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Dr. Florian Bieber

Jahrgang 1973. Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Belgrad für das “European Centre for Minority Issues” (Flensburg). Autor von „Nationalismus in Serbien vom Tode Titos bis zum Ende der Ära Milo‰eviç“, Münster: LIT Verlag 2005. Forschungsschwerpunkte: Nationalismus und ethnische Konflikte, ehemaliges Jugoslawien, politische Systeme in Südosteuropa und Minderheitenfragen. Kontakt: bieberf@gmx.net

Der Beitrag wurde fertig gestellt am 31. März 2006.

Summary

The death of Slobodan Milo‰eviç ended a chapter in recent Serbian political history. The repercussions of his death on Serbia are complex and multifaceted. While the commemoration of his death became a nationalist protest, there are no indications of a new nationalist revival or any re-evaluation of Milo‰eviç in the Serbian public opinion. The main victim of the untimely death of the former President of Serbia and Yugoslavia is likely to be the Hague Tribunal in the eyes of the Serbs and in extension, the process of coming to terms with the past in Serbia.

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Florian Bieber

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Serbien nach dem Tod von Slobodan Milo‰eviç

Bieber Serbien nach dem Tod von Slobodan Milo‰eviç In den Tagen nach dem Tod von Slobodan

In den Tagen nach dem Tod von Slobodan Milo‰eviç am 11. März 2006 füllten sich die serbischen Tageszeitungen – insbesondere seine ehemaligen Propagandablätter »Politika« und »Veãernje novosti« – mit Todesanzeigen von seiner Partei, der Sozialistischen Partei Serbiens, sogar von unbekannten Bürgern Serbiens. Die Sozialistische Partei erklärte: „Serbien und die Sozialistische Partei Serbiens sind stolz, dass er uns geführt hat und dass wir seine Zeitgenossen waren. Die Geschichte wird es uns nie verzeihen, wenn wir jenes aufgeben, für das er gekämpft hat. Auf den endgültigen Sieg!“ 1

Eine gänzlich andere Todesanzeige gelangte – angeblich ohne Wissen der Chefredakteurin – in eine spätere Ausgabe von »Politika«. Hier bedankte sich die Familie âuriç für „alle Täuschungen und Diebstähle, für jeden Tropfen Blut, den Tausende wegen Dir vergossen haben; für die Angst und die Ungewissheit; für ver- fehlte Leben und Generationen; für Träume, die wir nicht erfüllen konnten; für schreckliche Kriege, die Du in unserem Namen, ohne uns zu fragen, geführt hast; für die Last, die Du auf unsere Schultern gelegt hast. Wir erinnern uns an Panzer auf den Straßen Belgrads und das Blut auf seinen Bürgersteigen. Wir erinnern uns an Vukovar. Wir erinnern uns an Dubrovnik. Wir erinnern uns an Knin und die Krajina. Wir erinnern uns an Sarajevo. Wir erinnern uns an Srebrenica. Wir erinnern uns an

die Bombardierung. Wir erinnern uns an Kosovo

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Genauso wie bereits Milo‰eviçs politisches Ende im Herbst 2000, so verdeutlicht auch sein Tod die tiefe Spaltung Serbiens. Kurz schien es wieder „zwei Serbien“ zu geben – so wie oft schlagwortartig die Trennung Serbiens während der 1990er Jahre in einen Bevölkerungsteil für und einen gegen Milo‰eviç beschrieben wurde. Aktivisten des „anderen Serbiens“, wie beispielsweise die Oppositionsaktivistin Sonja Liht und ehemalige Direktorin der Soros-Stiftung in Belgrad, lehnten eine Neueinführung dieser Kategorie jedoch ab. 3 Als sich am 18. März 2006 in Belgrad ca. 80.000 Bürger

1 »Veãernje novosti«, 13.3.2006.

2 »Politika«, 17.3.2006.

3 Sonja Liht in „Utisak Nedelje“, TV B92, 19.3.2006. Transkript der Sendung:

http://www.b92.net/info/emisije/utisak_nedelje.php?yyyy=2006&mm=03&nav_id=192162.

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Serbiens (und auch Bosniens) im Andenken an Milo‰eviç vor dem Parlament Serbiens und Montenegros versammelten – während kurz darauf um die 500 Bürger mit Luftballons das Ende der Ära begrüßten – erinnerte Belgrad dennoch stark an die Stimmung der 1990er Jahre.

