Damit unterschätzt unsere Simulation
8
Veränderte Teststrategie im Sinne einer veränderten Auswahl der
zu testenden Personen kann die gemeldeten Infiziertenzahlen aller-
tendenziell das aktuelle Infektionsgeschehen im Ver-
dings ebenfalls verändern. Wenn die Auswahl der zu testenden Per- gleich zur Lage im Frühjahr. Bei der Bewertung der
sonen beispielsweise treffsicherer wird, etwa weil man Symptome
besser erkennt, kann die Positivrate auch bei konstanten Testzahlen
Ergebnisse sollte daher berücksichtigt werden, dass
steigen, ohne dass sich das Infektionsgeschehen wirklich verändert. wir damit die Dramatik des aktuellen Infektionsge-

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CORONA-INFEKTIONEN UND DIE DUNKELZIFFER

schehens im Vergleich eher unter- als überschätzen. Der simulierte Verlauf an Neuinfektionsmeldun-
Die Ergebnisse der Simulation sollten vor dem Hinter- gen deutet darauf hin, dass das gegenwärtige Infek-
grund dieser Annahmen eingeordnet werden. tionsgeschehen von Ende September bzw. Anfang
Wie zuvor diskutiert, sollte ein Anstieg der Tests Oktober in Zahlen eher mit der Situation der ersten
grundsätzlich zum Rückgang der Positivrate führen, Maihälfte vergleichbar ist und nicht wie von den ge-
wenn die Dunkelziffer nicht mehr signifikant ist und meldeten Neuinfektionen suggeriert mit Mitte April
kein Anstieg der Infektionen stattfindet. Die Entwick- oder Ende März. Das simulierte Infektionsgeschehen
lung in Deutschland zeigte hingegen, dass der Anstieg lag im März und April hingegen um ein vielfaches hö-
des Testens nicht zu einem starken Rückgang der Po- her als die bestätigten Infektionen. Die gegenwärtige
sitivrate führte (vgl. Abb. 2). Lediglich von Ende Juni Situation scheint folglich noch nicht so gravierend
bis Anfang Juli ist die Positivrate innerhalb von zwei wie im April oder März zu sein, wie die gemeldeten
Wochen von 1,1% auf 0,5% gesunken, während die Neuinfektionen suggerieren würden. Nichtsdestotrotz
Testzahlen parallel stiegen.9 Zwischen Mitte Juli und zeigen unsere Ergebnisse, dass wir seit einigen Wo-
Ende September ist die Positivrate jedoch trotz der chen eine Trendumkehr im Infektionsgeschehen haben
vermehrten Testungen von 0,5% auf 1,2% gestiegen. und Deutschland seit einiger Zeit mit einem stetigen
Das spricht dafür, dass die steigenden Neuinfektions- Anstieg an Neuinfektionen konfrontiert ist.
zahlen nicht allein durch mehr Tests zu erklären sind, Nach den Ergebnissen unserer Simulation hätte
sondern tatsächlich durch mehr Infektionen. Obwohl man auf dem Höhepunkt der Epidemie Anfang
die Positivrate laut RKI in der KW 40 auf einen Wert April bei der aktuellen Zahl an Testungen mit knapp
über 1,6% stieg, sind die Testzahlen zum Oktober so- 16 800 dreimal so viele Neuinfektionen registriert. Be-
gar wieder leicht rückläufig. trachtet man den gesamten Vergleichszeitraum von
Mitte März bis Anfang Oktober, liegen die geschätzten
ERGEBNISSE DER SIMULATION Infektionsmeldungen mit Sars-Cov-2 anhand unserer
Simulation beim mindestens 2,5-fachen Aufkommen
Abbildung 3 vergleicht den Verlauf des gemeldeten gegenüber den tatsächlich bestätigten Infektionen.
Infektionsgeschehens mit den simulierten Infektions- Zum 4. Oktober wären mit dem alternativen Test­
zahlen unter der Annahme gleich hoher Testungen szenario geschätzt bereits über 760 000 Menschen in
von Mitte März bis Anfang Oktober. Die gemeldeten Deutschland als mit dem Coronavirus infiziert erfasst
Erkrankungen mit Covid-19 stiegen in der ersten worden. Auch das ist keine Schätzung der Zahl der
Welle zunächst steil auf den Höchststand von knapp tatsächlich Infizierten, weil auch bei mehr Tests eine
6 000 gemeldeten täglichen Neuinfektionen Anfang Dunkelziffer verbleibt. Unsere Ergebnisse sind aber
April an. Anschließend sanken die gemeldeten Neuin- kompatibel mit Schätzungen der Dunkelziffer und da-
fektionen bis Ende April unter 2 000 gemeldete Fälle mit der tatsächlichen Zahl der Infizierten von rund
und bis Ende Mai auf unter 500 tägliche Neuinfektio- einer Million, die aus den zuvor diskutierten ersten
nen. Aufgrund des Anstiegs an Fällen über die Sommer- Serostudien in Deutschland hervorgehen, die in reprä-
monate wurden Ende September erstmals wieder über sentativen oder lokalen Stichproben die Antikör­per­
2 000 Neuinfektionen vermeldet. Zuletzt wurde am bildung der Bevölkerung gegen das Sars-Cov-2-Virus
9. Oktober sogar ein (ungeglätteter) Tageswert von ermitteln. Unsere Simulationsergebnisse scheinen das
4 516 neuen Infektionsmeldungen registriert. Infektionsgeschehen der vergangenen Monate trotz
der Prämisse einer unveränderten Positivrate bei ver-
mehrten Tests nicht zu überschätzen. Allerdings liegt
9
Es ist daher davon auszugehen, dass unsere Simulation gerade für
diesen zweiwöchigen Zeitraum das Infektionsgeschehen im Ver-
die Schwankungsbreite der Schätzungen auch in den
gleich eher überschätzt. Serostudien sehr hoch.

