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Torsten Engelbrecht • Dr. med.

Claus Köhnlein
Inez Maria Pandit, M. D. • Juliane Sacher

K l a s s i s c h e und g a n z h e i t l i c h e T h e r a p i e n , I m p f u n g e n
und K r e b s g e n e : Was ist Fakt u n d w a s F i k t i o n ?
DANK
Für meinen 2009 geborenen Sohn Liam, für meine Ehefrau Maria und für meine Mutter
Karen, die mit ihrer Liebe und Unterstützung dieses Buch erst möglich gemacht haben -
und besonders für meinen Vater Eckart, der 2007 traurigerweise verstarb.
TORSTEN ENGELBRECHT

Für Christiane, Theresa, Johanna, Catharina und Julius. CLAUS KÖHNLEIN

In Anerkennung meiner Eltern und Lehrer der Schulzeiten in ihrem Bemühen, das Fragen
und Denken zu fördern - ohne Einschränkung! INEZ M A R I A PANDIT

Dank an Kilian, Bettina, Philip, die mir die Weiterbildung in biologisch-naturheilkund-


licher Medizin neben keiner Mutterrolle ermöglichten. JULIANE SACHER

IMPRESSUM
Die hier vorgestellten Therapien w u r d e n sorgfältig recherchiert u n d nach bestem Wissen und Gewissen wieder-
gegeben. Alle Informationen ersetzen aber in keinem Fall den Rat und die Hilfe eines kompetenten Arztes oder
Heilpraktikers. Der Verlag u n d die Autoren ü b e r n e h m e n keine H a f t u n g f ü r Schäden, die durch unsachgemäße
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© NaturaViva Verlags G m b H , 71256 Weil der Stadt, 2010.


4 3 2 1 | 2012 2011 2010
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Printed 2010 in G e r m a n y
Druck auf chlorfrei gebleichtem FSC-Papier
ISBN 978-3-935407-30-4

•2-
Vorwort 6
Einführung 8
Krebsforschung: 100 Jahre voller Versprechen - und immer noch kein
Wundermittel („Magic Bullet") in Sicht 8
Krebs(therapien) als häufigste T o d e s u r s a c h e - t r o t z gigantischer Forschungsbudgets 10
Heilsversprechen sichern Forschungsgelder und zerstreuen Zweifel an der Wirksamkeit
des Krebsbetriebs 15
Forscher, Ärzte. Pharmamanager, Patienten, Medien - der Illusion vom Heilmittel erlegen 17
Wie die Idee von der Magic Bullet entstand - und warum sie zu einfach ist, um wahr zu sein 18
Argumente und Fakten gegen eine bisher falsche Forschungsrichtung in der westlichen
Krebsmedizin 20
Die Zukunft der Krebsmedizin: präventiv, ganzheitlich, immunstärkend 22

KAPITEL 1 23
Wie die Medizin im „Krieg gegen den Krebs" an den Fakten
vorbeiforscht - und dennoch gut verdient 23
Die sinnlose Jagd nach angeblichen „Krebsgenen" 23
Chromosomenschäden als bestimmendes Merkmal von Krebszellen 26
Eine erfolgreiche Krebstherapie muss die Mitochondrien schützen und aufbauen 30
Die Verbindung zwischen Chromosomen- und Mitochondrienschäden in Krebszellen 35
Der „Atlas der Krebsgene" - ein weiterer kostspieliger Fehltritt im „Krieg gegen den Krebs" • 37
Kann Krebs wirklich vererbt werden? 47
Wie die Prävention vernachlässigt wird • 52
Die Lance Armstrongs uberleben - die Farrah Fawcetts aber nicht: Warum die
Entwicklung patientenindividueller Medikamente an der Verschiedenheit und Flexibilität
von Krebszellen scheitert 56
Wie Patienten unterschiedliche Resistenzen gegenüber Medikamenten ausbilden 61
Avastin, Herceptin und andere angebliche „Wunderpillen" 62

Krebs- und andere Medikamente können sogar selbst Krebs erzeugen 66


Die „Heilige Kuh" C h e m o t h e r a p i e - G i f t k u r ohne Nutzen? 71
Fehlende Vergleiche mit Placebo- und Lifestyle-Studien behindern den Therapiefortschritt 78

•3-
Wie die Forschung mit dem Peer-Review-System Kritik unterdrückt 81
Betrug und Fehlverhalten in der Krebswissenschaft • 84
Wie die Pharmakonzerne Forschung und Absatz diktieren•• 87
Krebsstammzellen-Gläubigkeit und die Folgen 90

KAPITEL 2 94
Patienten im Spannungsfeld von Medienhype und Klinikrealität 94
Immer neue Wundertherapien: Die Massenmedien als Sprachrohr von „Big Pharma" 94
„Erhöhtes Krebsrisiko bei Linkshänderinnen" - und andere abstruse Medienschlagzeilen 100
Versuche an Labormäusen sind bei Krebs weit von der Klinikrealität entfernt 104
Die tiefe Kluft zwischen Krebsforschung und Klinikrealität 107

KAPITEL 3 109
Gebärmutterhalskrebsimpfung: nutzlos, riskant, teuer 109
Wie die Idee von den krebsverursachenden Viren entstand 109
Das Virus-Desaster der 1970er Jahre - und wieso die Virus-These doch überlebte 118
Das Nobelpreiskomitee und der Medizinnobelpreis für Harald zur Hausen - ein Paradebeispiel
für fehlende wissenschaftliche Belege 121
Interessenkonflikte untergraben die Glaubwürdigkeit der Impfstoff-Befürworter — 123
13 Wissenschaftler fordern eine Neubewertung der HPV-lmpfung 126
Nur die Nebenwirkungen des HPV-Impfstoffes sind belegt 130
Gesunder Lebensstil und Pap-Test ab dem 25. Lebensjahr sind die beste Prävention 135
Medizinnobelpreise zur Zementierung von Dogmen 140

KAPITEL 4 148
Die Zukunft der Krebsmedizin: präventiv, ganzheitlich, immunstärkend 148
Biologisch-ganzheitliche Therapien: reichhaltige und bewährte Praxiserfahrung 148
Zur Notwendigkeit von Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung sowie Möglichkeiten,
deren Nebenwirkungen abzufedern 153

Prävention ist das beste Mittel gegen Krebs 166


Das Geschäft mit der Krebsfrüherkennung 191
Die Paradigmen der biologisch-ganzheitlichen Medizin ••• 194
Die Stärkung des Immunsystems ist das A und 0 198
Krebs vorbeugen und heilen mithilfe der Ernährung 205

Regulierung der Darmflora nicht vergessen! • 267


Sonnenlicht schützt vor Krebs - und Sport ist alles andere als Mord! 268
Homöopathie und Krebs 272
Hyperthermie 274
Weitere Verfahren: Sauerstofftherapie, Ozon, Akupunktur und Bachblüten 276

•5
Die Not schreit z u m H i m m e l . Seit Jahrzehnten b e m ü h t sich die etablierte Medizin d a r u m ,
die Krebskrankheiten wirksam zu behandeln. Seit Jahrzehnten behauptet sie ständig, Fort-
schritte zu machen. U n d auch seit Jahrzehnten vertuscht sie die extrem große Zahl ihrer
Misserfolge u n d behindert gleichzeitig Ideen u n d Forschungen aus der Alternativmedizin,
die neue G e d a n k e n , Therapieansätze u n d vielleicht neue Lösungsmöglichkeiten aufzeigen
könnten. Es ist ein Skandal unvorstellbarer Größe, dem jährlich viele Millionen Menschen
z u m Opfer fallen. Wir haben es dabei mit einer undurchsichtigen S t r u k t u r des etablierten
medizinisch-pharmakologisch-industriellen Komplexes zu tun, der im Wesentlichen an der
Etablierung seiner Macht u n d an H u n d e r t e n von Milliarden Dollar Verdienstmöglichkeiten
pro Jahr interessiert ist.

In Deutschland werden derzeit pro Jahr ca. 425.000 Krebserkrankungen neu entdeckt, pro
Tag also bei etwa 1.230 Menschen. Pro Jahr sterben aber auch etwas mehr als 200.000 Men-
schen an ihrer Krebserkrankung, also r u n d 50 Prozent. Dabei wurden in den vergangenen
Jahrzehnten H u n d e r t e Milliarden Dollar in Forschung u n d Behandlung investiert, leider
mit sehr mäßigem Erfolg. Trotzdem wird i m m e r wieder über spektakuläre Verbesserungen
u n d Erfolge berichtet, die sich nach kurzer Zeit häufig als Fehlschläge herausstellen.

Zwar hat die etablierte Medizin auch Erfolge vorzuweisen - so sinkt die Sterblichkeitsrate
f ü r einige Krebsarten seit einigen Jahren (was aber in erster Linie an f r ü h e r und verbesserter
Diagnostik liegt, u n d nicht an verbesserten Medikamenten) - doch hat der Krebs erst ein-
mal gestreut, sind die Überlebensraten heute praktisch nicht besser als vor 50 Jahren; trotz
oder vielleicht auch wegen der Milliarden, die in das „Krebsgeschäft" gepumpt werden. Viele
Menschen sind verunsichert u n d ihre Angst wird ständig geschürt. Dadurch sind sie sehr oft

•6-
hin- und hergerissen zwischen Schulmedizin u n d alternativen Behandlungen u n d wissen
vor Angst nicht, wem sie wirklich vertrauen können. Kurz vor ihrem Tode erkennen sie häu-
fig, dass die Chemotherapie ihnen mehr geschadet als genützt hat.
Je mehr man sich mit dem Thema Krebs beschäftigt, desto mehr wird einem bewusst, dass
der heute eingeschlagene Weg der offiziellen Medizin falsch ist u n d nicht zum Ziel f ü h r e n
kann. Krebszellzerstörung mit immer teureren Medikamenten wird den Krebs nicht besie-
gen. Auch Gentechnik u n d sogenannte maßgeschneiderte Medikamente werden der Krebs-
therapie vermutlich trotz riesiger Investitionen keine Erfolge bescheren.

Wir müssen umdenken u n d wieder ganzheitlich behandeln. Dazu müssen alte Dogmen u n d
verkrustete Denkstrukturen aufgebrochen werden. Es geht d a r u m , eine entsprechende The-
rapie zu finden, die sicher, bezahlbar u n d menschenfreundlich ist. Dies geht nicht ohne eine
ganzheitliche Medizin. Allerdings sind die naturheilkundlichen Therapien als Einzelthera-
pien meistens unzureichend. Erst die gezielte, aus vielen Einzelteilen zusammengesetzte Al-
ternativtherapie ist anscheinend in der Lage, das Erkrankungsrisiko zu senken u n d bei der
bereits ausgebrochenen Krebskrankheit eine deutliche Verbesserung der Überlebenschan-
cen herbeizuführen.

Krebstherapeuten, die nicht den streng schulmedizinischen Empfehlungen folgen, werden


zunehmend diffamiert u n d teilweise sogar in der Öffentlichkeit angegriffen. Den Schrei-
bern dieses Buches - die therapeutisch tätigen Ärzte Juliane Sacher, Inez Maria Pandit u n d
Claus Köhnlein sowie der Wissenschaftsjournalist Torsten Engelbrecht - gebührt daher das
Verdienst, seit geraumer Zeit trotz aller W i d e r s t ä n d e u n d Widrigkeiten auf Basis wissen-
schaftlicher und faktenorientierter Analysen etablierte Therapien zu hinterfragen u n d neue
Denkansätze zu verfolgen - u n d dabei die Menschlichkeit u n d den Patienten als Menschen
nicht aus dem Auge zu verlieren.

Die Autoren dieses Buch vermitteln in klarer u n d verständlicher Sprache die Defizite der
klassischen Krebsmedizin, erläutern alternative bzw. ganzheitliche Sichtweisen, geben wert-
volle Denkanstöße u n d machen berechtigte H o f f n u n g - u n d öffnen somit M a n c h e m hoffent-
lich die Augen. Wer an der einen oder anderen Stelle mehr wissen oder Dinge nachrecher-
chieren möchte, der findet in den m e h r als Tausend soliden Quellenangaben ausreichend
Möglichkeiten. Das Buch ist allen Betroffenen, Angehörigen u n d Krebstherapeuten nur zu
empfehlen!

D R . M E D . JÜRGEN F R E I H E R R V O N R O S E N ,

Leiter und Chefarzt Schlossklinik Gersfeld

DR. M E D . M A R T I N FREIHERR VON ROSEN

Praxis für Biologische Krebsmedizin Gersfeld

•7-
Krebsforschung: 100 Jahre voller Verspre-
chen - und immer noch kein Wundermittel
(„Magic Bullet") in Sicht
„Die Heilsversprechen, die mit den ,Magic Bullets'gegeben wurden, sind nie erfüllt
worden."5
ALLAN BRANDT, Medizin-Historiker von der Harvard Medical School

"Wir haben den Krebs bekämpft... und der Krebs hat gesiegt."4
SHARON BEGLEY, Newsweek

„Es gibt kein Heilmittel gegen Krebs. Wenn wir Krebs in den Griff bekommen wollen,
müssen wir einen gesunden Lebensstil mit gesunder Ernährung und Bewegung fördern."4'
RICHARD DAVIDSON, Stiftung Cancer Research UK

„Glauben ist eine Sache, Wissen eine andere - so ist das nun mal."47
Inspektor Columbo

Es gibt bereits eine Menge Bücher über Krebs. Doch mit diesem Werk über Krebs wenden
wir uns erstmals sowohl an Patienten u n d interessierte Laien als auch an behandelnde Ärzte
u n d Forscher u n d präsentieren dabei die Fakten zu Krebs so, wie sie einem breiten Publikum
gegenüber noch nicht aufbereitet worden sind.

Dieses Buch beschreibt wie bisher kein anderes verständlich u n d dezidiert, w a r u m die eta-
blierte Forschung seit n u n m e h r 100 Jahren auf ihrer Suche nach einem Heilmittel (einer
„Magic Bullet") gegen Krebs an den Fakten vorbeiforscht - u n d was Sie dennoch effektiv
gegen diese Krankheit t u n können. Dabei orientieren wir uns nur streng an dem, was fak-
tisch abgesichert werden k a n n u n d belegen unsere Thesen durchgehend mit soliden Quellen-
angaben.

•8-
Es ist zudem das erste Buch, das nicht nur die Krebs-
standardtherapien (Früherkennung, Chemotherapie, Das wichtigste Dogma der heutigen
Bestrahlung, Operationen) evaluiert, s o n d e r n auch Krebsmedizin besagt, dass defekte
begründet darlegt, w a r u m die d a h i n t e r s t e h e n d e n (mutierte) Gene das Krebsgeschehen be-
zentralen Lehrsätze faktisch nicht haltbar sind. So stimmen. In dem vorliegenden populärwis-
bekommen Sie ein Rüstzeug an die H a n d , um eine senschaftlich gehaltenen Werk erläutern
eigene f u n d i e r t e A u f f a s s u n g z u m T h e m a Krebs zu wir, warum nicht defekte Gene, sondern
entwickeln, mit der Sie selbstbewusst auch gegenüber Chromosomenschäden und Defekte in
so genannten Krebsexperten bestehen können. Diese den Zellkraftwerken (Mitochondrien) die
mündige Haltung ist e n o r m wichtig, d e n n der etab- beiden entscheidenden Merkmale von
lierte Betrieb der Krebsmedizin ist weit davon ent- Krebszellen sind - und welche zentralen
fernt, ein Gral der Weisheit zu sein. Auswirkungen dies für die Behandlung und
Vermeidung von Krebs hat.
Der Glaubenssatz unserer westlichen Krebsmedizin,
Krebs stecke in unseren Genen, geht fälschlicherweise
davon aus, dass sich diese Krankheit auch vererben ließe. Infolgedessen werden Frauen zu
der im wahrsten Sinne des Wortes einschneidenden M a ß n a h m e veranlasst, sich „vorsorg-
lich" ihre Brüste amputieren zu lassen, obwohl bei ihnen noch gar kein Krebs diagnostiziert
wurde. So ließ sich die Mittdreißigerin EVELYN HEEG a u f g r u n d ihrer genetischen Disposition'
ihre beiden Brüste entfernen, worüber sie ein Buch geschrieben hat u n d damit A n f a n g 2009
in den deutschen Medien f ü r Aufsehen sorgte. 22

Selbst gesunden Kleinstkindern werden „prophylaktisch" die elementar wichtigen Schild-


drüsen entfernt, sodass sie den Rest ihres Lebens künstliche H o r m o n e einnehmen müssen."
Und sogar zu einer Entfernung des Magens lassen sich gesunde Menschen von der gängigen
Krebsmedizin verleiten - so wie der A m e r i k a n e r B R I A N C H E L C U N , über den ABC News im
März 2 0 0 9 berichtete. 8 Mit 2 6 Jahren lebt C H E L C U N bereits mit einem Ersatzmagen, der meist
aus einer hochgezogenen D ü n n d a r m s c h l i n g e besteht u n d dem die Magensäure vollständig
fehlt. W a r u m derlei Amputationen keine sinnvolle Krebsprophylaxe darstellen, darüber klä-
ren wir im Folgenden auf.

Dass Operationen im Z u s a m m e n h a n g mit Krebs kritisch zu betrachten sind, zeigen auch


neueste Studien, denen zufolge die routinemäßige Entfernung von Lymphknoten, die bereits
metastasierte Krebszellen aufweisen, „nicht m e h r zeitgemäß" sei, wie D I E T E R H O L Z E L vom
Krebsregister der Universität München A n f a n g 2009 durch umfangreiche Analysen ermit-
telte. Damit wäre eine der großen Thesen der Krebsmedizin in sich zusammengefallen, die
besagt, dass metastasierte Lymphknoten grundsätzlich zu entfernen seien. 24

Die Theorie, dass eine Veranlagung aufgrund der Erbinformation in den Zellen gegeben sei, eine Krankheit ent-
wickeln zu können.

•9
Zudem w i d m e t sich dieses Buch als erstes u m f a s s e n d der Gebärmutterhalskrebsimpfung,
die in jüngster Vergangenheit f ü r Furore gesorgt hat u n d viele Menschen verunsichert.
Dabei werden die zentralen Fragen fundiert beantwortet: Wird Gebärmutterhalskrebs durch
ein Virus verursacht? Sollte m a n sich gegen Gebärmutterhalskrebs wirklich impfen lassen?
Wie sind die Todesfälle im Z u s a m m e n h a n g mit dieser I m p f u n g zu bewerten? 4 2

Krebs(therapien) als häufigste Todesursache - trotz gigantischer


Forschungsbudgets

„Sie haben Krebs!" Diese Worte möchte wohl n i e m a n d in seinem Leben hören. Und auch
auf die sich d a r a n a n s c h l i e ß e n d e n konventionellen Prozeduren wie Chemotherapie oder
Bestrahlung k a n n gewiss jede/r verzichten, sind sie doch mit heftigen bis hin zu tödlichen
Nebenwirkungen verbunden.

Leider w i r d aber bei i m m e r m e h r M e n s c h e n Krebs


Allein in Deutschland sterben diagnostiziert. Bereits 2010 wird Krebs die weltweit häu-
jährlich mittlerweile etwas figste Todesursache darstellen u n d damit erstmals Herz-
mehr als 200.000 Menschen (umge- K r e i s l a u f - E r k r a n k u n g e n vom Spitzenplatz verdrängen,
rechnet also knapp 600 Menschen so eine E i n s c h ä t z u n g der Weltgesundheitsorganisation
am Tag) an Krebs und den darauffol- WHO. 4 3 Doch Krebs ist nicht, wie so gerne behauptet wird
genden Maßnahmen wie Chemothe- u n d wie etwa auch der Onkologe F R A N C O C A V A L L I 2 0 0 8 im
rapie, rund doppelt so viele erkranken Spiegel zum Besten geben durfte, „ein Problem der armen
neu an dieser Krankheit. In anderen Länder". 6 Denn auch in den Industriestaaten sind die Fall-
hochindustrialisierten Ländern wie zahlen in den vergangenen Jahrzehnten gestiegen. 3
den USA sieht es ähnlich aus.
Viele mögen sich jetzt fragen: Aber e r k r a n k e n nicht in
Deutschland oder den USA vor allem auch deshalb mehr
Menschen an Krebs, weil sie im Schnitt i m m e r älter werden? Letztlich nein. Zwar steigt mit
dem Alter auch die Wahrscheinlichkeit, dass m a n Krebs b e k o m m t - ganz einfach deshalb,
weil es in der Regel lange dauert, meist Jahrzehnte, bis sich Krebs manifestiert. Doch das
Alter ist nicht die eigentliche Ursache von Krebs, auch wenn dies unermüdlich behauptet
wird. Nirgends in u n s e r e m Körper ist v o r p r o g r a m m i e r t , dass wir von Krebs heimgesucht
werden. Um dies zu erkennen, muss m a n sich nur vergegenwärtigen, dass bei wildlebenden
Tieren, die sehr alt werden, Krebs praktisch u n b e k a n n t ist - selbst bei Elefanten, die unge-
f ä h r dieselbe L e b e n s e r w a r t u n g haben wie wir Menschen, oder auch bei Walen, die sogar
älter werden k ö n n e n als 200 Jahre. 23 Zwar werden bei wilden Tieren z u n e h m e n d Tumoren
festgestellt, doch es gibt guten G r u n d davon auszugehen, dass dieses P h ä n o m e n der Ver-
schmutzung des Planeten durch den Menschen geschuldet ist. 34

•10-
So hat etwa der Krebsexperte S A M U E L E P S T E I N berechnet, dass die Krebsraten in Industri-
eländern seit Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts auch d a n n gestiegen sind, wenn
einkalkuliert wurde, dass die Menschen älter geworden sind (s. Tabelle 1, Seite 13).2,10 Dies
ist umso bemerkenswerter, wenn m a n bedenkt, dass US-Präsident R I C H A R D N I X O N 1971 den
„War on Cancer" ausgerufen hatte. Um der Sache die richtige Fortschrittswürze zu verlei-
hen, beschwor der Republikaner seine Landsleute in seiner Rede zur Nation mit den Worten:
„In Amerika ist die Zeit gekommen, diese gefürchtete Krankheit mit den gleichen vereinten
Anstrengungen zu besiegen, die zur Spaltung des Atoms u n d zur L a n d u n g von Menschen
auf dem Mond g e f ü h r t haben. Amerika ist seit langem die reichste Nation der Welt. Es ist
jetzt an der Zeit, dass wir das gesündeste Land werden." 48

Die Analogie zwischen dem Bau der A t o m b o m b e u n d einer möglichen E n t d e c k u n g eines


W u n d e r m e d i k a m e n t s gegen Krebs w u r d e n auch schon k u r z nach dem zweiten Weltkrieg
bemüht. Doch bereits damals warnte T H O M A S P A R R A N , ein leitender F u n k t i o n ä r der ameri-
kanischen Gesundheitsbehörde, dass es nicht legitim sei, einen solchen direkten Vergleich
herzustellen. Denn die Atombombe, so der Historiker J A M E S P A T T E R S O N , hätte m a n deshalb
bauen können, weil die Geheimnisse des Atoms in zentralen P u n k t e n gelüftet worden waren.
Doch was das Verständnis über die Entstehung von Krebs angehe, so seien keine vergleich-
baren Forschritte erzielt worden. 49

Wie wir noch ausführlich darlegen werden, ist dies nicht ganz korrekt. D e n n insbesondere
in den vergangenen Jahrzehnten ist tatsächlich ein umfangreiches u n d faktisch abgesicher-
tes Wissen darüber entstanden, was Krebs auslöst u n d wie m a n i h n vermeiden u n d auch
behandeln kann. Das Problem dabei ist, das sich zentrale Instanzen in der etablierten Krebs-
forschung dagegen sperren, diese Ideen in die Forschungs- u n d Klinikpraxis zu integrieren.

11
Stattdessen setzt m a n seit N I X O N S Schlachtruf gegen den Krebs vor allem auf eine sinnlose
Jagd nach angeblichen Krebsgenen, die letztlich nur darauf hinausläuft, immer neue Medi-
kamente zu entwickeln, deren Nutzen höchst fragwürdig erscheint.

Entsprechend sind seit 1971 die Krebsforschungsbudgets ins Unermessliche angewachsen -


vor allem auch durch die Ver(sch)wendung von Steuergeldern. So ist allein das Jahresbudget
des a m e r i k a n i s c h e n Nationalen Krebsinstituts zwischen 1970 u n d heute von 149 Mio. auf
k n a p p 5 Mrd. $ angewachsen. 1 5 Insgesamt ist bereits die gigantische Summe von Hunderten
Milliarden Dollar in die Erforschung des Krebsleidens u n d in die Entwicklung von extrem
teuren Medikamenten geflossen. 36 Hier nicht eingerechnet sind die Behandlungskosten pro
Jahr, die sich allein in den USA auf mehr als 60 Mrd. $ belaufen sollen. 30 „Wie die US-Krebs-
autoritäten 1987 zugaben - n a c h d e m sie jahrelang viel zu niedrige Zahlen genannt hatten
w u r d e n jährlich insgesamt 71 Milliarden Dollar f ü r den Kampf gegen den Krebs ausge-
geben", so der Krebsexperte R A L P H Moss. „Und die Jahresausgaben dürften mittlerweile bei
weit über 100 Milliarden Dollar liegen." 37 Damit hätte m a n allein in den Vereinigten Staaten
seit Nixons Kriegserklärung gegen den Krebs 1971 mehr als unvorstellbare 3 Billionen $ in
diese Krebsschlacht investiert. Dennoch sind die Fallzahlen immer noch extrem hoch.

Bemerkenswert in diesem Z u s a m m e n h a n g ist, dass sich in den USA die Zahl der Frauen, die
an Krebs gestorben sind, zwischen 1950 u n d 1967 (also noch vor Ausruf des „War on Can-
cer" im Jahr 1971) verringert hat. Und zwar von 120 auf 109 pro 100.000 Einwohner (diese
Zahlen sind bereits bereinigt um den gesellschaftlichen Alterungsfaktor). „Dies ergab eine
Analyse der Amerikanischen Krebsgesellschaft, die gleich nach der Rede von US-Präsident
im Januar 1971 d u r c h g e f ü h r t worden war", so die Newswee/c-Journalistin S H A R O N B E G L E Y
2008 in einem der seltenen, wirklich kritischen Artikel über die etablierte Krebsmedizin.
„Das bedeutet", so B E G L E Y weiter, „dass die amerikanische Nation zwischen 1950 und 1967
- einer Zeit, in der die Krebsforschung k a u m mehr war als eine kleine Heimindustrie und
angetrieben w u r d e durch A h n u n g e n u n d praktisches Herumprobieren - mehr Frauen davor
bewahrt hat, an Krebs zu sterben, als in den 30 Jahren nach 1975 - einer Ära mit phänome-
nalen Fortschritten in der Molekularbiologie u n d Genetik."

B E G L E Y S Fazit: „Nach vierzig Jahren Krieg gegen den Krebs ist ein Sieg über die Krankheit

nicht am Horizont zu erkennen." 4 Bereits f ü n f Jahre zuvor schlussfolgerte die britische Zei-
t u n g The Independent in einem anderen, ebenfalls kritischen Beitrag: „The war against can-
cer has been lost" („Der Krieg gegen den Krebs wurde verloren"). 29

12
TABELLE i: Veränderung der Krebsneuerkrankungen, bereinigt um den Atterungsfaktor
(1973 bis 1999; USA)15

Krebsart Veränderung USA" (1973-1999)

Alle Krebsarten aller Alters- und Bevölkerungsgruppen" + 23 %

Alle Krebsarten bei Kindern (0 bis 14 Jahre) + 26 %

Malignes Melanom (schwarzer Hautkrebs) +156 %

Lunge (Frauen) +142 %

Prostata +105 %

Leber +104 %

Non-Hodgkin Lymphom (Krebs der Lymphgefäße) + 87 %

Schilddrüse + 71 %

Hoden + 67 %

Niere + 41 %

Brust + 41 %

Gehirn + 28 %

Blase +17 %

akute myeloische Leukämie (Blutkrebs) +16 %

Gebärmutterhalskrebs -53%

Leukämie (Non-Hodgkin-Lymphom) bei Kindern (0 bis 14 Jahre) - 22 %

Lunge (Männer) -6%

Bereinigt um den gesellschaftlichen Alterungsfaktor


exklusive Lungenkrebs

Sicher, nicht alle B e m ü h u n g e n w a r e n vergebens. Die Z a h l an G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s f ä l l e n


zum Beispiel ist, wie auch aus Tabelle 1 hervorgeht, in I n d u s t r i e l ä n d e r n wie den USA deut-
lich g e s u n k e n . Dies ist im W e s e n t l i c h e n auf v e r s t ä r k t e M a ß n a h m e n der F r ü h e r k e n n u n g
z u r ü c k z u f ü h r e n . D a d u r c h k ö n n e n schon kleinste W u c h e r u n g e n ausfindig gemacht u n d ge-
gebenenfalls e n t f e r n t werden, sodass b ö s a r t i g e T u m o r e n gar nicht erst e n t s t e h e n k ö n n e n .
Doch auch hier ist bei genauer B e t r a c h t u n g Kritik angebracht: Z u m einen ist die G e b ä r m u t -

•13-
terhalskrebsimpfung auf höchst fragwürdige Weise eingeführt worden, worauf in Kapitel 3
genauer eingegangen wird. Z u m anderen wird nicht nur bei Gebärmutterhalskrebs, sondern
- wie eingangs beschrieben - besonders auch bei anderen Krebsarten wie Brustkrebs mitun-
ter zu viel u n d einschneidend operiert.

Auch sind b e s t i m m t e Typen von Leukämie (Blutkrebs)


Problematisch ist, dass ausge- bei K i n d e r n z u r ü c k g e g a n g e n . „Und sie sprechen auf
rechnet jene Maßnahmen wie C h e m o t h e r a p i e u n d B e s t r a h l u n g recht gut an", so der
Chemotherapie oder Bestrahlung, Krebsexperte R A L P H M O S S . „Doch diesen Erfolgen steht
die den Krebs stoppen sollen, in gegenüber, dass sich d u r c h die toxische W i r k u n g der
ihrer Folge selbst zu Auslösern von Chemotherapie u n d Bestrahlung später oft Krebs ausbil-
Krebserkrankungen werden können. det." 3 7 Dies bestätigt selbst der Krebsinformationsdienst
des D e u t s c h e n K r e b s f o r s c h u n g s z e n t r u m s DKFZ, einer
I n s t a n z der offiziellen Krebsmedizin: „Ausgerechnet die wichtigsten Medikamente, mit
denen Krebs geheilt werden soll, k ö n n e n als Langzeitfolge eine Zweiterkrankung nach sich
ziehen", heißt es auf dessen Website. „Fast alle Mittel, mit denen Krebszellen am Wachstum
u n d an der Teilung gehindert werden sollen, greifen an der Erbsubstanz an". Und so könnten
„Krebsmedikamente Jahre später eine zweite Krebserkrankung auslösen". 45

H i n z u k o m m t , dass die Ursache leicht rückläufiger Krebszahlen mitunter nicht auf thera -
peutische M a ß n a h m e n z u r ü c k z u f ü h r e n ist. So zeigt eine Studie, die 2009 im New England
Journal of Medicine veröffentlicht wurde, dass der Rückgang an Brustkrebsfällen daher
r ü h r t , dass weniger Frauen H o r m o n e zur Behandlung ihrer Beschwerden in den Wechsel-
jahren g e n o m m e n haben. „Unsere Untersuchungen bestätigen, dass es Krebs entgegenwirkt,
wenn m a n aufhört, H o r m o n e zu nehmen", so M A R C I A S T E F A N I C K von der Stanford Univer-
sity. 9 ' 19

Im Großen u n d Ganzen bleibt festzuhalten, dass in der Krebsforschung schon seit längerem
etwas gewaltig falsch läuft. Nicht anders k a n n es interpretiert werden, wenn immer mehr
oder z u m i n d e s t i m m e r noch eine ungeheure Zahl an Menschen auch in den sogenannten
hochentwickelten Ländern an Krebs erkranken u n d sterben, obwohl unendlich viel Geld zur
V e r f ü g u n g stand u n d steht, um diese Krankheit zu erforschen. W e n n m a n dabei bedenkt,
dass viele Menschen gar nicht durch die Krankheit selbst den Tod finden, sondern erst durch
die intensive Behandlung mit Chemotherapie oder Bestrahlung, die sich unweigerlich an die
Diagnosestellung anschließen, d a n n muss m a n sich fragen, w a r u m dieser Umstand in der
öffentlichen Diskussion völlig verdrängt wird.

„Einfache Verhaltensänderungen wie die Aufgabe des Rauchens haben zwar geholfen, die
Zahl der tödlicher Lungenkrebse zu verringern", so C L I F T O N L E A F 2 0 0 4 im US-Magazin For-
tune. „Und auch m a c h e n einzelne Erfolge wie die von dem m e h r f a c h e n Tour-de-France-
Sieger L A N C E A R M S T R O N G , der seinen H o d e n k r e b s ü b e r w u n d e n hat, die Leute Glauben, die

.14.
Entwicklung eines Heilmittels gegen Krebs s t ü n d e k u r z bevor." Doch davon d ü r f e m a n
sich nicht blenden lassen, meint LEAF. „In Wahrheit sieht es so aus, als hätten wir den Krieg
gegen den Krebs verloren. So haben sich die Überlebenszeiten, wie R U T H E T Z I O N I vom Fred
Hutchinson Krebsforschungszentrum in Seattle aufzeigt, bei den vier bedeutendsten Krebs-
arten - Lunge, Dickdarm, Brust, Prostata - seit den 1970er Jahren praktisch nicht verändert.
1,4 Millionen A m e r i k a n e r werden in diesem Jahr von ihrem Arzt mit der beängstigenden
Diagnose Krebs konfrontiert. Es ist so, als wenn an jedem einzelnen Tag ein Turm des World
Trade Centers einstürzen würde." 3 0

Heilsversprechen sichern Forschungsgelder und zerstreuen Zweifel an


der Wirksamkeit des Krebsbetriebs

Besonders prekär ist vor diesem H i n t e r g r u n d , dass der Welt seit Jahrzehnten i m m e r u n d
immer wieder ein Heilmittel - eine „Magic Bullet" - gegen Krebs versprochen wird, ohne
dass eine solche „Wunderwaffe" in Sicht ist. Die Idee der „Magic Bullet" w u r d e bereits vor
rund 100 Jahren von dem deutschen Medizinnobelpreisträger P A U L E H R L I C H (1854-1915)
entscheidend vorangetrieben. 5 3 Dahinter steckt die Vorstellung, dass es möglich sei, ganz
bestimmte Leiden wie zum Beispiel Brustkrebs mit ganz bestimmten chemisch-pharmazeu-
tischen Präparaten erfolgreich bekämpfen zu können. 1 8

Das Problem daran: „Die Heilsversprechen, die mit den


Magic Bullets gegeben wurden, sind nie erfüllt worden", so „Eine Krankheit, eine Ursache,
A L L A N B R A N D T , Medizin-Historiker von der H a r v a r d Me- ein Heilmittel - so lautet die
dical School in seinem Buch „No Magic Bullet". 5 Dennoch Grundformel der modernen Bio-
wurde dieses Konzept einer W u n d e r m e d i z i n konsequent medizin mit ihrem monokausalen
vorangetrieben - u n d es k o n n t e sich bis in die heutige Ansatz und ihrer Suche nach den
Zeit halten. Denn es sichert nicht nur Forschungsgelder, Wunderpillen, den ,Magic Bullets'",
sondern hält in der breiten Bevölkerung eine ständige w i e e s d e r U S - S o z i o l o g e STEVEN
Hoffnung aufrecht, mit der m a n Kritik an den ständigen EPSTEIN auf den Punkt bringt. 16
Misserfolgen von Krebstherapien stets ausgezeichnet be- Eine Doktrin, die für die Pharma-
gegnen konnte. Allgemein herrscht also der Glaube vor, industrie mit ihrer Wunderpillen-
die offizielle Krebsforschung tue ihr Allerbestes, um den Produktion zu einem wahren Gold-
Krebs zu besiegen, und d a f ü r müsse sie auch alle Geldmit- rausch wurde.18
tel der Welt zur V e r f ü g u n g haben - d a n n werde sie u n s
schon irgendwann das Heilmittel liefern können.

Einer, der die Hoffnung auf eine W u n d e r m e d i z i n in den 1940er u n d 1950er Jahren wie kein
anderer schürte u n d symbolisierte, war C O R N E L I U S P. „ D U S T Y " R H O A D S (1898-1959). 49 R H O A D S
war Leiter der Abteilung f ü r chemische Waffen der US-Armee und w u r d e nach dem Zweiten

15 •
Weltkrieg Leiter des neuen Sloan Kettering Institute f ü r Krebsforschung u n d damit zu einem
der einflussreichsten Krebsforscher seiner Zeit. Er stellte 1953 - also r u n d zwei Jahrzehnte
vor der Nixon-Regierung - eine Krebskur in Aussicht. Seiner Meinung nach war „es vor-
p r o g r a m m i e r t , dass wir u n s auf ein Heilmittel wie ein Penicillin f ü r Krebs freuen können,
hoffentlich bis Mitte der 60er Jahre." 49 Dazu der Historiker J A M E S P A T T E R S O N : „Die Wissen-
schaftler wussten sehr wohl, dass es falsch u n d auf gefährliche Weise irreführend war, den
Sieg über den Krebs mit W u n d e r m e d i k a m e n t e n in Verbindung zu bringen." Unter anderem,
weil „Präparate wie Penicillin Bakterien attackieren u n d nicht Zellen von Säugetieren." 49

Seinem Namenszusatz „Dusty" - der Dreckige - machte R H O A D S im Übrigen alle Ehre. Er be-
hauptete noch bis ins Jahr 1956 - also elf Jahre nach dem ersten Atombombenabwurf auf die
japanische Stadt H i r o s h i m a -, dass Atombombentests im Freien harmlos seien. 49 Er f ü h r t e
zudem 1931 vom Rockefeller Institute finanzierte Menschenversuche durch, bei denen er Pu-
erto Ricanern Krebszellen injizierte. 13 von ihnen starben daraufhin. Als er später nach den
G r ü n d e n dieser brutalen Vorgehensweise gefragt wurde, antwortete er: „Die Puerto Ricaner
sind ohne Zweifel die dreckigste, faulste, degenerierteste u n d diebischste Rasse, die je unter
dem Himmelsgewölbe gelebt hat. Was Puerto Rico braucht, ist keine Gesundheitsarbeit, son-
dern so etwas wie eine Flutwelle, die die Bevölkerung vollständig ausmerzt. Alle Mediziner
finden Freude am Missbrauch u n d an der Folterung dieser unglückseligen Subjekte." 46

Ungeachtet solcher Ansichten schaffte es „ D U S T Y " R H O A D S


1949 sogar auf den Titel des Magazins Time (siehe Bild).
Auch dessen A u f m a c h u n g ist bemerkenswert: R H O A D S
trägt darauf einen weißen Arztkittel u n d eine Krawatte.
Sein Blick ist nach vorne gerichtet, u n d seine wachen
Augen leuchten hinter seiner Brille. Das strahlt Vertrauen
u n d Zuversicht aus. Rechts von i h m , etwas im Hinter-
g r u n d , sehen wir, wie sich ein glühendes Schwert, das
Symbol der A m e r i k a n i s c h e n Krebsgesellschaft, durch
einen Krebs bohrt, der wie ein Totenkopf aufgemacht ist.
Die Geschichte versah m a n mit der Schlagzeile „Frontal
Attack - a tower of hope" („Frontalangriff - eine Stütze
der H o f f n u n g " ) u n d fokussierte sich auf R H O A D S Arbeit
am Sloan Kettering Institute f ü r Krebsforschung. 4 9

Unterdessen wurde m a n nicht müde, große Versprechun-


gen abzugeben. 1957 versteigt sich die Zeitschrift Reader's
CORNELIUS P . „ D U S T Y " RHOADS a u f d e m Digest sogar zu folgender Bemerkung über Medikamente,
Cover des TIME MAGAZINE, 27. Juni 1949 die f ü r Zellen giftig u n d vor allem auch in der Krebsthe-
rapie von zentraler Bedeutung sind: „Es liegt zum ersten
Mal der Hauch eines Endsieges in der Luft." 38

16 •
„Ende der 60er Jahre schien die ganze Welt von einem .hoffnungsvollen Eifer' über das be-
vorstehende Heilmittel gegen Krebs ergriffen", so R A L P H M O S S , Medizinjournalist u n d Ex-
Sprecher des K r e b s z e n t r u m s am Sloan Kettering Institut, in seinem Buch „Fragwürdige
Chemotherapie". „ D R . R . LEE C L A R K , der Direktor des M. D . - A n d e r s o n - K r a n k e n h a u s e s u n d
Tumorinstituts in Houston, Texas, sagte vor einem Komitee des US-Kongresses, dass ,wir
mit einer Summe von einer Milliarde Dollar pro Jahr f ü r einen Zeitraum von zehn Jahren
den Krebs besiegen könnten'. Es war eine großartige Illusion, wie viele Insider wussten, je-
doch f ü h r t e sie bald zu einer der größten Geldausgaben f ü r biomedizinische Forschung in
der Weltgeschichte." 38

Forscher, Ärzte, Pharmamanager, Patienten, Medien - der Illusion


vom Heilmittel erlegen

Der bereits erwähnte „Krieg gegen den Krebs", der am 23. Dezember 1971 begonnen wurde,
war das „Weihnachtsgeschenk f ü r das Volk" 3 8 von US-Präsident N I X O N , das zudem noch mit
dem Versprechen verbunden war, dass man bis 1976, also innerhalb weniger Jahre, ein Heil-
mittel gegen diese Krankheit parat haben würde. 2 7 Daraus ist bis heute nichts geworden.
Dennoch gelang es mit dem „War on Cancer" einen, wie M o s s es formuliert, „kreuzzug-
ähnlichen Optimismus" zu etablieren, der seinesgleichen sucht u n d ungebrochen anhält.
2 0 0 5 etwa berichtet das Wissenschaftsmagazin Science von der Prophezeiung A N D R E W V O N

E S C H E N B A C H S , Z U jener Zeit Direktor des Nationalen Krebsinstituts der USA, dass bis 2 0 1 5

Tod und Leiden durch Krebs eliminiert sein würden. 2 7 Mit anderen Worten: Von heute an
gerechnet soll in nur f ü n f Jahren eine Art „Magic Bullet" gegen Krebs vorhanden sein.

Auch die Massenmedien sind nach wie vor voll von solchen Verheißungen. 2 0 0 6 berichtete
die britische Zeitung Daily Mail von einer „Magic Bullet gegen Krebs", 17 2 0 0 7 k o m m t die
TIMES mit der Schlagzeile „'Magic Bullet' entwickelt, u m Krebs zu besiegen", 21 2 0 0 8 tönt
Die Welt, Forscher stünden vor einem „Durchbruch bei der Krebsbekämpfung", 3 2 u n d 2 0 0 9
gab der Daily Telegraph die H o f f u n g von Krebsforschern an seien Leser weiter, m a n w ü r d e
innerhalb von zwei Jahren ein Heilmittel gegen Krebs verfügbar haben. 44

Einer der entscheidenden G r ü n d e , dass sich diese Illusion von einem Allheilmittel gegen
Krebs seit Jahrzehnten so hartnäckig halten kann, liegt darin, dass die Massenmedien meist
nur als Sprachrohr f ü r die Botschaften der offiziellen Krebsforschung dienen. „Wir wissen-
schaftlichen Berichterstatter dienen zu oft als lebhafte Beifallklatscher f ü r unser Thema", wie
einmal die New-York-Times-Reporterin N A T A L I E A N G I E R ihren eigenen Berufsstand kritisierte.
„Und manchmal", so A N G I E R weiter, „schreiben wir ein Manuskript, das sich wie eine unbe-
arbeitete Pressemitteilung anhört." 3 8

17 •
H i n z u k o m m t , dass sich auch die anderen Kämpfer in der „Krebs-Arena" f ü r die Vorstellung
einer W u n d e r m e d i z i n äußerst empfänglich zeigen. „Die Patienten verlangen nach solchen
Magic Bullets", so G E O R G E G A B O R M I K L O S , australischer Genomforscher, der dabei half, das
menschliche G e n o m zu entschlüsseln,' u n d renommierter Kritiker der etablierten Krebsme-
dizin. „Die Wissenschaftler w i e d e r u m wollen Forschungsgelder - u n d an die k o m m t man
besonders gut heran, wenn m a n angibt, möglichen Heilmitteln gegen Krebs auf der Spur zu
sein. Die Ärzte u n d insbesondere die P h a r m a f i r m e n verdienen am Verkauf von Medikamen-
ten - u n d nicht etwa am wohlfeilen Rat an die Patienten, die Ernährungsweise zu ändern
oder Gifte wie Zigarettenqualm, Pestizide oder gar Medikamente selber zu meiden."

Das bedeutet wohlgemerkt nicht, dass es die Patienten, Forscher, Ärzte, Pharmavertreter
u n d Journalisten eigentlich alle besser wissen müssten. Es ist vielmehr davon auszugehen,
dass die allermeisten von ihnen in gutem Glauben handeln.

Wie die Idee von der Magic Bullet entstand - und warum sie zu
einfach ist, um wahr zu sein

Der G r u n d f ü r die Pillen-Manie, von der die m o d e r n e Gesellschaft u n d auch die Krebsme-
dizin erfasst ist, hat ihre Ursache in einem verzerrten Verständnis davon, was Krankheiten
verursacht - ein Verständnis, das sich über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren fest in
unseren D e n k s t r u k t u r e n verankern konnte.' 6 Um dies zu verstehen, muss m a n in die Mitte
des 19. Jahrhunderts zurückschauen. Damals ereignete sich ein wahrer Paradigmenwechsel
in Bezug darauf, wie wir Krankheit sehen: weg von einer komplexen, ganzheitlichen Sicht
hin zu einer monokausalen u n d eindimensionalen Denkweise. Dadurch ist ein falsches Be-
wusstsein entstanden, das gegen seine Falschheit praktisch i m m u n ist, 33 weil die Dimensi-
onen der Selbstkritik ebenso fehlt wie die Fähigkeit, den Blick frei in verschiedene Richtun-
gen schwenken zu können u n d so ganz nüchtern nach den Fakten zu suchen.

Dass es so weit k o m m e n konnte, hat einen historischen H i n t e r g r u n d . So entwickelten sich


die W i s s e n s c h a f t e n im Zuge der A u f k l ä r u n g seit dem 16. J a h r h u n d e r t rasant. Und mit
ihren Beschreibungen spezieller, das heißt ganz konkreter P h ä n o m e n e zogen die Forscher
die Bevölkerung in ihren Bann, was absolut verständlich ist. M a n denke nur an die unge-
heure Leistung des englischen Physikers I S A A C N E W T O N , der die Schwerkraft (Gravitation)
beschrieb, oder die Erfindungen der Dampflokomotive u n d des Buchdrucks. Auf die damals
lebenden Menschen müssen solche Entdeckungen wie wahre W u n d e r gewirkt haben.
Doch im Überschwang der Fortschrittseuphorie wurde insbesondere ab Mitte des 19. Jahr-
hunderts dieses Denkmodell, wonach bestimmte chemische oder physikalische Phänomene
auch ebensolche Ursachen haben, einfach auf die Medizinwissenschaft u n d d a m i t a u f l e -
bende Wesen übertragen. Das zentrale Problem dabei ist, dass insbesondere machthungrige
Forscher- und Interessengruppen es sträflich vernachläs-
sigt haben, ganz genau d a r ü b e r n a c h z u d e n k e n , ob diese
Übertragung auch einen Sinn ergibt. So faszinierend einfach die
monokausale Vorstellung ist,
Dieser Paradigmenwechsel hatte zur Folge, dass die „mo- so wenig hat sie mit den komplexen
dernen" Menschen Krankheit nicht m e h r - wie es m e h r Geschehnissen Im menschlichen
oder weniger seit den Griechen üblich war - als ganz- Körper zu tun. „Die Doktrin, nach der
heitliches, komplexes Geschehen sahen, sondern in ihrer Krankheiten eine einzige Ursache ha-
„Aufgeklärtheit" z u n e h m e n d d a r a n glaubten, dass die ben, ist [seit der zweiten Hälfte des
verschiedensten Leiden durch eindeutig z u z u o r d n e n d e 19. Jahrhunderts] die bestimmende
Faktoren bedingt sind - u n d dass sie daher mit entspre- Größe in der Medizinwissenschaft",
chenden Heilmitteln oder Pillen erfolgreich b e k ä m p f t so RENÉ DUBOS, b e r ü h m t e r M l k r o -
werden können. Damit war der Grundstein gelegt f ü r eine biologe und Pulitzer-Preisträger.
Pillen-Medizin (eine Krankheit, eine Ursache, ein Heil- „Doch die Suche nach eben der
mittel), welche f ü r die in der zweiten Hälfte des 19. Jahr- einen Ursache dürfte ein hoffnungs-
hunderts aufstrebenden P h a r m a f i r m e n finanziell äußerst loses Unterfangen bleiben, da die
lukrativ werden sollte. 18 meisten Krankheitszustände das
Ergebnis sind von einer Vielzahl von
Entscheidend geformt w u r d e dieses m o n o k a u s a l e u n d Ursachen." 12 Dies gilt in besonderem
eindimensionale Denkmodell - eine Krankheit, eine Ur- Maße auch für die Krebsmedizin.
sache, ein Heilmittel - durch die Mikrobiologie, deren
Aufstieg im späten 19. Jahrhundert begann u n d die spezi-
fische Mikroorganismen (Viren, Bakterien, Pilze) zur Ursache ganz bestimmter Krankhei-
ten erklärte, darunter Massenleiden wie Cholera oder Tuberkulose. 18 M a n setzte alles daran,
diesen Ansatz auf alle möglichen Krankheiten, so auch auf Krebs, zu übertragen.

Ein aktuelles Beispiel hierfür ist der Versuch, Gebärmutterhalskrebs auf ein Virus zurück-
zuführen, was dem deutschen Mediziner H A R A L D Z U R H A U S E N 2008 sogar den Nobelpreises
einbrachte (zumindest wissenschaftlich eine nicht gerechtfertigte Auszeichnung). Es besteht
der Verdacht, dass mit der Preisverleihung, wie schon in anderen Fällen geschehen, aus un-
belegten Hypothesen ein Dogma gezimmert werden soll, von dem am Ende nur die Pharma-
firmen, insbesondere die Impfstoffhersteller, profitieren. Am Ende des dritten Kapitels gehen
wir detailliert darauf ein.

19
Argumente und Fakten gegen eine bisher falsche Forschungsrichtung in
der westlichen Krebsmedizin

N e b e n d e m g r u n d s ä t z l i c h e n U m s t a n d , dass die Idee von e i n e m Heilmittel gegen Krebs zu


simpel ist, um d e m k o m p l e x e n P h ä n o m e n dieser K r a n k h e i t gerecht zu werden, sind es vor
allem folgende P u n k t e , die b e g r ü n d e n , w a r u m die etablierte K r e b s m e d i z i n die falsche Stoß-
r i c h t u n g hat:

Die Jagd nach s o g e n a n n t e n „Krebsgenen", welche die


F o r s c h u n g seit Beginn des „War on Cancer" beherrscht, ergibt letztlich keinen Sinn. D e n n
das b e s t i m m e n d e M e r k m a l von Krebszellen ist nicht, dass in i h n e n einzelne Gene defekt
sind, 3 6 s o n d e r n dass i h r e C h r o m o s o m e n beschädigt sind. C h r o m o s o m e n s c h ä d e n sind viel
gravierender als Schäden an einzelnen G e n e n (was einleuchtet, w e n n m a n bedenkt, dass es
23 C h r o m o s o m e n gibt, auf d e n e n schätzungsweise 20.000 bis 24.000 Gene lagern - Chro-
m o s o m e n bilden also die viel g r ö ß e r e n Einheiten).

• Krebstherapie — Mitochondrientherapier N e b e n d e m C h r o m o s o m e n s c h a d e n ist das


zweite b e s t i m m e n d e M e r k m a l von Krebszellen, dass i h r e M i t o c h o n d r i e n geschädigt u n d
in i h r e r Z a h l reduziert sind. M i t o c h o n d r i e n dienen nicht n u r als „Fabriken" in den Zellen,
in d e n e n die Energie f ü r die Lebensprozesse erzeugt w i r d , s o n d e r n sie sind auch bestim-
m e n d f ü r das Z e l l w a c h s t u m u n d a n d e r e zentrale Funktionen. 5 2 D o c h auch diese Tatsache
lässt die offizielle K r e b s m e d i z i n nach wie vor weitgehend unbeachtet. Ein tragischer U m -
s t a n d , d e n n Studien h a b e n gezeigt, dass sich eine Krebszelle wieder in eine n o r m a l e Zelle
z u r ü c k v e r w a n d e l n k a n n , w e n n m a n die in ihre geschädigten M i t o c h o n d r i e n mithilfe einer
a u f b a u e n d e n Therapie ( E n t g i f t u n g , gesunde E r n ä h r u n g mit reichlich Frischkost, hochdo-
sierte Z u f u h r von A m i n o s ä u r e m i s c h u n g e n , Spurenelementen, Vitaminen etc.) regeneriert. 40

• Vergebliche Jagd nach dem Wundermittel: Krebszellen unterscheiden sich nicht n u r von
P e r s o n z u P e r s o n , s o n d e r n sind auch i n n e r h a l b eines T u m o r s e x t r e m verschieden. Das
m a c h t es u n w a h r s c h e i n l i c h , ein spezielles M e d i k a m e n t zu e n t w i c k e l n , das auf eine be-
s t i m m t e K r e b s a r t o d e r gar auf einen einzelnen Krebspatienten zugeschnitten ist. 14,20

• Krebs ist menschengemacht; W i e Studien zeigen, ist Krebs m i n d e s t e n s z u m Großteil -


w e n n n i c h t gar in G ä n z e - m e n s c h e n g e m a c h t , 3 1 ' 5 6 also d u r c h falsche E r n ä h r u n g , Gifte
wie S c h w e r m e t a l l e o d e r Pestizide, M e d i k a m e n t e n k o n s u m , Drogen, zu wenig Bewegung,
zu wenig V i t a m i n D (Sonnenlicht) oder auch Stress verursacht. W e n n diese Faktoren über
J a h r z e h n t e auf einen M e n s c h e n einwirken u n d d a n n Krebs erzeugen, so scheint es wenig
plausibel, dass m a n die K r e b s e r k r a n k u n g mit e i n e m einzigen Mittel so einfach wegzau-
b e r n k a n n . D e n n o c h gibt es viele Möglichkeiten, dieser K r a n k h e i t effektiv zu begegnen,
auch w e n n diese Möglichkeiten nicht h i n r e i c h e n d w a h r g e n o m m e n werden. Einen wesent-
lichen G r u n d d a f ü r zeigt der folgende P u n k t .

•20-
Die Forschung ist pharmadominiert; Es gib wohl k a u m n o c h ein b e d e u t e n d e s Krebsfor-
schungsinstitut, das letztlich u n a b h ä n g i g von der P h a r m a i n d u s t r i e agiert. Diese fehlende
Unabhängigkeit f ü h r t d a z u , dass z u m Beispiel negative Studien über K r e b s m e d i k a m e n t e
u n t e r den Tisch fallen o d e r auch u n r e a l i s t i s c h positive Ergebnisse in d e n e i n s c h l ä g i g e n
Fachmagazinen (und d a m i t auch in den M a s s e n m e d i e n ) veröffentlicht werden. U n d so gilt
wohl leider auch in der K r e b s f o r s c h u n g , d e m finanziell b e d e u t e n d s t e n Zweig in der Bio-
medizin, was der r e n o m m i e r t e W i s s e n s c h a f t s h i s t o r i k e r H O R A C E J U D S O N in s e i n e m Buch
„Der große Verrat - Betrug in der W i s s e n s c h a f t " schreibt: „Genau wie in der Politik u n d
W i r t s c h a f t , so werden wir auch in der F o r s c h u n g mit B e t r u g b o m b a r d i e r t , g e t r ä n k t u n d
gepeinigt." 2 6 J U D S O N S A n a l y s e n sind d u r c h etliche einschlägige U n t e r s u c h u n g e n u n t e r -
mauert'• 7 ' 1 3 ' 2 5 ' 2 8 , 3 5 - 3 9 ' 5 1 , 5 4 , 5 5 u n d m a c h e n deutlich, mit wie viel A r g w o h n m a n die auf die
gewinnträchtige M e d i k a m e n t e n p r o d u k t i o n ausgerichteten F o r s c h u n g s a n s t r e n g u n g e n u n d
die d a m i t einhergehenden Heilsversprechen der K r e b s m e d i z i n b e t r a c h t e n m u s s .

Der Militärton ist deplaziert: Der m i l i t ä r i s c h e


Ton, von d e m die K r e b s m e d i z i n b e h e r r s c h t ist,
v e r d e u t l i c h t , w o r u m e s d e n F o r s c h e r n i n er-
ster Linie geht: um das Abtöten von Zellen. Die
gewaltigste M e t a p h e r ist h i e r b e i sicher die des
„Kriegs" gegen Krebs, des „War on Cancer". U n d
so e m p f i n d e n es viele als n o r m a l , im Z u s a m m e n -
h a n g mit K r e b s m e d i k a m e n t e n von „Waffen" o d e r
gar ganzen „Arsenalen" zu reden. „Es gibt jedoch
beträchtliches Beweismaterial dafür, dass das
Paradigma, wonach m a n H e i l u n g d u r c h Abtöten
zu erreichen sucht, bei Krebs an seine G r e n z e n
g e s t o ß e n ist u n d u n s b l i n d m a c h t f ü r a n d e r e
M a ß n a h m e n gegen diese K r a n k h e i t " , wie es der
K r e b s m e d i z i n e r H A R V E Y S C H I P P E R bereits 1994
f o r m u l i e r t e 2 8 - eine F o r m u l i e r u n g , die aktueller
ist d e n n je!

Dieses Plakat wurde von den US-Gesundheitsauto-


ritäten in den 1930er Jahren entworfen. Es trägt die
Aufschrift „Bekämpfe den Krebs - Aufschub ist
gefährlich". Das militaristische Symbol des Schwertes wird auch heute noch bemüht. So hieß es in den
Tagesthemen der ARD am 1. November 2009, mit der lonenstrahl-Therapie „gibt es nun ein neues Schwert
im Kampf gegen die heimtückische Krankheit" Krebs (mehr zur lonenstrahl-Therapie in Kapitel 4).

•21
Die Zukunft der Krebsmedizin: präventiv, ganzheitlich, immunstärkend
„Es gibt kein Heilmittel gegen Krebs. W e n n wir Krebs in den Griff b e k o m m e n wollen,
müssen wir einen gesunden Lebensstil mit gesunder E r n ä h r u n g u n d Bewegung fördern",
konstatiert R I C H A R D D A V I D S O N von der britischen Stiftung Cancer Research UK. 41 Doch dies
bedeutet nicht, dass m a n gegen Krebs nichts machen kann. Das Entscheidende ist, dass man
seinen D e n k a n s a t z justiert, u n d zwar weg von einem monokausalen Modell hin zu einem
ganzheitlichen u n d auf Prävention ausgerichteten Ansatz. Etablierte Verfahren wie Opera-
tionen oder F r ü h e r k e n n u n g k ö n n e n darin ihren Platz haben, doch es muss noch genauer
abgewogen werden, wie m a n sie einsetzt. Wichtig ist zu erkennen, was Studien unmissver-
ständlich zeigen: dass Krebs in entscheidendem M a ß e kein Schicksal ist.

Im Idealfall ist alles d a r a n zu setzen, Krebs zu verhindern. Und dies gelingt am besten,
wenn die Dinge, die im Verdacht stehen, Krebs zu verursachen, so weit es geht vermieden
werden. Auf infrage k o m m e n d e Ursachen wie Fast-Food- oder tiereiweißreiche Ernährung,
V i t a m i n - D - M a n g e l oder auch industrielle Gifte wird in diesem Buch genau eingegangen.
Wer zu solchen P r ä v e n t i v m a ß n a h m e n bereit ist, muss womöglich einige Dinge in seinem
Leben ändern, doch zugleich wird er bzw. sie auch reichlich belohnt. Denn eine Lebensweise,
die auf Krebsprävention ausgerichtet ist, k a n n nicht nur Spaß machen und Genuss bedeuten,
sondern erspart auch das Leid, das f r ü h e r oder später auf Krebspatienten zukommen kann -
dies zu verinnerlichen ist wichtig.

W e n n ein Tumor bereits festgestellt wurde, so gestaltet


Krebs ist nicht schicksalsgege- sich die Sache möglicherweise schwieriger, vor allem
ben oder in den Genen einpro- wenn der Krebs schon weit fortgeschritten ist oder sogar
grammiert, sondern menschenge- schon gestreut bzw. Metastasen gesetzt hat. Doch auch
macht. Dieser Gedanke legt jedem hier gibt es wertvolle Therapieansätze, die in Kapitel 4
einzelnen eine ungeheure Verant- vorgestellt werden u n d die zeigen, dass fast keine Situa-
wortung auf, die jedoch deutlicher tion aussichtslos ist.
geringer wiegt, wenn sogleich die
Chance vergegenwärtigt wird, die Die Selbstheilungskräfte des menschlichen Körpers sind
in diesem Gedanken steckt: dass enorm. Und Krebs ist letztlich nichts anderes als ein Zei-
dies nämlich auch bedeutet, dass chen d a f ü r , dass ein Körper schwer geschädigt ist. Die
der Krebsprozess umkehrbar ist. Z u k u n f t der Krebsmedizin besteht also darin zu begrei-
fen, dass es vor allem d a r u m gehen muss, diese Selbst-
heilungskräfte zu mobilisieren u n d mit allen erdenkli-
chen Mitteln zu stärken.

•22-
Wie die Medizin im „Krieg gegen den Krebs"
an den Fakten vorbeiforscht - und dennoch
gut verdient

Die Unterdrückung von Zweifeln wird durch die autoritäre Tradition in der Medizin
begünstigt. Betrug und Fälschungen kommen in der medizinischen Forschung häufiger
vor, als man sich dies gemeinhin vorstellt. Die spektakulären Betrugsfälle bei der
Bewertung der Hochdosis-Chemotherapie bei Brustkrebs sind möglicherweise nur die
Spitze des Eisbergs."59
ULRICH ABEL, Krebsexperte am Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ

„Krebs wird nicht durch Genmutationen in Gang gesetzt."136


HENRY HARRIS, Pionier der Krebs- und Genomforschung

Die sinnlose Jagd nach angeblichen „Krebsgenen"


Wenn Sie einen etablierten Krebsmediziner (Onkologen) fragen, was Krebs ist, so wird er
Ihnen sagen, dass Krebs ein Sammelbegriff ist f ü r Körperzellen, die unkontrolliert wachsen,
sich teilen und gesundes Gewebe verdrängen u n d zerstören können. Der Fachbegriff, den die
Medizin für Krebs verwendet, ist bösartiger (maligner) Tumor. Dabei werden grob zwei Ka-
tegorien unterschieden: einmal die soliden Tumoren (solid cancers), bei denen das abnorme
Zellwachstum in „soliden" Organen wie der Brust, der Prostata oder dem D a r m stattfindet,
und auf der anderen Seite Tumorerkrankungen des blutbildenden Systems (Leukämie).

Schon dieses Denkmodell k a n n m a n hinterfragen. D e n n es ist offenbar sinnvoller, „Krebs


nicht p r i m ä r als unkontrolliertes Zellwachstum zu begreifen, s o n d e r n vielmehr als Ver-
schiedenheit von Zellen", wie H E N R Y H A R R I S , Pionier der Krebs- u n d G e n o m f o r s c h u n g von

23 •
der University of Oxford, 2004 im Fachmagazin Nature schreibt. 137 So sind Krebszellen, wie
bereits im Einführungskapitel kurz geschildert, vor allem dadurch gekennzeichnet, dass sie
sehr verschieden sind, was ihre E r b s t r u k t u r angeht. Diesbezüglich unterscheiden sie sich
nicht nur deutlich von Patient zu Patient. Auch sind sie innerhalb eines Tumors extrem ver-
schieden. 106, 136'257 Weiter hinten in diesem Kapitel gehen wir noch näher darauf ein.

An dieser Stelle steht die Frage,


was der e n t s c h e i d e n d e Treiber
bzw. die Ursache f ü r Krebs ist.
Und wenn Sie n u n einen etablier-
ten Onkologen danach fragen, so
ist es ratsam, dass Sie das, was er
Ihnen mitteilt, als Theorie, jedoch
nicht als Tatsache begreifen. Denn
er wird Ihnen erzählen, dass es be-
stimmte Gene sind, die Krebs ver-
ursachen. Gene befinden sich im
I n n e r n unserer Zellen und sie sind
die Träger von Erbinformationen.
Die Gene bestimmen, ob wir blaue Augen haben Heutzutage werden Gene gerne für
alles Mögliche verantwortlich ge-
macht. Tatsächlich b e s t i m m e n sie zum Beispiel die Augen- oder Haarfarbe eines Menschen.
„Wobei hier auch nicht ein einzelnes Gen f ü r das Merkmal verantwortlich ist, sondern meh-
rere gleichzeitig", so der Naturwissenschaftler FELIX S C H O L K M A N N , der sich eingehend mit der
Genthematik beschäftig hat. „Zudem scheinen Umwelteinflüsse die Genregulation zu steu-
ern." 263-264 Ob Gene aber auch der entscheidende Krebsauslöser sind, darf bezweifelt werden,
auch wenn die offizielle Krebsmedizin nicht müde wird, diese Ansicht k u n d zu tun.

G r u n d l a g e n dieser Theorie sind folgende Ansätze: Gene k ö n n e n Schäden erleiden (mu-


tieren), etwa d u r c h Röntgenstrahlen. Und nach M e i n u n g der Theorie der gegenwärtigen
K r e b s f o r s c h u n g sollen n u n b e s t i m m t e beschädigte (mutierte) Gene der Entstehung von
Krebs Vorschub leisten, indem sie die in gesunden Zellen exakt regulierten Prozesse plötz-
lich außer Kontrolle bringen. Diese defekten Gene, die dazu in der Lage sein sollen, werden
„Krebsgene" genannt, im Fachjargon Onkogene.

Auf der a n d e r e n Seite behauptet m a n , es gebe sogenannte T u m o r u n t e r d r ü c k e r - G e n e (in


der Fachsprache Tumorsuppressor-Gene). Über diese T u m o r u n t e r d r ü c k e r - G e n e wird nun
gesagt, sie w ü r d e n den Prozess h e m m e n , durch den sich eine Zelle zu einer Krebszelle ent-
wickelt. Sie sollen Onkogenen also praktisch entgegenwirken. Wird ein solches Tumorunter-
drücker-Gen jedoch beschädigt (mutiert es also), so soll es auch die Tumorbildung begünsti-
gen können. Das BRCAl-Gen z u m Beispiel soll ein Tumorsuppressor-Gen sein und wird in
mutierter Form f ü r Brustkrebs verantwortlich gemacht.

•24-
LINKS: Modelle menschlicher Zellen mit ihren einzelnen Zellbestandteilen wie Zellkern, Mitochondrien u.a.
RECHTS: 3D-Abbildung eines Chromosoms, im Inneren sichtbar die DNA-Stränge. Diese X-Form nimmt das
Chromosom nur in einer bestimmten Phase des Zellzyklus ein.

Es ist unbestritten, dass Gene beschädigt werden können; doch ob sie in dieser Form auch in
der Lage sind, Krebs „anzuheizen", ist weder bewiesen, 123 noch ergibt es einen Sinn.

Auf welch tönernen Füßen die These steht, wonach de-


fekte (mutierte) Gene Krebs verursachen sollen, zeigt So unglaublich es klingen mag,
sich a u ß e r d e m d a r a n , dass die P r o t a g o n i s t e n dieser so konnte noch keine Studien
Theorie sagen, krebserregende Stoffe (Karzinogene) wür- zeigen, dass die sogenannten Krebs-
den die Gene in den Zellen schädigen (mutieren). Stoffe, gene (Onkogene) für sich genommen
die Defekte an Genen erzeugen, nennt m a n „mutagen". alleine dafür verantwortlich sind,
Doch r u n d die Hälfte der Karzinogene sind gar nicht eine gesunde Zelle in eine Krebszelle
mutagen, schädigen also die Gene überhaupt nicht, dar- zu verwandeln.
unter extrem giftige Substanzen wie Asbest, Blei, Nickel,
Teer und Dioxin. Diese Gifte lassen die Gene also unbe-
rührt. Im Gegensatz dazu deformieren die krebserregenden Stoffe allesamt die C h r o m o s o -
men merklich (alle Karzinogene erzeugen also eine Aneuploidie'). 9 6 „Dies legt den Schluss
nahe, dass die Karzinogene weniger .mutagen' wirken, als vielmehr ,aneuploidogen', also
Chromosomen-schädigend", so der Molekularbiologe PETER D U E S B E R G . 9 5

D U E S B E R G hat 1970 z u s a m m e n mit dem M i k r o b i o l o g e n P E T E R V O G T das erste m u t i e r t e

Gen isoliert, das als Onkogen eingestuft w u r d e (es bekam den N a m e n src, ausgesprochen
„sark"). 95,97,98 Doch seit geraumer Zeit hegt er f u n d a m e n t a l e Zweifel an der Richtigkeit der
Genmutations-Hypothese zu Krebs - u n d er steht d a m i t nicht alleine. 71 Auch der bereits

Als Aneuploidie wird eine Beschädigung des Chromosomensatzes bezeichnet, bei der einzelne Chromosomen
zusätzlich zum üblichen Chromosomensatz vorhanden sind oder fehlen.
•25-
erwähnte r e n o m m i e r t e Krebsforscher H E N R Y H A R R I S stellt fest: „Krebs wird nicht durch das
direkte Wirken von Onkogenen verursacht u n d auch nicht vollständig durch die Beschädi-
gung von Tumorsuppressor-Genen erklärt - u n d auch nicht durch Genmutationen in Gang
gesetzt." 136

Diese Aussage wird auch d u r c h die Beobachtung u n t e r m a u e r t , dass das Verhalten von
Krebszellen in entscheidendem M a ß e davon abhängen kann, wie sich die umliegenden Zel-
len verhalten. Diese umliegenden Zellen können zum Beispiel heilsam auf Krebszellen wir-
ken oder auch gesunde Zellen dazu bringen, ebenfalls zu entarten. Das entscheidende Ele-
ment sind hier also die umliegenden Zellen - u n d nicht die mutierten (geschädigten) Gene
in der Krebszelle selber. 260

Chromosomenschäden als bestimmendes Merkmal von Krebszellen


Die Genmutations-Theorie zu Krebs erhielt ihren entscheidenden Schub in den 1970er Jah-
ren durch ein Laborexperiment, bei dem drei defekte (mutierte) Gene im Reagenzglas in ge-
sunde menschliche Zellen eingesetzt wurden. Anschließend wurden diese Zellen in Labor-
mäuse transplantiert u n d erzeugten dort Tumoren, so jedenfalls behaupten es die Urheber
der Studie. 103,133 Das Problem dabei: Andere Forscher konnten die Ergebnisse dieses Labor-
experiments nicht bestätigen, obwohl sie genau dieselben Gene benutzten. 6 1 136 172'313

W e n n ein Gendefekt Krebs auslösen können soll, so müsste eine Krebszelle im Reagenzglas
wieder zu ihrem gesunden Zustand zurückkehren, sobald man in ihr das mutierte Gen, das
als Krebsauslöser vermutet wird, durch eine heile Kopie des Gens austauscht. Doch als man
diesen simplen Versuch an Krebszellen v o r n a h m (ein defektes Gen durch eine fehlerfreie
Kopie austauschte), n a h m e n die Zellen nicht wieder ihren gesunden Zustand an. 136 Kurzum:
Die G r u n d t h e s e - defekte (mutierte) Gene verursachen Krebs - bestand nicht einmal ihren
Elementartest.

Doch weder die Mitglieder der herrschenden Krebsgemeinde noch die Massenmedien, die
mit wenigen A u s n a h m e n an den Lippen der etablierten Forschung hängen, wollten davon
Notiz n e h m e n . „Das Problem ist", sagt W A L L A C E M C K E E H A N vom Houston Medical Center,
„dass sich die Wissenschaftler, welche die Kontrolle über die Forschungsgelder haben, ein-
fach nicht loseisen wollen von der Idee, dass G e n m u t a t i o n e n das Krebsgeschehen diktie-
ren." 7 1 Nach wie vor fließt das Gros der Forschungsgelder in Studien über mutierte Gene
(Onkogene u n d T u m o r u n t e r d r ü c k e r - G e n e ) , w o r ü b e r die Krebswissenschaft bereits weit
mehr als 1,5 Millionen Arbeiten produziert hat. 118167

Und so ignorierten die Chefetagen der Krebsindustrie auch, dass die Zellen, die in besagtem
Experiment in die Labormäuse eingesetzt worden waren u n d dort Tumoren erzeugten, in
Wahrheit nicht nur defekte Gene aufwiesen, sondern Schäden an den Chromosomen hatten.

•26-
DNA-Analyse im Labor

Diese Beobachtung ist von zentraler Bedeutung. So hat ein gesunder Mensch 46 C h r o m o -
somen (23 Chromosomenpaare), auf denen nach heutigem Kenntnisstand 20.000 bis 25.000
Gene liegen. Wenn dieser Chromosomensatz n u n beschädigt ist - in der Fachsprache nennt
man dieses Phänomen Aneuploidie -, so f ü h r t dies unweigerlich zu schwerwiegenden Feh-
lern innerhalb der Zelle. Ein bekanntes Beispiel aus der Medizin f ü r eine Aneuploidie ist
das Down-Syndrom, bei der die Körperzellen das C h r o m o s o m 21 in dreifacher statt in der
normalen zweifachen A u s f ü h r u n g enthalten (daher wird die Krankheit auch als Trisomie 21
bezeichnet).

Tatsächlich ist das b e s t i m m e n d e M e r k m a l von Krebszellen in O r g a n e n wie Brust, Lunge


und Prostata nicht die Gen-Mutation, s o n d e r n der C h r o m o s o m e n s c h a d e n . Dies schrieb
2005 schließlich auch die weltweit bedeutendste Wissenschaftspublikation Nature, nachdem
die These von diesem Magazin zunächst - ebenso wie von fast allen etablierten Krebsfor-
schern - jahrzehntelang abgelehnt wurde bzw. ihre Vertreter diffamiert wurden. 2 0 3 239 Dabei
hatte bereits 1 9 1 4 der deutsche Biologe T H E O D O R B O V E R I darauf a u f m e r k s a m gemacht, dass
Krebszellen auf C h r o m o s o m e n e b e n e geschädigt sind. 76 Auch neuere Studien legen i m m e r
mehr den Schluss nahe, dass diese C h r o m o s o m e n s c h ä d e n nicht nur ein „Nebeneffekt" des
Krebsprozesses sind, sondern dessen eigentlicher Ursprung. 9 5

So finden sich im typischen menschlichen Brust- oder D a r m k r e b s 30 bis 40 C h r o m o s o m e n -


paare statt der normalen 23 - ein Umstand, der bis dato in der Forschung viel zu wenig Be-
achtung findet. Bei derart schwerwiegenden Zellschäden ist der Vergleich angebracht, dass
Krebs wie eine neue Spezies ist, die von den Erbanlagen her viel weiter weg von u n s Men-
schen ist als ein Gorilla. Sie ist keine „schlichte" Genmutation, durch die eine Spezies wie der
Mensch so fundamental verändert werden kann. Das zeigt sich auch in folgender Parallele:
Je bösartiger der Krebs, desto schwerer ist der Chromosomenschaden in den Krebszellen.

•27-
Hinzu k o m m t : W e n n diese massiven Chromosomenschäden nicht die treibende Kraft, son-
dern nur ein Nebeneffekt von Krebs wären, so müssten die chromosomalen Veränderungen
in verschiedenen Patienten in völlig willkürlicher Weise auftreten. Doch mit Hilfe von Chro-
mosomen-Färbetechniken - der sogenannten vergleichenden genomischen Hybridisierung
(Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung) - ist es bereits gelungen, b e s t i m m t e wiederkehrende
Muster in Chromosomenchaos von Krebszellen aufzuzeigen. So ermöglichen es diese Tech-
nologien, Bruchstücke u n d Teilchen von C h r o m o s o m e n einzufärben u n d nachzuverfolgen.
Dadurch erhält m a n ein Bild davon, welche C h r o m o s o m e n - A b s c h n i t t e in einer Krebszelle
verloren gegangen, welche h i n z u g e k o m m e n u n d welche umorganisiert worden sind. In der
Tat w u r d e n Belege gefunden f ü r C h r o m s o m e n e n t a r t u n g e n , die in den meisten Krebszellen
eines b e s t i m m t e n Krebstyps v o r h a n d e n sind (also Belege f ü r sogenannte „nichtzufällige"
Aneuploidien).

Forscher am Karolinska U n i v e r s i t ä t s k r a n k e n h a u s in
Wie schon 1914 der deutsche Schweden z u m Beispiel u n t e r s u c h t e n 2006 die Zellen
B i o l o g e THEODOR BOVERI von zehn Patienten, die unter einem bösartigen Lymph-
feststellte, sind es nicht die mu- drüsenkrebs - dem Burkitt-Lymphom - litten. Ergebnis:
tierten Gene, die für Krebs verant- In diesen Zellen waren an den Chromosomen 3, 13 und
wortlich gemacht werden können, 17 gewisse Fragmente häufig verlagert, während an den
sondern die Schäden in den Chro- C h r o m m o s o m e n 7 u n d 20 ganz b e s t i m m t e Segmente
mosomen bieten Tumoren erst die verloren gegangen bzw. h i n z u g e k o m m e n waren. Darü-
Basis. Eine Tatsache, die an den ber hinaus merkten die Forscher an, dass Verlagerungen
Festen der offiziellen Krebsmeinung in einem Segment von C h r o m o s o m 17 sowie der Zuge-
gewaltig rüttelt, aber von ihr leider w i n n von Teilen der Chromosomen 7 u n d 20 in Verbin-
ignoriert wird. d u n g standen mit der Resistenz gegenüber Krebsmedi-
kamenten. 1 4 7

Welche Folgen h ä t t e es also, w e n n sich diese Sichtweise, wonach C h r o m o s o m e n s c h ä -


den bei Krebs von zentraler Bedeutung sind, in Theorie u n d Praxis durchsetzen würde?
Z u n ä c h s t w ü r d e die alles b e h e r r s c h e n d e Entwicklung von M e d i k a m e n t e n , die auf Gen-
m u t a t i o n e n abzielen, verworfen. Zugleich w ü r d e man den Fokus viel stärker auf die Ver-
m e i d u n g von k r e b s e r r e g e n d e n S u b s t a n z e n wie Asbest oder Pestizide, die eben diese
C h r o m o s o m e n s c h ä d e n v e r u r s a c h e n k ö n n e n , r i c h t e n . Bisher ist a l l e r d i n g s n u r ein
Bruchteil der S u b s t a n z e n mit c h r o m o s o m e n s c h ä d i g e n d e m Potenzial b e k a n n t . W e n n
m a n also konsequent versuchen w ü r d e h e r a u s z u f i n d e n , welche Dinge - von N a h r u n g s -
mitteln über Medikamente bis hin zu Strahlung u n d allen möglichen chemischen Giften -
C h r o m o s o m e n s c h ä d e n verursachen können, so könnte dies die Krebsprävention und -thera-
pie entscheidend voranbringen.

D a r ü b e r hinaus k ö n n t e die Diagnostik stark verbessert werden, indem m a n krebsverdäch-


tige Tumoren oder auch Gebärmuttergewebe (mittels Papsmear-Test) im Frühstadium auf
C h r o m o s o m e n s c h ä d e n (Aneuploidie) anstatt auf G e n m u t a t i o n e n analysiert. Dies wird in

•28-
Schweden bereits gemacht. Dadurch könnte etwa verhindert werden, dass eine vergrößerte
Prostata sofort operiert wird, solange sie noch nicht auf Chromosomenebene geschädigt (an-
euploid) ist. Zugleich würde m a n sie unter Beobachtung halten u n d z u m Beispiel auf eine
E r n ä h r u n g umstellen, die Krebs nicht begünstigt. Auch k ö n n t e m a n a n h a n d einer C h r o -
mosomen-Analyse bestimmen, gegen welche Chemotherapie der vorliegende Krebs bereits
resistent ist.108

Doch so weit sind wir leider noch nicht. Zwar haben auch einige Verfechter der G e n m u t a -
tions-Theorie wie C H R I S T O P H L E N G A U E R von der amerikanischen Johns H o p k i n s University
bereits erkannt, dass Krebszellen durch C h r o m o s o m e n s c h ä d e n gekennzeichnet sind. Doch
sie versuchen, ihre Genmutationsthese dadurch zu retten, indem sie behaupten, G e n m u t a -
tionen würden den C h r o m o s o m e n s c h ä d e n vorangehen. So sollen g e m ä ß L E N G A U E R einige
Mutationen im Gen C D C 4 die H a u p t u r s a c h e sein f ü r jene C h r o m o s o m e n s c h ä d e n , die f ü r
Krebszellen so charakteristisch sind. 169 Doch wie Studien zeigen, finden sich eben diese de-
fekten CDC4-Gene in fast 170 von 190 D a r m t u m o r - P r o b e n überhaupt nicht. 185 U n d wenn
sie in einem Tumor gar nicht zu finden sind, d a n n können sie logischerweise auch nicht die
Ursache sein f ü r die Chromosomenschäden in den Krebszellen.

Tatsächlich werden nur im Einzelfall zufällig G e n m u t a t i o n e n den C h r o m o s o m e n s c h ä d e n


vorangehen. Denn wenn zum Beispiel auf eine gesunde Zelle krebserregende Röntgenstrah-
len einwirken, so ist es extrem unwahrscheinlich, dass zuerst ein Gen getroffen wird u n d
mutiert u n d dadurch Schäden am C h r o m o s o m verursacht werden. Selbst w e n n n ä m l i c h
durch diesen Röntgenstrahl ein Gen getroffen wird u n d mutiert, so läuft die Zellmaschinerie
in der Regel weiter, da das zweite Gen des jeweiligen Genpaares u n v e r ä n d e r t arbeitet. Es
ist hingegen sehr viel wahrscheinlicher, dass durch den Röntgenstrahl zuerst ein C h r o m o -
som beschädigt wird, denn das C h r o m o s o m ist zigtausend Mal größer als eines der vielen
Gene, die auf ihm liegen. Um in der Bildsprache der Krebsmedizin zu bleiben, so ist der
Chromosomensatz wie ein Schlachtschiff, auf dem sich zahlreiche Marinesoldaten befinden,
die den Genen entsprechen. Die Wahrscheinlichkeit, dass m a n mit einem Raketenangriff (=
Röntgenstrahl) das Schlachtschiff (= Chromosomensatz) trifft u n d außer Gefecht setzt, ist
tausendfach höher als die Wahrscheinlichkeit, damit einen Soldaten (= Gen) zu erwischen.

BERT V O G E L S T E I N , ebenfalls von der Johns Hopkins University, w u r d e 1 9 8 9 mit der Klassifi-

zierung des Gens p53 als Tumorunterdrücker-Gen bekannt, die angeblich die Tumorentste-
hung hemmen sollen. 299 So ist es doch sehr merkwürdig, dass „das Gen p53 in der Dekade
davor als das genaue Gegenteil, nämlich als sogenanntes O n k o g e n " galt, so H A R V E Y B I A L Y ,
Gründer von Nature Biotechnology. Nachdem m a n also zu der Überzeugung gekommen war,
bei p53 handle es sich doch u m ein Tumorunterdrücker-Gen, w u r d e es in gut 2 0 . 0 0 0 Veröf-
fentlichungen regelrecht beworben. In seiner Weihnachtsausgabe 1993 k ü r t e das Fachma-
gazin Science das Gen p53 gar zum „Molekül des Jahres". 157 Das Problem: Wenn ein solches
Tumorunterdrücker-Gen beschädigt wird bzw. mutiert, so soll es der offiziellen Forschungs-
meinung zufolge die T u m o r b i l d u n g begünstigen k ö n n e n . Studien haben aber - entgegen

•29-
diesem Dogma - festgestellt, dass ein beschädigtes (mutiertes) p53-Gen nicht etwa im Früh-
stadium eines M a m m a k a r z i n o m s in den Krebsellen zu finden ist, sondern erst im späteren
Stadium der Metastasenbildung. Zu diesem Zeitpunkt sind aber die Krebszellen bereits auf
C h r o m o s o m e n e b e n e geschädigt (aneuploid). D a m i t ist es schlicht unmöglich, dass ein de-
fektes p53-Gen, wie von Krebsforschern wie L E N G A U E R g e m u t m a ß t , einer Schädigung der
C h r o m o s o m e n (Aneuploidie) in den Krebszellen vorangeht oder diese gar verursacht.' 51,262
Somit fällt p53 auch als der große Krebsverursacher weg. Doch wer k a n n das noch zugeben
in Anbetracht des Medienhypes, der um p53 als wesentlichem Krebstreiber gemacht wurde?

„Die simple W a h r h e i t ist, dass die vielen Milliarden, die seit vielen Jahren in die Gen-
M u t a t i o n s - F o r s c h u n g fließen, viel sinnvoller ausgegeben w ü r d e n , wenn die Forschungs-
s c h w e r p u n k t e neu gesetzt würden", so G E O R G E G A B O R M I K L O S in der Zeitschrift Nature
Biotechnology. „Am Beginn dessen müsste stehen, sich von der trügerischen Vorstellung zu
verabschieden, dass eine einzelne G e n m u t a t i o n in einem Tumor der optimale Ansatz ist,
um nach neuen, effektiveren Krebsmitteln zu forschen. Denn die klinische Realität ist, dass
nicht einzelne Genveränderungen, sondern Chromosomenschäden dazu führen, dass die für
90 Prozent der Krebstodesfälle verantwortliche Metastasenbildung neue Nischen findet und
schnell resistent wird gegen Medikamenten-basierte Therapien." 185

Eine erfolgreiche Krebstherapie muss die Mitochondrien


schützen und aufbauen
Die derzeitige L e h r m e i n u n g zu Krebs verschließt die Augen davor, dass eine erfolgreiche
Krebsmedizin die M i t o c h o n d r i e n schützen u n d aufbauen muss. Sie übersieht zudem nach
wie vor die Tatsache, dass in Krebszellen die Mitochondrien geschädigt sind. Diese Schädi-
gung hat fatale Folgen, was nicht v e r w u n d e r t , wenn m a n bedenkt, dass ohne funktionsfä-
hige Mitochondrien in einer Zelle schlicht u n d ergreifend gar nichts geht.

Z u m Leben benötigt der Mensch Energie, diese k o m m t aus der N a h r u n g . Sie landet zu-
nächst im M u n d u n d d a n n im Magen u n d D ü n n d a r m , wo sie stückweise in ihre Bestandteile
zerlegt wird. Anschließend beginnt die große Verteilungsmaschinerie, denn alle Körperor-
gane - ob n u n Gehirn, Herz oder Muskeln - sind ständig am Arbeiten u n d müssen daher
p e r m a n e n t versorgt werden. Dies geschieht über den Blutstrom, der die Nährstoffe zu den je-
weiligen Zellen eines Organs transportiert. Wie aber gewinnen die r u n d 12 Billionen Zellen
des menschlichen Körpers daraus n u n Energie? Dies geschieht über die Mitochondrien, von
denen jede Zelle r u n d 1.500 enthält u n d die m a n daher auch Zellkraftwerke nennt.

Dabei wird in den M i t o c h o n d r i e n Traubenzucker (Glukose) unter Zuhilfenahme von Sau-


erstoff „verbrannt" (oxidiert), um Speicherenergie zu produzieren. Die Oxidation des Trau-
benzuckers (Glukose), der in den meisten kohlenhydrathaltigen Speisen enthalten ist, wird

•30-
als Zellatmung bezeichnet (die Oxidation von Fettsäuren aus den Fetten heißt ß-Oxidation).
Diese Zellatmung, also die „Verbrennung" von Glukose, besteht aus einer Reihe aufeinander
folgender biochemischer Vorgänge - auch Atmungskette oder Elektronentransportkette ge-
nannt. Von diesen Atmungsketten gibt es in jedem M i t o c h o n d r i u m Tausende, u n d sie liegen
auf der inneren M e m b r a n eines M i t o c h o n d r i u m s (siehe Abbildung). Ziel des G a n z e n ist,
Energie f ü r die lebenswichtigen Funktionen in den Zellen u n d im ganzen Organismus zu ge-
winnen. Gespeichert bzw. bereitgestellt wird diese Lebensenergie in einem Molekül namens
Adenosintriphosphat (ATP).

Bei Krebszellen ist diese F o r m der


E n e r g i e g e w i n n u n g gestört, weil in
ihnen die Mitochondrien geschädigt
bzw. d e z i m i e r t sind. T u m o r z e l l e n
verbrennen daher den f ü r die Ener-
giegewinnung zur Verfügung stehen-
den Zucker unter Verbrauch von Sau-
erstoff zu Milchsäure - u n d nicht wie
gesunde Zellen zu Kohlendioxid. Die-
ses Phänomen wird auch „Warburg-
Effekt" g e n a n n t (nach d e m deut-
schen Medizinnobelpreisträger O T T O
W A R B U R G , 1883-1970) u n d k o n n t e

bereits 1924 b e o b a c h t e t werden. 3 0 0


„Sauerstoffgas - Energiespender in
Pflanzen und Tieren - ist entthront in
den Krebszellen", so W A R B U R G , „und Vereinfachter Aufbau eines menschlichen Mitochondriums
durch eine Form der Energiegewin-
nung, nämlich die Fermentation der Glukose [= Vergärung], ersetzt. Aber n i e m a n d k a n n
heute behaupten, dass man nicht sagen k a n n , was Krebs ist u n d was seine primäre Ursache
ist. Im Gegenteil, es gibt keine Krankheit, deren Ursache besser b e k a n n t ist, sodass Unwis-
senheit heute nicht länger als Entschuldigung dienen k a n n , dass m a n nicht m e h r f ü r die
Prävention t u n kann." 1 6 5

Leider hat die etablierte Krebsforschung W A R B U R G S Beobachtungen jahrzehntelang ignoriert


und ihn als Wissenschaftler sogar diffamiert. Erst neuerdings wird sich die Krebsmedizin
langsam der großen Bedeutung von W a r b u r g s Thesen richtig gewahr. Im Februar 2009
brachte die Fachzeitschrift Seminars in Cancer Biology ein r u n d 60-seitiges Spezialheft he-
raus, in dem die enorme Wichtigkeit des Warburg-Effektes im Z u s a m m e n h a n g mit Krebs-
zellen explizit gewürdigt wurde. Das Editorial s t a m m t von B O R I S Z H I V O T O V S K Y , Leiter der
Toxikologie am umweltmedizinischen Institut des schwedischen Karolinska-Instituts, u n d
trägt den Titel „The Warburg Effect returns to the cancer stage" („Der Warburg-Effekt kehrt
auf die Krebsbühne zurück"). 311

•31-
Drei Jahre zuvor h a t t e n deutsche Wissenschaftler f ü r sich in A n s p r u c h g e n o m m e n , die
W a r b u r g - H y p o t h e s e - wonach Krebszellen von Oxidation (Verbrennung von Glukose und
Sauerstoff zu Kohlendioxid) auf Vergärung von Glukose u n d Sauerstoff zu Milchsäure um-
schalten - bewiesen zu haben. Eine Arbeitsgruppe von den Universitäten Jena und Potsdam
sowie vom Deutschen Institut f ü r Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke zeigte am Bei-
spiel von Dickdarmkrebs das Oxidationsproblem von Tumorzellen.

Die Forscher zwangen die Krebszellen, mehr zu „atmen", also den „gesunden" oder norma-
len oxidativen Stoffwechsel zu betreiben (anstatt - wie es Krebszellen eigen ist - Glukose
u n d Sauerstoff zu Milchsäure zu vergären). Sie nutzten dazu das Protein Frataxin, das sie
mittels molekularbiologischer Techniken in die M i t o c h o n d r i e n einsetzten. Mithilfe des
Proteins k o n n t e n sie die Stoffwechselaktivitäten in den Krebszellen erhöhen. Im Ergebnis
verloren die Zellen die Fähigkeit, bösartige Geschwulste in Versuchstieren zu bilden. 255 „Der
T u m o r h ö r t im Prinzip auf zu wachsen, weil er gegen seinen Willen vermehrt Sauerstoff
verbraucht", erklärte Projektleiter M I C H A E L R I S T O W von der Universität Jena gegenüber dem
Deutschen Ärzteblatt.225 Damit zeigten die Forscher, dass die Geschwindigkeit des Tumor-
wachstums von den Stoffwechselprozessen abhängt u n d dass sich diese beeinflussen lassen.

In einer weiteren Studie schalteten die Wissenschaftler im


Aktuelle Studien zeigen, dass Tierversuch den oxidativen Stoffwechsel in Leberzellen
eine fundierte Zellatmung aus. Im Ergebnis breiteten sich nicht nur Tumorzellen
das Tumorwachstum hemmt und schneller aus. „Selbst anfänglich gesunde Zellen began-
dass ein grundlegendes Problem in nen, wie T u m o r e n zu wachsen", so R I S T O W . Die Unter-
Krebszellen die aufgrund von ge- suchungsergebnisse erschienen Ende 2005 in der Zeit-
schädigten Mitochondrien reduzierte schrift Human Molecular Genetics.256 Die Arbeitsgruppe
Oxidation ist. ist sicher, einen wichtigen Mechanismus der Tumoraus-
breitung entschlüsselt und experimentell belegt zu haben.

Richtet m a n also den Blick darauf, dass Krebszellen Zucker zu Milchsäure vergären, so erge-
ben sich aufschlussreiche Erkenntnisse. So ist a u f g r u n d der sehr geringen Energieausbeute
von Krebszellen ein im Vergleich zu gesunden Zellen gut 20-fach erhöhter Durchfluss von
Glukose notwendig, um genügend Energie in Form des Energieträgers ATP bereitzustellen
u n d Zellteilung/Wachstum zu ermöglichen. „Damit verbunden ist nun zwangsläufig, dass
große Mengen an Milchsäure aus der Zelle ausgeschieden werden", so der Krebsforscher JO-
H A N N E S F. COY. „Und diese hohen Mengen an ausgeschiedene Milchsäure sind d a f ü r verant-

wortlich, dass es gefährlich wird, wenn Krebszellen vergären. Kommt es nämlich zu einer
lokalen A n h ä u f u n g der produzierten Milchsäure, sind fatale Folgen vorprogrammiert. Es
entsteht quasi f ü r die Krebszellen ein Säureschutzmantel." 8 6 Dieser Säureschutzmantel ist
z u m Beispiel d a f ü r verantwortlich, dass einige Akteure des menschlichen Immunsystems
wie T-Lymphozyten oder natürliche Killerzellen ihre Aufgaben am Tumorherd weniger gut
erledigen können u n d damit unsere beste körpereigene Waffe gegen Krebszellen außer Kraft
gesetzt wird." 3

•32-
Durch den massiven Ausstrom von Milchsäure k a n n es n u n dazu k o m m e n , dass sich das
Gewebe um die Krebszelle teilweise auflöst - was w i e d e r u m dazu f ü h r e n k a n n , dass die
Krebszellen weiter ins Gewebe vordringen u n d sich leichter ausbreiten. 2 7 7 D a r ü b e r h i n a u s
hat die Milchsäure weitere Effekte: Sie stimuliert über das Protein H I F - l a die Blutgefäß-
neubildung 1 7 6 u n d hilft damit dem Gewebe, Anschluss an das Gefäßsystem zu b e k o m m e n .
„Dadurch wächst zum einen das Krebsgeschwür schneller u n d zum anderen finden die ins
Gewebe drängenden Krebszellen Zugang zum Blutgefäßsystem u n d können somit Fernme-
tastasen bilden", so COY. 1 8 6

Erschwerend k o m m t hinzu, dass Krebszellen d a d u r c h , dass sie keinen Sauerstoff nutzen


und in ihnen die Mitochondrien inaktiv sind, den natürlichen M e c h a n i s m u s des Zelltods
(Apoptose) umgehen sowie eine Chemo- u n d Strahlenresistenz entwickeln können. 258 - 309 ' 310
Die Vergärung von Glukose zu Milchsäure versetzt Krebszellen also zusammengefasst in die
Lage,

• ... sich vor dem Angriff des Immunsystems zu schützen.


• ... auch ohne Sauerstoff wachsen zu können.
• ... das umgebende Gewebe aufzulösen, weiter ins Gewebe vordringen zu können
und zu metastasieren.
• ... resistent zu werden gegen Strahlentherapie, die schädliche Radikale bilden.
• ... resistent zu werden gegen Chemotherapie, deren eigentliches Ziel der Zelltod der
Krebszelle ist. 86

Wie Erfahrungen aus Praxis u n d Studien zeigen, ist dieser Prozess aber umkehrbar, indem
man die Mitochondrien sozusagen wieder zu neuem Leben erweckt. „So haben die natur-
heilkundlich ausgerichteten Ärzte JOSEF I S S E L S , W A L T R A U D FRYDA u n d M A X G E R S O N bereits vor
langer Zeit eine aufbauende Krebstherapie propagiert", so M A R T I N L A N D E N B E R G E R , Facharzt
für Allgemeinmedizin u n d Vorsitzender der Gesellschaft f ü r Bioimmuntherapie, in seinem
Buch „Bioimmuntherapie - Modell zur Krebsbehandlung: Eine stressbedingte chronische
entzündliche Mitochondriopathie". „ G E R S O N z u m Beispiel behandelte sehr erfolgreiche seit
den 1920er Jahren Krebspatienten mit M i t o c h o n d r i e n - a k t i v i e r e n d e n Obst- u n d Gemüse-
säften, roher Zickenleber als Glutathionquelle, Kalium- u n d Schilddrüsenpräparaten sowie
Kaffeeeinläufen. Der renommierte Krebsforscher H E I N R I C H K R E M E R lehrt ebenfalls, mit aller-
lei Nährstoffgaben die Atmungskette der Mitochondrien zu stützen." 165

Was W A R B U R G forderte u n d G E R S O N empirisch-therapeutisch herausfand, konnte der finni-


sche Immunologe T H O M A S T A L L B E R G in jahrzehntelangen Forschungen, die in den 1970er Jah-
ren ihren Anfang nahmen, belegen. Er zeigte, dass das wesentliche therapeutische Moment
bei Krebspatienten in der Wiederherstellung der m i t o c h o n d r i a l e n Aktivität liegen muss.
T A L L B E R G stieß zunächst auf Berichte von H O W A R D B E A R D vom biochemischen Institut der

Universität in New Orleans aus den 1940er Jahren, der bei Laborratten erzeugte Tumoren
mit der Gabe der Aminosäuren Arginin, Histidin u n d Lysin heilte. 287 In langjährigen experi-

•33-
mentellen Studien mit Tausenden von Ratten, bei denen im Labor Leukämie erzeugt worden
war, fand T A L L B E R G anschließend selbst heraus, wie sich Leukämiezellen in natürliche weiße
Blutzellen z u r ü c k t r a n s f o r m i e r e n lassen. T A L L B E R G nennt Komplexe aus Aminosäuren mit
Spurenelementsalzen als die maßgebliche Basis dieser Erfolge.

In weiteren Studien schaffte es T A L L B E R G auch bei Menschen, Krebszellen dazu zu bewegen,


sich wieder in n o r m a l e s Gewebe z u r ü c k z u v e r w a n d e l n oder den Zelltod zu sterben. Dies
gelang i h m durch eine hochdosierten Z u f u h r von A m i n o s ä u r e m i s c h u n g e n , Ultraspuren-
elementen, Neurolipiden aus Hirn (zum Beispiel Cerebrolysin), Vitalstoffen und Autovakzi-
nen (= Eigenimpfstoffe, die aus Tumorkomponenten gewonnen werden). 286 Die Erfolgsraten
waren höher bei den Patienten, die vorher weder bestrahlt noch mit Chemotherapie behan-
delt worden waren (was auch plausibel scheint, da die empfindlichen Mitochondrien durch
Bestrahlung u n d Chemotherapie schnell in Mitleidenschaft gezogen werden können).

„Wichtig f ü r den Schutz der M i t o c h o n d r i e n - ob n u n im Zuge einer Krebstherapie oder


der Prävention - ist unterdessen eine vitalstoffreiche Ernährung", so der Umweltmediziner
J O A C H I M M U T T E R . „Mitochondrien werden n ä m l i c h durch die herkömmliche westliche Er-

nährungsweise mit f a b r i k m ä ß i g verarbeiteten N a h r u n g s m i t t e l n geschädigt. Auch bei Un-


terversorgung mit Vitalstoffen u n d hochwertigen Eiweißen werden die Mitochondrien in
Mitleidenschaft gezogen." 195 Besonders wichtig f ü r eine gesunde mitochondriale Energiege-
w i n n u n g sind die Vitamine B,, B 3 , B 3 u n d B 6 , die v i t a m i n ä h n l i c h e Substanz Carnitin, das
Antioxidans Glutathion, das C o e n z y m Q , Phospholipide oder auch Eisen, Kupfer, Zink,
Selen u n d Magnesium.