Trotz dieses Eindrucks hat die Trennline für oder gegen Milo‰eviç ihre politische Brisanz eingebüßt. Die Gedenkfeier für Milo‰eviç, die Todesanzeigen und die Teilnehmer an den verschiedenen Veranstaltungen zu seinem Tod verdeutlichen jedoch das Erbe der Milo‰eviç Ära. Unter den Teilnehmern der Feier vor dem Parlament fanden sich Fahnen des alten Jugoslawiens, serbisch-orthodoxe Symbole und kommunistische Ikonen. Die Redner beschworen seine Taten sowohl als christ- lich und serbisch, als auch als sozialistisch und jugoslawisch. Todesanzeigen riefen ihn als „großen Serben“ oder als „lieben Genossen“ in Erinnerung. Diese Konfusion der Erinnerung entsprach sowohl seiner Herrschaftsform als auch dem eklektischen ideologischen Sammelsurium, auf das er und seine Partei zurückgriffen. Die Vorgängerorganisation der Sozialistischen Partei Serbiens, der Bund der Kommunisten, hatte nach dem Tode Titos noch in den 1980er Jahren beschworen:

„Genosse Tito, wir schwören Dir, nicht von Deinem Pfad abzuweichen.“ Die Sozialistische Partei in ihrer Todesanzeige behauptete, sich für das einzusetzen, wofür Milo‰eviç kämpfte, ohne dieses jedoch zu definieren. Der Kampf ist wichtiger als der Pfad.

Symbolisch gesehen handelt es sich bei den Teilnehmern an der Gedenkveranstal- tung jedoch um Verlierer: Bürger, die Jugoslawien, den Kommunismus, Groß-Serbien, ihren Wohlstand und ihre Hoffnung verloren haben. Obgleich auf die Vergangenheit orientiert, gibt das Gedenken an Milo‰eviç Aufschluss über die politische und soziale Entwicklung Serbiens heute.

Die politischen Gewinner

Die Parteienlandschaft Serbiens stellt ein regionales Kuriosum dar: Es besteht keine starke sozialdemokratische Partei. Die Sozialdemokratische Partei, die durch zahl- reiche Parteizusammenschlüsse und -spaltungen entstand, befindet sich in der Koalition mit der populistischen Partei „Die Kraft Serbiens“ des dubiosen Geschäftsmannes Bogoljub Kariç. Während die Demokratische Partei unter Führung von Präsident Boris Tadiç Mitglied der Sozialistischen Internationale wurde, geben weder Programm, noch politische Äußerung der Parteispitze Aufschluss darüber. Trotz dieser Lücke hat sich die Sozialistische Partei aufgrund des Milo‰eviç Erbes gegenüber jenen Wählern verschlossen, die im linken und nicht im nationalistischen Gedankengut ihr zuhause sehen. Die Partei selbst ist seit ihrem Sturz von der Macht

3 Kosovo Monthly Economic Briefing, September 30, 2005, www.worldbank.org/kosovo.

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gespalten und verschiedene Flügel kämpfen um die Vormacht. Während Vojislav ·e‰elj die Radikale Partei auch noch kontrollierte, nachdem er sich freiwillig dem Haager Kriegsverbrechertribunal stellte, konnte Milo‰eviç allenfalls eingeschränkt die politische Ausrichtung der Partei mitbestimmen. Fehlende Loyalität zu Milo‰eviç diente in den Flügelkämpfen der Partei als Argument gegen innerparteiliche Gegner.

Mit dem Tod von Milo‰eviç gewann diese Auseinandersetzung an Dynamik, so dass die Boulevardzeitung »Blic« einen Konflikt zwischen den „Sarg-Trägern“ – den Anhängern Milo‰eviçs – und den „Koffer-Trägern“ – dem Parteiflügel um Ivica Daãiç, der verdächtigt wird, in einen Korruptionsskandal um einen Koffer mit 100.000 Euro Bestechungsgeld verwickelt zu sein – ausmachte. 4 Einer der innerparteilichen Konfliktursachen war mit Sicherheit die Stellung von Milo‰eviç als Parteivorsitzender. Die Auseinandersetzungen stellten jedoch keinen klaren Richtungskampf dar, in dem Anhänger Milo‰eviçs einer reformorientierten Sozialdemokratie gegenüber stehen. Tatsächlich waren die Konflikte in erster Linie von personellen Machtkämpfen geprägt, die kaum ideologische Hintergründe hatten. Mit dem Amtsantritt von Ko‰tunicas Minderheitsregierung Anfang 2004, die sich auf die Sozialistische Partei stützte, verband sich die Hoffnung auf eine Reform der Partei, die jedoch unerfüllt blieb. 5 So besteht auch nach dem Tod des Parteivorsitzenden keine Hoffnung auf eine politische Neuorientierung der Partei.

