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GRUNDKURS ARCHITEKTUR

Texte zur Vorlesung Entwurf + Konstruktion I

Vorlesung 15
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Prof. Andrea Deplazes
TOPOGRAFIE - DIE GRÜNDUNG DER ARCHITEKTUR

Text 1 Sockelauslöser
Alois Diethelm / Andrea Deplazes
aus: Architektur konstruieren - Ein Handbuch, 4. Auflage, S. 186-188
Birkhäuser 2013

ETH Zürich, Departement Architektur, Professur Andrea Deplazes


BAUELEMENTE Fundation – Sockel
Beispiel

Sockelauslöser

Alois Diethelm Der Sockel regelt das Verhältnis eines Bauwerks zum Ter- höhe (z. B. Tempel in Nîmes, 16 v. Chr.), und es war nur
rain. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet «Sk- eine Frage der Zeit, bis dieser Sockel zu einem raumhal-
ckel» heute ein eigenständiges, anders als die Fassade tigen Vollgeschoss ausgehöhlt werden sollte.
beschaffenes Bauteil, das entweder als Bekleidung oder Bis Mitte des 19. Jahrhunderts fand sich das Thema
als massive Mauer auftritt. Umgekehrt reden wir aber des Sockelgeschosses hauptsächlich bei Palästen und
auch dann vom «Sockeldetail», wenn dieses einen Ter- Villen, während die anderen Bauten über normale, von
rainanschluss «ohne Sockel» zeigt. den Obergeschossen nicht zu unterscheidende Erd-
geschosse verfügten (vgl. Wohnbauten im Mittelalter). Un-
Abb. 55: Sockel als Plateau zur Vorbereitung geachtet der Nutzung – anfänglich Neben-, später auch
des Terrains Haupträume – wurde der wehrhafte und massiv wirkende
Griechischer Tempel, ca. 500 v. Chr.
Charakter bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts fortgeführt,
sei es mit Naturstein (massiv oder vorgeblendet) oder mit
einer kostengünstigeren Rustika aus Verputz.

Der unterirdische Sockel


Andere Auslöser für sichtbare Sockel sind unterirdische
Räume, bei denen einerseits das Bedürfnis nach natür-
lichen Lüftungsmöglichkeiten und andererseits das gerin-
gere Aushubvolumen dazu führten, dass der Erdge-
schossboden angehoben wurde. Die Kellermauer wächst
aus dem Terrain heraus und tritt – da sie in der Regel an-
ders beschaffen ist als die darüber liegende Fassade (be-
ständig gegenüber Erdfeuchtigkeit, Erddruck etc.) – als
Abb. 56: Sockelarten
von oben nach unten: Plateau, «Erdaufwurf», unterirdischer Keller und Wanne eigenständiges Bauteil in Erscheinung. Unabhängig von
der Sockelfrage wird das abgehobene Erdgeschoss auch
Der oberirdische Sockel beim Eingang zum Thema, wo der Niveauunterschied
Die geschichtliche Entwicklung des Sockels spannt den nach Massgabe der zu überwindenden Höhe entweder
Bogen von der pragmatischen Vorbereitung des Bau- ausserhalb des Gebäudes, innerhalb der Tiefe der Fas-
platzes über den persönlichen Schutz vor äusseren Ge- sade oder erst im Entree resp. in der Halle aufgenommen
fahren (Tiere, Wetter, Krieg etc.) bis zum atektonischen, wird. Von aussen kaum zu unterscheiden sind raumhaltige
sich auf die Morphologie berufenden Bild in der Postmo- Kellermauern, die unabhängig vom Erdgeschossboden
derne. Bei kaum einem anderen Bauteil finden sich tech- ebenfalls bis über das Terrain reichen und mittels trichter-
Abb. 57: Ober- und Unterbau als strukturell
nische Erfordernisse und formale Absichten auf so vielfäl- förmiger Aussparungen Licht nach unten bringen.
eigenständige Bauwerke mit gleicher Nutzung tige, in ihren Ursprüngen nicht mehr auseinander dividier- Ähnlich funktioniert der so genannte Lichtschacht, der
(Wohnen)
Philip Johnson: House Wiley, bare Weisen vermischt wie beim Sockel. Bereits der grie- umgekehrt die Lesart als Aussparung im Erdreich erlaubt.
New Canaan (USA) 1953
chische Tempel, dessen Plateau im Grundsatz aus der In der Anwendung als punktuelles Mittel unterscheidet
Urbarmachung des Terrains resultiert, schöpft einen Teil sich der Lichtschacht nicht wesentlich von der raumhalti-
seiner Kraft aus der erschreit- und somit räumlich erleb- gen Mauer. Der einfacheren Bauweise als additives, vor-
baren Abgehobenheit. Der von Steinen gehaltene «Erdauf- fabriziertes Element in Beton oder Kunststoff steht der
wurf» erreichte in der weiteren Entwicklung Geschoss- Nachteil gegenüber, dass der Lichtschacht ein Loch im