Darüber hinaus sollten alle erdenklichen Einflüsse, die den Mitochondrien zusetzen könn-
ten, vermieden werden. Dazu zählen giftige Schwermetalle wie Quecksilber, Blei und Arsen
ebenso wie andere toxische Substanzen, etwa Pestizide oder polychlorierte Biphenyle (PCB),
die sich hartnäckig in der Umwelt halten. Auch durch Chemotherapeutika und Bestrahlung
k ö n n e n die Mitochondrien empfindlich gestört werden, d e n n beides verstärkt unter ande-
rem die Belastung mit freien Radikalen. Des Weiteren sind radioaktive u n d elektromagne-
tische Strahlungen ( M o b i l f u n k zum Beispiel), Nanopartikel, Acrylamid in stark erhitzten
kohlenhydratreichen Lebensmitteln wie Pommes Frites oder Kartoffelchips, Transfettsäuren
aus erhitzten ungesättigten Fettsäuren (vor allem von pflanzlichen Ölen), Entzündungspro-
zesse, Lösungsmittel u n d m a n c h e Antibiotika (zum Beispiel Tetrazykline, Metronidazol,
Chloramphenicol, Trimethoprim) als schädigend f ü r die Mitochondrien bekannt. 195

Doch d a m i t nicht genug: Der menschliche Körper wird auch d a d u r c h belastet, dass die
industrialisierte Landwirtschaft massiv Dünger einsetzt - mit der Folge, dass Luft, Wasser
u n d N a h r u n g z u n e h m e n d voller Stickstoffverbindungen sind. Diese Stickstoffverbindungen
können in unserem Körper den gefährlichen nitrosativen Stress hervorrufen. Dabei handelt
es sich - in Analogie zum bekannten oxidativen Stress, bei dem freie Sauerstoffradikale das
Gleichgewicht im Körper zugunsten schädlicher oxidationsfördernder Prozesse verschieben

•34-
Auch die intensive Landwirtschaft leistet mit ihrem massiven Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln
dem Krebs Vorschub.

- um eine überschießende Bildung des Radikals Stickstoffmonoxid (NO) u n d seiner Fol-


geprodukte Peroxinitrit, Nitrotyrosin u n d Nitrophenylessigsäure. Diese als sehr schädlich
geltenden Substanzen können unsere Zellen oder das Erbmaterial noch stärker schädigen als
Sauerstoffradikale.

Im Übrigen hat es sich gezeigt, dass die Nebenwirkungen einer Chemotherapie durch eine
komplementärmedizinische Behandlung, die eine zellaufbauende W i r k u n g im Sinn hat,
abgemildert werden können. Z u m Beispiel hat es sich als hilfreich erwiesen, parallel z u m
Chemotherapeutikum Cisplatin die Spurenelemente Selen u n d Magnesium oder auch Vita-
min E in höherer Dosierung zu verabreichen, um das Nieren-, Leber- u n d Augengewebe vor
oxidativem Stress zu schützen 229 oder auch dem starken Abfall der Magnesiumspiegel - her-
vorgerufen durch die toxische W i r k u n g von Cisplatin auf die Nieren - entgegenzuwirken. 1 6 4

Die Verbindung zwischen Chromosomen- und Mitochondrienschäden


in Krebszellen
Chromosomen- u n d Mitochondrienschäden sind also die beiden b e s t i m m e n d e n Merkmale
von Krebszellen. Doch gibt es möglicherweise eine Verbindung zwischen diesen beiden Phä-
nomenen? Diese Frage wurde bis heute noch k a u m wissenschaftlich untersucht, was erneut
zeigt, wie weit entfernt die etablierte Krebsforschung vom Weg der W a h r h e i t s f i n d u n g ist.
Immerhin dürfte es feststehen, dass der Zellkern, in dem sich die C h r o m o s o m e n befinden,
und die Mitochondrien, die sich außerhalb des Zellkerns befinden (siehe Abbildung auf der
folgenden Seite), in Wechselbeziehung stehen. Das bedeutet, w e n n C h r o m o s o m e n durch
welche negativen Einflüsse auch immer (Stress, Schwermetalle, Pestizide, Medikamente etc.)
geschädigt werden, so besteht die Gefahr, dass dies auch an den Mitochondrien nicht spurlos
vorübergeht - und umgekehrt.

•35-
Der mit einem h a u c h d ü n n e n Häutchen (Membran) umhüllte Zellkern enthält die Chromo-
somen, in denen die gesamte Erbsubstanz des menschlichen Körpers in Genen verschlüsselt
ist. „Und es bedarf gerne 2.000 von diesen Genen, die im Zellkern verschlüsselt vorliegen,
um ein M i t o c h o n d r i u m zu k o n s t r u i e r e n u n d f u n k t i o n s t ü c h t i g zu halten", sagt etwa der
australische Genomforsche G E O R G E G A B O R M I K L O S . „Das heißt, wenn die Chromosomen im
Zellkern Schaden n e h m e n , so k a n n es sehr gut sein, dass dadurch auch die Mitochondrien
in ihrer S t r u k t u r u n d Funktionsfähigkeit beeinträchtigt werden. Die Mitochondrien selber
haben ein Genom, doch es hat nur wenige Dutzend Gene. Es ist also sehr wahrscheinlich,
dass in Krebszellen der Zellkern sozusagen ,die treibende Kraft' ist u n d die Mitochondrien
in den meisten Fällen dem Zellkern wie eine Art .Sklave" dienen."

Demgegenüber misst der finnische Im-


munologe T A L L B E R G den Mitochondrien
sehr viel m e h r Bedeutung bei. Er sieht
die Aufgabe der M i t o c h o n d r i e n nicht
nur darin, dass sie ATP als Hauptener-
gielieferant herstellen. T A L L B E R G sieht
die M i t o c h o n d r i e n als eine Art „Auf-
sichtsrat" in der Zelle, die den Zellkern
als operative Ebene kontrollieren u n d
mit „Botschaften" versorgen bzw. be-
a u f t r a g e n . Bei der A n w e n d u n g seiner
a u f b a u e n d e n B i o i m m u n t h e r a p i e bei
Krebspatienten konnte er Hinweise da-
rauf gewinnen, dass die Mitochondrien
eine entscheidende Rolle dabei spielten,
wenn sich selbst große Tumoren in nor-
males gesundes Körpergewebe zurück-
bildeten. 285 ' 290

Aufbau einer menschlichen Zelle mit dem Zellkern in der Wer auch i m m e r die Wechselbeziehung
Mitte und umliegenden Mitochondrien zwischen Zellkern u n d C h r o m o s o m e n
auf der einen u n d M i t o c h o n d r i e n auf
der anderen Seite letztlich dominiert - beide zeigen unmissverständlich f ü r Krebszellen cha-
rakteristische Phänomene, also sowohl C h r o m o s o m e n - als auch Mitochondrienschäden. Die
bisherige Aussage, dass Krebs in unseren Genen „einprogrammiert" sei u n d durch defekte
Gene verursacht werde, lässt sich somit k a u m länger halten. Vielmehr ist Krebs durch eine
gesunde Lebensweise vermeidbar u n d grundsätzlich auch durch eine aufbauende Therapie
reversibel.

•36-
Der „Atlas der Krebsgene" - ein weiterer kostspieliger
Fehltritt im „Krieg gegen den Krebs"
Wie sehr die etablierte Krebsforschung mit ihrer Fokussierung auf defekte Gene am Ziel
vorbeischießt, offenbart auch eine Analyse von etwas mehr als 13.000 Genen von Brust- u n d
Darmkrebsen. Diese ergab, dass nur wenige (und vermutlich sogar keines) dieser Gene von
wirklicher Bedeutung f ü r den Prozess der Krebsentstehung sind. 272

Die Statistik, auf die sich die Vertreter der Genmutations-These zu Krebs berufen, ist bei
genauer Betrachtung haarsträubend. Zwar trägt die offizielle Krebsforschung das große Ver-
sprechen vor sich her, dass m a n nur alle „Krebs-Gene" fein säuberlich katalogisieren müsse,
und schon würde m a n wissen, welche M e d i k a m e n t e m a n jeweils zu entwickeln habe. Das
Absurde dabei aber ist: Selbst ein Gen, das in mutierter Form in n u r einem von 61 Lun-
genkrebs-Tumoren gefunden wurde, wird merkwürdigerweise i m m e r noch als „Krebs-Gen"
bezeichnet. Dasselbe gilt f ü r ein mutiertes Gen, das in keinem von zwölf G e h i r n t u m o r e n
gefunden wurde. 185

„Die Vertreter der G e n m u t a t i o n s - H y p o t h e s e k ö n n e n


offenbar nicht erfassen, dass mit derart schwachen Kor- 2007 veröffentlichte die Fach-
relationen nicht einmal der m i n i m a l e wissenschaftliche zeitschrift Nature eine Studie,
Standard f ü r Kausalität gegeben ist", so G E O R G E G A B O R in der mehr als 200 verschiedene
M I K L O S . „Wenn G e n m u t a t i o n e n auf diese Weise z u m Tumoren auf die Anwesenheit von
entscheidenden Krebsauslöser gemacht werden, d a n n rund 500 angeblich krebserregenden
befinden wir uns mittlerweile im Reich von Voodoo- Genmutationen untersucht wurden.
Forschung u n d wissenschaftlicher Manipulation." Das Ergebnis: In fast 40 Prozent der
Tumorproben fanden sich überhaupt
Dass die Genmutations-Theorie zu Krebs trotz der Be- keine dieser 500 Genmutationen, von
weisnot so vehement verteidigt wird, h ä n g t besonders denen behauptet wird, sie seien die
damit z u s a m m e n , dass auf ihrer Basis profitträchtige großen Krebsverursacher.131
M e d i k a m e n t e wie das B r u s t k r e b s m i t t e l H e r c e p t i n
(knapp 2,5 Mrd. SUmsatz in den ersten n e u n Monaten
2008 218 ) oder das Lungenkrebspräparat Avastin (Umsatz 2008: fast 3,5 Mrd. € 219 ) entwickelt
werden, mit denen m a n eben diese G e n m u t a t i o n e n attackieren will. Doch selbst die New
York Times156, die nicht gerade f ü r ihre f u n d a m e n t a l e Kritik an der etablierten Krebsmedi-
zin bekannt ist, berichtete im Sommer 2008 - was auch erstklassige Daten belegen -, dass
Medikamente wie Avastin f ü r die große Mehrzahl der Patienten de facto wirkungslos sind.
Tatsächlich verlängern sie das Leben der Patienten doch allenfalls um wenige Wochen oder
Monate - wenn überhaupt, wie wir noch später in diesem Buch erläutern werden. Das k a n n
im Übrigen auch nicht v e r w u n d e r n , wenn m a n b e d e n k t , dass eben nicht G e n m u t a t i o n e n
(auf welche die Medikamente abzielen), sondern C h r o m o s o m e n - u n d Mitochondrienschä-
den Krebszellen kennzeichnen.

37 •
Zugleich sind die Präparate mit schweren bis hin zu tödlichen Nebenwirkungen verbun-
den. So waren zehn Prozent der Brustkrebspatienten, die Herceptin bekamen, von Schäden
am Herzen betroffen, weitere 30 Prozent von ihnen entwickelten Metastasen im Gehirn. 193
Ungeachtet dessen schafft die Genmutations-Theorie die Grundvoraussetzungen, um Mil-
liarden an Forschungsgeldern e i n s a m m e l n zu können (ein erheblicher Teil davon wird aus
Steuergeldern bereitgestellt). Ein aktuelles Beispiel hierfür ist das sogenannte H u m a n Can-
cer G e n o m e Project, das m a n auf Deutsch mit „Atlas der Krebsgene" bezeichnen könnte.
Dieses Milliarden Dollar schwere Krebs-Genom-Projekt in seiner nie da gewesenen Größe
wird propagiert mit der Vision, dass m a n mit seiner Hilfe alle genetischen Veränderungen
von Krebszellen erfassen könne. Das Bestreben ist, die genetischen Defekte in Tumorzel-
len aufzulisten u n d auf der Basis zielgerichtete Medikamente zu entwickeln. 213 Die offizielle
Krebsforschung geht davon aus, dies würde die Krebstherapie „revolutionieren". 270

Doch was ist unter „zielgerichtet" verstehen? V I C T O R V E L C U L E S C U vom Kimmel Cancer Cen-
ter an der Johns Hopkins University in Baltimore erklärt: „Ein Krebspatient kommt in eine
Klinik, um seinen T u m o r auf G e n m u t a t i o n e n h i n analysieren zu lassen. Auf Basis dieses
Spektrums an G e n m u t a t i o n e n erhält der Patient einen Medikamenten-Cocktail. Das heißt
nicht, dass jeder Patient ein neues [extra f ü r ihn entwickeltes] Medikament enthält, sondern
lediglich, dass jeder Patient eine andere Kombination [einer bestimmten Anzahl bestehen-
der] Präparate verabreicht bekommt." 6 9

Die Entwicklung echter Patienten-individueller M e d i k a m e n t e wäre f ü r Pharmafirmen oh-


nehin viel zu aufwändig u n d kostspielig. Bis zu zwölf Jahren benötigt die Entwicklung eines
Krebsmedikaments. Davon dauert die eigentliche Zulassung etwa anderthalb Jahre. Gerade
bei Krebsmedikamenten müssen Ärzte die Testpersonen sehr lange beobachten, um heraus-
zufinden, ob der Krebs auch wirklich nicht wieder auftritt. 77,226 Selbst S T E V E N H I R S C H F E L D von
der US-Medikamentenzulassungsbehörde FDA, einer Einrichtung, der oft eine große Nähe
zur P h a r m a i n d u s t r i e attestiert wird, meint, dass „Krebsmedikamente von einer Reihe von
Mythen umgeben sind: zum Beispiel dass sie sehr zielgerichtet wirken - tatsächlich aber tun
sie es allesamt nicht." 1 2 0

Z u m a l die Basis der Medikamentenentwicklung - die These, wonach Genmutationen die we-
sentlichen Krebstreiber sein sollen - wie bereits ausgeführt nicht haltbar ist. Das Geschehen
in der Krebszelle geht weit über einzelne Mutationen hinaus u n d wird vor allem durch die
viel einschneidenderen C h r o m o s o m e n s c h ä d e n gekennzeichnet. 9 5 Der Genomforscher u n d
Krebsexperte G E O R G E G A B O R M I K L O S bezeichnet dieses H u m a n Cancer Genome Project im
Fachjournal Nature Biotechnology daher als „weiteren Fehltritt im Krieg gegen den Krebs".185

Das U S - N a c h r i c h t e n m a g a z i n Newsweek urteilt: „Dieses Mega-Projekt ist kein Weg, um


Krebs zu heilen." 70 Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich das H u m a n Cancer Genome Project
auf Gendefekte (Mutationen) im P r i m ä r t u m o r - also der ursprünglichen Krebsgeschwulst

•38-
- fokussiert. Doch an diesem P r i m ä r t u m o r sterben
die Patienten nur selten. Vielmehr ist es in 90 Pro-
zent der Fälle die Streuung der Krebszellen (Metas-
tasierung), welche die Betroffenen u m b r i n g t . U n d zu
dem Zeitpunkt, zu dem in der Regel die Proben von
den P r i m ä r t u m o r e n f ü r die U n t e r s u c h u n g e n (auch
bei diesem Riesenprojekt) g e n o m m e n werden, haben
die metastasierenden Zellen den P r i m ä r t u m o r bereits
verlassen. Das heißt: Die Zellen, die f ü r die Analysen
aus dem P r i m ä r t u m o r e n t n o m m e n u n d auf G e n m u -
tationen untersucht werden, haben letztlich keine Be-
deutung f ü r die praktische Behandlung, weil sie das Röntgenbild eines metastatisierten
Leben des Patienten nicht elementar bedrohen. Lungenkrebses

Es ist daher nur schwer zu erkennen, was dieses H u m a n Cancer Genome Project mit dem zu
tun haben soll, was im Klinikalltag - also bei den an Krebs erkrankte n Patienten - wirklich
stattfindet. Wie groß mittlerweile die Kluft zwischen Krebsforschung u n d Klinikrealität ist,
darauf gehen wir in Kapitel 2 noch näher ein.

Verursacht ein beschädigtes BRCAI-Gen wirklich Brustkrebs?


Brustkrebs ist in Deutschland das häufigste Krebsleiden bei Frauen. Jede zehnte Frau er-
krankt am M a m m a k a r z i n o m , 1 9 . 0 0 0 sterben jährlich d a r a n . Dabei wird z u n e h m e n d die
These verbreitet, Brustkrebs sei durch das defekte (mutierte) Gen BRCA1 (BReast CAncer 1)
verursacht. Mit anderen Worten: M a n meint, dass eine Frau, die einen Defekt im Gen BRCA1
von ihren Eltern erbt, mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrem Leben Brustkrebs b e k o m m t .

Und so war das allgemeine Interesse riesig, als britische Ärzte A n f a n g 2 0 0 9 vollmundig ver-
kündeten, sie hätten mit Hilfe der künstlichen Befruchtung das erste Baby „ohne k r a n k m a -
chendes Brustkrebsgen" geschaffen. 190 Dabei hatten die Mediziner per künstlicher Befruch-
tung elf Embryonen erzeugt u n d d a n n überprüft, welches davon eine BRCAl-Gen-Mutation
aufweist und welches nicht. Anschließend wurden zwei der Embryonen ohne BRCAl-Muta-
tion in die Gebärmutter einer Londonerin eingesetzt.

Für nicht weniger Aufsehen sorgte kurz darauf in Deutschland die Mittdreißigerin EVELYN
H E E G , die sich beide Brüste amputieren ließ, weil bei ihr eine B R C A l - G e n m u t a t i o n festge-

stellt worden war, die sie von Ihren Eltern geerbt hatte. Von Krebs war sie zu diesem Zeit-
punkt nicht betroffen. HEEG hat Anfang 2 0 0 9 über diese, wie es im Fachjargon heißt, prophy-
laktische Mastektomie ein Buch verfasst 1 3 8 u n d wurde damit in allen Medien bekannt.

39 •
Dieses Vorgehen von H E E G ist offenbar wieder „in Mode" gekommen, wie etwa eine Ende
2007 im Journal ofClinical Oncology abgedruckte Studie offenbart. So ließen sich 2003 mehr
als doppelt so viele A m e r i k a n e r i n n e n ihr Brüste „präventiv" amputieren als noch 1998.297
Auch P r o m i n e n t e wie C H R I S T I N A A P P L E G A T E folgen diesem Trend - u n d forcieren ihn da-
durch. Bei der Schauspielerin, die b e k a n n t w u r d e durch ihre Rolle der Kelly Bundy in der
Fernsehserie „Eine schrecklich nette Familie" (1987-1997), wurde im Sommer 2008 in einer
der beiden Brüste Brustkrebs diagnostiziert. Anschließend ließ sich A P P L E G A T E gleich beide
Brüste - also auch die gesunde - wegoperieren. Zu diesem Zeitpunkt war sie 36 Jahren jung.
Als G r u n d gab sie an, dass bei ihr eine vererbte BRCAl-Genmutation festgestellt worden war
u n d daher die doppelte Mastektomie „die absolut logische Konsequenz" gewesen sei.271

Doch angesichts der Faktenlage sind beide


Vorgehensweisen - die Untersuchung von
Embryos auf BRCAl-Mutationen sowie die
„vorsorgliche" Amputation gesunder Brüste
(prophylaktische Mastektomie) - mit großer
Skepsis zu betrachten. Was die prophylakti-
sche Mastektomie angeht, so wäre sie allen-
falls legitim, wenn die Krebsmedizin genau
wüsste, was den Krebs verursacht. Doch die
derzeit verbreitete Theorie der Krebsentste-
h u n g (die Genmutations-Hypothese) steht,
wie bereits dargelegt, auf derart wackligen
F ü ß e n , dass sie mit Sicherheit nicht die
E n t f e r n u n g einer gesunden Brust zu recht-
fertigen k a n n - einem Organ, das f ü r eine
Frau in jeder Hinsicht von elementarer Be-
d e u t u n g ist. Es ist geradezu katastrophal,
dass ein Organ auf G r u n d einer angeblichen
Der Busen ist für Frauen nicht erst seit der Antike ein Gewissheit entfernt wird, die sich wissen-
Körperteil, der das individuelle Selbstverständnis in schaftlich nicht halten lässt.
großem Maße definiert. Einer Frau im Sinne der Krebs-
vorsorge dazu zu raten, sich eine oder gar beide gesun- Nach dieser „Logik" müsste sich auch jeder,
de Brüste amputieren zu lassen, ist abzulehnen - z u m a ldessen Vater o d e r M u t t e r z u m Beispiel
dieses Vorgehen wissenschaftlich nicht haltbar ist. schwer an Diabetes erkrankt ist, vorsorglich
seine Beine amputieren lassen. Selbst Exper-
ten aus der etablierten Krebsmedizin m a h n e n zur Vorsicht. So gibt es nach den Studien KELLY
H U N T S von der University of Texas keine Belege dafür, dass Frauen, bei denen in einer Brust

Krebs diagnostiziert wurde, ihr Leben dadurch verlängern könnten, wenn sie sich auch noch
die zweite gesunde Brust amputieren lassen. H U N T rät allen Betroffenen, Risikofaktoren in-
dividuell abzuwägen u n d keine voreiligen Entscheidungen zu treffen. Schließlich könne die
operative Entfernung der gesunden Brust auch selber Komplikationen verursachen. 145,227

•40-
Natürlich wird eine Frau, die keine Brüste m e h r hat, keinen Brustkrebs m e h r b e k o m m e n
können - ganz einfach, weil die Brüste weg sind. Doch ist sie deshalb davor gefeit, irgend-
wann in einem anderen Organ Krebs zu b e k o m m e n ? Wohl k a u m , jedenfalls nicht, w e n n
sie ihren Lebensgewohnheiten keine A u f m e r k s a m k e i t schenkt. D e n n Rauchen oder das
Essverhalten (bis hin zu synthetischen Zusätzen wie dem Süßstoff A s p a r t a m , auch E 951
genannt, der weit verbreitet und etwa in Softdrinks u n d K a u g u m m i s enthalten ist 88 ; weiteres
zu Aspartam im Kapitel 4) genau wie die Belastung mit Giften wie Schwermetallen oder
Pestiziden spielen bei der Entstehung von Krebs die entscheidende Rolle, wie einschlägige
Untersuchungen zeigen.

Nicht zuletzt deshalb ist zu bezweifeln, dass das oben e r w ä h n t e „Designer-Baby", das aus
einem Embryo o h n e B R C A l - M u t a t i o n hervorging, wirklich von einem e n t s c h e i d e n d e n
Risiko, irgendwann einmal Brustkrebs zu bekommen, befreit wurde.

Zwar seien wir mit der E r s c h a f f u n g des ersten „Babys


ohne k r a n k m a c h e n d e s Brustkrebsgen in eine neue viel In Deutschland ist die Präim-
versprechende Ära eingetreten, i n d e m wir M e n s c h e n plantationsdiagnostik wie bei
helfen können, gesunde Babys zu kriegen", so die Bot- dem britischen Designer-Baby ver-
schaft von PAUL S E R H A L , einem der beteiligten britischen boten. Die Kritik an dieser Art der
Reproduktionsmediziner - einer Botschaft, die das Zeit- Embryonen-Selektion fokussiert sich
alter neuartiger vorgeburtlicher genetischer Tests einläu- jedoch weitgehend auf ethische Fra-
tet und verheißungsvoll von vielen Medien bis hin zum gen wie: Was soll mit den Embryonen
lndependent u n d dem Spiegel weiter getragen w u r d e . geschehen, die aussortiert werden?
Doch in Wahrheit ist diese Aussage tragisch, d e n n sie Vergessen wurde bei dieser zum Teil
verspricht etwas, das sie letztlich wohl nicht wird halten hitzig geführten Ethik-Debatte aller-
können, u n d weckt dadurch falsche Hoffnungen. dings, die rein wissenschaftlichen
Fragen zu diskutieren: Wie sinnvoll
Ausgangspunkt der Geschichte um das Designer-Baby ist die vorgeburtliche Krebsdiagnos-
war ein Brite, der von seiner M u t t e r einen b e s t i m m - tik, bei der Embryonen auf Mutati-
ten Gendefekt geerbt hatte, u n d zwar eine M u t a t i o n onen in dem BRCAl-Gen untersucht
im BRCAl-Gen. Auch seine G r o ß m u t t e r sowie seine (gescannt) werden, um das Baby vor
U r g r o ß m u t t e r waren bereits T r ä g e r i n n e n dieser Gen- Brustkrebs zu schützen? Welche neu-
mutation, alle drei waren an Brustkrebs e r k r a n k t . Der en gesundheitlichen Risiken könnten
junge Londoner w ü n s c h t e sich n u n ein Kind, u n d er einem Menschen daraus erwachsen,
ging davon aus, dass auch er diesen Defekt im BRCAl- wenn er mittels künstlicher Befruch-
Gen mit einer 50-prozentigen W a h r s c h e i n l i c h k e i t an tung außerhalb des Mutterleibes
seine N a c h k o m m e n weitergeben würde. Das wollte er erzeugt wurde? Und stehen hier
aber nicht, da er davon ausging, dass sein Kind, sofern womöglich nicht wissenschaftliche,
es denn ein Mädchen wird u n d es diesen Gendefekt auch sondern vor allem wirtschaftliche
erben und damit in ihren Zellen tragen würde, in seinem Interessen im Vordergrund?
Leben sehr wahrscheinlich Brustkrebs ausbilden wird -
so jedenfalls ist es die offizielle Lesart, der er vertraute.

•41-
Z u s a m m e n mit seiner Frau entschied er sich daher f ü r eine sogenannte Präimplantations-
diagnostik. Dabei wird das Kind nicht auf natürlich Weise erzeugt, sondern mittels künstli-
cher Befruchtung. Dabei w u r d e n die Embryonen auf den Defekt im Gen BRCA1 untersucht.
Die Ärzte am University College Hospital in London stellten also im Reagenzglas (in vitro)
aus Ei- u n d Samenzellen des Londoner Elternpaares elf Embryonen her. Anschließend nah-
men sie an den Embryonen eine Genanalyse vor, die ergab, dass im Frühzellstadium sechs
dieser elf Embryonen den besagten Defekt im Gen BRCA1 aufwiesen. Zwei der fünf Emb-
ryonen, bei denen keine solche B R C A l - G e n m u t a t i o n nachweisbar war, wurden daraufhin
der 27-jährigen Frau in die G e b ä r m u t t e r eingepflanzt. Und nachdem sich einer der beiden
Embryonen erfolgreich im Uterus eingenistet hatte, entwickelte er sich dort zu einem Fötus.

Wie stark die Biomedizin u n d insbesondere die Krebsforschung von ökonomischen Inter-
essen b e s t i m m t wird, schildert auch ein in der Fachzeitschrift BioEssays erschienener Arti-
kel mit dem Titel „The brave new era of h u m a n genetic testing" („Die schöne neue Ära der
Gentests bei Menschen"). 6 6 Darin wird aufgezeigt, wie „die Kommerzialisierung der Groß-
forschung in vollem Gange ist u n d zu der Situation f ü h r t , dass die ethischen Prinzipien der
akademischen Welt k o m p r o m i t t i e r t werden." Dies zeige sich insbesondere im profitablen
Geschäft mit Gentests. Dabei w ü r d e n auf Basis zweifelhaften Wissens Tests auf den Markt
gebracht, die zwar den Anschein erweckten, m a n k ö n n e mit ihrer Hilfe die Risiken be-
stimmter Krankheiten benennen - doch hier ist große Vorsicht geboten, denn die Aussage-
kraft dieser Gentests lässt oft genug zu wünschen übrig.

Der zitierte Beitrag geht zwar nicht explizit auf Gentests bei Krebs bzw. Brustkrebs ein.
Doch gerade auch bei Krebs geht es um sehr viel Geld - um so viel wie in keinem anderen
Zweig der Medizin. „Tatsache ist: Die Krebsmedizin ist ein Geschäft", so die Krebsmedizine-
rin D E V R A D A V I S in ihrem Buch „Die Geheime Geschichte des Kriegs gegen den Krebs". „Und
m a n c h m a l steht das Geschäft edleren Zielen im Wege." 88 Die Hypothese, nach der Gene bzw.
Genmutationen das Krebsgeschehen bestimmen, ist ja die Basis dieses Multimilliarden-Dol-
lar schweren Business. Das heißt: Das Potenzial, die Medizin mit Gentests f ü r alle möglichen
Krebsformen zu überschwemmen, ist entsprechend gewaltig. Der BRCAl-Gentest wäre nur
der A n f a n g dieser Art von vorgeburtlichem Krebs-Screening. So behaupteten Forscher im
S o m m e r 2009 in der Fachzeitschrift Nature Genetics, sie hätten die Gene entdeckt, die für
Hodenkrebs mitverantwortlich seien. 249

„Wenn u n s die britischen Ärzte u n d mit ihnen das Gros der Medien weismachen wollen,
das von den Londoner Ärzten geschaffene sogenannte ,Brustkrebsgen freie Baby' würde im
G r u n d e in seinem späteren Leben vor Brustkrebs gefeit sein, d a n n ist das nicht korrekt", so
G E O R G E L . G A B O R M I K L O S . „Wer dies behauptet, kennt sich offenbar nicht wirklich mit Gene-

tik aus - u n d in der Tat ist dies nur bei wenigen Ärzten der Fall. Tatsächlich kann auch die-
ses Baby in seinem Leben Brustkrebs bekommen." So dauert es in der Regel sehr lange - oft
Jahrzehnte - bis sich Brustkrebs (oder überhaupt Krebs) entwickelt. Dieses Phänomen steht
in totalem Widerspruch zur Genetik. Denn wenn ein Gen mutiert, d a n n sieht man das neue

•42-
Erscheinungsbild - den P h ä n o t y p - sofort, sprich in der nächsten Zellgeneration. Krebs
hingegen ist ein langwieriger Prozess. Wie also soll vor diesem H i n t e r g r u n d eine BRCA1-
Genmutation der große Auslöser von Brustkrebs sein? Z u m a l 2007 im Fachmagazin New
England Journal of Medicine eine Arbeit erschien, die auf klinischen Daten f u ß t u n d zu dem
bemerkenswerten Ergebnis kam, dass die Todesraten von Frauen, die von Brustkrebs betrof-
fen waren und bei denen eine BRCAl-Mutation festgestellt worden war, nicht höher war als
die Sterberate von Frauen, die Brustkrebs hatten, aber keine BRCAl-Mutation aufwiesen. 2 5 2

Grundlage dieser Studie war zwar eine BRCAl-Genmutation, die in einem B r u s t t u m o r ge-
funden wurde. Das heißt, diese Mutation ist erst im Laufe des Lebens in der betroffenen
Frau entstanden u n d auf den Ort des Krebsgeschehens beschränkt. Im Gegensatz dazu ist
eine Genmutation, die ein Mensch von seinen Eltern erbt, in jeder Zelle des Körpers ent-
halten. Der Unterschied scheint aber in Bezug auf die Krebsentstehung letztlich nicht von
Bedeutung. Denn wenn eine Frau, die in all ihren Zellen eine BRCAl-Genmutation aufweist,
jahrzehntelang krebsfrei lebt, d a n n scheint es u n b e g r ü n d e t a n z u n e h m e n , dass diese Gen-
mutation d a f ü r verantwortlich zeichnet, wenn diese Frau irgendwann später Brustkrebs be-
kommen sollte.

Dies wird auch durch eine Studie, die 1999 im Fachmagazin des amerikanischen Nationalen
Krebsinstituts publiziert wurde, bestätigt. Danach erhöht eine vererbte Mutation im BRCA1-
Gen nur zu einem geringen Teil das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken. 2 7 8 Und eine 2008
im Magazin Clinical Cancer Research veröffentlichte Studie schlussfolgert, dass „die meisten
familiären Brustkrebse nicht auf BRCA-Genmutationen, sondern auf Defekte bei anderen
Genen zurückzuführen sind". 57

Wenn, wie geschildert, die Mutter u n d die G r o ß m u t t e r


Brustkrebs hatten u n d sie auch eine BRCAl-Mutation in Bereits im März 1937 liefert das
sich trugen, so mag das auffällig sein. Und es k a n n davon Time-Magazin eine hochaktu-
ausgegangen werden, dass es besser wäre, einen solchen elle Beschreibung der Krebsentste-
Defekt im BRCAl-Gen (genau wie in jedem anderen Gen) hung: „Einige Menschen erben eine
nicht zu erben u n d ihn mit durchs Leben zu schleppen. gewisse Empfänglichkeit für diese
Doch ein direkter K a u s a l z u s a m m e n h a n g - Genmutation Krankheit. Doch sie entwickeln kein
verursacht Krebs - erscheint aus besagten G r ü n d e n nicht Krebs, sofern der empfängliche Teil
herstellbar. Wahrscheinlicher ist, dass dieser Defekt eine des Körpers nicht gereizt wird durch
punktuelle Schwächung bedeutet, mit der m a n aber Krebs (1) krebserregende Chemikalien, (2)
vermeiden kann, sofern m a n konsequent gesund lebt u n d physikalische Einwirkungen (Rönt-
alle erdenklichen krebsauslösenden Faktoren zu meiden genstrahlen, starkes Sonnenlicht)
versucht. oder (3) womöglich auch durch bio-
logische Stoffe, die durch Parasiten
„Wenn wir Krebs in den Griff bekommen wollen, müssen erzeugt werden." 88
die Menschen, die Wirtschaft u n d die Regierung zusam-
menarbeiten, um einen gesunden Lebensstil mit gesunder

•43-
E r n ä h r u n g u n d Bewegung zu fördern", so R I C H A R D D A V I D S O N von der Stiftung Cancer Re-
search UK. 198 Die Versorgung mit V i t a m i n D (am besten natürlich über sanft genossenes
Sonnenlicht) hat ebenfalls eine Antikrebswirkung, unter anderem auch beim Mammakarzi-
nom. 122 Im Gegensatz dazu sollen schon kleine Mengen Alkohol gerade das Brustkrebsrisiko
erhöhen, wie im M ä r z 2009 im Fachmagazin des Nationalen Krebsinstitut der USA noch-
mals zu lesen war. 62 Kurz davor berichtete das New England Journal of Medicine, dass eine
Kombinationstherapie mit H o r m o n e n das Brustkrebs-Risiko n u n doch erhöht. 84

D a r ü b e r h i n a u s sind F r ü h e r k e n n u n g u n d die E n t f e r n u n g auch der allerkleinsten Ge-


schwülste sicher wichtig, um die so gefährliche Metastasierung gerade auch bei Brustkrebs
zu vermeiden. Allerdings ist hier ein sehr sorgsamer U m g a n g mit medizinischen Geräten
wie C o m p u t e r t o m o g r a p h e n , die mittels einer Vielzahl von Röntgenstrahlen dreidimensi-
onale A u f n a h m e n ermöglichen, ratsam. So hat die Strahlenbelastung durch diese Art der
bildgebenden Diagnoseverfahren stark z u g e n o m m e n - in den USA etwa seit A n f a n g der
1980er Jahre um das Sechsfache. 129

Zugleich wird etwa der Kopf eines Kindes durch einen einzigen C o m p u t e r t o m o g r a p h i e -
Scan einer Strahlenbelastung ausgesetzt, die einige tausendmal so hoch ist wie die Belastung
durch eine h e r k ö m m l i c h e Röntgenaufnahme. 8 8 Nicht nur die Patienten, auch die meisten
Ärzte sind sich dessen nicht bewusst. Dabei wird diese Art der Strahlenbelastung von Ex-
p e r t e n als e r n s t h a f t e r Krebsrisikofaktor diskutiert. 1 8 7 Die Krebsmedizinerin D E V R A D A V I S
warnt gar: „Es ist klar, dass diese Strahlenbelastungen in Z u k u n f t in erheblichem Maße für
Krebs verantwortlich zeichnen könnten." 8 8

Künstliche Befruchtung mit Hilfe der Intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI), bei der die männliche
Samenzelle mit einer haarfeinen Nadel in die Eizelle gespritzt wird.

Den Weg der künstlichen B e f r u c h t u n g zu beschreiten u n d dabei die Embryonen auf eine
B R C A l - M u t a t i o n screenen zu lassen, sollte auf jeden Fall sehr wohl überlegt sein. Denn
einem vagen Nutzen stehen nicht unerhebliche Risiken gegenüber - u n d zwischen beiden
gilt es genau abzuwägen. Zunächst k a n n m a n ein Baby selbstverständlich auch auf natür-
liche Weise zeugen u n d a n s c h l i e ß e n d w ä h r e n d der Schwangerschaft den Fötus auf eine

•44-
BRCAl-Mutationen untersuchen lassen. Allerdings sollte dabei nicht vergessen werden, dass
dafür eine Biopsie oder Fruchtwasseruntersuchung notwendig ist - Verfahren, die durchaus
mit Risiken verbunden sind. Bei der Frau z u m Beispiel k ö n n e n Blutungen hervorgerufen
und beim Kind die Nabelschnurgefäße verletzt werden. W e n n die F r u c h t w a s s e r p u n k t i o n
vor der 14. Schwangerschaftswoche erfolgt, steigt das Risiko f ü r Fehlbildungen oder f ü r eine
Fehlgeburt.

Es ist die Frage zu stellen, wo das alles h i n f ü h r e n soll. Die Idee, dass G e n m u t a t i o n e n f ü r
chronische Krankheiten verantwortlich seien, beherrscht ja nicht nur das Themenfeld Brust-
krebs, sondern die gesamte Krebsforschung - u n d längst auch andere Gebiete in der Medizin
wie Diabetes, Allergien oder gar Herzkrankheiten. 2 1 7 Wollen wir u n s in Z u k u n f t also n u r
noch f ü r ein Baby entscheiden, wenn unsere Embryonen gleich auf eine ganze Reihe von
Genmutationen getestet worden sind? Und liefe das d a n n darauf hinaus, dass wir unsere
Babys gar nicht mehr natürlich, sondern n u r noch im Reagenzglas zeugen, weil m a n die
Embryonen so einfach untersuchen lassen kann? Eine Vorstellung, die bedenklich erscheint,
vor allem f ü r Frauen, die keine Probleme haben, auf natürliche Weise ein Kind zu bekom-
men u n d daher auf die künstliche B e f r u c h t u n g - im Fachjargon assistierte Reproduktion
bzw. Assisted Reproduction Technology, kurz ART genannt - nicht angewiesen sind. D e n n
die ART ist nicht nur teuer, sie k a n n auch ganz neue Gen- oder gar C h r o m o s o m e n s c h ä d e n
verursachen. Auch hier gilt: Nicht alles, was medizintechnisch möglich ist, ist auch sinnvoll.

Die ART beinhaltet eine Reihe von Verfahren. Die bekanntesten sind die In-vitro-Fertilis-
tion (IVF) und die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI, siehe nebenstehende Ab-
bildung). Bei der IVF wird die Reagenzglasbefruchtung in flachen Kulturschälchen, die eine
spezielle Nährlösung enthalten, über einen Zeitraum von drei bis f ü n f Tagen d u r c h g e f ü h r t .
Zu jeder Eizelle werden Tausende aufgearbeitete u n d gut bewegliche Spermien in die Nähr-
lösung gegeben. Das Spermium dringt dabei aus eigener Kraft in die Eizelle ein u n d sorgt f ü r
die Befruchtung. Sind die Spermien des M a n n e s schwach - was i m m e r öfter der Fall ist
geht man zur ICSI über, bei der die Samenzelle mit einer haarfeinen Glasnadel in die Eizelle
hineingespritzt wird.

Doch ist es alles wirklich so problemlos, wie es den Anschein hat? Wie Psychologen her-
ausgefunden haben, schätzt die Bevölkerung die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung
doppelt so hoch ein, wie sie im Endeffekt ist. „Wenn Frauen von ihren Gynäkologen an
reproduktionsmedizinische Zentren überwiesen werden, erwarten sie, dass die künstliche
Befruchtung klappt", so T E W E S W I S C H M A N N , Psychotherapeut a m U n i k l i n i k u m Heidelberg.
„So wird den Frauen in den Beratungen in der Regel gesagt, dass die Chance, schwanger zu
werden, pro Zyklus bei 20 bis 25 Prozent liegt. Wer die Statistiken genauer unter die Lupe
nimmt und Fehl- u n d Totgeburten abzieht, k o m m t allerdings auf u n g e f ä h r 15 Prozent Er-
folgsquote pro Behandlungszyklus." 308 Mit anderen Worten: Im D u r c h s c h n i t t sind sieben
künstliche Befruchtungen notwendig, um ein Baby zu zeugen - u n d wenn m a n den Einzel-
fall betrachtet, so klappt es bei vielen Paaren überhaupt nicht.

•45-
Diese Erfolgsquote mag bei Paaren, die keine Schwierigkeiten hätten, auf natürlichem Weg
ein Kind zu zeugen, etwas höher liegen. Doch in jedem Fall müssen Frauen mit mehreren
Behandlungszyklen rechnen. Jeder Versuch, ob nun IVF oder ICSI, bedeutet zunächst, dass
sich die Frau einer H o r m o n t h e r a p i e unterziehen muss. Die Hormongaben sind notwendig,
um die 10 bis 20 Eizellen in der Frau heranreifen zu lassen - in einem Zeitraum, in dem
normalerweise eine Eizelle gedeiht. Die Hormontherapie dauert r u n d zwei Wochen und ist
oft mit erheblichen körperlichen Strapazen verbunden.

Einen möglichen Ausweg stellt die I n - v i t r o - M a t u r a t i o n dar, bei der auf eine langfristige
H o r m o n g a b e verzichtet wird. Dabei werden die Eizellen unreif e n t n o m m e n , reifen ein bis
zwei Tage lang im Reagenzglas nach u n d werden anschließend befruchtet. Doch bedeutet die
In-vitro-Maturation wiederum, dass die Zeit der Heranreifung des Embryos noch um rund
zwei Tage verlängert wird. „Die Zeit im Reagenzglas stellt allerdings eine kritische Phase dar,
in der sich die Erbsubstanz enorm verändern kann", so der Genomforscher M I K L O S . „Wenn
die Reagenzglasreifung so fantastisch wäre, müssten alle IVF-Embryos überleben und die
Basis f ü r gesunde Babys sein. Doch die meisten künstlich erzeugten Embryos sterben, wes-
halb üblicherweise auch mehr als ein Embryo in die Gebärmutter eingesetzt wird."

Bis vor Kurzem ging m a n noch davon aus, dass IVF u n d ICSI nur mit einem leicht erhöhten
Risiko verbunden sind, bei den Kindern gesundheitliche Schäden zu verursachen. Doch neu-
ere Forschungen deuten d a r a u f h i n , dass das Risiko f ü r diese Kinder, die oft untergewichtig
zur Welt k o m m e n , doch deutlicher erhöht sein könnte, wie auch die New York Times Anfang
2009 ausführte. 1 5 4 Anlass zu diesen Überlegungen gibt zum Beispiel eine Studie der US-Ge-
sundheitsbehörde, die Ende 2008 erschien 2 5 0 u n d zeigt, dass Kinder, die künstlich gezeugt
wurden, etwa ein mehr als doppelt so hohes Risiko haben, mit einem Loch im Herzen gebo-
ren zu werden oder auch ein r u n d viermal so hohes Risiko, mit einer Fehlbildung zu Welt
zu k o m m e n , bei der die Speiseröhre keine Verbindung
z u m Magen hat u n d in die Luftröhre mündet (Oesopha-
„Welche Risiken die künstliche gusatresie) oder der Darmausgang nicht durchgängig ist
Befruchtung tatsächlich birgt, (Analatresie).
kann noch nicht abschließend gesagt
werden", so Kinderarzt und ART- Einige Arbeiten zeigen, dass s o g e n a n n t e Imprinting-
E x p e r t e ALASTAIR SUTCLIFFE, v o m K r a n k h e i t e n wie das B e c k w i t h - W i e d e m a n n - u n d das
University College London. „Doch es A n g e l m a n - S y n d r o m bei Kindern, die durch IVF oder
besteht Grund zu der Annahme, dass ICSI gezeugt w u r d e n , häufiger vorkommen. Bei diesen
die Risiken höher sein könnten als K i n d e r n ist die S t e u e r u n g beziehungsweise P r ä g u n g
bisher gedacht. Was wir offensichtlich (Imprinting) der Gene im Reagenzglas falsch gelaufen.
benötigen, sind noch bessere Studi- Das B e c k w i t h - W i e d e m a n n - S y n d r o m etwa geht mit
en, die eine wirklich umfassende Zahl Fehlbildungen wie einer vergrößerten Zunge oder her-
von Kindern einschließt." vortretenden Augen einher u n d bedeutet f ü r die Kinder
auch, dass sie ein erhöhtes Krebsrisiko haben.

•46-
Auch wenn viele mittels ART gezeugte Kinder gesund sind, so gibt es auf jeden Fall G r u n d
zur Vorsicht. „Um vor allem die Langzeitwirkungen der künstlichen Befruchtung genau ein-
schätzen zu können, brauchen wir noch m e h r Wissen", so M I C H E L E H A N S E N vom Telethon
Institute for Child Health Research in Australien. Idealerweise sollten diese Kinder bis ins
Erwachsenenalter beobachtet werden. I m m e r h i n k a n n nicht ausgeschlossen werden, dass
Imprinting-Fehler im weiteren Leben zu Stoffwechselstörungen führen. 2 4 5

Kann Krebs wirklich vererbt werden?


Dass Krebs gerne als vererbbare Krankheit präsentiert wird, hat nicht n u r zur Folge, dass
sich Frauen ihre gesunden Brüste amputieren lassen. Es geht auch so weit, gesunden Babys
„prophylaktisch" die elementar wichtigen Schilddrüsen zu entfernen, nur weil etwa Vater oder
Großvater unter Schilddrüsenkrebs litten. 9 3 Diese Menschen müssen bis ans Lebensende
künstliche Hormone einnehmen. Selbst zu einer Magenentfernung lassen sich gesunde Men-
schen von der gängigen Krebsmedizin verleiten - wie der bereits erwähnte B R I A N C H E L C U N . 8 3

Doch all jene, die sich zu solchen Amputationen hinreißen lassen oder diese anordnen, soll-
ten sich vergegenwärtigen, dass Krebs ganz offenbar nicht unabänderlich in unseren Genen
festgelegt ist. So ist das bestimmende Merkmal von Krebszellen wie schon ausgeführt eben
nicht, dass ihre Gene geschädigt, sondern dass ihre M i t o c h o n d r i e n beschädigt u n d ihre
Chromosomen entartet sind. Doch Zellen, die auf C h r o m o s o m e n e b e n e beschädigt (aneup-
loid) sind, sind äußerst instabil. „Dadurch ließe sich auch erklären, was der Forscher T H E O -
DOR B O V E R I bereits vor 1 0 0 Jahren beobachtete, nämlich dass die meisten aneuploiden Emb-

ryos nicht überlebensfähig sind", wie PETER D U E S B E R G 2 0 0 7 im Magazin Scientific American


schreibt. „Daher sind Neugeborene frei von Krebs, u n d daher ist Krebs nicht vererbbar." 9 5

Krebs wird auch durch falsche E r n ä h r u n g , Toxine, Stress, Bewegungsmangel etc. verursacht.
Selbst die etablierte Krebsforschung bis hin zur Weltgesundheitsorganisation W H O 1 8 0 (die
mit der P h a r m a i n d u s t r i e eng verwoben ist) 268 sagen, dass Krebs z u m überwiegenden Teil
durch Lifestyle-Faktoren wie Rauchen, schlechte E r n ä h r u n g , A l k o h o l k o n s u m u n d Bewe-
gungsmangel bedingt sei. Das zentrale Problem dabei ist allerdings, dass diese Auffassung in
Forschung und Therapie derzeit unberücksichtigt sind, da diese klar dominiert werden von
der emsigen Suche nach Genmutationen und profitträchtigen Medikamenten.

Dass Krebs nicht in unseren Erbanlagen angelegt ist, wird auch durch einschlägige medi-
zinische Studien u n t e r m a u e r t . So ergab eine U n t e r s u c h u n g an eineiigen u n d zweieiigen
Zwillingen, die im Jahr 2000 im New England Journal of Medicine erschien, dass vererbte
genetische Faktoren nur geringfügig dazu beitragen, dass wir Menschen anfällig sind f ü r
die Ausbildung von Tumoren bzw. Krebs. 173 Eine andere Arbeit, abgedruckt im Fachmagazin
des amerikanischen Nationalen Krebsinstituts, beschreibt, wie sich das Brustkrebsrisiko bei

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Die bis zu 18 Meter langen Grönland-
wale können weit älter als 100 Jahre
werden, ohne Krebs zu bekommen.
Mittels molekularbiologischer Un-
tersuchungen wurde das Alter eines
Tieres sogar auf 211 Jahre bestimmt.
Damit sind diese Wale die langle-
bigsten Säugetiere.

Asiatinnen veränderte, nachdem sie in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren. Dabei
zeigte sich, dass bei Chinesinnen oder Philippininnen traditionell viele Krebsarten nur sehr
selten v o r k a m e n - doch wenn sie in die USA emigrierten u n d dort den „westlichen" Le-
bensstil u n d vor allem die dort vorherrschende Fast-Food-Ernährungsweise übernahmen,
so schoss bei ihnen die Krebsrate auf das Niveau ihrer amerikanischen Mitbürgerinnen. 3 1 2

Es wird zudem gerne übersehen, dass bei wilden Tieren, die sehr alt werden, Krebs prak-
tisch u n b e k a n n t ist, worauf etwa der Medizinnobelpreisträger u n d Krebsforscher S I R F R A N K
78
M A C F A R L A N E B U R N E T a u f m e r k s a m machte. Dies gilt selbst f ü r Elefanten, die ungefähr die-
selbe Lebenserwartung haben wie der Mensch, u n d f ü r Wale, die sogar älter werden als 200
Jahre. 139 Dass diese Tiere auch k ü n f t i g ohne Krebs bleiben, ist in Anbetracht der allgegen-
wärtigen Giftstoffbelastung allerdings i m m e r unwahrscheinlicher. Und so werden zuneh-
mend auch bei wilden Tieren Tumoren festgestellt - u n d es ist naheliegend, dass das Phäno-
men der Verschmutzung des Planeten durch den Menschen geschuldet ist.

So wird etwa bei Belugawalen, die im riesigen St.-Lorenz-Strom an der Ostküste Kanadas
leben, eine hohe Todesrate verzeichnet. Die Meeressäuger sterben oft an Adenokarzinomen
des D ü n n d a r m s , also bösartigen Wucherungen des Drüsengewebes. Die weißen Meeressäu-
ger wühlen bei der Nahrungssuche ausgiebig im Bodenschlamm, u n d der ist im St.-Lorenz-
Strom ü b e r m ä ß i g stark mit krebsauslösendem Benzopyren, das etwa in Auto- und Indust-
rieabgasen sowie im Zigarettenrauch enthalten ist, u n d anderen Schadstoffen belastet. Die
Folge: 27 Prozent der bei einer Studie untersuchten, tot angespülten Belugas waren krebs-
krank. 1 7 9 Neben den häufig auftretenden Geschwüren im D ü n n d a r m fanden die Forscher bei
Weibchen auch auffallend viele G e b ä r m u t t e r t u m o r e . Und nicht nur die Wale leiden unter
der Verschmutzung mit Karzinogenen: Auch die Menschen erkranken in dieser Region Ka-
nadas überdurchschnittlich oft an Krebs.

Gegen die A n n a h m e , dass Krebs vererbt werde k a n n , spricht auch das P h ä n o m e n der
Spontanheilungen, im Fachjargon Spontanremissionen genannt. Dieses beschreibt die mehr
oder weniger plötzliche Besserung eines Patienten, bei dem Krebs diagnostiziert wurde.

•48-
Dabei kommt es sogar vor, dass Metastasen von selbst verschwinden. „Damit k a n n m a n keinen
Lorbeer gewinnen u n d gefährdet schnell seine wissenschaftliche Karriere", meint der Krebs-
mediziner WALTER W E B E R . Der Onkologe HERBERT K N A P P A U F ist da schon pragmatischer: „Dabei
könnten wir aus Spontanremissionen viel über die Heilungsprozesse im Körper lernen." 161

Einen Meilenstein setzte hier der finnische Immunologe


dem bewusst war, dass I m m u n r e a k t i -
T H O M A S TALLBERG, Das Phänomen von Spontan-
onen allein selten ausreichen, um größere Tumormassen heilungen bei Krebs wurde in
zu beseitigen, sondern E r n ä h r u n g s f a k t o r e n - n a m e n t - Studien untersucht und ist mindes-
lich bestimmte A m i n o s ä u r e n u n d Mineralien - bei den tens seit Beginn des 20. Jahrhunderts
Spontanheilungen beteiligt sein müssen. Zu Beginn sei- dokumentiert. 8 0 ' 2 3 5 Dennoch ist die
ner Versuche konnte er das Verschwinden massiver Tu- Erforschung von Spontanremissionen
moren während seiner Bioimmuntherapie, bei der kein bis heute für die offizielle Medizin
Krebsgewebe zurückblieb, nicht erklären. D a n n fand er eine Art Tabuthema, denn das führt
in seinen langjährigen Studien genau die A m i n o s ä u r e n die immer wieder zitierte These des
und Spurenelementsalze, die etwa Leukämiezellen in na- vererbbaren Krebses ad absurdum.
türliche weiße Blutzellen „verwandeln" konnten. 2 9 0

Auch der Chemie- u n d Friedensnobelpreisträger L I N U S P A U L I N G hat sich dem P h ä n o m e n


Spontanheilungen bei Krebs gewidmet. „Es ist natürlich wahrscheinlich, dass dieses Ver-
schwinden des Krebses nicht wirklich spontan geschieht, sondern eine b e s t i m m t e Ursache
hat. Eine davon k a n n eine Stimulation des Immunsystems sein, zum Beispiel bedingt durch
eine veränderte Ernährung. So ergeben Pap-Tests bei Frauen, dass r u n d 15 Prozent von ihnen
einen positiven Gebärmutterhalsabstrich haben - doch nur ein Bruchteil dieser Frauen be-
kommt tatsächlich auch Gebärmutterhalskrebs. Das heißt, in den allermeisten Fällen gelingt
es dem Körper von selber, die Veränderungen am Gebärmutterhals zu kontrollieren oder gar
zum Verschwinden zu bringen." 2 3 8

Zu bedenken ist auch, dass das auf Gene fixierte Weltbild u n d die d a m i t e i n h e r g e h e n d e
Vorstellung vom genetisch bedingten Determinismus", von dem die Biowissenschaft in be-
trächtlichem Maße beherrscht wird, vor einigen fahren praktisch zusammengebrochen ist.
Internationale Forschungsgruppen hatten gemeinsam seit Ende der 1980er Jahre sämtliche
Gene des Erbguts im menschlichen Zellkern, das mehr als 3 Milliarden Einzelbausteine um-
fasst, katalogisiert. Man erwartete, im menschlichen G e n o m m i n d e s t e n s 120.000 Gene zu
finden, doch m a n fand nur r u n d 25.000 Gene - u n d damit gerade einmal 1.000 mehr als eine
Maus hat. Inzwischen sprechen einige Genforscher sogar von n u r 21.000 h u m a n e n Genen.
Das wären kaum mehr Zellkerngene als in dem Haustierchen der Genforschung: einem win-
zigen Fadenwurm von wenigen Millimetern Länge u n d exakt 969 Zellen (im Vergleich dazu
besitzt der Mensch geschätzte 50 Billionen Zellen). Und ein Gemüsekohl, also eine verhält-
nismäßig „einfache" Pflanzen, weist sogar 100.000 Gene auf.

Vorbestimmtheit, hier des Krebsgeschehens, aufgrund von Genmutationen bzw. Genen

•49-
GENE UND UMWELT BEEINFLUSSEN DIE ENTWICKLUNG VON LEBEWESEN:
Die Frage, ob die Eigenschaften eines Organismus durch seine Gene oder
durch äußere Einflüsse gesteuert werden, ist falsch gestellt. „Genauso gut
könnte man fragen, ob die Länge oder die Breite eines Rechtecks wichtiger für
seine Fläche ist", so der US-Evolutionsbiologe PETER RICHERSON. Zieht man
etwa eine Chinesische Primel bei über 30 °C auf, erblüht sie weiß, bei einer
niedrigeren Temperatur rot. Welches Gen für die Blütenfarbe exprimiert (ak-
tiviert) wird, entscheidet die Umgebungstemperatur. Polygonum cespitosum
(siehe Fotos) reagiert ebenfalls sensibel auf Umweltreize. Wie SONIA SULTAN Polygonum cespitosum
(Wesleyan University, USA) aufzeigt, entwickeln zwei genetisch identische
Pflanzen dieses heute in Nordamerika heimischen Knöterichgewächses
ein völlig verschiedenes Aussehen, wenn man sie zwei unterschiedlichen
Gewächshausbedingungen aussetzt. Die Polygonum cespitosum auf dem
oberen Foto wurde in trockener Erde mit reichlich Sonnenlicht gezogen; sie
bildet dadurch zahlreiche Zweige und schmale Blätter aus. Im Gegensatz dazu
entstehen bei der Polygonum cespitosum, die in feuchter Erde relativ schattig
gezüchtet wird (Foto unten), weniger Zweige und lange breite Blätter.281

Der Nobelpreisträger D A V I D B A L T I M O R E , einer der Meinungsführer des genetischen Determinis-


mus der menschlichen Existenz, hatte in einem verzweifelten Kommentar zu den 2001 publi-
zierten vorläufigen Ergebnissen des H u m a n e n Genomprojektes festgestellt: „Falls im mensch-
lichen G e n o m nicht noch viele Gene vorhanden sind, die unsere Computer nicht erkennen
können, müssen wir zugeben, dass wir unsere im Vergleich zu W ü r m e r n und Pflanzen zwei-
fellos größere Komplexität nicht durch ein Mehr an Genen gewonnen haben. Die Erkenntnis
dessen, was u n s unsere Komplexität verleiht - unser enormes Verhaltensrepertoire, unser
Vermögen zu bewusstem Handeln, unsere bemerkenswerte physische Koordinationsfähig-
keit (die wir mit a n d e r e n Wirbeltieren teilen), unsere Lernbegabung, unser G e d ä c h t n i s . . .
muss ich noch mehr sagen? - bleibt eine große Herausforderung f ü r die künftige Forschung." 65

„Was B A L T I M O R E u n d die große Mehrheit seiner Kollegenschaft nach dem Zusammenbruch des
genetischen Weltbildes jedoch nicht sagen", so Krebsforscher H E I N R I C H K R E M E R , „ist die fun-
damentale Tatsache, dass alle grundlegenden Theorien der auf Gene und Gentechnik fixier-
ten m o d e r n e n Medizin zur Zellenergie, Zellinformation u n d Zell-Zellkommunikation einer
umfassenden Revision bedürfen." Diese würde auch mit dem wissenschaftlichen Vorurteil auf-
räumen, Alterungsprozesse u n d damit verbundene typische Krankheiten (Krebs, Diabetes,
Herzkreislauferkrankungen, Nervenleiden) seien unvermeidbarer natürlicher Verschleiß. 158

Das p o p u l ä r e D o g m a , wonach in den Genen gespeichert sei, dass j e m a n d irgendwann in


seinem Leben an Krebs erkrankt, ist ein biologischer Mythos, wie auch der Wissenschafts-
journalist PETER S P O R K in seinem 2 0 0 9 erschienenen Buch „Der zweite Code" 276 darlegt. Er

•50-
erläutert darin, dass der Mensch keineswegs nur die a u s f ü h r e n d e Marionette seines Erbguts
ist. Im Gegenteil, jede einzelne Zelle entscheidet, was sie aus ihren Genen macht, u n d sie hat
dafür eine Vielzahl von Schaltern u n d ausgeklügelten Mechanismen. Welche davon betätigt
werden, hängt unter anderem davon ab, wie viel u n d was der Mensch zu essen hat, ob er
raucht, welche anderen Giftstoffe auf ihn einwirken oder wie viel er sich bewegt. M a n c h m a l
scheinen die Schalterstellungen, die sich aus Umwelteinflüssen u n d Lebenserfahrung ergeben
haben, sogar vererbt zu werden. Das Fach, das sich dieser Thematik widmet, heißt Epigenetik.

In der Tat gibt es bereits Forscher wie M O S H E S Z Y F aus Montreal, die meinen, die Epigenetik
spiele die entscheidende Rolle bei der Entstehung von Krebs. Und auch P h a r m a f i r m e n sind,
wie S P O R K in einem Beitrag f ü r die Stuttgarter Zeitung275 euphorisch berichtet, bereits dabei,
sogenannte „epigenetische Medikamente" zu entwickeln u n d dabei die H o f f n u n g zu schü-
ren, mit ihnen könnte man eines Tages Krebszellen zum Absterben bringen oder sie weniger
bösartig machen. Genauer: Medikamentös sollen b e s t i m m t e epigenetische Schalter in den
Krebszellen verändert werden, um so „gute" (angeblich Krebs unterdrückende) Gene, die in
Krebszellen ausgeschaltet sind, wieder anzuschalten, u n d „böse" (angeblich f ü r das Krebs-
wachstum verantwortliche) Gene, die in Krebszellen aktiv sind, lahmzulegen.

Als eines dieser „epigenetischen M e d i k a m e n t e " wird Azaciditin gehandelt. So ergab eine
2009 veröffentlichte Studie an Patienten, die u n t e r einem aggressivem Blutkrebs (MDS)
litten, dass die Hälfte derjenigen, die mit Azaciditin behandelt worden waren, im Schnitt
mindestens zwei Jahre u n d d a m i t einige Monate länger überlebten als diejenigen aus der
Vergleichsgruppe, die Chemotherapie erhalten hatten. Selbst wenn diese Resultate in S P O R K S
Artikel als „eindrucksvoll" bezeichnet werden, so sind zwei Jahre Überlebenszeit tatsächlich
immer noch ernüchternd. Zudem ist es nicht automatisch ein Ausweis von hoher medika-
mentöser Effizienz, wenn ein Präparat bessere Resultate erzielt als die sehr toxische Che-
motherapie (siehe dazu auch den Abschnitt „Heilige Kuh C h e m o t h e r a p i e - G i f t k u r o h n e
Nutzen?", Seite 71).

„Epigenetische Phänomene sind ohne Frage bei Krebs, das ein extrem heterogenes Phäno-
men darstellt, zu beobachten", so der Genomforscher G E O R G E L . G A B O R M I K L O S . „Doch das
meiste an der Entwicklung epigenetischer Medikamente ist purer Hype. Nicht nur können
Azaciditin und seine Abkömmlinge Enzyme blockieren u n d so den Stoffwechsel h e m m e n .
Vor allem auch sind sie nicht sonderlich spezifisch. So k a n n m a n mit ihnen keine bestimm-
ten Regionen des Erbguts anvisieren u n d damit auch keine speziellen Genschalter anpeilen
bzw. ein- und ausschalten. Zudem ist es so: W e n n m a n einige Gene abschaltet, gehen andere
an, was gefährlich sein kann. Und o h n e h i n hat es sich in der Krebsmedizin als nicht sonder-
lich erfolgversprechend herausgestellt, spezielle Gene anzuvisieren."

Um ein Umdenken zu erreichen, lohnt - wie so oft - der Blick in die Geschichte. Die der
Gentherapie n a h m in den 1980er Jahren ihren Anfang. Diese Gentherapie ist von der Idee
geleitet, dass m a n n u r schadhafte Gene durch intakte Gene ersetzen müsse - u n d schon

•51-
k ö n n e m a n selbst schwere Krankheiten wie Krebs heilen. Doch so groß die Euphorie der
Vertreter dieser scheinbar simpel-faszinierenden Idee war, so schwer waren die Rückschläge,
in denen auch unschuldige, gutgläubige Patienten ihr Leben lassen mussten.

So wie der Teenager JESSE G E L S I N G E R aus Tucson in Arizona, bei dem ein seltener Gende-
fekt diagnostiziert worden war: Seine Leber k o n n t e schädliches A m m o n i a k nicht ausrei-
chend entsorgen, weil i h m ein b e s t i m m t e s Enzym fehlte. D a r a u f h i n w u r d e G E L S I N G E R in
hohen Mengen das Gen gespritzt, in dem das f ü r ihn lebenswichtige Enzym enthalten war.
Doch G E L S I N G E R S I m m u n s y s t e m kollabierte; ein Organ nach dem anderen versagte - bis er
schließlich starb. Damit ist er der erste Todesfall, bei dem der Z u s a m m e n h a n g mit der Gen-
therapie eindeutig festgestellt wird - der erste Todesfall im Zuge einer Gentherapie ist er
dagegen keinesfalls. Vor diesem waren schon sechs Todesfälle gemeldet worden. 116

G E L S I N G E R ist ein Paradebeispiel, wie übersteigerte Forschereuphorie, Interessenkonflikte

u n d Kommerz medizinischen Irrsinn erzeugen können 1 3 0 - u n d wie kritische Stimmen fa-


talerweise ignoriert werden. Schon in den A n f ä n g e n der Gentherapie gab es warnende Stim-
men. Eine davon hatte großes Gewicht: J A M E S W A T S O N , der 1953 die Molekularstruktur der
DNA (Trägerin der Erbinformation) mitentdeckte u n d d a f ü r den Nobelpreis erhielt. „Wenn
wir auf einen Erfolg der Gentherapie warten, werden wir so lange warten, bis die Sonne er-
loschen ist", grollte der Amerikaner gegen seine von der Gentheorie berauschten Kollegen. 294

Wie die Prävention vernachlässigt wird


„Der Arzt der Z u k u n f t wird keine Medizin geben, sondern bei seinen Patienten das Interesse
d a f ü r wecken, dass sie sich um ihren Körper u n d ihre Ernährungsweise sorgfältig k ü m m e r n
u n d über die Ursache u n d die Prävention von Krankheiten Gedanken machen", sagte einst
T H O M A S E D I S O N ( 1 8 4 7 - 1 9 3 1 ) , einer der größten Erfinder der Weltgeschichte, dem wir neben

der Glühlampe z u m Beispiel auch die E i n f ü h r u n g des Kleinbildfilms verdanken. 134 Doch be-
wahrheitet hat sich E D I S O N S Vorstellung noch nicht.

Um keine Missverständnisse a u f k o m m e n zu lassen: Die Medizin hat ohne Frage großartige


Leistungen vollbracht. Doch trifft dies in erster Linie auf die Reparaturmedizin zu, die Her-
vorragendes in der Unfallchirurgie leistet u n d auch Organe verpflanzen oder Kurzsichtigkeit
mit Lasern korrigieren k a n n . Sehr viel schlechter sieht es hingegen aus, wenn man bei der
Präventiv- u n d Pillenmedizin Bilanz zieht, also bei jener Medizin, die von sich behauptet,
heilen zu können, oder zumindest meint, das Bestmögliche gegen Krankheiten zu leisten. 78

Aber haben nicht z u m Beispiel Antibiotika vielen Menschen geholfen oder gar das Leben
gerettet? Durchaus. Die Krebsmedizin hat die Erfolgsstory der Antibiotika bemüht, um den
G l a u b e n s f u n k e n an ein W u n d e r m e d i k a m e n t gegen Krebs zu entzünden. Doch dieser Ver-

•52-
Die verstärkte, in vielen Fällen unüberlegte Gabe von Antibiotika hat einige unerwünschte Folgen:
Die Resistenzen der Bakterien nehmen zu und so bleiben bei lebensgefährlichen Erkrankungen häufig
kaum mehr Alternativen für eine erfolgreiche Behandlung.

gleich ist illegitim, weil das Krebsgeschehen sich auf Ebene der menschlichen Zellen abspielt,
daher viel komplexer ist als eine Bakterieninfektion, die mit Antibiotika behandelt werden
kann (was Bakterien mit Krebs zu t u n haben können, darauf gehen wir später ein). 237 Auch
bleibt festzuhalten, dass erst am 12. Februar 1941 der erste Patient mit einem Antibiotikum,
nämlich Penicillin, behandelt wurde. Das heißt, Antibiotika k ö n n e n mit dem drastischen
Anstieg der L e b e n s e r w a r t u n g in den I n d u s t r i e n a t i o n e n , der Mitte des 19. J a h r h u n d e r t s
und damit fast ein J a h r h u n d e r t zuvor eingesetzt hatte, nichts zu t u n haben, worauf auch
der berühmte Mikrobiologe u n d Pulitzer-Preisträger R E N É D U B O S ( 1 9 0 1 - 1 9 8 2 ) a u f m e r k s a m
machte, der mit seiner Forschung entscheidend zur Entwicklung von Antibiotika beigetra-
gen hat. 94 Verantwortlich f ü r die steigende Lebenserwartung waren in erster Linie die ver-
besserten Lebensbedingungen ( E r n ä h r u n g , ökonomische Situation, Hygiene). „Die Zerstö-
rung von Mikroben ist zweifelsohne nicht der einzige u n d nicht notwendigerweise der beste
Weg, um Infektionskrankheiten zu begegnen", so D U B O S .

Der Begriff Antibiotika stammt aus dem Altgriechischen u n d bedeutet übersetzt „gegen das
Leben". Und tatsächlich wird mit der Verabreichung von Antibiotika Leben abgetötet, dar-
unter auch die unzähligen lebensnotwendigen Bakterien vor allem in u n s e r e m D a r m , un-
serem wichtigsten Immunorgan. 9 4 Allein in den USA werden jährlich mittlerweile mehrere
zehn Millionen Antibiotika unnötigerweise verabreicht. 7 2 , 1 0 7 , 2 3 2 Dies hat schwerwiegende
Konsequenzen, denn auch Antibiotika k ö n n e n mit heftigen N e b e n w i r k u n g e n etwa f ü r die
Nieren und die Leber verbunden sein (siehe Tabelle 2, Seite 47). So werden Antibiotika f ü r
knapp ein Fünftel der m e h r als 1 0 0 . 0 0 0 Todesfälle pro Jahr verantwortlich gemacht, die
allein in den Vereinigten Staaten auf N e b e n w i r k u n g e n von M e d i k a m e n t e n z u r ü c k g e f ü h r t
werden. 166,280 Das wahre A u s m a ß dürfte e r f a h r u n g s g e m ä ß weitaus höher liegen.

53-
TABELLE 2: Leberschädigendes Potenzial ausgewählter Antibiotika

Substanzgruppen Substanzen Wirkungen

Penicilline Amoxicillin/Clavulansäure Cholestase - Hepatitis, selten VBDS; Assoziation


mit HLA-Klasse-Il-Antigenen > immunologische
Idiosynkrasie; Hypersensitivität ¡in 30-40%

Isoxazolyl-Penicilline Cholestatische Hepatitis; VBDS 10-30% > biliäre


(Flucloxacillin, Oxacillin) Zirrhose

Sulfonamide Cholestase (bland, inflammatorisch) oder


hepatozelluläre Nekrose; chronische Hepatitis;
Polymorphismen der N-Acetyltransferase
(toxischer Intermediärmetabolit > direkte Toxi-
zität/immunoallergische Mechanismen)

Makrolide Erythromycin, Clarithro- Cholestatische Hepatitis, VBDS; Hypersensivität;


mycin, selten: Azithromycin, intrinsische Hepatoxizität
Roxithromycin
Tetrazykline Hemmung der mitochondrialen Fettsäureoxi-
dation; mikorvesikuläre Steatose
Minocyclin Hypersensitivität; Autoimmunhepatitis Typ 1
(ANA positiv)
Nitrofurantoin Hepatozelluläre Nekrose; akute Cholestase;
Granulome; Fibrose, Zirrhose; Autoimmunhepa-
titis Typ 1 (ANA, SMA positiv)
Chinolone Hepatozelluläre Nekrosen, cholestatische
Hepatitis, immunoallergische Reaktionen

D a r ü b e r h i n a u s zeigen Antibiotika verstärkt a l a r m i e r e n d e Schwächen, d e n n i m m e r m e h r


Bakterien w e r d e n gegen A n t i b i o t i k a resistent. Heute reagiert ein Großteil der f ü r Lungener-
k r a n k u n g e n v e r a n t w o r t l i c h g e m a c h t e n M i k r o b e n u n e m p f i n d l i c h a u f d i e P r ä p a r a t e . 2 2 4 Als
A n t w o r t d a r a u f w e r d e n m e h r u n d a u c h s t ä r k e r e P r ä p a r a t e e i n g e s e t z t , w a s a b e r i n vielen Fäl-
len n u r d a z u f ü h r t , d a s s d i e B a k t e r i e n n o c h r e s i s t e n t e r w e r d e n .

N i c h t b e s s e r sieht e s z u m Beispiel b e i K o p f s c h m e r z t a b l e t t e n aus, d i e o h n e Frage A b e r m i l l i -


o n e n M e n s c h e n d u r c h d e n T a g h e l f e n - d o c h a u c h sie l i n d e r n l e t z t l i c h n u r S y m p t o m e , o h n e
d i e e i g e n t l i c h e U r s a c h e b e h e b e n z u k ö n n e n . U n d t r o t z e x o r b i t a n t e r F o r s c h u n g s e t a t s ist d i e
E n t w i c k l u n g e i n e s H e i l m i t t e l s bei M a s s e n l e i d e n w i e R h e u m a o d e r A l l e r g i e n n i c h t a b s e h b a r .
Kortison m a g zwar helfen, bei R h e u m a t i k e r n oder Allergikern a k u t e Beschwerden zu mil-
d e r n . D o c h w e n n d i e K o r t i k o i d e a b g e s e t z t w e r d e n , ist d a s L e i d e n ü b e r k u r z o d e r l a n g w i e d e r
d a , n i c h t selten s o g a r n o c h s c h l i m m e r als z u v o r .

•54-
Auch bei Krebs ist das Gesamtbild e r n ü c h t e r n d . Nicht nur die Krebsraten sind, wie im
Einführungsteil dargelegt, i m m e r noch unfassbar hoch u n d ein Heilmittel ist selbst nach
100 Jahren Suche nicht in Sicht - trotz gigantischer F o r s c h u n g s a u f w e n d u n g e n . Gleichzei-
tig bleiben jedoch plausible Alternativtheorien wie die Chromosomentheorie zu Krebs oder
die auf eine Regeneration der Mitochondrien gerichtete Bioimmuntherapie weitgehend un-
beachtet. 108 - 185 Dasselbe gilt f ü r Studien über die Metastasierung. Obwohl sie f ü r r u n d 90
Prozent der Todesfälle bei Krebs verantwortlich zeichnet, hat die Forschung das Phänomen
seit Anfang der 1970er Jahre, also seit Beginn des „Krieges gegen den Krebs", nahezu aus-
geblendet. 167 Der Verdacht liegt nahe, dass dies deshalb so ist, weil f ü r die P h a r m a k o n z e r n e
die Ansätze weniger profitträchtig sind, auch den Lebensstil sowie die Umweltfaktoren u n d
nicht nur das Schicksal durch Gene u n d Viren als Ursachen einzubeziehen.

Obwohl selbst nach offizieller M e i n u n g ein Drittel der


Krebserkrankungen durch eine veränderte E r n ä h r u n g s - Das ganze System ist offenbar
weise (vor allem mehr Obst u n d Gemüse, weniger Fleisch) nicht primär auf Prävention,
und mehr Bewegung verhindert werden könnte, 60 - 199 so gibt sondern auf Pillenproduktion ausge-
zum Beispiel das amerikanische Nationale Krebsinstitut richtet - und die großen Profiteure
- das mächtigste der Welt - „gerade einmal eine Million sind die Pharmakonzerne. Auch
Dollar oder umgerechnet nur 0,02 Prozent seines k n a p p aus dem Staatssäckel werden sie
5 Milliarden Dollar schweren Jahresbudgets f ü r Erzie- reichlich mit Forschungsgeldern be-
hung, Medien- u n d Ö f f e n t l i c h k e i t s a r b e i t aus, um den dacht, um damit neue Medikamente
Konsum von Früchten u n d Gemüse zur Krebsprävention entwickeln zu können.
zu fördern", wie Krebsexperte S A M U E L E P S T E I N kritisiert. 109
In anderen Industrieländern sieht die Situation vergleich-
bar enttäuschend aus. 2007 wurde zum Beispiel in H a m b u r g ein Dienstleistungszentrum f ü r
die Suche nach neuen Medikamentenwirkstoffen eröffnet, das vom deutschen Bundesminis-
terium f ü r Bildung u n d Forschung mit 800 Mio. € unterstützt wurde. 2 6 6 Insgesamt fließen
Jahr für Jahr Abermilliarden an Steuergeldern direkt u n d indirekt in Richtung P h a r m a b r a n -
che, sodass man geneigt ist, von einem Selbstbedienungsladen zu sprechen. Die engen Ver-
bindungen zwischen Politik u n d Pharmariesen sind hinlänglich bekannt. 111 Der Druck auf
die Politik kommt zudem nicht nur von deren Seite, denn so manche präventive M a ß n a h m e
- wie etwa die Verringerung der Feinstaubpartikel - hat bei den Verursachern Kosten zur
Folge, die deren wirtschaftlichem Interesse entgegenstehen. Die Drohkulisse beispielsweise
mit dem Abbau von Arbeitsplätzen hat schon so manchen Politiker m ü r b e gemacht.

„Die wahre Herausforderung von heute ist, Mittel zu finden, um diese Zivilisationskrank-
heiten zurückzudrängen", sagte der Medizinnobelpreisträger S I R F R A N K M A C F A R L A N E B U R N E T
bereits 1971, der auch in der Tumorforschung aktiv war - u n d seine Worte scheinen noch
aktuell zu sein. „Doch nichts, was aus den Labors k o m m t , scheint in diesem Z u s a m m e n h a n g
von Bedeutung zu sein; der Beitrag der Laborforschung ist praktisch am Ende. Die m o d e r n e
Grundlagenforschung in der Medizin hat k a u m eine direkte Bedeutung f ü r die Prävention
von Krankheit oder die Verbesserung der medizinischen Versorgung." 7 8

•55-
Die Lance Armstrongs überleben - die Farrah Fawcetts aber nicht:
Warum die Entwicklung patientenindividueller Medikamente an der
Verschiedenheit und Flexibilität von Krebszellen scheitert

T u m o r w a c h s t u m u n d Metastasenbildung sind nicht - wie noch weithin angenommen - pri-


mär dadurch gekennzeichnet, dass Körperzellen unkontrolliert wachsen, sich teilen und ge-
sundes Gewebe verdrängen u n d zerstören können. Vielmehr ist hierfür die Verschiedenheit
(Heterogenität) von Krebszellen der bestimmende Faktor. Die Beweise für diese These sind
frappierend u n d basieren auf Patientendaten u n d nicht nur auf Studien mit Labormäusen.
Dabei zeigt sich, dass die einzelnen Krebszellen, die den primären Tumor verlassen haben,
auf sehr unterschiedliche Weise aneuploid sind (das bedeutet, dass die Chromosomen einer
Zelle e n t a r t e t sind, u n d m i t u n t e r sind auch einige der etwa 21.000 Gene, die auf diesen
C h r o m o s o m e n liegen, entartet).

Dabei sind die Krebszellen nicht n u r von Person zu Person unterschiedlich stark entartet,
s o n d e r n auch i n n e r h a l b ein u n d desselben Tumors. „Diese extreme Verschiedenheit der
Krebszellen macht es unwahrscheinlich, dass ein spezifisches Medikament gegen Krebs ent-
wickelt werden kann", so der G e n o m f o r s c h e r G E O R G E G A B O R M I K L O S . 1 0 6 Z U versuchen, mit
einem M e d i k a m e n t Krebs beherrschen zu wollen, ist so, als ob m a n gegen einen ganzen Zoo
wilder Tiere - von Krokodilen u n d Leoparden über Elefanten bis zu Eisbären - mit einer
Krokodilfalle angehen wollte. 95

Um dies zu verstehen, muss m a n sich zunächst vergegenwärtigen, dass es H u n d e r t e von


verschiedenen Krebstypen gibt, die von Pathologen sorgfältig in Klassen eingeteilt worden
sind. Alle Krebse unterscheiden sich in Bezug darauf, wie aggressiv sie streuen (Metastasen

•56-
setzen) und wie resistent sie gegenüber M e d i k a m e n t e n sein k ö n n e n . Eine häufige Fehlan-
nahme ist daher, dass, wenn ein Krebstyp geheilt worden ist, alle Arten von Krebs bei allen
Patienten geheilt werden können.

Viele glauben zum Beispiel, dass m a n den Fall des Radprofis L A N C E A R M S T R O N G verallge-
meinern u n d somit auf alle Krebsarten übertragen könne. Von i h m wird berichtet, er sei
von seinem Hodenkrebs unter anderem mithilfe der Chemotherapie kuriert worden. Dabei
wird allzu gerne übersehen, dass einer Chemotherapie oft Operationen vorangehen, die den
gröbsten oder gar ganzen Schaden beseitigen (bei L A N C E A R M S T R O N G waren zwei OPs voran-
gegangen, wobei ein Hoden entfernt werden musste). A u ß e r d e m ist Krebs bei weitem nicht
gleich Krebs, selbst Hodenkrebs ist nicht gleich Hodenkrebs. Vielmehr umfasst Hodenkrebs
Seminome, embryonale H o d e n k a r z i n o m e , Teratome u n d C h o r i o n k a r z i n o m e . S e m i n o m e
wachsen in der Regel eher langsam, während die anderen Hodenkrebstypen dazu tendieren,
schneller zu streuen.

Seminome der Stufe 1 sprechen sowohl auf Chemotherapie als auch auf Bestrahlung oft gut
an - und wenn sie f r ü h genug entdeckt u n d behandelt werden, so leben mehr als 90 Prozent
der Patienten auch nach f ü n f Jahren 234 (diese 5-Jahres-Überlebensrate ist eine bedeutende
Messgröße in der etablierten Krebsmedizin u n d gibt an, ob ein Patient auch f ü n f Jahre nach
der Diagnosestellung noch am Leben ist). Im fortgeschrittenen Stadium schwinden aber
auch bei Seminomen die Heilungschancen. Auch andere Krebstypen, etwa des D a r m s , der
Haut oder der Bauchspeicheldrüse, zeigen sich ziemlich resistent gegen Bestrahlung u n d
Therapie. Weniger als f ü n f Prozent der Patienten, die unter Bauchspeicheldrüsenkrebs lei-
den, sind auch fünf Jahre nach Beginn der Behandlung noch am Leben.

Machen wir uns hierfür noch einmal kurz klar, was Krebszellen von gesunden Zellen unter-
scheidet. Normale oder gesunde (nicht kanzerogene) Zellen verfügen über zwei Kopien ihrer
Erbsubstanz DNA (Englisch: Deoxyribonucleic acid, auf Deutsch Desoxyribonukleinsäure):
eine stammt von der Mutter u n d eine vom Vater. Das bedeutet, dass es in jeder n o r m a l e n
Zelle zwei identische „Codebücher" gibt, in denen die Instruktionen f ü r das Überleben der
Zellen enthalten sind. Und wenn eines dieser Bücher beschädigt wird, so gibt es i m m e r eine
unversehrte Kopie davon, mit der die Reparaturen d u r c h g e f ü h r t werden können. G e s u n d e
Zellen folgen gewissenhaft den I n s t r u k t i o n e n , die in ihren beiden C o d e b ü c h e r n , sprich
ihrem Erbgut (DNA) einkodiert sind, u n d f ü h r e n diese auch sorgsam aus. Kurzum: Normale
Zellen sind in ihren „Handlungen" eng an ihr D N A - H a n d b u c h gekoppelt. Gesunde Zellen
wandern auch nicht im Körper umher, sondern bleiben in ihrer lokalen Gewebeumgebung.

Bei malignen Zellen (Krebszellen) ist dies komplett anders. Sie k ö n n e n ihre lokale Umge-
bung - den P r i m ä r t u m o r bzw. das ursprüngliche Geschwulst - verlassen u n d sich in einer
neuen Nische woanders im Körper festsetzen. Ihre E r b s t r u k t u r (DNA) ist a u ß e r d e m stark
geschädigt, was durch krebserregende Substanzen wie K a d m i u m oder Dioxin verursacht
worden sein kann. 102 Diese Krebszellen verfügen also über m e h r als zwei Codebücher, in

•57-
denen die I n s t r u k t i o n e n f ü r ihr Überleben enthalten sind. Und diese beiden Codebücher
einer Krebszelle sind nicht wie bei gesunden Zellen identisch, sondern sehr verschieden.
Mit anderen Worten: Die Codebücher (das Erbgut) ist entartet. Diese Entartung ist bei der
Zellteilung entstanden. Im Gegensatz zu gesunden Zellen folgen Krebszellen während ihrer
Teilung keinen Instruktionen mehr.

Das bedeutet, dass praktisch mit jedem neuen Teilungsvorgang eine neue Generation an
Krebszellen entstehen k a n n , deren Erbsubstanz (DNA) wieder anders bzw. stärker entartet
ist als die ihrer Vorgänger. Im Ergebnis entsteht eine Population an Krebszellen mit sehr
unterschiedlich deformierten Erbsubstanzen.

Um im Bild zu bleiben, haben die Codebücher (= Erbgut) einer Krebszelle einige zusätzliche
Kapitel u n d Sätze, während andere Kapitel u n d Absätze n u n m e h r fehlen. Und damit nicht
genug: Sogar ganze Textpassagen sind in diesen Codebüchern von einer Stelle zu einer an-
deren verschoben worden, u n d m a n c h m a l haben sich sogar einzelne Buchstaben verändert.

Diese Buchstaben-Änderungen entsprechen den bereits


Die Krebszellen sind nicht nur e r w ä h n t e n Genmutationen, 1 3 1 272 welche die etablierte
innerhalb eines Tumors unter- Krebswissenschaft zu Unrecht als die großen Krebsver-
schiedlich stark auf Erbgutebene ursacher p o s t u l i e r t . D e n n das A u s m a ß der massiven
entartet. Auch haben Krebszellen, Verschiebungen am Erbgut einer Krebszelle geht weit
die den Primärtumor - die ursprüng- über Veränderungen an einzelnen Genen (Buchstaben)
liche Geschwulst-verlassen haben, h i n a u s u n d betreffen vor allem die C h r o m o s o m e n , die
eine andere Erbgutstruktur (DNA) als p r a k t i s c h den Kapiteln des C o d e b u c h e s entsprechen.
jene Krebszellen, die im Tumor ver- „Wenn m a n einen fortgeschrittenen Tumor entdeckt,
bleiben. Studien legen den Schluss so ist bei den meisten von ihnen das Erbgut bereits re-
nahe, dass es genau diese stark gelrecht zur Hölle gefahren", wie G A R T H A N D E R S O N vom
veränderten DNA-Strukturen sind, Roswell Park Krebszentrum in Buffalo im Bundesstaat
die Krebszellen das Vermögen verlei- New York das typische Erscheinungsbild einer Krebs-
hen zu metastasieren, also aus der zelle t r e f f e n d beschreibt. „Und wohlgemerkt nicht in
Ursprungsgeschwulst auszutreten jeder Krebszelle findet sich eine Genmutation." 7 4
und andere Körperteile zu infiltrieren
und zu zerstören.102' '50.151,152.291
Durch die so unterschiedliche Weise ihrer Entartung auf
Erbgutebene können Krebszellen auch auf sehr verschie-
denartige Weise mit Notfallsituationen fertig werden.
Eine solche Notfallsituation stellt zum Beispiel die Verabreichung von chemotherapeuti-
schen Medikamenten dar. Auch normale (gesunde) Zellen haben bis zu einem gewissen Grad
die Fähigkeit, Medikamentengifte abzuwehren. Dabei inaktivieren sie die Gifte oder stoßen
diese mit verschiedenen P u m p e n , die sich auf ihrer Zelloberfläche befinden, ab.170,175 Einige
gesunde Zellen können dies besser als andere, weil sie über bessere derartige Abwehrsysteme
verfügen. N i m m t der Patient n u n mehr Medikamente, so k a n n es durchaus passieren, dass
die Abwehrsysteme der Zelle überfordert werden u n d die Zelle an den Giften zugrunde geht.

•58-
Anders bei den Krebszellen, die jeweils auf ihre ganz spezielle Weise auf einen Medikamen-
tenangriff reagieren können. Und innerhalb der riesigen Population an Krebszellen wird es
der Wahrscheinlichkeit nach immer einige geben, welche die entsprechende E r b g u t s t r u k t u r
und damit die Kapazität besitzen, um mit diesen M e d i k a m e n t e n a n g r i f f fertig zu werden.
„Dies konnte klar gezeigt werden in Studien, in denen den Zellen ihre wichtigsten Oberflä-
chenpumpen entfernt wurden", so Genomforscher G E O R G E G A B O R M I K L O S . „Und obwohl die
Krebszellen dadurch ihrer zentralen Abwehrwaffen beraubt w u r d e n , k o n n t e n sie resistent
werden gegen die Medikamentengifte - u n d dies hatten sie ihrer massiv veränderten Erbgut-
struktur zu verdanken." 100,101,171

Dies wäre eine weitere Erklärung dafür, w a r u m Krebszellen gegenüber K r e b s m e d i k a m e n -


ten resistent werden können. Zuvor hatten wir bereits geschildert, dass davon auszugehen
ist, dass die in Krebszellen geschädigten Mitochondrien f ü r diese Resistenzbildung verant-
wortlich zeichnen (vgl. Seite 32). So konnte eine Forschergruppe in den USA zeigen, dass
die Abschaltung der Mitochondrien in Krebszellen u n d die parallel einsetzende Vergärung
von Zucker zu Milchsäure (gesunde Zellen vergären ja nicht, sondern „verbrennen" den Zu-
cker zu Kohlendioxid) zur Resistenzbildung gegenüber vielen C h e m o t h e r a p e u t i k a f ü h r e n
konnte. 309

Welche Verbindung zwischen diesen beiden Phäno-


menen besteht - den massiv v e r ä n d e r t e n Erbgut-
s t r u k t u r en und den M i t o c h o n d r i e n s c h ä d e n muss
wissenschaftlich noch genau geklärt werden. Fest
steht, dass einige der Krebszellen, die den p r i m ä r e n
Tumor verlassen (metastasieren), freilich vom Im-
munsystem abgefangen u n d zerstört werden. Andere
Krebszellen erreichen zum Beispiel die f ü n f bis zehn
Z e n t i m e t e r g r o ß e n L y m p h k n o t e n . Diese Lymph-
knoten bilden eine Art Filterstation f ü r das Gewe-
bewasser (Lymphe) u n d gehören z u m Lymphsystem
(siehe Abbildung). Dieses Lymphsystem ist Teil des
Abwehrsystems unseres Körpers. Es ist nicht n u r
wichtig f ü r den Flüssigkeitstransport, sondern steht
auch in enger Beziehung zum Blutkreislauf. Wieder
andere Krebszellen umgehen diese Lymphknoten u n d
gelangen zur Niere oder einem anderen Organ, wer-
den jedoch von der dortigen lokalen Zellpopulation
in Schach gehalten, sodass sie nicht wuchern können.
Einige Krebszellen überleben all diese Gefahren u n d
beginnen, an ihrem neuen Ort zu wachsen u n d das
ehemals vitale Organ zu zerstören. Exakt dies wird Das Lymphsystem unseres Körpers mit
als metastatischer Krebs bezeichnet. den verschiedenen Lymphknoten.

•59-
Nur die wenigsten Krebszellen sind im Übrigen auf Erbgutebene so stark geschädigt, dass sie in
der Lage sind, den primären Tumor zu verlassen, sprich zu metastasieren. 233,253,291 Das ist auch
plausibel, d e n n wenn alle Zellen die Fähigkeit besäßen, das ursprüngliche Geschwulst zu ver-
lassen, so wäre irgendwann kein P r i m ä t u m o r mehr vorhanden. 2 9 1 Tatsächlich zeigen Studien,
dass letztlich n u r etwa eine von 50.000 Tumorzellen über eine hinreichend deformierte
Erbsubstanz verfügt, die ihr das Vermögen verleiht, aus ihrem „Zuhause", dem Primärtu-
mor, auszubrechen. 87,89,90,92,233,253,282,295

„Die meisten etablierten Krebsmediziner müssen dies freilich erst noch erkennen", so der
G e n o m f o r s c h e r M I K L O S . „Nicht zuletzt, weil sie generell nicht wirklich darüber Bescheid
wissen, was es bedeutet, wenn große Teile des Erbguts einer Zelle, allen voran die Chro-
m o s o m e n , massiven Ä n d e r u n g e n u n t e r w o r f e n sind u n d dadurch resistent werden können
gegen hohen Medikamentendosen." 174

Wie fatal es sein kann, dass die etablierte Krebsmedizin dies


noch nicht erkannt hat, zeigt sich an unzähligen Schicksalen
wie dem der US-Schauspielerin F A R R A H FAWCETT, die Ende
Juni 2009 im Alter von 62 Jahren verstarb. Weltberühmt
w u r d e FAWCETT als „Jill Munroe" in der TV-Krimiserie „Drei
Engel f ü r Charlie". Mit ihrer blonden L ö w e n m ä h n e u n d
dem s t r a h l e n d e n Lächeln w u r d e sie zum Idol der 1970er
Jahre. „Statt schweren P a r f ü m s verströmte sie Fitness, statt
G e h e i m n i s s e n versprach sie sportliche Gesundheit bis in
die Haarspitzen", k o m m e n t i e r t e ein Kritiker d a m a l s die
hohen Einschaltquoten. 2 0 4 Doch diese Schönheit und Fitness
b e w a h r t e sie nicht vor dem Schicksalsschlag, der sie 2006
ereilen sollte, als Ärzte bei ihr eine seltene Form des Darm-
krebses feststellten. Zunächst ging es gut. Nach einer ag-
gressiven Strahlen- u n d Chemotherapie erklärten die Ärzte
sie zu ihrem 60. Geburtstag am 2. Februar 2007 f ü r geheilt.
Farrah Fawcett mit 32. Sie starb 2009 Doch schon drei Monate später kam die Krankheit zurück,
im Alter von 62. heimtückischer denn je - neue Schmerzen, neues Leid.

Enttäuscht von den Behandlungsergebnissen in den USA suchte sie sogar in Deutschland
Hilfe. Z u m a l nach der Chemotherapie n u n auch die Leber voller Metastasen war. Zeitweise
ließ sie sich an der F r a n k f u r t e r Universitätsklinik mit einer Chemotherapie und in der Kli-
nik am Alpenpark am Tegernsee alternativmedizinisch behandeln (Infusionen, Vitamin-
Präparate, n a t u r h e i l k u n d l i c h e Medikamente). 2 1 4 Natürlich k a n n m a n hier nur d a r ü b e r
spekulieren, was den „Engel" letztlich hat sterben lassen. Doch es besteht G r u n d zu der An-
n a h m e , dass es die giftige Krebsbehandlung war, der das I m m u n s y s t e m der Schauspielerin
am Ende nicht gewachsen war. Gerade Metastasen in der Leber, die bei FAWCETT nach der
Behandlung diagnostiziert wurden, sind eine typische Nebenwirkung der Chemotherapie.

•60-
Wie Patienten unterschiedliche Resistenzen gegenüber
Medikamenten ausbilden

Bei der Guardiö/i-Kolumnistin D I N A R A B I N O V I T C H w u r d e 2 0 0 4 Brustkrebs diagnostiziert.


Sie starb im Herbst 2 0 0 7 im Alter von 4 4 Jahren. 210 Kurz vor ihrem Tod hatte sie ihre Er-
fahrungen mit der Krankheit in einem Buch niedergeschrieben: „Take off your p a r t y dress;
when life's too busy for breast cancer" („Leg deinen Partydress ab, wenn dein Leben mit dem
Kampf gegen Brustkrebs ausgefüllt ist"). 246

Darin beschreibt sie eindrücklich das Trauma, das eine Patientin Tag f ü r Tag durchleben
muss, die unter fortgeschrittenem Brustkrebs leidet. Bei R A B I N O V I T C H hatte sich der Krebs
schon auf andere O r g a n e ausgebreitet. Bereits das dritte M e d i k a m e n t e n r e g i m e war im
Gange. Den A n f a n g machte die Chemotherapie. Zusätzlich w u r d e ihr intravenös u n d in
hohen Dosen das Medikament Herceptin gespritzt, ein Verkaufsschlager der Firma Roche. 144
Als der Krebs wieder aufflammte, w u r d e ihr das Präparat O m n i t a r g verabreicht. Später er-
hielt sie jeden Tag f ü n f Pillen des neuesten „Wundermittels" Tykerb gegen metastasischen
Brustkrebs, acht Tabletten des chemotherapeutischen Wirkstoffs Xeloda (mit einer Thera-
piepause in jeder dritten Woche) sowie jeden Morgen u n d Abend Schmerzmittel (Morphin
und Diclofenac).

Je länger die Therapie dauerte, umso verzweifelter wurde R A B I N O V I T C H . „Mein Krebs k o m m t


immer wieder", so R A B I N O V I T C H , „und niemand k a n n mir sagen, w a r u m dies so ist. Man hat
mich auf Genmutationen untersucht, doch offensichtlich bin ich gar keine Trägerin dieser
defekten Gene. Ich bin so w ü t e n d auf die Ärzte, auf die ich voll vertraut habe, u n d hege
ihnen gegenüber z u n e h m e n d auch sehr zynische Gefühle."

Dass niemand D I N A R A B I N O V I T C H wirklich sagen konnte, w a r u m ihr Krebs i m m e r wieder auf-


flammt, ist damit zu erklären, dass offenkundig auch die Ärzte, die sie behandelten, d e m
Glauben nachhingen, es seien einfache Genmutationen, die das Krebsgeschehen diktieren.
Tatsächlich geschieht dies aber, wie bereits beschrieben, durch die massiven Erbgutschäden
an den Chromosomen (die weit über einfache Genmutationen hinausgehen), welche die kan-
zerogenen Zellen kennzeichnen u n d die sie in die Lage versetzen zu metastasieren. Zugleich
sind die Krebszellen dadurch so flexibel, dass einige von ihnen auch heftigen M e d i k a m e n -
tenangriffen widerstehen können.

In jedem Menschen ist diese Situation natürlich anders. Jeder von uns hat ein einzigartiges
Erbgut (bis auf eineiige Zwillinge). Das heißt auch, dass jede Population an Krebszellen ihre
ganz eigene Art hat zu agieren. Jede Frau, die von Brustkrebs betroffen ist, v e r f ü g t somit
über ganz individuelle Fähigkeiten, das Wachstum ihres Brustkrebses zu kontrollieren, u n d
keine Frau bildet dieselben Resistenzen gegenüber Krebsmedikamenten aus.

• 61 •
So manifestiert sich Brustkrebs bei A f r o a m e r i k a n e r n aggressiver u n d reagiert nicht so gut
auf Behandlungen wie bei kaukasischen Frauen. 8 5 Die Gesundheitsbehörde von North Ca-
rolina berichtete, dass zwischen 1994 u n d 1998 deutlich m e h r schwarze als weiße Ameri-
k a n e r i n n e n an G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s e r k r a n k t sind, u n d sogar mehr als doppelt so viele
A f r o a m e r i k a n e r i n n e n sind in diesem Zeitraum an der Krankheit gestorben. 244 Doch es wäre
voreilig den Schluss zu ziehen, dass hier rassisch-biologische Unterschiede den Ausschlag
geben. Vielmehr dürfte der entscheidende Faktor in den sozialen Lebensumständen liegen.
„Bei A f r o a m e r i k a n e r i n n e n wird Brust- u n d Gebärmutterhalskrebs tendenziell später dia-
gnostiziert", so die Krebsforscherin D E V R A D A V I S . „Zudem werden sie im Schnitt häufiger
bestrahlt u n d seltener operiert. Kürzungen bei den Gesundheitsbudgets haben sogar dazu
geführt, dass schwarze Frauen nicht so oft in den Genuss eines Pap-Tests kommen." 8 8

Es empfiehlt sich also, auf den einzelnen Menschen u n d dessen soziales Umfeld zu schauen.
Dabei zeigt sich, dass bei einigen Frauen der Krebs schneller wieder aufflammen wird, bei
anderen hingegen langsamer. Die Mehrzahl der Frauen, die zum Beispiel auf das Krebsme-
d i k a m e n t Herceptin ansprechen, entwickeln innerhalb eines Jahres eine Resistenz gegen
dieses Präparat, 2 2 8 w ä h r e n d in einigen Frauen der Krebs über Jahre hinweg vor sich hin
schlummert.

Avastin, Herceptin und andere angebliche „Wunderpillen"


Die Wirksamkeit von Antikrebsmedikamenten wird in der Regel auf zwei Arten überprüft.
Z u m einen k a n n m a n die mittlere Überlebenszeit (median overall survival time) messen.
Dabei wird beobachtet, wie lange es dauert, bis die Hälfte der Patienten an einer bestimmten
Krankheit wie Brustkrebs gestorben ist. Dies ist sicherlich der akkurateste Weg der Wirk-
samkeitsprüfung.

