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grundrisse

zeitschrift für linke theorie & debatte

reife der zeit


aktualität der multitude

modifizierte stärke
lateinamerika in bewegung

feminismus der strasse


öffentlichkeiten der mujeres creando

traurige ratlosigkeit
keine kritik am grundeinkommen

ist sex subversiv?


theorien der sexuellen befreiung

wie hältst du es
mit der demokratie?

MIT NACHDRUCK
was ist die organisation politique?

20
außerdem: jubiläum!
buchbesprechung, leserinnenbrief

winter 2006 / preis 4,80 euro


1

Inhaltsverzeichnis
[ 1 ] Impressum Seite 2

[ 2 ] Editorial, Leserinnenbrief Seite 3

[ 3 ] Die Reife der Zeit: Zur Aktualität der Multitude. Ein Gespräch von
Colectivo Situaciones mit Paolo Virno, übersetzt von Birgit Mennel Seite 6

[ 4 ] Modifizierte Stärke. Soziale Bewegungen in Lateinamerika im Überblick


[Jens Petz Kastner] Seite 12

[ 5 ] Feminismus der Straße. Die Mujeres Creando in Bolivien


[Jens Petz Kastner] Seite 19

[ 6 ] Öffentlichkeiten der Mujeres Creando. Wir besetzen das Fernsehen


genauso wie die Straße [Maria Galindo] Seite 22

[ 7 ] Traurige Ratlosigkeit. Bemerkungen zur Kritik am Grundeinkommen


von Markus Koza und Angela Klein [Karl Reitter] Seite 28

[ 8 ] Ist Sex subversiv? Linke Theorien der sexuellen Befreiung


und Gender-Dekonstruktion, Teil 1 [Paul Pop] Seite 33

[ 9 ] Wie hältst Du es mit der Demokratie? Negri und Badiou sowie ein
grundrisse-Seminar zur Demokratie [Franz Naetar] Seite 46

[10] MIT NACHDRUCK: Was ist die Organisation politique? Seite 59

[11] Buchbesprechung Seite 65

Die Redaktionstreffen der grundrisse finden jeden 2. und 4. Montag im Monat um 19 Uhr in der
Martinstraße 46, 1180 Wien, statt. Interessierte LeserInnen sind herzlich eingeladen.
Weitere Infos unter: www.grundrisse.net und unter grundrisse@gmx.net
Ein Jahresabo kostet für 4 Nummern Euro 18,-, das 2-Jahres-Abo nur 33,- Euro!
Bestellungen entweder an grundrisse@gmx.net oder an K. Reitter, Antonigasse 100/8, A-1180 Wien
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Zahlungszweck: Abo ab Nr. xx

Impressum: Medieninhaberin: Partei grundrisse Antonigasse 100/8, 1180 Wien


Herausgeberin: Redaktion grundrisse (Wolfgang Bacher, Dieter A. Behr, Martin Birkner, Bernhard Dorfer,
Robert Foltin, Daniel Fuchs, Käthe Knittler, Birgit Mennel, Franz Naetar, Paul Pop, Karl Reitter, Andrea
Salzmann, Klaus Zoister)
MitarbeiterInnen dieser Nummer: Jens Petz Kastner, Lisbeth Kovacic, Lisa Waldnaab, Gerold Wallner
Graphikkonzept: Harald Mahrer, Layout: Karl Reitter, Umschlag: Andrea Salzmann
Erscheinungsort: Wien. Herstellerin: Digidruck, 1030 Wien
Offenlegung: Die Partei grundrisse ist zu 100% Eigentümerin der Zeitschrift grundrisse.
Grundlegende Richtung: Förderung gesellschaftskritischer Diskussionen und Debatten.
Copyleft: Der Inhalt der grundrisse steht unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation.

ISSN: 1814-3156
Key title: Grundrisse (Wien, Print)

Inhaltsverzeichnis, Impressum
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2

Editorial
Liebe LeserInnen, Nummern der grundrisse zur freien Verfügung.
Dennoch sind wir zur finanziellen Absicherung der
Jubeljubeljubel - 5 Jahre und 20 Ausgaben Produktion auf eure Abos angewiesen und weisen
grundrisse sind vollbracht! In dieser Zeit hat sich hiermit ausdrücklich auf eine konservative Tendenz
Redaktion wie Zeitschrift gewandelt: von einer rein der grundrisse hin: Seit 5 Jahren kosten diese näm-
männlich zusammengesetzten Theorieproduktions- lich gleich viel, was angesichts horrender Posttarife
runde hin zu einem geschlechtermässig gemischten, und steigender Produktionskosten gerade noch ko-
jüngeren und politischeren Zusammenhang. stendeckend ist. Also: Abo auf den Gabentisch, so-
Redaktionsmitglieder sind in verschiedensten poli- lange das Christkind noch nicht verboten ist. Auch
tischen Zusammenhängen aktiv (Euromayday, ältere Ausgaben schicken wir gerne zu!
Arbeitslosenselbstorganisation, Antirassismus, fe-
ministische Zusammenhänge, Runder Tisch Grund- Schwerpunktthema dieser Ausgabe ist Latein-
einkommen, www.chefduzen.at, etc.); diese ver- amerika. Den Auftakt macht ein Gespräch zwischen
schiedenartigen Erfahrungen und nicht zuletzt auch dem Colectivo Situaciones aus Buenos Aires und
die quantitative Vergrößerung waren und sind zen- Paolo Virno. Das Colectivo Situaciones versteht
trale Aspekte der Dynamisierung der Redaktion. sich als Kollektiv militanter ForscherInnen, bekannt
vor allem für seine Analysen der argentinischen
Die Möglichkeit der Überwindung des Kapitalis- Aufstände vom Dezember 2001. Neben der
mus und der staatskritische Zugang zu Fragen von Philosophie von Alain Badiou – darauf wird weiter
politischer Organisation und Aktion sind dabei eben- unten noch zurückzukommen sein – arbeitet das
so geteilte Eckpunkte wie die Uneinheitlichkeit der Colectivo mit Theorien von John Holloway,
methodischen und thematischen Zugänge. Die Hardt/Negri oder eben Paolo Virno. Das vorliegen-
grundrisse sind keine Strömungszeitschrift und das de Gespräch ermöglicht einen Blick über die in der
ist gut so. „Grammatik der Multitude“ behandelten Themen
hinaus auf andere, noch nicht ins Deutsche über-
Die Auseinandersetzungen auf unseren setzte Teile von Virnos Denken.
Sommerseminaren haben in der redaktionellen
ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die verstärkte Modifizierte Stärke von Jens Petz Kastner gibt
Arbeit an der Bildpolitik und die Bestrebungen, einen Überblick über die sozialen Bewegungen in
über den deutschsprachigen Raum hinaus interna- Lateinamerika in jüngster Vergangenheit, darunter
tionale theoretische Diskussionen aber auch politi- auch eine Einleitung zu den Mujeres Creando.
sche Bewegungen zu reflektieren und in die grund- Komplettiert wird der Überblick durch den mani-
risse einzubeziehen. festartigen und selbstreflexiven Text der Gruppe:
„Öffentlichkeiten der Mujeres Creando“, in dem
Dem soll auch in dieser Jubiläumsnummer die Autorinnen über Praxis, Selbstverständnis und
Rechnung getragen werden: nach mehreren An- Organisationsformen einer feministischen Gruppe
läufen (die letztlich jedoch immer im Sande verlau- schreiben.
fen sind) soll der Lateinamerika-Schwerpunkt die-
ser Ausgabe Auftakt zu einer stärker themenorien- Die „traurige Ratlosigkeit“ mancher linker
tierten Arbeit der Redaktion sein. Wir versprechen KritikerInnen des garantierten Grundeinkommens
nix, werden uns aber dahingehend bemühen. bemerkt Karl Reitter. Traurig, weil die Vergesell-
schaftung über die Lohnarbeit den Horizont von
Zuvor aber muss gefeiert werden, und zwar kräf- sich als links verstehenden Menschen nicht verlas-
tig. Im Moment steht zwar Ort (der ungefähre ist sen hat, ratlos, weil die alternativen Vorschläge
Wien), genaues Datum (das ungefähre ist Ende möglicher systemüberwindender Politiken so altbe-
Jänner) und Programm (es wird – nicht nur unge- kannt wie unwirksam daherkommen.
fähr – toll!) der 5-Jahres-Gala noch nicht fest, über
www.grundrisse.net ist dies aber in Kürze abrufbar. Altbekannt ist auch die Debatte um „sexuelle
Auf unserer Webseite – auch hier stehen in Bälde Befreiung“, diskutiert wurde sie hingegen in den
Veränderungen an – gibt´s darüber hinaus sämtliche letzten Jahren kaum. Erst die Auseinander-

Editorial Die Redaktion


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setzungen um und mit dem Begriff „queer“ scheint tique“. Nicht zuletzt deshalb präsentieren wir „MIT
2 daran etwas zu verändern. Paul Pop zeichnet im er- NACHDRUCK“ den von Birgit Mennel übersetz-
sten Teil seines Artikels die Theorien der sexuellen ten Text „Was ist die Organisation politique?“
Befreiung von der Russischen Revolution bis in et-
wa 1968 nach, in der nächsten Ausgabe wird dann Die Buchbesprechung von Paul Pop behandelt
fortgesetzt. einen Klassiker – „The Great Transformation“ von
Karl Polanyi bereits 1944 erschienen – seine analyti-
Den Abschluss macht ein längerer Text von sche Schärfe hat das Buch jedoch bis heute nicht
Franz Naetar, welcher der Thematik des heurigen eingebüßt. Wir wünschen einen wilden Jahres-
Sommerseminars entsprungen ist: „Wie hältst Du es wechsel und eure Anwesenheit bei der Jubiläums-
mit der Demokratie“ lautet die Frage, der unter Gala. Zudem danken wir allen, die direkt oder indi-
Zuhilfenahme von Negri, Badiou und einer Analyse rekt an Zustandekommen dieser Ausgabe beteiligt
der „free software“- Bewegung nachgegangen wird. waren, insbesondere Lisbeth Kovacic für die
Der im Text von Naetar behandelte französische Bildstreifen, die diesmal aus dem Film „Backyard“
Philosoph Alain Badiou ist nicht nur in Sachen von Nicole Szolga, produziert 2006, stammen.
Demokratietheorie und –kritik aktiv sondern auch
in der von ihm mitbegründeten „Organisation poli- die grundrisse-redaktion

politische Sichtweisen – politische Schreibweisen oder:


wie ein Bild kollektiv entsteht.

Ein Leserbrief zum Grundrisse Heft Nr. 19 von Lisa Waldnaab / Wissensträgerin in der hybriden Zone zwi-
schen Kunst und Politik

„Da unsere Zeit riesige Vernichtungskraft besitzt, sam erarbeitet wurde. Mir war es möglich am Ent-
braucht sie jetzt eine Revolution mit vergleichbarer stehungsprozess der Seiten 1/68 teilzuhaben – des-
kreativer Kraft, die das Gedächtnis stärkt, Träume halb sei davon erzählt (und auch nochmals auf die
verdeutlicht und Bildern Substanz gibt.“ dem Film nette Bildproduktions-Idee der Grundrisse
Notre Musique von Jean Luc Godard (2004) Redaktion hingewiesen, zum Zwecke der Cover-
Gestaltung Kleidungsstücke einzusenden):
Wenn wir eine Zeitschrift in die Hand nehmen,
sehen wir alle zuerst und zu aller erst: Nicht handgestrickte, dafür aber rosarote
Socken mit dem in ihren Bündchen eingewirkten
das Cover. Das Cover der Nr. 19 (die Seiten 1 Wort „ACTION“ dienten als Abbildungs-Objekt
und 68) ist wie jedes Cover auch ein Bild mit/aus für das Umschlagbild. Während einer Grundrisse-
Schrift, es wurde jedoch KOLLEKTIV erarbeitet, Sitzung wurde im Kreise mehrerer Redaktions-
und aus diesem Grund möchte ich mich noch ein- Mitarbeiter/innen anhand des Materials (Fotos:
mal auf dieses Umschlagbild stürzen. Ich halte es Andrea Salzmann / Socken: getragen und gebracht
für besonders erwähnenswert. von einer Aktivistin) diskutiert und schließlich ba-
sis-demokratisch beschlossen, aus welchem der vor-
Dieser kurze Text ist auch mein Ergebnis des handenen Fotos das Cover-Bild des nächsten Heftes
Workshops, der emanzipatorische Bildproduktion fabriziert werden sollte. Eine weiterführende Bear-
zum Thema hatte und an dem ich eigentlich nicht beitung des Fotos wurde ebenso beschlossen und
und aber doch teilgenommen habe – wir leben in pa- später auch durchgeführt (von Andrea Salzmann,
radoxen Zeiten. Ich stelle hiermit die These auf, dass Birgit Mennel, Karl Reitter).
dieses Cover-Bild bzw. seine Produzent/innen des-
halb der Sichtbarkeit, der Nennung in Nr. 19 ent- Bei diesem Cover der Nr. 19 könnte man sogar,
gangen sind ( im Gegensatz zu den Autor/innen der so denke ich, von einem gelungenen Beispiel für
Bilder im Heft-Innenteil ) weil dieses Bild gemein- „Récup Art“ (Recycling Kunst) sprechen. Das, was

Die Redaktion Editorial


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die einen vielleicht eher als Mist bezeichnen würden P.P.S.: die Aussage in der Vorbemerkung zum
(so in der Art: das ist ja nur ein Stück abgewetzter Lesekreis, dieser Kreis wäre im Sommer 2006 sanft 2
Fetzen, gut genug zum Wegwerfen, oder auch: das entschlummert, ist aus meiner Sicht – pardon! –
ist ja nix als eitler Aktivist/innen- Tand), das be- blanker Unsinn. Denn wäre dies wirklich gesche-
kommt dadurch, dass man/ Frau es in einen anderen hen, dann gäbe es den Text nicht, zu dem da etwas
Kontext stellt, einem ästhetischen Verfahren unter- vorbemerkt werden konnte und wurde. Was ist ein
zieht, eine andere Bedeutung. Hier wurde eben ein Lesekreis?
gebrauchtes Ding nicht gleich einfach aus dem öko-
nomischen Kreislauf ausgeschieden oder vernichtet, Der Spruch der Sans Papier muss auch heißen:
sondern kreativ verwandelt, einer neuen Nutzung „Alle die hier sind, sind von hier“.
zugeführt. Mir scheinen schließlich drei Aspekte in
diesem Sockencover-Fall bemerkenswert zu sein: P.P.P.S.: „Sosehr die Sprache der Französischen
Revolution emphatisch ist, sosehr wird die marxisti-
1. Der Gegenstand (die „Action-Bündchen“), sche aus Litotes gebildet“ (Roland Barthes, siehe
der abgebildet wurde, verweist uns zunächst ganz oben, S. 24) Wenn Karl Reitter also, wie es im
anschaulich auf die Wichtigkeit des „Bündchen- Editorial heißt, “anhand des Mitleid-Begriffes bei
(Ab-)Bildens“ im Zeitalter der dahin schleichenden Spinoza und Nietzsche gegen die Unmöglichkeit ei-
Zersplitterung (Ihr kennt alle den Spruch „Bildet nes emanzipatorischen Anknüpfens an Nietzsche“
Banden!“, der hiermit quasi performativ transfor- argumentiert – heißt das nicht auch, anders formu-
miert wieder ausgesprochen wurde) Man könnte liert, dass Karl Reitter minimal FÜR ein Anknüpfen
allerdings auch in der Vergrößerung des Gegen- an Nietzsche argumentiert, dies aber nicht einge-
stands die Absicht oder die Aufforderung dazu er- steht ?
kennen, bestehende Bünde/Banden quasi unter die
Lupe zu nehmen, also kritisch zu betrachten. Ein P.P.P.P..S.: Auch die Behauptung im Editorial,
treffendes Abbild unseres Status Quo also! Lisbeth K. hätte Bildstreifen produziert, zwingt
mich sie zu hinterfragen: Anstatt die Wirklichkeit
2. Das Cover, das man aber auch ganz allgemein zu beschreiben, nämlich diejenige eines Prozesses
als Schriftbild lesen kann, wirft so gesehen auch die der Produktion von Bildstreifen, der wieder einmal
Frage nach einem grundsätzlichen Zusammenhang stattgefunden hat (denn es handelt sich ja um eine
zwischen Schrift und Bild auf – ein Zusammen- „alte“ und meines Erachtens überdenkenswerte
hang, der letztlich eine Grundlage einer jeden Zeit- Praxis der Grundrisse, Bildstreifen herzustellen)
schrift, also auch eine Grundlage der Grundrisse bil- gibt man kurzerhand der Filmemacherin/Laufbild-
det. Auch wenn sich die HerausgeberInnen einer Produzentin, welche Material zur Verfügung stellte,
Zeitschrift dazu entschließen sollten, überhaupt „die Schuld“ - sprich: den Namen „Bildstreifen-
keine Bilder zu veröffentlichen – es bleibt immer die produzentin“ - und nicht etwa dem oder den wirk-
Arbeit an einem Schrift-Bild bestehen (und über- lich dafür Verantwortlichen (der Redaktion). Wie
haupt, ob nun Schrift oder Bild: beides verlangt na- ich diese Schreibweise am liebsten nennen möchte,
türlich danach gelesen zu werden!) schreib ich lieber nicht - aber da wird doch eine
Praxis, die man selbst betreibt, (einer) anderen in
3. Schließlich steckt in der ausgeschnittenen, die Schuhe geschoben.
vergrößerten und gedruckten Sockeninschrift - man
kann dieses Grundrisse- Titelblatt ohne weiteres so P.P.P.P.P.S.: Wäre es nicht hilfreich statt von einer
lesen – der Hinweis auf einen historischen Zu- “Redaktion” von einer “Plattform” Grundrisse zu
sammenhang : „...die marxistische Schreibweise (ist) sprechen? Der Vorschlag kommt von Birgit
mit Aktion verbunden ...“ (schreibt Roland Barthes Mennel. Vielleicht bekommt er auf diese Weise,
in seinem Essay „Politische Schreibweisen“ aus dem schrift-körperlich ausgedrückt, mehr Gehör und
Jahr 1953 in „Am Nullpunkt der Literatur“ auf S. Gewicht.
25).
Vielleicht muss man/ Frau aber körperlich an-
P.S. noch etwas zu emanzipatorischer Bild- wesend sein, bei Sitzungen, und den Stuhlboden
politik: es sei darauf aufmerksam gemacht, dass es in durchsitzen und möglichst laut und schnell
Wien ein Kollektiv gibt, seit Jahren und erfolgreich schreien, mit allem was der Körper da zu bieten hat,
agierend, welches emanzipatorisch- bildpolitisch damit man/ Frau gehört wird oder ( wie ich gehört
kämpft: das Kollektiv kinoki. Es scheint nur so, dass hab ) damit man/ Frau sich durchsetzen kann, ja so-
innerhalb der Linken von der „Linken“ nicht wahr- gar MUSS. Durchsetzen durch was hindurch ei-
genommen wird (werden will ? oder kann? ) was die gentlich?
„Rechte“ macht (und/oder umgekehrt ). Mir
kommt es oft so vor! Wer hört, muss auch noch fühlen!

Leserinnenbrief
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3

Die Reife der Zeit: Zur Aktualität der Multitude


Gespräch von Colectivo Situaciones mit Paolo Virno1
übersetzt von Birgit Mennel
Colectivo Situaciones: Wir glauben, ein verbo si fa carne, 2003) bezieht sich auf die
Gespräch mit dir muss von einer Prämisse ausgehen, Prädikate. Ich bin überzeugt davon, dass die
die sowohl für deine Werke als auch für die so vieler Multitude die kollektive Seinsweise ist, die dadurch
anderer italienischer GenossInnen von großer charakterisiert ist, dass alle natürlichen Vorausset-
Bedeutung ist: die Theoretisierung des Postfordis- zungen unserer Art unmittelbar politische
mus vom Standpunkt der Arbeit und ihrer Bedeutung erlangen. Daher erschien es mir wichtig,
Veränderungen. Offensichtlich bringt der Post- diese Bedingungen zu ergründen. Kurzschlüsse und
fordismus deiner Ansicht nach nicht spezialisierte brillante Formeln, mit denen man sich um jeden
Charakter- oder Wesenszüge der Art ins Spiel, die Preis einen Applaus zu sichern sucht, nützen offen-
vorher außerhalb der kapitalistischen Produktion sichtlich überhaupt nichts. Wenn man von der ver-
waren. Lässt sich nun gemäß dieser Sichtweise in balen Sprache oder von der historischen Zeit
deinen jüngsten Texten eine gewisse Kontinuität spricht, ist es, als ob man die Wüste durchquert:
zwischen den Anliegen, die in der Grammatik der Man sieht sich vor Paradoxa und Sackgassen ohne
Multitude aufkommen, und diesen Erörterungen Ausweg gestellt und verliert sich in komplizierten,
zum menschlichen Tier, zur Sprache, zur nach bestimmten Instrumenten verlangenden
Innovation und zum „Offenen“ finden? Würdest du Analysen. Erst am Ende eines nicht wenig gewun-
sagen, dass die Untersuchung des Postfordismus denen theoretischen Weges – und genau dank die-
und der Multitude die Neurowissenschaften, die sem – findet man (selbstverständlich nur manch-
Anthropologie sowie die moderne Linguistik mal) heraus, dass die gestellten Probleme es ermög-
durchlaufen muss, um derart zur Natur des sprach- lichen, die gegenwärtigen Handlungen und Leiden-
begabten Tieres und seinen aktuellen politischen schaften – nicht metaphorisch, sondern wörtlich –
Perspektiven vorzudringen? Wenn ja, warum? Ist es besser zu verstehen.
immer dasselbe politische Anliegen, das deine
Untersuchungen durchzieht? Die Erörterung der „menschlichen Natur“ hat
ganz zentral mit dem politischen Kampf zu tun, je-
Paolo Virno: Ich kann mich sicherlich täuschen, doch selbstverständlich nur unter der Bedingung,
aber mir scheint, dass selbst meine abstraktesten dass man einige signifikante Dummheiten vermei-
Untersuchungen der letzten fünfzehn Jahre von der det. Die dümmste dieser Dummheiten besteht dar-
zeitgenössischen Multitude ausgegangen sind. Die in, aus den unterschiedlichen Charakterzügen unse-
Multitude ist das grammatikalische Subjekt; die rer Art eine politische Strategie – und im schlimm-
Analyse zur Struktur der historischen Zeit (Il ricor- sten Fall sogar eine Taktik – ableiten zu wollen. Das
do del presente, 1999) sowie zu den wesentlichen macht Chomsky (der andererseits für die Kraft, mit
Voraussetzungen der verbalen Sprache (Quando il der er gegen die Schurken der US-amerikanischen

C. Situaciones/P. Virno Die Reife der Zeit


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Administration kämpft, zu bewundern ist), wenn er Colectivo Situaciones: Vielleicht ist es nicht zu-
sagt, dass das menschliche Tier, das mit phylogene- treffend, von einem „Pessimismus“ zu sprechen,
tischen Mustern einer Sprache ausgestattet ist, die aber zweifellos stellt die Frage nach dem „Bösen“ im 3
immer Neues hervorzubringen vermag, gegen die „offenen Tier“, das nun nicht mehr durch die
Mächte kämpfen muss, die seine angeborene Souveränität eines jetzt in der Krise befindlichen
Kreativität abtöten. Sehr gut. Was geschieht jedoch, Staates geschützt ist, auch jene des Negativen wie-
wenn die sprachliche Kreativität zur wesentlichen der ins Zentrum deiner Reflexion und verleiht so
ökonomischen Ressource im postfordistischen dem Begriff der Ambivalenz mehr Schärfe. Woher
Kapitalismus wird? Die Anthropologie ist das rührt die Notwendigkeit, jetzt auf dem „Negativen“
Schlachtfeld der Politik, und nicht etwa eine zu beharren? Ist das auf politische und theoretische
Theatersouffleuse, die uns sagt, was wir tun sollen. Konjunkturen zurückzuführen, die du uns erklären
Die „menschliche Natur“ – d. h. die biologischen kannst, oder vielmehr auf einen anderen Typ reflexi-
Invarianten unserer Art – ist niemals Teil der ven Anspruchs? Welche Konsequenzen hat diese
Lösung, sie ist immer Teil des Problems. Betonung in deiner Arbeit? Wie würdest du den
theoretischen und politischen Status der „nicht-dia-
Die großen Klassiker des modernen politischen lektischen Negation“ definieren?
Denkens, Hobbes und Spinoza, um nur die bekann-
testen zu erwähnen, betrachteten die menschliche Paolo Virno: Ich habe in den letzten Jahren vor
Natur als Rohstoff für die politische Handlung. Ein allem zu zwei Fragen gearbeitet – eine sprachlogi-
Rohstoff, aus dem die politische Handlung sehr ver- sche sowie eine anthropologische Frage –, die beide
schiedene historisch-soziale Formen hervorbringen mit der Multitude in Verbindung stehen. Die erste,
kann. Daher waren Hobbes und Spinoza nicht zu- die sprachlogische Frage lautet: Welche mentalen
letzt tiefgründige und realistische Anthropologen. Ressourcen erlauben es uns, unsere Lebensform zu
Aber was hat sich heute im Vergleich zu jener ändern? Worin besteht eine innovative Handlung?
Epoche geändert, in der sich der moderne Staat for- Was geschieht genau, wenn eine Regel nicht mehr
mierte? Vor allem eines: Die wesentlichen Ver- funktioniert, sich aber noch keine andere gefunden
mögen des menschlichen Tieres sowie außerdem hat, die sie ersetzt? Ich habe versucht, auf diese
seine charakteristischen Affekte verwandelten sich Fragen eine Antwort zu finden, indem ich ein signi-
in die Antriebskräfte der sozialen Produktion. Marx fikantes Beispiel für sprachliche Kreativität im
bestimmte die Arbeitskraft als Inbegriff aller physi- Detail untersuchte: den Witz. Der Witz ist ein
schen und geistigen Fähigkeiten, die in der Mikrokosmos, in dem dieselben Kräfte wirken, die
Leiblichkeit, der lebendigen Persönlichkeit eines uns im großen Maßstab den sozialen und politi-
Menschen existieren.2 Nun gut, diese Definition be- schen Exodus ermöglichen. Während ich also ei-
wahrheitete sich in den letzten dreißig Jahren. gentlich von der Funktionsweise des humoristi-
Tatsächlich wurden die kognitiven und sprachlichen schen Satzes sprach, fand ich mich unter anderem
Fähigkeiten erst kürzlich in den Produktions- mitten in der Erörterung des Ausnahmezustands
prozess eingespannt. Wer daher – unter Gesten der und der Krise eines normativen Systems.3
Verachtung – die Nachforschung über die „mensch-
liche Natur“ vernachlässigt, ist außerstande, die her- Die zweite, die anthropologische Frage betrifft
ausragenden Charakteristika der zeitgenössischen die unserer Art eingeschriebene destruktive Last,
Arbeitskraft zu begreifen. In der gegenwärtigen die „Negativität“, mit der ein mit Sprache begabtes
theoretischen Landschaft gibt es eine Menge Sein kämpfen muss. Diese beiden Fragen sind eng
NaturalistInnen, die für die Geschichte blind sind, miteinander verknüpft. Es mag paradox anmuten,
sowie eine Menge HistorikerInnen, die sich empö- aber es sind dieselben Voraussetzungen, die einer-
ren, wenn von der Natur gesprochen wird. Der seits die Innovation ermöglichen und andererseits
Mangel der einen wie der anderen liegt nicht in der die Aggressivität in den Konfrontationen zwischen
Einseitigkeit ihrer Annäherungen, sondern im Mitmenschen nähren. Man muss nur an die sprach-
Gegenteil in ihrer jeweiligen Unfähigkeit, die liche Verneinung denken. Diese erlaubt es einer-
Aspekte zu begreifen, auf die sie einseitig ihre seits, dass man sich gegen ein ungerechtes Gesetz
Aufmerksamkeit richten. auflehnt, aber eröffnet gleichzeitig die Möglichkeit,
dass man jemanden (z.B. eine JüdIn oder eine
Jene, die eine ihrer geschichtlichen Dimension AraberIn) nicht wie einen Menschen behandelt. Die
beraubte menschliche Natur kultivieren, begreifen Essais dieses Sammelbandes sind der „Logik der
diese Natur in letzter Instanz nicht; jene, die eine Veränderung“ und dem so genannten „Bösen“ ge-
vom biologischen Hintergrund abgespaltene widmet. Ich wiederhole, dass beide Termini in der
Geschichte kultivieren, erläutern mitnichten die postfordistischen Multitude verkörpert sind. Man
Geschichte. Die Theorie der Multitude muss sich könnte es sogar so ausdrücken: Die Multitude oszil-
dieser doppelten Engführung entziehen. liert zwischen Innovation und Negativität.

Die Reife der Zeit C. Situaciones/P. Virno


grundrisse_20_2006 seite_7
Aber eure Frage bezieht sich vor allem auf die lich ein „anderer“ Ausdrucksmodus eben jener
Negativität, auf das Gefährliche des menschlichen Fähigkeit ist, die es uns andererseits erlaubt, neue
3 Tieres. Ich werde daher versuchen, etwas mehr zu und bessere Lebensweisen zu erfinden.
diesem Aspekt zu sagen. Die Überlegung zur
Negativität und zum Bösen entspringt nicht einem Colectivo Situaciones: In deiner Arbeit disku-
pessimistischen Urteil über die Gegenwart oder ei- tierst du die Schmitt’sche Vorstellung der
nem Misstrauen hinsichtlich der neuen Bewegun- Souveränität. Zweifellos relativiert sich diese
gen. Im Gegenteil, die Zeit ist reif für diese Überle- Diskussion durch die Diagnose der profunden Krise
gung. Heute ist eine Öffentlichkeit außerhalb des der Zentralstaaten. Dennoch kommt in deinen
Staates, ja sogar jenseits des Staats denkbar. Das Texten die Absicht zum Ausdruck, einen erneuten
heißt, es ist ganz und gar realistisch – in den sozia- Rückfall in „staatliche“ politische Perspektiven zu
len Kämpfen – Institutionen aufzubauen, die keinen verhindern. Um welche Risiken handelt es sich,
„Souverän“ als Oberhaupt haben und die jedes „po- wenn die staatliche Souveränität in der Krise ist?
litische Entscheidungsmonopol“ zerstreuen. Diese Außerdem durchzieht alle deine Texte ein der ope-
post-staatlichen Institutionen müssen bezüglich des raistischen Tradition verschriebener Gedankengang,
Problems, wie die Aggressivität des menschlichen dem zufolge das Wertmaß in der Lohnform reaktio-
Tieres besänftigt und seine (selbst)zerstörerische när gewendet weiter besteht, obwohl es durch die
Bürde, die es trägt, gezügelt werden kann, unter- Veränderungen im Produktionsprozess in die Krise
schiedliche Umgangsweisen anbieten – und es auf kam. Glaubst du, dass die politische Souveränität ei-
unterschiedliche Weisen lösen. Die Aktualität der ne ähnliche Entwicklung durchmacht? Ist auch sie
Überwindung des Staates lässt Fragen wie diese eine anachronistische Form, die aber wie der Lohn
dringlich werden. Ich wiederhole: Meine Überle- als Maßeinheit im zeitgenössischen Leben paradox
gungen rühren gerade nicht von einer ungerechtfer- gegenwärtig ist?4 Und wie fügt sich all dies mit der
tigten Melancholie angesichts des Laufs der Welt Vorstellung eines „permanenten Ausnahmezu-
her. Zu denken, die Multitude sei eine absolute standes“ zusammen?
Positivität, ist eine unentschuldbare Dummheit. Die
Multitude ist vielmehr der Zerstreuung, der Paolo Virno: Der moderne Zentralstaat erfährt
Korruption und der inneren Gewalt unterworfen. eine radikale Krise, er reproduziert sich aber durch
Andererseits sind ihre ersten Anzeichen nicht sehr eine Reihe beunruhigender Metamorphosen weiter.
überschwänglich. Als der Fordismus – in den 1980er Der „permanente Ausnahmezustand“ ist zweifellos
Jahren – schnell in eine Krise eintrat, präsentierten eine Art und Weise, wie sich die Souveränität selbst
sich die neuen Figuren der gesellschaftlichen Arbeit überlebt, wie ihre Dekadenz unbestimmt weiter an-
mit „schlechten“ Wesenszügen: Opportunismus, dauert. Für den „permanenten Ausnahmezustand“
Zynismus und Angst. Wenn uns der Exodus über gilt das gleiche, was Marx schon von den Aktien-
das Zeitalter des Staats hinausbringt, dann müssen gesellschaften sagte. Seinem Urteil zufolge erschie-
wir das „Gerede in der Wüste“ berücksichtigen. Um nen letztere als Überwindung des Privateigentums
das Gerede, also die der Multitude eingeschriebene auf Grundlage des Privateigentums selbst. Anders
Negativität, zu begreifen (erinnern wir uns an die ausgedrückt, die Aktiengesellschaften ließen die
nachweislich gegenüber den Schwächsten ausgeübte Möglichkeit aufscheinen, das Privateigentum zu
Gewalt im Stadion von New Orleans, wo jene überwinden, aber zugleich bildeten sie diese
„Vielen“ in Sicherheit gebracht wurden, die nicht die Möglichkeit auf eine Weise aus, die das Privat-
Mittel hatten, dem Wirbelsturm Katrina zu entkom- eigentum qualitativ stärkte und weiter entwickelte.
men …), brauchen wir andere Kategorien als die In unserem Fall könnte man sagen: Der „permanen-
Dialektiken und andere Begriffe als z.B. jenen der te Ausnahmezustand“ zeigt die Überwindung der
„Antithese“. Einverstanden. Aber wir brauchen Staatsform auf Grundlage der Staatlichkeit selbst
Kategorien, die die Wirklichkeit des Negativen voll- an. Er ist gleichermaßen eine Perpetuierung des
ständig in sich aufnehmen können, anstatt sie aus- Staates und der Souveränität, wie er die Zurschau-
zuschließen oder zu verschleiern. stellung seiner eigenen irreversiblen Krise sowie der
Hoch-Zeit einer schon nicht mehr staatlichen
Ich schlage daher die Begrifflichkeiten „Ambi- Republik ist.
valenz“ und „Oszillieren“ vor, so wie außerdem eine
nicht freudianische Verwendung des Freud’schen Ich glaube, dass der „Ausnahmezustand“ einige
Terminus des „Unheimlichen“. Nach Freud ist das, Punkte nahe legt, um über die Institutionen der
was uns Angst einjagt, nichts anderes als das, was in Multitude, ihre mögliche Funktionsweise sowie ihre
einem anderen Moment die Fähigkeit hatte, uns zu Bestimmungen auf positive Weise nachzudenken.
beschützen und zu beruhigen. Vielleicht kann diese Nur ein Beispiel: Im „Ausnahmezustand“ wird der
dem „Unheimlichen“ eingeschriebene Bedeutung Unterschied zwischen „Rechtsfragen“ und „tatsäch-
dazu dienen, zu sagen, dass die Destruktivität ledig- lichen Fragen“ so weit abgeschwächt, bis er beinahe

C. Situaciones/P. Virno Die Reife der Zeit


seite_8 grundrisse_20_2006
gänzlich verschwindet. Normen werden zu empiri- Paolo Virno: Ich habe in meinem Text „Das so-
schen Tatsachen und einige empirische Tatsachen genannte Böse und die Staatskritik“ (Il cosidetto
erlangen eine normative Macht. So kann diese rela- „male“ e la critica dello stato) versucht, im Detail auf 3
tive Ununterscheidbarkeit zwischen Norm und diese Frage einzugehen. Ich glaube, dass eine teil-
Tatsache – die heute Sondergesetze und Sonder- weise Antwort schon im weiter oben Ausgeführten
gefängnisse wie Guantánamo produziert – zweifel- enthalten ist. Dem würde ich jetzt gerne einige po-
los eine alternative Form annehmen und sich in ein lemische Überlegungen hinzufügen. Wirklich
„konstitutionelles“ Prinzip für die öffentliche „skeptisch“ hinsichtlich des Schicksals der interna-
Sphäre der Multitude verwandeln. Der springende tionalen Bewegung scheint mir derjenige zu sein,
Punkt ist, dass die Norm immer ihren faktischen der die Multitude als „von Natur aus gut“, solida-
Ursprung zur Schau stellen und gleichzeitig die risch, dazu geneigt in Harmonie zu agieren sowie
Möglichkeit aufweisen muss, wieder in den Bereich frei von jeglicher Negativität schildert. Wer so
der Tatsachen zurückzukehren. Sie muss schließlich denkt, reduziert die New-Global-Bewegung auf ein
ihre Widerrufbarkeit und Ersetzbarkeit zur Schau Phänomen der Gegenkultur bzw. der Medien, auf
stellen. Jede Regel muss sich als Maßeinheit für die ihre Metamorphose in einen Komplex marginaler
Praxis präsentieren und gleichermaßen als etwas, Gangs, die nicht wirklich in die Produktionsver-
das einem stets neuen Ermessen zu unterziehen ist. hältnisse eingreifen können. Wenn man hingegen
das „Böse“ der (und in der) Multitude anerkennt,
Colectivo Situaciones: All dies artikuliert sich bedeutet das, sich mit den Schwierigkeiten zu kon-
in deiner Kritik an einer bestimmten naiven Anti- frontieren, die einer radikalen Kritik am Kapitalis-
Staatlichkeit, die im Namen eines vorausgesetzten mus inhärent sind, der auf seine Art und Weise die
ursprünglichen Gutseins der Multitude ausgespro- menschliche Natur selbst in Wert setzt. Wer dieses
chen wird, immer wieder – auf Rousseau’sche Art „Böse“ nicht eingesteht, hat sich schon damit abge-
und Weise – ruiniert durch die Institution (der funden, nicht genügend Aufwind zu haben; oder um
Sprache, des Eigentums etc.). Wir für unseren Teil es auf andere Weise zu sagen, er findet sich mit der
sehen ein großes Vermögen in dieser Argumenta- Gefahr ab, dass die Bewegung unter ihren
tion, das, um es so auszudrücken, „unseren Blick Möglichkeiten bleibt.
Richtung Ambivalenz“ wendet. Und wir schätzen
diese Bravourleistung, dass du an dem Punkt kom- Eine zweite Beobachtung: Einigen wir uns auf
plex wirst, an dem unsere Schwächen am spürbar- die Verwendung des Wortes „Institution“. Ist es ein
sten sind. Begriff, der ausschließlich zum Vokabular des
Gegners gehört? Ich glaube nicht. Ich glaube, dass
Dennoch wird dein Hinweis in dem Zusammen- der Begriff der „Institution“ auch (und möglicher-
hang nicht zum Skeptizismus, insofern du viele weise vor allem) für die Politik der Multitude
Verwendungsweisen des Begriffs der „Institution“ Ausschlag gebend ist. Mittels der Institutionen
der Multitude ins Gedächtnis rufst (das Zurückge- schützt sich unsere Art vor der Gefahr und gibt sich
haltene [katéchon], „Negation der Negation“ etc.). Regeln, um die eigene Praxis zu potenzieren. Auch
Wie sollen wir uns nun die politische Dimension ein Piquetero-Kollektiv ist daher eine Institution.
dieser „Institutionen“ (des Exodus?) vorstellen, die Die Muttersprache ist eine Institution. Institu-
sich einerseits der staatlichen Souveränität (zwar in tionen sind Rituale mittels derer wir versuchen, die
der Krise, aber wieder belebt?) widersetzen und die Krise einer Gemeinschaft abzuschwächen und zu
andererseits das „Böse“ verkörpern, mit dem die lösen. Die eigentliche Herausforderung besteht dar-
Multitude mittels der Mechanismen Verdrängung in, im Einzelnen herauszufinden, welche Institutio-
und Bezähmung koexistieren muss? Gibt es in dem nen sich jenseits des im Staat verkörperten „politi-
Zeitalter, in dem „das Offene“ des Sprachtieres die schen Entscheidungsmonopols“ setzen. Einschließ-
tägliche Ausnahme (den postmodernen lich der Frage: Welche Institutionen befinden sich
Faschismus?) bezwingt, eine Beziehung zwischen auf der Höhe des von Marx beschriebenen „General
dem „Bösen“ und der „Souveränität“? Könntest du Intellect“, jenes „sozialen Gehirns“, das zugleich die
uns erläutern, wie du dir dieses institutionell-politi- wichtigste Produktivkraft und auch ein republikani-
sche Spiel in seiner „neuen“ Komplexität ausmalst? sches Organisationsprinzip ist?

