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GRUNDKURS ARCHITEKTUR

Texte zur Vorlesung Entwurf + Konstruktion I

Vorlesung 1
_____________________________________________________________________________________
Prof. Andrea Deplazes
UMFRIEDUNG I „DIE ERFINDUNG DES INNEN“

Text 1 Der architektonische Raum


Dom H. Van der Laan
fünfzehn Lektionen über die Disposition der menschlichen Behausung
l-lll, S. 1-37 und Xlll, S. 179-192
Brill 1992

Text 2 Architektonische Qualität


Georg Franck, Dorothea Franck
Der architektonische Raum, S. 21-40
Der Werdegang kanonischer Qualität, S. 41-67
Hanser 2008

Text 3 Genius Loci: Landschaft - Lebensraum - Baukunst


Christian Norberg-Schulz
Der natürliche Ort, S. 23-49
Klett - Cotta 1982

ETH Zürich, Departement Architektur, Professur Andrea Deplazes


II DER NATÜRLICHE ORT

Wir kommen damit wieder auf Übereinstill1- nen. Heidegger sagt es so: ,,[Das Dichten] 1. Das Phänomen "natürlicher Ort"
mungoder Entsprechung zwischen dem Men- überfliegt und übersteigt die Erde nicht, um Damit der Mensch zwischen Himmel und
schen und seiner Umgebung und sind damit sie zu verlassen und über ihr zu schweben. Erde wohnen kann, muß er diese Elemente
mitten im Problem des "Versammelns". Ver- Das Dichten bringt den Menschen erst aufdie und ihre Wechselbeziehung "verstehen". Mit
sammeln he ißt, daß die alltägliche Lebens- Erde, zu ihr, bringt ihn so in das Wohnen".5s "Verstehen" ist hier nicht wissenschaftliche
welt "gewohnt" oder "üblich" geworden ist. Nur das Dichten in jeder Gestalt (auch als Erkenntnis gemeint, eher ein existentieller
Aber Versammeln ist außerdem etwas Kon- "Kunst des Lebens") verleiht dem Dasein Begriff, der die Erfahrung von Sinn beze ich-
kretes, und damit sind wir bei der letzten Be- Silm, und Sinn ist das Grundb edürfnis des net. In einer sinnvollen Umgebung fühlt sich
deutung von "Wohnen". Und auch hi er ver- Menschen . der Mensch "daheim". Di e Stätten, an denen
danken wir Heidegger die Aufdeckung einer Architektur gehört zur Dichtung, und ihr wir aufgewachsen sind, haben wir als "Heim"
elem entaren Beziehung. Er verweist nämlich Zweck ist es, dem Menschen zum Wohnen zu erlebt. Wir wissen, wie es sich auf einem be-
darauf, daß das altenglische und altdeutsche verhelfen. Architektur ist aber auch eine stimmten Boden geht, wie man sich unter ei-
Wort für Bauen, buan, wohnen heißt und eng schwierige Kunst. Nutzbare Städte und Ge- nem bestimmten Himmel unter bestimmten
verwandt mit dem Wort sein ist. "Was heißt bäude zu errichten ist nicht genug. Nach einer Bäumen fühlt. Wir kennen das warme, alles
dann : ich bin? Das alte Wort bauen, zu dem Defirütion von Susanne Langer handelt es durchflutende südliche Sonnenlicht oder die
das ,bin' gehört, antwortet: ,i ch bin', ,du bist' sich um Architektur erst, wenn "eine Gesamt- geheimnisvollen nordischen Sommernächte.
besagt: ich wohne, du wohnst. Die Art, wie du umgebung sichtbar gemacht ist".59 Ganz all- Im allgemeinen kennen wir "Realien", an
bist und ich bin, die Weise, nach der wir Men- . gemein bedeutet dies, den genius /oei zu kon- denen unsere Existenz haftet. Aber "Verste-
schen auf der Erde sind, ist das Buan, das kretisieren. Es wurde gezeigt, daß dies durch hen" geht über solche unmittelbaren Empfin-
Wohnen."55 Wir können daraus den Schluß Gebäude geschieht, die die Eigentümlichkei- dungen hinaus . Für den Menschen besteht
zie hen, daß Wohnen heißt, die Welt als kon- ten des Ortes versammeln und sie den Men- die Natur von jeher aus miteinander verbun-
kretes Gebäude oder "Ding" zu versammeln, schen nahebringen. D er wichtigste Vorgang denen Elementen, in denen sich Grund-
und daß der archetypische Akt des Bauens die in der Architektur ist es deshalb, den "Ruf' aspekte des Daseins offenbaren. Die Land-
Umfriedung ist. Was Trakl intuitiv von der Be- des Ortes zu verstehen. Damit schonen wir die schaft, in der er lebt, ist nicht bloßer Wechsel
ziehung Innen- Außen erfaßt hat, erhält von Erde und werden selbst Teil einer umfassen- von Erscheinungen, sondern sie ist struktu-
hier seine Bestätigung; damit wird auch klar, den Totalität. Damit soll hier nicht für irgend- riert und verkörpert Sinn. Struktur und Sinn
daß der Begriff der Konkretisierung das Wesen einen "Umweltdeterminismus" plädiert wer- haben Mythologien (Kosmogonien und Kos-
des Wohnens bezeichnet,56 'den, sondern für die Einsicht, daß der Mensch mologien) entstehen lassen, die die Grund-
Der Mensch wohnt, wenn er es vermag, die ein integraler Bestandteil der Umwelt ist und lage für das Wohnen abgegeben haben. ] In
Welt in Gebäuden und Dingen konkret wer- es nur zu Entfremdung und Zerrissenheit einer Phänomenologi e des natürlichen Ortes
den zu lassen. Wie schon erwähnt, ist es im führt , wenn er dies vergißt. Einem Ort zuge- sollte von diesen Mythologien ausgegangen
Gegensatz zur " Abstraktion" der Wissen- hören heißt, einen existentiellen Halt im kon- werden. Das heißt aber nicht, daß wir die Ge-
schaft A ufgabe eines Kunstwerks zu "konkre- kreten, alltäglichen Sinn zu haben. Als Gott schichten wied ererzä hlen müßten, wir sollten
tisieren"y Kunstwerke konkretisieren, was zu Kain sprach: "Unstet und flüchtig sollst du vielmehr danach fragen , welche konkreten
"zwischen" den reinen Gegenständen der se in auf Erden""", gab er den Menschen das Kategorien des Verstehens sie repräsentieren.
Wissenschaft geblieben ist. Di e alltägliche entscheidende Problem auf: die Schwelle zu Im allgemeinen entsteht das Verständnis für
Lebenswelt besteht aus solchen "Zwischen- überschreiten und den verlorenen Ort wieder- die natürliche Umgebung aus einer Urerfah-
dingen", und deshalb ist es die wichtigste Auf- zufinden. rung von Natur als einer Vielfalt von lebendi-
gabe der Kunst, diese Widersprüche und gen "Kräften". Die Welt wird eher als "Du"
Komplexitäten der Lebenswelt zu versam- denn als "Es" erlebt.2 Der Mensch lebte in der
meln. Als imago I11l1ndiverhilft das Kunstwerk Natur und war von den Naturkräften abhän-
dem Menschen zum Wohnen . Dies meint gig. Die geistigen Fähigkeiten des Menschen
Hölderlin, wenn er sagt: entwickeln sich vom Erfassen diffuser E igen-
"Voll Verdienst, doch dichterisch, wohnet schaften zu bestimmteren Erfahrungen, in
Der Mensch auf dieser Erde." denen eine Totalität auch in ihren Teilen und
Das heißt, die Verdienste des Menschen zä h- mit deren Beziehungen verstanden wird. Dies
len nicht viel, wenn er es nicht vermag, dichte- kann sich je nach Umgebung aufunterschied-
risch, also im wahren Sinn des Worts, zu woh- liche Weise vollziehen und bedeutet keines-

23
26. Mon/blane.
27. Vesllv.
28. Felsen ill Pe/ra, Jordalliell.