Der andere Weg besteht darin zu ü b e r p r ü f e n , wie viel Zeit verstreicht, bis der Krebs nach
Beginn der Medikamententherapie wieder a n f ä n g t zu wachsen (im Fachjargon spricht man
h i e r v o n der „progression free survival time"). Diese Messmethode beinhaltet einige Unwäg-
barkeiten. So k a n n die Tumorgröße a n h a n d von A u f n a h m e n nicht mit hundertprozentiger
Sicherheit gemessen, sondern muss letztlich abgeschätzt werden. Zudem bedeutet eine Ver-
kleinerung des Tumors nicht automatisch, dass dadurch das Leben der Patienten verlängert
u n d ihre Lebensqualität verbessert wird. Selbst bekannte etablierte Krebswissenschaftler wie
M A X W I C H A , Direktor a m Krebszentrum der University of Michigan, räumen daher mittler-

weile ein: „Das Model, das wir f ü r die Zulassung von Krebsmedikamenten verwenden, ist
schlecht. A n t i k r e b s m e d i k a m e n t e werden genehmigt, sobald mit ihnen der Tumor verklei-
nert werden konnte - auch wenn das Leben des Patienten gar nicht verlängert wurde." 155

• 62 •
Wenn wir also n u n diese beiden Messmethoden z u g r u n d e legen, wie schneiden d a n n die
bedeutendsten Krebsmedikamente - die sogenannten Blockbuster Drugs - ab? Das Jahres-
treffen der Amerikanischen Gesellschaft f ü r Klinische Onkologie (American Society for Cli-
nical Oncology) ist das weltweit bedeutendste Forum, auf dem die neuesten Krebstherapien
vorgestellt werden. Es ist das Pendant zur großen Autoshow in Detroit. P h a r m a f i r m e n stel-
len dort ihre Produkthighlights vor, Journalisten u n d Aktienmarktanalysten berichten aus-
führlich darüber. Im Jahr 2007 n a h m e n nicht weniger als 35.000 Krebsforscher (Onkologen)
und Vertreter von Pharma- u n d Biotechfirmen an diesem F o r u m teil. Welche Fortschritte
konnten sie der Welt präsentieren?

Onyx Pharmaceuticals u n d Bayer HealthCare Pharmaceuticals berichteten von


einer neuen A n w e n d u n g im Z u s a m m e n h a n g mit i h r e m Leber- u n d Nieren-
krebspräparat Nexavar. In Kombination mit Chemotherapie w ü r d e Nexavar die
mittlere Überlebenszeit der Patienten um k n a p p drei Monate verlängern, hieß es. Dies wurde
vom Magazin Forbes als „Durchbruch bei der Behandlung von Leberkrebs" bejubelt, 140 wäh-
rend JOSEPH LLOVET, Direktor der Leberkrebsforschung am M o u n t Sinai School of Medicine
in New York City u n d Leiter der Studien zu dem Präparat, frohlockte: „Dies ist die erste
systemische Therapie, die das Leben von [Leberkrebs-] Patienten verlängert. Und es ist der
neue Standard f ü r die Behandlung von [Leberkrebs-] Patienten nach 30 Jahren Forschung
und mehr als 100 randomisierten kontrollierten Studien." 121

Sicher zählt im Leben eines Menschen jede Minute. Doch es erscheint zynisch, wenn nach
30 Jahren Forschung, unzähligen klinischen Studien u n d A b e r m i l l i a r d e n Dollar an For-
schungsgeldern von einem „ D u r c h b r u c h " oder auch „bahnbrechenden Erfolg" die Rede ist,
wenn die durchschnittliche Überlebenszeit gerade einmal um k n a p p drei Monaten verlängert
wurde. Wobei man zudem berücksichtigen muss, dass diese Zahlen von den Pharmakonzer-
nen selbst stammen u n d daher mit Vorsicht zu betrachten sind. Es ist nicht unwahrschein-
lich, dass die Ergebnisse geschönt sind. Wie Untersuchungen belegen, werfen die Studien,
die von der Pharmaindustrie finanziert sind, mit einer viermal so hohen Wahrscheinlichkeit
positive Ergebnisse aus wie die Arbeiten, die nicht von der Industrie bezahlt werden. 273

Nicht besser ist es um die Wirksamkeit anderer Blockbuster-Medikamente be-


stellt. So verkündete Pfizer von seinem Präparat Axitinib, dass Patienten, die
unter fortgeschrittenem Bauchspeicheldrüsenkrebs litten u n d Axitinib in Kom-
bination mit Chemotherapie erhielten, 1,3 Monate länger lebten als diejenigen, denen nur
Chemotherapie verabreicht worden war. Patienten, die von metastatischem Brustkrebs be-
troffen waren, lebten laut Pfizer gerade einmal 1,2 Monate länger mit Axitinib plus C h e m o
als diejenigen, die nur Chemotherapie bekamen.

•63
In diesen wenigen zusätzlichen Wochen leiden die Patienten in der Regel unter heftigen
Nebenwirkungen wie Übelkeit, Müdigkeit, Bluthochdruck, Entzündungen der Mund- und
Darmschleimhäute, Durchfällen oder auch einer drastischen A b n a h m e der weißen Blutkör-
perchen (der Leukozyten, die eine Rolle im Abwehrsystem des Körpers spielen).

Mit derartigen N e b e n w i r k u n g e n müssen auch Patienten rechnen, die unter


Brust-, D a r m - , Lungen- u n d Nierenkrebs leiden u n d das Präparat Avastin des
P h a r m a r i e s e n Roche verabreicht b e k o m m e n (in den USA wird Avastin von
dem Biotechkonzern Genentech vertrieben). Von Avastin haben nicht nur Die Zeit64 und
die Financial Times Deutschland160 ganz im Sinne des Herstellers werbewirksam behauptet,
es w ü r d e „den Krebs aushungern" bzw. „den Hungertod f ü r Tumorzellen" bedeuten. Und so
k o n n t e Roche auch im F r ü h j a h r 2009 stolz verkünden, dass es den Umsatz abermals kräf-
tig gesteigert hat - vor allem „dank der anhaltend guten
Nachfrage nach Krebsmedikamenten wie Mabthera und
Avastin und die anderen Präpa- Avastin", wie das Manager Magazin berichtete. 220
rate in Kombination mit Chemo-
therapie verlängern - sofern man Bei genauer Betrachtung scheinen derlei Werbebotschaf-
den Zahlen der Pharmakonzerne ten unverantwortlich, weil sie fern der Realität sind. So
wirklich Glauben schenken will - das w u r d e Avastin 2006 von der U S - a m e r i k a n i s c h e n Be-
Leben der Patienten gerade einmal hörde FDA f ü r die Behandlung von Lungenkrebspati-
um wenige Wochen oder Monate. enten auf Basis von Studien zugelassen, die zeigten, dass
Man darf dabei aber nicht vergessen, das Präparat das Leben der Patienten um gerade einmal
dass dies Durchschnittswerte sind; zwei Monate verlängerte, wenn sie Avastin plus Chemo-
sprich ein Patient wird nur einige therapie anstatt nur Chemotherapie bekamen. Und 2007
Tage länger überleben, ein anderer sollte sich d u r c h neuere Studien sogar herausstellen,
mehrere Jahre. Der britischen Jour- dass die Kombination Avastin plus Chemo f ü r Lungen-
nalistin DINA RABINOVITCH, bei krebspatienten überhaupt keinen Vorteil bringt gegen-
der 2004 Brustkrebs diagnostiziert über der alleinigen Verabreichung von Chemotherapie.
worden war, hat tragischerweise am Das heißt: Das Leben der Patienten wurde weder durch
Ende keines der Medikamente und die Zugabe von Avastin zur Chemotherapie verlängert,
auch keine Chemotherapie geholfen. noch w u r d e d a d u r c h bei ihnen das Wiederaufflammen
Sie starb nach langen Qualen -ver- des Lungenkrebses zeitlich nach hinten verschoben.
ursacht auch durch die verabreichten
Wirkstoffe - am 30. Oktober 2007 im Für die Patienten ist dies eine traurige Nachricht, dem
Alter von 44 Jahren. Derzeit gibt es Avastin-Hersteller Roche hingegen schadete dies nicht.
also keine akkurate Möglichkeit für D e n n Avastin war ja schon zugelassen u n d sorgte im
die Krebsmedizin, für einen einzel- Jahr 2007 f ü r einen Umsatz in Höhe von 3,5 Mrd. $.156
nen Patienten genau vorherzusagen,
wie er von den klassischen Verfahren Und wie Analysen offenbaren, hat die FDA das Präparat
profitieren wird. Avastin nicht n u r zur B e h a n d l u n g von Lungenkarzi-
nomen auf Basis von zu optimistischen Studien freige-

• 64 •
geben, sondern auch f ü r die A n w e n d u n g bei D a r m - u n d Brustkrebs. Und f ü r die Therapie
von fortgeschrittenem Brustkrebs hat die FDA Avastin sogar zugelassen, obwohl sich FDA-
Experten dagegen ausgesprochen hatten. 156,241 Die Vermutung drängt sich auf, dass hier der
Hersteller möglicherweise nachgeholfen hat.

Auch die New-York-Times-]ouma\istin G I N A K O L A T A k o m m t 2 0 0 8 in ihrem Artikel zu einem


ernüchternden Ergebnis: „Studien zeigen, dass Avastin das Leben der Patienten nur um
wenige Monate verlängert, wenn ü b e r h a u p t . . . Auch hat Avastin, w e n n auch nur gelegent-
lich, starke Nebenwirkungen, die auch tödlicher Art sein können. Zudem wird Avastin fast
immer z u s a m m e n mit der S t a n d a r d c h e m o t h e r a p i e angewendet, sodass die Patienten den
drastischen Nebenwirkungen der Chemotherapie nicht entfliehen können. ,Ich wende Avas-
tin noch routinemäßig an', so L E O N A R D S A L T Z , Darmkrebsspezialist am Memorial Sloan-Ket-
tering Krebszentrum in New York. ,Doch es ist ernüchternd. Es ist kein Wundermittel, u n d
tatsächlich dürfte der Nutzen des Präparats geringer sein, als wir zugeben wollen.' " 186,188,241

Der US-Senator und Republikaner C H A R L E S E. G R A S S L E Y rief sogar das amerikanische Govern-


ment Accountability Office, das als überparteiliches Untersuchungsorgan staatliche Vorha-
ben im Hinblick auf Korruption, Effizienz u n d Missmanagement überprüft, wegen der FDA-
Genehmigung von Avastin u n d anderer Medikamente an. G R A S S L E Y meinte, dass diese Prä-
parate „wenig bis keinen Nutzen haben, um das Leben der Patienten zu schützen oder deren
Gesundheit zu verbessern." 1 5 6

Das Brustkrebsmedikament Herceptin wird gerne als Vorbild f ü r eine künftige


Medizin bezeichnet, die bestrebt ist, auf den einzelnen Patienten zugeschnittene
Therapien zu entwickeln. Das Präparat b e k o m m e n nur 20 Prozent von Brust-
krebspatientinnen, in deren Tumor zuviel Protein HER2 v o r h a n d e n ist. Nach Auffassung
der etablierten Krebsforschung soll dies f ü r die betroffenen P a t i e n t i n n e n eine schlechte
Überlebensprognose bedeuten. U n d so versucht m a n , dieses Protein durch M e d i k a m e n t e
wie Herceptin auszuschalten. Doch unabhängig davon, ob m a n wirklich glauben will, dass
dies sinnvoll ist, scheinen die HER2-Tests nicht sonderlich genau zu sein. 242

Bei einem Test k a n n es passieren, dass beim Patienten ein erhöhtes HER2-Protein-Niveau
festgestellt wird, obwohl dies in Wahrheit nicht der Fall ist. Das k a n n schwerwiegende
Konsequenzen f ü r den Patienten nach sich ziehen. D e n n in diesem Fall w ü r d e Herceptin
demjenigen verabreicht werden, f ü r den das Präparat selbst nach Auffassung der offiziellen
Meinung gar nicht angezeigt ist - ein Medikament, welches das Risiko von Herzversagen in
sich birgt. Rund zehn Prozent der Brustkrebspatienten, die Herceptin b e k o m m e n , sind von
Schäden am Herz betroffen. Und bei weiteren 30 Prozent von ihnen entwickeln sich Meta-
stasen im Gehirn. 193 Es wird zudem berichtet, dass Patienten bereits nach Erhalt der ersten
Herceptin-Infusion ihre Wesensart zu ändern begannen, sich nichts mehr merken konnten,
starke körperlich Beschwerden hatten u n d z u n e h m e n d depressiv wurden. 2 0 8

• 65 •
Krebs- und andere Medikamente können sogar selbst Krebs erzeugen
Das N e w Yorker N u t r i t i o n Institute of A m e r i c a k a m vor wenigen Jahren in einer umfassen-
den Studie mit d e m süffisanten Titel „Death by Medicine" („Tod d u r c h die Medizin") zu d e m
wenig erquicklichen Ergebnis, dass das U S - G e s u n d h e i t s s y s t e m jährlich k n a p p 800.000 iat-
rogene, also d u r c h ärztliches H a n d e l n verursachte Todesfälle (siehe Tabelle 3) zu verantwor-
ten hat. „Auf z e h n Jahre hochgerechnet", so G A R Y N U L L , Präsident des N e w Yorker gemein-
nützigen I n s t i t u t s u n d Leiter der Studie, „hat die M e d i z i n in den USA also acht Millionen
Todesopfer gefordert - u n d d a m i t m e h r als dieses Land in all seinen Kriegen an Menschen-
leben verloren hat." Die Z a h l e n sind alles a n d e r e als ausgedacht, vielmehr werteten N U L L u n d
seine Kollegen i n s g e s a m t r u n d 150 von Fachleuten ü b e r p r ü f t e („peer reviewed") Magazine
wie The Lancet o d e r das Journal ofthe American Medical Association sowie staatliche Ge-
s u n d h e i t s s t a t i s t i k e n aus. 232

TABELLE 3: Geschätzte jährliche, durch ärztliches Handeln verursachte Todesfälle


und Kosten (USA)

medizinische Maßnahme Todesfälle Kosten

Nebenwirkungen von Medikamenten 106.000 12 Mrd. $


Behandlungsfehler 98.000 2 Mrd. $
Wundliegen 115.000 55 Mrd. $
Infektionen 88.000 5 Mrd. $
schlechte Ernährung 108.800 -

ambulante Betreuung 199.000 77 Mrd. $


unnötige Verfahren 37.136 122 Mrd.S
chirurgische Maßnahmen 32.000 9 Mrd.$
Gesamt 783.936 282 Mrd.S

D a b e i h a b e n die A u t o r e n der Studie „ D e a t h by M e d i c i n e " sogar vorsichtig kalkuliert: „Die


meisten iatrogenen Statistiken basieren auf K r a n k e n h a u s - D a t e n " , so N U L L . „Das heißt, sie be-
i n h a l t e n nicht die D a t e n von a m b u l a n t e n Kliniken, Reha-Zentren, häuslichen Versorgungen
u n d P r i v a t p r a x e n , die einen i m m a n e n t e n Teil des G e s u n d h e i t s s y s t e m s darstellen." H i n z u
k o m m t , dass die D u n k e l z i f f e r nicht allzu klein ausfallen dürfte, d e n n wer gibt schon gerne
zu, dass B e h a n d l u n g s f e h l e r begangen w u r d e n , die vielleicht schwerwiegende Konsequenzen
gehabt h a b e n k ö n n t e n ? Z u d e m o f f e n b a r e n U n t e r s u c h u n g e n , dass n u r f ü n f bis m a x i m a l 2 0
P r o z e n t der K l i n i k e n das e i n g e r i c h t e t e F e h l e r m e l d e - S y s t e m anwenden. 6 7 ' 6 8 , 9 U 6 8 ' 2 9 8 „Wenn
m a n sich das v e r g e g e n w ä r t i g t , so v e r h e i ß t das nicht s Gutes f ü r die Z u k u n f t " , so die Yale-
Wissenschaftlerin DOROTHEA WILD.232-306

• 66 •
Wie es bei uns aussieht, ist schwer abzuschätzen, da über die Folgen des ärztlichen H a n -
delns noch weniger valide Daten vorliegen als in den USA. W e n n m a n aber bedenkt, dass
gerade auch die medizinische Versorgung eine Menge „Kollateralschäden" verursacht, d a n n
dürften hierzulande nicht weniger Patienten durch ärztliches H a n d e l n Schaden n e h m e n .
Zumal in Deutschland deutlich m e h r Menschen in den „Genuss" der medizinischen Ver-
sorgung kommen als in den USA, wo Abermillionen keine Krankenversicherung haben u n d
wo noch viel mehr Leistungen aus eigener Tasche bezahlt werden müssen. Dies gilt auch
für die Krebsbehandlung, f ü r welche die Menschen mitunter sogar Haus u n d Hof verkaufen
müssen. So k a n n der Behandlungszyklus mit nur einem M e d i k a m e n t wie Avastin schnell
100.000 $ kosten. 156

„Unser Glaube an die Medizin u n d deren Fähigkeit zu


heilen ist die neue säkulare Theologie geworden", wie es Unbedingtes Vertrauen in die
der US-Medienwissenschaftler M I C H A E L T R A C E Y formuliert. Medizinautoritäten kann
„Ein Glaube, der so tief in u n s drin steckt, dass wir uns gerade auch bei Krebs fatale Folgen
jedes Problem, jeden Missstand, jeden Schmerz oder jede haben, im wahrsten Sinne des Wortes.
Furcht so h i n k o n s t r u i e r e n , dass wir nicht n u r Heilung Wie die Studie „Death by Medicine"
suchen, sondern gar nach ihr verlangen." 293 H e r z s t ü c k zeigt, sind mehr als 100.000 Todes-
dieses Gespinsts aus G e f ü h l e n u n d W ü n s c h e n sind All- fälle in den USA allein auf die Neben-
machtsphantasien der Menschen in Bezug auf den i m m e r wirkungen von Medikamenten wie
mächtiger werdenden Teil der globalen Wirtschaft haben: Antibiotika zurückzuführen. Wobei die
den „medizinisch-industriellen Komplex", 159 b e s t e h e n d Folgen, die Krebsmedikamente wie
aus Multimilliarden Dollar schweren P h a r m a k o n z e r n e n Chemotherapeutika haben können,
und einem Millionenheer h o c h b e z a h l t e r Forscher u n d hier noch nicht einmal eingerechnet
Ärzte. sind. Doch die Krebspräparate wirken
besonders toxisch, was vielen nicht
„Die meisten Menschen k e n n e n die üblichen Nebenwir- bewusst zu sein scheint.
kungen einer Chemotherapie wie Haarausfall, w u n d e Stel-
len im Mundbereich, Übelkeit u n d Erbrechen", schreibt
Krebsexperte R A L P H Moss in seinem Buch „Fragwürdige Chemotherapie". „Der unerfahrene
Leser mag sich vielleicht fragen, was d a r a n so s c h l i m m sei, einige w u n d e Stellen am Gau-
men zu haben oder sich ein- oder zweimal übergeben zu müssen. Die Sprache spielt u n s
hier jedoch einen Streich. Diese Symptome, die einem im täglichen Leben begegnen, k ö n n e n
bei Patienten, die eine Chemotherapie erhalten, ganz andere Dimensionen annehmen." 1 9 2 In
der Tat berichten viele Patienten, die Chemotherapie oder andere Krebsmittel b e k o m m e n ,
dass sie dabei „durch die Hölle" gehen. Das mag nicht v e r w u n d e r n , handelt es sich bei den
meisten Medikamenten doch um Zytostatika (vom griechischen cyto = Zelle u n d Statik =
anhaltend). Sie wirken giftig auf Zellen - u n d zwar nicht nur auf Krebszellen, sondern auch
auf die gesunden Zellen. Es handelt sich so ziemlich um die gefährlichsten Substanzen, die
in der Medizin eingesetzt werden.
Der Umgang mit stark toxischen Medikamenten wie Chemotherapeutika bedarf besonderer Sicher-
heitsvorkehrungen, denn der Kontakt mit ihnen ist für das Krankenhauspersonal äußerst gefährlich.

Nicht von u n g e f ä h r werden Krankenschwestern angewiesen, sich mit einem l a n g ä r m l i -


gen Kittel, einer Schutzmaske oder -brille u n d chirurgischen H a n d s c h u h e n aus Latex, die
jede halbe Stunde gewechselt werden sollen, zu schützen. Im Vorbereitungsraum der Me-
dikamente ist es zudem untersagt zu essen, zu trinken oder sich zu schminken. Unbenutzte
Medikamente müssen in einem undurchsichtigen Behälter aufbewahrt werden, der mit dem
Schriftzug „Vorsicht: biologische Gefahr" versehen ist. Ein H a n d b u c h f ü r Krankenschwes-
tern in der Onkologie warnt: Zytotoxische Wirkstoffe bergen ein „großes Risiko", Hautschä-
den, Geburtsmissbildungen, Blutbildungsprobleme sowie Leber- u n d Chromosomenschä-
den zu verursachen. 1 9 2 Tatsächlich stützen Studien den Verdacht, dass der Kontakt mit den
Medikamentengiften die Ausbildung von Krebs bei vielen Medizinern u n d Krankenpfleger/
innen zumindest begünstigt. 1 3 2

„Eine Kollegin von mir, die meinte, sie würde mich umbringen, wenn ich ihren Namen er-
wähnen würde, sagte mir, dass sie meint zu wissen, w a r u m sie Krebs bekommen hat", erzählt
die Krebsexpertin D E V R A D A V I S . „Nachdem ein multiples Myelom, ein tückischer Blutkrebs,

• 68 •
ihr Knochenmark zersetzt hatte, überlebte sie eine lebensbedrohliche K n o c h e n m a r k s t r a n s -
plantation. Daraufhin kehre sie an ihre Arbeit z u r ü c k u n d k a m mit neuen M e d i k a m e n t e n
f ü r Krebspatienten in Kontakt. Und sie ist überzeugt zu wissen, was sich abspielte. ,Vor zwei
Jahrzehnten war es üblich, dass ich eigenständig die Chemotherapie-Cocktails f ü r die Pa-
tienten zusammenmixte. Du weißt, dass das Zeug ziemlich widerlich ist. Ich tat dies ohne
Abzugshaube, ohne Schutzmaske - einfach ohne alles. All die netten, scheußlichen Killer-
mischungen, die wir zubereiteten, um sie den Patienten zu injizieren, schwappten n u r so
vor mir umher. Weiß ich, was meinen Krebs letztlich verursacht hat? Sicher, ich k a n n nicht
sagen, welche Substanz es ist. Doch all die toxischen Stoffe, mit denen ich über all die Jahre
herumgespielt habe, haben meinem Knochenmark sicher nicht gut getan.' " 8 8

In der Tat gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass Chemotherapie u n d andere Krebs-
medikamente sehr k r a n k machen. Ein Phänomen, das zum Beispiel eine Untersuchung des
New Yorker Memorial Sloan-Kettering Krebszentrums aus dem Jahr 2007 beschreibt, ist das
„Chemo-Gehirn" („chemobrain"). 230 Damit ist gemeint, dass die Chemotherapie das Gehirn
der Patienten d e r m a ß e n schädigen k a n n , dass sie ihre Seh-, E r i n n e r u n g s - u n d psychomo-
torischen Fähigkeiten einbüßen. Dasselbe zeigte ein Jahr später ein Team um den Biome-
diziner M A R K N O B L E von der University of Rochester. Danach k a n n das weithin eingesetzte
chemotherapeutische Präparat Fluoruracil (5-FU), das bereits 1962 von der P h a r m a f i r m a
Hoffmann-La Roche auf den Markt gebracht wurde, das zentrale Nervensystem nachhaltig
schädigen. 231

Darüber hinaus k a n n die Chemotherapie auch selber kanzerogen wirken, also Krebs erzeu-
gen bzw. das Krebsgeschehen anheizen oder wieder aufflammen lassen. Auch wenn manche
Leser dies erstaunen mag u n d viele Onkologen dies sogar verneinen oder dem z u m i n d e s t
keine sonderliche Aufmerksamkeit schenken, so ist dies seit langem eine unbestrittene Tat-
sache. 153,251 In einer Analyse wurden f ü n f verschiedene Studien ausgewertet u n d ü b e r p r ü f t ,
wie es Patientinnen ging, die an Eierstockkrebs e r k r a n k t u n d nach einem Jahr n o c h am
Leben waren. Das Ergebnis zeigt, dass Frauen, die mit dem Präparat Melphalan behandelt
worden waren, Hundert Mal öfter an einer Vorstufe der Leukämie litten als diejenigen, die
keine Chemotherapie erhielten. 192

1987 zeigte außerdem eine Studie der Londoner Imperial Cancer Research Fund Laborato-
ries, dass Chemotherapie die Metastasenbildung begünstigen kann. 1 8 3 Dasselbe wird auch
von einer neuen Generation von A n t i k r e b s m e d i k a m e n t e n vermutet, wie das Fachmagazin
Nature Cell Biology 2008 berichtete. 247 A n f a n g 2009 präsentierte die britische Organisation
National Confidential Enquiry into Patient O u t c o m e and Deaths, die sich f ü r bessere me-
dizinische Standards einsetzt, eine unter a n d e r e m von Onkologen d u r c h g e f ü h r t e Studie.
Deren Ergebnis bewies, dass die Chemotherapie bei Krebspatienten in fortgeschrittenem
Stadium in vielen Fällen den Tod beschleunigt oder gar verursacht. Zudem ergab sich, dass
zwei von fünf Patienten durch die Chemotherapie schwer vergiftet wurden. 191

• 69 •
D u r c h die K o m b i n a t i o n von M e d i k a m e n t e n wird das Risiko f ü r den Patienten, gesund-
heitlich Schaden zu nehmen, deutlich erhöht (insbesondere dann, wenn mit Bestrahlungen
ergänzt wird). Sogar das orthodoxe Lehrbuch „Cancer: Principles & Practice of Oncology"
zieht den Schluss, dass „die k o m b i n i e r t e C h e m o t h e r a p i e das Risiko von sekundären Tu-
moren erheblich erhöhen kann". 192 Erschwerend k o m m t hinzu, dass die Auswirkungen der
chemotherapeutischen Behandlung auf die Gesundheit der Patienten noch heftiger ausfal-
len dürften, als Studien dies nahe legen. So sind die Medikamentenhersteller selbst so stark
in die Entwicklung der Präparate involviert, dass i m m e r die G e f a h r besteht, unliebsame
Studienergebnisse zu unterdrücken. Dies wird auch durch eine Untersuchung, die 2006 im
amerikanischen Journal of the National Cancer Institute publiziert wurde, bestätigt. „Dass
in klinischen Studien n u r sehr unzureichend über die gesundheitliche Schäden, die durch
Therapien verursacht werden, berichtet wird, ist ein weit verbreitetes Phänomen in vielen
Medizinbereichen, die Krebsmedizin eingeschlossen", so J O S E P H LAU, Mediziner am Tufts-
New England Medical Center in Boston, im Vorwort der Ausgabe des Fachmagazins. 110 ' 296

„Wenn nichts schiefläuft, ist d a n n wirklich alles in Ord-


Das Insulinpräparat Lantus ist nung?", so L A U S provokante Frage, die 1983 Titel einer ein-
bei Weitem nicht das einzige schlägigen Studie der kanadischen Epidemiologen A B B Y
135
Nicht-Krebsmedikament, das kan- L I P P M A N - H A N D u n d J A M E S H A N L E Y S war. Und L A U S Ant-
zerogen wirken kann. So wurde im wort ist: „Wenn nichts schiefläuft, ist definitiv nicht alles
Mai 2009 auf einer Krebskonferenz in O r d n u n g - insbesondere wenn toxische Krebspräpa-
in Florida eine große unabhängige rate eingesetzt w u r d e n . Klinische Studien sind einfach
Studie vorgestellt, die besagt, dass nicht darauf ausgelegt, Schäden aufzudecken, die entste-
Frauen, die das Krebsmedikament hen, nachdem die Studie beendet wurde." 110
Tamoxifen nehmen, um einem Wie-
deraufflammen ihres Brustkrebses Zwischenzeitlich stehen auch andere Präparate in Ver-
vorzubeugen, ihr Krebsrisiko deut- dacht, Krebs Vorschub zu leisten. So ergab eine Studie
lich erhöhen, wenn sie parallel zu des Kölner Instituts f ü r Qualität u n d Wirtschaftlich-
Tamoxifen Antidepressiva schlucken, keit im Gesundheitswesen (IQWiG), die Mitte 2009 in
insbesondere Paxil und Prozac.315 der Fachzeitschrift Diabetologia veröffentlicht w u r d e
Viele Brustkrebspatientinnen neh- u n d f ü r die erstmals die Krankendaten von mehr als 18
men solche Antidepressiva anstelle Millionen AOK-Versicherten in Deutschland ausgewer-
von Hormonpillen, um unange- tet w u r d e n , dass das Insulinpräparat Lantus des Phar-
nehmen Hitzewallungen entgegenzu- m a k o n z e r n s Sanofi-Aventis womöglich Krebs fördere.
wirken, denn Hormonpräparate wie Lantus spritzen sich in D e u t s c h l a n d schätzungsweise
Livial erhöhen Studien zufolge das 500.000 Diabetiker. 2 5 9 Lantus-Hersteller Sanofi-Aventis
Wiederaufflammen des Brustkrebses hat die Ergebnisse der Untersuchungen empört zurück-
bei Frauen, die bereits an Brustkrebs gewiesen 2 1 5 - was nicht weiter v e r w u n d e r t , wenn m a n
erkrankt waren oder unter Brust- bedenkt, dass Lantus eines der umsatzstärksten Präpa-
krebsverdacht stehen.316 rate des in Paris ansässigen Arzneimittelherstellers ist
u n d allein 2008 r u n d 2,5 Mrd. € in die Kassen spülte -
Tendenz stark steigend. 292

• 70 •
Unterdessen verweisen die Experten des IQWiG darauf, dass der gefundene Z u s a m m e n h a n g
zwischen der Verordnung von Lantus u n d einem höheren Krebsrisiko eine sogenannte sta-
tistische Assoziation sei. Es könnte also sein, dass nicht Lantus, sondern andere, noch un-
bekannte Faktoren die Ursache des höheren Krebsrisikos seien. B e u n r u h i g e n d sei jedoch,
so das IQWiG, dass von drei weiteren Studien, die in derselben Ausgabe von Diabetologia
veröffentlicht wurden, zwei ebenfalls ein mit Lantus einhergehendes erhöhtes Krebsrisiko
beschreiben. 211

Vorsicht ist also auf jeden Fall angebracht, zumal praktisch jedes M e d i k a m e n t seine m e h r
oder weniger starken N e b e n w i r k u n g e n hat u n d d a d u r c h das I m m u n s y s t e m der Patienten
tendenziell immer belastet. Genau dieses I m m u n s y s t e m ist aber von entscheidender Bedeu-
tung, wenn es d a r u m geht, Krebs vorzubeugen - u n d erst recht, wenn es d a r u m geht, diese
Krankheit zu überwinden.

Die „Heilige Kuh" Chemotherapie - Giftkur ohne Nutzen?


Die Massenmedien scheinen fest im Griff der etablierten Krebsmedizin zu sein - f ü r beide
ist die Chemotherapie eine Art heilige Kuh. So gut wie nirgends ist zu lesen oder zu hören,
dass die Chemotherapie Gehirn oder Leber „zerschießen" oder (mit)schuld am Tod eines
Krebspatienten sein kann.

Sobald Prominente wie der US-Schauspie-


ler PATRICK S W A Y Z E , bei dem im Januar 2 0 0 8
Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium
diagnostiziert worden war, Chemotherapie
d u r c h m a c h e n , liest m a n d u r c h a u s , dass
dies eine große Belastung bedeutet. Doch
letztlich wird sie als das einzige Mittel dar-
gestellt, das Patienten zu retten überhaupt
in der Lage sei. Und w e n n die Patienten
schließlich doch sterben, was bei S W A Y Z E
am 14. September 2 0 0 9 der Fall war, so
huldigen die Medien meist dem Mythos,
wonach der Krebs und nicht etwa die Che-
motherapie die Menschen dahingerafft hat. Der für Krebspatienten so typische kahle Kopf vermittelt
auch nach außen eindrucksvoll, wie sehr die Patienten
Nehmen wir zum Beispiel den Fall des SS- leiden. Die körperlichen Auswirkungen der Chemothera-
Mediziners A R I B E R T H E I M , dem der Focus pie werden allerdings eher als notwendiges Übel denn
A n f a n g 2009 die Schlagzeile w i d m e t e : als Verursacher für mögliche weitere gesundheitliche
„Berüchtigter Nazi-Arzt ,Dr. Tod' starb an Probleme angesehen - die tödlich enden können.

• 71 •
Krebs." In dem Artikel heißt es zwar, dass der „Schlächter von Mauthausen" eine Chemothe-
rapie u n d eine Strahlentherapie d u r c h m a c h e n musste. Doch dass sie den Sterbeprozess in
irgendeiner Weise beschleunigt haben könnten, wird mit keinem Wort erwähnt. 196

Dasselbe Berichterstattungsmuster findet sich bei der Britin JADE G O O D Y , die auf der Insel in
der TV-Reality-Show „Big Brother" zum Star wurde. Die ehemalige Zahnarzthelferin G O O D Y
e r f u h r im August 2008 vor laufenden Kameras, dass sie an Gebärmutterhalskrebs erkrankt
sei. Im Februar 2009 w u r d e bekannt, dass der Krebs Metastasen gebildet habe. JADE G O O D Y
hätte nur noch wenige Wochen zu leben, hieß es zu diesem Zeitpunkt. Und tatsächlich starb
sie kurz darauf am 22. März. An diesem Tag brachte zum Beispiel die Bild-Zeitung auf ihrer
Website einen längeren Artikel mit der Schlagzeile: „TV-Star Jade Goody (t 27) erliegt dem
Krebs." 177 Und auch hier wird die C h e m o t h e r a p i e b e h a n d l u n g in keinerlei Verbindung ge-
bracht mit der vermehrten Bildung von Metastasen und damit mit ihrem Tod. Dabei besteht
G r u n d zu der A n n a h m e , dass die Chemotherapie G O O D Y S Krebs erst richtig „angeheizt" hat.

So w u r d e G O O D Y Mitte September 2008, also kurz nach der Diagnosestellung, in einer acht-
stündigen O p e r a t i o n die G e b ä r m u t t e r entfernt. Die OP „verlief gut", berichtete anschlie-
ßend die britische BBC. Zugleich hieß es, dass sich der Krebs nicht weiter im Körper aus-
gebreitet hätte. D e n n o c h entschloss sich G O O D Y auf Anraten der behandelnden Ärzte, eine
neunwöchige C h e m o t h e r a p i e plus Bestrahlungen über sich ergehen zu lassen. 222 Und kurz
n a c h d e m diese Prozedur beendet war, hieß es im Februar 2009, G O O D Y S Körper sei voller
Metastasen. 2 0 9 Dass Chemotherapie Metastasen setzen bzw. Krebs verursachen kann, ist un-
bestritten.

Ist die etablierte Krebstherapie also eine „Giftkur ohne


In seinem Artikel „Giftkur ohne Nutzen", wie der SpiegeZ-Journalist JÖRG BLECH 2004 poin-
Nutzen" 73 beruft sich Spiegel- tiert fragte? I m m e r h i n k o m m t der Artikel zu dem bemer-
Autor JÖRG BLECH auf eine umfas- kenswerten Ergebnis, dass schwer kranken Patienten mit
s e n d e Analyse von DIETER HOLZEL. D a r m - , Brust-, Lungen- oder Prostatakrebs zwar immer
Der Epidemiologe arbeitet am Klini- ausgefeiltere u n d teurere chemotherapeutische Zellgifte
kum Großhadern der Universität verabreicht werden. „Doch allen angeblichen Fortschrit-
München und wertet seit Jahrzehn- ten z u m Trotz leben die K r a n k e n keinen Tag länger", so
ten die Krebsdaten von 70 Kranken- B L E C H (siehe Infokasten).
häusern aus. „Was das Überleben
bei metastasierten Karzinomen in Gerade f ü r Menschen mit Metastasen gilt die Chemothe-
Darm, Brust, Lunge und Prostata rapie aber als Behandlung der letzten Wahl, wenn sich die
angeht, hat es seit Ende der 1970er verstreuten Tochtergeschwülste mit Strahlentherapie und
Jahre keinen Fortschritt gegeben", so Skalpellen nicht m e h r erreichen lassen. Seit Jahrzehnten
HÖLZEL. werden i m m e r neue Zellgifte eingesetzt, f ü r welche die
P h a r m a k o n z e r n e in der Regel astronomische Preise ver-
langen. Als Gegenleistung versprechen sie den Patienten
ein längeres Leben. So versah der britische Arzneimittel-

• 72 •
hersteiler Bristol-Myers Squibb, um nur ein Beispiel zu nennen, sein C h e m o p r ä p a r a t Taxol
mit dem Werbeslogan „dem Leben eine Z u k u n f t geben". Doch so w u n d e r b a r dies klingt,
so ernüchternd ist die Realität, wenn m a n einen genauen Blick auf sie wirft. So zeigen Be-
standsaufnahmen seit Jahrzehnten, dass es sich bei der Chemotherapie wahrlich um keine,
wie man meint, „heroische Medizin" 192 handelt.

Die Anwendung von chemischen Mitteln gegen


Krebs geht mindestens bis in die Zeit von P A R A -
192
C E L S U S (1493-1541) zurück. Zu seinen Leb-
zeiten im 16. J a h r h u n d e r t , aber auch n o c h im
17. J a h r h u n d e r t waren C h e m i e u n d Physik die
Domäne der Mediziner. Er fasste die Alchemie,
die eine der vier G r u n d s ä u l e n der Medizin war,
als Wissenschaft der biologischen Vorgänge u n d
der Herstellung von Heilmitteln auf chemischem
Wege auf. P A R A C E L S U S wird d a h e r gelegentlich
auch als „Vater der Chemotherapie" bezeichnet. 205

Allerdings muss m a n P A R A C E L S U S zugute halten,


dass er sich auch sehr kritisch über den sorglosen
Umgang mit damaligen Arzneien geäußert hat.
So schreibt er in seiner 1589 erschienenen Schrift
„Septem Defensiones: Die S e l b s t v e r t e i d i g u n g
eines Aussenseiters" z u m T h e m a Gift über die
fragwürdige Quecksilber-Zinnober-Behandlung,
über Arsen usw. u n d wie die Ärzte ihre Rezep-
turen zusammenmischen u n d damit schaden. Er PARACELSUS, DERALSTHEOPHRASTUS B O M -

lässt sich zudem über die Macht des Geldes in der BASTUS VON HOHENHEIM g e t a u f t w u r d e , w a r
Medizin und den Eigennutz aus - alles sehr span- ein Schweizer Arzt und gilt als berühmtester
nend zu lesen u n d hoch aktuell. 236 Vertreter der Alchemie.

Im f r ü h e n 19. u n d 20. Jahrhundert w u r d e Patienten Arsen als „Fowlersche Lösung" verab-


reicht. 115 Ätzende Chemikalien wie Zinkchlorid w u r d e n auf äußerlich sichtbare T u m o r e n
gerieben. Frauen, die unter fortgeschrittenem Brustkrebs litten, w u r d e das krebserregende
Schwermetall Blei injiziert. Benzol w u r d e gegen Leukämie eingesetzt - dabei weiß m a n
heute, dass Benzol Leukämie verursacht. 2 5 4

Der Begriff „Chemotherapie" bedeutet im Wesentlichen die B e n u t z u n g von k ü n s t l i c h e n


chemischen Verbindungen zur B e h a n d l u n g von K r a n k h e i t e n . Er w u r d e z u m ersten Mal
1 9 0 7 vom Medizinnobelpreisträger P A U L E H R L I C H ( 1 8 5 4 - 1 9 1 5 ) verwendet. 1 9 0 9 entwickelte

E H R L I C H sein berühmtes Mittel Salvarsan 6 0 6 , ein M e d i k a m e n t zur intravenösen Injektion

bei der Behandlung der Syphilis. Das Präparat w u r d e seinerzeit als „neue Wissenschaftlich-

• 73 •
keit" im Medikamenteneinsatz begrüßt. Doch es war nicht gerade ermutigend, dass bis 1914
eine Zahl von 109 Todesfällen diesem arsenhaltigen Medikament zuzuschreiben war. 301 Ein
amerikanischer Arzt bemerkte damals: „Selbst von den Armen k a n n man kaum erwarten,
dass sie bereit sind, sich den wiederholten Grausamkeiten im N a m e n der Medizin zu unter-
ziehen."

Davon unbeirrt, richtete E H R L I C H seine A u f m e r k s a m k e i t auf den Krebs. „Auch war es EHR-
L I C H , der den B e g r i f f , W u n d e r w a f f e ' geprägt hat", erzählt der Krebsexperte R A L P H M O S S . ; 9 2

Von A n f a n g an jedoch erwies sich die Chemotherapie als „zutiefst enttäuschend", wie auch
der Historiker J A M E S P A T T E R S O N berichtet. Die neuen M e d i k a m e n t e hatten „geringe Wir-
k u n g " u n d waren o b e n d r e i n hochgiftig. Sie töteten „Versuchsmäuse u n d -ratten genau so
schnell oder noch schneller als die Krebstumoren". 2 3 7 Die C h e m o t h e r a p e u t e n der 1920er
Jahre sollen kein besseres Ansehen genossen haben als die Quacksalber. 192

Englische Maschinengewehrmannschaft, ausgerüstet mit frühen Gasmasken, bei der Schlacht am


französischen Fluss Somme im Jahr 1916. Mit mehr als einer Million getöteter, verwundeter und ver-
misster Soldaten handelt es sich um die verlustreichste Schlacht des Ersten Weltkriegs.

D e n n o c h gingen die A n h ä n g e r der Chemotherapie u n b e i r r t ihren Weg. Das Präparat, das


wie k a u m ein anderes den der Krebsmedizin i n n e w o h n e n d e n Kriegsgedanken widerspie-
gelt u n d das den G r u n d s t e i n legen sollte f ü r den D u r c h b r u c h bzw. das „goldene Zeitalter"
der Chemotherapie, war Senfgas. 88,237 Dieser chemische Kampstoff, auch Lost oder Yperit
genannt, erlangte im Ersten Weltkrieg (1914-1918) u n r ü h m l i c h e Bekanntheit. Am 12. Juli

74
1917 setzten deutsche Truppen erstmalig Senfgas ein, um die Ausgangslage f ü r den erwarte-
ten britischen Angriff bei der stark u m k ä m p f t e n westbelgischen Stadt Ypern zu verbessern
(daher auch Yperit). Senfgas wurde wegen der entstellenden Verletzungen, die es verursacht,
im letzten Jahr des Ersten Weltkrieges zu einer der gefürchtetsten Waffen, auch wenn da-
durch weniger Soldaten getötet w u r d e n als durch Phosgen, das f ü r den Großteil der etwa
200
9 0 . 0 0 0 Gastoten des Ersten Weltkriegs verantwortlich zeichnete.

Senfgas ist geruchlos, viele Soldaten atmeten es tief ein. Zwar erhielten einige T r u p p e n -
auch Pferde - Gasmasken, die im Zuge der Entwicklung u n d des Einsatzes von chemischen
Kampfstoffen zur B e k ä m p f u n g von Bodentruppen von allen k r i e g f ü h r e n d e n Parteien ein-
geführt worden waren. Besonders Atemwege u n d Augen sollten dadurch geschützt werden.
Doch oft hatten die Masken keinen Filter oder waren lediglich mit einem Baumwollfilter be-
stückt. Im Kriegsverlauf wurden vermehrt chemikalienabsorbierende Materialien eingesetzt.
Die Masken waren oft undicht, sperrig u n d erzeugten mitunter eine u n a n g e n e h m e Hitze.

Von den Soldaten, die dem Senfgas ausgesetzt waren, starben Teile der Lunge ab. Ihre Keh-
len zogen sich z u s a m m e n und ihre Lungen verkrampften, Lungenentzündungen waren die
Folge. Am Ende erstickten die Betroffenen. U n d diejenigen, die den H o r r o r überlebten,
waren gezeichnet von Blasen, Narben u n d anderen verbrennungsartigen Erscheinungen auf
der Haut, in den Augen u n d auf den anderen Körperoberflächen, die mit dem Gas in Kon-
takt gekommen waren. Die Überlebenden hatten ein erhöhtes Krebsrisiko, da der Stoff das
Erbgut schädigt und tatsächlich bei vielen Überlebenden zu Krebs führte. 8 8 , 2 6 5

Nichtsdestotrotz machten sich die Chemotherapiejünger


daran, Lymphome - also Lymphknotenvergrößerungen „Es gibt keinen Beweis dafür,
bzw. krebsartige W u c h e r u n g e n von weißen Blutzellen dass Chemotherapie das Leben
- mit Senfgas unter Kontrolle zu kriegen. D e n n Senfgas von Patienten, die unter fortgeschrit-
wirkt zerstörerisch auf die Fähigkeit des Körpers (spe- tenem Krebs leiden, verlängert-von
ziell des Knochenmarks), weiße Blutkörperchen herzu- Lungenkrebs mal abgesehen", so das
stellen, die zentraler Teil des I m m u n s y s t e m s sind u n d Fazit v o n ULRICH ABEL, K r e b s e x p e r -

als eine Art Blutpolizei fungieren. Nach dem Zweiten te am Deutschen Krebsforschungs-
Weltkrieg setzte die klassische M e d i z i n verstärkt auf zentrum DKFZ. ABEL hatte Tausende
diese Vorgehensweise. „Zwischen 1946 u n d 1950 testeten von Studien, die in angesehen Fach-
die Forscher r u n d 1500 Formen von Senfgas-ähnlichen magazinen publiziert worden waren,
Chemotherapeutika u n d anderen Wirkstoffen", so der penibel analysiert. Seine Ergebnisse
Historiker J A M E S P A T T E R S O N . 2 3 7 Das Problem dabei war, wurden 1992 veröffentlicht. 58
dass viele Krebspatienten, deren I m m u n s y s t e m ohnehin
angeschlagen war, nur kurze Zeit nach der G i f t z u f u h r
starben. Und wie die Toxikologen M I C H A E L PERRY u n d J O H N Y A R B R O 1 9 8 4 in ihrem Lehrbuch
„Die Toxizität der Chemotherapie" festhalten, „hat jedes Medikament, das in den vier Jahr-
zehnten nach dem zweiten Weltkrieg gegen Krebs entwickelt wurde, Nebenwirkungen ver-
ursacht, die an die Auswüchse der Forschung an chemischen Waffen erinnern". 241

• 75 •
So schuf Senfgas die Basis f ü r die vielen Krebsmedikamente, die mittlerweile von den Be-
hörden eine Zulassung erhalten haben u n d intensiv eingesetzt werden. 1950 gab es gerade
einmal vier Chemotherapeutika, 2005 bereits 25. Und stets wurde m a n angetrieben von der
Vorstellung, dass die Behandlung von Krebs in einer Art Kriegsmanier durchgeführt werden
müsse: mit dem Doktor als Feldmarschall, der Krebszelle als zu vernichtendem Todfeind
u n d dem Patienten als Schlachtfeld.

Doch so massiv die Kriegsrhetorik b e m ü h t wird, so dürftig sind die Siege. Zwar k a n n in
einigen Studien gezeigt werden, dass zum Beispiel die Prognose f ü r Brustkrebspatientinnen
heute besser ist als früher. Doch ist dies nicht etwa darauf z u r ü c k z u f ü h r e n , dass die Che-
motherapie bzw. Behandlung selber mittlerweile so gut anschlägt. Vielmehr ist es dem Um-
stand zu verdanken, dass m a n die Tumoren u n d Metastasen z u n e h m e n d f r ü h e r entdeckt.
Die betroffenen Patienten leben heute absolut betrachtet nicht länger, ihre Krebserkrankung
wird lediglich f r ü h e r erkannt bzw. diagnostiziert. 142

2004 publizierte das Fachjournal Clinical Oncology eine Studie von australischen Forschern,
die Krebsdaten aus ihrem Land sowie aus den USA ausgewertet hatten. 189 Deren Ergebnis
ist niederschmetternd: Die Chemotherapie trägt so gut wie nichts dazu bei, das Leben der
Patienten zu verlängern. Dabei r ä u m e n die Autoren auch noch ein, dass ihre Auswertung
auf einer ganzen Reihe von A n n a h m e n b e r u h t , die vermuten lassen, dass der Nutzen der
Chemotherapie „überschätzt wurde". Auch diese Übersichtsarbeit wurde von den Massen-
medien weitgehend ignoriert.

Wie die Behandlung von Krebspatienten trotz gewaltiger Forschungsbudgets und trotz enor-
mer Fortschritte in der G e n o m f o r s c h u n g auf der Stelle tritt, hat auch der renommierte Me-
dizinprofessor G U Y F A G U E T genauestens erforscht. Seine Analysen hat er in dem Buch „The
War on Cancer: An Anatomy of Failure, a Blueprint for the Future" („Der Krieg gegen den
Krebs: Eine A n a t o m i e der Fehlschläge, ein E n t w u r f f ü r die Z u k u n f t " ) eindrucksvoll dar-
gelegt. 112 Zwar p o s a u n t das Krebsestablishment im Kanon mit den Medien i m m e r wieder
hinaus, der „ D u r c h b r u c h " bei Krebs stehe bevor. Doch wenn m a n die nackten Tatsachen
betrachtet, erscheinen derartige Heilsprophezeiungen als reine Werbeversprechen, die dazu
dienen, den Profit der P h a r m a i n d u s t r i e u n d der mit ihnen verflochtenen wissenschaftlichen
Forschung zu mehren.

Mit Versprechungen ist es o h n e h i n so eine Sache: „Je mehr das Volk willig ist, um so mehr
Versprechungen müssen gemacht werden", so E R W I N C H A R G A F F ( 1 9 0 5 - 2 0 0 2 ) , Mitbegründer
der biochemischen Forschung u n d Gentechnologie u n d mehrfach ausgezeichneter Professor
am Biochemischen Institut der Columbia University in New York. „Eine Schnellmethode zur
Langlebigkeit, Freiheit von allen Krankheiten, eine Krebskur - bald vielleicht die Abschaf-
f u n g des Todes - u n d was noch? W ä h r e n d keine Sängerin mir jemals versprechen musste,
aus mir einen besseren Menschen zu machen, wenn ich nur ihrem Trillern lauschte." 81

• 76 •
Nicht jeder Patient hat ein solch starkes Immunsystem, dass er eine Chemotherapie verkraften kann.

Einige Patienten wie der Radprofi L A N C E A R M S T R O N G , deren I m m u n s y s t e m noch einigerma-


ßen intakt ist, mögen der Chemotherapie standhalten können u n d von ihr sogar profitieren.
Doch die Chemotherapie könnte auch Schäden gesetzt haben, deren Langzeitfolgen noch gar
nicht absehbar sind u n d durch eine biologisch-ganzheitliche Therapie auf jeden Fall hätten
vermieden werden können. A u ß e r d e m stehen den A r m s t r o n g s dieser Welt die unzähligen
Patienten gegenüber, die von der Chemotherapie keinen Nutzen haben u n d oft schwer ge-
schädigt werden oder gar an ihre sterben.

Mit wie viel Vorsicht Chemotherapie zu betrachten ist, zeigt auch der Fall der Engländerin
A N N A M C K E N N A . Die fünffache Mutter litt unter einer K r e b s e r k r a n k u n g des K n o c h e n m a r k s

und starb 2006 im Alter von 56 Jahren an einer Überdosis Chemotherapie. Dies w u r d e sogar
in einem Urteil festgehalten u n d als Totschlag eingestuft, wie die britische BBC 2009 be-
richtete. Dennoch wurde der verantwortliche Pharmakologe, der f ü r die Ü b e r p r ü f u n g der
Dosierungen verantwortlich zeichnete, nie identifiziert; die dazugehörigen medizinischen
Unterlagen verschwanden. Das Einzige, was die erzürnte Familie letztlich bekam, war eine
mündliches „Sorry" der zuständigen Ärztin. 202

• 77 •
Fehlende Vergleiche mit Placebo- und Lifestyle-Studien behindern
den Therapiefortschritt
Patienten, die vor der Situation stehen, Chemotherapeutika verabreicht zu bekommen, soll-
ten sich also g r ü n d l i c h überlegen, ob sie diese Therapie wirklich über sich ergehen lassen
wollen. Zu bedenken ist in diesem Z u s a m m e n h a n g auch, dass es die derzeitige Krebsme-
dizin ablehnt, Krebsmedikamente mit einem wirkungslosen Scheinmedikament wie Koch-
salzlösung oder einer Zuckertablette (Placebo, „Nichtstun") zu vergleichen - ein Vorgang
der bei Medikamentenstudien durchaus üblich ist u n d der die Wissenschaftlichkeit solcher
Untersuchungen unterstreicht. Gegen Vergleiche von Chemotherapeutika mit „alternativen"
Therapien wie Diät und/oder Sport sperrt m a n sich sogar seit jeher.

„Ein Vergleich von C h e m o t h e r a p i e mit Placebo wäre unethisch", sagt S I B Y L L E K O H L S T Ä D T


vom Deutsche K r e b s f o r s c h u n g s z e n t r u m (DKFZ), einem der Pfeiler der etablierten Krebs-
medizin - u n d sie steht mit ihrer Meinung nicht alleine da. Man dürfe, so die Begründung,
den Patienten, die unter Krebs leiden, keine wirkungslosen Scheinpräparate geben, da man
diesen schwerkranken Menschen ansonsten „wirksame Therapien", sprich Chemotherapie
u n d Bestrahlung, vorenthalten würde.

Üblicherweise in Medikamentenstudien gang und gäbe: Die Verabreichung von Placebos an eine
Gruppe und von dem zu testenden Mittel an eine andere. Eine Ausnahme bilden Chemotherapeutika,
die seit geraumer Zeit nur noch mit anderen Antikrebsmitteln in ihrer „Wirkung" verglichen werden.

Doch steckt da wirklich ein Sinn dahinter? Sind Chemotherapie und Bestrahlung nachweis-
lich „wirksam"? Und was genau ist überhaupt unter einer „wirksamen Therapie" zu verste-
hen? Vom DKFZ war dazu leider nichts in E r f a h r u n g zu bringen. Dabei ist es ja zweifelsfrei
so, dass die Chemotherapie oder sonst eine Krebstherapie ja nur „wirksam" sein kann, wenn
sie hilft, das Leben der Betroffenen in zumindest erträglicher Weise zu verlängern (am bes-
ten um mehr als nur ein paar Tage oder Wochen). Ob dem tatsächlich so ist, k a n n logischer-
weise nur durch einen Vergleich festgestellt werden, der deutlich macht, mithilfe welcher
M a ß n a h m e die betroffenen Patienten nachweislich länger leben: durch die Gabe des Chemo-
präparats oder durch Nichtstun (Verabreichung eines Placebos). Einen solchen Vergleich von

• 78 •
Chemotherapie (plus andere M e d i k a m e n t e u n d / o d e r Bestrahlung) mit der Verabreichung
eines wirkungslosen Scheinmedikaments nennt m a n eine placebokontrollierte Studie. Na-
türlich wäre es auch möglich, Chemotherapie mit einer „Alternativtherapie" (Diätumstel-
lung, Sport, hochdosierte Vitamingaben, Antioxidanzien, Enzympräparate, Psychotherapie
etc. - alleine oder in Kombination) zu vergleichen.

Chemotherapie oder sonst eine medikamentöse Krebstherapie wird aber seit Jahren erstaun-
licherweise nur noch mit anderen konservativen Therapieprogrammen verglichen - also mit
anderen chemotherapeutischen oder sonstigen Krebsmedikamenten wie Avastin oder Her-
ceptin. „Dies hat zur Folge, dass die Ärzte es k a u m noch w a h r n e h m e n , ob die Medikamente
ein besseres Ergebnis erzielen als eine einfache gute Krankenpflege", wie Krebsexperte R A L P H
M O S S in seinem Buch „Fragwürdige Chemotherapie" anmerkt. Es habe sich, so Moss, ein-

fach die A n n a h m e in den Köpfen festgesetzt, dass die Chemotherapie wirkungsvoll sei. „Dies
wurde so oft und auf so unterschiedliche Art u n d Weise wiederholt behauptet, dass es nun-
mehr als ,unethisch' angesehen wird, einem Patienten die Chemotherapie vorzuenthalten." 1 9 2

Doch eine solche A n n a h m e erscheint nicht n u r deshalb u n b e g r ü n d e t , weil die C h e m o t h e -


rapie und die anderen Krebspräparate sehr giftig (toxisch) sind, somit die Patienten schwer
schädigen und sogar umbringen können. Auch gab es vor Jahren Studien, in denen Chemo-
therapie mit „Nichtstun" (Placebos) verglichen w u r d e - u n d sich das Placebo als die sinnvol-
lere Alternative oder zumindest als nicht nachteilig herausgestellt hat.

1975 publizierte das Fachmagazin Lancet eine Studie, an der 188 Patienten, die unter inopera-
blem Karzinom der Luftröhre litten, teilnahmen. Einige der Patienten erhielten eine Chemo-
therapie, während bei anderen nichts unternommen wurde. Ergebnis: Die Patienten, die keiner
Therapie unterzogen wurden, lebten nicht nur bedeutend länger als jene, die unter Chemo-
therapeutika standen. Sie hatten in der ihnen noch verbliebenen Zeit eine merklich höhere
Lebensqualität. 163 Nicht anders fiel das Resultat eines solchen Vergleichs aus, über den das
Fachmagazin Cancer 1981 berichtete. Danach „gab es keinen Beweis" dafür, dass die Patien-
ten, denen die beiden Chemotherapeutika 5-Fluoruracil (5-FU) u n d Lomustin verabreicht
worden waren, länger lebten als diejenigen, die unbehandelt blieben. 119

Eine Studie mit Darmkrebspatienten, die Mitte der 1980er Jahre im New England Journal of
Medicine abgedruckt wurde, konnte ebenfalls keine Überlegenheit der C h e m o t h e r a p i e ge-
genüber „Nichtstun" feststellen. Einige der behandelten Patienten entwickelten sogar eine
Leukämie - u n d alle, die von dem Blutkrebs betroffen waren, hatten eine chemotherapeu-
tische Behandlung mit Fluoruracil (5-FU) u n d Semustine hinter sich. „Diese Studie stützt
nicht den Ansatz, Patienten, die von wiederkehrendem D a r m k r e b s betroffen sind, mit Che-
motherapeutika wie 5-FU oder Semustine zu behandeln", so D O U G L A S H O L Y O K E , einer der
Autoren. 141 H O L Y O K E u n d seine Kollegen plädierten in diesem Z u s a m m e n h a n g n o c h m a l s
ausdrücklich f ü r placebokontrollierte Studien, also f ü r Vergleiche von Chemotherapie mit
wirkstofffreien Placebos.

• 79 •
In einer Arbeit zu Krebs, die 1992 das Journal of the American Medical Association veröf-
fentlichte, sprach m a n sich ebenfalls f ü r eine E i n f ü h r u n g placebokontrollierter Studien aus.
Die Forscher hatten über einen Zeitraum von zehn Jahren verfolgt, wie sich Patienten entwi-
ckelten, bei denen Prostatakrebs in f r ü h e m Stadium diagnostiziert wurde und die man nicht
m e d i k a m e n t ö s behandelte. M e h r als 85 Prozent der insgesamt 223 Patienten waren nach
dieser Dekade noch am Leben - u n d bei r u n d 50 Prozent hatte sich nicht einmal der Tumor
vergrößert. Probanden, bei denen der Tumor zu wachsen begann u n d die über Symptome
klagten, w u r d e n - so die Autoren - generell „erfolgreich" mit H o r m o n e n behandelt (oder sie
w u r d e n operiert).

Es ist demnach in keiner Weise nachvollziehbar, dass es „unethisch" sein soll, Krebspatien-
ten in Versuchen Placebos zu verabreichen oder gar eine positive Lebensstiländerung zu ver-
ordnen, um herauszufinden, ob es den Betroffenen damit besser oder schlechter geht als den-
jenigen, die einer Chemo- oder einer anderen klassischen Krebstherapie unterzogen wurden.
Z u m a l auch zwei Studien der US-amerikanischen Medikamentenzulassungsbehörde FDA,
veröffentlicht im Jahr 2000 in dem Wissenschaftsmagazin Annuals of Internal Medicine, eine
generelle E i n f ü h r u n g von Placebo-Studien fordern. 1 0 4 Für eine solche allgemeine Einfüh-
r u n g spricht auch, dass es durchaus sein k a n n , dass der Test-Wirkstoff (die Chemotherapie
oder ein anderes Krebsmittel) gar nicht wirkt. Oder der Wirkstoff ist sogar schädlich, was
vor allem bei der toxischen Chemotherapie durchaus sein k a n n bzw. häufig vorkommt. Viele
Menschen sterben letztlich an den Präparaten u n d gar nicht primär an der Krebskrankheit.

Vergleiche von Chemotherapie mit Placebos oder positiven bzw. immunstimulierenden Lebensstilän-
derungen wären im Übrigen auch deshalb sinnvoll, weil die Art der Messung zur Medikamentenwirk-
samkeit- insbesondere der Chemotherapie - nicht zielführend ist. So definiert die US-Behörde FDA, die
weltweit tonangebend ist, eine Behandlung als „wirksam" oder als „Erfolg", wenn mit ihr die Tumorgröße
für 28 Tage oder länger um mindestens 50 Prozent reduziert werden kann.192 Dann, so sagt man, habe
der Tumor auf das Präparat „angesprochen". Doch es gibt keinen Beleg dafür, dass eine Reduzierung der
Tumorgröße (also ein „Ansprechen" des Tumors) automatisch bedeutet, dass das Leben der Patienten
verlängert und ihre Lebensqualität verbessert wird. Häufig ist dem nicht so. Der Glaube, dass ein solches
„Ansprechen" mit einer erhöhten Überlebenswahrscheinlichkeit in Zusammenhang steht, ist also oft ge-
nug ein Irrglaube - und weit dieser Irrglaube immer noch in zu vielen Köpfen herumspukt, „festigt er eine
der H a u p t i l l u s i o n e n der K r e b s m e d i z i n " , so RALPH MOSS. 1 9 2

H i n z u k o m m t , dass z u m Beispiel der finnische I m m u n o l o g e T H O M A S T A L L B E R G in den frü-


hen 1970er Jahren damit begann, Studien d u r c h z u f ü h r e n , in denen er untersuchte, welche
Krebspatienten länger lebten: diejenigen, die sich einer konventionellen Krebstherapie un-
terziehen, oder diejenigen, die eine das I m m u n s y s t e m stimulierende Behandlung (Bioim-
muntherapie) absolvieren u n d im Zuge dessen z u m Beispiel als zellregulierende Kompo-
nenten die L - A m i n o s ä u r e n Alanin, A r g i n i n , Asparagin, Lysin u n d evtl. Serin oder auch

• 80 •
essenzielle Spurenelemente wie C h r o m , Molybdän, Selen, Zinn, V a n a d i u m u n d M a n g a n
erhalten. Dabei stellte sich heraus, dass die Bioimmuntherapien den konventionellen Thera-
pien (Chemo) deutlich überlegen waren.

Einen solchen Vergleich f ü h r t e T A L L B E R G etwa bei Patienten durch, die unter metastasieren-
dem Nierenzellkarzinom (Hypernephrom) oder schwarzem Hautkrebs (malignes Melanom)
litten. Die solcherart Betroffenen sprechen auf C h e m o t h e r a p i e u n d Bestrahlung oft nicht
mehr an und haben nur sehr geringe Überlebenschance. Nach zehn Jahren Therapie war das
Ergebnis f ü r die 71 Patienten, die einer Bioimmuntherapie unterzogen w u r d e n , erheblich
besser als f ü r die 56 Krebskranken der Kontrollgruppe, welche die bestmögliche konventio-
nelle Behandlung bekamen. So betrug im zehnten Jahr die durchschnittliche Überlebensrate
der Bioimmuntherapierten knapp 50 Monate, während die Überlebensrate in der Kontroll-
gruppe im Schnitt bei nur etwas m e h r als 18 Monaten lag. Einige der Bioimmuntherapie-
Patienten überlebten sogar länger als 300 Monate (25 Jahre). 283,284,289 Derartige Vergleiche
führte T A L L B E R G auch f ü r andere Krebsarten durch - etwa bei Patienten, die von Augenkrebs
(uveales Melanom) betroffen waren. Und die Ergebnisse waren f ü r die Bioimmuntherapie
genau so überzeugend. 2 8 8

Wie die Forschung mit dem Peer-Review-System Kritik unterdrückt


Dass sich solche u n d andere Illusionen über Jahrzehnte halten u n d das Geschehen in der
Krebsmedizin diktieren können, hat besonders damit zu tun, dass das Forschungssystem so
konzipiert ist, dass Kritik bzw. wirklich Neues unterdrückt wird, sobald es im Widerspruch
zu etablierten Theorien steht. 146

Tatsächlich hat es die offizielle Forschung geschafft, ihr Wissenschaftsgebäude weitgehend


abzuriegeln. „In der Gemeinde der Wissenschaft ist m a n vom Glauben beseelt, m a n hätte
ein Recht auf üppige staatliche Forschungsförderung - u n d zugleich darauf, von öffentlicher
Kontrolle befreit zu sein", so Wissenschaftshistoriker H O R A C E J U D S O N in seinem Buch „Der
große Verrat: Betrug in der Wissenschaft". 146

Das Ganze fängt damit an, dass letztlich n i e m a n d in der Anstatt Qualitätschecks kon-
Lage ist, Forschern bei ihrer Arbeit direkt über die Schul- sequent durchzuführen, ist die
tern zu schauen und zu prüfen, ob sie ihre Daten korrekt Forschergemeinde vielmehr damit
aufzeichnen. Wir alle müssen einfach darauf vertrauen, beschäftigt, dem Neuen und damit
dass die W i s s e n s c h a f t l e r w a h r h e i t s g e t r e u vorgehen. 1 0 5 dem, was hohe Profite verheißt,
Doch können wir das? In einer 2005 in der Fachzeitschrift nachzujagen - vor allem Medikamen-
Nature veröffentlichte U m f r a g e unter W i s s e n s c h a f t l e r n ten oder auch Impfstoffen -, als auf
räumte ein Drittel ein, sie würden Daten, die ihnen nicht tatsächliche Qualität zu achten.
ins Konzept passten, einfach beiseite schieben. 181

• 81 •
Zugleich ist ein wichtiges Element von Wissenschaft ver-
„Die oft phantastisch kühnen loren gegangen. So macht sich praktisch kaum noch je-
Antizipationen der Wissen- m a n d die Mühe, die von den Forscherkollegen präsentier-
schaft werden klar und nüchtern ten Daten u n d Ergebnisse auf ihren Wahrheitsgehalt zu
kontrolliert durch methodische überprüfen. Solche Qualitätschecks werden mit Zeit- und
Nachprüfungen. Einmal aufgestellt, Geldverschwendung gleichgesetzt u n d daher auch nicht
wird keine Antizipation dogma- finanziert. Z u d e m sind gerade in der heutigen Zeit viele
tisch festgehalten; die Forschung E x p e r i m e n t e oft so kompliziert aufgebaut, dass sie gar
sucht nicht, sie zu verteidigen, sie nicht o h n e i m m e n s e n A u f w a n d nachgebaut u n d damit
will nicht Recht behalten." 243 So exakt überprüft werden können. 146 Doch wie soll Qualität
beschrieb der Philosoph SIR KARL entstehen, wenn sie keiner Ü b e r p r ü f u n g unterzogen wer-
R A I M U N D POPPER ( 1 9 0 2 - 1 9 9 4 ) d a s den kann? In der Tat öffnet die Situation den Forschern
Idealbild der Forschung, von dem wir Tor u n d Tür, die es darauf anlegen zu betrügen, ohne mit
aber heute weit entfernt sind. Konsequenzen rechnen zu müssen.

Zwar könnte m a n meinen, dass das sogenannte Peer-Review-System den Betrug weitgehend
ausmerzt u n d Kritik konsequent ermöglicht u n d so d a f ü r sorgt, dass die besten Thera-
pien den M a r k t erreichen. Dieses Peer-Review-System wird gemeinhin als eine Art heilige
Säule des Wissenschaftstempels betrachtet, das die Einhaltung von Qualitätsstandards ver-
spricht. 182 Alle b e k a n n t e n Magazine wie Nature, Science, New England Journal of Medicine,
British Medical Journal, Lancet usw. sind „peer reviewed", u n d mittlerweile soll es r u n d
50.000 solcher „peer reviewed" Fachmagazine geben. 146 Doch so, wie das Peer Reviewing seit
Jahrzehnten praktiziert wird, steckt der W u r m drin. Auch dieses System ist kein Garant für
Qualität u n d Betrugsfreiheit. 105 ' 146

• 82 •
In dem Peer-Review-System begutachten („review") Experten („Peers"), die a n o n y m bleiben,
die von ihrer Wissenschaftskonkurrenz eingereichten Anträge auf Forschungsprojekte sowie
deren Fachartikel. Anschließend entscheiden die Peers darüber, ob die Anträge gewährt
bzw. die Artikel in einem Fachmagazin abgedruckt werden oder nicht. Dadurch ergibt sich
ein fundamentales Problem, denn Peer Reviewing in dieser Ausgestaltung heißt nichts ande-
res, als würden zum Beispiel Daimler u n d Toyota in einem anonym ablaufenden Verfahren
darüber entscheiden können, ob ihr K o n k u r r e n t BMW ein neues Automodell entwickeln
und auf den Markt bringen darf oder nicht. Es bedarf keiner allzu großen Fantasie, um zu
erkennen, dass ein solches Prozedere f ü r den Münchener Autobauer B M W irgendwann das
Aus bedeuten würde. D e n n die konkurrierenden U n t e r n e h m e n w ü r d e n alles d a r a n setzen,
Innovationen bei BMW zu verhindern, um ihre eigenen Karossen noch besser zu verkaufen.

R I C H A R D S M I T H , von 1 9 9 1 bis 2 0 0 4 Chef des b e k a n n t e n

British Medical Journal: „Peer Reviewing ist leicht zu Das Peer-Review-System in


missbrauchen, ineffektiv beim Aufdecken grober Mängel seiner jetzigen Fassung könnte
u n d fast nutzlos beim Aufdecken von Betrug." 274 Auch kaum innovationsfeindlicher sein.
B R U C E C H A R L T O N , C h e f r e d a k t e u r des Fachmagazins Me- Kritik wird dadurch konsequent
dical Hypotheses, meint, dass „der Peer-Review-Prozess draußen gehalten, während Interes-
nicht in der Lage ist, Interessenkonflikte in der Medi- senkonflikte und Betrugsmomente
zinwissenschaft adäquat herauszufiltern". C H A R L T O N hat heraufbeschworen werden. Welcher
daher schon 2 0 0 4 vorgeschlagen, s o g e n a n n t e „Conflict Peer-Reviewer würde schon innova-
of Interest (Col) Consultancy-Services" einzurichten. Die tive Ansätze von Forscherkollegen
Experten dieser unabhängigen „Col-Consultancies" - ge- unterstützen, die seine eigenen
stellt von einer Vielzahl von Organisationen - würden die Arbeiten - von denen seine Karriere
Interessenkonflikte sowie weitere Verzerrungen bewerten, oder sein Ruhm abhängen - wider-
noch bevor die Ergebnisse der publizierten Arbeiten zur legen könnten?
Anwendung gelangen. 82 Doch von der Umsetzung solcher
Vorschläge ist man noch meilenweit entfernt.

Stattdessen k o m m t es zu solch bizarren Situationen, dass etwa der P h a r m a k o n z e r n Merck


den Fachverlag Elsevier - einen der größten Verlage f ü r Medizinfachzeitschriften - d a f ü r
bezahlte, ein gefälschtes „peer reviewed" Journal auf den M a r k t zu bringen. Diesem Ma-
gazin gab man den N a m e n The Australiasian Journal of Bone and Joint Medicine, ohne zu
erwähnen, dass Merck als Finanzier d a h i n t e r steckte. D a m i t k o n n t e der P h a r m a r i e s e in
einem seriös a n m u t e n d e n Magazin praktisch nach Belieben Daten veröffentlichen, welche
die Medikamente in einem guten Licht erscheinen ließen. Dabei gelang es Merck auch pro-
blemlos, Wissenschaftler aufzutreiben, die bereit waren, f ü r dieses Schummelblatt in der
„ehrenamtlichen Redaktionsleitung" ( „ H o n o r a r y Editorial Board") tätig zu werden. Einer
davon war PETER B R O O K S , wie das Magazin The Scientist Ende April 2009 berichtete (nach-
dem die Zeitung The Australian201 den Skandal aufgedeckt hatte). Der australische Rheuma-
tologe Brooks konnte sich nach eigenen Aussagen zwar nicht mehr d a r a n erinnern, wer ihn
d a r u m gebeten hatte, bei dem Fachmagazin-Imitat mitzumachen. Doch wie B R O O K S meinte,

• 83 •
hätte er von Mitte der 1990er Jahre bis 2004 f ü r Merck u n d auch andere Pharmagiganten
wie Pfizer u n d Amgen als Berater gearbeitet. „Wenn m a n sich beruflich auf einem so hohen
Level bewegt, lässt m a n sich auf einen Haufen Dinge ein", so B R O O K S . Dabei hätte er, wie The
Scientist weiter berichtet, schon vor r u n d zehn Jahren seinen N a m e n f ü r sogenannte Ad-
vertorials' hergegeben - also redaktionelle Beiträge, die den Anschein von Unabhängigkeit
erwecken, in Wahrheit aber von P h a r m a f i r m e n gekauft sind. 128

Betrug und Fehlverhalten in der Krebswissenschaft


Kritische Ansätze haben so gesehen in der Krebsmedizin keine reelle Chance, erforscht und
in den b e d e u t e n d e n Fachmagazinen diskutiert zu werden, Manipulation wird erleichtert.
Welche Dimension die Täuschungsaktivitäten haben, schildert der Wissenschaftshistori-
ker H O R A C E J U D S O N eindrucksvoll in seinem Werk „Der große Verrat: Betrug in der Wis-
senschaft". 146 D a r i n tauchen allerlei illustre N a m e n auf - von Louis P A S T E U R über S I G M U N D
FREUD bis hin zu D A V I D B A L T I M O R E , einem der bekanntesten Medizin-Nobelpreisträger des

20. Jahrhunderts. All diese Betrugsfälle w u r d e n nicht etwa durch das Peer-Review-System
aufgedeckt, sondern durch puren Zufall. 182

„Global gesehen gibt es Korruption auf allen Ebenen


Wir haben es im Wissenschaftsbetrieb des Gesundheitswesens vom Gesundheitsministerium
nicht nur mit Einzeltätern zu tun, wie bis z u m Patienten - u n d der kriminellen Fantasie sind
gerne behauptet wird. Vielmehr ist der Betrug k a u m Grenzen gesetzt", hält die Korruptionsschutz-
offenkundig systemimmanent. „Interessen- O r g a n i s a t i o n T r a n s p a r e n c y International in ihrem
konflikte im gewaltigen medizinisch-industri- Jahresbericht „Global C o r r u p t i o n Report 2006" mit
ellen Komplex, bestehend aus Ärzten, Kran- dem Schwerpunkt Gesundheitswesen fest. 206
kenhäusern und Forschungseinrichtungen
sowie Pharma- und Biotechkonzernen, sind Die Kontrollen im Medizinbetrieb müssten also er-
nicht die Ausnahme - sie sind die Regel", heblich verstärkt u n d die allseits v o r h a n d e n e n In-
konstatiert PAUL KRUGMAN, der 2008 den teressenkonflikte drastisch abgebaut werden. D e n n
Wirtschaftsnobelpreis erhielt. 159 Untersuchungen, die keine unabhängige Basis haben,
f ü h r e n erwiesenermaßen zu geschönten Ergebnissen
- was keinem Patienten hilft. Doch Bestrebungen die-
ser Art sind nirgends zu erkennen. Und die Krebsmedizin scheint da keine Ausnahme zu
bilden. „Die spektakulären Betrugsfälle bei der Bewertung der Hochdosis-Chemotherapie
bei Brustkrebs, die um die Jahrtausendwende aufgedeckt wurden, sind möglicherweise nur
die Spitze des Eisberges", so die betrübliche Einschätzung von U L R I C H A B E L , Krebsexperte am
Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ. 59,303,304

Ein Kunstwort, das aus den Begriffen advertisement = Anzeigenwerbung und editorial = Redaktion
zusammengesetzt ist.

• 84 •
Dem Glauben an die orthodoxen Krebsbehandlungen wie Chemotherapie fehlt damit jegli-
che Grundlage, beruht er doch auf der Integrität einer Forschung, die offenbar nicht gegeben
ist. Dass auch in der Krebswissenschaft heftig betrogen wird, zeigen große Skandale wie der
des norwegischen Krebsmediziners JON SUDB0, dem es gelang, Ende 2005 eine Studie im
angesehenen Magazin Lancet unterzubringen. Dabei hatte sich S U D B 0 seine Daten, wie sich
kurz darauf herausstellte, komplett ausgedacht u n d am Computer zusammengebastelt. 1 9 7 , 2 7 9

Einige Jahre zuvor hatte eine Arbeitsgruppe („Task Force") der Universität W ü r z b u r g den
bis dahin größten Fälschungsskandal in der Geschichte der deutschen Wissenschaft aufge-
deckt. Im Z e n t r u m stand F R I E D H E L M H E R R M A N N , ein renommierter deutscher Krebsforscher.
In ihrem Abschlussbericht stellte die Task Force 2000 fest, dass H E R R M A N N z u s a m m e n mit
seinen Mitarbeitern R O L A N D M E R T E L S M A N N , A L B R E C H T L I N D E M A N N , M A R I O N B R A C H u n d W O L F -
G A N G O S T E R zwischen 1 9 9 4 u n d 1 9 9 6 systematisch Labordaten gefälscht u n d so insgesamt

94 manipulierte Arbeiten auf dem Gebiet der Hämatologie u n d der Onkologie veröffent-
licht hatten. Dabei sollen H E R R M A N N u n d seine ehemalige Lebensgefährtin u n d Laborleite-
rin B R A C H , die für ihre Experimente sowohl von der Deutschen Krebshilfe als auch von der
Deutschen Forschungsgemeinschaft reichlich Forschungsgelder erhalten hatten, auch Ideen
und Ergebnisse anderer Forscher in großem U m f a n g gestohlen haben.

Obwohl die Fälschung von wissenschaftlichen Daten an sich nicht strafbar ist (was merk-
würdig anmutet, bedenkt m a n die Folgen), standen beide Krebsforscher vor Gericht: Im Jahr
2 0 0 0 erhob die Staatsanwaltschaft sowohl gegen M A R I O N B R A C H als auch gegenüber F R I E D H E L M

H E R R M A N N Anklage wegen Anstellungsbetrug. Beide sollen bei ihrer Bewerbung an der Univer-

sität Ulm gefälschte Arbeiten vorgelegt u n d so die Berufungskommission getäuscht haben. 212

Dass das ganze System anfällig f ü r Betrug ist, liegt vor allem in der Aussicht auf hohe Profite.
„Das Motiv des Betrugs hat eindeutig einen finanziellen Aspekt", so R A L P H Moss. „Führende
Personen in der Krebsmedizin sind oft selbst Aufsichtsratsmitglieder, Leiter, Investoren oder
Nutznießer der Behandlungsmethoden, die sie objektiv untersuchen sollen. In m a n c h e n Fäl-
len haben ganze Institute ihre intellektuelle Arbeit gegen gewaltige G e l d s u m m e n an Phar-
makonzerne verkauft; noch vor einigen Jahrzehnten war das undenkbar." 1 9 2

So ist es üblich, dass die Forscher f ü r jeden Patienten, den sie zur Teilnahme an einer Studie
bewegen, von den Pharmafirmen eine Bezahlung erhalten. 248 Dies mag mindestens z u m Teil
erklären, w a r u m etwa der kanadische Mediziner ROGER P O I S S O N die Daten von mindestens
99 der insgesamt etwa 1500 Frauen, die an einer Brustkrebsstudie t e i l n e h m e n sollten, ge-
fälscht hatte. 302 Diese Studie w u r d e 1985 im New England Journal of Medicine publiziert. 114
Und obwohl P O I S S O N S D a t e n f ä l s c h u n g den Ü b e r w a c h e r n dieser Studie bereits 1990 zu
Ohren gekommen war, w u r d e über die Angelegenheit Stillschweigen bewahrt. Erst als die
Chicago Tribüne den Skandal im März 1994 an die Öffentlichkeit brachte, k a m Bewegung
in die Sache. 223 Und schließlich hieß es, dass P O I S S O N nicht n u r in dieser Studie, sondern in
insgesamt in 14 verschiedenen klinischen Arbeiten Daten gefälscht hat. 126

• 85 •
Beispiele f ü r die M a n i p u l a t i o n klinischer Studien d u r c h P h a r m a f i r m e n , um gewünschte Er-
gebnisse zu erzielen, sind: 2 7 3

• Die Medikamentenstudie w i r d gegen ein P r ä p a r a t (eine B e h a n d l u n g s m e t h o d e ) getestet,


von d e m m a n weiß, dass es bezüglich der W i r k s a m k e i t unterlegen ist.
• Das Medikament w i r d gegen ein K o n k u r r e n z p r ä p a r a t getestet, das in niedrigerer Dosis
verabreicht wird.
• Das Medikament w i r d gegen ein K o n k u r r e n z p r ä p a r a t getestet, das in höherer Dosis ver-
abreicht w i r d (mit d e m Ziel, das eigene M e d i k a m e n t weniger toxisch aussehen zu lassen).
• Die Fragestellung w i r d von Beginn an so ausgerichtet, dass positive Ergebnisse praktisch
v o r p r o g r a m m i e r t sind.
- Es werden verschiedene klinische Endpunkte getestet (etwas: Überlebenszeit, Blutdruck-
s e n k u n g , S c h m e r z l i n d e r u n g ) , b e k a n n t g e m a c h t werden u n d publiziert werden aber n u r
die positiven Ergebnisse.

Die F o r m e n der Betrügereien sind vielfältig u n d reichen von der massiven D a t e n f ä l s c h u n g


bis h i n zu einer Reihe von subtileren Varianten. Um die Ergebnisse zu schönen oder in die
e r w ü n s c h t e R i c h t u n g zu d r ü c k e n , gibt es zahlreiche „Tricks" (siehe oben). So k a n n m a n Pa-
tienten, die eine H o c h d o s i s - C h e m o t h e r a p i e nicht v e r t r a g e n u n d d a h e r ausscheiden, noch
bevor die Studie abgeschlossen ist, bei der Schlussanalyse einfach weglassen. D a d u r c h kön-
n e n die Leistungen eines P r ä p a r a t s deutlich besser o d e r wirkungsvoller aussehen, als sie in
W a h r h e i t sind. 192

O f t w e r d e n auch v e r s c h i e d e n e Studien m i t e i n a n d e r verglichen, o h n e dass ein solcher Ver-


gleich zulässig wäre. W e n n sich z u m Beispiel herausstellt, dass Patienten, die in einer Stu-
die h o c h d o s i e r t m i t C h e m o t h e r a p i e b e h a n d e l t w u r d e n , länger leben als Patienten, die in
einer a n d e r e n U n t e r s u c h u n g niedrige c h e m o t h e r a p e u t i s c h e Dosierungen erhalten haben, so
k ö n n t e m a n auf den ersten Blick a n n e h m e n , dass die H o c h d o s i s - C h e m o t h e r a p i e die bessere
L ö s u n g sei. U n d t a t s ä c h l i c h k a m schon vor längerer Zeit in Bezug auf die C h e m o t h e r a p i e
der Glaubenssatz auf: „ M o r e is better" ( „ m e h r ist besser"). 143 Doch die Patienten, die sich f ü r
eine H o c h d o s i s - S t u d i e a n m e l d e n wollen, m ü s s e n in der Regel einen besseren Gesundheits-
z u s t a n d vorweisen, um der strapaziöseren B e h a n d l u n g s t a n d h a l t e n zu k ö n n e n . Das bedeutet
aber, dass die P a t i e n t e n g r u p p e n aus den beiden Studien nicht m e h r vergleichbar sind, da sie
stark u n t e r s c h i e d l i c h e G e s u n d h e i t s z u s t ä n d e haben. 1 9 2 Solide Studien haben zudem gezeigt,
dass die H o c h d o s i s - C h e m o t h e r a p i e im Vergleich zur m a ß v o l l e r e n c h e m o t h e r a p e u t i s c h e n
B e h a n d l u n g keinen lebensverlängernden Effekt hat. 59

• 86 •
Wie die Pharmakonzerne Forschung und Absatz diktieren
Im P h a r m a b u s i n e s s ist reichlich „ M u s i k " d r i n - am meisten w i r d bei K r e b s m e d i k a m e n t e n
„gerockt". „Die Onkologie hat sich zu einer M u l i t m i l l i a r d e n - D o l l a r - I n d u s t r i e a u f g e s c h w u n -
gen", beschreibt B R U C E C H A B N E R v o m K r e b s z e n t r u m der H a r v a r d University im F a c h m a g a -
zin Nature Reviews Cancer die Situation. 7 9 Schätzungen zufolge beliefen sich die weltweiten
Kosten f ü r K r e b s m e d i k a m e n t e im Jahr 2007 auf 31 M r d . $ (wobei etwas m e h r als die Hälfte
davon allein in den USA, wo n u r k n a p p 5 Prozent der W e l t b e v ö l k e r u n g leben, ausgegeben
wurden). 2027 k ö n n t e der globale M a r k t f ü r K r e b s p r ä p a r a t e auf gigantische 300 M r d . $ u n d
damit auf das Z e h n f a c h e des 2007er Niveaus anwachsen, so eine P r o g n o s e der Weltgesund-
heitsorganisation WHO. 2 7 0

Wesentliche Triebfedern dieses Wachstums sind:


• Die zunehmende Bereitschaft von Onkologen, auch ältere Menschen zu behandeln.
DIG R£$?GLRGCNTG Exolosion 3N PIGUGH PRÄDSRBTSN

• Die extreme Verteuerung der medikamentösen Therapien.

So war bis 1996 das C h e m o p r ä p a r a t Fluoruracil (5-FU) das Mittel der W a h l


u m Patienten mit f o r t g e s c h r i t t e n e m D a r m k r e b s z u b e h a n d e l n . K o s t e n p u n k t
f ü r eine achtwöchige Therapie mit 5 - F U (in den USA): weniger als 100 $.
In den darauf folgenden acht Jahren - also bis 2004 - hat die US-Behörde
FDA f ü n f weitere P r ä p a r a t e zur B e h a n d l u n g von D a r m k r e b s zugelassen.
„Diese neuen P r ä p a r a t e h a b e n aber 5 - F U nicht u n b e d i n g t ersetzt, son-
dern w u r d e n eher zusätzlich gegeben", so C H A B N E R . „ D a d u r c h verteuerte
sich eine a c h t w ö c h i g e Therapie locker auf 30.000 $." 79 „Jeder D a r m -
krebspatient, der jede e i n z e l n e der H i g h - T e c h - M e d i k a m e n t e n i m m t ,
muss im Schnitt 250.000 $ z a h l e n u n d hat mit schweren
N e b e n w i r k u n g e n zu kämpfen", wie die New York Times
2005 schreibt. 120

Kein W u n d e r also, dass i m m e r m e h r U n t e r n e h m e n


bestrebt sind, i m m e r m e h r M e d i k a m e n t e auf den
M a r k t zu bringen u n d diese als die g r o ß e n Heils-
bringer zu verkaufen. Z u m a l viele Patente f ü r die
Wirkstoffe hochpreisiger Chemotherapeutika
auslaufen. „Ohne neue teure innovative Medi-
k a m e n t e w e r d e n die n o r m a l e n Treiber, die d a s
Business der P h a r m a i n d u s t r i e am Laufen halten,
schlicht verschwinden", so K A R O L S I K O R A , Krebs-
m e d i z i n e r am I m p e r i a l College School of Medi-
a n e in London. 2 7 0 Da die Erfolge, die mit Krebs-
m e d i k a m e n t e n erzielt w e r d e n , i m G r o ß e n u n d

• 87 •
G a n z e n aber - gelinde formuliert - bescheiden ausfallen, k a n n es letztlich nur einen Weg
geben, den äußerst lukrativen Absatz der Krebstherapien zu sichern: Man muss die Märkte
kontrollieren.

Dies wird nicht zuletzt durch massive W e r b e k a m p a g n e n erreicht. So investieren die Phar-
m a k o n z e r n e etwa ein Drittel u n d damit den größten Teil ihrer Gesamtausgaben ins Mar-
keting, w ä h r e n d n u r 14 Prozent in die Forschung u n d Entwicklung von Medikamenten
fließen. Es wird also m e h r als doppelt so viel Geld d a f ü r ausgegeben, ein Medikament den
Patienten u n d Ärzten anzudienen, als es zu entwickeln. 6 3 „Die Pharmakonzerne sind primär
eine Marketingmaschine", so M A R C I A A N G E L L , Harvard-Medizinerin u n d ehemalige Chefin
des b e k a n n t e n Fachblatts New England Journal of Medicine (NEJM) in ihrem Buch „Die
Wahrheit über die P h a r m a f i r m e n : Wie sie uns betrügen u n d was dagegen zu tun ist".63

Zu Recht fragt A N G E L L : „Wenn verschreibungspflichtige Medikamente wirklich so toll wären


wie behauptet, wieso müssen sie d a n n so heftig vermarktet werden? [...] Wirklich wirksame
M e d i k a m e n t e müssten ja gar nicht sonderlich gepuscht werden." 6 3 G e d a n k e n , die so ein-
fach wie einleuchtend sind. Und dennoch sind sie offenbar nicht Teil des Bewusstseins eines
m o d e r n e n wissenschaftsgläubigen Menschen, der sich - nicht zuletzt beeinflusst durch die
allseits präsente Reklame der P h a r m a i n d u s t r i e - i m m e r noch die große Rettung von der
Wunderpille gegen Krebs (und viele andere chronische Krankheiten wie Diabetes, Multiple
Sklerose, Allergien usw.) erhofft.

„Das Geld u n d die W e r b u n g der P h a r m a i n d u s t r i e beeinflusst nicht n u r die Art, wie wir
K r a n k h e i t w a h r n e h m e n , sowie die Nachfrage nach M e d i k a m e n t e n u n d die medizinische
Praxis, auch sind die staatlichen Gesundheitsstellen in die totale Abhängigkeit der Big-
Pharma-Mittel geraten", so V E R A S H A R A V , von der New Yorker Patientenschutzorganisation
Alliance for H u m a n Research Protection AHRP. „Wie einschlägige Untersuchen belegen,
sind hier f u n d a m e n t a l e Interessenkonflikte entstanden, die leider noch nie öffentlich ange-
messen diskutiert worden sind. Gesundheitspolitiker sind nicht nur durch die Pharmariesen
beeinflusst, sondern sie sind so geformt, dass sie die Profite der Konzerne maximieren hel-
fen."

Ein entscheidendes Ereignis war in diesem Kontext, dass 1992 der Kongress in den USA
f ü r den weltweit tonangebenden P h a r m a m a r k t die „Prescription Drug User Fee Act", kurz
PDUFA, d u r c h g e w u n k e n hat. Damit w u r d e ein extrem schneller Prozess der Medikamen-
tenzulassung (der „fast track drug approval process") etabliert, durch den es möglich wurde,
i m m e r schneller i m m e r mehr Medikamente auf den Markt zu bringen. R I C H A R D P A Z D U R , der
„Krebszar" bei der FDA, 125 brachte es vor wenigen Jahren auf den Punkt: „Nicht die Geneh-
m i g u n g von M e d i k a m e n t e n steht im Vordergrund, sondern die Entwicklung neuer Präpa-
rate." 75

• 88 •
Allein die US-amerikanische Medikamentenzulassungsbehörde FDA hat in den zehn Jahren
nach Verabschiedung dieses PDUFA von der P h a r m a i n d u s t r i e m e h r als 800 M r d . S zuge-
schanzt bekommen (Stand: 2006). „Und nicht nur die FDA, auch andere Regierungsstellen
befinden sich inzwischen in finanzieller Abhängigkeit von den Arzneimittelkonzernen", so
267
V E R A SHARAV. So ist es in den USA mittlerweile außerordentlich schwierig geworden, einen
leitenden Medizinforscher zu finden, der in keiner finanziellen Abhängigkeit zur P h a r m a i n -
dustrie steht. „Der medizinische Berufsstand ist von der P h a r m a i n d u s t r i e gekauft - in Bezug
auf Praxis, Lehre und Forschung", beklagt A R N O L D R E L M A N , Harvard-Professor u n d ehemali-
ger Chefredakteur des New England Journal of Medicine.194

Das Ganze hat derartige Ausmaße angenommen, dass auch das britische Parlament vor ei-
nigen Jahren eine umfassende Untersuchung einleitete. Sie stellte fest, dass die korrumpie-
renden Praktiken der Pharmaindustrie u n d ihr massiver Einfluss auf Parlamente, Behörden,
Mediziner, Medien u n d Universitäten und damit die Forschung extrem u n d sehr besorgnis-
erregend sind. 207 Die Situation in Deutschland ist da keine A u s n a h m e . „ P h a r m a u n t e r n e h -
men können in Deutschland nach Einschätzung verschiedener Experten fast ungestört ihre
Profitinteressen verfolgen", so die ZDF-Journalisten C H R I S T I A N ESSER u n d A S T R I D R A N D E R A T H
in ihrer Dokumentation „Das PharmakarteH", die Ende 2008 im Rahmen der Sendung Fron-
tal 21 ausgestrahlt wurde. „Das geht zu Lasten der Patienten, wenn dabei Nebenwirkungen
verschwiegen, Selbsthilfegruppen instrumentalisiert oder Politiker, Ärzte u n d Heilberufe
mit Gefälligkeiten umworben werden."

Doch selbst Schulungen der Ärzte in Bezug auf neue


M e d i k a m e n t e f i n d e n u n t e r F e d e r f ü h r u n g der P h a r m a - Mittlerweile soll praktisch
konzerne statt. 221 Dabei werden den M e d i z i n e r n i m m e r jedes neue Medikament bis zu
neue Präparate vorgestellt, die aber in W a h r h e i t meist seiner Markteinführung im Auftrag
keine Verbesserung gegenüber bisher existierenden Prä- oder unter Federführung derjenigen
paraten darstellen, s o n d e r n vor allem teurer sind. M a n getestet worden sein, die es verkau-
spricht hier von „Me-too"-Produkten, auf Deutsch „Ich- fen wollen. Die Pharmakonzerne be-
auch-Produkte". Auch K r e b s m e d i k a m e n t e wie Avastin zahlen die klinischen Studien selbst.
stehen in diesem Z u s a m m e n h a n g in der Kritik. 216 Unzäh- Das heißt, dass erst nach Mark-
lige Milliarden Dollar sind so bereits in eine völlig einsei- teinführung der „objektive" Test
tige und auf die W u n d e r m i t t e l - P r o d u k t i o n ausgerichtete stattfindet: der Test an den lebenden
Krebsforschung geflossen, die vor allem den Pharmafir- Patienten, welche die Medikamente
men, Forschern u n d so m a n c h e m Arzt gigantische Ge- von ihrem Arzt verschrieben oder
winne beschert. verordnet bekommen.

• 89 •
Krebsstammzellen-Gläubigkeit und die Folgen
Vor diesem H i n t e r g r u n d verwundert es nicht, dass die Branche unermüdlich Optimismus ver-
breitet. Neueste Hoffnungen ruhen unter anderem auf dem Konzept der sogenannten Krebs-
stammzellen, auf Englisch Cancer Stem Cells (kurz CSCs). Dabei soll es sich um eine kleine
G r u p p e von Krebszellen handeln, die im Tumorgewebe schlummern und den Krebs irgend-
w a n n aufflammen lassen. 305 Gängige Antitumor-Substanzen, so die Hypothese, könnten die-
sen Krebsstammzellen nichts anhaben, da sie nur auf die große Masse der Tumorzellen abzie-
len. Die CSCs sollen folglich medikamentöse Attacken überleben können, weshalb sie auch
f ü r die so gefürchteten Rückfälle verantwortlich gemacht werden. Gemäß R O B E R T W E I N B E R G ,
Krebsforscher am Whitehead Institute for Biomedical Research, wäre der Krebs besiegt, wenn
es gelänge, die Krebsstammzellen zu eliminieren - die „Magic Bullet" wäre endlich gefun-
den. Die Euphorie hierüber ist bisweilen so groß, dass auch hier alle Kritik unterzugehen droht.

„Das Konzept haut einen um", frohlockt W E I N B E R G . „Die Leute müssen Ihre Gedanken neu
ausrichten, u n d zwar auf diese Krebsstammzellen." 1 8 4 Pharmafirmen haben ihr Augenmerk
bereits auf die CSCs gelenkt. Laut der Fachzeitschrift Nature Biotechnology ist die Zahl der
Unternehmungen, die sich diesem Forschungsfeld widmen, allein zwischen April 2007 und
April 2008 von 17 auf 40 gestiegen. Der Pharmagigant GlaxoSmithKline investierte gar 1,4
Mrd. $, um Wirkstoffe (Antikörper) zu entwickeln, mit denen Proteine auf der Oberfläche
von Krebszellen unschädlich gemacht werden sollen - u n d zwar diejenigen, von denen man
a n n i m m t , dass sie n u r auf den Krebsstammzellen v o r k o m m e n . A n h a n d dieser „spezifi-
schen" Proteine meint man, Krebsstammzellen identifizieren zu können. 261

Doch genau hier liegt der Knackpunkt. Dass es Proteine auf Krebszellen gibt, ist unbestritten.
Und es ist auch unzweifelhaft, dass es Krebszellen gibt, die den Medikamentengiften standhal-
ten können. Doch weder gibt es Beweise dafür, dass es sich bei diesen medikamentenresistenten
Krebszellen um K r e b s s t a m m z e l l e n handelt, noch d a f ü r , dass die b e n a n n t e n Zellober-
flächenproteine nur auf den Zellen vorkommen, von denen behauptet wird, es seien Krebs-
stammzellen. Zwar wird die Begeisterung f ü r CSCs auch von der Forschung genährt. Doch
viel mehr als „heiße Luft" wird dort - trotz aller Verheißungen - bislang nicht produziert.

Als entscheidender Schritt von der Theorie hin zu einer möglichen Krebstherapie wurde
z u m Beispiel eine Studie gefeiert, die 2008 in Nature erschien. 117 Dabei untersuchte das For-
scherteam u m M A R K U S F R A N K von der Harvard Medical School Zellen von Hautkrebspatien-
ten. Um diese im Krebsgewebe ausfindig zu machen, visierten sie ein ganz bestimmtes Pro-
tein an, das sich auf der Oberfläche von Zellen befindet und den etwas kryptischen Namen
ABCB5 trägt. Dieses Zelloberflächenprotein ABCB5, so die These, sei f ü r Krebsstammzellen
charakteristisch (spezifisch). Und angeblich soll m a n Krebsstammzellen an ABCB5 erken-
nen können. Die G r u n d a n n a h m e dahinter lautet, dass dieses Oberflächenprotein nur auf der
Oberfläche von Krebsstammzellen vorkommt.

• 90 •
So verwendeten die Forscher spezielle Antikörper gegen das Zelloberflächenprotein ABCB5
- und es gelang ihnen, ABCB5 auszuschalten. In einem weiteren Schritt n a h m e n F R A N K u n d
seine Kollegen eine sogenannte Xenotransplantation vor, das heißt sie verpflanzten mensch-
liche Hautkrebszellen in Mäuse u n d traktierten die Tiere anschließend mit dem Antikörper
gegen das Zelloberflächenprotein ABCB5. Das T u m o r w a c h s t u m wurde, wie es hieß, „sig-
nifikant gebremst". Das klingt auf den ersten Blick bestechend. Doch F R A N K selbst r ä u m t
ein, dass es noch mindestens zwei bis drei Jahre dauern würde, bis die Krebsstammzellen-
Strategie an Menschen mit Melanomen getestet werden könne. 124 Tatsächlich w u r d e noch
nie gezeigt, dass menschliche Patienten, die Wirkstoffe gegen Krebsstammzellen erhalten
haben, länger überlebten u n d eine höhere Lebensqualität hatten. Zu diesem entscheiden-
den Gesichtspunkt k o m m t hinzu, dass es etwas komplett Anderes ist, einen menschlichen
Tumor in einer Labormaus, die kein funktionierendes I m m u n s y s t e m hat, z u m Wachsen zu
bringen u n d ihr d a n n einen Antikörper zu geben, als wenn m a n diesen A n t i k ö r p e r einem
menschlichen Krebspatienten mit normalem I m m u n s y s t e m verabreicht.

Das Bild zeigt das Modell menschlicher Stammzellen. Als Stammzellen werden allgemein Körperzelten
bezeichnet, die sich zu verschiedenen Zelltypen oder Geweben entwickeln können. Viele Mediziner gehen
davon aus, dass sich mithilfe dieser Stammzellen alle erdenklichen, auch chronischen Krankheiten heilen
ließen. Selbst für Krebs soll somit ein „Heilmittel" gefunden sein. Doch im Gegensatz zu normalen Stamm-
zellen wurden Krebsstammzellen als solche noch nie nachgewiesen - und es darf bezweifelt werden, dass
dieser Forschungsansatz etwas Sinnvolles zur Behandlung von Krebspatienten beisteuern kann.