Die Reife der Zeit C. Situaciones/P. Virno


grundrisse_20_2006 seite_9
Colectivo Situaciones: Die Betonung der die Arbeitskraft selbst verkauft. Die Arbeitskraft ist
Ambivalenz des sprachbegabten Tieres und seiner sogar ohne effektive Anwendung reines Vermögen:
3 Beziehung zum Staat scheint in deinen Argumenten Vermögen zu sprechen, zu denken, zu handeln.
im Unterschied zu anderen Überlegungen zum Aber ein Vermögen ist kein wirkliches Objekt. Es
Postfordismus eine Gleichgültigkeit hinsichtlich der existiert insofern, als es einem biologischen
Analysen zu den neuen Formen der Kontrolle und Organismus „einlagert“, im Körper der ArbeiterIn.
Führung des Lebens, die weit über die Souveränität Daher regiert das Kapital das Leben, weil nämlich
der Nationalstaaten hinausgehen („Kontrollgesell- das Leben der Träger der Arbeitskraft ist, Substrat
schaften“, die „Noopolitik“, die „Biopolitik“ etc.), eines reinen Vermögens. Nicht weil das Kapital die
mit sich zu bringen. Wie würdest du dich hier posi- Körper als solche befehligen möchte. Folglich ent-
tionieren? steht die Regierung des Lebens aus der Vorstellung
der Arbeitskraft. Foucault kehrte Marx (wie so vie-
Paolo Virno: Nein, ich bin ganz und gar nicht le andere) allzu rasch den Rücken, mit dem Effekt,
gleichgültig gegenüber anderen Analysen des einige Zeit später zu gewissen Marx’schen Ergebnis-
Postfordismus. Einige dieser Analysen schätze ich, sen zu gelangen, indem er ihn aber von den Füßen
andere kritisiere ich. Sie alle jedoch veranlassen und auf den Kopf stellte.
verpflichten mich dazu, meine Fragen zu formulie-
ren, um besser nachdenken zu können. Zwei Colectivo Situaciones: Alle Nachrichten aus
Beispiele: Erstes Beispiel, die „Kontrollgesell- der Welt der Technowissenschaften und der Digi-
schaft“. Eine gute Kategorie. Von der Kontrollge- talisierung berichten uns vom Versuch, die innere
sellschaft zu sprechen, bedeutet in groben Zügen, Zusammensetzung und die Form der Arten – ein-
dass die Kooperation der gesellschaftlichen Arbeit schließlich der menschlichen – abzuändern. Gegen-
einiges an Vermögen (und Wirksamkeit für die kapi- wärtig gibt es viele Experimente, die mit dem
talistische Verwertung) verlieren würde, würde sie Versprechen, „das Menschliche zu verbessern“ oder
nicht bis ins kleinste Detail gelenkt und diszipliniert einfach „das Leiden zu verhindern“, darauf abzielen,
werden. Die Erfindung und die Innovation sind schon das Gedächtnis zu modifizieren oder einen Eingriff
nicht mehr das Vermögen des Schumpeter’schen in das Gehirn, das Nervensystem etc. vorzunehmen.
Unternehmers, sondern Grundbedingungen der le- Die Technowissenschaften laborieren an der
bendigen Arbeit. Der Kapitalist muss sich die Hypothese eines informatisierten Menschen,
Innovation a posteriori aneignen, er muss aus ihr die Genoms, DNA etc. Wie beurteilst du diese
der Akkumulation ähnlichen Aspekte herausfiltern Versuche tierischer und menschlicher Genmani-
und alles eliminieren, was freien Institutionen der pulation? Beginnen ihre Grenzen wirklich zu ver-
Multitude Raum gibt. In einem gewissen Sinn haben schwimmen? Welcher Art ist der Machttypus, der
wir es mit einer Kehrtwende von der „realen auf dieser Ebene des Technokapitalismus operiert?
Subsumption“ zur „formellen Subsumption“ der
Arbeit zu tun. Oder um es anders auszudrücken Paolo Virno: Das Problem ist nicht neu. Das
und den Marx’schen Jargon beiseite zu lassen, man menschliche Tier ist das einzige, das – über das
kann einen Übergang beobachten von jenen Leben hinaus – das Leben selbst möglich machen
Herrschaftsformen, die auf der Negation jeglicher muss. Dies hängt einerseits mit seiner Umwelt zu-
Autonomie der Arbeitskraft basieren, hin zu sol- sammen, andererseits reformuliert das menschliche
chen Herrschaftsformen, die die Arbeitskraft dazu Tier selbst stets von neuem die Beziehung zu dieser
antreiben, Innovation, intelligente Kooperation etc. Umwelt. Es ist ein von Natur aus künstliches Tier.
zu produzieren. Man muss hinzufügen, dass die So viel dazu, dass der Mensch immer, zumindest ge-
„Kontrollgesellschaft“ mit ihrer sehr modernen wissermaßen, seine eigene Umwelt samt seinem
„formellen Subsumption“ nach mehr und nicht Körper modifiziert hat. Oder besser gesagt, die
nach weniger repressiver Gewalt verlangt. Und wa- menschliche Praxis wird immer auf eben jene
rum, ist klar: Die kapitalistische Verwertung der le- Bedingungen angewendet, die die Praxis menschlich
bendigen Arbeit bezogen auf den „General machen. Heute steht dieser Aspekt im Vorder-
Intellect“ verlangt einerseits, dass die lebendige grund, er wurde eine Industrie. Meines Erachtens
Arbeit eine gewisse Autonomie genießt, anderer- müssten die Bewegungen eine vorsichtige
seits muss sie verhindern, dass aus dieser Sympathie für die Technowissenschaften zeigen.
Autonomie ein politischer Konflikt entsteht. Und Offensichtlich vorsichtig, da diese von kapitalisti-
die kapitalistische Verwertung verhindert dies mit schen Interessen durchzogen sind. Aber eine
einer Grausamkeit, die der Fordismus nicht nötig Sympathie, weil die Technowissenschaften – und sei
hatte. es auf noch so abscheuliche Weise – die Möglichkeit
aufzeigen, den alten Bruch zwischen den
Zweites Beispiel: die Biopolitik. Die Regierung Geisteswissenschaften und den Naturwissen-
des Lebens ist von der Tatsache abhängig, dass sich schaften zu überwinden.

C. Situaciones/P. Virno Die Reife der Zeit


seite_10 grundrisse_20_2006
Colectivo Situaciones: Zum „Witz“ und zur Paolo Virno: Ich bin mit der von euch formu-
Pointe. Angenommen die „Pointe“ ist ein der lierten Hypothese völlig einverstanden. Im Witz ist
Innovation und vielleicht sogar der Praxis inhären- die „dritte Person“ (so nennt sie Freud), d. h. das 3
tes Diagramm, dann entsteht sofort das Problem, Publikum, ein wesentlicher, aber passiver
das den Status der „Dritten“ betrifft, eine Figur, die Bestandteil. Im Großen und Ganzen entspricht sie
zugleich „öffentlich“ ist. Bei der ersten Lektüre der Position jener, die an einer politischen
schien es uns, dass selbst wenn der „Witz“ drei Versammlung teilnehmen und die Diskurse ein-
Figuren oder Positionen vereint (die Person, die den schätzen, die in ihr ablaufen. Ohne die Anwesenheit
Witz macht, die Figur, über die die Pointe herein- dieser BeobachterInnen würden die artikulierten
bricht, und eine dritte Figur, die den Witz positiv Diskurse keinerlei Sinn ergeben. Aber zumindest
aufnimmt oder ablehnt), auf denen diese ganze, un- auf den ersten Blick tun sie nichts. Ist das wirklich
mittelbar öffentliche Struktur beruht, dennoch die so? Vielleicht nein. Vor allem in der neuen globalen
PointenreißerIn eine aktivere Stelle innehat, d. h. Bewegung ist die Rolle der „dritten Person“, des
diejenige, die ihre Pointe-Hypothese erarbeitet, de- Publikums, schon für sich eine Form aktiver
ren Erfolg dann bewertet wird. Intervention. Wer heute einem Einfall oder einem
politischen Diskurs sein Gehör schenkt, reartiku-
Wir möchten dir daher folgende Frage stellen: liert ihn, während er zuhört, entfaltet seine mög-
Welche aktive und mögliche Politik gibt es seitens lichen Entwicklungen und verändert seine
der Dritten? Verlangt nicht die Eigentümlichkeit Bedeutung: Kurzum, im Moment des Hörens wird
der „allgemeinen Intelligenz“ eine stetige der Diskurs oder der Einfall einer Veränderung
Sensibilisierung hinsichtlich der Einfälle der ande- unterzogen. Schlussendlich hat es mit einem aktiven
ren und nicht nur ein aufmerksames Suchen nach Publikum zu tun.
dem geeigneten Augenblick, an dem man selbst eine
WitzereißerIn werden kann? Das Gespräch wurde im September 2006 geführt.

Paolo Virno, geboren in Neapel 1953. Er war Teil


der „Bewegung von 1977“, Aktivist bei Potere
Operaio und später in der Autonomia Operaia.
Virno war angeklagt im „Prozess des 7. April“, der
viele der Aktiven ins Gefängnis brachte bzw. ins
Exil trieb.

Nach seiner Freilassung 1987 schrieb er für die


Zeitschriften Futur Antèrieur, Luogo Comune und
Derive Approdi etc. Er beschäftigte sich v. a. mit der
Analyse der Transformationen produktiver
Subjektivitäten im Postfordismus und der
Neuzusammensetzung der sozialen Bewegung in
Italien.

Publikationen: „Convenzione e materialismo“


(1986), „Parole con parole“ (1995), „Mondanità“
(1994), „Il ricordo del presente“ (1999), „Quando il
verbo si fa carne“ (2004). Auf Deutsch übersetzt
wurde bislang die „Grammatik der Multitude“
(Turia + Kant: Wien 2005 bzw. ID Verlag: Berlin
2005). „Zwei Anmerkungen zur Grammatik der
Multitude“, grundrisse # 16/2005, S. 53 - 58.

Anmerkungen:

1 Dieser Text erschein als Vorwort zum Buch „Die Ambivalenz der
Multitude: Zwischen Innovation und Negativität“, Tinta Limón
Ed. 2006
2 Vgl. Grammatik der Multitude, Turia + Kant: Wien 2005, S. 112.
3 Vgl. P. Virno, Motto di spirito e azione innovativa. Rubettino 2005

Die Reife der Zeit C. Situaciones/P. Virno


grundrisse_20_2006 seite_11
4

Jens Petz Kastner


Modifizierte Stärke
Soziale Bewegungen in Lateinamerika
im Überblick
Die Barrikaden, die allnächtlich die historische (vgl. Pulquo 2006). Wenn auch nicht unbedingt ein
Innenstadt von Oaxaca abriegeln, die Hauptstadt Anarcho-Revival – die sozialen Bewegungen Latein-
des gleichnamigen Bundesstaates im Südwesten amerikas zu Beginn des 20. Jahrhunderts „unterlagen
Mexikos, rufen unweigerlich Assoziationen zu ver- ursprünglich starken anarchistischen Einflüssen“
gangenen sozialen Kämpfen hervor: „Der Geist von (Bruckmann/Dos Santos 2006: 7) –, so kann doch in
Louise Michel“ sei hier anwesend, kommentiert die den Bewegungen der letzten fünfzehn Jahre das
linke mexikanische Tageszeitung La Jornada Ende Aufkommen bestimmter neuer inhaltlicher Schwer-
September 2006. Die Mitglieder der rund 360 punktsetzungen, strategischer Ausrichtungen und
Gruppen und Organisationen, die sich in der Ver- kultureller und sozialer Organisationsformen beob-
sammlung der BürgerInnen von Oaxaca (APPO) achtet werden.
zusammengeschlossen haben, um den Rücktritt des
verhassten rechten Gouverneurs Ulises Ruiz zu er- Diese Veränderungen betreffen erstens die
zwingen, würden vom Geist der Pariser Kommune Ausweitung politischer Forderungen und Schau-
(1871) begleitet. Der in der Selbstorganisation der plätze auf den Bereich der Kultur. Arturo Escobar,
Bevölkerung mündende Aufstand von Paris, an dem Sonia Alvarez und Evelina Dagnino (2004) sprechen
auch die Anarchistin Louise Michel (1830-1905) be- daher von cultural politics, in denen die Bedeu-
teiligt war, galt schon Karl Marx als der Prototyp tungen sozialer Praktiken bestimmt werden und um
der „Revolution gegen den Staat“ (Marx 1973: 541). die Durchsetzung von Definitionsmacht gekämpft
wird. Und zweitens lässt sich von einer Trans-
Ob es sich beim Aufstand von Oaxaca, der als nationalisierung sozialer Bewegungen sprechen.
Reaktion auf die versuchte Niederschlagung eines Zwar ist der Nationalstaat kein von der Regulierung
LehrerInnenstreiks ausbrach, wirklich um eine ökonomischer und politischer Prozesse losgekop-
Rückkehr libertärer Prinzipien und Organisations- peltes Modell der Vergangenheit, wie im Kontext
formen handelt, kann wohl erst im Nachhinein be- der Globalisierungsdebatten häufig konstatiert wur-
urteilt werden. Manche der Beteiligten, so einige de. Dennoch richten sich die Forderungen sozialer
Mitglieder des anarchistisch inspirierten Indigenen Bewegungen häufig nicht mehr in erster Linie an na-
Volksrates von Oaxaca (CIPO-RFM), bezweifeln tionale Regierungen und ihre eigenen Netzwerke
das jedenfalls schon jetzt. Sie kritisieren die man- sind zudem erheblich über nationale Rahmen hinaus
gelnde Basisdemokratie innerhalb der Bewegung gewachsen. Transnationale Mobilisierungen sozialer

Jens Petz Kastner Soziale Bewegungen in Lateinamerika


seite_12 grundrisse_20_2006
Bewegungen finden einerseits als Reaktion auf trans- in der Regel keine SoziologInnen, sondern
nationale Großprojekte wie das Gesamtameri- WirtschaftswissenschaftlerInnen, was als Folge der
kanische Freihandelsabkommen (ALCA) oder den – drittens – sukzessive durchgesetzten Aufwertung
Plan Puebla Panamá (PPP) statt. Andererseits wurde der ökonomischen Wissenschaften und der Ab- 4
in Folge des zapatistischen Aufstands (1994ff.) aber wertung der geistes- und sozialwissenschaftlichen
auch die Ausrichtung der internationalen Solidarität Fächer betrachtet werden kann (in „Akademia“
modifiziert: Statt Spendenkampagnen zu starten und ebenso wie in der Öffentlichkeit). Viertes Element
Geld oder „Waffen für…“ nach Lateinamerika zu des neoliberalen Diskurses ist der ausgeprägte Anti-
schicken, ging es fortan um die Vervielfältigung und Sozialismus, hier verstanden im denkbar weitesten
die lokale Umsetzung sozialer Kämpfe gegen den ne- aller Sinne. Auf der Grundlage eines neosozialdar-
oliberalen Kapitalismus. Beide Verlagerungen lassen winistischen Menschenbildes, nach dem jede und je-
sich zudem als Folge der neoliberalen Hegemonie der seines oder ihres Glückes Schmied ist und die
oder Reaktion darauf begreifen. Stärkeren überleben sollen, wird gegen jede Form
von Kollektivität agitiert. Die Ausmaße dieses
Neoliberale Hegemonie Diskurses reichen von der Abqualifizierung von
Werten wie Solidarität als „unzeitgemäß“ in
Dass hier trotz mehrfach und aus ganz unter- Feuilleton-Debatten bis hin zur Zerschlagung der
schiedlicher politischer Richtung angestimmter Gewerkschaften, die in Westeuropa unter der
Abgesänge auf den Neoliberalismus immer noch ei- Regierung Thatcher (1979-1990) planmäßig betrie-
ne neoliberale Hegemonie behauptet wird, stützt ben wurde und für die heute in Lateinamerika vor
sich u. a. darauf, dass unter Neoliberalismus nicht allem die Regierung Uribe in Kolumbien eine
nur das Konglomerat verschiedener wirtschaftspoli- Vorreiterrolle spielt (vgl. Zelik 2003). Während alle
tischer Maßnahmen verstanden wird. Diese beste- vier Aspekte sich in den meisten lateinamerikani-
hen nach wie vor aus vier wesentlichen Bestand- schen Ländern höchster Aktualität erfreuen, trotz
teilen, die in den Ländern Lateinamerikas, ausge- „linker Regierungen“ weit verbreitet sind und daher
nommen Kuba, seit den 1970er Jahren unterschied- die Rede von der neoliberalen Hegemonie rechtfer-
liche Umsetzungen erfahren haben. Erstens die tigen, erfährt vor allem das fünfte Element mittler-
Deregulierung des Preis- und Geldsystems, zwei- weile tiefe, von den materiellen Realitäten wie auch
tens die Liberalisierung des Außenhandels und des von sozialen Bewegungen mit ausgelöste Risse: die
Kapitalmarktes, drittens die so genannte Verschlan- Markt-Utopie. Von der Linken zu lernen, hatte sei-
kung des Staates (Haushaltskonsolidierung, Rückzug ner Zeit der neoliberale Vordenker Friedrich August
aus Verantwortlichkeiten, Privatisierungen) und vier- von Hayek seinen Kameraden empfohlen. Der
tens die Ökonomisierung der Gesellschaft, vor allem Neoliberalismus dürfe nicht nur als trockene
in den Bereichen der Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftslehre vermittelt, sondern er müsse in
Bildungssysteme wie auch des Arbeitsmarktes. Mit Form einer Vision präsentiert werden. An dieser ar-
dieser Ökonomisierung gehen die soziokulturellen beiten die think tanks in aller Welt bis heute, im
Aspekte des Neoliberalismus einher, deren Um- Hinblick auf Lateinamerika allerdings mit deutlich
setzung eben – neben den wirtschaftspolitischen abnehmendem Erfolg.
Maßnahmen – für die Hartnäckigkeit seiner
Hegemonie verantwortlich sind. Erstens wurde eine Aber nicht allein die think tanks (vgl. Plehwe/
grundsätzliche Veränderung der Beziehung zwi- Walpen 1999) haben die neoliberale Phase des
schen Staat und Gesellschaft installiert, in der Kapitalismus durch-, ein- und umgesetzt. Dazu be-
„Eigenverantwortung“ und Subsidiarität den (mehr durfte es gesellschaftlicher Bündnisse. Die Neo-
schlecht als recht verwirklichten) Primat der liberalen setzten in Lateinamerika in den 1970er und
„Fürsorge“ des Staates der fordistischen Ära erset- 1980er Jahren im Anschluss an die gelungene Ein-
zen. Seit ihrer Formierung in den späten 1930er setzung der so genannten „Chicago Boys“ – Schüler
Jahren formulierten die Neoliberalen zweitens ein des neoliberalen Chicagoer Wirtschaftsprofessors
politisches Programm der „Anti-Politik“. Gesell- Milton Friedman – in wirtschaftliche, publizistische
schaftliche Widersprüche sollten nicht durch und politische Schlüsselpositionen nach dem Putsch
Interessenausgleich entschärft oder durch die General Pinochets in Chile 1973 vor allem auf
Konfrontation antagonistischer Kräfte zugespitzt Bündnisse mit den Militärs. Hinzu kamen, nach eu-
werden. Vielmehr gibt die neoliberale Ideologie vor, ropäischem (Thatcher) und US-amerikanischen
wirtschaftliche wie soziale Probleme technokratisch (Reagan) Vorbild, die Bündnisse mit den
lösen zu können. Ausdruck dieses Politikver- Neokonservativen. Seit den 1990er Jahren scheint
ständnisses sind die unzähligen ExpertInnen- sich vor allem die Neue Sozialdemokratie als
Kommissionen, die sich in den letzten Jahren im of- Partner anzubieten („Schröder-Blair-Papier“ 1999).
fiziellen Auftrag gesellschaftlichen Problem- Die Trägerschaft des neoliberalen Modells lässt sich
lösungen gewidmet haben. Diese ExpertInnen sind heute wohl für große Teile Lateinamerikas so fassen,

Soziale Bewegungen in Lateinamerika Jens Petz Kastner


grundrisse_20_2006 seite_13
wie Dieter Boris und Albert Sterr (2002: 233) es für und politischen Kontext fand unter den indigenen
Mexiko formuliert haben: TrägerInnen sind „die gro- Gruppen Lateinamerikas eine zunehmende Mobili-
ßen exportorientierten Kapitale (Export-, Import- sierung auf der Grundlage ethnischer Identität
4 und Finanzsektor), also diejenigen, die von statt.“ (Rice 2006: 51) Aber selbst die indigene
Liberalisierung der Ökonomie und der zunehmen- Identitätspolitik steht einer universellen Aus-
den Einbindung in den Weltmarkt heute am meisten richtung sozialer Bewegungen nicht unbedingt ent-
profitieren. Zu ihnen gesellen sich, vorwiegend als gegen. Bei den meisten Bewegungen geht es nicht
Chor der Claqueure bzw. als ,Stimmvieh‘, große Teile nur um die Durchsetzung gemeinschaftlicher
der Marginalisierten, also derjenigen, für die schärfste Partikularinteressen. Auffällig an den Kämpfen seit
Konkurrenz, Kampf ums Überleben und Rückzug den späten 1990er Jahren ist der bereits von den
auf Individuum oder Familie seit jeher zum lebens- Zapatistas – mit den Begriffen wie Würde, Freiheit,
praktischen und ideologischen ABC gehört“. Gerechtigkeit und Demokratie – erhobene, gesamt-
gesellschaftliche Anspruch. Auch wenn und gerade
Soziale Bewegungen im Neoliberalismus weil sie auf dem Demokratiesierungsindex der
Bertelsmann-Stiftung, einer Bewertungsskala aller
Im Zuge von Militarisierung und Neo- Länder der Welt nach diversen Kriterien und neoli-
liberalisierung der Gesellschaften wurden auch die beralen Maßstäben, nicht auftauchen, sei hier auf
emanzipatorischen Bewegungen der 1960er und die Relevanz sozialer Bewegungen für Demo-
1970er Jahre weitgehend und oft– wie beispielsweise kratisierungsprozesse zumindest hingewiesen.
in Guatemala – auch dauerhaft vernichtet. Auf den
Schock der Abwahl der sandinistischen Regierung Aus diesen Ansprüchen aber leiten sich noch lan-
in Nikaragua 1990 folgte eine verhältnismäßig ruhi- ge keine parallelen oder gemeinsamen Strategien ab.
ge, desillusionierte Phase für soziale Bewegungen, Die Organisationsformen der Bewegungen unterlie-
die mehr oder weniger die 1990er Jahre prägte und gen ständigen Diskussions-, Interpretations- und
einzig durch den zapatistischen Aufstand 1994 Reorganisierungsprozessen. Hier lassen sich grob
durchbrochen wurde. drei Dimensionen unterscheiden, in denen
Problematiken und Gefahren dieser Prozesse zu di-
Es lassen sich nun eine Reihe neuer Bewegungen skutieren sind (zum Folgenden vgl. auch Kaltmeier/
ausmachen, deren Gemeinsamkeiten vor allem in Kastner/Tuider 2004: 22ff.).
der Ablehnung des Avantgarde-Konzeptes und in
der Orientierung der Forderungen am eigenen Zum einen hat sich das Verhältnis von Bewegung
Alltag der Akteurinnen und Akteure liegt. „Die ge- und Partei gründlich gewandelt. So unterschiedliche
sellschaftlichen Bewegungen“, schreibt Raul Zelik Bewegungen wie die zapatistische und die bolivaria-
(2006: 37) bezogen auf den bolivarianischen nische scheinen John Holloway (2006: 82) Recht zu
Prozess in Venezuela, „zeichnen sich dadurch aus, geben, der die Abkehr der topologischen Ent-
dass in ihnen kulturelle, religiöse und politische wicklung von der Bewegung zur Partei als „Krise
Artikulationen in eins fallen.“ Dies gilt wohl ten- des leninistischen Kanons“ theoretisiert hat. Nach
denziell auch jenseits der venezolanischen Staats- diversen enttäuschten Hoffnungen auf Bündnisse
grenzen; und zwar sowohl für das Erstarken der mit Teilen der sozialdemokratischen Partei der
Bewegungen aus den ländlichen Räumen wie eben Demokratischen Revolution (PRD) haben die
dem Zapatismus, der Landlosenbewegung in Zapatistas ihre Abkehr vom repräsentativen
Brasilien, den indigen geprägten Kämpfen in Demokratiemodell in der „Anderen Kampagne“
Ekuador oder denen der Mapuche in Chile, als auch (2005ff.) nur bekräftigt. Und während kommunisti-
den neuen urbanen Bewegungen wie den mexikani- sche Kleinstparteien in Westeuropa in Venezuelas
schen (vom Studierendenstreik 2000/2001 bis zum Präsident Hugo Chávez den Garanten der von oben
einleitend erwähnten Aufstand von Oaxaca), den durchgesetzten Verstaatlichungen sehen, heben un-
argentinischen Piqueter@s oder auch den Stadt- dogmatische Linksradikale wie Raul Zelik (2006)
teilbewegungen in Venezuela (vgl. auch Kalt- oder Dario Azzellini (2004) gerade den Stellenwert
meier/Kastner/Tuider 2004: 9f.). der Basisbewegungen und die Irrelevanz der politi-
schen Parteien für den „bolivarianischen Prozess“
Für die Bewegungen des ländlichen Raumes hervor. Andererseits scheinen die Entwicklung der
kann dabei festgehalten werden, dass die Subjekte, Arbeiterpartei (PT) Brasiliens bis zur ersten
die sich im Rahmen der national-demokratischen Präsidentschaft Lucio Ignacio „Lula“ da Silvas
Projekte bis in die 1970er Jahre hinein noch als (2002) oder die Stärkung der indigenen Bewegung
Bäuerinnen und Bauern formiert hätten, dies nun als in Bolivien, die 2005 in der Präsidentschaft des
Indigene tun. Vor dem Hintergrund der aktuellen Kandidaten der Partei „Bewegung zum Sozialismus“
Situation in Bolivien schreibt Roberta Rice: „Als (MAS), Evo Morales, mündete, die Hollowaysche
Antwort auf den sich wandelnden ökonomischen Diagnose zu widerlegen.

Jens Petz Kastner Soziale Bewegungen in Lateinamerika


seite_14 grundrisse_20_2006
Während die linken Regierungen offen- nischen Zeitschrift La Guillotina im
bar die Dynamik der Antiprivatisierungs- Hinblick auf das zapatistische Projekt be-
bewegungen in Uruguay, Argentinien und tont: Der Kampf um Autonomie ist immer
Brasilien wieder gebremst haben oder, wie auch einer „gegen die Konzentration der 4
in Chile, gar nicht erst haben aufkommen Prozesse von Machtproduktion und
lassen, haben sie dennoch das von den Normenerschaffung“ und für eine
Bewegungen mit erzeugte Legitimations- Dezentralisierung öffentlicher Entschei-
defizit der repräsentativen parlamentari- dungen. Zum anderen tendiert Autonomie
schen Demokratie kaum wieder auffüllen aber auch dahin, sich in die Pläne des post-
können. Zumindest als „Bezugspunkt, fordistisch-neoliberalen Staates einzupas-
nicht Modell“ (Márquez Marín 2004) sen, was dessen Rückzugspläne aus sozialer
könnte hier die partizipative Demokratie in Verantwortung, den Appell an die Eigen-
Venezuela in den kommenden Jahren noch verantwortung und die durch ihn forcierte
fungieren. ethnische Segregation betrifft (vgl. Kastner
2006).
Die zweite Dimension der Repräsen-
tationsformen und politischen Bündnisse Die dritte Dimension, die für die
betrifft die Frage der Nation als Organisierung sozialer Bewegungen wie
Referenzrahmen. Ausgehend von den auch für ihre demokratisierenden Effekte
Intergalaktischen Treffen gegen den Neo- relevant ist, stellt die Verschränkung der
liberalismus, die 1996 (in Chiapas/ ethnischen, geschlechtlichen, sexuellen und
Mexiko) und 1997 (in Spanien) auf klassenmäßigen Herrschaftsstrukturen dar.
Initiative der Zapatistas stattgefunden ha- Ohne dass sich Klassen in Lateinamerika
ben, haben sich verschiedene Stränge globa- aufgelöst hätten, haben sie doch ihre domi-
lisierungskritischer Bewegungen entwik- nante Rolle in der Organisierung der
kelt. Diese stehen in einem ständigen Bewegungen eingebüßt und an die
Wechselverhältnis auch mit den lokalen Formierung entlang kultureller Identitäten
Kämpfen in Lateinamerika. Nicht nur hin- abgetreten.
sichtlich der Kämpfe gegen die großen,
überregionalen Infrastruktur- und Die Kämpfe gegen ökonomische
Freihandelsprojekte kann daher von einem Ausbeutung und gegen Ausschlüsse auf
transnationalen Theorie- und Praxis- ethnischer Basis fallen dabei häufig in eins,
transfer gesprochen werden, der weit über da bekanntlich die ärmsten Länder
Lateinamerika hinaus Effekte entfaltet. (Bolivien und Guatemala) und Regionen
Beispiele dafür sind die Diskussionen um (z. B. Chiapas/Mexiko) Lateinamerikas oft
den „urbanen Zapatismus“ (Holloway) auch diejenigen sind, in denen der Anteil
oder der von den Disobedienti in Italien indigener Bevölkerungsgruppen am höch-
praktizierte soziale Ungehorsam. Diese sten ist. Alternative Positionen müssen sich
Bezugnahmen und Effekte haben sich im hier gleichermaßen gegen ökonomische wie
Laufe der späten 1990er und frühen 2000er ethnische Herrschaft positionieren. Dabei
Jahre enorm verstärkt und werden sich vor- kann, wie oben angedeutet, die strategische
aussichtlich in den nächsten Jahren noch Bezugnahme auf kulturelle Identitäten eine
ausweiten. bestimmte Stärke gewährleisten, wenn es
um die Durchsetzung beispielsweise von
Zur umstrittenen Frage der Bezug- Autonomie und Rechten indigener
nahme auf den Nationalstaat zählt auch die Bevölkerungsgruppen geht. Andererseits
inhaltliche Ausgestaltung der Forderung garantieren identitäre Kämpfe aber nicht
nach Autonomie, die in den letzten Jahren unbedingt eine schlagkräftige Einheit, wie
nicht nur die zapatistische Politik geprägt die Geschichte der Frauenbewegungen in
hat. Denn Autonomie kann einerseits, be- Lateinamerika zeigt. Der Feminismus ist in
zogen auf eine strategische und nicht we- weiten Teilen des Kontinents gespalten in
sensmäßig verstandene Einheit, die sie ein- akademisch-bürgerliche Frauen, die in
fordert, zum wirksamen Mittel für die NGOs oder anderen Institutionen arbeiten
Infragestellung von Besitz an Land, auf der einen und eher proletarischen und
Produktionsmitteln und Ressourcen fun- indigenen und aktivistischen Frauen auf der
gieren und kulturelle Rechte durchsetzen. anderen Seite (vgl. Tinoco 2005). So grün-
Insofern ist nicht zu unterschätzen, was den in den Überlappungen der verschiede-
Jaime Leroux in der linksradikalen mexika- nen Herrschaftsstrukturen auch die zentra-

Soziale Bewegungen in Lateinamerika Jens Petz Kastner


grundrisse_20_2006 seite_15
len Spaltungslinien sozialer Bewegungen. formierte sich die wohl bekannteste
Eine antirassistische Politik bedeutet auch Landlosenbewegung der Welt, der MST
in Lateinamerika nicht automatisch die (Movimento Sem Terra). Die Land-
4 Durchsetzung von Geschlechtergerechtig- besetzungen des MST haben bereits über
keit. Gleiches gilt für antikapitalistische 300.000 Familien, ehemaligen Kleinbauern
Positionen, worauf feministische Gruppen und TagelöhnerInnen, zu einer Lebens-
seit Jahrzehnten hinweisen. In diesem grundlage verhelfen können. Der MST ge-
Kontext steht beispielsweise die Kritik der hörte auch zu den UnterstützerInnen des
Frauengruppe Mujeres Creando in Bolivien Kandidaten der Arbeiterpartei (PT),
an der indigen-linken Regierung Morales. Ignacio „Lula“ da Silva. Da in dessen erster
Die von dieser angegangene Dekoloniali- Amtszeit aber nicht nur die erhoffte
sierung des Landes sei, so die Feministinnen, Abkehr vom neoliberalen Wirtschaftskurs,
ohne eine Depatriarchalisierung nicht zu ma- sondern auch die angekündigte Umver-
chen (vgl. Galindo 2006). Dass der Anteil teilung des Landes im großen Stil ausblieb,
von Frauen in Entscheidungspositionen wächst auch innerhalb des MST die Kritik
innerhalb der EZLN (30 bis 40 %) und auch an der Regierung Lula. Andererseits ist es die
unter den Piqueter@s in Argentinien relativ angedrohte oder durchgesetzte Rücknahme
hoch ist, kann nicht darüber hinwegtäu- sozialer Errungenschaften wie beispielsweise
schen, dass die ungleichen Repräsentationen der freie Zugang zu Bildung(sinstitutionen),
nicht erst mit der Ergreifung der Staatsmacht die zum Aufkommen von Bewegungen wie
beginnen. Dennoch bieten soziale Bewegun- dem größten Studierendenstreik an der
gen durch ihre Basisorientierung strukturell größten Universität Lateinamerikas, der
die beste Möglichkeit, die Differenzen aus- UNAM in Mexiko-Stadt, führte. Dieser hat-
zugleichen, und sind zum anderen te sich 2000 an der geplanten Einführung von
Bedingung für die gesellschaftliche Durch- Studiengebühren entzündet, dauerte zehn
setzung dieser Umverteilung von Macht und Monate und wurde nach gezielten
Ressourcen. Spaltungen der Streikenden in „ultras“ und
„moderados“ schließlich mit einem großen
Cultural politics im Neoliberalismus Polizeieinsatz beendet (vgl. Rajchenberg/
Fazio 2001).
Es lassen sich selbstverständlich in die-
sem Rahmen nur äußerst bedingt allgemei- Die Spaltung der Bewegungen für einen
ne Tendenzen für soziale Bewegungen auf radikalen politischen und sozialen Wandel
einem Kontinent ausmachen, auf dem nicht vollzog sich ebenfalls in Argentinien nach
nur der Anteil der indigenen Bevölkerungs- Amtsantritt des Linkskeynesianisten
gruppen zwischen den einzelnen Ländern Nestor Kirchner im Mai 2003. Nach dem
von weniger als einem Prozent (Brasilien) bis Zusammenbruch der Ökonomie im
zu etwa 70 Prozent (Bolivien) schwankt, die Dezember 2001 hatten sich zunächst breite
EinwohnerInnenzahl zwischen 3,3 Mio. Bündnisse zwischen verarmter Mittel-
(Uruguay) und 188 Mio. (Brasilien) liegt und schicht und sozialen Bewegungen ärmerer
das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zwi- Schichten ergeben: Neben den Straßen-
schen 6.112 US $ (Mexiko, 2004) und 1.898 blockaden der organisierten Arbeitslosen,
US-$ (Guatemala, 2004) oder gar, zählt man Piqueter@s genannt, sorgten Nachbar-
die Karibik mit, 468 US-$ (Haiti, 2004) vari- schaftsversammlungen, Tauschbörsen und
iert. Zwar hängen weder Entstehung, noch besetzte, selbstverwaltete Fabriken auch
Mobilisierungsschübe oder Organisations- international für einige Aufmerksamkeit.
weisen sozialer Bewegungen direkt von ma- Gegenüber den Piqueter@s gelang es dem
teriellen Verhältnisse ab. Dennoch entzün- neuen Präsidenten jedoch, eine Politik des
den sie sich immer wieder an Konflikten „teile Teile und herrsche“ zu installieren:
um unerfüllte Erwartungen, die durchaus Die Einbindung moderater Teile der
auf materiellen Grundlagen fußen. So ist es Bewegung in ein minimales Finanzierungs-
einerseits nach wie vor der postkoloniale programm isolierte die radikaleren Kräfte.
Konflikt um die Landfrage, der soziale Maßnahmen wie die Annullierung des
Bewegungen auf den Plan ruft. Noch unge- Amnestiegesetzes für ehemalige Akteure
rechter verteilt als schon in Mexiko und der Militärdiktatur sicherten Kirchner zu-
Bolivien ist das Land in Brasilien. Mitte der dem eine breite Akzeptanz in der
1990er Jahre besaßen 1 % der Bevölkerung Bevölkerung. An der sozialen Ungleichheit
43 % des Landes. Vor diesem Hintergrund hat allerdings auch Kirchner bislang nicht

Jens Petz Kastner Soziale Bewegungen in Lateinamerika


seite_16 grundrisse_20_2006
viel ändern können. Angesichts dessen sieht US- betonten sie neben der Selbsterschaffung sozialer
Soziologe James Petras (2004) die sozialen Bewegungen (statt ihrer Ableitung aus bestimmten
Bewegungen ohne Anbindung zur Mittelschicht in Verhältnissen) auch ihre konstitutive Funktion und
einer desolaten Verfassung, während die Berliner Wirkung für das Politische schlechthin. 4
Lateinamerikanistin Martina Blank (2004) eine
Verlagerung der diversen Aktivitäten sozialer Die geschilderten Tendenzen in den drei
Bewegungen auf „sehr konkrete Sozialprojekte in Dimensionen – Verhältnis Bewegung zu -Partei,
ihren alltäglichen Lebensrealitäten“ betont. Nationalstaat als Referenz, Überlappung der
Herrschaftsstrukturen – geben allerdings auch im
Dies sollte nicht als Rückkehr in eine Nischen- „linken Lateinamerika“ keine Antwort auf eines der
strategie verstanden werden. Vielmehr lässt sich die- Ur-Dilemmata emanzipatorischer sozialer
ses Ansetzen an „alltäglichen Lebensrealitäten“, wie Bewegungen, nämlich der die Frage, ob angesichts ei-
es beispielsweise in den autonomen zapatistischen ner starken Rechten mit – dann schon nicht mehr
Gemeinden, aber auch unzähligen Stadtteilgruppen ganz so – linken AmtsträgerInnen zu kämpfen ist
und Betriebskommitees praktiziert wird, einerseits oder gegen sie. Auch wenn kaum ein anderer Aspekt
als Ausprobieren verstehen, „was ein gesellschaftli- des venezolanischen Transformationsprozesses der-
ches Zusammenleben außerhalb des Kapitalver- art widersprüchlich sei wie der Staat, meint Raul
hältnisses sein kann“ (Virno 1998: 105). Anderer- Zelik (2006: 45), sei doch John Holloways Postulat,
seits ist es aber auch als Ausweitung des Politischen „Die die Welt (zu) verändern, ohne die Macht zu
zu begreifen. Cultural politics ist also nicht zu ver- übernehmen“ (2002), in Venezuela „gründlich wider-
wechseln mit „politischer Kultur“, in der das, was legt worden“ (Zelik 2006: 45). Das meint auch Tariq
Kultur, und das, was Politik genannt wird, immer Ali (2006: 50) und fügt hinzu, die Idee Holloways sei
schon festzustehen scheint scheinen (und sich auf falsch und „immer schon dumm“ gewesen. Mit glei-
„künstlerische Praxis“ vs. „staatliche Institutionen“ chem Recht (und einigen Beispielen mehr) könnte
beschränktbeschränken). Das Andere an der man allerdings das Gegenteil behaupten.
„Anderen Kampagne“ ist ja u. a.auch, dass die poli-
tische Relevanz von Leuten, kulturellen Praktiken Zelik (2006: 46) räumt schließlich ein, dass auch
und sozialen Realitäten behauptet und erstritten in Venezuela der Staat letztlich „gleichermaßen
wird, die in jeder „normalen“ Kampagne (hier derje- Voraussetzung und Haupthindernis der Emanzi-
nigen zur Präsidentschaftswahl 2006) nicht vor- pation“ darstelle. Um die durch den Staat gesetzten
kommenvorkommt. uUnd die ebenfalls als Grenzen der Revolution zu überwinden, bedürfe es
Reaktion auf die ökonomische Durchdringung aller eines spielerischen Umgangs mit Widersprüchen
Lebensbereiche, die der Neoliberalismus beschert und der Fähigkeit der Regierenden, einmal
hat, interpretiert werden könnenkann. Die oftmali- Erreichtes wieder zur Disposition zu stellen. „Mit
ge Infragestellung der institutionellen Gefüge rich- Anarchismus“, so Zelik (2006: 47), „hätte das nichts
tet sich also nicht nur gegen konkrete Präsidenten, zu tun. Eher schon rhizomatisch wachsenden
sondern kann, wenn man so will, als semiotische Sprossachsensystemen.“ Ob in der Ausbreitung der
Wende und Kampf um Definitionsmacht gesehen Deleuze’schen Wurzelwerke, gelesen als dezentrale,
werden. In dieser Hinsicht vollzogen Sonia Alvarez nicht hierarchische, antirepräsentative Kämpfe,
und Arturo Escobar mit dem Titel ihres Buches nicht doch auch – in modifizierter Form und ge-
„The Making of social Social movements stärkt für neue Anforderungen – der Geist von
Movements in Latin America“ (1992) einen wichti- Louise Michel wieder auftaucht, wäre dann zu di-
gen Paradigmenwechsel in der Bewegungs- skutieren.
forschung: In Anlehnung an Edward P. Thompsons
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Jens Petz Kastner Soziale Bewegungen in Lateinamerika


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5

Jens Petz Kastner


Feminismus der Straße
Die Mujeres Creando in Bolivien
Auch aus der Rippe von Evo, schreibt Maria dene frauenspezifische Themen auf. Aber auch ge-
Galindo von den Mujeres Creando, wird keine Eva gen die erneute Präsidentschaft Hugo Banzers
entstehen. Ihr Artikel erschien kurz nach der Wahl (1997-2002), der von 1971 bis 1978 als Militär-
von Evo Morales zum Staatspräsidenten Boliviens diktator die Repression gegen Oppositionelle zu
im Dezember 2005. Darin werden zum einen kon- verantworten hatte, fanden Aktionen statt. Oder
krete Versäumnisse aus feministischer Sicht kriti- gegen den Neoliberalismus, der mit verschiedenen
siert. Sowohl in Morales’ Wahlkampf als auch in sei- Privatisierungsoffensiven seit 1985 in Bolivien in-
ner Partei „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) stalliert wurde.
spielten Frauen bloß eine marginale Rolle. Selbst
von den indigenen Frauenorganisationen und aka- Dabei beharren die Feministinnen darauf, mit ih-
demischen „Gender-Technokratinnen“ sei nicht viel ren Performances keine Kunst, sondern Politik zu
zu erwarten: Auch sie nähmen Frauen nur als machen. Die Kunstwelt sei ein gesellschaftlicher
Mütter oder „Partnerinnen von“ wahr, und nicht als Bereich des Erlaubten. Ihre Performances aber ste-
politische Subjekte. Die Geschichte der Linken sei hen im Kontext einer Strategie des Ungehorsams.
geprägt von einer „Banalisierung der Präsenz von Denn unter Politik verstehen sie weit mehr als die
Frauen“. Die feministische Fundamentalkritik, die repräsentative Demokratie zulässt. Ihre Aktionen
der Text damit zum anderen formuliert, ist seit nun- richten sich ganz allgemein gegen den Rassismus
mehr vierzehn Jahren die Sache der Mujeres der bolivianischen Gesellschaft, gegen Homophobie
Creando. und Klassendünkel. Für diesen Kampf sei die Straße
der beste Ort. Einerseits liegt dem ein sehr empha-
Das 1992 in La Paz gegründete Frauenkollektiv tisches Verständnis der Straße zu Grunde. Sie ist
produziert aber nicht nur Texte. Die Mujeres nicht nur der Ort, an dem von jeher politische
Creando veranstalten diverse Workshops, betreiben Basiskämpfe ausgetragen werden. Die Straße besit-
ein eigenes Frauenhaus namens „Virgen de los dese- ze auch einen ganz eigenen „Rhythmus“. Beispiels-
os“ („Jungfrau der Wünsche“) und zwei Home- weise auf dem von Frauen organisierten Schwarz-
pages (www.mujerescreando.org und www.mujeres- markt, auf dem mit gefälschten Markenprodukten
creando.com). In La Paz berüchtigt und in West- der Politik der transnationalen Konzerne getrotzt
europa bekannt geworden sind sie allerdings vor al- werde. Dass ihre Aktionen auch auf Canal 7 im bo-
lem durch ihre Interventionen im öffentlichen livianischen Fernsehen gezeigt wurden, wider-
Raum: In Graffitis und mit recht spektakulären spricht dem programmatischen Faible für die Straße
Performances greifen die Mujeres Creando verschie- nicht. „Das Fernsehen“, schreibt Maria Galindo in