wegs, daß die Welt ihren konkreten, lebendi-


gen Charakter verlöre. Ein solcher Verlust
hätte bloße Quantifizierung zur Vorausset-
zung und gehört deshalb in den Zusammen-
hang moderner wissenschaftlicher Haltung.]
Man könnte flinf Grundweisen des mythi-
schen Verstehens unterscheiden, die in ver-
schiedenen Kulturen unterschiedliches Ge-
wicht haben.
Die erste Weise des Naturverstehens geht von
den Kräften aus und setzt sie zu konkreten Na-
turelementen oder "Dingen" in Beziehung. 4
Die meisten antiken Kosmogonien drehen
sich um diesen Aspekt und erklären den
Ursprung "einesjeden Dinges". Im allgemei- - ,
nen wird dabei die Schöpfung als "Hochzeit"
zwischen Himmel und Erde verstanden. So bei
Hesiod: "Die Erde (Gaia) gebar zuerst, ihr
gleich, den gestirnten Himmel (Uranos) , der
sie überall umhüllen sollte . .." 5 Dieses U rpaar
schuf die Götter und die übrigen mythischen
Geschöpfe, also all jene "Kräfte", die das
"mannigfaltige Dazwischen" ausmachen.
Ähnlich die Vorstellung in Ägypten, wo man
sich die Welt als "Raum" zwischen Himmel
(Nut) und Erde (Geb) vorstellte, allerdings
mit dem einen Unterschied, daß hier die
Geschlechter der beiden Elemente gerade
vertauscht sind . Die Erde ist die "dienend Tra-
gende", aus der das Leben hervorgeht, die
wahre Grundlage der Existenz (tellus matei).
Der Himmel ist dagegen irgendwie "hoch"
und unzugänglich, sein Äußeres wird be-
schrieben als der "wölbende Sonnengang",
und seine Eigenschaften werden im allgemei-
nen als Transzendenz, Ordnung und schöpfe-
rische Macht (Regen) erfahren. Der Himmel
hat vorrangig "kosmische" Implikationen, wo-
gegen die Erde die Bedürfnisse des Menschen
nach Schutz und Nähe befriedigt. Gleichzeitig
aber ist die Erde auch der weite Grund auf
dem seine Handlungen stattfinden.
Die Hochzeit zwischen Hin1mel und Erde bil-
det den Ausgangspunkt zur weiteren Diffe-
renzierung der "Dinge". So gehört der Berg zu I'
Erde, ragt aber zum Himm el auf. Er ist
"hoch", dem Himmel nah, er ist der Ort, an
dem die beiden Grundelemente einander

24
29. Die rÖlllisch e COlllpaglla.
30. Schalligel' Orlllilier eillelll BallIlI. Pelra,
JOJ'dalliell.

berühren. In den Bergen hat man daher oft


"Mittelpunkte" gesehen, "durch die die Welt-
achse verläuft ... , eine Stelle, wo der Über-
gang von einer kosmischen Zone zu einer an-
deren möglich war".6 Anders gesagt: Berge
sind Orte innerhalb der umfassenderen Land-
schaft, Orte, an denen die Struktur des Seins
offenbar wird. Als solche "versammeln" sie
unterschiedliche Eigentümlichkeiten. Zu den
allgemeinen, die schon erwähnt wurden, sind
noch Härte und Dauerhaftigkeit des Steins als
Stoff hinzuzunehmen . In vielen Kulturen
haben Felsen und Steine wegen ihrer Unver-
gänglichkeit allergrößte Bedeutung gehabt.
Im allgemeinen jedoch bleiben Berge "fern"
und irgendwie furchteinflößend, und sie bil-
den kein ;,Innen", wo der Mensch wohnen
könnte. In der Malerei des Mittelalters waren
Felsen und Berge Symbole der "Wildnis".
Noch in der Landschaftsmalerei der Roman-
tik war diese Bedeutung lebendig. 7
Aber auch andere Arten von natürlichen Din-
gen enthüllen Sinn. Auch im Baum sind Him-
mel und Erde vereint, nicht nur in einem
räumlichen Sinn, weil der Baum vom Grund
aufragt, sondern auch, weil er wächst und
"lebendig" ist. Jedes Jahr wiederholt der
Baum den Schöpfungsprozeß, und "für das
religiöse Bewußtsein des archaischen Men-
schen ist der Baum das Universum , weil er es
symbolisiert und wiederholt in einem".8 Im
allgemeinen ist Vegetation die Manifestation
der lebendigen Wirklichkeit. Aber auch in der
Vegetation kommen weniger freundliche, ja
sogar schreckenerregende Formen vor. So ist
der Wald zuallererst eine "Wildnis", erfüllt
von fremden, bedrohlichen Kräften. Bachel-
ard schreibt: "Man muß sich nicht lange im
Wald aufgehalten haben, um das eher furcht-
erregende Gefühl zu erleben, ,immer tiefer' in
eine grenzenlose Welt zu gehen. Schon bald,
wenn wir nicht wissen, wohin wir gehen, wis-
sen wir nicht mehr, wer wir sind ."9 Nur wenn
der Wald in seiner Ausdehnung begrenzt und
zu einem Hain geworden ist, bleibt er durch-
schaubar und positiv sin nvoll. Das Parad ies ist
ja auch oft als begrenzter und umfriedeter
Hain oder Garten vorgestellt worden.

25
31. Wa ld bei Ariccia. Albal/ erbelge. 33. BallIlIgruppe bei Khar/IIIII, SlIdal/.
32. NO rJ l'egischer Wald. 34. Olil'el/hail/. S. Gregorio, Ca /al/zam.

26
]5. Bach bei Veio, La/iulII.

In den Vorstellungen vom Paradies stoßen wir


noch auf e tn weiteres Grundelement aller
Kosmogonien: das Wassei: Die besondere Ei-
gena rt des Wassers ist im mer erkannt worden.
Im Genesisbericht trennt Gott nach der Er-
schaffung von Himmel und Erde, Licht und
Finsternis das trockene Land vom Wasser. In
anderen Kosmogonie n ist Wasser die Ursub-
stanz, aus der alle Formen hervorgehen.1O
Daher verleiht die Anwesenheit von Wasser
dem Land seine Identität, und die Geschichte
von der Sintflut stellt den "Verlust des Ortes"
als Überschwemmung dar. Obgleich Wasser
gerade der Gegensatz eines Ortes ist, gehört
es eng zur lebendigen Wirklichkeit. In seiner
fruchtbringenden Eigenschaft wurde es zu ei-
nem Symbol für Leben, und auf Bildern vom
Paradies entspringen einem Quell in der Mitte
vier Flüsse. Auch die Geschichte der Land-
schaftsma lerei veranschaulicht die Bedeu-
tung von Wasser als lebenspendendem
Element. Die "idealen" Landschaften des
fünfzehnten und sechzehnten Jahrhund e rts
zeigen gewöhnlich in der Mitte einen Fluß
oder See, an dem menschliche Siedlungen lie-
gen, und von dem aus sich das bebaute Land
erstreckt. Später wurde Wasser als Element
dargestellt, das den Charakter einer Örtlich-
keit ganz wesentlich prägt, und in romanti-
schen Landschaften erscheint es dann wieder
als dynamische, chthonische Kraft.
Als primäre, natürliche "Dinge" machen Fel-
sen, Vegetation und Wasser einen Ortsinnvoll
oder, mit einem Wort.von Mircea Eliade, "hei-
lig". Er schre ibt: "Die alt'ertümlichsten ,heili-
gen Orte', die wir kennen, bild en ... einen
Mikrokosmos: eine Landschaft von Steinen,
von Wassern, von Bäumen."ll Er führt dann
weiter aus: Ein solcher Ort "wird keinesfalls
vom Menschen ,gewählt', er wird nur von ihm
,entdeckt'; anders ausgedrückt, der sakrale
Raum offenbart sich ihm auf die eine oder an-
dere Weise". 12
Für die jeweilige Umgebung sind die heilige n
Orte "Zentren"; sie dienen als Objekte für
Orientierung und Identifikation und errichten
eine räumliche Struktur. Im Naturverstehen
des Menschen können wir daher den U r-

27
36. Der el-bahari, H alsch epslIl-Tell1pel ill der
Lalldschaji.