• 91 •
• 92 •
Wie wenig aussagekräftig Versuche an Mäusen f ü r die Therapie bei Menschen besonders in
der Krebsmedizin sind, d a r a u f g e h e n wir im nächsten Kapitel noch detailliert ein. An dieser
Stelle sei nur kurz der Genomforscher G E O R G E G A B O R M I K L O S zitiert, der daraufhinweist, dass
„der Tumor in der Labormaus mit menschlichen Krebszellen zum Wachsen gebracht wird.
Anschließend wird dieser Tumor in der Maus mit menschlichen Antikörpern attackiert -
mit der Folge, dass dieser Antikörper zwar die menschlichen Krebszellen in der Maus findet,
voraussichtlich aber kein anderes gesundes Mausgewebe. Im Menschen hingegen wird der
menschliche Antikörper nicht nur die Krebszellen attackieren, sondern wahrscheinlich auch
jedes normale Gewebe, das das Protein ABCB5 trägt - was zum Tode führen kann."

Damit spricht M I K L O S auch einen weiteren entscheidenden Gesichtspunkt an: Dass auch die
G r u n d a n n a h m e , ABCB5 u n d andere bestimmte Zelloberflächenproteine kämen nur auf den
sogenannten Krebsstammzellen vor u n d seien somit f ü r sie charakteristisch (spezifisch), of-
fenbar falsch ist. Das bekannteste dieser Zelloberflächenproteine, das f ü r CSCs typisch sein
soll, trägt ebenfalls einen ominösen Namen: CD133. Lange Zeit galt, dass man Krebsstamm-
zellen a n h a n d des Zelloberflächenproteins CD133 ausfindig machen könne. Doch zwei Ar-
beiten, veröffentlicht im Juni 2008 im Journal of Clinical Investigation, zeigten, dass dieses
Dogma nicht zu halten ist. 162,269 So stellte sich heraus, dass das Protein CD133 auf der Ober-
fläche von den meisten gesunden Darmzellen zu finden ist - und damit nicht nur auf Krebs-
zellen. Damit können sie auch nicht charakteristisch f ü r sogenannte Krebsstammzellen sein.

Auch D A V I D T A R I N ist „sehr skeptisch", dass m a n Krebszellen a n h a n d bestimmter Oberflä-


chenproteine so definieren kann, um sie als Krebsstammzellen akzeptieren zu können. Wie
der ehemalige Direktor des K r e b s z e n t r u m s der University of California San Diego meint,
gebe es schlicht zu wenig Beweise, um solche Schlüsse zu ziehen. „Der Begriff,Stammzelle'
ist leider in der B i o m e d i z i n f o r s c h u n g derart in Mode gekommen, dass wahllos von ihm
Gebrauch gemacht wird", kritisiert T A R I N . „Dabei ist aber die exakte Bedeutung des Termi-
nus ,Stammzelle' verdeckt worden." Deshalb ähnle nach Auffassung von S C O T T K E R N , On-
kologieprofessor an der Johns H o p k i n s University, die Theorie von den Krebsstammzellen
eher einer Religion als einer soliden Wissenschaft. 149> 174 „Die wichtigste Methode", so K E R N ,
„die benutzt wird, um die Anwesenheit von .Krebsstammzellen' zu b e s t i m m e n - die Xe-
notransplantation, also die Transplantation menschlichen Krebsgewebes auf Mäuse - ist von
etlichen Faktoren beeinträchtigt. D u r c h diese Xenotransplantation k a n n es zu Resultaten
k o m m e n , die überhaupt nichts mit Stammzelleneigenschaften zu tun haben." So sollen sich
Krebsstammzellen Schädigungen (etwa durch Medikamente) entziehen können - doch eine
solche Eigenschaft ist bei gesunden Stammzellen u n b e k a n n t . Und grundsätzlich, so Kern
weiter, w ü r d e n in den Forschungsarbeiten kritische Stellungnahmen zur Krebsstammzell-
theorie nicht ernsthaft diskutiert, noch würde versucht, diese zu widerlegen.

Nicht die bisher unbewiesenen Krebsstammzellen, sondern die Verschiedenheit von Krebs-
zellen ist der G r u n d f ü r entwickelte Resistenzen. Wie bereits weiter vorne ausgeführt, wird
zu Beginn der Krebsbildung eine Zelle auf C h r o m o s o m e n e b e n e geschädigt (sie wird an-
euploid). Die Abkömmlinge dieser Zelle, die aus der Zellteilung entstehen, werden i m m e r
instabiler (aneuploider). So entsteht eine große Vielfalt an auf C h r o m o s o m e n e b e n e stark
deformierten Krebszellen, von denen w i e d e r u m eine kleine Zahl die richtigen Eigenschaf-
ten besitzt, um in andere Körperregionen auszustreuen. W i e d e r u m n u r wenige von diesen
kanzerösen Zellen werden die Erbguteigenschaften aufweisen, um sich dort auch festsetzen
und somit Metastasen bilden zu können. 100151 - 171 Damit lässt sich erklären, wieso die Chemo-
therapie versagt: Die enorme Vielfalt an Krebszellen, die auf verschiedene Weise deformierte
Chromosomen u n d mitunter auch einige defekte Gene aufweisen, f ü h r t dazu, dass i m m e r
einige von diesen Zellen a u f g r u n d ihrer ganz speziellen genetischen Konstitution in der Lage
sind, selbst extreme Notsituationen wie die Chemotherapie zu überstehen.

Einige mögen sich n u n fragen: W e n n auch die Krebs-


stammzellen-Theorie so offensichtlich keine wissenschaft- Um die Existenz von echten
lich beweisbare Grundlage hat u n d somit auch nicht die Krebsstammzellen zu bewei-
gewünschte Wunderpille gegen Krebs bringen wird, was sen, müsste ohnehin zuallererst
treibt d a n n etwa GlaxoSmithKline dazu, stolze 1,4 M r d . gezeigt werden, dass solche CSCs
US-Dollar in die Entwicklung von Wirkstoffen gegen an- aus einer gesunden Stammzelle
gebliche Krebsstammzellen zu investieren? Die Antwort hervorgegangen sind, dann kanzerös
ist einfach: es ist die verzweifelte Suche nach Profitquellen. wurden und anschließend einen Tu-
Marktanalysten prophezeiten dem P h a r m a r i e s e n einen mor zum Wachsen gebracht haben.
merklichen U m s a t z r ü c k g a n g u n d in der K r e b s m e d i z i n Doch dieser Beweis steht nach wie
droht das U n t e r n e h m e n gar völlig abzufallen - weshalb vor aus. Davon abgesehen kann die
der Konzern offenbar nach allem greift, was E i n n a h m e n Entstehung von Krebs genau wie die
verheißt. 106 Resistenz von Krebszellen gegen
Medikamente auch ohne die Krebs-
Womöglich hat sich G l a x o S m i t h K l i n e auch vom Jubel stammzelltheorie fundiert erklärt
mitreißen lassen, der schon bei n o r m a l e n Stammzellen werden. Dazu reicht die Verschieden-
so groß ist, dass allerorten behauptet wird, mit ihrer Hilfe heit der Krebszellen aus, die in der
ließen sich irgendwann in der Z u k u n f t alle erdenklichen Fachliteratur hinreichend belegt ist.
c h r o n i s c h e n K r a n k h e i t e n , von d e n e n der „ m o d e r n e "
Mensch heimgesucht wird, heilen. Da ist es d a n n n u r
noch ein kleiner Schritt, „Krebs" vor den Begriff „Stammzelle" zu setzen u n d „Heilung" zu
rufen. Doch wie so oft in der Medizin, mobilisiert solch ein H y p e U n s u m m e r n an Geld,
ohne dass sich Erfolge einstellen wollen. Ein beredtes Zeugnis hierfür ist die Geschichte der
Gentherapie, in der es vor schweren Rückschlägen nur so wimmelt (siehe Seite 47 ff. „Kann
Krebs wirklich vererbt werden?"). Im Mai 2009 veröffentlichte z u m Beispiel J A M E S W I L S O N ,
geläuterter Gentherapie-Enthusiast, im Fachblatt Science eine deutliche W a r n u n g , u n d zwar
nicht nur an die Gentherapeuten, sondern an jene neue Generation von Forschern, die an
menschlichen Stammzellen forschen: „Das heutige Toben des Stammzell-Enthusiasmus",
schreibt W I L S O N , „lässt das eindringliche Echo der f r ü h e n , sorgenreichen Tage der Genthera-
pie erkennen." 3 0 7

• 93 •
Patienten im Spannungsfeld von Medien-
hype und Klinikrealität
„Es besteht eine Kluft zwischen dem, was die Krebsforscher studieren, und dem,
was die Patienten benötigen. Wenn man sich die hohe Krebsrate anschaut, ist
die Zeit reif, dass die Öffentlichkeit mehr mitbestimmt, wofür die Gelder
in der Krebsforschung ausgegeben werden."*25
BENJAMIN DJULBEGOVIC, Krebsmediziner an der Universityof South Florida

„Krebsmedikamente sind von einer Reihe von Mythen umgeben: zum Beispiel
dass sie sehr zielgerichtet wirken - tatsächlich aber tun sie es allesamt nicht;
oder dass sie nicht giftig sind - tatsächlich aber haben auch die neuesten Präparate
ihre ganz eigenen Nebenwirkungen; oder dass sie Krebs heilen - tatsächlich
aber heilen sie Krebs nicht."526
S T E V E N H I R S C H F E L D , U S - M e d i k a m e n t e n z u l a s s u n g s b e h ö r d e FDA

„Für die Medien ist die Chemotherapie eine heilige Kuh. Selbst wenn sie nur leicht
kritisiert wird, sagen oder tun ihre Befürworter fast alles, um die Öffentlichkeit
erneut von ihrem Wert zu überzeugen."554
R A L P H Moss, Journalist und Krebsexperte

Immer neue Wundertherapien: Die Massenmedien als Sprachrohr von


„Big Pharma"
Der Journalismus befindet sich einer umfassenden Studie der Technischen Universität Dres-
den zufolge in der Vertrauenskrise. Gerade einmal 35 Prozent der deutschen Bürger sagen,
dass sie Journalisten vertrauen. 3 1 9 „Unsere Untersuchung zeigt, dass wir es heute nicht nur
mit einer z u n e h m e n d e n Politikverdrossenheit zu tun haben, sondern auch mit einer Journa-
lismusverdrossenheit", erklärt W O L F G A N G D O N S B A C H , Studienleiter u n d Professor am Institut

• 94 •
für Kommunikationswissenschaft der TU Dresden. „Die Bürger fordern zentrale Leistungen
des Journalismus ein u n d zeigen sich in vielerlei Hinsicht von dem enttäuscht, was i h n e n
geboten wird."

Dabei hält die deutliche Mehrheit der Deutschen Journalisten f ü r käuflich. „Rund zwei
Drittel glauben, dass bezahlte Recherchen häufig v o r k o m m e n oder dass die Interessen von
Anzeigenkunden auch in der redaktionellen Berichterstattung berücksichtigt werden", so
D O N S B A C H . Zudem w ü n s c h t sich laut D O N S B A C H die ü b e r g r o ß e Mehrheit eine sachlichere

Berichterstattung, die sich stärker an Fakten orientiert u n d distanzierter u n d feinfühliger


argumentiert. 3 4 2

Die Massenmedien sind fürviele Men-


schen eine wichtige Informationsquelle.
Unabhängige Berichterstattung-gerade
auch beim Thema Medizin - ist leider
nicht immer der Fall; die Faktenlage
scheint häufig außer Acht gelassen.

Besonders groß sind die Defizite im Journalismus, w e n n es um M e d i z i n t h e m e n geht. So


spielt investigativer Wissenschaftsjournalismus als Kontrollinstanz des Forschungsbetriebs
- als „Wachhund im Elfenbeinturm" oder vierte Macht im Staat (wie die Presse sich gerne
selbst tituliert) - in den Massenmedien nach wie vor nur eine geringe Rolle. 340 Die Massen-
medien dienen viel zu oft nur als Sprachrohr f ü r die Botschaften der etablierten Krebsme-
diziner oder f ü r die Meldungen der Wissenschaftsmagazine wie Nature oder Science. Eine
kritische Ü b e r p r ü f u n g der Aussagen von den Medizinautoritäten durch die Journalisten
findet in der Regel nicht statt.

Wie heikel es jedoch ist, die Botschaften aus der Medizin- u n d P h a r m a b r a n c h e u n g e p r ü f t


an die Öffentlichkeit weiterzugeben, zeigte der Fall des Arthritis-Medikaments Vioxx. Ende
1999 - ein halbes Jahr nach der Marktzulassung von Vioxx - berichteten Zeitungen wie die
Frankfurter Rundschau u n d das Hamburger Abendblatt euphorisch unter B e r u f u n g auf Stu-
dien, die in den Fachzeitschriften Lancet u n d in Gastroenterology publiziert worden waren,
vom „Erfolg der neuen Substanz", die „Millionen von Menschen L i n d e r u n g ihrer Gelenk-
schmerzen verspricht." Doch 2004 k a m die große Ernüchterung: Vioxx musste vom Markt,
weil es f ü r Tausende Herzattacken u n d Schlaganfälle mit teilweise tödlichem Ausgang ver-
antwortlich gemacht wurde.

• 95 •
Das Arthritis-Präparat Vioxx musste 2004 vom Markt, weil es für tausende Herzattacken mit teilweise
tödlichem Ausgang verantwortlich gemacht wurde. Bis dahin hatten die Massenmedien noch blind auf
die Versprechungen des Herstellers Merck vertraut und Vioxx als eine Art Wundermittel gepriesen.

Wer n u n a n n i m m t , dass durch solche Skandale das tiefe Vertrauen der Journalisten in die
wissenschaftlichen Fachzeitschriften u n d Universitätsprofessoren nachhaltig erschüttert
werde, hat sich getäuscht. Vielmehr wird den Protagonisten des Medikamenteninformations-
zirkus' weiterhin vertraut. Experten wie der Wissenschaftshistoriker H O R A C E J U D S O N erklä-
ren dieses P h ä n o m e n d a m i t , dass die Medizinautoritäten grundsätzlich als altruistische
Wahrheitssucher w a h r g e n o m m e n würden. 3 2 9 Betrugsfälle interpretiere man tendenziell als
seltenen, versehentlichen „Unfall". Z u m a l die Journalisten überzeugt sind, die Fachblätter
verfügten mit ihren Peer-Reviewern - a n o n y m e Experten, die entscheiden, ob eingereichte
Beiträge seriös u n d solide sind u n d abgedruckt werden - über geeignete Wächter, die sicher
stellen, dass nur fachlich hochwertige Beiträge ins Reich von „Nature & Co" Eingang finden.

Doch wie im vorangegangenen Kapitel aufgezeigt, ist es nicht nur in den USA mittlerweile
außerordentlich schwierig geworden, einen leitenden Medizinforscher zu finden, der in kei-
ner finanziellen Abhängigkeit zur P h a r m a i n d u s t r i e steht. Leider muss davon ausgegangen
werden, dass Betrug u n d Interessenkonflikte in der Forschung die Regel u n d nicht etwa die
A u s n a h m e sind - u n d dass dies vor allem d a r a n liegt, dass das Peer-Review-System wir-
kungslos ist, um Betrug u n d Fehlverhalten in der Forschung entgegenzuwirken.

• 96 •
Wie aber konnte es zu einer solch prekären Situation k o m m e n - insbesondere bei einer so
bedeutenden Krankheit wie Krebs? „Seit 1940 beeinflusst ein Z u s a m m e n s c h l u s s von f ü h -
renden Krankenhäusern, Forschungszentren, staatlichen u n d privaten Einrichtungen sowie
O r d n u n g s ä m t e r n das Bild der Öffentlichkeit über Krebs", so der Wissenschaftsjournalist
R A L P H Moss, der sich eingehend mit der Geschichte der Krebsmedizin u n d vor allem auch

der Chemotherapie auseinandergesetzt hat. „Die wenige Kritik, die es gab, d r a n g letztlich
nicht an die Öffentlichkeit, sondern blieb in den Seiten medizinischer Zeitschriften verbor-
gen. Dabei war es nicht einfach, die Idee der Chemotherapie zu verkaufen - u n d ohne die
wohltuende Mitwirkung der Medien hätte dies nicht gelingen können."

So bildete sich zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts eine neue Art von Journalisten
heraus: die wissenschaftlichen Berichterstatter. „Diese Spezialisten b a h n t e n kollegiale Be-
ziehungen zu ihren Quellen an", so Moss. Tatsächlich berichtete 1936 z u m Beispiel D A V I D
D I E T Z , damaliger Vorsitzender des Nationalen Vereins wissenschaftlicher Berichterstatter in

den USA (NASW), auf einem großen Forscherkongress von den „guten u n d f r e u n d l i c h e n
Beziehungen, die n u n m e h r zwischen den Wissenschaftlern u n d der Presse herrschen".

Es sollte bis 1975 - also r u n d 40 Jahre - dauern, bis der


Journalist D A N I E L S . G R E E N B E R G die ungeschriebenen Me- Es gibt genügend Gründe, große
diengesetze mit einem b e r ü h m t e n Artikel in der US-Me- Skepsis walten zu lassen gegen-
dienfachzeitschrift Columbia Journalism Review brach. 327 über den Medizinressorts der Mas-
Es war das erste Mal, dass ein angesehener Journalist es senmedien, gegenüber den Fachjour-
wagte, die Schulmedizin in Sachen Krebs offen u n d f u n - nalen, die den Massenmedien allzu
damental zu kritisieren. „Mir u n d vielen meiner Kolle- oft als Blaupausen dienen, sowie
gen öffnete G R E E N B E R G S Artikel die Augen", erinnert sich gegenüber den forschenden und
Moss. „Er bestätigte unseren eigenen latenten Verdacht, praktizierenden Medizinautoritäten.
dass der .Krieg gegen den Krebs' ein grundlegender Fehler
war." 334 Dennoch blieb auch G R E E N B E R G S Veröffentlichung
ein Intermezzo, ein Tropfen auf den heißen Stein. Fast ist m a n geneigt zu sagen, dass die
Massenmedien seither noch unkritischer geworden sind.

Dies könnte damit z u s a m m e n h ä n g e n , dass die Beeinflussung der Medien durch die Me-
dizinautoritäten u n d Konzerne noch z u g e n o m m e n haben dürfte. Die P h a r m a b r a n c h e gilt
als besonders innovativ, wenn es d a r u m geht, ihre Sicht der Dinge über die Medien an ein
Millionenpublikum weiterzutragen. Zuweilen erfolgt die E i n f l u s s n a h m e auf sehr subtile
bzw. indirekte Weise. „Nehmen wir als Beispiel die US-Pharmaorganisation Pharmaceutical
Research and M a n u f a c t u r e r s of America, kurz PhRMA", so die H a r v a r d - M e d i z i n e r i n u n d
Pharmakritikerin M A R C I A A N G E L L . „ P h R M A investiert eine Million Dollar pro Jahr in eine
sogenannte .Intellectual Echo Chamber of Economists'. Hinter diesem N a m e n verbirgt sich
ein Netzwerk von Ö k o n o m e n u n d F ü h r u n g s k r ä f t e n , die gegen die staatliche Preisregulie-
rung für Medikamente wettern - sei es in ganzen Artikeln f ü r die Medien oder mit State-
ments, die von den Journalisten d a n n in ihre Texte eingebaut werden."

• 97 •
Zusätzlich stünden bei PhRMA 550.000 $ bereit
f ü r die P l a t z i e r u n g von s o g e n a n n t e n Op-Eds
(Gegen-Editorials) u n d Artikeln von Drittper-
sonen in den Medien. Damit gelingt es, ein Ge-
gengewicht zu schaffen f ü r den Fall, dass sich die
Medien kritischer zu b e s t i m m t e n Medizinthe-
m e n ä u ß e r n sollten. U n d mindestens weitere 2
Mio. $ w ü r d e n in Forscher- u n d Politikergrup-
pen investiert. „Dadurch will man intellektuelles
Kapital aufbauen, das die Positionen der Pharm-
a b r a n c h e bei wichtigen Debatten glaubwürdig
vertritt", so A N G E L L .

Zudem ist die P h a r m a b r a n c h e nicht nur ein be-


deutender W e r b e k u n d e f ü r die Medien, die in
den allermeisten Fällen ohne den Verkauf von
Anzeigen gar nicht überleben könnten. „Auch
üben die P h a r m a u n t e r n e h m e n massiven Druck
auf die Fachmagazine aus, um eine ihnen pas-
sende Studie abgedruckt zu bekommen", so AN-
GELL. Das heißt im Klartext, dass Pharmafirmen

regelmäßig bei den Fachmagazinen anrufen und


folgendes Angebot m a c h e n : „Wenn Ihr diese
oder jene U n t e r s u c h u n g veröffentlicht, in dem
unser P r o d u k t im günstigen Licht erscheint, so
werden wir Tausende oder gar Z e h n t a u s e n d e
Exemplare dieses Artikels - sogenannte Reprints
- kaufen." R I C H A R D H O R T O N , C h e f r e d a k t e u r des
F a c h m a g a z i n s Lancet, hat im Z u s a m m e n h a n g
mit dieser P r a x i s vor einer U n t e r s u c h u n g s -
kommission des britischen Unterhauses gesagt,
dass „das Verhältnis der M e d i z i n j o u r n a l e zur
Pharmabranche inzwischen parasitär" sei.320 Mit
a n d e r e n Worten: Hier wird eine Schmiergeld-
praxis betrieben.

H i n t e r g r u n d des G a n z e n ist auch hier der im-


mense ökonomische Druck. Denn Wissen-
schaftsmagazine gehören Unternehmen und
müssen Profite abwerfen, ansonsten müssten die
Blätter subventioniert werden. Viele sind d a r u m
vom Goodwill der P h a r m a i n d u s t r i e abhängig.

• 98 •
Der Verkauf von Artikeln (Reprints), die mit positiven Aussagen über Therapien oder Me-
dikamente der Hersteller gespickt sind, stellt f ü r die Journale eine wichtige Einnahmequelle
dar. Die Kehrseite der Umsatzmedaille ist, dass viele Fachmagazine zu Transportvehikeln
für die Werbebotschaften der Arzneimittelhersteller verkommen. P h a r m a f i r m e n w i e d e r u m
setzen diese Artikel f ü r ihr Marketing ein, da die Fachmagazine, in denen die Beiträge er-
schienen sind, meist einen guten Ruf haben. Sie verteilen die Reprints z u m Beispiel an Ärzte,
die eine enorm wichtige Zielgruppe f ü r die Konzerne darstellen. 321

Dass all dies nur spärlich an die Oberfläche dringt, h ä n g t nicht zuletzt d a m i t z u s a m m e n ,
dass die Medien und vermutlich auch ihre Nutzer gerade im Bereich der Krebsmedizin gute
bzw. Erfolgsnachrichten lieben u n d nicht mit düsteren Schilderungen von Misserfolgen kon-
frontiert werden möchten. „Niemand mag offenbar schlechte Nachrichten", so V E R A S H A R A V
von der Patientenschutzorganisation Alliance for H u m a n Research Protection (AHRP). 341

Dies offenbart auch eine Studie, die im Journal of the American Medical Association (JAMA),
dem Fachmagazin der US-Ärztevereinigung, publiziert wurde. Dabei hat m a n analysiert,
wie Zeitungen über zwei Studien berichtet haben, in denen es um das krebserregende Poten-
zial von Strahlung ging. Beide Studien waren in derselben
Ausgabe des JAMA erschienen, wobei die eine eher ein Ein sogenannter „publication
kanzerogenes Potenzial der Strahlung sah, die andere eher bias" findet also auf zwei
nicht. Zeitungen tendierten nicht nur dazu, ausführlicher Ebenen statt. Zum einen versuchen
über die Studie mit dem positiven Ergebnis zu berichten, Pharmakonzerne in Studien negative
auch schrieb rund die Hälfte der Zeitungen nur über die Ergebnisse zu unterdrücken. „Schät-
positiven Resultate. In keinem Blatt war ausschließlich zungen zufolge werfen 50 bis 70
etwas über mögliche Gefahren von Strahlung zu lesen. 331 Prozent der klinischen Studien nega-
tive Ergebnisse aus, ohne dass diese
Wie sehr selbst angesehene Blätter dazu neigen, sich mit die Fachmagazine erreichen und die
Kritik an der etablierten Forschung zurückzuhalten oder Öffentlichkeit je von ihnen erfährt",
diese auszublenden, zeigt sich etwa am Nachruf der New so SHARAV. 328 - 341 Zum a n d e r e n
York Times auf C L A R E N CE C O O K L I T T L E , der 1971 im Alter von haben auch die Massenmedien eine
83 Jahren starb. L I T T L E war ein US-amerikanischen Gene- Vorliebe für gute Nachrichten.
tiker sowie Krebs- und Tabakforscher, der es 1937 sogar auf
den Titel des T/me-Magazins schaffte. 1929 n a h m er noch
die Leitung der American Society for Cancer Control an, die 1944 in die American Cancer
Society (Amerikanische Krebsgesellschaft) u m b e n a n n t wurde. Mit dieser U m b e n e n n u n g
wollte man signalisieren, dass m a n nicht n u r bestrebt war, Krebs zu kontrollieren, sondern
die Krankheit sogar auszulöschen. 318 1954, also zehn Jahre später, wechselte L I T T L E jedoch ra-
dikal die Fronten. Er wurde Direktor des wissenschaftlichen Beratergremiums des Tobacco
Industrial Research Committee (TIRC), dem machtvollen M a r k e t i n g a r m der Tabakindust-
rie. Das TIRC investierte viele Millionen Dollar in f ü h r e n d e Universitätsforscher, die Ameri-
kanische Krebsgesellschaft oder auch die Amerikanische Ärztevereinigung. Dadurch gelang
es über Jahre, die Gefahren des Rauchens in der öffentlichen Diskussion herunterzuspielen.

• 99 •
In seiner Rolle als f ü h r e n d e r Wissenschaftler w u r d e L I T T L E so zur mächtigen Stimme der
Tabakindustrie. Seine Position beim TIRC (das 1964 in Council for Tobacco Research, kurz
CTR, u m b e n a n n t wurde) sollte er bis 1969, also bis kurz vor seinem Tod, innehaben. Und so
k a m es, dass er 1959 Aussagen zurückzog, die er f r ü h e r noch gemacht hatte. Plötzlich vertrat
er zum Beispiel die Ansicht, dass das Inhalieren von feinen Rauchpartikeln nicht ungesund
sei u n d dass das Rauchen keinen Lungenkrebs verursachen würde. Diese 180-Grad-Wen-
dung in seiner Laufbahn ließ die New York Times in ihrem Nachruf auf L I T T L E jedoch uner-
wähnt. Stattdessen setzte das Blatt dieser schillernden Persönlichkeit ein Denkmal, indem es
ihn lediglich als großartigen Krebsforscher herausstellte, der unter anderem 1929 das Roscoe
B. Jackson Memorial Labor gegründet u n d bis 1959 geleitet hatte. 336 Die Familienmitglieder,
welche die Z u s a m m e n f a s s u n g des bemerkenswerten Lebens dieses Mannes geliefert hatten,
ließen also die 15 Jahre, in denen der Pfeifenraucher L I T T L E als maßgeblicher Drahtzieher der
korrumpierenden Praktiken der Tabakindustrie agierte, einfach unter den Tisch fallen. 318

Jeder k a n n selber den Versuch machen u n d einmal darauf achten, wie seine Lieblingsmedien
die Krebsmedizin begleiten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird er oder sie d a n n feststellen,
dass es n u r sehr wenige Berichte gibt, in denen die Verfahren u n d Theorien der etablier-
ten Forscher kritisiert werden (etwa die Chemotherapie oder die Genmutations-Theorie zu
Krebs). Hingegen wird die ungeteilte Z u s t i m m u n g u n d Euphorie den Grundtenor bilden.

„Erhöhtes Krebsrisiko bei Linkshänderinnen" - und andere abstruse


Medienschlagzeilen

Medien sind sich f ü r keine noch so abstruse Schlagzeile zu schade. So lesen wir im Feb-
ruar 2009 auf Spiegel Online: „Arktische Arten sollen beim Kampf gegen Krebs helfen." In
diesem Beitrag e r f ä h r t der Leser, dass Wissenschaftler mit Unterstützung des norwegischen
Forschungsrates u n d mehreren P h a r m a f i r m e n in den Tiefen des Eismeeres nach Lebewe-
sen fahnden, in denen sie Wirkstoffe gegen Krankheiten wie Krebs vermuten. Das Ganze ist
noch völlig unausgegoren. Ob aus den Meeresbewohnern wirklich Heilmittel gegen Krebs
entwickelt werden können, steht in den Sternen. Aber anscheinend k a n n es ja nicht schaden,
schon einmal darüber zu b e r i c h t e n . . .

Nicht weniger bedenklich ist die Meldung, die das Webportal des H a m b u r g e r Nachrich-
tenmagazins im Herbst 2005 bringt: „Erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Linkshänderinnen." 3 3 5
Problematisch ist diese Aussage deshalb, weil sie etwas als Tatsache hinstellt, was letztlich
Kaffeesatzleserei ist - wie der kritische Leser auch schnell feststellt.

• 100 •
Im September 2005 bringt Spiegel Online die Schlagzeile: „Erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Linkshände-
rinnen." Doch so reißerisch die Überschrift ist, so wenig basiert die Aussage auf Fakten.

Doch nicht jedem dürfte dies aufgefallen sein, wird doch allein mit der klaren Aussage in der
Überschrift eine Wissenschaftlichkeit suggeriert. Dadurch werden viele Leser verunsichert,
obwohl die Botschaft haltlos ist. Erschwerend k o m m t hinzu, dass als G r u n d f ü r das angeb-
lich erhöhte Krebsrisiko von Linkshänderinnen a n g e f ü h r t wird, sie w ü r d e n „vor der Geburt
in der Gebärmutter stärker mit dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen in B e r ü h r u n g
kommen". Doch dass dies das Krebsrisiko erhöht, ist eine reine Vermutung. Zudem werden
hier natürliche Prozesse f ü r die Krebsentstehung verantwortlich gemacht, obwohl - wie in
Kapitel 1 dargelegt - nicht davon auszugehen ist, dass uns Krebs in die Wiege gelegt ist. Viel-
mehr diktieren Lebensstil u n d Lebensumstände die Krebsentstehung.

Auch der Bericht „Sperma kann Tumoren wachsen lassen" 337 , den Spiegel Online kurz zuvor
veröffentlicht hatte, ist höchst bedenklich. D e n n in diesem Beitrag wird die N a t u r - u n d
zwar ihr intimster Teil: die Sexualität - als der böse Krebsmacher hingestellt. Dabei wirft
die Redaktion ihren Lesern w i e d e r u m eine Tatsachenbehauptung als Überschrift hin, die
faktisch nicht haltbar ist. Anstatt die Studien, auf die sich der Artikel beruft, f ü r die Leser
kritisch einzuordnen, begnügt m a n sich damit, eins zu eins wiederzugeben, was die „Exper-
ten" zum Besten geben. Und am Ende des Beitrags e r f ä h r t m a n d a n n , w o r u m es eigentlich
geht: „Nach Angaben der Forscher bieten die Ergebnisse auch eine Grundlage f ü r die Ent-
wicklung von Medikamenten."

• 101 •
Mit anderen Worten: Was der M e d i z i n i n d u s t r i e zupass k o m m t u n d sich darüber hinaus
noch in reißerische Headlines v e r w a n d e l n lässt, wird bereitwillig u n d unkritisch abge-
druckt. Artikel über mögliche Krebsgefahren, die von den Pharma- u n d anderen Industrien
oder ihren Produkten selber ausgehen, finden sich hingegen nur selten. Eine Schlagzeile wie
„Erhöhtes Krebsrisiko bei Handynutzern" zum Beispiel sucht m a n beim Spiegel und auch auf
dessen Webseite vergeblich. Im Gegenteil: jeder Hinweis von Mobilfunkkritikern auf mögli-
che Gesundheitsgefahren wird abqualifiziert u n d ins Lächerliche gezogen. 322

Hier s c h i m m e r t unverkennbar eine Industriefreundlichkeit bei der Berichterstattung durch.


Die Medienfachzeitschrift Message schreibt 2007 in ihrem Beitrag „Funkstille über Strah-
lungsschäden" über die Macht der Anzeigenkunden auf die Medien: „Beeindruckend f ü r alle
Medien d ü r f t e die M a r k t m a c h t der M o b i l f u n k i n d u s t r i e sein. Und das Anzeigenvolumen,
das sie zu verteilen hat. Zwischen 582 u n d 820 Millionen € gab die Telekommunikations-
branche laut Nielsen-Werbeforschung in jedem der letzten f ü n f Jahre aus. Die Netzbetrei-
ber T-Online, Vodafone, 02 u n d E-Plus gehören alle zu den Top 50 der größten werbenden
Firmen; die Telekom war im Jahr 2000 sogar die Firma mit dem größten Werbebudget im
Land. Dass die ganze Branche wegen einer möglichen erneuten Grenzwertdebatte [über
M o b i l f u n k s t r a h l u n g ] in die Knie geht, können deshalb nicht nur die um Arbeitsplätze und
Steuereinnahmen besorgten Regierenden, sondern auch die Medienkonzerne nicht wollen.
Mit zusammengerechnet 26 Zeitungsseiten Anzeigen von Firmen wie Telekom, Nokia, Sie-
mens u n d E-Plus war zum Beispiel die Süddeutsche Zeitung im März 2001 gesegnet, als dort
ein Redakteur kündigte, weil ihm ein Artikel über Mobilfunkgeschädigte umgeschrieben
worden war." 332

Welche Rolle dieses P h ä n o m e n bei einem Nachrichtenmagazin wie dem Spiegel spielt, kann
hier nicht abschließend geklärt werden. Fest steht, dass auch dort Großkonzerne jeglicher
Couleur - ob n u n M o b i l f u n k g i g a n t e n wie Vodafone oder Autobauer, Versicherungsunter-
n e h m e n , Banken oder auch Firmen aus der Medizinbranche - den Großteil der Anzeigen
schalten. Am Ende des Aiessage-Artikels heißt es unter der Zwischenüberschrift „Spiegel
ohne Neugier": „So bleibt unklar, mit welcher Selbstsicherheit auch der Spiegel Mobilfunk-
kritiker abqualifiziert." 3 3 2

Das bedeutet nicht, dass die kanzerogene oder überhaupt gesundheitsschädliche Wirkung
von M o b i l f u n k s t r a h l e n endgültig erwiesen ist. Doch wie wir im folgenden Kapitel zeigen
werden, besteht z u m i n d e s t ein Verdacht, der weitaus b e g r ü n d e t e r ist als die Spekulation,
dass Linkshänderinnen ein erhöhtes Krebsrisiko tragen.

Wie i n d u s t r i e f r e u n d l i c h die Berichterstattung (freilich nicht nur) beim Spiegel ist, zeigt
auch dessen Artikel aus d e m Jahr 2007 „Manipulierte H ü h n e r : Schottische Hennen legen
Anti-Krebs-Eier". 339 Hier wird abermals in einer Überschrift etwas als faktisch abgesichert
hingestellt, was letztlich nicht m e h r ist als eine bloße Vermutung. So wird behauptet, dass
es schottischen Gentechnikern, die bereits 1996 das Klonschaf Dolly geschaffen hätten, ge-

• 102 •
lungen sei, das Erbgut von Hennen zu verändern -
und zwar so, dass die Tiere angeblich Eier mit Anti-
krebsproteinen legen würden. Das Fernziel sei eine
billige Serienproduktion von M e d i k a m e n t e n aus
diesen derart gewonnenen Hühner-Eiweißen.

Aus Industriesicht sind Artikel in so bedeutenden


Medien wie dem Spiegel natürlich besser als jede
Werbung. Zum einen kosten sie nichts (auch wenn
viele U n t e r n e h m e n Artikel in Print- u n d TV-Me-
dien einfach kaufen, freilich o h n e dass die Leser
oder Zuschauer davon wissen). 324 Z u m anderen ist
eine Botschaft, die über von Journalisten erstellte
Beiträge transportiert wird, viel glaubwürdiger, als
Inhalte, die über eine Anzeige vermittelt werden.
Und so wird in diesem Spiegel-Online-Text den
Lesern die gentechnologische M a n i p u l a t i o n von
Lebewesen ebenso wie die tierquälerische Massen-
tierhaltung, die beide höchst bedenklich sind, als
w ü n s c h e n s w e r t v e r k a u f t , indem sie dem h e h r e n
Ziel der Krebsbekämpfung untergeordnet werden.

Auch hier geht es am Ende - wie könnte es anders Antikrebsmittel aus Eiern von genetisch verän-
sein - um die E n t w i c k l u n g von M e d i k a m e n t e n . derten Hühnern?
Zwar werde es, so der Spiegel, nach Aussagen der
Forscher noch „ m i n d e s t e n s z e h n Jahre d a u e r n ,
bis eine Arznei mit den H ü h n e r p r o t e i n e n auf den
M a r k t k o m m e n könnte". U n d ob es ü b e r h a u p t „Die Dominanz ökonomischer Orien-
etwas wird, weiß n a t ü r l i c h auch in diesem Fall :ierungen hat unsere Demokratie
niemand. Am Ende des Berichts verweist der Spie- a u s g e h ö h l t " , so KARL RICHTER, Professor
gel noch darauf, dass die Eiweiße, von denen m a n für Literaturwissenschaften und Vorsitzen-
sich die große Krebsheilung erhofft, „auch in der der der Kompetenzinitiative zum Schutz von
T u m o r t h e r a p i e schon etabliert sind": B e k a n n t e s Mensch, Umwelt und Demokratie. „Statt
Beispiel sei der Antikörper mit dem Handelsnamen die Industrie zu kontrollieren, ist der Staat
Herceptin, der bei der Behandlung von bestimmten in ihre Geschäfte verstrickt. Und statt beide
Brustkrebs-Formen zur Anwendung komme. Doch zu kontrollieren, erweisen sich die Medien
dass Krebsmedikamente wie Herceptin oder auch immer häufiger als Dritte im Boot gemein-
Avastin f ü r die große M e h r z a h l der Patienten de samer geschäftlicher Interessen - zu Lasten
facto wirkungslos sind, wie erstklassige Daten bele- von Mensch, Umwelt und Demokratie." 338
gen (siehe auch Kapitel 1), darauf macht der Spiegel
seine Leser in keiner Weise aufmerksam. 3 2 3

• 103 •
Versuche an Labormäusen sind bei Krebs weit von
der Klinikrealität entfernt

Was die Medien - genau wie Forschung u n d Industrie - bei der Promotion für Krebsmedi-
kamente wie Herceptin ebenfalls gerne übersehen, ist der Umstand, dass „das Forschungs-
modell von Krebs stinkt", wie es der Journalist C L I F T O N L E A F in seinem Artikel „Warum wir
den Krieg gegen den Krebs verlieren - u n d wie er zu gewinnen ist" formuliert. 3 3 3 Der Beitrag
erschien 2004 im US-Magazin Fortune und ist eines der raren Stücke in den großen Massen-
medien, in denen die etablierte Krebsmedizin f u n d a m e n t a l kritisiert wird. Die recht herbe
Formulierung L E A F S - „das Forschungsmodell von Krebs stinkt" - ist umso bemerkenswer-
ter, weil er sich dabei auf eine Aussage des in Kapitel 1 bereits erwähnten R O B E R T W E I N B E R G
bezieht, der zu den f ü h r e n d e n orthodoxen Krebswissenschaftlern zählt.

Gemeint sind die Versuche an Labormäusen, welche die Krebsforschung dominieren. Eines
der am häufigsten d u r c h g e f ü h r t e n Experimente bei menschlichem Krebs besteht darin, eine
menschliche Krebszelle, die in einem Reagenzglas gewachsen ist, in eine immungeschwächte
Labormaus einzusetzen u n d damit in dieser Maus einen Tumor zu erzeugen. Anschließend

Viele Forscher meinen, mit Versuchen an Labormäusen den Schlüssel für die Entwicklung effektiver
Krebsmedikamente in der Hand zu haben. Kritiker verweisen hingegen auf die fundamentalen Unter-
schiede zwischen Labormaus und Mensch in Bezug auf Physiologie, Gewebestruktur, Stoffwechsel,
Immunsystemfunktionen sowie den Informationsaustausch auf Molekülebene.

• 104 •
werden verschiedene Medikamente auf diesen Tumor angesetzt, von denen m a n sich erhofft,
dass sie später auch beim Menschen erfolgreich eingesetzt werden k ö n n e n . Diese Experi-
mente werden im Fachjargon als vorklinische Studien bezeichnet.

Doch viele dieser vorklinischen Krebsstudien lassen gar keine Aussagen darüber zu, wie die
Menschen bzw. die in den Krebspatienten befindlichen Tumoren auf die an der Labormaus
erprobten Wirkstoffe reagieren werden. Zwar haben die nackte immungeschwächte Labor-
maus und der Patient in seinem Krankenhausbademantel Ähnlichkeiten, was ihre Gene u n d
Organe angeht. Doch letztlich bestehen f u n d a m e n t a l e Unterschiede in Bezug auf Physio-
logie, Gewebestruktur, Stoffwechsel, I m m u n s y s t e m f u n k t i o n e n sowie den Informationsaus-
tausch auf Molekülebene. „Das bedeutet, dass die Tumoren, die in einer L a b o r m a u s u n d
einem Menschen entstehen, enorm verschieden sind", so LEAF.

„Ein Tumor [bei einem Menschen] ist schlauer als 100 geniale Krebswissenschaftler", sagt
der Arzt O T I S B R A W L E Y von der A m e r i k a n i s c h e n Cancer Society. 314 U n d B R U C E C H A B N E R ,
der jahrelang die Abteilung f ü r Krebstherapie bei der US-Gesundheitsbehörde N I H gelei-
tet hat, meint: „Krebs beim Menschen sieht aus wie die komplizierteste Sache, die m a n je
gesehen hat." Daher, so C H A B N E R , sei es in der Regel zwar möglich, etwa einen Wirkstoff
gegen Bluthochdruck, der bei einer Labormaus erfolgreich getestet wurde, auch beim Men-
schen erfolgreich anzuwenden. Bei Krebs hingegen scheitere m a n mit dieser Ü b e r t r a g u n g
des Maus-Modells auf den Menschen, ganz einfach weil Krebs ein viel komplexeres Gesche-
hen darstelle als etwa die Hypertonie. 3 1 4 So zielt die etablierte Krebsmedizin darauf ab, mit
ihren Wirkstoffen einzelne Genmutationen in den Krebszellen oder Zelloberflächenproteine
zu attackieren u n d dem Krebs den Garaus zu machen. Dies mag bei einem „simplen" Tumor
einer Labormaus von Erfolg gekrönt sein - Krebszellen in einem menschlichen Tumor, die
auf sehr unterschiedliche Weise auf Erbgutebene deformiert sind, k a n n m a n damit sehr oft
nicht beikommen.

„Das Maus-Modell ist bedauerlicherweise untauglich, um herauszufinden, ob ein Krebs-


m e d i k a m e n t beim Menschen wirkt oder nicht", konstatiert auch H O M E R P E A R C E , der viele
Jahre für den Pharmakonzern Eli Lilly tätig war u n d seit 2006 Chef von Sunesis Pharmaceu-
ticals ist. „Wenn m a n sich die Millionen u n d Millionen u n d Millionen von L a b o r m ä u s e n
anschaut, die geheilt wurden, u n d diese mit dem relativ bescheidenen bzw. nicht eingetrete-
nen Erfolgen bei der Behandlung von Metastasen beim Menschen vergleicht, d a n n zeigt dies
doch, dass irgendetwas an dem Maus-Modell faul sein muss." 314

Wenn das Maus-Modell aber so offensichtlich „stinkt", wieso ist es d a n n nach wie vor zen-
traler Bedeutung f ü r die Krebsforschung? Laut W E I N B E R G gibt es vor allem kein adäquates
Modell, das es ersetzen könnte. „Hinzu kommt", so W E I N B E R G , dass die US-Medikamenten-
zulassungsbehörde das Maus-Modell einfach zum höchsten Standard f ü r die Einschätzung
der Wirksamkeit von M e d i k a m e n t e n erklärt hat." D a d u r c h hätte sich in der Forscherge-
meinde eine Trägheit entwickelt, die einen Wechsel hin zu einem anderen Modell erschwere.

• 105 •
Forscher sind offenbar wie alle Menschen Gewohnheitstiere. Und die von der Pharmain-
dustrie dominierte Forschung k a n n sehr gut mit dem faulen Maus-Modell leben. Denn ihre
Profite sprudeln ungebrochen, trotz aller fehlenden Therapieerfolge - oder gerade wegen der
ausbleibenden Therapieerfolge. Die Pharmariesen profitieren - so zynisch dies klingen mag
- erheblich davon, dass die Krebsraten nicht zurückgehen. So können sie Jahr um Jahr ihre
Medikamente massenweise verkaufen. Es lohnt also, sich zu vergegenwärtigen, was Fortune-
Autor C L I F T O N L E A F Z U bedenken gibt: „Die Menschen, die zwanghaft nach Heilmitteln, Heil-
mitteln, Heilmitteln gegen Krebs verlangen, sind - ich hasse es, dieses Begriff zu verwenden
- selbstsüchtig darin zu ignorieren, was sie alles präventiv gegen Krebs tun könnten." 3 3 3

Im Übrigen besitzen nicht nur die vorklinischen Studien an Mäusen u n d anderen Versuchs-
tieren insbesondere im Z u s a m m e n h a n g mit Krebs oft genug keine Aussagekraft. Auch spä-
ter, wenn getestet wird, ob die Patienten auf die Wirkstoffe reagieren, sieht es nicht besser
aus. Hier wird ü b e r p r ü f t , ob der Tumor - die ursprüngliche Geschwulst - auf die Medi-
k a m e n t e „anspricht", das heißt ob der T u m o r durch die Gabe der Präparate kleiner wird.
In der Tat ist es faszinierend zu sehen, wie ein Tumor z u s a m m e n s c h r u m p f t . Intuitiv würde
wohl jeder sagen, dass dies eine gute Sache ist. Und so
hat es sich etabliert, die T u m o r s c h r u m p f u n g als entschei-
Genau wie das Maus-Modell so dende Messgröße zu verwenden, wenn es d a r u m geht, die
ist auch die Tumorschrumpfung Wirksamkeit eines Medikamentes zu testen. Wenn Sie in
eine lausige Messgröße. Selbst einem Artikel lesen, dass ein Tumor auf ein bestimmtes
bekannte Krebswissenschaftler wie Arzneimittel oder auf Bestrahlung „angesprochen" hat, so
MAX WICHA, Direktor am Krebs- ist damit in der Regel gemeint, dass der Tumor sich ver-
zentrum der University of Michigan, kleinert hat.
müssen zugeben: „Das Modell, das
wir für die Zulassung von Krebsme- Die t r a u r i g e W a h r h e i t ist, dass die erreichte Tumor-
dikamenten verwenden, ist schlecht. s c h r u m p f u n g das Leben der Patienten meist gar nicht ver-
Danach werden Antikrebsmedika- längert - doch eine merkliche Lebensverlängerung ist ja
mente genehmigt, sobald mit ihnen das, was die Patienten letztlich wollen. So haben die meis-
der Tumor verkleinert werden konnte ten bösartigen T u m o r e n zu dem Z e i t p u n k t , zu dem sie
- auch wenn dadurch das Leben entdeckt werden, bereits das A u s m a ß einer Weintraube
des Patienten gar nicht verlängert erreicht. Sie zählen r u n d eine Milliarde Zellen. Und mit
wurde." 330 h o h e r W a h r s c h e i n l i c h k e i t sind aus einem Tumor von
einer derartigen Größe schon einige Krebszellen ausge-
brochen, haben sich in anderen wichtigen Körperregionen
wie Knochen, Lunge, Leber oder Gehirn erfolgreich niedergelassen u n d dort ein Chaos an-
gerichtet. Zu diesem Zeitpunkt sind Krebszellen also bereits metastasiert. Und genau dieser
Prozess der Metastasierung ist es, der f ü r fast alle Krebstodesfälle verantwortlich zeichnet.
Es ist also logisch, dass jene Medikamente, die d a f ü r konzipiert sind, die ursprüngliche Ge-
schwulst (welche die Patienten in der Regel nicht u m b r i n g t ) zum Schrumpfen zu bringen,
gegen die Metastasierung (welche die Menschen tötet) nichts ausrichten können. 3 4 3

• 106 •
Die tiefe Kluft zwischen Krebsforschung und Klinikrealität
Das ganze System der Medikamentenentwicklung hat wenig bis gar nichts damit zu tun, was
in der Realität geschieht. Denn dabei wird nicht nur übersehen, was im ganzen Körper eines
Krebspatienten geschieht, sondern auch, dass es einzig u n d allein d a r u m gehen müsste, das
Leben der Patienten entscheidend zu verlängern u n d ihnen dabei auch noch eine zumindest
passable Lebensqualität zu bieten - ohne quälende Nebenwirkungen der Medikamente.

Bereits 1 9 7 1 - also in dem Jahr, in dem US-Präsident R I C H A R D N I X O N den „Krieg gegen den
Krebs" lostrat - schrieb der australische Medizinnobelpreisträger S I R F R A N K M A C F A R L A N E
B U R N E T folgende Gedanken nieder: „Ich bin sehr skeptisch, was die Nützlichkeit der Mole-

kularbiologie anbetrifft. Und das zentrale A r g u m e n t in diesem Kontext ist, dass eine lebende
Struktur und insbesondere die informatorische Maschinerie der Zelle geradezu unendlich
komplex ist... [Sicher sind die Molekularbiologen] reichlich stolz auf ihre Leistungen u n d
meinen, sie hätten das Recht erworben, auf dem Weg, den sie eingeschlagen haben, weiter
zu schreiten. Doch ihr Geld k o m m t von Politikern, Bankern u n d Stiftungen, die nicht fähig
sind, die Natur der Einstellung eines Wissenschaftlers zur Wissenschaft zu erkennen - u n d
zwar eines Wissenschaftlers, der noch f ü h l t , dass die M e d i z i n f o r s c h u n g sich n u r d a r u m
scheren sollte, menschliche Krankheiten zu verhüten oder zu heilen. Doch unsere Wissen-
schaftler sagen, was von i h n e n erwartet wird. So werden ihre Stipendien erneuert - u n d
beide Seiten sind sich in unbehaglicher Weise d a r ü b e r bewusst, dass dies alles von G r u n d
auf ein unehrliches Schauspielstück ist." 315 Die Gedanken scheinen an Aktualität k a u m ein-
gebüßt zu haben.

„Hinzu kommt", wie der Genomforscher u n d Kritiker der aktuellen Krebsforschung, G E O R G E


G A B O R M I K L O S , sagt, „dass Krebsforscher auf hochgradig ineffizienten G e d a n k e n s t r a ß e n fah-

ren. Denn sie wurden nicht d a f ü r trainiert, über ihren Tellerrand zu schauen - in Bereiche,
welche die Bedeutung ihrer Resultate f ü r die klinische Praxis, sprich f ü r die Behandlung von
Krebspatienten, infrage stellen. Dadurch hat sich eine Kluft aufgetan zwischen Biomedizin-
forschern und ausgelasteten Klinikärzten, die allzu oft einfach keine Zeit haben, die Arbei-
ten der Wissenschaftler kritisch zu überprüfen. Vieles, was die Forschung findet, hat schlicht
keinerlei Relevanz f ü r die Behandlungspraxis. Vor allem die Versuche an Labormäusen sind
Lichtjahre von der Klinikrealität entfernt." 3 2 3

Das Ganze ist so gravierend, dass selbst Nature, die weltweit f ü h r e n d e wissenschaftliche
Fachzeitschrift, 2008 die Thematik in einem Artikel aufgriff. „Wie wir das Tal des Todes, das
sich zwischen den Forschungen der Biomediziner u n d den Bedürfnissen der Patienten auf-
getan hat überwinden", so lautete der Titel des Beitrags. 316 „Die US-Gesundheitsbehörde N I H
wurde vor mehr als einem halben Jahrhundert in den USA formell gegründet, um der öffent-
lichen Gesundheit der Nation zu dienen", so Nature-Autor D E C L A N B U T L E R . „Und heute ist es
ihr Auftrag, fundamentales Wissen zusammenzutragen u n d dieses d a f ü r zu verwenden, ,um
die Belastungen durch Krankheit u n d Invalidität zu verringern'." Doch es w ü r d e n sich die

• 107 •
Klagen darüber mehren, dass zwar enorme Mittel in die biomedizinische Forschung, zu der
vor allem die Krebswissenschaft zählt, fließen u n d m a n auch i m m e r mehr wüsste über die
Mechanismen von Krankheiten - entscheidend neue Behandlungs- und Diagnosemethoden
sowie P r ä v e n t i o n s m a ß n a h m e n würden dabei aber nicht in angemessener Weise entdeckt.

„Wir sehen einfach nicht den D u r c h b r u c h bei den Therapien, den die Menschen aber mit
gutem Recht erwarten können", zitiert B U T L E R den Molekularbiologen A L A N S C H L E C H T E R , der
selber bei der US-Gesundheitsbehörde N I H tätig ist. Und so tut sich seit n u n m e h r 30 Jahren
ein i m m e r größerer A b g r u n d auf zwischen Wissenschaft und Praxis, der gerne auch als „Tal
des Todes" bezeichnet wird. Weder die Biomedizinforscher, die voll damit beschäftigt sind,
neue Entdeckungen zu machen, noch die Ärzte, die mit ihren Patienten alle Hände voll zu
t u n haben, ä n d e r n d a r a n etwas. Vor allem, „weil sie nicht wirklich miteinander k o m m u -
nizieren", so B A R B A R A A L V I N G , die ebenfalls bei der N I H tätig ist. In anderen Ländern wie
Deutschland sieht die Situation k a u m besser aus.

Wie sehr die Kluft zwischen Forschung u n d ärztliche Praxis auseinander gedriftet ist, ver-
deutlicht auch folgendes Beispiel. So erschien im Jahre 2004 im New England Journal of Me-
diane eine Arbeit über das sogenannte follikuläre Lymphom. 3 1 7 Dabei handelt es sich um
eine bösartige E r k r a n k u n g e n des lymphatischen Systems, zu dem die Lymphknoten, die
R a c h e n m a n d e l n , die Milz u n d das K n o c h e n m a r k zählen. Ein follikuläres Lymphom tritt
vorwiegend im höheren Erwachsenenalter (im Schnitt bei 60-jährigen) auf. Die Überlebens-
zeiten nach Diagnosestellung schwanken stark u n d reichen von einem bis zu 20 Jahren. Die
Autoren der Studie behaupten nun, dass m a n die verbliebene Überlebenszeit vorhersagen
könne, indem m a n an den Zellen, die zur Zeit der Diagnosestellung im Tumor vorhanden
sind, eine Genanalyse d u r c h f ü h r t . A u f g r u n d deren Ergebnisses, so die frohe Botschaft, lie-
ßen sich die Patienten auch besser mit Medikamenten versorgen.

Nicht weniger als 40 Autoren waren an dieser ambitionierten Untersuchung beteiligt und
nicht weniger als 31 davon waren Ärzte. Doch der renommierte Gesundheitsstatistiker RO-
BERT T i B S H i R A N i hat die Arbeit etwas genauer unter die Lupe genommen. Dabei kommt der

Forscher von der Stanford University zu dem n i e d e r s c h m e t t e r n d e n Schluss, dass mithilfe


der Genanalyse, die von den 40 Autoren hochgehalten wird, überhaupt keine Voraussagen
d a r ü b e r gemacht werden k ö n n t e n , wie lange die Patienten, die unter einem follikulären
Lymphom leiden, noch leben. 344 „Mit anderen Worten: Die Daten, die auch von 31 Ärzten
z u s a m m e n g e t r a g e n w u r d e n , sind klinisch u n d d a m i t f ü r die Behandlung der Patienten
wertlos", so der Genomforscher G E O R G E G A B O R M I K L O S . „Die Quintessenz ist, dass wir nicht
erwarten können, dass Ärzte in der Lage sind, die Feinheiten u n d Analysen der modernen
Molekularmedizin, die in der Krebsforschung von großer Bedeutung sind, wirklich zu ver-
stehen. Die Mediziner sind damit ausgelastet, Leben zu retten, während die Forscher zu sehr
damit beschäftigt sind, Daten z u s a m m e n z u t r a g e n , die f ü r die Praxis meist keine Relevanz
haben."

• 108 •
Gebärmutterhalskrebsimpfung:
nutzlos, riskant, teuer
„Wenn das HP-Virus schuld sein sollte an Gebärmutterhalskrebs, müsste es ja über
den/die Partner übertragen werden. Allerdings ist das Humane Papillomavirus, kurz
HPV, das Gebärmutterhalskrebs verursachen können soll, bei Männern so gut wie gar
nicht nachweisbar und macht dort auch keine gesundheitlichen Probleme. Dies spricht
sehr stark gegen eine Infektionsursache. Ein Abstrich oder Pap-Test, bei dem auffällige
Zellen des Uterus gefunden werden, führt meist zu einer sogenannten Konisation. Das
heißt, aus dem Muttermund wird ein Stück Gewebe entfernt, und zwar dort, wo zwei
Gewebetypen angrenzen und die Entartungen stattfinden. Nach dem Herausschneiden
kommt es nur noch sehr selten zu weiteren Entartungen. Wäre das Ganze durch eine
Infektion verursacht, könnte man dies jedoch nicht chirurgisch behandeln."388
CHRISTIAN FIALA,Gynäkologe

Wie die Idee von den krebsverursachenden Viren entstand


Neben der These, dass Genmutationen f ü r die Krebsentstehung verantwortlich zu machen
sind, ist die Behauptung, dass Viren Krebs erzeugen, das zweite große Dogma der derzeiti-
gen Krebsmedizin. Insbesondere sollen sogenannte H u m a n e Papillomaviren (HPV) Gebär-
mutterhalskrebs auslösen k ö n n e n . Doch genau wie das D o g m a zur G e n m u t a t i o n , so darf
auch die zweite These angezweifelt werden.

Geschichtlich betrachtet geht die Idee von den Viren als Krankheitsauslöser auf die Mikro-
bentheorie zurück, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts herausbildete. Damals begann
man, ganz bestimmte M i k r o o r g a n i s m e n , vor allem Bakterien u n d Pilze, zur Ursache von
ganz bestimmten Krankheiten zu erklären, darunter Massenleiden wie Cholera oder Tuber-
kulose. Später wurde diese Vorstellung auch auf Viren übertragen. Der Biologie-Professor

• 109 •
E D W A R D G O L U B beschreibt die Entstehung dieser sogenannten Mikrobentheorie eindrucks-

voll in seinem Buch „Die Grenzen der Medizin: Wie die Wissenschaft unsere Vorstellung von
Heilung formt". 382 Die Begründer dieser Theorie, die Forscher Louis P A S T E U R ( 1 8 2 2 - 1 8 9 5 )
u n d R O B E R T K O C H ( 1 8 4 3 - 1 9 1 0 ) , stiegen noch zu ihren Lebzeiten in den Medizinolymp auf.

Louis P A S T E U R revidierte die Theorie auf seinem Sterbebett. Er sagte: „Die Mikrobe ist nichts,
der N ä h r b o d e n ist alles." 434 Das heißt: Eine Bakterien- genau wie eine Pilzkultur besteht
nicht einfach nur aus Bakterien oder Pilzen, zu ihr gehört immer ein Nährboden, ohne den
die M i k r o b e n nicht existieren k ö n n e n (genau so wenig wie wir Menschen ohne N a h r u n g
überleben). Je n a c h d e m wie ein N ä h r b o d e n geartet ist, so gibt es auch verschiedene Keime,
die darauf wachsen können oder auch nicht. Diese Keime können d a n n unterschiedlich gif-
tige Ausscheidungen haben.

Fragt m a n Bakteriologen, was zuerst k o m m t : der Boden oder die Bakterie, so lautet die Ant-
wort logischerweise immer, dass die Umwelt die M i k r o b e n gedeihen lässt. Die Keime er-
zeugen also nicht direkt die Krankheit. Vielmehr ist es of-
fenbar so, dass die körperlich erzeugte Krise die Bakterie
Bakterien leben nicht isoliert in z u m Wachsen bringt, indem die entsprechenden Bedin-
freier Atmosphäre, sondern sie gungen geschaffen werden, in denen zunächst harmlose
benötigen stets einen Nährboden. Bakterien sich zu giftigen u n d zum Beispiel Eiter erzeu-
Leider konzentriert sich die konven- genden Mikroorganismen entwickeln.
tionelle Medizin lediglich auf die
Abtötung von Mikroben, sie vergisst „Wenn wir K r a n k h e i t s s t a d i e n genauer betrachten, be-
dabei aber völlig, was Bakterien und sonders e n t z ü n d l i c h e Prozesse, so steht am Beginn der
Pilze tatsächlich sprießen lässt. 367 K r a n k h e i t eine Schädigung des O r g a n i s m u s - u n d erst
d a n a c h beginnt die bakterielle Aktivität", so der Allge-
meinmediziner J O H A N N L O I B N E R . „Dies k a n n jeder Mensch
an sich beobachten. Bringen wir Schmutz auf eine frische Wunde, d a n n treten auch noch an-
dere Bakterien auf. Nach Eindringen eines Fremdkörpers erscheinen ganz bestimmte Keime,
die nach Entfernung oder Auflösung wieder von selber verschwinden u n d uns nicht weiter
besiedeln. Schädigen wir unsere Atemschleimhäute durch Unterkühlung, d a n n kommen ge-
setzmäßig jene Bakterien auf den Plan, die je nach Heftigkeit, Dauer der Unterkühlung und
je nach Verfassung des betroffenen Individuums die angegriffenen Zellen abbauen und zur
Ausscheidung, einem Katarrh, führen."

Dies w ü r d e auch erklären, was das herrschende medizinische Denkmodell mit seiner Ten-
denz zur Vereinfachung (ein Erreger ist die Ursache einer Krankheit) nicht erfassen kann:
Dass stets viele verschiedene M i k r o o r g a n i s m e n vorhanden sind (darunter so „gefährliche"
wie der Tuberkelbazillus, Streptokokken oder Staphylokokken), ohne dass sie einen erkenn-
baren Schaden anrichten. Doch wenn die Mikroben genügend N a h r u n g bekommen, so kön-
nen sie sehr schädlich werden. Dieses „Futter" können Giftstoffe, Stoffwechselendprodukte,
nicht richtig verdaute N a h r u n g u n d viele Dinge mehr sein - eben alles, was Bakterien ver-

• 110 •
Stoffwechseln k ö n n e n (und das ist fast alles). Dies k a n n bis in E x t r e m s i t u a t i o n e n m ü n d e n ,
etwa in eine L u n g e n e n t z ü n d u n g . In diesem Fall k o m m t m a n meist nicht u m h i n , eine Not-
m a ß n a h m e in Form einer Antibiotikagabe zu ergreifen.

Wie leicht dieses Bakteriengleichgewicht b e e i n t r ä c h t i g t werden k a n n , zeigt sich bei Babys:


Werden diese mit M u t t e r m i l c h gestillt, so e n t h ä l t die D a r m f l o r a , u n s e r zentrales I m m u n -
system, fast ausschließlich ein b e s t i m m t e s B a k t e r i u m n a m e n s Lactobacillus bifidus. Dieses
Bakterium unterscheidet sich stark von d e m , d a s sich in der D a r m f l o r a breit m a c h t , w e n n
die Kleinkinddiät K u h m i l c h enthält. „Das B a k t e r i u m Lactobacillus bifidus verleiht d e m mit
Brustmilch g e n ä h r t e n Kind eine sehr viel g r ö ß e r e W i d e r s t a n d s k r a f t etwa gegen D a r m e n t -
zündungen", so der Mikrobiologe u n d Pulitzer-Preisträger RENÉ D U B O S ( 1 9 0 1 - 1 9 8 2 ) . 3 6 7 Dies
ist n u r eines von u n z ä h l i g e n Beispielen d a f ü r , wie das M i t e i n a n d e r von Bakterien u n d Men-
schen beeinflusst werden u n d positiv gestaltet werden k a n n .

Petrischalen werden meist dazu eingesetzt, um Mikroorganismen wie Bakterien und Pilze zu kultivieren.
Zu diesem Zweck wird in die Schale eine flache Schicht eines gelförmigen Nährmediums gefüllt, welche die
wachsenden Mikroorganismen mit Wasser und Nährstoffen versorgt (im Unterschied zu Flüssigkulturen wer-
den die Mikroben durch dieses Nährmedium fixiert). Die sichtbar größer werdenden „Punkte", die man an der
Oberfläche sieht, sind die wachsenden Bakterien oder Pilze. Dieses Beispiel verdeutlicht: Ob ein Mikroorga-
nismus sich ausbreiten kann, hängt vom richtigen Nährboden ab.

„Doch leider genoss das Wissen d a r u m , dass M i k r o o r g a n i s m e n auch f ü r den M e n s c h e n sehr


viel Gutes t u n , nie sonderlich g r o ß e Popularität", wie D U B O S beklagt. „Der M e n s c h hat es
sich zur Regel gemacht, sich m e h r um die G e f a h r e n , die sein Leben b e d r o h e n , zu sorgen, als
sich f ü r die biologischen Kräfte zu interessieren, von d e n e n die Menschheit in ihrer Existenz
so entscheidend a b h ä n g t . Die G e s c h i c h t e des Krieges hat auf die M e n s c h e n i m m e r m e h r

• 111 •
Faszination ausgeübt als Beschreibungen der friedlichen Koexistenz. Und so kommt es, dass
noch n i e m a n d eine Erfolgsstory d a r a u s gemacht hat aus der nützlichen Rolle, welche die
Bakterien im D a r m u n d Magen spielen. Allein die Produktion eines Großteils unserer Nah-
rung, die auf unseren Esstellern landet, hängt von bakterieller Aktivität ab." 367 Selbst Chir-
urgen machen sich dieses Prinzip zunutze, indem sie Säckchen mit Maden verwenden, um
mit ihnen besonders schlecht zu reinigende W u n d e n zu säubern. Die Maden fressen exakt
u n d präzise nur das abgestorbene u n d „kaputte" Material. Das Gesunde, Lebende rühren sie
nicht an. Kein C h i r u r g der Welt k a n n eine solche W u n d e so exakt u n d sicher säubern wie
diese Maden. Und wenn alles sauber ist, ist der „Madenspuk" vorbei. 4309

Doch was selbst P A S T E U R auf seinem Sterbebett sagte - „die M i k r o b e ist nichts, der Nähr-
boden ist alles" -, konnte sich in der vorherrschenden Medizin u n d erst recht in der Krebs-
forschung nicht durchsetzen. D a f ü r sorgte in besonderem M a ß e P A U L E H R L I C H (1854-1915),
der als Vater der Chemotherapie gilt u n d der Interpretation folgte, die R O B E R T K O C H bis zu
seinem Lebensende (genau wie P A S T E U R Z U seinen „besten Zeiten") predigte: dass Mikroben
die eigentlichen Ursachen von Krankheit sind u n d sie daher bekämpft werden müssten. Des-
wegen t r ä u m t e E H R L I C H davon, auf die Bakterien „chemisch zu zielen". Damit trug der von
seinen Gegenspielern „Dr. Fantasy" genannte 3 8 2 entscheidend dazu bei, dass sich die Doktrin
durchsetzte, wonach ganz b e s t i m m t e Krankheiten ganz bestimmte Ursachen hätten - und
diese Leiden d a h e r mit ganz b e s t i m m t e n c h e m i s c h - p h a r m a z e u t i s c h e n Präparaten erfolg-
reich bekämpft werden könnten. 3 8 2

Von dieser verzerrten Vorstellung w u r d e auch die Idee von k r a n k m a c h e n d e n Viren getra-
gen. Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die Mikrobentheorie zur bestimmenden Medizin-
lehre aufschwang, besaß m a n wohlgemerkt noch gar nicht die Möglichkeiten, Viren nach-
zuweisen. Viren v e r f ü g e n - im Gegensatz zu Bakterien u n d Pilzen - nicht einmal über einen
eigenen Stoffwechsel. Per Definition haben Viren ihren Stoffwechsel vollständig an die Zelle
abgegeben. Damit fehlen Viren, die nur aus einem Nukleinsäurefaden (DNS- oder RNS-Erb-
substanz) u n d einer Eiweißkapsel bestehen, die entscheidenden Merkmale eines Lebewesens.
Sie zählen streng g e n o m m e n gar nicht zu den Mikroben (aus dem Griechischen: „mikro" =
klein, „bios" = Leben).

Dass die „Pasteurianer" den A u s d r u c k „Virus" schon d a m a l s verwendeten, war lediglich


dem Umstand geschuldet, dass m a n sich des lateinischen Begriffes „virus" bediente (was so
viel heißt wie Gift), um organische Strukturen zu beschreiben, die nicht als Bakterien ausge-
macht werden konnten. 4 6 0 Ganz nach dem Feindbild-Denkmuster: Wenn schon keine sicht-
bare Bakterie ausfindig gemacht werden k a n n , d a n n muss eben irgendein anderer Erreger
f ü r die Krankheit verantwortlich zeichnen, u n d nicht etwa die E r n ä h r u n g oder schwerme-
tallhaltige Pestizide, die d a m a l s massiv in die Landwirtschaft Einzug hielten. Um mit JO-
H A N N W O L F G A N G G O E T H E S Mephisto zu sprechen: „Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein

Wort zur rechten Zeit sich ein." 367

• 112 •
So misst das, was als Viren bezeichnet wird, n u r 20 bis 450 N a n o m e t e r (Milliardstel Meter)
und ist somit sehr viel kleiner als Bakterien u n d Pilze - so winzigklein, dass m a n sie n u r
unter einem E l e k t r o n e n m i k r o s k o p sehen k a n n . Diese Technik ist erst seit 1931 b e k a n n t .
Bakterien und Pilze können hingegen auch mit einem einfacheren Lichtmikroskop beobach-
tet werden. Der niederländische Forscher A N T O N I VAN L E E U W E N H O E K ( 1 6 3 2 - 1 7 2 3 ) konstruierte
das erste Lichtmikroskop im 17. Jahrhundert.

Einfaches Lichtmikroskop, mit dessen Hilfe Bakterien Abbildung eines modernen Elektronenmikroskops
und Pilze sichtbar gemacht werden können, extrem (erfunden 1931). Mit dieser Technik ist es möglich,
kleine Partikel wie Viren hingegen nicht. Viren sichtbar zu machen.

„Um 1960, bevor die neuzeitige Molekularbiologie aufkam, galt die Elektronenmikroskopie
als das beste Instrument zur Identifizierung von Viren in Zellkulturen", so der Pathologie-
Professor E T I E N N E DE H A R V E N , der als Pionier der Elektronenmikroskopie u n d Virologie unter
anderem 25 Jahre am Sloan-Kettering Institute in New York geforscht hat, das 1945 gegrün-
det und schnell zum größten privaten Krebsforschungszentrum der USA avancierte. 383 „Und
so kam es, dass zu dieser Zeit Laboratorien auf der ganzen Welt ihre Bemühungen auf das
Ziel richteten, mit ständig verbesserten M e t h o d e n der Elektronenmikroskopie Partikel in
Krebszellen zu beobachten." 1962 wurde die zentrale Rolle der Elektronenmikroskopie auch
auf der bekannten Cold Spring Harbor Conference anerkannt. Dort bezeichnete etwa A N D R E
LWOFF, der drei Jahre später den Medizinnobelpreis erhalten sollte, die Elektronenmikrosko-

pie als die wohl effizienteste Methode zum Virennachweis. Daher schlug der Franzose vor,
Viren mit diesem Verfahren zu ermitteln u n d in Klassen einzuteilen. 366

• 113 •

vj
Wilde Tiere erkranken sehr selten an Krebs - einer von einigen Aspekten, die gegen die Virus-Theorie sprechen.

Ein Schwerpunkt der Medizin-Wissenschaft war schon damals das Thema Krebs, da sich die
Krebsforscher verstärkt auf die Idee fixierten, Viren müssten ein entscheidender Auslöser
von Krebs sein. 441 Sie versuchten akribisch mit Hilfe der Elektronenmikroskopie Viren in
menschlichen Krebszellen nachzuweisen. Doch dies war alles andere als von Erfolg gekrönt.
„ M a n f a n d n u r v i r u s ä h n l i c h e Partikel, u n d das auch n u r von Zeit zu Zeit - wohingegen
Viren eines b e s t i m m t e n Typs niemals in überzeugender Weise sichtbar gemacht werden
konnten", so DE H A R V E N . 3 6 3

Auch der M e d i z i n n o b e l p r e i s t r ä g e r u n d K r e b s f o r s c h e r S I R F R A N K M A C F A R L A N E B U R N E T
schreibt 1971 in seinem Buch „Genes, D r e a m s and Realities": „In den vergangenen zwölf
Jahren hat sich die Forschergemeinde stark darauf konzentriert, Viren, die Krebs oder Leu-
kämie in Mäusen, H a m s t e r n oder H ü h n e r n erzeugen, ausfindig zu machen. Doch es konnte
kein überzeugender Beweis erbracht werden dafür, dass irgendeiner der menschlichen Tu-
moren durch ein Virus verursacht wird. M a n muss also klar sagen, dass die Virus-Theorie
[zu Krebs] nichts weiter ist als Spekulation. Es mag mittlerweile eine Mehrheit unter den
jungen Krebsforschern geben, die glauben, dass Krebs eventuell mit der Theorie von den
.langsamen Viren' erklärbar sei, u n d zwar ohne dass irgendein Virus sichtbar gemacht wer-
den k a n n . Doch f ü r mich ist dies ein ungerechtfertigter u n d unwissenschaftlicher Glaube,
der auf einem falschen Verständnis über die Bedeutung von Virus-Forschungen an Labor-

• 114 •
tieren basiert. Wenn wir bedenken, dass Krebs bei wilden Tieren extrem selten auftritt, so
kann ich keinen Weg erkennen, durch den ein Vermögen, Krebs zu erzeugen, das Überleben
einer Virus-Art begünstigt. In keiner Weise k a n n ich irgendetwas in der menschlichen Bio-
logie erkennen, das die Kraft hätte, menschliche Krebsviren zu erzeugen - mit A u s n a h m e
der Anstrengungen des Menschen, zu solchen Überlegungen zu k o m m e n . Ich denke, dass
wir die Möglichkeit, dass auch nur einer der gängigen Krebstypen viralen Ursprungs ist,
vergessen können." 3 5 7

Die Misserfolge sorgten in der Wissenschaftswelt f ü r entsprechend große Enttäuschung.


Und obwohl die starke Tendenz in der Wissenschaft besteht, negative Ergebnisse möglichst
nicht zu publizieren (in der Fachsprache bezeichnet m a n dies als „publication bias", vgl.
Seite 99 im vorigen Kapitel), 467 so waren die Misserfolge der Krebsvirus-Jäger so universell,
dass es nicht ausblieb, dass doch vereinzelt darüber berichtet wurde. So beschrieb die fran-
zösische Forscherin F R A N Ç O I S E H A G U E N A U 1 9 5 9 im Journal Etude du Cancer über die Schwie-
rigkeiten bei dem Versuch, in einer langen Reihe von Brustkrebsproben irgendwelche typi-
schen Viruspartikel zu identifizieren. Auch den Wissenschaftlern D R . W I L H E L M B E R N H A R D
und D R . R . LEPLUS gelang es 1 9 6 4 nicht, mit Hilfe der Elektronenmikroskopie Viruspartikel
zu finden, von denen m a n a n n a h m , sie w ü r d e n bei der Ausbildung von Morbus H o d g k i n
(Lymphdrüsenkrebs), lymphoiden Leukämien (Blutkrebs) oder der Metastasenbildung eine
Rolle spielen. 354

Dennoch waren die Virusjäger nicht zu stoppen. Anstatt sich vom Tunnelblick auf Viren zu
lösen, schoben sie die Schuld f ü r ihre Misserfolge auf die M e t h o d i k der Virus-Bestimmung,
vor allem auf die sogenannten Dünnschnitte. Dabei handelt es sich um Gewebeproben, die
extrem fein zurechtgeschnitten werden, sodass m a n sie gut unter dem Elektronenmikroskop
betrachten kann. D ü n n s c h n i t t e hatten sich unzählige Male b e w ä h r t u n d auch bei Versu-
chen an Mäusen perfekt funktioniert. 3 6 6 Doch plötzlich behauptete man, die Herstellung der
Dünnschnitte sei zu aufwändig u n d zeitraubend. Und welcher Forscher hatte noch Zeit f ü r
Dünnschnitte, als die P h a r m a f i r m e n begannen, vor allem das zu finanzieren, was schnelle
Antworten lieferte?

Tatsächlich verstieß m a n die D ü n n s c h n i t t e u n d w a n d t e sich der viel e i n f a c h e r e n u n d


schnelleren Färbemethode zu. Dabei werden bestimmte Partikel von der Gewebeprobe (etwa
die Erbsubstanz) farblich markiert u n d anschließend elektronenmikroskopisch aufgenom-
men. „Doch die Ergebnisse, die mittels Färbemethode zutage gefördert wurden, waren rein
wissenschaftlich betrachtet ein Desaster", erinnert sich der Pathologe DE H A R V E N . „Denn die
Partikel wurden beim Lufttrocknungsprozess, der z u m A n f ä r b e n der Teilchen notwendig
war, derart deformiert, dass sie einen langen Schwanz ausbildeten. Diese entstellten Partikel
waren nicht nur ein regelrechtes K u n s t p r o d u k t aus dem Labor, auch sahen sie exakt so aus
wie viele andere Zellbestandteile, bei denen es sich definitiv um keine Viren handelte. Da-
durch war es schier unmöglich zu bestimmen, ob es sich bei den .geschwänzten' Partikeln
um Viren handelte oder nicht." 364'365

• 115 •
Einige Wissenschaftler rangen sich dazu durch, die Ergebnisse, die mittels Färbemethode
erzielt w u r d e n , als das zu bezeichnen, was sie waren: wertlos. Die einzig logische Konse-
quenz wäre n u n gewesen, die Färbemethode ad acta zu legen u n d zur D ü n n s c h n i t t m e t h o d e
z u r ü c k z u k e h r e n . D o c h das geschah nicht. Stattdessen entschieden sich die Forscher, die
Schuld auf die Elektronenmikroskopie zu schieben u n d deren Technik schlecht zu machen.

Andere Forscher waren so erpicht darauf, Viren als Schuldige ausfindig zu machen, dass sie
einfach über die Wertlosigkeit der mittels Färbemethode erzielten Ergebnisse hinwegsahen
u n d frei heraus behaupteten, bei den deformierten „geschwänzten" Partikeln handle es sich
um b e s t i m m t e Viren. Obwohl diese Schlussfolgerung wissenschaftlich unhaltbar war, wur-
den die Virusjäger f ü r ihre Vorgehensweise reichlich mit Forschungsgeldern bedacht.

In der Folge w u r d e n sogar K u h m i l c h u n d M u t t e r m i l c h auf die Anwesenheit dieser ge-


schwänzten Partikeln untersucht. 3 6 6 Im Oktober 1971 k a m es zu einer Pressekonferenz der
U S - G e s u n d h e i t s b e h ö r d e N I H , bei der einige der größten Zeitungen der USA anwesend
waren u n d auf welcher der b e k a n n t e Molekularbiologe S O L S P I E G E L M A N vor möglichen
Krebsrisiken des Stillens warnte. „Schauen Sie, wenn in der Familie einer Frau Brustkrebs
gehäuft vorkommt; u n d wenn bei dieser Frau Virus-Partikel gefunden wurden und sie meine
Schwester wäre, so würde ich ihr sagen, sie sollte ihr Kind nicht stillen", sagte S P I E G E L M A N zu
den Journalisten. 4 6 4

Anfang der 1970er Jahre warnte die US-Forschung im Kanon mit mächtigen Medien vor dem Stillen. Der angebli-
che Grund: Muttermilch könne Krebsviren enthalten. Diese Warnung hatte jedoch nur eine kurze Halbwertszeit
und mutet aus heutiger Sicht geradezu abstrus an.

• 116 •
Die Chicago Sun-Times hob am darauf folgenden Tag S P I E G E L M A N S Zitat ins Blatt. 464 Auch
viele andere Printmedien wie die Washington Post und Fernsehstationen warnten vor even-
tuellen Risiken der Muttermilch. 3 6 8 Dabei ruderte S P I E G E L M A N selber auf der Pressekonferenz
auf Nachfrage eines Journalisten zurück u n d meinte: „Man k a n n keine P a n i k m a c h e diesen
Ausmaßes lostreten, wenn m a n nicht mit Sicherheit weiß, ob ein Virus-Partikel die Ursache
ist." 464 Wenn m a n aber gar keine wissenschaftlichen abgesicherten Ergebnisse präsentiert
werden konnten, wieso wurde d a n n eine solche Pressekonferenz, zu der die f ü h r e n d e n Me-
dien des Landes eingeladen werden, überhaupt anberaumt? Zumal das Thema „Krebsgefah-
ren durch Muttermilch" längst wieder in der Versenkung verschwunden ist u n d bis heute
auch kein entsprechendes Virus von Brustkrebsgewebe u n d offenbar auch generell nicht von
menschlichem Tumorgewebe u n d Blutplasma isoliert werden konnte. 362

Daraufhin bewegte sich die etablierte Krebsforschung schrittweise weiter weg von einem
direkten Virusnachweis, der darin bestanden hätte, die Partikel, die als Viren vermutet wer-
den, vollständig von Fremdmaterial zu reinigen, genetisch komplett zu beschreiben u n d an-
schließend elektronenmikroskopisch a u f z u n e h m e n . Ein Ereignis von zentraler Bedeutung
war in diesem Z u s a m m e n h a n g die Beschreibung des Enzyms Reverse Transkriptase - eines
Proteins, das biochemische Reaktionen bewirken u n d beschleunigen k a n n u n d zur Weiter-
gabe des Erbguts bei der Zellteilung eine wichtige Rolle spielt. 1970 beschrieben die Forscher
H O W A R D T E M I N und D A V I D B A L T I M O R E dieses Enzym im Z u s a m m e n h a n g mit der Suche nach

Krebsviren. 351 462 Diese Forschungsarbeiten erschienen der Medizinwelt so bedeutsam, dass
sie T E M I N und B A L T I M O R E d a f ü r 1975 den Nobelpreis verlieh. 437

Was aber war so bedeutsam an diesem Enzym Reverse Transkriptase? Man meinte, dass Re-
verse Transkriptase etwas ganz Typisches f ü r Retroviren sei, von denen m a n vermutete, sie
könnten Zellen schädigen und sogar Krebs auslösen. Dabei versuchte m a n aber nicht, diese
Retroviren direkt nachzuweisen. Vielmehr glaubte man, dass m a n in der Zellkultur des Re-
agenzglases nur nach diesem Enzym Reverse Transkriptase suchen müsse - u n d wenn man
das Enzym vorfinde, so könne man sicher sein, dass ein Retrovirus vorhanden sei.

Diese These sollte sich fortan in den Köpfen der etablierten Forscher festsetzen u n d der
entscheidende Urheber d a f ü r sein, dass die i n d i r e k t e n N a c h w e i s m e t h o d e n (sogenannte
Surrogatmarker) praktisch komplett an die Stelle des direkten Nachweisverfahrens (Virus-
Reinigung, exakte Bestimmung der genetischen Eigenschaften plus elektronenmikroskopi-
sche Aufnahme) traten. 366 Selbst noch 1983 - also mehr als zwölf Jahre nach Entdeckung des
Enzyms Reverse Transkriptase - behauptete der später als HIV-Entdecker gefeierte Forscher
Luc M O N T A G N I E R vom Pariser Pasteur Institut in einer im Fachmagazin Science abgedruckten
Arbeit, sein Forscherteam hätte ein neues Retrovirus namens LAV (später HIV genannt) ge-
funden. 410 Und M O N T A G N I E R meinte, dies deshalb sagen zu können, weil er in seiner Zellkul-
tur Reverse Transkriptase gefunden hatte.

• 117 •
Doch dieser Schluss ist unzulässig. So hatten selbst die Nobelpreisträger T E M I N und B A L T I -
M O R E bereits 1972, also elf Jahre zuvor, konstatiert: „Reverse Transkriptase ist eine Eigen-

schaft, die allen Zellen eigen ist." 461 Und sogar die Forscher F R A N Ç O I S E B A R R É - S I N O U S S I und
J E A N - C L A U D E C H E R M A N N , die wichtigsten Co-Autoren von Luc M O N T A G N I E R S Sdence-Studie,

kamen nur ein Jahr später (1973) zu dem Schluss, dass Reverse Transkriptase nicht charak-
teristisch (spezifisch) sei f ü r Retroviren, sondern in allen Zellen vorkomme. 4 5 4 Mit anderen
Worten: Wird in der untersuchten Laborkultur das Enzym Reverse Transkriptase gefunden,
so k a n n d a r a u s eben nicht geschlossen werden, dass ein Retrovirus, geschweige denn ein
spezielles Retrovirus anwesend ist.

Das Virus-Desaster der 1970er Jahre - und wieso die Virus-These doch
überlebte

In den späten 1970er Jahren regte sich massive Kritik an der etablierten Krebsforschung. Die
Experten „haben den Retroviren alles Böse zugetraut - die Auslösung von Krebs vor allem
- u n d d a f ü r Spott u n d Niederlagen ohne Zahl einstecken müssen", wie Der Spiegel 1986 die
damalige Situation beschrieb. 387 Dabei ging das Konzept, wonach Viren die großen Krank-
heitsauslöser sein sollen, nicht nur bei Krebs nicht auf. Auch das Schweinepest-Desaster von
1976 spricht Bände.

So war D A V I D L E W I S , ein junger amerikanischer Rekrut, bei einem Marsch zusammengebro-


chen. Seuchenexperten behaupteten daraufhin, aus der Lunge von L E W I S ein Schweinepest-
Virus isoliert zu haben. Im Anschluss daran hatte US-Präsident G E R A L D FORD seinen großen
Auftritt im Fernsehen. Auf Geheiß des medizinischen Establishments, insbesondere der US-
Seuchenbehörde CDC, d r ä n g t e F O R D alle Amerikaner dazu, sich gegen eine bevorstehende
tödliche Schweinepest-Epidemie impfen zu lassen. 466 Und genau wie vor wenigen Jahren bei
der Vogelgrippe, so wurde auch schon damals die große Pandemie von 1918, die sogenannte
„Spanische Grippe", als Schreckensszenario bemüht.

Nicht weniger als 50 Millionen US-Bürger ließen sich in Panik versetzen und einen Impfstoff
injizieren, der eiligst auf den Markt geworfen worden war - u n d der bei 20 bis 40 Prozent der
Gutgläubigen z u m Teil starke N e b e n w i r k u n g e n erzeugte, d a r u n t e r Lähmungen u n d auch
Todesfälle. Dies zeitigte schließlich Schadensersatzforderungen in Höhe von 2,7Mrd. $. Das
Debakel kostete auch dem CDC-Chef D A V I D S P E N C E R , der als Kampfmittel zur Beeinflussung
der Medien sogar einen Schweinegrippe-„War Room" (Kampfraum) eingerichtet hatte, am
Ende den Job. Die bittere Ironie: Es w u r d e praktisch von keinem tatsächlichen Schweine-
pestfall berichtet. 3 6 8

• 118 •
Mit der Inszenierung von HIV/AIDS in den 1980er Jahren durch die konventionelle Medizin hat die Virus-
forschung deutlich an Macht gewonnen. Seither ist es für sie ein Leichtes, die Angst vor Pandemien immer
wieder neu auf der ganzen Welt zu schüren. Menschen fühlen sich dadurch zu den merkwürdigsten Hand-
lungen veranlasst.

In der Folge geriet die US-Gesundheitsbehörde N I H in unsicheres politisches Fahrwasser -


genau wie die Seuchenbehörde CDC, die daraufhin 1980 umfassend neu strukturiert wurde.
Bei CDC u n d NIH, den mächtigsten Organisationen in Sachen Gesundheitspolitik u n d bio-
medizinische Wissenschaft, setzte daraufhin das große Nachdenken ein. Um sich zu rehabi-
litieren, käme natürlich ein neuer „Krieg" gelegen. Am besten gegen eine Mikrobe, denn das
Thema „ansteckende Krankheiten" hat sich im 20. J a h r h u n d e r t - trotz p e r m a n e n t e r Rück-
schläge - immer noch als das effektivste erwiesen, wenn es d a r u m ging, die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit zu erzielen u n d staatliche Gelder f ü r die Forschung zu generieren.

Tatsächlich hätte, wie der Rot-Kreuz-Beamte P A U L C U M M I N G 1 9 9 4 der Zeitung San Francisco


Chronicle erzählte, die US-Seuchenbehörde C D C zu jener Zeit „zusehends eine große Epide-
mie gebraucht, um ihre Existenz zu rechtfertigen". 432 Und die These, dass HIV AIDS erzeugt,
wurde f ü r die US-Seuchenbehörde die Rettung. „So k a m es, dass A n f a n g der 80-er all die
alten Virus-Jäger vom National Krebsinstitut der USA einfach neue Schilder an ihre Türen
schraubten und flugs zu AIDS-Forschern wurden", wie Chemie-Nobelpreisträger K A R Y M U L -
LIS zu berichten weiß. „Und f ü r den Anfang bekamen sie von US-Präsident R O N A L D R E A G A N

mal so eben eine Milliarde Dollar geschenkt." 412

• 119 •
Der bekannteste unter den Überläufern von der Krebs- zur AIDS-Forschung war R O B E R T
G A L L O , der z u s a m m e n mit M O N T A G N I E R als Entdecker des sogenannten „AIDS-Virus" gilt

u n d als Millionär i m m e r noch W e l t r u h m genießt, auch wenn er 2008 bei der Vergabe des
Medizinnobelpreises - im Gegensatz zu M O N T A G N I E R - unberücksichtigt blieb. G A L L O S Ruf
als Krebsforscher w u r d e zwischenzeitlich arg beschädigt, weil er sich mit Virus-Hypothesen
zu K r a n k h e i t e n wie Leukämie (Blutkrebs) hervortat, die hinterher in sich zusammenfie-
len. 368 „HIV entsprang nicht plötzlich aus dem Regenwald oder Haiti", so M U L L I S , „es sprang
einfach in die H ä n d e von B O B G A L L O Z U einer Zeit, in der er eine neue Karriere brauchte." 412

Seither wird der Medizinkosmos nicht müde, „böse" Viren als die großen Krebsverursacher
abzustempeln. So k a m 2 0 0 6 erstmals der Verdacht auf, dass angeblich auch Prostatakrebs
durch ein Virus (mit)verursacht wird. Im Herbst 2 0 0 9 w u r d e dieser Verdacht erneut geäu-
ßert. 453 Bei all der Virenhatz bleibt aber der begründete Gedanke unbeachtet, dass die Par-
tikel gar keine von a u ß e n e i n d r i n g e n d e n u n d k r a n k m a c h e n d e n Viren sind, sondern vom
Körper selbst produziert worden sein könnten. 4 4 2 Dabei hat die Fachwelt das Thema bereits
vor längerer Zeit entdeckt. Man spricht von „endogenen", also von innen in den Körperzel-
len sich bildenden Partikeln (auch „endogene Viren"). Einen Meilenstein bilden in diesem
Z u s a m m e n h a n g die Forschungsarbeiten der Genetikerin B A R B A R A M C C L I N T O C K , die 1 9 8 3
in ihrer Nobelpreisarbeit berichtet, dass sich das Erbgut von Lebewesen ständig verändern
k a n n , u n d zwar dadurch, dass es von „shocks" getroffen werde. Diese Schocks können Gifte
sein, aber auch Stoffe, die im Reagenzglas Stress erzeugten. 407 Das k a n n wiederum dazu füh-
ren, dass sich neue Gensequenzen bilden, die zuvor nicht nachweisbar waren.

Es ist denkbar, dass giftige Drogen oder immunsuppressive Medikamente wie Antibiotika
oder Chemotherapie oxidativen Stress auslösen. Somit wird das Blut in seiner Fähigkeit be-
hindert, den f ü r das Leben u n d Überleben der Zellen so wichtigen Sauerstoff zu transportie-
ren. Zugleich werden dadurch Stickoxide produziert, die Zellen schwer schädigen können.
Als Folge können neue genetische Sequenzen entstehen, die d a n n von PCR-Tests ausgemacht
u n d von der heutigen Wissenschaft fälschlicherweise als Viren interpretiert werden. 396 442

Doch die derzeit herrschende Forschungsmeinung verdammt derlei Gedanken als Ketzerei.
Genau wie die orthodoxe Genetik über Jahrzehnte M C C L I N T O C K S Konzept von den „jumping
genes" (den springenden Genen) bekämpft hatte, weil man vom eigenen Modell, wonach das
Gengerüst vollkommen stabil ist, nicht lassen wollte. Dabei hatte m a n die Wissenschaftlerin

PCR (Polymerase Chain Reaction, zu Deutsch: Polymerase-Kettenreaktion) beschreibt ein Testverfahren, das
mit Hilfe eines Enzyms, der sogenannten DNA-Polymerase, Erbsubstanz (DNA) im Labor vervielfältigen kann.
Die Vervielfältigung des winzigen DNA-Materials (etwa eines Gens oder eines Genteils) dient dazu, das Stückchen
Erbsubstanz überhaupt sichtbar zu machen. Der Chemiker K A R Y M U L L I S entwickelte diesen Test und bekam 1993
d a f ü r den Nobelpreis. Seit geraumer Zeit wird die PCR als Schnellverfahren zum Nachweis von Viren verwendet,
aber auch bei Vaterschaftstests oder für den genetischen Fingerabdruck. Doch während bei den beiden letzteren
eine klar definierte menschliche DNA vorliegt, die m a n mithilfe der PCR vervielfältigen kann, scheint dies bei
HPV-Erregern nicht der Fall zu sein. Seither regt sich Kritik am Einsatz der PCR in der Virusforschung.

• 120 •
nicht nur ignoriert, auch wurde ihr regelrecht „feindlich"
begegnet, wie M C C L I N T O C K erzählte. 438 „Im Nachhinein ist Schon vor langer Zeit wurde
es schmerzhaft zu sehen, wie extrem fixiert viele Wissen- beobachtet, dass Vergiftungen
schaftler auf die herrschenden A n n a h m e n , auf die man sich im Körper das erzeugen können, was
stillschweigend geeinigt hat, sind", so M C C L I N T O C K 1973, von der etablierten Medizin als von
kurz nachdem die offiziellen Medizingremien eingestehen außen angreifendes Virus gedeutet
mussten, dass sie Recht hat. „Man muss eben die richtige wird. So berichtete der Wissen-
Zeit für einen konzeptionellen Wechsel abwarten." 4 0 6 s c h a f t l e r RALPH SCOBEY 1954 im

Fachblatt Archives of Pediatrics,


ULRICH ABEL vom Deutschen K r e b s f o r s c h u n g s z e n t r u m : dass sich Herpes Simplex- offiziell
„Einer K o r r e k t u r ihrer I r r t ü m e r , einer Ä n d e r u n g der als reine Viruskrankheit beschrieben
vorherrschenden Vorstellungen und Urteile, setzt die Me- - nach der Injektion von Impfstoffen,
dizin einen beträchtlichen Widerstand entgegen. So mag nach dem Trinken von Milch oder
Ärzten, insbesondere den Kapazitäten auf d e m Gebiet nach der Aufnahme bestimmter Nah-
der bisherigen Therapie, das Eingeständnis schwer fallen, rungausgebildet hatte; während
dass andere es waren, die im eigenen Forschungsgebiet Herpes zoster (Gürtelrose) nach der
Fortschritte erzielt haben." Kritik könne als „Angriff u n d Aufnahme oder Injektion von Schwer-
Bedrohung" e m p f u n d e n werden, sind sie doch unbequem, metallen wie Arsen und Bismuth
da sie das Erlernen neuer M e t h o d e n u n d die Auseinan- oder Alkohol entstanden war.451
dersetzung mit ihren theoretischen Grundlagen erforder-
lich machten. Z u d e m bedrohe Kritik unter U m s t ä n d e n
wirtschaftliche Interessen u n d damit Macht u n d Einfluss von Herstellern u n d Anwendern
sowie von Einrichtungen, in denen die Anwender tätig sind. Um Korrekturen zu erreichen,
benötige man „erhebliches Engagement u n d auch großen Mut", so A B E L . 3 4 5

Das Nobelpreiskomitee und der Medizinnobelpreis für Harald zur Hausen


- ein Paradebeispiel für fehlende wissenschaftliche Belege

Der Siegeszug der HIV-Forschung hat sicher entscheidend dazu beigetragen, dass sich auch
die Vorstellung, Krebs könne durch Viren verursacht werden, trotz aller Ungereimtheiten
so hartnäckig halten konnte. Im Z e n t r u m des Interesses steht in jüngster Vergangenheit das
sogenannte H u m a n e Papillomavirus (HPV), das Gebärmutterhalskrebs auslösen soll. Hier
meint man nicht nur, ein krebsauslösendes Virus dingfest gemacht zu haben, auch hat m a n
weltweit zum ersten Mal Impfstoffe (Gardasil u n d Cervarix) gegen einen bestimmten Kreb-
styp, den Gebärmutterhalskrebs (Zervixkarzinom), auf den Markt gebracht.

„Doch verschiedene Experten bemängeln, dass es f ü r die Tests, mit denen m a n HPV festzu-
stellen sucht, gar keine verbindlichen Standards der Eichung gibt", kritisiert H A N S T O L Z I N , der
die Internetseite impfkritik.de betreibt. Genau wie jede Maßeinheit - etwa Zentimeter oder

• 121 •
Meter - geeicht werden muss, d a m i t eindeutig u n d f ü r
Der deutsche Krebsforscher alle klar ist, wie lang ein Zentimeter oder ein Meter ist,
H A R A L D ZUR H A U S E N e r h i e l t so müssten eigentlich auch Tests zum Nachweis von Viren
2008 den Medizinnobelpreis für die geeicht sein. Die Viren, die mit diesen Tests b e s t i m m t
Annahme, dass HPV Gebärmutter- werden sollen, müssten irgendwann einmal in ihrer Exis-
halskrebs auslöst. Doch ist diese tenz u n d Beschaffenheit eindeutig nachgewiesen worden
Hypothese wissenschaftlich begrün- sein. Idealerweise sollte dies geschehen, indem man die
det? Nicht einmal das Nobelpreisko- im Verdacht stehenden Partikel reinigt, ihre genetischen
mitee konnte Belege dafür liefern, Eigenschaften exakt bestimm, sie per Elektronenmikros-
dass das, was als HPV bezeichnet kop a u f n i m m t u n d damit zeigt, dass diese Partikel Viren
wird, wirklich HPV ist. 375 eines speziellen Typs sind, die k r a n k machen bzw. Krebs
erzeugen.

Doch die Firma Digene Deutschland G m b H , die unter anderem einen sogenannten PCR-
Test z u m Nachweis (!) von H P V vertreibt, a n t w o r t e t e T O L Z I N auf Anfrage: „Es gibt kein
international a n e r k a n n t e s Referenzmaterial bzw. keine Standards, die zur Eichung eines
HPV-Tests eingesetzt werden können." 463 Ein Nachweis des HP-Virus k a n n demnach nicht
s t a t t g e f u n d e n haben, w o d u r c h die PCR f ü r einen Virusnachweis wertlos wird. So musste
selbst der HIV-Forscher R O B E R T G A L L O vor einem australischen Gericht offiziell einräumen,
dass ein PCR-Test nicht verwendet werden könne, um ein Virus nachzuweisen, wenn das
Virus nicht zuvor einwandfrei nachgewiesen wurde. 4 2 2 Auch 14 Top-Virologen der „älteren
Garde" schrieben in einem Appell an die junge Forscher-Generation, der 2001 in Science
abgedruckt wurde, dass die m o d e r n e n Methoden z u m Virusnachweis wie die PCR „nichts
d a r ü b e r aussagen, wie sich ein Virus vermehrt, welches Tier dieses Virus trägt oder wie es
Leute k r a n k macht. Es ist so, als wolle m a n durch einen Blick auf die Fingerabdrücke einer
Person feststellen, ob sie Mundgeruch hat." 377

Wie aber k a n n Digene d a n n vor diesem H i n t e r g r u n d


Im Grunde kann niemand mit wissen, dass ein positives Testergebnis einen eindeutigen
Sicherheit behaupten, dass ein genetischen Fingerabdruck des HP-Virus darstellt? TOL-
positiver HPV-Test auch bedeutet, ZIN schrieb auch einen weiteren Hersteller an, doch der
dass HPV tatsächlich festgestellt konnte ebenfalls keinen Eichstandard f ü r HPV präsentie-
wurde. Ein positives Testergebnis ren. Stattdessen stellte sich heraus, dass diese Firma ihren
kann genau so gut für irgendein an- Test n a m e n s „Papillocheck" am Digene-Test eicht. „Doch
deres Virus oder einfach für mensch- wenn ich von einem Berg falle, u n d k l a m m e r e mich an
liche Erbgutbruchstücke und somit j e m a n d e n , der keinen Halt hat, d a n n fallen beide in die
für gar kein Virus stehen. Tiefe. Genauso verhält es sich hier mit den beiden Testsys-
temen", so T O L Z I N .