Feminismus der Straße Jens Petz Kastner


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einem Sammelband zu Theorien der Öffentlichkeit, Creando in westeuropäisch-nordamerikanische
„ist eine Straße, die den privaten Raum durchquert. Kategorien schwer einzuordnen. „Wir haben keine
Das Fernsehen ist ein öffentlicher Ort. Und deshalb Linie“, heißt es in einem für die österreichische
bringen wir uns ins Fernsehen mit derselben Kunst-Zeitschrift Bildpunkt verfassten Text, „wir
Sprache ein, mit der wir auch die Straße in Beschlag sind reine Kurven“. Dieser Titel persifliert nicht nur
5 nehmen.“ Als transnationale Ausweitung dieses die diversen Parteilinien. Er deutet zudem den
Ortes kann so auch die Ausstrahlung der Mujeres Kampf um die Rückeroberung der Körper an. Diese
Creando-Performances im Rahmen der feministi- starke Bezugnahme auf den eigenen Körper, ver-
schen Sendung an.schläge TV verstanden werden, bunden mit dem ideologiekritischen Angriff auf die
die seit einigen Monaten auf dem Wiener Sender diesbezüglich herrschenden Normen – in einer
Okto läuft. Performance befreien sich Frauen aus einem mit
Barbie-Puppen verknüpften Fadengestrüpp –, er-
Im Lob der Straße kommt andererseits auch die innert stark an den Feminismus der zweiten
grundsätzlich anti-repräsentative Haltung der Frauenbewegung in Nordamerika und Westeuropa.
Mujeres Creando zum Ausdruck. „Ich bin keine Im Gegensatz zu diesen Strömungen der späten
Sprecherin von irgendjemandem“, heißt es im be- 1960er und 1970er Jahre aber setzen die Mujeres
sagten Text von Galindo, „nicht einmal die Stimmen Creando weniger auf Identitätspolitik. Eine gemein-
meiner Schwestern, der Frauen von Mujeres same Identität, ein „Wir Frauen“, wird, außer in den
Creando, kann ich vertreten.“ Zwar lautet einer der Diskriminierungserfahrungen als kleinster gemein-
an die Wände der Stadt gesprühten Sprüche „Indias, samer Nenner, nicht behauptet. Die postmoderne
Huren und Lesben: Vereint, anders herum und ver- Kritik am 1970er-Jahre-Feminismus, die bemängel-
schwistert“. Ein übergeordneter Vertretungs- te, dass mit dem „Wir“ der Frauenbewegung in er-
anspruch erwächst daraus aber nicht, „jede schafft ster Linie weiße Mittelschichtsfrauen gemeint und
ihre eigene Sprache und spricht für sich selbst.“ andere ausgeschlossen waren, mussten die Mujeres
(Galindo). In diesem repräsentationskritischen Creando also gar nicht erst aufkommen lassen.
Kontext steht auch die bereits erwähnte Kritik an
der „Gender-Technokratie“. Damit sind Frauen ge- Heterogenität, so betonen Florentina Alegre
meint, die in NGOs die Interessen der internationa- und Maria Galindo in einem Interview mit der lin-
len Organisationen exekutieren und sich zu ken Hamburger Zeitschrift ak – analyse und kritik,
Erfüllungsgehilfinnen falsch verstandener Ent- habe am Ausgangspunkt der Bewegung gestanden.
wicklungsprojekte machen lassen. Auch hinsicht- Bei den Mujeres Creando haben sich nicht nur so
lich der parlamentarischen Quotenregelung, die unterschiedliche Frauen wie Heterosexuelle vom
dreißig Prozent der Parlamentssitze für Frauen vor- Land und lesbische Städterinnen organisiert. Auch
sieht, üben die Mujeres Creando immer wieder Sexarbeiterinnen und Akademikerinnen scheinen
scharfe Kritik. Die Quote, die in der neoliberalen zunächst nicht viele Gemeinsamkeiten zu haben.
Ära eingeführt und von der indigen-linken Trotz der Abgrenzung zu den NGO-Frauen, in der
Regierung übernommen wurde, basiere nur auf dem sich die in ganz Lateinamerika vorherrschende
biologischen Frau-Sein und nicht auf Inhalten. Es Spaltung von institutionalisierten, eher akademi-
sei nicht einzusehen, warum Frauen andere Frauen schen und bewegungsorientierten, tendenziell pro-
nur aufgrund der Biologie repräsentieren sollten. letarischen Frauenbewegten spiegelt, setzen auch
Außerdem halte die Quote Frauen davon ab, sich die Mujeres Creando auf gegenseitige Bereicherung.
außerhalb gemischter Gruppen und außerhalb der Im genannten Theorieband formuliert Galindo das
Parteien autonom zu organisieren. In einer ihrer so: „Um Identitäten und subversive Hetero-
Graffiti-Parolen zusammengefasst, lautet die genitäten zu konstruieren, muss ich meine
Forderung der Mujeres Creando dann „Wir wollen Differenzen, meine Geschichten, meine Schmerzen
das gesamte Paradies, nicht 30 % der neoliberalen und meine Talente mit `der Anderen´, die sich von
Hölle“. mir unterscheidet, ergänzen, erstreiten und vermi-
schen.“
Trotz oder gerade wegen ihrer klaren Haltung
zur Quote, einem Dauerbrenner hitziger feministi- Dass die Unterschiede zwischen Frauen von
scher Debatten, ist der Feminismus der Mujeres Beginn an Thema gewesen seien, hebt auch Mujeres

Jens Petz Kastner Feminismus der Straße


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Creando-Mitbegründerin Julieta Ojeda im Regierung zu. So auch in ihrer Analyse der Wahl zur
Gespräch mit der feministischen Zeitung an.schläge Verfassungsgebenden Versammlung. Diese fand am
(Wien) hervor. Zwar haben Frauen aus bäuerlichen 02. Juli 2006 statt und soll den Prozess der
Familien des Hochlandes und weiße, akademische „Neugründung Boliviens“ unter Morales einleiten.
Städterinnen verschiedene Marginalisierungen er- Durch das Wahlgesetz sei weder eine direkte
fahren. Die Stigmatisierung als Frauen und der Repräsentation der sozialen Bewegungen vorgese- 5
Wunsch, gemeinsame Räume mit „komplexen hen, so Galindo auf der Mujeres Creando-Home-
Formen der Interaktion“ (Galindo) zu schaffen, page, noch seien die „Exilierten des Neo-
seien allerdings hinreichend verbindende Elemente. liberalismus“ berücksichtigt: BolivianerInnen, die in
Aber nicht nur das: Allein die Thematisierung der Argentinien, Brasilien, Spanien oder den USA leb-
Unterschiede richtet sich laut Ojeda schon gegen ten und zu einer wichtigen Stütze der bolivianischen
die „extrem rassistische, homophobe Macho- Wirtschaft geworden seien.
Gesellschaft“.
In ihren Aktionen und Texten beschreiben die
Differenzen zu benennen, bedeutet nicht, sie zu Feministinnen immer wieder die Verschränkungen
bejahen. Im Gegenteil: In dem ärmsten Land geschlechtlicher, sexueller, ethnischer und klassen-
Lateinamerikas mit dem höchsten Anteil indigener struktureller Herrschaft. Zum Ausdruck kommt da-
Bevölkerungsgruppen, scheint der antirassistische bei ebenfalls, dass die Kämpfe dagegen auch dem-
Kampf zugleich einer um soziale Gleichheit zu sein. entsprechend Hand in Hand gehen sollten. So stim-
Eine der Straßenaktionen konfrontiert bürgerliche men die Feministinnen auch grundsätzlich mit der
Frauen mit ihrer Abneigung gegen Indigene. Zu vom MAS angestrebten Dekolonisierung des
Verschwesterungsszenen kommt es, ganz anders als Landes überein. Ohne die Depatriarchalisierung
in der feministischen Gruppe selbst, dabei nicht. allerdings sei diese nicht möglich.
Diese Konfrontationen mit kulturellen Aus-
schlüssen muten sie aber nicht nur der weißen
Oligarchie, sondern auch der indigen-linken E-Mail: petzos@yahoo.de

Feminismus der Straße Jens Petz Kastner


grundrisse_20_2006 seite_21
6

Maria Galindo
Öffentlichkeiten der Mujeres Creando
Wir besetzen das Fernsehen genauso
wie die Straße1
Präsentation halb zu positionieren. Denn wenn es nicht so wäre:
Wo also können wir all das lokalisieren, was außer-
Ich kann mich Ihnen nur als Betrügerin vorstel- halb des Systems von Privilegien existiert? Oder hat
len. Als Betrügerin innerhalb jeglichen Institu- etwa das System bereits alles geschluckt? Vielleicht
tionengefüges, als eine Betrügerin, die Sinn, Wert gibt es nichts, was sich außerhalb des Systems der
und Kraft nur außerhalb gewinnt, außerhalb der Verwaltung von Gewalt und Prestige befindet.
Institution, außerhalb des Systems. Außerhalb und
nicht innerhalb. Nicht innerhalb der Galerie, nicht Aber selbstverständlich gibt es das, und wir
innerhalb der Institution, nicht innerhalb der kämpfen darum und leben davon! Wir suchen es in
Akzeptanz, nicht innerhalb der Legitimation, nicht all dem, was aus dem Zentrum seines Interesses vom
innerhalb des Systems. System als ineffizient, unproduktiv, irrsinnig, un-
freundlich, unbequem, hässlich, schäbig und gefähr-
Und zwar weil das System nicht alles und nicht lich abqualifiziert wird. Bewertungen, die wir uns zu
die ganze Wirklichkeit ist, und weil es nicht einmal eigen machen, Ängste und Wünsche, die wir zu den
ein bedeutender Teil der Wirklichkeit ist, die uns eigenen machen und die uns langsam durch alle
umgibt, die uns einwickelt und entwickelt. Sinne hindurch aufgedrückt und eingeflößt werden,
Außerhalb ist es, wo ich Sinn finde und beziehe. ohne Pause und Möglichkeit der Reflektion oder
Und auch wenn es wie die Phantasie einer Distanz. Wir leben betäubt von diesen Ängsten, und
Heranwachsenden anmutet, traue ich mich zu sa- diese Ängste, Bewertungen und Manipulationen lei-
gen: Außerhalb des Systems ist nicht die Leere – die ten uns durchs Leben. Aber wir haben uns entschie-
Leere, mit der sie Dich bedrohen und mit der sie Dir den, uns außerhalb zu positionieren, einzurichten
Angst einjagen –, außerhalb des Systems ist nicht und zu begegnen, und nicht im Inneren. Wo ist die-
das Nichts. Sie drohen uns aus allem auszuschließen ses Außen? Das Außen liegt weder am Rand noch
und in diese Leere zu drängen, in der nichts von besteht es in der Marginalität einer Gesellschaft oder
dem, was wir tun, fühlen oder träumen zählt oder der Geschichte. Was sich außerhalb des Systems be-
irgendeinen Wert hat. Es ist genau diese Drohung, findet, ist alles, was das System selbst bislang nicht
die uns dazu bringt, uns außerhalb und nicht inner- hat verschlingen und vereinnahmen können.

Maria Galindo Öffentlichkeiten der Mujeres Creando


seite_22 grundrisse_20_2006
Ich bin keine Sprecherin von irgendjemanden, Wiedererschafferinnen von Strategien. Die
nicht einmal die Stimmen meiner Schwestern, der Strategien, die uns inspiriert haben, kommen von
Frauen von Mujeres Creando, kann ich vertreten. Es der Straße, von der Welt des Außen (von dort wer-
sind komplexe und direkte Stimmen, die keinerlei den sie für immer stammen). Sie kommen von den
Vertretung zulassen und die auch keine Vertretung Überlebensfähigkeiten der Frauen unter den gemüt-
wollen. Wir sprechen in der ersten Person und sind lichen Planen auf dem Markt, im Zentrum der
keine Interpretinnen der Bewegungen, und wir sind Gesellschaft wie große alltägliche Barrikaden gegen 6
auch keine Sprecherinnen für die Praktiken der an- die Sonne und die Kälte aufgeschlagen, um den Lauf
deren, wir sprechen nicht in deren Namen. Ich bin der Globalisierung zu behindern. Professionelle
selbst die andere, wenn ich sage, was ich denke und Fälscherinnen von Reebok, Nike, Benetton, Sony
was ich fühle in einer Szenerie, die niemals gegeben oder Microsoft. Diese Frauen sind die Initiator-
oder bloß geliehen ist. innen eines Schwarzmarktes, auf dem eine interna-
tionale Parade von Marken ohne Patent als kunst-
Ich sage nicht, was die Indigene denkt, ich sage handwerkliche Sabotage ausgestellt wird. Diese
nicht, was die Hure denkt und ich sage auch nicht, Strategien sind auf den Märkten lebendig, die sie in
was die Lesbe denkt – jede schafft ihre eigene eine Mischung von Aneignung, Täuschung und
Sprache und spricht für sich selbst. Direkte Widerstand verwandeln, und die sich weder von den
Stimmen, ausdrucksvolle Stimmen, vom Leben ge- Multinationalen kontrollieren, noch durch die
füllte Worte und ein Leben voll von Worten, die ei- Polizei einschüchtern oder vom IWF beziffern las-
gene und nicht nur geborgt sind. sen. Ein Markt des Ungehorsams und der Fälschun-
gen von allem, angefangen vom Computer bis zu
Wir stehen außerhalb des Systems, eingerichtet Schuhen, ein Markt, der Überlebensstrategie und il-
im Zentrum der Empfindsamkeiten der Gesell- legales Gelächter zugleich ist. Uns inspirieren die
schaft. Und es ist dieses Zentrum, von dem aus wir Fähigkeiten dieser Männer und Frauen, die mit List
nicht nur Luftschlösser und Blendwerke der die Grenzen und Staaten des Norden unterlaufen.
Revolution zu errichten vermögen, sondern das uns Leute, die sich verboten wissen, entwickeln Strate-
als Bezugpunkt dient für Überschreitungen und gien, die ihre Angst, ihre Armut und ihre Hautfarbe
Rebellion. Für Huren, für Verrückte, für Indigene, bannen. Diese und andere Strategien, die der
für Mädchen, für Jugendliche, für Alte, die ihre „Kunst“ fremd sind und die auch mit heroischen
Müdigkeit loswerden wollen, für Lesben und für al- Akten nicht viel zu tun haben, inspirieren uns, un-
le möglichen rebellischen Frauen, mit denen wir un- sichtbare und unsichtbar gemachte Strategien, an-
unterbrochene Komplexitäten schaffen wollen. onyme und analphabetische. Aber es sind Strate-
gien, die offenkundig und beharrlich für das Leben
Wie einen versteckten und entdeckten Schatz und Überleben einer Gesellschaft wie der bolivi-
bieten wir die ungewöhnlichen und verbotenen schen – oder jeder anderen, zivilisierten und ent-
Bündnisse an, die wir geschaffen haben. Wie eine wickelten – notwendig sind. Diese Strategien unter-
ungedruckte Originalität bieten wir die ungewöhn- brechen die Kontrolle und helfen Tausenden zu
lichen Bündnisse an, die wir haben schaffen können, überleben, denen die Ökonomie weder eine Arbeit
allen bestehenden Bannern zum Trotz und sie ver- verschafft, noch in den Bildungs-, Gesundheits- und
treibend, um uns gegenseitig zu umarmen und uns Wohnungsstatistiken einen Platz einräumt. Es sind
einander zu verpflichten. Wir bieten die ungewöhn- diese Strategien, die uns inspirieren, die uns alarmie-
lichen Bündnisse, die wir haben schaffen können, ren und die uns positionieren. Diese fern von der
als einen revolutionären Vorschlag an, um mit ihrer Kunstwelt und jeder Form der sozialen Aner-
Hilfe die zugeschriebenen Skripte verändern zu kennung existierenden Strategien bergen gemein-
können, die unsere versteinerten und verdinglichten sam die unglaubliche Möglichkeit, lange
Identitäten ausmachen – Identitäten, die zu Mauern Informations-, Solidaritäts- und Widerstandsketten
geworden sind, die die Liebe und die Liebenden se- zu bilden. Sie sind plakatlose Besetzungen der öf-
parieren. fentlichen, der symbolischen und der ökonomi-
schen Räume. Sie haben außerdem den Ungehorsam
Strategien ohne Erlaubnis gemeinsam, auch deshalb sind sie der Kunstwelt
fremd, die die Welt des Erlaubten ist. Diese
Wir haben Strategien, die der Kunstwelt fremd Strategien sind Teil des Lebens der Gesellschaft, und
sind. Wir haben analphabetische und anonyme sie sind keine Künstlichkeit und auch kein
Strategien, wir haben offensichtliche und außerge- Simulakrum, sie sind Überzeugungen, die aus einer
setzliche Strategien. Wir haben unsere eigenen und Sache eine andere machen. Dadurch sind es auch
die Strategien Hunderttausender anderer. Unsere Überlebensstrategien, die unsere Gesellschaften be-
Strategien sind Töchter, die ihre Fähigkeiten von leben, und wir sind ihre Lehrlinge und diejenigen,
anderen gelernt haben, in diesem Sinne sind wir die diese Strategien neu erschaffen. Denn lange vor

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uns waren es die Verkäuferinnen, die aus der Straße Straße, unseren eigenen Rhythmus. Und wir ver-
ein Haus ohne Ehemann und einen Arbeitsplatz oh- sprechen auch noch die Gelegenheit, deine Neugier
ne Chef gemacht haben. Lange vor uns waren es die auf den Bildschirm zu bannen. Die Mujeres
Fälscherinnen der Marken, die durch das Verändern Creando betraten das Fernsehen und zerstörten im
und Wiederverändern all jene Werte umgewandelt literarischen Sinne den Bildschirm. Wir wissen, das
haben, die mit den Marken einhergingen. In dieser zerstören mehr ist als zerstören, zerstören ist
6 Dynamik haben wir gelernt, dass die Straße ein ge- gleichzeitig öffnen und erschaffen, das Licht herein-
meinschaftlicher Raum, ein lebendiger Platz unserer lassen, sich ausziehen und enthüllen. Denn sonst
Gesellschaft, eine eigene politische Szenerie und ein wäre es bloße Zerstörung, wäre reine Leere, eine
kommunikativer Ort ist. Öde nahe am Skeptizismus und ginge das Risiko
ein, im Gestus der Ablehnung zu verharren.
Das Fernsehen verschlingt uns nicht
Von dieser Perspektive aus gesehen zerstören wir
Das Fernsehen ist eine Straße, die den privaten ein Bild, während wir ein anderes freilegen. Wir er-
Raum durchquert. Das Fernsehen ist ein öffent- obern uns das gefangene Bild unserer Körper zu-
licher Ort. Und deshalb bringen wir uns ins Fern- rück und dies ist eine politische und unaufschiebba-
sehen mit derselben Logik und derselben Sprache re Aufgabe. Und wie bei all diesen geliebten
ein, mit der wir auch die Straße in Beschlag nehmen. Aufgaben wissen wir, dass es niemals aufhört, sie zu
Wir kommen durch die Regeln des Fernsehens hin- erfüllen. Und in diesem Sinne bedeutet das Fern-
ein, aber wir treten ein, um diese Routine zu durch- sehen zu nutzen, den öffentlichen Raum zu nutzen.
brechen, um in erster Linie die Doppelmoral anzu- Deshalb sehen wir von der „politischen Erlaubnis“
greifen und um die etablierte Ordnung des Privaten ab, dies zu tun, wir tun es einfach und auf diese
und des Öffentlichen herauszufordern. Wir kom- Weise verbinden wir uns mit den Küchen und den
men hinein ins Fernsehen, um die ästhetische Schlafzimmern, den Hütten und den ungezählten
Routine von im Fernsehen übertragenen Frauen abgelegenen Orten, an denen sich das alltägliche
und Männern mit Bildern und mit nicht übertrage- Leben entwickelt. Wir besetzen das Fernsehen ge-
nen Frauen und Männern zu durchbrechen. An die- nauso wie die Straße, weil beide binäre Parallelen
ser Stelle hat der politische, kulturelle und ästheti- sind, die zwei Wege erschaffen: Die eine durchquert
sche Wert dieser Besetzung (der Straße und des den privaten Raum, die andere ist jene, die ein
Fernsehens) seinen Ursprung. Er besteht in der Szenario der Begegnung herstellt, das lebendiger ist
Fähigkeit, mit Bildern die Logiken des Schönen und als jede Gesellschaft.
des Hässlichen, des Anständigen und des Unan-
ständigen zu zerstören, die durch das Fernsehen Die Kreativität ist ein Instrument sozialen Wandels
verbreitet werden. Dort wurzelt sein Wert und seine und soziale Veränderung ist ein kreativer Akt
Schönheit voll von Ironie und Geringschätzung.
Ist Identität eine Zuflucht oder eine Barrikade
Der Rhythmus, für den wir uns entschieden ha- des Widerstands? Innerhalb dieses Systems können
ben, ist der durch die Herzen veränderte Rhythmus, Dein Geschlecht, Deine Hautfarbe, Dein Alter,
der sie an einem Punkt ins Stocken bringt – als wenn Deine soziale Klasse, Deine Ursprungskultur, Deine
die Kamera eine rasende Vagabundin wäre, die dort Sexualität ge- und verkauft werden. Deine Nase,
den Sinn sucht, wo alle anderen ihn verloren haben. Dein Mund, Deine Gesichtsform, Dein Gewicht,
Dies ist der Rhythmus der von uns gewählten die Größe Deiner Unterwäsche, Deine Lust, Deine
Fernsehserie. Der Rhythmus einer abgelenkten Frau Fähigkeiten, Dein Leiden, alles kann Objekt von
mitten auf einem Platz, der Rhythmus einer abge- Verpackung, Verkauf und Konsum sein. Das System
lenkten Frau inmitten einer Demo, der Rhythmus vertraut sich dem an, es lebt davon, alles zu ver-
einer durch Kleinigkeiten auf dem Weg abgelenkten markten. Aber es gibt etwas von besonderem
Frau, der Rhythmus eines Mädchens, das auf der Interesse für das globalisierte Patriarchat, und das
Fahrbahn spielt, eine Ballerina zu sein. Es ist ein ri- sind diese Räume der Affekte, der Identität und der
sikoreicher Rhythmus, weil ich Dich dabei unter- Kreativität, jene Räume, von denen aus wir unsere
wegs verlieren kann, denn ich trete unweigerlich in symbolischen Ausdrucksweisen, unsere politischen
Konkurrenz zu dem glatten Rhythmus, mit dem das Identitäten und unser soziales Bewusstsein herstel-
Fernsehen uns den Golfkrieg und gleichzeitig un- len. Es sind diese Räume, die ihren Interessen ge-
zählbare Banalitäten aller Art hat hinnehmen lassen. fährlich werden könnten. Das ästhetische, kulturel-
Ein Rhythmus, der sich in bereits in unserem le und ökonomische Modell des Systems, das uns
Unbewussten festgesetzt hat. komplett umgibt, ist der Supermarkt. Der Super-
markt ist der Ort und zugleich der Mechanismus,
Wir entscheiden uns einmal mehr, auf den der Differenz in (Konsum-)Varianten verwandelt.
Verlierer zu setzen und somit für den Rhythmus der Es sind dieser Ort und dieser Mechanismus, die

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Wahl- und Entscheidungsfreiheit in die Möglichkeit schreist und heulst, ein Ort ohne Boden und ohne
zu konsumieren verwandeln. Innerhalb dieses äs- Dach.
thetischen Modells verwandeln sich, Dank der
„Errungenschaften“ jenes Variantenreichtums, exi- Daher schien es besser, das vorgeschriebene
stenzielle und soziale Identitäten in Dinge und Skript hinzunehmen und einen Platz innerhalb der
Erscheinungen ohne eigenen Sinn. Der Supermarkt Ladeneinrichtung zu suchen und ihn sich außerdem
ist der Ort der grenzenlosen Abwechselung, es ist zu wünschen. Im Regal der Einsamkeiten eine ne- 6
der Ort der klassifizierten, geordneten und abge- ben der anderen, in Reihen, klassifiziert, geordnet,
packten Vielfalt. Es ist der Ort der Sauberkeit und nummeriert. Jedes Produkt dem gleichen fremd.
der ständigen Desinfektion, und der Ort von Einer neben dem anderen. Einer über dem anderen.
Sicherheitsmaßnahmen, Beleuchtung und grellen Einer unter dem anderen. Einer ohne sich mit dem
Farben. anderen zu mischen. Einer statt des anderen. Dies
ist die Kolonisierung und Vermarktung der
Das ästhetische, ökonomische und kulturelle Identitäten, und es handelt sich dabei um subtile
Modell des Systems ist der Supermarkt. Dieses und effektive Mechanismen. Kolonisierte Identi-
Modell funktioniert durch unpersönliche täten verwandeln sich langsam, kaum merklich und
Mechanismen, in denen weder Verantwortlich- Stück für Stück mit mehr oder weniger Intensität, in
keiten, noch eigene Willen oder Austausch gefragt Erscheinungen, um keine Identitäten mehr zu sein.
sind, auch führen sie keine Diskussionen und treten Als solche Erscheinungen sind sie für den
nicht in Verhandlungen, sie geschehen und funktio- Mülleimer der komplett entlebendigten, verein-
nieren einfach, und dies scheint sogar das allerbeste nahmten und gebrochenen kulturellen und sozialen
zu sein. Innerhalb des Supermarktes wird eine un- Stereotype bestimmt, die – den Prozess der
klare und zwiespältige Beziehung eingesetzt: Es gibt Legitimierung und des Konsums erleidend – am
Platz für alle und für alles und die Möglichkeiten, Ende ihres Zyklus der Dekadenz und der Schwäche
Vielfalt zu sammeln und abzupacken, kennen keine weggeworfen werden.
Grenzen, weder ethische, noch politische oder äs-
thetische, selbst die Exzentrizitäten sind natürlich Ungemütlich machen
inklusive. Die Fähigkeit, Vielfalt zu verschlingen
und kulturelle und soziale Identitäten sowie im Diese Erscheinung ersetzt und überlagert die
Sinne des Systems beantwortete historische Identität, wenn die Identität ihren Inhalt verliert;
Prozesse zu vereinnahmen, ist Teil der Routine des die Erscheinung ersetzt und überlagert die Identität,
Konsums. Die Routine des Konsums hat ebenfalls wenn diese ihr direktes Wort aufgibt, und sie ersetzt
keine ethischen, sozialen oder politischen Grenzen. und überlagert sie, wenn die Identität es der Logik
Vielfalt zu sammeln, um Herrschaft zu errichten des Systems nicht ungemütlich macht und sie nicht
und zu repräsentieren, ist Teil des Supermarkt- herausfordert. Die Erscheinung ersetzt und überla-
systems. Vielfalt zu sammeln, um sich vormachen gert die Identität, wenn diese aufhört, sie selbst zu
zu können, alles zu besitzen, zu beinhalten und zu sein um dann zu einem harmlosen, vereinnahmten
besetzen, alles, aber auch wirklich alles. und dekorativen Teil des Systems zu werden. Eine
Identität hört auf, Identität zu sein und verwandelt
Eine anmaßende Totalität, die verspricht, die sich in eine Erscheinung, wenn sie legitimiert und
Möglichkeiten des Schaffens, Fühlens, Lebens und neutralisiert wurde, wenn sie ihre Fähigkeit zu
Handelns außerhalb der Logik des Systems, außer- hinterfragen und umzustürzen verloren hat und ei-
halb des Supermarktmodells, abzuschaffen. Eine an- ne gefällige Haltung annimmt. Sie hört auf,
maßende Totalisierung, innerhalb derer uns nur Identität zu sein, wenn sich ihre Ästhetik bereits
noch bleibt (und zu wünschen bleibt), einen Platz verändert hat und ihre Sprachen sich als Teil des
innerhalb der Ladeneinrichtung zu suchen, ohne Systems formieren: Indios, um Folklore zu bezeu-
auch nur daran zu denken, das Risiko einzugehen gen und zu sein, Lesben und Schwule, um über Sex,
und über diese Logik hinauszublicken. Und weil sie Verhütung, AIDS und Ehe zu reden, Frauen, um
uns das auf alle möglichen Arten wiederholen, ler- Quoten innerhalb des Systems zu fordern, und
nen wir anzunehmen: Dass außerhalb des Systems Dritteweltmenschen, um über Entwicklung und
die Hölle und dass das Leben außerhalb seiner internationale Zusammenarbeit zu reden. Die
Grenzen ein permanenter Drahtseilakt wäre, dass Differenz erscheint zwar, aber banalisiert. Sie er-
außerhalb seines Definitionsbereiches nur Demenz scheint im Zentrum eines Handels, der gleich ver-
und Absurdität, Einsamkeit, Anonymität und hindert, dass sie sich selbst nutzt.
Unsichtbarkeit wären. Wir haben gelernt anzuneh-
men, dass außerhalb des Systems ein gefährlicher Wir brechen mit der Routine des Konsums und
Ort sei, jener nämlich, von dem aus Du sprichst, oh- der Kolonisation unserer Identitäten, daher ist die
ne gehört zu werden, von dem aus Du vergebens Kreativität für uns keine obsessive Suche nach

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Neuartigkeit, sondern die Kreativität in un- hinauszugehen und mich in eine
seren Händen und in unserem Leben ist ei- Bedrohung zu verwandeln, wer auch immer
ne Strategie des Kampfes. Die Kreativität und wo auch immer ich bin.
ist keine Suche nach Form oder Inhalt, son-
dern für uns ist sie die Haut, mit der wir Denn diese Art und Weise meine
unsere Gesellschaft erfühlen und durchfor- Identität zu leben, motiviert mich,
6 sten und ihre erogenen und sensiblen Bündnisse und Solidaritäten zu konstruie-
Zonen aufspüren. Es ist dieser Blick auf die ren, es ermutigt mich, vielseitige Stimmen
Kreativität, der es ermöglicht, den Räumen und für das System unverdauliche
einen neuen Sinn abzugewinnen, der Komplexitäten sowie Herausforderungen
Straße, dem Körper und dem kollektiven für alle Machtzentren zu schaffen. Es er-
Gedächtnis. Denn wir haben gelernt, jede möglicht mir, ausgehend von dem Inhalt,
einzelne dieser Zonen zu reizen, zu liebko- der ich selbst sein möchte, soziale
sen, zu trösten und aufzumuntern. Unsere Unordnung zu stiften. Das ist, was wir zu-
Kampfstrategie ist die Kreativität, und un- sammen erwirkt haben und wie ich selbst
ser Arbeitsplatz sind die sensiblen Zonen sein will, es ist die Provokation, von der aus
des Körpers unserer Gesellschaft. So wir agieren. Es ist eine herausfordernde
schreiten wir voran und bringen intuitiv die Provokation, die eine neue Identität
sozialen Hierarchien wie auch die räum- schafft, die niemals aufhört, konstruiert zu
lichen Beziehungen von drinnen und drau- werden. Eine neue Identität, die sich nicht
ßen, von oben und unten und von Nord in einem Diskurs erschöpft, die ungewöhn-
und Süd durcheinander. lich ist, weil sie das Legitime überschreitet,
und die kreativ ist, weil sie die sozialen
Ungewöhnliche und verbotene Bündnisse Hierarchien durcheinander bringt.

Uns reicht es nicht, unsere Differenzen Unvorhergesehene Choreographien


auszusprechen, noch sie laut zu verkünden:
Ich bin eine Frau. ich bin eine Lesbe, ich bin Es ist eine Choreographie, die das Spiel
eine Indigene, ich bin Mutter, ich bin Hure, der Macht zerstört, das uns zum schweigen
ich bin alt, ich bin jung, ich bin körperlich gebracht hat. Wir vergessen choreogra-
eingeschränkt, ich bin weiß, ich bin braun, phisch, wer von sich annimmt, oben zu sein
ich bin arm. Wir legen unsere Differenzen und wer von sich annimmt, unten zu sein.
nicht dar, weil wir uns vor ihrem Spiegel Um uns in eine Beziehung des Einwands
aufhalten, dem Spiegel, der nicht aufhört und der Subversion zu allen Formen der
uns zu (er-)zählen und uns zu bezeichnen. Unterdrückung und der Herrschaft zu set-
Wir beschränken uns nicht darauf, unsere zen, positionieren wir uns eine neben der
Differenzen darzulegen, weil es erst der anderen, eine im Rücken der anderen, eine
Anfang ist, sie zu entdecken und sie zu le- vor der anderen, ganz nach den Erforder-
ben. Um Identitäten und subversive nissen des Kampfes. Eine Choreographie,
Heterogenitäten zu konstruieren, muss ich die die Reihen verändert und die Abfolgen
meine Differenzen, meine Geschichten, des Akzeptablen, eine Choreographie, die
meine Schmerzen und meine Talente mit durch alle gleichzeitig hindurchgeht, durch
„der anderen“, die sich von mir unterschei- alle oder keine. In dieser von uns inszenier-
det, ergänzen, erstreiten und vermischen. ten Choreographie haben die Kardinal-
Eine Komplementierung, die aus meiner punkte ihren Bezugspunkt verloren, der
Differenz eine Gefahr für das System Norden schaut auf den Süden, und die
macht, weil sie ihm droht statt sich zu inte- Subversion ist das Zentrum der sozialen
grieren, indem ich mich mit jemandem ver- Beziehungen. Wir übernehmen die
eine, mit dem ich mich laut System nicht Initiative, wir definieren und erspüren den
vereinen darf. Grad der Provokation, wir wählen unsere
Worte und unsere Themen. Und wir ent-
So die Differenz leben und die Identität, scheiden über die Szenarien und die Zeit
so leben als Fragment. Leben wie ein nach unserem Kalender der Liebe und nach
Fragment, konstant unvollständig, das er- unserem Kalender des Kampfes.
laubt mir, weit über das vom System vorge-
gebene Skript hinauszugehen. Es erlaubt Während wir, PsychiaterInnen, Richter-
mir, weit über das Opfer-Skript hinauszu- Innen, DoktorInnen, FunktionärInnen,
gehen, weit über das egozentrische Skript VermittlerInnen und TechnokratInnen eine

Maria Galindo Öffentlichkeiten der Mujeres Creando


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Wirklichkeit nach ihren Maßgaben kürzen und ma- E-Mail: mujerescreando@entelnet.bo
nipulieren und schaffen, bleibt doch die Initiative
unübersehbar und über ihre Kalkül hinaus auf unse- Homepage: www.mujerescreando.com, Adresse:
rer Seite und auf unserem Terrain. Die Initiative ist „Virgen de los Deseos“, Calle 20 de Octubre
einer unserer kleinen Schätze, der für uns N.2690, La Paz, Bolivien
Horizonte und eigene (und nicht geliehene) Träume
beansprucht, der uns Akrobatik und unerwartete 6
Flexibilitäten abverlangt, um jeden Tag eine neue,
verschiedene, unvorhergesehene und unverdauliche Anmerkungen:
Choreographie zu tanzen.
1 Maria Galindo, Autorin dieses Textes, ist lesbische Feministin und
seit der ersten Stunde Mitglied von Mujeres Creando. Sie ist eine
Zwei, drei Worte über Mujeres Creando und ihre der Frauen, die sich besonders der Produktion von Bildern in der
Motivationen und Mängel Bewegung gewidmet hat. Zuerst erschienen in: Raunig, Gerald und
Ulf Wuggenig (Hg.): Publicum. Theorien der Öffentlichkeit, Wien
Wir sind eine Gruppe, eine 1992 gegründete so- 2005 (Verlag Turia + Kant), S. 204-211. Aus dem lateinamerikani-
schen Spanisch von Jens Kastner. Wir danken für die freundliche
ziale Bewegung. Soziale Bewegung soll nicht hei- Genehmigung zum Abdruck.
ßen, dass wir eine Masse wären, soziale Bewegung
meint, dass wir unsere Gesellschaft in Bewegung
setzen wollen, Kultur schaffen und Denken stiften,
Organisation und Solidarität herstellen, Visionen
sozialen Wandels entwickeln und sie möglich ma-
chen wollen – und all dies machen Mujeres Creando
tagtäglich. Wir sind wenige für all die Arbeit, die zu
tun ist, wir sind keine Massenbewegung, aber wir
haben schon vor einiger Zeit die Bedeutung der
Masse demystifiziert. Unser sozialer Einfluss ist so
groß, dass er uns viel mehr Arbeit macht als wir im
Stande sind zu leisten. Wir haben eine Genossen-
schaft, die „Virgen de los Deseos“ („Jungfrau der
Wünsche“) heißt und sich in der Straße 20. Oktober
Nr. 2690 in La Paz, Bolivien befindet. Es ist ein fe-
ministischer Ort der intellektuellen, der kreativen
und der Handarbeit, wo Du Dich mit Deinen
Anregungen – welcher Art auch immer – einbringen
kannst. Es ist für uns ein Raum der Solidarität, der
mit ökonomischer Autonomie begonnen hat, um
den Bauch zu füllen. Dort können wir ein wenig
Geld verdienen und unsere persönliche und kollek-
tive ökonomische Autonomie aufrecht erhalten.

In unserer Gesellschaft, an die sich unsere


Arbeit richtet, haben wir uns seit vielen Jahren dem
Schreiben von Graffitis gewidmet. Auf den Wänden
vierer Städte beharren wir dabei auf lebendigen
Ideen wie solchen: „Ungehorsam durch Dein
Verschulden werde ich glücklich sein“ oder „Frau,
weder gehorsam noch ehrfürchtig, sondern frei,
schön und verrückt“ („Mujer ni sumisa, ni devota,
libre, linda y loca“). Wir machen Politik und keine
Kunst und unser Raum für die Konstruktion von
Gedanken und Kommunikation ist die Straße. Wir
haben diverse Bücher veröffentlicht, sowie zwei
Fernsehserien und ein Video produziert: „Creando
Mujeres“, „Mama no lo me dijo“ („Mama hat mir
das nicht gesagt“) und „Las exiliadas del neolibera-
lismo“ („Die Exilierten des Neoliberalismus“), die
alle über den offenen Kanal zur besten Sendezeit
ausgestrahlt wurden.