Abb. 3 SCHLUSSFOLGERUNGEN
Infektionen Covid-19

Bestätigte Infektionen (7-Tage-gleitender Schnitt)ᵃ


Ausgangspunkt unserer Analyse ist die öffentliche
Anzahl täglicher Infektionen Debatte über die Bewertung der steigenden Corona-
Bestätigte Infektionen (gemeldet)
18.000
16.000 Kontrafaktisches Testszenario Neuinfektionszahlen in Deutschland im Herbst 2020.
14.000 Während viele Politiker vor wachsenden Gefahren
12.000 warnen, werfen Kritiker ihnen Panikmache vor und
10.000
8.000 behaupten, die steigenden Infektionszahlen seien nur
6.000
4516
die Folge vermehrten Testens, nicht einer verstärk-
4.000 ten Ausbreitung des Virus. Unsere Analyse zeigt, dass
2.000
0 es in der Tat irreführend ist, die Zahlen zu erfassten
Neuinfektionen aus dem Frühjahr direkt mit den ak-
12. Jul.
19. Jul.
26. Jul.

11. Okt.
15. Mrz.
22. Mrz.
29. Mrz.

13. Sep.
20. Sep.
27. Sep.
3. Mai.

7. Jun.
5. Apr.

16. Aug.
23. Aug.
30. Aug.
5. Jul.

4. Okt.
6. Sep.
2. Aug.
9. Aug.
10. Mai.
17. Mai.
24. Mai.
31. Mai.

14. Jun.
21. Jun.
28. Jun.
12. Apr.
19. Apr.
26. Apr.

tuellen Neuinfektionszahlen zu vergleichen. Daraus


ᵃ Der gleitende Schnitt über 7 Tage nutzt den zentrierten gleitenden Durchschnitt.
folgt aber nicht, dass die steigenden Zahlen allein
Quelle: Robert Koch-Institut; Berechnungen des ifo Instituts (Stand: 9.10.2020). © ifo Institut durch mehr Tests verursacht sind. Wir verwenden eine