Doch selbst wenn die Testergebnisse zuverlässig wären, w ü r d e dies automatisch bedeuten,
dass HPV die Ursache von Gebärmutterhalskrebs ist? Offenbar nicht, denn offiziellen An-
gaben zufolge b e k o m m e n nur 0,02 Prozent aller deutschen Frauen, von denen es heißt, sie

• 122 •
hätten sich mit HPV infiziert, Gebärmutterhalskrebs. N u r eine von r u n d 6.000 Frauen er-
krankt demnach an diesem Krebstyp. In Anbetracht dessen ist es k a u m möglich, von einem
eindeutigen U r s a c h e - W i r k u n g s - Z u s a m m e n h a n g zu sprechen. Z u m a l selbst b e d e u t e n d e
Impfbefürworter wie die Amerikanische Krebsgesellschaft davon sprechen, dass das Virus
allein Gebärmutterhalskrebs gar nicht auslöse, sondern andere mögliche Ursachen im Spiel
seien, darunter Rauchen, Übergewicht, der Konsum von zu wenig Obst u n d Gemüse 4 1 3 oder
auch die langfristige E i n n a h m e der Pille. 349,408

Hinzu k o m m t , dass gerade bei jüngeren Frauen eine als H P V - I n f e k t i o n bezeichnete Stö-
rung oft nur von kurzer Dauer ist. Mit anderen Worten: Die Körper jüngerer Frauen werden
oft selber d a m i t fertig u n d haben d a d u r c h nach Auffassung der o r t h o d o x e n Krebsmedi-
zin ein geringes Risiko, an G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s zu e r k r a n k e n . Dies zeigt z u m Beispiel
eine Studie, die ein Team u m P H I L I P C A S T L E vom amerikanischen Nationalen Krebsinstitut
durchgeführt hat u n d die im August 2009 im British Medical Journal abgedruckt wurde. 3 5 8

Darüber hinaus k o m m e n Gebärmutterhalskrebs u n d das, was als HP-Virus bezeichnet wird


(obwohl es nie als Virus nachgewiesen wurde), häufig gemeinsam vor. Sie sind, wie es im
Fachjargon heißt, „assoziiert". Doch daraus zu schließen, dass auf jeden Fall auch ein ur-
sächlicher Z u s a m m e n h a n g zwischen H P V u n d G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s vorliegt, ist g r u n d -
sätzlich nicht möglich u n d stellt einen der häufigsten I r r t ü m e r in der Medizin dar. Z u m a l
Gebärmutterhalskrebs auch d a n n v o r k o m m t , o h n e dass H P V (mittels HPV-Tests, deren
Aussagekraft f ü r den Nachweis von H P V höchst f r a g w ü r d i g ist) festgestellt wurde.

Wenn aber die Behauptung, das Virus sei die (Haupt-)Ursache von Gebärmutterhalskrebs,
auf Sand gebaut ist, wie k ö n n e n d a n n Hersteller u n d Behörden u n d M a s s e n m e d i e n als
deren Sprachrohr propagieren, die I m p f u n g gegen das Virus biete zuverlässigen Schutz?

Interessenkonflikte untergraben die Glaubwürdigkeit der


Impfstoff-Befürworter

Eine plausible Antwort auf die Frage, wie es um die Glaubwürdigkeit der I m p f b e f ü r w o r t e r
bestellt ist, ergibt sich, wenn m a n sich den mit der I m p f s t o f f e i n f ü h r u n g verbundenen Inte-
ressenkonflikt betrachtet. So w u r d e der HPV-Impfstoff Gardasil im US-Bundesstaat Texas
f ü r alle Mädchen ab der sechsten Klasse, in der die Kinder gewöhnlich elf bis zwölf Jahre
jung sind, zur Pflicht gemacht. Pikant ist dies nicht nur, weil diese drastische M a ß n a h m e
wissenschaftlich nicht begründet werden kann. So ist der texanische Gouverneur R I C K PERRY
zudem eine Art Ziehkind der Pharmaindustrie. PERRY unterhält nach Recherchen von Asso-
ciated Press (AP) enge Verbindungen z u m Gardasil-Hersteller Merck u n d bekam von dem
Konzern auch Wahlkampfspenden. 4 3 6

• 123 •
Dass es zur E i n f ü h r u n g des Impfstoffes - u n d in Texas sogar zur Pflichtimpfung - kommen
konnte, liegt auch an dem intensiven finanziellen und logistischen Engagement von Merck.
So betreibt Amerikas drittgrößter P h a r m a k o n z e r n intensive Lobbyarbeit bei Krankenversi-
cherungen u n d Laiengruppierungen. 3 5 5 Die New York Times zitiert in diesem Z u s a m m e n -
h a n g die Medizinerin D I A N E H A R P E R , die an der Erforschung von Mercks HPV-Impfstoffe
Gardasil sowie von Cervarix, dem HPV-Impfstoff von GlaxoSmithKline, in führender Posi-
tion beteiligt war: „Mercks Lobbyarbeit schloss jeden Meinungsbildner, jede Frauengruppe,
jede medizinische Fachgesellschaft sowie Politiker ein, u n d sie gingen direkt auf die Leute
zu - es entstand ein G e f ü h l der Panik, die besagte, m a n müsse diesen Impfstoff jetzt einfach
haben." 4 4 6

Die Lobbyarbeit der Pharmafirmen hat, wie am Beispiel Gardasil gut zu sehen ist, längst ein klares Ungleich-
gewicht geschaffen. Während die Unternehmen große Gewinne einfahren, müssen die Patienten immer mehr
zahlen - und dies für einen zum Teil sehr zweifelhaften medizinischen Nutzen.

Nicht weniger massiv sind die Interessenkonflikte außerhalb der USA. In Deutschland ar-
beitet die Ständige Impfkommission STIKO am Robert-Koch-Institut eng mit den Pharma-
firmen u n d Impfstoffherstellern z u s a m m e n . Viele STIKO-Mitglieder werden auch von den
Firmen bezahlt 4 3 1 - ein Umstand, auf den unter anderem der Gemeinsame Bundesausschuss
(G-BA), dem höchsten G r e m i u m der Selbstverwaltung im deutschen Gesundheitswesen,
a u f m e r k s a m macht. 351 Der Kinderarzt M A R T I N H I R T E vom Verein Ärzte für individuelle Impf-
entscheidung berichtet a u ß e r d e m , dass beim „ H P V - M a n a g e m e n t Forum" des deutschen
Paul-Ehrlich-Instituts n e u n von elf Mitgliedern enge Beziehungen zu P h a r m a k o n z e r n e n
hätten. 3 9 0

• 124 •
Zudem besteht der begründete Verdacht, dass Merck seinen Impfstoff Gardasil gepuscht hat,
um die Verluste aus seinem Rheuma-, A r t h r o s e - u n d Schmerzmittel Vioxx sowie aus an-
deren Blockbuster-Medikamenten zu kompensieren. Wie bereits ausgeführt, musste Merck
Vioxx 2004 vom Markt nehmen, nachdem zahlreiche Nebenwirkungen u n d sogar Todesfälle
auf die Einnahme des häufig verschriebenen Medikaments z u r ü c k g e f ü h r t worden waren.

Hinzu k o m m t , dass 2006 das Patent f ü r den Blutfettsenker Zocor, der Merck 2005 satte
4,4Mrd.$ brachte, ausgelaufen war u n d auch allgemein das Ende von Patenten anderer sehr
einträglicher Medikamente bevorstand. Dadurch öffnet sich der M a r k t f ü r Generika, also
Arzneimittel, die eine wirkstoffgleiche Kopie eines bereits unter einem M a r k e n n a m e n auf
dem Markt befindlichen Medikaments sind. Und Generika bedeuten f ü r etablierte Konzerne
wie Merck immer die große Gefahr sinkender E i n n a h m e n . Doch Hilfe ist in Sicht, u n d zwar
mit Gardasil, wie etwa CNNMoney 2005 und 2006 berichtete. 456,457 Und so vermeldete Merck
Anfang 2008, dass sich sein Gewinn insbesondere d a n k der E i n n a h m e n aus dem Gardasil-
Geschäft fast verdoppelt hätte. 446 In Deutschland mauserte sich Gardasil schon k u r z nach
seiner Zulassung zum umsatzstärksten Arzneimittel (monatlicher Umsatz: 25 Mio. €).439

Doch damit nicht genug. Ende 2008 berichtete Sveriges Radio aus Schweden, dass enge Ver-
bindungen zwischen dem P h a r m a k o n z e r n Astra Zeneca u n d dem Nobelpreiskomitee be-
standen u n d das Nobelpreiskomitee somit in eklatante Interessenkonflikte verstrickt war.
So war Astra Zeneca Hauptsponsor zweier Nobel-Stiftungstöchter (Nobel Media u n d Nobel
Webb) und hielt gleichzeitig Rechte an den HPVTmpfstoffen. Mehrere Personen, die f ü r die
Vergabe des Nobelpreises f ü r Medizin mitverantwortlich zeichnen, standen auf der Lohn-
liste von Astra Zeneca. Dadurch kam nicht nur das Nobelkomitee verstärkt unter Druck. Die
Vergabe des Medizin-Nobelpreises an den Deutschen H A R A L D Z U R H A U S E N geriet ins Zwie-
licht. Denn die Preisverleihung an den deutschen Mediziner d ü r f t e die V e r m a r k t u n g der
HPV-Impfstoffe entscheidend begünstigt u n d Astra Zeneca damit Gewinne beschert haben.

Auf eine neue Konstellation von Interessenkonflikten machte die Frankfurter Rundschau
im April 2009 a u f m e r k s a m . So wurde die Projektgruppe Zervita gegründet, um „der häu-
fig einseitigen u n d widersprüchlichen Berichterstattung über G e s u n d h e i t s t h e m e n f ü r den
Bereich Gebärmutterhalskrebs hoch qualifizierte, kompetente I n f o r m a t i o n e n entgegenzu-
setzen". Als S c h i r m h e r r i n stellte sich die deutsche B u n d e s f o r s c h u n g s m i n i s t e r i n A N N E T T E
S C H A V A N zur Verfügung. H a u p t s p o n s o r e n von Zervita sind der HPV-Impfstoffhersteller

GlaxoSmithKline u n d der europäische Gardasil-Vermarkter Sanofi Pasteur MSD. 402 Die


Liste der „Partner" liest sich wie ein W h o is W h o der deutschen Medizin, vom Berufsver-
band der Deutschen Frauenärzte bis hin zur Gesellschaft f ü r Pädiatrische Infektiologie u n d
zum angeblich gemeinnützigen Verein „Deutsches Grünes Kreuz", der laut Financial Times
Deutschland zu einer „gut funktionierenden Kampagnen- u n d Medienmaschine mutiert" ist
- gesponsert unter anderem von Sanofi Pasteur MSD. Das Fazit des Artikels in der Financial
Times Deutschland: „Die Hersteller sind mit der Arbeit des Deutschen G r ü n e n Kreuzes zu-
frieden." 346,390

• 125 •
Wie die Impfstoffhersteller in den USA Ärzte finanziert,
Es mutet merkwürdig an, dass mit einseitigen Informationen beeinflusst und so den Weg
beim Impfstoff Gardasil zu zur Zulassung bereitet haben, zeigt auch ein Beitrag der
dem Zeitpunkt, als der Impfstoff von Sozialmediziner S H E I L A u n d D A V I D R O T H M A N , der 2 0 0 9
den Genehmigungsbehörden zuge- im Fachmagazin der a m e r i k a n i s c h e n Ärztevereinigung
lassen wurde, die entscheidenden erschien. 4 4 7 D e m n a c h haben US-Fachverbände wie die
Phase-Ill-Studien noch gar nicht Gesellschaft f ü r Gynäkologische Onkologie (SGO) ge-
vollständig publiziert worden waren. holfen, den Impfstoff zu vermarkten, indem sie von Phar-
Diese Phase-Ill-Studien sind von zen- m a f i r m e n erstellte Präsentationen, Dias u n d Broschüren
traler Bedeutung, weil bei ihnen das verbreiteten. Impfstoffhersteller Merck finanzierte Fach-
Präparat - in diesem Fall ein Impf- v e r b ä n d e , S c h u l u n g s p r o g r a m m e u n d richtete bei der
s t o f f - an vielen Patienten auf seine SGO sogar eine Art Sprecherbüro ein, um Werbung f ü r
Wirksamkeit getestet wird. Doch die I m p f u n g zu machen. „Ärzte w u r d e n auf skandalöse
wenn die Ergebnisse dieser Tests Weise in das M a r k e t i n g eingespannt", sagt die Medizi-
nicht öffentlich zugänglich sind, nerin I N G R I D M Ü H L H A U S E R . „In Deutschland ist das wohl
bevor der Wirkstoff zugelassen wird, ähnlich gelaufen." Im Jahr 2 0 0 8 hat der Impfstoff weltweit
so wird Medizinern wie Laien die 1,4 Mrd. Dollar umgesetzt. 352
Möglichkeit genommen, die Studien
auf ihre Plausibilität und Richtigkeit Es besteht o h n e h i n schon das Problem, dass die Zulas-
hin zu überprüfen. Das stellt nicht s u n g s s t u d i e n in der Regel von den Herstellern selbst
nur eine schwere Verletzung der finanziert u n d d u r c h g e f ü h r t werden. Dies gilt auch f ü r
professionellen wissenschaftlichen Gardasil u n d Cervarix. Das heißt: Eine Kontrolle durch
Etikette dar, es schafft auch beste die Zulassungsbehörde ist selbst dann, wenn sie dies sehr
Voraussetzungen für inoffizielle genau nehmen würde, nur bedingt möglich. Zudem bele-
Absprachen. gen zahlreiche Untersuchungen, dass in Studien, die von
Herstellern f i n a n z i e r t werden, die untersuchten Wirk-
stoffe überdurchschnittlich positiv beurteilt werden.

13 Wissenschaftler fordern eine Neubewertung der HPV-lmpfung


Aus den M a i n s t r e a m m e d i e n waren kritische Töne lange nicht zu hören. Ende 2 0 0 6 , kurz
nach der Zulassung von Gardasil, bringt etwa die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Auf-
macher auf ihren Wissenschaftsseiten, geschrieben vom leitenden Wissenschaftsredakteur:
„Impfen gegen Krebs - in der Apotheke wird ein Traum wahr." Und die FAZ kommt einfach
nicht aus dem Schwärmen heraus. So würden wir „am Beginn einer neuen Epoche im bisher
doch eher erbarmungswürdigen Kampf gegen den Krebs [stehen]. Plötzlich scheint jeder Tag
sinnvoll. In den Dossiers des Impfstoffherstellers, Sanofi Pasteur MSD, die den Aufbruch
ins neue Zeitalter begleiten, b e k o m m t das historische Ereignis einen N a m e n - .Gardasil'."
Man könne, so die FAZ weiter, die Werbebotschaften u n d „Ankündigungen" von Sanofi Pas-
teur „als die üblichen Posen eines P h a r m a k o n z e r n s in seinem Kampf um Marktmacht, Pro-

• 126 •
fite und Prestige abtun, wenn nicht gleichzeitig auch Ärzte u n d unabhängige Forscher fast
geschlossen von einem Paradigmenwechsel sprächen. Alle schwärmen sie von der g r o ß e n
Chance, mit drei harmlosen Spritzen eines der schlimmsten Frauenübel schlagartig einzu-
dämmen. Die Bilanz der Zulassungsstudien ist [einfach] so überzeugend, dass die Euphorie
inzwischen kaum Grenzen kennt." 4 "

Auch Bild stimmte in die Jubelarie ein u n d meinte, die I m p f u n g sei „ein D u r c h b r u c h im
Kampf gegen Krebs! [...] D a m i t ist G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s so gut wie ausgeschlossen." 4 1 7
Noch im Oktober 2008 wird die H P V - I m p f u n g von bedeutenden Massenmedien hochgeju-
belt. Kurz nach Vergabe des Nobelpreises an H A R A L D ZUR H A U S E N f ü r seine A n n a h m e , dass
das H u m a n e Papillomavirus (HPV) Gebärmutterhalskrebs auslöst, meint z u m Beispiel der
Spiegel auf seiner Website, dass wir ZUR H A U S E N S Forschungen eine „hochwirksame" Imp-
fung gegen diesen im Fachjargon Zervixkarzinom bezeichneten Krebs zu verdanken hätten. 400

Einige Wochen später rudert der Spiegel allerdings zurück u n d äußert sich in einem Inter-
view mit FRIEDRICH H O F M A N N , Chef der Ständigen Impfkommission STIKO, wie folgt: „Herr
Hofmann, Tausende Mädchen haben die I m p f u n g gegen Gebärmutterhalskrebs b e k o m m e n
- obwohl niemand weiß, wie gut sie wirkt u n d welche Langzeitwirkungen sie haben könnte".
Das Interview wurde von jener Redakteurin g e f ü h r t , die den zuvor e r w ä h n t e n Artikel ge-
schrieben hatte, in dem die HPV-Impfung noch als „hochwirksam" bezeichnet worden war. 401

Die Zielgruppe für den HPV-lmpfstoff wird massiv von den Herstellern umworben - Plakate, Anzeigen, kosten-
lose Informationsbroschüren. Frauen, egal welcher Generation, können sich kaum davor retten.

• 127 •
Wie aber k o n n t e es zu dieser Wende in der Berichterstattung kommen? Freilich k a n n hier
nur g e m u t m a ß t werden, da sich der Spiegel dazu nicht äußern mochte. 374 Doch die Vermu-
t u n g liegt nahe, dass das N a c h r i c h t e n m a g a z i n von Behauptungen, die H P V - I m p f u n g sei
„ h o c h w i r k s a m " u n d „schützt gegen Gebärmutterhalskrebs", Abstand n a h m , weil A N S G A R
G E R H A R D U S , Gesundheitswissenschaftler der Universität Bielefeld, u n d zwölf weitere deut-

sche Forscher einen A u f r u f initiierten hatten, der in verschiedenen bedeutenden Massenme-


dien auf Widerhall gestoßen war. Titel des Aufrufs: „Neubewertung der HPV-Impfung und
ein Ende der i r r e f ü h r e n d e n Informationen." 3 8 1 Dort heißt es: „Seit Herbst 2006 können sich
Mädchen u n d Frauen in Deutschland gegen H P V impfen lassen. Seit dieser Zeit wird über
mögliche Nebenwirkungen, die Kosten der I m p f u n g sowie die teilweise irreführende Kam-
pagne f ü r die I m p f u n g intensiv diskutiert. Ob aber die I m p f u n g überhaupt das leistet, was
sie verspricht, w u r d e k a u m hinterfragt. Gerade die entscheidende Frage der Wirksamkeit,
im Sinne einer Senkung der N e u e r k r a n k u n g e n an Gebärmutterhalskrebs, ist bisher nicht
ausreichend geklärt u n d Gegenstand unzutreffender Informationen."

Vor allem weisen die 13 Wissenschaftler auf den Umstan d hin, dass die Empfehlung durch
die Ständige I m p f k o m m i s s i o n STIKO am Robert-Koch-Institut erfolgte, noch bevor die
entscheidenden Studien publiziert worden waren. Erst im Mai 2007 erschienen die wich-
tigsten Studien F U T U R E I u n d F U T U R E II z u m Impfstoff Gardasil in der Fachzeitschrift
New England Journal of Medicine (NEJMj.418 Die zentrale Aussage eines im NEJM 2008 ver-
öffentlichten K o m m e n t a r s lautete: „Die schlechte Nachricht ist, dass wir die Wirksamkeit
der I m p f u n g gegen Gebärmutterhalskrebs nicht kennen." Eine differenzierte Darstellung in
deutscher Sprache findet sich unter anderem im arznei-telegramm.41'

Auch als die STIKO die I m p f u n g gegen H P V f ü r alle Mädchen im Alter von zwölf bis 17
Jahren im M ä r z 2007 empfahl, waren also diese entscheidenden Studien noch gar nicht
publiziert. Erschwerend k o m m t hinzu, dass nur 15- bis 17-jährige untersucht worden waren,
das heißt f ü r die jüngeren Mädchen lagen gar keine Daten vor. Ein Umstand, den auch der
Arzneimittelexperte G E R D G L A E S K E kritisiert. 402

Darüber hinaus machen A N S G A R G E R H A R D U S u n d seine zwölf Mitstreiter darauf aufmerksam,


dass die Wirksamkeit der I m p f u n g in den Studien gar nicht in Bezug auf Gebärmutterhals-
krebs untersucht worden war, s o n d e r n nur in Bezug auf das Auftreten von höhergradigen
Zellveränderungen. Diese höhergradigen Zellveränderungen gelten lediglich als mögliche
Vorstufe von G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s . Auch f a n d sich in den Auswertungen eine Vermin-
d e r u n g an allen h ö h e r g r a d i g e n Zellveränderungen um gerade einmal 7,8 Prozent in der
FUTURE-I-Studie u n d um 17 Prozent in der Studie FUTURE II. Auswertungen dieser Art
w u r d e n von der STIKO nicht berücksichtigt. Wobei natürlich niemand ausschließen kann,
dass die Studien nicht manipuliert wurden. Für den zweiten Impfstoff Cervarix beruhten die
Empfehlungen der STIKO sogar nur auf Daten zur Verhinderung von andauernden Infektio-
nen. Zur Wirksamkeit in Bezug auf Krebsvorstufen oder gar Krebs lagen für Cervarix keine
Daten vor.

• 128 •
Die 13 Wissenschaftler forderten, dass die Empfehlung der STIKO zur H P V - I m p f u n g u m -
gehend bzw. dringend überprüft werden müsste. Nicht zuletzt, weil sich die STIKO in ihrer
Empfehlung vom März 2007 nicht auf explizite Zahlen zur W i r k s a m k e i t gestützt hatte.
Stattdessen erwähnte die STIKO - offenbar a u f g r u n d eigener H o c h r e c h n u n g e n - eine „le-
benslange Impfeffektivität" von 92,5 Prozent. Die H e r k u n f t dieser Zahl wird aber nicht er-
klärt, ganz abgesehen davon, dass m a n zur „lebenslangen" I m m u n i t ä t keinerlei Daten hatte
und hat. Hinweise auf eine Wirksamkeit dieser G r ö ß e n o r d n u n g liefert keine der bisheri-
gen Studien. Zur Ü b e r p r ü f u n g der Impfempfehlung sollte die STIKO, so die Verfasser des
Aufrufs, die neuen Studienergebnisse berücksichtigen u n d fehlende Daten vom Hersteller
anfordern und in die Bewertung einbeziehen. Der Bewertung sollte explizit zu e n t n e h m e n
sein, welche Wirksamkeit die STIKO von der I m p f u n g erwartet u n d auf welchen A n n a h m e n
sowie auf welchen Daten diese Erwartungen beruhen.
Allein dass die Ständige Impf-
„Wir wenden uns entschieden dagegen, dass zur Gefähr- kommission (STIKO) zu Selbst-
dung durch Gebärmutterhalskrebs mit falschen Informa- verständlichkeiten aufgefordert
tionen Angst und Schuldgefühle erzeugt werden", so ANS- werden muss, lässt den Verdacht
GAR G E R H A R D U S . „Wir fordern, dass die Unsicherheiten in aufkommen, dass „auf Teufel komm
der Datenlage thematisiert werden. B e h a u p t u n g e n , die raus" eine HPV-lmpfung auf den
Impfung reduziere Gebärmutterhalskrebs um 70 oder gar Markt gebracht werden sollte - eine
98 Prozent, müssen unterbleiben u n d durch studienge- Impfung, die in Deutschland mit der-
stützte Informationen ersetzt werden, die allen Beteiligten zeit 500 € so teuer ist wie nirgends
eine dem Kenntnisstand entsprechende Bewertung u n d sonst und dem Gesundheitssystem
Entscheidung ermöglichen." teuer zu stehen kommt. 402 Zumal an-
gesehene Wissenschaftler betonen,
Nach dieser einschneidenden Kritik selbst von zahlrei- dass die in Studien tatsächlich ermit-
chen „gestandenen" Schulmedizinern konnte die STIKO telten Ergebnisse zur HPV-lmpfung
nicht anders u n d überarbeitete ihre Empfehlung f ü r die in deutlichem Widerspruch stehen
H P V - I m p f u n g aus d e m Jahr 2007. Doch die Ü b e r a r - zu den optimistischen Botschaften
beitung brachte nichts Neues. Im August 2009 ließ die von Behörden und Pharmaindustrie.
STIKO verlautbaren, sie bleibe bei ihrer E m p f e h l u n g , Mädchen und Frauen haben aber ein
dass sich Mädchen zwischen zwölf u n d 17 Jahren gegen Recht auf faktisch korrekte Informa-
HPV-Impfung impfen lassen sollten. Diese Entscheidung tionen.
verwundert nicht, wenn m a n bedenkt, wie eng auch die
STIKO mit den Impfstoffherstellern verwoben ist. Nach-
dem insbesondere die Gruppe der 13 Forscher die Wirksamkeit des neuen Wundermittels in
Frage gestellt hatte, brach der Umsatz der HPV-Impfstoffhersteller schlagartig ein. Es musste
also gegengesteuert werden - u n d da kam der STIKO die Rolle zu, mit ihrer erneuten Emp-
fehlung d a f ü r zu sorgen, dass der Umsatz wieder angekurbelt wird.

Wirklich überzeugen k a n n auch die „überarbeitete" Empfehlung der STIKO nicht, was nicht
zuletzt mit den Interessenkonflikten z u s a m m e n h ä n g e n dürfte. So ist die E m p f e h l u n g der
STIKO f ü r die Impfstoffhersteller eine Lizenz zum Gelddrucken. D e n n solange sie bei ihrer

• 129 •
Dass die äußerst gewinnträchtige HPV-lmpfung vor Gebärmutterhalskrebs schützt, kann derzeit keine
einzige Studie wissenschaftlich belegen.

Bewertung bleibt, müssen die Krankenkassen zahlen. Nirgendwo sonst spült die HPV-Imp-
f u n g den Herstellern so viel Geld in ihre Kassen wie in Deutschland. Dass die STIKO für ihr
Urteil jedoch auf Studien zurückgreift, die ebenso von den Herstellern finanziert werden wie
die PR-Kampagnen, mit denen sie Deutschland überziehen, stellt auch die neue Bewertung
in Frage. Davon abgesehen k o n n t e auch die erneute Empfehlung der STIKO die bisherige
Meinung ihrer Kritiker darüber nicht ändern. Denn der wesentliche Streitpunkt - die Frage,
welchen Nutzen die H P V - l m p f u n g hat - w u r d e i m m e r noch „nicht beantwortet", wie etwa
die Medizinprofessorin I N G R I D M Ü H L H A U S E R , die zu den Unterzeichnern des kritischen Ma-
nifests der 13 Wissenschaftler gehört, feststellt. 399

Nur die Nebenwirkungen des HPV-lmpfstoffes sind belegt


In der Zulassungsstudie zu Gardasil w u r d e n aufgetretene Nebenwirkungen zwischen zwei
G r u p p e n verglichen, von denen die eine den Impfstoff erhielt u n d die andere einen, wie es
hieß, Placebo bekam. In diesem Vergleich waren die Nebenwirkungen in beiden Gruppen in
etwa gleich verbreitet. Dies wird allgemein als Beweis f ü r die sehr gute Verträglichkeit der
I m p f u n g angeführt. 4 1 8 Doch es gibt zwei große Probleme mit dieser Schlussfolgerung.

• 130 •
Zum einen wurden die Studienteilnehmerinnen nur über einen Zeitraum von drei Jahren
beobachtet. Eine derart kurze Zeitspanne ist ungenügend, um die Wirksamkeit eines Impf-
stoffs ebenso wie seine Nebenwirkungen, die sich längerfristig durch die Gabe von Gardasil
ergeben könnten, verlässlich zu beurteilen.

Zum anderen wurde den Frauen in der sogenannten „Placebogruppe" gar kein „Placebo"
- also ein unwirksames Scheinmedikament - injiziert, sondern alle Inhaltsstoffe, die auch
in Gardasil enthalten waren, abgesehen von dem, was als Virusprotein bezeichnet wird. 3 7 8
Nach der P r o d u k t i n f o r m a t i o n zu Gardasil sind dies: a m o r p h e s A l u m i n i u m h y d r o x y p h o s -
phatsulfat, der Eiweißbaustein (Aminosäure) L-Histidin, das Tensid Polysorbat 80 u n d das
Mineral Natriumborat. 4 1 9

Wenn Gardasil aber in Wahrheit gar nicht, wie behauptet, gegen ein Placebo verglichen
wurde, so war es nicht möglich herauszufinden, ob die Patienten besser oder schlechter fah-
ren, wenn sie einen bestimmten Wirkstoff (in diesem Fall eine I m p f u n g ) erhalten oder m a n
bei ihnen nichts u n t e r n i m m t . Bei dem im „Placebo" enthaltenen A l u m i n i u m h y d r o x y p h o s -
phatsulfat handelt es sich beispielsweise um eine A l u m i n i u m v e r b i n d u n g , die als Ursache
von Nervenleiden bis hin zu Alzheimer diskutiert werden. 392,443

Das Metall A l u m i n i u m ist im Übrigen nicht nur in Gardasil (und in der Zulassungsstudie
in dem „Placebo") enthalten, sondern auch in dem a n d e r e n G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s i m p f -
stoff Cervarix 4 3 5 genau wie in vielen anderen Impfstoffen, d a r u n t e r im Milzbrandimpfstoff.
Der Milzbrandimpfstoff ist wegen dieses Metallzusatzes verstärkt in Verdacht geraten, bei
den US-amerikanischen Soldaten neurologische Schäden verursacht zu haben, die aus dem
Zweiten Golfkrieg (Kuwait u n d Irak, 1991) heimgekehrt sind. 452 Für die e r k r a n k t e n Solda-
ten wurde eigens der Begriff Golfkriegssyndrom kreiert, der f ü r Krankheiten steht, die sich
nicht rein psychisch (durch sogenannte p o s t t r a u m a t i s c h e Belastungsstörungen) erklären
lassen. Zu den teilweise heftigen Beschwerden zählen Gelenk- u n d Muskelschmerzen, u n -
gewöhnliche Müdigkeit u n d E r s c h ö p f u n g s z u s t ä n d e , Gedächtnisprobleme, Depressionen,
Störungen der kognitiven und emotionalen Funktionen, Schwindel, Erbrechen, Lähmungen,
Haar- und Zahnausfall, Drüsenschwellungen, Sehstörungen u n d Gedächtnisschwund sowie
Missbildungen bei nach dem Krieg gezeugten irakischen u n d amerikanischen Kindern.

Zwar betont das Paul-Ehrlich-Institut unter B e r u f u n g auf Aussagen des Medizinprofessors


H E I N Z - J O S E F S C H M I T T , der lange Vorsitzender der Ständigen Impfkommission STIKO des Ro-

bert-Koch-Instituts war und gleich nach seinem Amtsende 2007 z u m Impfstoffhersteller No-
vartis wechselte, dass ein „neutrales" Placebo bei Impfstoff-Studien völlig „unethisch" wäre
- der Proband in der Placebogruppe müsse ja „irgendwas davon haben". 372 - 405 Doch welchen
gesundheitlichen Vorteil die Mädchen u n d Frauen, die in die sogenannte Placebogruppe ge-
lost wurden, davon gehabt haben sollen, dass sie eine aluminiumhaltige Flüssigkeit gespritzt
bekommen, bleibt auch nach S C H M I T T S „Argumentation" ein Rätsel.

• 131 •
Davon abgesehen hätte diese Vergleichsgruppe schlicht nicht als „Placebogruppe" bezeich-
net werden d ü r f e n , weil d a d u r c h der Anschein erweckt wird, hier sei ein wirkungsloses
Scheinmedikament verabreicht worden. „Es ist absolut unverständlich, dass die Autoren der
Studien zur H P V - I m p f u n g statt eines wirkungslosen S c h e i n m e d i k a m e n t s sehr wirksame
Substanzen verabreicht haben u n d dies trotzdem als Placebo bezeichnen", kritisieren auch
der Gynäkologe C H R I S T I A N F I A L A u n d die Gesundheitspsychologin P E T R A S C H W E I G E R . „Was
hat ein Nervengift wie A l u m i n i u m in einem Placebo zu suchen? Wie will man in einer derart
manipulierten Studie die Nebenwirkungen eindeutig zuordnen?" 3 7 8 , 4 2 7

H i n z u k o m m t , dass in Gardasil neben A l u m i n i u m noch andere nicht unbedenkliche Be-


standteile enthalten sind, in deren „Genuss" auch die Frauen aus der „Placebo"gruppe ge-
k o m m e n sind. Erwähnt wird zum Beispiel das Tensid Polysorbat 80. Tenside bewirken, dass
zwei nicht miteinander mischbare Flüssigkeiten, zum Beispiel Öl u n d Wasser, fein vermengt
werden können. Studien haben ergeben, dass das Tensid Polysorbat 80 anaphylaktische, also
lebensbedrohliche Schocks auslösen k a n n 359 u n d bei Nagern in Tierversuchen schon Un-
fruchtbarkeit erzeugt hat. 379

Ein weiterer Zusatz ist das Mineral Natriumborat. Auch Borax, Borat oder Tinkai genannt,
wird es in Desinfektions-, Putz- u n d Bleichmitteln sowie in Insektiziden (bei Ameisenfallen)
eingesetzt. Des Weiteren wirkt Borax als vorbeugendes Holzschutzmittel gegen Schimmel
sowie Insekten 425 u n d wird auch als Flammschutzmittel eingesetzt. Nach Untersuchungen
des Umweltbundesamtes wird das Nervensystem bei täglichen Dosen von mehr als 152 mg
B o r a x / k g Körpergewicht geschädigt: Es treten K r ä m p f e u n d Erbrechen auf. Von einem
hohen Stellenwert ist die reproduktionstoxische W i r k u n g von Borax. Die tierexperimentel-
len Beobachtungen reichen von Atrophie der Hoden, Beeinträchtigung der Spermatogenese
bis hin zur Sterilität in der dritten Generation. 4 0 3 Die bei diesen Studien verwendeten Men-
gen mögen mit der I m p f u n g nicht erreicht werden, dennoch zeigen die Befunde, wie toxisch
N a t r i u m b o r a t wirken k a n n - zumal es ja nicht das einzige Toxin ist, das in dem Gardasil-
Impfstoff (genau wie im „Placebo") enthalten ist.

Sollten also bei den Zulassungsstudien mögliche Nebenwirkungen, die sich durch die Zu-
gabe von A l u m i n i u m u n d den anderen giftigen Substanzen zu den HPV-Impfstoffen erge-
ben können, d a d u r c h maskiert werden, indem diese Gifte auch dem Vergleichsstoff - dem
sogenannten „Placebo" - beigemengt wurden? Fest steht, dass die Nebenwirkungen beider
Impfstoffe - Gardasil u n d Cervarix - gut dokumentiert sind. So wird von Lähmungserschei-
nungen, Blutgerinnung, Herzproblemen, fötalen Abnormalitäten u n d spontanen Fehlgebur-
ten u n d nicht zuletzt auch etlichen Todesfällen als Folge der I m p f u n g berichtet. Bereits im
Sommer 2007, also nicht lange nach der M a r k t e i n f ü h r u n g von Gardasil (USA: Juni 2006;
EU: September 2006), waren drei Todesfälle im Z u s a m m e n h a n g mit dieser I m p f u n g zu
beklagen. Auch der Tod eines 17-jährigen Mädchens aus Deutschland wird mit dem HPV-

giftig wirkend auf die Fortpflanzungsorgane

• 132 •
Impfstoff in Verbindung gebracht. Sie starb ohne V o r w a r n u n g u n d o h n e offensichtlichen
Grund innerhalb von 24 Stunden nach der Impfung. Das Paul-Ehrlich-Institut, die zustän-
dige Behörde, schreibt jedoch auf ihrer Webseite, dies könne nicht mit der I m p f u n g zusam-
menhängen, da sowieso ein bestimmter Prozentsatz aller jungen Frauen in dem Alter ohne
jeden Grund sterben würde.

W ä h r e n d das Institut genau wie die U S - M e d i k a m e n t e n z u l a s s u n g s b e h ö r d e FDA oder die


amerikanische Seuchenbehörde CDC dazu neigen abzuwiegeln, 416 sind weitere Personen ge-
storben. So berichtete die britische Wirtschaftszeitung Financial Times A n f a n g 2008: „Seit
Gardasil zugelassen wurde, sind Berichte veröffentlicht worden, in denen elf Todesfälle er-
wähnt werden sowie andere Nebenwirkungen, d a r u n t e r das Guillain-Barre-Syndrom [einer
entzündlichen E r k r a n k u n g der Nerven mit L ä h m u n g s e r s c h e i n u n g e n , die typischerweise
an den Beinen beginnen u n d sich bis hin zur A t e m l ä h m u n g ausbreiten können], Gesichts-
lähmung sowie Krampf- u n d Ohnmachtsanfälle. Zudem waren 18 von 42 Frauen, die diese
I m p f u n g erhalten hatten, von Komplikationen betroffen, die von Abnormalitäten bei Föten
bis hin zu Fehlgeburten reichten." 360

• 133 •
Einige Monate später heißt es in der New York Post, dass
Selbst der Hersteller von Gar- die Zahl der Todesfälle auf 18 gestiegen sei. Zudem hätten
dasil, der Pharmakonzern die staatlichen Gesundheitsstellen „8.000 .unerwünschte
Merck, macht auf seiner Website Zwischenfälle' bei Mädchen u n d Frauen registriert, denen
darauf aufmerksam, dass sein der Impfstoff [Gardasil] von Merck & Co injiziert wurde",
Impfstoff erhebliche gesundheit- d a r u n t e r „Lähmungen u n d Krampfanfälle". 3 7 1
liche Schäden verursachen kann.
Dort heißt es: „Die häufigsten Für T O M F I T T O N , Präsident der US-Organisation Judicial
Nebenwirkungen sind Schmerzen, Watch, die gegen Korruption kämpft, lesen sich die Be-
Schwellungen juckreiz, Hautblu- richte U S - M e d i k a m e n t e n z u l a s s u n g s b e h ö r d e FDA über
tungen und Rötungen an der Ein- die N e b e n w i r k u n g e n des HPV-Impfstoffs wie ein „Hor-
stichstelle, Kopfschmerzen, Fieber, rorkatalog". Nach Auffassung F I T T O N S „sollte jeder Bun-
Übelkeit, Benommenheit, Erbrechen, desstaat u n d jede G e m e i n d e , die im Zuge von Mercks
Ohnmachtsanfälle. Kontaktieren L o b b y k a m p a g n e n d a z u g e d r ä n g t w u r d e n , den HPV-
Sie den Mediziner Ihres Vertrau- Impfstoff jungen Mädchen anzudienen, einen Blick in die
ens, wenn sie eines der folgenden FDA-Reports über die Nebenwirkungen werfen." 424
Probleme haben, denn dies kann ein
Zeichen einer allergischen Reaktion Im August 2009 erschien im Journal of the American Medi-
sein: Atembeschwerden, Keuchen, cal Association eine Arbeit, deren Ergebnisse die Besorgnis
Nesselsucht, Hautausschlag. Und von Judicial Watch und anderen Kritikern der HPV-Imp-
kontaktieren Sie Ihren Mediziner f u n g bestätigten. 4 5 5 So hatten Wissenschaftler die Impf-
auch, wenn sie unter geschwollenen folgen zwischen Mitte 2006 u n d Ende 2008 in den USA
Drüsen (Nacken, Leiste, Achselhöh- u n t e r s u c h t ; dabei registrierten sie 32 Todesfälle sowie
le) leiden oder Gelenkschmerzen, r u n d 750 schwere N e b e n w i r k u n g e n bis hin zu Rücken-
ungewöhnlicher Müdigkeit oder m a r k s - u n d B a u c h s p e i c h e l d r ü s e n e n t z ü n d u n g e n sowie
Schwäche, Schüttelfrost, generellem A u t o i m m u n s t ö r u n g e n . Bis Herbst 2009 war die offizielle
Unwohlsein, Beinschmerzen, Z a h l der Todesopfer auf 44 geklettert - bei insgesamt
Brustschmerzen, Muskelkater, Mus- r u n d 15.000 Berichten über N e b e n w i r k u n g e n jeglicher
kelschwäche, Krampfanfällen oder Art. Die Zahlen beruhen auf Daten eines freiwilligen Mel-
starken Magenschmerzen." 426 desystems; die Dunkelziffer d ü r f t e also deutlich darüber
liegen. Zumal m a n kurzfristige Impfschäden oft gar nicht
erkennen k a n n . Dies gelingt nur bei so „offensichtlichen
Veränderungen wie bei den Contergan-Schäden", wie die Ärztin I N G R I D M Ü H L H A U S E R von der
Universität H a m b u r g gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte. 352

Bei Cervarix zeigt eine Studie, die 2007 in Fachmagazin Lancet veröffentlicht wurde, dass
91 Prozent der geimpften jungen Frauen über Schmerzen an der Injektionsstelle klagen, 16
Prozent sind d a d u r c h in ihren Alltagsaktivitäten b e h i n d e r t . Bei 40 Prozent treten lokale
Schwellung und/oder Rötung auf. Ebenfalls sehr häufig k o m m t es zu Müdigkeit (58 Prozent),
Kopfschmerzen (54 Prozent), Muskelschmerzen (52 Prozent), Gelenkschmerzen (21 Prozent)
u n d Beschwerden des Verdauungstraktes (28 Prozent) sowie Fieber (zwölf Prozent), Haut-
ausschlag u n d Nesselsucht (je zehn Prozent). 439,441

• 134 •
Gesunder Lebensstil und Pap-Test ab dem 25. Lebensjahr
sind die beste Prävention

Selbst wenn man nicht vom Glauben ablassen will, dass das HP-Virus nachgewiesen wurde,
ansteckend ist und Gebärmutterhalskrebs verursachen kann, so besteht in Industrieländern
wie Deutschland auch ohne I m p f u n g statistisch gesehen ein mehr als 99-prozentiger Schutz.
Das heißt, auch ohne die I m p f u n g ist das Risiko, an G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s zu e r k r a n k e n ,
extrem niedrig. So wird hierzulande offiziellen Statistiken zufolge jährlich bei 6.500 der
r u n d 40 Millionen Frauen G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s diagnostiziert (und r u n d 1.500 sterben
daran). Demnach bekommen etwas weniger als 0,02 Prozent der Frauen bzw. eine von r u n d
6.000 Frauen diesen Krebs. 391

Weder unter den Geimpften noch unter den Ungeimpf-


ten, die an der größten Zulassungsstudie ( F U T U R E II) Sogar die offizielle Lehrmei-
zu Gardasil teilgenommen haben, ist bisher ein einziger nung geht davon aus, dass HPV
Fall von Gebärmutterhalskrebs aufgetreten. Wie gut die allein das Gebärmutterhalskrebsge-
Impfung gegen diese Krankheit gewirkt hat, hat bei deren schehen nicht verursacht. Durch ei-
Zulassung gar keine Rolle gespielt. Stattdessen zeigte sich nen bewussten Lebensstil (Verzicht
in der Studie lediglich, dass ein geringer Teil der Zellver- aufs Rauchen, gesunde Ernährung,
änderungen in der G e b ä r m u t t e r s c h l e i m h a u t , von denen Vermeidung von Übergewicht etc.)
man meint, es handle sich um Krebsvorstufen, zurückge- können Mädchen und Frauen also ihr
gangen ist. statistisches Krebsrisiko, das ohne-
hin schon sehr niedrig liegt, weiter
Das Ergebnis der Future II-Zulassungsstudie ist sehr er- deutlich senken.
nüchternd, unter anderem, weil das menschliche I m m u n -
system das, was HPV g e n a n n t wird, in 90 Prozent der
Fälle o h n e h i n von selbst wieder eliminiert, wie selbst die US-Seuchenbehörde C D C fest-
hält. 414 Dazu passt auch das Ergebnis einer Arbeit, die 2007 in dem bedeutenden Fachma-
gazin der Amerikanischen Ärztevereinigung publiziert u n d in der die Wirksamkeit der Ge-
bärmutterhalskrebsimpfung untersucht wurde. Darin konstatieren die Autoren, dass m a n
„keinen Beleg d a f ü r finden konnte, dass die I m p f u n g einen therapeutischen Effekt hat". Die
Versuche zeigen im Ergebnis, „dass der Umfang, in dem das Virus innerhalb von zwölf Mo-
naten eliminiert wurde, durch die I m p f u n g nicht beeinflusst wurde". 389

Im Übrigen stellte die amerikanische Medikamentenzulassungsbehörde FDA bereits 2003


fest, dass „die meisten HPV-Infektionen nur von kurzer Zeit sind u n d nicht im Z u s a m m e n -
hang stehen mit Gebärmutterhalskrebs". 3 4 7 , 4 1 5 „All dies steht im deutlichen Gegensatz zu
den oft vollmundigen Werbebotschaften der Impfstoffhersteller, wonach die I m p f u n g einen
.sicheren Schutz vor Gebärmutterhalskrebs' verspricht", wie der Frauenarzt C H R I S T I A N F I A L A
kritisiert.

• 135 •
Sollte trotz alledem die A n n a h m e s t i m m e n , dass das HP-Virus bösartige Zellveränderun-
gen am G e b ä r m u t t e r m u n d verursacht (was bisher n u r vermutet werden kann), so muss
m a n dazu sagen, dass es nach Auffassung der offiziellen Krebsmedizin mehr als ein Dut-
zend HPV-Typen gibt, die in Verbindung mit Krebsvorstufen gebracht werden („high risk"-
Typen). Gegen viele von diesen Typen bieten jedoch weder Gardasil noch Cervarix einen
Schutz. Trotzdem w u r d e f ü r eine rasche E i n f ü h r u n g der I m p f u n g argumentiert, da dies zu
einem geschätzten Rückgang der Neuerkrankungen und Todesfälle durch Gebärmutterhals-
krebs auf etwas m e h r als die Hälfte des derzeitigen Standes f ü h r e n würde. Allerdings gehen
diese Schätzungen von einer sehr hohen Wirksamkeit der I m p f u n g aus, die nicht nachgewie-
sen werden kann. Bei dieser Argumentation wird zudem übersehen, dass eine Verbesserung
der bisherigen M a ß n a h m e n wie die Vermeidung der erwähnten Risikofaktoren (Rauchen,
Übergewicht usw.) sowie der Ausbau der F r ü h e r k e n n u n g durch den Muttermundabstrich
(Pap-Test) eine positive W i r k u n g hätte, die nicht nur gut belegt ist, sondern auch ein enor-
mes Einsparpotenzial im Kostenbereich bietet (während die Verabreichung der teuren Impf-
stoffe die Gesundheitskassen stark belasten).

Tatsächlich ist G e b ä r m u t t e r h a l s k r e b s in I n d u s t r i e l ä n d e r n seit vielen Jahren rückläufig.


Selbst etablierte Krebsmediziner konstatieren, dass F r ü h e r k e n n u n g s u n t e r s u c h u n g e n ent-
scheidend zu diesem Rückgang beigetragen haben. 391 So können mit Hilfe von Abstrichen
(Pap-Tests) Wucherungen, die auf Warzen oder Tumore hindeuten, frühzeitig erkannt und
entfernt werden.

• 136 •
W e n n eine Frau den Pap-Test regelmäßig alle ein bis drei Jahre d u r c h f ü h r e n lässt, so
k a n n bei ihr eine bösartige Entwicklung der Zellen f r ü h z e i t i g e r k a n n t u n d c h i r u r g i s c h
entfernt werden. W e n n noch m e h r Frauen zu dieser F o r m der F r ü h e r k e n n u n g motiviert
werden könnten u n d sie vor allem in ä r m e r e n Ländern, wo r u n d 80 Prozent der weltweit
rund 230.000 Gebärmutterhalskrebstodesfälle zu verzeichnen sind, viel öfter d u r c h g e f ü h r t
würde, so könnten noch deutlich mehr Frauen vor Gebärmutterhalskrebs bewahrt werden.
Die zuständigen Fachgesellschaften haben festgestellt, „dass ein organisiertes Krebsfrüher-
k e n n u n g s p r o g r a m m bei einer Teilnahme von 80 Prozent die Sterblichkeit u n d Häufigkeit
um 60 bis 70 Prozent verringern kann." 420 Die U S - a m e r i k a n i s c h e Seuchenbehörde C D C
unterstreicht diese Erfahrung: „Die Mehrzahl der E r k r a n k u n g e n an Gebärmutterhalskrebs
sowie die Todesfälle k ö n n e n durch die F r ü h e r k e n n u n g mittels Pap-Abstrich v e r h i n d e r t
werden." 414 Solche Forderungen erscheinen heute selbstverständlich. Doch wenn m a n einen
Blick in die Geschichte des Pap-Tests wirft, so zeigt sich, dass er tatsächlich nur gegen große
Widerstände eingeführt werden konnte (wie so viele sinnvolle Therapien u n d Ideen in der
Medizin).

W ä h r e n d heutzutage in Industrieländern nur noch relativ wenige Frauen an Gebärmutter-


halskrebs sterben, so war dies zu Beginn des 20. J a h r h u n d e r t s noch ganz anders. „Gebär-
mutterhalskrebs war ein Todesurteil, u n d oft ein geheimes", so die Krebsforscherin D E V R A
D A V I S . „Und wenn die K r a n k h e i t entdeckt wurde, hat sie häufig bereits seit zehn Jahren

vor sich hingebraut. Zu dem Zeitpunkt, als merkwürdige Ausflüsse, nicht enden wollende
Krämpfe und ein unablässiges Völlegefühl augenscheinlich w u r d e n , war der Krebs schon
nicht mehr zu stoppen." 361

Den Ärzten war zwar schon damals klar, dass Gebärmutterhalskrebs nicht über Nacht ent-
steht. Doch man verstand die Krankheit nicht genau u n d diskutierte sogar, ob dieser Krebs
nicht womöglich auf eine Art moralisches Defizit bei den Frauen z u r ü c k g e f ü h r t werden
könnte. Und da mehr schwarze als weiße Frauen betroffen waren u n d überhaupt nur Frauen
die Krankheit bekamen, war sie f ü r die meisten Ärzte auch nicht von höchster Priorität.

Erschwerend kam hinzu, dass sich das Geschehen beim Zervixkarzinom nicht sichtbar be-
merkbar macht, sondern sich im Inneren des weiblichen Genitaltraktes abspielt (siehe vo-
rige Abbildung). Doch dieser Ort war zu der damaligen Zeit, in der die Frauen sich bereits
schämten, auch nur den N a m e n ihres Genitals auszusprechen, eine Tabuzone ersten Ranges,
zu dem kein Auge - und schon gar nicht das des Arztes als fremde Person - Zugang haben
durfte.

Zwar machte bereits 1 9 0 8 der wenig bekannte österreichische Arzt W A L T H E R S C H A U E N S T E I N


darauf aufmerksam, dass m a n mit dem bloßen Auge eine vitale G e b ä r m u t t e r ö f f n u n g von
einer, die Anzeichen von Krebs aufweist, unterscheiden könne. „Ein U m s t a n d , den eine
Gruppe von amerikanischen Gynäkologen 1913 z u m Anlass n a h m , die A m e r i c a n Society
for the Control of Cancer, ASCC, zu gründen", so D A V I S . Doch wie ein f ü h r e n d e r Pathologe

• 137 •
der ACSS, J A M E S E W I N G , 1 9 2 6 - also noch
13 Jahre später - einräumte, war es selbst
f ü r den Fall, dass ein Arzt von der Untersu-
chung der G e b ä r m u t t e r ö f f n u n g überzeugt
war, e r s c h r e c k e n d schwierig, eine Frau
dazu zu überreden, sich zweimal im Jahr
ihrer Kleider zu entledigen u n d sich auf
dem Rücken liegend mit gespreizten Bei-
nen untersuchen zu lassen. 361

N u r weitere zwei Jahre später, im Jahr


1928, f a n d der g r i e c h i s c h s t ä m m i g e US-
amerikanische Arzt G E O R G E P A P A N I C O L A O U
( 1 8 8 3 - 1 9 6 2 ) einen Weg, um mehr zu tun,

als die Ö f f n u n g der Gebärmutter mit blo-


ß e m Auge zu inspizieren. Vielmehr sei es
möglich, so P A P A N I C O L A O U , den Gesund-
h e i t s z u s t a n d der G e b ä r m u t t e r zu unter-
suchen, i n d e m m a n von der Ö f f n u n g des
U t e r u s einige Zellen abschabt u n d diese
unter einem M i k r o s k o p begutachtet. Ge-
sunde Zellen sind nämlich r u n d u n d von
ordentlicher Gestalt, während Zellen, die
bereits beschädigt oder gar kanzerös sind,
sehr viel u n g l e i c h m ä ß i g e r geformt sind.
D a m i t war der Pap-Test geboren, der sei-
nen N a m e n dem Arzt G E O R G E P A P A N I C O -
L A O U verdankt.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass P A P A N I C O L A O U nicht der erste war, der ein
Mikroskop verwendete, um kanzeröse Zellen ausfindig zu machen - noch behauptete er, er
hätte die Methode e r f u n d e n . W A L T E R H A Y L E W A L S H E ( 1 8 1 2 - 1 8 9 2 ) , ein Londoner Mediziner, hat
mit dieser M e t h o d e bereits ein J a h r h u n d e r t vor P A P A N I C O L A O U gearbeitet. 465 Die Idee, Zel-
len von der G e b ä r m u t t e r zu n e h m e n , um festzustellen, ob eine Krebserkrankung vorliegt,
wurde 1 9 2 6 auch schon von dem r u m ä n i s c h e n Pathologen A U R E L I B A B E S in einem französi-
schen Fachmagazin präsentiert. 4 4 9

Der Pap-Test machte es n u n leicht möglich, auffällig beschädigte Zellen zu erkennen und
sie von der G e b ä r m u t t e r zu entfernen - u n d somit eine krebsartige W u c h e r u n g an dieser
Stelle zu verhindern. Dennoch sollte es noch bis in die 1950er Jahre - also noch Jahrzehnte
- dauern, bis diese Methode zumindest in Industriestaaten Standard wurde. Vor allem stieß
der Pap-Test bei C h i r u r g e n u n d Pathologen auf Widerstand, die sich unwillig zeigten, ihre

• 138 •
Kontrolle über den weiblichen Uterus aufzugeben. Sie ar-
gumentierten, dass nur Chirurgen in der Lage wären, Ge- Auch der Pap-Test ist nicht der
webe von der Gebärmutter zu entnehmen u n d es verläss- Weisheit letzter Schluss; ein
lich auf potenzielle Krebszellen h i n zu untersuchen. Es sorgsamer Umgang - von Arzt wie
kam zu einem erbitterten Kampf zwischen Chirurgen, die Patient — ist auf jeden Fall anzuraten.
um ihr lukratives Geschäft bangten, das d a r i n bestand, So hat der Pap-Test eine nicht
ganze Gebärmuttern zu entfernen, u n d Gynäkologen, die geringe Fehlerrate.420 Regelmä-
es für sinnvoll erachteten, dass sie den Uterus von Frauen ßig kommt es vor, dass kranke
regelmäßig untersuchen u n d eher Gewebeteilchen ent- Zellen übersehen werden, etwa
fernen als die komplette Gebärmutter. „Das große Geld weil Entzündungen die Sicht auf die
u n d große Egos standen hier auf dem Spiel", wie D A V I S mutierten Zellen verstellen oder weil
anmerkt. 361 die Ergebnisse falsch interpretiert
werden. In einer Untersuchung der
Unterdessen hat auch der Pap-Test seine Schwächen, wie Universität Hannover zum Beispiel
auch K A R L U L R I C H P E T R Y von der Abteilung f ü r Gynäko- ergaben sich bei einer an fast 8.500
logische Onkologie an der M e d i z i n i s c h e n H o c h s c h u l e Frauen durchgeführten Screening-
Hannover, der den Test eingehende studiert hat (siehe In- Untersuchung auf Gebärmutter-
fokasten), meint: „Beim primären Gebärmutterhalskrebs- halskrebs 86 Verdachtsfälle. Als
Screening hat man m a n c h m a l das Gefühl, einen .Wackel- später externe Experten die Befunde
pudding' an die W a n d nageln zu wollen. Die erhobenen kontrollierten, konnten sie die
Befunde sind nicht wirklich verlässlich." 397 Verdachtsdiagnose Krebs nur in 46
Fällen bestätigen. Dies kommt einer
Darüber hinaus lohnt es, nach dem Alter der Frauen zu markanten Fehlerquote von um die
differenzieren. So haben in Deutschland Frauen ab dem 50 Prozent gleich.
Alter von 20 Jahren einen A n s p r u c h auf eine F r ü h e r -
k e n n u n g s u n t e r s u c h u n g auf das Z e r v i x k a r z i n o m (Pap-
Screening). In England w u r d e das Eintrittsalter im Jahr 2003 auf 25 Jahre erhöht - eine
Entscheidung, die unter Experten sehr u m s t r i t t e n war, 2009 jedoch durch die Ergebnisse
einer umfangreichen Fallkontrollstudie gestützt wird. Die Arbeit, veröffentlicht im British
Medical Journal, zeigt auf, dass der Pap-Test bei jüngeren Frauen weitgehend ineffektiv ist. 448

Für die Studie hatten PETER S A S I E N I von der Queen M a r y Universität in London u n d Mitar-
beiter etwas mehr als 4.000 Frauen im Alter von 20 bis 69 Jahren ausfindig gemacht, die an
einem Zervixkarzinom e r k r a n k t waren. Der Vergleich mit einer vom Alter u n d W o h n o r t
her vergleichbaren Gruppe von k n a p p 8.000 gesunden Frauen ergab, dass die Effizienz des
Screenings sehr stark vom Lebensalter der Frauen abhängt.

Im Alter von 60 Jahren erkranken Frauen, die am Screening teilnehmen, zu 80 Prozent selte-
ner an Gebärmutterhalskrebs. Im Alter von 40 Jahren betrug die Effizienz noch 60 Prozent,
während in der G r u p p e der 20- bis 24-Jährigen keine A u s w i r k u n g m e h r e r k e n n b a r war.
Angesichts dieser Zahlen raten auch die Editorial-Schreiber um den Turiner Krebsexperten
386
G U G L I E L M O R O N C O dazu, das Eintrittsalter f ü r den Pap-Test auf 25 Jahre zu erhöhen.

• 139 •
Einige Jahre zuvor publizierte das British Medical Journal eine andere Arbeit über die Effek-
tivität dieser Gebärmutterhalskrebs-Screening-Tests. Und auch die Resultate dieser Studie
m a h n e n zur einem sorgsamen Umgang: Danach müssten 1.000 Frauen über einen Zeitraum
von 35 Jahren gescreent werden, um einen Krebstodesfall zu verhindern. 150 dieser Frauen
werden ein positives Test-Ergebnis erhalten, das sie in der Regel psychisch stark unter Stress
setzt, u n d 50 Frauen werden eine Krebsbehandlung durchmachen, die mit schwersten Ne-
b e n w i r k u n g e n einhergeht. „Für jeden verhinderten Todesfall müssen viele Frauen getestet
werden, u n d viele Frauen werden d a r a u f h i n behandelt, obwohl sie gar keiner Behandlung
bedurft hätten", so A N G E L A RAFFLE, eine der Leiterinnen der Untersuchung. 4 4 5

Der Test klassifiziert also letztlich zu viele Frauen als Patienten, denen angeblich Gebärmut-
terhalskrebs droht. Dies dürfte zumindest zum Teil auch dazu beitragen, dass zu schnell, zu
viel u n d zu massiv operiert wird. Allein in den USA wird jedes Jahr bei circa 200.000 Frauen
die Gebärmutter herausoperiert. Nicht wenige unterziehen sich sogar einer solchen Hyster-
ektomie, um „präventiv" Gebärmutterhalskrebs zu verhindern. 4 2 3 Wenn kein Uterus mehr
da ist, so k a n n natürlich auch in diesem Organ kein Krebs mehr entstehen. Doch wie wenig
sinnvoll es ist, sich funktionstüchtige Organe, die noch gar nicht von Krebs betroffen sind,
prophylaktisch entfernen zu lassen, haben wir ja bereits in Kapitel 1 dargelegt.

Medizinnobelpreise zur Zementierung von Dogmen


Der Verdacht k o m m t auf, dass auch mit der Vergabe des Medizinnobelpreises Ende 2008 an
den deutschen Mediziner H A R A L D ZUR H A U S E N f ü r die A n n a h m e , das H u m a n e Papillomavi-
rus (HPV) löse Gebärmutterhalskrebs aus, aus unbelegten Hypothesen ein Dogma gebastelt
werden soll.

Das Nobelpreiskomitee gibt auch u n u m w u n d e n zu, dass es mit diesem Medizinnobelpreis


ein klares politisches Zeichen setzen wollte. So äußerte sich BJOERN V E N N S T R O E M , Mitglied
der Nobelpreisjury, im schwedischen Radio wie folgt: „Wir hoffen, dass damit diejenigen,
die Verschwörungstheorien verbreiten und ihre Zweifel an wissenschaftlich nicht haltbaren
A r g u m e n t e n festmachen, endgültig verstummen." 4 3 3

Es redet jedoch kein seriöser Kritiker Verschwörungstheorien das Wort. Denn hinter dem
Begriff steckt die Vorstellung, dass eine kleine G r u p p e von Leuten - Verschwörern - ein
Land oder mitunter auch die ganze Welt hinters Licht f ü h r e n möchte. Dies ist aber bei HPV
nicht der Fall. Vielmehr ist das Ganze letztlich eine Mischung aus vielen Einflussfaktoren, zu
denen die Gewinninteressen der Pharmaindustrie genau so zählen wie eine geistige Konditi-
onierung auf eine Mikroben- u n d besonders auch Virus-Phobie, die n u n m e h r seit rund 150
Jahren andauert - u n d der m a n sich als heute lebender Mensch nur schwer entziehen kann.
Tatsächlich aber wird sie dem komplexen Geschehen gerade auch bei Krebs nicht gerecht. 375

• 140 •
Nicht weniger stutzig macht der Medizinnobelpreis 2009,
mit dem die drei U S - a m e r i k a n i s c h e n W i s s e n s c h a f t - „Je nach Zeitgeist und je nach-
l e r ELIZABETH B L A C K B U R N , C A R O L W . G R E I D E R u n d JACK W . dem, welche Autoritäten domi-
SZOSTAK geehrt wurden. „Sie fanden das Enzym Telome- nieren, beherrscht das eine oder das
rase, das beim Entstehen von Krebs eine Schlüsselrolle andere Dogma die wissenschaftliche
spielt", heißt es z u m Beispiel auf Spiegel Online,356 Die Szene, und zwar oftmals mit einer
Aussage ist wissenschaftlich leider ebenfalls nicht halt- Ausschließlichkeit, die keine andere
bar. Zwar sind Krebszellen in der Tat d a r a n interessiert, Denkmöglichkeit zulässt und neue
sich unbegrenzt teilen zu können - u n d das geht nur mit Ideen behindert", so ROLAND
stabilen Telomeren,' die mit Hilfe des Enzyms Telomerase SCHOLZ, Professor für Biochemie
ständig wieder aufgefüllt werden. Doch die Idee von Phar- und Zellbiologie aus München, ein
m a f i r m e n , die durch den Medizinnobelpreis b e f ö r d e r t Kritiker der momentanen BSE- und
wird, das Enzym Telomerase mit Medikamenten einfach anderer Erreger-Theorien. Medizin-
zu blockieren und dadurch den Krebsprozess zu stoppen, nobeipreise sind ein gute Vehikel,
klingt zwar schön, ist aber reines Wunschdenken. um solche Dogmen zu zementieren.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein solches Vorgehen bei einer Population von Krebs-
zellen, die auf Erbgutebene auf sehr verschiedene Weise geschädigt sind, von Erfolg gekrönt
ist", so der Genomforscher u n d Krebsexperte G E O R G E L. G A B O R M I K L O S . „ M a n muss sich ein-
fach nur vergegenwärtigen, dass es absurd ist, Krebszellen l a h m legen zu wollen, indem m a n
eine Komponente mit einem M e d i k a m e n t attackiert, wo doch jede Zelle ein Netzwerk aus
rund 20.000 Genen u n d noch mehr Genprodukten darstellt." Der Medizinnobelpreis 2009,
so M I K L O S , diene wieder nur dazu, das „unersättliche Krebsbiest" mit Geldern zu füttern.

In der Tat forscht, wie nicht nur Spiegel Online bereitwillig an sein Millionenpublikum wei-
tergibt, die kalifornische Firma Geron an einem sogenannten Telomerase-Inhibitor, also
einem Wirkstoff, mit dem die Telomerase-Aktivität in Tumorzellen vermindert werden soll.
„Telomerase wurde bereits in den 1980er Jahren beschrieben, u n d auch die Firma Geron
genau wie andere P h a r m a u n t e r n e h m e n arbeiten seit geraumer Zeit an einem Wirkstoff",
so M I K L O S . „Doch ein wirksames M e d i k a m e n t ist dabei bis dato nicht herausgekommen."
Und er fügt augenzwinkernd hinzu: „Ich denke, das Nobelpreiskomitee tut sich z u n e h m e n d
schwer damit, den Preis f ü r wirklich innovative Forschungsarbeiten zu vergeben."

Nobelpreise werden leider auch an Mediziner vergeben, die sich durch betrügerische Aktivi-
täten oder wissenschaftlich nicht haltbare Thesen hervorgetan haben - u n d die Liste derar-
tiger Nobelpreisträger ist recht lang. Dazu zählt auch die Lichtgestalt R O B E R T K O C H , der 1890
der Welt verkündete, er habe mit Tuberkulin ein Wundermittel gegen Tuberkulose entdeckt
- ein Schwindel, der Tausende Menschen das Leben kostete. Experten wie der Heidelberger
Historiker C H R I S T O P H G R A D M A N N konstatieren, dass K O C H die M a r k t e i n f ü h r u n g des Tuber-
kulins „geschickt inszeniert" hatte. Alles war offenbar von langer H a n d geplant. 385,398,459

Die Telomere sind die natürlichen Chromosomenenden. Sie tragen entscheidend zur Stabilität von Chromoso-
men - also den Strängen aus DNA, die das Erbgut eines Menschen enthalten - bei.
• 141 •
W ä h r e n d der Nobelpreis f ü r R O B E R T K O C H
einen entscheidenden Beitrag dazu leistete,
dass die Mikrobiologie und vor allem auch
die Jagd auf Viren eine überaus dominante
Stellung in der F o r s c h u n g e i n n e h m e n
k o n n t e u n d die Toxikologie z u n e h m e n d
in den H i n t e r g r u n d g e d r ä n g t wurde, so
w a r e n es die Nobelpreise f ü r C A R L E T O N
G A J D U S E K u n d S T A N L E Y P R U S I N E R , welche

die Grundlage schufen, um alle möglichen


K r a n k h e i t e n sozusagen nach G u t d ü n k e n
zu Infektionskrankheiten umdefinieren zu
können.

G A J D U S E K verhalf dem Konzept der „slow

viruses" zum Durchbruch, das unter ande-


rem auch f ü r die Theorie, wonach HPV Ge-
bärmutterhalskrebs erzeugt, von zentraler
Bedeutung ist. Danach soll ein Virus in der
Lage sein, über Jahre oder gar Jahrzehnte
in einer Zelle zu „schlafen", um d a n n ir-
gendwann seine k r a n k m a c h e n d e oder töd-
liche W i r k u n g zu entfalten.

G A I D U S E K verbrachte in den 1950-er Jahren zehn Monate im Hochland von Papua-Neuguinea

beim Stamm der Fore, einem Eingeborenenstamm auf Steinzeitniveau. Dass viele der Fore
an einer schwammartigen u n d mit Verblödung (Demenz) einhergehenden Veränderung des
Gehirngewebes litten, die sich in Schüttellähmung, einem unsicheren Gang, geistiger Um-
nachtung äußerte u n d schließlich zum Tod f ü h r t e , n a h m G A J D U S E K als Beweis f ü r rituellen
Kannibalismus bei dem Stamm. Etwa ein Jahr vor seiner A n k u n f t , so m u t m a ß t e G A J D U S E K ,
hätten die K u r u - K r a n k e n einem Ritual gefrönt, bei dem sie die Gehirne toter Anverwandter
aufgegessen hätten, um so deren Mut u n d Weisheit in sich aufzunehmen. Arglos hätten die
Esser dabei den Kuru-Virus in sich aufgenommen. 3 8 0 429

Da sich die Krankheit aber nicht sofort, sondern erst viele Jahre später manifestierte, kon-
struierte G A J D U S E K die Theorie von den „slow viruses". Ein Beweis f ü r das Virus lag jedoch
nicht vor, nur die Behauptung, ein solches sei hier am Werk gewesen. Und auch wenn man
sich G A J D U S E K S Versuche mit Affen, mit denen er die Übertragbarkeit des Virus bewiesen
haben wollte, genauer anschaut, so muss m a n sich heute wundern, dass die wissenschaftliche
Gemeinschaft damals diese Arbeiten als Beleg f ü r die Übertragbarkeit anerkannte.

• 142 •
So wurden seine Versuchschimpansen weder durch die Verfütterung noch durch das Injizie-
ren des Hirnbreis irritiert. Dies brachte G A J D U S E K schließlich dazu, ein bizarres Experiment
durchzuführen, um endlich bei den Versuchstieren nervliche Symptome hervorzurufen, die
er bei dem Stamm der Fore beobachtet hatte. Dabei zerkleinerte er das Gehirn der Kuru-Pa-
tienten zu einem Brei, der voll war mit Proteinen u n d allen anderen erdenklichen Substan-
zen, und flößte diesen den lebenden Affen ein. Dies erfolge durch ein Loch, das er den Tieren
zuvor in die Schädel gebohrt hatte. Nur auf diese Experimente g r ü n d e t sich die angebliche
Übertragbarkeit dieser Erkrankungen. 3 6 8 Doch lässt sich daraus schwerlich ein Beweis f ü r
G A J D U S E K S kannibalistische Virus-Hypothese ableiten - nicht zuletzt, weil die Hypothese ja

besagt, dass die Krankheit beim Menschen durch den Verzehr (!) von Gehirnen, die einen
Virus enthielten, entstanden ist u n d nicht etwa durch direktes operatives Einbringen des
Gehirnbreis in ein anderes Gehirn.

Dennoch bekam G A J D U S E K 1976 f ü r seine A n n a h m e der langsamen Viren den Nobelpreis,


was entscheidend dazu beitrug, dass die Vorstellung, diese s c h w a m m a r t i g e V e r ä n d e r u n g
des Gehirngewebes w ü r d e durch einen Erreger ü b e r t r a g e n u n d erzeugt, weithin als Fakt
akzeptiert wurde. Dies ist u m s o erstaunlicher, w e n n m a n b e d e n k t , dass G A J D U S E K prak-
tisch der einzige lebende Zeuge f ü r Kannibalismus auf Papua N e u g u i n e a war. U n d Mitte
der 1980-er sollte sich herausstellen, dass G A J D U S E K S Fotos, mit denen er behauptete, den
Kannibalismus unter den Menschen dokumentieren zu können, tatsächlich Schweine- u n d
kein Menschenfleisch zeigten. Zudem war ein Team um den amerikanischen Anthropologen
W I L L I A M A R E N S der Sache nachgegangen - mit dem Ergebnis, dass sich zwar Geschichten von

Kannibalismus fanden, jedoch keine authentischen Fälle. 350,395 Später musste G A J D U S E K ein-
gestehen, dass weder er selbst noch andere die kannibalischen Riten, von denen er in seinem
Nobelpreisvortrag 1976 berichtete, gesehen hatten. Daher k a n n m a n zu G A J D U S E K nur sagen:
Wenn seine Geschichten nicht wahr sind, so sind sie jedenfalls gut e r f u n d e n . Oder wie der
Münchener Biochemieprofessor R O L A N D S C H O L Z es ausdrückt: „Die wissenschaftliche Welt
scheint einem Märchen aufgesessen zu sein." 376

Das Medizinestablishment sah (und sieht) dies merkwürdigerweise anders u n d verwendet


G A J D U S E K S Theorie von den „langsamen Viren" nach wie vor als Grundlage f ü r weitere Ge-

dankengerüste. Zum Beispiel dafür, dass die schwammartige G e h i r n k r a n k h e i t der Rinder,


die unter dem Begriff Rinderwahnsinn oder BSE bekannt wurde, zu einer Infektionskrank-
heit erklärt werden konnte. Die entscheidenden Arbeiten h i e r f ü r lieferte der US-Arzt u n d
Biochemiker S T A N L E Y P R U S I N E R , dem es 1 9 8 2 gelang, im Gehirn sogenannte Plaques (Ablage-
rungen) zu identifizieren, die f ü r die mit dem Gehirnabbau einhergehenden Nervenschädi-
gungen charakteristisch sind.

In diesen Plaques lassen sich b e s t i m m t e Eiweiße finden, Prionen g e n a n n t , die vor allem
auf Nervenzellen lagern, u n d zwar in k r a n k h a f t veränderter Struktur. 1987 erlag P R U S I N E R
schließlich der Versuchung, seine bis dahin wenig beachteten Prionen als Verursacher einer
Seuche ins Spiel zu bringen, was i h m einen e n o r m e n Bekanntheitsgrad einbrachte. Z e h n

• 143 •
M i t d e n N o b e l p r e i s e n a n GAJDUSEK

und PRUSINER wurde das Dogma


in Stein gemeißelt, das besagt,
degenerative Gehirnerkrankungen
könnten durch Erreger wie Viren
und Prionen verursacht werden.
Dass es dafür keine harten wissen-
schaftlichen Fakten gibt, wurde
geflissentlich beiseite geschoben
- ebenso wie die Tatsache, dass
Nervengifte wie Insektizide oder
Schwermetalle für eben diese
schweren Hirnleiden verantwort-
lich sein können.

Jahre später, also 1997, w u r d e er d a f ü r d a n n mit dem Nobelpreis „geadelt", wie etwa das
Deutsche Ärzteblatt formulierte. 3 9 3 Damit war das „Prusinersche Prion" praktisch endgültig
zum Auslöser schwammförmiger G e h i r n e r k r a n k u n g e n erklärt worden - u n d das Thema In-
fektion u n t r e n n b a r mit BSE verbunden.

Doch die Versuche, auf denen diese Hypothese u n d d a m i t sein Nobelpreis f u ß e n , weisen
ebenfalls etliche Unzulänglichkeiten auf, von denen hier freilich nicht alle aufgeführt werden
k ö n n e n . Der wichtigste Punkt: „Es existieren keine kontrollierten Fütterungsexperimente
auf der Weide - Studien, die jeder mit gesundem Menschenverstand fordern würde und von
denen jeder glaubt, die Erfinder der Tiermehl-Hypothese hätten sie längst gemacht", kriti-
siert S C H O L Z . Das heißt, m a n hätte einen Versuch machen müssen, bei dem man eine große
Herde von Rindern in zwei Gruppen teilt: in eine Hälfte, die Tiermehl mit dem angeblichen
Erreger (Prion) b e k o m m t , u n d eine Hälfte, die kein Tiermehl als Futter erhält. Da dies aber
versäumt wurde, lautet das Fazit: Bislang wurde nicht gezeigt, dass Rinder durch Verfütte-
r u n g von Tiermehl an Rinderwahn bzw. BSE erkranken. Dass ein infektiöses Protein (Prion)
im Tiermehl R i n d e r w a h n auslöst, ist also nach wie vor eine unbewiesene Behauptung. 376

Erschwerend k o m m t hinzu, dass in G r o ß b r i t a n n i e n , wo die BSE-Erkrankung entstanden


sein soll, auch epidemiologisch ü b e r h a u p t kein Z u s a m m e n h a n g zwischen BSE bei Rin-
dern u n d der b e i m Menschen a u f t r e t e n d e n Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJD) besteht.
Dies ist insofern bemerkenswert, weil ja behauptet wird, die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit,
bei der sich das G e h i r n stückweise auflöst u n d eine s c h w a m m a r t i g durchlöcherte Struk-
t u r a n n i m m t , w ü r d e durch den Verzehr von BSE-verseuchtem Rindfleisch verursacht (was

• 144 •
wohlgemerkt ebenfalls unbewiesen ist). So o f f e n b a r e n
zwei Arbeiten, die in den Fachmagazinen Naturei4S u n d Großbritannien hat in den letz-
Lancet458 abgedruckt w u r d e n , dass sich die meisten an ten Jahrzehnten tonnenweise
BSE e r k r a n k t e n Rinder im Süden E n g l a n d s b e f a n d e n , Tiermehl in den mittleren Osten,
während die meisten CJD-Fälle im N o r d e n Schottlands nach Südafrika und auch in die
beobachtet wurden. Das BSE-Rindfleisch k a n n also nur Vereinigten Staaten exportiert,
f ü r die CJD-Fälle bei Menschen in G r o ß b r i t a n n i e n ver- aber nirgendwo ist BSE aufgetreten.
antwortlich zeichnen, wenn man davon ausgeht, dass das Stattdessen konzentrieren sich
Fleisch der BSE-kranken Kühe aus Südengland n u r im die BSE-Fälle auf Großbritannien
Norden Schottlands verzehrt worden wäre. Doch dies ist (99 Prozent), Nordirland und die
praktisch unmöglich. 3 9 4 Schweiz. Ein Paradoxon, das sich
sofort auflöst, wenn man sich von
Darüber hinaus w u r d e n bei Laborexperimenten, die auf der Vorstellung trennt, beim Rinder-
P R U S I N E R S Theorien beruhen, Extrakte aus Gehirnen, die wahn bzw. bei BSE oder auch bei der
von g e h i r n k r a n k e n Tieren s t a m m t e n , direkt in das Ge- Creutzfeldt-Jakob-Krankheit beim
hirn von Versuchstieren injiziert (was an G A J D U S E K S Af- Menschen sei ein Erreger am Werk.
fenversuche erinnert). Als sich bei den E m p f ä n g e r n der
Gehirnextrakte nach einem Jahr die nervenschädigenden
Ablagerungen (Plaques) u n d Löcher im G e h i r n nachweisen ließen, w u r d e dies als Beweis
d a f ü r genommen, ein Prion hätte eine Infektion ausgelöst, die w i e d e r u m die letztlich das
Gehirn zerstörende Plaquebildung zur Folge hatte.

Doch die Veränderungen im G e h i r n k ö n n e n sehr wohl auch d u r c h a n d e r e Faktoren be-


dingt sein. Sie können die Folge einer I m m u n r e a k t i o n sein, mit der sich der Körper gegen
Fremdeiweiße (in diesem Fall die körperfremden Prion-Proteine) wehrt, etwa im Sinne einer
sogenannten experimentellen allergischen G e h i r n e n t z ü n d u n g (Enzephalitis), wie sie der
britische Forscher A L A N E B R I N G E R beschrieben hat. Dies w u r d e u n d wird von den Forschern
aber gar nicht in Betracht gezogen. 369,370

Genauso lässt auch hier - genau wie im Falle G A J D U S E K S - die Vorgehensweise, bei der Ge-
hirnmasse direkt in ein anderes Gehirn eingebracht wird, keine Rückschlüsse auf einen In-
fektionsweg in der Realität zu. Denn die Ansteckung soll ja über den M u n d erfolgen. Zudem
ist das Injizieren von Gehirnmasse in eine andere Gehirnmasse nicht der Weg, auf dem sich
außerhalb eines Labors eine Infektion vollzieht.

Ein anderer Ansatz ist, dass das, was als R i n d e r w a h n s i n n oder BSE bezeichnet wird, auch
Folge eines durch Inzucht bedingten Gendefekts sein kann. So s t a m m e n die Rinder in der
modernen Hochleistungszucht n u r von wenigen Bullen ab, die o f t m a l s m i t e i n a n d e r ver-
wandt sind. Mit dem Samen eines einzigen Bullen, der Hochleistungskühe als Töchter ga-
rantieren soll, k a n n - künstlicher Befruchtung sei d a n k - eine ganze Region versorgt werden
Das heißt, die Tiere könnten dadurch erkrankt sein, dass ein genetischer Defekt im Erbgut
von Rindern einiger britischer Herden durch Überzüchtung stark vermehrt wurde. 450

• 145 •
D a r ü b e r h i n a u s gibt es den b e g r ü n d e t e n Verdacht, dass BSE eine Folge von chemischen
Vergiftungen ist, vor allem mit dem O r g a n o p h o s p h a t Phosmet, bei dem es sich um ein
hochgiftiges u n d schwer nervenschädigendes Insektizid handelt, das bei Rindern gegen die
Dasselfliege eingesetzt wurde. Dieses Phosmet wurde in relativ hoher Konzentration nur in
Großbritannien, N o r d i r l a n d u n d in der Schweiz eingesetzt - genau dort, wo fast alle BSE-
Fälle auftraten. 3 8 4

So war 1985 in England ein Gesetz verabschiedet worden, wonach die britischen Bauern ge-
zwungen w u r d e n , die Nacken der Rinder mit dem Insektizid Phosmet einzureiben (siehe
Pfeile in der Zeichnung). Phosmet ist ein sogenanntes Organophosphat, das als hochgiftiges
u n d schwer nervenschädigendes Insektizid gegen die Dasselfliege eingesetzt wurde. Die Ab-
bildung zeigt den Ort (Nacken), auf den Phosmet aufgetragen wurde. Das Gift dringt über
die Haut in die Blutbahn k a n n so das zentrale Nervensystem schädigen.

1985 war in England ein Gesetz verabschiedet worden, wonach die britischen Bauern gezwungen wurden,
die Nacken der Rinder mit dem Insektizid Phosmet einzureiben (siehe rosa Fläche). Phosmet ist ein soge-
nanntes Organophosphat, das als hochgiftiges und schwer nervenschädigendes Insektizid gegen die
Dasselfliege eingesetzt wurde. Die Abbildung zeigt den Ort (Nacken), auf den Phosmet aufgetragen wurde
Das Gift dringt über die Haut in die Blutbahn kann so das zentrale Nervensystem schädigen.

• 146 •
Dies wird durch Forschungsergebnisse des Neurowissenschaftlers S T E P H E N W H A T L E Y vom
Londoner Institute of Psychiatry bestätigt, denen zufolge Phosmet der auslösende Faktor
für die BSE-Erkrankungen sein könnte 4 6 8 - Forschungsarbeiten, die durch private Spenden
finanziert wurden. 4 2 8 W H A T L E Y wollte der Sache noch genauer nachgehen u n d beantragte f ü r
derartige Untersuchungen bei den staatlichen Stellen die entsprechenden Gelder. Doch die
Behörden lehnten W H A T L E Y S Antrag ab - was u m s o unverständlicher erscheint, wenn m a n
bedenkt, dass W H A T L E Y betont: „Nach wie vor gibt es keine wissenschaftliche Arbeit, die
meine Ergebnisse widerlegt." 373

Merkwürdig ist die Ablehnung des Forschungsantrags außerdem, weil der britischen Regie-
rung das toxische Potenzial von Phosmet b e k a n n t war. So w u r d e A n f a n g der 1990er Jahre
das Gesetz, das zum Einreiben der Rindernacken mit dem Insektizid verpflichtete, wieder
zurückgenommen, da ein Z u s a m m e n h a n g zwischen der A n w e n d u n g des Organophosphats
und dem Auftreten von BSE sehr wahrscheinlich war. Parallel dazu gingen von 1993 an auch
die BSE-Fälle drastisch zurück. Es wird von dem britischen BSE-Untersuchungsausschuss
auch zugestanden, dass O r g a n o p h o s p h a t offensichtlich ein Mitverursacher („Co-Faktor")
beim Entstehen von BSE war. Und es ist längst bekannt, dass chronische Vergiftungen mit
Organophosphaten zu „einer Polyneuropathie [= schwere Schädigungen der Nerven] f ü h -
ren", so der Toxikologe H E I N Z L Ü L L M A N N . 4 0 4

Von mancher Seite wird in diesem Z u s a m m e n h a n g die Frage gestellt: Wieso erkranken nicht
alle Rinder, die mit Organophosphaten behandelt werden, an BSE? Hier muss m a n zu beden-
ken geben: Allein die Dosis macht das Gift (nach P A R A C E L S U S : „dosis sola v e n e n u m facit").
Selbst wenn alle Rinder die gleiche Giftdosis bekämen, so w ü r d e n nicht alle gleich reagieren,
denn die Rinder unterscheiden sich zum Beispiel hinsichtlich ihrer genetischen Verfassung.
Wenn also ein Giftstoff den Ausbruch einer E r k r a n k u n g beschleunigen k a n n , wie z u m Bei-
spiel Alkohol bei Lebererkrankungen, d a n n k a n n es auch die alleinige oder entscheidende
Ursache sein. Wenn jedoch Phosmet als Ursache f ü r BSE offiziell verantwortlich gemacht
würde, kämen Regressforderungen in Milliardenhöhe sowohl auf die britische Regierung als
auch auf den Hersteller des Insektizids zu. Dies scheint eher unerwünscht, sodass hier besser
die klaren Zusammenhänge im Prionen-Nebel verschwinden ...

• 147 •
Die Zukunft der Krebsmedizin: präventiv,
ganzheitlich, immunstärkend
„Die niedrige Quote von Langzeiterfolgen [konventioneller Krebstherapien]
und die oftmals schlechte Lebensqualität der krebskranken Menschen verlangen nach
einem Umdenken und einem komplexen, kombinierten Einbezug bewährter
naturheilkundlicher und regulationsmedizinischer Strategien."
THOMAS RAU, Arzt und Leiter der Paracelsus Klinik Lustmühle901

„Höre nie auf das, was andere sagen - geh hin und schau selber nach."
Chinesisches Sprichwort

Biologisch-ganzheitliche Therapien:
reichhaltige und bewährte Praxiserfahrung

Ein Vorurteil, mit dem sich alternative bzw. biologisch-ganzheitliche Therapien oft konfron-
tiert sehen, lautet, dass sie nicht hinreichend wissenschaftlich belegt seien durch reprodu-
zierbare Studien u n d Erklärungsmodelle. Doch „dieses Argument der .Unwissenschaftlich-
keit' ist ein vordergründiges, vielleicht sogar ein verlogenes oder wenigstens falsches", wie
T H O M A S RAU, Mediziner u n d Leiter der ganzheitlich ausgerichteten Paracelsus Klinik Lust-

m ü h l e in der Schweiz, in seinem 2009 erschienenen Buch „Biologische Medizin" zu Recht


schreibt. 901

D e n n es ist so, dass Studien über biologisch-ganzheitliche Verfahren von der eingesessenen
u n d durch die P h a r m a i n d u s t r i e dominierten Forschung häufig nicht finanziert werden, da
die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten nicht a n n ä h e r n d so lukrativ sind wie jene mit Che-
m o t h e r a p i e u n d a n d e r e n K r e b s m e d i k a m e n t e n . Allerdings gereicht das der sogenannten
Alternativmedizin nicht u n b e d i n g t z u m Nachteil. So gibt es tatsächlich genügend Studien,

• 148 •
in denen die Wirksamkeit vieler biologisch-ganzheitlicher Verfahren hinreichend d o k u m e n -
tiert ist. Unter anderem greift die Ganzheitsmedizin auf neueste physikalische u n d bioche-
mische Erkenntnisse über Spurenelemente, freie Radikale, Vitamine, Aminosäuren, Redox-
Potenziale (Selbstreinigungskräfte), Sauerstoffnutzung usw. zurück.

Die Ganzheitsmedizin k a n n sich auch auf einen riesigen E r f a h r u n g s s c h a t z b e r u f e n , der


Jahrtausende zurückreicht u n d unter anderem die traditionelle Medizin Chinas ebenso wie
die mitteleuropäischen Lehren von P A R A C E L S U S (1493-1541) u n d S A M U E L H A H N E M A N N (1745-
1843), dem Begründer der Homöopathie, in sich vereint. Diese praktische E r f a h r u n g m ü n -
det oft genug in praktische Erfolge - u n d gerade diese praktischen Erfolge lässt die etablierte
Krebsmedizin ja oft so sehr vermissen (siehe Seite 107 ff. im Kapitel 2).

„Es scheint uns wichtig, dass eben diese riesige E r f a h r u n g unsere Medizin prägt: traditio-
nelle Erfahrung an Milliarden von Menschen über Jahrhunderte, die aus unserer Sicht weit
mehr zählt als vermeintlich ,doppelblind' angefertigte w i s s e n s c h a f t l i c h e ' Studien, die oft
nichts anderes sind als reduktionistische Betrachtungsweisen", so RAU. In der Tat werden
bei modernen wissenschaftlichen Studien in der Regel in Zellkulturen oder Versuchstieren
nur Einzelvariablen ausgetauscht. Anschließend versucht m a n d a n n , die Ergebnisse auf das
menschliche System zu übertragen.

• 149 •
Diese Vorgehensweise ist dem mechanistischen - cartesianischen' - Weltbild geschuldet,
in dem der „moderne" Mensch gedanklich gefangen ist. Dieses geht auf den französischen
Philosophen RENÉ D E S C A R T E S ( 1 5 9 6 - 1 6 5 0 ) zurück u n d reduziert Lebewesen letztlich auf tote
Maschinen, die m a n - so die Vorstellung - am Laufen halten k a n n , wenn m a n zwischen-
durch künstlichen Treibstoff (Pillen) hineinschüttet und, wenn notwendig, Ersatzteile aus-
tauscht. 577

Doch die Menschheit ist hier einem fatalen Trugschluss


Dass man ohne die „Segnun- aufgesessen. Dieser besteht in dem Irrglauben, dass die seit
gen" der Pharmaindustrie sehr Mitte des 19. J a h r h u n d e r t s drastisch gestiegene Lebens-
gesund leben kann, zeigt nicht nur e r w a r t u n g in den westlichen Ländern im Wesentlichen
die gesamte wilde Tierwelt, sondern d u r c h F o r t s c h r i t t e in der m e d i z i n i s c h e n Wissenschaft
geht auch aus Berichten über bedingt sei. In Wahrheit jedoch hat „die weitgehende Ver-
bestimmte Naturvölker hervor. So besserung in der Volksgesundheit moderner Gesellschaf-
dokumentierte der britische Arzt SIR ten von den Beiträgen von Wissenschaft und Technologie
ROBERT M C C A R R I S O N ( 1 8 7 8 - 1 9 6 0 ) , [nur] wenig profitiert", wie T H O M A S M C K E O W N , Professor
der auch in etablierten Kreisen sehr f ü r Sozialmedizin, in seinem Werk „Die Bedeutung der
hohes Ansehen genoss, im frühen Medizin" festhält. „Stattdessen gingen die Fortschritte
20. Jahrhundert in umfassenden auf einfache, aber folgenreiche Beobachtungen im Alltag
Studien, dass einige Völker Indiens zurück", n ä m l i c h darauf, wie m a n die Nahrungsmittel-
mit einer natürlichen Lebens- und vor p r o d u k t i o n durch die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit
allem Ernährungsweise ein langes steigern u n d wie m a n f ü r eine verbesserte Hygiene sorgen
Leben erreichten, ohne von den in kann. 7 5 3
Industrienationen üblichen Alters-
krankheiten und chronischen Leiden Voller B e w u n d e r u n g erzählt auch der Franzose JEAN DE
betroffen zu sein. 749,945 LÉRY ( 1 5 3 6 - 1 6 1 3 ) in seinem Tagebuch über die „Wilden

Amerikas", mit denen er Mitte des 16. Jahrhunderts im


heutigen Brasilien gelebt hatte: „Sie sind erheblich gesün-
der als wir [Europäer] u n d haben weniger unter Krankheiten zu leiden. Höchst selten sieht
m a n unter ihnen Lahme, Einäugige, Verunstaltete oder gar Missgestaltete. Nicht wenige die-
ser Leute erreichen ein Alter von hundert bis hundertzwanzig Jahren, u n d nur wenige haben
im Alter weiße oder auch nur graue Haare." 570 LÉRY wird von Fachleuten wegen des objekti-
ven Stils seiner Beschreibungen gelobt. So n a n n t e ihn der b e r ü h m t e Ethnologe C L A U D E L É V I -
726
S T R A U S S ( 1 9 0 8 - 2 0 0 9 ) in seinem Buch „Traurige Tropen" einen modernen Gelehrter.

Neben LÉRY waren auch alle anderen Reisenden des 1 6 . Jahrhunderts geradezu verblüfft über
die Schönheit u n d stabile Gesundheit der eingeborenen M ä n n e r u n d Frauen, die eine einfa-
che Lebensweise pflegten. Deren Nahrungsmittel kamen frisch aus der Natur auf den Tisch
- LÉRY beschrieb den starken Erdbeerduft der Ananasse, den „man schon von weitem riecht"

u n d „die im M u n d zerschmelzen u n d von Natur aus so süß sind, dass sie von keiner der bei

Nach Cartesius, dem latinisierten Namen des französischen Philosophen RENÉ DESCARTES.

• 150 •
uns in Europa üblichen Konfitüren übertroffen werden" 570. Kein Vergleich zu den heute ihres
Eigengeschmacks beraubten Obst- u n d Gemüsesorten, die einer industrialisierten Landwirt-
schaft entstammen. Die Menschen der Renaissance mussten schließlich erstaunt feststellen,
dass ihr eigenes antikes Ideal dort in Übersee seine Verwirklichung gefunden hatte. 570

Wie weit das Bestreben der etablierten Medizin, die Ergebnisse von Studien an Zellkulturen
oder Versuchstieren gerade auch bei Krebs auf den Menschen zu übertragen, von der Pati-
entenrealität entfernt sind, haben wir ja bereits im zweiten Kapitel ausführlich dargelegt. Im
Gegensatz dazu legt die Ganzheitsmedizin besonderen Wert auf die Feststellung, dass der
Mensch - genau wie jedes andere Lebewesen - ein dynamisches, sich ständig veränderndes
System darstellt, in dem Tausende Variablen in Bewegung sind.

„Heutige wissenschaftliche Studien b e r u h e n im Allgemeinen auf Versuchsreihen mit Dut-


zenden bis einigen Tausend Versuchspersonen", so RAU. „Doch wird dabei normalerweise
nicht berücksichtigt, unter welchen U m s t ä n d e n diese Probanden leben u n d welche sonsti-
gen Umstände ihre Krankheitsneigung beeinflussen. So gibt es kaum eine Studie, welche die
Ernährung des Patienten mit in Betracht zieht. Die E r n ä h r u n g ist aber im Allgemeinen ein
sehr entscheidender Faktor bei der Ausbildung von Krankheiten. Darüber hinaus gebe ich
zu bedenken, dass alle Medikamente, die seit Ende der 1980er Jahre wegen teils schwerster
Nebenwirkungen vom Markt g e n o m m e n werden mussten, alle geforderten .wissenschaftli-
chen' Testreihen erfolgreich bestanden hatten." 901

Dazu zählen zum Beispiel das Schmerzmittel Vioxx, das Schlaganfälle u n d H e r z i n f a r k t e


verursachte, das Beruhigungsmittel Contergan, das Tausende Babys mit einer schweren
Behinderung zur Welt k o m m e n ließ, die I m p f u n g gegen Kinderlähmung, deren Nebenwir-
kungen von Durchfall über Entzündungen von Blutgefäßen bis hin zu Nervenschädigungen
inklusive Kinderlähmung selbst reichen, 489,591,598 u n d viele Präparate mehr. Nicht zu verges-
sen in diesem Z u s a m m e n h a n g sind auch die unzähligen Wirkstoffe, die trotz gravierender
und oft genug tödlicher N e b e n w i r k u n g e n sowie eines höchst zweifelhaften N u t z e n s nicht
vom Markt genommen werden. Dies gilt, wie in Kapitel 1 dargelegt, besonders auch f ü r die
Chemotherapie und andere Krebsmedikamente.

Vor diesem H i n t e r g r u n d ist es nur verständlich, dass ganzheitlich ausgerichtete Ärzte wie
RAU das Verhalten der etablierten Medizin als „Zeichen von Arroganz" werten, wenn sie die
traditionellen Heilweisen wegen ihrer angeblichen „Unwissenschaftlichkeit" nicht anerken-
nen bzw. einfach ignorieren. Z u m a l ganzheitlich-biologische Verfahren nicht n u r oft sehr
gut wissenschaftlich belegt sind - wie wir in diesem Buch aufzeigen -, sondern sich auch seit
Generationen bewährt haben 9 0 1 u n d es ausreichend gut dokumentierte Beobachtungen über
Heilerfolge vorliegen. 931

• 151 •
Eine professionell ausgeführte Fußreflexzonenmas-
sage vermag durch Stimulierung der entsprechenden
Punkte das Immunsystem positiv zu unterstützen. Viele
konventionelle Mediziner messen derlei Anwendungen
nach wie vor keinerlei Heilwirkung zu, obwohl diese
Techniken ihre Wirksamkeit in Jahrtausende alter
Heiltradition zum Beispiel im asiatischen Raum längst
bewiesen haben. Dass die eigenen Methoden in der Re-
gel gar nicht auf Heilung abzielen, sondern nur der Sym-
ptombekämpfung dienen, wird dabei gerne vergessen.
Diese häufig als „esoterische" Anwendung belächelten
Therapieformen stellen zudem nur einen Ausschnitt aus
dem breiten Repertoire der ganzheitlich-biologischen
Medizin dar-einer Medizin, die mit ihren Therapien
bzw. Therapiekombinationen nicht nur die Symptome
bekämpft, sondern mitunter gute Heilerfolge ohne
Nebenwirkungen vorweisen kann.

Umso erstaunlicher ist daher der Unwille der offiziellen Medizinwissenschaft, sich mit alter-
nativen H e i l m e t h o d e n intensiver auseinanderzusetzen, wie etwa die Ernährungswissen-
schaftlerin C O R I N N A K O E B N I C K beklagt. 698 D e n n wenn m a n der Auffassung ist, eine bestimmte
H e i l m e t h o d e sei noch nicht h i n r e i c h e n d wissenschaftlich erforscht, so müsste eigentlich
alles daran gesetzt werden, hier f ü r Klarheit zu sorgen, indem man die entsprechenden Stu-
dien finanziert. Stattdessen werden weiterhin U n s u m m e n in eine Medizin gesteckt, deren
Hauptkriterium nicht die U r s a c h e n b e k ä m p f u n g und der Heilerfolg sind, sondern die Symp-
tombehandlung.

Doch nur der Heilerfolg k a n n das entscheidende Kriterium f ü r die Bewertung einer the-
rapeutischen M a ß n a h m e sein, 683 u n d der Begriff Medizin bedeutet ja dem N a m e n nach
auch Heilkunde. 9 0 5 Von einer Heilkunde ist die derzeitige Krebsforschung, wie dieses Buch
d o k u m e n t i e r t , aber tragischerweise meilenweit entfernt. Hier sollte auch bedacht werden,
dass alle Naturwissenschaft u n d alle Heilkunst mit der Beobachtung beginnt, wie es bereits
E R N S T F E R D I N A N D S A U E R B R U C H ( 1 8 7 5 - 1 9 5 2 ) formulierte, der als einer der bedeutendsten und

einflussreichsten Chirurgen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gilt.919

Selbstverständlich ist auch bei den ganzheitlich-biologischen Verfahren nicht alles sinnvoll
oder hält, was seine Anbieter versprechen. Man muss auch hier - wie bei jeder Therapie, ob
n u n „konventionell" oder „alternativ" - genau hinschauen u n d stets die individuelle Kran-
kengeschichte fest im Blick haben. Dies gilt besonders f ü r die Krankheit Krebs, die insbe-

• 152 •
sondere im fortgeschrittenen Stadium eine große Herausforderung f ü r alle Therapeuten u n d
selbstverständlich auch f ü r die Patienten darstellt. Der Vorteil der ganzheitlich-biologischen
Verfahren, sofern sie d e n n von versierten Therapeuten in enger Kooperation mit den Pa-
tienten d u r c h g e f ü h r t werden, liegt allerdings darin, dass bei ihnen auch die Ursachen der
Krankheit - auf allen Ebenen - fest in den Blick genommen werden u n d daher ein viel u m -
fassenderer Ansatz angewendet wird als bei der konventionellen Krebsmedizin, die starr auf
die Behandlung des Tumors blickt.

Ein großer Vorteil des ganzheitlichen Ansatzes ist auch, dass jeder Mensch als Individuum
betrachtet und er in seiner Verschiedenheit w a h r g e n o m m e n wird. Somit erklärt sich zudem,
w a r u m nicht f ü r jeden Patienten jedes Präparat in gleicher Weise w i r k s a m sein k a n n . Um
herauszufinden, welche individuelle Therapie sinnvoll ist, k a n n m a n z.B. einen speziellen
Test ( L y m p h o z y t e n t r a n s f o r m a t i o n s t e s t , abgekürzt LTT) d u r c h f ü h r e n . Hierbei wird die
Reaktion der patienteneigenen Blutzellen auf zahlreiche M e d i k a m e n t e ( d a r u n t e r Mistel,
Echinacea, Thymus, E.coli, das I m m u n s t i m u l a n s Ribomony bis hin zu Chemopräparaten)
festgestellt u n d beurteilt. Dieser Test, erstmals 1960 beschrieben, hat sich vor allem in den
vergangenen Jahren zu einem reproduzierbaren u n d hochsensitiven Verfahren entwickelt.
Hierbei wird das Blut des Patienten mit dem jeweiligen Medikament versetzt u n d f ü n f Tage
kultiviert. Anschließend gibt die Intensität der Reaktion an, welches M e d i k a m e n t f ü r diesen
Patienten sinnvoll ist und wie gut sein I m m u n s y s t e m es vertragen k a n n .