Öffentlichkeiten der Mujeres Creando Maria Galindo


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7

Karl Reitter
Traurige Ratlosigkeit
Bemerkungen zur Kritik am Grundeinkommen
von Markus Koza und Angela Klein
In einem Beitrag in der „SoZ“ (Sozialistische Zur vorgeblich geringen Radikalität des
Zeitung, Frankfurt) schreibt Angela Klein über das Grundeinkommens
Grundeinkommen1, wie es von Götz Werner propa-
giert wird, in der „akin“ (Wien) Markus Koza über Was sind eigentlich die Ziele des Grundein-
diese Forderung an eine Wortmeldung von kommens? Der Zwang zur Lohn- und Erwerbs-
Bernhard Redl anknüpfend2. arbeit soll möglichst aufgehoben und alle
Tätigkeiten, vor allem auch die unentlohnten, ge-
Mit diesen Beiträgen meldet sich eine Linke zu sellschaftlich anerkannt werden. Zudem formuliert
Wort, die das Grundeinkommen durchwegs ab- das Grundeinkommen ein Distributionsprinzip, das
lehnt. Ihre Kritik lässt jedoch keine Alternative er- auch in einer nachkapitalistischen Gesellschaft
kennen, sondern besticht durch weitgehende Grundlage der Verteilung des geschaffenen
Resultatlosigkeit. Hier ist keine Gegenrede am Reichtums sein könnte.3 Dem wird entgegengehal-
Werk, die die Thesen des Gegenübers kritisch auf- ten, das sei alles zu wenig radikal, das taste das
nimmt und in einer neuen Lösung aufhebt und Eigentum an Produktionsmitteln nicht an und ob
überwindet. Der Stil der Aussagen entspricht der das Grundeinkommen den „Arbeitszwang“ (Angela
Gedankenwelt. Gelangweilt wird aus dem ABC des Kein) wirklich aufhebe, sei von der Höhe abhängig.
Marxismus zitiert, einige Szenarien beschworen, die Zweifellos, als gesellschaftliche Institution bleibt
durch die Einführung des Grundeinkommens zu er- die Lohnarbeit einmal bestehen, die Frage nach dem
warten wären und Versatzstücke mit fast hörbarem Eigentum an Produktionsmitteln wird nicht umfas-
Seufzer über die Zusammenhänge von Steuern, send gestellt (obwohl Produktionsmittel keines-
Produktion und Verteilung zu Papier gebracht – das wegs ausschließlich mit industriellen Produktions-
alles müsste der Linken doch klar sein, aber leider… anlagen gleichgesetzt werden können). Darüber
angesichts der Forderung nach dem Grundein- hinaus löst ein bedingungsloses Grundeinkommen
kommen müsse halt wieder an das Elementare er- keineswegs die Frage nach den Strukturen einer
innert werden: Wer zahlt’s letztlich? Die Arbeiter- nachkapitalistischen Ökonomie. Welche Alter-
Innenklasse. nativen skizzieren nun die KritikerInnen des

Karl Reitter Traurige Ratlosigkeit


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Grundeinkommens? Wie greifen sie den Impuls auf, kühne Konzept der Eroberung der Staatsmacht und
der von der Vorstellung, „in Freiheit tätig zu sein“ der Errichtung einer Planwirtschaft schrumpft zum
(so lautete das Motto des großen Kongresses zum Votum für soziale Infrastruktur, Lohnerhöhung
Grundeinkommen letzten Herbst in Wien) aus- (für jene, die noch ein reguläres Arbeitsverhältnis
geht? haben), Arbeitszeitverkürzung (für jene, die über-
haupt noch in Vollzeitbeschäftigung tätig sind), und
Spielen wir mit offenen Karten. Vor zwanzig, für den Rest wird ein gesicherter fordistischer
dreißig Jahren hätte jenes Denken die Alternativen Sozialstaat vorgeschlagen. Sollen dies die zukunfts- 7
lauthals hinausposaunt: Von Verstaatlichung unter orientierten Forderungen sein, deren Radikalität das
ArbeiterInnenkontrolle in der trotzkistischen Grundeinkommen überflügelt?
Variante bis zu Staatsplanwirtschaft unter Führung
der Partei; die Alternativen wären nur so aus dem Die forsche Frage nach dem Eigentum an
Text gepurzelt. Die Staatsplanwirtschaft hat jedoch Produktionsmitteln – der das Grundeinkommen
als emanzipatorisches Konzept jämmerlich Schiff- vorgeblich ausweicht – bleibt selbst unbeantwortet.
bruch erlitten. Die für Linke zweifellos bitteren Wie verunsichert diese Linke ist, zeigt sich an der
Erfahrungen der russischen wie chinesischen völlig passiven und bloß reaktiven Forderung nach
Revolution ließen alte Gewissheiten obsolet er- Verstaatlichung. Hände weg! Hände weg von dem
scheinen. Wenn sich die gesellschaftliche kleinen bisschen Rest, das der postfordistische
Alternative aus den bestehenden Tendenzen heraus Umbau des Staates noch übrig gelassen hat. Hände
entwickeln muss – und in diesem Sinne können wir weg von der Wasserversorgung und der Müllabfuhr.
heute noch LeninistInnen sein –, dann sind die Sich an den fortgeschrittensten produktiven
Strukturen, die an der postfordistischen Produk- Bereichen zu orientieren würde jedoch bedeuten,
tionsweise anknüpfen und diese emanzipatorisch die Verstaatlichung von Google, von Microsoft und
weiter entwickeln, nicht wirklich klar und eindeutig des Internets zu fordern. Aber auch diese
erkennbar. In Wirklichkeit ist alles offen, die Rolle Problematik wird nicht thematisiert und diskutiert.
von Plan, Markt, Entscheidungsstrukturen, In einem vagen Irgendwie werden der Staatssektor
Steuerungsmechanismen, die Rolle der Repräsen- und seine Aktivitäten dem Grundeinkommen alter-
tation, Politik, alles ungeklärt in der gesellschaft- nativ gegenübergestellt.
lichen Transformation. Wir sind aktuell auf den
Widerstand zurückgeworfen, auf den Kampf um Ich sage dir, was für dich emanzipatorisch ist
Würde, gegen die Zumutungen und Zurichtungen.
Die Lohnarbeit, so Martin Koza, gilt es „ja tat-
Was ich an der linken Kritik am Grundein- sächlich zu überwinden“. Schön, aber wie? Wie ist es
kommen so ärgerlich finde ist nicht, dass die hier und heute möglich, den Zwang zur Lohnarbeit
KritikerInnen über keine klaren Vorstellungen mög- zumindest zu relativieren, wenn nicht durch das be-
licher Alternativen verfügen, sondern dass sie so dingungslose Grundeinkommen? Und wieder:
tun, als hätten sie welche. Wenn etwa Angela Klein nichts, keine Antwort, keine Perspektive, keine
von „einem demokratischen Gemeinwesen, in dem Forderung. Statt dessen schmuggelt sich unter der
der Mehrheitswille respektiert“ wird schreibt, so Hand die alte These sein, so übel sei die Lohnarbeit
verrät schon die Formulierung, dass hier eine ja auch wieder nicht. Ermöglicht sie nicht die
nichtssagende Floskel produziert wird. Erneuert Teilhabe an der Gesellschaft, sei sie nicht Bedingung
wird damit bloß das (das) Phantasma, „danach“ wä- für Emanzipation? Lassen wir vorerst den guten
re alles anders. Marcus Koza mimt den Geheimnis- Marx beiseite, der über die Lohnarbeit schrieb:
vollen, wenn er behauptet, seine Überlegungen „Ihre Fremdheit tritt darin rein hervor, daß, sobald
seien nicht so simpel wie die Forderung nach dem kein Zwang existiert, die Arbeit als eine Pest geflo-
Grundeinkommen. Worin seine Konzepte im hen wird.“ (MEW Erg.1; 514) Das Grundein-
Gegensatz zu den „einfachen Lösungen“ nun be- kommen formuliert keine absolute Kritik der
stünden, wird aber nicht verraten. Ein paar Phrasen Lohnarbeit, was ihr von verschiedenen Seiten ja
und eine verschämte Erinnerung an das, was einst so wieder zum Vorwurf gemacht wird. Das Grundein-
klar schien – und das soll uns überzeugen? Das kommen greift jedoch die absolute Definitions-

Traurige Ratlosigkeit Karl Reitter


grundrisse_20_2006 seite_29
macht über die Arbeit und Reichtumsproduktion und sozialer Prozesse, sagen euch das noch einmal
an. Gerade jenseits der Lohnarbeit ist Arbeit, gesell- ganz geduldig. Schminkt euch also diese Forderung
schaftlich nicht anerkannt, ignoriert, entwertet in rasch ab, wollt ihr weiter von uns ernst genommen
jedem Sinne des Wortes. Diese anzuerkennen, be- werden.
darf es des Grundeinkommens. Wie und wodurch
sonst kann die Gesellschaft Tätigkeiten anerkennen, In guter Gesellschaft
die den Markt nicht berühren wollen oder können.
7 Wie und wodurch kann sie institutionell anerken- Obwohl die Forderung nach 800 Euro
nen, dass der kapitalistische Sektor der Ökonomie Grundsicherung der SPÖ Lohnarbeitszwang und
keineswegs den gesamten Reichtum produziert? Kontrolle des Staates einschließt, brach ein Sturm
der Entrüstung los. Selbst die vage Möglichkeit,
Nach wohl einem guten halben Dutzend dem Zwang zur Lohnarbeit zu entkommen, dürfe
Podiumsdiskussionen zum Grundeinkommen in nicht geduldet werden. Eine ganze Reihe von
linken Kontexten wage ich vorauszusagen, wie der Artikel, Stellungnahmen und Fernsehsendungen
Diskurs weiterläuft. Zuerst entrückt die Nicht- folgte. Obwohl die Grundsicherung Bedingungs-
lohnarbeit aus dem Blick. Hausarbeit, künstlerische, losigkeit strikt ausschließt, begegnet die ÖVP mit
wissenschaftliche, soziale, mediale Tätigkeiten ver- folgender Aussage vorbeugend einem gar nicht exi-
schwinden aus der Ökonomie. Dann werden die stierenden und ausgesprochenen Konzept der offi-
emanzipatorischen Effekte der Lohnarbeit ent- ziösen Politik: „Ein Rechtsanspruch auf ein
deckt. Plötzlich ist der Zwang zur Lohnarbeit rela- Grundeinkommen ohne Arbeit kommt für die ÖVP
tiviert. Der nächste Schritt hängt zumeist von der nicht in Frage.“4 Der Schatten des bedingungslosen
gesellschaftlichen Rolle der SprecherInnen ab. Dass garantierten Grundeinkommens genügt, und die
Koza wie Klein an diesem Punkt nicht mehr mitzie- Repräsentanz der Bourgeoisie erkennt, was Sache
hen, möchte ich ihnen solidarisch unterstellen. „Im ist. Die in der Debatte verwendeten Ansichten und
Fortgang der kapitalistischen Produktion entwik- Auffassungen ermöglichen einen Vorgeschmack auf
kelt sich eine Arbeiterklasse, die aus Erziehung, eine mögliche Auseinandersetzung, sollte die
Tradition, Gewohnheit, die Anforderungen jener Einführung des Grundeinkommens tatsächlich in
Produktionsweise als selbstverständliche Natur- Reichweite sein. Es wäre interessant, im Detail zu
gesetze anerkennt.“ (MEW 23; 765) Nun beginnt analysieren, was in diversen Stellungnahmen, Foren
die zweite Natur zu sprechen und fordert unab- und Artikeln so über Arbeit, Legitimation von
dingbar Lohnarbeit, je mehr, desto besser. Genügen Einkommen, Reichtum, sozialen Transfers und po-
die sanften Hinweise auf die emanzipatorischen litischer Akzeptanz geäußert wurde.
Qualitäten der Lohnarbeit nicht – die das Grund-
einkommen ja keineswegs kategorisch verneint – er- Dass die Argumente pro Grundeinkommen tat-
scheint die Keule des „was die Leute eigentlich so sächlich ideologisch übergreifend sind, gilt noch
wollen“. Wie gesagt, alles eine Frage der Integration mehr für die Kritik. Befreien wir die Argumente von
in das Establishment der RednerInnen. Wer sei ihrem spezifischen politischen Stallgeruch, so zeigt
schon für das Grundeinkommen? Ein kleines sich eine breite Phalanx, die verblüffend ähnliche
Grüppchen, eine Minderheit, versponnene Argumentationsfiguren benützt: „Das von Ihnen
KünstlerInnen, politische AbenteuerInnen. geforderte Grundeinkommen weist eine starke bis
gänzliche Aufweichung des ausgewogenen Ver-
Indirekt ist in den angesprochenen Artikeln hältnisses von Leistung und Beträgen auf. Ebenso
auch dieser unerträglich advokatorische Gestus ent- ist es im Grundansatz leistungsfeindlich und ver-
halten. Wir, und dieses Wir beansprucht keine quan- wässert den Wert, den Arbeit für die Menschen in
titative oder qualitative Geltung, wir wollen das ihrem Leben darstellt. Es ist unseres Erachtens mit
Grundeinkommen. Und was antworten uns Marcus dem Respekt vor der Würde der Person nicht ver-
Koza wie Angela Klein? Eurer Wunsch nach einbar, von vorneherein und ohne Wissen näherer
Grundeinkommen ist Unfug, das ist abzulehnen. Umstände jedem Mitglied der Gesellschaft die
Eure Forderung kann nur zum bösen Erwachen füh- Fähigkeit abzusprechen, zunächst für den eigenen
ren. Wir, die ExpertInnen in Sachen Emanzipation angemessenen Unterhalt selbständig und selbstver-

www.chefduzen.at
Das Forum der Ausgebeuteten
Karl Reitter Traurige Ratlosigkeit
seite_30 grundrisse_20_2006
antwortlich sorgen zu können. Damit nehmen Sie bat gerade über den nicht lohnarbeitenden Teil her-
dem Einzelnen seine sinngebende Lebensaufgabe.“5 gestellt werden. Dass selbst der Vorschein des
Zweifellos finden sich in der Stellungnahme Grundeinkommens diesen Mechanismus in Frage
Elemente, die nicht aus linken Kontexten stammen stellen könnte, wird klar erkannt. Wie schon
können. Aber die „sinngebende Lebensaufgabe“, die Herbert Marcuse seinerzeit im „Eindimensionalen
Gleichsetzung von Arbeit mit Erwerbsarbeit sowie Menschen“ beschrieb, zeigt die Konterrevolution
ihrem „Wert, den die Arbeit für die Menschen in ih- eine Wucht, die durch Ausmaß und Bedeutung der
rem Leben hat“, das zählt zu den Standard- Revolte kaum zu erklären ist. Angesichts der ak- 7
argumenten der linken Kritik, gerade wenn sie sich tuellen Debatte sind die Phantasien der Kritiker-
sozialphilosophisch inszeniert.6 Dieser Passus Innen, das Grundeinkommen sei eine vergiftete
stammt überdies aus dem Antwortbrief der ÖVP Pille, ein listiges Mittel der Bourgeoisie um mög-
auf ein Schreiben des Netzwerks „Grundein- lichen Widerstand zu unterlaufen, wie Seifenblasen
kommen und sozialer Zusammenhalt“7. zerplatzt. Das scheint Angela Klein erkannt zu ha-
ben. Auch hier ist tiefe Verunsicherung zu erken-
Ein weiteres schönes Beispiel für die Gehirn- nen. Was aus der Tatsache, dass Götz Werner kein
wäsche pro Lohnarbeit stellen zwei Artikel in der Marxist, sondern Unternehmer und seine Begrün-
österreichischen Tageszeitung „Kurier“ dar. Im dung pro Grundeinkommen in vielen Punkten zu
April dieses Jahres erschien eine Serie zur kritisieren ist eigentlich zu folgern sei, bleibt unbe-
Arbeitslosigkeit mit all diesen unappetitlichen antwortet. Dass eine Forderung, deren Möglichkeit
Ingredienzien, kurzum ein ergreifender Bericht wie Notwendigkeit durch die gesellschaftlichen
über die Geißel Arbeitslosigkeit. Ein Hausfrau, die Verhältnisse des Postfordismus selbst geschaffen
eigentlich gerne keine wäre, aber leider keine Arbeit wird, von vielen Menschen aufgegriffen wird, was
– egal welche – findet, wird uns vorgestellt. Sogar ist daran verwunderlich? Könnte dies anders sein?
geweint hat sie schon. Vierzehn Tage später geht es Angela Klein bleibt uns aus guten Gründen ein ab-
im Kurier wieder um arbeitslose Frauen. Nur sind schließendes Resümee schuldig.
sie diesmal sehr, sehr wohlhabend, Millionen-
erbinnen als Beruf, „Reich und Schön“ titelt der Der Aspekt der Bedingungslosigkeit ist der
Artikel8. Strahlend, lächelnd, Golfspielelend werden Stachel im Fleisch innerhalb der gesamten Debatte
sie porträtiert. „Gabi hat ein Golfhandicap von elf, um Sozialstaat, Transfers und Grundsicherungen. Er
ich habe fünfzehn“ sagt Kathi. „Da sieht man, ich wirkt bereits bei kleinen, scheinbar nebensächlichen
bin die Fleißigere“ sagt dazu Gabi. Freilich, was für Fragen. Die Forderung nach Freiwilligkeit in Bezug
die bourgeoise Eilte gilt, gilt nicht für den Pöbel. auf die Teilnahme an AMS-Kursen ist nicht die
Fleiß ist eben nicht gleich Fleiß, ebenso unter- Revolution. Aber die Freiwilligkeit wäre ein kleiner
schiedlich sind die Vorstellung in Bezug darauf, was Baustein im Kampf um die Würde der unterworfe-
Glück sein könnte. Seltsam, nur den Habenichtsen nen Subjekte. Ein wenig Spielraum, Holloway wür-
scheint die Arbeit als Lebenszweck abzugehen. de sagen, ein kleiner Spalt, um Nein zu sagen, um
den Stachel des Befehls nicht ins Fleisch dringen zu
Vom Urteilsvermögen lassen. Sehen wir uns die Polemik gegen die
Bedingungslosigkeit bei Koza an, so wissen wir
“Something is happening, but you don’t know nicht, ob wir seine feine Sensibilität für die kleinen
what it is, do you, Mr Jones?”9 Zu den am meisten Szenen des Alltags oder doch den großen Blick für
attackierten, drangsalierten und unmittelbar der die Notwendigkeiten bewundern dürfen: „Bedarfs-
Willkür ausgesetzten Teilen der Menge zählen prüfung? Na und? (…) Es braucht eine grundlegen-
gegenwärtig die Arbeitslosen und die Migrant- de Reform von Bedarfsprüfung – etwa Anspruch auf
Innen. Es sollte den VerfechterInnen der staatlichen Invaliditätspension etc. gilt es zu reformieren. Es
Infrastruktur zu denken geben, dass es eben diese braucht eine grundlegende Reform, die sich vor al-
staatliche Infrastruktur ist, mittels derer diese lem an den Interessen der ‚Bedürftigen’ zu orientie-
Menschen zu willfährigen Objekten degradiert, des ren hat. Andererseits machen Bedarfsprüfungen ge-
Landes verwiesen oder zur Arbeit verpflichtet wer- nauso auch Sinn: dass Kinderbeihilfe nur bei einem
den sollen. Es ist daher kein Zufall, dass insbeson- entsprechenden Bedarf – nämlich wenn frau/mann
dere Arbeitsloseninitiativen entschieden für das Kinder hat – ausbezahlt wird, stellt wohl keiner in-
Grundeinkommen eintreten, sie wissen warum. Was frage.“10
Fremdenpolizei und Justizapparat für die Migrant-
Innen, das ist die Arbeitsmarktverwaltung für die Spricht der Text über das, was ist, unterscheidet
Arbeitslosen. Die kapitalistische Herrschaft er- er sich schon in Klang und Duktus: „Du willst
kennt klar, dass Druck auf die Arbeitslosen zugleich Sozikohle nach Hartz IV? Wer bist du überhaupt?
Druck auf die Lohnarbeitenden bedeutet. Die be- Sag uns alles über dich. Über die Leute, mit denen
dingungslose Arbeitswilligkeit der Klasse kann pro- du zusammenlebst: wie eng? Was macht ihr zusam-

Traurige Ratlosigkeit Karl Reitter


grundrisse_20_2006 seite_31
men? Habt ihr gemeinsame Hobbys? Hast du eine gegenwärtigen Epoche des Postfordismus spielt, wie
Beziehung? Wie eng? Was war früher, wie hat sich sie zum Versuch der kapitalistischen Herrschaft
das entwickelt? Was planst du? Wir sind erst mal steht, ein neues, nun bescheideneres, gefügigeres
höflich, aber wenn du nicht mitmachst, können wir Proletariat zu produzieren, das sich die Flausen von
auch anders: dann gibt’s nichts mehr. Willst du den substanzieller Sicherheit, Karriere und vermehrtem
Umgang mit uns lernen, gemeinsam mit uns zusam- Reichtum endgültig aus dem Kopf zu schlagen hat,
men? Wir sind geduldig, aber wir wollen alles wis- um also diese Rolle verstehen zu können, benötigen
7 sen. Wir werden in der Zukunft die Anforderungen wir etwas, über das wir nicht ohne weiteres verfü-
an deine Bereitschaft, dich uns anzuvertrauen, ver- gen: Urteilskraft.
schärfen. Du willst doch kein Sozialparasit sein? Du
willst doch unsere Kohle?“11 Eine Männerunterhose, E-Mail: k.reitter@gmx.net
von Kontrollorganen aus der Schmutzwäsche ge-
fischt, beweist bei zwischenstaatlichen Ehen noch
lange nicht deren Aufrichtigkeit, während bei Hartz Erwähnte Literatur und Anmerkungen:
IV BezieherInnen die Bedarfsgemeinschaft so und Karl Marx, „Das Kapital Band 1“ = MEW 23, Berlin 1965
so feststand. Karl Marx, „Ökonomisch-philosophische Manuskripte von 1844“ =
MEW Ergänzungsband 1, Berlin 1965
Um die historische Bedeutung des Grundein-
1 Angela Klein, „Wundertüte mit vielfältigem Inhalt“, in: SoZ Nr,
kommens zu erkennen, hilft es nichts, Theorien zu
10/2006, Frankfurt am Main, Seite 11
befragen oder an Prinzipien zu erinnern. Was besagt 2 Markus Koza, „Lieber ‚halbe Sachen’‚ als ‚ganze Blödheiten’“, in:
die Grundthese des „Kapitals“, dass der abstrakte „akin“ Nr. 22 des 33. Jahrgangs, Wien
Reichtum ausschließlich von der Arbeiter- 3 Ich habe dies in folgendem Artikel zu begründen versucht:
Innenklasse geschaffen wird, Kapital wie Grund- „Grundeinkommen als Recht in einer nachkapitalistischen
Gesellschaft“, grundrisse Nr. 13/2005, Wien
besitz als weitere, unabhängige ökonomische
4 http://www.oevp.at/index.aspx?pageid=8450 Abgefragt am
Quellen erscheinen, es aber nicht sind? Es ist reine 13.10.06
Tautologie zu sagen, dass das Grundeinkommen al- 5 http://ksoe.at/grundeinkommen/images/GEwahlen06oevp.pdf
leine vom Proletariat geschaffen würde. Ich verste- 6 z.B. Ulrich Busch, „Schlaraffenland – eine linke Utopie? Kritik des
he nicht, wie aus dieser theoretischen Erkenntnis Konzepts eines bedingungslosen Grundeinkommens“, in: „Utopie
Ablehnung wie Begründung des Grundeinkommens kreativ“, Nr. 181/2005
7 siehe: www.grundeinkommen.at
abgeleitet werden können, wie Koza und Klein dies 8 „Kurier“ vom 16.4.2006, Seite 21
versuchen, als ob dies bei anderen ökonomischen 9 Diese Zeile stammt aus „Ballad of a Thin Man“, zu finden auf:
Transfers und Bestandsgrößen verschieden wäre. „Highway 61 Revisited“, Bob Dylan 1965
Als solche beantwortet diese abstrakte Erkenntnis 10 Markus Koza, „Lieber ‚halbe Sachen’‚ als ‚ganze Blödheiten’“, in:
keine Frage bezüglich des Grundeinkommens. Um „akin“ Nr. 22 des 33. Jahrgangs, Wien
11 Detlev Hartmann und Oskar Schlaak, „Abrichtung und Revolte“,
zu verstehen, welche Rolle diese Forderung in der in: Schwarzbuch Hartz IV, Berlin/Hamburg 2006, Seite 157

Karl Reitter Traurige Ratlosigkeit


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8

Paul Pop
Ist Sex subversiv? Linke Theorien der
sexuellen Befreiung und Gender-Dekonstruktion
Teil 1: Von der Oktoberrevolution zur Kritischen Theorie

In der Linken ist es schon seit langem aus der Eminenzen“ wurden die freudomarxistischen
Mode gekommen über sexuelle Befreiung zu spre- Theorien seit Mitte der 70er Jahre hinterfragt. Die
chen. Die Freudomarxisten sahen in den sexuellen zweite Frauenbewegung und der französische
Bedürfnissen und Trieben der Menschen eine wich- Poststrukturalismus stellten die Natürlichkeit von
tige Stoßkraft für die proletarische Revolution. Ihre Sexualität in Frage. Foucault dekonstruierte die
Unterdrückung sei die Ursache für autoritäre Gegenüberstellung von Trieben und Unter-
Charaktere und die Massenbasis des Faschismus. drückung und stellte die These auf, dass die Macht
Die „natürlichen“ Triebe des Menschen würden ge- im Diskurs nicht nur die Verbote, sondern auch die
gen die „unnatürlichen“ Institutionen wie die patri- Bedürfnisse produzieren würde. Sexualität sei eine
archalische Familie ins Feld geführt. Heute stellt Erfindung des 19.Jahrhunderts. Judith Butler ging
sich viel mehr die Frage: Was ist Sexualität über- noch einen Schritt weiterund stellte die
haupt und von was soll sie befreit werden? Natürlichkeit der Geschlechter und der heterose-
xuellen Matrix in Frage, indem sie behauptet, dass
Ein wichtiges Ereignis für die linke Theorie- beides gesellschaftlich produziert sei. Statt die
bildung war die russische Oktoberrevolution von Natur gegen die bürgerliche Gesellschaft zu mobili-
1917, die in den ersten Jahren die Abschaffung der sieren, stellten die poststrukturalistischen Diskurse
bürgerlichen Familie und Sexualmoral zum gerade die Natürlichkeit der Sexualität selbst in
Programm erhob. Die „Ein Glas Wasser-Theorie“ Frage. Unter Befreiung würde nun nicht mehr die
wurde berühmt, die der russischen Kommunistin Befreiung der Triebe von der Unterdrückung ver-
Alexandra Kollontai zugeschrieben wurde, nach der standen, sondern die Infragestellung und Überwin-
sexuelle Bedürfnisse genauso wie Durst gestillt wer- dung der gesellschaftlich konstruierten gender-
den müssten. Schließlich knüpfte die 68er Identitäten. Die Kritik richteten sich statt gegen die
StudentInnenenbewegung an den Freudomarxismus Kleinfamilie, die Schule oder die Monogamie nun
an und versuchte, durch die Gründung von gegen die Zwangsjacken von geschlechtlichen
Kommunen und Kinderläden die Sexualität zu be- Identitäten.
freien. Nach dem offensichtlichen Scheitern der
Kommune-Versuche und der feministischen Kritik Dieser Artikel soll linke Theorien über Sex und
an den „bürgerlichen Schwänzen der sozialistischen sexuelle Befreiung wieder ins Gedächtnis rufen, um

Ist Sex subversiv? Paul Pop


grundrisse_20_2006 seite_33
eine Kritik zu entwickeln. In diesem Rahmen wer- Arbeiterklasse“ macht sich Kollontai Gedanken, wie
den nur einige Theoretiker und Theoretikerinnen gleichberechtigte sexuelle Beziehung zwischen
ausgesucht. Der Anspruch ist weder eine Bewe- Männer und Frauen aussehen können, die weder
gungsgeschichte zu schreiben noch komplexe von wirtschaftlichen noch von emotionalen
Theorien wie z.B. von Freud oder Foucault in ihrer Abhängigkeiten geprägt sind. Sie entwirft das Ideal
Gesamtheit darzustellen. Der erste Teil des Artikels einer neuen ledigen Frau, die sich weder vom Staat
untersucht die Grundthesen von Alexandra noch von ihren Beziehungen und Emotionen ver-
Kollontai, des Freudomarixmus und der kritischen sklaven lässt. Das Ideal der ledigen Frau hatte nach
8 Theorie. Der zweite Teil des Artikels, der in der dem 1.Weltkrieg und dem Bürgerkrieg durchaus ei-
nächsten Ausgabe der „grundrisse“ erscheinen wird, ne gesellschaftliche Grundlage. Auf den russischen
beschäftigt sich mit der Kritik der zweiten Dörfern gab es 1921 8 Millionen mehr Frauen als
Frauenbewegung und den postmodernen Theorien Männer (Kollontai 1975: S. 229). Kollontai hält der
zur Sexualität. Am Ende soll die Frage aufgeworfen bürgerlichen Doppelmoral auch biopolitische und
werden, ob es möglich ist, die Diskurse um sexuelle psychologische Argumente entgegen: „In Wirklich-
Befreiung und die Dekonstruktion von Geschlecht keit kann die Regulierung unseres Lebens durch ei-
und Geschlechterrollen zu verbinden. Birgt die se- ne sexuelle Moral nur zwei Ziele, zwei Zwecke ha-
xuelle Frage noch Sprengstoff um die bürgerliche ben: 1. der Menschheit Gesundheit, eine normal
Gesellschaft grundlegend zu kritisieren? entwickelte Nachkommenschaft zu garantieren, die
geschlechtliche Zuchtwahl im Interesse der Rasse
I. Die Oktoberrevolution und die Theorien von zu unterstützen; 2. zur Verfeinerung der mensch-
Alexandra Kollontai lichen Psyche, zur Bereicherung der Seele, dem
Gefühl der kameradschaftlichen Solidarität, zu einer
Die Oktoberrevolution von 1917 war die höheren Gemeinschaft beizutragen“ (Kollontai
Geburtsstunde des internationalen Parteikom- 1977: S. 52). Die monogame Ehe könne diesen
munismus. Auf sexualpolitischem Gebiet wurden Zweck nicht erfüllen, da sie höchst selten auf Dauer
besonders in den Jahren des „Kriegskommunismus“ Eros stifte und durch die notwendige Ergänzung
(1919-1921) radikale Maßnahmen durchgeführt durch die Institution der Prostitution nicht zur
und Theorien entwickelt. Die Abschaffung der pa- Gesundheit der Bevölkerung beitrage. Kollontai
triarchalen Ehe und die Befreiung der Frau wurden setzt der monogamen Ehe positiv die „erotische
zum Programm erhoben. Als erster Staat der Welt Kameradschaft“ gegenüber, die den/die PartnerIn
legalisierte die Sowjetrepublik die Abtreibung und nicht als Eigentum betrachtet, in der sich aber die
bezahlte den Schwangerschaftsabbruch. Auch das beiden Menschen auch nicht selbst aufgeben müs-
Scheidungsrecht war damals das liberalste der Welt. sen. Auch wenn das Ideal weiterhin die monogame
Die Registrierung der Beziehung wurde von den Verbindung bleibe, so müsse die Gesellschaft ver-
Behörden freigestellt. Scheidung wurde zur schiedene Formen geschlechtlicher Liebesbeziehun-
Privatangelegenheit, die keiner Begründung mehr gen anerkennen (ebenda: S. 65). Die „neue Frau“
bedurfte. Damit wurde die Bevormundung durch kann die Rolle der Mutter auch im Rahmen der neu-
die Kirche und den Staat abgeschafft. Außerdem en Beziehungsformen übernehmen, da der Staat und
wurden uneheliche Kinder ehelichen gleichgestellt seine Erziehungseinrichtungen wie Kinderkrippen,
sowie ein umfassender gesetzlicher Mutter- und Kinderheimstätten oder Mütterheime sie dabei voll
Säuglingsschutz eingeführt. Die Kommunistin unterstützen soll. Die Männer sollen hingegen eine
Alexandra Kollontai, die nach der Oktober- Steuer für einen staatlichen Alimentefond leisten,
revolution für ein halbes Jahr Volkskommissarin für um ledige Mütter zu unterstützen. Diese Forderung
soziale Fürsorge war, entwickelte die am weitesten wurde aber von der Partei abgelehnt. Wie die neuen
gehende Theorie zur Befreiung der Frau und Frauen der russischen Revolution versuchen, sich
Sexualmoral. 1920 gehörte sie zur so genannten im Arbeits- und Liebensleben, in der von Männern
Arbeiteropposition, die versuchte, Formen der und dem Elend des Bürgerkrieges dominierten Welt
Selbstverwaltung in den Betrieben gegen die zu behaupten, hat Kollontai eindrucksvoll in den
Bürokratisierung zu retten. Mitte der 20er Jahre Erzählungen „Die Wege der Liebe“ beschrieben.
ging sie in den diplomatischen Dienst und ihre
Theorien wurden zunehmend von der Partei abge- Ihre Attacken auf die bürgerliche Doppelmoral
lehnt. Erst in den 70er Jahren wurde sie von der in „Die neue Moral und die Arbeiterklasse“ stützt
kommunistischen und feministischen Linken im Kollontai im wesentlich auf die Österreicherin
Westen wieder entdeckt. Grete Meisel-Hess. Von ihr hat sie auch die biopoli-
tische Begründung der Sexualmoral übernommen,
An dieser Stelle sollen die Grundideen von die Anfang des 20.Jahrhunderts auch in der
Kollontai zur sexuellen Befreiung umrissen werden. ArbeiterInnenbewegung nicht selten mit
In ihrer Schrift „Die neue Moral und die „Rassenhygiene“ verbunden wurde. Um Meisel-

Paul Pop Ist Sex subversiv?


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Hess für die Begründung der erotischen Ausbau der Mutterschutzeinrichtungen
Kameradschaft heranzuziehen, muss und anderseits, indem die Funktion der
Kollontai ihre Argumente aus dem Zusam- Mutterschaft und der Frauenarbeit fürs
menhang reißen. Meisel-Hess tritt in ihrem Kollektiv in Übereinstimmung bringen“
Werk „Das Wesen der Geschlechtlichkeit“ (ebenda: S. 209). Die Interessen des sozia-
für das Verbot der Abtreibung ein (Meisel- listischen Staates lassen demnach keine
Hess 1916: S.178) und hetzt seitenlang ge- vollständige Selbstbestimmung der Frauen
gen Prostituierte (ebenda: S.186ff.). Freud über ihren eigenen Körper zu.
spielt bei Kollontai hingegen keine Rolle. 8
Das Programm, das Kollontai hier um-
In ihrer Vorlesung „Die Situation der reißt, könnte man aus heutiger Sicht als ei-
Frau in der gesellschaftlichen Entwicklung“ ne Mischung aus kriegskommunistischer
an der Sverdlov-Universität von 1921 be- Bio-Politik, Arbeitsterror und wirtschaft-
handelt Kollontai die Sexualität und die licher Rationalisierung sehen. Michel
Befreiung der Frau im Rahmen der Foucault hat gezeigt, wie auch in der bür-
Ideologie des „Kriegskommunismus“. In gerlichen Gesellschaft im Westen seit dem
der Einführung der Arbeitspflicht für 19. Jahrhundert Sexualität vom Staat immer
Männer und Frauen sieht sie die bedeu- mehr unter bevölkerungspolitischen, sprich
tendste Tat der Revolution. „Natürlich gibt biopolitischen, und nicht mehr nur unter
es in unserer neuen Gesellschaft auch kei- moralischen Gesichtpunkten betrachtet
nen Platz für weibliche Parasiten – z.B. für wurde. Die eigentliche Radikalität der
wohlgenährte Mätressen, die sich von ihren Theorie Kollontais liegt darin, dass sie die
Männern oder Liebhabern aushalten lassen weibliche Sexualität sowie die Bedürfnisse
oder für berufsmäßige Prostituierte – denn und Leidenschaft der Frauen in die Debatte
bei uns gilt: „Wer nicht arbeitet will, soll einbrachte. Die „erotische Kameradschaft“
auch nicht essen“ (Kollontai 1975: S. 170). als gleichberechtigte Beziehung zwischen
Mit einem eigenem Arbeitsbuch und einer Frau und Mann entsteht nicht automatisch
eigenen Bezugskarte stehe die Frau nun auf durch die Lösung des „Hauptwider-
eigenen Füssen. Frauen, die der Arbeits- spruchs“, sondern bedarf eines langwieri-
pflicht nicht nachkommen, würden zur gen Kampfes um die Veränderung des
Zwangsarbeit verurteilt werden (ebenda: S. Menschen, der auch von den Frauen und
225). Die Vorstellungen der Militarisierung Männern als Subjekte in ihnen selbst ausge-
der Arbeit waren damals in der Partei weit tragen werden muss, so Kollontai. Frauen
verbreitet. Die Einführung einer Arbeits- werden von ihr nicht mehr nur als Objekte
armee wurde keinesfalls nur als Übergangs- patriarchaler Herrschaft betrachtet, son-
maßnahme gesehen. dern als Subjekte ihrer eigenen Sexualität.
Mit dieser Sichtweise war Kollontai ihrer
Der Staat soll laut Kollontai die Frauen Zeit weit voraus, auch wenn die sexuelle
durch die Vergesellschaftung der Haus- Selbstbefreiung der weiblichen Subjekte in
arbeit von „unproduktiver Arbeit“ wie ihrem Konzept schließlich durch die bevöl-
Kochen und Kinderbetreuung befreien und kerungspolitischen Interessen des soziali-
so eine Doppelbelastung verhindern (eben- stischen Staates und dessen Arbeitsregime
da: S. 176). Durch Volksküchen werden begrenzt wird.
Ehe und Küche von einander getrennt und
kollektive Wohnformen sollten langfristig Ihre radikale Kritik an der bürgerlichen
die Familie ersetzen. Die Ehe verliere so Sexualmoral und der Kleinfamilie wurde
immer mehr an Bedeutung. Die Frau, die so von vielen männlichen Parteigenossen nicht
aus der ökonomischen und sexuellen geteilt. 1920 nahm Lenin in seinem
Abhängigkeit vom Mann befreit werden Gespräch mit der deutschen Kommunistin
soll, hat aber weiterhin die Mutterschaft als Clara Zetkin gegen die Theorien zur se-
soziale Verpflichtung gegenüber dem sozia- xuellen Befreiung Stellung. Laut Lenin soll-
listischen Staat. Die Legalisierung der te die Jugend ihre Energie auf die
Abtreibung begründet Kollontai mit den Revolution konzentrieren. Indirekt macht
schlechten wirtschaftlichen und sozialen er Kollontai dafür verantwortlich, dass die
Bedingungen im Bürgerkrieg. „Anderseits Jugend durch die „Glas-Wasser-Theorie“
ist es aber gleichzeitig unsere Aufgabe, den ganz wild geworden sei. Lenin sagte: „Die
natürlichen Mutterinstinkt der Frauen zu berühmte Glaswassertheorie halte ich für
stärken und zwar einerseits durch den vollständig unmarxistisch und obendrein

Ist Sex subversiv? Paul Pop


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für unsozial (…). Durst will befriedigt sein. Aber linke Theoriebildung wichtig waren und sind. Es
wird sich der normale Mensch unter normalen wird gezeigt wie Wilhelm Reich zentrale Thesen
Bedingungen in den Straßenkot legen und aus einer Freuds übernahm, um daraus die Theorie des
Pfütze trinken? Oder auch nur aus einem Glas, des- Freudomarxismus zu entwerfen. Eine Auseinander-
sen Rand fettig von vielen Lippen ist?“. Kollontai setzung mit dem Gesamtwerk von Freud kann an
hatte nie eine explizierte „Glas-Wasser-Theorie“ dieser Stelle nicht erfolgen.
aufgestellt. Der Begriff wurde eher von ihren
Gegnern benutzt. Sie schrieb nur: „The sexual act Die Erlernung der Heterosexualität und
8 should be recognized as neither shameful nor sinful, Penisorientierung
but natural and legal, as a manifestation of a healthy
organism as the quenching of hunger or thirst“ (zit. In „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ von
nach Goldman 1993 : S.7). 1905 teilt Freud die Phasen der kindlichen Sexualität
in oral, anal und phallisch ein. Die kindliche Lust am
Lenin setzte auf gesunde Körper durch Sport Saugen, das Spiel mit Exkrementen oder das Zeigen
statt auf sexuelle Befreiung: „Zumal die Jugend der Geschlechtsteile werden von der ErzieherIn
braucht Lebensfreude und Lebenskraft. Ein gesun- unterdrückt und versucht, dem Kind ein Gefühl von
der Sport, Turnen, Schwimmen, Wandern, Leibes- Scham anzutrainieren. Freud glaubt, dass sowohl die
übungen jeder Art, Vielseitigkeit der geistigen nicht zentrierte und objektlose Autoerotik des
Interessen. Lernen, Studieren, Untersuchen, soviel Jungen als auch die des Mädchens phallischen
als möglich gemeinsam! Das alles wird der Jugend Charakter haben. Der Junge wird nach Freud da-
mehr geben als die ewigen Vorträge und Dis- durch zum Mann, dass er seine Lustgefühle mit der
kussionen über sexuelle Probleme und das so ge- Pubertät auf den Penis zentriert. Er muss die
nannte Ausleben. Gesunder Körper, gesunder Leistung vollbringen, die Fixierung auf die Mutter
Geist!“ (Zetkin 1925). Damit war das Urteil gespro- zu überwinden und in anderen Frauen Ersatz zu su-
chen. Die kleinbürgerlichen Anstands-Wauwaus hat- chen. Die Frau muss die leitende Zone der
ten in der Partei gesiegt. Seit Mitte der 20er Jahren Sexualbestätigung wechseln, in dem sie die
wurde das Ziel, die Familie aufzulösen wieder aufge- Reizbarkeit von ihrem Phallus, der Klitoris, auf den
geben. Der Staat war außerdem nicht in der Lage, Scheideneingang verlegt. Auf Grund der Anfor-
flächendeckend Volksküchen, Kinderkrippen oder derung dieses Objektwechsels von der Klitoris auf
Kollektivwohnungen einzurichten. Die freiere die Vagina würden Frauen eher zu Neurosen neigen
Sexualität und die „erotische Kameradschaft“ wur- als Männer (Freud 1999: S.121). In „Über die weib-
den auch häufig zur Legitimation von Männern ge- liche Sexualität“ behauptet Freud sogar, dass die
nutzt, um ihre sexuellen Ansprüche durchzusetzen menschliche Veranlagung zur Bisexualität bei
und keine Verantwortung für Kinder zu überneh- Frauen stärker hervortreten würde, weil sie im
men (siehe Monika Israel, Nachwort zu Kollontai Unterschied zum Mann mit Vagina und Klitoris ein
1977: S. 143). Es sollte bis zur 68er Studenten- weibliches und männliches Sexualorgan besitzen
bewegung dauern, bis die Gedanken von Alexandra würden (Freud 1998: S.194).
Kollontai wieder an Bedeutung gewannen.
Das Kind – sowohl der Junge als auch das
II. Freud: Der Ausgangspunkt für Mädchen – ist zunächst autoerotisch und sucht sich
Freudomarxismus und die Kritische Theorie zuerst in der Mutter ein Objekt seiner Liebe. Freud
lehnt es daher ab, die Homosexuellen als besonders
Neben der Oktoberrevolution war die Psycho- geartete Gruppe von den „normalen“ Menschen ab-
analyse ein wichtiger Anknüpfungspunkt der linken zutrennen. „Im Sinne der Psychoanalyse ist also auch
Theoriebildung zur Sexualität. Wer sich mit das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes für
Sexualität und sexueller Befreiung befasst, kommt das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem
an Sigmund Freud nicht vorbei. Viele linke Diskurse und keine Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde
entwickelten ihre Position durch die Auseinander- chemische Anziehung zu unterlegen ist. Die
setzung mit Freud, egal ob Reich, Marcuse, Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten
Foucault oder Judith Butler. Begriffe wie Libido, fällt erst nach der Pubertät und ist das Ereignis einer
Neurose, Ödipus-Komplex, anale Phase oder noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren, die
Narzissmus wurden Alltagsbegriffe der rebellieren- teils konstitutioneller, teils akzidenteller Natur sind“
den 68er. Während die feministischen Diskussionen (Freud 1999: S.48), schreibt er in einer Fußnote.
in den 80er Jahren Freud eher als patriarchalen Bisexualität ist in jedem Menschen angelegt und die
Frauenfeind verteufelten, nutzt ihn Butler, um die Fixierung auf das andere Geschlecht ist eine
„Natürlichkeit“ der heterosexuellen Matrix in Frage Leistung, die erst einmal vollbracht werden muss.
zu stellen. An dieser Stelle sollen nur einige zentra- Freud sieht darin allerdings nichts negatives, son-
le Gedanken Freuds dargestellt werden, die für die dern eine Voraussetzung für gesunde Sexualität.

Paul Pop Ist Sex subversiv?


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Auch Butler ist es aufgefallen, dass Freud die noch daran festhält. Warum muss das normale
Natürlichkeit der Heterosexualität in Frage stellt. Sexualziel der männliche Orgasmus in der Vagina
Für die Herausbildung der Geschlechtsidentität sei sein? Weil es die Aufgabe der Pubertät ist, den
für Freud die Verinnerlichung des Liebesverlusts Sexualtrieb in den Dienst der Fortpflanzung zu stel-
durch das Inzesttabu wichtig gewesen. Der Junge, len und die kindlichen Formen der Sexualität zu
der durch dieses Tabu seine Mutter als Liebesobjekt überwinden, glaubt Freud (Freud 1999: S.108).
verliert, verinnerliche den Verlust entweder durch Stellt man Sex nicht unter das Primat der Fort-
die Identifizierung mit ihr oder er verschiebt seine pflanzung, kann man den Begriff der Perversion auf
heterosexuelle Zuneigung auf den Vater und verstär- Grundlage von Freuds Argumentation auch ganz 8
ke damit seine Männlichkeit (Butler 2003: S.96). fallen lassen.