4 ifo Schnelldienst digital 12/2020, 12. Oktober 2020


CORONA-INFEKTIONEN UND DIE DUNKELZIFFER

einfache und leicht überprüfbare Simulationsrechnung in beiden Regionen gleich ist. Leider gibt es zum ge-
und zeigen, dass die aktuellen Zahlen tatsächlich für genwärtigen Zeitpunkt jedoch keine vergleichbaren
ein verstärktes und steigendes Infektionsgeschehen Informationen zu den durchgeführten Tests und der
sprechen.10 Bei der Einordnung unserer Ergebnisse Positivrate auf Bundesländerebene oder gar Regionen.
sind allerdings die Prämissen zu beachten, auf der Das RKI und vereinzelte Landesämter veröffentlichen
die Simulation beruht. Eine ausgewogene und realis- lediglich einen Auszug an Labortests nach Bundeslän-
tische Interpretation der Infektionslage ist wichtig, dern, die auf freiwilliger Basis von den Laboren gemel-
um angemessene Reaktionen sowohl der politischen det werden und keinen Aufschluss darüber geben, wie
Entscheidungsträger als auch der Akteure des Wirt- viele Menschen innerhalb eines Bundeslandes oder
schaftslebens zu ermöglichen. einzelnen Regionen getestet wurden. Angesichts der
Unsere Berechnungen ermöglichen es, die Infek- Bedeutung dieser Informationen für Entscheidungsträ-
tionszahlen seit Beginn der Epidemie in Deutschland ger und möglichen Auswirkungen von Lockdown-Ent-
vergleichbarer zu machen und sinnvoll zu interpre- scheidungen, ist hier ein Umdenken in der Informa-
tieren. Das vermeidet nicht nur einen irreführenden tionspolitik und Freigabe der Testdaten erforderlich.
Vergleich von Äpfeln mit Birnen, sondern zeigt zu-
dem die Bedeutung des Testens, um den Verlauf der LITERATUR
Epidemie besser verfolgen und bewerten zu können. Bohk-Ewald, C., C. Dudel und M. Myrskyiä (2020), »A demographic sca-
Außerdem kann eine schnellere und vollständige Er- ling model for estimating the total number of COVID-19 infections«,
medRxiv, preprint doi: https://doi.org/10.1101/2020.04.23.20077719.
mittlung der Covid-19-Erkrankungen in der Bevölke-
Dorn, F., S. Khailaie, M. Stöckli, S. C. Binder, B. Lange, A. Peichl,
rung dazu führen, schneller die richtige Behandlung P. Vanella, T. Wollmershäuser, C. Fuest und M. Meyer-Hermann (2020a),
anzuwenden, die Zahl starker Krankheitsverläufe zu »Das gemeinsame Interesse von Gesundheit und Wirtschaft: Eine
Szenarienrechnung zur Eindämmung der Corona-Pandemie«,
minimieren und eine Überlastung des Gesundheits- ifo Schnelldienst digital 1(6), verfügbar unter:
systems zu vermeiden. https://www.ifo.de/publikationen/2020/article-journal/
das-gemeinsame-interesse-von-gesundheit-und-wirtschaft.
Wir hätten die Analyse gerne auf Bundesländer­
Dorn, F., S. Khailaie, M. Stoeckli, S. C. Binder, B. Lange, S. Lautenbacher,
ebene fortgeführt, um die unterschiedlichen Testzah- A. Peichl, P. Vanella, T. Wollmershäuser, C. Fuest und M. Meyer-Hermann
len und Teststrategien mit dem gemeldeten Infek­ (2020b), »The Common Interests of Health Protection and the Economy:
Evidence from Scenario Calculations of COVID-19 Containment Policies«,
tionsgeschehen auf Ebene der Länder und Regionen medRxiv, doi: https://doi.org/10.1101/2020.08.14.20175224.
vergleichen zu können. In einigen Bundesländern ist Günther, F., A. Bender, M. Höhle, M. Wildner und A. Küchenhoff (2020),
das erfasste Infektionsgeschehen gemessen an der »Analysis of the COVID-19 pandemic in Bavaria: adjusting for misclassifi-
cation«, medRxiv, preprint doi:
Einwohnerzahl deutlich höher als in anderen Ländern, https://doi.org/10.1101/2020.09.29.20203877.
gleichzeitig unterscheiden sich teils die Teststrategien Knabl, L. et al. (2020), »High SARS-CoV-2 Seroprevalence in Children and
(z.B. Bayerns kostenfreie Tests für jeden). Es ist daher Adults in the Austrian Ski Resort Ischgl«, medRxiv, preprint doi:
https://doi.org/10.1101/2020.08.20.20178533.
durchaus möglich, dass auch die Quote der Dunkel­
RKI – Robert Koch-Institut (2020a), »Täglicher Lagebericht des RKI zur
ziffer zwischen Bundesländern und Regionen variie- Coronavirus-Krankheit-2019(COVID-19)«, 30. September 2020 – aktuali-
ren könnte. sierter Stand für Deutschland.

