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Christian Bachmann

DIE KREBSMAFIA
Intrigen und Millionengeschäfte mit einer Krankheit

Vorwort von Frederic Vester

Editions Tomek
Für Maja

Ich danke den zahlreichen Personen, die durch Anregungen, Mit-


teilungen, Literaturvermittlung, Diskussion und Kritik mitgeholfen
haben, daß dieses Buch entstehen konnte.

Frauenfeld, im Januar 1981 C. B.

© 1981 R. St Tomek
»Casablanca« - Principauté de Monaco
Alle Rechte, einschließlich der fotomechanischen oder elektronischen Wiedergabe,
vorbehalten
Umschlag: Urs Kohli, Bern
Lektorat: Bettina Stahel
Gesamtherstellung: Weisermühl, Wels
ISBN 2-86443-009-6
Inhalt

Vorwort 7

Einleitung

1 Der betrogene Patient 19

2 Der Vietnamkrieg gegen den Krebs 33


3 Das Establishment 65
4 Die »Wohltäter« 95

5 Wunder oder Schwindel? 119

6 »Es gibt keine Krebsdiät« 133


7 Das Ghetto der Steiner-Jünger 157

8 Bücherverbrennung 177

9 Strahlengeschichten I97

10 Psycho-Terror 22 5
11 Der Fall Issels 253

12 Die Kostenfrage 279


13 Was tun gegen Krebs? 289

Quellenhinweise 305
Vorwort

In einer dreibändigen Zusammenstellung der Deutschen Forschungs-


gemeinschaft berichteten kürzlich 2495 Krebsforscher aus insgesamt
780 Instituten über den Stand ihrer Arbeit. Ergebnis der letzten Jahr-
zehnte: eine Palette neuer krebshemmender Arzneimittel, immer raffi-
niertere und kostspieligere Bestrahlungs- und Diagnosegeräte und der
Nachweis einer großen Zahl krebserzeugender Chemikalien und Um-
weltgifte. Einzig interessante Frage: Wie viele Menschen werden auf
Grund dieser Ergebnisse heute weniger von Krebs befallen, bezie-
hungsweise mehr geheilt als früher?
Die Statistik weist aus, daß 1955 etwa 95 000 Bundesbürger an den ver-
schiedenen Krebsarten starben, 1975 jedoch bereits rund 150000 -
ohne daß die Bevölkerung entsprechend zugenommen hätte. Und die
Zahl steigt weiter. Es ist daher wohl kaum zu leugnen, daß die eta-
blierte Krebsforschung und Krebstherapie seit über 20 Jahren in einer
Sackgasse stecken. Dennoch werden nach wie vor wesentliche alterna-
tive Richtungen und Innovationen nicht gefördert, nicht ernsthaft auf
neuartige Wirkungen geprüft, ja zum Teil gezielt unterdrückt.
Die Krebsmafia - ein schockierender Titel. Gibt es sie also wirklich?
Sicher nicht im Sinne des Familienclans, des bewußt organisierten,
straff geleiteten Erpressungs-, Unterdrückungs- und Einschüchte-
rungssyndikats. Der Autor hat diesen Titel vor allem gewählt, um die
undurchdringliche Phalanx zu beschreiben, mit der das an den Hebeln
sitzende Establishment - bewußt oder unbewußt - jedes Eindringen
»Artfremder« abblockt.
Mir selbst erscheint diese »Mafia« als das Ergebnis einer zufälligen Sy-
stemstruktur äußerst unterschiedlicher, getrennt und dennoch parallel
wirkender Interessengruppen. Da wäre z. B. der medizinische Klüngel
mit seinen verständlichen Finanzinteressen; die etablierte Forschung
mit ihren geldverschlingenden Programmen, die von der öffentlichen
Hand immer neu gefüttert werden müssen, wo Doktorarbeiten laufen,
für die man Geld braucht, und Forschungen durchgeführt werden,
weil Publikationen fällig sind; dann die Apparatehersteller der Indu-
strie mit ihren immer neu anrückenden Groß-Robotern, -Scannern,

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-Bestrahlungs- und -Analysengeräten, die ihre teuren Maschinen na-
türlich nur mit gutem Gewissen verkaufen können, wenn sie vom me-
dizinischen Establishment abgesichert sind; und schließlich die Offi-
ziellen, die Politiker und Administratoren, die Jahr für Jahr Steuergel-
der verteilen im guten Glauben, sie in die richtigen Kanäle fließen zu
lassen, und für die es natürlich schwer ist, zuzugeben, daß sie vielleicht
jahrzehntelang auf das eine oder andere falsche Pferd gesetzt haben.
Auch ihnen hilft dann vielfach nur die Flucht nach vorne - und das
heißt, eingefahrene Wege weiter und noch höher zu unterstützen und
alles andere links liegen zu lassen. Zugegebenermaßen haben sie es -
ähnlich wie in vielen Umweltbereichen - nicht leicht, sich aus dem
Wust von sich zum Teil widersprechenden Gelehrtenmeinungen ein
Urteil zu bilden. Wem sollen sie jeweils glauben?
Dennoch gibt es unzweifelhaft eine kleine Zahl von »Drahtziehern«,
die bewußt, wenn auch vielleicht nicht wider besseres Wissen, jegli-
chen neuen oder bisher nicht zum Zuge gekommenen Ansatz unter-
drücken. Wie sonst könnte es regelrechte Anweisungen geben, die in
der harmlosen Verpackung wissenschaftlicher Fachbücher aufzeigen,
an welchen »Merkmalen« der zu unterdrückende Vertreter einer un-
erwünschten Forschungs- oder Behandlungsrichtung zu erkennen ist.
So liest sich folgender Passus aus einem onkologischen (sich mit der
klinischen Krebsforschung beschäftigenden) Fachbuch schon recht
makaber, wo anhand eines simplen Rezeptkatalogs bestimmt wird, was
als pseudo-wissenschaftlich und was als wissenschaftlich zu gelten hat
und welche Merkmale für das Quacksalbertum sprechen (das es selbst-
verständlich durchaus gibt, aber eben nicht nur im unorthodoxen La-
ger, sondern wohl genauso in der etablierten Krebsforschung und -the-
rapie). In einem Kapitel, das bezeichnenderweise mit »Medikamente
und Methoden ohne nachgewiesene therapeutische Wirkung« über-
schrieben ist* (als wenn die Schulmedizin auf dem Krebssektor viel an-
deres aufzuweisen hätte!), gilt es danach schon als verdächtig, wenn be-
stimmte Methoden folgende Eigenschaften haben, die sie gegenüber
der Schulmedizin auszeichnen: Keine unangenehmen oder gefährli-
chen Nebenwirkungen (!), schlecht definierbare Extrakte aus Pflanzen,
* Brunner und Nagel (Hrsg.): Internistische Krebstherapie, Kap. 4. Springer Verlag, Ber-
lin 1979.

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biologische Produkte oder homöopathische Präparate, weiterhin wenn
eine besondere Diät zur Behandlung gehört (!) und auch selbst dann,
wenn es sich bei dem therapeutischen Effekt um eine immunologische
Wirkung handeln soll.
Bereits mit dieser Liste werden mehrere vielversprechende Wege von
vorneherein als unseriös abgestempelt, so daß sich die meisten ange-
henden Mediziner und Doktoranden biologischer Forschungsrichtun-
gen schon im voraus hüten werden, solche heißen Eisen anzufassen.
Das Ergebnis: die heißen Eisen wurden so erst gar nicht ernsthaft ge-
prüft. Als besonders unmoralisch - ohne den Bumerangeffekt zu er-
kennen - wird im übrigen gebrandmarkt, wenn solche Richtungen den
Patienten Heilung oder zumindest einen Therapieerfolg versprechen -
also letztlich genau das, was die Schulmedizin unbekümmert tut. Auch
folgende Bemerkung schlägt wohl eher ins eigene Lager zurück und
verfehlt die als Diffamierung gedachte Wirkung: »Es muß heute als
unethisch bezeichnet werden, einem Krebspatienten eine Therapie zu
verabfolgen, deren Nützlichkeit und Verträglichkeit nicht nach den
geltenden erprobten Regeln untersucht worden ist.« Was die geltenden
Regeln sind, bestimmt selbstverständlich das Establishment.
Gibt es die Mafia im Krebsbereich also doch? In dem obigen Sinne ge-
wiß. Bachmann zeigt deutliche Parallelen auf und beschreibt, was hier
womöglich aus einer zufälligen Konstellation von in die gleiche Rich-
tung gehenden Interessen entstanden ist, was jedoch in der Auswir-
kung dann bestimmte Ergebnisse zeitigt, wie sie auch eine »ehrenwerte
Gesellschaft« nicht viel anders hervorbringt. N u r daß hier beim Krebs
- so könnte man es bösartig formulieren - die Zahl der durch die Ver-
nachlässigung alternativer und ganzheitlicher Aspekte und somit auch
einer echten Vorbeugung womöglich frühzeitig ins Jenseits Beförder-
ten beachtlich größer ist als beim organisierten Verbrechertum.
Ich finde es daher gut und notwendig, daß nach aufklärenden Büchern
aus der Krebsforschung selbst, wozu ich mein auf der Fernsehreihe
»Krebs und Zelle« beruhendes Taschenbuch »Krebs - fehlgesteuertes
Leben« ebenso zähle wie die so ungeliebten, weil wahrscheinlich doch
der Wahrheit sehr nahekommenden Attacken des Dr. Hackethal51' oder

* J. Hackethal: Keine Angst vor Krebs. Molden Verlag, München 1978.

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die verblüffenden Ergebnisse der beiden indischen Mediziner Kothari
und Mehta, die in ihrem Buch »Ist Krebs eine Krankheit« jene von
Stahl, Strahl und Chemotherapie ins Feld geführte »Erfolgsstatistik«
völlig auseinandernehmen und ad absurdum führen, nun ein Journalist
zu Wort kommt, der hier von verschiedenen Aspekten aus und an kon-
kreten Einzelfällen die zum Teil schockierende Entwicklung eine der
größten Pleiten unserer medizinischen Forschung aufzeigt. Dinge, die
der Laie allenfalls ein wenig aus verstreuten Pressemeldungen ahnen
konnte. Bachmann wählt dazu nur einige Protobeispiele aus. Sie sind
gewissermaßen typisch, denn es gibt ein Vielfaches davon, ja täglich
tauchen neue Fälle auf, die seine Aussagen nur noch bestätigen. Dabei
ist er vor allem den Hintergründen der Unterdrückung nachgegangen,
mit der die »Krebsmafia« zum Schaden der Patienten die ihr unwill-
kommenen Außenseitermethoden verdrängt, durch die ihre Macht-
stellung gefährdet werden könnte.
Bachmanns Beispiele spiegeln wider, wie der Mechanismus in solchen
Fällen abläuft. Er ist nicht neu, und wir begegnen ihm ebenso in Berei-
chen der Kunst, des Sports, in der Politik und im übrigen Wissen-
schaftsbetrieb. Doch hier beim Krebs, wo Prestigefragen und Recht-
haberei, wo Geldmacherei und Revierverteidigung gegenüber der noch
ungelösten Aufgabe zurücktreten und alle am selben Strang ziehen
sollten, sind solche Vorgänge ganz besonders verwerflich.
Daß es sie tatsächlich gibt, kann ich als Insider nur bestätigen. Denn
auch der Fall meiner eigenen Forschung ist ähnlich gelagert, wobei ich
allerdings selbst weit davon entfernt bin, mich als Märtyrer zu sehen.
Schließlich habe ich nie aus meiner wissenschaftlichen Meinung einen
Hehl zu machen brauchen, ja, mein Ansatz wurde sogar lange Zeit -
wenn auch mit bescheidenen Mitteln - von Pharmafirmen wie auch
von der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterstützt, und meine
Gruppe durfte jahrelang Gast im Max-Planck-Institut sein. Daß die
Zeit noch nicht reif war, daß man in der Tat diese Forschung blockier-
te, die Weiterführung einer unbequemen Richtung verhinderte und
schließlich abwürgte, sehe ich als zwangsläufige Konsequenz der gege-
benen Konstellation an. Und aus dieser Konsequenz zog ich dann die
meine: ich habe in anderer Weise weitergearbeitet - und sicher nicht
weniger fruchtbar. So warte ich ab, bis der »Zeitgeist« sich so weit

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gewandelt hat, daß er einen mehr ganzheitlichen Ansatz in der Krebs-
forschung zum Tragen bringt, was durchaus schon bald der Fall sein
kann.
Dafür habe ich mich inzwischen intensiver mit der Frage beschäftigt,
welches wohl die Ursachen dieser Konstellation sind. So ist eine der
Hauptschwierigkeiten bei der Bekämpfung der Krebskrankheiten
wohl die, daß hier bis heute weder eine eindeutige Krankheitsursache
noch eine eindeutige Bestimmung der Krankheit selbst existiert; ja,
selbst die Frage, ob es überhaupt eine »Krankheit« ist, steht noch offen.
Bei dieser Sachlage ist es - das leuchtet schon jedem Laien ein - ein Un-
ding, mit einem vorgefaßten Dogma über das, was Krebs ist, an die Er-
forschung heranzugehen. Will man weiterkommen, so wird man, wie
ich es in meinem letzten Buch »Neuland des Denkens« ausdrückte,
»mit wissenschaftlichen Tabus ebenso brechen müssen wie mit den
Tabus der bestehenden Forschungs- und Lehrstätten, die ja an festste-
hende, historisch bedingte Konzepte von Zeit- und Lehrplänen ge-
bunden sind. Denn feststehende Lehrpläne führen zu feststehenden
Forschungsprogrammen, zu feststehenden Untersuchungsschemata
und schließlich auch zu feststehenden Schablonen darüber, wie selbst
neue Forschungsrichtungen anzugehen seien. N u r deshalb reagieren
auch die eingefahrenen Strukturen unseres Gesundheitswesens heute
weder auf das dringende Bedürfnis des Umweltschutzes noch auf das
einer echten Krebs Vorbeugung - nicht zu verwechseln mit der umstrit-
tenen Früherkennung -, noch auf die veränderte Situation in der Ar-
beitswelt, in unserer Lebensweise oder Ernährung.«
Ich möchte nicht verschweigen, daß es in dieser neuen Richtung bereits
positive Wandlungen gibt, Änderungen in dem nun schon viele Jahr-
zehnte dauernden Spiel. Nicht nur in Kreisen der praktizierenden Me-
diziner und auch einiger Universitätskliniken, sondern auch was die
offizielle Haltung einiger Ministerien betrifft. Das Bundesministerium
für Jugend und Gesundheit ebenso wie entsprechende Abteilungen des
Bundesministeriums für Forschung und Technologie haben sich
durchgerungen, »auch außerhalb der schulmedizinischen Kenntnisse
liegende Verfahren zur Bekämpfung bösartiger Neubildungen zu prü-
fen«. Zumindest ein Lippenbekenntnis, das allerdings nur dann ver-
wirklicht wird, wenn man entsprechende Forschungsanträge nicht

Ii
wieder von Gutachtern aus dem Lager der Schulmedizin beurteilen
läßt, also den Bock nicht zum Gärtner macht.
Jedenfalls beginnt man sich darüber klar zu werden, was Bachmann in
diesem Buch aufzeigt, nämlich wie instabil doch das Fundament des
vom Krebs-Establishment mit viel Flickwerk errichteten Gebäudes ist,
dessen Anspruch, Maßgebliches auf dem Gebiet der Krebsforschung
geleistet zu haben, durch die Resultate keineswegs gerechtfertigt ist.
Damit ist aber auch nicht mehr die vielleicht tausendmal größere
Summe an Forschungsmitteln gerechtfertigt und die jederzeit bereit-
willige Amtshilfe, die den anderen, mehr ganzheitlichen Richtungen
versagt waren. Eine Lage, an der sich in der Tat jahrzehntelang nichts
änderte.
Bachmann als Wissenschaftsjournalist versucht nun nach seinen sich
recht schwierig gestaltenden Recherchen mit aller Sorgfalt Bilanz zu
ziehen. Bilanz darüber, was denn nun eigentlich an der Krebsszene -
und zwar der Krebsbehandlung wie der Krebsforschung - im Grunde
faul ist und was dem bisherigen Unvermögen (und wohl nur zum
kleinsten Teil bösem Willen), bei der Bekämpfung dieser eigenartigen
Krankheit weiterzukommen, zugrunde liegt. Stück für Stück deckt er
die Facetten jener grotesken Situation auf, daß wir heute trotz milliar-
denhoher Summen und eines riesigen Forschungsapparats jener mo-
dernen Geißel der Menschheit immer noch ohnmächtig gegenüberste-
hen, und bestärkt das Gefühl, das in weiten Kreisen ohnehin vorhan-
den ist, daß eben doch nicht alles getan worden ist, was getan werden
konnte.
Nicht daß ich a priori überzeugt wäre, mit den unterdrückten, unor-
thodoxen Methoden hätte die Krankheit längst besiegt werden können
- meine eigene, seit Jahren nicht mehr geförderte Forschung über
krebshemmende Mistelproteine nicht ausgeschlossen.
Wie viele Wissenschaftler sehe ich nur einfach, daß eine bestürzende
Zahl vielversprechender Pfade sträflich vernachlässigt wurde, d. h.
nicht mit der erforderlichen wissenschaftlichen Unbefangenheit, noch
den adäquaten Methoden, noch dem nötigen Respekt und dem daraus
resultierenden vollen Einsatz auf ihre speziellen Chancen hin verfolgt
wurde. Daraus spricht eine Verantwortungslosigkeit der Entschei-
dungsträger, die angesichts des unsäglichen Leids, das die Krebskrank-

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heit über die Betroffenen bringt, ein Gefühl der Verzweiflung und der
Verbitterung aufkommen läßt. Ganz besonders bei jenen Menschen,
die in ihrem näheren Umkreis, bei Freunden oder in der eigenen Fami-
lie - auch ich gehöre dazu - die Einseitigkeit, aber auch Ohnmacht des
bestehenden medizinisch-wissenschaftlichen Ansatzes spüren.
Warum werden Forschungsrichtungen, die nicht ins Schubladenden-
ken passen, nie ernsthaft und konsequent durchgezogen? Vor was
fürchtet sich das Establishment? Daß der Versuch gelingen könnte?
Andererseits würde sich sicher jeder zufriedengegeben haben, wenn
wirklich klargestellt worden wäre, daß der eine oder andere vermutete
Weg nicht geht. Doch so wird die Unruhe weiter gären - und gerade
dann wird man der Scharlatanerie Tür und Tor öffnen, wenn man, wie
bisher, mit vorgefaßten Meinungen, d. h. letztlich unwissenschaftlich,
neue Ansätze verurteilt, lediglich weil sie unüblich sind. Zur Zeit je-
denfalls lassen alle Versuche, den Krebs zu bekämpfen, auch die offi-
ziellen, mehr Fragezeichen zurück als Antworten.
Der beobachtete wissenschaftliche Dogmatismus - so wenig begründet
er inzwischen auch erscheint - läßt sich schon aus einer einzigen for-
schungspolitischen Fehlentwicklung heraus hinlänglich erklären.
Denn vieles spricht dafür, daß hier die unselige Entscheidung eine
Rolle spielte, ausgerechnet ein Forschungsgebiet, welches seinen Weg
noch gar nicht gefunden hat, in großen Krebsforschungszentren, wie
bei uns demjenigen von Heidelberg, unter eine zentrale Führungslinie
zu bringen. Wo es um Innovationen geht, muß dezentral gearbeitet
werden. Hat man den Weg einmal gefunden, dann können die Kräfte
vereint und auf das erkannte Ziel gerichtet werden. Doch genau dieses
liegt nach wie vor im dunkeln, bzw. eine Reihe mindestens ebenso viel-
versprechender Ziele wie das bisher verfolgte warten darauf, daß man
ihr Potential entdeckt.
So hatte diese Zentralisierung notgedrungen genau das zur Folge ge-
habt, was eigentlich ihre Voraussetzung gewesen wäre: Ein Ziel anzu-
peilen, auf das alle Kräfte konzentriert werden. Daß dabei dasjenige
Ziel herausgegriffen wurde, welches den Tumor als lokale Angelegen-
heit der Zellen sieht und gleichzeitig einen enormen apparativen und
medizinischen Aufwand verlangt, wo eine Behandlung die andere nach
sich zieht, eine »Verbesserung« die andere jagt und damit die Weiterbe-

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schäftigung von Forschungskapazität ebenso garantiert wie den stei-
genden Aufwand der Bekämpfungsmethoden, all dies mag Zufall sein.
Gewiß aber war dieser Zufall den daran Beteiligten nicht sonderlich
unangenehm.
Doch das Dilemma selbst ist geblieben. Die Zahl der Krebskranken
ist trotz aller Bemühungen weiter gestiegen. Dieser Anstieg wird
gerne im Vergleich zur Jahrhundertwende angeführt. Denn er unter-
stützt die These, daß lediglich die Diagnosen besser und das Lebens-
alter höher geworden sind, womit sich logischerweise in der Statistik
mehr Krebstodesfälle zeigen, in Wirklichkeit also eine Zunahme gar
nicht stattgefunden hat. Weit aufschlußreicher ist jedoch der anfangs
aufgezeigte Vergleich der letzten Jahrzehnte, in denen sowohl Bevöl-
kerungszahl als auch mittleres Lebensalter praktisch gleichgeblieben
sind.
Damit meine ich die Zeit, in der all jene gewaltigen Anstrengungen an
Früherkennung, immer raffinierterer Bestrahlung, dem Einsatz mo-
dernster Operationstechniken und immer aggressiverer Chemothera-
peutika gemacht wurden und in der die Zahl der Krebstodesfälle in
zwei Jahrzehnten dennoch um 60 % zugenommen hat. Wo ist hier der
Erfolg? Wenn er wenigstens gleich Null wäre, doch in Wirklichkeit hat
sich die Lage verschlimmert. All dies angesichts einer konstanten Ver-
hinderung von Innovationen, die wir bei jener Lage doch wohl mit am
dringendsten gebraucht hätten. Kein Aufruf nach einer Neuorientie-
rung kann hier zu vehement sein, keine Anklage laut genug.
Der Mißerfolg des offiziellen Ansatzes, jener Suche nach Einzelursa-
chen und der lokalen Bekämpfung des Tumors zeigt aber auch nur
allzu deutlich, daß an den krebsartigen Erkrankungen - ganz ähnlich
wie bei den Kreislaufkrankheiten - etwas besonderes sein muß. Ein
Blick in die Medizingeschichte lehrt uns, daß wir noch im vorigen
Jahrhundert eine recht gleichmäßige Verteilung der Todesursachen auf
gut 20 verschiedene Krankheiten hatten. Dann verschob sich das Bild
immer mehr auf zwei spezifische Krankheitsgruppen, Herz-Kreislauf-
Schäden und Krebs (die heute rund 70 % aller Todesfälle ausmachen)
und damit in Richtung allgemeiner Schädigungen der regulierenden
Systeme: des Gefäßsystems, des vegetativen Nervensystems, des Hor-
monsystems und des Immunsystems, bis zur Störung in der Regula-

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tion des Zell- und Gewebestoffwechsels bei den bösartigen Krankhei-
ten. In der Tat betreffen letztere im Unterschied zu den meisten ande-
ren Leiden biologische Grundvorgänge und Zusammenhänge, die den
ganzen Organismus durchdringen. Subtile innere Steuerungsvorgänge,
die nicht mit Schäden vergleichbar sind, wie sie durch Verletzungen,
Vergiftungen und Infektionen bestimmt werden, dafür offenbar um so
stärker durch die Art unserer heutigen Lebensführung. Krebsvorgänge
müssen einfach von einer anderen Warte betrachtet werden als die übli-
chen Organstörungen, so wie es auch dem heutigen Stand der Wissen-
schaft und nicht der bornierten Anschauung von auf ihre Rechtferti-
gung fixierten Dogmatikern entspricht: als Kommunikationsgesche-
hen zwischen den einzelnen Zellen, den Zellen und dem individuellen
Organismus sowie dem Organismus und seiner Umwelt.
Eine umfassendere Anschauung wird sich hier immer stärker heraus-
schälen: »Gerade beim Krebs - von den typischen >Berufskrebsen<
einmal abgesehen - geht es weniger um direkt auslösende Ursachen als
um günstige und ungünstige Konstellationen. Es geht um genetische
Schäden ebenso wie um Gleichgewichte zwischen Hormonhaushalt,
Zellstoffwechsel, immunologischer Fremderkennung und psychoso-
matischen Einflüssen, die Mensch und Krebsgeschehen als Ganzheit
erfassen. Wie sehr hier Ursache und Wirkung verschmelzen, Rück-
koppelungen entstehen und Geistiges, Psychisches und Körperliches
einander überlagern, zeigen selbst die konventionellen Ergebnisse der
Krebsforschung, wenn man sie z. B. im Hinblick auf die Beziehungen
zwischen den Immunvorgängen und den übrigen Bereichen interpre-
tiert So ist die enge Beziehung einer Krebsdisposition von hier über
das Hormonmuster zu psychischen Vorgängen wie Depressionen und
andere Streßbelastungen nicht mehr zu übersehen.
Doch gerade dadurch ist das Geschehen nicht mehr durch Einzelversu-
che in den Griff zu bekommen. Denn sobald Konstellationen im Spiel
sind, also mehrere Ursachen und mehrere Wirkungen miteinander ver-
flochten sind, ist der übliche Weg des wissenschaftlichen Kontrollver-
suchs (der von den Etablierten immer so gerne propagiert wird) nicht
mehr anzuwenden. Und damit stoßen wir auf den Kern des Dilemmas:
Konstellationen, die sich dadurch auszeichnen, daß sich mehrere Re-
gulationsbereiche überlagern, können auch bei sehr unterschiedlichen

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Einzeldaten die gleiche Wirkung haben und bei identischen Einzelda-
ten oft gegenteilige Wirkungen*.«
In diesem Falle ist also der Ansatz nicht mehr lokal, sondern genau in
jenem Verbund von Lebensweise, Diät, Immunabwehr, psychischer
Entspannung, biologischer Unterstützungstherapie usw. zu suchen.
Da diese Grundlagen von denen, die über die Forschungsmittel zu ent-
scheiden hatten, bis vor kurzem ignoriert wurden und man den Krebs
a priori, d. h. ohne jeglichen Beweis, hartnäckig als lokales Geschehen
einzelner Zellen zu betrachten sich versteifte, das mit dem Rest des Or-
ganismus nichts zu tun hat, wurden auch die Untersuchungen über die
beteiligten Regulationsvorgänge und ihre Berücksichtigung bei der
Krebsbekämpfung (und damit all diejenigen Arbeitsrichtungen, die auf
dieser Basis arbeiten) von den Gesundheitseinrichtungen wie von vie-
len Forschungsstätten jahrzehntelang sträflich vernachlässigt und, wie
in diesem Buch gezeigt wird, sogar entsprechende Forschungen mit
äußerst unfairen Mitteln regelrecht abgewürgt.
Mir persönlich scheint jedoch gerade dort der einzige wissenschaftlich
vertretbare Ansatz zu liegen, der dieser Krankheit adäquat ist. Und so
glaube ich, daß die Zeit nunmehr reif ist, die durch nichts gerechtfer-
tigte Überheblichkeit aufzudecken, mit der das medizinisch-wissen-
schaftliche Establishment solche ganzheitlichen Ansätze in der Krebs-
bekämpfung bisher unterdrückt hat. Bachmanns erregend geschriebe-
ner Bericht setzt in dem beginnenden Trend einer Neubesinnung einen
Markstein, der innovativen Wegen abseits der ausgetretenen Pfade
zum Durchbruch verhelfen kann. Vielleicht werden manche harten
Urteile, die in diesem Buch gefällt werden, auch denen, die sich von ih-
nen betroffen fühlen, in etwas anderem Licht erscheinen, wenn sie
daran denken, daß sie selbst jederzeit als Opfer des etablierten Unver-
mögens für eine Hilfe dankbar sein mögen, die dann vielleicht aus einer
jener allzu lange verachteten Richtungen kommt.
Frederic Vester

* F. Vester: Neuland des Denkens, Kap. 6: Gesundheit. Deutsche Verlags-Anstalt,


Stuttgart 1980

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Einleitung

Ich hatte mich nie besonders für Krebs interessiert. Als im Herbst 1978
das Krebsbuch von Hackethal erschien, nahm ich zwar pflichtgemäß
davon Notiz, aber das Thema packte mich erst, als ich ein Buch von
Werner E. Loeckle in die Hände bekam. Der Verlag hatte es offenbar
aus Anlaß der Hackethal-Welle neu herausgebracht. (Die Erstauflage
datierte von 1964.)
Das Buch war eine kräftige Breitseite gegen die etablierte Krebsmedi-
zin, und ich prüfte Loeckles Argumente kritisch. Einiges schien mir
etwas dogmatisch, einiges polemisch. Doch die Art und Weise, wie er
die Heilungsstatistiken zerpflückte, leuchtete mir ein, so daß ich mich
wunderte, nicht schon selbst draufgekommen zu sein. Ich nahm mir
vor, mich bei Gelegenheit näher damit zu befassen, legte das Buch bei-
seite und vergaß es.
Der zweite Anstoß war ein Telefonanruf: Ob ich Interesse hätte, einen
Krebsbericht des amerikanischen Männermagazins »Penthouse« zu
begutachten und allenfalls zu bearbeiten. Am Draht war Martin
Speich, Chefredakteur der deutschen Penthouse-Ausgabe, die in
Kürze auf dem Markt erscheinen sollte. Neben nackten Mädchen, so
versicherte mir Speich, wolle das Blatt einen angriffigen, aber seriös re-
cherchierten Journalismus bringen. Der Krebsbericht sei gut geschrie-
ben und würde sich nach Meinung des Verlegers in der deutschen
Erstausgabe gut ausnehmen. Ob ich in der Lage sei, ihn auch vom
fachlichen Standpunkt aus zu beurteilen?
Als Wissenschaftsjournalist mit Diplomabschluß in Biologie und
Grundkenntnissen in Medizin sei ich sehr interessiert, den Artikel zu
lesen und mich darüber zu äußern, sagte ich. Ich sei der Meinung,
daß an der Krebsmedizin-Kritik etwas dran sei. Natürlich stimme
meine Ansicht nicht unbedingt mit jener der Schulmedizin überein,
und wenn er die offizielle Meinung hören w o l l e . . . Das sei ihm
klar, erwiderte Speich und wollte wissen, ob ich auch recherchieren
könne.
Etwa vierzehn Tage später sagte ich, ich sei bereit, den Auftrag zu
übernehmen, kassierte einen Spesenvorschuß, und einige Monate dar-

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auf erschien nicht nur mein zweiteiliger Krebsbericht, sondern ich ent-
schloß mich, dieses Buch zu schreiben. Genauer: Ich wurde sozusagen
dazu gezwungen durch den Umstand, daß von den zahlreichen Be-
handlungsmethoden außerhalb von Stahl, Strahl und Chemotherapie,
die ich nach und nach genauer kennenlernte, erstaunlicherweise nicht
eine einzige existiert, die vom Establishment nicht unterdrückt wird.
Die Sache hat Methode, und diese Methode will ich in diesem Buch
aufzeigen.
Christian Bachmann

18
I

Der betrogene Patient

»Mama, warum arbeiten die Arzte nicht zusammen?»

Krebskrankes Mädchen, 14 Jahre,


wenige Wochen vor seinem Tod
Schlagwortabtausch um des Kaisers neue Kleider

Seit einigen Jahren ist die Krebsmedizin unter Beschuß geraten.