sp rung de r Vorstellung vom Raum als ein em kalmten auch die Röm er, wo e in himmli scher
System von Orten erkennen. Nur ein System cardo vom Polarstern nach Süden verlief, im
von si nnhaitige n Orten macht ein wahrhaft rechten Winkel den decumallus kreuzte, der
menschli ches Leben möglich. den Gang der Sonne vo n Osten nach Westen
Die zwe ite Weise des Naturverstehens ist das darstellte.17 In Rom kamen so Grundelemen-
Abstrahi eren e in er systematischen kosmi- te der Kosmologien des Südens und des Nor-
schell Ordllllllg aus der Flut der Begebenhei- dens zusamme n.
ten. Gewöhnlich hat eine derartige Ordnung Die dritte Weise des Naturverstehens besteht
den Gang der Sonne, da e r am wenigsten ve r- darin, den C harakter von natürlichen Orten
änderlich und ein großartiges Naturphäno- durch Verknüpfung mit menschlichen
men ist, und die vier Himm e lsrichtungen zur Grundeigenschaften zu defini eren.
Grundlage. Mancherorts steht sie wohl auch Anthropomorphe Charakterisierung ist e in e
mit derj ewe iligen geographischen Struktur in E rrungenschaft der Griechen und wurde of-
Zusammenhang, wie etwa in Ägypten, wo di e fensichtlich durch die besond ere Struktur der
Süd-Nord-Richtung des Nils das Hauptmittel griechischen Landschaft möglich gemacht.
zur Orientierung des Menschen abgibt. 13 Eine Topographisch besteht Griechenland aus
so gea rtete Ordnung setzt voraus, daß die Welt sehr vielen unterschiedlichen, aber m annig-
als strukturierter "Raum" verstanden wird , in faltigen Stellen. Jede Landschaft ist eine klar
dem die Grundrichtungen verschiedene "E i- gesond erte, leicht vorstellbare "Persönli ch-
genschaften" oder Bed eutungen haben. So keit".ISInte nsives Sonnenlicht und klare Luft
war in Ägypten der Osten, die Richtung des lassen die Formen ungewö hnlich präsent er-
SOlu1enaufgangs, der Bere ich von Geburt und schein en. "Dank de r geordneten Mannigfal-
Leben, der Westen dagegen der Bereich des tigkeit, der Klarheit und des Maßes in der
Todes . "Wenn du am westlichen Horizont un- Landscbaft wird der Mensch in Griechenland
te rgehst, liegt das Land in Finsternis nach der weder üb erwältigt noch preisgege ben. E r
Weise des Todes . . ., [doch) wenn der Tag an- ko mmt der E rde sehr nahe und erfährt entwe-
bricht, da du am Horizont aufgehst ... , erwa- der ihren Trost oder ihren Schrecken."19 Die
chen sie und stelm auf. .. Sie le ben, weil du für wesentliche E igentümlichkeit der gri echi-
sie erstanden bist."14 In aller Regel ist der schen Umwelt ist daher der besondere und
Glaube an ei ne kosmische Ordnung mit einer yerstehbare Charakter von Orten. Mancher-
konkreten Vorstellung verbunden. In Ägyp- orts scheint die Umgebung Schutz zu bi eten,
ten stellte man sich die Welt a ls "flache Schüs- anderswo ist sie bedrohlich , und an ande ren
selmit gewelltem Rand vor. D e r Innenboden Orten fühl en wir uns im Mittelpunkt eines
dieser Schüssel wa r die flache Alluvialebene wohldefinierten Kosmos. An manchen Orten
Ägyp tens, und der gewellte Ra nd war di e Ket- finden sich ga nz auffällig gesta ltete Naturele-
te der bergigen Länder ... Diese Schü ssel mente wie spitze Felse n, Höhlen oder Quel-
schwamm auf Wasser ... Über der Erde be- len. Die griechische Weise, diese Eigentüm-
fand sich die umgekehrte Schale des Him- lichkeiten zu "verstehen", war, sie als anthro-
mels, die ihre äußere Seite dem Universum pomorphe Götter zu p ersonifizieren, und jeder
zuwendet". Den Himmel ste llte man sich als Ort mit ausgeprägten E igenheiten wurde zur
an den vier Ecken auf Pfosten ruhend vor. 15In Manifestation e ines bestimmten Gottes.
den nordi schen Lä nd ern, wo die Sonne viel Orte, an denen man die Fruchtbarkeit der
geringere Bedeutung hat, stellte man sich ei- E rde stark empfinden konnte, waren den al-
ne abstrakte "H inm1elsachse" vor, die vo n ten chthonischen Gottheiten Demeter und
Norden nach Süden verläuft und um die sich Hera geweiht. Orte, an denen menschliche
die Welt dre ht. Diese Achse end et im Polar- Vernunft und Disziplin di e chthonischen
stern, wo sie von einer Säule getragen wird, Kräfte ergä nzten und ihne n zur Seite traten,
e iner Irmin sul. 16 Eine ähnliche ax is mllndi waren Apoll geweiht. Orte, an denen die

28
37. Delphi, Tholos der A/hena.
38. Delphi, Th ea/er und Apollo/empel. 0
39. Bäum e und Lieh/. Saero Speeo, Slibiaeo.

Umgebung als ein geordnetes Ganzes erlebt


wird, etwa Berge mit Rundumsicht, waren
Zeus geweiht und Haine in Wassernähe oder
sumpfiges Gelände der Artemis. Bevor Tem-
pel gebaut wurden, wurden Altäre im Freien
e rrichtet "an einer IdealsteIle, von der aus die
ganze heilige Landschaft erfaßt werden
konnte". 2o So ist verständlich, warum die
griechische Baukunst den sinnvollen Ort zum
Ausgangspunkt nehmen konnte. Durch die
Verbindung von natürlichem und menschli-
chem Charakter gelang den Griechen die
"Versöhnung" von Mensch und Natur, wie sie
ganz besonders in Delphi deutlich wird. Hier
lagen die alten Erdsymbole, Omphalos, der
"Nabel der Welt", und bothros, die Opfergrube
rür die große Erdgöttin, im Tempel Apolls
beieinander. Dann wurden sie von dem
neuen Gott übernommen und in eine
Gesamtsicht von Natur und Mensch einbe-
zogen.
Zur Natur gehört aber auch noch eine vierte
Kategorie von Phänomenen, die weniger
greifbar sind. Licht ist immer als wesentlicher
Bestandteil der Wirklichkeit erfahren worden,
. doch richtete der Mensch in der Antike seine
Aufmerksamkeit eher auf die Sonne (als ein
"Ding'') als auf die allgemeine Vorstellung von
"Licht". Dagegen wurde in der griechischen
Kultur Licht als Symbol von sowohl künstleri-
schem als auch intellektuellem Wissen ver-
standen und in Verbindung mit Apollo gese-
hen, der den alten Sonnengott Helios absor-
biert hatte. Im Christentum wurde das Licht
zu einem hervorragend wichtigen "Element",
zu einem Symbol fLir die Verbindung und Ein-
heit, die zur Vorstellung der Liebe gehörte.
Gott wurde als pater luminis angesehen und
das "göttliche Licht" als eine Manifestation
des Geistes. In der byzantinischen Malerei
wurde das göttliche Licht zum goldenen
Grund, der "die Hauptfiguren wie mit einem
Nimbus der Heiligkeit"21 umgab und so die
ikonographischen Zentren betonte. Ein heili-
ge r Ort zeichnete sich also durch die Anwe-
se nheit von Licht aus, und in diesem Silm
schrieb Dante: "Das göttliche Licht durch-
dringt je nach dessen Wert das Universum."22 0

31
40. Nomegischer Wald illl Will tel:
41. Weites Lal/d. Volle dei Marecchia, Forli.