Da die gemeldeten Infektionen mit Covid-19 ge- RKI – Robert Koch-Institut (2020b), »Serologische Untersuchungen von
Blutspenden auf Antikörper gegen SARS-CoV-2 (SeBluCo-Studie) Zwi-
messen an der Einwohnerzahl für Entscheidungsträger schenauswertung«, Datenstand: 19. August 2020, verfügbar unter:
maßgeblich dafür sind, ob lokal und regional Schutz- https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/
Projekte_RKI/SeBluCo_Zwischenbericht.html, aufgerufen am
maßnahmen gelockert oder verstärkt werden, ist eine 5. Oktober 2020.
umfassende, transparente und regional vergleichbare RKI – Robert Koch-Institut (2020c), »Erste Eckdaten für Bad Feilnbach«,
Anzahl an Testungen in der Bevölkerung notwendig. 25. August, verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/
Gesundheitsmonitoring/Studien/cml-studie/Dokumente/Factsheet_
So wäre es (theoretisch) möglich, dass das Infek­ Bad%20Feilnbach.pdf?__blob=publicationFile, aufgerufen am
tionsgeschehen zwischen Regionen nur aufgrund nicht 5. Oktober 2020.
vergleichbarer Testzahlen unterschiedlich bewertet RKI – Robert Koch-Institut (2020d), »Erste Eckdaten für Kupferzell«,
14. August, verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Content/
wird, obwohl die Zahl und Dynamik der Infektionen Gesundheitsmonitoring/Studien/cml-studie/Factsheet_Kupferzell.html,
aufgerufen am 5. Oktober 2020.
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Vergleichbare Testzahlen und Teststrategien sind auch zur Einord-
Santos-Hövener, C. et al. (2020), »Seroepidemiologische Studie zur Ver-
nung anderer Indikatoren zum Verlauf der Epidemie bedeutend.
breitung von SARS-CoV-2 in der Bevölkerung an besonders betroffenen
Während beispielsweise deutschlandweit die Tests zwischen Mitte
Orten in Deutschland – Studienprotokoll von Corona-Monitoring lokal«,
August und Ende September auf einem vergleichbaren Niveau ver-
Journal of Health Monitoring S5/2020.
harrten, stieg die vom RKI ausgewiesene Positivrate der Tests stetig
an. Ebenso stieg auch die Reproduktionszahl auf einen Wert über 1. Streeck, H. et al. (2020), »Infection fatality rate of SARS-CoV-2 infection
Beide Indikatoren deuten somit ebenfalls auf ein seit Wochen stei- in a German community with a super-spreading event«, medRxiv, pre-
gendes Infektionsgeschehen hin, das nicht auf vermehrtes Testen print doi: https://doi.org/10.1101/2020.05.04.20090076.
zurückzuführen ist.

ifo Schnelldienst digital 12/2020, 12. Oktober 2020 5