Zur Notwendigkeit von Operationen, Chemotherapie und Bestrahlung


sowie Möglichkeiten, deren Nebenwirkungen abzufedern

Wurde ein Krebsgeschwür ausgemacht u n d dabei festgestellt, dass es noch nicht gestreut hat
(noch keine Metastasen gesetzt hat), so wird in der Regel dazu geraten, den Tumor operativ
entfernen zu lassen. In vielen Fällen ist dies angeraten, weil damit der gröbste Schaden ent-
fernt werden kann. Doch auch dieses klassische Verfahren, das auf den ersten Blick plausibel
erscheint, sollte stets wohlüberlegt sein, vor allem wenn dadurch der Verlust zentral wichti-
ger Organe droht. Auch meint etwa T H O M A S T A L L B E R G , der an der Universität in Helsinki on-
kologisch tätig war, a u f g r u n d seiner jahrzehntelangen E r f a h r u n g e n sagen zu können, dass
die vollständige Entfernung der Prostata, u n d d a m i t die völlige E n t f e r n u n g ihrer A u ß e n -
hülle, eine Metastasierung sogar fördert. Im Übrigen ist in der Regel i m m e r genügend Zeit
vorhanden, um zu überlegen - es muss also meist nicht sofort operiert werden. Wie bereits
erwähnt, kommt das Geschwür nicht über Nacht, sondern hat sich üblicherweise in vielen
Jahren entwickelt. Von daher ist eine dramatische Ä n d e r u n g des Z u s t a n d s innerhalb von
zwei oder drei Wochen nicht zu erwarten.

• 153 •
Es sollte i m m e r bedacht werden, dass jede Operation mit Risiken verbunden ist, nicht nur
wegen der damit einhergehenden üblichen Medikamentengaben (Narkose, Antibiotika etc.).
Es k a n n zum Beispiel dazu kommen, dass Ärzte Organe entfernen, die gar nicht zur Ampu-
tation vorgesehen waren, wie es A n f a n g 2009 bei einer Französin geschah. Bei der 64-Jähri-
gen war ein bösartiger Tumor in der linken Brust entdeckt worden. Die Brust musste deswe-
gen entfernt werden. Doch als die Patientin nach der Operation am 19. Februar aufwachte,
musste sie feststellen, dass ihr beide Brüste amputiert worden waren. „Selbst der Chirurg
hat nicht ü b e r p r ü f t , ob er die richtige Brust operiert", zitierte die Zeitung Le Parisien die
Patientin. „Es ist wie in einem Horrorfilm." Die Klinik Léon-Bérard räumte daraufhin einen
„gemeinschaftlichen menschlichen Fehler" ein u n d bot der Frau neben Schmerzensgeld eine
Schönheitsoperation an, um beide Brüste zu rekonstruieren - was sicher kein großer Trost
ist. In der Klinik werden pro Jahr Tausend Brustkrebsoperationen v o r g e n o m m e n . „Das
Null-Risiko gibt es nicht", sagte Krankenhausdirektorin SYLVIE N É G R I E R . Keine Klinik sei vor
derartigen Fehlern geschützt. 820

Ob eine Operation tatsächlich sinnvoll ist, hängt von vielen Faktoren ab, die bedacht werden müssen. Diese
Zeit zum Nachdenken ist - bis auf wenige Ausnahmen besonders aggressiver Krebsformen - meist gegeben.

Auf jeden Fall ist von einer gezielten „prophylaktischen" Entfernung gesunder Organe abzu-
raten. In Kapitel 1 haben wir die Auswirkungen ausführlich dargelegt, was passiert, wenn der
Irrglaube an die Vererbbarkeit von Krebserkrankungen gesunde Menschen dazu bringt, sich

• 154 •
derart verstümmeln zu lassen. U L R I C H A B E L vom Deutschen Krebsforschungszentrum DKFZ
macht in diesem Z u s a m m e n h a n g darauf a u f m e r k s a m , dass sich eine radikale Brustampu-
tation (Mastektomie) bei Brustkrebspatientinnen in gut geplanten klinischen Studien als
sehr fragwürdig erwiesen hat. Nicht zuletzt, weil sich zeigte, dass „die radikale Mastektomie
im allgemeinen weniger belastenden Eingriffen nicht überlegen ist", so A B E L . „Und auch f ü r
zahlreiche andere Behandlungsformen in der chirurgischen Onkologie, die auf den ersten
Blick als besonders sinnvoll erscheinen mögen, fehlen in Wahrheit überzeugende Hinweise,
dass nicht weniger eingreifende M a ß n a h m e n ebenso effektiv sind." 469

Große Vorsicht ist angebracht beim s o g e n a n n t e n PSA-Bluttest (auch PSA-Screening ge-


nannt). PSA steht f ü r Prostataspezifisches Antigen u n d ist ein Eiweißstoff, den die Vorste-
herdrüse des M a n n e s (Prostata) produziert. Dieser PSA-Test misst den PSA-Wert u n d er
wird bei Verdacht auf Prostatakrebs u n d bei bestehendem Prostatakrebs angewendet. Wie
umfangreiche Studien offenbaren, ist der Nutzen des PSA-Tests sehr gering, sofern er d e n n
überhaupt vorhanden ist. So k a m eine Untersuchung zu dem Schluss, dass m a n bei 1.410
M ä n n e r n n e u n Jahre lang einen PSA-Test d u r c h f ü h r e n muss, d a m i t einer weniger von
ihnen an Prostatakrebs stirbt. 484 ' 923 Mit anderen Worten: Auch ohne dieses Screening ist die
Wahrscheinlichkeit, an Prostatakrebs zu sterben, äußerst gering. „Auf einen M a n n , dem sie
zusätzlich das Leben retten, k o m m e n 39, die überflüssig behandelt werden", gibt der H a m -
burger Medizinphysiker H A N S - H E R M A N N D U B B E N Z U bedenken. 7 7 2 U n d der Schaden dieser
überflüssigen Behandlungen k a n n beträchtlich sein.

H i n t e r g r u n d ist, dass Prostatakrebs sehr häufig v o r k o m m t , aber vergleichsweise selten


zu Krankheit u n d Tod f ü h r t . So haben Untersuchungen an Leichen ergeben, das r u n d 40
Prozent der 50-Jährigen u n d bei r u n d 80 Prozent der 80-Jährigen mit dem Vorliegen eines
Tumors zu rechnen ist. 575,585 ' 967 Die meisten dieser Karzinome wachsen jedoch so langsam,
dass sie zu Lebzeiten klinisch nicht auffällig werden und somit keine Probleme bereiten. Sie
werden nur entdeckt, w e n n mittels PSA-Test gescreent
wird. Dennoch k a n n mithilfe der F r ü h e r k e n n u n g nicht
verlässlich vorausgesagt werden, ob der P r o s t a t a k r e b s Eine dänische Studie aus dem
gutartig oder bösartig ist.967 Wird n u n der Tumor infolge jähr 1995 ist bemerkenswert:
eines positiven PSA-Tests aber konventionell behandelt Dabei wurden Prostatakrebspatien-
(OPs, Chemo, Bestrahlung), was häufig vorkommt, muss ten über einen Zeitraum von 23 Jah-
bei einem hohen Prozentsatz der Patienten mit gravieren- ren beobachtet. Doch es zeigte sich,
den und belastenden Nebenwirkungen gerechnet werden, dass Patienten, deren Prostatakrebs
insbesondere I m p o t e n z u n d Blasenschwäche (Inkonti- frühzeitig erkannt und ausschließlich
nenz). 838 radikal operiert worden war, nach
diesen 23 Jahren keine signifikant
Dass Operationen im Z u s a m m e n h a n g mit Krebs durch- bessere Überlebenszeit vorzuweisen
aus kritisch zu betrachten sind, zeigt sich auch daran, dass hatten als die Patienten, bei denen
neueren Analysen zufolge die routinemäßige Entfernung nichts unternommen worden war.677
von L y m p h k n o t e n , in denen sich bereits metastasierte

• 155 •
tasierte Krebszellen finden lassen, „nicht mehr zeitgemäß" sind. Dies hat D I E T E R H O L Z E L vom
Krebsregister der Universität M ü n c h e n A n f a n g 2009 durch umfangreiche Analysen ermit-
telt. Damit wäre eines der großen Dogmen der Krebsmedizin in sich zusammengefallen, das
besagt, dass metastasierte Lymphknoten grundsätzlich entfernt werden müssen. 666

D a r ü b e r h i n a u s gibt es Untersuchungen, die offenbaren, dass Operationen bei Krebs mit


einem Risiko anschließender Metastasenbildung verbunden sind. 2003 etwa erschien in der
Fachzeitschrift Lancet eine Arbeit, der zufolge bei Brustkrebspatientinnen die operative Ent-
fernung von P r i m ä r t u m o r e n das Wachstum von Metastasen förderte. 961 Und auch zwei Jahre
später veröffentliche das European Journal of Cancer eine Studie, die zeigte, dass Operatio-
nen bei Brustkrebspatientinnen das Auftreten von Fernmetastasen beschleunigen können. 499

Der G r u n d f ü r dieses überraschend erscheinende P h ä n o m e n ist, dass die meisten Tumoren


stark mit Blut versorgt sind. Und so k a n n es passieren, dass das Gefäßsystem um den Tumor
h e r u m durch eine O p e r a t i o n derart beschädigt wird, dass einige Krebszellen in den Blut-
strom gelangen u n d sich woanders im Körper niederlassen - u n d dort Metastasen setzen.
Aus diesem G r u n d wird parallel bzw. kurz nach dem chirurgischen Eingriff oft Chemothe-
rapie mit dem Ziel verabreicht, möglichst alle nach der OP noch verbliebenen Krebszellen
zu zerstören. Eine solche Chemotherapie belastet allerdings das Immunsystem aufs Neue in
einschneidender Weise. Die Problematik der Chemotherapie haben wir in Kapitel 1 ausführ-
lich beschrieben.

Es ist daher m e h r als eine Überlegung wert, einen ganzheitlich-biologischen Weg zu be-
schreiten u n d die Ursache von Krebs mit nicht-toxischen Mitteln zu bekämpfen. Wenn zum
Beispiel diagnostiziert wurde, dass ein sogenannter positiver HER2-Rezeptor in übermäßi-
ger Zahl auf den Zellen vorhanden ist (was eine beschleunigte Tumorzellteilung anzeigt), so
setzt die konservative Krebsmedizin künstlich hergestellte HER2-Antikörper wie das Me-
dikament Herceptin dagegen ein. Doch diese sind nicht nur teuer, sondern wirken auch oft
nicht u n d sind überdies mit entsprechenden Nebenwirkungen verbunden. Eine Alternative
zu Herceptin aus dem „Arsenal" der biologisch-ganzheitlichen Therapie stellt der Gelbwur-
zelfarbstoff C u r c u m i n dar, der die Bildung von Tumorzellen u n d Metastasen hemmen kann
- u n d das praktisch ohne Nebenwirkungen zu erzeugen. 476 - 477

Die Abkürzung HER2 steht f ü r „ H u m a n Epidermal Growth Factor Receptor vom Typ 2". Der HER2-Rezeptor ist
ein Protein, das auf den Zellen vieler menschlicher Organe vorkommt. Normalerweise befinden sich zwei dieser
Rezeptoren auf der Zellmembran einer Brustzelle. Bei etwa 20 bis 30 Prozent aller Frauen mit Brustkrebs ist dieser
HER2-Rezeptor auf den Brustkrebszellen jedoch überexprimiert, das heißt auf der Zelloberfläche befinden sich
etwa 10- bis 100-mal so viele dieser Rezeptoren. Durch das Andocken von Wachstumsfaktor-Molekülen an den
HER2-Rezeptor wird ein Signal, das die Zellteilung auslöst, an den Zellkern gesendet. Das bedeutet: Wenn 10 bis
100 mal so viele dieser Rezeptoren auf der (Brustkrebs)Zelle vorhanden sind, wird das Signal zur Zellteilung viel
zu häufig übertragen u n d es k o m m t so zu einer beschleunigten Tumorzellteilung.

• 156 •
Parallel dazu ist es wichtig, sich um den
Aufbau des I m m u n s y s t e m s u n d insbeson-
dere um die Wiederherstellung der Mito-
chondrien zu k ü m m e r n . Die F r a n k f u r t e r
Ärztin J U L I A N E S A C H E R , eine der Autorinnen
dieses Buches, verabreicht Krebspatienten
daher sowohl vor als auch nach der O p e -
ration zum Beispiel I n f u s i o n e n mit Gluta-
thion, V i t a m i n C, B 6 u n d B 12 , Folsäure,
Selen, Ginkgo, Präparate z u m Aufbau der
Darmflora u n d m a n c h m a l auch - je nach
Situation - A l p h a l i p o n s ä u r e , O r n i t h i n -
Aspartat u n d verschiedene Katalysatoren
des Zitronensäurezyklus. D a r ü b e r h i n a u s
gibt sie eine Kombination aus C u r c u m i n ,
dem zentral wichtigen Antioxidans Gluta-
t h i o n , M a n d e l p i l z (Agaricus), C o e n z y m
Q 10 , B - V i t a m i n e n u n d e i n e r speziellen
Braunalgenmischung (ViathenT). Bei schon
vorhandener Gewichtsabnahme (die beson-
ders bei Krebspatienten im fortgeschritte-
nen Stadium oft zu beobachten ist) werden
auch speziell gereinigte A m i n o s ä u r e n ver- Das getrocknete Pulver des Gelbwurzrhizoms wird haupt-
ordnet. Einige Operateure sind im Übrigen sächlich in der asiatischen Küche als Gewürz verwendet.
durchaus bereit, diese I n f u s i o n e n in ihrer Sein leuchtend gelber Farbstoff, das Curcumin, besitzt
Klinik d u r c h f ü h r e n zu lassen. Zudem ist es eine tumorhemmende Wirkung. Dies ist ein Beispiel für
von immenser Bedeutung, mit den Patien- die erstaunlichen Wirkungen, die aus der Natur gewon-
ten über die E r n ä h r u n g zu sprechen u n d sie nenen Stoffe haben können. Im Vergleich zu künstlich
auf die Bedeutung von Bewegung u n d Psy- erzeugten Medikamenten bestechen sie zudem oft
che f ü r das Krebsgeschehen a u f m e r k s a m zu dadurch, dass sie - vernünftig dosiert - keine Nebenwir-
machen. kungen haben.

Die von uns an dieser Stelle geschilderten möglichen Risiken einer chirurgischen Entfer-
nung von Tumorgewebe soll freilich keine Angst machen, d e n n Angst ist auch bei Krebs
kein guter Ratgeber. Vielmehr möchten wir zu einem bewussten U m g a n g mit dem Thema
anregen - und zwar Ihrem eigenen Körper zuliebe. Ein großes Geschwulst entfernen zu las-
sen, ist sicher grundsätzlich sinnvoll. Doch die „prophylaktische" Amputation von gesunden
Organen schießt wie viele andere geschilderte operative Eingriffe weit über das Ziel hinaus
und verursacht am Ende weit mehr Schaden als Nutzen. Jeder Mensch hat nur einen Körper,
und innerhalb des Gesamtorganismus hat jedes Organ seinen ganz besonderen Stellenwert.
Daher gilt es, jedes Organ so gut wie möglich zu pflegen u n d das Ziel seiner Erhaltung so
lange es geht zu verfolgen.

• 157 •
Unsere Vorbehalte gegenüber der Chemotherapie haben wir in Kapitel 1 bereits ausführlich
dargelegt. D e m n a c h gibt es guten G r u n d , davon auszugehen, dass eine professionell durch-
g e f ü h r t e biologisch-ganzheitliche Krebstherapie in jedem Fall einer Chemotherapie über-
legen ist. Es gibt viele Krebspatienten - vor allem Patienten, die sich im fortgeschrittenen
Stadium befinden die alternativen Behandlungsmetho-
den d u r c h a u s offen gegenüberstehen, sich aber aus ver-
Natürlich gibt es, wie beschrie- schiedenen G r ü n d e n im allerletzten Moment doch noch
b e n , die LANCE A R M S T R O N G S f ü r eine C h e m o t h e r a p i e entscheiden u n d anschließend
dieser Welt, die eine Chemotherapie berichten, dass sie genau gemerkt haben, dass durch die
übersieh haben ergehen lassen und zelltoxischen M e d i k a m e n t e etwas in ihrem Körper un-
diese Prozedur viele Jahre überlebt wiederbringlich kaputt gegangen ist.
haben. Doch diese Fälle sind in der
Minderzahl - und jene Glückspilze Zwar wird berichtet, dass Chemotherapien bei Leukämien
haben ihr Überleben nicht zuletzt (Blutkrebs) im Kindesalter erfolgreich eingesetzt wer-
ihrem kräftigen Immunsystem zu ver- den. Doch die Krankheit Leukämie, die sich durch eine
danken, das es ihnen ermöglichte, v e r m e h r t e Bildung von weißen Blutkörperchen (Leuko-
trotz der giftigen Chemotherapie am zyten) auszeichnet u n d zum Beispiel mit Sauerstoffman-
Leben zu bleiben. gel (Anämie) u n d einem Mangel an blutungsstillenden
Blutplättchen (Thrombozyten) einhergeht, zählt streng
g e n o m m e n gar nicht zu den T u m o r e r k r a n k u n g e n . Kri-
tische S t i m m e n u n k e n , dass Leukämien irgendwann einfach zu den T u m o r e r k r a n k u n g e n
dazugerechnet wurden, nur damit die Krebsmedizin wenigstens einige positive Ergebnisse
vorweisen könne. Davon abgesehen gehört es leider gar nicht zur üblichen Praxis, leukämie-
k r a n k e Kinder biologisch-ganzheitlich zu therapieren. Doch die Erfahrungen zeigen, dass es
ausgesprochen sinnvoll wäre, dieses Behandlungskonzept flächendeckend einzuführen, da
es zudem mit deutlich weniger Leid (Nebenwirkungen) verbunden wäre.

Um die Nebenwirkungen f ü r Patienten abzufedern, die sich trotz der Risiken für eine Chemothe-
rapie entschieden haben, empfehlen ganzheitlich ausgerichtete Therapeuten, parallel hoch-
dosierte Antioxidanzien zu verabreichen (in Form von Pillen oder Infusionen). Die Paracelsus
Klinik in Lustmühle (Schweiz) etwa verwendet dabei folgende Antioxidanzien: Vitamin C
(ein- bis dreimal täglich 1000 mg), Zink (30-45 mg pro Tag), Selen (100-200 pg täglich und
am Tag der Chemotherapie sowie einen Tag danach 1000 pg) u n d Vitamin-B-Komplexe.

Die Therapie k a n n unterstützt werden durch Baseninfusionen, die das übersäuerte Gewebe
der Krebspatienten entsäuern helfen (den Baseninfusionen werden Antioxidanzien und Vit-
a m i n e zugegeben; die Infusionen erfolgen ein- bis zweimal pro Woche zwischen den Chemo-
therapiezyklen). Zusätzlich werden Mittel eingesetzt, um die Ausscheidung zu unterstützen,
die Leber zu schützen u n d zu reinigen, das I m m u n s y s t e m zu stimulieren und das Knochen-
m a r k anzuregen. Darüber hinaus erfolgen Enzymgaben oder auch Ozoninfusionen. 9 0 1

• 158 •
Die Verfahren der klassischen Krebsmedizin sind meist mit großen Hoffnungen verbunden - sie gehen aber
oft mit vielen Nebenwirkungen einher und verursachen so am Ende nicht nur bei den Kindern, sondern auch
auf Erwachsenenseite viel Leid.

Wird ein Tumor festgestellt, so wird in der Regel zunächst operiert. Anschließend werden
eine Chemotherapie u n d / o d e r eine Bestrahlung d u r c h g e f ü h r t . D a d u r c h sollen verbliebene
Krebszellen abgetötet werden, was m i t u n t e r auch gelingt. Das Problem ist dabei aber nicht
nur, dass Chemotherapie u n d Bestrahlung gesunde Zellen ebenfalls stark angreifen bzw.
vernichten und im Zuge dessen das I m m u n s y s t e m beschädigen. Auch werden allzu off nicht
alle Tumorzellen zerstört - mit der Folge, dass die Krebszellen, die der m e d i k a m e n t ö s e n
Giftflut bzw. der Bestrahlung stand gehalten haben, vom geschwächten I m m u n s y s t e m erst
recht nicht mehr beseitigt werden können - u n d diese Krebszellen somit noch besser in der
Lage sind, sich irgendwo im Körper festzusetzen und Metastasen zu bilden.

Im Gegensatz zur Chemotherapie, bei der sich das M e d i k a m e n t im ganzen Körper verteilt,
sind Bestrahlungen örtlich begrenzt einsetzbar. Bei der Strahlentherapie wird der T u m o r
mit energiereicher Strahlung regelrecht „bombardiert". Obwohl mit h o h e m technischen
Aufwand versucht wird, nur die Geschwulst zu treffen, lässt es sich nicht vermeiden, dass
auch gesundes Gewebe angegriffen wird. Die Strahlen erzeugen U n m e n g e n von chemisch
aggressiven Partikeln, sogenannte freie Radikale. Diese zerstören die Molekülbindungen in
der Zelle und führen zu deren Absterben. Im Tumor ist das nötig u n d gewollt. Im betroffe-
nen gesunden Gewebe f ü h r t das zu Beschwerden, besonders an den empfindlichen Schleim-
häuten, mit denen alle inneren O r g a n e ausgekleidet sind. Die freien Radikale sind eine
Hauptursache für viele akute u n d chronische Beschwerden. Sie f ü h r e n nicht nur zu Entzün-
dungen, sondern verschlimmern sie u n d lassen sie chronisch werden. Lokale, eng begrenzte
Bestrahlungen verursachen allerdings meist weniger starke Nebenwirkungen.

• 159 •
Viele N e b e n w i r k u n g e n bei Bestrahlungen treten vor allem akut w ä h r e n d der Behandlung
auf. Dazu gehören Mattigkeit, Reizungen u n d E n t z ü n d u n g e n der Haut oder Schleimhäute,
Funktionsstörungen im D a r m , in den Harnwegen, der Lunge oder im Rachenraum. In vie-
len Fällen bessern sich diese Beschwerden nach einigen Wochen u n d heilen ab, was insbe-
sondere von der individuellen Grundverfassung abhängt. Bei einem Teil der Patienten kann
es dabei zu erheblichen Spät- u n d Dauerschäden k o m m e n , vor allem nach intensiven Be-
strahlungen des Unterleibs, des Bauchraums, der Lunge oder der Hals- u n d Rachenregion.
Es entwickeln sich chronische E n t z ü n d u n g e n oder Vernarbungen - u n d es k a n n auch zum
Absterben von Gewebe k o m m e n . Die empfindlichen Schleimhäute des Darms, der Harn-
wege oder der Geschlechtsorgane v e r k ü m m e r n , schrumpfen oder verkleben miteinander, es
bilden sich Fisteln oder Geschwüre. Diese Beschwerden treten oft erst Monate oder Jahre
nach der Behandlung auf u n d sind schwer zu therapieren.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2008 zeigte, dass Brust-


Studien haben ergeben, dass k r e b s p a t i e n t i n n e n , die n a c h einer Brustoperation be-
zum Beispiel Brustkrebspatien- strahlt w u r d e n , ein erhöhtes Risiko hatten, in der nicht-
tinnen, bei denen eine radikale o p e r i e r t e n Brust einen neuen T u m o r auszubilden. Die
Brustamputation (Mastektomie) plus Studie untersuchte mehr als 7.000 Frauen aus den Nieder-
Bestrahlung vorgenommen wurde, landen, die zwischen 1970 u n d 1986 wegen Brustkrebs be-
nicht länger lebten als Patientinnen, handelt worden waren. 671 „Obwohl heutige Bestrahlungen
bei denen eine radikale Mastekto- weniger stark auf die gegenüberliegende Brust einwirken
mie ohne begleitende Bestrahlung als noch in den Jahren 1970 bis 1986, sollten sich die be-
erfolgte. 568 Beim nicht-kleinzelligen h a n d e l n d e n Ärzte d a r ü b e r bewusst sein, dass die Strah-
Lungenkarzinom scheint die Bestrah- lendosis den Krebs verursacht", so M A A R T I E J. H O O N I N G ,
lung, wie Untersuchungen gezeigt Onkologe am Erasmus Medical Center in Rotterdam und
haben, die Lebenserwartung der einer der Autoren der Studie. „Insbesondere bei jungen
Patienten sogar zu verkürzen. 681,837 Frauen sollte die Strahlenbelastung f ü r die andere Brust
so gering wie möglich gehalten werden." 617

Ein wichtiger Hinweis, w e n n m a n bedenkt, dass es insbesondere in den vergangenen Jah-


ren zu einer starken Z u n a h m e der Strahlenbelastung von Patienten gekommen ist. So of-
fenbart eine Arbeit, die A n f a n g 2009 erschien, dass die Strahlenbelastung der Amerikaner
mittlerweile sechsmal so hoch liegt wie noch 1980 - u n d dass dies in erster Linie bedingt ist
durch den v e r m e h r t e n Gebrauch bildgebender Verfahren wie Computertomographie (CT)
u n d M a m m o g r a p h i e in der Diagnostik. 6 4 0 In anderen industrialisierten Ländern dürfte dies
nicht wesentlich anders aussehen.

Wer sich d e n n o c h f ü r eine Strahlentherapie entscheidet, dem ist zu empfehlen, den uner-
wünschten Nebenwirkungen durch entsprechende i m m u n s t ä r k e n d e M a ß n a h m e n zu begeg-
nen. Dies k a n n z u m Beispiel durch eine Misteltherapie geschehen oder auch durch die Gabe
von Antioxidanzien, V i t a m i n e n u n d Spurenelementen (Selen), speziellen Vitalpilzen u n d
Präparaten zur Unterstützung der Darmflora (Fermentprodukte). Viel frische Luft ist auch

• 160 •
hilfreich. Einige Therapeuten empfehlen Vitamin C am Bestrahlungstag u n d am Tag danach
nicht zu verabreichen, da es die Zellen u n d somit auch die Krebszellen schützt u n d dadurch
die Wirksamkeit der Bestrahlung v e r m i n d e r n k a n n . Wer sich u n b e d i n g t bestrahlen lassen
möchte, wendet sich am besten an erfahrene Therapeuten, die sich sowohl mit der Bestrah-
lung als auch mit naturheilkundlichen bzw. ergänzenden (komplementären) Therapien gut
auskennen.

Bestrahlung, hier eines Prostatakrebses, ist eine der drei Säulen der üblichen Krebsmedizin. Die Neben-
wirkungen können durch die richtigen immunstimulierenden Maßnahmen deutlich verringert werden.

Angemerkt sei an dieser Stelle noch, dass viele etablierte Mediziner nach wie vor ergänzen-
den oder unterstützenden M a ß n a h m e n den Nutzen absprechen. 6 4 1 Dazu ist zu sagen, dass
sicher auch bei alternativmedizinischen Krebstherapien eine gesunde Skepsis nicht schaden
kann. Doch mutet dieser Hinweis von o r t h o d o x e n Krebsärzten nicht n u r m e r k w ü r d i g an,
wenn man bedenkt, mit welcher Verve sie in der Regel die Notwendigkeit von C h e m o t h e -
rapie u n d Bestrahlung betonen, obwohl deren Nutzen m e h r als f r a g w ü r d i g ist u n d deren
Nebenwirkungen erwiesenermaßen oft genug fatal sind. Davon abgesehen zeigt die Praxis
immer wieder, dass alternativmedizinische Verfahren in der Tat wirken, indem sie etwa die
Nebenwirkungen der konventionellen Therapien abzufedern vermögen.

So untersuchten russische Wissenschaftler Patienten, die unter fortgeschrittenem Blasen-


krebs litten und operiert wurden. Sie teilten diese in zwei G r u p p e n auf, wobei die Patienten
der einen Gruppe während der vor- u n d nachoperativen Bestrahlungstherapie V i t a m i n B 3

• 161 •
u n d Aspirin erhielten. Die P r o b a n d e n aus der anderen G r u p p e b e k a m e n diese unterstüt-
zenden Präparate nicht - u n d das Ergebnis war augenfällig: So w u r d e n bei nur 33 Prozent
derjenigen, die Vitamin B 3 u n d Aspirin verabreicht bekamen, Rückfälle beobachtet - in der
Gruppe, die n u r bestrahlt worden war, k a m es hingegen bei mehr als 75 Prozent der Proban-
den zu Rückfällen. Darüber hinaus waren von den Patienten, die Vitamine erhalten hatten,
nach f ü n f Jahren noch mehr als 70 Prozent am Leben, in der anderen Gruppe hingegen nur
noch 27 Prozent. 896

In einer anderen Forschungsarbeit (doppelblind, placebokontrolliert) konnte gezeigt wer-


den, dass das kupfer- u n d zinkhaltige Enzympräparat Orgotein bei Blasenkrebspatienten die
Nebenwirkungen von starken Bestrahlungen sowohl in der Blase als auch im Darm deutlich
abmilderte. 7 5 8

Eine typische N e b e n w i r k u n g von Bestrahlung ist auch die sogenannte Fibrose. Dabei han-
delt es sich um eine k r a n k h a f t e V e r m e h r u n g des Bindegewebes, die zur Folge hat, dass sich
das Gewebe des betroffenen Organs verhärtet. Es entstehen narbige Veränderungen, die im
fortgeschrittenen Stadium zur E i n s c h r ä n k u n g der jeweiligen O r g a n f u n k t i o n f ü h r e n . Ver-
schiedene Studien haben in diesem Z u s a m m e n h a n g ergeben, dass die Gabe einer bestimm-
ten F o r m der e r w ä h n t e n kupfer- u n d zinkhaltigen Enzyme (LipSOD) einer solchen durch
Bestrahlung verursachten Fibrose erfolgreich entgegenwirken kann. 491 ' 574,672

In Heidelberg ist zum Jahresende 2009 ein Therapiezentrum zur Behandlung von Krebs mit
sogenannten Ionenstrahlen eröffnet worden. Mit der 119 Mio. € teuren Anlage, die insge-
samt so groß ist wie ein halbes Fußballfeld, sollen Tumoren bestrahlt werden, die der her-
k ö m m l i c h e n Strahlentherapie gegenüber extrem unempfindlich sind, wie das Heidelberger
Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) mitteilte.

Der Energiebedarfeines lonenstrahl-Beschleunigers, wie er für eine lonenstral-Therapie-Anlage benötigt wird,


entspricht dem einer Kleinstadt.

• 162 •
An dem Forschungszentrum soll wissenschaftlich untersucht werden, bei welchen Tumorar-
ten und bei welchen Lokalisationen im Körper die Schwerionen alleine oder in Kombination
mit Protonen einen besseren Heilungserfolg versprechen als mit herkömmlichen Therapien.
So werden auch alle 1.300 Krebspatienten, die pro Jahr hier bestrahlt werden k ö n n e n , in
Studien aufgenommen u n d der Therapieerfolg genau dokumentiert.

Weltweit existieren einige Bestrahlungsanlagen mit Schwerionen u n d Protonen, vor allem in


Japan und den USA. In Heidelberg steht das erste Bestrahlungszentrum in Europa, das beide
Strahlenarten unter einem Dach vereint.

Mit hochenergetischen Ionenstrahlen zerstören Mediziner Tumoren präzise und nahezu ohne
Nebenwirkungen, so die Botschaft. Die Hightechtherapie ist jedoch sehr teuer. So handelt es
sich bei der Ionenstrahl-Therapie um eine extrem aufwändige Form der Tumorbestrahlung.
Es gibt weltweit nur eine begrenzte Anzahl von Anlagen, die Ionenstrahlen f ü r Therapiezwe-
cke erzeugen. Und nicht f ü r alle Krebsarten soll diese Behandlungsart geeignet sein.

Das Ionenstrahl-Therapiezentrum HIT ist ein dreistöckiges Gebäude mit dem Energiebedarf
einer Kleinstadt, dessen Herzstück die Beschleunigeranlage bildet. D a r i n werden Ionen -
das sind Atomkerne, beispielsweise des Kohlenstoffs - zunächst in einer Röhre u n d d a n n
in einem Kreisverkehr, dem sogenannten Synchrotron, mithilfe von Magneten auf bis zu
200.000 Kilometer pro Sekunde beschleunigt. Der so erzeugte Energiestrahl wird zielgenau
in Richtung Tumor gelenkt. Die Besonderheit dieser Teil-
chenstrahlen: Wenn sie in den Körper eindringen, verlie-
ren sie k a u m Energie und sollen somit gesundes Gewebe Zwischen 1997 und Ende 2009,
schonen. Erst in einem b e s t i m m t e n Bereich, dem Bragg- so die Darmstädter Gesell-
Peak, b e n a n n t nach seinem E n t d e c k e r W I L L I A M H E N R Y schaft für Schwerionenforschung
B R A G G , bleiben die Ionen stecken u n d geben dabei den (GSI), welche die Therapie entwi-
größten Teil ihrer zerstörerischen Energie an das dort lie- ckelte, habe man rund 440 Patienten
gende Tumorgewebe ab. mit Tumoren vorwiegend an der
Schädelbasis mit Kohienstoff-Ionen-
Das klingt geradezu sensationell, doch hier steht eben- strahlen behandelt. In klinischen
falls fest: Eine Allzweckwaffe sind auch die n a h e z u auf Studien sei der Erfolg derTherapie
Lichtgeschwindigkeit beschleunigten Ionen nicht. Allein mit Heilungsraten von bis zu 90 Pro-
der Preis ist mit gut 20.000 € pro B e h a n d l u n g schwin- zent belegt worden. 794 Bei heiklen
delerregend. Dies ist etwa drei Mal so teuer wie h e r k ö m m - Tumoren am Auge soll sich die neue
liche Bestrahlungsbehandlungen. 7 4 5 Jedes Jahr erkranken Methode ebenfalls schon bewährt
allein in Deutschland r u n d 425.000 Menschen neu an haben. Die Sehkraft könne dadurch
Krebs, von denen m a x i m a l 200.000 f ü r eine Radiothera- selbst dann gerettet werden, wenn
pie in Frage k o m m e n . Bei diesen scheint allerdings f ü r die Geschwulst in der Nähe des
höchstens 25.000 Patienten eine Partikeltherapie ange- Sehnervs oder der Netzhaut liege,
bracht. Die Ionenstrahl-Therapie wird nämlich vor allem heißt es.816
den Patienten helfen können, deren Tumor sehr u n g ü n s -

• 163 •
tig in der Tiefe des Körpers liegt (zum Beispiel in der Nähe strahlenempfindlicher Organe)
oder auf herkömmliche Strahlenbehandlung nicht anspricht, wie auch der Strahlenexperte
JÜRGEN D E B U S , Direktor der Radioonkologie u n d Strahlentherapie am Heidelberger Unikli-
n i k u m u n d ärztlicher Direktor des HIT, erklärt. 816

FRED B R I X , Medizinprofessor, Radiologe u n d S t r a h l e n t h e r a p e u t aus Kiel, gibt außerdem


zu bedenken: „Bei den Studienergebnissen, die bis dato vorliegen, handelt es sich fast aus-
schließlich um veröffentlichte Fallstudien, deren Beweiskraft recht niedrig ist." Ferner, so
B R I X , handle es sich u m Tumorarten, die eher selten sind. Es sei also nicht zu erwarten, dass
die Masse der Krebspatienten von dieser Therapie profitieren werde, zumal die bereits be-
stehenden Zentren nicht so viele Patienten behandeln können. D a f ü r ist das Verfahren zu
kompliziert u n d zu aufwändig. Dies gilt selbst f ü r US-amerikanische Anlagen (wie jene in
Boston u n d Loma Linda/Kalifornien), die den Routinebetrieb bereits aufgenommen haben.

In D e u t s c h l a n d w u r d e der Bau gleich mehrerer solcher


Die Zahl der derzeit mit der Teilchentherapie-Zentren beschlossen. Eines davon ist das
lonenstrahl-Therapie behan- Rinecker Proton Therapy Center in München, das wegen
delten Patienten ist vergleichsweise zahlreicher technischer Probleme mit vier Jahren Ver-
bescheiden. Sie spiegelt auch wider, spätung schließlich im März 2009 startete. In den ersten
wie hoch der Anspruch an die tech- n e u n M o n a t e n w u r d e n dort nach eigenen Aussagen 270
nische Kompetenz und die Leistungs- Patienten bestrahlt. Ziel ist es, 4.000 Betroffene pro Jahr
fähigkeit des Personals ist. „Es zu behandeln.
erfordert höchste Expertise, einen
Teilchenstrahl zeitlich, räumlich und „Insgesamt", kritisiert B R I X , „wird jedes einzelne Z e n t r u m
energetisch so zuverlässig zu kon- während der ersten zehn Jahre an primären Investitionen
trollieren, dass seine Anwendung u n d laufenden Betriebskosten mehrere 100 Mio. € ver-
am Menschen verantwortbar ist", so schlingen. Diesem exorbitanten Einsatz vor allem auch öf-
BRIX. Es wird also hoch speziali- fentlicher Gelder stehen vielleicht einige 1.000 behandelte
siertes Personal benötigt, das gut Patienten gegenüber. Im Vergleich dazu versorgt ein kom-
bezahlt sein will. m u n a l e s S c h w e r p u n k t k r a n k e n h a u s im selben Zeitraum
mit gleichem Budget r u n d 180.000 Patienten."

Es mag auf den ersten Blick u n e t h i s c h erscheinen, Patienten gegeneinander aufzurechen.


BRIX jedoch findet es gerade unethisch, dies nicht zu t u n . Denn der Nutzen bzw. die Überle-
genheit der Ionen- oder auch Protonenstrahl-Therapie ist noch längst nicht bewiesen und die
Budgets der Gesundheitskassen sind begrenzt. Das heißt, wenn viele 100 Mio. € in Richtung
Ionen- u n d Protonenstrahl-Therapie fließen, muss an anderer Stelle wieder gekürzt werden.

„So reizvoll u n d aufregend der Forschrittsgedanke u n d wissenschaftlicher Ehrgeiz auch sein


mögen, mit Blick auf das chronisch unterfinanzierte Gesundheitssystem ist die Diskussion
um die Verantwortbarkeit einer solch exorbitant teuren neuen Therapieoption mit ungeklär-
tem Nutzen unverzichtbar", so B R I X . „Sie wird aber nicht g e f ü h r t . Von der Logik her hätte

• 164 •
man nämlich zunächst eine Anlage bauen u n d damit abklären müssen, welche Patienten von
dieser Therapie tatsächlich profitieren könnten. Auf Basis dessen hätte man d a n n leicht fest-
stellen können, wie viele Partikeltherapiegeräte in Deutschland wirklich benötigt werden.
Doch m a n hat sich dazu entschlossen, den u m g e k e h r t e n Weg zu beschreiten, i n d e m m a n
erst vier bis sechs extrem teure Anlagen initiiert u n d danach erst ü b e r p r ü f e n will, ob m a n
sie tatsächlich benötigt."

Um die Ionenstrahl-Therapie realistisch einschätzen zu können, wäre es daher notwendig,


sie mit den sonstigen Methoden der Strahlentherapie oder sogar mit anderen Krebsbehand-
lungsmethoden in langfristig angelegten Studien zu vergleichen. So wird die Ionenstrahl-
Therapie - auch „Strahlenskalpell" genannt - sogar als Ersatz f ü r Operatione n diskutiert.
Doch solche Vergleichsstudien liegen nicht vor.

Interessant wäre zudem ein Vergleich mit ganzheitlichen Behandlungsmethoden von Krebs-
patienten. Denn Krebs - vor allem im fortgeschrittenen Stadium - ist ein Geschehen, das
sich oft nicht nur auf den Tumor selber beschränken lässt. Wie bereits in Kapitel 2 geschil-
dert, haben die meisten bösartigen Tumoren zu dem Zeitpunkt ihrer Entdeckung bereits das
Ausmaß einer Weintraube erreicht. Sie zählen r u n d eine Milliarde Zellen - u n d mit hoher
Wahrscheinlichkeit sind aus einem Tumor derartiger Größe schon einige Krebszellen aus-
gebrochen, haben sich in anderen zentral wichtigen Körperregionen wie Knochen, Lunge,
Leber oder Gehirn erfolgreich niedergelassen u n d dort ein Chaos angerichtet. Gerade in sol-
chen Fällen wäre eine hochwirksame Ionenstrahl-Therapie nicht das Mittel der Wahl, hat sie
ihren Schwerpunkt doch eindeutig auf der punktuellen Zerstörung besonderer Krebsarten.

Dass man Krebs ganzheitlich betrachten muss, scheinen auch z u n e h m e n d i m m e r mehr or-
thodoxe Mediziner zu erkennen. „Die alte Denkweise ist, dass Krebs ein linearer Prozess
ist", so B A R N E T T K R A M E R , Direktor bei der US-Gesundheitsbehörde (National Institutes of
Health) im Oktober 2009 gegenüber der New York Times. „Demnach handelt sich eine Zelle
eine Genmutation ein, u n d nach u n d nach k o m m e n m e h r G e n m u t a t i o n e n hinzu." 699 U n d
Genmutationen würden, so die A n n a h m e , nicht von alleine verschwinden. Doch wie neue
Forschungen bestätigen, werden im Zuge der K r e b s f r ü h e r k e n n u n g (Screening) offenbar
viele Tumoren gefunden, die - wenn sie nie entdeckt u n d behandelt worden wären - im
Laufe des Lebens beim betroffenen Menschen nie Probleme bereitet hätten. Viele von ihnen
hören sozusagen von selber auf zu wachsen - oder verschwinden gar von selbst. 601 „Dadurch
wird jetzt zunehmend klar, dass es f ü r die Krebsentstehung mehr bedarf als Mutationen", so
K R A M E R . „Krebs benötigt die Kooperation der umgebenden Zellen u n d sogar des ganzen Or-

ganismus einer Person, deren I m m u n s y s t e m oder Hormone, um zum Beispiel einen Tumor
zu zermalmen oder ihn zum Wachsen bringen zu können." 6 9 9

• 165 •
Prävention ist das beste Mittel gegen Krebs
Krebs braucht in der Regel lange, oft Jahrzehnte, um sich zu manifestieren. Es ist wichtig,
sich diesen U m s t a n d i m m e r wieder zu vergegenwärtigen. D e n n eine der beliebtesten Ar-
gumentationsketten gegen krebserregende Stoffe lautet: Wieso sollte Zigarettenrauch Krebs
verursachen? Ich rauche doch schon seit 20 Jahren u n d habe i m m e r noch keinen Krebs...
Wieso soll das aus m e i n e n A m a l g a m p l o m b e n a u s d a m p f e n d e Quecksilber zur Entartung
meiner Zellen beitragen? Ich trage schon seit 20 Jahren Amalgamplomben und habe immer
noch keinen K r e b s . . . Wieso sollten Pestizide krebsfördernd sein? Ich esse doch schon seit
meiner Kindheit mit Pestiziden b e s p r ü h t e Lebensmittel u n d habe i m m e r noch keinen
K r e b s . . . Oft wird diese vermeintliche Logik auch auf andere Menschen ausgedehnt, indem
es z u m Beispiel heißt: Der Großvater meines besten Freundes hat doch auch geraucht und
ist erst mit 95 Jahren gestorben, ohne dass bei ihm jemals Krebs diagnostiziert worden war.

Wer sich diese Ansichten zueigen macht, unterliegt jedoch leider einem Trugschluss, der
möglicherweise einem persönlichem Wunschdenken geschuldet ist oder einer Manipulation
durch die Werbung entspringt. D e n n diese Art der Werbung dient den entsprechenden Inte-
ressen von U n t e r n e h m e n , die alles d a r a n setzen, die Aufmerksamkeit weg von ihren schädi-
genden Stoffen u n d hin auf Faktoren wie Gene u n d „böse" Mikroben zu lenken.

Dabei wird aber leider übersehen, wie widerstandsfähig unser Körper ist und wie individuell
die Widerstandskräfte in jedem einzelnen Menschen ausgeprägt sind. W ä h r e n d der Körper
des einen Menschen Zigarettenrauch viele Jahre aushalten kann, ohne oberflächlich erkenn-
baren Schaden zu nehmen, reagieren die Zellen einer anderen Person viel sensibler auf den
Tabakqualm oder auch auf andere Schadstoffe wie Schwermetalle oder Industriegifte, Strah-
len jeglicher Art, Stress usw. Dies hängt davon ab, wie stark die Grundkonstitution ist, mit
der ein Mensch auf die Welt gekommen ist, ob u n d wie lange er gestillt wurde, welche Gifte
er von der Mutter mit auf den Lebensweg b e k o m m e n hat, wie dieser Erdenbürger in der
Kindheit e r n ä h r t w u r d e usw.

Abgesehen von den individuellen Unterschieden bleibt im Großen u n d Ganzen allerdings


festzuhalten, dass Kettenraucher, die erst mit 95 Jahren sterben, ohne einer schweren chroni-
schen Krankheit wie Krebs zum Opfer gefallen zu sein, die A u s n a h m e von der Regel bilden.
Um ein wahrheitsgetreues Bild von der Wirklichkeit zu b e k o m m e n , darf man aber seinen
Blick nicht starr auf die A u s n a h m e n richten, auch wenn dieser Blick einem angenehmer
erscheint. Raucher leben im D u r c h s c h n i t t kürzer, dies ist eine unumstößliche statistische
Wahrheit. 831

Sicherlich wird über einige mögliche Krebsursachen wie z u m Beispiel M o b i l f u n k s t r a h -


lung noch kontrovers diskutiert. Doch ist dabei zu bedenken, dass diejenigen, welche die
G e f a h r e n abwiegeln, oft in Interessenkonflikte verstrickt sind, sprich sie werden von den
Industrien bezahlt, die mit den potenziellen Krebsauslösern eine Menge Geld verdienen. Da-

• 166 •
„Könnten Sie sich bitte beeilen und ein Mittel gegen Krebs finden? Das wäre deutlich einfacher als Vorsorge."

rüber hinaus stellt sich die Frage, wie viele Beweise m a n letztlich als ausreichend erachten
möchte, um die Krebsgefahr eines Gefahrstoffes als hinreichend belegt zu akzeptieren. Die
Geschichte des Zigarettenqualms oder jene des Schwermetalls Blei sind n u r zwei von vie-
len Beispielen dafür, wie es potenten Industriekonglomeraten mit allen erdenklichen Tricks
gelang, Massenmedien zu ihren Verbündeten zu machen u n d so der breiten Bevölkerung
weiszumachen, ihre Substanzen seien doch gar nicht gesundheitsgefährdend bzw. kanzero-
gen - bis ihr Lügengebäude eines Tages doch einstürzte, weil sich die Wahrheit nicht auf
ewig unterdrücken ließ.

• 167 •
In der Zwischenzeit sind unzählige Menschen durch die
Es ist unser Lebensstil, der in oben beschriebene Taktiken der Industrie u n d der Me-
Verbindung mit der jeweiligen dien zu schwerem gesundheitlichen Schaden gekommen,
Grundkonstitution zur Ausbildung indem sie zum Beispiel durch das Rauchen Lungenkrebs
von Krebs führt. Und mit Lebensstil b e k a m e n o d e r d u r c h das lange Zeit tonnenweise aus
ist nicht nur gemeint, wie wir uns A u s p u f f r o h r e n a u s d a m p f e n d e Blei G e h i r n - u n d andere
ernähren und welchen schädlichen Schäden davontrugen. Oder erinnern wir uns an Asbest:
Einflüssen bzw. welcher Giftflut wir Von den ersten Hinweisen auf ein Krebsrisiko um 1900
während unseres Lebens ausgesetzt bis z u m Verbot vergingen nicht weniger als 90 Jahre.
sind, sondern auch, wie sich diese „ D a n n was das Geschäft gemacht, d a n n brauchte m a n
Lebensweise auf die genetische den Skandalstoff nicht mehr", wie der Journalist W O L F -
Ausstattung auswirkt, die wir an G A N G M A E S kritisch anmerkt. „Das kostete weltweit einer

unsere Nachkommen weitergeben. Million Menschen das Leben. 100.000 sterben heute noch
Im Umkehrschluss bedeutet dies, den Krebstod d a n k Asbest, u n d die makabre Statistik soll
dass man Krebs am besten dadurch n o c h weiter steigen, weil die Faser Jahrzehnte braucht,
begegnet, indem man so weit es um zu wirken." 7 4 1 Das Bizarre d a r a n : Die Geschichten
geht jene Faktoren vermeidet, die zur des Zigarettenrauchs, des Schwermetalls Blei und von As-
Krebsentstehung beitragen können. best wiederholen sich i m m e r u n d immer wieder. Ob nun
Diese Faktoren sind im Grunde be- Quecksilber aus Amalgam, Mobilfunkstrahlung, tierische
kannt und die wichtigsten von ihnen Eiweiße, Gifte in Kosmetika oder Zahnstörfelder - es ist
werden in diesem Kapitel von uns i m m e r dieselbe Prozedur: Angeblich sei nichts bewiesen
benannt. u n d eine Gefahr f ü r die Gesundheit geschweige denn eine
Krebsgefahr bestünde n i c h t . . .

In diesem Z u s a m m e n h a n g werden aber nicht nur Belege, die eine Gesundheitsgefahr über-
deutlich belegen, übersehen, sondern auch eines der Grundprinzipien der Medizinwissen-
schaft: das Vorsichtsprinzip. Dabei hat das Vorsichtsprinzip nicht nur in die Grundsätze der
Umweltdeklaration des Erdgipfels in Rio de Janeiro von 1992 Einzug gehalten 842, sondern
zum Beispiel auch in die Grundsätze der Europäischen Union. 631,829 In der Praxis fristet das
Vorsorgeprinzip aber leider i m m e r noch ein stiefmütterliches Dasein. Kosmetika, Spielzeuge
u n d Textilfarben genau wie A u t o i n n e n r ä u m e enthalten Tausende von Chemikalien, über
deren Gefährlichkeit k a u m etwas bekannt ist. So testete die österreichische Umweltschutzor-
ganisation Global 2000 im Jahr 2005 die Raumluft von Neuwagen u n d fand dabei Dutzende
hochgiftige Chemikalien, d a r u n t e r die krebserregenden Substanzen Benzol und Formalde-
hyd. Die Reizstoffe gasten aus Lacken u n d Farben, aus Kunststoffen u n d Sitzbezügen aus. An
der Innenseite der Frontscheiben schlugen sie sich gar als Giftfilm nieder. Experten sprechen
bei diesem Vorgang von „fogging". 844

Rund 100.000 Stoffe verwendet die europäische Chemieindustrie u n d formt daraus Konsum-
güter wie G u m m i e n t e n , Dämmstoffe, Dispersionsfarben oder Nachtcremes. Das Erstaunli-
che jedoch: Die meisten der Alltagschemikalien sind, obschon seit Jahrzehnten in Gebrauch,
noch nie oder nicht ausreichend auf ihre Gefährlichkeit getestet worden. 5 0 4 Der Bund f ü r

• 168 •
Der World Wide Fund for Nature (WWF) zeigte 2005 in
seiner Studie „Generation X" auf, dass unsere Kinder
einen gefährlichen Chemie-Cocktail von rund 60 Indus-
triechemikalien im Blut haben - „Chemikalien, über deren
Wirkung wir kaum etwas wissen", so die WWF-Expertin
NINIA REINEKE. Dazu zählen das Flammschutzmittel
TBBP-A, das in Platinen elektronischer Geräte eingesetzt
wird, sogenannte Antihaftstoffe, die etwa in Pfannen
Verwendung finden, oder auch synthetische Moschus-
verbindungen, die in Waschmitteln und Kosmetika zum
Einsatz kommen. Und die höchste Konzentration der für
die Herstellung bestimmter Kunststoffe verwendeten
Chemikalie Bisphenol A - e i n e Substanz, die bereits in
minimalen Mengen das Hormonsystem beeinträchtigen
kann - wurde ebenfalls in einem Kind nachgewiesen. Viele
der gefundenen Chemikalien sind langlebig, reichern sich
so über die Jahrzehnte im menschlichen Körper an und
können damit auch zur Krebsentstehung beitragen. 818

Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schätzt, dass nur 3 0 . 0 0 0 der 1 0 0 . 0 0 0 Chemi-
kalien, die auf dem EU-Markt kursieren, im Zuge der EU-Chemikalienverordnung REACH
registriert werden müssen. „Nur die Stoffe, von denen über 1 Tonne pro Jahr pro Hersteller
oder Importeur produziert oder importiert werden, sind von dieser Regelung betroffen", so
H U B E R T W E I G E R , Vorstandsvorsitzender des BUND. „Außerdem werden von 6 0 Prozent die-

ser 3 0 . 0 0 0 Chemikalien in der Regel nur r u d i m e n t ä r e I n f o r m a t i o n e n verlangt, obwohl die


Behörden mehr anfordern können. Die Informationen über diese Stoffe werden vermutlich
nicht ausreichen, um entscheiden zu können, ob sie gefährlich sind oder nicht." 840

In einer Studie, an der f ü n f unabhängige Labore aus den USA, Kanada u n d den Niederlan-
den beteiligt waren u n d die im Dezember 2 0 0 9 von der US-Umweltschutzorganisation En-
vironmental Working Group veröffentlicht wurde, entdeckte m a n bis zu 232 toxische Che-
mikalien im Nabelschnurblut von Neugeborenen. G e f u n d e n wurden, wie in der Studie des
W W F s (siehe Infokasten), das Flammschutzmittel TBBP-A u n d die Chemikalie Bisphenol
A sowie nicht minder bedenkliche Giftstoffe wie Moschusersatzstoffe (Galaxolid, Tonalid),
die in Kosmetika u n d Waschmitteln Verwendung finden, u n d Schwermetalle (Quecksilber,
Blei). Fazit der Autoren: Unsere Kinder werden bedroht durch H u n d e r t e von Chemikalien,
die bereits in ihrem frühesten Lebensstadium durch ihre Körper strömen." 8 3 6

REACH ist die Abkürzung der Begriffe Registrierung, Evaluierung (Bewertung), Autorisierung (Zulassung) von
Chemikalien.

• 169 •
Wo also sind n u n die Autoritäten aus Wissenschaft, Politik u n d Wirtschaft u n d auch die
Journalisten, die sich nicht f ü r einen aberwitzigen „War against Terror" (Krieg gegen den
Terror) u n d einen „War against Cancer" stark machen, sondern sich konsequent und ganz
nach d e m Vorsichtsprinzip f ü r einen sinnvollen „War against Toxins" (Krieg gegen Gift-
stoffe) einsetzen? Nach ihnen sucht m a n vergeblich ... Bis m a n sie gefunden hat, liegt es in
der V e r a n t w o r t u n g jedes Einzeln, Krebs zu vermeiden bzw. i h m erfolgreich zu begegnen,
indem alle erdenklichen krebsauslösenden Faktoren so weit es geht vermieden werden und
zugleich alles f ü r ein kräftiges I m m u n s y s t e m getan wird.

Der richtige Umgang mit Früherkennungsmaßnahmen


Die F r ü h e r k e n n u n g ist eines der klassischen Mittel der Krebsprävention. Mittlerweile gibt
es zahlreiche Methoden, d a r u n t e r den Pap-Test zur Vorbeugung von Gebärmutterhalskrebs
u n d die Darmspiegelung (Koloskopie). Diese Methoden erfreuen sich mittlerweile so großer
Beliebtheit, dass m a n sagen könnte, das Screening auf Krebs - also die Untersuchung darauf,
ob j e m a n d von dieser Krankheit betroffen ist oder bald sein könnte, ist zu einem regelrech-
ten Volkssport geworden. Wie Statistiken zeigen, ist die Zahl derjenigen, die in Deutschland
an einer von den Krankenkassen bezahlten Krebsvorsorgeuntersuchung teilnehmen, zwi-
schen 1998 u n d 2007 stark gestiegen (die Kosten f ü r die gesetzlichen Krankenkassen stiegen
in diesem Zeitraum von 271 Millionen auf 650 Millionen Euro). 643 Am meisten wird dabei
auf D a r m - u n d Brustkrebs getestet.

Dass es zu einem derartigen Vorsorgehype k o m m e n konnte, liegt nicht zuletzt daran, dass
die F r ü h e r k e n n u n g s i n d u s t r i e zahlreiche Prominente vor ihren Werbekarren gespannt hat.
So r ü h r e n in Deutschland die Fußballlegende G Ü N T E R N E T Z E R u n d der Schwergewichtsbox-
weltmeister W L A D I M I R K L I T S C H K O die Werbetrommel f ü r Darmspiegelungen, die Modedesig-
nerin JETTE J O O P f ü r die Schutzimpfung gegen Gebärmutterhalskrebs, während Kulttorwart
S E P P M A I E R sowie ZDF-Moderator K L A U S - P E T E R S I E G L O C H öffentlich den Test auf Prostata-

krebs anpreisen. Und nicht n u r P r o m i n e n t e , auch Journalisten, Politiker, Kassenlobbyis-


ten u n d viele Ärzte sind fest davon überzeugt, eine gute Sache zu unterstützen, wenn sie
in das Hohelied der Vorsorge e i n s t i m m e n . S U S A N N E H O L S T , Ärztin u n d Fernsehmoderato-
rin, appellierte gar A n f a n g 2008 in der Bild am Sonntag, das neue Jahr müsse „ein Jahr der
Vorsorge werden". Mit den uns zur Verfügung stehenden Vorsorgeuntersuchungen würden
wir, so H O L S T , die auch als Kolumnistin f ü r das Blatt tätig ist, „einen wesentlichen Teil der
Zahlenkombination f ü r den Gesundheitsjackpot in H ä n d e n halten". Für sie selbst seien Vor-
sorgetermine daher „so etwas wie unantastbare Termine", die sie fest in ihr Leben eingebaut
hätte. M a h n e n d wendet sich H O L S T an ihre Leser: „Seien Sie klug, u n d nehmen sie die [Vor-
sorgetermine] ganz selbstverständlich wahr. Ganz wichtig auch die regelmäßigen Krebsvor-
sorgeuntersuchungen beim Urologen, Haut- u n d Frauenarzt." 6 7 0

• 170 •
Nicht jede Vorsorgeuntersuchung ist unbedenklich. Die Mammographie (hier abgebildet) zum Beispiel ist
mit einer nicht unerheblichen Strahlendosis verbunden und weist zudem eine deutliche Fehlerrate im dia-
gnostischen Bereich auf.

Doch es darf bezweifelt werden, dass ein solcher Appell gerechtfertigt ist. So sind bei weitem
nicht alle M a ß n a h m e n , die der Krebsfrüherkennung dienen sollen, wirklich so sinnvoll, wie
sie auf den ersten Blick erscheinen mögen u n d wie sie von
Medizinindustrie, Prominenten u n d zahlreichen Massen-
medien promotet werden. Die M a m m o g r a p h i e etwa ist Bei den Methoden der Früher-
mit nicht unbedenklichen bzw. potenziell krebserregen- kennung ist ein sorgsamer Um-
den Strahlenbelastungen verbunden. Auch k o m m t es oft gang angeraten, damit der Schaden,
zu Fehldiagnosen, indem etwa nicht-bösartige B e f u n d e der gravierend sein kann, am Ende
als bösartige interpretiert werden - mit der Folge, dass den zum Teil zweifelhaften Nutzen
unnötigerweise operiert u n d / o d e r mit n e b e n w i r k u n g s - nicht überwiegt. Dabei sollte nicht
reichen Medikamenten behandelt wird. „Darüber hinaus nur auf die Strahlenbelastung (wie
besteht grundsätzlich das Problem", so der australische durch zu viele CT-Scans) geachtet
Genomforscher u n d Krebsexperte G E O R G E L . G A B O R M I K - werden. Es gilt auch, nebenwir-
LOS, „dass keine Vorsorgeuntersuchung narrensicher ist." kungsreiche Therapien, die im
Denn viele Krebse streuen bzw. setzen Metastasen, bevor Anschluss an eine Früherkennungs-
der P r i m ä r t u m o r selbst mit den besten klassischen Früh- untersuchung unnötigerweise emp-
e r k e n n u n g s m a ß n a h m e n entdeckt worden ist. W e n n aber fohlen werden, zu vermeiden. Gerade
die Metastasen erst einmal da sind, d a n n ist es aus kon- ältere Menschen sollten bedenken,
ventioneller Sicht fast i m m e r schon zu spät - u n d selbst dass eine Darmspiegelung körperlich
aus biologisch-ganzheitlicher Sicht stellt dieses Stadium belastend sein kann.614
keine geringe therapeutische Herausforderung dar.

• 171 •
In Kapitel 3 („Gebärmutterhalskrebs-Impfung: nutzlos, riskant, teuer) haben wir im Grunde
bereits alles z u m Thema Gebärmutterhalskrebs gesagt. Daher sei an dieser Stelle zum Pap-
Test (Abstrich von Zellen vom Gebärmutterhals) lediglich wiederholt, dass dieser durchaus
sinnvoll ist. W e n n eine Frau diesen Pap-Test regelmäßig alle ein bis drei Jahre durchführen
lässt, so k a n n bei ihr eine bösartige Entwicklung der Zellen frühzeitig erkannt u n d chir-
urgisch entfernt werden. Der Pap-Test d ü r f t e in den Industrieländern entscheidend dazu
beigetragen haben, dass die Zahl der Frauen, die an Gebärmutterhalskrebs sterben, in den
vergangenen 100 Jahren drastisch zurückgegangen ist (in den Nichtindustrieländern wird
der Pap-Test nicht s t a n d a r d m ä ß i g durchgeführt).

Doch auch beim Pap-Test ist ein sorgsamer Umgang - von Arzt wie Patient - notwendig. So
hat der Pap-Test eine nicht geringe Fehlerrate. 801 Regelmäßig k o m m t es vor, dass kranke Zel-
len übersehen werden, weil etwa Entzündungen die Sicht auf die mutierten Zellen verstellen
oder weil die Ergebnisse falsch interpretiert werden. Als Folge davon dürften zu viele Frauen
als Patienten, denen Gebärmutterhalskrebs droht, klassifiziert werden. Dies trägt dazu bei,
dass zu schnell, zu viel u n d zu massiv operiert wird, dass Frauen unnötig unter enormen
Psychostress gesetzt werden u n d nebenwirkungsreiche Medikamente erhalten.

Ein weiterer zentraler Baustein


der K r e b s f r ü h e r k e n n u n g f ü r
Frauen ist die B r u s t k r e b s f r ü h -
e r k e n n u n g . D a z u g e h ö r e n der
„Klassiker", d a s A b t a s t e n der
Brüste, u n d seit einiger Zeit der
Test auf eine M u t a t i o n im Gen
BRCA. Ü b e r die Sinnlosigkeit
des B R C A - G e n t e s t s bzw. der
Vorstellung, Brustkrebs k ö n n t e
vererbt werden, sind wir bereits
im e r s t e n Kapitel a u s f ü h r l i c h
eingegangen (vgl. Seite 39 ff. u n d
Seite 47 ff.). Beim Abtasten der

Rein wissenschaftlich ist es nicht belegt,


dass das Abtasten der Brust die Brust-
krebssterblichkeit verringert. Dennoch
sagt einem der gesunde Menschenver-
stand, dass diese einfach, selbst durch-
führbare Maßnahme nicht verkehrt sein
kann.

• 172 •
Brüste und der Achselhöhlen angeht ist zwar rein wissenschaftlich betrachtet nicht belegt,
dass diese Untersuchung die Brustkrebssterblichkeit verringert. 7 5 2 D e n n o c h sagt einem der
gesunde Menschenverstand, dass das Abtasten durchaus sinnvoll ist.

Eine Untersuchung an der Universität Rom aus dem Jahr 2007 hat unterdessen ergeben, dass
jede Frau mithilfe eines speziellen U n t e r s u c h u n g s h a n d s c h u h s - als D o n n a Glove bezeich-
net - die Effektivität des Abtastens erhöhen kann. 7 5 4 In jedem Fall gilt auch hier: W e n n ein
Knoten ertastet wurde, sollte jede Betroffene zunächst die Ruhe bewahren - d e n n es könnte
sich auch um etwas viel Harmloseres als Krebs handeln. Die genaue Untersuchung sollte vom
Facharzt durchgeführt werden u n d selbst wenn dieser den Verdacht bestätigt, sollten nicht
sofort radikale Folgeschritte (Brustamputation, Chemotherapie, Bestrahlung) u n t e r n o m m e n
werden, die wiederum selbst massive Schäden setzen bzw. Krebs verursachen können.

Auf dieser Mammographie-Aufnahme ist in der Mitte der Brust deutlich


eine weißliche Verdichtung des Brustgewebes zu sehen. Dies deutet ver-
stärkt auf einen Tumor hin, dem man allerdings nicht ansieht, ob er gut-
oder bösartig ist. Dies gilt erst recht für die vielen, deutlich diffuseren
Mammographie-Bilder. Es lohnt sich daher immer, vor einer voreiligen
Operation oder einer schnell empfohlenen Therapie zumindest noch
eine weitere Meinung einzuholen. Außerdem ist zu bedenken, dass Tu-
moren meist so langsam wachsen, dass immer einige Zeit verbleibt, um
alternative Therapien auszutesten, die auf eine Ernährungsumstellung
mit immunstärkenden Präparaten wie Glutathion und Curcumin setzen
und nicht auf Stanzbiopsie (Entnahme einer Gewebeprobe), Operation,
Bestrahlung und Chemotherapie. Stanzbiopsien werden dann angeord-
net, wenn die Mammographie Auffälligkeiten zeigt. Sie ist ein Verfahren
zur Gewinnung von zu untersuchenden Gewebeproben aus krankheits-
verdächtigen Körperregionen. Stanzbiopsien werden mit verschiedenen
Nadeltypen und -durchmessern beispielsweise bei krebsverdächtigen
Knoten in der Brust, der Leber oder der Prostata durchgeführt.

Ein Erfahrungsbericht einer Frau von A n f a n g 40, die nur eine „harmlose" Brustkrebsvorsor-
geuntersuchung absolvierte u n d am Ende eine emotionale A c h t e r b a h n f a h r t d u r c h m a c h e n
musste, erschien in der Fachzeitschrift Bioskop*50 im M ä r z 2009. Den A n f a n g machte die
Äußerung ihrer Frauenärztin, sie hätte ein „hohes familiäres Risiko", weil ihre Mutter be-
reits an Brustkrebs erkrankt sei (siehe dazu „Kann Krebs wirklich vererbt werden?", S. 47 ff.
in Kapitel 1). D a n n begann die Ärzteodysee: Zuerst w u r d e eine M a m m o g r a p h i e gemacht,
deren Ergebnis „nicht unauffällig" war. Anschließend holte sie eine Zweitmeinung ein, die
jedoch keine E n t w a r n u n g brachte. Schließlich landete die Frau bei einem Spezialisten f ü r
Brustultraschall, der einen „suspekten Tumor" diagnostizierte. Eine weitere Spezialistin er-

• 173 •
öffnete der Patientin, noch während sie halb entblößt auf der Untersuchungsliege lag, sie hätte
„zu 99% Brustkrebs", ohne dass diese Aussage durch eine Biopsie (Gewebeprobe) untermau-
ert worden wäre. Gleich darauf wird die Patientin mit allen zu absolvierenden Folgemaß-
n a h m e n , OP, Bestrahlung, Chemo, bekanntgemacht. Es müsse umgehend operiert werden,
so der Chirurg. Der Nippel der anderen Brust könne halbiert u n d verpflanzt werden: „Der
ist ja groß genug.". D a n n erhält sie das Biopsieergebnis: Fibroadenom - eine gutartige Verdi-
ckung des Drüsen- u n d Bindegewebes der Brust. Dass diese Patientin trotz unsensibler und
forsch handelnder Ärzte schlussendlich nicht operiert wurde, hatte sie nur ihrem Mut zum
eigenen Denken u n d der Tatsache zu verdanken, am Schluss doch noch an eine kompetente
Oberärztin geraten zu sein. Diese riet ihr, die Sache zunächst weiter zu beobachten.

Der verstärkte Einsatz röntgenolo-


gischer Diagnoseverfahren führt
zu einer vermehrten Strahlenbe-
lastung. In vielen Fällen sind so-
wohl Häufigkeit als auch zeitlicher
Abstand problematisch für die
Gesundheit. Das Diagnoseinstru-
ment wird damit zum potenziellen
Mitverursacher von Krebs.

Erschwerend k o m m t h i n z u , dass die bildgebenden Verfahren mit einem hohen Strahlen-


risiko, das ein eigenes krebserregendes Potenzial birgt, verbunden sind. So offenbart eine
Studie, die A n f a n g 2009 erschien, dass die Strahlenbelastung der Amerikaner mittlerweile
sechsmal so hoch liegt wie noch 1980 - u n d dass dies in erster Linie durch den vermehrten
Gebrauch bildgebender Verfahren wie C o m p u t e r t o m o g r a p h i e (CT)' u n d Mammographie,
die auf Röntgenstrahlen basieren, in der Diagnostik bedingt ist. 640 In anderen industriali-
sierten Ländern dürfte die Situation nicht viel anders aussehen.

Tomographie bedeutet Darstellung in Schichten oder Scheiben, in diesem Fall Schichten des Körpers oder eines
Körperabschnitts. Die Computertomographie, die mit einer starken Belastung durch Röntgenstrahlung einher-
geht, haben wir letztlich der Pop-Band Beatles zu verdanken. Die vier Pilzköpfe bescherten ihrer Plattenfirma
Electric Musical Industries (EMI) enorme Gewinne. Einen Teil dieser Erlöse investierte EMI in die Forschung
- und dabei wurde Anfang der 1970er Jahre der erste kommerziell erhältliche CT-Scanner entwickelt. Erfunden
wurde er von dem englischen Elektrotechniker G O D F R E Y N . H O U N S F I E L D , der für seine Pionierarbeit in Sachen
Computertomographie 1979 zusammen mit dem US-Physiker A L L A N M C L E O D C O R M A C K den Medizinnobelpreis
erhielt. 1981 wurde der lebenslange Junggeselle H O U N S F I E L D von der englischen Königin für seine Erfindung zum
Ritter geschlagen.

• 174 •
Die Strahlenbelastung befindet sich dadurch mittlerweile auf einem potenziell krebserregen-
den Niveau, das vergleichbar ist mit jedem, dem Japaner ausgesetzt waren, die sich Ende des
Zweiten Weltkriegs in einigen Meilen Entfernung von der Explosion der Hiroshima-Atom-
bombe aufgehalten hatten.'' Dies gilt vor allem f ü r Personen, bei denen jährlich oder noch
häufiger A u f n a h m e n mit einem Computertomographen -
sogenannte CT-Scans - d u r c h g e f ü h r t werden. Zu diesem Der Radiologe und Onkologe
erschütternden Ergebnis k o m m t etwa D A V I D J. B R E N N E R , BRENNER steht mit seiner Kritik
Radiologe und Onkologe an der Columbia University in an den Strahlengeräten mittler-
New York, in zahlreichen Studien. 471,528,843 weile nicht mehr alleine da. So
veröffentlichte 2007 das American
Das American College of Radiology gibt in diesem Zu- College of Radiology, die führende
s a m m e n h a n g zu Bedenken: „Die gesamte Strahlendosis, amerikanische Vereinigung von
die in der heutigen Zeit in den USA durch medizinische Radiologen, in ihrem Fachmagazin
Geräte innerhalb eines Jahres auf Patienten einwirkt, ent- ein Grundsatzpapier, in dem vor
spricht im Groben der Menge, die durch die Tschernobyl- den möglichen Folgen der massiv
Katastrophe im Ganzen erzeugt worden war. Diese durch gestiegenen Anwendung von Diagno-
die heutige medizinische Diagnostik bedingte Strahlen- segeräten, die auf Röntgenstrahlen
belastung wird also wahrscheinlich zur Folge haben, dass basieren, gewarnt wird. Darin heißt
wir in nicht allzu ferner Z u k u n f t mehr Krebsfälle sehen es, dass heutzutage eine einzige
werden, die auf diese bildgebenden Verfahren zurückzu- CT-Aufnahme des Magens die Hälfte
führen sind." 481 der Strahlendosis aussende, die bei
denjenigen, welche die Atombom-
Wohl die meisten Menschen sind sich gar nicht d a r ü b e r benabwürfe in )apan am Ende des
im Klaren, dass der menschliche Körper durch einen CT- Zweiten Weltkrieges überlebt hatten,
Scan so stark Röntgenstrahlen ausgesetzt wird wie durch später Krebs ausgelöst hätte.
einige Hundert bis einige Tausend einfache Röntgenauf-
nahmen. Eine CT-Aufnahme vom Kopf bzw. Gehirn eines
Kindes kann sogar so belastend wirken wie 6.000 einfache R ö n t g e n a u f n a h m e n der Brust. 569
Dabei können bereits „simple" Röntgenaufnahmen sehr belastend wirken. Den meisten Men-

Die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki vom 6. und 9. August 1945 wurden von US-Präsident
HARRY S. TRUMAN am 1 6 . Juli 1 9 4 5 beschlossen und am 2 5 . Juli angeordnet. Am 2 . September 1 9 4 5 , also kurz nach
den Abwürfen der Atombomben, kapitulierte Japan, wodurch der Zweite Weltkrieg in Asien sein Ende fand. Die
Bomben töteten 90 Prozent der Menschen, die sich in einem Radius von 0,5 Kilometern um das Explosionszen-
trum authielten, und immer noch rund 60 Prozent im weiteren Umkreis von 0,5 bis 1 Kilometer sofort. Schätzun-
gen zufolge kamen so in Hiroshima weit mehr als 1 0 0 . 0 0 0 und in Nagasaki um die 7 0 . 0 0 0 Menschen sofort ums
Leben. Bei den Menschen, die sich im innersten Stadtkern aufhielten, verdampften infolge der extremen Hitze
buchstäblich die obersten Hautschichten. Der gleißende Blitz der Explosion brannte Schattenrisse von Personen in
stehen gebliebene Hauswände ein, ehe die Personen von der Druckwelle fortgerissen wurden. In den Folgewochen
starben noch Zehntausende Einwohner, die eine tödliche Strahlendosis erhalten hatten. Viele, die vor der uner-
träglichen Hitze an den Fluss geflohen waren und von kontaminiertem Wasser tranken, hatten daraufhin Haar-
ausfall, bekamen purpurrote Flecken am ganzen Körper und verbluteten dann qualvoll an inneren Verletzungen.
Bis heute sterben ehemalige Einwohner Hiroshimas und Nagasakis an Krankheiten wie Krebs als Langzeitfolge
der Strahlung.

•175-

V.
sehen in I n d u s t r i e l ä n d e r n d ü r f t e dieser U m s t a n d heutzutage m e h r oder weniger bewusst
sein - genau so, wie es mittlerweile Allgemeingut ist, dass Rauchen die Wahrscheinlichkeit
erhöht, an Krebs zu e r k r a n k e n , dass m a n b e i m Autofahren besser einen Gurt anschnallt
oder beim Sonnenbaden Sonnenbrände vermeidet. Doch lange Zeit war dem nicht so - und
es bleibt zu hoffen, dass sich schon bald auch das Bewusstsein d a f ü r schärft, dass CT-Scans
potenziell krebserregende Röntgenstrahlen aussenden.

Das Bild zeigt eine mithilfe der Computertomographie (CT) erstellte Bilderfolge des Kopfes. Bei der CT wer-
den Organe bzw. das zu untersuchende Gebiet scheibchenweise in vielen Einzelbildern dargestellt.

Als Röntgenstrahlen 1895 von den deutschen Physiker W I L H E L M C O N R A D R Ö N T G E N (1845-


1923) entdeckt w u r d e n - u n d auch lange Zeit danach -, war m a n sich über die möglichen
Langzeiteffekte des Röntgens nicht im Klaren. Zwischen den 1920er u n d 1960er Jahren gab
es zum Beispiel in zahlreichen europäischen u n d nordamerikanischen Schuhläden ein Rönt-
gengerät - das sogenannte Schucoskop, in Deutschland auch Pedoskop genannt. Wollten die
Leute wissen, ob ihr ausgesuchter Schuh richtig sitzt, so mussten sie nur das Schucoskop
mit einem Schalter a n m a c h e n u n d d a n n unten in den Röntgenkasten - also dort, wo Unbe-
darfte eher eine rotierende Schuhbürste vermuten würde - ihren Fuß mit dem neuen Schuh
hineinstecken. Anschließend konnten sie beim Blick durch einen der drei Sehschlitze sofort
sehen, wo sich im Schuh die Zehen befinden. Im Prinzip eine geniale Erfindung, ersetzte sie
doch den relativ ungenauen Daumentest. Kinder waren von dem Gerät natürlich fasziniert,
d e n n es war ihnen möglich, in der M a n i e r eines Arztes schnell die eigenen Fußknochen
unter die Lupe zu n e h m e n . In den 1960er Jahren machte der Gesetzgeber diesem Spuk aber

• 176 •
ein Ende und verbot die Strahlenkästen. 5 8 7 D e n n so sehr das Schucoskop den Spaßfaktor
eines Schuhladenbesuchs zu steigern vermochte, so sehr gilt es, f ü r die Krebsprävention jede
unnötige Strahlenbelastung zu vermeiden. In einer Arbeit, die 2002 im Fachblatt Der Haut-
arzt erschien, wird sogar ein möglicher Z u s a m m e n h a n g zwischen heutzutage auftretendem
Hautkrebs am Fuß u n d dem damaligen häufigen Gebrauch des Schucoskops gezogen. 960
„Unnötige" R ö n t g e n a u f n a h m e n stehen schon seit Längerem im Verdacht, f ü r Krebstodes-
fälle (mit)verantwortlich zu sein. 533

Erwähnenswert in diesem Z u s a m m e n h a n g ist auch die in


der Mitte des 20. Jahrhunderts übliche Praxis, schwangere Der 2007 verstorbene Moleku-
Frauen zu röntgen, um deren Becken auszumessen oder l a r b i o l o g e JOHN W I L L I A M

um zu ü b e r p r ü f e n , ob Zwillinge erwartet werden. Eine GOFMAN hatte die Auswirkungen


nicht nur überflüssige, sondern wahrscheinlich auch fol- von Strahlungen fast 50 Jahre lang
genschwere M a ß n a h m e . So w u r d e n in einer Studie, 2003 eingehend studiert. Der Berkeley-
in der Fachzeitschrift der a m e r i k a n i s c h e n Ärzteverei- Professor wirkte bereits am Manhat-
nigung veröffentlicht, 700.000 Kinder untersucht, die in tan Projekt zum Bau der Atombombe
den USA zwischen 1947 u n d 1964 geboren worden waren. während des zweiten Weltkriegs mit.
Der eine Teil dieser Kinder s t a m m t e von M ü t t e r n , die In fünf wissenschaftlichen Büchern
während der Schwangerschaft am Becken geröntgt wor- präsentiert GOFMAN Belege dafür,
den waren - die Mütter der anderen Kinder waren h i n - dass medizinische Technologien
gegen nicht geröntgt worden. Das Ergebnis zeigte, dass - insbesondere einfache Röntgen-
die Krebssterblichkeit bei den Kindern, deren Mütter der aufnahmen sowie die ebenfalls
Strahlenbelastung in der Schwangerschaft ausgesetzt wor- auf Röntgenstrahlen basierenden
den waren, um 40 Prozent höher lag.987 Mammographien und CT-Scans-zur
Entstehung von einem erheblichen
In einem fast 700-seitigen Report zeigt der Strahlenex- Teil neuer Krebserkrankungen
perte L O H N W I L L I A M G O F M A N auf, dass es in Regionen, wo beitragen (sein Forscherkollege
die Zahl der Mediziner u n d parallel dazu auch die An- BRENNER kommt zu einem ähnlich
wendung von medizinischen Strahlendiagnosen z u n a h m , besorgniserregenden Befund).527
auch zu einem Anstieg der Krebsraten kam. 6 3 0 In diesem
Z u s a m m e n h a n g verwies G O F M A N darauf, dass die Rönt-
genstrahlen freilich nicht alleine f ü r den Gesundheitsschaden verantwortlich zeichnen, son-
dern auch andere Risikofaktoren eine Rolle spielen würden, d a r u n t e r auch schlechte Ernäh-
rung, Rauchen u n d die E i n n a h m e von Antibabypillen.

In seinem Buch „Preventing Breast Cancer" 629 („Brustkrebs vermeiden") m e r k t G O F M A N


an, dass Brustkrebs in den USA die Todesursache N u m m e r eins ist unter Frauen im Alter
zwischen 44 und 55 Jahren. Weil das Brustgewebe besonders empfindlich auf Bestrahlung
reagiert, so seine Argumentation, könnte auch M a m m o g r a p h i e Krebs auslösen (wobei die
Krebsgefahr noch gesteigert werden könne durch andere Faktoren wie Übergewicht oder da-
durch, dass man durch die Entfernung der Eierstöcke oder Medikamentengaben eine künst-
liche Menopause einleitet).

• 177 •
Dass die M a m m o g r a p h i e das Krebsrisiko in der Tat erhöhen k a n n , zeigen einschlägige
Untersuchungen, 4 9 2 , 5 6 3 d a r u n t e r auch eine, die Ende 2008 in der angesehenen US-Fachzeit-
schrift Archives of Internal Medicine abgedruckt wurde. 6 8 4 , 9 9 9 Danach stieg die Brustkrebs-
rate in vier norwegischen Regionen signifikant an, nachdem Frauen dort begonnen hatten,
ihre Brüste alle zwei Jahre mittels M a m m o g r a p h i e n untersuchen zu lassen. Natürlich könnte
m a n auch vermuten, dass es nur deswegen zu mehr Fällen von Brustkrebs kam, weil mehr
M a m m o g r a p h i e n d u r c h g e f ü h r t worden waren u n d somit schlichtweg mehr Fälle ausfindig
gemacht wurden. Doch die Forscher erteilen dieser Vermutung eine klare Absage. Denn die
Brustkrebsrate der Frauen, die sich alle zwei Jahre einer M a m m o g r a p h i e unterzogen hatten,
lag deutlich höher als in der Vergleichsgruppe mit Frauen, die nur einmal nach sechs Jahren
eine M a m m o g r a p h i e gemacht hatten. Das lässt den Schluss zu: Weniger Mammographie,
weniger Brustkrebs. 4 9 3

Einige Mediziner meinen zwar, dass der Nutzen der M a m m o g r a p h i e belegt sei, fügen aber
h i n z u , dass er geringer sei als viele Frauen glauben. Fakt ist, dass statistisch gesehen gut
2.000 Frauen zehn Jahre lang zur M a m m o g r a p h i e gehen müssen, damit eine Frau weniger
an Brustkrebs stirbt. 636 Demgegenüber steht d a n n aber das Risiko einer Fehldiagnose und
überflüssiger nebenwirkungsreicher Behandlungen. 6 4 3 Dabei zeigen Studien auch, dass es zu
m e h r Brustamputationen (Mastektomien) k o m m t , je mehr M a m m o g r a p h i e n durchgeführt
werden. 636 ' 898

„Wer in der F r ü h e r k e n n u n g einen verdächtigen Befund b e k o m m t u n d weitere Untersuchun-


gen abwarten muss, wird bei der Mitteilung, dass doch alles in O r d n u n g ist, zu erleichtert
sein, um zu begreifen, dass ohne F r ü h e r k e n n u n g nie G r u n d zur Angst bestanden hätte", gibt
die Medizinprofessorin I N G R I D M Ü H L H Ä U S E R von der Universität H a m b u r g zu bedenken. Und
eine solche Situation ist viel eher die Regel als die A u s n a h m e , auch wenn die meisten dies
nach wie vor nicht f ü r möglich halten. So k ä m e bei der M a m m o g r a p h i e ein falsch-positiver
Befund - also die Nachricht, dass Brustkrebs vorliegt, obwohl dem in Wahrheit gar nicht
so ist - etwa zehnmal so häufig vor wie eine sich bestätigende Krebsdiagnose, so M Ü H L H Ä U -
SER. 6 1 4

Andere Experten wie G E R D G I G E R E N Z E R , Direktor am Max-Planck-Institut f ü r Bildungsfor-


schung in Berlin, der sich intensiv mit der M a m m o g r a p h i e beschäftigt hat, ziehen ebenfalls
eine e r n ü c h t e r n d e Bilanz: „Nur eine von zehn Frauen, bei der ein M a m m a k a r z i n o m diag-
nostiziert worden ist, hat tatsächlich auch Brustkrebs." 627,643

Die dänischen Forscher PETER C . G 0 T Z S C H E u n d M A R G R E T H E N I E L S E N vom Nordic Cochrane


Center in Kopenhagen, die über viele Jahre den Nutzen u n d die Risiken der Mammographie
untersucht haben, ziehen 2009 im British Medical Journal folgendes Fazit: „Es mag vernünf-
tig sein, am Brustkrebs-Screening teilzunehmen, aber es mag genau so vernünftig sein, nicht
d a r a n teilzunehmen, weil das Screening sowohl Nutzen als auch Schaden hat." 634,635

• 178 •
Letztlich ist es also eine Entscheidung, die jede Frau mit sich selber ausmachen muss: N e h m e
ich f ü r die sehr geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich den Brustkrebstod durch die M a m -
mographie vermeide, die sehr viel höhere Wahrscheinlichkeit in Kauf, dass ich unnötiger-
weise die Röntgenstrahlen der M a m m o g r a p h i e abbekomme sowie im Anschluss an falsche
Diagnosen unnötigerweise bestrahlt u n d womöglich ebenso unnötigerweise operiert werde?
Und wie verkrafte ich den unnötigen Stress, der durch derartige Falschdiagnosen bei mir
ausgelöst wird? I m m e r h i n beschrieben beinahe die Hälfte der US-amerikanischen Bürger,
die schon einmal ein falsches Testergebnis bei einer Krebsuntersuchung präsentiert beka-
men, dieses Erlebnis als „schreckliche oder gar die schrecklichste Zeit in ihrem Leben", wie
614
M Ü H L H Ä U S E R Z U bedenken gibt.

Kein anderer Tumor ist so häufig: Der D a r m k r e b s befällt allein in D e u t s c h l a n d m e h r als


70.000 Menschen pro Jahr. In mehr als einem Drittel der Fälle f ü h r t er zum Tod. Für viele
ist dies Grund genug, die Früherkennung f ü r diese E r k r a n k u n g voranzutreiben. Tatsächlich
wird in Deutschland die größte Medienkampagne f ü r ein Screening wie die Darmspiegelung
(Koloskopie) gemacht. Geplant wird sie jedes Jahr in München, im Büro von C H R I S T A M A A R ,
der Ex-Gattin des Münchner Verlegers H U B E R T B U R D A . Von ihrem Fenster im zweiten Stock
blickt sie auf einen Spielplatz, auf dem Kinder toben. Ihr eigener Sohn FELIX B U R D A starb
im Alter von 33 Jahren an Darmkrebs. „Mein Sohn wollte,
dass man sich d a r u m k ü m m e r t , dass die Menschen keinen
D a r m k r e b s m e h r bekommen", sagte M A A R dem Spiegel, CHRISTA MAAR g i b t zwar zu,
der das Thema F r ü h e r k e n n u n g in einer Titelgeschichte dass es keine randomisiert-
sogar kritisch unter die Lupe genommen hatte. 648 kontrollierte Studie gibt, die den
Nutzen der Darmspiegelung belegt.
2001, im Jahr seines Todes, g r ü n d e t e sie die Felix Burda „Aber sämtliche Ärzte, die ich kenne,
Stiftung, die nun f ü r die D a r m k r e b s f r ü h e r k e n n u n g wirbt. sagen mir, dass so eine Studie nicht
2002 hat die S t i f t u n g erstmals den M ä r z z u m „ D a r m - notwendig ist, weil der Nutzen völlig
krebsmonat" ausgerufen. „Ich war d a m a l s in allen Talk- klar ist." Die Ärzte erhalten pro
shows", sagt M A A R . „Wir haben eine R i e s e n k a m p a g n e Darmspiegelung rund 200 € von den
aufgezogen." Prominente wie N I N A R Ü G E , V E R O N A P O O T H Krankenkassen.
und M I C H A E L S C H U M A C H E R warben f ü r die Vorsorge. Für
keine Früherkennungsuntersuchung wird so viel getrom-
melt wie für den Darmkrebs-Check. Auch Prominente wie W L A D I M I R K L I T S C H K O u n d S A N D R A
M A I S C H B E R G E R werben auf Plakaten u n d Spots der Stiftung: „Gehen Sie zur Darmkrebsvor-

sorge - wie ich. Danach fühlt m a n sich besser."

• 179 •
Selten war eine Lobbyorganisation so schnell so effizient: 2002, also nur ein Jahr nach dem
Tod von C H R I S T A M A A R S Sohn FELIX B U R D A , beschloss der G e m e i n s a m e Bundesausschuss
(G-BA), das höchste G r e m i u m im deutschen Gesundheitswesen, dass die Darmkrebsvor-
sorge von den gesetzlichen K r a n k e n k a s s e n bezahlt wird. Seither haben alle M ä n n e r u n d
Frauen ab 55 Jahren das Recht auf eine Koloskopie.

G r u n d s ä t z l i c h hat die U n t e r s u c h u n g auch einen Nutzen, da m a n mit ihr Vorstufen zum


Krebs - sogenannte Polypen, die im D a r m sehr langsam wachsen - entdecken und gleich
mit entfernen kann. Bei einer Koloskopie werden oft Gewebeproben gewonnen und als bös-
artig u n d therapiebedürftig klassifiziert. Problematisch k a n n daran sein, dass sich aus dem
e n t n o m m e n e n Gewebe gar kein Karzinom entwickelt hätte, dennoch wird entsprechend ag-
gressiv therapiert. So findet m a n im D a r m von über 70-Jährigen fast i m m e r Polypen, die
zwar potenziell im Tumor m ü n d e n könnten, letztlich aber zu langsam wachsen, um wirklich
gefährlich werden zu k ö n n e n . „Die Leute können ihren Krebs gar nicht mehr erleben, weil
sie zuvor an einer anderen Krankheit gestorben sind", erklärt K L A U S K O C H vom Institut f ü r
Qualität u n d Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. 1 0 0 5 Von daher ist zu bedenken, dass
b e u n r u h i g e n d e Koloskopie-Ergebnisse die Patienten in Panik versetzen und eventuell sinn-
lose Therapien nach sich ziehen k ö n n e n . Hier ist ein sensibler Umgang mit den Probeent-
n a h m e n gefragt.

Z u d e m sollten gerade ältere Menschen, die unter Herz-


Selbstverständlich sollte jeder, Kreislauf-Beschwerden oder sonstigen chronischen
der an einer Früherkennungs- Krankheiten leiden, darauf aufmerksam gemacht werden,
maßnahme wie der Koloskopie teil- dass das Prozedere der Koloskopie durchaus eine körper-
nehmen möchte, dies auch tun. liche Strapaze darstellt. So muss der Darm vor einer Spie-
Es empfiehlt sich jedoch, sich vorab gelung gründlich gereinigt werden, die Patienten dürfen
genau darüber klar zu werden, ob 24 Stunden vorher nichts m e h r essen u n d nur noch eine
man körperlich zu solch einer Maß- spezielle a b f ü h r e n d e Flüssigkeit trinken. Das k a n n gerade
nahme in der Lage ist und ob man f ü r Leute nicht ungefährlich werden, die schon an einer
hinreichend über mögliche Risiken Herz-Kreislauf-Erkrankung leiden. 643
und Fehldiagnosen aufgeklärt
wurde. Nur dann ist am Ende ein Neben der Koloskopie wird zur Darmkrebsvorsorge ein
vernünftiger Umgang mit den Unter- Test auf verborgenes Blut im Stuhl angeboten, den die
suchungsergebnissen möglich. Kassen im Übrigen auch zahlen: Ab 50 hat jeder darauf
einen A n s p r u c h , ab 55 k a n n m a n sich entscheiden, ob
m a n alle zwei Jahre einen Bluttest macht oder zweimal im
Abstand von zehn Jahren eine Darmspiegelung. Der Stuhl wird auf den Blutfarbstoff Häm
untersucht (deshalb heißt der gebräuchlichste Test Hämocculttest). Ist dieser Blutfarbstoff
im Stuhl zu finden, so ist das ein Hinweis auf blutende Polypen oder Tumore im Darm. Das
muss allerdings mit einer Darmspiegelung geklärt werden. Nichtblutenden bösartigen Ver-
änderungen k a n n m a n mit dem Test nicht auf die Spur k o m m e n .

• 180 •
Die Abbildungen zeigen die Innenseite eines
menschlichen Darms, wie er mithilfe der Darm-
spiegelung aufgenommen wird.

Als Alternative zur Darmspiegelung wird seit einiger Zeit auch die virtuelle Koloskopie
mittels Computertomographie angeboten. Das heißt, es wird die Untersuchung, bei der ein
Endoskop in den Dickdarm eingeführt wird, ersetzt durch R ö n t g e n a u f n a h m e n in Form von
CT-Scans. Wie eine 2009 veröffentlichte Studie der Universität M ü n c h e n zeigt, weisen die
„reale" Darmspiegelung u n d ihre virtuelle Variante - im Fachjargon CT-Kolonographie
genannt - eine vergleichbare Sensitivität auf, gutartige Geschwülste sowie fortgeschrittene
Karzinome zu erkennen. 639 Allerdings sehen sich Patienten bei dieser virtuellen Koloskopie
wieder einer erhöhten computertomographischen Strahlenbelastung ausgesetzt. Das gleich-
zeitige Abtragen von Polypen ist zudem natürlich nicht möglich. Die Kosten, die sich auf 150
bis 300 € belaufen, werden bis dato von Kassen nicht ü b e r n o m m e n .

• 181 •
Die im vorigen Unterkapitel zur Darmkrebsvorsorge erläuterten Grundsätze gelten auch f ü r
den PSA-Test zur Prostatakrebs-Früherkennung. Wer zum Beispiel in Deutschland an Pro-
statakrebs stirbt, ist sogar drei Jahre älter als das durchschnittliche männliche Sterbealter.
Von den M ä n n e r n über 50, die eines natürlichen Todes gestorben sind, war ein Drittel nicht
an Prostatakrebs verstorben, obwohl sie Prostatakrebs gehabt hatten. Männer, die älter als
70 sind, sterben unter anderem mit Prostatakrebs, aber nicht an ihm. 490,651

Männer zählen ab dem 45. Lebensjahr zur Risikogruppe - so die Annahme der derzeitigen Krebsmedizin.
Daher wird ihnen zu diversen Früherkennungsmaßnahmen wie dem PSA-Test geraten.

Der Mediziner H A N S - H E R M A N N D U B B E N meint daher, meist sei es besser, sich nicht auf Pro-
stata- oder Brustkrebs testen zu lassen. „Statistisch gesehen k o m m e n auf einen M a n n , der
durch den PSA-Test gerettet wird, 40 Fälle, die völlig sinnlos oder unnötig behandelt werden.
Wir sprechen da von Überdiagnose. Im G r u n d e k a n n man j e m a n d e m mit gutem Gewissen
davon abraten, sich auf Krebs untersuchen zu lassen. Wenn ich mich jetzt auf Prostatakrebs

* PSA steht für Prostata-spezifisches Antigen, ein Eiweißstoff, der in der Prostata gebildet wird. PSA wird bei der
Ejakulation dem Sperma beigemischt. Mit dem PSA-Test kann man die Menge des im Blut vorhandenen PSA mes-
sen. Normalerweise sind nur ganz geringe Mengen von PSA im Blut nachweisbar. Verschiedene Umstände und
Erkrankungen können aber zum Anstieg des PSA-Spiegels führen, darunter sexuelle und sportliche Aktivität oder
auch Prostatakrebs.

• 182 •
untersuchen lassen würde, fände m a n bei mir mit mehr als 50 Prozent Wahrscheinlichkeit
einen Tumor. Das b e u n r u h i g t mich nicht im Geringsten. Höchstwahrscheinlich wird mir
dieser Tumor nie Probleme machen, m a n müsste ihn also nicht b e h a n d e l n . Die m o d e r n e
Medizin behandelt ihn aber, weil man ihn von einem gefährlichen Tumor nicht unterschei-
den k a n n - u n d diese Therapie hat N e b e n w i r k u n g e n . 30 bis 80 Prozent der M ä n n e r sind
nach der Operation impotent oder inkontinent." 5 1 8

Und wenn im Anschluss daran noch Chemotherapie u n d Bestrahlung folgen, so k a n n unter


anderem der Stuhlgang sehr schmerzhaft werden oder es k a n n zu Durchfällen kommen, um
nur zwei weniger starke Nebenwirkungen aufzuzählen. 7 0 0

Kritiker des PSA-Tests stützen sich dabei auf einschlägige


Untersuchungen. So kamen umfangreiche Studien, veröf- M I C H A E L J. BARRY v o n d e r

fentlicht in den Fachmagazinen Archives of Internal Me- Harvard-Universität zieht im


dicine 557 und New England Journal of Medicine4"4, zu dem März 2009 in einem Editorial des
ernüchternden Schluss, dass der PSA-Test praktisch nicht New England Journal ofMedicine das
in der Lage sei, die Krebssterblichkeit zu senken. Fazit, dass die Kontroverse über den
Nutzen der PSA-Bestimmung vorerst
Dass der PSA-Test dennoch so populär ist, liegt nicht zu- weitergehen wird. „Die Methode hat
letzt an den Massenmedien, die nicht m ü d e werden - bei in den ersten zehn Jahren besten-
so mancher Kritik, die mittlerweile von ihnen k o m m t -, falls einen mäßigen Effekt auf die
auch diese Krebsfrüherkennung i m m e r wieder anzuprei- Krebsmortalität, und der Preis dafür
sen. So brachte der Spiegel Mitte 2009 ein „Plädoyer f ü r ist eine nicht unerhebliche Rate an
739
die Vorsorge u n d den u m s t r i t t e n e n PSA-Test". Darin Überdiagnostik und Übertherapie",
wurden die Zwillingsbrüder U L I und M I C H A E L R O T H - zwei erklärt er.497'988
ehemalige Handball-Nationalspieler, bei denen im Alter
von 47 Jahren Prostatakrebs diagnostiziert w u r d e - als
„Paradebeispiel f ü r den Nutzen des Prostatatests" bezeichnet. Dem gegenüber stehen Men-
schen wie G Ü N T E R F E S E N F E L D aus Gütersloh, der in einem Leserbrief zu diesem Spiegel-Ar-
tikel schrieb: „Mein PSA-Wert lag 2007 bei 9,3. Die Diagnose des Urologen: Prostatakrebs,
sofort operieren. Ich weigerte mich, was zu machen. Nach Laborwechsel lag der Wert zwei
Jahre später bei 3,2. Diagnose: altersgemäß etwas erhöht, keinerlei Risiko, kein Krebs. So viel
zu manchen Tests... und zur finanziellen Motivation mancher Urologen." 605

• 183 •
Um die Strahlenbelastung, die durch CT-Scans u n d M a m m o g r a p h i e n verursacht wird, zu
vermeiden, gibt es Alternativen. Dazu gehört die Magnet-Resonanztomographie, kurz MRT
(oft auch Kernspintomographie genannt). Dabei handelt es sich um ein weit verbreitetes Di-
agnoseverfahren zur F r ü h e r k e n n u n g von Krebs. Anders als bei CT-Scans und Mammogra-
phien, die auf Röntgenstrahlen basieren, werden hier die Bilder von dem zu untersuchenden
Gewebes mittels Radiowellen u n d Magnetfeldern erzeugt.

Da der Körper des Menschen u n d alle Organe aus Atomen bestehen, die einen Atomkern
aufweisen, richten sich diese A t o m k e r n e auf das Magnetfeld des MRT-Geräts aus. Wird
das Magnetfeld abgeschaltet, endet die Ausrichtung u n d die Zellkerne kehren an ihren ur-
sprünglichen Ort zurück. Dabei entsteht ein Signal, das von einem Computer ausgewertet
werden k a n n . Die gesammelten Daten lassen verschiedenartige Auswertungen und Betrach-
tungsweisen zu, die in vielen Fällen das übersteigt, was bei anderen gängigen Diagnosever-
fahren möglich ist.

Generell benötigt die K e r n s p i n t o m o g r a p h i e Flüssigkeit


Der Vorteil der Kernspintomo- im Körper, damit das Magnetfeld aufgebaut werden kann.
graphie, den sich die Medizin K n o c h e n k r e b s u n d L u n g e n k r e b s lassen sich beispiels-
nicht nur bei der Krebsvorsorge weise aus diesem G r u n d nicht mit der MRT feststellen, da
zunutze macht, ist, dass mit ihr auch diese Bereiche k a u m Wasser enthalten. Die MRT kommt
kleinste Veränderungen im Gewebe dagegen bei der Vorsorgeuntersuchung f ü r Tumoren in
oder Entzündungen problemlos Organen wie Gehirn, Lunge, Leber, Darm und Magen als
sichtbar gemacht werden können.824 Diagnoseverfahren zum Einsatz.
Dies zeigt beispielsweise eine
Studie, die 2008 im Fachmagazin „Obwohl die MRT zur Brustkrebsvorsorge seit 20 Jahren
Radiologys92 veröffentlicht wurde, klinisch erprobt u n d angewendet wird, gehört sie immer
sowie eine Untersuchung, die ein noch nicht zur R o u t i n e b e h a n d l u n g " , wie der Medizin-
Jahr zuvor in der Fachzeitschrift professor u n d Radiologe W E R N E R A L O I S K A I S E R anmerkt.
Lancet705 erschienen war. Danach Sie ist zwar sehr genau, d e n n keine andere Methode sei
konnte die Hälfte der Tumoren in m o m e n t a n in der Lage, wenige Millimeter große Mam-
der Brust durch Röntgenmammo- m a k a r z i n o m e (Brusttumoren) entdecken zu können.
graphien diagnostiziert werden. Trotzdem b e s t i m m e n Tastbefunde, Ultraschalluntersu-
Weitaus besser schnitt dagegen die chungen u n d R ö n t g e n m a m m o g r a p h i e i m m e r noch den
Magnetresonanz- bzw. Kernspinto- Praxisalltag. Der G r u n d liegt d a r i n , dass die technisch
mographie ab, mit der es möglich aufwändige MRT bei Brustkrebs von vielen Ärzten noch
war, rund 90 Prozent aller Tumoren nicht beherrscht wird. Auch berichtet K A I S E R , der als Di-
zu entdecken. rektor des Instituts f ü r Diagnostische u n d Interventio-
nelle Radiologie am Jenaer U n i - K l i n i k u m tätig ist, dass
bei der U n t e r s u c h u n g der Brüste mittels MRT (Magnet-

• 184 •
Resonanz-Mammographie) noch unterschiedliche technische Standards u n d zahlreiche Di-
agnoseansätze existierten. Die Vielzahl der Praktiken erschwere den Vergleich der Resultate
und ihre Verwendung in anderen Kliniken.