Schlagworte wie »Frühdiagnose ist gefährlich« oder »Seit Jahrzehnten
keine Fortschritte« schreckten viele Bürger auf, die bisher brav und re-
gelmäßig ihre Krebsspenden entrichtet hatten. Die Mediziner, um das
Vertrauen ihrer Patienten fürchtend, setzten Gegen-Schlagworte in die
Welt: Bei vielen früher absolut unheilbaren Tumoren habe man »we-
sentliche Behandlungsfortschritte« erzielen können.
Der Gefühlshintergrund, vor dem dieser Schlagwortabtausch stattfin-
det, ist von Angst geprägt: Krebs ist so ziemlich das letzte, von dem
man betroffen sein möchte. Diese Angst ist wohl der Hauptgrund für
die zunehmend aggressiven Methoden, mit denen die moderne Medi-
zin gegen den Krebs vorgeht. Sie macht vielleicht auch verständlich,
daß es viel länger dauerte als beispielsweise in der Landwirtschaft oder
in der Atomenergiefrage, bis sich auch in der Krebsbekämpfung eine
»grüne« Opposition zu bilden begann.
In den letzten Jahren schlossen sich Krebspatienten in zahlreichen
Selbsthilfegruppen zusammen. Man steht sich gegenseitig bei und wagt
mehr und mehr auch Kritik an den etablierten Behandlungsmethoden
zu üben. Ein kämpferischer Vertreter dieser Bewegung ist der Expoli-
zist Alfred Törmer, der in Wiesbaden einen Merkblätter-Versand auf-
gezogen hat. Er ist überzeugt, daß »Millionen von Menschen überflüs-
sigerweise an Krebs sterben«, weil die Schulmediziner den Patienten
gewisse Behandlungsmethoden vorenthalten 1 .
Auf Mißstände weisen jedoch auch etablierte Kreise hin. So kritisierte
ein Expertenbericht der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die
Krebsforscher würden »mehr oder weniger zufällig« das ausprobieren,
was »gerade aktuell« sei und was »die jeweilige wissenschaftliche
Gruppe für richtig« halte 2 . Den Forschern scheint es also mehr darum
zu gehen, in der Fachwelt zu Ansehen zu kommen, als wirklich alle er-
folgversprechenden Möglichkeiten auszuprobieren.
Eine sachliche Auseinandersetzung um die Chancen und Möglichkei-
ten der verschiedenen Krebsbekämpfungsmethoden findet leider kaum
statt Die Schulmedizin ist in Dogmen erstarrt, und die Gegenseite zieht

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sich oft in ein Sektierertum zurück. Einsichtige Kreise auf beiden Sei-
ten versuchen zwar seit Jahren schon eine Verständigung herbeizufüh-
ren. Doch mächtige Interessengruppen des medizinischen Establish-
ments haben es bis heute verstanden, dies zu verhindern. Die Betroge-
nen sind die Krebspatienten. Sie werden um Behandlungsmöglichkei-
ten geprellt, die ihnen wahrscheinlich bessere Uberlebenschancen oder
doch zumindest eine bessere Lebensqualität bringen könnten.
Diese Behandlungsmöglichkeiten liegen nicht in einem bestimmten
»Wundermedikament«, dessen Wirkung die Schulmediziner nicht
wahrhaben wollen. So einfach ist die Sache nicht. Tragisch ist vielmehr,
daß zwischen den aggressiven schulmedizinischen Standardmethoden
Operation, Bestrahlung und Chemotherapie einerseits und den »inter-
nen biologischen Ganzheitsmethoden« wie Diät, ungiftige Präparate,
Homöopathie und sanfte physikalische Verfahren andererseits eine
tiefe Kluft besteht. Sie verhindert, daß diese Behandlungsmethoden
miteinander kombiniert werden, obwohl immer offensichtlicher wird,
daß es gegen Krebs kein Patentrezept geben kann. Der Riß reicht so
tief, daß sogar Forschungsprojekte abseits der großen Strömung von
sturen »Gutachtern« verhindert werden, obwohl diese große Strö-
mung, mit Milliardengeldern finanziert, bisher keine erkennbaren
Fortschritte gebracht hat.
Im Jahre 1980 fanden allein in der Bundesrepublik Deutschland 14
Krebskongresse statt, dazu mindestens ebenso viele von internationa-
ler Bedeutung im übrigen Europa und in den Vereinigten Staaten 3 .
Deutsche Krebsforscher veröffentlichten zwischen 1969 und 1977
mindestens 8858 Arbeiten 4 . Dieser ausufernden Flut von Forschungs-
ergebnissen sind selbst die Fachleute nicht mehr gewachsen. Sie müs-
sen sich spezialisieren und wissen immer mehr über immer weniger.
Dem Laien nötigt der Riesenaufwand in der Krebsforschung und in der
Krebsbekämpfung zunächst einmal Respekt ab. Wenn so viele Exper-
ten eine Sache von allen nur denkbaren Seiten erforschen, dann müßte
man doch darauf zählen können, daß sich Erfolge zwangsläufig einstel-
len.
Es gehört schon etwas Mut dazu, die Krebswissenschaft als Laie kri-
tisch unter die Lupe zu nehmen. Es ist der Mut des kleinen Mädchens
im bekannten Märchen von Hans Christian Andersen, das inmitten

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einer Menschenmenge, die »des Kaisers neue Kleider« bestaunte, naiv
herausplatzte: »Aber er hat ja gar nichts an!«
Man braucht nicht Medizin studiert zu haben, um zu erfassen, was es
bedeutet, daß die häufigsten Krebsformen heute genausowenig heilbar
sind wie vor dreißig oder vierzig Jahren. Man braucht kein Krebsfach-
mann zu sein, um zu sehen, daß die Krebsforschung den Patienten bis
heute, von Ausnahmen abgesehen, nichts gebracht hat.
Natürlich mag es, wissenschaftlich gesehen, sinnvoll sein, die Lebens-
vorgänge in einer Krebszelle zu studieren. Es ist auch selbstverständ-
lich, daß neue Medikamente oder Heilverfahren in klinischen Untersu-
chungen auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Doch das Prädikat
»wissenschaftlich«, mit dem sich die etablierte Krebsmedizin bei allen
möglichen Gelegenheiten schmückt, sagt noch nichts über die Wirk-
samkeit dieser Medizin aus.
Wenn aber das Wort »wissenschaftlich« keine sachlich begründete
Qualitätsbezeichnung ist, was ist es dann? Ist es ein Public-Relations-
Trick der Ärzte, die erfolgreicher scheinen möchten, als sie sind? Oder
sollen damit die Riesensummen gerechtfertigt werden, die in die
Krebsforschung gesteckt wurden mit dem erklärten, aber nie erreich-
ten Ziel, die Heilungschancen der Krebspatienten zu verbessern? Was
auch immer zutrifft: Der Begriff »wissenschaftlich« hat auf jeden Fall
eine politische Bedeutung. Seine Zweckbestimmung wird erst in Ver-
bindung mit dem Gegenbegriff deutlich: Als »unwissenschaftlich«
gelten alle Behandlungsmethoden, die vom medizinischen Establish-
ment nicht anerkannt werden. Da es sich um »unwissenschaftliche«
Methoden handelt, brauchen sie nicht mit wissenschaftlichen Mitteln
nachgeprüft zu werden. Sie werden von vornherein als unwirksam be-
trachtet.
Bezeichnend für diese Haltung ist, daß in einem 565 Seiten starken
Lehrbuch über internistische Krebstherapie (nur ein Teilgebiet der
konventionellen Krebsmedizin) sämtliche dem Establishment nicht
genehmen Methoden auf ganzen vier (!) Druckseiten abgehandelt wer-
den. Die Hälfte davon ist zudem eine verallgemeinernde Beschreibung
»des« medizinischen Außenseiters. Das Spektrum dieser Leute, so
heißt es, reiche »von völlig ungeschulten« . . . »bis zu anerkannten Wis-
senschaftlern (inkl. Nobelpreisträger), die sich entweder auf ein Gebiet

22
außerhalb ihrer Kompetenz vorgewagt oder bezüglich Krebs eine auti-
stische Denkweise entwickelt« hätten. Sie würden »die üblichen Ka-
näle der wissenschaftlichen Mitteilung« meiden, wozu sie, wie sie sa-
gen, angeblich durch die Vorurteile des wissenschaftlichen Establish-
ments gezwungen worden seien. Sie seien »voll von Ressentiments ge-
genüber der offiziellen Schulmedizin«, würden »allgemein anerkannte
Behandlungsmethoden« kritisieren und mit Vorliebe wissenschaftliche
Fakten subjektiv verdrehen 5 .
Mit solchen bequemen Pauschalvorwürfen hält sich das medizinische
Establishment, dessen führende Vertreter in den ärztlichen Standesor-
ganisationen, auf Dozenten- und Chefarztsesseln und an den Schalthe-
beln der pharmazeutischen Industrie sitzen, die unerwünschten Au-
ßenseiter vom Leib. Unter diesen Außenseitern befinden sich Ärzte,
die zum Beispiel » Wobe-Mugos« oder Ozon-Injektionen verschreiben
und deren Adressen von Patienten unter der Hand weitergegeben wer-
den. Es finden sich unter ihnen obskure Heiler, die behaupten, Krebs
mit Gemüsesäften kurieren zu können, ebenso wie angesehene Profes-
soren, die nach strengen statistischen Kriterien klinische Untersu-
chungen durchführen. Es gibt solche, die zwischen dem Stand der Ge-
stirne und der Wirkung ihrer Medikamente einen Zusammenhang se-
hen, und es gibt streng rational denkende Forscher, deren wissen-
schaftlicher Ruf durch gezielte Kampagnen des Establishments zer-
stört wird. Die Außenseiter der Krebsmedizin bieten ein Bild, wie man
es sich bunter fast nicht vorstellen kann. Ihre einzigen Gemeinsamkei-
ten sind, daß sie der Krebsbehandlung durch Bestrahlung und Zellgifte
mehr oder weniger kritisch gegenüberstehen und daß sie von der
Schulmedizin abgelehnt werden.
Verzweifelte Krebspatienten klammern sich oft an die Hoffnung nach
einem Medikament, das ihnen sicher hilft. Gutmeinende Freunde er-
zählen ihnen von aussichtslos scheinenden Fällen, die durch diese und
jene Behandlung geheilt wurden, oder sie lesen darüber in der Regen-
bogenpresse. Doch leider sagen Einzelfälle noch nichts über die Wirk-
samkeit einer bestimmten Behandlung aus. Es ist nahezu sicher, daß
nirgends ein Wundermittel gegen Krebs existiert. Mag sein, daß eines
Tages der höchst unwahrscheinliche Fall eintritt, daß ein solches ge-
funden wird. Bis es soweit ist, bleibt nichts anderes übrig, als die bisher

23
bekannten Behandlungsmethoden schrittweise zu verbessern und -
vor allem - sinnvoll miteinander zu kombinieren.
Verbesserungsbedürftig ist vor allem die bekannte Tatsache, daß Ope-
ration, Bestrahlung und giftige Medikamente nicht nur die Krebsge-
schwulst, sondern auch gesundes Gewebe zerstören. Wer seine biswei-
len nur sehr geringen Heilungschancen wahren will, muß Tribut zah-
len: Unter dem Skalpell des Chirurgen verliert er Teile von sich selbst,
unter der Strahlenkanone und mit den Giftpillen und -spritzen gehen
Appetit, Spannkraft und sexuelle Lust verloren. Das einzig Sichere an
diesen Behandlungsmethoden ist der Schaden, den sie anrichten. Doch
die Schulmedizin zeigt überhaupt kein Interesse, ihre aggressiven Be-
handlungsmethoden durch Kombination mit ungiftigen Präparaten zu
mildern.
Es sind keineswegs nur die als »Scharlatane« abgestempelten Außen-
seiter der Medizin, die dafür plädieren. So fordert der Professor und
Doppeldoktor Ernst Krokowski, ärztlicher Chef der Kasseler Strah-
lenklinik, der sich selbst »zu den ganz klassischen Schulmedizinern auf
der Basis der exakten Naturwissenschaften« zählt, daß die Schulmedi-
zin versuchen sollte, »verschiedene, andernorts eingehend diskutierte
Möglichkeiten« zu nutzen und nicht »ohne jede Uberprüfung« die
Bremse zu ziehen 6 .
Ein anderer Doppeldoktor, der Wiener Universitätsprofessor Hein-
rich Wrba, hatte an einem Symposium in Salzburg erklärt, daß die En-
zymbehandlung »vor, während und nach Bestrahlungen ein hochwirk-
sames Kausaltherapeutikum ohne jede schädliche Nebenwirkung für
den Patienten« sei. Die Unterdosierung oder das vorzeitige Absetzen
dieser Mittel sei als Kunstfehler zu betrachten, und es sei »unverständ-
lich«, daß derartige ungiftige Präparate »aus Nachlässigkeit oder Inter-
esselosigkeit« dem Patienten vorenthalten und von Kliniken und
Krankenkassen abgelehnt würden 7 .
Mag sein, daß da mehr handfeste Interessen als Nachlässigkeit im Spiel
sind. Einfache und billige Behandlungsmethoden, die zwar nicht mehr
nützen, dafür aber weniger schaden, könnten für die teuren Bestrah-
lungsapparaturen und chemischen Kombinationspräparate zu einer
ernsthaften Konkurrenz werden. Die pharmazeutische Industrie hat in
den letzten Jahrzehnten riesige Summen in die Entwicklung neuer

24
Zellvernichtungsstoffe gesteckt. Mit ihnen, keineswegs aber mit En-
zymen und anderen Naturheilpräparaten, soll nach der Operation das
Wachstum neuer Tumoren verhindert oder das Sterben unheilbarer
Patienten verlängert werden, oft um den Preis zusätzlicher, durch die
Behandlung verursachter Leiden. So will es offenbar die offizielle
Lehrmeinung.
Millionenfach werden dadurch die Krebspatienten betrogen: nicht un-
bedingt um ihre Heilungschancen, aber mindestens um die Qualität
des Lebens, das ihnen noch bleibt.
Die spanische Hausfrau Dolores Fernandez, deren Lebensgeschichte
im folgenden erzählt wird, ist nur ein Fall unter vielen. Er zeigt nicht
nur die zerstörenden Nebenwirkungen der Behandlung, die bis zur
Auslösung von neuen Krebsgeschwülsten führen können, nicht nur
den Einfluß der psychischen Verfassung und der Lebensumstände auf
die Widerstandskraft gegen die Krankheit, sondern vor allem auch den
Druck, mit dem viele Schulmediziner ihre Patientinnen und Patienten
bei der konventionellen Stange halten. Verschiedene Untersuchungen
zeigen, daß ihnen das anscheinend in den meisten Fällen gelingt:
Krebspatienten tun typischerweise das, was man von ihnen erwartet.

Die Geschichte der Dolores Fernandez

»Mir scheint die Geschichte etwas untypisch zu sein«, kritisierte Voj-


tech B., dem ich mein Manuskript zum Lesen gegeben hatte.
Natürlich, ich wolle ja nicht behaupten, daß solche Fehlbehandlungen
die Regel seien, sondern damit nur zeigen . . .
»Nein, so meine ich das nicht«, unterbrach mich B. »Im Gegenteil, das
kommt sehr häufig vor, nicht nur in Spanien und nicht nur vor vielen
Jahren. Das müßte man noch besser herausarbeiten.«
N u n ja - wie typisch ein Fall ist, darüber läßt sich immer streiten. Si-
cher werden Hunderte oder Tausende von Patienten gegen Krebs be-
handelt, die gar keinen Krebs haben. Aber welcher von ihnen ist ty-

2
5
pisch? Als Autor eines kritischen Krebsbuches kann man hingehen,
Dutzende von Fällen sammeln und daraus den schlimmsten aussuchen.
Schließlich will man ja Aufsehen erregen, auf Mißstände hinweisen.
Obwohl es vielleicht so aussieht, war es in diesem Fall aber nicht so. Ich
hatte nämlich ursprünglich nicht die Absicht, Krankengeschichten zu
bringen. Doch da erzählte mir ein Freund, der von meinem Buchpro-
jekt erfuhr, die Geschichte seiner Schwiegermutter.
So fand die Geschichte der Dolores Fernandez * den Weg in dieses
Buch - rein zufällig, wenn man so will. Der Bericht ist ganz bewußt
nicht »objektiv«, sondern aus der Sicht der betroffenen Patientin ge-
schrieben. Ich verwendete dazu Aussagen und schriftliche Aufzeich-
nungen von Dolores' Tochter Maria, die einen medizinischen Beruf ge-
lernt hatte und mir deshalb ziemlich präzise Angaben machen konnte.
Da ich nicht Spanisch kann und Maria kein Deutsch spricht, fungierte
mein Freund Martin als Dolmetscher.
»Mit 37 Jahren«, berichtet Maria, »stieß sich meine Mutter mit ihrer
Brust an einer Tischkante, worauf sich eine schmerzhafte, haselnuß-
große Geschwulst bildete.« Dolores hatte zwar schon längere Zeit
harte Knoten in der Brust gehabt, aber diese hatten nie geschmerzt. In
den drei Jahren vor Beginn des Spanischen Bürgerkriegs hatte sie zwei
Söhne und eine Tochter geboren. »Nach meiner Geburt traten in ihrer
Brust diese Knoten auf«, erzählte Maria. »Der Arzt sagte, es handle
sich um eine Mastitis, eine Verhärtung der Milchdrüse, die weiter nicht
schlimm sei.«
Da die Schmerzen nicht nachließen, suchte Dolores ihren Hausarzt
auf, nennen wir ihn Dr. A. Dr. A. tastete die Geschwulst ab und emp-
fahl Dolores Dr. B., einen Chirurgen. Auch Dr. B. tastete die Stelle mit
seinen Händen ab und sagte, man müsse die Geschwulst entfernen und
analysieren. Er schickte Dolores also zu Dr. C., einem Pathologen.
Dieser nahm im September 1948 eine Biopsie vor.
Als Dolores den Befund abholen wollte, sagte man ihr, die Resultate
seien leider verwechselt worden. Eine andere Patientin mit dem Na-
men Fernandez sei schon wegen derselben Biopsie dagewesen und
habe nach dem Befund gefragt, und auch ihr habe man kein Ergebnis

* Alle Namen und Ortsangaben sind selbstverständlich geändert.

26
mitteilen können. Von den beiden Biopsien sei die eine positiv, die an-
dere negativ, und mehr könne man leider nicht sagen. Mit dieser lapida-
ren Notiz kam Dolores nach Hause, und nun wurde beraten, was wei-
ter zu tun sei. Dolores' Mann sagte, er kenne einen berühmten Arzt,
Professor D., der eben von einem Auslandskongreß zurückgekommen
sei. Man beschloß, diesen Arzt aufzusuchen und ihn um Rat zu fragen.
Professor D. ließ sich von Dolores eine Urin- und eine Speichelprobe
geben, die er nach Frankreich zur Analyse sandte. Als der Bericht von
Dr. E. aus dem französischen Labor eingetroffen war, erklärte Profes-
sor D., Dolores habe noch 6 Monate zu leben, ob sie operiert würde
oder nicht Man ging nun zu einem anderen Arzt, Dr. F., den Dolores'
Mann von seiner Tätigkeit als Ärztebesucher her gut kannte. Dieser
gab ihm den Rat, einen Radiologen aufzusuchen, und empfahl Dr. G.
Dieser Radiologe spielt in Dolores' Lebensgeschichte eine Hauptrolle,
deshalb soll er auch einen richtigen Namen bekommen: Gutierrez.
Dolores suchte ihn im November auf, in Begleitung ihrer Tochter Ma-
ria. Dr. Gutierrez studierte die Berichte der Ärzte A. bis F., tastete die
Stelle an der Brust ab und verordnete Dolores 30 Tage Bestrahlung. Im
Laufe dieser Behandlung spritzte er ihr den Inhalt von 2 Schachteln mit
männlichen Hormonpräparaten ein. Mit der Zeit verschwanden die
harten Knoten, und Dolores' Brust wurde wieder normal weich. Dafür
wurde aber ihre Stimme tiefer, und auf ihrer Oberlippe bildete sich ein
Schnurrbart. Dr. Gutierrez empfahl, nicht zu operieren. Doch Dolo-
res, verängstigt durch den französischen Krebsbefund und die Aussage
des »berühmten« Arztes, daß sie nur noch sechs Monate zu leben habe,
wollte alles tun, was nur irgend möglich war. Hinter dem Rücken des
Radiologen beschloß sie, sich trotzdem operieren zu lassen.
Als Dolores im Februar 1949 operiert wurde, war aus der lebenslusti-
gen und eigenwilligen Frau eine geworden, die gelernt hatte, ihre eige-
nen Bedürfnisse hintanzustellen und das zu tun, was man von ihr er-
wartete. Die Ärzte entfernten ihre rechte Brust. Trotz Schmerzen im
rechten Arm verrichtete Dolores bald nach der Operation wieder ihre
gewohnte Arbeit. Da die Schmerzen nicht verschwanden, suchte Do-
lores den Radiologen Dr. Gutierrez auf.
Maria erzählt: »Ich begleitete jedesmal meine Mutter zu Dr. Gutierrez.
Er hat sie wieder an verschiedenen Stellen abgetastet und Röntgenauf-

27
nahmen gemacht. Dann schrieb er ein Rezept für den Arzt, der die Be-
strahlungen durchführte, und bezeichnete auf der Haut die Stellen, die
bestrahlt werden mußten.« Eine weitere Gewebeprobe wurde nicht
gemacht
»Etwas später bekam ich ebenfalls einen Tumor«, sagt Maria. »Es war
ein Knoten in der Nasenhöhle. Dr. Gutierrez verschrieb auch mir Be-
strahlungen. Ich wurde einige Male bestrahlt, und die Haare begannen
mir schon auszufallen. Glücklicherweise geriet ich dann in die Hände
eines erfahrenen Chirurgen, der eine Biopsie anordnete. Die Gewebe-
untersuchung ergab, daß es sich um einen gutartigen Tumor handelte.
Dieser wurde in einer ziemlich heiklen Operation entfernt.«
Einige Jahre vergingen mit vierteljährlichen Kontrolluntersuchungen
des Radiologen. Als Dolores 40 wurde, traten Schmerzen in ihrer rech-
ten Achselhöhle auf. Darauf verschrieb ihr Dr. Gutierrez 30 Sessionen
Radiotherapie an jener Stelle. Die Bestrahlung war so stark, daß die
Haut verbrannte. Dolores mußte ständig Talkum auflegen.
Ein Jahr später bekam sie so starke Schmerzen im Brustbein, daß sie
den rechten Arm nicht mehr heben konnte. Dr. Gutierrez machte
Röntgenaufnahmen von der Wirbelsäule, da er vermutete, einige Wir-
bel könnten verschoben sein. Da er aber nichts fand, entschloß er sich
dazu, über dem schmerzenden Brustbein während 48 Stunden vier Ra-
diumnadeln einpflanzen zu lassen. Diese Behandlung fand im Spital
statt.
Beim Entfernen der Radiumnadeln sagte Dr. Gutierrez, daß die
Schmerzen nicht nachlassen würden, solange Dolores noch ihre Pe-
riode bekomme. Es sei am besten, jetzt die Periode zu unterbrechen.
»Wir könnten die Eierstöcke herausoperieren lassen«, sagte Dr. Gut-
ierrez, »aber es ist natürlich einfacher, wenn wir sie bestrahlen.«
Der passionierte Radiologe wollte diesen Fall nicht dem Chirurgen
überlassen, sondern selber behandeln. An der Stelle, wo sich die Ra-
diumnadeln befunden hatten, entwickelte sich später eine Delle.
Nachdem der 41jährigen Dolores die Eierstöcke ausgetrocknet wor-
den waren, blieb nicht nur ihre Periode aus. Wie damals bei der Hor-
monbehandlung wurde auch ihre Stimme tiefer - »fast wie bei einem
Mann« —, sie bekam einen Oberlippenbart, und auch ihre Schamhaa-
re fielen aus. Die Schmerzen im Arm gingen zwar einige Monate lang

28
etwas zurück, doch bekam sie als Folge der dauernden Bestrahlungen
eine Phlebitis am linken Arm, eine schmerzhafte Verhärtung der unter
der Haut liegenden Venen. Nachdem Penicillin und andere Antibio-
tika nichts halfen, suchte Dolores den Venenspezialisten Dr. H. auf.
Dieser spritzte ein blaues Medikament (»Purazuleno«) und verschrieb
ihr Tabletten. Die Phlebitis verschwand.
Wenig später traten an den Knien, Hand- und Fingergelenken rheuma-
tische Schmerzen auf. Auch dagegen verordnete Dr. Gutierrez Be-
strahlungen, dazu Injektionen von Orthopiron. Eine der Spritzen ver-
letzte den Ischiasnerv. Die Schmerzen, die wegen dieses Kunstfehlers
entstanden, wurden mit Kurzwellen-Therapie auf der ganzen rechten
Körperseite behandelt.
»Von da an sind die Zeitdaten unpräzise«, sagt Maria, »denn meine
Mutter kann sich wegen der vielen Medikamente, die sie damals ein-
nehmen mußte, nicht mehr genau erinnern.« Jedenfalls wurde Dolores
im Verlauf von etwa zehn Jahren periodisch untersucht und bestrahlt
Die Schmerzen blieben, aber Dolores klagte nie darüber. Da sie jede
Nacht husten mußte und manchmal sauren Magensaft erbrach, ging sie
zu Dr. L, einem Spezialisten für Innere Medizin.
Dolores mußte einen Schlauch schlucken, und durch diese Magen-
sonde entdeckte Dr. I. einen Bruch im Magen. An ihrem Hals stellte er
überdies eine Geschwulst fest. Als sie wieder Dr. Gutierrez aufsuchte,
schalt der sie aus, weil sie über zwei Jahre nicht mehr zur Kontrollun-
tersuchung gekommen war. Er las den Befund von Dr. I. über die Ge-
schwulst am Hals und verordnete ohne weitere Untersuchung eine
Kobaltbestrahlung. Die Bestrahlung dauerte einen Monat
In dieser Zeit verschlimmert sich nun Dolores' Zustand rapide. Nicht
nur die Geschwulst bildet sich zurück, sondern auch das darunter-
liegende Gewebe wird zerstört. Zudem verschieben sich Speise- und
Luftröhre: Dolores verliert ihre Stimme, kann kaum mehr schlucken
und leidet an chronischem Erbrechen und an Schwindel. Ihr rechter
Arm schwillt so stark an, daß sie ihn nicht mehr bewegen kann. Ver-
schiedene Medikamente werden dagegen ausprobiert, aber keines hilft
Schließlich gibt es weitere Komplikationen. Dolores leidet so starke
Schmerzen in den Halswirbeln, daß sie ihren Kopf nicht mehr bewegen
kann. Sie wird behandelt von dem Rheumaspezialisten Dr. K. Ein
Jahr lang muß sie einen festen Kragen tragen, der ihren Kopf fixiert. Da
die Schmerzen nicht nachlassen, geht sie wieder zum Radiologen, der
sie erneut am Hals bestrahlt. Ihr Sohn Jaime, wie sein Vater in der
Pharmaindustrie tätig, schickt Dolores zu verschiedenen befreundeten
Kollegen und Professoren, die gegen Erbrechen, Schwindel, Schmer-
zen und den geschwollenen Arm Medikamente verschreiben. Eine
Besserung tritt nicht ein, und Dolores muß weiter erbrechen.
Nachdem Dr. I. den Bruch festgestellt hatte, verschrieb er Medika-
mente gegen die Magensäure und ordnete an, daß das Bettgestell am
Kopfende um fünfzehn Zentimeter höhergelagert werden müsse. Das
Erbrechen verschwand dadurch nicht, dafür konnte Dolores kaum
schlafen, und die Schwindelgefühle verstärkten sich, da der Kopf man-
gelhaft durchblutet wurde.
Maria hatte inzwischen den Schweizer Martin geheiratet. Bei einem
Besuch in Spanien, als Dolores wieder einmal über Schlaflosigkeit klag-
te, entfernten Maria und Martin die Betthochlagerung. Dolores konnte
besser schlafen, und ihr Erbrechen wurde nicht schlimmer. Doch beim
nächsten Besuch war das Kopfende wieder hoch, denn Jaime besuchte
seine Mutter jede Woche und bestand darauf, daß die Anordnungen
von Dr. I. eingehalten werden müßten.
Dolores verbrachte jetzt die meiste Zeit des Tages auf dem Sofa und litt
an Depressionen. Sie ging kaum mehr aus und besorgte die nötigsten
Einkäufe gleich um die Ecke. Gegen die Depressionen wurden Antide-
pressiva verschrieben, immer wieder andere Präparate, deren Wirkung
aber nach kurzer Zeit wieder nachließ. Als Nebenwirkung der Antide-
pressiva verschlimmerten sich Dolores' übrige Symptome. Neben ver-
stärktem Erbrechen und Schwindel litt sie nun an Verstopfung und
mußte Abführmittel nehmen.
Maria und ihr Mann versuchten, Dolores von diesem übermäßigen und
schädlichen Medikamentenkonsum abzubringen. Aber gegen den Wil-
len von Jaime war nichts zu machen. Dolores fürchtete, daß er sich
dann nicht mehr so oft um sie kümmern würde, wenn sie seine Anwei-
sungen nicht befolgte. Da Dolores' rechter Arm noch immer schmerz-
haft geschwollen war und die Depressionen nicht nachließen, schlug
Martin vor, es einmal mit dem Homöopathen Dr. L. zu versuchen. Er
selbst hatte sehr gute Erfahrungen mit Dr. L. gemacht. Nach längerem


Suchen gelang es Martin, diesen Arzt wieder ausfindig zu machen. Es
war ein Schulmediziner, der nach einigen Jahren Praxis sich bei einem
chinesischen Spezialisten in Genf zusätzlich in Akupunktur hatte aus-
bilden lassen. Martin schlug vor, Dolores von diesem Arzt behandeln
zu lassen. Jaime hatte für diesen Vorschlag nur Spott übrig und nannte
Dr. L., den er persönlich nicht kannte, einen Scharlatan, ohne sich auch
nur im geringsten nach seiner Behandlungsmethode zu erkundigen.
Da Jaime kategorisch erklärte, für die Folgen einer kombinierten Ho-
möopathie- und Akupunkturbehandlung keine Verantwortung über-
nehmen zu wollen, weigerte sich Dolores, sich von Dr. L. untersuchen
zu lassen. Jaime schickte Dolores zu einer Ärztin, Frau Dr. M. Sie
empfahl eine spezielle Gymnastik für den geschwollenen Arm. Diese
wurde vermutlich nicht sachgemäß ausgeführt, denn Dolores bekam
starke Schmerzen im Hals. Eine Röntgenaufnahme zeigte, daß die
Halswirbel verschoben waren. Die Gymnastik wurde deshalb wieder
aufgegeben. Dann versuchte es Frau Dr. M. mit einem in den USA
entwickelten Dränagegerät, das die aufgestaute Flüssigkeit aus dem
Arm entfernen sollte. Sogar die Akupunktur, inzwischen in Mode ge-
kommen, wurde jetzt ausprobiert. Doch aus den Einstichstellen
tropfte Gewebeflüssigkeit, und die Schmerzen ließen nicht nach.
Wieder versuchten Maria und Martin, Dolores soweit zu bringen, ih-
ren Tablettenkonsum einzuschränken und auch andere Heilmittel aus-
zuprobieren. Von ihren Ärzten, einschließlich ihrem Sohn, bekam sie
folgende Medikamente verschrieben, die sie regelmäßig einnahm:
»Ecuanil:'~« (Tabletten), »Nobritol F« (F wie Fuerte, stark. Eines der
vielen Antidepressiva), »Antiacid« (gegen Magensäure), »Buscapina«
(Zäpfchen gegen Schmerz, Schwindel und Krämpfe), »Dinistenile
B 12« (Spritzen, vitaminhaltig), »Dormodor« (Schlaftabletten) und
viele andere.
Aus der Schweiz brachte Maria ihrer Mutter verschiedene Naturheil-
präparate mit: Weizenkeimpastillen zur Besserung des Allgemeinbe-
findens, einen Tee zur vermehrten Wasserausscheidung (gegen die
Armschwellung), eine Salbe zum Einreiben sowie Tröpfchen. Dolores
weigerte sich, den Tee zu schlucken und die Salbe einzureiben. Durch

" Spanische Handelsbezeichnungen

31
viele Worte ließ sie sich schließlich überzeugen, wenigstens die Tröpf-
chen und die Pastillen zu nehmen.
»Die Tröpfchen wurden ihr von Jaime wegen des Magens verboten«,
berichtet Martin. »Die Kapseln seien ihr aber gut bekommen, sagte sie,
und so brachten wir ihr beim nächsten Besuch wieder eine Packung
mit. Diese nahm sie aber nicht mehr, weil Jaime sich ständig darüber
lustig machte und sagte, das Zeug könne sie ebensogut wegwerfen.«
Vor zwei Jahren traten in der vorderen Brustregion erneut starke
Schmerzen auf. Frau Dr. M. ordnete Röntgenaufnahmen und eine
Punktion an, bei der Flüssigkeit entnommen und analysiert wurde.
Das Resultat war positiv, das heißt, es wurden bösartige Zellen festge-
stellt, wie Maria von Jaime erfuhr.
Seit zwei Jahren steht also fest, daß Dolores Fernandez Krebs h a t
Ohne genaue Diagnose war sie kastriert und 30 Jahre lang bestrahlt
worden. Ob sie in dieser Zeit je krebskrank war, muß bezweifelt wer-
den. Waren jene Stellen, die der Radiologe Dr. Gutierrez bestrahlt hat-
te, gar keine Krebsgeschwülste, sondern vielleicht rheumatische Ver-
änderungen? Trat der Krebs erst als Folge der vielen Bestrahlungen
auf? Genau läßt sich das nicht sagen, aber aus der Fachliteratur sind
solche Fälle bekannt. Es gilt als erwiesen, daß Bestrahlungen Krebs er-
zeugen können.
Frau Dr. M. sagte, Dolores' Brustregion sei durch die vielen Bestrah-
lungen schon so stark verbrannt, daß man keine weitere Radiotherapie
mehr durchführen könne. Sie verschrieb deshalb das »hormonähnli-
che« Präparat »Nolvadex«. Dolores bekam davon so fürchterliche
Schmerzen, daß die Dosis reduziert werden mußte. Die Schmerzen
blieben jedoch, und zusätzlich litt sie an Ausfluß. Seit einem Jahr
nimmt sie kein »Nolvadex« mehr, aber da ihr Unterleib immer noch
schmerzt, wurde sie im November 1980 von einem Frauenarzt Dr. N.
untersucht Er fand nichts, meinte aber, die Schmerzen kämen von den
Tabletten.
Heute ist Dolores ein physisches und psychisches Wrack. Sie hat viele
der Ärzte überlebt, von denen sie in ihrem leidvollen Leben behandelt
wurde.
Die Mediziner jedoch können stolz sein auf den Erfolg einer Dreißig-
Jahres-H eilung.

32
2

Der Vietnamkrieg gegen den Krebs

»Die Nebenwirkungen, zum Beispiel auf die Blutbildung, können als


Maß einer genügenden Dosierung dieser Tumormittel genommen wer-
den. Außerdem muß gesagt werden, daß ein gewisses Maß an Neben-
wirkungen nahezu angestrebt wird, weil aus dem Ausmaß der Neben-
wirkungen auf die eigentliche Medikamentenwirkung geschlossen
werden kann.*

Prof. Gerd Nagel, Göttingen, in einem Interview mit Jochen Aumiller


Milliarden -Pleite

»Ich hatte nicht geglaubt, daß man gegen Krebs soviel ausrichten kann,
als ich als Assistent in der Onkologie anfing«, sagte mir Dr. Christoph
H. Er sei wirklich überrascht gewesen, wie man heute mit Chemothe-
rapie Krebsgeschwülste zum Verschwinden bringen könne.
Wie er denn die Nebenwirkungen beurteile, wollte ich wissen.
»Nun, das ist verschieden, je nach Patient. Natürlich ist es eine Roß-
kur. Aber heute gibt es sehr viel wirksamere Substanzen als früher. Die
Patienten glauben auch mehr an den Erfolg und nehmen deshalb die
Nebenwirkungen eher in Kauf. Diese sind ja nur vorübergehend. Nach
der Behandlung kann der Patient wieder ein mehr oder weniger norma-
les Leben führen.«
Ich sah mich nach anderen Stellungnahmen um.
Der Göttinger Onkologe Professor Gerd Nagel stellt fest: »Die drama-
tischsten Fortschritte haben wir in der Behandlung der soliden Tu-
moren gesehen, zum Beispiel bei Brustkrebs, bei gewissen Sarkomen
(besonders bösartigen Geschwülsten des Bindegewebes), des Lungen-
und Hodenkrebses 8 .«
Der St Galler Onkologe Professor Hansjörg Senn sieht »erstaunliche
kurative Fortschritte der zytostatischen Chemotherapie bei einigen
disseminierten malignen Erkrankungen, vor allem Hämoblastosen und
ausgewählten soliden Tumoren 9 «.
Schließlich noch eine Stimme aus der Industrie: »Die Fortschritte, die
dank chemotherapeutischer Behandlung erzielt werden konnten, sind
beeindruckend. Ein Bericht darüber erschien kürzlich im offiziellen
Organ der amerikanischen Gesundheitsbehörde >Food and Drug
Administration< Die Verfasserin Annabel Hecht, Mitglied des Büros
für öffentliche Angelegenheiten der FDA, kann kaum der Schön-
färberei bezichtigt werden, denn diese Behörde ist bekannt für die sehr
strengen Maßstäbe, die sie bei der Zulassung neuer Medikamente an-
legt 10 .«
Die Verlautbarungen von der »Krebsfront« sind etwa so schwer zu be-
urteilen wie jene von kriegführenden Generälen. Man hört zwar stän-
dig Siegesmeldungen - hier das Leben um soundsoviel verlängert, dort

34
Tumoren zum Verschwinden gebracht -, doch es handelt sich dabei
immer bloß um einzelne Gefechte. In der Schlacht gegen den Krebs
stehen die Zeichen nicht auf Sieg, sondern auf Niederlage.
Die Parallele mit dem Vietnamkrieg drängt sich geradezu auf: Dort
versuchten die Amerikaner, die im Dschungel verstreuten Guerilla-
kämpfer mit Flächenbombardementen zu besiegen. Als ein ähnlicher
Fehlschlag erweist sich die aufwendige Materialschlacht gegen den
Krebs: Zu raffiniert verstecken sich die bösartigen Zellen im gesunden
Gewebe und tauchen, nachdem sie an einer Stelle scheinbar radikal
vernichtet wurden, plötzlich an einer anderen Stelle wieder auf. Der
Vergleich läßt sich noch weiterziehen: Vietnam ließ die amerikanische
Rüstungsindustrie florieren, und auch in der Krebsmedizin werden
nicht nur Milliarden ausgegeben, sondern ebenso viele Milliarden ver-
dient.
Vor zehn Jahren rief der damalige US-Präsident Nixon die amerikani-
schen Forscher zum »Krieg gegen den Krebs« auf. Zuversichtlich
hoffte der Kongreß, daß bis 1976, dem 200-Jahr-Jubiläum der Verei-
nigten Staaten, der Sieg gefeiert werden könne. Immer größere Sum-
men für das Nationale Krebsinstitut (NCI) wurden bewilligt, das bald
zum größten der elf Bundesgesundheitsinstitute der Vereinigten Staa-
ten heranwuchs. Rund 7 Milliarden Dollar verteilte dieses Institut bis-
her an eine Forschungsmaschinerie, die ebenso krebsartig wucherte
wie die Krankheit, deren Ursachen und Heilungsmöglichkeiten sie
herausfinden sollte.
Schon vor Jahren stand indessen fest, daß man damit keinen Schritt
über den Stand von 1971 hinausgekommen war. »Dieses Scheitern ist
für die meisten Wissenschaftler keine Überraschung«, schrieb das New
Yorker Managerblatt »Business Week« in einem Sonderbericht. Es
führte dazu, daß die US-Regierung jetzt die Krebsverhütung forciert.
Mit Milliardenbeträgen, die die Industrie und letztlich der Konsument
zu bezahlen hat, sollen krebserzeugende Substanzen (Karzinogene)
aus der Umwelt entfernt werden. In Wissenschaftlerkreisen wird ver-
mutet, daß dieser Krieg gegen die Karzinogene kaum erfolgreicher sein
wird als der Krieg gegen den Krebs 11 .
In der Bundesrepublik Deutschland werden schätzungsweise jedes
Jahr über 120 Millionen Mark für Krebsforschung ausgegeben, in der

35
Schweiz über 5 Millionen Franken. Sie stammen zum größten Teil aus
Steuergeldern. Die Kosten für die Krebsbehandlung sind noch um ein
Vielfaches höher. In der Bundesrepublik Deutschland erreichen sie die
Größenordnung von 3 Milliarden DM, in der Schweiz 400 Millionen
Franken*.
Den Löwenanteil an den bundesdeutschen Krebsforschungskosten
verschlingt das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Hei-
delberg. In dieser Forschungsfabrik von amerikanischem Zuschnitt
sind rund 1100 Mitarbeiter beschäftigt Die Ausgaben des DKFZ
schnellten allein in den Jahren 1976 bis 1978 von 47 auf 84,5 Millionen
Mark, also auf beinahe das Doppelte 1 4 . Diese Expansionspolitik ist
noch keineswegs abgeschlossen.
»Die äußerst komplexen Probleme der Krebsforschung und -bekämp-
fung können«, wie es in einer 1979 herausgegebenen Programmerklä-
rung der DKFZ-Stabsstelle für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit heißt,
»nur in enger Zusammenarbeit von Wissenschaftlern . . . auf nationaler
und internationaler Ebene und durch Konzentration und Ausbau vor-
handener Forschungskapazitäten in Angriff genommen werden 15 .«
Mit anderen Worten: Man braucht noch mehr Geld.
In einem 1677 Seiten starken Bericht, der im April 1980 von der Deut-
schen Forschungsgemeinschaft (DFG) veröffentlicht wurde, legt eine
53köpfige Kommission von führenden Krebsexperten eine »Bestan-
desaufnahme der Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutsch-
land« vor. Das Fazit dieser »deprimierenden Lektüre« - so der »Spie-
gel« - ist die Feststellung, daß die deutsche Krebsforschung in vielen
Bereichen einem internationalen Vergleich nicht standhält. »Alarmie-
rende Zustände« herrschen nach Ansicht der DFG-Experten bei der
Strahlentherapie, wo »ein großer Mangel an Spezialisten eine angemes-
sene Patientenversorgung nicht mehr zuläßt.« Auf dem Gebiet der Er-
forschung und Behandlung von Krebserkrankungen der männlichen
Geschlechtsorgane - obwohl gerade in Deutschland besonders häufig -
seien »wesentliche Lücken« zu verzeichnen. Bei der Entwicklung von

* Bruttosozialprodukt BRD rund 1200 Milliarden DM, Schweiz rund 150 Milliarden
Franken 1 2 . Gesundheitsausgaben (ohne Lohnausfall) betragen durchschnittlich
(OECD-Länder) rund 7 Prozent des Bruttosozialprodukts, die Ausgaben für Krebsbe-
handlung (britische Zahlen) rund 4 Prozent der Gesundheitsausgaben 1 3 .