Mit dem Tod von Milo‰eviç hat die Sozialistische Partei in Umfragen leicht an Beliebtheit zugenommen (Dezember 2005: 3,8 %, März 2006: 5,7 %). 6 Aufgrund der 5%-Hürde müsste die Partei jedoch nach wie vor um einen Einzug in das Parlament bangen. Der größte politische Gewinner des gegenwärtigen politischen Klimas ist nach wie vor die Radikale Partei mit der Unterstützung von ca. einem Drittel aller Wähler in Umfragen. Somit deutet sich mit dem Tod von Milo‰eviç weder ein politischer Wandel, noch ein entscheidendes Popularitätshoch der Sozialistischen Partei an. Selbst der größte Nutznießer aus Armut und Unsicherheit, die Serbische Radikale Partei, hat aus Milo‰eviçs Tod keinen deutlichen Vorteil gewonnen. Ihr hoher Organisationsgrad ermöglichte zwar die relativ hohe Teilnehmerzahl bei der Gedenkfeier, zeigte doch zugleich die Grenzen ihrer Mobilisationsmöglichkeiten auf. Mit 80.000 meist älteren Teilnehmern, die per Bus aus allen Landesteilen in die Hauptstadt gebracht wurden, können Radikale und Sozialisten keinen dauerhaften Druck auf die demokratische Regierung aufrechterhalten.

„Ermordet“ – der Beginn eines Märtyrermythos?

Am Tag nach dem Tod von Slobodan Milo‰eviç proklamierte »Kurir«, die wahrschein- lich beliebteste Tageszeitung Serbiens, „Ermordet“ und veröffentlichte ein ganzseiti-

4 „Nosaãi kovãega protiv nosaãa kofera“, »Blic«, 20.3.2006.

5 Jasmina Lukac, MoÏe li se Socijalisticka partija Srbije istinski reformisati? Izme∂u Milo‰eviça i Ko‰tunice, »Danas«, 28.2.2004.

6 Umfragen von Marten Board, zitiert nach „B92 Bilten Vesti“, 21.12.2005 und 29.3.2006.

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ges Foto von ihm. 7 Der deutliche Tenor der nationalistischen Sensationspresse in den Tagen nach dem Tod von Milo‰eviç war seine angebliche Ermordung durch das Haager Kriegsverbrechertribunal – sei es direkt oder durch die Verweigerung einer medizinischen Behandlung in Moskau wenige Tage vor seinem Tod. In ähnlicher Manier erinnerte »Veãernje novosti« in einem Artikel über „Das Schloss des Todes“ (Den Haag) die Leser daran, dass 69,56 % der Häftlinge dort Serben seien. 8 Diese und vergleichbare Artikel und Schlagzeilen weisen auf die wohl schwerwiegendste Folge von Milo‰eviçs Tod hin: die Glaubwürdigkeit des Haager Kriegsverbrecher- tribunals in Serbien. Dem ICTY (International Criminal Tribunal for the Former Yugoslavia) gelang es seit seiner Entstehung 1993 nur schwer, in Serbien als unpar- teiische Instanz anerkannt zu werden. Die negative Haltung gegenüber dem Tribunal begründet sich aus einer Negativkampagne des Milo‰eviç-Regimes in den 1990er Jahren und der weit verbreiteten Verleumdung einer Mitschuld an den Kriegen in Serbien.

Mit einer Reihe von angeklagten Kriegsverbrechern, die sich „freiwillig“ dem ICTY stellten, sowie als Folge der Veröffentlichung eines Videos über Hinrichtungen von bosniakischen Männern und Jungen kurz nach den Massakern von Srebrenica durch serbische Paramilitärs im Sommer 1995, begann der Widerstand gegen das Haager Tribunal in Serbien zu sinken. 9 Mit dem Selbstmord von Milan Babiç, einem der Führer der kroatischen Serben in den 1990er Jahren und einem wichtigen Belastungszeugen der Anklage, nur wenige Tage vor Milo‰eviçs Tod, hatte das Tribunal in den Augen vieler Serben bereits an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Der Tod Milo‰eviçs leistet Verschwörungstheorien um die Diskriminierung gegen Serben in Den Haag wieder Vorschub und dürfte der serbischen Regierung die Zusammenarbeit mit dem Tribunal erneut erschweren. Schwerwiegender aber als Serbiens zögerli- che Zusammenarbeit mit dem ICTY, die in erster Linie auf internationalen Druck hin erfolgt und nicht auf der Basis innenpolitischer Unterstützung, ist der Schaden an dem Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Sowohl der Glaubwürdigkeitsverlust des Haager Tribunals als auch der Umstand, dass Milo‰eviç nun nicht als verurteilter Kriegsverbrecher in die Geschichte eingeht, drohen eine offene Konfrontation mit der Vergangenheit und den Kriegsverbrechen auf serbischer Seite weiter zu verzögern.