Sicher wäre es zu einseitig, Freud nur durch die Kritik an Sexualunterdrückung und Monogamie:
Brille der gender-Konstruktion zu lesen. Neben der Die neurotische Gesellschaft
Erlernung von Heterosexualität sieht er aber auch
natürliche Faktoren, die die Bisexualität in jedem Erst nach der Erfahrung des 1.Weltkrieges und
Menschen anlegen würden. Jeder Mensch würde mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus versucht
auch biologische Züge des anderen Geschlechts in Freud seine Theorie der Psychoanalyse zu einer
sich aufweisen wie Aktivität und Passivität (Freud: Gesellschaftstheorie auszubauen. Vor dem Hinter-
S.120). Freud hielt Frauen für sexuell passiver und grund des Massenschlachtens des 1. Weltkrieges
kühler. Dies führte er sowohl auf die strengeren ge- sieht Freud den Kampf zwischen dem Todestrieb
sellschaftlichen Moralvorgaben als auch auf die des Menschen, den er neu entdeckt hatte, und dem
Natur der Frauen zurück. In seinen Ausführungen Eros als Motor der Kulturentwicklung an (Freud
zur weiblichen Sexualität fanden FeministInnen 2000: S.85). In „Unbehagen in der Kultur“ von 1930
deshalb genug Beleg für die These von der sieht Freud in der Kultur ein System, dass die
Psychoanalyse als Theorie des Patriarchats. Menschen geschaffen haben, um die Triebe im
Zaum zu halten. Hier spielt vor allem das
Die Relativierung von Perversion und Normalität Inzestverbot eine zentrale Rolle. Die Kultur lege
den Menschen nicht nur bei der Sexualität, sondern
Zumindest in „Drei Abhandlungen zur Sexual- auch bei ihren Aggressionstrieben große Opfer auf.
theorie“ befreit Freud den Begriff der Perversion Daraus resultiere eine gewisse Glücklosigkeit, die
von der moralischen Verurteilung.1 Vorstellungen der Preis für die Sicherheit wäre (ebenda: S.79).
von Ekel sind gesellschaftlich geschaffen. Die Menschen müssten daher ihre Triebe sublimieren
These, dass Analsex ekelhaft sei, weil man mit dem und in höhere psychische Tätigkeiten wie wissen-
Arsch auch scheißt, hält Freud für genauso wenig schaftliche oder künstlerische Tätigkeiten umleiten
stichhaltig, „wie etwa die Begründung, welche hy- (ebenda: S.63). Frauen, die an Kinder und Haus ge-
sterische Mädchen für ihren Ekel vor dem männ- bunden wären, könnten ihre Triebe schlechter sub-
lichen Genitale abgeben: es diene der Harnent- limieren und würden daher stärker zu Neurosen
leerung (Freud 1999: S.55). „Perversionen“ wie neigen.
Sadismus, Masochismus, Analerotik oder Fetisch-
kult sind für Freud durch die orale, anale und phal- Freud weiß um die Last, die das Über-Ich einer
lische Phase der kindlichen Sexualität potentiell in Kulturepoche den Menschen auferlegt. Freud kriti-
jedem Menschen angelegt. „Bei keinem Gesunden siert offen die monogame Ehe in „Die ‚kulturelle’
dürfte irgendein pervers zu nennender Zusatz zum Sexualmoral und die moderne Nervosität“ von
normalen Sexualziel fehlen, und diese Allgemeinheit 1908. Nach drei, vier oder fünf Jahren würde sie ver-
genügt für sich allein, um die Unzweckmäßigkeit sagen, die sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen.
einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens Sexuelle Freiheiten darüber hinaus würden nur
Perversion darzutun“ (Freud 1999: S.63). Fast alle widerwillig eingeräumt: „die für den Mann in unse-
Sexualpraktiken sind für Freud also gesund, wenn rer Gesellschaft geltende ‚doppelte’ Sexualmoral ist
sie mit dem normalen Ziel, der Entladung des Penis das beste Eingeständnis, dass die Gesellschaft selbst,
in der Vagina enden. Ein krankhaftes Symptom ist welche die Vorschriften erlassen hat, nicht an deren
erst die Ausschließlichkeit und Fixierung auf eine Durchführbarkeit glaubt (...). Das Heilmittel gegen
Praktik (ebenda: S.64). Ein Mann wäre danach nicht die aus der Ehe entspringende Nervosität wäre viel-
pervers, wenn er an den Lederstiefeln seiner Frau mehr die eheliche Untreue; je strenger eine Frau er-
leckt, sondern erst, wenn er durch nichts mehr an- zogen ist (...) desto mehr fürchtet sie aber diesen
deres Lust empfinden kann. Ausweg, und im Konflikte zwischen ihren
Begierden und ihrem Pflichtgefühl sucht sie ihre
Freud weicht den Begriff der Perversion soweit Zuflucht wiederum – in der Neurose. Nichts ande-
auf, dass sich die Frage stellt, warum er überhaupt res schützt ihre Tugend so sicher wie die Krankheit“

Ist Sex subversiv? Paul Pop


grundrisse_20_2006 seite_37
(ebenda: S.124). Freud war seiner Zeit weit voraus, Freud die Notwendigkeit der Einschränkung des
indem er die Doppelmoral angriff und Frauen zum Sexualtriebes damit, dass sonst „alle Dämme bre-
„Fremdgehen“ ermunterte. „Es braucht nicht gesagt chen und das mühsam errichtete Werk der Kultur
zu werden, dass eine Kultur, welche eine so große hinwegschwemmen“ würde. Da in der Gesellschaft
Zahl von Teilnehmern unbefriedigt lässt und zur ein Mangel herrsche, muss sie die Anzahl ihrer
Ablehnung treibt, weder Aussicht hat, sich dauernd Mitglieder beschränken und ihre Energien von der
zu erhalten, noch es verdient.“, schreibt er in „Die Sexualbetätigung auf die Arbeit lenken (Freud
Zukunft einer Illusion“ (Freud 1967: S.92). 1999b: S.298). Was ist, wenn dieser Mangel nicht
8 mehr besteht? Freud konnte sich eine Gesellschaft,
Freud ahnt 1930 die Tragweite seiner Theorie. in der jeder nach seinen Bedürfnissen und
„Wenn die Kulturentwicklung so weitgehende Ähn- Fähigkeiten lebt, nicht vorstellen.
lichkeit mit der des Einzelnen hat und auch mit den
selben Mitteln arbeitet, soll man nicht zur Diagnose Er war sich jedoch im Klaren darüber, dass nicht
berechtigt sein, dass manche Kulturen – oder Kultur- jede Form der Arbeit zur Triebsublimierung geeig-
epochen – möglicherweise die ganze Menschheit – net ist. Lustgewinn hätten vor allem Künstler am
unter dem Einfluss der Kulturbestrebungen ‚neuro- Schaffen von Phantasiegebilden oder Forscher beim
tisch’ geworden sind? (Freud 2000: S.106). Einen sol- Erkennen der Wahrheit. „Besondere Befriedung ver-
chen Ansatz hält Freud nicht für unsinnig, warnt aber mittelt die Berufstätigkeit, wenn sie eine frei ge-
zu Vorsicht, Begriffe aus ihren Sphären zu reißen. Die wählte ist, also bestehende Neigungen, fortgeführte
Einzelneurose diene als Kontrast zur „normalen“ oder konstitutionell verstärkte Triebregungen durch
Umgebung. Eine solche Gegenüberstellung entfiele Sublimierung nutzbar zu machen gestattet (...). Die
bei einer gleichartigen Masse. „Trotz aller dieser große Anzahl der Menschen arbeitet nur notge-
Erschwerungen darf man erwarten, dass jemand eines drungen und aus dieser natürlichen der Menschen
Tages das Wagnis einer solchen Pathologie der kultu- leiten sich die schwierigsten sozialen Probleme ab“
rellen Gemeinschaften unternehmen wird“ (ebenda: (Freud 2000: S.46f.). Freud räumt also indirekt ein,
S.107). Die FreudomarxistInnen konnten genau an dass nur Tätigkeiten, die nicht dem Zwang der ent-
dieser Stelle anknüpfen, indem sie die bürgerliche fremdeten Arbeit unterstehen, Triebe sublimieren
Gesellschaft als krank und neurotisch kritisierten und können. In „Über die allgemeinsten Erniedrigungen
die sexuelle Befreiung durch den Kommunismus als des Liebenslebens“ von 1912 führt Freud ein weite-
Heilmittel verschrieben. res Argument gegen die Befreiung der Triebe an.
Die Libido könne nur in die Höhe treiben, wenn sie
Zweifel an Möglichkeit einer sexuellen Befreiung auf natürliche Widerstände treffe. In Zeiten, in de-
nen die Liebesbefriedigung keine Schwierigkeiten
So sehr Freud auch die repressive Sexualmoral fand, wie während des Niederganges der antiken
seiner Zeit angreift, die Idee, die Triebe völlig von Kultur, sei die Liebe wertlos geworden (Freud 1998:
der Kultur zu befreien, hält er für gefährlich. Nur an S.112). Menschen, die von der Lust nicht wieder
wenigen Stellen setzte sich Freud mit dem fort kamen, brächten keine weiteren Fortschritte
Marxismus und den Sexualreformen in der Sowjet- zustande (ebenda: S.114).
union der 20er Jahre auseinander. Er gab zu, selbst
sich nie gründlich mit dem Thema beschäftigt zu III. Freudomarxismus: Die menschliche Natur ge-
haben. Freud merkte aber an, dass er den gen die bürgerliche Gesellschaft mobilisieren
KommunistInnen nicht zustimmen könne, dass mit
der Aufhebung des Privateigentums die Aggression Als die revolutionären Linken 1968 sexuelle
und Feindseligkeit unter den Menschen verschwin- Befreiung, anti-autoritäre Erziehung und Kinder-
de. Damit sei der Aggression nicht ihr stärkstes läden propagierten, knüpften sie dabei häufig an die
Werkzeug entzogen. „Räumt man das persönliche Theorien von Wilhelm Reich an. Reich hatte in den
Anrecht dinglicher Güter weg, so bleibt noch das 20er Jahren versucht, Marxismus und Psycho-
Vorrecht aus sexuellen Beziehungen, das die Quelle analyse zu einem revolutionären sexualpolitischen
der stärksten Missgunst und der heftigsten Programm zu vereinigen. 1934 wurde er aus der
Feindschaft unter den sonst gleichgestellten KPD und der Internationen Psychoanalytischen
Menschen werden muss. Hebt man auch diese auf Vereinigung ausgeschlossen. Nach seiner Emi-
durch die völlige Befreiung des Sexuallebens, besei- gration in die USA starb er 1957 im Gefängnis.
tigt also die Familie, die Keimzelle der Kultur, so
lässt sich zwar nicht voraussehen, welche neuen Sexualunterdrückung als Grundlage autoritärer
Wege die Kulturentwicklung einschlagen kann, aber Herrschaft
eines darf man erwarten, dass der unzerstörbare Zug
der menschlichen Natur ihr auch dorthin folgen In seiner berühmtesten Schrift „Die Massen-
wird“ (ebenda: S.78). In einer Vorlesung begründet psychologie des Faschismus“ von 1934 stellt Reich

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die Frage, wie es zu der Schere zwischen der objek- Befreiung eintritt, können die Massen vom Einfluss
tiven revolutionären Situation in der Weltwirt- der Reaktion gelöst werden. „Die Faschisten kön-
schaftskrise von 1929 und dem reaktionären nen die mystisch und autoritär verseuchten Massen
Bewusstsein der Masse der Bevölkerung – auch lange täuschen, indem sie vorgeben, das Recht der
Teilen der ArbeiterInnenklasse – kommen konnte. Arbeit und des Arbeiters zu vertreten. Anders auf
Die Frage, warum sich die Menschen seit sexualökonomischem Gebiet. Niemals kann es der
Jahrtausenden Ausbeutung und Erniedrigung gefal- politischen Reaktion gelingen, der revolutionären
len lassen würden, könne man mit den Theorien von Sexualökonomie ein reaktionäres sexualpolitisches
Marx alleine nicht beantworten (Reich 2005: S.45). Programm entgegenzusetzen, das anders wäre als 8
Seine Begründung für die Anfälligkeit der Massen die restlose Unterdrückung und Verneinung des
für den Nationalsozialismus ist folgende: Die Geschlechtslebens (...)“ (ebenda: S.178).
Unterdrückung der kindlichen Sexualität durch die
Erziehungen führe zu moralischen Hemmung der Sexualunterdrückung und Arbeit
Menschen, die sie gehorsam, autoritätsfürchtig und
ängstlich machen würde. „Die Sexualhemmung ver- Freuds Sublimierungs-These, an der sich auch
ändert den wirtschaftlich unterdrückten Menschen später Marcuse abarbeitet, übernimmt Reich nicht.
strukturell derart, dass er gegen sein materielles Auf dem Deckblatt seiner späteren Bücher steht ge-
Interesse handelt, fühlt und denkt“ (ebenda: S.51). schrieben: „Liebe, Arbeit und Wissen sind die
Keimzelle der Sexualunterdrückung war für Reich Quellen unseres Lebens. Sie sollten es auch beherr-
die patriarchalische Kleinfamilie des Kleinbürger- schen.“ Reich erklärte die Unterdrückung der
tums und die Kirche. Die Hilflosigkeit des Sexualität nicht mit der Durchsetzung der
Einzelnen zwischen seinen Trieben und der morali- Lohnarbeit in der frühkapitalistischen Gesellschaft,
schen Hemmung hin- und hergerissen zu werden, sondern sah ihren Ursprung im Bürgertum selbst.
führe zur Sehnsucht nach einem Führer. Der „Da die Sexualunterdrückung ursprünglich von den
Mittelstand sei bei den linken Diskussionen um die wirtschaftlichen Interessen des Erbrechts und der
Machtübernahme Hitlers zu kurz gekommen Heirat ausgeht, beginnt sie innerhalb der herrschen-
(ebenda: S.58). Kurzfristig könne das Kleinbürger- den Schichten selbst. Die Keuschheitsmoral gilt am
tum sehr wohl Geschichte machen. schärfsten zunächst für die weiblichen Angehörigen
der herrschenden Schicht“ (Reich 2005: S.100). In
Reich sieht den Nationalsozialismus zwar in er- diesem Punkt vertritt Reich dieselbe Meinung wie
ster Linie als kleinbürgerliche Bewegung, ihm ist später Foucault.
aber auch nicht entgangen, dass Teile der Arbeiter-
Innenklasse den Nationalsozialismus unterstützten. Reich wendet sich gegen die in der Sowjetunion
Da die ArbeiterInnenklasse in industriellen der 30er Jahre vertretene These, dass die Menschen
Großbetrieben beschäftigt und dadurch die patriar- sich sexuell enthalten sollten, um die Arbeits-
chalische Familie geschwächt wurde, glaubte Reich, leistung nicht negativ zu beeinflussen. 1946 ist
dass die ArbeiterInnenklasse sexuell weniger unter- Reich der Ansicht, dass Arbeit und Sexualität der
drückt sei als das Kleinbürgertum. Durch ihre gleichen biopolitischen Energie entstammen (Reich
Verbürgerlichung sei sie aber anfällig für die reak- 2005: S. 263). „Es ist nicht so, dass umso mehr
tionäre Propaganda geworden. „Das kleinbürgerli- Arbeit geleistet wird, je mehr Sexualenergie von der
che Schlafzimmer, das sich der ‚Prolet’ anschafft, Befreiung abgelenkt wird, sondern: Je befriedigen-
sobald er die Möglichkeit dazu hat, auch wenn er der das Geschlechtsleben ist, desto voller und freu-
sonst revolutionär gesinnt ist, die dazugehörige diger ist auch die Arbeitsleistung, wenn alle äußeren
Unterdrückung der Frau, auch wenn er Kommunist Bedingungen erfüllt sind“ (ebenda: S.264).
ist, die ‚anständige’ Kleidung am Sonntag, steife
Tanzformen und tausend andere ‚Kleinigkeiten’ ha- Zu Reichs Verteidigung muss gesagt werden,
ben bei chronischer Wirkung unvergleichlich mehr dass er nicht die sexuelle Befriedung für alle forder-
reaktionären Einfluss, als Tausende von revolutionä- te, um willige kapitalistische LohnarbeiterInnen zu
ren Versammlungsreden und Flugzettel gutmachen schaffen. In den 40er Jahre hat Reich die „natürliche
können (...). Es war ein schwerer Fehler, dass man Arbeitsdemokratie“ entdeckt, die ein natürliches
den konservativen Tendenzen der Arbeiterschaft Bedürfnis des Menschen sei. Die Arbeitsbedin-
Rechnung trug, indem man ‚um an die Massen her- gungen müssten verbessert und umgestaltet wer-
anzukommen’, Feste veranstaltete, die der reaktio- den, damit dieses Bedürfnis voll zur Geltung kom-
näre Faschismus weit besser traf“ (ebenda: 80). me. Das Beispiel der Sowjetunion zeige, dass staat-
liches Eigentum alleine nicht hinreichend ist für die
An diesem Punkt setzt die Notwendigkeit der Emanzipation der ArbeiterInnen, wenn sie weiter-
Sexualpolitik ein. Nur indem die Partei die Sexual- hin unmündig gehalten und sexuell unterdrückt
unterdrückung anprangert und für die sexuelle würden. „Es ist ein typischer Grundirrtum der

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Sozialisten und Kommunisten gewesen, einen 1966: S.196). Mit dieser Ersetzung der Familie wür-
Wohnungsbau, die Anlage einer Stadtbahn oder die de eine Wiederherstellung der urkommunistischen
Einrichtung einer Schule als ‚sozialistisch’ zu be- Verhältnisse auf höherer, zivilisierter Ebene, so wie
zeichnen. Wohnhäuser, Stadtbahnen und die ein Umschwung von der Sexualverneinung zur
Schulen hängen mit der technischen Entwicklung Sexualbejahung erreicht werden (ebenda: S.201).
der Gesellschaft zusammen, sagen aber nichts darü- Das sozialistische Kollektiv, das anstelle der patriar-
ber aus, ob die betreffenden Menschen Untertanen chalischen Kleinfamilie treten würde, unterscheide
oder freie Arbeitende, rationale oder irrationale sich vom Klan der Urgesellschaft auch dadurch,
8 Menschen sind“ (ebenda: S. 198). dass es sich auf gemeinsamen wirtschaftlichen
Funktionen und nicht auf Blutsverwandtschaft
Sexualunterdrückung führt zur Erstarrung der rus- gründen würde.
sischen Revolution
Die ersten Auflösungserscheinungen der
Für Reich spielt die Auseinandersetzung mit der Familie, die sich im Bürgerkrieg vollzogen, waren
sexualpolitischen Entwicklung in der Sowjetunion laut Reich schmerzhaft und chaotisch, weshalb die
eine wichtige Rolle. Die Schrift „Die sexuelle Revo- bolschewistische Führung sich von der Idee, die
lution“, die unter anderem Titel zum ersten Mal Familie aufzulösen, wieder distanzierte. Reich zieht
1936 erschien, ist eine Kritik an der Sexualreaktion daraus die Lehre, dass nicht nur die wirtschaftliche
in der Sowjetunion, deren Beginn Reich auf Ende und politische Revolution, sondern auch die sexuel-
der 20er Jahre datierte. Reich kritisiert das Verbot le bewusst erfasst und vorwärts gelenkt werden
der Abtreibung und Homosexualität von 1936, die müsse (ebenda: S.221). Dafür sei eine Theorie der
Propagierung der Familie und der Ehre der sexuellen Revolution notwendig. Die Parteiführung
Mutterschaft durch die KPdSU sowie die autoritäre hatte für ihn Mitte der 20er Jahre im Kampf um das
Entwicklung in den Jugendkommunen. „Die Vor- neue Leben kapituliert. Was Reich freilich übersah
aussetzung der totalitär-diktatorischen Entartung war, dass die Stärkung der Familie Mitte der 30er
der Sowjetdemokratie im Jahre 1929 gründet sich Jahre auch von vielen Frauen unterstützt wurde. Da
darauf, dass die sexuelle Revolution der Sowjet- der Staat die flächendeckende Einrichtung von
union nicht nur gebremst, sondern wie absichtlich Kindergärten nicht garantieren könnte, hatten die
unterdrückt worden war. Die Sexualunterdrückung Frauen eine Doppelbelastung zu tragen. Der sowje-
dient nun, wie wir wissen, der Mechanisierung und tische Staat propagierte nicht nur wieder die
Verunselbständigung der Menschenmassen“ (Reich Familie, sondern verschärfte die Gesetze, um die
2005: S. 198). Väter zu Unterhaltszahlungen zu zwingen und sie
an ihre Pflichten gegenüber Frauen und Kindern zu
Besonders positiv bewertet Reich hingegen die erinnern (Goldman 1993: S. 341).
sexuelle Revolution in den ersten Jahren nach der
Oktoberrevolution von 1917. Er lobt besonders das Anfang der 30er Jahre ging die KPdSU zu einer
sehr liberale Scheidungsrecht und die Tendenzen offenen reaktionären Sexualpolitik über. Das
der Auflösung der Familie, die sich im Bürgerkrieg Abtreibungsverbot, das bevölkerungspolitisch mo-
zeigten. Mit der Möglichkeit, die Ehe jeder Zeit auf- tiviert war, kritisiert Reich, da es die Sexualität wie-
zulösen, werden für Reich zumindest gesetzlich der an die Fortpflanzung kettete. Entschieden wen-
Sexualität und wirtschaftliche Abhängigkeit von det sich Reich gegen die Verfolgung von Schwulen.
einander getrennt. Er wies die Theorien zurück, nachdem Homo-
sexualität Grundlage für bürgerliche Dekadenz und
Reich wettert in der Schrift „Die sexuelle Faschismus sei. Trotzdem sah Reich Homosexuali-
Revolution“ immer wieder gegen die „Zwangs- tät als negatives Produkt der Sexualunterdrückung.
familie“. Die familiären Bindungen der Menschen Er fasste seine Argumente gegen den Homo-
würden den revolutionären Prozess hemmen. „Die sexuellenparagraphen wie folgt zusammen: „Die
Ersetzung der patriarchalischen Familienform Homosexualität ist kein soziales Verbrechen, sie
durch das Arbeitskollektiv stellt fraglos den Kern schadet niemand. 2. Sie ist einzig einzuschränken
des revolutionären Kulturproblems dar“ (Reich durch die Herstellung aller Voraussetzungen des na-

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türlichen Liebeslebens der Masse 3. Bis zur Erfül- Reich phantasiert hier immer noch von einer
lung dieses Zieles muss sie als eine der heterose- ArbeiterInnenbewegung, die die sexuelle Revolution
xuellen gleichberechtigte Art der Befriedung gelten leiten und vorantreiben soll. Die KommunistInnen
und (von der Verführung Pueriler abgesehen) straf- hatten Reichs Theorie schon lange verfemt und wa-
frei sein“ (ebenda: S.260). ren nach dem 2.Weltkrieg auf dem Höhepunkt ihrer
Lust-, Sexual- und Homosexuellenfeindlichkeit an-
Auf dem Gebiet der Erziehungspolitik verteidigt gekommen. Von welcher ArbeiterInnenbewegung
Reich die Modellversuche von Wera Schmidt im spricht Reich also? In seinen Äußerungen scheint
Russland der frühren 20er Jahre, die in ihren die autoritäre Herrschaft von Sexual-Gelehrten 8
Kindergärten die kindliche Sexualität nicht unter- durch. Da die Massen selber zu einer „sexuellen
drücken ließ. Reich kritisiert dagegen die scheinre- Umstrukturierung“ nicht fähig sind, müssen sie un-
volutionäre und pastorale Kindererziehung der 30er ter die Führung der SexualwissenschaftlerInnen ge-
Jahre. Da mit der Unterdrückung der kindlichen stellt werden, die darüber entscheiden können, wel-
Sexualität die Formung von krankhaften Unter- che Bücher und Sexpraktiken verboten werden sol-
tanen beginne, fordert Reich: „Die revolutionäre len. Homosexualität ist für Reich keine gesunde se-
Strukturierung des Kindes hat sich der Freilegung xuelle Orientierung, sondern ein Produkt von unna-
seiner biologischen, sexuellen Beweglichkeit zu die- türlichen Männergemeinschaften wie der Armee.
nen“ (ebenda: S.296). Der Staat habe die Aufgabe, Geduldet wird sie nur solange, bis die Massen von
die ErzieherInnen in diesem Sinne zu erziehen. „Die den SexualwissenschaftlerInnenn zu einem befrie-
Erzieher des neuen Geschlechts, Eltern, Pädagogen, digten heterosexuellen Geschlechtsleben befähigt
Staatsleiter, Wirtschaftspolitiker, müssen selber worden sind. Sein sexualpolitisches Programm ist
selbst sexuell gesund sein, ehe sie es zulassen kön- Teil einer von der Partei geführten Revolution. Der
nen, dass man Kinder und Jugendlichen sexualöko- freudomarxistische Sexualwissenschaftler ist in die-
nomisch korrekt erzieht“ (ebenda: S.317). Aus den sem Zusammenhang die Ergänzung zum leninisti-
Erfahrungen der Sowjetunion entwickelte Reich ei- schen Parteikader, der die revolutionäre „Umstruk-
nige konkrete Forderungen (ebenda: S.320ff.): turierung“ der Massen anleitet. Das Versprechen,
dass sich keine StaatsfunktionärInnen in die „Bett-
! Alle Massenorganisationen der Arbeiter- geheimnisse“ einmischen, scheint wenig glaubhaft.
Innenbewegung müssen sexualpolitisch gut ge-
schulte Funktionäre haben. „Nie mehr darf eine Der Kult um die genitale Heterosexualität
siegreiche Arbeiterbewegung es dulden, dass pasto-
rale Sozialisten, ethisierende Intellektuelle, zwangs- Unter Sexualität versteht Reich eine Auf-
kranke Grübler oder sexuell gestörte Frauen über bauenergie des psychischen Apparates (Reich 1966:
die Neuordnung des sexuellen Lebens zu entschei- S.19). Angeboren sei nur ein kleineres oder größe-
den haben.“ res Maß dieser Energie. Die Sexualökonomie, ein
! Sexuelle Angst erzeugende Bücher sollen ver- zentraler Begriff bei Reich, wird von der Beziehung
boten werden. des menschlichen Seelenlebens und der gesellschaft-
! Gesetzlicher Schutz der kindlichen Sexualität. lichen Wirtschaftsordnung bestimmt. Der morali-
! Gründung von Mustererziehungsanstalten für schen Reglementierung in der bürgerlichen Gesell-
kollektive Erziehung. schaft, die zu Neurosen führe, setzt Reich das sexu-
! Das Geschlechtsleben soll keine Privat- alökonomische Prinzip entgegen. Würde die natür-
angelegenheit sein. „Das ist nicht in dem Sinne miß- lichen sexuellen Bedürfnisse befriedigt, fänden z. B.
zuverstehen, als ob dann irgendein Staatsfunktionär Vergewaltigungen nicht mehr statt (ebenda: S.24).
das Recht bekäme, sich in die Bettgeheimnisse von Sexualität ist für Reich bei Männern wie bei Frauen
irgendjemanden einzumischen. Damit ist gemeint, in erster Linie genital und die Möglichkeit zur
dass die Sorge um die sexuelle Umstrukturierung Befriedigung sieht er in der Orgasmusfähigkeit. So
des Menschen, um die Herstellung ihrer sexuellen sehr sich Wilhelm Reich für eine freie Sexualität ein-
Genussfähigkeit nicht der privaten Initiative über- setzt, bekommt der/die LeserIn an manchen Stellen
lassen sein kann (...).“ den Eindruck, dass er die Notwendigkeit der
! Errichtung von zentral organisierten „Freizügigkeit“ mit der Verhinderung von „Per-
Empfängnisverhütungsmittelfabriken versionen“ und Unnormalen begründet: Wenn die
! Der Jugend sollen Notjugendheime zur Ver- Menschen genital befriedigt wären, würden sie kei-
fügung gestellt werden, damit sie genügend Raum ne Sadisten, Homosexuelle oder Vergewaltiger wer-
für ihr eigenes Leben und Sexualität haben. den. Hier liegt wohl die Grundlage für die Parole
! Einbeziehung der weiblichen Jugend in das der Hippies „Make love, not war“ sowie deren
Leben von Heer und Marine, damit man später Versuche, den Krieg der USA gegen Vietnam mit
nicht zu einem Homosexualitätsparagraphen zu- Orgasmusschwierigkeiten der Regierungsvertreter
rückgreifen muss (ebenda: S.323). zu erklären.

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Zwar kritisiert Reich Besitzanspruch und Entladung geht und warum Analsex bei männlichen
Zwangsmonogamie in dauerhaften Beziehungen, er Homosexuellen nicht zur gleichen Befriedigung
wendet sich trotzdem dagegen, wild in der Gegend führen soll? Reichs Konzeption lässt sich ohnehin
herumzuvögeln. „Viele krankhafte Äußerungen im nur aufrechterhalten, wenn den genitalen Trieben
späteren Geschlechtsleben, wie wahllose Partner- der Natur die unnatürliche Unterdrückung der
wahl, sexuelle Unrast, Neigung zu pathologischen Sexualität durch die Gesellschaft entgegengestellt
Ausschweifungen etc. leiten sich gerade aus der wird.
Hemmung der orgastischen Erlebnisfähigkeit ab“
8 (Reich 2005: S.133). Den Sadismus erklärte er als IV. Die kritische Theorie: Liebe und Sex als
Sexualabwehr mit Hilfe nichtgenitaler sexueller Tauschbeziehung in der Warenwelt
Erregungen, die die orgastische Entspannung aus-
lässt. Menschen mit sexuellen Minderwertigkeits- In der Theoriebildung der 68er Student-
gefühlen seien daher für die reaktionäre Propaganda Innenbewegung spielte neben Reich auch die
von Reinheit und Ehre besonders anfällig. Dem Kritische Theorie der Frankfurter Schule eine wich-
Ehre-Begriff der Reaktion setzt Reich positiv den tige Rolle. Jedoch scheinen die Ausführungen zur
genitalen Charakter entgegen: „Der genitale sexuellen Frage weniger beachtet worden zu sein. So
Charakter ist spontan und ehrenhaft, er bedarf kei- erkennt z.B. Adorno schon kurz nach dem
ner unausgesetzten Mahnung“ (ebenda: S.160). 2.Weltkrieg, dass die bürgerliche Gesellschaft Sex
nicht nur einfach unterdrückt, sondern die
In diesem Sinn ist Reich ganz Freudianer, der die Kulturindustrie die Bedürfnisse und Lüste der
genitale Sexualität als einzig gesunde Form von Sex Menschen auch aufgreift, kanalisiert und normt.
für erwachsene Menschen ansieht. Reich verwickelt Die Kritik von Adorno richtet sich weniger gegen
sich vor dem Hintergrund der freudschen Argu- die alten Hauptfeinde Reichs, die Kirche und die
mentation in einen Widerspruch. Für Freud war die kleinbürgerliche Familie, als gegen die Kultur-
genitale Sexualität keinesfalls natürlich, sondern industrie. Fromm und Adorno versuchen, die
kann nur durch die Überwindung der kindlichen Beziehungen in der modernen bürgerlichen
Sexualität in der Pubertät erreicht werden. Genauso Gesellschaft in Zusammenhang mit der Waren-
ist für ihn die Durchsetzung der Heterosexualität produktion zu sehn. Marx hatte im ersten Band des
mit der Überwindung des Ödipuskomplexes ver- „Kapital“ die Ware als die Grundkategorie der kapi-
bunden. Reich wendet sich aber strikt gegen die talistischen Gesellschaft bestimmt und zum Aus-
Unterdrückung der kindlichen Sexualität. Ihre gangspunkt seiner Analyse gemacht. Ein Produkt
Förderung durch die ErzieherInnen könnte das wird zu einer Ware, wenn es für den Markt produ-
Kind revolutionär vorstrukturieren. Wie soll das ziert wird. Eine Ware muss für Jemanden einen kon-
Kind denn heterosexuell und Penis- bzw. Vagina- kreten Gebrauchswert haben, damit sie gekauft
orientiert werden, wenn es nicht bis zur Pubertät wird. Für ProduzentInnen ist aber der Tauschwert
dazu erzogen wird? Reich will genital fixierte entscheidend, da nur Dinge produziert werden, für
heterosexuelle Menschen, aber keine Unter- die man annimmt, eine KäuferIn zu finden. Mit der
drückung der kindlichen Sexualität. Nach Freud Entwicklung des Kapitalismus werden immer mehr
würde aber diese Fixierung scheitern, wenn man den Dinge zu Waren und in den Markt einbezogen.
Kindern in der oralen, analen und phallischen Phase
freien Lauf lassen würde. Freud erklärt Sadismus, Der Tauschwert auf dem Beziehungsmarkt
Masochismus und auch Homosexualität gerade mit
dem Verweilen in kindlichen Sexualphasen und Erich Fromm überträgt in die „Kunst der Liebe“
nicht durch die Unterdrückung der genitalen die Kategorie des Tauschswerts auf die Liebesbezie-
Sexualität als solcher. Freud sieht auch die meisten hungen im Kapitalismus. Auch wenn dieses Buch
„Perversionen“ als normal an, wenn sie in der geni- fast schon in esoterische Lebensberatung um-
talen Sexualität mündeten. Reich scheint hingegen schlägt, so enthält es doch einige wichtige Überle-
viel moralischer damit umzugehen und stellt dem gungen: Jeder Mensch habe einen Marktwert, der
sadistischen Faschisten den genitalen Saubermann sich nach den Vorstellungen von Attraktivität und
gegenüber. netten Eigenschaften bestimmt, die in seinen gesell-
schaftlichen Kreisen gerade gefragt sind. „So verlie-
Marcuse sieht später gerade in der Überwindung ben sich zwei Menschen ineinander, wenn sie das
der genitalen Fixiertheit und der erneuten Eroti- Gefühl haben, das beste Objekt gefunden zu haben,
sierung des ganzen Körpers die Befreiung. Reich das für sie in Anbetracht des eigenen Tauschwertes
bleibt dagegen völlig in seiner Vorstellung der geni- auf dem Markt erschwinglich ist (Fromm 1984:
talen Sexualität behaftet. Manchmal muss sich der S.13). Jeder hofft auf einen fairen Tausch, indem er
LeserIn wirklich fragen, warum Onanie nicht aus- so viele „Liebe“ bekommt wie er auch gibt. Adorno
reicht, wenn es immer nur um die orgastische argumentiert in „Minima Moralia“ ähnlich, wenn er

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seite_42 grundrisse_20_2006
schreibt: „Wenn Casanova eine Frau vorurteilslos Vertrauen geprägt ist. Liebe heißt geben, nicht auf-
nannte, so meinte er, dass keine religiöse Kon- geben. Auch wenn Fromm glaubt, Freud sei im bür-
vention sie daran hindere, sich herzuschenken; heu- gerlichen Wohnzimmer salonfähig geworden, so
te wäre vorurteilslos die Frau, die nicht länger an die fällt er doch weit hinter ihn zurück, wenn er erklärt:
Liebe glaubt, nicht sich übers Ohr hauen lässt, in- „Der Mann wie auch die Frau finden die Einheit in
dem sie mehr investiert, als sie zurückerwarten kann sich selbst nur in Gestalt der Vereinigung ihrer
(Adorno 2003a: S.192). Diese Investitionen sind je weiblichen und männlichen Polarität“ (ebenda:
nach Schicht und Identität unterschiedlich: Vom re- S.44). Fromm ist unfähig, Liebe und Sexualität
gelmäßigen Besuch des Bodybuilding-Studios, außerhalb der heterosexuellen Matrix zu denken, 8
Busenvergrößerung über die psychologische wie man heute sagen würde. Obwohl er aufdeckt,
Auseinandersetzung mit der eigenen Beziehungs- welche Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnisse
unfähigkeit bis zur Kenntnis der neusten Schriften sich hinter dem Begriff Liebe verbergen können,
von Judith Butler. Was Fromm hier Investitionen mystifiziert er die Liebe, die für das heterosexuelle
nennt, sind im Grunde genommen Dinge, die Pierre Paar erlernbar sein soll, und erklärt die von ihm de-
Bourdieu unter symbolisches Kapital fasst. Wer hat finierte wahre Liebe als reales Bedürfnis eines jeden
noch nicht den Satz gehört „Ich habe schon soviel menschlichen Wesens (ebenda: S.146). Unter dem
in diese Beziehung investiert“? Kapitalismus könne aber nur eine Minderheit der
Gesellschaft lieben lernen, deshalb soll die
Fromms und Adornos Aussagen über die Liebe, Gesellschaft so eingerichtet werden, dass der
könnte man auch auf den Sex übertragen. Nach dem Mensch von seiner liebevollen Existenz nicht ge-
Motto „Du bläst mir einen, wenn ich dich lecke“, trennt werde (ebenda: S.145).
wird Sex als der Tausch von Orgasmen angesehen,
bei dem keiner den kürzeren ziehen will. Sex mit Der verwaltete Sex und produzierte Bedürfnisse
Personen, die einen geringen Marktwert bezüglich
der Attraktivität haben, wird als großzügiger Adorno kommt, obwohl er die These von der
Gefallen angesehen, für den der Andere sich dank- Tauschwert-Orientierung der menschlichen Bezie-
bar zeigen sollte. Das Ideal des modernen Paars ist hungen teilt, zu anderen Schlüssen. Für Fromm ist
nach Fromm ein gut funktionierendes Team, das Bedürfnis eine natürliche Kategorie. Adorno glaubt
Alltag und Arbeit meistert und sich gegenseitig se- hingegen, dass die Bedürfnisse vom Apparat der
xuell befriedigt. Natürlich ist der Begriff des Kulturindustrie automatisch mitproduziert würden.
Tauschwert von Fromm mit dem von Marx nicht Es sei daher müßig, zwischen den wahren und fal-
identisch. Fromm meint, dass sich der moderne schen Bedürfnissen der Menschen zu unterschei-
Mensch in eine Ware verwandelt hat, da er seine den. Das macht Adorno sympathischer als Marcuse,
Lebensenergie und Bildung als Investition sieht. Er der sich eine Unterscheidung zwischen den wahren
kennt keinen Grundsatz außer dem freien und falschen Bedürfnissen zu traute und daraus die
Tauschgeschäft und keine andere Befriedung als zu Möglichkeit einer Erziehungsdiktatur durch eine
konsumieren (Fromm 1983: S. 117). Die „Ich- AG“ Avantgarde ableitete.
lässt grüßen. Nach Marx werden im Kapitalismus
nicht die Menschen zur Ware, sondern ihre Anstatt die sexuellen Bedürfnisse der Menschen
Arbeitskraft. Diese Ware unterscheidet sich von an- einfach zu unterdrücken, werden sie in den Apparat
deren, da der/die ArbeiterIn sie nur auf dem Markt der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert. „Die ra-
anbieten kann, wenn sein Lohn sein Überleben gar- tionale Gesellschaft, die auf Beherrschung der inne-
antiert. Trotzdem ist es nicht von der Hand zu wei- ren und äußeren Natur beruht und das diffuse, der
sen, dass der Mechanismus der Warenproduktion Arbeitsmoral und dem herrschaftlichen Prinzip sel-
auch Bereiche beeinflusst, die nicht direkt von der ber abträgliche Lustprinzip bändigt, bedarf nicht
Geld-Ware-Beziehung bestimmt werden. In länger des patriarchalischen Gebots von Ent-
Bereichen der Gesellschaft, die als marktorientiertes haltsamkeit, Jungfräulichkeit, Keuschheit. Sondern
kapitalistisches Unternehmen nicht bestehen könn- der an- und abgestellte, gesteuerte und in unzähli-
ten, wie zum Beispiel die Universitäten in Europa, gen Formen von der materiellen Industrie ausge-
wird nun versucht, Konkurrenz zu simulieren und beutete Sex wird, im Einklang mit seiner Mani-
so zu tun, als ob man ein Unternehmen wäre. pulation, von der Gesellschaft geschluckt, institu-
tionalisiert, verwaltet. Als gezügelter ist er gedul-
Fromm verurteilt die falschen Formen der Liebe det“ (Adorno 2003b: S. 100 f.). Diese Entwicklung
in der bürgerlichen Gesellschaft wie Mutterersatz, verrate die Desexualisierung des Sexes. „Die einge-
Narzissmus, selbst gewählte Infantilisierung und fangene oder mit schmunzelnder Nachsicht zuge-
predigt die Kunst des Liebens zu lernen. Unter lassene Lust ist keine mehr; Psychoanalytiker hätten
Liebe versteht er, die Verschmelzung zwischen es nicht schwer nachzuweisen, dass in dem gesam-
Mann und Frau, die von Fürsorge, Zärtlichkeit und ten monopolistisch kontrollierten und standardi-

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grundrisse_20_2006 seite_43
sierten Sexualbetrieb, mit den Schnittmustern der Freuds kritischer Kulturbegriff, der Kultur als
Filmsstars, Vor- und Ersatzlust die Lust überflügelt Ordnung der Unterdrückung der Triebe definierte,
haben (ebenda: S.101). Sexuelle Freiheit sei deshalb musste den VertreterInnen der Kritischen Theorie
in einer unfreien Gesellschaft nicht denkbar. sympathisch erscheinen, da sie in jedem Forschritt
der Naturbeherrschung auch eine Steigerung der
Problematisch an dieser Vorstellung ist, dass Unterdrückung des Menschen sahen. Freud hatte
Adorno den Apparat der Kulturindustrie als Totalität dargelegt, dass die Kulturentwicklung der Mensch-
und Monopol denkt. Wie auch bei Lenins heit im Grunde auf der sublimierten Energie der
8 Imperialismus-Theorie glauben die Mitglieder der Libido basiere. Marcuse stellt die Frage, ob das
Frankfurter Schule, dass der Kapitalismus der freien Lustprinzip vom Realitätsprinzip, sprich von der
Konkurrenz der Vergangenheit angehöre. Diese von der Außenwelt erzwungenen Modifizierung der
Monopoltheorie übernahmen sie allerdings nicht von Triebe, befreit werden könnte, ohne dass die
Lenin, sondern von ihrem Ökonomen Friedrich Gesellschaft, wie Freud befürchtete, in einen
Pollock. Keiner Herrschaft gelingt es jedoch die Zustand der Barbarei zurückfallen würde.
Gesellschaft und die diversen Bedürfnisse komplett
zu unterwerfen und zu manipulieren. Die bürgerliche Die Herstellung des Primats der genitalen
Gesellschaft hat aber eine ungeheure Integrations- Sexualität ist für Marcuse wie für Freud ein nach-
kraft. Homosexualität, SM oder Transgender können träglicher Prozess, eine späte Leistung des Realitäts-
heute toleriert werden, wenn sie in den geordneten prinzips. Diese repressive Modifikation der
Bahnen und Identitäten stattfinden. Außerdem sagen Sexualität macht den Organismus frei für seine Ver-
uns Adornos Ausführungen, wie auch unsere eigenen wendung von unlustvoller, aber gesellschaftlich
sexuellen Verhaltenmuster von der Kultur- und nützlicher Arbeit (Marcuse 1968: S.28f.). Wenn die
Sexindustrie geprägt sind. entfremdete Arbeit zum Hauptlebensinhalt wird,
ist die ursprüngliche Triebrichtung so gebrochen,
Adorno sieht in der Kategorie Bedürfnis keinen dass die Erhaltung des Organismus und nicht mehr
Ansatzpunkt für die Sprengung des Systems. Auch die Befriedung zum Hauptinhalt wird. Die wach-
wenn die Bedürfnisse vom Apparat gleich mitpro- sende Produktivität der Arbeit wird gespeist von
duziert werden, so räumt Adorno doch ein, dass die der sublimierten Energie der Sexualität. Nun geht
Kulturindustrie ihr einziges Versprechen, zu unter- Marcuse in seiner Argumentation über Freud hin-
halten, nicht einlöse, da sie die Monotonie der aus, indem er behauptet, dass gerade die gesteigerte
Arbeit in der Welt der Freizeit fortsetzen würde. Produktivität der Arbeit die Grundlagen schafft, um
Guy Debord, einer der führenden Theoretiker des das Verhältnis von Arbeit und Genuss sowie
französischen Situationismus, glaubt, dass in der Arbeitszeit und freier Zeit umzukehren. Da in der
„Gesellschaft des Spektakels“ ununterbrochen kapitalistischen Gesellschaft die Genussgüter Waren
Bedürfnisse und Begierden produziert werden, die bleiben, existiert Befriedung nur als Nebenprodukt
nicht befriedigt werden können. Das Spektakel der der unbefriedigenden Arbeit (ebenda: S.29).
Warenproduktion überschwemme die Menschen Marcuse glaubte damals, dass durch die Ent-
mit individuellen Lebensentwürfen und Lebens- wicklung der Produktivkräfte und der Mechani-
stilen. Diese Bedürfnisse können nicht integriert, sierung die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf
sondern nur verdrängt werden. Das Proletariat als ein Minimum reduziert werden könnte. Er kritisier-
Verkörperung dieser angestauten Kräfte sieht te traditionelle Sozialismus-Vorstellungen, die nur
Debord als Totengräber des Kapitalismus. Adorno die Steigerung der Produktivität der Arbeit ins
glaubt hingegen nicht an die revolutionäre Rolle des Augen fassen würden und knüpfte dagegen an
Proletariats. Die Kulturindustrie hat die Bedürfnisse Fourier an, der glaubte, dass in einer befreiten
der Menschen normiert. Ein Entrinnen scheint es Gesellschaft die Arbeit zum Spiel werden könne, die
nicht zu geben. im Einklang mit den Bedürfnissen der Menschen
steht (ebenda: S.77).
Marcuse: Lustprinzip und Utopie
Fällt der Mangel, den Freud als einen Grund für
Herbert Marcuse knüpft 1955 in seinem Werk die Unterdrückung der sexuellen Triebe nannte, und
„Triebstruktur und Gesellschaft“ an Freuds späte die entfremdete Arbeit weg, so könne der Körper
Triebtheorie und „Unbehangen in der Kultur“ an. von einem Instrument der Arbeit in ein Instrument
Diese Schrift, die auch mit „Eros und Zivilisation“ der Lust verwandelt werden, so Marcuse. „Der
übersetzt wurde, hatte einen großen Einfluss auf die Körper, der nicht mehr ganztätig als Arbeitsin-
68er Studentenbewegung in Deutschland. Marcuse strument zur Verfügung stehen müsste, würde rese-
war der einzige Vertreter der Frankfurter Schule, der xualisiert. Die mit dieser Ausbreitung der Libido
die Bewegung der StudentInnen und Befreiungs- verbundene Regression würde sich als erstes in einer
bewegungen in der 3.Welt offensiv unterstützte. Reaktivierung aller erogenen Zonen und damit in ei-

Paul Pop Ist Sex subversiv?


seite_44 grundrisse_20_2006
nem Wiederaufleben der prägenitalen polymorphen Bei Marcuse löst sich alles etwas zu leicht in
Sexualität und in der Abnahme des genitalen Wohlgefallen auf. Die Resexualisierung des Körpers
Supremats manifestieren. Der Körper in seiner und das Absorbieren des Todestriebs leitet er aus
Gesamtheit würde ein Objekt der Besetzung, ein den Veränderungen der Produktion ab, die die
Ding, dessen man sich erfreuen kann – ein Arbeit auf ein Minimum reduzieren sollen. Seine
Instrument der Lust. Diese Veränderung im Wert Angriffe auf die „unlustvolle Lohnarbeit“ sind heu-
und im Ausmaß der libidinösen Beziehungen würde te wieder aktuell vor dem Hintergrund der Kritik
zu einer Auflösung der Institutionen führen, in de- am Arbeitsfetisch durch den wertkritischen
nen die privaten menschlichen Beziehungen organi- Marxismus und der Fragestellung der Dominanz 8
siert waren, besonders der monogamen und patriar- der Lohnarbeit in den Grundeinkommensdebatten.
chalischen Familien“ (Marcuse 1979: S.173). Schon früh erkannte Marcuse, dass der „Real-
Marcuse lässt hier die Möglichkeit von Beziehungen sozialismus“ unter den Stichworten „Rationalität“
jenseits der monogamen Ehe aufblitzen, ohne dies und „Effektivität“ dem Kapitalismus nacheiferte
allerdings näher auszuführen. („ein- und überholen“), anstatt die Arbeit emanzi-
patorisch zu organisieren. Ich glaube hingegen
Im Unterschied zu Wilhelm Reich verwirft nicht, dass der ganze Körper quasi automatisch re-
Marcuse Freuds Idee des Todestriebs nicht. Die sexualisiert wird mit der Veränderung der
Ursachen liegen vielleicht in den Erfahrung von Produktion. Sexualität wird auch durch Diskurse
Nationalsozialismus, 2. Weltkrieg und der atomaren und die „Kulturindustrie“ produziert. Die genitale
Bedrohung des „Kalten Krieges“. Wenn die gezähm- Fixierung kann nicht allein mit der Abrichtung des
te genitale Sexualität in einer ganzkörperlichen Menschen zur unlustvollen Arbeit erklärt werden.
Erotik aufgeht und unbefriedigende entfremdete Im Extremfall könnte Marcuses Theorie zu einer
Arbeit zum Spiel wird, was passiert dann mit dem Unterscheidung zwischen guter (ganzheitlicher)
Todestrieb, muss sich Marcuse natürlich fragen. Der und schlechter (genitaler) Lust führen, wie auch
Todestrieb ist laut Marcuse an das Nirwana-Prinzip später bei einigen Feministinnen. Die Frage ist, ob
gebunden, dass einen schmerzlosen Zustand vor der diese Unterscheidung nicht Lust, Begierde und
Geburt anstrebt. Deshalb treibt der Todestrieb zur Spaß am Sex einschränken und die Individuen zu
Vernichtung des Lebens. „Ist das Ziel des Todestriebs neuen „moralischen“ Abwägungen zwingen würde.
nicht die Beendigung des Lebens, sondern die
Beendigung des Leidens – das Fehlen von Spannung
– dann ist, paradoxerweise, im Sinne des Triebs der In der nächsten Nummer der „grundrisse“ wird
Konflikt zwischen Leben und Tod umso geringer, je dargestellt, wie sich der Feminismus, der Post-
mehr sich das Leben dem Zustand der Befriedigung strukturalismus und die Gender-Dekonstruktion kri-
nähert. Gleichzeitig würde Eros, befreit von der zu- tisch mit den Theorien zur sexuellen Befreiung ausein-
sätzlichen Unterdrückung, erstarken und als solcher andergesetzt haben und zu welchen Paradigma-
die Ziele des Todestriebs absorbieren (ebenda: S.200). wechseln diese Debatten geführt haben.