In der Renaissance dagegen wurde die Welt zur natürlichen Umgebung, wir werden sie sind dadurch bestimmt, wie sie sich ausdelmt.
als M ikrotheos, als Gott, der injedem Ding ge- deshalb im nächsten Kapitel zusammen mit Die Ausdehnung kann mehr oder weniger
genwärtig ist, vei"standen. Dementsprechend dem allgemeinen Problem der Darstellung kontinuierlich sein, möglicherweise finden
schilderten die Landschaftsmaler die Umwelt von Zeit behandeln, . sich in der alles umfassenden Landschaft
als ein Gebilde aus "Fakten", wo alles bis zum Ding, Ordnung, Charakter, Licht und Zeit Unter-Orte, und auch ihre Fähigkeit, artifi-
kleinsten Detail ganz verstanden und geliebt sind Grundkategorien des konkreten Natur- zielle Elemente aufzunehmen, variiert ent-
erscheint. "Aus Fakten wird Kunst durch die verstehens. Gehören Ding und Ordnung zum sprechend Das "Wie" der Ausdehnung hängt
Liebe, die sie vereinigt und sie auf eine höhere Raum (in einem konkreten, qualitativen weitgehend vom Grund ab, das heißt von den
Ebene der Realität hebt; in der Landschaft Sinn), so nehmen Charakter und Licht auf die topographischen Bedingungen. "Topogra-
wird diese allumfassende Liebe durch das allgemeine Atmosphäre eines Ortes Bezug. 26 phie" heißt einfach "Ortsbeschreibung", wird
Licht ausgedrückt." 23 Man könnte auch darauf verweisen, daß aber im allgemeinen als Verweis auf die physi-
Licht ist nicht nur das allgemeinste, sondern "Ding" und "Charakter" Dimensionen der kalische Anordnung eines Ortes verwendet.
auch das am wenigsten dauerhafte Naturphä- Erde, "Ordnung" und "Licht" dagegen vom In unserem Zusammenhang bedeutet "Topo-
nomen. Die Lichtverhältnisse verändern sich Himmel bestimmt sind. Zeit schließlich istdie graphie" vorrangig das, was Geographen das
vom Morgen bis zum Abend, und wie' Licht Dimension der Dauerhaftigkeit und des Wan- Obelj7ächenreliej nennen. Auf einer flachen
während des Tages, so erfUllt Finsternis wäh- dels und macht Raum und Charakter zu Ele- Ebene ist Ausdehnung überallhin und unbe-
rend der Nacht die Welt. Daher ist Licht eng menten einer lebendigen Wirklichkeit, die grenzt möglich; üblicherweise aber schaffen
mit den Zeitabläujen in der Natur verknüpft, immer als besonderer Ort, als genius loei auf- Veränderungen im Oberflächenrelief Rich-
die eine fUnfte Dimension des Verstehens tritt. Die Kategorien geben im allgemeinen tungen und definierte Räume.
sind. Die einem natürlichen Ort eigenen Phä- an, welche Sinrlhaftigkeiten der Mensch aus Doch ist es wichtig, zwischen Struktur und
nomene können von diesen Abläufen nicht der Flut der Phänomene ("Kräfte'') abstra- Maßstab des Reliefs zu unterscheiden. Die
gelöst werden.24 Die Jahreszeiten verändern- hiert hat. Willy Hellpach nennt in seiner klas- Struktur ließe sich mit Begriffen wie Knoten,
in manchen Gegenden mehr, in anderen sischen Arbeit über das Verhältnis von Natur Wege und Bereiche beschreiben, also Ele-
weniger - das Aussehen von Orten. Im Nor- und "Menschenseele" solche Sinnhaftigkei- mente, die dem Raum "ein Zentrum geben",
den lösen grüne Sommer weiße Winter ab, ten "Inhalte des Daseins" und sagt: "Inhalte wie etwa einzelne Hügel, Berge und um-
und beide Jahreszeiten sind durch ganz des Daseins nehmen ihren Ursprung von der grenzte Wasserflächen, oder Elemente, die
schiedene Lichtverhältnisse bestimmt. Doch Landschaft".27 dem Raum Richtung geben, wie Täler, Flüsse
ändern die zeitlichen Rhythmen offensicht- und wadis, oder Elemente, die eine weite
lich nichts an den Grundelementen, die einen 2. Die Struktur des natürlichen Ortes Raumordnung definieren, wie eine relativ
natürlichen Ortausmachen, sondern tragen in Mit dem Ausdruck "natürlicher Ort" wird eine einförmige Häufung von Feldern oder
vielen Fällen sogar entschieden zu seinem ganze Reihe von Umweltebenen bezeichnet, H ügeln. Je nach ihrer Dimension können sol-
Charakter bei, weswegen volkstümliche von Kontinenten über Länder bis zu einer che Elemente ganz unterschiedlich wirken.
Mythen und Märchen oft davon erzählen. Seit schattigen Stelle unter einem einzelnen Hier soll zweckmäßig zwischen drei Ebenen
dem achtzehnten Jahrhundert wird in der Baum. Alle diese "Orte" aber sind durch die unterschiedenwerden: der Mikroebene, der
Landschaftsmalerei untersucht, welche Be- konkreten Eigenschaften von Himmel und mittleren Ebene und der Makroebene. Die
deutung diese Zeitabläufe und sich ändern- Erde bestimmt. Der Boden ist das stabilste Mikroelemente definieren Räume, die fUr
den Lichtverhältnisse fUr den jeweiligen Ort Element, auch wenn sich manche Eigenschaf- mimschliche Zwecke zu klein sind, analog
haben . Diese Entwicklung erreichte im Im- ten mit den Jahreszeiten verändern, doch sind die Makroeleinente zu groß. Räume, die
pressionismus ihre Blüte. 25 ganz entscheidend "prägende" Funktion hat sich unmittelbar fUr das menschliche Wohnen
Im mythischen Denken istZeitgeradeso kon- auch der veränderliche und weniger konkrete eignen oder deren Dimension daraufbezogen
kret wie andere Naturphänomene und wird Hin1mel. Bei unserer Fragestellung liegt es werden kann, haben mittleren, "menschli-
im Rhythmus und in der Periodizität des Men- nahe, von den stabileren Eigenschaften in chen" Maßstab. Als Beispiele für Umräume
schenlebens wie auch im Leben der Natur er- ihrem Verhältnis zu der Umweltebene auszu- in unterschiedlichem Maßstab könnten wir
fahren. Die Teilhabe des Menschen am gehen, die als weite Bühne fUr unser Alltags- die norwegischen Wälder, die nordfranzösi-
Naturganzen wird in Ritualen begangen, in leben dient, nämlich von der Landschaft. sche Ebene (Champagne) und das gewellte
denen "kosmische Ereignisse" wie Schöp- Das' entscheidende Merkmal einer jeden Land in Dänemark anfUhren. In den norwegi-
fung, Tod und Auferstehung wiederholt wer- Landschaft istAusdehnung, ihr speziellerCha- schen Wäldern ist der Boden von kleinen
den. Trotzdem gehören Rituale keineswegs rakter und ihre räumlichen Besonderheiten Unebenheiten und Steinen bedeckt. Der

32
42. Weites Land. Valle d'ldria, Apulien.
43. Weites Land. Romogno.
44. Weites Land. Nonvegen il/l WinleJ; von oben.

Boden liegt nirgends frei und offen, sondern


wird von schmalen "Tälern" zwischen Mini-
"Hügeln" durchschnitten. Es ist eine Art
Mikrolandschaft, die rur Gnome und Zwerge
geschaffen scheint. In Nordfrankreich dage-
gen besteht das Oberflächenrelief aus weiten ,
aber niederen, wellenartigen Hügeln, deren
übermenschlicher Maßstab ein Gefühl
unendlicher kosmischer Ausdehnung vermit-
telt. Die Landschaft in Dänemark ist in gewis-
ser Weise ähnlich, aber der Maßstab ist klei-
ner, und das schafft eine intime, "mensch-
liche" Umgebung. Behält man den "däni-
schen" Maßstab in der Horizontalen bei, ak-
zentuiert aber die vertikale Dimension des
Reliefs, hat man eine "menschliche Hügel-
landschaft". Als Beispiele dafür könnte man
die mittlere Toskana und das Monferrat in Ita-
lien anfuhren. Wo jedoch die Einsenkungen
eine gewisse Tiefe erreichen, erscheinen die
Hügel getrennt, und der Boden verliert seinen
Zusammenhang. Die Landschaft erscheint
dann abweisend und "wild". So etwa in Ligu-
rien, wo das Land von einem Netz schmaler
Schluchten durchschnitten ist,28 Eine relativ
geringe Abänderung reicht also aus, die ein-
ladende, geordnete Hügellandschaft der
benachbarten Region in eine Art wirrer Un-
ordnung zu verwandeln.
Unsere Beispiele sollten zeigen, wie Verände-
rungen des Oberflächenreliefs die räumlichen
Besonderheiten der Landschaft und in gewis-
sem Maß auch ihren Charakter bestimmen.
Ein Charakter wie "wild" oder "freundlich" ist
deshalb eine Funktion des Reliefs, auch wenn
er durch Beschaffenheit, Farbe und Vegetatioll
akzentuiert oder entschärft werden kann.IDie
Worte "Beschaffenheit" und Farbe verweiSen
auf die materielle Substanz des Bodens, also
darauf, ob er aus Sand, Erde, Stein, Gras oder
Wasser besteht, während "Vegetation" Ele-
mente benennt, die hinzutreten und schließ-
lich das Oberflächenrelief gestalten. Offen-
sichtlich ist der Charakter einer Landschaft in
hohem Maß durch diese "sekundären" Ele-
mente bestimmt. Ähnliche Reliefs können
einmal als "nackte" Wüste oder "fruchtbare"
Ebene erscheinen,je nachdem, ob es Vegeta-

34
45. NOllVegischer Wald.
46. Campaglla in Miltelitalien .
47. Wellige Lalldschaft in Dänemark.