Schon Geschichte oder noch Vergangenheit?

Die Aufbahrung schließlich von Milo‰eviçs Sarg im Museum der Geschichte Jugoslawiens in Dedinje – unweit seiner alten Residenz und in Nähe von Titos Grab – hätte kaum passender sein können. Der Umgang mit der Erinnerung an Milo‰eviç

7 „Ubijen“, »Kurir«, 12.3.2006.

8 „Dvorac smrti“, »Veãernje novosti«, 13.3.2006.

9 Eric Gordy, Serbia: Shocking, Yes. But Is It Transformative? In: Transitions Online, 23.6.2005;

http://www.tol.cz/look/TOL/article.tpl?IdLanguage=1&IdPublication=4&NrIssue=121&NrSection

=2&NrArticle=14216&tpid=8.

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in Serbien offenbart die Unklarheit in der Öffentlichkeit über die Rolle und Verantwortung seiner Person in der jüngsten Geschichte des Landes. 10 Während der Außenminister und langjährige politische Gegner (und kurzfristige Partner) Milo‰eviçs, Vuk Dra‰koviç, klare Worte fand und erklärte, Milo‰eviç „möge in der Hölle schmoren“, 11 zögerten andere Regierungsmitglieder mit einer derartig deutlichen Verurteilung Milo‰eviçs. Regierung und Präsident lehnten zwar ein Staatsbegräbnis ab, die Regierung gestattete jedoch der Sozialistischen Partei, aus dem Begräbnis eine öffentliche Veranstaltung zu machen und stellte das Museum der Geschichte Jugoslawiens zur Aufbahrung des Sarges zur Verfügung.

Eine ähnlich ambivalente Haltung nahm der Patriarch der serbisch-orthodoxen Kirche Pavle ein, indem er der Familie sein Beileid aussprach und erklärte, dass er „zu diesem Zeitpunkt von staatlichen Behörden und unserem gesamten Volk erwartet, dass sie sich dem Höhepunkt ihrer Verantwortung gegenüber Gott, der Geschichte und dem tragischen Ende Milo‰eviçs Lebens bewusst sind“. Er fügte ambivalent hinzu, dass jeder „ein Recht auf ein Grab und ein würdiges Begräbnis hat, insbesondere wenn er – wie Slobodan Milo‰eviç – seine Zeit und die schicksalhaften Entwicklungen des Lebens des serbischen Volkes und der anderen Völker in der Zeit des Konflikts gekennzeichnet hat“. 12 Selbst der stellvertretende Vorsitzende der Demokratischen Partei sprach der Familie und der Sozialistischen Partei sein Beileid aus, 13 so dass der Eindruck entstand, dass es sich bei Milo‰eviç um einen „normalen“ Ex-Präsidenten handelte und nicht um einen Kriegsverbrecher und jemand, der die Ermordung seines Vorgängers Ivan Stamboliç sowie seiner politischen Gegner angeordnet hat.

Diese Ambivalenzen im Umgang mit Milo‰eviç zeigen, dass die politische Ära Milo‰eviçs zwar bereits am 5. Oktober 2000 zu Ende ging, die Aufarbeitung seines Erbes jedoch noch nicht ernsthaft begonnen hat.

10 “Milosevic: Anticlimax”, in: Transitions Online, 21.3.2006;

http://www.tol.cz/look/TOL/article.tpl?IdLanguage=1&IdPublication=4&NrIssue=158&NrSection

=2&NrArticle=16073&tpid=8.

11 Andrej Ivanji , Der Untote kehrt zurück, in: Spiegel Online, 15.3.2006;

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,406064,00.html

12 Patrijarh Srpski Pavle, Sauãe‰çe porodici Slobodana Milo‰eviça, 14.3.2006, http://www.spc.org.yu/

Vesti-2006/03/14-03-06-c.html.

13 Petroviç: Od danas Milo‰eviç je deo istorije, Tanjug, 11.3.2006.

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