Anmerkung und Literatur: University Press, New York.


Kollontai, Alexandra im Internet: http://www.marxists.org/archi-
1 In seiner öffentlichen Vorlesung geht er mit dem Begriff hingegen ve/kollonta/index.htm (Stand 20.10.2006)
sehr moralisch um (Freud 1999b XX.Vorlesung). Kollontai, Alexandra (1975): Die Situation der Frau in der gesell-
schaftlichen Entwicklung – Vierzehn Vorlesungen vor
Adorno, Theodor W. (2003a): Minima Moralia, Suhrkamp, Frankfurt Arbeiterinnen und Bäuerinnen an der Sverdlov-Universität 1921,
(M). Verlag Neue Kritik, Fulda.
Adorno, Theodor W. (2003b): Eingriffe – Neun kritische Modelle, Kollontai, Alexandra (1977): Die neue Moral und die Arbeiterklasse,
Suhrkamp, Frankfurt (M). Verlag Frauenpolitik, Münster.
Freud, Sigmund (2000): Der Unbehagen in der Kultur und andere Kollontai, Alexandra (1988): Wege der Liebe – Drei Erzählungen,
kulturtheoretische Schriften, Fischer, Frankfurt (M) Fischer, Frankfurt (M).
Freud, Sigmund (1998): Schriften über Liebe und Sexualität, Fischer, Marcuse, Herbert (1968): Psychoanalyse und Politik, EVA, Frankfurt
Frankfurt (M). Marcuse, Herbert (1979): Triebstruktur und Gesellschaft – Ein
Freud, Sigmund (1999): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, philosophischer Beitrag zu Sigmund Freud, Suhrkamp Verlag,
Fischer, Frankfurt (M). Frankfurt (M).
Freud, Sigmund (1999b): Vorlesungen zur Einführung in die Meisel-Hess, Grete (1917): Das Wesen der Geschlechtlichkeit,
Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt (M) Eugen Diederichs, Jena.
Freud, Sigmund (1991): Neue Folge der Vorlesung zur Einführung in Reich, Wilhelm (2005): Die Massenpsychologie des Faschismus,
die Psychoanalyse, Fischer, Frankfurt (M). Marix Verlag, Wiesbaden (überarbeitete Ausgabe 1946).
Freud, Sigmund (1967) Massenpsychologie und Ich-Analyse / Die Reich, Wilhelm (1966): Die sexuelle Revolution – Zur charakter-
Zukunft einer Illusion, Fischer Verlag, Frankfurt (M). lichen Selbststeuerung des Menschen, Europäische Verlagsanstalt,
Fromm, Erich (1983): Die Kunst des Liebes, Ullstein, Frankfurt (M). Frankfurt (M).
Goldman, Wendy Z. (1993): Women, the State and Revolution – Zetkin, Clara (1925): Erinnerungen an Lenin, http://www.marxisti-
Soviet Family Policy and Social Life 1917-1936, Cambridge sche-bibliothek.de/zetkin8.html (Stand 20.10.2006).

Ist Sex subversiv? Paul Pop


grundrisse_20_2006 seite_45
9

Franz Naetar
Wie hältst Du es mit der Demokratie?
Negri und Badiou sowie ein grundrisse-
Seminar zur Demokratie
Einleitung lichen Welten leben. Nun Tamás antwortete, indem
er die Frage auf eine andere Ebene lenkte. Seine
In einer Veranstaltung der grundrisse zusammen Antwort war: „Die Demokratie, in der wir leben, ist
mit Wildcat über China wurde in einem Nebensatz auch eine Form der Diktatur.“ Wir wissen natürlich
das heutige Indonesien als demokratisch und das nicht, was im Detail Tamás mit diese Aussage im
heutige China als eine Diktatur bezeichnet. Auch in Auge hatte, aber sie wäre ziemlich sicher die
einer Reihe anderer Publikationen der Linken wer- Antwort eines Großteils der 68er während der gro-
den Begriffe wie totalitär (für China) und Diktatur ßen Revolten gewesen, unabhängig davon, ob sie
in einem Sinn verwendet, wie er in den liberalen und das Zitat aus „Staat und Revolution“ kannten, in de-
konservativen Zeitungen auch verwendet wird. Zu nen Lenin alle bürgerlichen Staatsformen, ob demo-
Indien fällt einem als mediale Phrase zum Beispiel kratisch oder nicht, als „in letzter Konsequenz un-
sofort der Stehsatz von der „größten Demokratie bedingt eine Diktatur der Bourgeoisie“ bezeichne-
der Welt“ ein; während Russland mehr als autoritär te.1
(ob Diktatur oder Demokratie ist noch in Schwebe)
bezeichnet wird. Die kommunistische Bewegung und während
längerer Zeit die kommunistischen Parteien mein-
Ein Kontrapunkt war ein Interview mit Tamás ten von jeder Staatsform, dass sie letztlich die
Gáspár Miklós im ungarischen Fernsehen, in dem Diktatur einer Klasse sei, und hielten daher der (de-
Tamás scharfe Kritik an der Repräsentationsorganen mokratischen) Diktatur der Bourgeoisie die
übte, die in ihrer Politik die Interessen von vielleicht Diktatur des Proletariats in den sozialistischen
20 % der ungarischen Bevölkerung vertreten und Ländern entgegen. Von den sozialistischen Ländern
repräsentieren. Am Ende des Interviews fragte der behaupteten sie, dass sie als Diktatur des
Interviewer Tamás, ob er lieber in einer Demokratie Proletariats tausend Mal demokratischer seien als
oder in einer Diktatur leben würde – eine gute die kapitalistischen Demokratien. Im Rahmen der
Fangfrage, denn wählt er Demokratie, dann meinen antifaschistischen Einheitsfronten und nach dem
die Zuhörer: „Was willst Du denn eigentlich? In der zweiten Weltkrieg wurde dann der eigenartige
lebst Du doch.“ Diktatur aber ist für niemanden ei- Begriff „Volksdemokratie“ geprägt, gestützt auf die
ne Wahl. Letztlich hätte jede Antwort den Eindruck Stalinsche Theorie des Staates des ganzen Volkes.
erweckt, dass wir ja doch in der Besten aller mög- Der Begriff der Diktatur des Proletariats wurde erst

Franz Naetar Wie hältst Du es mit der Demokratie?


seite_46 grundrisse_20_2006
vorsichtig und später vollständig begraben. Soweit über das Thema „Demokratie“ zirkulieren, zu di-
ein kurzer Abriss der Geschichte des Begriffs der skutieren. 2 Die Eingangfrage an die Teilnehmer-
Demokratie in der kommunistischen Bewegung. Innen war: „Wie hältst Du es mit der Demokratie?“

Nun haben die „Volksdemokratien“ samt den Im Gegensatz zu vorhergehenden Seminar-


verschiedenen kommunistischen Parteien vollstän- beiträgen, bei denen sich eine differenzierte, aber
dig abgewirtschaftet. Nur mehr Wenige sprechen auf gemeinsamen Überlegungen basierende Debatte
von der Diktatur des Proletariats beziehungsweise ergab, zeigten sich hier gravierende Differenzen.
der Diktatur der Bourgeoisie. Heute ist bloß noch Von: „Ich gehe damit pragmatisch um“, über „ Ich
die Rede von der Demokratie (= Parlamentarismus) interessiere mich nicht dafür“ bis zur Erörterung 9
und der freien Marktwirtschaft als Ergänzung. der Möglichkeiten von Referenden in der Schweiz
Daneben gibt es dann auch noch die autoritären und der Betonung der „Demokratie als Austausch
Systeme, die Diktaturen und die totalitären Staaten. der politischen Elite, die das System in Bewegung
Das ist der einheitliche Sprachgebrauch von rechts hält“, alle diese Antworten zu der Eingangsfrage gab
bis ziemlich weit links. Wie ist das aber mit dem de- es. Auch die Debatte nach den Referat zeigte: Eine
mokratischen Staat als der Diktatur der Bourge- theoretische Auseinandersetzung sowohl mit der
oisie? Gibt es den noch? Wie ist das mit Demo- Demokratie als Staatsform als besserer Staat als
kratiebewegungen wie der vom Tienanman-Platz auch die Bedeutung (oder Nichtbedeutung) von
und wie in Südamerika beim Sturz oder Abdanken Demokratie für linke Politik ist dringend notwen-
diverser Militärdiktatoren oder in Indonesien nach dig. Dieser Artikel versucht in der Auseinander-
Suharto? setzung mit Negri und Badiou dazu erste Überle-
gungen zu liefern.3
Die radikale Linke überlässt das Thema des de-
mokratischen Staats vollständig den bürgerlichen Demokratie als der bessere Staat
Ideologen, es kommt so gut wie nicht vor, wie z. B.
in „Empire“, oder sie verwendet diesen Begriff so, Badiou meint, dass die oben zitierte Feststellung
wie er in den diversen Medien z. B. gegenüber China von Lenin, dass unter Demokratie immer eine Form
verwendet wird. Gleichzeitig sind die Rituale der des Staates zu verstehen sei, noch immer eine der
parlamentarischen Demokratie ein nicht nur 1968 in aktuellen Situation angemessene Definition ist.
Frankreich, sondern in fast allen westlichen Ländern Gleichzeitig ist aber nach Badiou „das Wort
geschickt benutztes Verfahren, um den radikalen Demokratie (…) heute der wichtigste Organisator
Impetus einer Bewegung abzuwürgen und ins Leere des Konsenses. Unter diesem Wort sollen der
laufen zu lassen. Der Mai 1968 war dafür das sicher- Zusammenbruch der sozialistischen Staaten ebenso
lich symptomatischste Erlebnis: eine Bewegung der wie der angenommene Wohlstand unserer Länder
Studenten, Schüler und ein wilder Generalstreik in oder die humanitären Kreuzzüge des Westens be-
allen wesentlichen Fabriken Frankreichs, der gut ein griffen werden.“ (Alain Badiou: Metapolitik,
Monat dauerte und eine Zeitlang de Gaulle sogar an Diophpanes 1998, S 91) „Demokratie“ ist zurzeit al-
seinen Möglichkeiten der Intervention zweifeln so vielleicht der wichtigste ideologische Begriff zur
ließ. Trotzdem gelang es, die Bewegung einerseits Aufrechterhaltung und Verteidigung der kapitalisti-
durch einige wichtige Zugeständnisse auf der Lohn- schen Weltordnung. Ohne die hinter diesem Begriff
seite (eine dreißgprozentige Lohnerhöhung), ande- vorhandene Herrschaftsform infrage zu stellen, ist
rerseits durch Neuwahlen, die von allen Parteien jedenfalls eine Kritik an dieser Weltordnung zahn-
unterstützt wurden, zu zügeln. los.4

Auch heute im Irak kann man sehen, wie parla- Tatsächlich hat die Linke und auch die radikale
mentarische Wahlen verwendet werden, um trotz Linke es schon immer schwer mit der Frage: „Wie
vollständiger Kontrolle durch die US-Besatzer und hältst Du es mit der Demokratie?“ Bei jeder
ihre willigen Helfer zumindest eine zeitweilige Diskussion, bei jeder Auseinandersetzung damit
Stabilisierung der Lage zu erreichen. Andererseits laufen mehrere Stränge ineinander. Hier ein sponta-
versucht das Buch von Negri und Hardt, ne Aufzählung von Argumenten, Feststellungen
„Multitude“, den Demokratiebegriff mit neuem und Beobachtungen, die „Demokratie als der besse-
Leben zu füllen als „Demokratie der Multitude“, re Staat“ betreffend:
und auch Alain Badiou, der kompromisslose
Angreifer auf Demokratie und Parlamentarismus, * Wie hältst Du es mit dem Staat, wenn er eine
versucht seinen eigenen Begriff von Demokratie zu parlamentarische Demokratie ist? Ist er doch die
definieren. Jedenfalls fanden wir es wichtig, unser beste aller (Staats-)Welten? Die Erfahrungen mit
Sommerseminar dieses Jahr zu nutzen, um die der „proletarischen Demokratie“ waren ja nieder-
Überlegungen, die im Umkreis der „grundrisse“ schmetternd.

Wie hältst Du es mit der Demokratie? Franz Naetar


grundrisse_20 _2006 seite_47
* Muss man den demokratischen Staat nicht ge- heizt – wie z. B. in Ungarn oder in Italien, erfasst die
gen die Angriffe faschistischer (oder heute funda- Linke plötzlich eine Parteileidenschaft, wie sie sonst
mentalistischer, islamistischer) Kräfte verteidigen? nur bei Fußballspielen auftritt.

* Sicherlich ist die parlamentarische Demokratie * Aber ist es nicht richtig, dass es einen
die von den wesentlichen Teilen der Weltbourgeoisie Unterschied macht, ob Berlusconi oder Prodi bzw.
bevorzugte Staatsform auf nationaler Ebene, da sie Orbán oder Gyurcsány die Wahlen gewinnt? Oder
im Ausgleich der Interessen die Legitimität der ob Chávez oder seine Gegner triumphieren?
Herrschaft und die Kontrolle der Widerstände und Vielleicht freut sich Mann/Frau aber auch ein wenig
9 stabile Rechtsverhältnisse ermöglicht. über die vielen Stimmen der neuen linken Partei in
der BRD.
* Parallel und manchmal im Widerspruch dazu
werden aber andere Taktiken eingesetzt: In den we- Wenn man sich die verschiedenen Strömungen
niger wichtigen Erdteilen – wie z.B. in Teilen von der Linken ansieht, dann ist in Bezug auf die
Afrika – oder dort, wo es um die Kontrolle über den „Demokratie als der bessere Staat“ so ziemlich jeder
Nachschub von wichtigen Rohstoffen geht, oder Standpunkt vertreten: Von der kompromisslosen
wo sich Möglichkeiten für Kapitalexpansion und Verteidigung der „Errungenschaften der westlichen
Gewinn, trotz nicht vorhandener oder schwach ent- Demokratie“ mit dem Abfeiern der US-Inter-
wickelter Formen parlamentarischer Demokratie, ventionskriege als demokratische Verteidigungs-
ergeben, wird schon einmal auf „Demokratie“ ver- schlacht – wie es die „Antideutschen“, aber auch die
zichtet. Neokonservativen (die ja zum Teil aus dem linken
Lager kamen) betreiben – bis zur gnadenlosen
* Oder umgekehrt: Das Aufflammen und die Unterstützung jedes Gegners des US-Imperialismus
Intensivierung des Diskurs von Verletzung der – wie es die „Antiimperialisten“ propagieren; von der
Menschenrechte und Diktatur, oft auch von linksli- Gleichsetzung jeder Form von staatlicher Herrschaft
beralen Kräften und NGO’s vorangetrieben, berei- bis zur stolzen Verteidigung der demokratischen
ten die öffentliche Meinung auf die nächste Errungenschaften der westlichen „Wohlfahrts-
Intervention vor. staaten“, jede dieser Argumentation unter den
„Linken“ gibt es. (Wobei in den Massenmedien, wie
* Wie soll sich die (radikale) Linke zum Diskurs nicht anders zu erwarten, die „Verteidiger der west-
des Anprangerns der fehlenden Menschenrechte lichen Demokratie“ ein faktisches Monopol haben.)
und Demokratie z. B. in China verhalten? Soll sie
die Verlogenheit des Kapitals anprangern, das Während Hardt und Negri im „Empire“ das
Sonntagsreden von Demokratie hält, dann aber Thema der parlamentarische Demokratie und ihrer
Geschäfte mit dem diktatorischen Regime macht, Wahlrituale einfach ignorieren bzw. die diversen
wie das oft geschieht? Oder schwingt nicht in einem Staaten und ihre Parlamente als demokratische Teile
solchen Diskurs mit: Uns, die wir eine parlamenta- des dreistufigen Empires betrachten5, wird die Frage
rische Demokratie haben, geht es ja doch besser der Demokratie die Hauptfrage des Buchs „Multi-
bzw. in Indien z. B. gibt es zwar entsetzliches Elend, tude“, allerdings dort als vollständige Demokratie
aber immerhin habe sie eine Demokratie. der Multitude. Mit ihren Überlegungen dazu wer-
den wir uns weiter unten befassen.
* Aber würde eine parlamentarische Demokratie
z. B. in China nicht die Gründung von unabhängi- Für Badiou wiederum ist die Antwort auf die
gen Gewerkschaften ermöglichen und damit die Frage: „Wie hältst Du es mit der parlamentarischen
Situation im Klassenkampf verbessern? Oder zwin- Demokratie?“, der Maßstab, an der Politik heute zu
gen vielleicht die nicht vorhandenen Institutionen messen ist. Auch auf die Gefahr hin, „sich der töd-
zum Schutz der Bauern und Arbeiter diese, sich wie lichen Beschuldigung auszusetzen, kein Demokrat
in den Frühzeiten des Kapitalismus selber zu orga- zu sein“, muss eine „freie Politik (…) (ihre) Distanz
nisieren, wobei sie sehr schnell die Legitimität der zum Staat, (…) (ihre) Fremdheit gegenüber dem
Verhältnisse infrage stellen, da diese gerade nicht die parlamentarischen Staat, gegenüber dem Ritus der
Weihe der Demokratie haben. Wahlen und den Parteien, die sich ihm anpassen,
einbekennen. (…) Es ist nicht möglich, (…) außer-
* Fast alle (radikalen) Linken haben ein ent- halb des Staates die formalen Bedingungen einer
spanntes und oft gleichgültiges Verhältnis zu Politik zu bestimmen (wie es Ranciére laut Badiou
Parlamentswahlen, gehen aber dann doch das ge- tut – fn) und dabei unberücksichtigt zu lassen, wie
schmähte kleinere Übel wählen und schauen sich sich die Frage für uns stellt, die wir es in dieser
die Ergebnisse im Fernsehen an. Ist die Stimmung Hinsicht mit dem parlamentarischen Staat zu tun
zwischen den Parlamentsparteien genügend aufge- haben.“ (ebenda S 131)

Franz Naetar Wie hältst Du es mit der Demokratie?


seite_48 grundrisse_20_2006
Diese Haltung zur parlamentarischen Demo- form des Kapitals. Sie hat genügend Elastizität, um
kratie ist für Badiou eng verbunden mit der Frage, den Protest und Widerstand ins Leere laufen lassen
wie Mann/Frau sich zu den Parteien stellt. Für ihn zu können bzw. durch den Tausch der führenden
ist die wichtigste Debatte dieses Jahrhunderts: Parteien ein Ventil zu bieten, sie gestattet aber im
„Kann die Politik noch in Form der Partei gedacht „Normalfall“ eine ausreichende Kontrolle, um die
werden? Sind die politischen Militanten6 notwendig Aufrechterhaltung des Systems der Ausbeutung si-
Militante der Partei. (…) Die subjektive und in den cherzustellen. Wenn man dasselbe Phänomen aus ei-
Wahlen stattfindende Vermittlung der parlamentari- ner anderen Sicht betrachtet, dann bietet diese lose
schen Politik bleibt zweifellos die der Parteien. Der Kontrolle aber auch den Produzenten und Staats-
gewöhnliche Intellektuelle mag sich über die bürgern (für die Nichtstaatsbürger oder illegal im 9
Parteien und ihre Anhänger mokieren, wenn man’s Staatsgebiet lebenden sind die Formen der
von ihm verlangt, wird er für sie stimmen.“ Als Kontrolle unvergleichlich rigider) eine unverzicht-
Schnappschuss der gegenwärtigen Situation schei- bare Bewegungsfreiheit. Auf der einen Seite also
nen mir die pointierten Anmerkungen von Badiou Herrschaftsinstrument, auf der anderen Seite
ein wichtiges Moment der ideologischen Herrschaft Möglichkeit, manchmal sogar Forderungen durch-
zu benennen. Diese Anmerkungen erklären aber zusetzen, Rechte zu erringen oder Angriffe abzu-
keinesfalls, wieso es nach Tonnen von Papier über wehren.8
den Staat und die Staatsform – unter anderen auch
in mehreren Artikeln in den „grundrissen“ – inner- Die Ansichten über den demokratischen Staat
halb der Linken derart unterschiedliche verhalten sich ein wenig wie ein Kaleidoskop, das
Stellungnahmen und Einschätzungen gibt. Ein jedem eine jeweils andere Sicht bietet, wenn er
Grund ist sicherlich, dass auch bei denjenigen durchschaut. Wie aber diese beiden Aspekte der
Linken, die sich keine (theoretischen) Illusionen „Demokratie“ in Politik umzusetzen sind, ohne die
über den Staat machen, die Vorstellungen über eine Illusionen über den Staat und dessen vielleicht wich-
Politik oder überhaupt ein Eingreifen abseits des tigste Ideologie – eben diese Demokratie – zu ver-
Staates, im Abstand vom Staat, nur in Ansätzen vor- stärken, bleibt offen. Die tiefe Krise der Linken
handen ist, vor allem aber, dass es nur ganz wenige zeigt sich gerade darin, dass die Diskussion über die
und immer wieder aufgezählte Beispiele für eine sol- parlamentarische Demokratie und die Parteien, die
che Politik gibt: die Zapatistas, die Bewegung der Diskussion darüber, was es heißt, politischer
landlosen Bauern in Brasilien und vielleicht noch die Militanter in Distanz zum Staat zu sein, noch gar
argentinische Revolte von 2001. nicht richtig begonnen hat. Und zu den Wahlurnen
gehen, wenn man es von ihnen verlangt, nicht nur
Wichtiger noch scheint mir aber der wider- die „gewöhnlichen Intellektuellen“, sondern ein
sprüchliche Charakter von demokratischer Bewe- großer Teil9 der aufgerufenen Bevölkerung.10
gungsfreiheit zu sein: Die kapitalistische Herrschaft
erfordert für die TeilnehmerInnen am System der Lassen wir nun die „Demokratie als besserer
Ausbeutung eine gewisse Bewegungsfreiheit. Staat“ beiseite und beschäftigen wir uns mit der
Gerade weil sie ja letztlich die Produzenten des Demokratie abseits des Staates. Letztlich stellt sich
Werts und Mehrwerts sind und ein wichtiger Faktor die Frage, ob man die „Demokratie“ zu einem po-
in der Konkurrenz und dem Zusammenspiel der litischen Begriff machen kann, der in einer
Kapitale bzw. der Staaten (des Empires?), kann eine Auseinandersetzung mit dem was er zurzeit be-
Kontrolle ihre Bewegungsfreiheit nicht völlig er- deutet, emanzipatorische Potential entwickeln
sticken.7 Wie Karl Reitter am Seminar richtigerweise kann. Negri und Hardt meinen in ihrem Buch
meinte, ist die Kontrolle des Staates zum Zwecke Multitude, dass diese Auseinandersetzung möglich
der Ausbeutung immer ein Balanceakt zwischen der ist. Sie schreiben: „…zusätzlich müssen wir jedoch
notwendigen Zurichtung zum Rädchen im System, auch den Begriff der Demokratie im Lichte der
ohne die produktiven Potenzen des Proletariats, der neuen Herausforderungen und Möglichkeiten, die
Multitude vollständig zu paralysieren. unsere Welt bietet, neu überdenken. Diese begriff-
liche Neujustierung ist die Hauptaufgabe dieses
Diese Kontrolle ist als demokratische – wie Buche.“ (Tonio Negri/Michael Hardt: Multitude, S
schon Engels schrieb – die sicherste Herrschafts- 362)

Wie hältst Du es mit der Demokratie? Franz Naetar


grundrisse_20 _2006 seite_49
Die Demokratie der Multitude Ohne die Produktivität der Arbeitenden ist das
Kapital nichts. „Die Rede von den ‚Unterdrückten‘
In ihrem letzten Buch „Multitude“ setzen sich mag eine marginalisierte und machtlose Masse be-
Hardt und Negri mit dem Zustand des Empire und zeichnen, aber die ‚Ausgebeuteten‘ sind notwendi-
den notwendigen politischen Projekten der gerweise ein zentrales, produktives und machtvolles
Multitude auseinander. Im Zentrum steht dabei der Subjekt.“ (S 367) Zu diesen allgemeinen Fest-
Begriff der Demokratie als Demokratie für alle oder stellungen kommt aber in den Zeiten des Empires
spinozistisch ausgedrückt als totale Demokratie. und der biopolitischen Produktion hinzu, dass sich
Bemerkenswert ist, dass es zwar eine Unzahl an die Grenzen zwischen politischen, ökonomischen,
9 Auseinandersetzungen und Stellungnahmen zum sozialen und kulturellen Formen der Macht und der
Vorläuferwerk „Empire“, aber so gut wie keine aus- Produktion mehr und mehr auflösen. Daher lautet
führlichen Kritiken oder begeisterten Stellung- so die Schlussfolgerung von Hardt und Negri: „Im
nahmen zu „Multitude“ gibt. Wenn man die mitrei- Empire kommen Kapital und Souveränität tenden-
ßenden Passagen des Abschlussabschnittes über die ziell vollständig zur Deckung.“ (S 368)
Demokratie der Multitude liest, muss einen dieses
bedrückende Schweigen auch und insbesondere der Ähnlich wie das Kapital auf die Produktivität der
radikalen Linken erstaunen. Vielleicht wird diese Arbeit angewiesen ist und deshalb sich um das
Tatsache dadurch erklärt, dass in diesem Abschnitt Wohlergehen seines Widerparts, der Arbeit, Sorgen
nicht nur die Philosophie von Negri zusammenge- machen muss, hängt auch die imperiale Souveränität
fasst wird, sondern auch versucht, einen allgemei- nicht nur – wie oben beschrieben – von der Zustim-
nen Fahrplan zur Revolution zu skizzieren: zwar mung, sondern auch von der sozialen Produktivität
kein „Was Tun“, aber nach dem Wunsch der Autoren der Beherrschten ab. „Die Beherrschten (sind) weit-
eine Vorarbeit dazu. gehend die ausschließlichen Produzenten sozialer
Organisation geworden, (…) die Herrschenden
Sehen wir uns den Argumentationsstrang der (werden) zunehmend parasitärer. (…) Ent-
„Demokratie der Multitude“ an. Ausgegangen wird sprechend werden die Beherrschten immer autono-
wie schon im Empire vom Begriff der Souveränität mer und können die Gesellschaft immer stärker
als Herrschaft des Einen. Ob Monarchie, nach ihren Vorstellungen gestalten.“ (S 370)
Aristokratie oder Demokratie, der eine Souverän
herrscht – auch in der Demokratie, denn die vielen Dieser Gedankengang, dass sich im Inneren der
herrschen „nur insofern, als sie zum Volk oder ei- Empire der Kommunismus in Form der Autonomie
nem anderen Einzelsubjekt vereint sind. (…) Die der Multitude ausbreitet, kennen wir schon aus
Logik, die hinter dieser klassischen Souveräni- „Empire“. In „Multitude“ wird daraus die herr-
tätstheorie liegt, lautet: entweder Souveränität oder schaftsfreie Demokratie. Das transzendente Modell
Anarchie.“ der Herrschaft des Einen hat ausgedient und die im-
manente biopolitische soziale Organisation ermög-
Die Multitude – das ist schon im Empire gezeigt licht, dass sich die verschiedenen Elemente der
worden – lässt sich nicht auf eine Einheit reduzie- Gesellschaft selbst organisieren. Die zentrale Frage
ren. Die Multitude kann nicht Souverän sein. Die dabei ist, meinen Negri und Hardt, „wie die
von Spinoza als absolute bezeichnete Demokratie, Multitude zu einer Entscheidung kommen kann“.
meinen Hardt und Negri, sei daher keine Hardt und Negri versuchen mit vier Modellen die
Regierungsform im traditionellen Sinn. Im weiteren Möglichkeit von Entscheidungen ohne „Befehls-
Fortgang der Darstellung wird auf den dualen zentrum“ plausibel zu machen. Das erste Modell,
Charakter der Macht hingewiesen. Diejenigen, die das sie anführen ist, das Gehirn. Dieses entscheide
gehorchen sollen, verweigern letztlich den auf Grund der „gemeinsamen Disposition oder
Gehorsam, wenn mit Gewalt oder anderen einseiti- Konfiguration des gesamten neuronalen Netz-
gen Mitteln versucht wird, Souveränität durchzuset- werkes in Kommunikation mit dem Körper als
zen. Souveränität bedarf daher der Zustimmung der Ganzen und der Umwelt“ (S 372). Ein weiteres
Beherrschten, die souveräne Macht benötigt neben Modell sei die ökonomische Innovation mittels
dem Zwang auch die Hegemonie über die Netzwerken. Ähnlich wie die Innovationen können
Untergebenen. Souveränität, der die zu Beher- auch politische Entscheidungsfindungen gemein-
rschenden weglaufen, ist Zeichen einer absoluten sam „produziert“ werden. Als weiteres Beispiel wird
Schwäche.11 die Sprache genannt. „So, wie aus der Sprache ein
Ausdruck entsteht, so entsteht aus der Multitude
Aber nicht nur der Souverän benötigt die heraus eine Entscheidung“ (S373).
Untertanen, auch das Kapital benötigt seinen
Widerpart, die Arbeit. Das Kapital ist daher ge- Zuletzt wird die „Open Source“-Bewegung, die
zwungen, sich eng mit dem Feind zusammenzutun. gemeinschaftlich und unter Offenlegung des

Franz Naetar Wie hältst Du es mit der Demokratie?


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Quellcodes (Source) Programme entwickelt, als ein konkretisieren kann.“ (S 386) Die Entscheidung zur
mögliches Modell für Entscheidungsfindungen der konkretisierten konstituierenden Macht, die aus
Multitude genannt. „Die Demokratie der Multitude den ontologischen und sozialen Prozessen produk-
lässt sich somit auch als eine Art ‚Open Source‘- tiver Arbeit entsteht, „bedarf einer Kraft, die den hi-
Gesellschaft verstehen, als eine Gesellschaft, deren storischen Fortschritt von Emanzipation und
Quellcode sichtbar ist, sodass wir alle gemeinsam Befreiung verteidigt.“ Diese Kraft entstünde nach
daran arbeiten können, seine ‚bugs‘ zu beseitigen Hardt und Negri in einen Akt der Liebe oder (voll-
und neue Bessere soziale ‚Programme‘ zu entwik- ständiger benannt angesichts der sich ausweitenden
keln.“ (S 374) Im weiteren Fortgang der Argumen- Kriege und der globalen Krise der Demokratie und
tation wird darauf hingewiesen, dass „die souveräne der Empörung darüber) aus einer „Welt aus Zorn 9
Macht, wenn sie diese Beziehungen (zur Multitude) und Liebe“.
nicht mit friedlichen, politischen Mitteln aufrecht
erhalten kann, auf Gewalt und Krieg als deren Das Projekt der Demokratie der Multitude er-
Grundlagen zurückgreift.“ Diese Gewalt zwinge die fordere, die Zielsetzungen von (Lenins) Staat und
Multitude zum Widerstand. Deshalb muss sich „das Revolution – das heißt die Zerstörung der
Projekt absoluter Demokratie paradoxer Weise als Souveränität durch die Macht des Gemeinsamen –
Widerstand definieren“. (S 383) und die institutionellen Methoden des Federalist
(Madison)12. Institutionelle Einrichtungen, ein
Dieser Widerstand aber genügt nicht: Der System von Rechten und Garantien, von „checks
Widerstand muss sich – und das ist ein bei Negri and balances“13, wie es die amerikanische Verfassung
wohlbekannter Begriff – in eine „Form konstituie- bezeichnet, seien notwendig, um sicherzustellen,
render Macht“ umwandeln. Diese Form konstituie- „dass unser Traum von Demokratie und unser
render Macht benötigt eine Theorie – und das ist Verlangen nach Freiheit nicht wieder nur in eine
neu in „Multitude“ –, sie benötigt die Wissenschaft weitere Form von Souveränität zurückfallen und wir
von der Demokratie (Madison und Lenin). Hardt in einem Alptraum von Tyrannei erwachen.“ (S 390)
und Negri meinen, dass sie in ihrem Buch die
Grundlagen der Wissenschaft der Demokratie vom Was man brauche, „um die Multitude zum Leben
ontologischen und soziologischen Standpunkt her zu erwecken“, sei eine Form großer Politik, eine
gelegt haben: Von einem ontologischen Standpunkt Realpolitik, nicht im Sinne von Metternich und
aus hätten sie gezeigt, dass die Multitude in ihrer Churchill, sondern im Sinne des Realismus von
biopolitischen Produktion „ständig ein neues sozia- Lenin und Mao. Diese Realpolitik muss, wenn not-
les Wesen, eine menschliche Natur“ schafft. Die wendig, auch Kohärenz vortäuschen und auf ver-
Multitude sei „eine diffuse Ansammlung von schiedene taktische Spielereien zurückgreifen.14
Singularitäten, die ein gemeinsames Leben produ- Letztlich sei es erforderlich, dass die revolutionäre
zieren“; sie sei „eine Art soziales Fleisch, das sich zu Politik „in der Bewegung der Multitudes und durch
einem neuen sozialen Körper zusammensetze.“ (S die Akkumulation gemeinsamer und kooperativer
384) Entscheidungen den Augenblick des Bruches oder
Clinamen15 erfassen muss, der eine neue Welt schaf-
Von einem soziologischen Standpunkt aus hät- fen kann.“(S 393) Entscheidend dazu sei der richti-
ten sie gezeigt, dass die konstituierende Macht sich ge Zeitpunkt: Negri und Hardt schließen diese
schon jetzt in den kooperativen und kommunikati- Anmerkungen zur Politik mit einem Zitat aus Julius
ven Netzwerken sozialer Macht zeige. Basierend Caesar von Shakespeare ab:
darauf, dass die biopolitische Produktion zugleich
ökonomisch und politisch ist, würde die Es gibt Gezeiten in den Angelegenheiten der Menschen
Demokratie der Multitude ein altes Problem lösen, die, wenn die Flut genützt wird, zum Glück führen;
mit dem wohl alle Militanten bisher konfrontiert wird sie verpasst, bleibt die ganze Reise des Lebens
waren, nämlich dass „jeder von uns Lebens- und in Untiefen und Elend stecken.
Arbeitszeit opfern müsse, um ständig über jede po-
litische Entscheidung abstimmen zu können.“ Und (Shakespeare: Julius Caesar, 4. Akt, 3. Szene)
weiter: Da ökonomische und politische Produktion
zusammenfallen, könnte „das kollaborative Netz- Demokratie oder Kommunismus
werk als Rahmen für eine neue institutionelle
Struktur der Gesellschaft dienen.“ (S 385) Beim Durchlesen der Passagen über die Demo-
kratie der Multitude fällt als erstes auf, dass es un-
Das alles genüge aber nicht für eine Theorie der möglich ist, das Bild, das Negri und Hardt von der
Demokratie der Multitude. Es bedürfe eines politi- Demokratie zeichnen, von dem klassischen Bild des
schen Standpunktes, der „die gemeinsame Macht vollendeten Kommunismus zu unterscheiden.
der Multitude und ihre Entscheidungsfähigkeit Badiou z. B. charakterisiert den Kommunismus als