Abb. 58: Starke strukturelle Verknüpfung zwischen Ober- und Unterbau bei Abb. 59: Angehobener Erdgeschossboden gibt Untergeschoss frei; natürliche
ungleicher Nutzung (Wohnen und Repräsentation versus Keller) Lüftung und Belichtung der Kellerräume, Eingang als Zäsur im Sockel.
Hardouin-Mansart, de Cotte: Grand Trianon, Versailles (F) 1687 Diener & Diener: Warteckhof, Basel (CH) 1993–96

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BAUELEMENTE Fundation – Sockel
Beispiel

Platz, Trottoir oder Rasen bewirkt, das mittels eines Gitter-


rostes abgedeckt werden muss. Ausgedehnt zum linearen
Element, das sich über weite Teile der Fassade erstreckt,
erlaubt der Lichtschacht, vorausgesetzt er ist genügend
breit (1 bis 2 m), eine hervorragende Belichtung der
Untergeschossräume. Diese nunmehr vollwertigen Zim-
mer unterscheiden sich von oberirdischen Räumen einzig
durch die fehlende Aussicht.

Die «Auslagerung» des Sockels


Verschiebt sich der Lichtschachtboden auf das Niveau der
Bodenplatte, resultiert daraus ein begehbarer Aussen-
raum, wie er vor allem in Grossbritannien eine lange Tra-
Abb. 64: Das Haus wächst monolithisch aus dem geneigten Terrain heraus
dition besitzt. Separat erschlossen durch eine Aussen- Valerio Olgiati: Schulhaus, Paspels (CH) 1998

Ebene. Legen nicht die topographischen Verhältnisse die


Schaffung von z. B. einem Sockelgeschoss nahe, wird mit
zum Teil grossem Aufwand der strukturelle Aufbau unter-
drückt. Gebäude werden vermehrt eher als (kunst-
verwandte) Objekte denn als Häuser verstanden, ohne
dass sie aber anders gebaut werden. In der Mehrheit wer-
Abb. 60: Lichtschacht mit vollwertigen UG- den immer noch die gleichen, zum Teil nur geringfügig
Räumen
Steger & Egender: Kunstgewerbeschule modifizierten Methoden wie vor 50 Jahren angewandt;
Zürich (CH) 1933
mit dem Unterschied, dass sie auf dem Weg zur
grösstmöglichen Abstraktion häufig den «Regeln der Bau-
kunst» trotzen.
Abb. 61: Der «Lichtschacht» wurde zum begehbaren Garten ausgedehnt
Steger & Egender: Kunstgewerbeschule Zürich (CH) 1933 Das Verständnis vom Haus als Objekt bringt grund-
sätzlich drei Prinzipien der Beziehung Terrain/Bauwerk
treppe nehmen die Untergeschosse sowohl Dienst- hervor: aus dem Terrain herauswachsend, auf dem Terrain
wohnungen wie auch Kleingewerbe auf. Die Anforde- aufliegend oder vom Terrain losgelöst. Aus Sicht der Bau-
rungen an die «Kellermauer» unterscheiden sich fortan technik stellt das Herauswachsen aus dem Terrain das
nicht mehr von denen der darüber liegenden Fassade. Bei grösste Problem dar, da für die durchgehend gleiche
umlaufender Anordnung resultiert daraus eine Wanne, in «Aussenhaut» unterschiedliche Anforderungen gelten:
der das Gebäude von den geologischen Verhältnissen un- Witterungsbeständigkeit und Schutz vor mechanischer
berührt dasteht und wo alle Geschosse konstruktiv gleich Beeinträchtigung über Terrain, Feuchtigkeit und Erddruck
beschaffen sein können (z. B. Holzbau). unter Terrain. Relativ unproblematisch sind homogene
Materialien wie Ortsbeton und Verputz (wasserdichter
Der unterdrückte Sockel Putz und/oder feuchtigkeitsbeständiger Putzträger). Als
Das Thema des Sockels findet sich im gegenwärtigen Ar- weitaus schwieriger erweisen sich sichtbar belassene,
chitekturschaffen primär auf konstruktiv-technischer gefügte Konstruktionen: Mauerwerk, vorfabrizierte Beton-
elemente und leichte Bekleidungen aus Holz, Blech oder
Faserplatten. Schwachstellen sind sowohl undichte Fugen
wie auch eine unausreichende Feuchtigkeitsbeständigkeit
des Materials selbst (Ausblühungen, Verrottung etc.).
Auf der anderen Seite steht die Loslösung vom Boden,
die vom oberirdischen Streifenfundament bis zur ge-
schosshohen Aufständerung durch Piloten reicht und da-
Abb. 62: Lichtschacht als Indiz für ein mit das Objekt «irdischen» Einwirkungen entzieht. Dazwi-
Untergeschoss
Marques & Zurkirchen: Haus Kraan-Lang,
schen liegt das Aufliegen auf dem Terrain, das durch die
Emmenbrücke (CH)1994 Bodenplatte – und allenfalls sogar noch durch einen Kel-
ler – eindeutig eine strukturelle Verankerung mit dem Er-
dreich bewirkt, schliesslich aber durch die nicht bis zum
Abb. 63: Bild vom Container ohne Verankerung; «temporär» auf der Wiese Terrain reichende Fassadenbekleidung doch noch den
abgestellt
Marques & Zurkirchen: Haus Kraan-Lang, Emmenbrücke (CH)1994 Eindruck eines abgestellten Objektes vermittelt.