36
zelltötenden Medikamenten werde »mit ungenügendem Einsatz ge-
forscht«.
Um die Versäumnisse aufzuholen, empfehlen die Autoren der D F G -
Studie, »Serum- und Tumorzellbanken«, »neue Zentren für experi-
mentelle Pathologie und Zellbiologie«, »Referenzzentren« und »Tu-
morregister« einzurichten. Ferner sei die Forschung auf Gebieten wie
der »chemischen und physikalischen Kanzerogenese« (Krebsentste-
hung), der »immunologischen Abwehrmechanismen bei der Tumor-
entstehung und Tumorausbreitung«, der »RNS-Virusforschung« und
einer ganzen Anzahl anderer wichtiger Spezialgebiete zu »intensivie-
ren« und zum Teil »dringend« und »über den bisherigen Rahmen hin-
aus« zu fördern 1 6 .
Dieser Forderungskatalog, verbunden mit Wehklagen über die jetzige
Situation, dürfte wohl in erster Linie den Zweck haben, mehr Mittel für
die Forschung lockerzumachen. Wenn wirklich die »internationale
Spitze« erreicht werden soll, die in der Krebsforschung von den USA
gehalten wird, so ist das anders als durch massive Erhöhung der
Forschungskredite nicht zu erreichen. Immerhin geben die Ameri-
kaner pro Kopf etwa dreimal soviel für Krebsforschung aus wie die
Deutschen. Mehr Fortschritte haben sie damit nicht erzielen kön-
nen.
Die Kritik der DFG-Experten läuft im wesentlichen darauf hinaus, daß
im Bereich der Bestrahlung und Chemotherapie mehr getan werden
müsse. Fachleute, die dieses traditionelle Konzept der Krebsbehand-
lung kritisieren, waren gar nicht erst in das DFG-Gremium aufge-
nommen worden.
Zu den großen Abwesenden zählt auch der Kasseler Röntgenologe
Prof. Ernst Krokowski, der sich vor allem durch seine Untersuchun-
gen auf dem Gebiet der Metastasenbildung, einem der Hauptprobleme
der Krebskrankheit, einen Namen gemacht hatte. »Glaubte man im
Ernst, mit solchen Kommissionen dem Krebsproblem echt näherzu-
kommen?« fragt sich Krokowski. »Ist es nicht vielmehr für die Schul-
mediziner Zeit einzusehen, daß sie mit ihrem Ziel der Krebsbekämp-
fung, den Krebsherd lokal anzugehen bzw. ihn zu entfernen, zwar das
Bestmögliche geleistet, dabei aber den Krebs als Krankheit des Gesamt-
organismus aus den Augen verloren haben? Wagt denn k e i n e r . . . aus-

37
zusprechen, daß wir mit unseren derzeitigen Konzeptionen, Theorien,
Behandlungsmethoden eine Grenze erreicht haben, die uns verpflich-
tet, andere Ideen, Gedanken und Ergebnisse zu prüfen, anstatt sie ex
cathedra zu verdammen 17 ?«
In der DFG-Studie fristen diese »anderen Ideen« ein klägliches Dasein
am Rande. So wurden bei der Uberwärmungstherapie »wichtige Insti-
tute, die internationalen Rang haben«, in der Studie » n i c h t . . . erfaßt«.
Überhaupt nicht erwähnt sind die sogenannten Naturpräparate (z. B.
Extrakte aus Mistel und Thymus), Vitamine und Enzyme sowie der
Zusammenhang zwischen Krebserkrankung und Diät. Andere Ansät-
ze, zum Beispiel in der Untersuchung der Krebs-Persönlichkeit, seien
»wenig ergiebig«, kritisierte der Bericht.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, nach welchen Kriterien
die Forschungsarbeiten ausgewählt und bewertet wurden. Im Januar
1978 berief die D F G im Auftrag der Bonner Regierungskoalition eine
Kommission ein, die in einer Umfrage rund 3000 Krebsforscher auf-
forderte, ihre Arbeiten zur Begutachtung zur Verfügung zu stellen.
Dabei bediente sich die Kommission der Datenbank »Cancernet« am
Heidelberger Krebsforschungszentrum. Deren Konzeption und Se-
lektionsverfahren bestimmte die Zusammensetzung der angefragten
Krebsforscher. Insgesamt gingen 1762 Mitteilungen ein, die von 2495
Wissenschaftlern aus 780 Forschungsinstitutionen stammten.
Im Mai 1979 begann eine Gruppe von 48 Experten aus den verschiede-
nen Bereichen der Krebsforschung, die Umfrageergebnisse auszuwer-
ten. Diese Berichterstatter, so die Studie, »waren gehalten, die einge-
gangenen Mitteilungen . . . in bezug auf Originalität der wissenschaft-
lichen Fragestellung, Bedeutung des Forschungsinhaltes und Ange-
messenheit der Methodik zu beurteilen, soweit dies aus den zum Teil
sehr kurz gefaßten Abstracts (Zusammenfassungen) möglich war«.
Keines dieser Kriterien ist objektiv faßbar. Entscheidend bei der Be-
wertung war vielmehr, daß die eingegangenen Arbeiten von konserva-
tiven Schulmedizinern mit den international üblichen Normen der be-
treffenden Fachgebiete verglichen wurden. So räumt der Expertenbe-
richt ein, daß die Ergebnisse gewisser Forschungsrichtungen durchaus
»auch international als Spitzenleistungen angesehen werden«. Das be-
deutet allerdings nicht, daß damit den Krebspatienten geholfen wurde,

38
sondern nur, daß bestimmte, gerade gültige wissenschaftliche Quali-
tätskriterien erfüllt wurden.
Anders als die Amerikaner kommt der DFG-Bericht in seinen »allge-
meinen Empfehlungen« zum Schluß, daß die Grundlagenforschung
vermehrt gefördert werden müsse, wozu es »zusätzlicher Mittel« be-
dürfe. Zur Frage, wann denn mit Erfolgen bei der Krebsbekämpfung
zu rechnen sei, meinte der Vorsitzende der DFG-Krebskommission,
Professor Otto Westphal, man müsse sich in Geduld üben und »in
Jahrzehnten denken 18 «. Er warnte davor, Ergebnisse durch Planung
erzwingen zu wollen, wie dies in den USA geschehen sei: »Ungeduld,
so sehr sie im Sinne der Millionen von Krebskranken verständlich ist,
sollte weder wissenschaftliche Organisationen noch Politiker zu Maß-
nahmen veranlassen, welche am Ende viele Mittel verschlingen und
doch keinen wirklichen Erfolg bringen.«
Treffender läßt sich die Situation in der Krebsforschung kaum aus-
drücken, mit dem wichtigen Unterschied, daß sie schon längst existiert
und nicht erst durch besondere Maßnahmen herbeigeführt zu werden
braucht.

Wo sitzt der Feind?

Das Krebsübel beginnt damit, daß irgendeine von den vielen Milliar-
den Körperzellen sich in ihrem Inneren plötzlich verändert. Diese
»Mutation« - so die gängige Theorie - bewirkt, daß die Zelle sich un-
kontrolliert zu teilen beginnt. Sie kümmert sich sozusagen nicht mehr
darum, daß sie zu einem Organ gehört, dessen Grenzen und Funk-
tionsgesetzen sie zu gehorchen h a t Ihre ebenso unkontrolliert wu-
chernden Zell-Nachkommen bauen das Zerrbild eines Organs auf, ei-
nen Tumor.
An dieser Mutationstheorie, die von Karl Heinrich Bauer formuliert
wurde und mindestens in ihrer ursprünglichen Fassung heute überholt
ist, orientieren sich die Heilungsbemühungen der Mediziner. Die Zell-

39
biologen, so hoffen sie, werden eines Tages herausfinden, welche inne-
ren Veränderungen eine gesunde Zelle zu einer Krebszelle machen.
Dann hätte man Gelegenheit, dies mit Medikamenten oder sonstigen
Eingriffen gezielt zu verhindern. Da eine solche ursächliche Therapie
noch nicht in Sicht ist, versuchen die Ärzte, die Tumorzellen mit radi-
kalen Mitteln aus den Patienten zu entfernen oder zu zerstören. Ein Pa-
tient gilt theoretisch dann als geheilt, wenn »die letzte bösartige Zelle«
aus seinem Körper entfernt wurde.
Ob ein Tumor lebensgefährlich ist oder nicht, hängt großenteils vom
Verhalten seiner Zellen ab. Insbesondere kommt es darauf an, ob sich
das Tumorgewebe mit einer festen Kapsel aus Bindegewebe umhüllt,
das die Tumorzellen beisammenhält. Einen solchen Tumor nennt der
Mediziner »gutartig«, weil er das Leben des Patienten in der Regel
nicht bedroht Bildet das Tumorgewebe jedoch keine Bindegewebs-
kapsel aus, dann handelt es sich um einen »bösartigen« Tumor, im
Volksmund Krebs genannt.
Je nach Herkunft der Zellen, ihrer Form, ihrer Wachstumsgeschwin-
digkeit usw. unterscheidet der Fachmann (Onkologe) Hunderte von
verschiedenen Tumorarten. »Krebs« ist also keine einheitliche Krank-
heit. Auch eine bösartige Geschwulst bedroht in der Regel das Leben
des Patienten zunächst nicht. Doch ihre Zellen, durch keine Bindege-
webskapsel behindert, zerstreuen sich in alle Körperregionen und bil-
den dort Tochtergeschwülste, sogenannte Metastasen. Diese beein-
trächtigen die Funktion lebenswichtiger Organe und führen schließ-
lich zum Tod des Patienten.
Der Verlauf des Krebsgeschehens gleicht dem einer Lawine. Man
nimmt an, daß sich die Krebszellen in ungefähr gleichmäßigen Abstän-
den teilen. Etwa einen Monat bis ein halbes Jahr mag es dauern, bis aus
einer bösartigen Zelle zwei entstanden sind, aus zwei Zellen vier, aus
vier Zellen acht usw. In der theoretischen »Halbzeit« zwischen dem
Auftreten der ersten Krebszelle und dem Tod des Patienten wächst der
Tumor auf einen Durchmesser von gut einem Millimeter heran.
Bereits jetzt, in einem Stadium, wo er mit den heutigen Diagnoseme-
thoden noch bei weitem nicht entdeckt werden kann, wandern vermut-
lich bösartige Zellen aus: Diese sogenannten Mikrometastasen verbrei-
ten sich über Lymphbahnen und Blutgefäße im ganzen Körper. Die

40
meisten von ihnen werden zwar von den Freßzellen des körpereigenen
Abwehrsystems (Immunsystem) unschädlich gemacht. Aber einigen
von ihnen gelingt es trotzdem, sich an irgendeiner Stelle im Körper der
Patientin oder des Patienten festzusetzen. Ist ihnen das gelungen, be-
ginnen sie sich wiederum zu teilen und bilden den Keim zu einer neuen
Geschwulst.
Je mehr Zellen mit der Zeit aus dem wachsenden Tumor ausschwär-
men, desto häufiger beginnen sich solche Metastasenherde zu bilden.
Noch bleiben sie aber ebenso unentdeckt wie der Ersttumor. Die klein-
sten Tumoren, die auf dem Röntgenschirm entdeckt werden können,
haben einen Durchmesser von einem Zentimeter. Sie bestehen aus
mehreren hundert Millionen Zellen und mögen etwa 10 Jahre alt sein.
Die Krankheit befindet sich jetzt bereits in ihrem Endstadium.
Angenommen, es handle sich um einen bösartigen Knoten in der Brust
einer Patientin. Er kann durch Operation leicht entfernt werden. Doch
die kleinen Metastasen, die unentdeckt im Körper der Patientin wu-
chern, entgehen dem Skalpell. Auch später, wenn sie zu erkennbarer
Größe herangewachsen sind, werden sie nicht operiert werden kön-
nen, da sie zu zahlreich und nicht so gut zugänglich sein werden wie der
Brustknoten. Unsere Patientin hat nach der Operation eine Chance
von 8 5 Prozent, nach fünf Jahren noch zu leben. Statistisch gilt sie dann
als »geheilt«, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit stirbt sie nach 10
oder 15 Jahren dennoch an ihrem Krebs.
Der Spätverlauf einer Tumorkrankheit - nur er läßt sich diagnostizie-
r e n - wird von den Medizinern in die Stadien I bis IV eingeteilt. I und II
sind die sogenannten Frühstadien, III und IV die Spätstadien. Die
Tumorgröße wird mit dem sogenannten TNM-System klassifiziert: T
(mit Ziffern von o bis 4 für die verschiedenen Größen) bedeutet »Tu-
mor«, N (mit Ziffern von o bis 3) bedeutet »Lymphknoten« (Nodi), die
in der Nähe des Tumors meist zuerst von den bösartigen Zellen befal-
len werden, und M (mit den Ziffern o und 1) bedeutet »Metastasen«,
also erkennbare Tochtergeschwülste in weiter entfernten Körperregio-
nen. T 0 N 0 M 0 ist der Befund eines gesunden Menschen oder eines
frischoperierten Patienten ohne erkennbare Metastasen. T 4 N 3 M 1 be-
deutet, daß der Tumor die Grenzen seines Ursprungsorgans über-
schritten hat, die Lymphknoten so stark befallen sind, daß sich Krebs-

4i
zellen in die Umgebung ausbreiten und daß Fernmetastasen vorhan-
den sind.
Metastasen lassen sich in der Regel nicht operieren, da sie meist le-
benswichtige Organe wie Lunge, Gehirn, Leber usw. befallen. Durch
Bestrahlung und giftige Medikamente, die das Zellwachstum hemmen
(sogenannte Zytostatika), versucht man, die Metastasen abzutöten.
(Von der Wirkung dieser zweischneidigen Schwerter soll an späterer
Stelle noch ausführlich die Rede sein.) Ein Rückgang der Metastasen-
wucherungen oder eines inoperablen Tumors wird in der Fachsprache
»Remission« oder »Regression« genannt. Von »Vollremission« spricht
man dann, wenn keine Knoten mehr auf dem Röntgenschirm zu er-
kennen sind, von »Teilremission«, wenn sie kleiner werden.
»Remission« darf nicht mit Heilung verwechselt werden. Von Heilung
spricht der Onkologe erst, wenn die Remission eine gewisse Zeit an-
hält. Die Medizinstatistiker haben sich darauf geeinigt, einen Patienten
als »geheilt« zu betrachten, wenn er 5 Jahre nach der Operation noch
lebt. Seriöse Onkologen meiden aber den Begriff »Heilung« und spre-
chen lieber von »5-Jahres-Uberlebensraten«. Das ist eine Prozentzahl,
die angibt, welcher Anteil der Patienten nach 5 Jahren noch lebt.
Die Mutationstheorie von Bauer geht davon aus, daß der Krebs durch
äußere Einflüsse verursacht wird, beispielsweise durch krebserregende
Stoffe in der Umwelt. Diese verändern die genetische Substanz der Zel-
le, die sogenannte D N A (internationale Abkürzung für »Desoxyribo-
nukleinsäure«). Dadurch entsteht aus einer normalen Zelle eine Krebs-
zelle, die sich vermehrt und einen Tumor bildet. Nach dieser Theorie
ist die Krebskrankheit ein lokales Geschehen, das mit dem Allgemein-
zustand des Patienten weiter nichts zu tun hat Die eigentliche Krank-
heit ist der Tumor, er muß bekämpft werden. Auf dieser Grundlage ba-
sieren sämtliche schulmedizinischen Behandlungsmethoden gegen
Krebs.
Inzwischen setzt sich aber auch in schulmedizinischen Kreisen die An-
sicht durch, daß der Krebs eine allgemeine Erkrankung ist Die Muta-
tionstheorie läßt sich nämlich in ihrer ursprünglichen Form heute nicht
mehr aufrechterhalten. Sie erklärt zum Beispiel nicht, warum die mei-
sten Menschen, die doch den krebserregenden Stoffen ebenso ausge-
setzt sind wie Krebspatienten, trotzdem keinen Krebs bekommen.

42
Selbst starke Raucher erkranken mit 9oprozentiger Wahrscheinlichkeit
nicht an Lungenkrebs. Umgekehrt sind auch strenge Nichtraucher in
ländlichen, von Abgasen weitgehend verschonten Gegenden nicht da-
vor gefeit.
Es muß also Einflüsse oder vielleicht auch erbliche Dispositionen ge-
ben, die den einen Menschen eher für Krebs anfällig machen als den an-
deren. Einflüsse, die noch weitgehend unbekannt und unerforscht
sind, weil sich die Wissenschaftler bisher zu verbissen nur um die Zell-
veränderungen gekümmert haben. In dieser Sicht ist der Krebs nicht
ein bösartiger Tumor, den man herausoperieren oder bestrahlen kann.
Er ist keine Krankheit, die dadurch geheilt werden kann, daß man die
wildwuchernden Zellen durch Zytostatika abtötet. Der Krebs ist viel-
mehr die Grundbedingung dafür, daß sich im Körper des Patienten
eine bösartige Geschwulst entwickelt. Das heißt, der Tumor ist nicht
die Krankheit, sondern nur ihr Symptom. Genauer gesagt: eines ihrer
Symptome.
So vermutete der amerikanische Krebsforscher Hardin B. Jones, daß
nur ein kleiner Bruchteil der Patienten an ihren Wucherungen stirbt. In
seinen Untersuchungen an Tausenden von Patienten war er darauf ge-
stoßen, daß ebenso viele von ihnen an hinzugekommenen Krankheiten
verstorben waren wie am Krebs selbst. Und selbst diese, mutmaßte Jo-
nes, könnten an einer allgemeinen Stoffwechselstörung gestorben sein,
an einer Art vorzeitigem Alterungsprozeß, bei dem der Tumor nur eine
Begleiterscheinung ist. Für diese These spricht auch, daß Krebs mit zu-
nehmendem Alter sehr viel häufiger auftritt 1 9 .
Was auch zutrifft - Krebs ist jedenfalls keine Krankheit im üblichen
Sinne. Krebszellen sind nicht krank, sondern im Gegenteil äußerst vi-
tal. Der deutsche Krebsforscher Frederic Vester nennt sie »ein zweites,
allerdings fehlgesteuertes Leben in uns 20 «. Es ist eine Art Leben, das
sich auf mysteriöse Weise so verhält wie die Urzellen, die als wu-
chernde Masse unseren Planeten mit erstem Leben überzogen.

43
Mißerfolge und Scheinerfolge

Ein Bericht des Nationalen Krebsinstituts der Vereinigten Staaten


stellte 1979 fest, daß sich innerhalb von 23 Jahren die 5-Jahres-Uberle-
bensrate für alle Krebsarten insgesamt nur um 2 Prozent verbessert
hat 21 . Gerade bei den häufigen Krebsarten stagnieren die Uberlebens-
kurven seit Jahrzehnten: Seit 1955, schrieb etwa das »New England
Journal of Medicine«, sei die Heilungsrate bei Brustkrebspatientinnen
»praktisch unverändert«. Bei Magen- und Dickdarmkrebs gibt es sogar
seit 40 Jahren keine Heilungsfortschritte 22 .
Solche Erkenntnisse werden von der medizinischen Fachwelt ver-
drängt. »Wütende Proteste« erlebte beispielsweise Professor Ernst
Krokowski, als er auf einem Röntgenkongreß die unerfreulichen Tat-
sachen ungeschminkt darlegte. Eine medizinische Fachzeitschrift wei-
gerte sich, eine Untersuchung des angesehenen Berliner Professors
Heinz Oeser abzudrucken, die mit exakten Zahlen nachwies, daß die
Krebsgefährdung des Menschen seit Beginn dieses Jahrhunderts kon-
stant geblieben ist 23 .
Die Medien beteiligen sich eifrig an der Vertuschungskampagne des
medizinischen Establishments. So wurden die Äußerungen des ameri-
kanischen Krebsforschers Hardin B. Jones von den großen Medien
jahrelang totgeschwiegen, obwohl oder eben weil sie eine skandalöse
Unstimmigkeit in der Krebsstatistik aufdeckten. Jones hatte sich vor
allem durch seine Untersuchungen des Zusammenhanges zwischen
Rauchen und Lungenkrebs einen Namen gemacht. Im Jahre 1969
wurde der ehemalige Professor der Universität von Kalifornien in Ber-
keley von der Amerikanischen Krebsgesellschaft eingeladen, am tradi-
tionellen Seminar für Wissenschaftsjournalisten zu sprechen, das von
führenden Journalisten aus der ganzen Welt besucht wird.
Jones' Vortrag erwies sich als eine wahre Bombe: Seine Untersuchun-
gen an einer großen Zahl von Patienten hatte ergeben, daß im Vergleich
zu früher die »aussichtslosen«, weil kaum mehr operierbaren Fälle jetzt
häufiger in die unbehandelte Vergleichsgruppe eingeteilt wurden. Jo-
nes sagte wörtlich: »Ab 1940 wurden, durch Neudefinition der Begrif-
fe, verschiedene fragwürdige Bösartigkeitsgrade als Krebs klassifiziert.

44
Nach diesem Datum nahm der Anteil der >Krebsheilungen<, die zu ei-
ner >normalen< Lebenserwartung führten, rapide zu, entsprechend dem
Anteil der fragwürdigen Diagnosen, die (in die Studien) hineinge-
nommen wurden 2 4 .« Viele der neueren Untersuchungen basierten also
auf Operationen an Patienten, die von vorneherein eine bessere
Uberlebenschance hatten. Dies führte zum Trugschluß, daß die Ope-
rations- und Bestrahlungsmethoden verbessert worden seien. Damit
nicht genug: Jones wies auch darauf hin, daß in den Studien die unbe-
handelten Kontrollpersonen, die starben, in jedem Fall als Todesfälle
geführt wurden. In der Behandlungsgruppe dagegen wurden frühver-
storbene Fälle, die nicht lange genug behandelt werden konnten und
deshalb die Kriterien für die »Behandlung« nicht erfüllten, von der Sta-
tistik ausgeschlossen. Auch dies begünstigte die Gruppe der »behan-
delten« Patienten auf eine unfaire Weise 25 .
Als Jones diese Ungleichheiten in der Statistik korrigierte, kam er sogar
zum Schluß, daß »die wirkliche Lebenserwartung von unbehandelten
Krebspatienten . . . größer zu sein scheint als die der behandelten Pa-
tienten«. Anders gesagt: Die bisherige Behandlung erwies sich als wir-
kungslos, wenn nicht gar als schädlich.
»Nur zwei von den Reportern, die an dem Symposium teilnahmen, be-
richteten über diese erstaunliche Information«, fand der Wissen-
schaftsjournalist Gary Null heraus. »Obwohl 1975 und 1977 wieder-
holt, wurden Jones' Befunde von den großen Nachrichtenmedien
ignoriert, bis er 1978 starb 26 .«
Jones war keineswegs der einzige gewesen, der herausgefunden hatte,
daß die Behandlungsaussichten von der Zusammensetzung der betref-
fenden Patientengruppe und nicht von der Behandlung abhängen. Die
Autoren Benninghoff und Tsien waren schon 1959 zu diesem Schluß
gekommen, nachdem sie die Krankengeschichten von 26 000 Brust-
krebspatientinnen ausgewertet hatten, die weltweit verstreut in ver-
schiedenen Kliniken und mit unterschiedlichsten Methoden behandelt
worden waren 2 7 .
An der I. Universitäts-Frauenklinik München konnten 1933 von den
Patientinnen mit einem Gebärmutterhalskrebs 38 Prozent für fünf
Jahre oder länger »geheilt« werden. Zu Beginn der fünfziger Jahre stieg
dieser Anteil auf 54 Prozent an, in den sechziger Jahren sogar auf 61

45
Prozent. Dabei mag vor allem eine Rolle gespielt haben, daß durch eine
verbesserte Früherkennung der Anteil der Anfangsstadien mit einem
besseren Uberlebensrisiko in diesem Zeitraum von rund 40 auf 50 Pro-
zent anstieg.
Doch auch bezogen auf jeweils gleiche Krebsstadien ermittelten die
Statistiker steigende Uberlebenschancen: Im Stadium I beispielsweise
stiegen sie von 71 auf 90 Prozent.
Ist das ein Erfolg, der auf einer »Verbesserung der klassischen Krebs-
bekämpfungsmethoden durch wissenschaftlich-technische Fortschrit-
te« beruht, wie sogar Frederic Vester, sonst eher ein Kritiker dieser
Methoden, 1973 vermutete 28 ?
Werden jetzt mehr Patientinnen geheilt, weil es gelang, durch unter-
schiedlich geformte Radiumeinlagen die Bestrahlungsdosen immer
besser den anatomischen Gegebenheiten anzupassen, wobei direkte
Strahlendosismessungen in den gefährdeten Nachbarorganen dafür
sorgten, daß diese möglichst wenig von der Strahlung abbekamen*'?
Der Chirurg Werner E. Loeckle, ein Schüler von Sauerbruch, bietet in
seinem Buch »Krebs-Alarm« eine viel einfachere Erklärung:
Im Verlauf einer immer besseren Früherkennung verschoben sich die
Stadiengrenzen nach vorn. Mit anderen Worten: Was heute als Sta-
dium I diagnostiziert wird, konnte vor zwanzig oder dreißig Jahren
vielleicht noch gar nicht entdeckt werden, galt also noch als »gesund«.
Loeckle vermutet, daß im Sog dieses nach vorn verlegten Frühstadiums
sich auch die übrigen Stadien verschoben, wenn auch weniger deutlich.
Denn »bei immer deutlicherer Durchmusterung« mit den verfeinerten
Diagnosemethoden zeige sich »bereits eine örtliche Ausbreitung« der
Geschwulst, wo eine solche früher noch nicht festgestellt wurde. So
würde »leicht als Stadium II geführt«, was einige Jahre zuvor noch als
Stadium I in die Statistik eingegangen wäre, was dem Stadium II bes-
sere Risiken bringe 29 .
Eine genauere Analyse der zitierten Münchner Statistik bestätigt dies.
So nahm zwar im Laufe der Jahre der Anteil der Endstadien IV von
24 auf 4 Prozent ab, wahrscheinlich weil die Tumoren durch die
* Für die Verbesserung unmittelbar vor 1933, als die 5-Jahres-Uberlebensrate im Sta-
dium I schlagartig von $2 auf 71 Prozent anstieg, waren wohl tatsächlich Fortschritte in
der Bestrahlungstechnik verantwortlich.

46
verfeinerten Diagnosemethoden immer häufiger bereits entdeckt wur-
den, bevor sie sich soweit entwickelt hatten. Doch dieser Trend schlug
nicht bis zum Stadium I durch, wie eigentlich zu erwarten wäre.
Von der besseren Früherkennung »profitierten« vor allem die mittle-
ren Stadien II und III, deren Anteil von 58 auf 83 Prozent kletterte. Der
Anteil der Frühstadien I nahm dagegen von 18 auf 16 Prozent ab, ob-
wohl sie doch eigentlich besser als vorher zu erkennen waren. Nahm
der Anteil der Stadien II etwa deshalb um mehr als die Hälfte zu, weil
mit der Zeit nur noch die »besten« Frühstadien mit der höchsten
Uberlebenschance als Stadium I in die Statistik eingingen?
Die Grenzen zwischen Stadium I und II sind fließend. Im Stadium I be-
siedeln die Krebszellen nur den Gebärmutterhals, in Stadium II bereits
schon die »nähere Umgebung«. Anatomisch ist die Grenze des Ge-
bärmutterhalses zwar eindeutig definiert, aber leider gibt es keine
ebenso klare Definition einer Krebszelle. Die Histopathologen - die
Fachleute, die mit dem Mikroskop nach krankhaften Zellveränderun-
gen fahnden-müssen Begriffe wie »Dysplasie«, »Präkanzerose« (Vor-
krebs) und »Carcinoma in situ« verwenden, um die allmähliche Ent-
wicklung zum Krebs zu beschreiben. In Fachkreisen stellt man bereits
Ansätze zu einer babylonischen Sprachverwirrung fest, denn »ver-
schiedene Autoren verwenden ein und denselben Ausdruck in einer
abweichenden Bedeutung 30 «.
Nicht nur das. Wenn verschiedene Pathologen ein und dieselbe Zell-
probe untersuchen, kommen sie unter Umständen zu ganz unter-
schiedlichen Schlüssen. Mehrere Forscher machten die Probe aufs Ex-
empel und mußten »bestürzende« Abweichungen in den Diagnose-
einschätzungen feststellen: Mal wurden sämtliche Proben in einer
Auswahl von Zellabstrichen als bösartig taxiert, mal nur ein Drittel da-
von. Viele Krebsforscher sind sich darüber einig, daß man einer Krebs-
zelle unter dem Mikroskop nicht ansehen kann, ob sie sich gutartig
oder bösartig verhält. So ist bei Magengeschwüren, die man in der Re-
gel auf krebsige Entartung hin untersucht, das Auftreten von Magen-
krebs viel seltener, als man aufgrund der mikroskopischen Untersu-
chungen erwarten müßte. Umgekehrt erweisen sich viele Hirntumo-
ren, die unter dem Mikroskop gutartig aussehen, als bösartige »Wölfe
im Schafspelz 31 «.

47
Die Früherkennung des Gebärmutterhalskrebses nach der Abstrich-
methode von Papanicolaou, der »Pap-Abstrich«, hat sich in den letzten
Jahren zu einer blühenden Industrie entwickelt. Mit einem Watte-
bausch werden oberflächliche Zellen vom Muttermund abgeschilfert
und zur Untersuchung in ein Labor geschickt. Praktisch jeder Gynä-
kologe macht bei seinen Patientinnen, aus welchen Gründen sie auch
immer zu ihm kommen, »noch schnell einen Pap«. Trotz dieser fast
lückenlosen Überwachung werden laut einer schwedischen Studie 26
Prozent aller bösartigen Krebsentwicklungen nicht entdeckt.
Diese Fehlerquote sei »erschütternd hoch«, meint der Erlanger Gynä-
kologe Professor Karl Günther Ober, aber »nicht zu hoch gegriffen«.
Er selber hat in 25 Jahren 52 Fälle von Patientinnen gesammelt, deren
Gebärmutterhalskrebs trotz Pap-Abstrich übersehen worden war 3 2 .
Da anzunehmen ist, daß die Pathologen bei ihrer Diagnose eher auf
Nummer Sicher gehen, dürfte der Anteil der Patientinnen mit gutarti-
gen, aber fälschlicherweise als bösartig diagnostizierten Wucherungen
noch um einiges höher liegen. Bei einem verdächtigen Pap-Abstrich
oder einem Vorkrebs rät der Gynäkologe meist zu einer operativen
Entfernung der Gebärmutter (Hysterektomie). Zögernde Patientinnen
werden überzeugt mit Argumenten wie »Sie brauchen doch den Uterus
nicht mehr, da Sie ja keine Kinder mehr wollen«, »der Eingriff ist eine
Lappalie« und »in diesem Stadium ist der Krebs noch zu hundert Pro-
zent heilbar«.
»Immer öfter«, klagen kritische Ärzte, »würden unnötige Hysterek-
tomien vorgenommen, um die vielen Chirurgen zu beschäftigen und
neue auszubilden.« Da wegen der abnehmenden Häufigkeit des Ge-
bärmutterkrebses die Kapazitäten der großen Kliniken nicht mehr aus-
gelastet seien, würden »gynäkologische Bagatellbefunde oder Norm-
varianten in den Rang einer operationswürdigen Erkrankung erho-
ben 33 «. Laut einer amerikanischen Untersuchung wird die Entfernung
der Gebärmutter etwa dreimal häufiger vorgenommen, wenn die
Chirurgen nicht mit einem festen Salär, sondern pro Operation bezahlt
werden 3 4 .
Immer mehr Ärzte empfehlen, bei der Hysterektomie auch gleich noch
die Eierstöcke mitzuentfernen, da dies nicht mit erhöhten Komplika-
tionen verbunden sei und der Eierstockkrebs »zu den gefürchtetsten

48
Krebsarten gehört«. Die Ausfallserscheinungen seien »hormonal gut
zu beherrschen 35 «.
Diese chirurgische Zerstörung der weiblichen Sexualität, die neben
dem Verlust von Lustempfindungen meist noch zusätzliche Be-
schwerden durch die Operation mit sich bringt und in vielen Fällen zu
Depressionen führt, schützt zudem keineswegs vor Krebs.
Ganz im Gegenteil. Zwei Teams von Krebsforschern fanden nämlich
unabhängig voneinander heraus, daß Patientinnen, denen man nach ei-
nem verdächtigen Pap-Abstrich krebsverdächtiges Gewebe am Mut-
termund entfernt hatte, später gleich häufig an Krebs erkrankten wie
Patientinnen, bei denen man diese Maßnahme unterlassen hatte. N u r
bekamen sie an einer anderen Körperstelle Krebs.
Das sei etwa dasselbe, wie wenn man »einen Spatzenschwarm von ei-
nem Baum auf einen anderen« vertreibe, meint dazu ein Krebsforscher.
Ordinarius Heinz Oeser hält dies sogar für einen ausgesprochen
schlechten Tausch: »Die Verschiebung der Krebsmanifestation« — also
des Auftretens von Krebs - »durch Vorsorge, möglicherweise auch
durch Frühbehandlung, von einem Ort mit günstiger Standortpro-
gnose auf ein Organ mit ungünstiger Standortprognose ist ein Tausch
zu Lasten der Betroffenen . . . , der die Effizienz der Vorsorgeuntersu-
chungen in Frage stellt 36 .«
Es gibt noch einen zweiten statistischen Trick, mit dem die Schulmedi-
ziner Erfolge ihrer Behandlungsmethoden »herbeibilanzieren«, wie
sich Krokowski ausdrückt. Täuscht die Auslese von immer günstige-
ren Fällen im Laufe der Jahre einen stetigen Behandlungsfortschritt
vor, so gilt dasselbe für die »Früherkennung« beim einzelnen Patien-
ten. »Früherkennung«, so lautet das von Mildred Scheel mit vielen
Werbemillionen verbreitete Dogma, »verbessert die Heilungs-
chancen. « Je früher eine Krankheit entdeckt wird, je weniger Schaden
sie also anrichten konnte, desto eher kann sie grundsätzlich geheilt
werden.
Gegen dieses Argument gibt es keine stichhaltigen Einwände. Ob es
zum Tragen kommt, hängt davon ab, ob gegen die betreffende Erkran-
kung eine wirksame Behandlung existiert. Eine unwirksame Behand-
lung, auch wenn sie früh erfolgt, kann keinen Einfluß auf die Heilung
haben.