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eine „egalitäre Gesellschaft mit freien wieder das politische Feld mit seinen takti-
Assoziationen zwischen polymorphen schen und strategischen Überlegungen auf.
Arbeitern, in der die Tätigkeit nicht durch
technische oder soziale Statuten und Revolution zeichnet dabei wieder der
Spezialisierungen, sondern durch die kol- Augenblick des großen Moments aus: „Von
lektive Beherrschung der Notwendigkeiten der Sehne des Bogens löst sich der Pfeil ei-
geregelt ist.“16 Und die Beispiele und Bilder, ner neuen Zeitlichkeit, mit der eine neue
die Negri und Hardt als Beispiele für die Zukunft beginnt.“ (Seite 393) Die schon
Demokratie der Multitude, wie die „open vorhandenen Elementen einer konstituie-
9 source“-Softwareentwicklung, verwenden, renden Macht, die schon weitgehend heran-
könnten ebenso auch als Beispiele eines gereiften Netzwerke der Kommunikation
spontanen Kommunismus verwendet wer- und Kooperation, die eine andere demokra-
den. Was sind die Überlegungen, die Negri tische (kommunistische – fn) Gesellschaft
und Hardt dazu bringen, von totaler ohne Souverän aufrecht zu erhalten im
Demokratie zu reden und nicht von Stande sind, müssen nur die kapitalistische
Kommunismus? Umklammerung, die parasitäre Hülle ab-
schütteln, um als totaler demokratischer
Wenn man sich den oben entwickelten Schmetterling sich in die Lüfte zu schwin-
Argumentationsstrang ansieht, der schließ- gen. Diese Entpuppung ähnelt mehr, als es
lich in die Forderung für eine neue Hardt und Negri offen sagen, klassischen
Wissenschaft der Politik (also eine Wissen- Revolutionstheorien, in denen im richtigen
schaft der Demokratie) mündet, dann kann Moment sich alles durch die Revolution än-
man zwei Bereiche finden, die es anschei- dert. Auch ist, um sich diesem Moment der
nend erforderlich machten, den Begriff der Revolution zu nähern, weiterhin große
(totalen) Demokratie aufzugreifen: Politik auf Staatsebene bzw. auf der Ebene
des Empire erforderlich.
Negri und Hardt versuchen, an den
Beschwerden und Klagen vor allem der Die Darstellung von Politik und
Antiglobalisierungsbewegungen anzu- Revolution nimmt in den eben zitierten
schließen und deren Forderungen nach Passagen ganz klassische Formen an. Die
mehr Demokratie aufzugreifen und revolu- Politik ist global und nicht lokal, sie ist
tionär zu wenden. Die Forderung nach Realpolitik und die Revolution sieht eher
Demokratie dient als Vehikel, um die kapi- wie ein momentanes Abschütteln der para-
talistische parasitäre Umklammerung abzu- sitären kapitalistischen Hülle über der
schütteln, ansetzend an reformerischen Gesellschaft aus als wie ein beständiger
Forderungen und Wünschen. Ein wenig Prozess im Hier und Jetzt. Inwiefern ein
lässt sich hier das im Text oben angeführte solcher Ansatz die realen Bedingungen
Wort von der vorgetäuschten Kohärenz widerspiegelt, wollen wir in diesem Artikel
verwenden: Es ist eben leichter, von totaler nicht weiter behandeln. Wir wollen uns hier
Demokratie zu sprechen als von mit dem angeführten Beispiel für eine de-
Kommunismus. zentrale, nicht hierarchische (demokrati-
sche) Entscheidungsfindung auseinander-
Im Gegensatz zu „Empire“ in dem, wie setzen. Wie steht es bei diesen Beispielen
auch in „Multitude“, vom Verschwinden mit der Demokratie? Neben eher bildhaf-
der Grenzen zwischen politischen, sozialen ten Vergleichen, wie mit der Sprache und
und ökonomische Verhältnissen gespro- dem Gehirn17, wird von Negri und Hardt
chen wird, führen Hardt und Negri in die „open source“-Softwareentwicklung als
„Multitude“ auch eine eigenständige politi- Beispiel für die Demokratie der Multitude
sche Sicht auf die Verhältnisse ein. Die da- angeführt.
bei skizzierte Politik ist sogar große Politik
und Realpolitik. Obwohl also zwischen po- Zur „open source“ oder besser die „free
litischen, ökonomischen und sozialen software initative“ als reales Element einer
Entscheidungen kein wirklicher Unter- nichtkapitalistischen Produktion: Eine
schied mehr besteht, bis hin zu den für alle Gruppe von einigen hundert Interessenten
Militanten mit Vergangenheit traumhaften beschäftigt sich im Rahmen der „Oekonux“
Gedanken, dass dann auf jede Extrasitzung Initiative (Oeko für Ökonomie und nux
abends oder in der Freizeit verzichtet wer- für Linux) mit den Möglichkeiten einer
den kann, taucht hier hinterrückst doch nicht kapitalistischen Gesellschaft auf Basis

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der Ideen der „free software initiative“ – der radika- und Verbesserungen zu unterscheiden. Die zahlrei-
leren Variante der „open source“-Bewegung. (Siehe chen und mit verschiedene Modellen für die
http://www.oekonux.de.) Die Resultate der „free Entscheidungsfindung operierenden Projekte haben
software initiative“ sind eindrucksvoll. Linux z.B., bei der technischen Entscheidungsfindung eine
ein zu Microsoft Windows alternatives Gemeinsamkeit: Es gibt keine Abstimmung, bei der
Betriebssystem mit vielen Million „lines of codes“, jeder Entwickler gleich viel zählt.
hat eine bessere oder zumindest gleich gute Qualität
wie die besten kommerziell entwickelten Soft- Das grundlegende Prinzip einer Demokratie – in
waresysteme. An der Entwicklung von Linux waren einer Entscheidungsabstimmung zählt jeder gleich –
nicht nur tausende ProgrammiererInnen in der gan- ist in keiner der „free software“-Initiativen reali- 9
zen Welt beteiligt, sondern auch zehntausende siert. Im bekanntesten und größten Beispiel Linux
Tester und Millionen BenutzerInnen. Dieses gibt es einen definierten Prozess, wer an solchen
Projekt und ähnliche andere „free software“- Entscheidungen welches Gewicht hat. Im Prinzip
Projekte zeigen die Möglichkeiten für eine nicht ka- handelt es sich um eine Zählung nach Verdienst.
pitalistische, nicht marktorientierte Produktion mit Wer mehr für das Projekt geleistet hat, (in Form von
höchsten Ansprüchen. Offensichtlich genügen akzeptierten Beiträgen) hat mehr Entscheidungs-
zwanzig Softwareentwickler und ein Projekt, das sie rechte. Generell werden die vorgeschlagenen und
interessiert, damit spontan Kommunismus entsteht diskutierten Beiträge von einem harten Kern von
– der aber von den meisten TeilnehmerInnen an die- Hauptentwicklern beurteilt – nach einer offenen
sen Kooperationen nicht als solcher gesehen wird. und freien Debatte unter allen Interessenten. Die
Dennoch: Wenn wir Kommunismus im oben defi- letzte Entscheidung im Fall der Uneinigkeit hat in
nierten Sinn als eine egalitäre Gesellschaft mit freier diesen Projekt der Gründer Linus Torvald, der des-
Assoziationen zwischen polymorphen Arbeitern halb auch als der „benevolent dictator“ – wohlwol-
verstehen, dann handelt es sich bei diesen Formen lender Diktator – bezeichnet wird.
der Kooperation um „ein Stück Kommunismus“.
Aber was hat das mit Demokratie zu tun? Natürlich gibt es theoretisch immer die
Möglichkeit, wenn man mit den Entscheidungen
Sehen wir uns die verschiedenen Organisations- absolut nicht einverstanden ist, sich abzuspalten
formen an, die in diesen „free software“-Projekten und ein eigenes Projekt zu begründen. Das ist auch
entstanden und entstehen: Generell gilt, dass jeder schon einige wenige Male passiert und bei einem
an der Diskussion über den Status, an der größeren Fork kam es sogar nach einiger Zeit zu ei-
Entwicklung selbst und am Test mitarbeiten kann ner Wiedervereinigung mit dem Hauptprojekt, aber
und dazu alle Information in Form der Sourcen und wenn ein Projekt wie z. B. Linux eine derart große
Dokumentation – soweit vorhanden – bekommt. Menge an Entwicklern in Bewegung setzt, ist ein
Generell gibt es auch ein Recht, sich den vorhande- Austritt aus der Gemeinschaft nur dann erfolgreich,
nen Entwicklungsstand zu nehmen und allein oder wenn gegen wichtige und gut begründete Vor-
mit einer Gruppe von Mitstreitern eine eigene schläge entschieden wurde und die Entwickler hin-
Entwicklung zu beginnen – ein so genannter Fork. ter den Vorschlägen entsprechendes Gewicht ha-
Als einzige Bedingung gilt: Die neue Entwicklung ben.19
muss ebenso wie die alte vollständig offen gelegt
werden.18 Diese Möglichkeiten werden auch ge- Es gibt zwar in anderen „free software“-
nutzt. Es gibt tausende Änderungen, Verbesserun- Projekten auch Formen der Abstimmung, bei der je-
gen und Erweiterungen, die an den verschiedensten der gleich zählt, aber um in den Kreis der für eine
Orten ausprobiert und vorgeschlagen werden: Die Abstimmung berechtigten einzutreten, bedarf es
produktive Weisheit der Multitude wird voll ge- entsprechender Beiträge – also wieder nach Ver-
nutzt. Diese Entwickler realisieren ihren Beitrag oft dienst. Nicht zufällig sind diese „demokratischen“
in der Freizeit, während des Studiums oder werden Formen eher dort anzutreffen, wo sich Firmen mit
von Firmen dazu angestellt, damit diese „einen Fuß eigenen von ihnen angestellten Entwicklern an die-
in der Türe“ haben. sen offenen Projekten beteiligen. Hier gibt es ja
nach Größe des Beitrags dann verschiedene Klassen
So weit so schön; wie aber wird entschieden, was von Mitarbeitern und in der obersten Klasse kann
von den diversen Entwicklungen, welche technische dann unter den „Gleichen“ entschieden werden.
Varianten, welche Funktionen tatsächlich in die pe-
riodisch freigegebenen Versionen einfließt? Wer Meiner Meinung nach zeigen daher die tatsäch-
trifft diese Entscheidungen und wie werden sie ge- lich existierenden Projekte, dass ein politischer
troffen? Wie wir sehen werden, ist es sinnvoll, die Begriff wie Demokratie diese Formen von
Auswahl der als optimal festgestellten technischen Selbstorganisation nicht adäquat beschreibt. Ich
Umsetzung von den funktionalen Erweiterungen kann mir auch nicht wirklich in diesen Projekten ei-

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nen Entscheidungsprozess bezüglich technischer prozedur. Sicher richtet sich das Verfahren der „free
Fragen vorstellen, der nach dem Prinzip funktio- software“ auch an alle, aber sie unterscheidet die
niert: Jeder entscheidet mit und hat das gleiche Beiträge nach der besseren Konzeption und die
Stimmgewicht. Beurteilung und Entscheidung wird letztlich hierar-
chisch organisiert.
Vielleicht hilft es, einige Überlegungen von
Alain Badiou ins Spiel zu bringen, um besser zu ver- Aber auch bei der „free software“ gibt es „politi-
stehen, welche strukturellen Verhältnisse in den ge- sche“ Entscheidungen. Die Frage, welche funktio-
nannten Projekten die jeweiligen Organisations- nelle Eigenschaft die nächste Version der Software
9 formen nach sich ziehen. Badiou unterscheidet vier unterstützen soll, ist eine Frage des ganzen
Bereiche: die Politik, die Wissenschaft, die Kunst Kollektivs, z.B. der Linux-Entwickler und An-
und die Liebe, in denen sich anhand eines wender. Hier muss jeder gleich zählen. Diejenigen
Ereignisses und der Treue20 zu diesem Ereignis ein aber, die nach einer kollektiven Festlegung der
Subjekt herausbildet und nennt diesen Prozess eine nächsten Ziele das, was sie dringend benötigen,
„Wahrheitsprozedur“. Für ihn gibt es im Charakter nicht rechtzeitig bekommen, müssen die
dieser Prozeduren ganz wesentliche Unterschiede. Entscheidung treffen, ob sie warten oder ob sie sich
Ein Ereignis ist politisch, wenn „ein virtueller mit einem Fork selbständig machen.
Anspruch an alle transportiert“ (Badiou, S 151)
wird. Jeder ist in gleicher Weise angesprochen. Das Zusammenfassend scheint mir der Begriff der
Denken der politischen Wahrheit ist kollektiv. Es Demokratie der Multitude für alle diese Prozesse
macht keinen Unterschied. Ein Beispiel für ihn ist z. den Kern der Sache nicht zu treffen. Die taktischen
B. der Kampf der „sans papier“ in Frankreich für Überlegungen aber, mit dem Begriff der Demo-
volle Rechte unter Losung: „Alle, die hier sind, sind kratie an den bestehenden reformerischen
von hier.“ Diejenigen, die sich als Subjekte einer sol- Bestrebungen anzuknüpfen, sind nicht nur ungenü-
chen Politik konstituieren – die Militanten – sind gend ausgearbeitet. Wie das geringe Echo auf das
virtuell alle, niemand darf ausgeschlossen sein. Buch „Multitude“ generell und auf den Abschnitt
über die Demokratie im Besonderen zeigt, konnte
Anders ist es nach Badiou in der Wissenschaft. damit auch nicht ein breiteres Interesse erzeugt
Zur Anerkennung eines Ereignisses in der werden. Eigentlich war es gerade die tabulose
Wissenschaft braucht es im Extremfall – z. B. in der Verwendung des Begriffs des Kommunismus in
Mathematik – einen einzigen anderen Wissen- „Empire“, was einen Teil des Interesses an dem
schafter. Während es für die Politik entscheidend Buch erklärt.
ist, dass die „Leute unterschiedslos zu dem Denken,
welches das politische Subjekt nach dem Ereignis Alain Badiou und die Demokratie
konstituiert, befähigt sind“ (ebenda), ist das für die
Wissenschaft (und auch für die anderen Wahr- Alain Badiou und die Organisation, die er mit-
heitsprozeduren) nicht notwendig. Badiou bezeich- begründet hat – die „Organisation politique“ –, ist
net deshalb die Wissenschaft (neben der Kunst und einer der schärfsten Gegner des Diskurses über den
Liebe) als aristokratische Wahrheitsprozeduren. demokratischen Staat, wie die zu Beginn des
Artikels angeführten Zitate zeigen. Badiou meint
Im Gegensatz zu den Darlegungen von Badiou auch in verschiedenen Interviews und Artikeln, die
gibt es für mich Wahrheitsprozeduren auch in der leider nur auf Französisch vorliegen, dass es eine der
gesellschaftlichen Produktion – Produktion im um- wichtigsten Aufgaben der Philosophie sei, das
fassenden Sinn ähnlich wie bei Negri und Hardt Denken der Demokratie, so wie es in der gegenwär-
skizziert. Das Entstehen der „free software“ zeich- tigen Situation des Kapitalismus als subjektiver
net alles aus, was nach Badiou ein Ereignis kenn- Fetisch auftritt, zu untersuchen.
zeichnet: Aus einem benannten Ereignis – hier wir
machen free software – entsteht eine Wahrheits- Im Zentrum steht dabei der Gedanke, dass es
prozedur im Denken der Militanten der „free soft- keinesfalls ausreicht, um die herrschenden
ware“, die diesem Konzept die Treue halten. Der Ideologien zu verstehen, von der Kritik des
Prozess der Produktion von „free software“ zeigt Kapitalismus auszugehen. Die Kritik des
die Wahrheit der Produktion von Software generell Neoliberalismus, des Horrors der Ökonomie gehö-
– nämlich den kooperativen Charakter, der mit re zum Repertoire der „kritischen“ Presse, darüber
Markt und Austausch nichts zu tun hat. Es ist hier werden Bestseller geschrieben. Diese Kritik sei aber
nicht der Platz, im Detail diese philosophische laut Badiou wirkungslos und führe im besten Fall zu
Metaüberlegung in allen Facetten nachzuzeichnen, Reformvorschlägen, die grundsätzlich nichts ändern
was aber entscheidend ist: Auch die „free software“ und weitgehend illusorisch seien. Die dominante
ist überwiegend eine aristokratische Wahrheits- Ideologie sei aber die Demokratie. „Die Demokratie

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ist ein Tabu, sie ist der wichtigste Fetisch Laut Badiou ist es „keineswegs die blo-
des allgemeinen Einverständnisses. Sie ist ße Macht des Status der Situation (für
das wirkliche subjektive Prinzip der Badiou die „staatliche“ Metastruktur), wel-
Bindung an den liberalen Kapitalismus che die egalitären Politiken unmöglich
überall in der Welt.“21 Andererseits versucht macht, sondern die Dunkelheit und
auch Badiou und die „Organisation politi- Maßlosigkeit, mit der sich diese Macht um-
que“, ihren eigenen Begriff von gibt. Erst wenn das politische Ereignis eine
Demokratie praktisch werden zu lassen Klärung, eine Fixierung, einen Nachweis
und ihn nicht einfach der herrschenden dieser Macht autorisiert, ist, mindestens lo-
Meinung zu überlassen. kal, die egalitäre Maxime praktikabel.“ (S 9
159) Die Freiheit ist für Badiou aber genau
Badiou sieht den Begriff der Demo- dieses Distanzschaffen zum Staat und die
kratie abseits der Staatsform als „ein(en) Gleichheit die egalitäre Maxime einer poli-
stets singuläre(n) Ausgleich zwischen tischen Prozedur. Beispiele für die singulä-
Freiheit und Gleichheit.“ (ebenda S 161) ren Namen, die die Demokratie annimmt,
Gleichheit ist dabei für Badiou nicht ein waren daher für ihn die „Sowjets“ oder die
(staatlicher) Zustand oder Programm, son- “befreiten Zonen“ in China und sind heute
dern Inhalt jeder politischen Wahr- z. B. die Zapatisten, die Sammlungsbewe-
heitsprozedur, die gekennzeichnet ist gung der Kollektive von Arbeitern ohne
durch eine egalitäre Maxime, wie sie „jeder Papiere – sans papier und die Organisation
Emanzipationspolitik“ eigen ist. Diese ega- politique.
litäre Maxime ist aber erst möglich, wenn
„der Staat konfiguriert, auf Distanz ge- Badiou will den Begriff Demokratie für
bracht, gemessen ist.“ (S 159). Wesentliches die Politik in Distanz zum Staat retten und
Kennzeichen des Staates ist nämlich – diese gleichzeitig das Ende der Politik der
Überlegungen basieren auf seinen Theorien Staatsmacht und Parteien deklarieren.
der mathematischen Mächtigkeiten von Demokratie „im starken Sinn“ wird daher zu
Präsentation und Repräsentation (Staat)22 – etwas, das weder mit Wahlen noch mit
die nicht messbare Mächtigkeit der staat- Parteien noch mit dem Staat etwas zu tun
lichen Übermacht: „Heute (…) wird jede hat.
egalitäre Politik im Namen einer maß- und
begriffslosen Notwendigkeit der liberalen In dem Papier „Was ist die Organisation
Ökonomie unmöglich gemacht und für ab- politique - OP“ (auf französisch: http://or-
surd erklärt. Charakteristisch für diese gapoli.net/spip.php?article86) wird deshalb
blinde Macht des entfesselten Kapitals ist versucht, den Begriff der Demokratie für die
jedoch eben, dass sie an keinem Punkt eigene Politik zu definieren. Die zentrale
messbar und fixiert ist. (…) Sie ist über- Idee dabei ist, dass in bestimmten
mächtig.“ Eine politische Präskription Situationen, in denen politische Möglich-
(Vorschrift) kann das Irren des staatlichen keiten erkennbar sind, sich diejenigen orga-
Machtexzesses unterbrechen und „es wird nisieren, die diese Möglichkeit abseits jeder
möglich, in militanten Parolen einen freien Parteipolitik oder der Errichtung einer eige-
Abstand zum Staat herzustellen und zu kal- nen Partei annehmen wollen. Diese
kulieren.“ (Seite 157) Beispiele solcher Situationen sind eingeschränkt und die OP
„Parolen“ in der Vergangenheit sind für betrachtet es als eine der Krankheiten der
Badiou die bolschewistische Insurrektion „Oppositionellen“ im Sinne der parlamenta-
von 1917, die zeigen konnte, dass der zari- rischen Demokratie, das sie über alles, was
stische Staat mit seiner nicht messbaren passiert, etwas sagen zu müssen glauben.
Machtfülle, in der Situation von 1917 durch
den Krieg bedingt, ein schwacher Staat ist. Für die Situationen, in denen die
Oder ein anderes Beispiel: Die Fixierung Möglichkeiten politischer Interventionen
der Staatsmacht, wie sie– beschrieben in erkannt werden, gibt es einen Ort (lieux);
den 30er Jahren von Mao in der Schrift so gibt es für die Politik, dass jeder
„Warum kann die rote Macht in China exi- Arbeiter, auch wenn er gerade ins Land ge-
stieren“ – gelang, in welcher er die Staats- kommen ist, gleich viel zählt (jeder, der hier
macht unter Führung der Kuomintang als ist, ist von hier), „die Versammlung des
stark, aber nicht in der Lage, die roten Kollektivs der Arbeiter ohne Papiere“.
Gebiete vollständig zu zerschlagen, be- Dieser Ort ist für die OP demokratisch im
schrieb. starken Sinn:

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Das Kollektiv, das sich zusammenschließt handelt Die Auseinandersetzung mit „Demokratie“ lohnt
nach dem Prinzip: „Komme, wer wolle“, und be- sich!
schließt nach einer intensiven methodischen
Diskussion die Etappen der Politik und die Aktionen, Wie schon im ersten Teil des Artikels beschrie-
die gemacht werden sollen. Dabei kann jeder reden ben zeichnen sich Diskussionen unter Linken über
und jeder nimmt an den Entscheidungen teil. Dafür „Demokratie“ – falls sie überhaupt stattfinden – da-
ist weder eine Delegation noch eine Repräsentation durch aus, dass einander scheinbar völlig widerspre-
notwendig, denn es kommt derjenige, der kommen chende Positionen eingenommen werden. Bei weni-
will - die Kollektive habe keine Delegierten –, und es gen Themen wird derart aus dem Bauch heraus ar-
9 gibt keine Wahl. Im Laufe der Diskussion gibt es ent- gumentiert wie beim Thema „Demokratie“. Wie der
weder eine Entscheidung, die für alle klar ist oder alle Artikel zu zeigen versucht, sind diese Divergenzen
sind der Meinung, dass man noch suchen muss, um in zum Teil dem Thema selber geschuldet. „Demo-
der Lage zu sein, zu entscheiden. kratie“ hat unzählige Facetten und widersprüchliche
Bestimmungen. Gleichzeitig wird es aber immer
Dieser Ort der Politik ist vollständig außerhalb klarer, dass ohne eine breite Debatte über
des Staates, seines Apparates, seiner Institutionen. „Demokratie“ und ohne konkrete Einschätzung ih-
Der Ort ist deshalb frei und eine Schöpfung derje- rer Bedeutung in den herrschenden Diskursen die-
nigen, die dieser Ort ausmacht. Diese demokrati- ses Feld vollständig den Apologeten des
sche Politik, die Sequenz, hat– so sehen es die OP Kapitalismus überlassen wird. Die Auseinander-
und Badiou - einen Anfang und ein Ende; sie hört setzung mit „Demokratie“ ist daher wichtig und
auf, wenn der Ort aufhört, zu existieren. Daher gibt lohnt sich. 23
es parallel und hintereinander eine Reihe von sol-
chen Sequenzen an unterschiedlichen Orten. Daher ist die Wiedereinführung dieses Begriffs
in die Debatte in den Büchern und Artikeln von
Wenn man eine Politik vom Standpunkt des Negri, Badiou und anderen zu begrüßen. Die
Staates macht, dann – meint die OP – verstümmelt Beiträge von Negri und Hardt, aber auch die von
und unterdrückt man die Vielfachheit der Orte zu Badiou zeichnen sich dadurch aus, dass sie
Gunsten der Einheit des Ortes der Macht. (Bei den „Demokratie“ nicht auf Parlamentarismus be-
Stalinisten, der KPF ist der Ort der Macht die schränken, sondern zu entwickeln versuchen, was
Partei, bei den parlamentarischen Parteien der Staat Demokratie für die Selbstorganisierung der
selbst – so die OP.) Die Vielzahl der nicht staat- Militanten bedeuten könnte; sie versuchen
lichen Möglichkeiten von Politik zuzulassen und Demokratie zu einem Begriff zu machen, um den zu
geeignete Orte zu konstruieren, darin liege die kämpfen es sich lohnt.
Macht ihrer Politik. Die OP selbst solle die
Verbindung zwischen verschiedenen Sequenzen und Beide Ansätze sind sehr unterschiedlich:
daher Orten herstellen. Da die OP ausschließlich Während Negri und Hardt mit Demokratie einfach
entlang der Sequenzen mit ihren Orten organisiert an die Vorstellung des Kommunismus anschließen,
ist, kann man mit der Demokratie am Ort rechnen: deren kapitalistisch verzerrte Form auch schon an
Jeder spricht in seinem eigenen Namen, jeder einer Reihe postfordistischer Produktionsver-
schätzt ab, was er macht, wobei ein Prinzip der OP hältnisse zu Tage träte, haben die von Badiou mitge-
ist, dass jeder die Konsequenzen aus dem, was er be- stalteten Demokratiekonzepte der Organisation
reit ist zu tun, selber ziehen muss. Die Militanten politique viel Ähnlichkeit mit Konzepten, die ehe-
der OP sind also diszipliniert durch ihr Denken und mals als Basisdemokratie bezeichnet wurden. Was
die Konsequenzen der Situation und nicht durch die aber beide Darstellungen auszeichnet, ist, dass sie
formale Disziplin einer Organisation. In der OP das Thema der Repräsentation nur beim Staat pro-
gibt es keine Hierarchien. Die Militanten der OP blematisieren. Die Demokratie der Multitude, die
wählen frei den oder die Prozesse, in denen sie totale Demokratie scheint überhaupt keine
Untersuchungen machen, sich mit den Leuten zu- Institutionen zu benötigen und daher stellt sich das
sammenschließen, Versammlungen einberufen, Problem Repräsentation nicht, bei der Organisation
Ziele vorschlagen, etc. politique von Badiou wird wiederum kein Wort über
informelle Institutionalisierungen und Macht-
Dieser kurze Überblick über die OP zeigt, dass verhältnisse verloren, obwohl es gerade letztere wa-
Badiou und die GenossInnen der OP trotz oder ren, welche die Grenzen basisdemokratischer
vielleicht auch wegen ihrer radikalen Kritik der par- Organisierung zeigten.
lamentarischen Demokratie auf diesen Begriff und
seine Entwicklung in ihrer eigenen Organisation Dennoch: die Debatte ist eröffnet. Sowohl eine
nicht verzichten wollen und ihn sogar ganz zentral gründliche und radikale Analyse der Demokratie als
in den Gegensatz zum Staat stellen. Staatsform, der Demokratie als postkapitalistischer

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heißt Stabilität des Ausbeutungssystems, was ein nur zögerli-
Form der Vergesellschaftung als auch als praktischer
ches Umsetzen von üblichen demokratischen Einrichtungen
Erprobung politischer Konzepte, in denen man den bedingt. Wenn man die Debatten zwischen den Flügeln in der
Begriff der Demokratie in einen anderen Kontext chinesischen KP und ihrem Umfeld in diesem Sinn liest, dann
stellt, sind notwendig. Dieser Artikel hofft, dazu geht es dabei meist um die Frage, wie schnell die Einführung
Anstöße gegeben zu haben. weniger starrer Mechanismen erfolgen soll, um mehr
Flexibilität bei Aufrechterhaltung der Herrschaft zu errei-
chen. Meine Einschätzung ist, dass es – nicht unähnlich zu
E-Mail: francois.naetar@gmx.at
Singapur oder Malaysia – zu einem langsam sich erweiternden
Pluralismus der Strömungen und Parteien (?) kommen wird,
wenn nicht die Revolten und Aufstände diesen Plänen ein
Anmerkungen: Ende bereiten. 9
9 Dagegen könnte eingewendet werden, dass die
1 Weiter heißt es in dem Zitat: „Der Übergang vom Wahlbeteiligung in der Regel von Wahl zu Wahl sinkt. So wird
Kapitalismus zum Kommunismus muss natürlich eine unge- auch in nicht wenigen Publikationen der autonomen und an-
heure Fülle und Mannigfaltigkeit der politischen Formen her- archistischen Linken jeder neue Rekord an Wahlabstinenz als
vorbringen, aber das Wesentliche wird dabei unbedingt das ei- Anzeichen gedeutet, dass die Bevölkerung sich von ihren
ne sein: die Diktatur des Proletariats. (Staat und Revolution, Illusionen in das System verabschiedet. Nun zeigt aber die
Lenin Werke Bd. 25, http://www.mlwerke.de/le/le25/ USA, dass auch bei 40 Prozent Wahlbeteiligung die
le25_413.htm ) Legitimität der Herrschaft nicht wirklich in Bedrängnis
2 Thema des Seminars war: „Widerstand, Aufstand & kommt. Obwohl Bush von kaum mehr als 20 Prozent der
Konstituierende Macht, Demokratie, oder: Ist eine (revolu- Bevölkerung gewählt wurde, wird die Legitimität dieses
tionäre) Politik möglich?“ Herrschers vom Großteil der Bevölkerung nicht in Frage ge-
3 Bedingt durch die Ideologien der Neokonservativen in den stellt. Wie die ebenfalls sehr geringe Wahlbeteiligung im ehe-
USA und ihrer Ableger in Europa über „die demokratische maligen Ostblock eingeschätzt werden soll, ist für mich of-
Neuordnung des Nahen Osten“ in Form von so genannten fen. Was meiner Meinung nach jedenfalls eine Untersuchung
Präventivkriegen, hat das Thema „Demokratie“ nicht nur bei zeigen würde, ist, dass sowohl im Westen wie im Osten gera-
den „grundrissen“ an Aktualität gewonnnen. Diverse linke de diejenigen Teile der Bevölkerung, die meinen, dass das „ka-
Websites und Gruppen-Blogs haben sich des Themas ange- pitalistischen System“ überwunden werden soll und kann, in
nommen. Unter anderen: wesentlich größerem Ausmaß wählen gehen als der
http://postdemocracy.org/category/post-democracy/ Durchschnitt der Bevölkerung. Eine wirkliche Analyse dieses
http://culturemachine.tees.ac.uk/Articles/neilson.htm Phänomens und Schlussfolgerung daraus für die Praxis der
http://www.long-sunday.net/long_sunday/democracy/in- Linken fehlt jedenfalls.
dex.html 10 In Italien fand 2005 ein Seminar über „Demokratie und
4 Eine interessante Frage ist, wieso am Höhepunkt des Kalten Krieg“ statt, an dem neben Tronti und Negri auch noch ande-
Krieges in der Regel eher der Begriff der Freiheit in Stellung re ehemalige Operaisten teilnahmen: http://www.globalpro-
gebracht wurde – „Der freie Westen ist …, der freie Westen ject.info/art-3436.html. Leider sind die Reden nur auf italie-
meint …“, etc. war der übliche Stehsatz in jedem Artikel und nisch verfügbar: “L’Enigma Democratico”, veröffentlicht als
Radioprogramm – während demokratisch erst an zweiter „Per la Critica della Democrazia Politica“, in: M. Tarì (Hg.),
Stelle verwendet wurde. Guerra e Democrazia, Sammelband, Rom, manifestolibri. In
5 Das Empire konstituiert sich nach Hardt/Negri aus drei diesem Seminar sagt Tronti in einer Gegenposition zu Negri
Schichten der Macht, die in Form einer Pyramide angeordnet – zitiert nach Angela Mitropoulos und Brett Neilson,
sind; oben: die monarchische Macht und ihr globales „Cutting Democracy’s Knot“ in http://culture-
Gewaltmonopol (die USA), darunter: die aristokratische machine.tees.ac.uk/Articles/neilson.htm –, er besteht darauf,
Macht der transnationalen Firmen und Nationalstaaten und „dass die Zeit gekommen ist den ,Knoten der Demokratie‘ zu
an der Basis: die demokratisch-repräsentionalen durchtrennen. Historisch zeigt die Demokratie sowohl eine
Vereinigungen in Form wiederum der Nationalstaaten zusam- Praxis der Herrschaft als auch ein Projekt der Befreiung. In
men mit verschiedenen Arten von NGOs, Zeiten von Krise und Ausnahme kommen diese beiden
Medienorganisationen und anderen. Aspekte in Konflikt. In der gegenwärtigen Zeit jedoch – die
6 ebenda S 132, im Buch wird „militant“ mit Kämpfer über- für Tronti eine Periode der Normalität ist –, verbinden sich
setzt. Ich ziehe die Übersetzung Militante vor. diese beiden Aspekte. (…)Es gibt nicht zwei Gesichter der
7 Der Versuch der möglichst vollständigen bürokratischen Demokratie, sondern eine Verknüpfung beider. Mehr noch:
Kontrolle der ProduzentInnen in den „sozialistischen“ Heute besteht ein derartiges Ungleichgewicht in diesen
Ländern (und auch das teilweise Fehlen der Zwänge eines Beziehungen, dass nur der Aspekt der Herrschaft evident ist.
Arbeitsmarktes) war sicherlich der wichtigste Faktor der Das ist der Grund – für Tronti – warum der Knoten der
Unterlegenheit dieser Länder in der Konkurrenz am Demokratie nicht mehr entwirrt (…), sondern nur mehr
Weltmarkt. durchtrennt werden kann.“ Weiter meint er, dass „die Kritik
8 Im Gegensatz zu verschiedenen weit verbreiteten der Demokratie tief verbunden ist mit der Wiederbegründung
Einschätzungen über die Herrschaft der Kommunistischen und dem Neudurchdenken der Freiheit. (…) Die Demokratie
Partei Chinas bei gleichzeitiger Einführung eines kapitalisti- ist nicht länger das beste der schlechten politischen Systeme,
schen Treibhauses meine ich, dass ein wichtiger Teil der sondern der Horizont, an dem sich die Bedeutung von Politik
Kapitalisten, Bürokraten und Politiker sich der Probleme, das erschöpft, (…) der Triumph der Ökonomie über die Politik.
ihr starres politisches System hat, sehr wohl bewusst ist. (…) Nicht Kapitalismus als solcher hat die Arbeiterbewegung
Hauptkennzeichen dieser Starrheit ist, dass relativ kleine besiegt, sondern die Demokratie: Die Arbeiterbewegung hat
Konflikte schnell eskalieren. Neben dem Wunsch, durch ei- sicherlich Änderungen des Kapitalismus erzwungen, aber wie
nen Übergang zu demokratischen Staatsformen nicht von ei- sich herausstellt, wurde sie durch die Demokratie umge-
ner Konkurrenz aus den Ämtern der Macht entfernt zu wer- bracht. Dafür gibt es zwei Symptome: die Gleichsetzung des
den – den ja jede demokratisch herrschende Schicht auch hat homo democraticus mit dem homo oeconomicus und nicht
– ist es die Angst vor dem Verlust der Stabilität im Lande, das

Wie hältst Du es mit der Demokratie? Franz Naetar


grundrisse_20 _2006 seite_57
zuletzt der Aufstieg der Gesellschaft der Eigentümer – der „open source“-Lizenzen indirekt ein solches Vorgehen und
Massenbourgoisie –, die ihren Ausdruck in den aktuellen apo- das ist auch der Grund, warum Firmen wie IBM und andere
litischen Systemen findet. (…) Demokratie ist so vollständig Milliarden an Entwicklungen der „open source“-community
verkörpert in der gegenwärtigen Situation, dass es nicht mehr schenken: Sie bekommen mit Hilfe tausender für sie kosten-
möglich ist, die symbolische Ordnung wiederherzustellen, die los arbeitender Entwickler eine stabile Basis, auf der sie ihre
früher von diesem Wort beschworen wurde.“ (Übertragung eigenen kommerziellen Entwicklungen aufsetzen können.
fn) 19 Ein solcher Fork erinnert daher ein wenig an
11 Zu Recht wurde deshalb die ständige Flucht aus dem Austrittsbewegung aus großen politischen Parteien, wie es z.
Ostblock und der Versuch, dies zu verhindern, als Zeichen B. der Austritt der Bolschewiken aus der Zweiten
der Schwäche der dortigen Herrschaft gedeutet. Internationale war.
12 Die Federalist Papers sind eine Serie von 85 Artikeln und er- 20 Treue ist immer etwas besonderes, sie ist kein subjektives
schienen 1787/88 in verschiedenen New Yorker Zeitungen. Merkmal oder eine Tugend. Sie ist die Menge der Schritte und
9
Sie dienten vorrangig als Verteidigungsschrift der 1787 in Interventionen, die in einer konkreten Situation unternom-
Philadelphia entworfenen, aber noch nicht in Kraft getrete- men werden, um der Benennung des (zufälligen) Ereignisses
nen Verfassung für eine amerikanische Union. Verfasst wur- gerecht zu werden. Als Beispiel: die Treue in einer Liebe ist
den die Artikel von John Jay, James Madison und Alexander die über die Zeit hinweg feststellbare Differenz, welche die
Hamilton (aus: Folgewirkungen der Liebe vom gewöhnlichen Gang der
http://de.wikipedia.org/wiki/Federalist_Papers ). Dinge – ohne Liebe - unterscheidet. Badiou meint, dass diese
13 Checks and balances ist eine Bezeichnung für die gegenseiti- Interventionen ein Subjekt konstituieren und nennt diesen
ge Kontrolle (checks) von Verfassungsorganen eines Staates, Prozess Wahrheitsprozedur. Wahrheit deshalb, weil alle diese
zur Herstellung eines dem Erfolg des Ganzen förderlichen Interventionen an einer Wahrheit gearbeitet haben werden;
Systems partieller Gleichgewichte (balances), zunächst im im Beispiel oben z.B. der (unendlichen, nicht abschließbaren)
Wesentlichen, um einer Diktatur vorzubeugen. Analytisch Wahrheit dieser Liebe.
entstammt die Betrachtungsweise bereits der Antike, nämlich 21 Interessanterweise deckt sich sein Urteil dabei weitgehend
der Analyse des römischen Verfassungslebens durch den grie- mit dem von Tronti, der mit anderen Argumenten zu fast
chischen Historiker Polýbios. Dieses Prinzip, das in der identischen Schlussfolgerungen kommt. (Siehe die Fußnote
Aufklärung 1748 (im Geist der Gesetze) von Montesquieu weiter oben.)
neu aufgegriffen worden ist, wurde 1789 erstmals in der 22 Was über das, was es gibt, ausgesagt werden kann, hat für
Verfassung der USA festgeschrieben (aus: http://de.wikipe- Badiou, wenn von jeden konkreten Merkmal abstrahiert wird,
dia.org/wiki/Checks_and_balances). die Form einer Mannigfaltigkeit von Mannigfaltigkeiten.
14 Negri unterstützt bekanntlich die Versuche der europäischen Erstere bezeichnet Badiou als in der Aussage präsentierte
Mächte (der Aristokratie des Empires), den Versuchen der Situation. z. B. die Mannigfaltigkeit „Österreicher“ ist aus
Usurpation des Empires durch die USA Widerstand zu lei- den Mannigfaltigkeiten „Huber“, „Meier“ etc. zusammenge-
sten. Sind diese Bemerkungen der Metadialog dazu? setzt, die ihrerseits Manigfaltigkeiten sind. Den Zustand
15 Clinamen ist der Name, den Lucretius den spontanen mikro- (englisch und französisch ist Zustand = state/état und Staat
skopischen Abweichungen der Atome vom vertikalen Fall = state/état dasselbe Wort) oder die Metastruktur über
gab. Nach Lucretius würde ohne Clinamen „kein „Österreicher“ definiert Badiou als die Menge aller
Zusammenstoß der Atome stattfinden und keine Wirkung Teilmengen der ursprünglichen Menge „Österreicher“. Eine
der Atome aufeinander würde entstehen. Die Natur hätte nie Teilmenge wäre z. B. die Österreicher, die unter 800,- Euro
etwas kreieren können.“ verdienen. Der Zustand ist dann die Menge aller möglichen
16 Metapolitik, S 92, Alain Badiou, diaphanes Teilmengen. Ein fundamentaler Satz der axiomatischen
17 Wie bei allen Modellen, die in bestimmten Wissensgebieten Mengenlehre besagt nun, dass diese Menge aller Teilmengen
entstehen, werden auch die konzeptionellen Bilder der (die Potenzmenge = für Badiou die Metastruktur oder
Hirnforschung durch herrschende Paradigmen beeinflusst. Repräsentation) eine nicht deduktiv ermittelbare Mächtigkeit
Die Paradigmen (oder eher Ideologien) des hat. In den 60er Jahren hat aber der Mathematiker P. J. Cohen
„Neoliberalismus“ und des liberalen Kapitalismus generell bewiesen, dass man durch ein eingreifendes Verfahren er-
sind gekennzeichnet von der Polemik gegen zentrale admini- zwingen kann – Cohen nennt das forcing –, dass die
strative Konzepte und Begeisterung für das freien Spiel der Mächtigkeit der Potenzmenge je nach der Art des forcing ei-
Kräfte (des Marktes). Widerspiegeln die neueren Konzepte nen bestimmten Wert annimmt.
des Gehirns ohne zentrale Schaltstelle nicht gerade die 23 Mehr Substanz hatte bisher die Debatte über einen Teilaspekt
Konjunktur dieser Neuauflage liberaler Theorien? von „Demokratie“, nämlich das Thema Rechte, betrachtet als
Umgekehrt: In den Universitäten, die sich mit kognitiven Menschenrechte, Rechte der Frauen, Emigranten, Lesben und
Systemen „am Rande des Chaos“ wie dem Gehirn beschäfti- Schwulen usw. Die Beziehung zwischen „Demokratie“ und
gen, wird meist auch in Richtung Markt als System geforscht „Rechte“ haben wir in diesen Artikel nur am Rande behandelt.
– inklusive der Apologie des Kapitalismus als Realisierung ei- Generell zeichnet „Rechte“ aus, dass sie vom Staat gewährt,
nes sich selbst organisierenden Systems. Das heißt, dass das garantiert werden und im Wesentlichen nur für die
Beispiel, das Negri und Hardt bringen, auch von den Staatsbürger gelten. Ausländer, legale und illegale Migrant-
Apologeten des Kapitalismus verwendet wird, um die Über- Innen sind von der Mehrzahl der „Rechte“ ausgeschlossen.
einstimmung des herrschenden ökonomischen Systems mit Schon Hannah Arendt wies darauf hin, dass es für einen
anderen (natürlichen) Systemen wie dem Gehirn zu zeigen. Staatenlosen oder sonstigen nicht anerkannten Bewohner ei-
(siehe z. B. die Forschungen des multidisziplinären Instituts nes Landes einen Vorteil darstellt, als Straftäter ins Gefängnis
in Santa Fe : http://www.santafe.edu/index.php ) zu kommen, da er dort bestimmte Rechte hat, die ihm z. B. in
18 Dieser Zwang zur Offenlegung ist der Grund, warum nicht Abschiebehaft oder Internierungslagern fehlen. Wie in Öster-
aus kommerziellen Gründen ein Fork begonnen wird. Wäre reich selbst die primitivsten Rechte mit Füßen getreten wer-
dieser Zwang nicht vorhanden, würden kapitalistische den, sieht mensch an der seit Jänner gültigen Regelung für
Unternehmen die vorhandene Lösung nehmen, um einige Ehen von Österreichern mit AusländerInnen, bei denen letz-
wichtige Funktionen erweitern und das ganze als normales tere ohne jedes Verfahren jederzeit in (Schub-)Haft genom-
Produkt auf den Markt bringen. Tatsächlich erlauben einige men und abgeschoben werden können.

Franz Naetar Wie hältst Du es mit der Demokratie?


seite_58 grundrisse_20_2006
MIT NACHDRUCK
Im Artikel „Wie hältst Du es mit der Demokratie“ in diesem Heft wird an mehreren
Stellen auf die „Organisation politique“ Bezug genommen. Die Organisation war in den letz-
ten Jahren vor allem im Umfeld der „Sans Papiers“ aktiv. Um ein klareres Verständnis einer
möglichen, praktischen Auseinandersetzung mit den philosophisch-theoretischen Schriften
Badiou’s zu bekommen (zu dessen Arbeit im Umfeld der grundrisse ein Arbeitskreis ent-
stand), möchten wir hier eine Selbstdarstellung der „Organisation politique“ aus dem Jahre
10
2001 abdrucken. Das in französisch verfasste Original ist abrufbar unter
http://orgapoli.net/spip.php?article86

Übersetzt von Birgit Mennel und überarbeitet von Franz Naetar.

Was ist die Organisation politique?