Der hier abgebildete Magnetresonanz-Tomograph (MRT, auch MRI abgekürzt) arbeitet mit Magnetfeldern.
Er kann im Gegensatz zu Früherkennungsgeräten wie Computertomographen, die auf Röntgenstrahlen ba-
sieren, auch Gewebestrukturen und Organe bildlich darstellen.

„Die Methode ist mittlerweile zumindest an allen großen Kliniken etabliert", weiß K A I S E R ,
der zu den Pionieren der ersten Stunde gehört. „Die Magnetresonanz-Mammographie, k u r z
MR-Mammographie, ist im Vergleich zur R ö n t g e n m a m m o g r a p h i e strahlungsfrei, sicherer,
präziser. Mit ihr k a n n der Tumor nachgewiesen oder - u n d das ist f ü r die Frauen noch wich-
tiger - mit einer 99-prozentigen Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden. Das bedeutet,
dass durch ihren Einsatz zahlreiche unnötige Brustoperationen u n d -amputationen verhin-
dert werden können." 595-682>825

Die MR-Mammographie nutzt dabei den Umstand, dass Tumorgewebe „hungriger" als nor-
males Gewebe ist. So werden dabei die Gefäße nachgewiesen, die den Tumor mit N a h r u n g
versorgen, also k a n n der Tumor f r ü h e r als solcher erkannt werden. Eine sichere Diagnose
gelingt aber nur speziell geschulten Experten.

• 185 •
Ob durch die Magnetfelder, die ein MRT-Gerät erzeugt, Gesundheitsschädigungen in Form
von sogenanntem Elektrosmog entstehen können, war lange Zeit unklar. Allerdings wurde
schon auf der 78. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft f ü r Hals-Nasen-Ohren-
H e i l k u n d e , Kopf- u n d H a l s - C h i r u r g i e e.V. 2007 in M ü n c h e n d a r ü b e r berichtet, dass die
Magnetfelder der Geräte bei den Patienten Schwindel, Übelkeit u n d Erbrechen erzeugen
können. 9 5 9

Die Belastung durch die magnetischen u n d elektromagnetischen Felder der Kernspintomo-


graphie dürfte allerdings - vor allem bei guter Konstitution - meist nach wenigen Stunden
vom Körper verarbeitet worden sein, sodass davon ausge-
gangen werden k a n n , dass MRT-Untersuchungen gut zu
Die Felder von MRT-Geräten verkraften sind, solange m a n sich ihnen nicht ständig un-
sind ohne Frage recht stark. In terzieht. Kritisch zu sehen ist jedoch die Situation für das
einer Studie, bei der spezielle MRT- Bedienungspersonal, das sich ständig in der Nähe dieser
Signale verwendet wurden, wurde Geräte aufhält.
eine deutliche Öffnung der Blut-
Hirn-Schranke festgestellt. 884 Diese Weil bei der Kernspintomographie ein starkes Magnetfeld
Blut-Hirn-Schranke schützt das auf den Untersuchten einwirkt, stellen Metallteile im oder
Gehirn, das ja für den Organismus am Körper allerdings ein Problem dar. Alle Metallteile,
von zentraler bzw. übergeordneter die sich entfernen lassen, also zum Beispiel Hörgeräte, he-
Bedeutung ist, vor Giftstoffen jeg- r a u s n e h m b a r e r Zahnersatz oder Schmuck, müssen abge-
licher Art, die sich im Blutstrom legt werden. Bei Menschen, die Metall im Körper haben,
befinden können.900 Wird diese etwa Knochennägel, Splitter von Verletzungen oder ähn-
Blut-Hirn-Schranke nun durch Ma- liches, muss a u f g r u n d der magnetischen Eigenschaften
gnetfelder von MRT-Geräten oder dieser Teile i n d i v i d u e l l e n t s c h i e d e n werden, ob eine
auch Mobilfunkstrahlung 885 ' 9 ' 2 ' 913 U n t e r s u c h u n g mit dem K e r n s p i n t o m o g r a p h e n in Frage
geöffnet, so wird sie „durchlässig". kommt. Trägt der Patient einen Herzschrittmacher, kann
Dies ermöglicht es Giftstoffen und diese U n t e r s u c h u n g s m e t h o d e nicht eingesetzt werden.
bestimmten Molekülen, direkt ins Und selbst große u n d schleifenförmige Tätowierungen im
Hirn einzudringen, wodurch Nerven- Untersuchungsgebiet sind problematisch, da sich darin
zellschädigungen und ein Absterben e n t h a l t e n e metallhaltige F a r b p i g m e n t e e r w ä r m e n u n d
von Nervenzellen verursacht werden so H a u t v e r b r e n n u n g e n bis zweiten Grades verursachen
können.589 können. 976

G e s u n d h e i t l i c h e P r o b l e m e k ö n n e n in seltenen Fällen
durch die Verabreichung eines Kontrastmittels entstehen. Bei den Kontrastmitteln handelt
es sich meist um Gadoliniumverbindungen, die aber in den meisten Fällen problemlos ver-
tragen werden. Welche Nebenwirkungen auftreten können, darüber sollte der behandelnde
Arzt oder das Fachpersonal i n f o r m i e r e n . Viele MRT-Untersuchungen k ö n n e n aber auch
ohne Kontrastmittel d u r c h g e f ü h r t werden. 817

• 186 •
Der Erfolg der MRT k a n n , dies sei der Vollständigkeit wegen angemerkt, ebenso zu ihrem
Fluch werden - denn sie ist extrem sensitiv. Dadurch k a n n es auch bei dieser Untersuchungs-
methode dazu k o m m e n , dass z u m Beispiel Krebsvorstufen entdeckt u n d anschließend im
Zuge des bekannten Aktionismus auf konventionelle Weise behandelt werden (Operation,
Chemotherapie, Bestrahlung). Problematisch ist dies, wie e r w ä h n t , besonders d a n n , wenn
die einschneidenden M a ß n a h m e n überflüssig waren, weil die entdeckten Krebsvorstufen in
Wahrheit gar keine waren, sich die Vorstufen nie zu Krebs ausgebildet hätten oder sie vom
Körper aus eigener Kraft wieder entfernt worden wären. 782 Ereignisse, die durchaus häufig
vorkommen.

Halten wir noch mal fest: Allein in Deutschland erkranken jährlich mehr als 50.000 Frauen
neu an Brustkrebs, r u n d 18.000 sterben daran. Trotz jahrzehntelanger intensiver Bemühun-
gen ist es der Medizin also mit den bisherigen Ansätzen nicht gelungen, die Häufigkeit die-
ser Krebsart u n d deren Sterblichkeit deutlich zu verringern. Einer der G r ü n d e f ü r die hohe
Sterblichkeit liegt in der Gefahr, dass sehr frühzeitig schon Tochtergeschwülste (Metastasen)
auftreten - zu einem Zeitpunkt, zu dem Diagnoseverfahren wie die M a m m o g r a p h i e derar-
tige Veränderungen noch nicht erkennen können. Trotz einer inzwischen hoch entwickelten
Technik, für die es ein geradezu flächendeckendes Angebot gibt, wird Brustkrebs am ehesten
noch durch das Abtasten der Brüste erkannt.

Als Alternative zu „Späterkennungsansätzen" wie der M a m m o g r a p h i e wird auch die soge-


nannte Thermographie eingesetzt. Diese dient der Messung der Körperoberflächentempe-
ratur, die in direktem Z u s a m m e n h a n g mit dem Stoffwechsel der unterschiedlichen Gewebe
steht und ein Wärmebild der untersuchten Körperregion darstellt. Die K ö r p e r w ä r m e wird
über die Haut in Form von elektromagnetischer Strahlung abgegeben. Pathologische (krank-
hafte) Prozesse können sich dabei durch eine veränderte Oberflächentemperatur äußern. Ein
erhöhter Stoffwechsel mit vermehrter Wärmeentwicklung k a n n zum Beispiel Zeichen einer
Entzündung sein. Diese W ä r m e wird n u n von speziellen Detektoren des Thermographiege-
räts (etwa von einem infrarotsensiblen Sensor) aufgefangen, weiterverarbeitet u n d bildlich
dargestellt (siehe Abbildungen auf den folgenden Seiten).

Die Thermographie wurde erstmals in den 1950er Jahren von dem Mediziner R A Y N . L A W S O N
in der Brustkrebsdiagnostik eingesetzt. 713 Doch sie fand keinen Anklang in der Krebsmedi-
zingemeinde. Dies lag daran, wie einige meinen, dass die Methode noch nicht hinreichend
untersucht war, sodass k a u m einer in der Lage war, die von diesen Geräten p r o d u z i e r t e n
Bilder richtig zu deuten. Infolgedessen dürfte es leider zu zahlreichen unnötigen Brustopera-
tionen gekommen sein bei Frauen, die überhaupt keinen Brustkrebs hatten.

•187 -
Brustkrebserkennung mittels Thermographie:
Die Thermographie misst die Temperatur der Hautoberfläche und stellt
dies grafisch basierend auf der rechts abgebildeten Farbskala dar. Auf
der folgenden Seite ist links oben eine Thermographieaufnahme von
gesunden Brüsten abgebildet, die keinen gesteigerten Stoffwechsel,
keine Überwärmungszeichen, keine auffälligen Gefäßmuster und keine
Hitzeflecken aufweisen. Demgegenüber wird zum Beispiel während der
Stillzeit der Bruststoffwechsel angeregt und dadurch auch die Hautober-
flächentemperatur erhöht, was auf der nächsten Seite auf dem Bild rechts
oben durch rote Strukturen angezeigt wird. Deutlichere Rotverfärbungen
lassen unter Umständen auf diverse Brusterkrankungen schließen (siehe
die auf der rechten Seite abgebildeten sechs Thermographie-Aufnahmen
von Brustkrebspatientinnen). „Denn ein gesteigerter Bruststoffwechsel ist
zum Beispiel immer mit einer erhöhten Zellteilungsrate verbunden", so der
M e d i z i n p r o f e s s o r u n d T h e r m o g r a p h i e - E x p e r t e REINHOLD BERZ. 7 2 5

Seit den 1970er Jahren wird die Methode wissenschaftlich stärker untersucht. Viele Hundert
Studien w u r d e n seither zum Thema Brustkrebs u n d Thermographie durchgeführt, an denen
insgesamt einige H u n d e r t t a u s e n d Frauen t e i l n a h m e n . Parallel dazu hat sich im Laufe der
Zeit die Thermographietechnik erheblich verbessert, sodass es möglich wurde, Krebs sehr
viel genauer mit dieser Methode zu diagnostizieren. 7 2 5

Die Thermographie macht sich den U m s t a n d zunutze, dass es eine ganze Anzahl von Fak-
toren gibt, welche die Temperatur auf der Brustoberfläche beeinflussen. So können die Mo-
natszyklen im Körper einer Frau zu erheblichen hormonellen Schwankungen und „Stoff-
w e c h s e l u n r u h e " f ü h r e n , durch die nicht nur die Gebärmutter, sondern auch das Gewebe
der Brüste im monatlichen Wechsel gewissermaßen „gestresst" wird. Verstärkt wird dieser
wechselnde hormonelle Einfluss auf das Brustgewebe noch durch die heute weit verbreitete
E i n n a h m e von H o r m o n p r ä p a r a t e n , die von den Ärzten zur Empfängnisverhütung oder (in
sogar wesentlich höherer Dosierung) zur Linderung von Menstruations- oder Menopause-
beschwerden bis hin zur Osteoporosevorbeugung verschrieben werden. „Diese Temperatur-
profile u n d W ä r m e m u s t e r können mit Hilfe der Thermographie erstaunlich präzise erfasst
werden' , so REINHOLD BERZ, Medizinprofessor und Präsident der Deutschen Gesellschaft f ü r
Thermographie u n d Regulationsmedizin.

Auch entzündliche Veränderungen der Brust (Mastitis) f ü h r e n zu einer erhöhten Wärme-


abstrahlung. Bösartige Brusterkrankungen schließlich sind eine Ursache für einen erhöhten
Stoffwechselumsatz. Dabei benötigt ein aggressiver Brustkrebs a u f g r u n d seines ausgespro-
chen hohen Energiebedarfs schon in relativ f r ü h e n Stadien eine deutlich erhöhte Blutzufuhr.
Besonders die invasiv wachsenden M a m m a k a r z i n o m e steigern die Durchblutung der Brüste

• 188 •
Gesunde Brust Brüste während der Stillzeit

Aufnahmen mithilfe der Infrarot-Thermographie von sechs verschiedenen Brustkrebs-Patientinnen. Auffällig


sind immer die heißen Zonen, die rot erscheinen. Sie deuten auf eine deutlich ausgeprägte Gefäßbildung hin
und sind ein Zeichen für einen extrem gesteigerten Bruststoffwechsels. 503

erheblich. Denn der in diesem Falle besonders aktive Tumor-Angiogenese-Faktor (TAF), der
eine zusätzliche Blutversorgung u n d damit E r n ä h r u n g des Tumors sichert, bewirkt die Aus-
bildung oft erheblich vieler neuer Gefäße, welche die D u r c h b l u t u n g der Brüste insgesamt
erhöhen, was in der Thermograhpie-Untersuchung als W ä r m e w i r k u n g ablesbar ist.

Die Untersuchung selber ist recht einfach: Unmittelbar nach dem Freimachen des Oberkör-
pers sitzt die Patientin etwa einen Meter von der Infrarot-Messkamera entfernt mit erhobe-
nen Armen auf einem drehbaren Untersuchungsstuhl. Dabei werden die Brüste aus verschie-
denen Richtungen aufgenommen und die Gefäß- u n d W ä r m e m u s t e r an den Brüsten jeweils
genau gemessen und aufgezeichnet. Unmittelbar danach bleibt die Patientin bei Raumtem-

• 189 •
peratur f ü r zehn M i n u t e n sitzen, was normalerweise ein Absinken der Temperaturen über
den Brüsten bewirkt. M a n c h m a l wird auch aktiv ein Abkühlungsreiz gesetzt, etwa durch
den Einsatz eines sanften Ventilators. Dieser milde Reiz f ü h r t bei gesunden Brüsten zu einer
A b n a h m e der D u r c h b l u t u n g in den Brüsten. Je nach Brustgröße fällt die Temperatur da-
durch gleichmäßig um etwa 1 °C ab. Fällt hingegen die Temperatur nicht ab oder kommt
es gar zu einer paradoxen lokalen Erwärmung, ist dies ein ernst zu nehmender Hinweis auf
k r a n k h a f t e Prozesse in der betroffenen Brust. Eine Zweitmessung nach einem milden Kälte-
reiz liefert zusätzliche wertvolle Informationen.

Wichtig ist natürlich auch, die so gewonnen Resultate vor


Genau wie der Pap-Test, so dem H i n t e r g r u n d der Vorgeschichte, der individuellen
wird auch bei der Thermo- Risikofaktoren (falls v o r h a n d e n ) u n d der klinischen Un-
graphic mit unterschiedlichen Ab- tersuchungsergebnisse zu betrachten. Ferner ist zu unter-
stufungen gearbeitet. Diese reichen scheiden, ob es sich um eine Erstuntersuchung oder eine
von Thi bis Ths: Thi und Th2 stehen Kontrolluntersuchung, um eine junge Patientin mit gerin-
für einen „normalen Befund" und gem oder eine ältere Patientin mit erhöhtem Brustkrebsri-
Th3 für einen „moderat abnormalen siko handelt u n d ob die Untersuchung rein vorsorglich oder
Befund"; Th^ und Ths bedeuten, a u f g r u n d konkreter Symptome veranlasst wurde.
dass ein „stark abnormaler Befund"
vorliegt, und lassen es ratsam Die Thermographie hat klare Vorteile: Weder übt sie, wie die
erscheinen, eine sorgsame Folge- M a m m o g r a p h i e , physischen D r u c k auf Brüste oder an-
untersuchung machen zu lassen, dere Körperteile aus, noch geht sie mit schädlicher Strah-
da viele solcher Befunde durch eine lung einher. Zudem ist sie hochempfindlich, sodass mit ihr
Krebserkrankung hervorgerufen Auffälligkeiten deutlich f r ü h e r entdeckt werden können
werden.725 Eine Studie, die 2003 im als dies röntgenologische Untersuchungen oder auch das
American Journal of Roentgenology Abtasten von Körperteilen (Brüsten) vermögen. Das be-
erschien, ergab, dass Frauen, bei deutet, dass sich mit der Thermographie Auffälligkeiten zu
denen ein Thi- und Th2-Wert er- einem Zeitpunkt entdecken lassen, zu dem sich mit geringer
mittelt wurde, mit einer 99-prozen- Wahrscheinlichkeit bereits Metastasen gebildet haben. Dies
tigen Wahrscheinlichkeit keinen ermöglicht es, selbst bei einem positiven Befund die Ruhe
Brustkrebs haben.878 Auch andere zu bewahren u n d eine bewusste Entscheidung darüber zu
Forschungsarbeiten bestätigen, dass treffen, wie Patient oder Patientin verfahren möchten.
die Thermographie im Zusammen-
hang mit Brustkrebs einen großen Wie jede klinische M e t h o d e hat auch die Thermographie
Fortschritt darstellt, wenn es darum Grenzen. Sie heilt weder Krebs, noch schützt sie vor ihm.
geht, den Krebs in einem möglichst Und sie bewahrt keinen davor, sich voreilig einer Chemo zu
frühen Stadium zu entdecken. 619,620, unterziehen. Daher wird empfohlen, aus den Testergebnis-
688
sen nicht direkt eine Diagnose herzuleiten, sondern bei Auf-
fälligkeiten weitere Untersuchungen zu veranlassen. „Auf-
fällige Befunde sind häufig u n d bedeuten nur bei sehr wenigen Frauen, dass bereits tatsäch-
lich Brustkrebs vorliegt", so der Thermographie-Experte BERZ. Dies liegt nicht zuletzt daran,
dass auch andere Brusterkrankungen Einfluss haben können auf die Färbung der Aufnahmen.

•190 -
Viele Mediziner empfehlen unterdessen, die Thermographie nicht alleine, sondern n u r er-
gänzend zu den Standardverfahren wie R ö n t g e n m a m m o g r a p h i e n oder Ultraschalluntersu-
chungen einzusetzen. W e n n die Thermographie so genutzt werden k a n n , um die geschil-
derten Belastungen durch M a m m o g r a p h i e u n d CT-Scans deutlich zu reduzieren, so ist dies
sicher ein sinnvoller Rat. Wenn dies allerdings so verstanden werden soll, dass die auf poten-
ziell krebserregenden Röntgenstrahlen basierenden Screenings nach wie vor das H a u p t u n -
tersuchungsmittel darstellen sollen, so ist diese Überlegung zu hinterfragen.

Das Geschäft mit der Krebsfrüherkennung


Viele mögen sich fragen: Wie k a n n es d e n n sein, dass Technologien wie CT-Scans, M a m -
mographien oder auch PSA-Test im Medizinalltag u n d auch in der Krebsdiagnostik Einzug
halten konnten, obwohl sie mit vielen Bedenken, Unsicherheiten u n d unter Umständen mit
leidvollen Konsequenzen behaftet sind? Ein wesentlicher G r u n d dürfte sicher der blinde Ak-
tionismus sein, von dem die Medizin seit geraumer Zeit beherrscht wird. Nach dem Motto:
Etwas tun (Pillen verabreichen, bestrahlen etc.) ist i m m e r besser als nichts tun.

Zum anderen sind „ F r ü h e r k e n n u n g s u n t e r s u c h u n g e n ein riesiges Geschäft", wie die Medi-


zinprofessorin M Ü H L H Ä U S E R konstatiert 7 1 4 (siehe dazu auch Kapitel 1 ) . So zählt einer der f ü h -
renden Hersteller von CT-Geräten, das US-Unternehmen Cardinal Health, zu den größten
Firmen der Welt überhaupt. 5 6 9 Der Umsatz des Pharmazieunternehmens mit Sitz in Ohio lag
2008 bei satten 91 Mrd. US-$ - Tendenz stark steigend. 784 Doch nicht nur f ü r die Hersteller,
auch für die Ärzte sind CT-Scanner u n d M a m m o g r a p h i e - G e r ä t e ein „Big Business", lassen
sie sich die A u f n a h m e n doch von den Krankenkassen gut honorieren. Die Anschaffungskos-
ten sind hoch. Ein Mammographiegerät kostet r u n d 200.000 €. Umso häufiger müssen die
Geräte zum Einsatz kommen, damit sie ihre Anschaffungskosten alsbald wieder einspielen.

Dies f ü h r t zu der seltsamen Situation, dass von entscheidenden Autoritäten im Medizin-


betrieb, in dem es ja eigentlich um das wichtigste Gut - unsere Gesundheit - gehen sollte,
offensichtlich bewusst falsche Hoffnungen geschürt werden. Doch nicht alle n e h m e n diese
Desinformation ohne weiteres hin. So veröffentlichte die Londoner Times im Februar 2009
einen Brief, in dem 23 Mediziner dem nationalen Gesundheitsdienst N H S „unethisches"
Verhalten vorwarfen, da er in seinen P r o s p e k t e n die Risiken der K r e b s f r ü h e r k e n n u n g
verschwiegen u n d darin „nicht a n n ä h e r n d die Wahrheit erzählt [hatte]". 730 Die Prospekte
sollten daraufhin neu bearbeitet werden. Auch die deutsche Krebshilfe hat inzwischen neue
Prospekte erstellt. „Die sind schon ein Riesenschritt nach vorn", sagt G E R D G I G E R E N Z E R vom
H a r d i n g - Z e n t r u m f ü r Risikokompetenz a m Max-Planck-Institut f ü r Bildungsforschung.
Trotzdem sollte man noch transparenter werden. 708

• 191 •
GIGERENZER v e r w u n d e r t das nicht: „Die Ärzte sind nicht
Welch gravierende Folgen die dazu ausgebildet, ihre eigenen Tests zu verstehen." Er
Desinformationskampagnen habe selbst etwa tausend Gynäkologen geschult. Ärzte
der Gesundheitsautoritäten haben, sollten E x p e r t e n im statistischen D e n k e n sein, fordert
hat der Max-Planck-Psychologe G I G E R E N Z E R . Leider sehe die Realität anders aus. Hinzu

GERD GIGERENZER in einer S t u d i e , k o m m t , wie die amerikanische Krebsmedizinerin D E V R A


die im Herbst 2009 im Fachmagazin D A V I S meint, dass auch heute noch die meisten Ärzte gar

des amerikanischen Nationalen nicht wüssten, dass ein gängiger CT-Scan so viel poten-
Krebsinstituts erschien, ermittelt. 626 ziell krebserregende Strahlen aussendet wie viele H u n -
Demnach überschätzen neun von dert R ö n t g e n a u f n a h m e n 569 - u n d sich die m o d e r n e auf
zehn Deutschen den Nutzen von Röntgenstrahlen basierende bildgebende Diagnostik in
Mammographie und PSA-Test er- Z u k u n f t somit als einer der größten krebsauslösenden
heblich. Und nicht nur die Patienten Faktoren herausstellen könnte. 502,529,569
sind schiecht informiert, auch die
Ärzte. „Wenn Sie wüssten, was Ihr W ü r d e er also von einer K r e b s f r ü h e r k e n n u n g abraten?
Arzt alles nicht weiß, wären sie sehr Nein, sagt G I G E R E N Z E R . E S gehe nicht d a r u m , Menschen
beunruhigt", sagt GIGERENZER. In jetzt zu sagen: „Geht nicht z u m Screening". Das sei ge-
der Studie haben die Wissenschaft- nauso b e v o r m u n d e n d wie das Gegenteil. Es gehe d a r u m ,
ler auch die Quellen untersucht, aus zu i n f o r m i e r e n . Dass das letztlich aber dazu f ü h r e n
denen sich Menschen Informieren. könnte, dass die K r e b s f r ü h e r k e n n u n g zusammenbricht,
In Deutschland stehen Ärzte und gibt G I G E R E N Z E R ZU. „Das k a n n durchaus sein", sagt er.
Apotheker an erster Stelle. Die Men- „Aber es k a n n ja nicht d a r u m gehen, ein P r o g r a m m auf-
schen, die angaben, sich bevorzugt recht zu erhalten, dessen Nutzen klein ist und dessen Ne-
dort zu informieren, wussten aber benwirkungen bewiesen sind. Wir müssen unsere knap-
nicht etwa besser Bescheid, sondern pen Ressourcen sinnvoll einsetzen." 7 0 8
überschätzen den Nutzen einer
Krebsfrüherkennung sogar noch Wir alle müssen uns auf jeden Fall darauf einstellen, dass
häufiger. i m m e r mehr Tests u n d Verfahren zur Krebsvorsorge bzw.
- f r ü h e r k e n n u n g auf den Markt k o m m e n werden. Das Rie-
sengeschäft, das hier w i n k t , ist der Motor, der kaum zu
stoppen sein wird. Ende 2008 w u r d e zum Beispiel gemeldet, dass bösartige H i r n t u m o r e n
in Z u k u n f t mit einem einfachen Bluttest entdeckt u n d auch beurteilt werden könnten. 9 4 9
Einige Monate später berichtet das Fachmagazin Nature, die Ablösung f ü r den bisherigen
PSA-Test zur E r k e n n u n g von Prostatakrebs k ö n n t e bevorstehen. Denn US-amerikanische
Wissenschaftler haben bei Betroffenen im Urin einen Indikator f ü r den Tumor entdeckt: die
A m i n o s ä u r e Sarkosin. Daraus wollen sie die Grundlage f ü r einen neuen Urintest bei Prosta-
takrebs entwickeln. 954

• 192 •
Bei bereits metastasiertem Krebs können Bestrahlung (wie hier abgebildet) oder Chemotherapie meist nichts
mehr ausrichten.

Derlei Entwicklungen können f ü r die Patienten freilich auch Vorteile bringen. Doch möchten
wir zusammenfassend an dieser Stelle noch mal d a r a u f h i n w e i s e n , dass sich jeder in Bezug
auf die Krebsfrüherkennung über folgende grundlegenden P u n k t e im Klaren sein sollte:

• Es gibt Tumoren, die f r ü h Tochtergeschwülste ausbilden (metastasieren), lange bevor sie


durch Früherkennungsuntersuchungen gefunden werden können. W e n n ein Tumor in die-
sem späten Stadium entdeckt wird u n d sich Patient im Anschluss daran ausschließlich einer
klassischen Therapie (Chemo, Bestrahlung) unterzieht, so wird dies fast i m m e r nur das Lei-
den verstärken. Denn Chemotherapie u n d Bestrahlung k ö n n e n bei bereits metastasiertem
Krebs in den allermeisten Fällen nichts mehr ausrichten.

• Ein weiterer Typ von Tumoren metastasiert demgegenüber so spät, dass er insbesondere mit
einer ganzheitlichen Herangehensweise auch d a n n noch heilbar ist, wenn er bereits Symp-
tome verursacht - und zu diesem Zeitpunkt benötigt m a n ja keine Früherkennung mehr.

- Und schließlich gibt es Tumoren, die so langsam wachsen, dass sie p r a k t i s c h nie Be-
schwerden verursachen. Diese Tumoren würde m a n also nie aufspüren, wenn m a n sie nicht
zufälligerweise durch eine Vorsorgeuntersuchung (ein Screening) entdeckt hätte. Nicht nur
in diesem Fall haben viele Tests ein „erhebliches Schadenspotenzial", wie K L A U S K O C H vom
Institut f ü r Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in der Fachzeit-
schrift Der Onkologe anmerkt. 6 9 7 Denn wer dadurch völlig unnötig zum Krebspatienten wird
und d a n n in die Mühlen der orthodoxen Krebsmedizin gerät, wird mit hoher Wahrschein-
lichkeit mit nebenwirkungsreichen Medikamenten und Bestrahlungen traktiert u n d verliert
durch Operationen unnötigerweise eine Brust oder ein anderes Körperteil.

•193 -
Die Paradigmen der biologisch-ganzheitlichen Medizin
Die ernüchternden Ergebnisse, welche die konventionelle Krebsmedizin nach jahrzehntelan-
gen Forschungen u n d H u n d e r t e n von Milliarden Dollar zutage fördert, machen ein Umden-
ken dringend notwendig. Die ganzheitlich-biologische Medizin bietet hierfür den adäquaten
Ansatz. D e n n sie ist nicht wie die klassische Schulmedizin auf bestimmte Laborparameter
u n d die Behandlung von Symptomen mit nebenwirkungsreichen Präparaten fokussiert, son-
dern bestrebt, die D y n a m i k der Lebensvorgänge u n d damit besonders auch die Behebung
u n d V e r m e i d u n g von k r a n k h e i t s v e r u r s a c h e n d e n Faktoren in die Therapie einzubinden.
Somit werden in einer ganzheitlich-biologischen Medizin nicht bloß die chemischen Medi-
kamente durch Naturmittel ersetzt. Vielmehr ist sie so zu verstehen, dass sie den Patienten
als Ganzes sieht u n d somit alle in Frage k o m m e n d e n Ursachen f ü r das jeweilige Leiden un-
ersucht u n d gegebenenfalls reguliert. „Biologische Medizin ist einfach, handelt vom Leben-
digen u n d ist eben logisch: bio-logisch", wie der Mediziner T H O M A S R A U von der Paracelsus
Klinik Lustmühle in der Schweiz treffend formuliert. 9 0 1

Das Denken in der biologischen Medizin beruht auf einigen


grundlegenden Konzepten und Paradigmen. Zu diesen
zählen:
• Krankheiten haben in der Regel mehrere Ursachen
• Jeder Mensch hat eine individuelle Konstitution
• Die Bedeutung von Überbelastungen mit Giftstoffen
jeglicher Art
• Die Bedeutung der Reaktionsfähigkeit der Zellen
• Die Bedeutung der Stärkung des Immunsystems
• Die Bedeutung der Ernährung für Prävention und
Therapie
• Die Bedeutung von Bewegung, frischer Luft und
Sonnenlicht
• Die Bedeutung des Darms und der Darmflora
• Die Aufhebung von Regulationsblockaden als
zentrales Element
• Störfelder im Kiefer und in anderen Körperregionen
können starke, krank machende Fernwirkungen besitzen

Zellen (hier unter dem Mikroskop): Sie gesund zu halten


und im Krankheitsfall wieder aufzubauen, ist ein wesent-
liches Ziel der biologisch-ganzheitlichen Medizin.

• 194 •
Der Begriff der Vergiftung - oder auch toxischen Regulationsblockade - spielt in der ganz-
heitlich-biologischen M e d i z i n eine zentrale Rolle. Giftige Einflüsse, welche die feinen An-
passungsvorgänge des Stoffwechsels stören, z ä h l e n zu den b e d e u t e n d s t e n K r a n k h e i t s u r s a -
chen. Von Interesse sind dabei z u m Beispiel:

- Metalle: Quecksilber, Blei, K a d m i u m u n d P a l l a d i u m (aus A m a l g a m p l o m b e n , Auto-


abgasen, Autokatalysatoren, Z i g a r e t t e n r a u c h etc.)
• Lösungsmittel und Weichmacher: z u m Beispiel aus C o m p u t e r n , Kinderspielzeug, Ver-
kleidungen von I n n e n r ä u m e n i n s b e s o n d e r e von N e u w a g e n etc.
- Nahrungszusätze: z u m Beispiel K o n s e r v i e r u n g s m i t t e l oder der Süßstoff A s p a r t a m (in
Softdrinks, K a u g u m m i s , Bonbons, H u s t e n t r o p f e n , Brausetabletten, M e d i k a m e n t e n etc.)
• Pestizide: praktisch in allen Lebensmitteln, die aus industrialisierter L a n d w i r t s c h a f t
stammen
- Zigarettenrauch
- Mobilfunkstrahlen
• Medikamente
• Drogen
• Feinstaub: z u m Beispiel von Autos u n d L a s e r d r u c k e r n p r o d u z i e r t
• Stress
• Übersäuerung

Mit dieser A u f z ä h l u n g ist es bei Weitem nicht getan. Zu e r w ä h n e n w ä r e n a u ß e r d e m noch


mikrobielle Toxine; also Gifte, die von Bakterien s t a m m e n , die es sich in Z a h n h e r d e n „ge-
m ü t l i c h " g e m a c h t h a b e n , o d e r von „ s c h l e c h t e n " B a k t e r i e n u n d Pilzen, die sich in e i n e r
c h r o n i s c h e gestörten D a r m f l o r a eingenistet h a b e n . Die Liste der giftigen u n d d a m i t auch
potenziell krebserregenden Einflüsse ist lang - deutlich länger, als so m a n c h e m „ m o d e r n e n "
Menschen gewahr ist. Dabei ist es nicht n u r die Giftigkeit jedes e i n z e l n e n Stoffes, die sich
störend auf die R e g u l a t i o n s p r o z e s s e im K ö r p e r a u s w i r k t , s o n d e r n g e r a d e auch die u n g e -
heure Vielzahl an Stoffen, die p e r m a n e n t auf u n s Z i v i l i s a t i o n s m e n s c h e n e i n w i r k e n , sich in
unseren Körpern anreichern, das Regulationssystem angreifen u n d über k u r z o d e r lang z u m
Kippen bringen k ö n n e n . Dies k a n n bei d e m e i n e m in Diabetes, bei e i n e m a n d e r e n in einen
Herzinfarkt u n d bei d e m nächsten in Krebs m ü n d e n .

„Toxine blockieren die n o r m a l e n Regulations- u n d A n p a s s u n g s v o r g ä n g e im Körper, i n d e m


sie Stoffwechselvorgänge fehlleiten, Bakterien in i h r e m Verhalten stören u n d a n d e r e n a t ü r -
liche E n t g i f t u n g s v o r g ä n g e blockieren", so der M e d i z i n e r T H O M A S RAU.901 Viele dieser gifti-
gen Störfaktoren sind chemisch oder feinenergetisch einfach n a c h z u w e i s e n . D o c h die kon-
ventionelle Medizin schenkt i h n e n oft k a u m o d e r gar keine Beachtung. Auf Schwermetalle
wie Quecksilber z u m Beispiel, die die zellulären Abläufe in u n s e r e m K ö r p e r s t a r k stören
u n d blockieren k ö n n e n , wird n u r selten getestet - selbst nicht bei c h r o n i s c h neurologischen
Krankheiten u n d auch nicht bei Krebs. Stattdessen ist m a n nach wie vor auf der Jagd nach
M i k r o b e n u n d mit der P r o d u k t i o n möglichst g e w i n n t r ä c h t i g e r P r ä p a r a t e beschäftigt.

• 195 •
Von zentraler Bedeutung ist, sich zu verinnerlichen,
dass Krankheiten meist multikausal sind, also
mehrere Ursachen haben können. Die Faktoren, die
sie verursachen, wirken zudem bei jedem Menschen
unterschiedlich, weil jeder Mensche einzigartig
ist und über ganz individuelle Abwehrkräfte und
Puffersysteme verfügt. Krankheitssymptome treten
bei jedem einzelnen Menschen also erst dann auf,
wenn seine ganz persönlichen Kompensationsfähig-
keiten erschöpft sind. Irgendwann ist das persönliche
„Fass" eben voll, um ein in der Allgemeinsprache oft
benutztes Bild zu verwenden.

Sehr viele Krankheiten sind „idiopathisch". Diese Formulierung bedeutet, dass die eigent-
liche Krankheitsursache nicht b e k a n n t ist. Es ist interessant, dass ein großer Teil der Pati-
enten, die einen ganzheitlichen Therapeuten aufsuchen, schon von vielen Ärzten ohne klare
Diagnose untersucht worden sind. Dabei w u r d e erklärt, die Ursache des Leidens wäre un-
b e k a n n t , w o r a u f h i n lediglich die Symptome behandelt worden sind - meist mit nebenwir-
kungsreichen M e d i k a m e n t e n oder Operationen. Dies k a n n der Fall sein bei allen Autoim-
m u n e r k r a n k u n g e n , chronischen G e f ä ß k r a n k h e i t e n , chronisch degenerativen Krankheiten,
bei den meisten allergischen Krankheiten, bei „neuen Krankheiten" wie dem Chronischen
M ü d i g k e i t s s y n d r o m , bei psychischen K r a n k h e i t e n wie Depressionen u n d Neurosen, bei
kindlichen Verhaltensstörungen wie dem Aufmerksamkeits-Defizit-/Hyperaktivitäts-Syn-
d r o m (ADHS) oder auch bei T u m o r e r k r a n k u n g e n bzw. Krebs.

„Aus Sicht des biologisch-medizinischen Arztes ist bei all diesen Krankheiten wenigstens
eine teilweise Besserung möglich, wenn Teilursachen gefunden werden, die zumindest einen
Teil des Bildes erklären", so der Mediziner RAU in seinem Buch „Biologische Medizin". „Sehr
häufig k a n n der Körper durch seine Eigenregulation den Rest zur Heilung beitragen, wenn
eine H a u p t u r s a c h e oder mehrere Teilursachen g e f u n d e n werden." 9 0 1 Dabei k a n n m a n ihn
noch zusätzlich stärken u n d in seinen Selbstheilungskräften unterstützen.

Die Komplexität des Krankheitsgeschehens gerade bei Krebs müssen nicht nur die Ärzte
bzw. Therapeuten im Blick haben, s o n d e r n auch die Patienten, um Enttäuschungen mög-
lichst zu vermeiden. Oft haben auch sogenannte „alternative" Behandler einen viel zu engen
Fokus auf das Krankheitsgeschehen; sie geben d a n n zwar keine nebenwirkungsreichen Medi-
kamente, entscheiden sich d a f ü r aber zum Beispiel nur f ü r A k u p u n k t u r oder nur für homöo-
pathische Wirkstoffe oder nur f ü r Omega-3-Fettsäuren in höher dosierter Form, ohne dass

• 196 •
diese Anwendung an dem Krankheitsgeschehen in seiner Gänze etwas z u m Positiven än-
dern könnte. In diesem Fall war das therapeutische Mittel der Wahl nicht „kraftvoll" genug,
um etwas bewirken zu können. Therapeuten, die so vorgehen, haben entweder keine hinrei-
chende Kenntnis von der Vielzahl möglicher k r a n k m a c h e n d e r Faktoren u n d / o d e r sie haben
es schlicht versäumt, die in Frage k o m m e n d e n Ursachen genau abzuklären. So k a n n es leider
auch im alternativmedizinischen Bereich vorkommen, dass „blind" drauflos therapiert wird,
ohne dass ein Effekt erzielt wird.

Ein ganzheitlich medizinischer Ansatz in seinem eigentlichen Sinne lebt davon, mit offenem Horizont auf die
Dinge zu blicken. Dies kann entscheidend dazu beitragen, Patienten eine positive Perspektive in ihrem Leben
zu ermöglichen.

Allen Patienten ist daher zu anzuraten, sich sehr e r f a h r e n e u n d versierte Therapeuten zu


suchen, die im tatsächlichen Sinne ganzheitlich orientiert sind u n d alles d a r a n setzen, die
Ursache(n) der Beschwerden abzuklären. Dabei m i t z u d e n k e n u n d selbst zu recherchieren
hat freilich noch nie geschadet.

• 197 •
Die Stärkung des Immunsystems ist das A und 0
Im ersten Kapitel haben wir dargelegt, wie wichtig es f ü r unsere Gesundheit u n d f ü r die
Prävention von Krankheiten wie Krebs ist, dass die Zellen gesund sind. Von zentraler Be-
d e u t u n g in den Zellen sind zum Beispiel die Mitochondrien, die auch als Zellkraftwerke be-
zeichnet werden. Sie gehören z u m Energiesystem unseres Körpers. Ihr eigenes Erbgut und
damit sie selbst können durch eine ganze Reihe von Faktoren nachhaltig geschädigt werden,
unter anderem durch Schwermetalle wie Quecksilber, aber auch durch Pestizide oder Che-
motherapeutika - am Ende k a n n dadurch eine schwere Krankheit entstehen.

Der Krebsforscher H E I N R I C H K R E M E R spricht in seinem Buch „Die stille Revolution der Krebs-
und AIDS-Medizin" davon, dass Krebs eine Folge der Schädigung dieses Energiesystems ist.
Letztlich läuft bei einem gestörten Energiesystem natürlich auch jede weitere Zellreaktion
schlechter ab, w o d u r c h das I m m u n s y s t e m nicht m e h r richtig arbeiten kann. Erste Pflicht
ist d e m n a c h , das I m m u n s y s t e m gesund zu halten. Ist m a n bereits von einem chronischen
K r a n k h e i t s z u s t a n d betroffen, k o m m t es f ü r den Gesundungsprozess entscheidend darauf
an, das I m m u n s y s t e m wieder auf Vordermann zu bringen.

Was aber genau hat m a n unter einem I m m u n s y s t e m zu verstehen? Das Immunsystem um-
fasst eine Vielzahl von Zelltypen u n d eine noch größere Zahl an Botenstoffen (Botenstoffe
dienen in einem O r g a n i s m u s der K o m m u n i k a t i o n auf chemischer Ebene - also dazu, Sig-
nale bzw. I n f o r m a t i o n e n zu übertragen). Rund 80 Prozent der Immunzellen befinden sich
im Darmbereich. Die mit M i k r o o r g a n i s m e n übersäte Darmflora ist demnach das mit Ab-

Das Immunsystem besteht aus zwei Abwehrsys-


temen: der spezifischen und der unspezifischen
Abwehr. Beide Systeme beinhalten sowohl zelluläre
als auch humorale (nicht-zelluläre) Bestandteile.
Die zellulären Bestandteile umfassen Lympho-
zyten, Makrophagen (siehe Abbildung) und
Granulozyten. Alle drei Zellarten sind Unterklassen
der weißen Blutkörperchen (Leukozyten). Bei den
Lymphozyten wird noch zwischen B-Lymphozyten,
T-Helferzellen sowie T-Killerzellen unterschieden;
die Makrophagen (abgebildet) werden auch Fress-
zellen genannt. „Nach neueren Erkenntnissen kann
man das zelluläre Immunsystem jedoch in zwei
Hauptsparten unterteilen: Thi- und Th2-System",
so der U m w e l t m e d i z i n e r JOACHIM MUTTER in sei-

nem Buch „Gesund statt chronisch krank". 777

• 198 •
Molekularmodell eines mensch-
lichen Interferons. Interferon
(englisch to interfere = eingrei-
fen, sich einmischen) ist ein
Protein, dem eine immunstimu-
lierende und vor allem auch anti-
tumorale Wirkung beigemessen
wird. Es wird als körpereigenes
Gewebshormon in menschlichen
und tierischen Zellen (unter
anderem von weißen Blutkörper-
chen) gebildet.

stand größte und wichtigste I m m u n s y s t e m unseres Körpers. 704 Insgesamt wiegen diese Mi-
kroben gut ein Kilogramm. Ein Umstand, der vielen Menschen gar nicht bewusst ist, obwohl
auch die Schulmedizin dies i m m e r m e h r erkennt. Wie „fit" diese D a r m f l o r a ist, wird von
einer ganzen Reihe von Faktoren beeinflusst, insbesondere von der E r n ä h r u n g , durch das
Ausmaß an Negativstress, Bewegungsmangel, Drogenkonsum etc. Vieles lässt darauf schlie-
ßen, dass der Zustand der Darmflora entscheidenden Einfluss hat auf alle möglichen Leiden
wie Übergewicht und Allergien, aber auch auf schwere Krankheiten wie Krebs. 512,696,711,742

Die Einteilung in Thl- und Th2-System gestattet es, eine Vielzahl unterschiedlicher Zusam-
menhänge geschickt zusammenzufassen, wobei aber beachtet werden sollte, dass es sich um
ein vereinfachtes Modell handelt, das etwa die Rolle der Thl7- u n d T Reg -Zellen nicht berück-
sichtigt. Nichtsdestotrotz erlaubt das Thl/Th2-Modell ein tieferes Verständnis von Krebs,
wie im Folgenden aufgezeigt wird.

Thl und Th2 stehen hier f ü r T-Helferzellen vom Typ 1 u n d 2. Entsprechend besteht das Thl-
System aus Thl-Zellen wie speziellen Lymphozyten, Fresszellen u n d Killerzellen. Es wird
aktiviert durch sogenannte Typ-l-Cytokine, also z u m Beispiel durch das Gewebshormon
Gamma-Interferon, die Botenstoffe Interleukin 1 u n d 12 sowie den Signalstoff TNF-alpha.
Durch diese Aktivierung entwickeln sich unreife ThO-Zellen in reife Thl-Zellen. Diese ent-
wicklungsgeschichtlich älteste Form der I m m u n a b w e h r k o m m t auch bei wirbellosen Tieren
wie W ü r m e r n und Schwämmen vor. Im Gegensatz dazu ist das Th2-System erst mit der Ent-
wicklung von Wirbeltieren entstanden, die eine Abwehr benötigten, um d e m Angriff von
Parasiten und größerer Organismen, etwa von W ü r m e r n , trotzen zu können.

•199 -
Z u s a m m e n f a s s e n d lässt sich über die beiden Immunabwehrsysteme sagen: Das Thl-System
wehrt vor allem mit dem „Kampfstoff" Stickoxid (wissenschaftliche Abkürzung: NO x ) alle
K r a n k h e i t s e r r e g e r ab, die sich in einer Zelle befinden - dazu zählen Pilze, Chlamydien,
Mykobakterien (die z u m Beispiel bei Tuberkulosepatienten beobachtet werden), Spirochä-
ten wie Borrelien, Amöben oder auch Krebszellen. Dieses Stickoxid wird auf die betroffenen
Zellen ausgegast, wodurch es zum Zelltod u n d somit auch zur Vernichtung der in der Zelle
befindlichen O r g a n i s m e n k o m m t . Diese zellgebundene Abwehr des Thl-Systems kann je-
doch Organismen, die eine gewisse Größe überschreiten, weder mit Stickstoff zerstören noch
durch Fresszellen a u f n e h m e n u n d verdauen.

Und so k a m es, dass im Laufe der Evolution Wirbeltiere entstanden, die mit einem Th2-
System ausgestattetet waren. Mit dem sich ausbildenden Knochenwachstum konnten soge-
n a n n t e B-Zellen produziert werden, die sich d a n n mithilfe der neu entstandenen zweiten
Sorte von T-Helferzellen, den Th2-Zellen, in b e s t i m m t e Immunzellen (Plasmazellen) um-
wandeln u n d so Antikörper produzieren konnten.

Dieses Th2-System hat also seine eigenen Waffen u n d wehrt mit Antikörpern (IgA, IgE, IgG,
IgM)' alles K r a n k m a c h e n d e ab, was sich außerhalb der Zellen befindet, also etwa W ü r m e r
u n d Bakterien. Diese Antikörper - die „Waffen" des Th2-Systems - sind wie kleine Raketen,
die sich z u m Beispiel an die Oberfläche der Parasiten heften u n d sie praktisch durchlöchern.

Die Hauptwaffe des Thl-Systems, das Stickoxid, erlaubt unter anderem auch die Zerstörung
von Krebszellen. Das entstehende Stickoxid muss aber von den körpereigenen Zellen durch
reduziertes Glutathion oder Schwefelgruppen (Thiole) entgiftet werden, da es sonst auch die
gesunden Zellen vernichten würde. Glutathion ist ein körpereigenes kleines „Mini-Eiweiß",
das in jeder Körperzelle vorhanden ist u n d an einer Reihe von Entgiftungs-, Transport- und
Biosynthesefunktionen beteiligt ist. Das Nationale Krebsinstitut der USA bezeichnet redu-
ziertes Glutathion als „das primäre Antioxidans von Zellen, das eine wichtige Rolle spielt bei
der Neutralisierung von freien Radikalen u n d - da es ein Co-Enzym ist, das [schwefelhal-
tige] Thiole enthält - bei der Entgiftung von Fremdstoffen". 841

In der j a p a n i s c h e n u n d angelsächsischen Literatur sind der m e d i k a m e n t ö s e n Gabe von


Glutathion m e h r f a c h t u m o r h e m m e n d e W i r k u n g e n nachgewiesen worden. In einer pros-
pektiven, randomisierten Doppelblindstudie an 50 Patienten mit fortgeschrittenem Magen-
k a r z i n o m w u r d e eine Kombinations-Chemotherapie verabreicht. In der Glutathiongruppe
w u r d e parallel vor jedem Chemotherapiezyklus reduziertes Glutathion intravenös sowie
zusätzlich jeweils 600 mg reduziertes Glutathion intramuskulär am zweiten und fünften Tag
der Chemotherapie verabreicht. Die Kontrollgruppe erhielt stattdessen lediglich wirkungs-
lose Kochsalzlösung. Die Ergebnisse zeigten in der Glutathiongruppe deutlich weniger und

Ig steht für Immunglobulin

•200-
Ein funktionierendes Immunsystem ist die Grundlage unserer Gesundheit. Sind Elemente davon gestört oder
aus dem Gleichgewicht, können selbst üblicherweise harmlose bakterielle Infektionen zum Problem werden.

geringere Neurotoxizität . Im Vergleich des Ansprechens auf die Chemotherapie (Tumorre-


sponse) zeigten die mit Glutathion behandelten Patienten ebenfalls deutlich bessere Ergeb-
nisse. Die Autoren empfahlen auf G r u n d dieser Ergebnisse weitere P r ü f u n g e n des Einsatzes
von reduziertem Glutathion im Rahmen der Chemotherapie. 5 4 0

Im gesunden O r g a n i s m u s besteht in der Regel ein Gleichgewicht zwischen r e d u z i e r t e m


Glutathion u n d seiner oxidierten Form, wobei eben nur die reduzierte Variante des Gluta-
thion die stickstoffneutralisierende W i r k u n g entfaltet. N i m m t n u n die Zahl freier Radikale
im Organismus infolge giftiger Einflüsse wie Schwermetallbelastungen, M e d i k a m e n t e n k o n -
sum, Stress etc. zu, k a n n die Menge an reduziertem Glutathion in den Zellen absinken. Kann
der Organismus diesen Abfall n u n nicht aufhalten bzw. u m k e h r e n (zum Beispiel mit Hilfe
von Vitamin E oder der A m i n o s ä u r e Cystein, die oxydiertes Glutathion sofort wieder in
funktionstüchtiges reduziertes Glutathion umwandeln kann), so k o m m t es zu einem Mangel
an reduziertem Glutathion u n d damit zu einer ungehinderten Aktivität der aggressiven Ra-
dikale. 864 Dies ist besonders bei Krebspatienten häufig zu beobachten. 9 9 8 Chemo- u n d Strah-
lentherapie verschlechtern die Situation meist noch erheblich, da durch sie verstärkt Gluta-
thion verbraucht wird, sodass die freien Radikale vermehrt ihr „Unwesen" treiben können.

giftig auf das Nervensystem wirkend

• 201 •
Sind n u n reduziertes G l u t a t h i o n sowie a n d e r e A n t i o x i d a n z i e n nicht in ausreichendem
M a ß e vorhanden, schaltet das I m m u n s y s t e m auf die Th2-Anwort um, wodurch gleichzeitig
die T h l - I m m u n a b w e h r gedrosselt wird. Als Folge davon k a n n es nicht nur zu chronischen
Infektionen k o m m e n mit Keimen, die durch eine Thl-Antwort abgewehrt werden müssten
- etwa Borrelien- oder Pilzinfektionen -, sondern letztlich auch zu Krebs, da Krebszellen
ebenso durch das N O - G a s der T h l - I m m u n a n t w o r t vernichtet werden. Um die Drosselung
des Thl-Systems zu kompensieren, k a n n es leicht zur Ü b e r s t i m u l i e r u n g der Th2-Immun-
abwehr k o m m e n . In der Tat ist nicht nur bei Menschen, die unter Allergien oder Autoim-
m u n e r k r a n k u n g e n (bei denen zelleigene S t r u k t u r e n angegriffen werden) leiden, sondern
besonders auch bei Krebspatienten das Th2-System oft überaktiv u n d das Thl-System her-
untergefahren. 8 9 7

„Das bedeutet, dass es ratsam ist, bei Menschen, die unter Krebs oder anderen chronischen
K r a n k h e i t e n leiden, die körpereigene G l u t a t h i o n p r o d u k t i o n durch Entgiftung der Mito-
c h o n d r i e n u n d durch die Z u f u h r b e s t i m m t e r Substanzen zu erhöhen", so der Mediziner
M U T T E R . „Dies f ü h r t d a n n dazu, dass das Th2-System auf ein ausgeglichenes Niveau herun-

tergefahren wird. Die deutliche Z u n a h m e von allen möglichen chronischen Krankheiten in


den vergangenen Jahrzehnten spricht dafür, dass die Bevölkerungen in den Industriestaa-
ten an einem z u n e h m e n d e n Glutathiondefizit bzw. einer M i t o c h o n d r i e n u n t e r f u n k t i o n lei-
det, verursacht z u m einen durch die steigende Belastung mit i m m e r mehr Giftstoffen und
schädigenden Strahlungen, u n d z u m anderen durch die Versorgung mit minderwertiger
N a h r u n g , die i m m e r weniger lebenswichtige Nährstoffe enthält, weil sie mittels industrieller
A n b a u m e t h o d e n u n d auf ausgelaugten Böden hergestellt wird."

Auch die Krebsforscher R O B E R T O L O C I G N O u n d V I N C E N T C A S T R O N O V O von der Universität


Liège in Belgien stellen in einer Übersichtsarbeit, die 2001 im International Journal of On-
cology veröffentlicht wurde, fest: „Die Forschergemeinde ist einhellig der Auffassung, dass
reduziertes Glutathion eine zentrale Rolle spielt in den Abläufen in der Zelle. Es ist stark in-
volviert in die Abwehr von Fremdkörpern u n d von gesundheitsschädlichen Substanzen wie
freien Radikalen. Als Folge davon ist reduziertes Glutathion ein essenzieller Faktor, wenn
es um die Vermeidung u n d Therapierung von verschiedenen Leiden beim Menschen geht,
d a r u n t e r Krebs u n d Herz-Kreislauf-Erkrankungen." 7 3 1

Wie Forschungen zeigen, wird der Glutathiongehalt im menschlichen Körper durch den
Verzehr von rohem Gemüse u n d Wildkräutern stark angehoben. 777 Studien haben zudem ge-
zeigt, dass schwefelhaltige Lebensmittel antioxidative W i r k u n g haben und die Glutathions-
y n t h e s e stimulieren - u n d so Krebs entgegenwirken können. 5 0 7 , 8 9 1 Die exotische Frucht
D u r i a n , die m a n in Deutschland in Asialäden b e k o m m t , ebenso wie Bärlauch und Knob-
lauch enthalten z u m Beispiel reichlich dieser schwefelhaltigen Verbindungen. Auch soll ein
gesunder Schlaf die Glutathionreserven der Leber regenerieren helfen und zudem zu einem
Anstieg des Melatonin-Levels f ü h r e n . Melatonin ist ein Schlafhormon und ist genau wie

• 202 •
Glutathion ein Radikalfänger (manche sagen, dass Melatonin sogar ein noch stärkerer Ra-
dikalfänger sei als Glutathion). Die Bildung von Melatonin ist allerdings nur möglich, wenn
der Körper am Tag genügend natürlichem Licht ausgesetzt ist u n d ausreichend V i t a m i n e
sowie der essenzielle Eiweißbaustein L-Tryptophan (der mit der N a h r u n g a u f g e n o m m e n
werden muss) zur Verfügung stehen.

Melatonin schützt auch Glutathion vor vorzeitigem Abbau, das Schwermetall Quecksilber
hingegen f ü h r t schnell zu Glutathionmangel u n d Zellschäden. Wie Studien zeigen, konnte
der Zusatz von Melatonin Zellschäden durch Schwermetalle entgegenwirken bzw. vermei-
den helfen. 865

Ein Sachverhalt, der auch in anderen Bereichen der Me- Ein zentraler Baustein einer
dizin bekannt ist, etwa in der Notfallmedizin. Bei einer erfolgreichen Krebstherapie
Vergiftung mit dem gängigen Schmerzmittel Paracetamol muss sein, das Immunsystem zu
gibt man hochdosiert die A m i n o s ä u r e Cystein (etwa in stärken bzw. die Thl- und Th2-
Form von Fluimucil-Ampullen), um die Glutathionpro- Abwehrsysteme in eine robuste
duktion a n z u k u r b e l n . Paracetamol ist ein G l u t a t h i o n - Verfassung zu bringen und so auch
Dieb u n d hat deswegen schon zu Todesfällen g e f ü h r t . die geschädigten Mitochondrien
Leider sind sich die wenigsten Ärzte d a r ü b e r im Klaren, (Zellkraftwerke) zu regenerieren.
sodass m a n c h m a l nur einige Dinge z u s a m m e n k o m m e n Um dies zu erreichen, ist es wichtig,
müssen, um eine gefährliche Situation oder gar den Tod den Gehalt am Eiweiß Glutathion in
eines Patienten herbeizuführen. den Mitochondrien zu erhöhen. Dies
kann durch die Zufuhr der Amino-
Wird zum Beispiel ein Patient operiert, der a u f g r u n d von säuren Cystein, Glutamin und Glycin
Schmerzzuständen schon eine Menge P a r a c e t a m o l ge- erfolgen. Diese werden vom Zell-
nommen hat, der sich schlecht e r n ä h r t u n d dadurch mit plasma zu den Mitochondrien trans-
Pestiziden belastet ist (was heute leider n o r m a l ist) u n d portiert. Dadurch können manchmal
der vielleicht noch irgendeine unauffällige entzündliche Krebszellen wieder in normale Zellen
Hauterkrankung hat, so k a n n es passieren, dass durch die zurückverwandelt werden. 777
Narkosemittel u n d die W u n d h e i l u n g zusätzlich Gluta-
thion verbraucht wird. In diesem Fall ist es nicht verwun-
derlich, wenn es dem Patienten i m m e r schlechter geht. Sollte er zufälligerweise auch noch
von dem immer häufiger zu beobachtenden Gendefekt der Glutathion-S-Transferase Theta
betroffen sein, k a n n solch eine Situation auch tödlich enden. Die meisten Ärzte sind d a n n
ratlos und wissen nicht, w a r u m ihr Patient gestorben ist u n d wie sie dieses D r a m a hätten
vermeiden können. Eine unserer Autoren, J U L I A N E S A C H E R , hat diesen Gendefekt in der Pra-
xis bei einer Reihe von Krebs- u n d AIDS-Patienten g e f u n d e n . Daher warnt sie diese Pati-
enten vor dem Einsatz von Paracetamol u n d f ü h r t stattdessen ein paar Tage vor u n d nach
Operationen Glutathioninfusionen durch.

" Glutathion-S-Transferasen sind Enzyme, welche die Bindung von Glutathion an Xenobiotika (organismusfremde
organische Verbindungen) katalysieren und im Körper eine zentrale Rolle bei der Entgiftung spielen.

• 203 •
Bärlauch (Alliurn ursinum) besitzt ebenso wie seine Verwandten Knoblauch, Zwiebel und Schnittlauch Schwe-
felverbindungen, die für unser Immunsystem wichtig sind, weil sie die Glutathionsynthese ankurbeln.

In diesem Z u s a m m e n h a n g hat auch B O Y D H A L E Y , Professor und Direktor des chemischen In-


stituts der University of Kentucky, ein neues Mittel entwickelt, das sich in Tierversuchen als
praktisch so ungiftig wie Wasser herausgestellt hat u n d dem er den N a m e n Oxidative Stress
Relief, k u r z OSR, gegeben hat. Es k a n n in G e h i r n u n d Rückenmark den Glutathiongehalt
effektiv erhöhen sowie Schwermetalle ausleiten. In ersten Versuchen mit Menschen konnte
gezeigt werden, dass Menschen, die selbst unter schweren Krankheiten wie Parkinson, Alz-
heimer u n d Herzbeschwerden leiden, schnelle Besserung e r f a h r e n k o n n t e n oder dass es
z u m i n d e s t möglich war, das Fortschreiten der E r k r a n k u n g e n aufzuhalten. Als Nahrungs-
ergänzungsmittel ist es z u m A n h e b e n des körpereigenen Glutathionspiegels von der FDA
- der US-amerikanischen Behörde f ü r Lebensmittel- und Medikamentenzulassung - geneh-
migt worden. 777

Selbstverständlich wirken diese Substanzen bzw. Verfahren u m s o eher u n d besser bzw. erst
d a n n , wenn die betroffene Person auch sonst etwas f ü r ihr Immunsystem tut. Dazu gehört,
regelmäßig Sport zu treiben oder sich zu bewegen, frische Luft zu atmen, liebevolle Bezie-
h u n g e n zu unterhalten, ausreichend Sonnenbäder zu n e h m e n , sich gesund (nährstoff- und
frischkostreich, d a f ü r giftstoffarm) zu ernähren usw.

Welch hohen Stellenwert das I m m u n s y s t e m bei Krebs hat, bestätigen auch Untersuchungen
von J É R Ô M E G A L O N u n d seinem Team vom Institut National de la Santé et de la recherche
Médicale in Paris. D e m n a c h wird der Krankheitsverlauf bei Patienten mit Darmkrebs maß-

• 204 •
geblich von der Aktivität der Körperabwehr im Tumor u n d dessen unmittelbarer Umgebung
bestimmt. Dies gilt unabhängig davon, wie stark sich der Tumor lokal ausgebreitet hat oder
ob sich bereits Metastasen gebildet haben. 616 Die Analyse der lokalen I m m u n a n t w o r t sollte
daher unbedingt in die Diagnosestellung u n d Therapieentscheidung einbezogen werden, äu-
ßerte G A L O N beim zweiten Europäischen Kongress f ü r Immunologie, der im September 2009
in Berlin stattfand.

Tumoren des Dickdarms und E n d d a r m s gehören mit etwa einer Million N e u e r k r a n k u n g e n


pro Jahr weltweit zu den häufigsten K r e b s e r k r a n k u n g e n . Derzeit lebt nur r u n d die Hälfte
der Patienten länger als f ü n f Jahre, nachdem sie mit der Diagnose D a r m k r e b s konfrontiert
wurden. Selbst von den Patienten, bei denen der T u m o r lokal begrenzt ist, erleiden viele
einen Rückfall oder sterben an ihrer E r k r a n k u n g oder auch an der Chemotherapie. „Daher
brauchen wir dringend neue Instrumente, mit denen wir Patienten mit hohem Risiko f ü r ein
Fortschreiten der E r k r a n k u n g identifizieren können", betont G A L O N .

Bis heute wird die Entscheidung darüber, wie aggressiv in der Therapie vorgegangen wird,
davon abhängig gemacht, in welchem Stadium sich der T u m o r befindet. Dabei orientiert
man sich vor allem daran, wie sehr sich der Tumor lokal ausgebreitet hat u n d wie das Aus-
m a ß der Fernmetastasierung ist. G A L O N u n d Mitarbeiter konnten n u n zeigen, dass die de-
taillierte Ermittlung der lokalen I m m u n a n t w o r t ein viel besseres Beurteilungsinstrument
darstellt. Damit könnte sich zum Beispiel ergeben, dass ein Patient besonders gefährdet ist
bzw. eine schlechte Prognose hat, obwohl sein Tumor noch relativ klein ist - u n d umgekehrt.

Krebs vorbeugen und heilen mithilfe der Ernährung


„Eure N a h r u n g sei Eure Medizin", verkündete schon vor langer Zeit H I P P O K R A T E S ( 4 6 0 - 3 7 0
v.Chr.), der berühmteste Arzt der Antike. Auf ihn berufen sich traditionell eher alternativ-
medizinisch bzw. ganzheitlich ausgerichtete Therapeuten, doch auch Schulmediziner wie die
Amerikanerin D E V R A D A V I S , Professorin am Krebsinstitut der Universität Pittsburgh, ver-
weisen auf ihn. 569 Dies gilt auch f ü r die kanadischen Krebsmediziner R I C H A R D B E L I V E A U u n d
D E N I S G I N G R A S , die den Stand der Forschung zu diesem Thema in ihrem Werk „Krebszellen

mögen keine Himbeeren" dokumentiert haben. 501

Dass die E r n ä h r u n g ein entscheidender Faktor bei der Krebsentstehung ist, d a r ü b e r sind
konventionelle u n d alternative Medizin mittlerweile einig sind. 822 So f ü h r t die American
Cancer Society die bei jüngeren Amerikanern deutlich gestiegenen Darmkrebsraten in ers-
ter Linie auf Übergewicht u n d schlechte E r n ä h r u n g zurück. Dies liegt in erster Linie am
gestiegenen Fast-Food-Konsum, der sich von 1970 bis Mitte derl990er Jahre unter Jugend-
lichen verfünffacht und unter Erwachsenen verdreifacht hat. 935

• 205 •
Uneinigkeit besteht unterdessen darüber, wie wichtig die E r n ä h r u n g letztlich ist und wel-
che E r n ä h r u n g s f o r m die beste ist, um Krankheiten wie Krebs zu begegnen. Hier gehen die
M e i n u n g e n nicht nur zwischen konservativen u n d alternativen Therapeuten auseinander.
Auch innerhalb der ganzheitlich-biologischen Krebsmedizin wird heftig diskutiert, ob nun
die Gerson- oder die Breuß-Diät oder das kohlenhydratreduzierte Konzept zielführend ist.
Wir haben hier die Fakten zu den bedeutendsten Kostformen zusammengetragen, um Ihnen
damit eine f u n d i e r t e Entscheidungshilfe zu liefern.

Viele etablierte Krebsmediziner sagen unterdessen, Er-


Letztlich ist die Entscheidung n ä h r u n g k ö n n e Krebs allenfalls verhüten, nicht aber
zu einer Ernährungsumstellung heilen. 791 A n d e r e Experten wie der finnische Mediziner
962
bis zu einem gewissen Grad immer T H O M A S TALLBERG oder auch M A R T I N L A N D E N B E R G E R ,
auch eine persönliche Angelegen- Arzt u n d Vorsitzender der Gesellschaft f ü r Bioimmun-
heit. So muss jeder für sich entschei- therapie, 7 1 0 widersprechen. Und dies mit gutem G r u n d ,
den, was er zu leisten bereit ist und denn Krebszellen entstehen ja dadurch, dass neben ande-
was ihm gut tut. Wichtig erscheint ren Faktoren eine falsche E r n ä h r u n g die zentral wichti-
uns dabei die zentrale Botschaft, gen Mitochondrien - die Zellkraftwerke - torpediert und
dass die Ernährung möglichst viel dadurch dezimiert, mit der Folge, dass das Immunsystem
Frischkost und damit Vitalstoffe in schweren Schaden n i m m t . Dieser Prozess k a n n umge-
lebendiger Form enthalten und die kehrt werden, indem die M i t o c h o n d r i e n wieder regene-
Nährstoffdichte so hoch wie möglich riert werden, w o f ü r eine vitalstoffreiche E r n ä h r u n g eine
sein sollte - und dass es mitunter wichtige Komponente darstellt.
länger dauern kann, bis sich die
positive Wirkung einer solchen Dass die Diskussion über E r n ä h r u n g u n d Krebs kontro-
Ernährung bemerkbar macht. vers g e f ü h r t wird, k a n n unterdessen nicht verwundern.
So ist E r n ä h r u n g ein wichtiger, aber letztlich nur ein Bau-
stein von vielen, der f ü r unsere Gesundheit bzw. f ü r die
Entstehung von Krankheiten wie Krebs eine Rolle spielt. Von Bedeutung ist auch, wie viel
wir uns bewegen, wie übergewichtig wir sind, welche Gifte täglich auf uns einwirken, wie
sehr wir Psychostress ausgesetzt sind, wie viel Sonnenlicht an unsere Haut kommt oder wie
„robust" die genetische Ausstattung ist, mit der wir auf die Welt gekommen sind. Vor die-
sem H i n t e r g r u n d ist es eine knifflige Aufgabe, den Einfluss einzelner Lebensmittel auf eine
Krankheit wie Krebs zu b e s t i m m t e n - eine Krankheit, die oft Jahrzehnte benötigt, um sich
in k r a n k m a c h e n d e r Form zu manifestieren.

Z u d e m dürfen wir nicht vergessen, dass die E r n ä h r u n g f ü r den Menschen einen enormen
Stellenwert besitzt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - u n d das gilt eben ganz beson-
ders auch in Bezug auf seine Essgewohnheiten. Entsprechend emotional geht es mitunter
zu, wenn darüber diskutiert wird, welches N a h r u n g s m i t t e l Krebs Vorschub leisten könnte,
selbst wenn wissenschaftliche Debatten frei von Gefühlen sein sollten.

•206 -
Ein gutes Beispiel d a f ü r ist das Thema der tierischen Eiweiße: So wird von eher alternativ
oder ganzheitlich bzw. kritisch eingestellten Experten d a r a u f h i n g e w i e s e n , dass der Über-
konsum von Fleisch, Fisch u n d Milchprodukten in den Industrieländern dazu beigetragen
hätte, dass die Krebsraten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts drastisch angestiegen.
Die meisten etablierten Mediziner hingegen belächeln diese These u n d verfrachten sie in
das Reich der Mythen u n d Märchen. Doch sie übersehen dabei nicht nur, dass ihre eigene
Krebsmedizin, die auf Chemotherapie u n d Bestrahlung setzt, einer „Voodoo-Wissenschaft"
gleichkommt, wie der Genomforscher G E O R G E L . G A B O R M I K L O S 2 0 0 4 in der Fachzeitschrift
Nature Biotechnology konstatiert. 7 6 4 Sie bedenken dabei auch nicht, dass es f ü r die k r a n k -
machende oder gar kanzerogene W i r k u n g eines übermäßigen Verzehrs tierischer Eiweiße
fundierte Hinweise gibt.

In früheren Zeiten gab es nur in besser gestellten Familien einmal in der Woche Fleisch. Inzwischen wird Fleisch
im Übermaß konsumiert, was zu vielen gesundheitlichen Problemen führt, die in Krebs münden können.

Einen G r u n d f ü r diese abwehrende H a l t u n g sieht T. C O L I N C A M P B E L L , angesehener Ernä-


hungswissenschaftler aus den USA, der sich über Jahrzehnte mit dem Z u s a m m e n h a n g von
tierischen Eiweißen u n d Krebs beschäftigt hat, 537 in der psychologischen Natur des Themas:
„Tierisches Protein als N a h r u n g ist wie eine Religion. Bei seiner Entdeckung im 18. Jahrhun-
dert wurde tierisches Eiweiß zum ,Stoff des Lebens schlechthin' erklärt. Im 19. Jahrhundert
wurde es d a n n gar zu einer Art Zeichen der Zivilisation. Und heutzutage ist es Z e n t r u m
einer gigantischen Industrie." 5 9 6

• 207 •
So k o m m t es, dass auf der Entscheidungsebene - nicht nur von der weltweit agierenden
Fleischwirtschaft, 8 8 6 ' 9 2 2 sondern auch in der Krebsforschung - ein großer Widerwille dage-
gen zu existieren scheint, bis ins letzte Detail abzuklären, inwiefern tierische Eiweiße das
Krebsgeschehen beeinflussen k ö n n e n . Alle blicken auf
„schädliche" Fette, doch n i e m a n d scheint sich f ü r die
Wenn den Patienten wirklich mögliche kanzerogene W i r k u n g von tierischem Eiweiß zu
geholfen werden soll, so muss interessieren. Mit der Folge, dass entscheidende Studien,
gerade auch bei Thema Ernährung die sogar nur wenige 100.000 € kosten würden, nicht fi-
vorurteilsfrei, mit offenem Geist und nanziert werden, 930 w ä h r e n d f ü r alle möglichen anderen
gesunder Neugier nach der Wahrheit Forschungsvorhaben, die auf eine lukrative Medikamen-
gesucht werden. Das Vorsichtsprin- tenproduktion hinauslaufen, bereitwillig unzählige Milli-
zip gehört dabei in unser Handeln arden bereitgestellt werden, ohne dass dadurch die Krebs-
integriert. Zudem wäre es wichtig, zahlen in deutlichem M a ß e gesenkt worden wären.
dass die Forschung vom Einfluss der
Pharma- und Chemiebranche und Die Medizinprofessoren M I C H A E L K R A W I N K E L u n d J Ü R G E N
anderer Industrien befreit wird. Mit S T E I N treffen daher den Nagel auf den Kopf, wenn sie fest-
anderen Worten: Damit die Krebs- stellen: „Aber hat eine E r n ä h r u n g s m e d i z i n überhaupt
zahlen endlich drastisch nach unten einen Platz in einer Medizin, die jeden Schritt auf Wirt-
gehen, dürfen sich die Geschichten schaftlichkeit überprüfen muss? - Wenn Ärzte zukünftig
vom Zigarettenqualm oder vom nicht nur noch Reparaturbetrieb sein wollen, kommen sie
Schwermetall Blei im Benzin nicht am Thema E r n ä h r u n g nicht vorbei." 703
ständig wiederholen.
Jahrzehntelang sind viele Millionen Menschen ums Leben
gekommen, weil der Zigarettenkonsum oder Blei in Au-
toabgasen auf skandalöse Weise verharmlost wurden. Beim Tabakrauch u n d beim Blei ist es
nach h a r t e m Kampf tatsächlich gelungen, sie als potenziell krebserregend zu brandmarken.
Bei etlichen anderen Substanzen u n d Einflussfaktoren u n d Ernährungsformen steht dies lei-
der noch aus.

Es gibt viele Wissenschaftler, die sich mit dem Einfluss der E r n ä h r u n g auf die Gesundheit
beschäftigen. Doch die jahrelangen Studien des britischen Arztes S I R R O B E R T M C C A R R I S O N
(1878-1960) zählen zu den bemerkenswertesten in der Geschichte der Medizinforschung.
M C C A R R I S O N genoss auch in etablierten Kreisen sehr hohes Ansehen. Im Mai 1960 heißt es

etwa im British Medical Journal, das schon damals eines der bekanntesten wissenschaftli-
chen Magazine war, in einem eineinhalbseitigen N a c h r u f auf den im Alter von 82 Jahren
verstorbenen M C C A R R I S O N : „Seine Studien haben f ü r die Medizin im Allgemeinen einen he-
rausragende Beitrag geleistet. Seine Pionierarbeiten im Z u s a m m e n h a n g mit der E r n ä h r u n g
brachten i h m weltweite A n e r k e n n u n g , u n d i h m w u r d e n zahlreiche E h r u n g e n zuteil." Der

• 208 •
Nachruf schließt mit den Worten von E L M E R V E R N E R M C C O L L U M ( 1 8 7 9 - 1 9 6 7 , einem laut Bri-
tish Medical Journal „anderen Pionier der Ernährungswissenschaften") aus dessen Vorwort
zu dem 1953 erschienen Buch „The Work of Sir Robert McCarrison" von dem b e r ü h m t e n
Ernährungsforscher H U G H M A C D O N A L D S I N C L A I R ( 1 9 1 0 - 1 9 9 0 ) 9 4 5 : „Intellektuelle Ehrlichkeit,
Enthusiasmus und Neugierde sind charakteristisch f ü r SIR R O B E R T M C C A R R I S O N . Auch legte
er stets größten Wert darauf, seine Beobachtungen mit den Arbeiten anderer Forscher in
lernbegieriger Aufmerksamkeit abzugleichen. M C C A R R I S O N verfügt nicht nur über Wissen,
sondern über Weisheit." 832

In umfassenden Studien im f r ü h e n 2 0 . J a h r h u n d e r t k o n n t e M C C A R R I S O N d o k u m e n t i e r e n ,
dass einige Völker Indiens mit einer natürlichen Lebens- u n d vor allem Ernährungsweise
ein langes Leben erreichten, ohne von den in Industrienationen üblichen Alterskrankheiten
und chronischen Leiden betroffen zu sein. 749 ' 945 Allerdings zeigten sich bei den verschiede-
nen Volksgruppen deutliche Unterschiede in Bezug auf Körperbau u n d G e s u n d h e i t s z u -
stand. Da waren zum Beispiel die P a t h a n - S t ä m m e an der Nordwest-Grenze Indiens oder
auch die Sikh-Stämme, die bekannt waren f ü r ihre ausgezeichnete Physis. Ein völlig anderes
Bild zeigte sich bei diversen Volksstämmen im Süden u n d Osten des Landes. Die Madrassi
etwa waren energielos, schwächlich u n d hatten zahlreiche schwere Krankheiten. Das gleiche
Bild zeigte sich bei den Bengalen im Osten.

M C C A R R I S O N stellte sich d a r a u f h i n die Frage, was die Ur-

sachen f ü r die offensichtlichen Unterschiede im Erschei- Die ursprüngliche Hypothese


nungsbild der indischen Völker sein möge. Seine Vermu- MCCARRISONS, w o n a c h die
tung war, dass die E r n ä h r u n g hierfür eine entscheidende Ernährungsweise einzelner indischer
Rolle spielen muss. Mittlerweile z u m G e n e r a l m a j o r im Volksgruppen der Hauptfaktor für
indischen Gesundheitsdienst befördert, begann er in dem ihren Gesundheitszustand war, hatte
von ihm gegründeten Institut in Coonoor mit der experi- sich durch das Tierexperiment mit
mentellen Ü b e r p r ü f u n g dieser Vermutung. D a f ü r f ü h r t e Ratten in eindrucksvoller Weise be-
er jahrelange Fütterungsversuche an Ratten durch. Diese stätigt. „Der Grad der körperlichen
teilte er in sieben Gruppen von je 20 Ratten auf u n d verab- Leistungsfähigkeit bei indischen
reichte ihnen von Geburt an jeweils die Diäten der Sikhs, Volksgruppen hängt insbesondere
Pathans, Mahrattas, Goorkhas, Bengalen, Kanaresen u n d davon ab, wie sie sich ernähren", so
Madrassis. Nach 140 Tagen untersuchte er die einzelnen MCCARRISON. „Kein anderer Faktor
Ratten. Die Ergebnisse waren b e m e r k e n s w e r t , d e n n er - Rasse, Klima etc. - hat einen so
konnte eine genaue Parallele zur Entwicklung der gleich- tiefgreifenden Einfluss auf ihr kör-
artig ernährten Volksgruppen feststellen. perliches Erscheinungsbild und ihre
Fähigkeit, anstrengende Arbeit und
So waren die Ratten, welche die K o s t f o r m der Sikh- andauernde physische Belastung zu
Stämme erhalten hatten, die größten u n d schönsten Tiere. ertragen."
Sie zeugten von Lebhaftigkeit, Gewandtheit, Zutraulich-
keit und einer nahezu völligen Resistenz gegenüber Infek-
tionskrankheiten. Die „Madrassi-Ratten" hingegen waren

•209 -
v e r k ü m m e r t , unterentwickelt, apathisch u n d schwächlich. Ein Teil dieser Ratten verstarb im
Laufe der Versuche an Infektionskrankheiten. Der Gesundheitszustand u n d die Konstitu-
tion dieser Nager spiegelte exakt die klägliche körperliche Verfassung der Madrassis wider.

Mit der nächsten größeren experimentellen Studie versuchte M C C A R R I S O N eine Antwort auf
die grundlegende Frage zu finden: „Ist durch eine vollwertige E r n ä h r u n g das Auftreten von
K r a n k h e i t e n verhütbar?" Beeindruckt von den Resultaten mit den „Sikh-Ratten" verab-
reichte er n u n mehr als 1.000 Ratten jene Diät der Sikhs zunächst über einen Zeitraum von
zwei Jahren. Diese Diät umfasste folgende Bestandteile: d ü n n mit frischer Butter bestrichene
Chappatis (leicht geröstete, d ü n n e Fladen aus Weizen- u n d Gerstenmehl), gekeimte Kicher-
erbsen, rohes, frisches Gemüse nach Belieben (Kohl, Möhren), rohe Kuhmilch, geringe Men-
gen an Fleisch mit Knochen (einmal pro Woche), harte Brotrinden und Wasser. Im Laufe der
zwei Jahre gab es bei diesen Ratten keinen einzigen Krankheitsfall, auch keine Sterblichkeit
unter den Mutter- u n d Jungtieren. In der klinischen u n d mikroskopischen Untersuchung
war kein Symptom f ü r irgendeine Krankheit feststellbar. D a r a n änderte auch die Ausdeh-
n u n g der Beobachtungszeit auf f ü n f Jahre nichts.

Dabei ließ sich der außergewöhnlich gute Gesundheitszustand der Ratten, welche die Sikh-
E r n ä h r u n g erhalten hatten, durch Veränderungen in der Kost nahezu beliebig verändern.
W u r d e die Ration an rohem Gemüse oder roher Milch stark herabgesetzt, kam es bei den
kerngesunden Nagern plötzlich zu Lungenerkrankungen, Magen-Darm-Leiden, Nieren- und
Blasenkrankheiten.

Die Ernährung, als eines der wichtigsten


Elemente, um gesund zu bleiben und
auch wieder gesund zu werden, wird bei
den konventionellen Therapieansätzen
häufig außer Acht gelassen. Dabei sind
die Nährstoffe, die über die Nahrung
aufgenommen werden, nicht nur einfach
„Futter" für unseren Stoffwechsel, sie
dienen darüber hinaus dem Immunsy-
stem, indem passende Komponenten zur
Verfügung gestellt werden, um unsere
Abwehr positiv zu unterstützen. Im Ansatz
der ganzheitlich-biologischen Therapien
ist eine gesunde, den individuellen
Bedürfnissen entsprechende Ernährung
daher eine feste Säule.

• 210 •
M C C A R R I S O N beobachtete auch die gesundheitlichen Folgen f ü r Ratten, denen er die damals

typische britische Diät bzw. Kost in den westlichen Ländern vorsetzte. Zuvor völlig gesunde
Ratten bekamen dadurch alle möglichen Zivilisationskrankheiten, darunter Karies, Abszesse,
Haarausfall, Drüsenvergrößerungen, Anämie, Rückgratverkrümmungen, Nerven- u n d Herz-
krankheiten, Atemwegsleiden, Erkrankungen der Fortpflanzungsorgane u n d Geschwüre. 747,748

„Die Bedeutung von M C C A R R I S O N S Versuchsergebnissen liegt in dem einwandfreien Nach-


weis, dass es f ü r Ratten eine natürlich zusammengesetzte Kost gibt, bei der diese Tiere über
mehrere Generationen hinweg frei von jeglicher Krankheit bleiben", so der Ernährungswis-
senschaftler E D M U N D S E M L E R . „Und der Schluss erscheint berechtigt, dass es demzufolge auch
für den Menschen möglich sein muss, bei einer natürlichen E r n ä h r u n g weitgehend gesund
zu bleiben. Zwar k o m m t häufig der Einwand, dass m a n Ergebnisse aus Tierexperimenten
nicht auf den Mensche übertragen darf. M C C A R R I S O N ist aber genau u m g e k e h r t vorgegan-
gen. Er testete nämlich praktizierte menschliche E r n ä h r u n g s f o r m e n im Tierversuch u n d
konnte damit überraschender Weise die Ü b e r e i n s t i m m u n g feststellen, dass die Ratten den-
selben Gesundheits- bzw. Krankheitszustand ausbildeten wie die Menschen. Daraus k a n n
die Schlussfolgerung gezogen werden, dass die verschiedenen Grade menschlicher Gesundheit
entscheidend durch Unterschiede in der individuellen Ernährungsweise verursacht sind." 931

„Krebs ist eine verhütbare E r k r a n k u n g . Richtige E r n ä h r u n g u n d ein gesunder Lebensstil


verhüten zahlreiche u n d verbreitete Krebserkrankungen", so das Resümee des Deutschen
Instituts f ü r Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE). 822 Die weltweit gewonnenen
Forschungsergebnisse, die diese Aussage wissenschaftlich u n t e r m a u e r n , haben der World
Cancer Research Fund (WCRF) u n d das American Institute for Cancer Research (AICR) von
einem Wissenschaftlergremium Ende der 1990er Jahre in einem 670-seitigen Report unter
dem Titel „Food, Nutrition and the Prevention of Cancer: a global perspective" zusammen-
fassen u n d bewerten lassen. 797 Eine besondere Bedeutung k o m m t in diesem Z u s a m m e n h a n g
Gemüse und Obst zu. „Insgesamt zeigten die Arbeiten eindeutig, dass Gemüse u n d Obst vor
Krebs schützen", so das Nationale Krebsinstitut der USA. 779

Wie die momentane Forschung allerdings mittlerweile meint, müsse m a n differenzieren. 7 9 2


D R . J A K O B L I N S E I S E N vom Deutschen K r e b s f o r s c h u n g s z e n t r u m (DKFZ) sagt, es hätte sich

herausgestellt, dass der Verzehr von Gemüse u n d Obst das Risiko, an Brust- u n d Prosta-
takrebs zu erkranken, nicht oder k a u m senke. Aber, so L I N S E I S E N : „Wir k e n n e n eine Reihe
von Krebserkrankungen, bei denen ein vorteilhafter Einfluss eines vermehrten Verzehrs von
Obst und Gemüse bekannt ist: Das betrifft insbesondere Krebserkrankungen im Bereich des
Verdauungstraktes. Als Beispiel sind vielleicht Speiseröhren-, Magen- u n d D i c k d a r m k r e b s
zu nennen. Aber auch K r e b s e r k r a n k u n g e n der A t m u n g s o r g a n e , also Lungenkrebsrisiko.
Dieses wird vor allem durch den Verzehr von Obst verringert." 520>823

• 211 •
Ob dies tatsächlich schon zu Ende gedacht ist, darf bezweifelt werden. Sicherlich steht die
N a h r u n g , die wir zu uns nehmen, in einem direkten Z u s a m m e n h a n g zum Verdauungstrakt.
Doch letztlich werden die Nährstoffe aus der N a h r u n g ja zu den Zellen im ganzen Körper
verteilt. Von daher sollte sie tendenziell auch dazu beitragen können, an der Reparatur der
Mitochondrien jeder Art von Krebszelle - ob n u n Brustkrebs- oder Darmkrebszelle - mit-
zuwirken.

Fest steht, dass ein hoher Obst- u n d G e m ü s e k o n s u m Übergewicht und damit auch Krebs ver-
meiden hilft (siehe Infokasten). Als dahinter stehender Mechanismus wird in vielen Studien
das sogenannte metabolische Syndrom genannt: Bei Menschen, die sich wenig bewegen und
übergewichtig sind, k o m m t es oft zu einer dauerhaften Schieflage des Stoffwechsels. Viele
Werte, z u m Beispiel der Blutfette oder des Blutzuckers, sind chronisch mehr oder weniger
erhöht. Dies f ü h r t auf zellulärer Ebene zu einer Art Ent-
zündungsprozess, 7 9 3 der die Lebensadern der Zellen wie
Eine Ernährungsweise, die die C h r o m o s o m e n u n d Mitochondrien nachhaltig schädi-
reich an Gemüse und Obst ist, gen u n d dadurch irgendwann Krebs auslösen kann. 710
geht meist mit einem Lebensstil
einher, der das Risiko vermindert, Um dem entgegenzuwirken, sind Obst u n d Gemüse die
übergewichtig zu werden. Überge- erste Wahl. An der bekannten Redewendung „an apple a
wicht (Adipositas) gilt als wichtiger day keeps the doctor away"' („Ein Apfel am Tag hält den
Faktor, der das Risiko für eine ganze Doktor fern") ist also durchaus etwas Wahres dran, wie
Reihe von Krebsformen beträchtlich auch Wissenschaftler bestätigen. So w u r d e n bei Unter-
erhöht, darunter Nierenzellkrebs, suchungen an der Universität Jena Darmzellen mit Ap-
Krebs des Gebärmutterkörpers oder felsaftextrakten z u s a m m e n gebracht. Das Ergebnis war
der Eierstöcke, Speiseröhrenkrebs erstaunlich: Bestimmte Gene reagierten mit einer beson-
und Schilddrüsentumoren. „Selbst deren Aktivität, die dazu f ü h r t e , dass b e s t i m m t e Stoffe
für Non-Hodgkin-Lymphome" und (Enzyme) produziert werden, die wiederum schädigende
manche Leukämieformen schließen Stoffe aus der N a h r u n g entgiften. Neben der Darmentgif-
Experten einen Zusammenhang nicht t u n g durch Apfelkraft wurde im Jenaer Experiment noch
mehr aus", so das Deutsche Krebs- eine wichtige S c h u t z f u n k t i o n bewiesen. So schädigten
forschungszentrum. die Forscher absichtlich das Erbgut von Darmzellen, um
die Entstehung von Krebs zu provozieren. Doch mithilfe
von Apfelsubstanzen konnten sich die Darmzellen vor der
gewollten Schädigung sehr gut schützen. 894 Deshalb empfehlen die Wissenschaftler auch den
Genuss von Apfelsaft und Äpfeln uneingeschränkt.

Zum ersten Mal tauchte diese Redewendung 1866 in einer walisischen Zeitschrift auf. Damals hieß sie noch: „Eat
an apple on going to bed, and you'll keep the doctor from earning his bread" („iss einen Apfel vorm Zubettgehen
und dein Arzt kann sich seine Brötchen nicht mehr verdienen"). Bekannt wurde die Redewendung im 20. Jahrhun-
dert, als die gesundheitsfördernde Wirkung des Apfels zunehmend bekannt wurde.

Bösartige Erkrankungen des lymphatischen Systems. Hierzu gehören Lymphknoten, Rachenmandeln (Tonsil-
len), Milz und Knochenmark, aber auch andere Organe können befallen werden.

• 212 •
Welch beeindruckende Kräfte in der Natur stecken, zeigen die inzwischen wissenschaftlich bestätigten
gesundheitlichen Wirkungen von Äpfeln. Sie können Zellen vor Schädigungen effektiv schützen.

Eine Wirkstoffgruppe, die den Äpfeln diese gesundheitliche W i r k u n g verleiht, sind Flavono-
ide, einer Gruppe wasserlöslicher Pflanzenfarbstoffe, von denen es m e h r als 6.000 verschie-
dene geben soll und denen eine ganze Reihe positiver W i r k u n g e n zugeschrieben werden.
Einige stärken die Blutgefäße, andere haben eine e n t z ü n d u n g s h e m m e n d e W i r k u n g oder
können freie Radikale binden. 893

Auch andere pflanzliche Lebensmittel wie Brokkoli haben es im wahrsten Sinne des Wortes
„in sich". Das Grüngemüse enthält nicht nur viele Vitamine u n d Mineralien, sondern auch
den Wirkstoff Sulforaphan, der selbst höchstaggressive Tumorarten wie den Bauchspeichel-
drüsenkrebs bekämpfen k a n n , wie Forscher der Universität Heidelberg u n d des Deutschen
Krebsforschungszentrums (DKFZ) im S o m m e r 2009 im F a c h j o u r n a l Gut berichteten. 6 6 2
Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr mehr als 12.000 Menschen an dem aggressiven
Pankreaskarzinom. Sie überleben die Diagnose selten länger als ein Jahr. Dies hängt nicht
zuletzt damit zusammen, dass die Zellen dieser Krebsart mit einem speziellen Mechanismus
Angriffe abwehren können. Doch der Wirkstoff Sulforaphan, der in Brokkoli u n d anderem
Gemüse aus der Familie der Kreuzblütler (Brassicaceae) wie Blumenkohl, Rosenkohl oder
Grünkohl enthalten ist, lege genau diesen Schutzmechanismus der Krebszellen l a h m -, ohne
Nebenwirkungen zu verursachen, wie die Forscher berichteten.

• 213 •
Bereits ein Jahr zuvor hatte eine groß angelegte kanadische Studie mit k n a p p 1.400 Pati-
enten, die unter Prostatakrebs litten, gezeigt, dass der Verzehr von viel Brokkoli und auch
Blumenkohl die Betroffenen vor der Metastasierung des Tumors schützen konnte. 692

Z u s a m m e n f a s s e n d lässt sich sagen, dass pflanzliche Nahrungsmittel u n d vor allem Gemüse


u n d Obst bioaktive Komponenten enthalten, die bestimmte k r a n k m a c h e n d e Mechanismen
der Krebsentstehung beeinflussen können. Dazu gehören das Abfangen von Radikalen, das
Ingangsetzen von Enzymen (den „ Z ü n d f u n k e n des Lebens") u n d die Beeinflussung des pro-
g r a m m i e r t e n Zelltods (Apoptose), der bei Krebszellen in der Regel ausgeschaltet ist, sodass
die Krebszellen nicht m e h r wirklich absterben können. G e m ä ß dem Krebsforscher H E I N R I C H
K R E M ER k a n n die Apoptose nicht stattfinden, weil dazu Stickstoffgas und ATP benötigt wird,

beides jedoch bei Tumorpatienten nicht in ausreichendem M a ß e vorhanden ist. Unerhitztes


(rohes) Obst u n d Gemüse sind hier logischerweise besonders nützlich, weil in ihnen die In-
haltstoffe am besten erhalten sind. Enzyme zum Beispiel werden bei einer Temperatur von
mehr als 45 Grad °C inaktiviert bzw. zerstört, einige Vitamine verlieren schon darunter ihre
Wirksamkeit. 7 "

Wie wichtig es ist, Obst u n d Gemüse in rohem Zustand zu verzehren, zeigt auch eine For-
schungsarbeit der Roswell Park Cancer Institute in der Stadt Buffalo im Bundesstaat New
York, die 2008 bei einem Meeting der A m e r i c a n Association of Cancer Research präsen-
tiert wurde. Die Studie trägt den Titel „The Consumption of Raw Cruciferous Vegetables is
Inversely Associated with Bladder Cancer Risk" - kurz: Rohkost aus Kreuzblütler-Gemüse
verringert deutlich das Blasenkrebsrisiko. 9 6 3 Untersucht w u r d e n dabei die E r n ä h r u n g s -
gewohnheiten von 1.100 Rauchern u n d Nichtrauchern, von denen 275 an Blasenkrebs er-
k r a n k t waren. Das zentrale u n d bemerkenswerte Ergebnis dieser Forschungsarbeit lautet,
dass bereits der Konsum einer geringen Menge an rohen sogenannten Kreuzblütlern - also
an Gemüse wie Brokkoli, Kohl, Blumenkohl, Gartenkresse, Brunnenkresse, Kohlrabi, Meer-
rettich, Rettich, Rüben, Wasabi oder Rucola - das Risiko, an Blasenkrebs zu erkranken, im
Schnitt um 40 Prozent senkt. Dabei hatten diejenigen, die regelmäßig eine geringe Menge an
rohem Gemüse aßen u n d dazu nicht rauchten, sogar ein um 73 Prozent erniedrigtes Risiko,
an Blasenkrebs zu erkranken. Dieser positive Effekt zeigte sich den Forschern bei gekochtem
Gemüse nicht.

„Gemüse aus der Familie der Kreuzblütler enthalten Isothiocyanate, denen eine präven-
tive W i r k u n g in Bezug auf Krebs in vielen Studien im Reagenzglas genau wie am lebenden
Objekt nachgewiesen wurde", so S U S A N M C C A N N , die an der Studie mitwirkte. Dabei wurde
beobachtet, dass diese Isothiocyanate Krebs u n d die Tumorentwicklung verhindern, indem
sie die kanzerogene W i r k u n g von freien Radikalen blockieren. Mit anderen Worten: Sie
h i n d e r n freie Radikale daran, gesunde Zellen zu attackieren u n d aus ihnen Krebszellen zu
machen. Bei einem speziellen Typ der Isothiocyanate - bei den Phenethyl-Isothiocyanaten -
konnte sogar gezeigt werden, dass sie bestimmte Krebszellen ausschalten können, darunter
auch Krebszellen, die sich gegen Chemotherapie resistent zeigen.
Brokkoli und andere Gemüsesorten derselben Pflanzenfamilie haben's in sich - vor allem In rohem Zustand:
Ihre Inhaltsstoffe können Zellen vor schädigenden freien Radikalen schützen.

„Frühere Studien wiesen viele Ungereimtheiten auf, was darauf z u r ü c k z u f ü h r e n ist, dass der
Kochprozess Isothiocyanate zerstört - u n d k a u m eine Arbeit hebt auf den Unterschied von
gekochten und rohen Lebensmitteln ab", so M C C A N N . In der Tat zeigt sich die „moderne" Er-
nährungswissenschaft immer noch oft ignorant, wenn es d a r u m geht, zwischen lebendiger
(roher) und tot(gekocht)er N a h r u n g zu unterscheiden.

Bemerkenswert ist zudem, dass die Studienteilnehmer ihr Krebsrisiko schon dadurch sen-
ken konnten, dass sie nur eine geringe Menge an rohem Gemüse zu sich n a h m e n . Genauer
gesagt: Die Probanden n a h m e n nur drei Portionen rohes Gemüse zu sich - pro Monat! Trotz
der lächerlich geringen Menge ergab sich schon ein Antikrebseffekt. N i m m t m a n zum Bei-
spiel an, dass die in Gemüse enthaltenen Nährstoffe, zu denen nicht n u r Isothiocyanate, son-
dern auch Vitamin C, Selen u n d viele andere Stoffe zählen, r u n d zwölf Stunden im Körper
verweilen, so bedeutet dies, dass die Studienteilnehmer gerade einmal 36 Stunden pro Monat
in den Genuss dieser Nährstoffe g e k o m m e n sind, sprich in n u r f ü n f Prozent der Zeit, die
einen ganzen Monat ausmachen (ein Monat von 30 Tagen besteht aus 720 Stunden). Wie
hoch die Antikrebswirkung ist, wenn jeden Tag rohes Gemüse verzehrt wird, lässt sich leicht
ausmalen.

• 215 •
Sogenannte Anthocyane verleihen Früchten wie Kirschen oder Beeren nicht nur ihre prächtige Farbe, sie
schützen auch die Pflanze vor zu starker UV-Strahlung. Beim Menschen wirkt ihr Verzehr krebshemmend.

Auch eine andere Studie des Roswell Park Cancer Institute, die 2008 im Fachmagazin Can-
cer Research erschien, zeigt wie hoch der schützende Effekt von diesen Gemüsesorten ist,
wenn sie in roher Form genossen werden. In dieser Forschungsarbeit wurden zwei Gruppen
von Ratten so manipuliert, dass sie Blasenkrebs ausbildeten. Bei einer der beiden Gruppen
w u r d e die N a h r u n g allerdings um gefriergetrockneten Brokkoli-Sprossen-Extrakt ergänzt.
Die Forscher stellten d a r a u f h i n fest, dass die Ratten, die m e h r Brokkoli-Sprossen-Extrakt
aßen, signifikant weniger Blasenkrebs hatten. 1001 So grausam diese Tierexperimente ohne
Frage sind, die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung von roher Pflanzenkost.

Y U E S H E N G Z H A N G , Leiter der Studie, hebt auch die Isothiocyanate hervor, die von den Ratten

verstoffwechselt u n d d a n n innerhalb von zwölf Stunden ausgeschieden wurden. Laut Z H A N G


deutet dies daraufhin, dass diese Isothiocyanate die Blase schützen während der Zeit, in der
sie dort gelagert sind. „Die Blase ist wie ein Speicherbeutel, u n d Krebs in der Blase entsteht
fast i m m e r entlang der inneren Oberfläche, des Epithels - ist also dort lokalisiert, wo der
Kontakt z u m Urin stattfindet", so Z H A N G . „Dass der Krebs fast i m m e r dort anzutreffen ist,
liegt wahrscheinlich d a r a n , dass dieses i n n e r e Oberflächengewebe der Blase ständig von
schädlichen Stoffen im Urin angegriffen wird." Die Isothiocyanate binden nun ganz offenbar

• 216 •
diese Giftstoffe. Mit anderen Worten: Je sauberer u n d je freier von Giftstoffen der Urin ist
bzw. je mehr Stoffe vorhanden sind, die Toxine binden können, u m s o geringer ist die Wahr-
scheinlichkeit, dass Blasenkrebs entsteht.