49
N u n wird etwa folgendermaßen argumentiert: Wenn ein Brustkrebs
im frühesten Stadium entdeckt wird, das heißt als ein etwa 1-2 Zenti-
meter großer Knoten, kann die betreffende Patientin mit einer Wahr-
scheinlichkeit von 80 Prozent geheilt werden. Wird dagegen der Krebs
erst in einem späten Stadium entdeckt, wenn sich im Körper bereits
verstreute Metastasen gebildet haben, beträgt die Chance einer Hei-
lung nur noch 10 Prozent. Das zeige doch, daß erstens die Behandlung
wirksam sei und daß zweitens die Heilungschancen um so größer seien,
je früher die Behandlung einsetze.
Diese »Beweisführung« ist ein plumper Roßtäuschertrick, der nur des-
halb funktioniert, weil der Laie sich nicht darüber im klaren ist, daß
»Heilung« in der Krebsmedizin etwas anderes bedeutet als im norma-
len Sprachgebrauch. Normalerweise gilt ein Patient als geheilt, wenn er
seine Krankheit endgültig losgeworden ist. Nach einer geglückten
Blinddarmoperation ist die Entzündung weg, und sie wird nie wieder
kommen. Eine sachgemäß geschiente Unterschenkelfraktur wächst
zusammen; der Patient kann nach einer gewissen Zeit wieder gehen,
ohne befürchten zu müssen, daß sein Bein plötzlich an derselben Stelle
wieder bricht.
Beim Krebs dagegen gilt ein Patient als »geheilt«, wenn er fünf Jahre
nach der Operation noch lebt, selbst wenn er von versteckten Metasta-
sen durchwuchert ist und vielleicht nur noch wenige Monate vor sich
hat. Bei verschiedenen Krebsarten ist tatsächlich das Risiko relativ ge-
ring, nach mehr als fünf Jahren noch am Tumor zu sterben. Doch ge-
rade beim Brustkrebs, neben dem Gebärmutterhalskrebs das Parade-
pferd der Früherkennung, gilt dies nicht Weil beim Krebs der Begriff
»Heilung« immer an eine bestimmte Frist geknüpft ist, ist die Aussage
»Früherkennung verbessert die Heilungschancen« so trivial wie »je
jünger ein Mensch ist, desto länger hat er noch zu leben«.
Die Krebsheilungsstatistiken tun so, als beginne die Krankheit erst mit
der Diagnose. Was vorher war, das meist jahrelange beschwerdefreie
Leben mit dem Krebs und ohne Medizin, interessiert die Ärzte nicht.
Für sie wird der Mensch erst interessant, wenn sie die Diagnose gestellt
haben. Jetzt beginnt seine Existenz als Patient; Karteikarten werden
ausgefüllt, die später in irgendeine Statistik eingehen werden, welche
die Dauer der Krankengeschichte, genannt »Uberlebenszeit«, erfaßt

50
Je länger die Krankengeschichte, so wird argumentiert, desto erfolgrei-
cher ist die Behandlung.
Den Laien mögen die großen Unterschiede in den Uberlebenszeiten
von Patienten mit früh- und spätentdeckten Krebsen beeindrucken.
Daß das ein fauler statistischer Taschenspielertrick ist, bei dem unver-
gleichbare Größen miteinander verglichen werden, merkt er meistens
nicht. Neben Loeckle haben auch zwei indische Krebsspezialisten des
Medical College in Bombay, Kothari und Mehta, in ihrem Buch »Ist
Krebs eine Krankheit« die Öffentlichkeit auf diesen fundamentalen
Denkfehler hingewiesen 37 . Vergleichbar sind zum Beispiel die Uberle-
benszeiten von Patienten mit denselben Krebsstadien, aber unter-
schiedlicher Behandlung. Die »Heilungsrate« wäre, exakt definiert, der
Anteil der (behandelten) Patienten, der nach fünf Jahren noch lebt, mi-
nus den Anteil der Patienten, der auch ohne Behandlung noch leben
würde.
Dazu ein fiktives Rechenbeispiel. Angenommen, hundert Personen
haben Krebs in einem frühen Stadium. Würden sie nicht behandelt,
müßten 4 5 von ihnen innerhalb von fünf Jahren sterben. Durch die Be-
handlung wird das Leben bei 50 Patienten verlängert, meistens nur sehr
geringfügig; bei 25 Patienten verkürzt die Behandlung die Lebensdau-
er, und bei den restlichen 25 Patienten hat die Behandlung überhaupt
keinen Einfluß. Nach fünf Jahren Behandlung ziehen die Ärzte Bilanz:
60 Patienten leben noch, sie »konnten geheilt werden«. Was die Ärzte
nicht wissen, ist die Tatsache, daß 50 von ihnen auch ohne die Behand-
lung noch leben würden, daß von den 40 Verstorbenen 5 noch am Le-
ben wären, wenn sie nicht behandelt worden wären, und daß nur 10 Pa-
tienten dank der Behandlung noch leben. Rechnet man die »Gewinne«
und »Verluste« gegeneinander auf, ergibt sich eine effektive Heilungs-
rate von 5 Prozent
Die effektive Heilungsrate ist ein rein theoretischer Begriff, denn man
kann ja nicht ein und denselben Patienten behandeln und nicht behan-
deln. In der Praxis muß man sich mit dem Vergleich von Patienten be-
gnügen, die einander in Alter, Geschlecht und Tumorstadium mög-
lichst ähnlich sind. Unbehandelte Vergleichsfälle sind sehr selten.
Meist handelt es sich um Personen, die zum Beispiel aus religiösen
Gründen die Operation verweigern.

4i
Die Autoren Park und Lees sammelten solche Fälle und versuchten,
daraus die »absolute Heilbarkeit des Brustkrebses« zu berechnen. Sie
kamen 1951 zum Schluß, daß eine Wirksamkeit der Behandlung nicht
zu beweisen sei und die Fünf-Jahres-Uberlebensrate im besten Fall um
5 bis 10 Prozent erhöhe 3 8 . In den dreißig Jahren seit dem Erscheinen
dieser Studie hat sich die Situation nicht wesentlich geändert.
Bei einer geringen Zahl von Krebsarten konnten in den letzten Jahren
erhebliche Behandlungsfortschritte erzielt werden. Eines dieser
»Schaustücke«, das sich in den letzten Jahren einer großen Publizität
erfreute, ist eine äußerst seltene Blutkrebsform bei Kindern, die »akute
lymphatische Leukämie«. Früher zu praktisch hundert Prozent tödlich
mit einer durchschnittlichen Lebensdauer von nur drei Monaten, ist
diese Krankheit jetzt durch Bestrahlung, aggressive Chemotherapie
und Knochenmarksverpflanzungen so weit »beherrschbar« geworden,
daß bis zur Hälfte der kleinen Patienten jetzt fünf Jahre oder länger
überleben, allerdings nur mit schwersten Nebenwirkungen, die ein
normales Leben verunmöglichen.
Ähnliche Erfolge sind das Chorionkarzinom der Frau und das Hodg-
kin-Lymphom, die mit Chemotherapie heute zu mehr als 40 Prozent
für fünf Jahre geheilt werden können, während sie früher als praktisch
unheilbar galten 39 . Doch diese »In-Anführungsstriche-Krebse«, wie
sie Krokowski nennt, machen »insgesamt nicht einmal 2 Prozent« aller
bösartigen Wucherungen aus.

Zweischneidige Schwerter

Die Patientin, wegen eines krebsverdächtigen Knotens an der Brust


operiert, liegt noch in Vollnarkose. Der Knoten wird im Schnellverfah-
ren tiefgefroren, mit einem sogenannten Mikrotom in hauchdünne
Scheibchen geschnitten und auf einem rechteckigen Stück Glas präpa-
riert Die Assistentin eilt einige Stockwerke tiefer in das zellpathologi-
sche Labor. Dort mustert der Pathologe den Gewebeschnitt durch das

52
Mikroskop. Nach zehn Sekunden, vielleicht erst nach einer halben Mi-
nute, hat er sein Urteil gefällt. Er wählt die Nummer des Operations-
saals und teilt dem Chirurgen seinen Befund mit. Es handle sich um
»hochgradig maligne« - also bösartige - Zellen, sagt der Pathologe, und
der Chirurg entschließt sich, die Brust radikal zu amputieren.
Diese Szene gehört in großen Kliniken zum Alltag. Da es gefährlich ist,
eine Patientin zu lange unter Narkose zu halten, eilt die Entscheidung.
Sichere Kriterien für Bösartigkeit gibt es nicht. »Ich sehe relativ häufig
nach der Schnellschnittdiagnose eines Mammakarzinoms eine ampu-
tierte Mamma ohne jeden Tumorrest und ein Paket unauffälliger axillä-
rer Lymphknoten«, gab der Dortmunder Pathologe Professor Herbert
Otto zu 4 0 . Die betreffenden Frauen werden nie erfahren, daß ihnen die
Brüste für nichts entfernt wurden. Dafür wird die Heilungsstatistik der
Klinik verbessert. Jeder operierte Krebs, der kein Krebs war, darf als
ein sicherer Erfolg verbucht werden.
In den Vereinigten Staaten werden bereits acht- bis zwölfjährigen
Mädchen die Brüste abgenommen, nur weil sie verdächtigerweise
asymmetrisch wachsen, aber sonst völlig normal sind 41 . Neuerdings
genügen schon »verdächtige Gewebestrukturen« im Röntgenbild,
ohne jeden erkennbaren Knoten, als Grund für eine Brustamputa-
tion 42 . Daß offenbar auch in Deutschland viele Operateure schon bei
einem bloß verdächtigen Befund an einen Eingriff denken, illustriert
eine Überlegung, die der Hamburger Professor H. E. Stegner in der
Deutschen Medizinischen Wochenschrift anstellte. Würde man alle
Mastopathien (gutartige Veränderungen der Brustdrüse, die aber auch
verkrebsen können) operieren, rechnete er seinen Kollegen vor, dann
wäre bei 96 bis 98 von hundert Frauen »die Operation eine irreparable
Ubertherapie 43 «.
Der Standardeingriff beim Brustkrebs ist die Radikaloperation. Sie
wurde im letzten Jahrhundert vom Berliner Chirurgen Josef Rotter
eingeführt. Man entfernt dabei nicht nur die Brustdrüse, sondern auch
das darunterliegende Muskelgewebe bis auf die Rippen sowie die
Lymphknoten in der näheren und weiteren Umgebung und räumt ins-
besondere die Achselhöhlen aus. Erst seit etwa fünfzehn Jahren wird
diese Methode in Frage gestellt. Heute gilt als sicher, daß man mit sehr
viel kleineren Eingriffen denselben Effekt erzielen kann wie mit der

53
Radikaloperation. Angesichts dieser Tatsache bringen immer mehr
Ärzte Verständnis für die Wünsche ihrer Patientinnen auf, die ihre
Brüste gerne möglichst erhalten möchten.
Sie wurden auf einem Fortbildungsforum der deutschen Bundesärzte-
kammer von dem Freiburger Professor Max Schwaiger kräftig gerüf-
felt: »Mit Abscheu*« müsse man jene Operationen zurückweisen, bei
denen nur der Knoten aus der Brust entfernt würde. Bei der Behand-
lung des Mammakarzinoms, »mag es noch so klein sein«, gehe es »in
erster Linie um die Befolgung onkologischer Grundsätze«, denen ge-
genüber alle psychologischen und kosmetischen Argumente zurück-
treten müßten 4 4 .
Auch beim Krebs des Enddarmes, dem »Rektumkarzinom«, werden
viele Patienten unnötigerweise verstümmelt. Die Chirurgen entfernen
den letzten Darmabschnitt und legen einen künstlichen Darmausgang
an, einen sogenannten »Anus praeter«. Die Patienten können den Stuhl
nicht mehr zurückhalten und müssen einen lästigen Beutel tragen. In
80 Prozent aller Fälle wird heute noch radikal operiert, obwohl dies
nur zu 20 Prozent wirklich nötig ist. Drei Viertel der Patienten werden
also unnötigerweise verstümmelt 45 .
Ein Londoner Klinikdirektor gab vor einigen Jahren im renommierten
»British Medical Journal« freimütig zu, daß er sich nicht den Darm
herausnehmen lassen würde, wenn er Krebs hätte. Er »staune«, daß die
Patienten dies so ohne Widersprüche dulden würden. Durch verschie-
dene Umfragen ist belegt, daß die meisten Ärzte sich dagegen sträuben,
mit denselben Methoden gegen Krebs behandelt zu werden, die sie sel-
ber an ihren Patienten praktizieren 46 .
Eine gründliche Studie, die im Auftrag des amerikanischen Kongresses
durchgeführt wurde, kam 1976 zum Schluß, daß im Jahre 1974 in den
Vereinigten Staaten 2,4 Millionen überflüssige Operationen durchge-
führt wurden, die 4 Milliarden Dollar kosteten und bei denen 11 900
Patienten unnötigerweise sterben mußten 4 7 . Da diese Untersuchung
bei der amerikanischen Ärztegesellschaft auf große Opposition stieß,
ließ der Kongreß zwei Jahre später eine neue, noch gründlichere Studie

* Aus dem Lateinischen übersetzt vom Verfasser. Der Professor sagte, daß man solche
Eingriffe »perhorreszieren« müsse.

54
über das Jahr 1977 durchführen. Ihr Ergebnis: 2 Millionen überflüssige
Operationen, 4 Milliarden Dollar Verlust, 10000 Tote 4 8 .
Nach Ansicht führender Fachleute gehören zu den zehn bis zwölf
Operationen, die besonders häufig überflüssigerweise durchgeführt
werden: Entfernen der Gebärmutter (Hysterektomie), der weiblichen
Brust (Mastektomie) und der Prostata (Prostatektomie) sowie die Ver-
schorfung des Muttermundes. Der Prozentsatz der überflüssigen Ope-
rationen beträgt nach verschiedenen amerikanischen Schätzungen zwi-
schen 11 und 30 Prozent
Der Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Gesundheits-
politik, Dr. Gerhard Kocher, kam nach Durchsicht der führenden
amerikanischen und englischen Literatur zum Schluß: »Hunderte von
seriös durchgeführten wissenschaftlichen Evaluationen ergaben ein
Bild, das nur als verheerend und empörend bezeichnet werden kann.
Das Argument, bei uns sei alles besser als in den USA oder in Großbri-
tannien, wäre zu billig. Die Verdoppelung der Mediziner in den näch-
sten Jahren wird die Neigung zu mehr Operationen und anderen Be-
handlungen weiter verstärken - schon nur zu Aus- und Weiterbil-
dungszwecken. Es wäre dringend nötig, diese bei uns weitgehend un-
bekannte (bewußt verschwiegene?) Literatur aufzuarbeiten und die
Verhältnisse bei uns zu untersuchen. Wer aber wagt dies 49 ?«
Der Kampf gegen die Krebszellen läßt sich mit dem Angriff einer kon-
ventionell mit Bomben und Granaten ausgerüsteten Armee auf einen
nach der Guerillataktik operierenden Gegner vergleichen. Wie Gueril-
lakämpfer in der Zivilbevölkerung verstecken sich die Krebszellen im
normalen Gewebe. Jeder Angriff mit Röntgenbestrahlung und Che-
motherapie tötet mit jeder Krebszelle auch eine unbekannte Anzahl
von gesunden Zellen. Gerade jene Zellen, in denen die Lebensvorgänge
besonders intensiv ablaufen, sind am stärksten betroffen. Damit geht
zunächst einmal all das verloren, was dem Leben seinen besonderen
Reiz gibt: die Freude am Essen und am Sex, Sinnesempfindungen und
allgemeines Wohlbefinden.
»Trotz großer Fortschritte durch die Hochvolttherapie« müsse man
immer noch mit »erheblichen Strahlenfolgen« rechnen, schrieb un-
längst das Ärzteblatt »Medical Tribüne 50 «. Das wird sich in Zukunft
kaum ändern, denn nach Ansicht namhafter Fachleute lassen sich

55
durch weitere Verbesserungen der Bestrahlungstechnik keine Fort-
schritte mehr erzielen. Wie sinnlos diese Technik bereits auf die Spitze
getrieben wurde, läßt sich daran ermessen, daß die Ausdehnung eines
Tumors, die anhand von Röntgenaufnahmen nur grob geschätzt wer-
den kann, mit Höchstpräzision auf einem Computer eingestellt wird,
der dann die Dosisverteilung der Bestrahlung steuert.
Selbst unter solchen optimalen Bedingungen, die nur in großen, mo-
dernen Kliniken gegeben sind, treten auf der Haut Verbrennungser-
scheinungen auf. Die Haut schuppt ab, brennt und juckt, Haare fallen
aus. Bestrahlungen im Kopfbereich führen zu Geschmacksverlust und
Mundtrockenheit, im Lungenbereich zu Kurzatmigkeit, Reizhusten
und Infektionen, im Darmbereich zu Übelkeit, Erbrechen, Blähungen
und Durchfall, im Bereich der Geschlechtsorgane zum Erlöschen der
Sexualität.
Besonders schwerwiegend sind die Nebenwirkungen, mit denen die
spärlichen Fortschritte der Chemotherapie erkauft werden mußten.
Beim Kinderkrebs, zum Beispiel bei der erwähnten ALL, ist die Be-
handlung besonders aggressiv. »Schwerste Infektionen, Kümmer-
wuchs, Infertilität (Unfruchtbarkeit), eine gestörte psychische Ent-
wicklung und Intelligenzdefekte sind nur einige der Folgeerkrankun-
gen, die die Lebensqualität der Patienten drastisch reduzieren«, heißt
es in einem Kongreßbericht. Der Onkologe William J. Zwartjes, der in
Denver (USA) krebskranke Kinder behandelt, fragt sich, »ob ein
Uberleben unter diesen Bedingungen die hohen Behandlungskosten
rechtfertigt 51 «.
Bei der Hodgkin-Krankheit, einer der wenigen Krebsarten, die gut auf
Chemotherapie ansprechen, bedeutet die Behandlung in praktisch
hundert Prozent der Fälle eine Kastration der Patienten 52 . Vom Zu-
sammenhang zwischen Sexualleben und Krebs wird später noch aus-
führlicher die Rede sein. Hier nur soviel: Personen mit der Fähigkeit,
sexuelle Lust zu genießen, erkranken weniger häufig an Krebs als sol-
che mit einem gestörten Sexualleben.
Die Chemotherapie mit giftigen Zytostatika, die ohne Unterschied
Krebszellen und gesunde Zellen töten, wird seit Jahrzehnten als die
große Hoffnung in der modernen Krebsbehandlung gepriesen. Nen-
nenswerte Behandlungsfortschritte seien in den kommenden Jahren

56
nur noch von der Chemotherapie zu erwarten, heißt es in Fachkreisen.
Es ist ein Fortschritt in eine Sackgasse, denn Zytostatika haben - wie
die Bestrahlung - die fatale Eigenschaft, Krebs zu erzeugen.
Der chemische Giftkrieg gegen den Krebs geht auf den Ersten Welt-
krieg zurück. Dort wurden die Chemikalien, die heute den Krebspa-
tienten in Form von Tabletten und Ampullen verabreicht werden, zum
ersten Mal im praktischen Einsatz erprobt. Allerdings bekämpfte man
damit nicht den Krebs, sondern feindliche Soldaten. Bei dem Stoff
handelte es sich um das Senfgas, von den Militärs nach der Bezeichnung
auf den Packungen »Gelbkreuz« genannt Wer dieses mörderische Gift
einatmete, starb unter furchtbaren Qualen.
Im Zweiten Weltkrieg fand man heraus, daß dieses Kampfgas vor allem
das Knochenmark und das Lymphsystem angreift, also jene Organe, in
denen die weißen Blutkörperchen gebildet und gespeichert werden.
Und da bei Leukämie und Lymphknotenkrebs die weißen Blutkörper-
chen unkontrolliert wuchern, begann man den Kampfstoff als Medi-
kament dosiert gegen diese Krebsformen einzusetzen. In seiner festen
und flüssigen Form wird der Stoff heute von den Medizinern »Lost«
genannt - nach den Herstellern Lommel und Steinkopf. Viele der heute
in der Krebsbehandlung verwendeten Medikamente, die sogenannten
Stickstofflost-Verbindungen, sind nichts weiter als chemisch abge-
wandelte Versionen des früheren Kampfgases. Daneben werden auch
Gifte verwendet, die aus Pilzen und Pflanzen gewonnen werden.
Ihre Wirkung in der Krebsbehandlung beruht darauf, daß Krebszellen
wegen ihres raschen Wachstums gegen diese Gifte empfindlicher sind
als die meisten normalen Körperzellen. Doch während sie Krebszellen
umbringen, regen die Chemikalien zugleich normale, gesunde Zellen
zu krebsigem Wuchern an. Diese beiden Wirkungen sind eng mitein-
ander gekoppelt und lassen sich nicht voneinander trennen.
Inzwischen gibt es eine ganze Reihe von Untersuchungen, die bewei-
sen, daß das körpereigene Abwehrsystem - das durch die Anti-
Krebs-Drogen geschwächt wird - das Wachstum eines Krebses brem-
sen oder sogar verhindern kann. Und eine Reihe weiterer Untersu-
chungen zeigt, daß Krebs häufiger auftritt, wenn das Abwehrsystem
ausgeschaltet wird. Dies ist beispielsweise bei Organtransplantationen
der Fall, wo man verhindern muß, daß das Abwehrsystem das fremde

57
Organ abstößt. Die Statistiken zeigen, daß Patienten, denen ein frem-
des Herz oder eine fremde Niere mit Erfolg eingepflanzt wurde, später
zehn- bis hundertmal häufiger an Krebs erkranken als andere ver-
gleichbare Patienten.
Eine Untersuchung der Krankengeschichten von 7362 Krebspatienten
ergab, daß 392 von ihnen an zwei oder mehr verschiedenen bösartigen
Geschwülsten gelitten hatten. Von diesen waren 67 (17 Prozent) mit
Bestrahlung und/oder Chemotherapie behandelt worden. In einer
Kontrollgruppe von 453 vergleichbaren Patienten, die nur einmal an
Krebs erkrankt waren, hatten dagegen nur 33 (7,7 Prozent) Bestrah-
lung oder Chemotherapie bekommen. Die Autoren dieser Studie ka-
men zum Schluß, daß fast die Hälfte der Mehrfach-Krebskranken ih-
ren Zweitkrebs »wahrscheinlich iatrogen«, das heißt durch die Be-
handlung, bekommen hatte 5 3 .
Die Triumphe dieser zweischneidigen Waffe im Kampf gegen den
Krebs spielten sich bisher fast ausschließlich in den Labors ab, wo die
Forscher in endlosen und - wie man heute zugibt - unnötigen Ver-
suchsreihen folgendes Experiment machten: Sie spritzten einer Maus
zuerst Krebszellen und dann Zellgifte ein, und häufig starben dann die
Krebszellen ab. Die Experimente gelangen, wie man jetzt weiß, nur
deswegen, weil die Krebszellen nicht von der betreffenden Maus
stammten.
Seit einigen Jahren werden Zytostatika nicht mehr nur in Fällen einge-
setzt, bei denen Operation und Bestrahlung aussichtslos sind. Immer
häufiger setzt sich die »vorbeugende« Chemotherapie nach Operatio-
nen durch, um die im Körper verbliebenen unsichtbaren Metastasen-
herde zu vernichten. Von der pharmazeutischen Industrie kräftig ge-
fördert, ist dieses Therapieschema jedoch bei den Ärzten noch heftig
umstritten. Selbst der St. Galler Onkologe Professor Hansjörg Senn,
ein entschiedener Befürworter der Chemotherapie, warnt vor »unbe-
kannten Langzeitfolgen« einer routinemäßigen Zytostatika-Nachbe-
handlung, die sich als »Bumerang« erweisen könnte, und befürchtet
eine kommerzielle Ausschlachtung »zum Schaden von Patienten und
Kostenträgern S4 «.
Vereinzelte klinische Studien zeigen, daß die Fünf-Jahres-Heilungsra-
ten von brustoperierten Patientinnen etwa 10 Prozent höher liegen,

58
wenn diese zusätzlich vorbeugend mit Zytostatika behandelt wer-
den s s . Von den zum Teil schweren Nebenwirkungen sind aber hun-
dert Prozent der Patientinnen betroffen. Zudem ist noch nicht klar, ob
es sich bei den 10 Prozent »Heilungsgewinn« nicht um einen kurzfri-
stigen Erfolg handelt, der durch eine erhöhte Sterblichkeit in einem
späteren Stadium ins Gegenteil verkehrt werden könnte.
Angenommen, die Zytostatika zerstören mikroskopisch kleine Krebs-
herde von einigen hundert oder tausend Zellen, verwandeln aber
gleichzeitig normale Zellen in Krebszellen. Dann ist damit nur so viel
Zeit gewonnen, wie diese neuen Krebszellen brauchen, um sich ihrer-
seits zu hundert- oder tausendzeiligen Herden zu entwickeln. Da die
Zytostatika aber gleichzeitig das Abwehrsystem schwächen, das mit
diesen Zellherden vielleicht allein fertig geworden wäre, hat man durch
die Behandlung allenfalls genau das Gegenteil dessen erreicht, was man
erreichen wollte: eine erhöhte Krebssterblichkeit nach zehn oder fünf-
zehn Jahren.
Hinzu kommt, daß durch Zytostatika Krebszellen herangezüchtet
werden, die gegen diese Gifte unempfindlich geworden sind. Dieser
Effekt, die Entwicklung »resistenter« Stämme, ist bei der Schädlings-
bekämpfung durch Insektizide und bei der Infektionsbekämpfung
durch Antibiotika längst bekannt. Er beruht darauf, daß jene Indivi-
duen - Insekten, Krankheitserreger oder Krebszellen —, die aufgrund
vorgegebener Erbeigenschaften gegen das Gift unempfindlich sind, die
Behandlung als einzige überleben und ihre Eigenschaften an ihre
Nachkommen weitergeben. So hat man festgestellt, daß die Behand-
lung mit mehreren Zytostatika wirksamer ist als mit einem einzigen
Zytostatikum. (Es ist weniger wahrscheinlich, daß eine Krebszelle ge-
gen mehrere Zytostatika gleichzeitig resistent ist) Tumoren, mit Zy-
tostatika vorbehandelt, waren in Zellkulturen unempfindlicher gegen
das Gift als unbehandelte Tumoren 5 6 . Je früher man mit Zytostatika
behandelt, desto größer wird die Gefahr, daß sich später resistente
Knoten bilden, die auf keine Behandlung mehr ansprechen oder eine
besonders aggressive Therapie erfordern.

59
Die gezähmten Patienten

In der »palliativen« Krebsbehandlung seien durch neue Zytostatika-


Kombinationen »beachtliche Fortschritte« erzielt worden. So lautet
der Tenor in Fachkreisen. »Palliativ«, so definiert das Klinische Wör-
terbuch, ist eine Behandlung, die »lindert« und im Gegensatz zur hei-
lenden Behandlung nur »gegen einzelne Symptome, nicht gegen die
Krankheit selbst« wirkt.
Leiden lassen sich nur schwer in Zahlen erfassen. Was meßbar ist, ist
die Ausdehnung der Krebswucherungen. Wenn die Onkologen von
»palliativen Erfolgen« sprechen, meinen sie damit in der Regel nicht,
daß sich die Patienten wohler fühlen, sondern daß auf dem Röntgen-
schirm ein Tumorrückgang, eine »Remission«, zu beobachten ist. Sol-
che Beobachtungen lassen sich sehr schön statistisch erfassen und da-
mit die Wirksamkeit der verschiedenen Behandlungsmethoden mitein-
ander vergleichen. Als Standardmaß für den »palliativen« Erfolg gilt
die durchschnittliche Verlängerung der Uberlebenszeit.
Die ursprüngliche, am subjektiven Empfinden des Patienten orien-
tierte Bedeutung des Wortes, die Linderung von unerträglichen Lei-
den, wo Heilung nicht mehr möglich ist, ist heute praktisch ver-
schwunden. Die Bedeutung, die heute vorherrscht, ist Arzt-orientiert,
ein Tummelfeld wissenschaftlichen Ehrgeizes.
Davon zeugen die vielen klinischen Versuche an todkranken Krebspa-
tienten. Weil bei ihnen nicht mehr viel schiefgehen kann, müssen sie als
Versuchskaninchen herhalten, an denen die Wirkungen verschiedener
Gift-Cocktails ausprobiert werden. Die Leiden der Patienten sind da-
bei zweitrangig. Wäre nämlich die Linderung von Leiden das oberste
Ziel der Onkologen, dann würden sie ihre Patienten nicht als statisti-
sche Größen behandeln, sondern als Einzelfälle. Sie würden nicht bei
einer zufällig ausgewählten Gruppe von Patienten ein bestimmtes Be-
handlungsschema anwenden und bei einer zweiten Patientengruppe ein
anderes, sondern sie würden bei jedem einzelnen Patienten die Behand-
lung so lange variieren, bis dieser am wenigsten Schmerzen verspürt.
Wirklich palliativ, also lindernd, ist nämlich die Zytostatikabehand-
lung von todkranken Krebspatienten nur bedingt. Zwar verschwinden

60
die durch den Tumor verursachten Symptome, zum Beispiel Schmer-
zen. Dafür entstehen aber durch die Nebenwirkungen der Behandlung
neue Leiden, die die Lebensqualität der Patienten erheblich beeinträch-
tigen. In gewissen Fällen mag es unumgänglich sein, einen Tumor mit
aggressiven Mitteln in Schach zu halten, zum Beispiel wenn er die Luft-
röhre eines Patienten einengt, so daß dieser zu ersticken droht. Diese
Entscheidung muß aber von Fall zu Fall getroffen werden und nicht
nach irgendeinem Therapieschema.
Zumindest bei den »unheilbaren« Fällen müßte der Grundsatz gelten,
der bei den Ärzten des Altertums höher im Kurs stand als heute: vor al-
lem nicht schaden. Das würde bedeuten, daß beispielsweise auch Na-
turpräparate ausprobiert werden, anstatt sie mit Hinweis auf fehlende
Statistiken zu verdammen. Es gibt Präparate, die nachweislich die er-
forderlichen Zytostatikadosen senken und dadurch deren schädliche
Nebenwirkungen auf einem Minimum halten können. Trotzdem wer-
den sie den Patienten systematisch vorenthalten, auch solchen, die nur
noch wenige Monate des Leidens vor sich haben.
Die meisten Patienten sind davon überzeugt oder lassen sich von den
Ärzten davon überzeugen, daß sie ohne Bestrahlung und Chemo-
therapie sterben müßten, während sie mit dieser Therapie eine
Heilungschance haben. So nehmen sie auch schwerste Nebenwirkun-
gen bereitwillig in Kauf.
Bezeichnend ist die Aussage einer 43jährigen brüst- und unterleibsam-
putierten Patientin mit Knochenmetastasen: »Für mich war ausschlag-
gebend, daß ich mir immer wieder sagte: Es ist das Optimale, was dir
helfen kann, und ich habe sehr viel Vertrauen, gerade in diese Zyto-
statika-Therapie. Das ging eigentlich fast automatisch mit mir vor. Ich
fühlte mich plötzlich wie ein Roboter. Es geschah nichts mehr, was von
mir aktiv beeinflußt wurde, ich hatte das Gefühl, es wurde mit mir ge-
macht.«
Das Buch, dem dieses Zitat entnommen ist, wurde verfaßt von der
Journalistin Helga Prollius, die nach schulmedizinischer Behandlung
einen Krebs im fortgeschrittenen Stadium mehr als zehn Jahre überlebt
hatte 57 . Es ist ein Ratgeber für Krebspatienten, versehen mit einem
Vorwort von Mildred Scheel, und trägt den Titel »Die Angst liegt hin-
ter mir«. Was Helga Prollius ihren Leidensgenossinnen und Leidens-

61
genossen rät, die ihre Angst noch nicht hinter sich haben, ist etwa fol-
gendes: Laßt nur die Ärzte machen! Zum Thema Chemotherapie sagt
sie, nachdem sie ein beschönigendes Bild von den Nebenwirkungen
gezeichnet hat: »Wenn man weiß, was auf einen zukommt, kann man
es leichter verkraften, vor allem, wenn man weiß, es geht vorüber, und
der Organismus gewöhnt sich auch langsam daran.«
Zu den Nachwirkungen der »Unterleibsoperation«, wie sie die Entfer-
nung der Gebärmutter samt Eierstöcken dezent nennt, bemerkt sie
nur, daß dies eigentlich von den meisten Frauen »nicht als ein wesentli-
cher Defekt« empfunden werde, da ja »das Fehlen innerer Organe
nicht zu sehen sei«. Ein »sexuelles Zusammensein mit dem Mann« sei
nach Abheilen der Wunden »organisch und funktionell durchaus wie-
der möglich«. Sinnlichkeit und sexuelle Lust sind für sie offenbar
Fremdwörter. Oder haben Krebspatienten ihrer Ansicht nach kein
Recht mehr darauf? Als einzige Nachwirkung der Kastration (die
durch Hormone nur zum Teil wieder ausgeglichen werden kann), hält
sie für erwähnenswert, daß die betroffene Frau keine Kinder mehr be-
kommen kann.
Daß eine solche Duldsamkeit, zu der die von Mildred Scheel propa-
gierten Krebsbücher raten, das Leben eher verkürzt, zeigt eine Unter-
suchung, die am John-Hopkins-Spital in Baltimore, USA, gemacht
wurde. Die Forscher erstellten von 35 Frauen mit metastasiertem
Brustkrebs je ein Persönlichkeitsprofil. Ein Jahr später faßten sie die
Patientinnen in zwei Gruppen zusammen: in jene, die noch lebten, und
in jene, die inzwischen verstorben waren. Ein Vergleich der Persön-
lichkeitsprofile der beiden Gruppen ergab, daß sich unter den Uberle-
benden viel mehr »schwierige« Patientinnen befanden. Sie waren ex-
traviert, eigenwillig und widersetzten sich häufig den Anweisungen der
Ärzte, waren häufig wütend und unglücklich und brachten der Be-
handlung wenig Vertrauen entgegen.
Anders die Patientinnen, die innerhalb eines Jahres verstorben waren:
Sie benahmen sich angepaßt, ergaben sich in ihr Schicksal und befolg-
ten die Anweisungen der Ärzte ohne Widerspruch. In der klinischen
Untersuchung hatten sich die beiden Patientinnengruppen hinsichtlich
Schmerzen, Übelkeit, Fieber und anderen Symptomen kaum unter-
schieden. Der Unterschied in der Uberlebenszeit war dagegen signifi-

62
kant: Die aufsässigen Patientinnen lebten im Durchschnitt dreimal
länger als die duldsamen 58 .
Uberhaupt laufen duldsame und pflichtbewußte Menschen eine viel
größere Gefahr, an Krebs zu erkranken, als dies bei den weniger Ange-
paßten der Fall ist. Dies ist das Fazit einer umfangreichen Forschungs-
arbeit des Heidelberger Soziologen Ronald Grossarth-Maticek und
seiner Mitarbeiter. Zahlreiche andere Untersuchungen kommen zu
demselben Schluß. Mit anderen Worten: Bei Krebspatienten handelt es
sich in der Regel um Menschen mit einer überdurchschnittlichen Be-
reitwilligkeit, die unangenehmen Nebenwirkungen der Behandlung zu
ertragen. Krebskranke sind Patienten, die sich vom Arzt leicht zähmen
lassen. Sie sehen ein, daß die Behandlung »notwendig« ist, ohne daß
der Arzt dies besonders zu betonen braucht. Ihre Ängste vor Opera-
tion und Bestrahlung halten sie für unwesentlich, und auf Lebensquali-
tät stellen sie keinen Anspruch.
Die Ärzte fördern diese Tendenz, indem sie die Behandlung, für die sie
sich - oft nach zweifelhafter Diagnose - entschieden haben, als N o r m
darstellen, die unbedingt eingehalten werden müsse. Hinzu kommt,
daß die Nebenwirkungen, in der ärztlichen Fachpresse wohl offen dis-
kutiert, in der für die Patienten bestimmten Literatur dagegen ver-
schwiegen oder heruntergespielt werden. So wird sichergestellt, daß
den Patienten auch äußerlich möglichst wenig Anlaß geboten wird,
sich gegen die oft unmenschliche Behandlung aufzulehnen.