1. Die Situation in unserem Land, Frankreich, ist tionaler, sondern auch europäischer und weltweiter
ganz und gar nicht gut. Die Regierungspolitik der Ebene.
letzten Jahrzehnte – ob rechts oder links, von
Giscard d’Estaing oder Mitterand, von Jospin oder 3. Einige werden nun sagen: „Das was ihr sagt,
Chirac hat vier Charakteristika: Erstens dient sie ist sehr kritisch. Aber es sind nicht allzu viele, die so
unter dem Vorwand der „Notwendigkeit“ und der reden. Im Umfeld der von euch so heftig kritisier-
„Wirtschaftswissenschaft“ zugleich der Börse und ten Regierungspolitik, gibt es eine Art Konsens; im
den Finanzkreisläufen sowie dem Profit der Großen und Ganzen sind die Menschen mit dieser
Aktionäre und Eigentümer. Zweitens ist sie unter Politik einverstanden, jedenfalls stimmen sie bei den
dem Vorwand der Restrukturierung, der 35-Stunden Wahlen für Jospin oder Chirac. Das ist Demokratie.
Woche und der Drohung durch die Arbeitslosigkeit Und außerdem: Die Situation ist anderswo doch
eine den ArbeiterInnen feindliche Politik. Drittens viel schlimmer.“
verhält sie sich unter dem Vorwand der Rentabilität,
der Modernität und der Globalisierung feindlich ge- 4. Zunächst halten wir Folgendes fest: Dass die
gen jedes kritische Denken, und verlangt, dass alle Situation woanders schlimmer ist, ist wirklich nur
und insbesondere die Intellektuellen entweder apo- ein Argument für Schwachköpfe oder Denkfaule.
litisch sind oder sich dem Staat unterwerfen. Dies verhindert keinesfalls, dass die Situation hier
Viertens hat die Politik unter dem Vorwand des sehr schlecht ist und unbedingt verändert werden
Weltfriedens, des Friedens in Europa und der muss. Dass es woanders grausame Diktaturen gibt,
„Menschenrechte“ ein völlig serviles Verhältnis zu beweist keinesfalls, dass wir hier in „Demokratie“
den USA und zur Nato. leben. Dass dies nicht der Fall ist, werden wir weiter
unten noch ausführen. Um zu sagen, dass Frank-
2. Unser Land lässt sich wegen dieser staatlichen reich heute ein demokratisches Land ist, muss man
Politik folgendermaßen beschreiben: ungezügelter eine sehr schwache Vorstellung von Demokratie ha-
Kapitalismus, Verfolgung von ArbeiterInnen, insbe- ben. Eine Vorstellung, die wenig vom politischen
sondere der unlängst aus Afrika kommenden, Denken der Menschen hält.
ProletarierInnen, Herabsetzung sowohl der
Intellektuellen wie auch des Denkens, Abwesenheit 5. Dem fügen wir hinzu, dass die Anzahl nichts
jeder politischen Selbständigkeit nicht nur auf na- zur Sache tut. Nur eine geringe, ja sogar nur eine

Was ist die Organisation politique? Organisation politique


grundrisse_20_2006 seite_59
sehr geringe Zahl von Menschen behielt hinsichtlich Fähigkeit der Menschen, von dem, was sie denken,
der wichtigsten Probleme in der Vergangenheit sowie von dem was sie bereit sind mit ihrem
Recht gegenüber dem Konsens der Mehrheit. Im Denken zu tun.
Jahr 1940 war eine Handvoll Widerstands-
kämpferInnen im Recht gegenüber der Petain’schen 10. Die Politik der Organisation politique ist
Resignation der großen Mehrheit. Im Jahr 1956 be- von der zweiten Art: Wir sagen, es handelt sich da-
hielt eine Handvoll GegnerInnen des Algerien- bei, um eine Politik vom „Standpunkt der Menschen“
krieges Recht gegenüber der mit großer Mehrheit und nicht des Staates.
gewählten Linksregierung, die den Frieden ver-
sprach und bis zum bitteren Ende weiter Krieg führ- 11. Die im Staat begründeten Politiken organi-
te. Die numerische Mehrheit ist im Allgemeinen im sieren sich zwangsläufig in Parteien wie etwa jene
10 Unrecht, ganz einfach weil sie resigniert hat gegen- der sozialistischen bzw. der kommunistischen
über einer Politik, die nicht die ihre ist; weil die nu- Partei, des Rassemblement pour la republique1, der
merische Mehrheit Politik nicht unabhängig denkt, Union pour la démocratie française2, den Grünen,
sondern der regierenden Macht folgt. In dem der Front National, der Ligue communiste revolu-
Moment, in dem eine gerechte Idee auftaucht, wird tionnaire (Revolutionäre kommunistische Liga), der
sie von einer sehr kleinen Zahl von Menschen getra- Lutte ouvrière (Arbeiterkampf) etc. Die Partei ist
gen. Und während einer sehr langen Zeitspanne nötig, um Wahlkampagnen durchzuführen, die Orte
muss insbesondere in der Politik die gerechte, die der Macht in der Regierung oder im Staat zu er-
freie Idee gegen die herrschenden Ideen kämpfen. obern und darüber zu verhandeln, sowie um, noch
in der Opposition, Allianzen zu bilden.
6. Dies ist kein Grund, die Hände in den Schoß
zu legen: Die Situation wird immer dann schlimmer, 12. Eine Politik, die ihren Ausgang nimmt von
wenn unter dem Vorwand, dass die Mehrheit resig- den Menschen und dem, was sie denken, ist organi-
niert hat, niemand etwas unternimmt. Wir sagen es siert (denn Politik ist immer kollektiv und organi-
noch einmal: Die Situation in diesem Landes unter siert). Daher gibt es die Organisation politique.
der Regierung Jospin und der Präsidentschaft Aber es handelt sich dabei um keine Partei. Wir su-
Chirac reicht von mittelmäßig bis sehr schlecht. chen tatsächlich keinen Ort der Macht, auch keinen
Momentan stehen einzig eine kleine Zahl militanter solchen Ort in der Opposition, die darauf wartet die
Intellektueller und neu angekommener Proletarier- amtierende Politik zu ersetzen; wir präsentieren uns
Innen für eine andere Politik und ihre Zukunft ein. auch niemals bei Wahlen. Vielmehr arbeiten wir in
Sie allein präsentieren die wirkliche politische realen Situationen, wie etwa in ArbeiterInnen-
Freiheit in diesem Land. Die Situation wäre spürbar heimen, Fabriken oder bestimmten internationalen
schlimmer, wenn sie aufgäben. Situationen und Meinungsdebatten. In dieser Arbeit
spricht jede(r) in ihrem (seinem) Namen und die
7. Wir laden euch daher lieber ein, diese kleine Politik ist eine geteilte. Das bedeutet, dass nicht die
Zahl zu vermehren. Das heißt: Wir laden euch dazu Organisation politique die Quelle der Politik ist. In
ein, das Denken und die politische Praxis der bereits jedem einzelnen Fall handelt es sich um kollektive
Engagierten zu teilen; um in vollkommener Distanz Entscheidungen, die nicht aus einem Programm, ei-
im Verhältnis zur verabscheuungswürdigen Politik ner Wahlstrategie resultieren, sondern durch die po-
von Jospin/Chirac, siegreiche politische Schlachten litische Diskussion selbst erzeugt werden. Denn es
zu führen. geht darum, unbekannte Möglichkeiten in der
Situation zu entdecken und daraus die aktuelle poli-
8. Wir können und müssen unserer Politik Kraft tische Losung zu machen. Und diese Arbeit (eine
(puissance) und Macht (pouvoir) geben. Es handelt Möglichkeit entdecken, ihrem Inhalt eine Form ge-
sich dabei keineswegs um die Staatsmacht, sondern ben und Aktionen für ihre Realisierung überlegen)
vielmehr um eine ganz reale Kraft, die gleicherma- ist die Arbeit all jener, die am Prozess teilhaben, die
ßen uns selbst sowie bestimmte Situationen angeht. wünschen, sich in die Situation einzumischen.
Es handelt sich um die mögliche Kraft des Denkens
der Menschen in Bezug auf die blinde Staatsmacht. 13. Im Grunde basieren alle Politiken, die vom
Es handelt sich um die Kraft der Politik gegen die Staat und nicht von den Menschen ausgehen, auf ei-
Macht des Staates. ner einzigen und gleichen Idee von Politik, die wir
Parlamentarismus nennen. Diese Idee bringt mit
9. Es gibt immer mehrere Politikformen; letz- sich, dass die Wahl der PräsidentIn, der Abgeord-
tendlich jedoch gibt es deren zwei: Einmal die vom neten, der BürgermeisterIn etc. der einzige Moment
Staat, von der Regierungsmacht ausgehenden ist, in dem die Menschen tatsächlich an der Politik
Politiken; andererseits die Politiken, die in realen teilhaben. Denn das Herz dieser Politik sind die
Situationen gründen, die ausgehen von der Orte der Macht. Die Menschen werden im besten

Organisation politique Was ist die Organisation politique?


seite_60 grundrisse_20_2006
Fall zu diesem oder jenem konsultiert, besonders delt. Wenn ihr euch an einem Punkt der
dann, wenn Wahlen anstehen, aber man verweigert Regierungspolitik widersetzen wollt, muss man dar-
ihnen die Entscheidung, weil man ihnen abspricht, auf bezogen, eine andere Politik entfalten, und nicht
politisch zu denken und zu handeln. Diese politi- ein Oppositioneller sein. Wenn sich z.B. die
sche Fähigkeit ist Frauen und Männern in Parteien, Regierung Jospin weigert, ArbeiterInnen ohne
den PolitikerInnen vorbehalten. Der Parlamentaris- Papiere zu legalisieren, wird man nicht seine Zeit da-
mus ist dergestalt eine verstümmelte Politik, eine mit verbringen, ihm dies im Namen einer imaginä-
Politik, die die überwältigende Mehrheit der ren „Linken“ vorzuwerfen. Man wird ihm nicht da-
Menschen von jeder kollektiven Entscheidung in mit drohen, ihn nicht mehr zu wählen. Man wird
Bezug auf ihr jeweiliges öffentliches Leben abhält. sich nicht, in den Parteien, mit den Manövern der
parlamentarischen GegnerInnen Jospins verbünden.
10
14. Die Militanten der Organisation politique Vielmehr wird man, ausgehend vom Denken der
präsentieren sich bei keiner Wahl und sie wählen ArbeiterInnen ohne Papiere und ihrer FreundInnen,
auch nicht, da dies ein deutlicher Ausdruck dafür die Politik einrichten, die sagt: „Papiere für alle
ist, dass sie fernab der Machtverteilung im Staat ste- ArbeiterInnen“, „Wer hier arbeitet, ist von hier“
hen. In diesem Sinne ist unsere Politik natürlich der oder „Es braucht eine neue Legalisierung ohne
Politik des Parlamentarismus entgegengesetzt. Wir Bedingungen und Kriterien“. Das Ziel ist es, in der
wollen jedoch, dass sich möglichst viele Menschen Situation die Kraft dieser Politik herzustellen: eine
insbesondere in realen Situationen und um die neu- freie, politisch völlig unabhängige Kraft, die alle po-
en und begeisternden Möglichkeiten herum, die die litischen AkteurInnen, einschließlich die Regierung,
Arbeit des politischen Denkens in solchen in Betracht ziehen müssen.
Situationen freisetzt, zusammenschließen und han-
deln. Denn unsere Politik ist keine Parteipolitik, sie 17. Eine Aussage unserer Politik, die eine neue
ist völlig offen. Wenn jemand an einem Punkt an un- Möglichkeit in der Situation formuliert, nennen wir
serer Politik teilhat, dann kann sie kommen und eine Präskription. Warum? Weil sie eine Forderung
mitentscheiden, wie jede andere auch. Um ein(e) ist, die wir an alle Welt richten: an die Menschen, da-
Militante(r) der Organisation politique zu sein, ist mit sie sich diese aneignen und in die Politik eintre-
die erste und letztlich einzige Bedingung, ein(e) ten, die aus dieser Forderung die Konsequenzen
Militante(r) der Politik der Organisation politique zieht; an die Macht- oder StaatspolitikerInnen, da-
zu sein, dort wo diese Politik existiert. mit sie ihr Tun verändern. Wenn wir bspw. sagen:
„Wir brauchen eine neue Legalisierung aller
15. Obwohl sie dem Parlamentarismus huldigen ArbeiterInnen ohne Papiere“, adressiert dies all je-
(Parteien, Programme, Wahlen, Orte der Macht ne, die an dieser Forderung teilhaben können und
etc.), „links“ wählen, glauben einige, wenn man sie dabei Militante werden, aber gleichermaßen adres-
danach fragt, dass sie „RevolutionärInnen“ bzw. sieren wir die Regierung und die Parteien, damit sie
„die Linke der Linken“ sind, weil sie sich dieser oder ihre reaktionären Positionen überdenken. Derart sa-
jener Entscheidungen der mehrheitlichen linken gen wir, was für uns ein demokratischer Staat ist!:
Regierungen von Jospin, Hue, Chevènement und Ein Staat, der alle, einschließlich die ArbeiterInnen,
Voynet widersetzen. Wir nennen diese Haltung eine zählt (compte: franz. zählen, berücksichtigen), an-
„oppositionelle“ Haltung. Oppositionelle widerset- statt sie in die Rechtlosigkeit, ins Dokumentations-
zen sich täglich der Politik der Parlamentsparteien, register und in die Razzia zu verbannen. Wir
dennoch weigern sie sich völlig mit dem „schreiben in Bezug auf den Staat etwas vor“, das
Parlamentarismus zu brechen. Diese oppositionelle heißt: Das, was wir sagen und organisieren, könnte
Haltung ist insbesondere unter vielen Intellek- auch eine Möglichkeit sein, den Staat zu machen.
tuellen sehr weit verbreitet: Sie erlaubt es, äußerst Unsere Politik präskribiert den Staat vom Denken
radikale Reden zu halten, während die Regeln des der Menschen her, von dem her, was außerhalb des
„demokratischen“ Spiels, d.h. die Regeln der Staates ist. Das ist deshalb richtig, weil es jeder er-
Machtverteilung, respektiert werden. laubt, eine politische Fähigkeit auszubilden; und
nicht nur an einer neuen Idee der Politik teilzuha-
16. Die Organisation politique ist keine opposi- ben und diese zu entwerfen, sondern durch sie und
tionelle Organisation, sie ist nicht links von der von außen, eine neue Idee des Staates zu entfalten,
Linken, und auch nicht linksextrem. Es ist unserer zu diesem oder jenem Punkt, der entscheidet, ob es
Meinung nach unmöglich, sich im Inneren einer sich um einen demokratischen Staat handelt oder
Politik derselben zu widersetzen. Man kann keine nicht.
vom Denken der Menschen ausgehende Politik ma-
chen, während man weiter im Rahmen der 18. Im Allgemeinen gibt es immer einen
Parteipolitik sowie der Politik, die sich von der Hauptpunkt, der darüber entscheidet, ob die
Macht und vom Staat her versteht, denkt und han- Regierungspolitik demokratisch ist oder nicht.

Was ist die Organisation politique? Organisation politique


grundrisse_20_2006 seite_61
Während des Algerienkriegs etwa, handelte es sich 20. Festzustellen, dass die Organisation politi-
darum, zu wissen, ob man dem Kolonialkrieg zu- que Prinzipien hat, bedeutet nicht, dass sie vorgibt,
stimmte oder sich ihm völlig widersetzte. Alles an- eine Politik zu allem machen zu können. Ganz im
dere, wie bspw. die Sozialreformen war von unterge- Gegenteil: Die Politik existiert in den politischen
ordneter Wichtigkeit. Nach dem Mai ’68 war es ent- Prozessen, die sich selbst in Situationen artikulie-
scheidend zu wissen, ob man sich in direkter politi- ren, aus denen man – mittels der organisierten mili-
scher Verbindung mit den jungen Intellektuellen, tanten Befragung und anderen experimentellen
den ArbeiterInnen sowie den Menschen des Volkes Handlungen unterschiedlicher Art – eine neue
in den Fabriken und Quartiers engagierte. Alles an- Möglichkeit abgeleitet hat. Derart sind die materia-
dere, wie etwa die sexuelle Freiheit oder die listischen Bedingungen der Politik zwingend
Universitätsreform war nachrangig. Gegenwärtig Begriffe der Intervention und des kollektiven
10 mögen die Zahl der Frauen, die Ministerinnen sind, Denkens. Im Sinne des Absatz 15 ist es eine oppo-
oder die Zahl der Fahrradwege im 12. Pariser sitionelle Krankheit, sich vorzustellen, dass bissiges
Arrondissement, vielleicht interessante Forderun- Gerede über alles, was passiert, auch ein Teil der
gen sein. Die Demokratie bringt das jedoch keinen Politik sein kann. Die Politik ist ein Denkakt, dem
Zollbreit weiter, solange man außer dem nichts da- zumeist gänzlich singuläre Verläufe, Bewegungen
für tut, dass die von ihren Rechten verbannten und mentale Brüche vorangehen. Heute entfaltet
ArbeiterInnen ihre Rechte bekommen. Wer sich sich die Politik der Organisation politique entlang
nicht zu den Hunderttausenden ihrer Rechte be- des Problems der ArbeiterInnen ohne Papiere, einer
raubten ArbeiterInnen äußert und dagegen nichts für die positive Konzeption von Demokratie ent-
unternimmt, ist in Bezug auf die Demokratie dis- scheidenden Problemstellung. Zwischen 1985 und
kreditiert. Dies ist der entscheidende Ort jeder de- 1995 entfaltete sie ihre unbestreitbare Politik ent-
mokratischen Bestimmung des Staates. So sieht es lang der Dublette ArbeiterIn/Fabrik, gegenwärtig
aus. ist sie auf der Suche nach neuen Begriffen. Die
Politik der Organisation politique interveniert auch
19. Zum Beispiel: Dass die Politik ist eine auf der globalen Bühne, indem sie insbesondere die
Handlung ist, die nicht von Interessen ausgeht, die Kriege im Irak oder in Serbien einschätzt, und eine
ihren Zweck wie alle Formen freien Denkens in sich Linie verfolgt, die die aktuellen Formen des
hat; dass man sich niemals gänzlich der Macht Imperialismus identifiziert und die Auflösung der
unterwerfen soll; dass die Demokratie zu denen zu- NATO vorschlägt. Dies gilt auch für Chiapas und
rückkehrt, die die Macht als alle zählt – besonders Palästina. Alle diese Punkte zu verfolgen, ist schon
zu denen, die zuletzt ins Land gekommenen sind, für sich ein großes Unterfangen. Derzeit versuchen
d.h. den ArbeiterInnen ausländischer Herkunft; wir in zwei weiteren Problemstellungen, einen
dass niemand jemand anderen repräsentiert und gangbaren Weg zu finden: bezüglich der Schule nach
folglich alle in ihrem Namen sprechen; dass die ein- dem Prinzip „ein Kind, eine SchülerIn“ her und be-
zige gemeinsame Eigenschaft, die von denjenigen, züglich der Wohnbedingungen der ArbeiterInnen
die sich in der Politik engagieren, anerkannt wird, sowie der allgemeinen Wohnbedingungen nach dem
die Fähigkeit ist, Situationen zu denken – es gibt Prinzip „die Stadt für alle“.
keine objektive Festschreibung, die dem militanten
Willen eigen wäre: weder eine rassistische oder eine 21. Wenn man endlich in Bezug auf einen
geschlechtliche Festschreibung noch eine soziale Punktes einen gangbaren politischen Weg gefunden
Festschreibung. Wenn wir sagen, man muss eine hat, materialisiert sich dies konkret: Es erscheinen
Figur der ArbeiterIn politisch rekonstruieren, und neue Orte, an denen man diskutiert und sich ent-
auch wenn wir feststellen, dass all jene, die das nicht scheidet, an denen die Menschen, die keine Politik
oder nicht mehr tun, damit ihren Beitrag leisten zur machen, beginnen kollektiv zu denken und zu han-
allgemeinen Reaktion sowie zur kapitalistischen deln. Wir nennen diese Orte politische Orte. Jedes
und parlamentarischen Unterwürfigkeit, dann wol- Mal, wenn eine Politik zu existieren beginnt, die
len wir damit überhaupt nicht sagen, dass die sich von den Menschen her entfaltet, entstehen
ArbeiterInnen ein prädestiniertes politisches neue politische Orte. Derart hat auch bspw. unsere
Subjekt sind. Die Epoche der „ArbeiterInnenklasse“ Politik in Bezug auf die Legalisierung der Arbeiter-
und ihrer Partei als emanzipatorisches Subjekt ist si- Innen ohne Papiere einen neuen Ort hervorge-
cherlich vorüber. Was wir damit sagen wollen, ist bracht: die Versammlung der Kollektive Arbeiter-
dass es unvermeidlich verhängnisvolle Konsequen- Innen ohne Papiere, der Wohnheime sowie der
zen für alle hat – ob ArbeiterInnen oder nicht–, Organisation politique. In Dutzenden von
wenn man das Wort „ArbeiterIn“ aus dem Feld der Wohnheimen gibt es ein Kollektiv. Und diese
Politik im Allgemeinen verbannt. In diesem Sinne Kollektive treffen sich gemäß dem Prinzip: „Es
ist die Idee der ArbeiterInnen-Figur auch ein kommt, wer kommt“ in der Versammlung, die nach
Prinzip. langen methodischen Diskussionen Entscheidun-

Organisation politique Was ist die Organisation politique?


seite_62 grundrisse_20_2006
gen über die Etappen der Politik sowie die durchzu- Möglichen zuzulassen, und Orte herzustellen, die
führenden Aktionen (Demonstrationen, Meetings, angeeignet werden können. Diese Politik setzt eine
Delegationen etc.) trifft. Dieser Ort ist – wie alle freie Assoziation in einer bestimmten Idee der
wahren politischen Orte – demokratisch im starken Politik sowie die Teilhabe an diesen Orten voraus.
Sinn. Es kann jeder sprechen und die Entscheidung Das ist die Funktion der Organisation politique.
mitbestimmen. Dafür braucht es weder eine
Delegation bzw. Repräsentation – da nun einmal 26. Parteien organisieren sich vom Staat her. Sie
kommt, wer kommt (die Kollektive haben keine werden daher von denen angeführt, die einen
Delegierten) – noch eine Wahl. Entweder wird im Anspruch auf Funktionen im Staat erheben.
Laufe einer Diskussion eine Entscheidung getrof- Dahingehend haben sie keine Autonomie. Die na-
fen, die alle überzeugt, oder man kommt darin über- tionale ParteiführerIn ist die zukünftige KandidatIn
10
ein, dass man noch länger suchen muss, um in der für die Präsidentschaftswahl. Die lokale Partei-
Lage zu sein, eine Entscheidung zu fällen. führerIn ist die KandidatIn für das Bürgermeister-
Innenamt einer großen Stadt bzw. für ein
22. In diesem Sinn, ist die von uns vorgeschlage- Abgeordnetenmandat. Die „großen Kaliber“ in der
ne Losung zu verstehen: „Aus der Fabrik einen po- Partei sind die MinisterInnen oder auch jene, denen
litischen Ort machen“. Dies haben wir während ei- die Zunge ziemlich heraushängt und die man zu öf-
niger Sequenzen erreicht, wie in der Transportfirma fentlichen und über Medien verbreiteten Dis-
Steco Ende der 1980er Jahre oder zwischen 1990 kussionen schickt; oder auch die medialen Oppo-
und 1993 im Moment der Schließung der Renault- sitionellen, die im Fernsehen gegen die Regierung
Fabrik in Billancourt3. In diesem Moment gab es et- wettern. Selbst die kleinsten oppositionellen, trotz-
was, was wir „das Rendezvous von Billancourt“ kistischen und anderen Splittergruppen organisie-
nannten: Der Ort konstituierte sich vor der Fabrik ren sich um Wahlen, Gewerkschaftsposten sowie
mit den ArbeiterInnen der Fabrik und den mediale Präsenz herum. Das heißt um übrig gelasse-
Militanten der Organisation politique – mit ne Krümel, an den Rändern der mächtigen parla-
Menschen aller Art. mentarischen Maschinen im Staat.

23. Der politische Ort ist die materielle 27. Die Organisation politique organisiert sich
Erprobung der Existenz einer Politik. Wenn es sich ausgehend von ihrer Politik, und damit von den
um eine Politik handelt, die sich vom Standpunkt Situationen her, in denen Menschen denken und
der Menschen her entfaltet, liegt dieser Ort jenseits sich deklarieren; sie organisiert sich von jenen
des Staates, seiner Apparate und seiner Institutio- Situationen her, die es erlauben, die Demokratie ei-
nen. Es ist ein freier und entworfener Ort. nes Ortes anzuvisieren. So wie jede in ihrem Namen
spricht, schätzt auch jede selbst ab, was sie tut, vor-
24. Politik ist eine Art Rarität: Sie existiert im- ausgesetzt sie hat unser Prinzip verstanden, das dar-
mer in Sequenzen mit einem Anfang und einem in besteht, die Konsequenzen dessen, was man zu
Ende. Zu ihrem Ende kommt sie, wenn der Ort tun erklärt hat, anzunehmen. Anders gesagt: Ein(e)
nicht mehr existiert. Die Organisation politique si- Militante(r) der Organisation politique ist der
chert den Ort zwischen mehreren Sequenzen und Disziplin des Denkens und seiner Konsequenzen
stellt daher zwischen mehreren gleichzeitig oder verpflichtet, nicht einer formellen Disziplin der
aufeinanderfolgenden existierenden Orten eine Organisation: Wir sind weder eine stalinistische
Verbindung her. Derart kennt jede freie Politik noch eine parlamentarische Partei. Wenn jemand ei-
mehrere Orte. Es gibt eine Mannigfaltigkeit von nen Traktat schreibt, dann heißt das, diese Person ist
Orten in unserer Politik. Im Grunde lässt der Ort überzeugt von der Notwendigkeit dieses Traktats,
ein Mögliches der Situation materiell existieren. den sie diskutiert und verteilt. Und wenn jemand in
einer Versammlung von ArbeiterInnen das Wort er-
25. Wenn sich jedoch die Politik vom Staat her greift (und im übrigen vielleicht selbst eine
entfaltet, verstümmelt und unterdrückt sie die ArbeiterIn ist), dann weil diese Person denkt, dass
Mannigfaltigkeit der Orte zugunsten der Einzigkeit hinsichtlich des politischen Resultats der Versamm-
des Ortes der Macht: In der stalinistischen Politik lung ohne diesen Redebeitrag etwas fehlen könnte.
war die Partei dieser einzige Ort; in der parlamenta-
rischen Politik ist dieser einzige Ort der Staat selbst. 28. Es gibt zahlreiche, variable und flexible
Die parlamentarischen Parteien, sowohl die Linke Aufgaben: Man kann einen Sans-Papier zur
wie auch die Rechte, sind eine falsche Vielheit, die in Präfektur begleiten, an Versammlungen eines
keinster Weise auf eine wahre politische Wahl- Wohnheimkollektivs teilnehmen, in Zeitschriften
möglichkeit verweisen. Vielmehr sind die Parteien schreiben, in der Situation Fabrik intervenieren,
nur Anhängsel des Staates. Die Kraft unserer Politik Demonstrationen bzw. internationale Treffen orga-
ist es, die Mannigfaltigkeit des nicht-staatlichen nisieren, Flugblätter verfassen, vor der Präfektur

Was ist die Organisation politique? Organisation politique


grundrisse_20_2006 seite_63
protestieren, eine Idee der Politik erklären …. In al- Sie waren Teil der Erfahrung der UCFML (Union
len diesen Fällen jedoch sollte man darüber nach- der ML-KommunistInnen Frankreichs), die im Jahr
denken, warum man es tut sowie dieses Tun an eini- 1970 in der Hoch-Zeit der „roten Jahre“ gegründet
ge Prinzipien rückbinden, und sich sagen, dass man wurde und die Entwicklung der revolutionären
zugleich die Politik in der Situation wie auch die Ideologie zwischen 1965 und 1975 in all ihren
Idee, die man sich von der Politik macht, weiterent- Spielarten, auch im Weltmaßstab, miterlebten.
wickeln muss.
Wohl war die UCFML in dieser Genealogie ein
29. Eine richtige Versammlung ist Intelligenz in Teil der maoistischen „Bewegung“; sie anerkannte
actu: Vor der Versammlung weiß man nie, was sie in politisch die vorrangige Bedeutung der
der Lage ist, zu präsentieren und zu entscheiden. Massenbewegung und die einzigartige direkte
10 Aus einer wahren politischen Versammlung geht Verbindung zwischen den Intellektuellen, den
man gewachsen und schlauer hinaus. ArbeiterInnen und den Menschen des Volkes, wie
sie bspw. seit dem Mai ’68 weithin erprobt wurde.
30. In allen Parteien verläuft die Organisation Jedoch verfolgte die UCFML dabei eine absolut
von der „Basis“ zur „Spitze“. Es gibt Sektionen, einzigartige Linie, was erklärt, dass sie, als alle ande-
Föderationen, ein nationales Komitee, ein Sekre- ren abdankten und sich dem Kapital-
tariat etc. Die Organisation politique besteht aus je- Parlamentarismus anschlossen, in der Lage war
nen von uns bereits dargelegten singulären politi- mittels Überlegungen und Wiedererneuerungen
schen Prozessen. Ein(e) Militante(r) der Organi- großen Ausmaßes einen unabhängigen politischen
sation politique wählt den Prozess (oder die Prozess weiterzuführen. Tatsächlich widersetzte
Prozesse) frei, in denen sie Befragungen durchführt, sich die UCFML seit Anfang der 1960er Jahre den
sie verbündet sich mit Menschen, beruft Versamm- zwei bekanntesten „maoistischen“ Organisationen.
lungen ein, schlägt Ziele vor usw. Im Rahmen der Sie ging auf Abstand sowohl in Bezug auf die markt-
Idee, die wir von der Politik haben, kann jede einen schreierische, medienbezogene und opportunisti-
derartigen Prozess vorschlagen. sche Linie der proletarischen Linken mit ihrem
Machtanspruch, wie sie sich gleichermaßen im
31. Es gibt auch eine Zeitschrift, Distance politi- Abstand zur konservativen, tödlichen Linie der
que (Politische Distanz): „Distanz“ bedeutet, dass PCMLF definierte, die nichts anderes wollte als die
sich unser Denken in Distanz zur Macht, in Distanz PCF der Dreißigerjahre zu erneuern. Wir waren
zum Staat entfaltet. auch bereit, die finsteren 1980er Jahre, die die „re-
volutionären“ Intellektuellen des vorangegangenen
32. Unsere Freiheit, und vielleicht auch eure Jahrzehnts vor Mitterand zu Kreuze kriechen sahen,
Freiheit, ist diese Distanz. zu durchqueren, indem wir uns in die geringste
Störung einhakten, an den Türen der Fabriken blie-
ben und eine starke Intellektualität entfalteten.
Historische Anmerkung
Heute jedenfalls handelt es sich nur um die
Die Organisation politique wurde im Jahr 1985 Einschätzung dessen, was wir sind, was wir denken,
öffentlich in einem Meeting im Haus der Mutualité4 was wir tun. Wenn es darum geht, eine Politik zu be-
gegründet, was das Neue hinsichtlich ihrer Idee von urteilen, so ist ihre Geschichte ein wichtiges, aber
Politik wie auch hinsichtlich ihrer sehr verschiede- niemals ein wesentliches Element. Eine Politik
nen militanten Engagements konkretisierte. denkt und beurteilt sich im Ausgang von sich selbst.
Was zählt, ist die Gegenwart der Organisation poli-
Die GründerInnen der Organisation politique tique, sowie dass sie in der Situation Möglichkeiten
verfügten bereits über eine langjährige Erfahrung: erkennt, die alle anderen nicht wahrnehmen.

Anmerkungen:

1 Die Versammlung für die Republik war eine bürgerliche französi- schließen; das Management fand sich nach ein paar anfänglichen
sche politische Partei, die ihre Wurzeln in der Fortführung der Verhandlungen bereit, den arbeitslos gewordenen ArbeiterInnen
Politik von De Gaulle und dem Mythos der Résistance während mit einer Abfindung von 80000 Francs entgegenzukommen, wenn
des Zweiten Weltkrieges sah. Sie ging im Jahr 2002 in der bürger- sich ihrer Entlassung durch eine Unterschrift zuzustimmen. Eine
lichen rechten Union pour un Mouvement Populaire (UMP) auf. große Mehrheit der ArbeiterInnen verweigerte ihre Unterschrift,
http://de.wikipedia.org/wiki/Rassemblement_pour_la_R%C3%A9publi- die Organisation politique unterstützte diese durch regelmäßig ab-
que. gehaltene Demonstrationen. Für weitere Informationen vgl: A.
2 Die UDF setzt sich aus verschiedenen Mitte-Rechts-Parteien als Badiou, Über Metapolitik, Diaphanes: Zürich-Berlin 2003.
Zusammenschluss für die französische Demokratie zusammen. 4 Die „Mutualité“ ist ein beliebter Versammlungsort vor allem linker
3 Renault beschloss im Jahr 1992 seine Werke in Billancourt zu Gruppen in Paris.

Organisation politique Was ist die Organisation politique?


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Karl Polanyi: The Great Transformation –
Politische und ökonomische Ursprünge von
11
Gesellschaften und Wirtschaftssystem
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 394 Seiten, 1978, 15 Euro.

Karl Polanyi wieder gelesen: Wie der Staat den den Verkauf produziert werden (S. 108). Die
Kapitalismus schuf Arbeitskraft kann nicht vom Leben bzw. Überleben
des dazugehörigen Menschen getrennt werden. Der
In Zeiten, in denen „Neoliberale“ einen Kult um Markt tut trotzdem so, als ob die Arbeitskraft eine
den freien Markt betreiben und Neo-Kenysianer- beliebige Ware wie jede andere wäre.
Innen in staatlichen Interventionen ein Allheil-
mittel sehen, lohnt es sich wieder ein Mal den Um einen freien Arbeitsmarkt zu etablieren,
Klassiker „The Great Transformation“ von Karl musste der Staat Mitte des 18.Jahrhunderts das
Polanyi aus dem Jahr 1944 zur Hand zu nehmen. „Recht auf Lebensunterhalt“ beseitigen, dass die
Um es postmodern auszudrücken: In diesem Werk Armen durch das Gewohnheitsrecht des sogenann-
dekonstruiert Polanyi den Mythos einer sich natur- ten Speenhamland-Tarifs besaßen (S.120). Friedens-
wüchsig und spontan entwickelnden, freien Markt- richterInnen hatten 1795 festgelegt, dass zu den
wirtschaft sowie die Idee, den Staat als Gegenpol Löhnen der Armen ein an den Brotpreis gebundener
zum Kapital zu denken. Polanyi untersucht die Zuschuss von der Gemeinde ausgezahlt wurde, um
Entwicklung des Kapitalismus hauptsächlich am ein Minimaleinkommen zu garantieren. Nach dem
Beispiel Englands vom 16. Jahrhundert bis in die Armengesetz wurden Arbeitslose außerdem von der
1930er Jahre. Eine der Hauptthesen des Buchs ist: Gemeinde gegen die Sicherung des Unterhalts zu
„Die Wirtschaftsgeschichte zeigt, dass das Ent- Arbeiten herangezogen. Um zu verhindern, dass
stehen nationaler Märkte keineswegs die Folge der wohlhabendere Gemeinden mit „Paupern über-
langsamen und spontanen Emanzipation des öko- schwemmt“ wurden, schränkte der Staat per Gesetz
nomischen Bereichs von staatlichen Kontrollen war. die Freizügigkeit ein und ahndete Landstreicherei
Der Markt war, im Gegenteil, das Resultat einer be- im Wiederholungsfall als Schwerverbrechen. In die-
wussten und oft gewaltsamen Intervention von sem System verließen sich die UnternehmerInnen
Seiten der Regierung, die der Gesellschaft die darauf, dass die Gemeinde die Differenz zwischen
Marktorganisation aus nichtökonomischen dem Existenzminimum und dem Lohn bezahlte. In
Gründen aufzwang“ (S.331). anderer Form taucht dieses System heute in
Deutschland wieder in Form des „Kombi-Lohns“
Beseitigung des „Rechts auf Lebensunterhalt“ zur und des 1 Euro-Jobs auf.
Schaffung des Arbeitsmarktes
Verschiedene liberale AutorInnen griffen das
Laut Polanyi hat es Märkte schon in der Antike „Recht auf Lebensunterhalt“ an: Arme könnten nur
gegeben, erst mit dem Kapitalismus ist aber der durch den Hunger zur Fabrikarbeit angespornt wer-
Markt nicht mehr Teil der Gesellschaft, sondern die den und die Beseitigung des Hungers durch die
Gesellschaft wurde zum Anhängsel des Marktes Armengesetze sei ein Übel. Diese Gesetze seien
(S.88). Das liberale Credo, dass Arbeitskraft, Boden außerdem die eigentliche Ursache für die Existenz
und Geld als freie Waren gehandelt werden sollen, von Armut überhaupt und würden die Mobilität der
konnte in England erst Mitte des 18.Jahrhunderts Arbeitskraft behindern. 1813/14 wurden in England
durchgesetzt werden. Für Polanyi sind Arbeitskraft, das Handwerksstatut und 1834 das Armenrecht so-
Boden und Geld „fiktive Waren“, da sie nicht für wie der Speenhamland-Tarif aufgehoben. Die

Buchbesprechung
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Entwicklung von Reichtum und Armut wurde nun das Kapital vom Staat geschaffen wurde und die
in den Diskursen von Townsend, Hobbes oder Revolutionäre deshalb den Staat zerschlagen müs-
Malthus zum Naturgesetz erklärt. sten, um den Kapitalismus abzuschaffen. Inter-
essant an Polanyis Ansatz ist, dass er zeigt, wie der
Regulierungen um Markt und Privateigentum Kapitalismus gemacht wurde und nicht einfach na-
durchzusetzen turwüchsig entstand sowie welche zentrale Rolle
der Staat dabei spielte. Es ist daher unsinnig, den
Die Verwandlung von Arbeit und Boden in Staat als Gegenpol zum Kapital zu denken.
Waren musste vom Staat in einem schmerzhaften
Prozess durchgesetzt werden. Die Vertragsfreiheit Ohne den Staat könnte der Kapitalismus weder
wurde erst 1860 auf den Boden ausgeweitet, nach- durchgesetzt noch erhalten werden. Eine sich selbst
dem die BäuerInnen von den Einhegungen durch regulierende freie Marktwirtschaft ist ein Mythos,
11 die SchafzüchterInnen von dem vorherigen den es in der Realität nie gegeben hat.
Gemeindeland vertrieben wurden. In Italien setzte
der Staat durch die Säkularisierung des Kirchen- Um es mit John Holloway zu sagen, Institutio-
landes die Übertragung des Bodens an Privat- nen wie Privateigentum, Kapital oder Lohnarbeit
personen durch, in Frankreich schuf der Code existieren nicht einfach, sondern werden von uns
Napoleon einen mittelständischen Realbesitz, in täglich geschaffen und sind umkämpfte Terrains.
dem die Hypothek zum zivilrechtlichen Vertrag ge- Deshalb lautet seine Parole „Stop making capita-
macht wurde. lism!“ Der Staat ist für Holloway wie für Bakunin
Teil des Kapitalismus, der nicht einfach aus diesem
Auch in der Blütezeit des Liberalismus war es Zusammenhang gelöst werden kann. Eine staatsthe-
mit dem berühmten Laissez-faire Prinzip nicht weit oretische Debatte könnte durchaus auch an Polanyi
her: Die Liberalen forderten vom Staat, dass die anknüpfen.
Bildung von Gewerkschaften durch die Arbeiter-
Innen und der Zusammenschluss von Unternehmen Wie den AnarchistInnen, so liegt auch Polanyi
zu Kartellen verhindert werden musste. Auch um jeder Fortschrittskult um die Industrialisierung
das Dogma einer Deflationspolitik durchzusetzen, fern, zurück in vorkapitalistische Zeiten möchte er
unterstützten Liberale staatliche Regulierungen und jedoch nicht. Problematisch ist vor allem, dass
einen Abbau der Demokratie. „Mit anderen Worten, Polanyi 1944 glaubt, die liberale Marktwirtschaft sei
wenn sich die Erfordernisse eines selbstregulieren- Geschichte. „Bei den Liberalen sinkt die Freiheit
den Marktes als unvereinbar mit den Erfordernissen bloß zu einer Befürwortung des freien Unter-
des Laissez-faire erwiesen, dann wandten sich die nehmers herab, dass heute durch die harte
Liberalen gegen das Laissez-faire und bevorzugten Wirklichkeit gigantischer Trusts und fürstlicher
die sogenannten kollektivistischen Methoden der Monopole zu einer Fiktion geworden ist“ (S.340).
Reglementierung und Restriktion“ (S.205). Laut Dieser Satz könnte auch von Adorno oder Lenin
Polanyi war das Bürgertum in England erst bereit, stammen. Polanyi glaubt wie viele ZeitgenossInnen,
den ArbeiterInnen das Wahlrecht zuzubilligen, dass Konkurrenz letztlich zum Monopol führen
nachdem die „Gewerkschaften das reibungslose muss.
Funktionieren der Industrie zu ihrem Hauptan-
liegen gemacht hatten“ (S.236). Heute sind die Zeiten starker staatlicher
Lenkung der Wirtschaft und Staatsmonopole wie in
Die Verabschiedung von Fabrikgesetzen und des den Systemen des New Deal, Nationalsozialismus
Zehnstunden-Gesetz von 1847 sieht Polanyi als oder Staatssozialismus vorbei. Gerade vor diesem
Selbstschutz der Gesellschaft gegen die Kräfte des Hintergrund wird die Lektüre von Polanyi Buch
Marktes. Diese Maßnahmen gingen aber weniger wieder spannend, da „Neoliberale“ im „Recht auf
auf die ArbeiterInnenbewegung selbst zurück, son- Lebensunterhalt“ durch den Sozialstaat ein Haupt-
dern auf „aufgeklärte Reaktionäre“ und Großgrund- hindernis für den wirtschaftlichen Aufschwung se-
besitzerInnen, die das Bündnis mit den Arbeiter- hen. Um die Senkung der Löhne durch die
Innen gegen die FabrikbesitzerInnen suchten. In Etablierung eines zweiten und dritten Arbeits-
Deutschland wurde der Sozialstaat von dem Junker marktes durchzusetzen sowie das Privateigentum
Bismarck etabliert, in Frankreich von Napoleon III. besonders auf geistigem Gebiet zu sichern und
durchzusetzen, wird nach der harten Hand des
Ohne Staat keinen Kapitalismus Staates geschrieen. Durch Laisseze faire lässt sich
der freie Markt keineswegs aufrechterhalten.
Ohne sich darüber bewusst zu sein, hat Polanyi
eine ähnliche Theorie der Entstehung des Kapitalis-
mus wie Bakunin. Bakunin war der Meinung, dass Paul Pop

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