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BAUELEMENTE Fundation – Sockel
Beispiel

Abb. 65: Der Höhenunterschied im gewachsenen Terrain wird innerhalb des Abb. 68: Der Betonsockel ist sichtbarer Teil einer Wanne, in der das Holzhaus
massiven Sockels aufgenommen, auf dem der Holzbau ruht. steht. Horizontalen Bretter lösen die Absätze aus und decken die Fuge Beton /
Gion Caminada: Betriebsgebäude, Vrin (CH) 1999 Holz ab.
Peter Zumthor: Haus Gugalun, Versam (CH) 1994

Das Bild vom Sockel wendigkeit eines Sockels. Während es bei flachem Terrain
Die Tendenz hin zum abstrakten Objekt ist nicht zuletzt noch leicht möglich ist, den Sockel zu unterdrücken resp.
eine Reaktion auf die Postmoderne, deren Protagonisten niedrig zu halten, stellt sich im geneigten Terrain sofort die
mit vergleichbarem technischen Aufwand nicht Abstrak- Frage, ob der Niveauunterschied durch Bildung eines ei-
tion, sondern eine inexistente strukturelle Vielschichtigkeit gentlichen Sockelgeschosses aufgenommen werden soll
herzustellen suchten, um das Bild des klassischen «Hau- oder ob der Sockel dem Terrainverlauf zu folgen hat. Er-
ses» zu erreichen (Sockel, Normal- und Attikageschosse, steres suggeriert eine von Geschoss zu Geschoss abwei-
die sich nur in der Oberflächentextur unterscheiden). chende Nutzung, während Letzteres strukturelle Fragen
Wenn auch eine Bekleidung – ausgedünnt auf wenige aufwirft: ist der Sockel die Basis für die aufgehende
Zentimeter Fassadentiefe – ist diese Form von Sockel Fassadenkonstruktion und somit tragend oder handelt es
mehr als eine Fassadengliederung, denn auf diese Weise sich um einen «Schutzschild», welcher Einwirkungen wie
wird die Fassade sowohl vor Verschmutzung wie auch vor Erddruck und Feuchtigkeit abhält?
Abb. 66: Verputzte Wärmedämmung mit
mechanischen Schäden geschützt.
Natursteinsockel
Dolf Schnebli: Wohnhaus, Baden (CH) 1990
Der notwendige Sockel
Von architektonischen Präferenzen losgelöst, bestimmt je
nach Bauweise nicht zuletzt die Topographie über die Not-

a) b) c)

Abb. 69: Sockelausbildung in Hanglage


Abb. 67: Gestrichener Sichtbeton mit Keramiksockel, der als Schutz vor a) das Gebäude steht in der Wanne («Schutzschild»),
Witterung und Verschmutzung als auch im übertragenen Sinn Sockelfunktion b) das Gebäude resp. die oberirdischen Bauteile stehen auf der Wanne
übernimmt. c) «Kellergeschoss» mit aufliegendem Obergeschoss
Otto Rudolf Salvisberg: Mietshaus, Zürich (CH) 1936

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