tion gibt oder ob sie fehlt. Gleichzeitigjedoch


bewahren ähnliche Reliefs auch fundamen-
tale Gemeinsamkeiten, wie etwa "unend-
liche" Weite. Die welligen Ebenen Nordfrank-
reichs haben zum Beispiel die "kosmische"
Qualität, die man üblicherweise in der Wüste
antrifft, doch ist das Land fruchtbar. So be-
gegnet man einer faszinierenden Synthese.29
Wird die Vegetation zu einem primären Merk-
mal, erhält die Landschaft in der Regel ihren
Namen von dieser Eigenschaft, wie etwa die
verschiedenen Waldlandschaften. Bei einer
Waldlandschaft tritt das Oberflächenrelief
weniger hervor als die Raumwirkung der Ve-
getation. Oft verbinden sich Relief und Vege-
ta tion zu ganz eigenen Landschaftsformen. So
wird in Finnland der zusammenhängende
Wald von einem komplexen System unterein-
emder verbundener Seen "durchdrungen".
Daraus rührt ein eminent nordischer Charak-
ter, wobei die Mikrostruktur des Waldes
durch das mobile und "lebendige" Element
Wasser betontwird. lo Im allgemeinen bringt
Wasser einen Mikrornaßstab zu Landschaf-
ten, denen diese Dimension fehlt, oder es ver-
stärkt das Geheimnisvolle bei Landschaften,
die bereits diese Mikroebene haben. Ist das
Wasser ein schnellfließender Bach oder ein
Wasserfall, wird die Natur selbst mobil und
dynamisch. Auch hat die spiegelnde Oberflä-
che von Seen und Teichen einen entmateriali-
sierenden Effekt, der der stabilen topographi-
schen Struktur entgegenwirkt. In einer
Sumpflandschaft hat schließlich der Boden
ein Maximum 'an Unbestimmtheit. Dagegen
bilden die Ufer von Flüssen und Seen scharfe
Kanten, die gewöhnlich in der Landschaft als
wichtige Strukturelemente erscheinen. Sol-
che Kanten haben die zweifache Funktion,
dem Wasser wie auch dem angrenzenden
Land eine Bestimmung zu geben. Offensicht-
lich kann diese Bestimmung auf allen Um-
weltebenen erfolgen, und auf der umfassend-
sten ist es der Ozean, der den "letzten" Grund
bildet, auf dem dann die Kontinente als ge-
sonderte "Gestalten" erscheinen.I I
Durch das Zusammenwirken von Oberfläche,
Relief, Vegetation und Wasser entstehen

35
48. Hiigel illl MO llfermt. 51. Kiis /el/verlallj. Mam/ea, Po/el/za.
49. Fillllische Lalldschaft.
50. Schi licht. Vitorchiallo, La/illlll.

36
52. Tal il/ No /wegel/.
53. NOl1\legische ll/sell/.
54. Fjord il/ NOl1\legel/.

charakteristische Gebilde oder Orte, die dann


ihrerseits die Grundelemente von Landschaf-
te n sind. Eine Phänomenologie des natürli-
chen Ortes sollte daher einen systematischen
Überblick über diese konkreten Gebilde ent-
halten. J2 Veränderungen im Oberflächenre-
lief bringen eine Reihe von Orten hervor, für
di e unsere Sprache wohlb ekannte Namen
hat: Ebene, Tal, Becken, Schlucht, Plateau,
Hügel, Berg. Diese Orte hab enjeweils beson-
dere phänomenologische Merkmale. Die
Ebene macht Ausdehnung an sich deutlich,
das Ta l dagegen ist ein begrenzter Raum mit
einer Richtung. Ein Becken ist ein Tal mit
einem Zentrum, wo Raum eingeschlossen
und statisch wird. Haben Täler und Becken
einen Makro- oder mittlere n Maßstab , so ist
eine Schlucht (Klamm, Kluft) durch "abwei-
sende" Enge gekennzeichnet. Ihr eignet etwas
von einer "Unterwelt", wo das "Innere" der
Erde zugänglich erscheint. In einer Schlucht
fühlt man sich gefangen und eingesperrt, und
di e Etymologie des englischen Worts dafür,
ravine, führt auch zurück zu rapere, "festneh-
men". Hügel und Berge sind räumliche Er-
gä nzungen zu Tälern und Becken und dienen
in einer Umwelt als raumdefinierende
"Dinge". Ihre strukturellen Eigenschaften
werden durch Worte wie "Abhang", "Grat",
"Kamm", "Gipfel" angegeben. Wir haben be-
reits angedeutet, daß das Vorhandensein von
Wasser die besondere Ortsstruktur des Ober-
flächenreliefs betonen kann. Ein Tal wird ganz
wörtlich von einem Fluß "unterstrichen", und
ein See verstärkt noch den Eindruck eines
Beckens .
Wasser schafft aber auch räumliche Gebilde
ganz besonderer Art: Inseln, Landzungen,
Vorgebirge, Halbinseln, Buchten und Fjorde,
die alle zu den ausgeprägtesten natürlichen
Orten gezählt werden müssen. Die Insel ist
ein Ort par excellence, der als "isolierte", fest
umrissene Gestalt erscheint. Existentiell ver-
we ist uns die Insel zurück auf die Ursprünge:
Sie erhebt sich aus dem Element, aus dem ur,
sprünglich alles hervorging. Auch ein Golf
oder eine Bucht sind stark archetypische Orte,
di e man als "umgekehrte Halbinseln" be-

37
55. Wo/keil. Liillebllrger Heide.
56. Ta/lIlid Si/hol/ eile. S ilbioco.
57. Blick alls der SyrischeIl Wüste.
58. Dällische Lalldschajl.

schreib en könnte. Die durch Vegetation ge-


schaffenen Orte wie Wald, Hain und Feld sind
bereits erwähnt worden; hier sei nur noch an
ihre Bedeutung als Teile der "lebendigen"
Wirk-lichkeit erinnerP3
Aufder Erde sein heißtauch: unter dem Him-
mel sein. Obgleich der Himmel fern und
unberührbar ist, hat er konkrete "Eigenschaf-
ten" und außerordentlich prägende Funktion.
Im täglichen Leben ist uns der Himmel selbst-
verständlich; wir bemerken zwar, wie er sich
mit dem Wetter verändert, aber wie wichtig er
fLir die allgemeine "Atmosphäre" ist, wird uns
kaum bewußt. Erst wenn wir ferne Orte besu-
chen, erfalu'en wir den Himmel plötzlich als
"niedrig" oder "hoch", irgend wie anders als
gewohnt. Für die Wirkung des Himmels sind
zwei Faktoren ursächlich: erstens seine Be-
schaffenheit, also die Qualität von Licht und
Farbe und die vorhandenen charakteristi-
schen Wolken. 34 Und zweitens seine Bezie-
hung zum Grund, das heißt, wie er von unten
aussieht. Von einer weiten, offenen Ebene aus
gesehen, wirkt der Himmel wie eine vollkom-
mene Halbkugel, und bei gutem Wetter er-
scheint er alles überspannend und wahrhaft
grandios. An Orten jedoch mit ausgeprägtem
Oberflächenrelief oder reicher Vegetation ist
jewe ils nur ein Ausschnitt des Himmels zu
sehen. Der Raum zieht sich zusammen, die
Landschaft wirkt intimer oder sogar ein-
geengt. Daß dies nicht eine neuzeitliche Er-
ralu-ung ist, belegt der Bericht eines ägypti-
schen Schriftstellers: "Du hast nicht die
Straße nacil Meger [in Syrien] beschritten, wo
der Himme l am Tag dunkel ist und di e ga nz
von Zypressen, Eichen und Zedern über-
wachsen ist, die bisand en Himmel reichen ...
Ein Zittern überfällt dich, dir stehen die Haare
zu Berg, und deine Seele ängstigt sich ... Auf
e iner Seite liegt die Schlucht, und auf der an-
deren ragt der Berg empor."35 Dies muß in der
Tat eine beängstigende Erfahrung ftir einen
Ägypter gewesen sein, der daran gewöhnt
war, die Sonne während des ganzen Tages zu
se hen. Allgemein läßt sich sagen: Der Himm el
isl ebenso groß lVie der Raum, von dem aus erbe-
fra chlel wird. Da einRaum sein "Anwesen" an