63
3

Das Establishment

»Das medizinische Establishment ist zu einer Hauptgefahr für die Ge


sundheit geworden. «

Ivan Mich, »Die Nemesis der Medizin«


Machtkämpfe

Was er mache, interessiere mich sehr, sagte ich, nachdem ich mich tele-
fonisch vorgestellt hatte. Ich arbeite nämlich an einem Buch über
Krebs, und meine Haltung gegenüber der bisher praktizierten Krebs-
medizin sei ziemlich kritisch.
»Da haben Sie völlig recht«, sagte Herr A.
Nun, ich hätte den Eindruck, daß fast alle vielversprechenden neuen
Ansätze nicht genügend gefördert würden, fuhr ich fort.
Darauf A.: »Wem sagen Sie das?«
Ob das bedeute, daß man ihm Steine in den Weg lege, begann ich zu
sondieren.
»Steine in den Weg ist gut - die versuchen, meine Arbeit kaputtzuma-
chen. Das ist eine Mafia. Ich könnte Ihnen Dinge erzählen, da könnten
Sie drei Bücher darüber schreiben.«
Dieses Gespräch ist typisch für viele Gespräche, die ich mit sogenann-
ten Außenseitern führte. Nicht alle wagten sich so ungeschminkt zu
äußern, aus verständlichen Gründen.
Wer ist diese »Mafia« ? Welche Machtmittel stehen ihr zur Verfügung?
Mit welchen Methoden geht sie gegen unerwünschte Außenseiter vor,
und warum sind diese überhaupt unerwünscht?
Diese Fragen sind nicht leicht zu beantworten, denn das Gefühl, daß
hier ein Unrecht geschieht, unter dem letztlich die ohnehin schon
schwer geprüften Krebspatienten zu leiden haben, machen es einem
schwer, einen klaren Blick zu behalten. Nichts wäre verkehrter, als sich
vorschnell ein Feindbild zu machen und wie Don Quijote dagegen an-
zurennen.
Gleich vorweg: »Die« Krebsmafia im Sinne einer straff durchorgani-
sierten »Gesellschaft« gibt es nicht Die Unterdrückung von alternativen
Heilmethoden geschieht nicht auf Anweisung irgendwelcher Bosse,
sondern durch Machtverflechtungen, die vielleicht noch perfekter
funktionieren als jede Organisation. Beteiligt sind führende Wissen-
schaftler, ärztliche Standesorganisationen, Gesundheitsbehörden,
Krankenkassen, medizinische Fachzeitschriften, die Industrie, große
Forschungszentren, wohltätige Organisationen und die Medien.

66
Man kann alle diese Gruppen unter dem Begriff »medizinisches
Establishment« zusammenfassen, muß sich aber bewußt sein, daß sie
durchaus verschiedene Ziele verfolgen.
Auf den ersten Blick decken sich viele dieser Ziele sogar mit den Inter-
essen der Patienten. Die pharmazeutische Industrie zum Beispiel ist
daran interessiert, viele Medikamente umzusetzen. Wirksame Medi-
kamente lassen sich aber leichter verkaufen als unwirksame. Deshalb
ist die Industrie sicher bestrebt, möglichst wirksame Krebsmedika-
mente zu entwickeln. Das liegt auch im Interesse der Patienten.
Doch die Sache ist leider nicht so einfach. Erstens werden natürlich die
Medikamente nicht von den Patienten auf einem frei zugänglichen
Markt gekauft, sondern von den Ärzten verschrieben. Zweitens sind
die Medikamente ja tatsächlich wirksam, zumindest in der Vernich-
tung gewisser Krebsgeschwülste. Das ist ein Effekt, der sich gut nach-
weisen läßt, demzufolge auch ein gutes Verkaufsargument. Heilung
dagegen ist bei Krebs etwas Langfristiges und deshalb nicht so leicht zu
demonstrieren. Mit den Krebsmedikamenten scheint es ähnlich zu sein
wie mit dem Obst im Supermarkt: Nicht der Gehalt zählt, sondern der
äußere Effekt.
Auch andere gutgläubige Argumente fallen schnell in sich zusammen,
wenn man sie genauer unter die Lupe nimmt. So führt zum Beispiel
nicht jener Arzt die erfolgreichste Praxis, der die meisten Patienten
heilt, sondern jener, der die meisten Patienten behandelt. Das heißt:
Schnelle, problemlose Behandlungsmethoden rentieren mehr als sol-
che, die aufwendiger, aber dafür wirksamer sind.
Von den wohltätigen Organisationen ist nicht jene am erfolgreichsten,
die den Krebspatienten am besten hilft, sondern jene mit dem größten
Spendeneinkommen. Das Spendeneinkommen ist um so größer, je
größer die Werbeausgaben und je werbewirksamer (nicht hilfreicher)
die Aktionen der Organisation sind. Nicht jener Krebsforscher ist am
erfolgreichsten, der das Krebsproblem löst, sondern jener, der über die
meisten Assistenten und Laboreinrichtungen verfügen kann.
Die komplizierten Verflechtungen innerhalb des Krebs-Establish-
ments treten am besten zutage, wenn man nach den Motiven fragt.
Zum Beispiel die Forschungspäpste, die auf den Lehrstühlen von Uni-
versitäten sitzen, Abteilungen an großen Instituten leiten und ihre Ar-

67
beiten in den führenden Fachzeitschriften publizieren: Sie haben ein
vitales Interesse daran, daß die Forschungsrichtung, mit der sie groß
geworden sind, ihr wissenschaftliches Prestige und damit die Unter-
stützung durch öffentliche Gelder nicht nur behält, sondern wenn
möglich noch steigert. Steuergelder sind rar, und um die Förderung
konkurrieren viele verschiedene Forschungsrichtungen. Gelingen in
einem Fachgebiet aufsehenerregende Erfolge, wird es entsprechend
mehr gefördert, und für die anderen bleibt weniger übrig.
Die heute praktizierte Wissenschaft hat also weniger mit Wahrheitssu-
che als mit Einfluß und Geld zu tun. Dies ist sicher mit ein Grund,
warum so viele Forschergruppen auf der ganzen Welt immer wieder
dieselben Probleme bearbeiten. Es sind die Probleme, die »aktuell«
sind, weil dort Entdeckungen gemacht wurden. Die Konkurrenz in
den Labors der übrigen Welt wird aufmerksam und versucht, noch
schneller zu sein und die Erfolgsmeldungen als erste durchgeben zu
können. Das sichert nicht nur die finanzielle Unterstützung, sondern
auch einen guten Platz im Rennen um Nobel- und andere Preise.
Ein berühmtes Beispiel ist die »Doppel-Helix« der Zellkernsubstanz
D N A . Zu Beginn der fünfziger Jahre wußte man, daß die D N A die
Vererbung steuert. Wie das funktionierte, wußte man aber noch nicht,
denn dazu mußte man die räumliche Struktur des DNA-Moleküls
kennen. Gut im Rennen lag damals der Biochemiker Linus Pauling, der
bereits die räumliche Struktur von Eiweißstoffen erforscht und ein
Schraubenmodell entwickelt hatte, das ihm 1954 den Nobelpreis für
Chemie eintrug.
Ein britisch-amerikanisches Team in Cambridge griff die Schrauben-
Idee auf und versuchte, damit auch die räumliche Struktur der D N A zu
beschreiben.
Rosalind Franklin, Maurice Wilkins, James D. Watson und Francis
Crick entwickelten das Modell einer Doppelschraube, eben die be-
rühmte »Doppelhelix«. Doch das Ding wollte zunächst nicht so richtig
funktionieren.
In seinem Buch »Die Doppelhelix« beschreibt Watson eine Szene, die
einiges über die Motive der Forscher aussagt Pauling hatte eben eine
neue Arbeit geschrieben, die er in einer führenden Fachzeitschrift ver-
öffentlichen wollte. Ein Kollege brachte eine Kopie des Manuskripts

68
ins Labor, und sein Gesichtsausdruck verriet, daß etwas Wichtiges
drinstand.
Watson: »Mir wurde schlecht vor Angst, zu erfahren, daß nun alles
verloren sei.« Fieberhaft überflog Watson das Manuskript und merkte
dann, daß Pauling, einer der brillantesten Chemiker auf der ganzen
Welt, einen katastrophalen Schnitzer gemacht hatte. »Hätte ein Stu-
dent einen solchen Bock geschossen, dann hätte man ihn für unfähig
gehalten, von der chemischen Fakultät am Cal Tech * zu profitieren.«
Riesige Schadenfreude in Cambridge. N u n galt es, keine Minute mehr
zu verlieren.
Watson: »Sobald sein Irrtum herauskam, würde Linus nicht ruhen, bis
er die richtige Struktur der DNA-Moleküle herausgefunden hatte. Im
Augenblick setzten wir unsere Hoffnung darauf, daß seine Chemiker-
kollegen aus Ehrfurcht vor seinem überragenden Intellekt die Einzel-
heiten seines Modells nicht nachprüften. Doch da das Manuskript be-
reits an die Proceedings of the National Academy gesandt worden war,
würde Paulings Artikel spätestens Mitte März über die ganze Welt ver-
breitet werden. Und dann war es nur noch eine Frage von Tagen, bis
Linus wieder mit Volldampf auf der Jagd nach der D N A war 59 .«
Ob Watsons Einstellung typisch ist für die Zehntausende von Krebs-
forschern rund um den Globus, läßt sich daraus nicht ableiten. Doch
ihre Motive dürften dieselben sein.
Man braucht sich nur einmal zu überlegen, was passieren würde, wenn
ein Forscherteam das Krebsproblem endgültig lösen könnte. Die ganze
Krebsforschung würde überflüssig, Tausende von Forschern würden
arbeitslos oder müßten sich nach anderen Fragestellungen umsehen.
Deshalb kann ein Krebsforscher im Prinzip nicht daran interessiert
sein, daß in anderen Labors große Fortschritte gemacht werden. Wer-
den aber andererseits überhaupt keine Fortschritte gemacht, dann
droht die Gefahr, daß niemand mehr bereit ist, die Forschung zu finan-
zieren.
Wer auf der wissenschaftlichen Karriereleiter eine Spitzenposition er-
obert hat, verdankt seinen Aufstieg in der Regel der Tatsache, daß sein
Fachgebiet zu den anerkannten gehört.

* berühmte Universität in Kalifornien, USA

69
In der Wissenschaft vom Krebs führen zur Zeit die Chemotherapie-
Spezialisten das große W o r t Die weitaus meisten Arbeiten, die über
klinische Krebsforschung publiziert werden, stammen aus diesem
Fachgebiet. Die Chemotherapie-Päpste sind daran interessiert, daß das
so bleibt Durch ihre Spitzenposition haben sie auch die Machtmittel,
um dafür zu sorgen, daß die Konkurrenz nicht zu stark wird. Einerseits
verfügen sie über große Geldbeträge für ihre Institute. Das heißt, sie
genießen bei den Institutionen, die die Forschung fördern, ein gutes
Ansehen. Wenn sie Anträge für weitere Projekte stellen, kommen sie
damit ohne größere Probleme durch. Andererseits sitzen sie selbst in
den wissenschaftlichen Beiräten und Gutachtergremien, die über die
Förderungswürdigkeit von Forschungsvorhaben zu entscheiden ha-
ben. Natürlich haben sie kein Interesse daran, Forschungsarbeiten zu
fördern, die nicht zu ihrem Fachbereich gehören.
Im Prestigekampf der Wissenschaft spielen die Fachzeitschriften eine
Schlüsselrolle. Sie dienen dazu, die Ergebnisse von Forschungsarbeiten
in der wissenschaftlichen Welt zu verbreiten und zu diskutieren. Es
gibt zwei Dinge, die einer Fachzeitschrift ihren Platz eindeutig zuwei-
sen: Ansehen und Spezialisierung. Je älter eine Zeitschrift ist, desto
mehr Ansehen genießt sie in der Regel. Eine solche Zeitschrift wählt
ihre Arbeiten sehr sorgfältig aus. N u r Artikel aus den führenden Insti-
tuten haben eine Chance, angenommen zu werden.
Der Inhalt dieser Artikel ist dagegen zweitrangig. Dies zeigte eine Un-
tersuchung zweier amerikanischer Psychologieprofessoren. Die bei-
den Wissenschaftler nahmen zehn Artikel, die bereits von zehn füh-
renden psychologischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden wa-
ren. Sie schrieben die einleitende Zusammenfassung um, änderten die
Namen der Verfasser und Universitätsinstitute und reichten die Arbei-
ten bei den gleichen Zeitschriften wieder ein, in denen sie bereits er-
schienen waren. Drei Viertel der Arbeiten wurden zurückgeschickt mit
der Bemerkung, die Arbeit entspreche nicht den üblichen Anforderun-
gen. Als die beiden Professoren ihr Spiel aufdeckten, mußten die Her-
ausgeber und wissenschaftlichen Beiräte, die durch ihre Gutachten
über Annahme oder Ablehnung einer Arbeit entscheiden, zugeben,
daß die Namen von bekannten Forschern und Instituten mehr zählen
als das, was in der Arbeit steht 60 .


Das hat einen durchaus praktischen Grund. Eine Zeitschrift, in der die
führenden Koryphäen des Fachs publizieren, wird von den meisten
Wissenschaftlern gelesen und liegt in allen bedeutenden Bibliotheken
der Welt auf. Ein Verleger muß dafür besorgt sein, daß das Image seiner
Zeitschrift gepflegt wird. Er holt sich deshalb nicht eine möglichst viel-
seitige Auswahl von Fachleuten in sein wissenschaftliches Beratergre-
mium, sondern möglichst die Crème de la Crème der Wissenschaft. So
können in der Zeitschrift nur noch Arbeiten erscheinen, die dem engen
Horizont dieses Beratergremiums entsprechen.
Zu den führenden internationalen Krebszeitschriften gehören zum
Beispiel »Cancer«, »Cancer Research« und »Journal of the National
Cancer Institute«. Sie werden in den Vereinigten Staaten herausgege-
ben. Wer dort publiziert, gehört zur Spitze seines Fachs. Neben den
spezialisierten Zeitschriften gibt es auch solche, die größere Fachberei-
che umfassen, wie zum Beispiel die »Deutsche Medizinische Wochen-
schrift«, »Lancet« oder das »British Medicai Journal«. Sie veröffentli-
chen Arbeiten aus dem gesamten Bereich der Medizin. Am geringsten
ist die Spezialisierung bei Zeitschriften wie »Nature« und »Science«,
die über alle Fachgebiete der Naturwissenschaft und Medizin berich-
ten. Ein Krebsforscher, der dort publiziert wird, darf sich rühmen,
über die engeren Grenzen seines Fachgebiets hinaus beachtet zu wer-
den.
Je jünger eine Zeitschrift und je kleiner ihr Verbreitungsgebiet ist, de-
sto geringer ist ihr Ansehen. Ein untrügliches »Qualitätszeichen« ist
die Sprache. Wer etwas gelten will, publiziert in Englisch. Am unteren
Ende der Stufenleiter stehen Zeitschriften wie »Krebsgeschehen« und
»Erfahrungsheilkunde«, von den etablierten Fachleuten als »Gesund-
heitsblättchen« belächelt. Dort erscheinen die Arbeiten der »Außen-
seiter«.
Die führenden Krebsfachleute sitzen in den wissenschaftlichen Bera-
tergremien der ärztlichen Standesorganisationen. Diese möchten, daß
die Behandlungsmethoden, die heute von den meisten Ärzten prakti-
ziert werden, verbessert werden. Doch sie haben kein Interesse daran,
sie grundsätzlich in Frage zu stellen.
Als zum Beispiel Krokowski den Nutzen der Biopsie (Probeentnahme
von Krebsgewebe) bezweifelte, schritt - wie bereits erwähnt - die

71
Deutsche Bundesärztekammer sofort ein. Die Standesorganisation
wollte damit verhindern, daß eine Methode in Verruf geriet, die von ih-
ren Mitgliedern Tag für Tag praktiziert wurde. Die Ärzteorganisatio-
nen wachen auch darüber, daß die Standesregeln eingehalten werden.
Diese Regeln schreiben zum Beispiel vor, daß ein Arzt alles unterlassen
soll, was das Ansehen seiner Kollegen herabsetzt, und daß er keinerlei
Werbung betreiben darf.
Der Begriff »Werbung« ist sehr dehnbar. Er eignet sich deshalb gut
dazu, gegen Außenseiter vorzugehen. Wenn ein anerkannter Professor
in den Medien ein Interview gibt, dann informiert er die Öffentlichkeit
»sachlich« über sein Fachgebiet Das ist keine Werbung. Wenn ein
nicht anerkannter Außenseiter dasselbe tut, dann ist es unerlaubte
Werbung.
Dies erfuhr zum Beispiel der Wiener Arzt Dr. Franz-Heinz Binder.
Binder hatte 1948 begonnen, sich als praktischer Arzt mit der Niehans-
schen Zellentherapie zu befassen. Er überlegte, daß die Zellen im Or-
ganismus der Patienten zerlegt werden, so daß nicht die Zellen selbst
wirksam sein müßten, sondern die Bestandteile in ihrem Inneren. Er
fand einen Chemiker, Dr. Ludwig Holzinger, der bereit war, ihm bei
der Aufarbeitung der Zellen zu helfen. Nach einigem Ausprobieren
entwickelten die beiden aus Hühnerembryonen einen wäßrigen Ex-
trakt, den sie filtrierten, zentrifugierten und sterilisierten.
Binder begann, seine Krebspatienten mit intramuskulären Injektio-
nen des klaren Embryonensaftes zu behandeln. Die Wirkung war in
einigen Fällen »überraschend«, so zum Beispiel bei dem 56jährigen
Franz B.
Als er zu Dr. Binder kam, litt er an einem ödematosen Tumor im linken
Lungenflügel und war von den Ärzten aufgegeben. Sein Lungeninhalt
(»Vitalkapazität«) betrug noch 1300 Kubikzentimeter, normal sind
3800. Am 30. September 1954 bekam er seine erste Spritze, und schon
eine Woche später zeigten sich erste Anzeichen einer Besserung. Am
26. Oktober ging Franz B. in die Lungenheilstätte Baumgartner Höhe
zur Röntgenkontrolle. Dort stellte Primarius Dr. Hiebaum erstaunt
fest: »Eindruck des deutlichen Stillstandes, wenn nicht der Regres-
sion.« Am 11. November galt B. als »praktisch geheilt« und wurde
entlassen, und zwei Monate später war keine Spur von einem Tumor

72
mehr zu entdecken. In den sechziger Jahren starb B. an einem Gehirn-
schlag.
Zwar sprachen, wie Binder bereitwillig zugibt, nicht alle Patienten auf
die Injektionen an. Doch die Erfolge waren so ermutigend, daß Binder
glaubte, die Krebsforschung dafür interessieren zu können.
Im folgenden Jahr begab er sich deshalb mit seinen Unterlagen zu Pri-
marius Johannes Kretz, zuständig für Krebsforschung an der Universi-
tätsklinik Wien. Kretz habe nur gesagt: »Das gibt es nicht«, erklärte
Binder in einem Zeitungsinterview, das noch Folgen haben sollte. »Ich
frage, wollen Sie nicht die Befunde sehen? Da sagt er noch einmal, das
gibt es nicht, daß ein Mittel gegen so viele Sachen hilft, und hat mir die
Mappe über den Tisch zurückgeschoben.«
Binder hatte auch bei Diabetes, Multipler Sklerose und Hornhauttrü-
bung Besserungen beobachtet. Da gewisse Präparate zur Herstellung
des Embryonensaftes nur in der Bundesrepublik Deutschland zu ha-
ben waren, ersuchte Binder bei der zuständigen Stelle im Sozialmini-
sterium um eine Einfuhrerlaubnis. Dort habe man ihm gesagt: »Wenn
ich das freigäbe, und die Erfolge wären so, wie Sie sagen, dann würden
die Professoren von der Klinik einen Wirbel schlagen. Im übrigen ist
Forschung Sache der Klinik 61 .«
Nachdem die Fachwelt von seinen Erfahrungen nichts wissen wollte,
hatte Binder nichts dagegen, einem neugierigen Journalisten des »Ku-
rier« Auskunft zu geben. Der Bericht erschien am 8. Februar 1978 in
der Kurier-Serie »Die Naturheiler«. Der Titel lautete: »Kliniker-Vor-
urteil gegen Praktiker. Da heilt einer Krebs: Gibt's nicht!« Die Ärzte-
kammer reagierte auf diesen Bericht mit einem Disziplinarverfahren
gegen Binder.
»Es hat mich niemand von der ganzen Kommission nach meiner Me-
thode gefragt Es stand lediglich zur Diskussion, daß meine Äußerun-
gen eine Werbung darstellen, weil sie in einer Tageszeitung erschienen
sind. Meine Argumentation, daß es traurig wäre, wenn ich mit fast
sechzig Jahren Werbung betreiben müßte, um meine Existenz abzusi-
chern, wurde nicht zur Kenntnis genommen«, antwortete Binder, als
ich mich nach Einzelheiten des Verfahrens erkundigte.
Bei einem Außenseiter ist die Methode unmittelbar mit der Person ih-
res Erfinders verknüpft Die Medien können nicht anders über die Me-

73
thode berichten, als daß sie von der Person ausgehen, die dahintersteht.
Wenn der Außenseiter Erfolge hat, dann handelt es sich um eine »ei-
gene ärztliche Leistung«, und die darf gemäß den publizistischen
Richtlinien der ärztlichen Standesorganisationen in den Massenmedien
nicht herausgestellt werden. Gibt ein etablierter Professor ein Inter-
view, dann spricht er im Namen einer anonymen Institution, eines
Universitätsinstituts oder als Vertreter eines Fachgebiets, und selbst-
verständlich dienen seine Äußerungen nicht der Werbung, sondern der
»medizinischen Aufklärung der Bevölkerung«.

Wirtschaftliche Interessen

Neben den Forschungspäpsten und den ärztlichen Standesorganisa-


tionen gehören auch die großen pharmazeutischen Firmen und die
Hersteller von Bestrahlungsgeräten zum inneren Kreis des Establish-
ments. Die pharmazeutische Industrie investiert weltweit Hunderte
von Millionen in die Erforschung neuer Krebsmedikamente.
Noch in den sechziger und bei Beginn der siebziger Jahre hatten sich
nur wenige Pharma-Firmen für Krebs interessiert. Das Risiko, kein
wirksames Medikament herausbringen zu können, war noch zu groß.
Krebsforschung war für die Industrie ein Faß ohne Boden, und man
überlegte es sich sehr reiflich, bevor man dafür Geld investierte.
Nach Ansicht des amerikanischen Finanzexperten Paul Brooke zeich-
net sich jetzt in dieser Hinsicht ein Umschwung ab. Er rechnet damit,
daß der Weltumsatz an Krebsmedikamenten bis 1985 die 2-Milliar-
den-Dollar-Grenze überschreiten wird. Das sind noch immer nur we-
nige Prozente des gesamten Arzneimittelmarktes, aber wenn man das
Umsatzwachstum betrachtet, liegen die Krebsmedikamente an der
Spitze. 1977 betrug der Zytostatika-Umsatz 435 Millionen Dollar,
1978 bereits 600 Millionen, davon 325 Millionen allein in Japan 6 2 .
»Es gibt jedoch Anzeichen dafür, daß die Industrie das Vertrauen
daran verliert, jemals ihre Investitionen auf dem Gebiet des Krebses

74
wieder einbringen zu können«, meint dagegen ein britischer Gesund-
heitsfachmann. Er stützt sich dabei auf amerikanische Zahlen, die einen
leichten Rückgang des prozentualen Investitionsanteils für Krebs zei-
gen 63 .
Wie schon erwähnt, hat die Industrie ein vitales Interesse daran, wirk-
same Substanzen gegen Krebs zu finden. Deshalb müßte es eigentlich
ausgeschlossen sein, daß irgendwelche neuen Ansätze unterdrückt
werden.
»Wenn es ein wirklich aussichtsreiches Mittel gegen Krebs gäbe, hätte
es die Industrie schon lange entdeckt und vermarktet.« So lautet ein
gängiges Argument. Es hat viel für sich, und wahrscheinlich ist es sogar
richtig. N u r muß man sich klar sein, daß mit den aussichtsreichsten
Präparaten nicht unbedingt die größten Umsätze gemacht werden.
Die großen Weltkonzerne sind nur an Präparaten interessiert, die sich
vollsynthetisch in großer Menge herstellen lassen. Diese Bedingungen
sind nur bei den Zytostatika gegeben: Das sind einfache chemische
Verbindungen, die gewisse Stoffwechselvorgänge in der Zelle blockie-
ren. Kompliziertere passen nicht in das Konzept großer Firmen. Solche
Substanzen - zum Beispiel Misteleiweiße oder gewisse Enzympräpa-
rate — müssen aus Pflanzen gewonnen werden. Der Herstellungspro-
zeß läßt sich nicht wie bei einer Synthese voll automatisieren, sondern
ist von der Wachstumsphase der Pflanze, das heißt von der Jahreszeit,
abhängig. Die benötigten Mengen - aufgrund des selektiven Wir-
kungsmechanismus wirken oft schon geringste Spuren - sind außer-
dem großtechnisch uninteressant. Die ungiftigen Präparate auf Natur-
basis sind deshalb eher Sache kleiner Firmen.
Es ist klar, daß die großen Konzerne mit ihren riesigen Werbebudgets
den Markt beherrschen. Im Jahre 1973 bearbeitete die Arzneimittelin-
dustrie in den Vereinigten Staaten jeden einzelnen praktizierenden
Arzt mit einem Werbeaufwand von umgerechnet 11 250 Mark. Für
dieses Geld hätte man den Arzt ein Jahr lang auf die Universität schik-
ken können 6 4 . Die großen Firmen finanzieren auch Forschungsarbei-
ten, indem sie Ärzte beauftragen, wissenschaftliche Publikationen über
ihre Präparate zu verfassen. Solche Aufträge sind natürlich lukrativer
als klinische Versuche mit Präparaten kleiner Firmen.
Während in der pharmazeutischen Industrie wegen der großen Pro-

75
duktevielfalt noch ein gewisser Spielraum herrscht, sind die Hersteller
von Bestrahlungsgeräten viel enger an das Establishment gebunden.
Auch die Vertriebswege sind ganz anders als jene der Medikamente.
Bestrahlungsgeräte werden nicht von jedermann gekauft, sondern von
Klinikchefs. Die Gerätehersteller sind deshalb auf einen besonders gu-
ten Kontakt zu den führenden Wissenschaftlern angewiesen.
Der Präsident des Konkordats der schweizerischen Krankenkassen,
Felix von Schröder, beklagte sich im November 1979 über die »raffi-
nierte Verkaufstechnik« der Gerätehersteller, die es verstünden, »den
Ärzten und Spitälern Apparaturen mit einer Uberkapazität zu verkau-
fen«. Der Amortisationsdruck dieser kapitalintensiven Neuanschaf-
fungen zwinge zu einem übersetzten und zum Teil unnötigen Einsatz
dieser Apparaturen zu Lasten der Krankenversicherung 65 . Viele medi-
zintechnische Apparate werden sogar ausdrücklich mit dem Argument
angepriesen, sie seien »bei guter Auslastung in drei oder sechs Monaten
voll amortisiert 66 «.
Der äußere Kreis des medizinischen Establishments umfaßt die Ge-
sundheitsbehörden, die Institutionen zur Förderung der Forschung,
die Krankenkassen, die wohltätigen Organisationen und die Massen-
medien. Sie vertreten als Organe der Öffentlichkeit grundsätzlich ei-
nen anderen Standpunkt als die Forscher, die Ärzte und die medizini-
sche Industrie.
Die Gesundheitsbehörden zum Beispiel haben dafür zu sorgen, daß
keine unwirksamen oder gefährlichen Medikamente auf den Markt
kommen. Sie zwingen der Industrie im Interesse der Sicherheit be-
stimmte Normen und Vorschriften auf.
Die Institutionen zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung
haben im Interesse des Steuerzahlers dafür zu sorgen, daß nur förde-
rungswürdige Projekte unterstützt werden.
Die Krankenkassen möchten als Interessenvertreter der Patienten die
Gesundheitskosten möglichst niedrig halten.
Um ihre Aufgaben erfüllen zu können, sind aber Behörden, For-
schungsinstitutionen und Krankenkassen auf die Hilfe von Experten
angewiesen. Diese entscheiden als Gutachter darüber, welche For-
schungsvorhaben aussichtsreich und welche Medikamente wirksam
sind. Es sind dieselben Experten, die auch in den Herausgeberkollegien

76
der wissenschaftlichen Zeitschriften und in den Beiräten der ärztlichen
Standesorganisationen und der Krankenkassen sitzen.
Sowohl Krankenkassen als auch Behörden wären durchaus bereit, neue
Wege in der Krebstherapie zu unterstützen. Doch ihre Bemühungen
scheitern am Widerstand der Krebspäpste. Diese vertreten ein Dogma,
das heute so unangefochten ist wie früher die Religion: »Wirksam ist
nur, was wissenschaftlich bewiesen ist.«
Gerade auf dem Gebiet der Krebsbehandlung, wo nennenswerte Er-
folge bisher nicht erzielt werden konnten, stößt dieses Dogma auf wil-
lige Ohren. Es gibt ja so viele Ansätze, die nichts bringen, daß Behör-
den und Krankenkassen nur zu gerne bereit sind, eine strenge Auswahl
zu treffen. Es ist klar, daß etablierte Methoden wie die Chemotherapie,
durch Tausende von klinischen Tests untersucht, auf jeden Fall finan-
ziert werden müssen. Die alternativen Therapieversuche fallen nicht
nur der Ablehnung durch das wissenschaftliche Establishment zum
Opfer, sondern auch wirtschaftlichen Sachzwängen: Für sie bleibt
ganz einfach kein Geld übrig.

Das Dogma » Wissenschaft«-

Ein kurzer Blick zurück in die Medizingeschichte zeigt, daß wesentli-


che Entdeckungen zunächst von der Schulmedizin bekämpft wurden.
Männer wie Jenner, Pasteur und Semmelweis, heute als Wegbereiter
der modernen Medizin gefeiert, galten zu ihren Lebzeiten als Außen-
seiter, weil ihre Ideen der damaligen Wissenschaft widersprachen.
Der britische Landarzt Edward Jenner zum Beispiel handelte höchst
»unwissenschaftlich«, als er sich für gewisse Heilpraktiken der Bevöl-
kerung zu interessieren begann. Die Bauern hatten die Erfahrung ge-
macht, daß es gut war, die Kuhpocken zu bekommen. Man blieb dann
vor den viel schlimmeren Menschenpocken verschont.
Jenner begann 1749 damit, seine Patienten vorbeugend mit Kuhpok-
kenlymphe zu impfen. Obwohl die Erfolge offensichtlich waren, dau-

77
erte es Jahrzehnte, bis die Pockenschutzimpfung von der Schulmedizin
anerkannt war und sogar gesetzlich vorgeschrieben wurde — bezeich-
nenderweise zuletzt in Jenners Heimat Großbritannien.
Der Wiener Arzt Ignaz Semmelweis fand 1861 heraus, daß das Kind-
bettfieber, das zu jener Zeit Tausende von jungen Frauen das Leben
kostete, durch mangelhafte Hygiene der Ärzte verursacht wurde. Er
schlug vor, die Chirurgen müßten sich vor Operationen mit offenen
Wunden die Hände waschen. Dieses Ansinnen galt damals als eine der-
artige Zumutung, daß Semmelweis aus der wissenschaftlichen Welt
verstoßen wurde. N u r langsam setzte sich seine Erkenntnis gegen die
konservativen Widerstände durch.
In der Wissenschaft scheint es einen Prozeß der Verfestigung zu geben,
indem gewisse Erkenntnisse mit der Zeit den Charakter von unum-
stößlichen Dogmen annehmen. Als »wissenschaftlich gesichert« gelten
dann nur noch Fakten, die mit den bisher gewonnenen Erkenntnissen
übereinstimmen. Der für seine bissige Kritik bekannte Biochemiker
Erwin Chargaff schrieb 1963 über sein Fachgebiet: »Die Mode unserer
Zeit neigt zu Dogmen. Da ein Dogma etwas ist, was jedermann an-
nehmen soll, ist es zu der unglaublichen Eintönigkeit unserer Zeit-
schriften gekommen.« Die meisten Arbeiten würden die gleichen Me-
thoden verwenden und dieselben Resultate erhalten. Das nenne man
dann »Bestätigung einer wissenschaftlichen Tatsache«. Das Dogma der
Unfehlbarkeit der Naturwissenschaften sei so übermächtig, »daß Ex-
kommunikationsverfahren, in schwächeren Kirchen üblich, nicht ein-
mal in Betracht gezogen zu werden brauchen 67 «.
Wie übermächtig die wissenschaftlichen Dogmen auf dem Gebiet der
Krebsmedizin sind, zeigt sich daran, daß beileibe nicht nur unbekannte
Forscher, die den Durchbruch zur akademischen Spitze noch nicht ge-
schafft haben, zu den Außenseitern gehören. Selbst Nobelpreisträger
geraten schnell ins Abseits, wenn sie unkonventionelle Wege gehen.
Dies zeigt der Fall des bereits früher erwähnten Biochemikers Linus
Pauling. Pauling gewann nicht nur den Nobelpreis für Chemie, son-
dern 1962 auch den Friedensnobelpreis. In den siebziger Jahren begann
sich Pauling zusammen mit dem schottischen Chirurgen Ewan Came-
ron für die Möglichkeit zu interessieren, Krebspatienten mit hohen
Dosen von Vitamin C zu behandeln.