Wie sehr unerhitztes Obst u n d Gemüse vor Krebs schützen, w u r d e auch durch eine Studie
von Forschern der Ohio State University dokumentiert, die 2007 auf dem nationalen Treffen
der American Chemical Society präsentiert wurde. Das zentrale Ergebnis: Schwarze H i m -
beeren' sind so kraftvoll, dass sie vor der Entstehung von Tumoren in der Speiseröhre u n d
im Darm schützen können. 9 5 7 G A R Y S T O N E R , Professor f ü r innere Medizin an der Ohio State
University, leitete das Forschungsprojekt. Stoner u n d sein Team setzten in diesem Experi-
ment Ratten einer krebserregenden Chemikalie aus. Anschließend p r ä p a r i e r t e n sie einen
pulverisierten, gefriergetrockneten Extrakt aus schwarzen Himbeeren u n d verfütterten die-
sen an einen Teil der Versuchstiere. Die Ratten, die den Extrakt aus rohen schwarzen H i m -
beeren erhalten hatten, waren zu 60 Prozent weniger von Speiseröhrenkrebs u n d sogar zu 80
Prozent weniger von D a r m k r e b s betroffen als die Tiere in der Vergleichgruppe, denen der
rohe Himbeerextrakt nicht gefüttert worden war. „Die T u m o r r e d u z i e r u n g fiel viel größer
aus, als von uns erwartet", so S T O N E R . „Daraus lässt sich schließen, dass Beeren einen bedeu-
tenden Teil der freien Radikale binden u n d dadurch verhindern, dass diese freien Radikale
ihr zerstörerisches Werk im Körper starten können." 4 7 2

Schwarze Himbeeren sind reich an Vitamin A, C, E u n d B 9 (= Folsäure). Sie verfügen zudem


über wertvolle Mineralien wie Selen, Zink u n d Kalzium. Darüber hinaus enthalten sie Phe-
nole wie Ellag- und Ferulasäure, die einen Einfluss auf Geschmack u n d Geruch haben. Und
sie besitzen mehr Anthocyane als die meisten anderen Beerensorten. Bei Anthocyanen han-
delt es sich um wasserlösliche Pflanzenfarbstoffe, die in nahezu allen höheren Pflanzen vor-
kommen und den Blüten u n d Früchten die rote, violette, blaue oder blauschwarze Färbung
geben. Die Anthocyane haben in den Pflanzen mehrere Aufgaben: Sie sollen nicht nur freie
Radikale binden, die bei oxidativem Stress entstehen, s o n d e r n Pflanzen vor dem starken
UV-Licht der Sonne schützen, indem sie b e s t i m m t e Wellenlängen des Sonnenlichts absor-
bieren. So wird eine Schädigung der Proteine u n d Mitochondrien in den Zellen sowie eine
Schädigung der DNA (= Erbsubstanz) im Zellkern verhindert. Das ist der G r u n d , w a r u m die
Blüten und Früchte oft so wundervolle Farben haben.

„Wir wissen von epidemiologischen Studien, dass der Konsum von Gemüse u n d Früchten
gegen Krebs schützt, und aus unseren Arbeiten leiten wir den Vorschlag ab, dass Beeren in
diesem Z u s a m m e n h a n g sehr hilfreich sind, wenn m a n sie mindestens zwei- bis dreimal pro
Woche genießt", so S T O N E R .

Schwarze Himbeeren, ursprünglich in Nordamerika wild wachsend, werden heute auch kultiviert. Sie haben im
Gegensatz zu den bekannten roten Himbeeren eine fast schwarze, tief dunkel gefärbte Frucht.

•217 -
Diese Arbeiten neueren D a t u m s bestätigen, was viele Mediziner bereits vor vielen Jahrzehn-
ten dokumentieren konnten, nämlich dass biologisch aktive Inhaltsstoffe aus rohem Gemüse
u n d Obst ein unverzichtbarer Bestandteil sind, wenn es d a r u m geht, gesund zu bleiben und
zu werden. Der Schweizer Arzt M A X I M I L I A N B I R C H E R - B E N N E R ( 1 8 6 7 - 1 9 3 9 ) zum Beispiel f ü h r t e
bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts Rohkostkuren mit erstaunlichen therapeutischen Er-
folgen durch - u n d deren W i r k u n g oft „dauerhaft anhielt, wenn weiterhin eine E r n ä h r u n g
zugeführt wurde, die täglich einen Anteil an Rohkost enthielt", so die Medizinerin A N G E L I K A
LANGOSCH.510'711

Auf B I R C H E R - B E N N E R berufen sich zahlreiche Ärzte, 931 d a r u n t e r auch der deutsche Medizin-
professor A L F R E D B R A U C H L E ( 1 8 9 8 - 1 9 6 4 ) , dem es ein großes Anliegen war, Schulmedizin und
N a t u r h e i l k u n d e zu vereinen. Für B R A U C H L E war die N a h r u n g ein mächtiges Mittel in der
H a n d des Arztes, mit dem auch in verzweifelten Krankheitsfällen Heilung erzielt werden
konnte. Das w u r d e i h m besonders im Falle seiner Mutter bewusst, die im Sommer 1928
heftig an H ü f t s c h m e r z e n u n d starken M u s k e l v e r s p a n n u n g e n e r k r a n k t e . Ihre Verfassung
verschlechterte sich z u n e h m e n d , bis sie schließlich fast vollständig gelähmt war u n d nur
noch M u n d u n d Augen bewegen konnte. In seiner Ratlosigkeit wandte sich B R A U C H L E an
B I R C H E R - B E N N E R , dem es in einer mehrmonatigen Therapie gelang, dessen Mutter wieder auf

die Beine zu bekommen. 9 3 1

Im Laufe seiner 30-jährigen klinischen Tätigkeit hat B R A U C H L E m e h r als 30.000 Kranke -


d a r u n t e r Menschen, die an Asthma, Rheuma, Diabetes oder Epilepsie litten - mit Saftfasten,
Rohkost u n d vegetarischer Diät erfolgreich behandelt. In seinem 1926 erschienen Werk „Ge-
kocht oder roh?" schildert er eine Reihe interessanter Heilerfolge, die durch eine Umstellung
auf R o h k o s t e r n ä h r u n g erzielt werden k ö n n e n . Zudem wartet er in dem Buch mit bemer-
kenswerten historischen Berichten auf. So „hielten sich die Bewohner der Ladroneninseln*
[im Pazifik] vor der Entdeckung durch die Spanier im Jahr 1620 f ü r das einzige Volk der
Erde, u n d sie waren fast von jeder Sache e n t b l ö ß t . . . Außer Vögeln gab es keine Tiere auf
der Insel, u n d auch die aßen sie nicht. Sie hatten niemals Feuer gesehen. Ihre N a h r u n g war
gänzlich vegetabilisch u n d bestand aus Früchten u n d Wurzeln im natürlichen Zustande. Sie
waren wohlgebildet, kräftig u n d tätig u n d konnten mit Leichtigkeit auf ihren Schultern ein
Gewicht von 500 P f u n d tragen. Krankheit war unter ihnen kaum bekannt, und sie erreich-
ten gewöhnlich ein hohes Alter. Es war nicht ungewöhnlich, Leute unter ihnen zu finden,
welche ohne Krankheit 100 Jahre erreicht hatten." 5 2 5

heute Marianen-Inseln

• 218 •
Frisch gepresste Säfte, die vitalstoffschonend hergestellt wurden, sind ein wesentlicher Bestandteil
der Gerson-Therapie.

Zu den b e k a n n t e n ganzheitlich-biologisch ausgerichteten Ärzten, welche die B e d e u t u n g


der Rohkost für sich erkannt haben, zählt auch der deutsche Arzt M A X G E R S O N ( 1 8 8 1 - 1 9 5 9 ) .
Nach ihm ist die sogenannte Gerson-Therapie benannt. Ihre zentralen Pfeiler sind die Ver-
abreichung frisch gepresster Säfte aus Obst u n d Gemüse (möglichst aus kontrolliert biolo-
gischem Anbau), eine E r n ä h r u n g , die vegetarisch ausgerichtet ist u n d viel Rohkost enthält,
Nährstoffgaben sowie Kaffeeeinläufe zur Unterstützung der Entgiftung. Damit w u r d e n u n d
werden zahlreiche Krankheiten behandelt, d a r u n t e r Migräne u n d Allergien, D a r m - u n d Ge-
lenkerkrankungen, Herz-Kreislauf-Leiden u n d auch Krebs.

Die Gerson-Therapie ist deshalb so interessant, weil ihre Geschichte exemplarisch be-
schreibt, wie spannungsgeladen sich orthodoxe Schulmedizin u n d ganzheitlich-biologisch
ausgerichtete Therapieansätze gegenüber stehen können - u n d wie genau m a n hinschauen
muss, um zu den Fakten vorzustoßen. W ä h r e n d viele orthodoxe Schulmediziner die Gerson-
Therapie nach wie vor als Scharlatanerie verdammen, verweisen ihre Vertreter auf Tausende
erfolgreich behandelte Patienten, darunter auch viele Krebsfälle.

• 219 •
G E R S O N arbeitete in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als Arzt in Deutschland,

Österreich u n d Frankreich, bis er 1936 als jüdischer Deutscher vor den Nazis in die USA
floh, wo er bis zu seinem Tode 1959 in New York praktizierte. 9 2 8 Als junger M a n n litt er sel-
ber unter migräneartigen Kopfschmerzen, die er noch in seiner Studentenzeit mithilfe einer
salzarmen Kostform, die reich an frischen Früchten u n d Gemüse war, überwand. Als Arzt
probierte er d a n n diese Diät an Tuberkulose- u n d Krebspatienten aus, von denen einige eine
Besserung zu erfahren schienen.*"• 938

Irrigator für Einläufe: Unter einem


Einlauf versteht man das Einleiten
einer Flüssigkeit - bei der Gerson-
Therapie mit Kaffee - über den
After in den Darm. Dabei dringt die
Flüssigkeit mithilfe von entspre-
chenden Aufsätzen etwa 30 bis 40
Zentimeter in den Dickdarm ein. Ziel
ist es, über den Darm letztlich den
Körper zu reinigen. Einläufe gehö-
ren zu den ältesten medizinischen
Anwendungen, die in allen großen
altertümlichen Zivilisationen
bekannt waren. So stellten bereits
die vorkolumbischen Indigenen
Südamerikas aus Gummi kleine
Säcke her, um damit Einläufe durch-
zuführen.

Später verfeinerte G E R S O N seinen Therapieansatz, indem er eine Reihe weiterer Anwendun-


gen h i n z u f ü g t e . Dazu zählten z u m Beispiel die Kaffeeeinläufe, die aus heutiger schulme-
dizinischer Sicht recht m e r k w ü r d i g a n m u t e n . „Doch diese Prozedur beruhte nicht nur auf
plausiblen G r u n d p r i n z i p i e n , s o n d e r n g r ü n d e t e sich auch auf soliden Studien, die in den
1920er u n d 1930er Jahren in Deutschland durchgeführt worden waren - und in der Tat war
der Kaffeeeinlauf bis 1972 im Therapiehandbuch des P h a r m a u n t e r n e h m e n s Merck vermerkt,
w e n n auch nicht als A n w e n d u n g bei Krebspatienten", so der Krebsexperte R A L P H M O S S in
seinem Buch „Cancer Therapy". 771

• 220 •
G E R S O N erzielte einige bemerkenswerte Effekte durch die Kaffeeeinläufe. Z u m Beispiel konn-

ten einige Patienten dadurch auf Schmerzmittel verzichten, viele w u r d e n nach dem koffein-
haltigen Einlauf deutlich weniger nervös. „Es ist wichtig f ü r die Patienten zu wissen, dass die
Kaffeeeinläufe nicht deshalb verabreicht werden, um die Funktion des D a r m s zu verbessern,
sondern um die Leber zu stimulieren." so G E R S O N . Er machte sich d a m i t zunutze, was For-
scher in den 1920er Jahren in Tierexperimenten herausgefunden hatten, nämlich dass über
den Darmeingang verabreichte Kaffeeeinläufe die Gallenproduktion in der Leber anregen.
Letztlich läuft laut G E R S O N das Koffein vom D a r m zur Leber' u n d stimuliert das zentrale
Entgiftungs- und Reinigungsorgan unseres Körpers.

G E R S O N n a h m mit seinen T h e o r i e n über den Kaffee

praktisch vorweg, was LEE W . W A T T E N B E R G u n d a n d e r e Der Vorteil von rohen Karotten-


bekannte Krebsforscher seit den 1980er Jahren über Sub- und anderen Frischsäften ist,
stanzen im Kaffee, die Krebs entgegenwirken können, he- dass darin das Beta-Karotin in unver-
rausfinden sollten 985 (Kaffee zu trinken, empfahl G E R S O N fälschter natürlicher Form enthalten
wohlgemerkt nicht). „Und auch viele andere Forschungs- ist und zudem noch gebunden ist an
arbeiten bestätigen das, was G E R S O N schon lange zuvor unzählige andere wertvolle Inhalts-
proklamierte", so Moss. „So h a b e n E x p e r i m e n t e mit stoffe. Dies ist ein wichtiger Aspekt,
Versuchstieren gezeigt, dass eine protein- u n d kalorien- denn es gibt Hinweise darauf, dass
reduzierte Kost, wie sie auch von G E R S O N vorgeschlagen Beta-Karotin, wenn es in höheren
wurde, vor Krebs schützt u n d die Lebenserwartung dra- Dosen als isoliertes Nahrungser-
matisch verlängert. Oder n e h m e n wir das Beta-Karotin ', gänzungsmittel verabreicht wird,
das in den von G E R S O N verabreichten frisch gepressten gesundheitsschädlich ist und sogar
Karotten- und anderen Gemüse- u n d Obstsäften reichlich Krebs Vorschub leisten kann. 576
vorkommt und deren krebsschützende W i r k u n g später in
vielen Arbeiten der etablierten Forschung d o k u m e n t i e r t
wurde." 771 ' 879 - 889 ' 937

Nichtsdestotrotz wurde die Gerson-Therapie schon f r ü h von der konventionellen Medizin


attackiert. 1949 machte die amerikanische Ärzteorganisation in ihrem eigenen Fachjournal,
dem Journal of the American Medical Association, einen R u n d u m s c h l a g gegen die These,
die G E R S O N repräsentierte, nämlich dass E r n ä h r u n g Krebs verursachen bzw. Vorschub leis-
ten kann: „Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis welcher Art auch i m m e r d a f ü r , dass
eine Änderung der Ernährungsgewohnheiten oder bestimmte Nährstoffe irgendeinen Wert
haben, um Krebs zu kontrollieren." 7 8 7 In der Zwischenzeit ist die Idee, dass E r n ä h r u n g u n d
Krebs im Z u s a m m e n h a n g stehen, von etablierter Seite rehabilitiert worden. „ G E R S O N als
einer der größten Pioniere dieser Idee k a m hingegen nicht in den Genuss, rehabilitiert zu
werden", so Moss. „Zum Teil liegt dies an der allzu menschlichen Neigung, sich die Ideen
von Rivalen anzueignen, ohne sie d a n n zu würdigen."

über den enterohepatischen Kreislauf

Beta-Karotin wird auch Provitamin A genannt, weil es die wichtigste Vorstufe des fettlöslichen
Vitamin A darstellt.
• 221 •
G E R S O N publizierte in r e n o m m i e r t e n Fachmagazinen u n d schrieb insbesondere auch Bei-

träge über Krebs. 621 - 623,625 G A R H I L D E B R A N D vom Gerson Institute u n d M I C H A E L B L A K E von


der Medizinbibliothek der H a r v a r d University zählten die Wissenschaftsbeiträge über die
Gerson-Therapie u n d k a m e n auf r u n d 300 Peer-Reviewed-Artikel. 8 0 6 In den 1940er Jahren
wurde er mit seinen Behandlungen z u n e h m e n d bekannt. Schließlich brachte sogar R A Y M O N D
G R A M S W I N G , b e r ü h m t e r US-Radiomoderator von ABC, in seiner landesweiten Show einen

vorteilhaften K o m m e n t a r über G E R S O N S Therapieansatz. Diese Popularität passte der Medi-


zinelite überhaupt nicht. Und so k a m es, dass die US-Ärztevereinigung 1946 in ihrem Fach-
magazin einen vernichtenden Beitrag über G E R S O N abdruckte. 609,848

Heute ist es eine überall anerkannte Tatsache, dass Zigarettenrauch schädlich ist. Der Einfluss der Tabak-
industrie führte in der Vergangenheit jedoch dazu, dass lange Jahre verbreitet werden konnte, Zigaretten-
konsum fördere beispielsweise die Gewichtsreduktion oder schütze gegen Husten, wie dies in Anzeigen für
Lucky Strike noch in den 1930er Jahren stand. MAX GERSON brachte mit seinen Angriffen gegen das Rauchen
noch Mitte des 20. Jahrhunderts die Medizinindustrie gegen sich auf, weil für sie die Tabakkonzerne wichtige
Geldgeber waren.

Erschwerend k a m f ü r G E R S O N hinzu, dass er mit seiner Therapie, die auf Ganzheitlichkeit,


Entgiftung u n d Aufbau des Körpers setzte, die übliche Medizin, die sich auf eine Symptom-
b e h a n d l u n g mittels hochtoxischer u n d zugleich sehr lukrativer Chemotherapie u n d Be-
strahlung fokussierte, an empfindlichen Stellen traf. So schrieb G E R S O N 1945 in einem Fach-
magazin, viele Krebsärzte würden operieren u n d bestrahlen, „ohne die Körper der Patienten
systematisch in ihrer Gesamtheit zu behandeln". 622

•222 -
Zudem verdammte G E R S O N unzählige k r a n k m a c h e n d e bzw. krebserregende Substanzen wie
Pestizide und Tabakrauch. Auch dies beschwor den Zorn des Medizinestablishments herauf.
Nicht zuletzt deshalb, weil die Tabakkonzerne noch in den 1950er Jahren selbst f ü r die be-
deutendsten Fachmagazine wie das Journal of the American Medical Association u n d auch
f ü r die TV-Medien zu den größten Anzeigenkunden gehörten 5 6 9 , 9 0 9 - u n d ohne diese Wer-
bung konnte praktisch kein Fachmagazin u n d auch keine Fernsehstation überleben.

Wie groß der Einfluss der Tabakindustrie auf die Medizin-


elite war, zeigte sich etwa am Tobacco I n d u s t r y Research Es gibt leider nur ganz wenige,
Committee (TIRC). Diese Organisation w u r d e 1952 von der die sich wirklich die Mühe
US-Tabakindustrie gegründet mit dem primären Zweck, das gemacht haben, GERSONS Therapie
Rauchen in der Öffentlichkeit als nicht gesundheitsschädlich in klinischen Studien zu überprüfen.
bzw. nicht krebserregend darzustellen. D a f ü r w u r d e n Mil- Zu diesen wenigen Forschern zählen
lionen von Dollar an Universitäten, an die A m e r i k a n i s c h e die österreichischen Chirurgen PE-
Krebsgesellschaft und die Amerikanische Ärzteorganisation TER LECHNER u n d LEO K R O N B E R G E R

verteilt. 5699 JR., die in den 1980er Jahren eine


Langzeitstudie durchführten, um die
Vor diesem H i n t e r g r u n d mag Jeder f ü r sich selber entschei- GERSON-Therapie mit ihrer „strikten
den, was es heißt, wenn das amerikanische National Cancer Ablehnung von Salz" und ihrer
Institute Ende der 1950er Jahre 50 Fälle von Krebspatien- „angemessenen Verwendung von
ten nachprüfen ließ, 624 die G E R S O N nach eigenen Aussagen Flüssigkeiten, Vitaminen und Spu-
und Dokumenten heilen konnte, u n d dabei zu dem Schluss renelementen in Form von Fruchtsäf-
kam, dass G E R S O N S Aufzeichnungen „keine überzeugenden ten" zu überprüfen. 721,771 Ihr Fazit:
Beweise" f ü r die Wirksamkeit seiner Behandlungen liefern „Patienten, die eine unterstützende
würden. 8 0 2 , 8 5 1 Zu denjenigen, die dies anders sahen, zählte Ernährungstherapie erhalten, sind
ERNST F E R D I N A N D S A U E R B R U C H (1875-1952), einer der bedeu- generell in besserer Verfassung,
tendsten und einflussreichsten C h i r u r g e n der ersten Hälfte haben ein geringeres Risiko, Kom-
des 20. Jahrhunderts. plikationen zu erleiden, und halten
auch besser die Belastungen der
Durch eine zufällige Bekanntschaft mit einem von G E R S O N Bestrahlung und Chemotherapie
geheilten Tuberkulosepatienten w u r d e er auf dessen Thera- aus als diejenigen, die nicht in den
pieform a u f m e r k s a m . Er schickte zwei M ä n n e r aus seiner Genuss dieser Diät kommen."
Klinik zu G E R S O N , damit diese Einblicke in dessen Arbeits-
methoden gewinnen konnten. Sie k a m e n mit der Überzeu-
gung zurück, dass eine Ü b e r p r ü f u n g angebracht sei. Im März 1925 w u r d e in der Chirurgi-
schen Klinik München damit begonnen. Unter Aufsicht S A U E R B R U C H S w u r d e n in der Folge
450 Tuberkulosepatienten ausschließlich mit der von G E R S O N vorgeschriebenen Diät behan-
delt, von denen 446 geheilt wurden. 920,931

Bemerkenswert ist auch der Kommentar „The ,Grand Conspiracy' Against the Cancer Cure"
(„Die .große Verschwörung' gegen die Krebskur") von W I L L I A M R E G E L S O N . Dieser erschien
im Jahr 1980 - also r u n d 30 Jahre nach dem Tode M A X G E R S O N S - in keinem geringeren

• 223 •
Magazin als dem Journal of the American Medical Association - also dem Fachblatt der US-
Ärzteorganisation, das noch 1950 G E R S O N verdammt hatte. Darin analysierte der Mediziner
vom Medical College of Virginia eine ganze Reihe von „unangemessenen Beurteilungen,
[die] dazu f ü h r t e n , dass gute Ideen beschädigt wurden". R E G E L S O N schreibt: „Wir müssen
u n s wohl fragen, ob es nicht sein k a n n , dass G E R S O N mit seiner n a t r i u m a r m e n Diät u n d
seinen bizarren Kaffeeeinläufen u n d Schilddrüsenstimulationen ein Weg beschritt, der [...]
f ü r Patienten, welche die Ausdauer haben, die Behandlungen durchzustehen, gelegentlich
von Nutzen ist." 903

Eingehend studiert w u r d e der Gerson-Ansatz auch von den Medizinern PETER L E C H N E R und
L E O K R O N B E R G E R JR. (siehe Infokasten S. 2 2 3 ) . Dabei konnten sie aufzeigen, dass mithilfe von

G E R S O N S Therapieregime eine starke Abmagerung, die gerade f ü r Krebspatienten im fort-

geschrittenen Stadium sehr typisch ist, „in den meisten Fällen vermieden oder zumindest
deutlich verzögert werden konnte". Zudem mussten die Patienten weniger Schmerztabletten
u n d Psychopharmaka n e h m e n . Außerdem w u r d e beobachtet, dass sich bereits existierende
Lebermetastasen langsamer fortentwickelten.

1990 erschien in der Fachzeitschrift Lancet ein Beitrag, in dem Krebsfälle, die in der Gerson-
Klinik in Mexiko behandelt worden waren, untersucht wurden. 9 3 8 Nicht alle Patientendaten
genügten den Ansprüchen der Autoren - drei Krebsärzten aus London -, um eine adäquate
Ü b e r p r ü f u n g d u r c h f ü h r e n zu können. Doch über die Fälle, welche die Autoren letztlich un-
tersuchten, schrieben sie: Es ist „beeindruckend, wie wenig die Patienten über Schmerzen
klagten u n d wie wenig Schmerzmittel dabei verabreicht werden mussten." Dies ist u m s o
bemerkenswerter, wenn m a n bedenkt, dass bei den meisten dieser Patienten der Krebs be-
reits umfassend metastasiert war, was in der Regel starke Schmerzzustände erzeugt. Zudem
„konnte bei einigen Patienten", so die Autoren, „definitiv eine Rückgang der Tumormasse
beobachtet werden... [Das Konzept der Gerson-Therapie] könnte der Krebsmedizin Ideen
d a f ü r liefern, wie m a n mit verzweifelten Krebspatienten u n d ihren Familien umgeht."

Der Arzt u n d Friedensnobelpreisträger A L B E R T S C H W E I T Z E R ( 1 8 7 5 - 1 9 6 5 ) ging noch weiter


u n d sagte: „Viele von G E R S O N S grundlegenden Thesen wurden [von der etablierten Medizin]
ü b e r n o m m e n , ohne dass dies mit seinem N a m e n verbunden wurde. G E R S O N hinterlässt ein
Vermächtnis, das A u f m e r k s a m k e i t verdient. Für mich ist er einer der bedeutendsten Ge-
nies in der Geschichte der Medizin." S C H W E I T Z E R war mit G E R S O N persönlich befreundet und
suchte ihn im Alter von 75 Jahren auf, als er unter fortgeschrittenem Diabetes litt. Wie be-
richtet wird, konnte sich S C H W E I T Z E R mithilfe der Gerson-Therapie von seiner Zuckerkrank-
heit befreien. 958

G E R S O N selber äußerte im Übrigen Verständnis f ü r die vehementen Attacken, denen er sich

von Seiten des Medizinestablishments ausgesetzt sah: „Ich verstehe das, ich habe ja selbst so
gedacht. Es dauert - wir müssen warten können. Ich könnte den Kampf nicht durchstehen,
wenn ich nicht die Erfolge sehen würde." 9 3 1

• 224 •
Die Gerson-Therapie wird heutzutage weltweit angewandt, d a r u n t e r in zwei lizenzierten
Gerson-Kliniken in Mexiko u n d Ungarn. Auch viele Therapeuten haben sich die Theorien
von G E R S O N Z U eigen gemacht. Eine davon ist die Ärztin B A R B A R A K R I S C H K E R aus Bad Tölz,
die seit vielen Jahren auch Krebspatienten betreut u n d begleitet. Sie greift dabei nicht n u r
auf die Theorien von G E R S O N zurück, sondern zum Beispiel auch auf die des Krebsexperten
HEINRICH KREMER.

Einer der vielen Vorteile der Gerson-Therapie ist, dass sie es Tumorpatienten ermöglicht, deutlich weniger
von den in der klassischen Krebsmedizin häufig in zu hohen Dosen verabreichten Schmerzmitteln zu nehmen.
Morphin kann nicht nur Übelkeit und Bewusstseinsstörungen hervorrufen, sondern auch schwer süchtig
machen und sogar tödlich wirken.

„Nach meiner E r f a h r u n g stellt die Vorbeugung der K r e b s e r k r a n k u n g die wichtigste Rolle


der Krebstherapie dar", so K R I S C H K E R . „Wenn bereits eine K r e b s e r k r a n k u n g diagnostiziert
wurde, muss eine u m f a s s e n d e Beratung stattfinden. O h n e Zeitdruck muss jeder einzelne
Schritt besprochen werden. Ein operativer Eingriff ist meistens nötig, jedoch sollte die Che-
motherapie oder Bestrahlung ganz genau überdacht werden. In den h e r k ö m m l i c h e n Kli-
niken gibt es nur die drei Möglichkeiten zur Krebsbehandlung: Stahl, Strahl u n d Chemo,
andere Verfahren kennt man dort praktisch nicht. Daher ist zum Beispiel eine ganzheitliche
biologische Krebstherapie nur in bestimmten Kliniken bzw. Praxen durchführbar."

Nach Meinung der Medizinerin K R I S C H K E R S sollte eine Krebsbehandlung zuerst die Tumor-
masse reduzieren und d a n n die Zellebene stabilisieren bis die Selbstheilungsmechanismen
wieder in Gang gekommen sind. Anschließend muss m a n mittels spezieller Verfahren f ü r
den weiteren Aufbau jeder Zelle u n d der I m m u n a n t w o r t sorgen. Der ständige Kontakt zum
Therapeuten gibt die f ü r die Patienten notwendige Sicherheit. Falls das nicht ausreicht, ist
die Begleitung eines Psychotherapeuten, der mit Krebspatienten E r f a h r u n g hat, angebracht.

• 225 •
Zur Tumormassenreduktion empfiehlt KRISCHKER folgende Schritte:
• Operation
• Galvanotherapie (dabei wird schwacher Gleichstrom durch den Körper geleitet)
• Hyperthermie ( Ü b e r w ä r m u n g des ganzen Körpers oder bestimmter Körperareale)
• Zellstabilisierung bis zur Zellantwort u n d damit die Herstellung der Funktionsfähigkeit
der Mitochondrien
• angepasste Verabreichung verschiedener frisch gepresster Gemüsesäfte
• gezielter Einsatz von Lebensmitteln aus biologischem Anbau mit nur geringer
Schadstoffbelastung
• natürliche Ergänzung durch ionisierte Mineralien u n d Spurenelemente in Form
von Korallenmineralien in reinem, unbehandeltem Quellwasser
• gleichzeitige Entgiftung über den D a r m durch Kaffeeeinläufe und teilweise
Colon-Hydro-Therapie

Der Patient m u s s durch den Therapeuten zu diesen Therapieformen h i n g e f ü h r t werden,


genau über den Inhalt u n d die Möglichkeiten informiert werden u n d schließlich mit klarer
Vorstellung den ersten Schritt zur Selbstheilung gehen. Dies ist nicht nur bei den schlimms-
ten E r k r a n k u n g e n so, sondern bei jeder Art von Krankheit. Um dies zu erreichen, verschafft
sich K R I S C H K E R in der Kennenlernphase einen umfassenden Überblick über die Situation des
Patienten. Dabei wird zum Beispiel abgeklärt, in welchem Zustand sich der D a r m befindet.
Ist er m i t g e n o m m e n von der Chemotherapie? Oder liegt womöglich eine Zöliakie, also eine
Gluten-Unverträglichkeit vor? Wichtig ist auch herauszufinden, wie es um den Hormonsta-
tus bestellt ist, denn viele Patienten sind vollgepumpt mit künstlichen Hormonen. Oder wie
steht es um den oxidativen Stresszustand der Zellen? Wie sieht es mit den intrazellulären
Elektrolyten aus? Wie mit Spurenelementen wie Q I 0 , C h r o m u n d Mangan - müssen diese,
was oft der Fall ist, dringend aufgefüllt werden? Welche Werte weisen Tumormarker wie LSA
u n d M2-PK auf? Wie ist es um die Zähne u n d den Kiefer bestellt, sprich könnte der Körper
zum Beispiel noch voll sein mit Schwermetallen wie Quecksilber, weil noch Amalgamfüllun-
gen im M u n d sind oder jahrzehntelang im M u n d waren u n d diese nicht unter Schutzmaß-
n a h m e n entfernt wurden?

Durch dieses Vorgehen k a n n Vertrauen zwischen Therapeut u n d Patient aufgebaut werden.


„Durch die gezielte A u f k l ä r u n g über sämtliche Schritte wird der Konsumpatient zum mün-
digen Patienten", so K R I S C H K E R . „Er wird viele Fragen stellen u n d i m m e r mehr an seinem
Behandlungsverlauf Mitspracherecht haben wollen." Das stellt natürlich auch einen großen
A n s p r u c h an die Arbeit des Therapeuten. Mit z u n e h m e n d e n Wohlbefinden des Patienten
steigern sich aber die Möglichkeiten der Anwendungen. Je nach E r k r a n k u n g lassen sich so
Schmerzen reduzieren, psychische Stabilität durch Selbstvertrauen steigern, Bewegungsein-
schränkungen beheben u n d Wissen in Fortbildungen erlangen. Der Therapeut begleitet diese
Entwicklung. Aus vielen Jahren Arbeit mit Krebspatienten heraus sagt K R I S C H K E R : „Chancen
bei Krebs? Ja, es gibt sie! Doch jeder muss sie f ü r sich selbst nutzbar machen. Jede und jeder
hat die Wahl!"

•226 -
Im vorigen Abschnitt über die Gerson-Therapie klang es bereits an: Der Ü b e r k o n s u m an tie-
rischen Eiweißen scheint ein wesentlicher Treiber der Zivilisationskrankheiten u n d offenbar
auch für Krebs zu sein. Zweifelsohne ist bei Eiweißmangel die Funktion des I m m u n s y s t e m s
beeinträchtigt, wie viele Fälle von mangelernährten Menschen in den a r m e n Ländern die-
ser Welt zeigen. Doch ein Überkonsum an Fleisch, Fisch u n d Milchprodukten k a n n ebenso
schwerwiegende Folgen haben.

Das heutige Überangebot an


Produkten, die aus tierischem
Eiweiß bestehen, führt auch zu
einem übermäßigen Konsum.
Dieser liegt weit über dem, was
früher üblich war und auch nicht
in der Form gesundheitsschädlich
wirkte.

Die konventionelle Krebsmedizin will davon nach wie vor nicht viel wissen. Dabei haben
selbst Studien der orthodoxen Wissenschaft unlängst festgestellt, dass der Verzehr von ge-
räuchertem Fisch u n d Schinken sowie Hot Dogs, in denen ja auch durch die W ü r s t c h e n
reichlich tierische Eiweiße stecken, D i c k d a r m k r e b s 766 oder auch Leukämie bei Kindern 5 5 0
Vorschub leisten k a n n . Z u d e m erhöht der häufige Genuss von Rind-, Schweine-, Schaf-,
Wildschwein-, Hirsch- oder Kaninchenfleisch - von s o g e n a n n t e m „rotem Fleisch" - die
Wahrscheinlichkeit, an Herz- u n d Kreislaufleiden sowie verschiedenen Krebsarten zu er-
kranken. 9 4 7 9 4 8 H E I N E R B O E I N G , Krebsexperte am Deutschen Institut f ü r Ernährungsforschung
DIfE in Potsdam-Rehbrücke, schätzt, dass der Konsum von h u n d e r t G r a m m rotem Fleisch
pro Tag das Darmkrebsrisiko um r u n d 50 Prozent erhöht. Wer jeden Tag h u n d e r t G r a m m
Wurst verzehre, müsse sogar mit einem r u n d 70 Prozent höheren Darmkrebsrisiko leben. 695

Dennoch wird von Seiten des Krebsestablishments tunlichst vermieden, in diesem Zusam-
m e n h a n g das tierische Eiweiß in irgendeiner Weise öffentlich zu b r a n d m a r k e n oder auch
nur zu verdächtigen. Die Vermutung liegt nahe, dass hier finanzielle Interessen u n d psycho-
logische Faktoren den Ausschlag geben.

•227 -
So handelt es sich bei der Fleisch- u n d Fischindustrie um eine weltweit operierende Orga-
nisation, die - m a n muss es so deutlich sagen - gewillt ist, rücksichtslos ihre Absatzmärkte
zu verteidigen u n d auszubauen. Die Industriefischerei, in die Regierungen von Staaten wie
den USA, Japan, Deutschland, Spanien usw. verstrickt sind u n d welche die Weltmeere sowie
deren Bewohner auch mit illegalen F a n g m e t h o d e n bereits an den Rand des Kollapses ge-
bracht haben, 9 9 4 wird von Greenpeace bezeichnenderweise auch als „Piratenfischerei" ge-
brandmarkt. 8 4 5 Nicht weniger skrupellos agiert die Fleischindustrie, die selbst davor nicht
zurückschreckt, zur Herstellung des Futters f ü r die Rinder, Schweine u n d Hühner, die sie zu
Abermilliarden auf engstem Raum in Massenställen zusammenpfercht, tropische Regenwäl-
der in gigantischem A u s m a ß zu vernichten. 594 ' 983

Zugleich wird seit Jahrzehnten durch geschickte Werbe-


Es hält sich hartnäckig das strategien die Botschaft transportiert, der Mensch brau-
Dogma, Eiweiß könne sich im che vor allem tierisches Eiweiß. Fleischessen sei m ä n n -
menschlichen Körper nicht ansam- lich, Fleisch essen sei sexy, Fleisch essen sei gemütlich
meln. Und was sich nicht ansammeln u n d gebe „Lebenskraft" - in diese Richtungen gehen die
kann, kann logischerweise auch I m a g e k a m p a g n e n . Ein Grillfest ohne Fleisch ist f ü r die
kaum bleibenden Schaden anrich- meisten undenkbar. Und es gibt k a u m eine Kochsendung
ten, weil der Körper es ja in Gänze im Fernsehen, in der nicht lecker deftig u n d tiereiweiß-
verarbeitet bzw. wieder hinausbeför- reich gebrutzelt u n d aufgetischt wird.
dert. „Dieses Dogma hat sich in den
50er- und 6oer-Jahren des letzten Diese massive Beeinflussung scheint offenbar auch vor der
Jahrhunderts in der Wissenschaft etablierten Forschung nicht halt zu machen, die im Zu-
etabliert und wird bis heute aufrecht- s a m m e n h a n g mit Fleisch vor allem die Problematik sieht,
erhalten", so der Ernährungswissen- dass das in i h m enthaltene Fett Krebs Vorschub leisten
s c h a f t l e r EDMUND SEMLER. 930 Dabei k a n n , die Bildung von zellschädigenden Sauerstoffra-
hat die Schulmedizin ihr Dogma, es dikalen b e g ü n s t i g t oder in gebratener oder gepökelter
gebe keine Eiweißspeicher, selbst Form sogenannte polyzyklische Kohlenwasserstoffe oder
längst widerlegt. Bei Nierenerkran- auch N-Nitrosoverbindungen bildet. 509 Der Gedanke, die
kungen ist schon seit geraumer Zeit massive Z u n a h m e c h r o n i s c h e r E r k r a n k u n g e n bis h i n
bekannt, dass zuviel Eiweiß (nicht zu Krebs in u n s e r e n „hoch zivilisierten" Gesellschaften
nur tierisches) äußerst schädlich k ö n n e mit dem drastisch gestiegenen Anstieg des Ver-
sein kann. zehrs tierischer Eiweiße z u s a m m e n h ä n g e n , scheint der
Schulmedizin hingegen nach wie vor abwegig.

Tatsächlich jedoch „können - je nach Konstitution eines Menschen - nur mehr oder minder
große Anteile des Eiweißüberschusses ausgeschieden werden", so der Internist und Professor
L O T H A R W E N DT ( 1 9 0 7 - 1 9 8 9 ) , der das Thema Proteinspeicher in seinem Buch „Gesund wer-

den durch Abbau von Eiweißüberschüssen" als erster umfassend beschrieben hat. Der Rest,
so WEN DT weiter, wandere vor allem in die feinen Blutgefäße der Organe, die sogenannten
Kapillaren, u n d in den R a u m zwischen diesen Kapillaren u n d den Zellen, auch Zwischen-
zellgewebe genannt. Der Ü b e r k o n s u m tierischen Eiweißes k a n n n u n dazu führen, dass der

• 228 •
Nüchtern-Eiweiß-Spiegel in diesem Raum zwischen den feinen Blutgefäßen (Kapillaren) u n d
Zellen ansteigt, bis die Reizschwelle der Zellen überschritten ist. D a n n beginnen die Zellen
mit der Speicherung der gestauten Eiweißmoleküle. Dadurch verdicken sich die Blutgefäße
und das Zwischenzellgewebe i m m e r mehr. W e n n dieser Prozess über lange Zeiträume vor-
anschreitet, k a n n er zu zahlreichen Krankheiten f ü h r e n wie Arteriosklerose, H e r z i n f a r k t ,
Schlaganfall, Bluthochdruck, Diabetes, Gicht, Rheuma oder sogar Krebs.

„Durch die Kapillarwände müssen Nährstoffe wie Wasser, Zucker, Sauerstoff durchsickern,
um die Zellen zu ernähren", erläutert WEN DT. „Eine verdickte Kapillarwand setzt dem durch-
sickernden Nährstoffstrom aber erhöhten Strömungswiderstand entgegen u n d v e r m i n d e r t
seine Strömungsgeschwindigkeit." Die Folge ist, dass sich im Kapillarblut die Nährstoffe
stauen, während in den Zellen zu wenige Nährstoffe v o r h a n d e n sind. Ein heikler Zustand,
denn genau in die Zellen sollen die Nährstoffe ja gelangen.

W E N D T wird - genau wie G E R S O N u n d

viele andere Ärzte, Therapeuten, Forscher


u n d sonstige Experten, die der m u l t i -
milliardenschweren Krebsforschung mit
ihrer C h e m o t h e r a p i e u n d B e s t r a h l u n g
ganzheitliche Behandlungsansätze gegen-
überstellen - von der Schulmedizin mit
Verachtung gestraft. Entsprechend findet
sich in der Fachliteratur keine sachlich
b e g r ü n d e t e Kritik an W E N D T S Konzept.
Dies ist u m s o b e m e r k e n s w e r t e r , w e n n
man bedenkt, dass die Schulmedizin ihr
D o g m a , es gebe keine Eiweißspeicher,
selbst längst widerlegt - u n d W E N D T damit
bestätigt hat.

Die über das Verdauungssystem aufgeschlos-


senen Nährstoffe gelangen über das Blut
durch die Arterlen in ein noch feiner verästel-
tes System, das erst aus Arteriolen und dann
aus Kapillaren besteht. Am Ende erreichen
sie über das Zwischenzellgewebe unsere
Zellen, in denen sie verwertet werden. Zu viel
tierisches Eiweiß kann dieses feine System
stören, indem es dieses zum Beispiel mit
Ablagerungen überfrachtet und so die Nähr-
stoffversorgung des Körpers behindert.

• 229 •
„Im Z u s a m m e n h a n g einiger sorgfältig durchgeführter Studien konnte gezeigt werden, dass
eine proteinreiche Diät m e h r f a c h eine positive Stickstoffbilanz' zur Folge hatte", so der Er-
nährungsforscher S E M L E R . „Das heißt, der Körper hat mehr Stickstoff in Form von Protein
a u f g e n o m m e n , als er wieder abgegeben hat. Das widerspricht dem allgemein vertretenen
Standpunkt, dass Protein bzw. Stickstoff nicht im Körper gespeichert werden kann." 9 3 0

Auch bei Diabetikern ist die Verdickung der Basalmembran längst nachgewiesen. Und
bei N i e r e n e r k r a n k u n g e n ist schon seit geraumer Zeit b e k a n n t , dass zu viel (tierisches) Ei-
weiß äußerst schädlich sein u n d etwa die Bildung von Nierensteinen befördern kann. 530,902
I m m e r h i n n i m m t der Durchschnittswesteuropäer und -amerikaner gerne das Doppelte der
offiziell empfohlenen Eiweißmenge zu sich, die bei r u n d 45 bis 60 g pro Tag liegt. Dazu stellte
das Deutsche Institut f ü r Ernährungsforschung DIfE im Jahr 2000 in einer Arbeit fest: „Es
gibt viele Studien, die anzeigen, dass es nicht von Vorteil ist, deutlich mehr tierische Prote-
ine zu essen, als offiziell empfohlen wird." 762

Dies zeigen auch die Arbeiten von Wissenschaftlern wie dem amerikanischen Kardiologen
871,872
D E A N O R N I S H von der University of California, San Francisco oder dem US-Chemiker
R U S S E L L H E N R Y C H I T T E N D E N ( 1 8 5 6 - 1 9 4 3 ) . Der Yale-Professor C H I T T E N D E N konnte zu Beginn

des 20. Jahrhunderts, als noch 120 g Eiweiß pro Tag empfohlen wurden (was viele Menschen
in den Industriestaaten heute noch zu sich nehmen), zeigen, dass eine „Low-Protein-Diet"
selbst bei athletischen jungen M ä n n e r n - ihn selber eingeschlossen - keinerlei Schwächung
zur Folge hatte. „ C H I T T E N D E N S Studienergebnisse", heißt es 1 9 4 4 im Fachmagazin Journal of
Biological Chemistry, „waren damals umstritten, werden aber jetzt allseits akzeptiert. 547,548,727

Neuere Arbeiten bestätigen dies u n d zeigen, dass zu viel tierisches Eiweiß sogar Krebs be-
günstigen kann. 6 1 0 Die vielleicht umfassendsten Untersuchungen auf diesem Gebiet stam-
men von dem Ernährungswissenschaftler T. C O L I N C A M P B E L L von der Cornell University, der
sich seit den 1970er Jahren mit dem Thema tierisches Eiweiß u n d chronische Krankheiten
wie Krebs beschäftigt. 5 3 7 Seine Forschungsergebnisse hat er in dem Buch die „China Study"
zusammengefasst. 5 3 8 Die New York Times schreibt über dieses Werk: „Die Studie, die einen
Großteil der a m e r i k a n i s c h e n E r n ä h r u n g s d o k t r i n in Frage stellt, k a n n als Grand Prix der
Epidemiologie angesehen werden." Der Physiknobelpreisträger R O B E R T C . R I C H A R D S O N meint:
„Die .China Study' ist ein wichtiges Buch, dessen Story Gehör finden muss."

In seinen Arbeiten hat C A M P B E L L unter anderem Tausende von auf dem Lande lebende Chi-
nesen untersucht, von denen die allermeisten ihr ganzes Leben in derselben Gemeinschaft
verbrachten u n d somit besonders stabile Essgewohnheiten aufwiesen. „Dabei stellte sich

Stickstoff ist das wesentliche Element der Proteine und Proteide (Eiweißstoffe) sowie des Erbguts. Anhand der
Stickstoffbilanz lässt sich daher der Eiweißstoffwechsel beurteilen.

Die Basalmembran (siehe Grafik S. 229) ist ein Häutchen aus Fasern und Kittsubstanz, das im Körper Bindege-
webe von anderen Gewebestrukturen (wie Muskeln oder Epithelien) abgrenzt.
heraus, dass chronisch-degenerative Krankheiten wie Krebs, Herz- u n d Kreislaufkrankhei-
ten oder Diabetes dort auftreten, wo mehr tierische Eiweiße verzehrt werden", so C A M P B E L L .
„Oder schaut man auf die Kalorienzufuhr, so zeigt sich, dass diese in China im Schnitt zu
einem Prozent aus Protein bestand - in den USA, wo das Risiko f ü r H e r z e r k r a n k u n g e n
17 Mal so hoch ist wie im Reich der Mitte, hingegen zu zehn Prozent." Bemerkenswert ist
auch, dass eine vermehrte pflanzliche P r o t e i n a u f n a h m e zu erhöhtem W a c h s t u m f ü h r t e .

Nicht vergessen werden sollte in diesem Z u s a m m e n h a n g auch, dass die M u t t e r m i l c h des


Menschen gerade einmal zu 1,2 Prozent aus Eiweiß besteht. Dies ist besonders bemerkens-
wert, da ein Baby ja noch kräftig wachsen muss, wofür Proteine dringend benötigt werden.
Ein Rinderfilet hingegen besteht zu 22 Prozent aus Eiweiß. Derweil ist es ein längst wider-
legter Mythos, dass tierische Eiweiße den pflanzlichen überlegen sind. Wichtig ist lediglich,
bei pflanzlichen Proteinen, die nicht so vollständig sind wie die tierischen, darauf zu achten,
dass man alle Proteinbausteine (Aminosäuren) zu sich n i m m t .

Um den Körper mit Eiweiß in der benötigten Menge zu versorgen, bieten sich Pflanzen durchaus an, die
keinesfalls schlechter als tierische Eiweiße sind.

Zudem „erhalten die vielfach dokumentierten Heilerfolge mit Fasten- u n d Rohkosttherapien


bei verschiedenen Erkrankungen durch die Hypothese der Eiweißspeicherkrankheiten eine
sehr plausible Begründung", so S E M L E R . „Die j a h r z e h n t e l a n g e n praktischen E r f a h r u n g e n
vieler Ärzte mit Fasten- u n d Rohkostkuren bestärken W E N D T S Theorie. Nach den heutigen
Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens fehlt der Beweis f ü r die Richtigkeit des Konzepts der
Eiweißspeicherkrankheiten. Um diesen zu erbringen, wäre eine kontrollierte klinische Lang-
zeitstudie notwendig. Dabei müsste die Dicke u n d Durchlässigkeit der Basalmembran von
Personen mit Symptomen der k r a n k h a f t e n Eiweißspeicherung vor u n d nach einer eiweiß-

• 231 •
armen Diät oder einer Fastenkur gemessen werden. Durch mikroskopische Auswertung von
Proben aus verschiedenen Körpergeweben könnte die Veränderung der Dicke bzw. Durch-
lässigkeit der M e m b r a n festgestellt werden." 930 Ein Versäumnis, auf das auch das Deutsche
Institut f ü r E r n ä h r u n g s f o r s c h u n g in Potsdam-Rehbrücke aufmerksam macht. 762

D a m i t sind wir wieder bei einem der zentralen Probleme unserer m o d e r n e n Forschung:
Finanziert wird tendenziell vor allem das, was die Pillenproduktion ankurbelt, hohe Ge-
w i n n e verspricht u n d keiner großen Industrie zum Nachteil gereichen könnte. Alternative
Denkansätze k ö n n e n so leicht als „Quacksalberei" abgekanzelt werden, da sie ja aus Sicht der
Forschung keine wissenschaftlich bis ins kleinste Detail untersuchte Grundlage haben. Ein
Teufelskreis, der ein Gesundheitssystem, das seinen N a m e n tatsächlich verdient, unmöglich
macht.

Es ist zwar lobenswert, auf eine sogenannte evidenzbasierte Medizin zu setzen, die Anfang
der 1990er Jahre aufkam u n d besonderen Wert auf harte Beweise legt. Derlei Bemühungen,
so ehrenwert sie sind, werden jedoch ständig dadurch konterkariert, dass das Medizinsystem
u n d vor allem auch die Krebsforschung in weiten Teilen von der Pharmaindustrie dominiert
werden. 805 ' 950

Selbst in der O n l i n e - E n z y k l o p ä d i e Wikipedia, die im Medizinbereich eher die offizielle


M e i n u n g wiedergibt, hieß es: „Von Befürwortern der evidenzbasierten Medizin wird gele-
gentlich ironisch angemerkt, dass in vielen Krankenhäusern insbesondere im deutschspra-
chigen Raum derzeit mehr eine .Eminenz-basierte' als eine evidenzbasierte Medizin betrie-
ben würde. Vereinfacht gesagt gelte in solchen K r a n k e n h ä u s e r n der Grundsatz: ,Was der
Chefarzt/Oberarzt sagt, wird gemacht u n d weder hinterfragt noch diskutiert.' Ein derartig
autoritärer Führungsstil f ü h r e nicht n u r zu einer subjektiv geprägten Medizin und einem
blinden Autoritätsglauben, es w ü r d e auch dadurch jede Diskussions- und Fehlerkultur un-
terbunden oder sehr erschwert." 8 0 6

Wie Fleisch ist auch die Milch in unserer westlichen Kultur von einem gigantischen Mythos
u m g e b e n . Milch steht f ü r G e s u n d h e i t , Stärke, Fitness u n d sogar Sexappeal. Die Milch-
industrie lässt nichts unversucht, u n s dies klar zu machen. Von Schauspielerin A N G E L I N A
J O L I E über Eiskunstläuferin K A T A R I N A W I T T bis hin zu Tennisprofi T H O M A S H A A S oder Schau-

spielerin C O S M A S H I V A H A G E N - alle lassen sich vor den Werbekarren der Milchwirtschaft


spannen, deren Slogan „Die Milch macht's" zu einem regelrechten O h r w u r m wurde. Neu-
erdings wird „das weiße Gold" in Deutschland mit dem kernigen Spruch „Milch ist meine
Stärke" beworben. In einem Schweizer Werbespot singen drei ausgewachsene Kühe zusam-
men mit einem Kalb beschwingt vor sich hin - am Ende lautet die Botschaft: „Milch bringt
dich in Schwung."

• 232 •
Immer mehr wissenschaftliche Arbeiten bestätigen, was in alternativmedizinischen Kreisen längst bekannt
ist: Milch ist keineswegs so gesund wie uns die Werbung glauben machen will.

Doch es ist nicht nur in der W e r b u n g eine Illusion, dass Kalb u n d Kuh ein gemeinsames
Dasein fristen. Tatsächlich wird in der Intensivtierhaltung das Kalb u n m i t t e l b a r nach der
Geburt von seiner Mutter getrennt. Zudem erhärten neueste Forschungen den von kriti-
schen Experten lange gehegten Verdacht, dass Milch nicht der große Gesundheitsbringer ist,
sondern einer der Verursacher f ü r zahlreiche Zivilisationsleiden: von A k n e über Diabetes
bis hin zu Krebs.

„Obwohl zahlreiche biochemische u n d epidemiologische Daten zum Gefahrstoff Milch vor-


liegen, will sich anscheinend keiner logisch u n d neutral mit dem Thema auseinandersetzen",
so der Medizinprofessor B O D O M E L N I K von der Universität Osnabrück. „Doch auch wenn die
Vorstellung von der ,gesunden' Milch als fast ,angeboren' zu betrachten ist u n d fast jeder
ihre große Bedeutung f ü r das K n o c h e n w a c h s t u m h e r u n t e r b e t e n k a n n , so stehen wir doch
am Anfang eines wissenschaftlichen Umdenkens." D e n n die Beweise f ü r die Schädlichkeit
der Milch sind einfach zu erdrückend, wie M E L N I K in zwei Arbeiten, die 2009 in der Fach-
zeitschrift Medical Hypotheses757 u n d dem Journal der Deutschen Dermatologischen Gesell-
schaft756 erschienen sind, detailliert dargelegt hat.

„Die wissenschaftliche Datenlage enttarnt den M i l c h k o n s u m als einen wesentlichen Pro-


motor chronischer Zivilisationskrankheiten", so M E L N I K . „Und ein entscheidender G r u n d
hierfür ist, dass die Z u f u h r von Kuhmilch u n d Kuhmilchprotein beim Menschen zu Ver-

• 233 •
Ob Frauen in der Schwangerschaft wohl Milch
trinken würden, wenn sie wüssten, dass dies das
Übergewicht ihres Neugeborenen begünstigt?

Schiebungen in der H o r m o n a c h s e
von Insulin, W a c h s t u m s h o r m o n
und dem insulin-ähnlichen Wachs-
t u m s f a k t o r 1, k u r z IGF-1, f ü h r t . " Mit
anderen Worten: Milch wirkt wie
eine Insulinspritze. Der Milchkon-
s u m erhöht die Niveaus der p o t e n t e n
Wachstumshormone Insulin und
IGF-1 im Blutserum. Beide v e r w a n d -
t e n H o r m o n e sind u n s e r e s t ä r k s t e n
W a c h s t u m s b e s c h l e u n i g e r . „Sie w i r -
ken m i t o g e n , f ö r d e r n also die Zell-
teilung", so M E L N I K . „ U n d genau dies
f ö r d e r t das W a c h s t u m von Krebszel-
len o d e r v o n Zellen a r t e r i o s k l e r o t i -
s c h e r P l a q u e s , die bei A r t e r i e n v e r -
k a l k u n g z u b e o b a c h t e n sind." D o c h
d a s P r o b l e m mit der M i l c h b e g i n n t
schon viel f r ü h e r , also lange bevor sich K r a n k h e i t e n wie Krebs oder Arterienverkalkung, die
meist erst in f o r t g e s c h r i t t e n e r e m Alter auftreten, manifestieren.

So beeinflusst der M i l c h k o n s u m bereits das W a c h s t u m der Föten w ä h r e n d der Schwanger-


schaft. Die s o g e n a n n t e fetale M a k r o s o m i e - also ein Gewicht von Neugeborenen von m e h r
als 4 0 0 0 g oder gar 4500 g - tritt in I n d u s t r i e l ä n d e r n i m m e r häufiger auf. Mittlerweile sind
r u n d acht bis z e h n Prozent der Babys davon betroffen. „ H i n t e r g r u n d ist, dass der Milchkon-
s u m den IGF-l-Level e r h ö h t , w o d u r c h sich die Plazenta vergrößert", erläutert M E L N I K . „Als
Folge d a v o n erhält das K i n d zu viel des E i n f a c h z u c k e r s Glukose u n d wird zu dick, sprich
makrosom."

Klinische B e d e u t u n g erlangt d a s Ü b e r g e w i c h t von N e u g e b o r e n e n (die fetale M a k r o s o m i e )


n i c h t n u r wegen der g e b u r t s m e c h a n i s c h e n B e l a s t u n g f ü r M u t t e r u n d Kind. 6 1 2 , 7 5 5 , 9 3 3 Der
M i l c h k o n s u m in der Schwangerschaft f ü h r t zu einer G e w i c h t s z u n a h m e der Mutter. „Durch
die Z u f u h r von Milch steigt der Insulinspiegel nach d e m Essen u n d langfristig das Niveau
des W a c h s t u m s f a k t o r s IGF-1 der Schwangeren in unphysiologisch zu hohe Bereiche", sagt
M E L N I K . „Und es hat sich herausgestellt, dass bei einer b e s t i m m t e n G r u p p e von Schwangeren
das starke Ü b e r g e w i c h t ihres Kindes als f r ü h e r Hinweis auf die spätere E n t w i c k l u n g eines
m ü t t e r l i c h e n Diabetes mellitus gewertet werden muss." Übergewicht ist zudem ein Risiko-
faktor f ü r Krebs.

• 234 •
Für das Neugeborene w i e d e r u m bedeutet das deutlich erhöhte Geburtsgewicht nicht n u r
eine größere Verletzungsgefahr bei der vaginalen Geburt. 888,953 Es k a n n vor allem in den ers-
ten Lebensstunden zu Unterzuckerungszuständen (Hypoglykämie) k o m m e n genau wie zu
einer durch einen niedrigen Kalziumspiegel hervorgerufenen Übererregbarkeit des Nerven-
systems mit daraus folgenden Muskelkrämpfen. Auch Anpassungsstörungen sind die Folge,
die zusätzlich zu einer Unreife der Lungen das Neugeborene in eine lebensbedrohliche Situ-
ation bringen können. 556 ' 573 „Gravierend ist zudem, dass durch den M i l c h k o n s u m die Insu-
lin/IGFl-Achse f ü r das gesamte Leben verschoben, um nicht zu sagen vermurkst wird", wie
M E L N I K Z U bedenken gibt. „Dies k a n n zu Störungen an vererbbaren G e n f u n k t i o n e n f ü h r e n ,

von denen wir lebenslang etwas haben."

„Milch ist freilich nicht der einzige Faktor, der im Z u s a m m e n h a n g mit Übergewichtigkeit
bei Neugeborenen eine Rolle spielt", so M E L N I K . „ S O k ö n n e n Anlagestörungen der Plazenta,
genetische Faktoren u n d auch Rauchen sowie Alkoholkonsum in der Schwangerschaft das
Wachstum eines Babys negativ beeinflussen." Der Einfluss der Milch ist also i m m e r indi-
viduell verschieden, doch im Großen u n d Ganzen zeigen Studien unmissverständlich, dass
Milchkonsum während der Schwangerschaft ein höheres Gewicht des Neugeborenen u n d
auch der Mutter begünstigt. 701,870

Hintergrund ist auch hier, dass die Milch den Level der potenten W a c h s t u m s h o r m o n e Insu-
lin und IGF-1 im Blutserum steigert. Es wurde in der Tat nachgewiesen, dass die Konzentra-
tionen dieser Wachstumshormone im Nabelschnurblut stark übergewichtiger (makrosomer)
Neugeborener im Vergleich zu normalgewichtigen Babys erhöht ist. 479,679

Verzehrt das Kind nun in seiner vorpubertären Phase Milch u n d Milchprodukte wie Joghurt,
Eiscreme oder Frischkäse - was in vielen Industrienationen praktisch der Normalfall ist
resultiert daraus eine unnatürliche Ü b e r h ö h u n g des insulin-ähnlichen W a c h s t u m s f a k t o r s
IGF-1 im Blutserum. So f ü h r t e der vierwöchige Genuss von täglich 710 ml ultra-erhitzter
Milch bei 46 Kindern im Alter von 10 bis 11 Jahren aus der Mongolei (Ulan Bator), die vor-
her nicht an Milchkonsum gewöhnt waren, zu einer Erhöhung der IGF-l-Serumspiegel um
23,4 Prozent. 906

W ä h r e n d der Pubertät sind diese IGF-l-Niveaus o h n e h i n naturgegeben erhöht. Das heißt,


wenn Jugendliche in der P u b e r t ä t M i l c h p r o d u k t e k o n s u m i e r e n , so werden die o h n e h i n
schon physiologisch erhöhten IGF-Levels nochmals deutlich gesteigert. „Dadurch lässt sich
plausibel erklären, dass r u n d 80 bis 95 Prozent der Jugendlichen in Milch konsumierenden
Industrienationen von Akne betroffen sind", meint M E L N I K . „Dieses epidemieartige Auftre-
ten von Akne lässt auf einen Umweltfaktor als Ursache schließen."

So ergab die sogenannte Growing-Up-Today-Studie in den USA bei 4273 Jungen u n d 6094
Mädchen im Alter von neun bis 15 Jahren, dass ein deutlicher Z u s a m m e n h a n g zwischen
Milchkonsum u n d Auftreten von Akne besteht, 473,474 bei den Jungen insbesondere zwischen

• 235 •
Nicht nur Akne, auch andere Hauter-
krankungen können durch übermäßi-
gen Milchkonsum (mit)bedingt sein.

d e m G e n u s s f e t t a r m e r Milch
u n d den lästigen Pickeln. 4 7 4
Im Gegensatz dazu wurde
bei 1200 K i t a v a n - B e w o h n e r n
Papua N e u g u i n e a s sowie 115
Ache-Jägern u n d Sammlern
P a r a g u a y s , die k e i n e M i l c h
u n d Milchprodukte verzehren,
kein einziger Fall von A k n e
beobachtet. 5 6 0

N a c h der P u b e r t ä t geht die


A k n e in vielen Fällen z u r ü c k
(auch wenn in schweren Fällen
oftmals Narben zurückblei-
ben). Dies wäre d a m i t zu er-
klären, dass nach der Pubertät
auch die n a t ü r l i c h e n Spiegel
des W a c h s t u m s h o r m o n s u n d
des i n s u l i n - ä h n l i c h e n Wachs-
t u m s f a k t o r s IGF-1 wieder zurückgehen, sodass der hormonstimulierende Effekt der Milch
nicht m e h r ganz so stark negativ auffällt. Dies heißt aber nicht, dass Milch bei Erwachse-
nen keine u n e r w ü n s c h t e n W i r k u n g e n m e h r haben k a n n . D e n n nicht nur Erwachsene lei-
den unter Akne, es besteht auch der b e g r ü n d e t e Verdacht, dass Milch die Ausbildung des
sogenannten polyzystischen O v a r s y n d r o m s begünstigt. Dieses PCO-Syndrom ist eine der
häufigsten Stoffwechselstörungen geschlechtsreifer Frauen. Im Blutserum der Betroffenen
werden oft hohe IGF-l-Spiegel gemessen - also genau das, was durch Milch verursacht wer-
den kann. Das P C O - S y n d r o m ist eine schwere Erkrankung, die einhergeht mit Zysten in den
Eierstöcken, chronischen Zyklusstörungen oder auch einer Vermännlichung (Virilisierung).
Diese Vermännlichung k a n n sich äußern in einer Überproduktion von Hautfetten durch die
Talgdrüsen, in Akne, starker K ö r p e r b e h a a r u n g oder auch Haarausfall. Zudem haben diese
Frauen ein erhöhtes Risiko, an Diabetes oder auch Krebs zu erkranken.

Der Mensch ist im Übrigen das einzige Säugetier, das nach Beendigung der Stillzeit noch
M i l c h p r o d u k t e zu sich n i m m t . Milch ist ein komplexes Sekret mit zahlreichen bioaktiven
H o r m o n e n , das zur Wachstumssteigerung u n d Entwicklung der Tiere eine lebenswichtige
Rolle während ihrer Aufzucht spielt. Doch wenn man, wie der Mensch, Milch in Lebenspha-
sen k o n s u m i e r t , f ü r die natürlicherweise der M i l c h k o n s u m nicht vorgesehen ist, so wirkt

• 236 •
sich dies nicht nur nachteilig auf die Selbstregulierung des Talgdrüsenfollikels aus, sondern
verstärkt auch eine u n e r w ü n s c h t e Zellteilung in zahlreichen Drüsengeweben u n d Organ-
systemen. Organe wie Thymus, Knochen, sämtliche Drüsen, glatte Muskelzellen der Gefäße
und Nervenzellen unterliegen dieser unphysiologisch überhöhten Hormonstimulation.

Ziegen- und Schafmilchprodukte dürften eine ver-


gleichbare Wirkung haben wie Kuhmilchprodukte, weil
letztlich jede Säugetiermilch die biologische Aufgabe
hat, Wachstum zu fördern. Die dadurch bedingte ständige
Überstimulation zellulären Wachstums ist die Basis
für die durch die Verschiebung unserer Hormonachsen
auftretenden chronischen Volkskrankheiten wie Akne,
Adipositas, Diabetes, Demenz und Krebs. Im Gegensatz
zu Ziegen- oder Schafsmilch, die meist sporadisch aus
der Herde gewonnen werden, puscht die industrialisierte
Milchgewinnung den Hormonspiegel von Milchkühen
allerdings besonders nach oben. Denn Hochleistungs-
milchkühe werden nicht weniger als fünf Jahre chronisch
schwanger gehalten. Wie Studien zeigen, weisen Kühe,
die zur Steigerung ihrer Milchleistung mit gentechnisch
hergestelltem Wachstumshormon behandelt werden,
auch höhere IGF-i-Spiegel in der Milch auf.554

Milch wirkt also wie eine Spritze mit Insulin (dem H o r m o n , das in der Bauchspeicheldrüse
nach A u f n a h m e von kohlenhydratreicher N a h r u n g gebildet wird). Unbearbeitete Rohmilch
hat dabei die stärkste hormonstimulierende Wirkung. Pasteurisieren schwächt diesen Effekt
nicht ab. Das Ultraerhitzen von Milch (H-Milch) reicht auch noch nicht aus. „Kochen über
zehn bis 15 Minuten dürfte jedoch alle Proteine denaturieren, sodass hierdurch eine Ent-
schärfung eintritt", so M E L N I K . Eine derartige D e n a t u r i e r u n g eines N a h r u n g s m i t t e l s bzw.
von Eiweißen k a n n aber freilich keine Grundlage f ü r eine gesunde E r n ä h r u n g sein.

M E L N I K ist nicht der erste, der den Mythos Milch f u n d a m e n t a l in Frage stellt (auch wenn er

für sich in Anspruch n i m m t , mit seinen Untersuchungen erstmals wissenschaftliche Einzel-


befunde über die W i r k u n g erhöhter I n s u l i n / I G F - l - H o r m o n e auf einzelne Organsysteme in
einen übergeordneten Z u s a m m e n h a n g dargestellt zu haben). So w u r d e bereits A n f a n g der
1980er Jahre aufgezeigt, dass eine Verbindung zwischen Milchkonsum u n d dem Tod durch
koronare Herzkrankheit besteht (Verstopfung der Herzkranzgefäße). 8 9 5 , 9 2 6 Auch tierexperi-
mentelle Studien belegen die arterienverkalkende W i r k u n g des I n s u l i n - ä h n l i c h e n Wachs-
tumsfaktor IGF-1. 689,1003

•237 -
Mögliche Risiken des Kuhmilchkonsums nach Melnik 56
• In der Thymusdrüse k o m m t es zu einer gestörten T-Zell-Reifung u n d T-Zell-Apoptose.
Die Folge sind atopische E r k r a n k u n g e n ' , Allergien u n d A u t o i m m u n e r k r a n k u n g e n .
• Die Plazenta v e r g r ö ß e r t u n d s o n d e r t v e r m e h r t N ä h r s t o f f e ab, was zu einem Übergewicht
des Fötus u n d zu einem e r h ö h t e n Risiko des Kindes beiträgt, an Diabetes, Adipositas u n d
Krebs zu e r k r a n k e n .
• Das Wachstum der Knochen ist beschleunigt, w o r u n t e r die K n o c h e n d i c h t e leiden k a n n .
Die K ö r p e r g r ö ß e wächst, wobei diese als Risikofaktor f ü r Brustkrebs gilt.
• Die Sexualhormonproduktion der Nebennieren wird angeregt, was zu einer nach vorne
v e r s c h o b e n e n P u b e r t ä t f ü h r t u n d erhöhte Sexualhormonspiegel (Androgene) sowie f r ü h -
zeitige A k n e e n t w i c k l u n g b e g ü n s t i g t .
• Bei Frauen wird die Sexualhormonproduktion der Eierstöcke angeregt, was ebenfalls
zu e r h ö h t e n A n d r o g e n s p i e g e l n f ü h r t u n d polyzystische O v a r s y n d r o m e (siehe oben)
begünstigt.
• Im Fettgewebe wird das Fettzellenwachstum angeregt, was zu Adipositas" u n d den mit
dieser K r a n k h e i t e i n h e r g e h e n d e n G e s u n d h e i t s s t ö r u n g e n f ü h r t .
• Im Herz-Kreislauf-System werden A b l a g e r u n g e n bzw. degenerative V e r ä n d e r u n g e n der
A r t e r i e n g e f ä ß w ä n d e b e g ü n s t i g t , was zu H e r z i n f a r k t , Schlaganfall, peripherer arterieller
V e r s c h l u s s k r a n k h e i t u n d z u k r a n k h a f t e n V e r ä n d e r u n g e n der H e r z k r a n z g e f ä ß e f ü h r e n
kann.
- Im Drüsenzellgewebe w i r d die A p o p t o s e g e h e m m t u n d im Gegenzug die W u c h e r u n g
der Zellen b e s c h l e u n i g t sowie ein T u m o r w a c h s t u m h e r v o r g e r u f e n .
• Für das Nervensystem bedeutet die aus d e m Gleichgewicht gebrachte Eiweißsynthese
mit e i n h e r g e h e n d e r Giftigkeit der Proteine eine f r ü h z e i t i g e D e m e n z u n d das Auftreten
neurodegenerativer Erkrankungen.
• Die Haut hat d a m i t zu k ä m p f e n , dass die T a l g d r ü s e n verstärkt angeregt werden u n d
d a d u r c h m e h r Talg p r o d u z i e r t wird, dass sich die Keratin p r o d u z i e r e n d e n Zellen der Haut
ü b e r G e b ü h r v e r m e h r e n u n d in der Folge schwere A k n e entstehen k a n n . Z u d e m werden
d a d u r c h hyperproliferative H a u t k r a n k h e i t e n wie Psoriasis"" u n d Basalzellenkarzinom
hervorgerufen.

Atopische Erkrankungen, wie das atopische Ekzem, sind nicht zuzuordnende allergische Reaktionen.

Fettleibigkeit, krankhafte Fettsucht

Apoptose beschreibt den natürlicherweise stattfindenden Mechanismus zum Absterben von Zellen.

Schuppenflechte

• 238 •
D a r ü b e r h i n a u s o f f e n b a r e n F o r s c h u n g s a r b e i t e n , d a s s IGF-1 wie e i n T u m o r p r o m o t o r
wirkt. 7 1 5 , 9 0 4 Verschiedene A u t o r e n zeigen einen Z u s a m m e n h a n g zwischen e r h ö h t e n IGF-1-
Blutserumspiegeln u n d d e m v e r m e h r t e n A u f t r e t e n von Brust-, Prostata-, D a r m - u n d L u n -
genkrebs. 6 1 5 Dass Milch ü b e r sein P r o t e i n Kasein, d e m H a u p t b e s t a n d t e i l von Q u a r k u n d
Käse, die K r e b s e n t s t e h u n g b e g ü n s t i g e n k a n n , w u r d e bereits in f r ü h e r e n Studien an Nage-
tieren dokumentiert. 6 5 6 , 6 5 7 „Die F u n d i e r t h e i t u n d Stimmigkeit dieser Arbeiten legen es abso-
lut nahe, dass sie auf den M e n s c h e n ü b e r t r a g b a r sind", so der E r n ä h r u n g s f o r s c h e r T. C O L I N
C A M P B E L L . „Erstens h a b e n Ratten u n d M e n s c h e n einen fast identischen Bedarf an P r o t e i n .

Zweitens hat Protein in einem menschlichen Körper p r a k t i s c h genau dieselbe W i r k u n g wie


bei Ratten. Und d r i t t e n s entspricht die Menge an Protein bzw. Kasein, die in den Versuchen
bei den Ratten das T u m o r w a c h s t u m verursachte, der Menge, die viele M e n s c h e n k o n s u m i e -
ren." 538

Das Verhältnis von Säuren zu Basen ist f ü r die F u n k t i o n e n aller Stoffwechselvorgänge im


O r g a n i s m u s von größter Bedeutung. Für einen n o r m a l e n Stoffwechsel ist ein Gleichgewicht
zwischen Säuren u n d Basen erforderlich. „In der N a t u r h e i l k u n d e gilt die c h r o n i s c h e Ü b e r -
s ä u e r u n g des O r g a n i s m u s als eine der häufigsten u n d s c h ä d l i c h s t e n aller B e l a s t u n g s f a k t o -
ren", wie die Gesellschaft f ü r Biologische Krebsabwehr in Heidelberg veröffentlicht. „Gerade
bei einer T u m o r e r k r a n k u n g stellt m a n h ä u f i g eine Ü b e r s ä u e r u n g des G e w e b e s fest. D e n n
Krebs wächst b e s o n d e r s aggressiv in e i n e m s a u r e n S t o f f w e c h s e l m i l i e u . An der Ü b e r s ä u e -
r u n g der Gewebe ist vor allem die E r n ä h r u n g schuld." 8 0 8

Die Ü b e r s ä u e r u n g des Körpers wird tendenziell d u r c h folgende F a k t o r e n b e g ü n s t i g t :


• zu viele eiweiß- u n d fetthaltige Lebensmittel tierischer H e r k u n f t
• zu viel Süßes
• eine verminderte B a s e n a u f n a h m e d u r c h den Verzehr von zu wenig G e m ü s e u n d Obst

Die im Ü b e r m a ß f ü r unseren Körper schädlichen Säuren entstehen d a d u r c h , dass z u m Bei-


spiel bei der V e r d a u u n g von Eiweiß u n d Zucker saure Stickstoff- oder P h o s p h o r v e r b i n d u n -
gen zurückbleiben. Gleiches gilt f ü r alle Süßigkeiten, Fast-Food u n d F e r t i g p r o d u k t e . A u ß e r -
halb der E r n ä h r u n g gibt es eine Fülle weiterer Faktoren, die z u r Ü b e r s ä u e r u n g b e i t r a g e n ,
d a r u n t e r B e w e g u n g s m a n g e l u n d u n z u r e i c h e n d e s Schwitzen, die eine v e r m i n d e r t e Säure-
ausscheidung zur Folge h a b e n k ö n n e n , Stress, Alkohol u n d a n d e r e D r o g e n , Pestizide u n d
andere Industriegifte ebenso wie M e d i k a m e n t e .

Für viele S c h u l m e d i z i n e r ist d a s Them a Ü b e r s ä u e r u n g nach wie vor ein rotes Tuch. Dies
ist jedoch völlig unverständlich, d e n n es gibt längst g e n ü g e n d wissenschaftliche Daten, aus
denen klar hervorgeht, dass die Ü b e r s ä u e r u n g f ü r viele K r a n k h e i t e n u n d gerade auch f ü r
die K r e b s e n t s t e h u n g von e n t s c h e i d e n d e r B e d e u t u n g ist. So ist der negative Einfluss säure-

• 239 •
bildender E r n ä h r u n g bzw. die positive W i r k u n g von basenbildendem Gemüse und Obst auf
das Knochenskelett mittlerweile gut untersucht 545,854,971 - so gut, dass selbst die Herstel-
ler von Osteoporose-Tabletten ausdrücklich darauf hinweisen, m a n solle möglichst „wenig
phosphat- u n d oxalsäurehaltige Lebensmittel u n d Kalziumräuber wie Fleisch, Wurst, Cola,
Schmelzkäse, Kakao oder Schokolade" essen. 789

Studien haben auch gezeigt, dass eine kohlenhydratarme u n d tiereiweißreiche Kost, die viel
H a r n s ä u r e erzeugt, den Säuregehalt in den Nieren bedrohlich ansteigen lassen kann und so
der Bildung von Nierensteinen genau wie K n o c h e n s c h w u n d (Osteoporose) Vorschub leis-
tet. 902 Im Gegensatz dazu k a n n Untersuchungen zufolge eine basenreiche vegetarische Er-
n ä h r u n g mit ausreichend Obst u n d Gemüse der Bildung von Nierensteinen entgegenwirken. 936

Süßigkeiten tragen wesentlich zu einer Übersäuerung des Organismus bei.

„Die westliche Kostform produziert eine große Menge an Säuren", wie H E L E N M A C D O N A L D


u n d ihr Forscherteam 2005 im American Journal of Clinical Nutrition schreiben. „Ohne
genügend basenbildende N a h r u n g s m i t t e l k a n n die Knochengesundheit gefährdet sein. Es
scheint, dass selbst eine ganz leichte chronische Übersäuerung ausreicht, um über die Zeit
einen erheblichen K n o c h e n s c h w u n d zu verursachen." 740 J O A N S A L G E - B L A K E , Professorin f ü r
Ernährungswissenschaften an der University of Boston u n d Sprecherin der Amerikanischen
Gesellschaft f ü r E r n ä h r u n g , ergänzt: „Eine E r n ä h r u n g auf pflanzlicher Basis ist nicht nur
gut f ü r die Knochen, sondern auch f ü r viele andere Dinge", wie etwa dafür, Bluthochdruck
u n d Herzkrankheiten vorzubeugen. 5 5 8

• 240 •
Dies gilt offenbar auch f ü r Krebs. Nicht von ungefähr ist Krebsgewebe extrem übersäuert. 6 6 7
Es wäre einfach zu überprüfen, wie sich verschiedene säure- u n d basenbildende Lebensmit-
tel auf das Krebsgeschehen auswirken - was leider nicht geschieht. 597 Damit sind wir erneut
bei dem Problem m o d e r n e r Forschung, die plausibel erscheinende u n d bereits gut belegte
Thesen einfach als unbewiesenen H u m b u g abtut, ohne sich die M ü h e zu machen, durch For-
schungen den von ihr selbst eingeforderten „ultimativen Beweis" zu erbringen.

Ein gesunder O r g a n i s m u s ist übrigens d u r c h a u s in der


Lage, einen vorübergehenden Überschuss an Säuren ab- Selbst die etablierte Krebsfor-
zupuffern, indem er sie mithilfe seiner körpereigenen Re- schung hat die Bedeutung der
gulationssysteme (Bicarbonat- oder Phosphatpuffer) über Übersäuerung inzwischen erkannt.
die Mobilisierung von Mineralien neutralisiert u n d d a n n Das National Cancer Institute der
über die Ausscheidungsorgane D a r m , Nieren, Lungen, USA schreibt auf seiner Website,
Haut- u n d Schleimhaut entsorgt. Dadurch wird erreicht, dass „erhöhte Harnsäureniveaus
dass lebenswichtige Gewebe u n d Flüssigkeiten im Körper im Blut und im Urin ein Nebeneffekt
immer einen bestimmten, physiologischen pH-Wert haben. von Chemotherapie und Bestrahlung
sein können".788 Und in einer Arbeit,
Der pH-Wert des Blutes zum Beispiel muss ständig zwi- die 2008 im Fachmagazin PLoS
schen 7,35 u n d 7,45 (also im leicht basischen Bereich) Genetics erschien, heißt es, dass
einreguliert sein, um keine lebensbedrohliche Situation „die Laktat-Azidose [= Übersäuerung
entstehen zu lassen. Daher liegt es auf der H a n d , dass eine des Blutes] und Sauertoffmangel
Lebensweise, die viel Fleisch oder Süßigkeiten u n d wenig zwei bedeutende Faktoren sind für
bis keine Frischkost enthält, Alkohol- u n d M e d i k a m e n - die Tumorentwicklung". 544 Dass
t e n k o n s u m beinhaltet u n d mit viel Psychostress sowie die Übersäuerung des Körpers die
einer Pestizid-, Feinstaub- u n d Mobilfunkstrahlenbelas- Grundlage für das Entstehen von
tung verbunden ist, über kurz oder lang die Puffersysteme Krebszellen ist, die übrigens stets ein
des Körpers überfordert. Dies k a n n d a n n dazu f ü h r e n , übersäuertes Milieu benötigen, hat
dass schädliche Säuren im Gewebe hängen bleiben u n d bereits der Medizinnobelpreisträger
dort die Zellen nachhaltig schädigen. OTTO WARBURG schon vor langer
Zeit dargelegt. WARBURGS Thesen
Um erste A n h a l t s p u n k t e zu b e k o m m e n , ob eine Über- wurde über Jahrzehnte von offizieller
säuerung vorliegen könnte, k a n n jeder mittels pH-Wert- Seite heftigst bekämpft, doch
Messstreifen, die in jeder Apotheke erhältlich sind, den mittlerweile wurden seine Theorie
pH-Wert seines Urins messen. Die erste m o r g e n d l i c h e bestätigt. 1002
Messung des M i t t e l s t r a h l u r i n s sollte, so wird gesagt,
schwach sauer (pH-Wert von 6,5 bis 7) ausfallen, der Wert
ca. zwei Stunden nach einer Mahlzeit schwach basisch (7,5 bis 8). Um eine genaueres Bild zu
liefern, müssen diese Tests über mehrere Tage zu festgesetzten Uhrzeiten d u r c h g e f ü h r t wer-
den. Seine Ergebnisse lassen jedoch nur eine Tendenz erkennen. Exaktere Aussagen liefern
laborchemische Untersuchungsmethoden wie die Säure-Basen-Maßanalyse des Urins u n d
der Jörgensen-Test für das Blut. Eine genaue Aussage darüber, wie übersäuert bestimmte Ge-
webe im Körper sind, liefern diese Tests natürlich nicht.

• 241 •
Der pH-Wert ist ein Maß für die Stärke
der sauren bzw. basischen Wirkung einer
wässrigen Lösung. Der pH-Wert (pondus
Hydrogenii) gibt Auskunft darüber,
welchen Säuregehalt die Flüssigkeit auf
einer Skala von o bis 14 hat. pH-Werte
kleiner als 7 werden als sauer bezeich-
net, oberhalb von 7 als basisch.

Was lässt sich gegen Ü b e r s ä u e r u n g tun? Therapeutisch ist eine Ü b e r s ä u e r u n g vor allem
durch die E r n ä h r u n g zu beeinflussen. Der Verzehr von basisch wirkenden Lebensmitteln
mit einem h o h e n Gehalt an basischen Mineralstoffen u n d Spurenelementen versorgt die
Pufferorgane mit „Munition" gegen Säuren. Diese Basen liefern Gemüse, Obst (auch Zit-
rusfrüchte), Salate, Kartoffeln u n d Kräuter. Auch rechtsdrehende Milchsäure soll sich hier
positiv auswirken.

Um auf einmal einen ganzen Schwung Basen in den Körper zu bekommen, k a n n man auch
Basensalzpräparate einnehmen. Wie nützlich traditionelles Backpulver (Natrumbikarbonat)
sein k a n n , haben vereinzelte Studien gezeigt. So konnte durch die Gabe von Backpulver bei
Ratten der Ausbildung von Nierenzysten entgegengewirkt werden. 969 In einer anderen Studie
w u r d e n Patienten, die unter Nierensteinen litten, erfolgreich mit Natriumbikarbonat behan-
delt. 970 In einer weiteren Arbeit heißt es: „Krebsmedikamente wirken bekanntlich nicht so
effektiv gegen Krebszellen, weil diese kanzerogenen Zellen in einer sauren Umgebung liegen.
Mithilfe von althergebrachtem basischen Natriumbikarbonat konnte der pH-Wert des über-
säuerten Krebsgewebes jedoch angehoben bzw. in eine basische Richtung verschoben u n d
dadurch die Effektivität der chemotherapeutischen Krebsmedikamente gesteigert werden." 899

Eine Forschungsarbeit der University of Pittsburgh aus dem Jahr 2005 spricht sich aus
diesem G r u n d explizit d a f ü r aus, die positive W i r k u n g von Backpulver in umfangreichen
Studien an Patienten genau zu untersuchen. 4 9 6 Doch bis sich die offizielle Medizin dazu
d u r c h r i n g t , k a n n noch viel Zeit vergehen. Nicht zuletzt, weil Backpulver im Vergleich zu
Medikamenten spottbillig ist u n d damit praktisch kein Geld verdient werden kann. Auf dem
Markt sind verschiedene Basenpulver erhältlich, von denen viele Backpulver bzw. Natrium-
bikarbonat enthalten. Doch dies k a n n auch Probleme bereiten, da die mit Natriumbikarbo-
nat angereichten Basenpulver auch den D a r m basischer machen können. „Ein Darmmilieu,
das in eine basische Richtung verschoben wird, hat den Nachteil, dass es gekennzeichnet ist
durch eine k r a n k m a c h e n d e Darmflora", so der Umweltmediziner J O A C H I M M U T T E R . 7 7 7

• 242 •
K A R L - H E I N Z W A G N E R , Professor f ü r E r n ä h r u n g s w i s s e n s c h a f t e n aus W i e n stellt hierzu fest:

„Eine Zahl von Untersuchungen weist darauf hin, dass der p H - W e r t einen wesentlichen
Marker f ü r den Zustand des D a r m s darstellen dürfte." Im Laufe des Lebens, erläutert WAG-
NER, steige der pH-Wert sukzessive von sauren 4,5 bei Säuglingen auf potenziell k r a n k m a -
chende basische 7,5 im Alter an; zugleich w ü r d e n Störungen wie chronische Verstopfung,
Durchfall und Blähsucht zunehmen. Offensichtlich sei dies eine Folge jahrzehntelanger Fehl-
ernährung. D a f ü r spricht auch, dass eine E r n ä h r u n g , die reich an Ballaststoffen ist, den pH-
Wert im Darm senken kann, wie europäische Studien zeigen.

„Daneben gibt es Hinweise, dass ein hoher pH-Wert im D a r m das Entstehen von D a r m k r e b s
begünstigt", so W A G N E R . 9 7 8 SO ist Südafrika mit seiner Vielfalt unterschiedlicher Kulturen
prädestiniert dafür, verschiedene E r n ä h r u n g s g e w o h n h e i t e n im Z u s a m m e n h a n g mit dem
pH-Wert und D a r m e r k r a n k u n g e n zu erforschen. Ein Team u m den Biochemiker A L E X A N D E R
R.P. W A L K E R aus Johannesburg machte sich diesen U m s t a n d zunutze u n d zeigte im British

Journal of Cancer auf, dass der Stuhl von Menschen aus der weißen Bevölkerung am Kap
im Vergleich zu Afrikanern, Mischlingen u n d den Nachfahren indischer Sklaven einen be-
sonders hohen pH-Wert aufweist - u n d dass parallel dazu f ü r die Weißen das Risiko, an
Darmkrebs zu erkranken, deutlich am höchsten liegt. Die Autoren schließen aus ihren Er-
gebnissen, dass ein hoher pH-Wert bzw. tendenziell basischer Stuhl das Darmkrebs-Risiko
erhöht. 981 ' 982

Viele pilgern jährlich ans Tote Meer, um darin zu baden und sich von den verschiedensten Erkrankungen zu
erholen. Dieses Erlebnis kann man in der heimischen Badewanne mithilfe von Salzkristallen aus dem Toten
Meer nachempfinden.

• 243 •
W e n n m a n also Basenpulver benutzt, so empfiehlt es sich, auf Präparate zurückzugreifen,
die nicht auf Basis von N a t r i u m b i k a r b o n a t (Backpulver) bzw. N a t r i u m zusammengestellt
sind. 777 Z u m a l Gemüse u n d Obst einen hohen Gehalt an basisch wirkenden Mineralien wie
Kalium u n d Magnesium aufweisen, aber nur Spuren von N a t r i u m . An diesem Vorbild der
N a t u r orientieren sich wenige Basenpulver, die nicht nur frei von Natrium sind, sondern da-
rüber hinaus auch keinen Milchzucker (Laktose) beinhalten. Ein besonders hoher therapeu-
tischer Nutzen wird durch Baseninfusionen erzielt. Hier werden die Basen nicht über den
M u n d aufgenommen, sondern injiziert; sie müssen so nicht erst durch den Verdauungstrakt,
sondern gehen direkt ins Blut u n d von dort zu den Organen.

Sehr entspannend ist ein Basenbad. D a f ü r wird einfach Natriumbikarbonat oder auch Bade-
salz aus dem Toten Meer im Badewasser aufgelöst - u n d schon liegt man in einer basischen
Flüssigkeit, die nicht nur Säuren aus dem Körper zieht u n d dadurch schmerzlindernd wirkt,
sondern auch besonders wohltuend f ü r die Haut ist. „Dass ein Basenbad von Säuren befreit,
k a n n jeder leicht selbst überprüfen", so M I C H A E L W O R U T S C H E K , Facharzt für Allgemeinmedi-
zin u n d Naturheilverfahren. „ D a f ü r muss m a n nur, nachdem m a n das Badewasser mit dem
Badesalz angereichert hat, einen in Apotheken erhältlichen pH-Teststreifen in das Wasser
halten. Dieser dürfte d a n n z u m Beispiel einen pH-Wert von 8 anzeigen, was klar im basi-
schen Bereich liegt. Badet m a n n u n 30 bis 60 M i n u t e n u n d hält d a n n noch mal einen pH-
Teststreifen in das Wasser, so wird der pH-Wert um 1 bis 2 Punkte auf 7 oder 6 gefallen sein.
Das heißt: Säure w u r d e aus dem Körper ausgeschieden." 9 9 3

Bereits 1 9 2 4 stellte der deutsche Medizinnobelpreisträger O T T O W A R B U R G fest, dass Krebs-


zellen - im Gegensatz zu gesunden Zellen - Energie ohne Sauerstoff (also anaerob) erzeugen
u n d dabei unter anderem Milchsäure produzieren. 9 8 4 Dieses Phänomen wurde als Warburg-
P h ä n o m e n nach ihm benannt.

Die Energiegewinnung ohne Sauerstoff k a n n wohlgemerkt auch bei gesunden Zellen vor-
k o m m e n . Nicht nur bei jeder Zellteilung wird kurzzeitig auf sauerstoffarme Energiegewin-
n u n g umgeschaltet, um das Erbgut zu schützen. Auch wenn bei einem Sprint oder 800-Me-
ter-Lauf die Belastung des Körpers so stark ist, dass er den Sauerstoffbedarf der Muskulatur
zur Energiegewinnung nicht m e h r durch die A t m u n g decken kann, so müssen die Muskeln
kurzfristig ohne Sauerstoff a u s k o m m e n (und wenn die Belastung andauert, k o m m t es zur
A n h ä u f u n g von Milchsäure in den Muskelzellen u n d im Blut). Der Unterschied zur Krebs-
zelle ist: W e n n m a n gesunden Zellen, die gerade ohne Sauerstoff Energie produzieren, wie-
der Sauerstoff z u f ü h r t , so stellen sie sofort wieder auf die Verbrennung von Traubenzucker
(Glukose) um u n d produzieren dadurch Energie (ATP). Nicht so die Krebszellen! Wird ihnen
Sauerstoff z u g e f ü h r t , so bleibt es bei ihnen, gemäß der mittlerweile bestätigten Theorie von
W A R B U R G , bei der Vergärung (statt Verbrennung) der Glukose.

• 244 •
H i n t e r g r u n d ist, dass Krebszellen auf M i t o c h o n d r i e n - u n d C h r o m o s o m e n e b e n e d u r c h
Stressfaktoren wie Schwermetalle oder Strahlenbelastungen derart geschädigt werden, dass
sie nicht mehr in der Lage sind, eine normale (sprich auf Sauerstoff basierte) Energiegewin-
nung zu vollziehen. Stattdessen können sie Energie n u r noch unter Vergärung von Glukose
erzeugen. Diese Form der Energiegewinnung ist aber ü b e r h a u p t nicht effizient. Krebszel-
len benötigen r u n d 20- bis 30-mal so viel Traubenzucker wie eine normale Zelle, um Ener-
gie herzustellen u n d Zellteilung/Wachstum zu ermöglichen. 5 6 4 „Dies ist ein G r u n d dafür,
dass Tumorpatienten im E n d s t a d i u m extrem abmagern",
so der U m w e l t m e d i z i n e r J O A C H I M M U T T E R . „ D e n n der
Traubenzucker aus der E r n ä h r u n g reicht bei ihnen nicht Der Vergärungsprozess bei der
mehr aus, sodass Muskelgewebe zu Traubenzucker f ü r die Energiegewinnung von Krebs-
Krebszellen umgewandelt wird u n d dadurch die Muskel- zellen hat zur Folge, dass eine große
masse schrumpft." 7 7 7 Menge an Milchsäure ausgeschieden
wird, die wesentlich dafür verant-
Ais Folge davon k a n n aus den Krebszellen Milchsäure wortlich zeichnet, dass dieser Vor-
ausströmen, wodurch Krebszellen nicht nur einen Säure- gang gefährlich wird. „So kann es
schutzmantel erhalten, sondern auch das umliegende Ge- dadurch zu einer lokalen Anhäu-
webe in Teilen aufgelöst wird. Dies erleichtert es Krebs- fung der produzierten Milchsäure
zellen, sich auszubreiten. 956 Doch damit nicht genug: Die kommen, wodurch fatale Folgen vor-
Milchsäure stimuliert die B l u t g e f ä ß n e u b i l d u n g 738 u n d programmiert sind", so der Biologe
hilft damit, Anschluss an das Gefäßsystem zu b e k o m m e n . J O H A N N E S F . COY, d e r e l f J a h r e a m

„Zum einen wächst dadurch das Krebsgeschwür schnel- Deutschen Krebsforschungszentrum


ler", so J O H A N N E S F. COY. „ Z u m a n d e r e n finden die sich in Heidelberg geforscht hat. „Dabei
ausbreitenden Krebszellen Zugang zum Blutgefäßsystem, bildet sich bei den Krebszellen
was die Bildung von Fernmetastasen leichter macht." 5 6 4 quasi ein Säureschutzmantel aus."
Und in der Tat h a b e n Studien ergeben, dass je m e h r Dies ist der Grund dafür, warum
Milchsäure von einem T u m o r p r o d u z i e r t w i r d , desto einige Akteure des menschlichen
wahrscheinlicher bilden sich Metastasen u n d u m s o gerin- Immunsystems wie T-Lymphozyten
ger ist auch die Überlebenszeit der Patienten. 979 oder natürliche Killerzellen ihre
Aufgaben am Tumorherd weniger
Dieses Phänomen - dass Krebszellen einen übersteigerten gut oder gar nicht erledigen können.
Bedarf an Glukose haben u n d diese verstärkt zu Milch- Damit ist unsere beste körpereigene
säure vergären - k ö n n t e auch ein Therapieansatz sein. Waffe gegen Krebszellen außer Kraft
Ziel ist es dabei, die Krebszellen praktisch auszuhungern, gesetzt. 607
indem m a n nur noch in überschaubaren Mengen hoch-
wertige Kohlenhydrate in Form von Obst oder Vollkorn-
produkten zu sich n i m m t , die langsam ins Blut übergehen u n d alle Nährstoffe mitliefern, die
zur adäquaten Verarbeitung der Kohlenhydrate notwendig sind. Vermieden werden sollten
hingegen isolierter Weißzucker u n d Weißmehlprodukte, weil diese den Blutzuckerspiegel im
Blut nach oben jagen u n d f ü r Zuckerwellen sorgen können, von denen sich die Krebszellen
ernähren. Zugleich muss d a f ü r gesorgt werden, dass alle nötigen Nährstoffe in den Körper
fließen (u.a. Aminosäuren, Omega-3- u n d andere Fettsäuren).

•245 -
Damit Krebszellen ausgehungert werden, müssen überschießende Blutzuckerspiegel vermieden werden.
Das wird beispielsweise durch eine Kost erreicht, die konsequent auf Gemüse und auch auf Vollkornprodukte
setzt.

Durch den Entzug von Kohlenhydraten u n d Zucker in der N a h r u n g (die der Körper umwan-
delt in f ü r Zellen verwertbare Glukose) sowie durch einen ruhigen Lebenswandel mit mög-
lichst wenig Stress wird praktisch der gesamte Stoffwechsel umgestellt. Durch die fehlende
Glukose wird kein Insulin mehr freigesetzt u n d somit auch nicht mehr in die Körperzellen
transportiert. Damit fehlt den Zellen ihr primärer „Brennstoff", um Energie zu produzieren.

Diese Notlage bringt die gesunden Zellen dazu, Energie dadurch zu erzeugen, dass sie auf
die Verwertung von sogenannten Ketonkörpern umschalten. Ketonkörper sind Stoffwech-
selprodukte, die beim verstärkten Fettabbau entstehen. Vielen Krebszellen hingegen, so die
These, soll diese Umschaltung nicht oder nur sehr schwer gelingen. Mit dem Ergebnis, dass
die Krebszellen praktisch verhungern, da sie ja aus Ketonkörpern, Fetten oder Ölen keine
Energie gewinnen können - u n d auch aus Glukose nicht mehr, da sie nur unzureichend zur
Verfügung steht.

Einigen Krebszellen mag die Umschaltung auf die Ketonkörper-Verbrennung zwar noch ir-
gendwie gelingen - doch dies geht nur, wenn sie ihre beschädigten Mitochondrien wieder
aktivieren (was etwa durch sanften Sport erreicht werden kann). Dadurch büßen sie aber
ihren Milchsäureschutzschild ein, sodass das körpereigene Immunsystem sie wieder angrei-
fen u n d eliminieren k a n n .

•246 -
Diese sogenannte ketogene Diät, bei der die gesunden Zellen des Körpers ihren Energie-
bedarf vor allem durch Fette bzw. K e t o n k ö r p e r a n s t a t t d u r c h Glukose stillen u n d die
Krebszellen aushungern lässt, wird neuerdings auch im Z u s a m m e n h a n g mit Krebs der wis-
senschaftlichen Literatur diskutiert. 4 9 5 Der Krebsforscher COY z u m Beispiel hat in diesem
Zusammenhang ein Ernährungskonzept entwickelt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:
• speziell kombinierte Ölmischungen
• hoher Anteil von Eiweiß, Ballaststoffen und sekundären Pflanzenstoffen
• schonende Entsäuerung
• Einschränkung der verwertbaren Kohlenhydrate (maximal 70 g pro Tag)
• Wichtig ist die Kombination aller Bausteine, da eine kohlenhydratarme E r n ä h r u n g alleine
nicht ausreicht.

An der Universität Würzburg wurde eine solche ketogene Diät, bei welcher der Körper sei-
nen Energiebedarf zum erheblichen Teil aus N a h r u n g s f e t t bezieht, in einem Tierversuch
überprüft. Die eine G r u p p e erhielt dabei ein S t a n d a r d f u t t e r (36 Prozent Kohlenhydrate),
die andere Gruppe die kohlenhydratarme u n d fettreiche Kost (unter anderem mit reichlich
mehrfach ungesättigten Omega-3-Fettsäuren). Das T u m o r w a c h s t u m war bei den speziell er-
nährten Mäusen deutlich verzögert u n d es w u r d e n weniger neue Blutgefäße gebildet. Die
Krebsgeschwülste wurden im Anschluss operativ entfernt u n d untersucht. Dabei zeigte sich,
dass in der nach dem Coy-Prinzip e r n ä h r t e n Versuchsgruppe die Tumoren verstärkt im In-
neren abgestorben waren. 874

Das sind natürlich noch keine endgültigen Heilungserfolge u n d gerade bei Krebs sind Ver-
suche mit Labormäusen nur sehr bedingt auf den Menschen übertragbar (siehe Seite 102 ff.,
Kapitel 2). Allerdings wird in der Deutschen Zeitschrift für Onkologie von bemerkenswerten
einzelnen Therapieerfolgen einer ketogenen Diät nach COY in Kombination mit Nährstoff-
infusionen berichtet. Erzählt wird z u m Beispiel die Geschichte von einem m ä n n l i c h e n Pa-
tienten, bei dem im Sommer 2005, als er A n f a n g 30 war, ein bösartiger H i r n t u m o r - ein
sogenanntes Glioblastom - diagnostiziert wurde. Anschließend erhielt er zunächst f ü r etwas
mehr als sechs Wochen eine Kombination aus C h e m o t h e r a p i e u n d Bestrahlung u n d an-
schließend noch Chemotherapie allein. Das Geschehen b e k a m e n die b e h a n d e l n d e n Ärzte
aber nicht in den Griff, der Tumor flammte wieder auf. Eine neue Chemotherapie-Sitzung
brach der Patient ab. Ende April 2007 begann er mit einer konsequenten E r n ä h r u n g s u m -
stellung auf eine ketogene Diät. Zusätzlich erhielt er von einem Heilpraktiker Infusionen,
die jeweils nach Durchsicht der Bluttestwerte unter anderem Vitamine, Mineralstoffe, Spu-
renelemente, das Aminosäureabbauprodukt Taurin sowie das zentral wichtige Antioxidans
Glutathion enthielten. Für Ende Juni 2007 war d a n n im International Neuroscience Institute
in Hannover ein OP-Termin angesetzt, um den wieder gewachsenen Tumor zu entfernen.
Doch die A u f n a h m e n , die mit einem Magnetresonanz-Tomographen gemacht wurden, zeig-
ten, dass der Herd deutlich geschrumpft war, sodass auf die vorgesehene Operation verzich-
tet wurde. 986

• 247 •
Dieses Beispiel zeigt erneut, wie gut sogenannte ganzheitlich-biologische Therapiekonzepte
auch bei Krebs anschlagen können u n d wie sinnvoll es ist, nicht nur auf einen Faktor wie die
E r n ä h r u n g zu setzen, sondern zugleich auch an anderen „Stellschrauben" wie Nährstoffinfu-
sionen oder Bewegung, Schwermetallentgiftung, sanfte Sonnenbäder usw. zu drehen, um die
Wahrscheinlichkeit eines Therapieerfolges so hoch wie möglich zu machen.

G e n a u s o ermutigend ist der Fall einer Patientin unserer Autorin J U L I A N E S A C H E R . Bei ihr
w u r d e im Juni 2007, als sie 62 Jahre alt war, ein sehr großer Blasentumor, der bereits durch
die Blasenwand h i n d u r c h gewachsen war, festgestellt. Zwei zu Rate gezogene Urologen
empfahlen eine sofortige Operation mit Totalentfernung der Blase, die anschließende Ein-
setzung einer künstlichen Blase sowie Chemotherapie. „Anders geht es nicht&q