39
der Grenze beginnt, verstehen wir nun, wie samkeit immer auf den plastischen Gegen- durch eine Bergkette unterteilt wird, hat eine
wichtig für einen engen Raum die Silhouette stand konzentriert und eine Umwelt geschil- ähnliche Struktur wie Italien. Doch sind die
der umgebenden "Wände" wird. Der Himmel dert, in der sogar die verdeckten Objekte be- Dimensionen größer und die räumlichen Ei-
ist dort nicht eine umfassende Halbkugel in- leuchtet sind. l8 . genschaften der Regionen unterschiedlicher.
nerhalb eines linearen Horizontes, sondern Im allgemeinen aber ist die Erde die "B ühne", Infolgedessen enthält die Halbinsel zwei Län-
auf einen Hintergrund für die Konturen des auf der das tägliche Leben des Menschen der mit verschiedenen Merkmalen; dagegen
Oberflächenreliefs reduziert. Der Charakter stattfindet. Bis zu einem gewissen Grad läßt wäre es sinnlos, Italien durch einen Längs-
der Landschaft tritt als Silhouette gegen den sie sich wohl beherrschen und gestalten, und schnitt in zwei "Hälften" zu trennen. In Süd-
Himmel in Erscheinung, manchmal sanft ge- dies . führt zu einer freundlichen Beziehung. norwegen gibt es ein "fächerförmiges" Täler-
wellt, manchmal scharf eingeschnitten und Die natürliche Landschaft wird so zu einer system mit dem Zentrum Oslo, das so als
wild.l6 Kulturlandschaft, das heißt zu einer Umge- natürlicher Brennpunkt dient. Westnorwegen
Das klimatisch bedingte Aussehen des Him- bung, worin der Mensch seinen sinnvollen wird durch mehrere parallele Fjorde zwischen
mels wirkt als Kontrapunkt zu den allgemei- Platz im Gesamten gefunden hat. Dagegen hohen Bergen unterteilt und besteht deshalb
nen Raumeigenschaften. In den Wüstenge- bleibt der Himmelfern und wird gerade durch aus eigenständigeren, wenn auch "ähnlichen"
bieten Nordafrikas und des Nahen Ostens sein "Anderssein" bestimmt. Diese beiden Landschaften. Nordschweden hat ein analo-
unterstreicht der wolkenlose blaue Himmel Grunderfahrungen werden durch die struktu- ges System langgezogener, paralleler Täler,
noch die grenzenlose Ausdehnung des Lan- rellen Begriffe Horizontale und Vertikale aus- wogegen der südliche Landesteil eher eine
des, und wir erleben die Landschaft als Ver- gedrückt. Das einfachste Modell für den exi- durch Seen und Hügel abgegrenzte Gebiete-
körperung einer ewigen Ordnung, in deren stentiellen Raum des Menschen ist deshalb gruppe genannt werden könnte. Die Küste
Mittelpunkt wir stehen. Dagegen ist der Him- eine horizontale Ebene, die von einer verti- beider Länder ist von einem Gürtel aus Inseln
mel über den nordeurapäischen Ebenen au- kalen Achse durchschnitten wird .J9 Auf der und Schären umgeben, womit eine "Mikro-
ßergewöhnlich "niedrig" und "flach". Selbst Ebene wählt und schafft der MenschZentren, struktur" auftaucht, die in Italien völlig fehlt.
an wolkenlosen Tagen sind seine Farben rela- Wege und Bereiche, die den konkreten Raum Strukturell bedeuten Orientierung und Iden-
tiv fahl, und das Gefühl, unter einer einhüllen- seiner Alltagswelt ausmachen. tifizierung daher die Erfahrung eines natürli-
den Kuppel zu stehen, fehlt völlig. Deshalb Unser kurzer Exkurs über die Struktur des na- chen Ortes innerhalb eines natürlichen Ortes.
wird die horizontale Richtung als bloße Aus- türlichen Ortes sollte zeigen, daß ,er auf ganz Die verschiedenen "Innen" sind entspre-
dehnung erlebt. Je nach Oberflächemelief verschiedenen "Ebenen" auftreten kann. Ent- chend ihren strukturellen Eigentümlichkei-
und Lichtqualität sind aber viele Variationen sprechend seiner besonderen Struktur kann ten "bekannt". Es läßt sich auch tatsächlich in
möglich. In küstennahen Gebieten verändern ein ganzes Land Objekt konkreter Identifika- allen Ländern feststellen, daß die Namen von
sich die atmosphärischen Bedingungen stän- tion sein, so z. B. Italien dadurch, daß es eine Regionen und Landschaften die Existenz von
dig, und das Licht wird zu einem lebendigen Halbinsel mit einer Bergkette in der Mitte ist. natürlichen Orten mit strukturell bestimmter
und poetischen Element. In einem Land wie Auf beiden Seiten dieses zentralen Kammes Identität widerspiegeln. 4l Derjeweilige genius
Holland, mit flachem und in kleine Räume entstehen ganz unterschiedliche Landschafts- loei steht daher in einem hierarchischen
unterteiltem Grund, bleibt das Licht ein orts- typen: Ebenen, Täler, Becken und Buchten, System und kannnur in diesem Kontext ganz
abhängiger, intimer Wert. In Nordfrankreich die dank der Topographie des Landes eine ge- verstanden werden.
dagegen öffnet sich die Landschaft, und der wisse Eigenständigkeit bewahren. Innerhalb
weite Himmel wird zu einer großen "Bühne" der Landschaften bieten Unterarte dem Men- 3. Der Geist eines natürlichen Ortes
fLir die sich ständig verändernden Lichtver- schen die Möglichkeit zu intimem Wohnen. Die Untersuchung des Phänomens "natürli-
hältnisse. Man erlebt eine "Licht-Welt", die Bei den Unterarten finden wir auch die arche- cher Ort" hat bis dahin einige Grundtypen der
ganz offensichtlich zu den hellen Wänden der typische Einsiedelei, wo die ursprünglichen natürlichen Faktoren enthüllt, die in der
gotischen Kathedralen und Monets impres- Kräfte der Erde noch immer gegenwärtig Regel auf die Erde oder den Himmel bezogen
sionistischen Gemälden angeregt hat. l ) In sind. Die "Carceri" des h1. Franziskus bei Assi- sind oder eine Wechselwirkung dieser beiden
Südeuropa fehlen diese poetischen Qualitä- si oder Sacro Speco des hl. Benedikt bei Su- "Grundelemente" ausdrücken. Wir haben
ten des Lichts fast ganz; die starke, heiße Son- biaco sind dafLir charakteristisch. An diesen weiter festgestellt, daß in manchen Gegenden
ne "füllt den Raum" und läßt die plastischen Orten erfuhren die mittelalterlichen Heiligen der Himmel als dominanter Faktor auftaucht,
E igenschaften der natürlichen Formen und das Geheimnis der Natur, was fLir sie die Ge- wogegen in anderen die Erde die wichtigste
"Dinge" hervortreten. Daher hat auch die ita- genwart Gottes bedeutete.4o Erscheinung darstellt. Ein gewisses Zusam-
lienische Landschaftsmalerei ihre Aufmerk- Skandinavien, ebenfalls eine Halbinsel, die menwirken der beiden Elemente findet

40
59. Lalldkarte VOll Skalldillaviell. 61. Lalldkarte VOll Italiell.
60. Assisi, Erelllo delle Carceri.