78
Cameron hatte 1966 in einem Buch darauf hingewiesen, daß durch eine
Stärkung der Kollagensubstanz zwischen den Zellen das Krebswachs-
tum gebremst werden könne 6 8 . Das Kollagen hält die Körperzellen zu-
sammen und sorgt für die Festigkeit der Gewebe. Bösartige Krebszel-
len sondern eine Substanz ab, die »Hyaluronidase«, die das Kollagen
auflöst und so die Invasion der Krebszellen in das Gewebe ermöglicht
Für eine normale Kollagenbildung ist Vitamin C erforderlich. Ein
Mangel an diesem Vitamin erzeugt die Krankheit Skorbut. Betroffen
sind vor allem jene Bindegewebspartien, die stark beansprucht werden:
Gelenke und Gebiß. Die Zähne beginnen sich zu lockern und fallen
schließlich aus.
Pauling und Cameron vermuteten, daß Krebspatienten wegen der zer-
störenden Wirkung der bösartigen Zellen auf das Bindegewebe beson-
ders hohe Gaben von Vitamin C benötigen. Gutartige Tumoren unter-
scheiden sich von bösartigen dadurch, daß sie von einer intakten Bin-
degewebskapsel umschlossen sind, die verhindert, daß die Zellen in das
benachbarte Gewebe einwachsen. Vielleicht ließ sich auf diesem Weg
die Bösartigkeit beeinflussen. Für das Vitamin C sprach, daß es für eine
große Zahl von Lebensvorgängen benötigt wird, die vermutlich das
Krebswachstum hemmen, zum Beispiel die Tätigkeit des Immunsy-
stems.
Im Herbst 1971 begann Cameron im Vale of Leven Hospital in Loch
Lomondside, Schottland, mit ersten klinischen Versuchen. Er verab-
reichte seinen Patienten mit fortgeschrittenen, nicht mehr zu behan-
delnden Tumorstadien bis zu zehn Gramm Vitamin C täglich.
Bereits 1939 hatte der deutsche Mediziner A.Vogt herausgefunden,
daß man Krebspatienten, die bestrahlt wurden, bis zu 5 Gramm Vita-
min C geben mußte, bis man die Substanz im Urin nachweisen konn-
te 69 . Vitamin C kann vom Organismus nicht gespeichert werden. Des-
halb werden die Mengen, die nicht benötigt werden, sofort mit dem
Urin ausgeschieden. Offenbar benötigten also Krebspatienten mehr
Vitamin C als gesunde Menschen. Doch Vogts Studie wurde kaum be-
achtet. Zu jener Zeit war über die Wirkungsweise des Vitamin C noch
recht wenig bekannt, und als die Zytostatika entwickelt wurden,
glaubte man, den richtigen Weg gefunden zu haben, und kümmerte
sich nicht weiter um so harmlose Substanzen wie Vitamin C.

79
Da Cameron bei seinen schwerstkranken Patienten zum Teil »dramati-
sche positive Effekte« feststellte, dehnte er seine Vitamin-C-Therapie
nach und nach auch auf Patienten mit aussichtsreicherer Prognose aus.
Bei Patienten mit Knochenmetastasen verschwanden in vier von fünf
Fällen die Schmerzen in den Knochen, nachdem die Patienten Vitamin
C bekommen hatten. Eine klinische Studie an 50 Patienten zeigte in
den meisten Fällen Besserungen: Die Patienten verloren ihre Schmer-
zen, fühlten sich besser, und in verschiedenen Untersuchungen des
Blutes und des Urins zeigte sich, daß die Aktivität der bösartigen Zel-
len abgenommen hatte.
Einige wenige Patienten sprachen auf die Therapie nicht an, und bei
dreien gab es einen »starken klinischen Verdacht«, daß das Krebs-
wachstum durch das Vitamin C beschleunigt worden war. Vielleicht
handelte es sich hier um besondere Tumorzellen, die für ihr Wachstum
Vitamin C benötigten. Solche Fälle schienen aber eine große Aus-
nahme zu sein.
In einer späteren klinischen Studie, die Cameron gemeinsam mit Pau-
ling durchführte, zeigte sich nämlich, daß Vitamin C im Durchschnitt
die noch verbleibende Lebensspanne von Krebspatienten im Endsta-
dium etwa um das dreifache verlängerte. Besonders eindrucksvoll war
der Behandlungserfolg bei einem schwerkranken Patienten mit Reti-
kulumzellen-Sarkom. Im Oktober 1973 erhielt er 10 Gramm Vitamin
C pro Tag, und nach wenigen Wochen verschwanden alle Anzeichen
der Krankheit. Der bösartige Befund war von mehreren Autoritäten
histologisch gesichert worden. Trotzdem begannen Cameron und
seine Mitarbeiter zu zweifeln, ob die Diagnose korrekt gewesen war.
Die Vitamindosis wurde bis März 1974 schrittweise auf Null reduziert.
Im April traten bereits unzweideutige Anzeichen eines bösartigen Tu-
morwachstums auf. Die Therapie wurde wieder aufgenommen, und
erneut war eine Remission zu beobachten. Jetzt konnte kein Zweifel
mehr bestehen, daß die Vitamin-C-Behandlung wirksam gewesen
war 7 0 .
Diese Folgerung wird jedoch von der Fachwelt als »unbewiesen« abge-
lehnt. Der Nobelpreisträger Linus Pauling, einer der angesehensten
Biochemiker der Welt, hatte nie Schwierigkeiten gehabt, Kredite für
seine Forschungsprojekte zu bekommen, bevor er sich mit Vitamin C

80
befaßt hatte, Seither wurden nicht weniger als fünf seiner Kreditgesu-
che zurückgewiesen, sowohl von der Amerikanischen Krebsgesell-
schaft als auch vom Nationalen Krebsinstitut 71 .
Woher kommt die dogmatische Sturheit der Krebsmedizin, die selbst
reputierte Fachleute nicht mehr anerkennt, sobald diese sich unkon-
form verhalten?
Wissenschaftliche Gründe können es nicht sein, weil dann alle For-
schungsergebnisse nach denselben Kriterien bewertet werden müßten.
Hätte sich beispielsweise eine zytostatische Droge als ähnlich wirksam
erwiesen wie das Vitamin C, wären Paulings und Camerons Untersu-
chungen sehr wahrscheinlich in den renommiertesten Fachzeitschrif-
ten der Welt veröffentlicht worden. Die Forscher hätten keine Schwie-
rigkeiten gehabt, Forschungskredite aufzutreiben, und zahlreiche
Forschergruppen hätten sich auf die Substanz gestürzt und damit be-
gonnen, sie in endlosen Versuchsreihen an Zellkulturen, Ratten und
Mäusen zu testen. In den führenden Krebskliniken der Welt hätte man
kontrollierte Studien an Tausenden von Patienten begonnen. Dieses
Bild mag vielleicht etwas übertrieben sein, aber ich bin überzeugt,
daß es nicht falsch ist.
Sind es also quasi »religiöse« Gründe, die unumstößlichen Lehren der
Wissenschaftspäpste, die zu der engstirnigen Forschungspolitik auf
dem Gebiet des Krebses geführt haben?
Dieser Verdacht, der nicht nur von Chargaff geäußert wurde, ist sicher
berechtigt. Man kann sich ja leicht in die Situation eines angesehenen
Professors versetzen, der jahrelang von seinem Katheder herab die wis-
senschaftliche Wahrheit gepredigt hat. Wenn nun einer kommt und
etwas anderes behauptet, und wenn daran sogar etwas Wahres sein
könnte, ist dies für den Professor sehr unangenehm
Natürlich kann ein Professor oder eine ganze Clique von Professoren
eine wissenschaftliche Revolution nicht verhindern. Einstein und seine
Relativitätstheorie haben sich schließlich durchgesetzt, obwohl diese
Theorie das gesamte Weltbild der Physik umkrempelte. Dagegen
nimmt sich der Vorschlag, Krebs mit Vitamin C zu behandeln, ganz
brav aus. Wissenschaftliche Sturheit allein kann nicht der Grund sein,
warum er von der Fachwelt nicht aufgegriffen wird.

81
»Was nicht sein darf, kann nicht sein*

Alle Krebsbehandlungsmethoden, die von der Schulmedizin abgelehnt


werden, haben zwei gemeinsame Eigenschaften: Sie sind ungiftig oder
nur sehr wenig giftig, und sie sind relativ billig.
Dies gilt zum Beispiel für die Diätbehandlung, die von Bircher-Benner,
Gerson und Zabel und vielen anderen entwickelt wurde. Es gibt zahl-
reiche Gründe, die für eine Wirksamkeit von Diät gegen Krebs spre-
chen. Doch offiziell ist das alles »wissenschaftlich nicht gesichert«.
Die Anthroposophen entwickelten aus der Mistel verschiedene Präpa-
rate gegen Krebs, die nicht nur unschädlich, sondern in zahlreichen
klinischen Studien an vielen Tumorarten erprobt sind. Die Ergebnisse
dieser Studien werden offiziell nicht anerkannt. Dringt trotzdem ein-
mal eine kurze Meldung darüber in ein ärztliches Standesblatt, gibt es
unter den Professoren, die über dessen wissenschaftliche Linientreue
wachen, einen Riesenwirbel.
Der ostdeutsche Physiker und Arzt Manfred von Ardenne entwickelte
eine »Mehrschritt-Therapie«, bei der die Krebszellen zuerst durch
Überwärmung und Ubersäuerung geschädigt und dann durch Sauer-
stoff und Medikamente beeinflußt werden. Von Ardenne, der interna-
tional einen ausgezeichneten Ruf genießt, wird in der Bundesrepublik
Deutschland fast völlig boykottiert
Als Professor Schostok 1972 die Mehrschritt-Therapie am Städtischen
Krankenhaus Friedrichshafen erproben wollte, protestierte ein Mitar-
beiter des Krebsforschungszentrums Heidelberg in einem offenen
Brief sogar beim Friedrichshafener Stadtrat gegen die »Unverantwort-
lichkeit solcher Versuche 72 «.
Uber die Art der schulmedizinischen Argumentation gibt vielleicht am
besten eine kleine Szene Aufschluß, die sich zwischen einem Arzt, der
nach der Ardenne-Methode arbeitet, und einem bekannten Chemo-
therapiepapst abspielte.
In Mölln, wo der Professor einen Vortrag hielt, fragte ihn der Arzt
beim Drink: »Was halten Sie von der Ardenne-Forschung über eine
neue, nicht toxische Krebstherapie?«
Professor: »Gar nichts.«

82
Arzt: »Wieso? Haben Sie die Forschungen, die seit 1964 laufen, über-
prüft?«
Professor: »Nein, hören Sie, dazu brauchte ich ja zehn Jahre.«
Arzt: »Sie können doch nicht negativ über etwas urteilen, was Sie nicht
kennen. Das war früher, als ich unter Professoren studierte, nicht üb-
lich.«
Professor: »Ja, wissen Sie denn nicht, daß von Ardenne nur Physiker
ist?«
Arzt: »Wissen Sie denn nicht, daß Albert Einstein auch nur Physiker
war?«
Der Professor, blaß vor Wut, rennt hinweg, seinen Cognac verschüt-
tend.
In den Vereinigten Staaten entwickelten um die Jahrhundertwende
William B. Coley und später Robert E. Lincoln Präparate aus Bakte-
rien. Coleys Versuche wurden nicht ernstgenommen, Lincolns Arbei-
ten wurden von den wissenschaftlichen Zeitschriften zurückgewiesen.
Lincoln selber wurde aus der Ärztegesellschaft ausgeschlossen, und
seine Untersuchungen wurden offiziell »wiederholt« und erbrachten
»keinen Hinweis« auf eine Wirksamkeit seiner Therapie.
Ähnlich erging es Dr. William Koch, der eine interne Behandlungsme-
thode entwickelt hatte, die die Zelloxydation steigern sollte. Seine Me-
thode schloß auch Diät ein. Koch wurde 1942 und 1946 von der ameri-
kanischen Nahrungs- und Arzneimittelbehörde gerichtlich verfolgt
Ärzte, die seine Therapie anwandten, wurden aus ihren Standesorgani-
sationen ausgestoßen 73 .
Der polnische Arzt Dr. Stanislaw Burzynski isolierte in den siebziger
Jahren in den USA aus dem Urin eine Substanz, die er »Antineopla-
ston« nannte. Sie scheint die bemerkenswerte Eigenschaft zu haben,
Krebszellen in normale Zellen zurückzuverwandeln. Urin gilt seit
zweitausend Jahren als Volksmedizin gegen Krebs und wird auch
heute noch verwendet Giftige Nebenwirkungen treten dabei nicht auf.
Als Burzynski jedoch nach ersten positiven Zellkultur- und Tierversu-
chen mit der klinischen Erprobung beginnen wollte, wurde ihm wei-
tere Unterstützung verweigert 74 .
In München wurde 1961 der Krebsarzt Dr. Josef Issels des Betrugs und
der fahrlässigen Tötung angeklagt. Issels hatte in seiner Klinik Patien-

83
ten behandelt, die von der Schulmedizin aufgegeben waren, und zwar
mit einer Kombination verschiedener »interner«, meist ungiftiger Me-
thoden. Von beiden Anklagepunkten wurde er später freigesprochen,
aber seine Arbeit wurde vom »Establishment« weiter bekämpft.
Die Aufzählung könnte fortgesetzt werden mit Namen wie Coffey,
Grossarth, Hoxsey, Ivy, Krebs, Popp, Reich, Revici, Vester usw.
Einige von ihnen werden in späteren Kapiteln dieses Buches noch auf-
tauchen. Wie schon erwähnt, zielen ihre Forschungsprojekte und
Methoden auf eine Behandlung, die weit weniger aggressiv als die her-
kömmliche Chemotherapie oder Strahlenbehandlung und vergleichs-
weise billig ist Dies könnte nicht nur eine gemeinsame Eigenschaft
sein, sondern der eigentliche Grund, warum sie vom Establishment
abgelehnt werden.
Die heute praktizierte Krebsforschung und -medizin ist eine riesige
Industrie, in der Milliarden investiert sind und Hunderte von Millio-
nen jährlich umgesetzt werden. Deshalb dürfen zwei Dinge auf keinen
Fall wahr sein: daß das alles seit Jahrzehnten keine Fortschritte mehr
gebracht hat und daß man mit weniger Aufwand bessere Erfolge erzie-
len könnte. Jedes unscheinbare Präparat, das nicht nur billig, sondern
zudem noch unschädlich ist und gegen Krebs wirkt, ist eine subversive
Gefahr für das Establishment Kein Patient wäre mehr bereit, die gifti-
gen Zytostatika zu schlucken, wenn er wüßte, daß er den gleichen Ef-
fekt auch mit einem ungiftigen Präparat haben könnte. Und in der Tat
ist dies das Motiv einer steigenden Zahl von Patienten, d i e - v o n der Er-
folglosigkeit der klassischen Verfahren enttäuscht - zu Naturheilme-
thoden drängen. Zudem würde dann die ungeheuerliche Erkenntnis
dämmern, daß der ganze Riesenaufwand umsonst gewesen ist.
Die Aggression, mit der die Schulmedizin gegen den Krebs vorgeht,
läßt sich nur dann rechtfertigen, wenn man beweisen kann, daß es an-
ders nicht geht.
Die Weichen wurden zu einer Zeit gestellt, als man mit aggressiven Me-
thoden zunächst erstaunliche Erfolge erzielte. Krebsgeschwülste
schmolzen dahin, wenn man sie mit Röntgenstrahlen beschoß. Über
die schädlichen Auswirkungen der Röntgenstrahlen wußte man da-
mals noch nicht genau Bescheid. Hätte man es gewußt, wäre man viel-
leicht nicht so forsch in diese Richtung weitergegangen.

84
Als sich die Strahlentherapie erst einmal etabliert hatte, mit Lehrstüh-
len an der Spitze und einer ganzen Zulieferindustrie an der Basis, da
war es zu spät für die Erkenntnis, daß Bestrahlung keine sehr erfolgrei-
che Methode der Krebsbekämpfung sein konnte. Es galt nun bereits als
unumstößliches Dogma, daß man gegen den Krebs nicht nur scharfes
Geschütz auffahren dürfe, sondern sogar müsse. Schon bevor im Zwei-
ten Weltkrieg die Chemotherapie entdeckt wurde, gab es also eine
starke Interessengruppe gegen unschädliche Krebsbehandlungsme-
thoden.
Zwar arbeitete die Zeit für die unschädlichen Methoden. Immer deutli-
cher wurde nämlich, daß der Krebs eine Erkrankung des Gesamtorga-
nismus ist, und die Erkenntnisse mehrten sich, daß das Immunsystem
bei der Abwehr gegen Krebs eine wichtige Rolle spielt. Heute wird dies
kaum mehr bestritten, und die Immunologie nimmt in der modernen
Krebsforschung einen wichtigen Platz ein. Doch noch immer gilt alles
Interesse ausschließlich den Krebszellen. Man sucht nach Tumor-An-
tigenen, das heißt nach den »Achillesfersen« der Krebszellen, die man
mit bestimmten Impfstoffen treffen könnte. Die Erfolge sind bisher
minimal.
Die schulmedizinischen Krebs-Immunologen weigern sich standhaft,
die Erfolge der Außenseitermethoden ernst zu nehmen. Statt dessen
machen sie mit der Chemotherapie gemeinsame Sache in der Bekämp-
fung von Krebszellen. Obwohl man nicht mehr leugnen kann, daß
Krebs eine Gesamterkrankung ist, gibt es in der Schulmedizin prak-
tisch keine Schritte in Richtung einer Gesamttherapie. Sie gilt als un-
wissenschaftlich, auch bei den Immunologen.
Daß die schulmäßige Krebs- Immunologie gewisse - vielleicht sogar die
zentralen - Aspekte ausklammert, kann nur politische Gründe haben.
Noch vor wenigen Jahrzehnten galt es als absolut unwissenschaftlich,
Krebs und Immunsystem in einem Atemzug zu erwähnen. Wenn sich
die Immunologie etablieren konnte, dann nur dadurch, daß sie die üb-
rigen Gebiete sorgfältig respektierte. Immunologie an einem Krebsfor-
schungszentrum Heidelberg mit seinem nahezu Hundert-Millionen-
Budget hauptsächlich für Strahlen- und Chemotherapie wäre auf an-
dere Weise nicht denkbar.
Es gibt noch weitere Argumente dafür, daß die unschädlichen Metho-

85
den nicht deshalb abgelehnt werden, weil sie unwirksam sind, sondern
weil sie das Establishment gefährden. Es ist zum Beispiel erstaunlich,
daß sie nicht zusammen mit Strahlen- und Chemotherapie erprobt
werden, obwohl es viele Hinweise gibt, daß dadurch die Nebenwir-
kungen reduziert werden könnten. Tatsächlich gibt es keinen Grund,
das nicht zu tun; Bestrahlung, Chemotherapie, Immuntherapie und
Ganzheitstherapie schließen einander ja nicht aus. Im Gegenteil: je
vielseitiger man den Krebs angreift, desto größer müßte eigentlich die
Erfolgschance sein. Warum wird dieser vielversprechende Ansatz
nicht verfolgt?
Man kann nur vermuten, daß hinter dieser Haltung die Angst steckt,
die unschädlichen Mittel auf Ganzheitsbasis könnten auch ohne Be-
strahlung und Chemotherapie wirken oder diese in den meisten Fällen
auf ein Minimum beschränken. Interessant ist, daß ausgerechnet
Dr. Issels, der sich nicht auf »Außenseitermethoden« festlegte, son-
dern diese mit Operation, Bestrahlung und.Chemotherapie kombi-
nierte und damit bei unheilbaren Patienten Erfolge erzielte, von der
Schulmedizin am heftigsten angegriffen wurde.
Das immer wiederkehrende Argument der Schulmediziner lautet, die
Wirksamkeit der internen Ganzheitsmethoden gegen Krebs sei nicht in
»kontrollierten klinischen Versuchen« nachgewiesen. Wie unsinnig
dieses Argument ist, zeigt sich darin, daß man mit sämtlichen Krebsbe-
handlungen sofort aufhören müßte, wenn man es auf alle Gebiete der
Krebsmedizin anwenden würde. Weder die Operation noch die Be-
strahlung wurde je in einem kontrollierten klinischen Versuch auf ihre
Wirksamkeit getestet. Es gibt sogar gute und bereits ausführlich er-
wähnte Gründe, an ihrer Wirksamkeit zu zweifeln.
»Die Krebstherapie ist ein Musterbeispiel, daß eine privilegierte Theo-
rie aus irrationalem Grund in den Status eines anerkannten Standes der
Wissenschaft< gestellt wurde«, schreibt Privatdozent Gerhard Kienle
und weist darauf hin, daß jene, die nur Behandlungsmethoden mit
»nachgewiesener Wirksamkeit« gelten lassen wollen, konsequenter-
weise auch darauf verzichten müßten, Hustensaft zu geben, oder man
hätte seinerzeit, als die Antibiotika aufkamen, diese neuen Medika-
mente »mangels klinischer Studien« ablehnen müssen 75 .
Das Argument der kontrollierten klinischen Versuche läßt sich nur

86
dann verstehen, wenn man berücksichtigt, woher es kommt: von den
Vertretern der Chemotherapie. Sie testen ihre Präparate schon seit Jah-
ren mit solchen Studien, wobei oft herauskommt, daß die Wirkung mi-
nimal ist
Chemotherapie ist in den wenigsten Fällen die alleinige Behandlung,
sondern ergänzt die Operation und Bestrahlung. O f t wird sie in Fällen
verabreicht, in denen Operation und Bestrahlung nicht gewirkt haben,
also bei fortgeschrittenen Stadien. Chemotherapie wird überall dort
verwendet, wo sich auch eine Allgemeintherapie aufdrängt. Wenn man
davon ausgeht, daß die Interessen der Chemotherapeuten und der
Ganzheitsmediziner unvereinbar sind - und sie sind es offenbar -, dann
herrscht eine Konkurrenzsituation. Also greifen die Chemotherapeu-
ten eben nach dem einzigen verfügbaren Argument: »Wir haben kon-
trollierte klinische Studien gemacht, ihr nicht.«
Daß dafür nicht wissenschaftliche Gründe, sondern solche der Interes-
senpolitik eine Rolle spielen, wird vollends klar, wenn man sich über-
legt, wie die zu testenden Substanzen ausgewählt werden.
Es hat ja keinen Sinn, etwas zu testen, von dem man bereits weiß, daß es
wirkt. Man testet also Substanzen, von denen man vermutet, daß sie
wirken könnten. Es ist bezeichnend, um nicht zu sagen beschämend,
daß die Vertreter der Schulmedizin es nicht für nötig halten, unschädli-
che Substanzen, von denen feststeht, daß sie zumindest »vermutlich«
wirken, für einen ernsthaften Test in Betracht zu ziehen. Daß sie dies
nicht tun oder es geradezu darauf anlegen, mit einem einzigen negati-
ven Befund alle früheren positiven Ergebnisse für nichtig zu erklären,
zeigt besser als alles andere, wie wenig ihnen daran liegt, die Wirksam-
keit ungiftiger Substanzen zu überprüfen.
Im Interesse der Patienten müßten sie dies tun, denn als Maß für den
Nutzeffekt eines Medikaments gilt die sogenannte therapeutische Brei-
te. Sie gibt an, wievielmal höher die Dosis sein muß, um ein Versuchs-
tier zu töten, verglichen mit der Dosis, die für eine Besserung oder
Heilung erforderlich ist. Für Zytostatika ist diese Spanne sehr eng. Bei
unschädlichen Präparaten, zum Beispiel Mistel- oder Enzympräpara-
ten, ist sie um ein Mehrfaches breiter. Auch wenn ein solches Präparat
weniger wirksam ist als ein Zytostatikum, ist sein eigentlicher Nutzef-
fekt dennoch größer. Durch eine Kombination verschiedener solcher

87
Präparate, wenn nötig auch zusammen mit Zytostatika, könnte man
ihre Wirksamkeit und ihren Nutzeffekt noch steigern.
Die Frage der therapeutischen Breite scheint nur dann aktuell zu sein,
wenn es darum geht, wirksamere Zytostatika zu entwickeln. In der
Diskussion um alternative Methoden taucht sie niemals auf. Das läßt
nur einen Schluß zu: Die wirklich orthodoxen Schulmediziner küm-
mern sich mehr um ihre eigenen Interessen als um das Wohl ihrer Pa-
tienten. Sie können sich dabei nicht einmal auf eine Mehrheit innerhalb
der Ärzteschaft berufen. In drei sorgfältigen und umfangreichen Erhe-
bungen stellte ein Mediziner fest, daß nicht weniger als 70 Prozent der
niedergelassenen Ärzte auch »wissenschaftlich nicht allgemein aner-
kannte Heilmethoden« anwenden. N u r eine Minderheit mochte sich
mit dem Alleinvertretungsanspruch der sogenannten Schulmedizin
identifizieren 76 .

Die Rolle der Medien

Da alternative Therapieversuche gegen Krebs mit dem Argument un-


terdrückt werden, sie seien »unwissenschaftlich«, spielen die Wissen-
schaftsjournalisten dabei eine Schlüsselrolle. Sie sind es, die der breiten
Öffentlichkeit über das berichten, was in der Wissenschaft passiert.
Mit oft bemerkenswertem Geschick verstehen sie es, die Erkenntnisse
der Forschung in eine allgemeinverständliche Sprache zu übersetzen.
Für die Frau oder den Mann von der Straße gibt es keine andere Mög-
lichkeit, sich über das Geschehen hinter Universitätsfassaden und In-
stitutstüren zu informieren, als durch Presse, Rundfunk und Fernse-
hen.
Wissenschaft gilt als ein »schwieriges« Thema. In den Medien fristet sie
deshalb ein Randdasein - zu Unrecht, denn was in der Wissenschaft
passiert, prägt unseren Alltag ebenso stark wie Wirtschaft und Politik.
Erst in den letzten Jahren entwickelte sich der Wissenschaftsjourna-
lismus als eine eigenständige Sparte der Berichterstattung. Doch nach
wie vor sind die Wissenschaftsjournalisten relativ dünn gesät, und nur

88
die größeren Tageszeitungen und Magazine, der Rundfunk und das
Fernsehen berichten regelmäßig über wissenschaftliche Themen. Bild-
lich gesprochen ist also der Wissenschaftsjournalismus ein enger Fla-
schenhals zwischen Universitäten und Bürgern. Deshalb ist die Gefahr
der Manipulation durch einseitige Berichterstattung gerade im Wissen-
schaftsjournalismus besonders groß.
Die Einseitigkeit besteht darin, daß für den durchschnittlichen Wissen-
schaftsjournalisten sich die Wissenschaft auf das beschränkt, was von
den Lehrstühlen herab gepredigt wird. Ich will mich selber von dieser
Kritik nicht ausnehmen. Viele meiner Kollegen bemühen sich ehrlich,
offen zu bleiben und den Wissenschaftsbetrieb kritisch zu verfolgen.
Doch der Spielraum ist ziemlich eng. Das beginnt schon bei der Aus-
wahl der Information. Ein Wissenschaftsjournalist sammelt seine Neu-
igkeiten auf Pressekonferenzen, an Kongressen, durch Studium von
Fachzeitschriften und durch eigene Recherchen.
Pressekonferenzen werden von der (meist pharmazeutischen) Indu-
strie, von wissenschaftlichen Organisationen und Gremien oder von
Forschern veranstaltet, die wichtige Entdeckungen gemacht haben -
letzteres ist vor allem in den Vereinigten Staaten üblich. An Kongres-
sen nehmen nur Wissenschaftler teil, die in ihrem Fachgebiet »offiziell«
anerkannt sind.
In Fachzeitschriften werden ebenfalls nur Publikationen dieser Wis-
senschaftler veröffentlicht. Wer selber recherchiert, stößt meist auf die
schulmäßig betriebene Universitätsforschung, außer er suche gezielt
nach Alternativen. Im Bereich der Medizin sorgen die ärztlichen Stan-
desorganisationen dafür, daß die Journalisten nur das berichten, was
»der fachlich einwandfreien medizinischen Aufklärung« der Bevölke-
rung dient 77 .
In der Welt des Wissenschaftsjournalismus spiegelt sich die Welt der
Wissenschaft bis ins letzte Detail. Den Bemühungen der etablierten
Wissenschaftler um die Reinhaltung der wissenschaftlichen Lehre ent-
spricht die sogenannte journalistische Sorgfaltspflicht der Redakteure.
Angesehene Zeitungen wie zum Beispiel die FAZ oder die N Z Z legen
in dieser Beziehung besonders strenge Maßstäbe an. Wie die Redak-
teure dabei vorgehen, möchte ich an einem selbsterlebten Beispiel
schildern.

89
Ich erfuhr, daß ein amerikanischer Professor in Zürich einen Vortrag
über die Behandlung von Schizophrenen mit dem Spurenelement Zink
hielt. Der Vortrag fand an der Psychiatrischen Universitätsklinik
»Burghölzli« statt, aus dessen Schule einst Freud und Jung hervorgin-
gen. Die Initiative zu diesem Vortrag war von einem schweizerischen
Freund des amerikanischen Professors ausgegangen. Er wollte die
Schulpsychiatrie auf diese Weise mit dessen Methode bekannt machen.
Ich war der einzige Journalist an dem Vortrag und bot der »Weltwo-
che« einen Exklusivbericht an. Die zuständige Redakteurin zeigte sich
interessiert, schärfte mir aber ein, ich müsse unbedingt auch den »offi-
ziellen« Standpunkt einholen und in meinem Artikel darstellen. Ich tat
dies, ergänzte jedoch die negative Stellungnahme des Schulmediziners
mit dem Hinweis, daß die Standesvereinigung der amerikanischen
Psychiater eine Untersuchung über die Wirksamkeit der Spurenele-
mentbehandlung in Auftrag gegeben und das Ergebnis, die Behand-
lung sei »unwirksam«, mit großem Aufwand verbreitet habe.
Dieser Passus wurde von der Redaktion gestrichen, und durch ver-
schiedene sprachliche Retuschen wurden Zweifel an der Methode des
amerikanischen Professors eingestreut: Aus »vorgeschlagen, . . . zu
behandeln« wurde beispielsweise »zu behandeln versucht« und durch
meine Überredung schließlich »zu kurieren versucht«.
Der Artikel erschien unter dem Titel: »Quacksalberei oder Wunder-
kur?« Am nächsten Tag bekam ich einen erbosten Anruf des Herrn,
der den Vortrag organisiert hatte: Das sei die reinste Frechheit, Profes-
sor P. als Quacksalber hinzustellen, und er überlege sich, welche recht-
lichen Schritte er dagegen unternehmen könne. Ich beteuerte, daß ich
für diesen Titel nichts könne, und als es mir gelungen war, den Herrn
einigermaßen zu beruhigen, sagte er: »Da steckt bestimmt die psychia-
trische Vereinigung dahinter. Mit diesem Schachzug sollte der Bericht
in einen Hetzartikel verwandelt werden.«
Ich antwortete, daß ich in meinem Artikel die Sache positiv dargestellt
habe und daß daran auch ein negativer Titel nichts ändern könne. Die
Schulpsychiater hätten wahrscheinlich damit nicht direkt zu tun, son-
dern ich würde das für einen Fall von Selbstzensur halten.
Das Zauberwort, unter dessen Motto diese Selbstzensur steht, heißt
»Ausgewogenheit«. Das große Gewicht der Schulmedizin gegenüber

90
jeglichen »Außenseitermethoden« muß bei diesem Balanceakt natür-
lich gebührend berücksichtigt werden.
Am 7. Mai 1980 berichtete der Norddeutsche Rundfunk in seiner Sen-
dung »Umschau am Abend« über eine Pressekonferenz, an der die
Ärzte Hans Jürgen Rogozinski und Günter Neumeyer über die Resul-
tate berichteten, die sie mit einer kombinierten Krebsbehandlung an
der Hamburger Elbe-Klinik erzielt hatten.
Die »sogenannte Krebs-Intensivtherapie« scheine »bei allen Vorbehal-
ten in Einzelfällen erfolgversprechend zu sein«, berichtete der Repor-
ter. Von 246 behandelten Patienten sei bei 14,6 Prozent eine anhaltende
Remission erzielt worden und bei 74,8 Prozent eine vorläufige Remis-
sion.
Dann folgte ein Interview mit Neumeyer, der unter anderem gefragt
wurde, wodurch sich die Behandlungsmethode der Elbe-Klinik von
jener der Schulmedizin unterscheide.
Neumeyer antwortete: »Im Prinzip überhaupt nicht« Die Patienten
müßten so weitgehend wie möglich operiert sein, um das Immun-
system zu entlasten. Die zweite, sehr wichtige Frage sei, wie man die
Krebszelle so stören könne, daß sie auf die Chemotherapie, die dann in
einer Infusion eingesetzt werde, empfindlicher reagiere. So habe man
einen »wesentlich größeren Erfolg an der Krebszelle«, ohne dabei, wie
das bei der üblichen Chemotherapie in großen Dosen der Fall sei, den
gesamten Körper zu stören. Neumeyer führte aus, daß auf diese Weise
mit der halben Zytostatikadosis ein besserer Erfolg erzielt werden
könne als mit Chemotherapie und Bestrahlung allein.
Diesen Ausführungen folgte, um die »Ausgewogenheit« zu wahren,
eine Stellungnahme des Vizepräsidenten der Hamburger Ärztekam-
mer, Dr. Gerhard Graul. Der Reporter zitierte daraus folgende Passa-
gen:
»Es ist uns bekannt, daß die Diagnostik der Krebserkrankten nicht
immer mit gebotener Sorgfalt durchgeführt wird«, und »Es sind uns
mindestens zwei Fälle bekannt, wo Patienten behandelt wurden, die
gar nicht an Krebs gelitten haben. Dies wurde später bei Nachuntersu-
chungen festgestellt«
Rogozinski, Chef der Elbe-Klinik, konsultierte nach diesen üblen Un-
terstellungen einen Anwalt.

9i
Die zweite Methode, die journalistische Sorgfaltspflicht zu wahren,
besteht darin, daß der verantwortliche Redakteur den zu prüfenden
Artikel einem »Experten« vorlegt. Dieses Vorgehen wird vor allem in
jenen Fällen gewählt, in denen der Artikel nicht bereits die Stellung-
nahme eines solchen Experten enthält Nach einer solchen Begutach-
tung wird ein Artikel allenfalls umgeschrieben oder - wahrscheinlich
der häufigere Fall - wandert in den Papierkorb.
Im März 1980 lieferte der deutsche Wissenschaftsjournalist Klaus Keß-
ler der Fernseh-Illustrierten »Hör zu« - die jeweils ausführlich über
Mildred Scheels Werbeaktionen berichtet- eine dreiteilige Artikelserie
ab. Sie war von der Illustrierten in Auftrag gegeben worden und trug
den Arbeitstitel »Der sanfte Strahl«. Keßler berichtete darin über eine
neue, schonende physikalische Behandlungsmethode gegen Krebs, die
sogenannte Magnetfeldtherapie. Er berief sich auf namhafte Professo-
ren, unter ihnen Nobelpreisträger Szent-Györgyi, auf deren For-
schungen die neue Therapie beruhte. Keßler erhielt sein Honorar, aber
der Bericht erschien nicht Verschiedene Experten, unter ihnen Profes-
sor Schmähl vom Krebsforschungszentrum Heidelberg, hatten sich
negativ über die neue Therapie geäußert, die »statistisch mangelhaft
abgesichert« sei.
Ich bat den stellvertretenden »Hör zu «-Chefredakteur Hans Peter
Blümer um eine Stellungnahme. Nach einigem Nachdenken konnte er
sich wieder erinnern: Nachdem die Stellungnahmen verschiedener Ex-
perten eingetroffen seien, hätten sie sich auf der Redaktion »irgendwie
mulmig« gefühlt und »kalte Füße« bekommen. »Wir haben lange hin
und her überlegt, und den Ausschlag gaben schließlich unsere Erfah-
rungen mit einem Interferon-Artikel, den wir damals betont zurück-
haltend formulierten. Trotzdem sind Hunderte von zum Teil erschüt-
ternden Leserbriefen bei uns eingetroffen - sagen Sie uns, wo man es
bekommt, wir geben unser ganzes Vermögen und so weiter -, und wir
haben uns gesagt, wir können so etwas nicht noch einmal verantwor-
ten.«
Im Verlauf unseres Gesprächs sagte Blümer unumwunden, daß ihm
auch so, durch die Sperre der Artikelserie, »nicht wohl« sei.
Interessant ist, daß sich das »mulmige« Gefühl der Redakteure, wie
Blümer zugab, erst einstellte, nachdem die Gutachten vorlagen. Of-

92
fenbar hatten die Experten es verstanden, geschickt auf den Interferon-
rummel hinzuweisen und ihn als Argument gegen den Bericht über
Magnetfeldtherapie zu benützen: Den Patienten sollten unter keinen
Umständen ungerechtfertigte Hoffnungen gemacht werden. Dies ist
wohl Mildred Scheel vorbehalten.
In der »Laxenburger Deklaration« der Europäischen Union der Ge-
sellschaften der Wissenschaftsjournalisten von 1979 steht folgender
Passus: »In Erfüllung ihrer Aufgabe [ . . . ] können Wissenschaftsjour-
nalisten mit Regierungen, Medienbesitzern und anderen mächtigen In-
stanzen in Konflikt geraten. Sowohl in Industrie- als auch in Entwick-
lungsländern müssen sie mit Bestrafung oder Gefängnis rechnen.«
Dies scheint in der Praxis nicht allzu häufig vorzukommen. Die mei-
sten ziehen verständlicherweise die Anpassung der Konfrontation vor.
Ein kritischer Wissenschaftsjournalist braucht nicht unbedingt das Ge-
fängnis zu fürchten. Es genügt, wenn er keine Informationen von den
Wissenschaftlern mehr bekommt, wenn ihn Institute mit Hausverbot
belegen, wenn Redakteure seine Artikel zurückweisen, weil sie wissen-
schaftlich »nicht genügend fundiert« sind.
Ein wesentlicher Machtfaktor im Wissenschaftsjournalismus ist die
Industrie, vor allem die pharmazeutische. Mehrere Basler Pharmagi-
ganten sind fördernde Mitglieder des Schweizer Klubs der Wissen-
schaftsjournalisten. Natürlich akzeptiert die Industrie auch Kritik, und
aus der Tatsache ihrer Mitgliedschaft im Journalistenklub braucht man
noch nicht zu schließen, die Mitglieder dieses Klubs seien alles Hof-
schreiber der Industrie. Die Idee, die auf Seiten der Journalisten dahin-
tersteckt, ist folgende: Erstens brauchen wir Geld, um einen guten
Journalismus machen zu können, mit Informationsreisen, Weiterbil-
dung usw., und zweitens soll uns die Industrie in ihre Forschung blik-
ken lassen. Es ist klar, daß man nur etwas kritisieren kann, das man
auch kennt.
Die Idee auf Seiten der Industrie kenne ich weniger genau. Mir fällt nur
das Sprichwort ein: Wes Brot ich eß, des Lied ich sing'. Dieses Lied
klingt offenbar bis jetzt im großen und ganzen zur Zufriedenheit der
Industrie, denn diese gibt recht ansehnliche Summen aus, organisiert
Tagungen für die Journalisten, zahlt deren Hotel- und Reisespesen
usw.

93
Die Amerikanische Krebsgesellschaft (ACS) veranstaltet jedes Früh-
jahr ein in der ganzen Welt berühmtes »Seminar für Wissenschafts-
journalisten« mit internationaler Teilnehmerliste. Die ACS scheut kei-
nen Aufwand, um die Journalisten mit Galaveranstaltungen, Banket-
ten, Gelegenheit zu Exklusivkontakten mit Forschungsgrößen und
anderen Attraktionen herbeizulocken. Zielgruppe sind vor allem die
amerikanischen Medien, denn das ACS-Seminar bildet den Auftakt ei-
ner gigantischen Werbekampagne von der Atlantik- bis zur Pazifikkü -
ste, mit der die amerikanischen Bürger zu Krebsspenden aufgerufen
werden.
Die Aktivitäten des deutschen Krebs-Establishments nehmen sich da-
gegen richtig bescheiden aus. Aber immerhin: Die »Deutsche Krebs-
hilfe« oder der Name von Mildred Scheel wurden 1978 in der deut-
schen Presse über eine Milliarde Mal erwähnt; das Deutsche Krebsfor-
schungszentrum gab 1977 22 Pressemitteilungen heraus, ermöglichte
42 Hintergrundgespräche mit Journalisten, 46 Rundfunkinterviews
und 18 Fernsehfilme, und das Echo auf diese Aktivitäten bestand in
über 900 Artikeln in fast 200 Zeitungen und Zeitschriften mit einer Ge-
samtauflage von rund 50 Millionen 78 .

94
3

Die »Wohltäter«

» Vielleicht überlegt die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe aber auch


einmal, ob nicht gar der Lärm ihrer Werbetrommeln mittlerweile mehr
zur Verbreitung der Krebsangst als das eingetrommelte Geld zur Be-
kämpfung des Krebses beigesteuert hat und wieviel Schaden dadurch
entstanden sein kann?«

Karsten Vilmar, Präsident der Bundesärztekammer, am 10. Januar


1980 im »Deutschen Ärzteblatt«
Mildred Scheels Machtpolitik

»Schreiben Sie das nicht in der Zeitung, bitte nicht!« Die Stimme von
Frau Reinhilde Detemple, Hausfrau, Initiatorin und Vorsitzende der
»Krebsliga Saarland«, klang entschlossen und duldete keinen Wider-
spruch. »Machen Sie uns die Mildred Scheel nicht kaputt, wir brauchen
sie.« Ich versprach ihr, nichts darüber zu schreiben, obwohl ich das,
was sie mir eben über Mildred Scheel gesagt hatte, für meinen Bericht
sehr gut hätte brauchen können. Ich hatte Frau Detemple am 10. Ja-
nuar 1980 angerufen, um mehr über ihre Selbsthilfeorganisation von
Krebspatienten zu erfahren.
»Unsere Krebsliga ist einmalig, weil es das in ganz Deutschland nicht
gibt, daß Universitätsprofessoren, Ärzte der Naturheilverfahren und
Heilpraktiker an einem Tisch sitzen. Das gibt es nur bei uns im Saar-
land«, erzählte sie stolz.
Die Krebsliga Saarland war damals ziemlich genau zwei Jahre alt. Ihr
Hauptvorstand setzt sich aus Laien zusammen. Ihnen steht ein Beirat
zur Seite, dem neben Ärzten und Heilpraktikern auch Theologen, Psy-
chologen, Vertreter von Krankenkassen, Versorgungsamt usw. ange-
hören. Die Liga unterhält eine Geschäftsstelle und drei Begegnungs-
stätten, in denen wöchentlich Vorträge und Zusammenkünfte stattfin-
den. Die Patienten können sich dort über den Schwerbeschädigten-
ausweis, über Krankenkassenleistungen und andere Probleme infor-
mieren oder sich persönlich beraten lassen. Das alles kostet natürlich
Geld, und damals, im Januar 1980, hatte Frau Detemple, die ebenso
wie alle übrigen Helfer der Krebsliga ehrenamtlich arbeitet, die Hoff-
nung noch nicht ganz aufgegeben, von den Millionen der Mildred
Scheel einen kleinen Anteil zu erhalten.
»Wir haben uns jahrelang bemüht, zwischen der Schulmedizin und den
Außenseitermethoden zu vermitteln. Das alles könnte sehr schnell ka-
puttgehen, wenn im Zusammenhang mit unserer Krebsliga negativ
über Frau Scheel berichtet würde«, erklärte sie mir. »Wir haben kein
Interesse an einer Konfrontation. Die Patienten brauchen uns, und wir
müssen ihnen helfen können.«
Den Krebspatienten »helfen« - das soll, wie ihr Name sagt, auch die

96
»Deutsche Krebshilfe«. Dieser 1974 gegründete Verein verdankt sein
Entstehen dem internationalen Brauch, daß Landesmütter wohltätige
Einrichtungen schaffen und fördern. Für die Röntgen-Fachärztin und
Gattin des damaligen deutschen Bundespräsidenten, Mildred Scheel,
lag auf der Hand, daß sie sich dem publizitätsträchtigen Kampf gegen
den Krebs zuwandte. Die Deutsche Krebshilfe konnte dank Beziehun-
gen auf höchster politischer und gesellschaftlicher Ebene bereits beim
Start über erhebliche finanzielle Mittel verfügen. Ungeachtet der Tat-
sache, daß die Krebsforschung jährlich viele Millionen an bundesdeut-
schen Steuergeldern verschlang, sollten durch Spenden weitere Millio-
nen aufgebracht und in die Forschung gepumpt werden.
Das Konzept der Deutschen Krebshilfe stammt nicht von Mildred
Scheel. Es wurde von der Amerikanischen Krebsgesellschaft (ACS)
übernommen, einer der größten »wohltätigen« Organisationen der
Welt. Ihre jährlichen Spendeneinnahmen liegen weit über 100 Millio-
nen Dollar. Weniger als 30 Prozent davon werden zur Unterstützung
von Forschungsprojekten verwendet, und dieser magere Anteil kommt
zur Hauptsache jenen Institutionen zugute, die einen Vertreter im
ACS-Direktorium sitzen haben. Über die Hälfte des ACS-Budgets
verschlingt dagegen der aufgeblähte Verwaltungsapparat. Einige Spit-
zenfunktionäre sollen bis zu 75 000 Dollar im Jahr verdienen. Nicht
weniger als achtzehn ACS-Direktoren saßen 1976 gleichzeitig auch in
Bank-Aufsichtsräten, und in diesen Banken war zu jener Zeit beinahe
die Hälfte des 20o-Millionen-Dollar-Vermögens der Amerikanischen
Krebsgesellschaft angelegt.
Ein Rechnungsprüfungsbericht des National Information Bureau, der
Behörde, die in den Vereinigten Staaten die Tätigkeit der gemeinnützi-
gen Organisationen zu überwachen hat, kam Ende 1978 zii folgendem
Schluß: »Fragen (müssen) entstehen bezüglich des Kapitals, das die
ACS über den Anteil hinaus anhäuft, der für das Budget des folgenden
Jahres benötigt wird . . . Die ACS hat in den vergangenen Jahren wie-
derholt b e h a u p t e t . . . , sie hätte mehr Forschungskredite gewährt,
wenn mehr Geldmittel zur Verfügung gestanden hätten. Diese Aussage
wird durch die Tatsachen nicht bestätigt 79 .«
Die Deutsche Krebshilfe gab im selben Jahr etwas mehr als die Hälfte
ihrer Einnahmen von 23 Millionen DM für »Förderungsmaßnahmen

97
im medizinischen und sozialen Bereich« aus. Der Rest von gut 11 Mil-
lionen wurde zum größten Teil als Stiftungskapital angelegt, während
die Verwaltungsausgaben »nur« knapp 2 Millionen betrugen 80 .
Das Echo, das die Gründung der Deutschen Krebshilfe auslöste, war
überwiegend positiv. Doch schon zu Beginn meldeten sich auch skep-
tische Stimmen. »Was die Deutsche Krebshilfe mit ihren Geldern Gu-
tes tun wird, ist noch nicht abzusehen«, kommentierte zum Beispiel die
Zeitschrift »Naturarzt«. Fest stehe nur, daß es »schwierig« sei, »auf
diesem Gebiet unzweideutig Gutes zu tun«. Die schulmedizinische
Krebsforschung und -therapie werde nicht nur seit Jahrzehnten ge-
drängt, sich auch mit den Methoden der »biologisch denkenden Au-
ßenseiter« zu befassen, sondern auch die Schulmediziner vom Fach
seien sich in der Beurteilung der »trüben Situation des Krebsproblems«
höchst uneins 81 .
Herta Schneider, eine beherzte Hausfrau aus Nürnberg, ließ sich auf
eine Kontroverse mit Mildred Scheel ein. Am 10. Mai 1975 forderte sie
in einem Brief, daß die Krebshilfe sich bemühen sollte, die »biologi-
schen Auffassungen« in die Krebsbekämpfung miteinzubeziehen und
die »eigentlichen Krebsursachen«, nämlich die Umweltvergiftung, zu
beseitigen. Mildred Scheel ließ sich ein Vierteljahr Zeit, bis sie am
7. August antwortete, sie sei als konsequente Vertreterin der Schulme-
dizin fest davon überzeugt, »daß sich Erfolge in der Krebsbekämpfung
nur über die Schulmedizin erzielen lassen«.
Da Herta Schneider nicht locker ließ, wurde sie in einem zweiten,
diesmal sehr prompten (dafür aber vage formulierten) Schreiben be-
schwichtigt. Darin hieß es, »im Augenblick« lasse sich »noch nicht ab-
sehen«, inwieweit bei der geplanten Förderung von Forschungsvorha-
ben »Naturheilmittel oder Mittel der Homöopathie berücksichtigt
werden können«.
Eine andere mutige Hausfrau aus Feucht bei Nürnberg gründete kur-
zerhand eine Organisation mit dem Namen »Die wahre Krebshilfe«.
Mildred Scheel ging gerichtlich dagegen vor, und ihre Anwälte erran-
gen aus urheberrechtlichen Gründen einen leichten Sieg.
Doch die Kritik kam nicht nur aus Kreisen der Außenseiter. Auch im
75köpfigen Kuratorium der Deutschen Krebshilfe war es zu Ausein-
andersetzungen gekommen. Einige Mitglieder dieses Gremiums - be-

98
standene Schulmediziner, wohlgemerkt - sprachen abschätzig davon,
daß die Deutsche Krebshilfe ein bloßer »Selbstbedienungsladen für
deutsche Kliniker« sei. Was war geschehen?
1975 hatte der Hamburger Verein »Rehabilitation Geschwulstkranker
am Wohnort«, der sich der direkten Patientenbetreuung widmet, einen
Antrag um finanzielle Unterstützung an die Deutsche Krebshilfe ge-
stellt. Noch am 17. Oktober sicherte deren Generalsekretär schriftlich
zu: »Wie wir vereinbart haben, warte ich jetzt auf Ihre Nachricht, daß
Ihr Trägerverein in das Vereinsregister eingetragen wurde, sowie auf
Ihren offiziellen Antrag mit einer Realisierungs- und Kostenrech-
nung . . . Die weiteren Schritte unserer Zusammenarbeit dürften dann
automatisch folgen.«
Was dann am 8. Januar 1976 folgte, nachdem der Verein den Antrag
samt der verlangten Anerkennung der Gemeinnützigkeit fristgerecht
eingereicht hatte, war ein Ablehnungsbescheid. Darin distanzierte sich
der Generalsekretär der Deutschen Krebshilfe zunächst einmal vom
Rehabilitationsgesetz, auf das sich der Hamburger Verein bei seiner
Zielsetzung berief und das doch eigentlich auch der Deutschen
Krebs»hilfe« als Richtschnur hätte dienen müssen. »Der Leistungska-
talog in § 10« dieses Gesetzes besitze »nur deklamatorischen Wert«,
schrieb der Generalsekretär und begründete seinen ablehnenden Be-
scheid damit, »daß dem Vorstand der Deutschen Krebshilfe wegen der
bekannten Finanzmisere unserer Kliniken und Krankenhäuser eine
Vielzahl von Förderungsanträgen aller Art vorliegt, die unsere finan-
zielle Leistungskraft bei weitem übersteigt«. Der Vorstand habe aus
diesen Gründen verschiedene Schwerpunkte festlegen müssen. Dazu
gehöre »primär die Beschaffung von Ganzkörper-Scannern für einige
Universitätskliniken (kursiv vom Verfasser) sowie zukünftig auch die
Unterstützung gewisser Forschungsvorhaben«. (Daß dabei die »Na-
turheilmittel oder Mittel der Homöopathie« nicht berücksichtigt wür-
den, stand wohl von Anfang an fest.)
Ein einziger »Ganzkörper-Scanner«, eine Art Röntgencomputer, ko-
stete damals 1,8 bis 2,5 Millionen Mark - ein Vielfaches dessen, was die
Unterstützung des Hamburger Vereins gekostet hätte.
Trotz Kritik in den eigenen Reihen beschlossen Mildred Scheel, ihr
Generalsekretär und die ebenfalls apparatefreundlich gesinnten Mit-

99
glieder des Krebshilfe-Vorstandes, für die Universität Köln einen
Scanner zu kaufen und sich an zwei weiteren dieser Supergeräte mit je
einem Drittel des Kaufpreises zu beteiligen. Ganz auf die Beschaffung
eines Scanners war eine Werbekampagne ausgerichtet, die 1975 in der
Programmzeitschrift »Hör zu« durchgeführt wurde. Auch in Spen-
denaufrufen in der »Bild«-Zeitung waren »diese wichtigen Diagnose-
geräte« als ein Förderungsschwerpunkt erwähnt worden.
Im Oktober 1976 kritisierte das Ärzteblatt »Medical Tribüne«, die
Gelder der Krebshilfe würden nicht sinnvoll eingesetzt. Sie dienten vor
allem der Anschaffung von teuren Apparaturen, und es sei fraglich, ob
dies dem Willen der Spender entspreche. Die Zeitung erhielt dabei
sachkundige Schützenhilfe. So schrieb der Heidelberger Universitäts-
professor W. Hunstein, Mitglied des Sonderforschungsbereiches
Krebsforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in einem Le-
serbrief, daß seiner Meinung nach »genug Geld für die Forschung aus-
gegeben und zum Teil verschwendet« werde. Nach seinem Dafürhal-
ten sollte die Deutsche Krebshilfe »dem Krebskranken helfen«. Zur
wissenschaftlichen Lösung des Krebsproblems würde sie »nichts bei-
tragen, schon gar nicht durch die Anschaffung der umstrittenen Com-
putertomographie-Geräte«.
In ihrer Antwort auf den »Medical-Tribune«-Kommentar blamierte
sich Mildred Scheel mit einem plumpen Rechenfehler. Mit Zahlen ver-
suchte sie zu beweisen, daß sich die »Behauptung«, die Apparateförde-
rung sei der Schwerpunkt des Krebshilfe-Programms, »nicht belegen«
lasse. Scheel-Zitat: »Der Anteil der apparativen Förderung macht ins-
gesamt am Gesamtetat der Deutschen Krebshilfe für die Jahre 1975
und 1976 rund 30 Prozent aus. Da es sich bei der Gerätefinanzierung
um die Förderungsmaßnahmen zweier Jahre handelt, kann in diesem
Punkt abschließend festgestellt werden: Die Deutsche Krebshilfe hat
für die Beschaffung von Geräten 15 Prozent ihres Spendenaufkom-
mens pro Jahr* verwendet 8 2 .

* Der Trick »aus zwei mach eins« funktioniert hier nicht: Zwar wurden 1976 nur unge-
fähr halb so viele Geräte gekauft wie in den beiden Jahren zusammen, aber es gingen auch
nur halb so viele Spenden ein. Die Proportionen ändern sich dabei überhaupt nicht
Es muß richtig heißen: »Die Deutsche Krebshilfe hat für die Beschaffung von Geräten
30 Prozent ihres Spendenaufkommens pro Jahr verwendet.«

IOO
Auch in anderen Fach- und Tageszeitungen wurden Vorwürfe laut. So
wurde Mildred Scheel der »Apparatomanie« bezichtigt. Die Deutsche
Krebshilfe habe der Stadt Wiesbaden ein Mammografiegerät angebo-
ten, obwohl dort bereits fünf solche Geräte unausgenutzt stünden. Der
»Scanner« sei zwar in den USA für die Früherkennung von Gehirn-
tumoren erfolgreich eingesetzt worden, aber für Ganzkörperdurch-
leuchtungen noch nicht ausgereift. Und so weiter.
Die Scheel-freundliche »Bild«-Zeitung bezeichnete in ihrer Ausgabe
vom 31. Januar 1977 die Kritiker pauschal als »Heckenschützen«. In
derselben Nummer kündigte Mildred Scheel eine Aktion »Krebs-
kranke helfen Krebskranken« an, die offenbar dazu bestimmt war, das
angeschlagene Image der Deutschen Krebshilfe wieder aufzupolieren.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Mildred Scheel kein Interesse gezeigt,
mit Selbsthilfegruppen von Krebspatienten zusammenzuarbeiten. In
den Jahren 1975 und 1976 hatte Renate Steiner, Vorsitzende des Ver-
eins »Gesundheitsforum Wiesbaden« und SPD-Landtagsabgeordnete,
insgesamt viermal an Mildred Scheel geschrieben und ihr eine Zusam-
menarbeit angeboten. Sie erhielt nie eine Antwort.
Schon Jahre vor der Gründung der Deutschen Krebshilfe waren an
verschiedenen Orten in der Bundesrepublik kleine Gruppen von
Krebspatienten entstanden, die sich gegenseitig in regelmäßigen Zu-
sammenkünften Ratschläge, Hilfe und Informationen vermittelten.
Natürlich werden in diesen Gruppen auch Adressen von Ärzten wei-
tergegeben, die sogenannte Außenseitermethoden praktizieren, und
dies erklärt wohl die Tatsache, daß Mildred Scheel es nicht einmal für
nötig hielt, einen absagenden Brief an Renate Steiner zu diktieren. Sie
hatte ja von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, daß für sie aus-
schließlich die schulmedizinischen Methoden in Frage kamen - unge-
achtet der mageren Erfolge, die sie erzielten.
An der Förderungspolitik der Deutschen Krebshilfe hat sich seit 1976
nicht viel geändert. Zwar werden jetzt Anträge auf Finanzierung von
medizinisch-technischen Geräten »grundsätzlich abgelehnt«, wie der
Jahresbericht 1978 ausdrücklich betont. Dafür wurden Tumorzentren
in Hamburg, Köln, Essen und München mit jährlich 5 Millionen DM
gefördert 83 . Tumorzentren sind spezialisierte Großkliniken für die
Diagnose und Behandlung von Krebserkrankungen. Selbstverständ-

101
lich sind alle von ihnen mit »Scannern« ausgerüstet, die von der Deut-
schen Krebshilfe mitfinanziert wurden.
An den Tumorzentren wurde nun die Idee der psychosozialen Nach-
betreuung Krebskranker aufgegriffen, die von Patienten-Selbsthilfe-
gruppen schon lange zuvor entwickelt und praktiziert worden war.
Endlich durften diese Selbsthilfegruppen und Rehabilitationsvereine
hoffen, von Mildred Scheel Geld zu bekommen, sofern sie bereit wa-
ren, sich dem Diktat von Frau Dr. Scheel zu fügen. Da ich wissen woll-
te, ob die Krebsliga Saarland bei ihren Bemühungen um eine Unter-
stützung durch Mildred Scheel Erfolg hatte, rief ich Frau Detemple im
Oktober wieder an.
»Wir wurden endgültig abgewiesen«, sagte sie. »Jetzt legen wir unsere
Karten offen auf den Tisch.« Der Vorstand der Krebsliga habe be-
schlossen, die ganze Auseinandersetzung mit der Deutschen Krebs-
hilfe an einer Pressekonferenz an die Öffentlichkeit zu bringen.
Wenige Wochen nach diesem Gespräch lernte ich Frau Detemple per-
sönlich kennen. Sie ist ziemlich genau das Gegenteil der knochigen,
kühlen, in der High-Society verkehrenden Mildred Scheel: eine eher
rundliche, warmherzige und temperamentvolle Frau aus dem Volk.
Ubernächtigt von einer Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der
Liga, und trotz des Erfolges dieser Veranstaltung dem Weinen näher
als dem Lachen, erzählte sie bei Kaffee und Kuchen von den Proble-
men, die ihr der hautnahe Einsatz für die Patienten aufbürdet
»Manchmal möchte ich den ganzen Kram hinschmeißen. Ich habe
schon manchmal gesagt: Hätte ich im Leben nie so was angefangen!
Aber ich kann einfach nicht nein sagen, das ist mein Fehler.«
Ein Fehler, so sagt sie, war auch der Name »Krebsliga« für ihre Organi-
sation: »Leider Gottes werden wir immer mit der Frau Scheel verwech-
selt, und viele sagen dann: Wenn's für die Frau Scheel ist, dann geben
wir nichts, ihr habt ja genug Geld.«
Das Geld, das an den Wohltätigkeitsveranstaltungen der Krebsliga
Saarland gesammelt wird, kommt in der Regel in Form von Sachhilfen
oder finanziellen Beihilfen bestimmten Patienten zugute, die die Ko-
sten für eine Behandlung nicht aufbringen können. Einen Aufenthalt in
einer Außenseiterklinik können sich nur finanzkräftige Patienten lei-
sten, da die Krankenkassen die Kosten nicht oder nur zum Teil über-

102
nehmen. Die vielen Fälle, mit denen Frau Detemple täglich zu tun hat,
neben der täglichen Hausarbeit, versteht sich, gehen ihr bisweilen un-
ter die Haut.
»Ich habe vor kurzem etwas erlebt, das mich sehr erschüttert hat. Es
ging um ein i4jähriges Mädchen mit einem Knochensarkom, das von
der Uniklinik aufgegeben wurde. Dann haben wir noch einen letzten
Versuch gemacht, wir wußten von vorneherein, das Mädchen muß
sterben. Wir sind dann zum Doktor G. gegangen, und der hat ihr die
Ernährung umgestellt und sie behandelt, und das Mädchen war drei
Wochen schmerzfrei. Einmal hat es gesagt: >Mama, warum arbeiten die
Ärzte nicht zusammen? Da geht es mir so gut.< Es starb ein paar Tage
vor seinem fünfzehnten Geburtstag. Wenn das schon ein Kind sagt,
warum arbeiten die nicht zusammen, dann müßte einem das wirklich
zu denken geben.«
Nachdem es der Saarländer Organisation gelungen war, Schulmedizi-
ner und sogenannte Außenseiter für ein gemeinsames Ziel zu gewin-
nen, hoffte der Vorstand auch auf eine Unterstützung durch Mildred
Scheel. Zwar war es kein Geheimnis, daß Frau Scheel nur die Schulme-
dizin anerkannte und von Naturheilmethoden nichts wissen wollte.
Aber man glaubte im Saarland, mit den Schulmedizinern im Beirat
auch in Bonn hoffähig zu sein.
Leider erwies sich das als eine Täuschung. Sie seien sehr stolz und mit
viel Optimismus zu Mildred Scheel gefahren, erzählte Frau Detemple.
Doch in Bonn sei der Optimismus gleich gedämpft worden. Frau
Scheel sei begeistert gewesen und habe gesagt: »Ich bringe euch ganz
groß raus«, aber das nur unter der Bedingung, daß sie ihre Eigenstän-
digkeit verlieren würden. Die Saarländer hätten von der Deutschen
Krebshilfe einen bestimmten Fonds erhalten, aber ihre Spenden hätten
sie in den großen Bonner Topf abliefern müssen. Natürlich kamen
auch die Außenseitermethoden zur Sprache. Mildred Scheel habe un-
mißverständlich klargemacht, daß sie davon nichts halte. Als der Name
Issels fiel, habe sie wörtlich gesagt: »Ich bin stolz, zu denen zu gehören,
die Issels kaputtgemacht haben.«
Zum Schluß habe sie gedroht: »Wenn ihr nicht macht, was ich will,
dann komme ich ins Saarland und mache euch kaputt. Ich habe das
Geld, ich habe den Namen, und ich habe den langen Arm.« Das habe

103
sie ihnen knallhart ins Gesicht gesagt Ihre letzten Worte seien gewe-
sen: »Uberlegt euch, wie lange ihr überleben wollt«
Für diese Drohung Mildred Scheels gibt es etwa ein Dutzend Zeugen,
nämlich den gesamten Vorstand der Krebsliga Saarland, darunter ein
Landtagsabgeordneter und ein Rechtsanwalt
Nach dieser Besprechung in Bonn berief die Liga eine Vorstandssit-
zung ein, und einstimmig wurde beschlossen, nicht auf Mildred Scheels
Ansinnen einzugehen, sondern weiterzumachen wie bisher. Einige
Zeit später schrieben die Saarländer die Deutsche Krebshilfe noch ein-
mal an, um es ein letztes Mal zu versuchen. Frau Detemple, der Bei-
ratsvorsitzende und zwei Vorstandsmitglieder fuhren zu einer zweiten
Besprechung nach Bonn. Dort wurden sie nicht von Mildred Scheel
persönlich empfangen, sondern von ihrem Geschäftsführer. Bei der
Unterredung kam auch die Misteltherapie zur Sprache, und der Ge-
schäftsführer äußerte sich offenbar über diese »inoffizielle« Heilme-
thode ziemlich positiv oder jedenfalls nicht negativ.
Frau Detemple: »Da haben wir grünes Licht gesehen. Wir sind heimge-
fahren und haben gedacht: Jetzt haben wir es geschafft, wir sind doch
akzeptiert. Und dann, nach einem Jahr, kam die große Enttäuschung:
Schon wieder abgelehnt Wir würden das praktisch nicht erfüllen, was
sich Frau Scheel vorstellt, so etwa hieß es in dem Brief.«
Was sich Mildred Scheel vorstellte, machten indessen die meisten
Selbsthilfeorganisationen von Krebspatienten mit, die sich in einer
ähnlichen Lage befanden wie die Krebsliga Saarland. Man kann sich
leicht denken, warum: 200000 DM pro Jahr sind viel Geld. Soviel be-
kommt zum Beispiel die »Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V.«, die jetzt
offiziell »Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V. unter Schirmherrschaft
der Deutschen Krebshilfe e.V.« heißt. »Ganz groß herausgebracht«
wurde die Frauenselbsthilfe mit ihren 110 Ortsgruppen in ganz
Deutschland, ebenso die I L C O - Deutsche Ileostomie-Colosto-
mie-Urostomie-Vereinigung e. V. für Betroffene mit künstlichem
Darm- und Blasenausgang - und die Landes- und Ortsverbände für die
Kehlkopflosen zum Beispiel in der ZDF-Sendung »Krebs ohne
Schock« am 21. Januar 1980. Die Sendung berichtete zwar nicht über
die Selbsthilfegruppen, sondern über ein von der Deutschen Krebshilfe
unterstütztes Nachsorgemodell an Tumorzentren. Doch man konnte

104
eine vom ZDF verteilte Broschüre mit den Adressen der Selbsthilfe-
gruppen anfordern.
Ich fragte die Vorsitzende der »Frauenselbsthilfe nach Krebs e. V.«,
Frau Ursula Schmidt, ob es stimme, daß sie die 200 000 Mark nur unter
der Bedingung erhalte, den Krebspatienten keine anderen Methoden
als Operation, Bestrahlung und Chemotherapie zu empfehlen.
Frau Schmidt bestritt dies energisch: »Das stimmt überhaupt nicht.
Frau Scheel hat uns keine solchen Bedingungen gestellt.« Sie seien
Laien, die sich aus medizinischen Fragen raushalten müßten. Ihre Auf-
gabe bestehe darin, »psychisch den armen Menschen zu helfen«. Medi-
zinische Empfehlungen seien Sache der Ärzte. Und was die Kontro-
verse zwischen Schulmedizinern und Außenseitern betreffe, das gehe
sie nichts an. Wörtlich sagte sie: »Wir müssen doppelt vorsichtig sein«,
und erwähnte in diesem Zusammenhang die 200 000 Mark pro Jahr.
Dazu erübrigt sich wohl ein weiterer Kommentar.