41
natürlich überall statt, doch gibt es Orte, wo derliche und ziemlich unbegreifliche Welt zu menschlichem und idyllischem Maßstab ,
Himmel und Erde eine besonders glückliche offenbaren, wo Überraschungen an der Ta- heißt Wohnen: sich zwischen den niederen
"Hochzeit" vollzogen zu haben scheinen. An gesordnung sind. Die allgemeine Instabilität Hügeln unter hohen Bäumen und umfangen
solchen Orten zeigt sich die Umwelt als har- wird noch durch den Kontrast zwischen den von einem veränderlichen Himmel niederlas-
monisches Ganzes in mittlerem Maßstab , das Jahreszeiten und durch häufigen Wetter- sen. In Norwegen dagegen bedeutet es, einen
relativ leicht völlige Identifikation zuläßt. Bei wechsel betont. Ganz allgemein ließe sich Ort in der "wilden" Natur zwischen Felsen
den Landschaften mit dominierendem Him- sagen, daß die nordische Landschaft durch und dunklen, düsteren Koniferen möglichst
mel kann man unterscheiden zwischen sol- eine grenzenlose Vielfalt unterschiedlicher Orte nahe an einem schnell strömenden Wasser zu
chen, wo die "kosmische Ordnung" von vor- bestimmt ist. Hinterjedem Hügel oder Felsen finden 43 Beide Male jedoch sind die Kräfte
rangiger Bedeutung ist, und solchen, wo die liegt ein neuer Ort, und nur ausnahmsweise der Natur gegenwärtig und machen aus dem
Veränderung der atmosphärischen Bedin- vereinheitlicht sich die Landschaft zu einem Wohnen eine Interaktion zwischen dem
gungen ganz entscheidend zum Charakter der einfachen eindeutigen Raum. So begegnet Menschen und seiner Umwelt. Wesentlich
Umwelt beiträgt. Bei dominierender Erde der Mensch in der nordischen Landschaft ei- daflir, daß diese Kräfte manifest werden, ist
muß eine Klassifizierung das Vorhandensein nem Heer von natürlichen "Kräften" ; eine all- die Mikrostruktur. Die nordische Landschaft
von archetypischen "Dingen" wie auch Verän- gemeine, einheitliche Ordnung fehlt dagegen. ist denn auch durch die Erde beherrscht. Sie ist
derungen des Maßstabs (Mikro-Makro) be- Dies wird ganz deutlich in der Literatur, bil- eine chthonische Landschaft, die sich nicht et-
rücksichtigen. denden Kunst und Musik der nordischen Län- wa mühelos dem Himmel zuwendet, und ihr
der, in denen Natureindrücke und -stimmun- Charakter wird durch eine Fülle ineinander
Die romantische Landschaft gen eine überragende Rolle spielen. In Legen- verwobener, unverständlicher Details be-
Es liegt nahe, eine Abhandlung über die Ar- den und Märchen begegnen wir den mythi- stimmt.
chetypen der natürlichen Orte mit dem Land- schen Bewohnern dieser Welt: Gnomen,
schaftstypus zu beginnen, an dem die ur- Zwergen und Trollen. 42 Noch heute tragen die Die kosmische Landschaft
sprünglichen Kräfte noch immer stark zu spü- Menschen im Norden diese Wesen in ihrer In der Wüste sind die Komplexitäten unserer
ren sind: mit dem nordischen Wald, wie er in Seele, und wenn sie "leben" wollen, verlassen konkreten Lebenswelt auf einige wenige, ein-
bestinlmten Teilen Mitteleuropas und beson- sie die Städte, um die Geheimnisse der nordi- fache Phänomene reduziert: 44 die endlose
ders in Skandinavien vorkommt. Dieser Wald schen Landschaft zu erfahren. Das ist die Su- Weite des monotonen, dürren Bodens, das
wird durch eine endlose Vielfalt unterschiedli- che nach dem genius loei, den man verstehen ungeheure, umfassende Gewölbe des wol-
cher Phänomene bestimmt: muß, will man einen existentiellen Halt fin- kenlosen Himmels (den man nur selten als
Der Boden ist selten einförmig, häufig unter- den. Allgemein ließe sich die nordische Welt Ausschnitt zwischen Felsen und Bäumen er-
teilt, und zeigt abwechslungsreiches Relief; als eine romantische Welt charakterisieren, in lebt), die sengende SOlme mit beinahe schat-
Felsen und Vertiefungen, Haine und Lichtun- dem Sinn, daß sie den Menschen zu einer fer- tenlosem Licht, die trockene, heiße Luft, in
gen, Dickichte und Büsche bilden eine reich- nen "Vergangenheit" zurückflihrt, die eher der einem deutlich wird, welche Bedeutung
haltige "Mikrostruktur". geflihlsmäßig erfahren denn als Allegorie das Atmen flir die Elfahrung eines Olies hat.
D er Himmel wird selten als Gewölbe erfah- oder Geschichte verstanden wird. Insgesamt scheint die Umwelt die Manifesta-
ren, ist zwischen die Konturen von Bäumen Welche Art Wohnen ist nun in der nordischen tion einer absoluten, ewigen Ordnung zu sein,
und Felsen gedrängt und wird außerdem noch Landschaft möglich? Es wurde schon ange- einer Welt, die durch Dauer und Struktur be-
ständig von Wolken verändert. deutet, daß ein Nordländer sich der Natur ein- stimmt ist. Auch durch die Zeitdimension
Die Sonne steht relativ niedrig und erzeugt flihlsam nähern, daß er in enger Beziehung kommen keine Unbestimmtheiten hinzu.
ein vielfältiges Spiel aus Licht- und Schatten- mit der Natur leben muß. Direkte Teilnahme Die Sonne beschreibt beinahe exakt einen
flecken, wobei Wolken und Vegetation als ist daher wichtiger als Abstraktion von Ele- Meridian und teilt den Raum in "Orient",
weitere "Fi lter" fungieren. Wasser ist als dyna- menten und Ordnung. Diese Teilnahme ist "Okzident", "Mitternacht" und "Mittag", das
misches Element überall gegenwärtig, als jedoch nicht sozial. Eher bedeutet sie, daß das heißt in qualitative Bereiche, die im Süden ge-
strömender Fluß oder als stiller, schimmern- Individuum sein eigenes "Versteck" in der Na- wöhnlich als Bezeichnungen flir die Haupt-
der See. tur fmdet. "My horne is my castle" ist delm himmelsrichtungen verwendet werden. 45
Die Beschaffenheit der Luft ändert sich auch ein Motto des Nordens. Dieser Prozeß Sonnenaufgang und -untergang verknüpfen
dauernd, von feuchtem Nebel zu erfrischen- von Einflihlung und Teilnalmle findet offen- Tag und Nacht ohne Übergangserscheinun-
dem Ozon. sichtlich in verschiedenen Regionen auf un- gen zu einem einfachen zeitlichen Ablauf.
Insgesamt scheint die Umwelt sich als verän- terschiedliche Weise statt. In Dänemark, mit Auch die Wüstentiere sind Teil der endlosen,

42
62. L eben zwischen lind unter Bäumen. Dänemark.
63. Romantische L andschaft. NOl1l'egischer Wald.
64. Mikrostmktl/l: NOl1l'egischer Wa ld.

" .
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43
65. Koslllische Landschaft. Wiisle lIIil Kalllelen.
Jordanien.
66. Oase bei LIIXOI:

monotonen Umweltabläufe, wie sie sich in wegs heißt dies, daß der Araber sich in der Curtius: "Die einzelne griechische Land-
den Bewegungen des Kamels, des "Wüsten- Wüste niederläßt. Um sich niederzulassen, schaft ist jedesmal ein höchst klar durch die
schiffs", offenbaren. braucht er die Oase, das heißt, er braucht in- Natur abgegrenztes, mit dem Auge überseh-
Nur einer Überraschung kann man in der Wü- nerhalb dieser kosmischen Makrowelt einen bares geschlossenes Gebilde, der Sinn der
ste begegnen: einem Sandsturm, dem haboob intimen Ort. 48 In der Oase scheint es, als griechischen Kunst für Körper und Grenze,
der Araber. Aber auch der Sandsturm ist mo- machten die schlanken Stämme der Palmen, für das Ganze und den Teil liegt tief in ihr be-
noton. Er ist kein eigener Ordnungstypus; er die aus der ebenen Weite des Bodens ragen, gründet ..." 50 Wir haben schon darauf hin-
verbirgt die Welt, ändert sie aber nicht. die Ordnung der Horizontalen und Vertika- gewiesen, daß die Griechen die verschiede-
In der Wüste bietet die Erde also dem Men- len, die den arabischen Raum ausmachen, nen, in der Landschaft erfahrbaren Charak-
schen keinen ausreichenden existentiellen deutlich. Innerhalb dieser abstrakten Ord- tere als anthropomorphe Götter personifizier-
Halt. Sie hat nicht einzelne Orte, sondern ist ein nung sind keine wirklich plastischen Dinge ten und so Eigenschaften der Natur und der
durchgängiger neutraler Grund . Der Himmel möglich, das "Spiel von Licht und Schatten" Menschen aufeinander bezogen. In der Natur
dagegen ist durch die Sonne (und durch Mond ist ausgelöscht, und alles ist auf Oberfläche fand ein Grieche eher sich selbst als einen ab-
und Sterne) strukturiert, und seine einfache und Linie reduziert. In der Oase kommt das soluten Gott der Wüste oder die Trolle der
Ordnung wird durch atmosphärische Verän- Wohnen zu seiner vollen Bedeutung, die die nordischen Wälder. Das hieß, daß er durch
derungen nicht beeinträchtigt. In der Wüste Totalität ebenso wie die besondere Örtlichkeit Selbsterkenntnis die Welt erkannte und da-
begegnet der Mensch deswegen nicht den einschließt. durch sowohl von der totalen Abstraktion wie
vielgestaltigen "Kräften" der Natur, sondern auch von der Einfühlung, von der im Zusam-
erlebt ihre höchst absoluten kosmischen Ei- Die klassische Landschaft menhang mit den kosmischen und romanti-
genschaften. Diese existentielle Situation Zwischen dem Süden und dem Norden liegt schen Landschaften die Rede war, unabhän-
steht hinter dem arabischen Sprichwort: "Je die klassische Landschaft. "Entdeckt" wurde gig wurde. Mit der klassischen Landschaft war
tiefer man in die Wüste geht, desto näher sie in Griechenland und bildete später einen dem Menschen daher eine Gemeinschaft
kommt man zu Gott." Tatsächlich ist auch der hervorragenden Teil der römischen Umwelt. möglich, in der innerhalb dieser Totalität je-
Glaube an einen einzigen Gott, der Mono- Die klassische Landschaft wird weder durch der Teil seine Identität bewahrte. Weder wird
theismus, in den Wüstengebieten des Nahen Monotonie noch durch Vielgestaltigkeit be- das Individuum durch ein abstraktes System
Ostens entstanden. Judentum und Christen- stimmt. Eher läßt sich eine versteh bare absorbiert, noch muß es ein privates Versteck
tum stammen beide aus der Wüste, wenn ihre Anordnung unterschiedlicher Elemente fest- fmden . So wird ein wirkliches "Versammeln"
Lehren auch in der freundlicheren Landschaft stellen: Klar umrissene Hügel und Berge, sel- möglich, das die grundlegenden Aspekte des
Palästinas "humaner" geworden sind. Im Is- ten von struppigen Wäldern wie im Norden Wohnens berücksichtigt.
lamjedoch hat die Wüste ihren überragenden bedeckt, klar begrenzte, vorstellbare natür- Wie wohnt nun der "klassische Mensch" in
Ausdruck gefunden. Für einen Moslem ist die liche Räume wie Täler und Becken, die wie der Landschaft? Grundsätzlich ließe sich
Vorstellung von dem einen Gott das einzige einzelne "Welten" sind, starkes und gleichmä- sagen, daß er der Natur als gleichrangiger
Dogma, und flinfmal täglich wendet er sich ßig verteiltes Licht und Transparenz der Luft "Partner" gegenübertritt. Er steht an seinem
nach Mekka und spricht: "la ilaha illallah "- verleihen den Formen ein Höchstmaß an Pla- Ort und blickt auf die Natur als freundliche
"es gibt keinen Gottaußer Allah".46 Mit dieser stizität. Der Boden vereint Kontinuität mit Ergänzung zu ' seinem eigenen Sein. Diese
Verkündigung der Einheit Gottes bestätigt Vielfalt, de r Himmel ist hoch und umfassend, einfache, feste Beziehung begünstigt die Frei-
der Moslem die Einheit seiner Welt, einer doch ohne die Absolutheit zu haben, der man setzung der menschlichen Vitalität, wogegen
Welt, die im genius loei der Wüste ihr natürli- in der Wüste begegnet. Eine wirkliche Mikro- die veränderliche nordische Welt den Men-
ches Vorbild hat. Für einen Wüstenbewohner struktur fehlt , alle Dimensionen sind schen nach Sicherheit in introvertierter
ist der genius loei eine Manifestation des Ab- "menschlich" und schaffen ein vollkomme- Schwere suchen läßt. Tritt der Mensch der
soluten. 4 ) Existentiell ist die Wüste in einer nes, harmonisches Gleichgewicht. Die Um- Natur "gegenüber", so reduziert er die Land-
sehr besonderen Weise, und man muß ihr welt besteht daher aus begreifbaren "Din- schaft zur Ansicht (Vedute), wie denn auch die
Sein als solches kennen, damit das Wohnen gen", die im Licht hervortreten (ex-sist). Die klassische Landschaft selten in dem nordi-
möglich wird . Im Islam wird deswegen bestä- klassische Landschaft "empfangt" Licht, ohne schen Sinn des "In-die-Natur-Gehens" "be-
tigt, daß der Araber zum Freund der Wüste ihre konkrete Präsenz zu verlieren.49 nutzt" wird. 51 Die Einheit von Mensch und
geworden ist. Sie gilt nun nicht mehr, wie bei Die klassische Landschaft ließe sich im allge- Natur äußert sich eher im praktischen Nutzen
den alten Ägyptern, als "tot", sondern ist zur meinen als sinnvolle Ordnung selbständige/; des Ackerbaus, der die Struktur der Land-
Grundlage des Lebens geworden. Keines- einzelner Orte beschreiben. So schreibt Ludwig schaft als eine "Addition" relativ selbständi-

45
67. Klassische Landschaft. Albaner See lIIit delll
Mal/te Cava.
68. Terrassel1fönnige Weil/hänge il/ Kalabriel/.

ger, einzelner Orte noch betont. Der genius


loeiwird daher vor allem dort deutlich, wo klar
abgegrenzte natürliche Orte durch die
sorgsame Pflege des Menschen betont sind.
Wohlbekanntes Beispiel dafür ist das Arnotal
in Italien, wo die Kulturlandschaft tatsächlich
die klassische "Versöhnung" offenbart. Im all-
gemeinen wird die Versöhnung als harmoni-
sches Gleichgewicht von Himmel und Erde
spürbar. Als plastische Erscheinung erhebt
sich die Erde ohne Spannung und erblüht in
Bäumen, die jeweils eigenen plastischen Wert
haben. Freundlich antwortet das goldene
Licht des Himmels und verheißt dem Men-
schen "Brot und Wein".

Die komplexen Landschaften


Die romantischen, kosmischen und klassi-
schen Landschaften sind Archetypen des
natürlichen Orts. Sie werden durch die funda-
mentalen Beziehungen von Erde und Him-
mel geschaffen und sind wichtige Kategorien,
mit deren Hilfe wir den genius loei einer kon-
kreten Situation besser "verstehen" können .
Als Typen kommen sie kaum in "reiner" Form
vor, sondern nur innerhalb verschiedener
Synthesen. Es war schon von der "fruchtbaren
Wüste" der Champagne die Rede, wo sich kos-
mische, romantische und klassische Eigen-
schaften zu einem besonders sinnvollen
Gebilde vereinen, einer Landschaft, in der die
gotische Architektur möglich war und damit
eine besonders vollkommene Interpretation
der christlichen Botschaft. Wir könnten auch
Orte wie Neapel erwähnen, wo klassischer
Raum und Charakter auf die romantische
Stimmung am Meer und die chthonischen
Kräfte des Vulkans treffen, oder Venedig, wo
kosmische Weite sich mit dem unbeständi-
gen, flimmernden Spiegel der Lagune verbin-
det. Anders in Brandenburg: Dort ist die
Weite zwischen ein sandiges Moor und einen
niedrigen, grauen Himmel gezwängt und bil-
det so eine Landschaft, die durchtränkt
scheint vom monotonen, trostlosen Schritt
marschierender Soldaten. Dagegen haben die
Alp en einen "wildromantischen" Charakter,
der hauptsächlich durch die gezackten Sil-

46

L
69. Siedlllng in der Landschaft. Soriano al Cimino.
I 70. Französische " C/wmpagne" bei Amiens.

houetten und die unzugänglichen Schluchten


bestimmt ist. Es gibt unbegrenzt viele Mög-
lichkeiten und damit auch die entsprechend e
Vielfalt "existentiellen Sinns".
Daß die Landschaft grundlegenden existen-
tiellen Sinn oder Inhalt bestimmt, wird da-
durch bestätigt, daß sich die meisten Men-
schen in einer "fremden" Landschaft "verlo-
ren" flihlen. Bekannt ist ja, daß Menschen aus
dem Flachland oft unter Klaustrophobi e
leiden, wenn sie in einer hügeligen Gegend
leben müssen, und daß an intime Räume ge-
wöhnte Menschen leicht Opfer der Agora-
phobie werden . Die Landschaft dient jeden-
falls den vom Menschen geschaffenen Orten
als ausgedehnter Grund. Sie enthält diese Or-
te, und in "Bereitstellung" flir sie enthält sie
auch natürliche "Innenräume". Wir haben da-
von als von "sitmvollen Orten" gesprochen,
die deshalb bekannt sind, eben weil sie beson-
dere Struktureigenheiten haben. Wohnen in
der Natur ist deshalb nicht bloß die Frage
nach einem "Zufluchtsort". Es bedeutet viel
eher das Verstehen einer gegebenen Umwelt
als eine Reihe von "Innenräumen", von der
Makro- bis hinunter zur Mikroebene. In der
romantischen Landschaft heißt Wohnen: sich
von der Mikroebene zur Makroebene erhe-
ben; unmittelbar vorhanden sind hier di e
Kräfte der Erde, Gott dagegen ist verborgen.
In der kosmischen Landschaft verläuft dieser
Prozeß in umgekehrter Richtung, und der
umfriedete Garten oder das "Paradies" wird
zum letzten Ziel. In der klassischen Land-
schaft schließlich findet sich der Mensch in
der harmonischen "Mitte" und kann sowohl
nach "Außen" als auch nach "Innen" streben.
Was es damitaufsichhat, sagt Rilke: "Erde, ist
es nicht dies, was du willst: unsichtbar in uns
erstehn"?52

47
71. Neapel, Panorama.
72. Der Krater des Vesuv.
73. Blick iiber die Lagune OlU Venedig.
74. NOl1l'egische Landschaft.
75. Alpenlandschaft.

48
I