Werbetrommeln

Am 11. September 1980 war in der »Neuen Zürcher Zeitung« folgende


Meldung zu lesen: »Streit um Krebsvorsorgetest Die Präsidentin der
Deutschen Krebshilfe, Dr. med. Mildred Scheel, hat die Aussage von
Schweizer Ärzten an der Therapiewoche in Karlsruhe kritisiert, daß
von 80 bis 100 Krebserkrankungen nur wenige durch den Vorsorgetest
erkennbar seien. Frau Scheel erklärte: >Fest steht, daß die häufigsten
Krebserkrankungen, wie Gebärmutterkrebs, Brustkrebs, Darmkrebs,
Prostatakrebs und Magenkrebs, bereits heute mit großer Sicherheit
durch einen Vorsorgetest entdeckt werden können.< Je früher eine sol-
che Krebserkrankung aufgespürt werde, desto größer seien generell
ihre Heilungschancen. Frau Scheel appellierte an die Bevölkerung, sich
durch die Aussagen der Ärzte nicht beirren zu lassen.«
Uber den Nutzen der Krebsfrüherkennung ist man sich in Mediziner-
kreisen höchst uneins. Es gibt zwar Untersuchungen, die einen Zu-

105
sammenhang zwischen der Zahl der Vorsorgeuntersuchungen und den
Todesfällen bei Gebärmutterhalskrebs festgestellt haben wollen 84 ,
aber andere Studien, und sie sind zahlreicher, bestätigen einen solchen
Zusammenhang nicht. Im Frühjahr 1980 zog die Amerikanische
Krebsgesellschaft (ACS) daraus ihre Konsequenzen: Sie änderte ihren
Kurs drastisch und hob ihre fast drei Jahrzehnte lang gültigen Richtli-
nien zur Krebsvorsorge auf. Kernpunkt dieser »umfassenden Revi-
sion«: Die empfohlene Häufigkeit von Krebsvorsorgeuntersuchungen
könne bei Menschen, die sich gesund fühlen und keinerlei Anzeichen
einer Krebserkrankung spüren, drastisch gesenkt werden.
Etliche der bislang routinemäßigen Tests konnten nach Auffassung der
amerikanischen Experten jetzt ersatzlos gestrichen oder zumindest
weniger häufig vorgenommen werden. Bei einer immer größeren Zahl
von Testuntersuchungen mit entsprechend hohen Kosten war nämlich
»nur eine verschwindend kleine Zahl« von Krebserkrankungen festge-
stellt worden.
Der »Pap«-Zellabstrich, so lautete beispielsweise eine der Empfehlun-
gen, solle jetzt nur noch alle drei Jahre durchgeführt werden, ebenso
die ärztliche Untersuchung der Brust bei Frauen zwischen 20 und 40
Jahren. Die umstrittene Mammografie (Durchstrahlung der Brust mit
Röntgenstrahlen) solle nur noch ein einziges Mal im Leben einer Frau
unter 50 routinemäßig durchgeführt werden, und zusätzliche Durch-
strahlungen sollen höchstens bei Krebsverdacht unternommen wer-
den. Darmspiegelungen, eine für Patienten sehr unangenehme Unter-
suchung, bei der der Darm aufgeblasen und ein Teleskoprohr einge-
führt wird, seien nicht mehr nach dem vierzigsten, sondern erst nach
dem fünfzigsten Lebensjahr nötig 8 5 .
Diese neueste Entwicklung im Pionierland der Krebsfrüherkennung
paßt Mildred Scheel gar nicht ins Konzept. Sie hat ein großes Interesse
daran, daß das Volk den unbeirrten Glauben an den Nutzen der Früh-
erkennung nicht verliert, Mediziner-Zweifel hin oder her. Denn von
diesem unbeirrten Glauben hängt ganz entscheidend die Höhe der
Spendeneinnahmen für die Deutsche Krebshilfe ab.
Jahrelang hatte die Deutsche Krebshilfe mit dem Schlagwort »Früher-
kennung hilft Leben retten« um Unterstützung geworben. Dann fan-
den Werbepsychologen heraus, daß eine positivere Formulierung die

106
Leute besser motiviert, und seither heißt es: »Dem Leben zuliebe.«
Eine jahrelang aufgebaute Werbestrategie läßt sich nicht einfach von
heute auf morgen ändern, denn das müßte für die Spendeneinnahmen
katastrophale Folgen haben. Mildred Scheel kann also nicht anders, als
aus der Flut sich widersprechender Fakten beharrlich immer nur das
herauszufischen, was in ihr Konzept paßt, und es über ein Werbeetat
von jährlich mehr als 2 Millionen DM zu verbreiten.
Wie empfindlich die Einbußen sein können, wenn an den Grundfesten
dieses Werbekonzepts gerüttelt wird, zeigte der Spendenknick, der
durch den Hackethal-Bestseller »Keine Angst vor Krebs« ausgelöst
wurde. Im Geschäftsbericht 1978 der Deutschen Krebshilfe ist darüber
folgendes zu lesen:
»Das Jahr 1978 war für die Deutsche Krebshilfe ein schwieriges Jahr.
Ausgelöst durch die Kritik von Professor Hackethal an der Krebsvor-
sorge, geriet erstmals ein wichtiger Teil unseres Förderungsprogramms
- nämlich die Propagierung der Krebsvorsorge-Untersuchung - öf-
fentlich in Zweifel. Da auch am Spendenmarkt bestimmte Gesetze gel-
ten, schlug die Verunsicherung der Bevölkerung über die Krebsvor-
sorge voll auf die Einnahmen 1978 durch. In Zahlen sah das so aus: Bis
zum Oktober des Jahres 1978 - also vor dem >Hackethal-Effekt< - la-
gen die Spendeneinzahlungen mit mehr als 3 Millionen Mark über den
Spendeneinnahmen im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Wir hätten
daher erwarten dürfen, daß die besonders spendenintensiven Monate
November und Dezember die Einnahmen der Deutschen Krebshilfe in
die Nähe der 30-Millionen-Grenze gebracht hätten. (Einnahmen 1977:
21,8 Millionen; der Verfasser.)
In Wirklichkeit aber: Im November ging der gesamte 3-Millionen-
Vorsprung vom Oktober verloren. Die Aussicht, erstmals bei den Ein-
nahmen der Deutschen Krebshilfe am Ende eines Jahres nicht nur das
Ergebnis des Vorjahres zu verfehlen, sondern sogar die immer sehr
vorsichtigen Vorausschätzungen für das Geschäftsjahr zu unterschrei-
ten, erschien fast schon als Realität. Es wurde daher alles aufgeboten,
das abzuwenden. Es gelang, am Ende des Jahres die Lage wieder so
weit zu stabilisieren, daß das Spendenergebnis von 1977 noch einmal
um 1,1 Millionen übertroffen wurde.«
Soweit der Bericht des Krebshilfe-Vorstandssprechers Friedrich Lud-

107
wig Müller. Wenn man von seinen Hochrechnungen ausgeht, beziffert
sich der »Hackethal-Verlust« auf ungefähr 7 Millionen DM.
Hackethal hatte in seinem Buch behauptet, daß die Untersuchung der
männlichen Prostatadrüse auf bösartige Knoten mehr schade als nütze.
Sowohl die Nadelpunktion (Biopsie) als auch das Abtasten mit dem
Finger sei geeignet, aus einem harmlosen »Haustierkrebs« einen bösar-
tigen »Raubtierkrebs« zu machen. Hackethal war nicht der erste Arzt,
der auf diese Gefahr aufmerksam machte.
Bereits im Mai 1977 hatte der Kasseler Professor Ernst Krokowski am
58. Deutschen Röntgenkongreß berichtet, daß sich die gefährlichen
Tochtergeschwülste (Metastasen) eines Krebses offenbar nicht bloß
von selbst bilden, sondern durch die ärztliche Behandlung geradezu
erzeugt würden. »Die Primärgeschwulst ist doch gar nichts Schlimmes.
Sie wächst sehr langsam, verursacht keine Schmerzen, und am Primär-
tumor stirbt kaum einer«, erläuterte Krokowski seinen Kollegen.
Schicksalsbestimmend sei vielmehr die Bildung der Metastasen, die
nach seinen Berechnungen in Schüben und nach einer bestimmten
»Wachstumsformel« erfolge. Weniger als 500 ausschwärmende Tu-
morzellen würden durch die Abwehrkräfte des Körpers, das »Immun-
system«, in Schach gehalten. Sei es ihnen aber erst einmal gelungen, ir-
gendwo im Körper einen Brückenkopf zu bilden, »sich abzusiedeln«,
dann sei die Gefahr einer Metastasierung sehr viel größer. Leider wür-
den die herkömmlichen Verfahren der Krebsdiagnostik, nämlich Pro-
beschnitte, Punktionen und wiederholtes Abtasten der Geschwulst,
das tödliche Metastasenrisiko fördern, kritisierte Krokowski.
Dasselbe gelte für Operationen zur Entfernung der Geschwulst. Aus
rund 3000 Wachstumskurven verschiedener Tumoren hätten er und
seine Mitarbeiter herausgefunden: »Die Metastasen sind in ganz über-
wiegender Zahl zu ebendem Zeitpunkt entstanden, als der Krebs-
kranke das erste Mal wegen seines Leidens ärztlich behandelt wurde.«
Und er folgerte daraus: »Unsere Therapie provoziert in vielen Fällen
die Metastasierung.«
Den Anteil der davon betroffenen Patienten schätzte er je nach Tumor-
art, Lebensalter und Behandlungsumständen auf »zwischen 30 und 95
Prozent«.

Die Ausführungen Krokowskis erregten bei den meisten Kongreßteil-

108
nehmern einen Entrüstungssturm, aber auch »spontane Zustimmung«.

Zwei angesehene Strahlenmediziner, der Münchner Professor Hans

von Braunbehrens, seinerzeit Gutachter im Issels-Prozeß, und der

Berner Professor Adolf Zuppinger, gaben zu verstehen, sie hätten be-

reits früher ähnliche Überlegungen angestellt, aber nicht öffentlich

ausgesprochen 86 .
So richtig an die Öffentlichkeit gelangten aber auch Krokowskis Äuße-
rungen nicht Es war eine wissenschaftliche Kontroverse, über die da
und dort in der Presse berichtet wurde, die aber die breiten Spender-
schichten einer Mildred Scheel nicht erreichte. Dies brachte erst Julius
Hackethal zustande, der es mit dem Medizin-Establishment schon
lange zuvor verdorben hatte und sich eine weitere handfeste Kontro-
verse durchaus leisten konnte.
»Der Leser mag sich fragen, wieso gerade ich darauf komme, daß die
Krebsthesen der ärztlichen Wissenschaftsfunktionäre falsch sind«,
schrieb er in einer »Vorbemerkung« zu seinem Buch. »Meine Antwort:
Viele andere haben das schon längst vor mir entdeckt Aber sie konnten
oder wollten nicht aus der asklepiadischen Eidgenossenschaft ausbre-
chen. Sie formulierten zu vornehm, zu standesgemäß . . . Sie hatten alle
noch etwas zu verlieren, wenn sie sich laut von ihren Kollegen distan-
zierten.«
Sowohl Krokowski wie Hackethal wurden nach ihren Äußerungen
von offizieller Seite angegriffen.
Im Deutschen Ärzteblatt verneinte der Wissenschaftliche Beirat der
Bundesärztekammer die Möglichkeit, daß durch Biopsie Metastasen
gefördert werden könnten 8 7 . Eine Kommission des Wissenschaftli-
chen Beirats wurde von Professor Wolters, Staatssekretär des Bundes-
ministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit, gebeten, eine offi-
zielle und objektive Stellungnahme auszuarbeiten. An einer Sitzung,
zu der außer Krokowski auch die prominenten »Biopsiegegner« Freise
und Gabler aus Berlin und Zuppinger aus Bern geladen waren, sollte
die Frage der Metastasenförderung durch Biopsie geklärt werden. Die
Sitzung habe, so Krokowski, »in ruhiger, sachlicher und kollegialer 109
Atmosphäre« stattgefunden.
Allerdings habe er befürchtet, daß von dieser Sitzung keine unvorein-
genommene Stellungnahme zu erwarten sein würde. Die Kommission
nahm nämlich die von Krokowskis Arbeitsgruppe ermittelten Wachs-
tumsverläufe von nahezu 3000 Metastasen und ihre Abhängigkeit von
Geschwulstart und dem Zeitpunkt der ersten ärztlichen Behandlung
nicht zur Kenntnis. Als Krokowski seine Metastasen-Wachstumsfor-
mel mathematisch herleiten wollte, wurde er nach kurzer Zeit vom
Kommissionsvorsitzenden unterbrochen, weil die Anwesenden nicht
in der Lage waren, seinen Ausführungen zu folgen. Das ist ja noch eini-
germaßen verständlich, denn Mediziner sind nun einmal keine Mathe-
matiker. Doch merkwürdigerweise wurde später im Bericht der
Kommission Krokowskis Wachstumsformel in Frage gestellt, ohne
Begründung natürlich. Zudem wurde Krokowski fälschlicherweise
unterstellt, als Basis eine andere Wachstumsformel benutzt zu haben 88 .
Die Stellungnahme der Kommission wurde am 29. Mai 1980 im Deut-
schen Ärzteblatt veröffentlicht. In gewundenen Formulierungen
wurde zugegeben, daß grundsätzlich die Möglichkeit bestehe, daß
Biopsien und andere Eingriffe Metastasen auslösen könnten. Doch
wurde in Frage gestellt, daß solche Maßnahmen »die Metastasierungs-
rate bösartiger Geschwülste« erhöhen 89 . Das Sitzungsprotokoll war
den anwesenden Experten nicht, wie sonst allgemein üblich, zugestellt
worden. Obwohl das Protokoll drei Wochen nach der Sitzung fertig
vorlag, vergingen mehr als 7 Monate. Es sei »vergessen« worden, ent-
schuldigte der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirates. Seltsam ist
nur, daß die »Biopsiegegner«, die an der Sitzung teilgenommen hatten,
das Protokoll erst nach dreimaliger Anfrage zugestellt bekamen.
Zu jenem Zeitpunkt, im Januar 1980, war das Protokoll bereits von der
Kommission gebilligt worden, so daß die Gegen-Experten keine Kor-
rekturen mehr anbringen konnten. Das Fazit des Expertenberichts:
Die Bundesärztekammer mußte, entgegen ihrer früheren Behauptung,
jetzt grundsätzlich anerkennen, daß Krokowskis Befunde möglicher-
weise richtig waren.
Mit sehr viel härteren Bandagen fand die Auseinandersetzung um
Hackethal statt. Anders als im Fall Krokowski hatte es die Bundesärz-
tekammer eilig, an einer Pressekonferenz die offizielle Sicht (die ja wie
gesagt später revidiert werden mußte) in der Öffentlichkeit zu verbrei-
ten.
Auch die Mildred-Scheel-Lobby reagierte schnell: »Es wurde alles

110
aufgeboten, das noch abzuwenden« - so der noch einmal zitierte Wort-
laut des Krebshilfe-Jahresberichts 1978 -, und das bedeutete unter an-
derem die Lancierung eines Anti-Hackethal-Buches, das mit zum Teil
ehrenrührigen Formulierungen Hackethals Glaubwürdigkeit zu un-
tergraben suchte. Einige Proben: »Verwerfliches Spiel mit der Krebs-
angst«, »Grenze kriminellen Verhaltens«, »erstaunliche Überheblich-
keit«, »einfach unverantwortlich«, »wissenschaftlich haltlos«.
Eilig wurden Patienten interviewt, und um dem Ganzen einen An-
strich von repräsentativer Auswahl zu geben, waren vereinzelt auch
Pro-Hackethal-Stimmen abgedruckt. Der Patienten-Tenor, so machte
das Buch glauben, laute etwa: »Was soll ich mich von diesem Professor
verrückt machen lassen, ich gehe trotzdem zur Vorsorgeuntersu-
chung 90 .«
In einem Fernsehinterview behauptete Staatssekretär Professor Wol-
ters: »Herr Hackethal hat die Abkehr von Vorsorgeuntersuchungen
propagiert, ohne dafür Beweise vorzulegen. Ein solches Verhalten ei-
nes Arztes, der Wirkung auf Patienten ausübt, ist zumindest unseriös,
und damit war ein Stadium erreicht, in dem man vor ihm warnen muß-
te.«
Gegen diese hochoffizielle Warnung konnte Hackethal eine vom Düs-
seldorfer Landgericht bestätigte einstweilige Verfügung erwirken. Die
Bundesregierung legte gegen dieses Urteil Berufung ein, hatte damit
aber keinen Erfolg.
Die Fronten im Kampf um und gegen den Krebs sind alles andere als
klar. An das heile Bild von einer Medizin, die, unterstützt durch die
Öffentlichkeit, an der Seite der Patienten mit vereinten Kräften gegen
die »Geißel der Menschheit« kämpft, glaubt ohnehin kaum jemand
mehr. Doch die Spaltung in der Krebsmedizin verläuft nicht nur zwi-
schen der Schulmedizin und den sogenannten Außenseitern. Beide
Gruppen sind noch unter sich zersplittert, so einig sie sich in der Ab-
lehnung der Gegenseite auch sein mögen. Rund um den Krebs spielt
sich ein Kampf nach der Formel »Alle gegen alle« ab, und die Fronten
und Bündnisse wechseln bisweilen.
Mildred Scheel zum Beispiel, die sich rühmt, der Anti-Issels-Front an-
zugehören, legte sich im Dezember 1979 mit der gesamten deutschen
Ärzteschaft an. Grund: Ein von Mildred Scheel organisierter Kongreß

in
über Krebsnachsorge war mangels Nachfrage geplatzt. Die verärgerte
Frau Scheel äußerte gegenüber der »Medical Tribüne«: »Sind die Ärzte
in Deutschland wirklich noch Partner ihres Patienten?«, und beant-
wortete diese rhetorische Frage gleich selbst, indem sie bezweifelte,
daß ein Patient zu seinem Arzt noch Vertrauen haben könne, wenn er
lese, daß von 60 000 Ärzten in der Bundesrepublik Deutschland ganze
29 bereit seien, drei Tage zu opfern, um sich im Dienst am kranken
Menschen weiterzubilden.
Die Reaktion von Dr. Karsten Vilmar, Präsident der Bundesärzte-
kammer, war ungewöhnlich scharf: Der Pauschalvorwurf gegen die
Ärzte sei »absurd«, der Kongreß sei »dilettantisch geplant und misera-
bel vorbereitet« gewesen, und man müsse sich fragen, ob die Verbin-
dung einer Kongreßeinladung mit dem Namen Mildred Scheel über-
haupt noch »werbewirksam« sei.
Vilmar stellte die ebenfalls rhetorische Gegenfrage, ob es »sinnvoll und
nötig sei, drei Praxistage zu opfern, um etwa nur Statisterie in einer
weiteren Personality-Show zu spielen«. Er empfahl Frau Scheel, sich
doch einmal zu überlegen, »ob nicht gar der Lärm ihrer Werbetrom-
meln mittlerweile mehr zur Verbreitung der Krebsangst als das einge-
trommelte Geld zur Bekämpfung des Krebses beigesteuert hat und
wieviel Schaden dadurch entstanden sein kann 9 1 «.
Die Kontroverse zwischen Frau Scheel und der Bundesärztekammer
kam nicht aus heiterem Himmel. Seit Mildred Scheel nämlich die
Nachsorge entdeckt hat, die selbst nach Ansicht konservativer Ärzte-
kreise ein »Stiefkind der Medizin« ist, fürchtet die Ärzteschaft eine
Veränderung im Arzt-Patienten-Verhältnis. Zuviel Aufklärung der
Patienten über ihre Möglichkeiten und ihre Rechte könnte die Macht-
position der Ärzte untergraben. Patienten-Selbsthilfegruppen, selbst
wenn sie von Frau Scheel zur Einhaltung schulmedizinischer Normen
gezwungen werden, sind den Standesvertretern ein Dorn im Auge. Das
heißt, Mildred Scheel, die gewiß ehrlich überzeugt ist, den Patienten zu
helfen, kann es sich nicht leisten, die Machtstrukturen in der Medizin
in Frage zu stellen. Sie will es natürlich nicht, doch selbst wenn sie
wollte, könnte sie es nicht. Ihre Werbetrommeln sind selber ein Teil
dieser Machtstruktur.

112
Das Imperium des Daniel K. Ludwig

Geld spielt in der Krebsforschung eine ganz große Rolle. So ist nicht
verwunderlich, daß auch der zweitreichste Mann der Welt mit Krebs-
forschung zu tun hat. Der Deutsch-Amerikaner Daniel Keith Ludwig,
83 jährig, soll über 10 Milliarden DM besitzen. N u r der Ölscheich Mo-
hammed Mahdi el-Tadschir aus Dubai ist noch um eine Milliarde rei-
cher. Milliardenbesitz macht offenbar eigenbrötlerisch: Daniel K.
Ludwig führt ein ähnlich zurückgezogenes Leben wie seinerzeit der le-
gendäre Howard Hughes. Das letzte Ludwig-Foto zeigt einen etwa
40jährigen Mann mit kurzen dunklen, glatt zurückgekämmten Haaren
und buschigen Augenbrauen.
Ludwig besitzt Ölraffinerien, Kohlenbergwerke, Salzgruben, Hotel-
ketten, Tankerflotten, Schiffslinien, Orangenplantagen und vieles an-
dere. Es werden ihm auch Verbindungen zur amerikanischen Mafia
nachgesagt. Seine Vermögenswerte sind rund um den Globus angelegt.
Sein größtes Unternehmen ist ein gigantisches Erschließungsprojekt
im brasilianischen Urwald, ein regelrechter »Staat im Staat«, wie Kriti-
ker sagen.
Ende 1979 tauchten in der Presse Sensationsmeldungen auf, wonach
Ludwig sein gesamtes Riesenvermögen einer Stiftung zur Förderung
der Krebsforschung in Zürich vermacht habe.
Das »Ludwig Institut für Krebsforschung« ist in Wirklichkeit gar
keine Stiftung, sondern eine Aktiengesellschaft. Sie wurde am 19. Mai
1971 im Handelsregister des Kantons Zürich eingetragen, und zwar
unter der Bezeichnung »Institut für Krebsforschung AG«. Das
Grundkapital betrug (und beträgt noch heute) 50 000 Schweizer Fran-
ken, aufgeteilt in 50 Namenaktien zu je 1000 Franken. Ludwig selbst
besitzt die Aktienmehrheit. Als Zweck der Gesellschaft ist angegeben:
»Unmittelbare, ständige und aktive Führung von medizinischer For-
schung, insbesondere auf dem Gebiet des Krebses und anderer neopla-
stischer Krankheiten, zum Nutzen der Allgemeinheit in Verbindung
mit einem oder mehreren Spitälern; usw.« Da die Gesellschaft keinen
kommerziellen, sondern ausschließlich gemeinnützigen Zwecken
dient, zahlt sie keine Steuern.

3
In den Statuten des »Ludwig Institutes für Krebsforschung«, wie es
jetzt heißt, ist festgehalten: »Die Erzielung von Einkünften zugunsten
der Aktionäre oder für irgendwelche andere nicht ausschließlich ge-
meinnützige Zwecke ist ausgeschlossen.« Weiter heißt es dann aber,
die Gesellschaft könne »Geldmittel, die ihr von dritter Seite zur Verfü-
gung gestellt werden . . . , empfangen, zu Eigentum halten, verwalten
und einsetzen« und »auch Grundstücke besitzen«.
Gegenüber einer ebenfalls steuerfreien Stiftung hat die Aktiengesell-
schaft den Vorteil, daß sie zu weniger Auskünften verpflichtet ist und
kaum beaufsichtigt wird. Das Ludwig-Institut ist auch gegenüber den
Steuerbehörden zu keinerlei Auskünften verpflichtet, solange seine
Statuten unverändert bleiben. Außergewöhnlich ist auch der Rechts-
schutz, den die am Ludwig-Institut beteiligten Personen genießen. Zi-
tat aus den Statuten (Artikel 6):
»Personen, die Aktionäre, Verwaltungsräte, Direktoren oder leitende
Angestellte der Gesellschaft sind oder waren oder die auf Verlangen
der Gesellschaft eine solche Stellung bei einer anderen Gesellschaft,
Anstalt, Teilhaberschaft, einfachen Gesellschaft, Vereinigung, Trust
oder Unternehmung innehaben oder innehatten, sollen von der Gesell-
schaft für alle Auslagen (inklusive Rechtsanwalthonorare) entschädigt
werden, falls sie auf Grund einer der oben bezeichneten Stellungen in
irgendein drohendes, hängiges oder beendetes Verfahren oder einen
Prozeß, ungeachtet ob zivilrechtlicher, strafrechtlicher verwaltungs-
rechtlicher oder prozessualer Natur, verwickelt waren oder werden.«
Dieser gewundene und sehr dehnbare Gummiartikel der Statuten
weckte bei brasilianischen Stellen den Verdacht, daß Ludwig unter
dem Deckmantel einer gemeinnützigen Organisation eine Lobby-Zen-
trale zur Sicherung seiner weltweiten Geschäftsinteressen betreibe.
In Brasilien befindet sich der agro-industrielle Komplex Jari, ein Ge-
biet so groß wie die Schweiz. »Für ein Butterbrot« hatte Ludwig die
riesigen Ländereien am Jari-Fluß, einem Nebenarm des Amazonas,
von einem portugiesisch-brasilianischen Konsortium erworben. Lud-
wig ließ den Urwald roden und auf riesigen Gebieten schnellwach-
sende asiatische Papierhölzer anpflanzen: hundert Millionen Bäume in
Reih und Glied. Zwischen den Bäumen weiden Rinder die Unkräuter
ab. Bis in einigen Jahren sollen es 80 000 Stück Vieh sein. Eine riesige

114
Zellulosefabrik, in Japan fixfertig gebaut und verschifft, produziert
täglich 750 Tonnen Zellulose aus 5000 Tonnen Holz. Abnehmer sind
Industrieländer auf der ganzen Welt. Das Holz wird auf einem eigens
angelegten, 4 500 Kilometer langen Straßennetz sowie einer Eisenbahn-
linie zur Fabrik gebracht. Den Strom, den die Fabrik braucht, liefert
ein Kraftwerk mit einer Leistung von 55 Megawatt, das täglich 1000
Tonnen Holz verheizt.
In Jari wird aber nicht nur Zellstoff produziert, sondern auch Reis, und
zwar mit absoluten Spitzenerträgen von zehn Tonnen pro Hektar auf
5000 Hektaren Anbaufläche. Zudem wird Kaolin ausgebeutet, ein
Rohstoff für die Porzellanherstellung. In Jari lebten im Jahre 1979
16 000 Arbeitskräfte. Die Löhne entsprechen dem landesüblichen Mi-
nimum 92.
Das Jari-Projekt stößt nicht nur bei Ökologen auf Kritik, die im brasi-
lianischen Urwald eine Umweltkatastrophe befürchten. Die Organisa-
tion »Erklärung von Bern« wies in einem »Beitrag zur entwicklungs-
politischen Diskussion« darauf hin, daß das Unternehmen Jari nicht
nur in Brasilien keine Steuern bezahle, sondern auch ausschließlich für
den Export produziere. Es sei deshalb »ein Paradebeispiel für die rein
profitinteressierten Aktivitäten von multinationalen Konzernen in
Entwicklungsgebieten 93 «.
Jari, vom übrigen Brasilien praktisch isoliert, entglitt mehr und mehr
dem Einfluß der Regierung. Brasilianische Parlamentarier betrachteten
diese Entwicklung mit Besorgnis, und schließlich wurde eine Untersu-
chungskommission eingesetzt. Vor dieser Untersuchungskommission
bestätigte ein Ludwig-Manager, daß das Ludwig-Institut für Krebsfor-
schung »unwiderruflich im Besitz der gesamten Firmengruppen von
Daniel K. Ludwig« sei, einschließlich des Jari-Projekts.
Der Vorsitzende der brasilianischen Jari-Untersuchungskommission,
der Abgeordnete Modesto da Silveira, reiste daraufhin zusammen mit
weiteren Kommissionsmitgliedern in die Schweiz, um sich dort per-
sönlich über das Ludwig-Institut zu informieren.
Silveira erklärte vor dem brasilianischen Parlament: »Wir . . . hatten
Tausende von Schwierigkeiten, um zu einem Minimum an Informatio-
nen zu gelangen. . . . Es handelt sich um eine höchst dubiose Gesell-
schaft, eine Gesellschaft, die überhaupt keinen Stiftungscharakter be-

5
sitzt, wie man hier behauptet hat In Wirklichkeit handelt es sich um
eine Selbsthilfeorganisation von nicht definierten, unbekannten Perso-
nen. Diese Statuten sind eine gründliche Analyse durch die brasiliani-
sche Regierung wert 94 .«
Auch in der Schweiz wurden die Politiker auf das Ludwig-Institut
aufmerksam. Ludwig hatte nämlich dem schweizerischen Bundesrat
eine der 50 Aktien geschenkt. Durch die Übertragung des gesamten
Ludwig-Besitzes an das Zürcher Institut war die schweizerische Regie-
rung formell Mitbesitzerin des Jari-Projekts geworden, das seinerseits
im Besitz einer der größten Tankerflotten der Welt ist, nämlich der
»Universe Tankships«. Grund genug, die Aktivitäten des Ludwig-In-
stituts etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Sowohl im schweize-
rischen Nationalrat als auch im Zürcher Kantonsrat wurden zu dieser
Frage Interpellationen eingereicht.
Im November 1980 nahm der Zürcher Finanzdirektor Jakob Stucki zu
den Vorwürfen gegen das Ludwig-Institut Stellung. Eine steuerliche
Untersuchung habe ergeben, daß das Institut Ende 1979 ein Nettover-
mögen von rund 41 Millionen Franken, die dem Institut angegliederte
Stiftung über rund 28 Millionen Franken verfügte. Dazu gehöre auch
das Jari-Projekt, aber dieses sei zur Zeit noch defizitär. »Das Ludwig-
Institut setzt seine ihm zur Verfügung stehenden Mittel in angemesse-
nem Umfang für die Krebsforschung ein«, sagte Stucki. Es hätten sich
keinerlei Anhaltspunkte für die behauptete treuhänderische Verwal-
tung von fremden Vermögen ergeben. Zu diesen Vorwürfen meinte
Stucki, sie seien eine »rein politisch motivierte Hetzjagd und Diffamie-
rungskampagne« gegen das Ludwig-Institut, das »in hervorragender
Weise« der Krebsforschung diene.
Die beiden Interpellanten erklärten sich von diesen Ausführungen als
nicht befriedigt. Urs Haymoz, Wirtschaftsfachmann und Sekretär der
Erklärung von Bern, meint dazu: »Die statutarischen Zweckbestim-
mungen von Stiftung und Institut sind durch gegenseitige Verweise eng
miteinander verschachtelt. Es ist daher nicht leicht, herauszufiltern,
welche finanziellen Aktivitäten noch im Rahmen der Gemeinnützig-
keit liegen und wo das normale kommerzielle Geschäft beginnt 95 .«
Es ist kaum zu erwarten, daß die Antwort auf die zweite Interpellation
- im Berner Nationalrat - mehr Licht in die undurchsichtige Angele-

116
genheit bringt Man wird wohl nie nachweisen können, ob Daniel K.
Ludwig unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit Geschäfte
macht, oder ob er wirklich nur die Krebsforschung fördert
Dies tut er freilich auf eine höchst seltsame Art. Während nämlich an-
dere Mäzene oder Stifter ihr Geld den bereits existierenden Stiftun-
gen geben oder bestimmte Forschungsvorhaben unterstützen, grün-
dete Ludwig ein eigenes Forschungsinstitut. Im wissenschaftlichen
Beraterausschuß des Ludwig-Instituts sitzen internationale Krebs-
Koryphäen: Professor Lloyd J. Old, Vizepräsident des weltberühm-
ten Sloan-Kettering-Instituts für Krebsforschung in New York,
Dr. Carl G. Baker, ehemaliger Direktor des Nationalen Krebsinsti-
tuts der Vereinigten Staaten, Dr. Hugh R. Butt, Medizinprofessor an
der ebenfalls weltberühmten Mayo-Klinik, sowie Professor Henri C.
Isliker, Direktor des größten schweizerischen Krebsforschungszen-
trums, dem Institut Suisse de Recherches Experimentales sur le Can-
cer (ISREC) in Lausanne. Dieser Beraterausschuß kontrolliert und
koordiniert die Forschungsprogramme, die in Sydney, London,
Brüssel, Lausanne und Bern durchgeführt werden.
Forschungsarbeiten werden vom Ludwig-Institut nur unter folgenden
Bedingungen finanziert: Die Forscher müssen ausschließlich im Dien-
ste des Ludwig-Instituts arbeiten. Bestehende Forschungsprojekte an
anderen Instituten werden nicht finanziert. Die Forscher arbeiten in al-
len Städten unter dem Namen »Ludwig Institut für Krebsforschung«,
ohne eine eigene Rechtsform zu haben. Die Ludwig-Forscher gliedern
sich zwar bestehenden privaten Forschungsinstitutionen an, bewahren
aber peinlichst ihre Unabhängigkeit Eine Zusammenarbeit mit staatli-
chen Einrichtungen kommt nicht in Frage 96 . Ludwig scheint also die
Forscher regelrecht gekauft zu haben, um seiner Organisation einen
wissenschaftlichen Mantel umzuhängen.
Ludwig selbst sieht es freilich ein bißchen anders. Seine Gründe, nicht
die bestehenden Institutionen zu unterstützen, sondern ein eigenes In-
stitut auf die Beine zu stellen, umschrieb Ludwig so: »Als ich diese Or-
ganisation schuf, ließ ich mich von gewissen Grundsätzen leiten, die
sich in meinem bisherigen Leben als sehr wirksam erwiesen haben. Das
Erfolgsrezept jeder komplexen Unternehmung besteht darin, für jedes
Problem die besten Köpfe zusammenzubringen, die bestmöglichen

117
Ressourcen bereitzustellen und jedes Konzept zu verwirklichen, wann
und wo immer die Gelegenheit am günstigsten i s t . . . Nach meinem
Dafürhalten ist der endgültige Sieg über diese fürchterliche Krankheit
noch nicht in Sicht, und diese Ansicht wird auch von der Mehrzahl der
informierten Ärzte und Wissenschaftler in der biomedizinischen For-
schung geteilt. Anders als jene, die unangebrachten Optimismus zeigen
und sich von den jetzigen Programmen zuviel versprechen, bin ich
überzeugt, daß ein eventueller Sieg über den Krebs nur durch intensive
und unnachgiebige wissenschaftliche Erforschung über mehrere Jahr-
zehnte erzielt werden kann. Dies sollte durch die wechselnde Politik
der Regierungen und durch die Schrullen des öffentlichen Interesses
nicht behindert werden 97 .«
Ob dies der wahre Grund für die ungewöhnliche Art der Krebsfor-
schung ist, oder diese nicht doch dazu dient, die Steuerlast des Milliar-
denimperiums möglichst tief zu halten, weiß allein Daniel K. Ludwig.

118
4

Wunder oder Schwindel?

»Wenn man all den marktschreierischen Presse-Elaboraten Glauben


schenken könnte, welche in immer wieder neuen Variationen selbst
ernstzunehmende Zeitschriften füllen, wundert sich der Fachmann ei-
gentlich nur, warum es überhaupt noch Krebskranke gibt!»

Prof. Hansjörg Senn, St. Gallen


Presserummel

Von der Unterdrückung alternativer Krebsbehandlungsmethoden lebt


die Sensationspresse nicht schlecht. Tausende von erfolglos operierten,
bestrahlten und mit Zytostatika behandelten Krebspatienten sind be-
reit, nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich ihnen bietet. Sie spüren,
daß es andere Möglichkeiten gibt, und sie spüren auch, daß die Schul-
mediziner von diesen Möglichkeiten nichts wissen wollen. Dieses Be-
dürfnis nach Information nützen zahlreiche Zeitschriften aus, um ihre
Auflagenziffern in die Höhe zu treiben.
So pries 1964 die »Bunte« monatelang ein in Japan aus Bambusgras ge-
wonnenes Mittel namens »Bamfolin« als eine »neue Waffe gegen den
Krebs«. Die Auflage der »Bunten« stieg in dieser Zeit um rund 150 000
Exemplare. Nachdem zahlreiche verzweifelte Leserbriefe die Redak-
tion erreicht hatten, ließ das Blatt drei japanische Forscher nach
Deutschland einfliegen, schlachtete das Ganze weidlich aus und veran-
laßte die Gründung einer »Deutschen Forschungsgemeinschaft für
Bamfolin«.
Ein ähnlicher Rummel fand 1973 um den libanesischen Arzt Dr. Abdul
Razak Bala statt. Er habe, so berichteten die Illustrierten in zum
Teil seitenlangen Titelgeschichten, ein Serum entwickelt, das »den
Krebs besiegt«. Scharenweise reisten todkranke Krebspatienten nach
Beirut und warteten dort in einem improvisierten Strandmotel auf
ihr Serum. Dutzende sollen auf der Reise oder in Beirut gestorben
sein 98 .
Die schulmedizinischen Kreise prangern solche Vorkommnisse jeweils
als »unglaubliche Verantwortungslosigkeit« der Presse an, die bei Tau-
senden von Krebskranken »trügerische Hoffnung auf Heilung« wecke,
um damit große Geschäfte zu machen.
An diesem Vorwurf ist bestimmt etwas Wahres, aber er enthält nicht
die ganze Wahrheit. Warum sollte denn eine Illustrierte nicht über ein
Krebsmittel berichten dürfen, das von der Schulmedizin totgeschwie-
gen wird? Das gehört schließlich zur Informationspflicht der Presse,
und es verhindert, daß die Isolation der »Außenseiter« total wird.
Wenn sich also die Sensationspresse der Außenseiter annimmt, so ist

120
die Schulmedizin durch ihre dogmatische Ablehnung mindestens zum
Teil mit daran schuld.
Die Art, wie solche Berichte meistens aufgemacht sind, ist allerdings
mit Recht zu kritisieren: Da werden einzelne Heilungsfälle auf
menschlich rührende Weise geschildert, aber die sachliche Hinter-
grundinformation ist oft mehr als dürftig. Auch das ist leicht zu erklä-
ren: Wissenschaftsjournalisten mit den nötigen Sachkenntnissen geben
sich selten dazu her, über Außenseitermethoden zu schreiben - das
schadet dem Ruf. Und was noch wichtiger ist: Das breite Publikum in-
teressiert sich mit gutem Recht nicht für wissenschaftlichen Klimbim,
sondern ausschließlich für Heilungserfolge.
Die Schulmedizin entlarvt dann jeweils die angeblichen »Wundermit-
tel« als »Schwindelpräparate«. Da diese Schwarzweiß-Alternative sehr
geeignet ist, einer sachlichen Diskussion auszuweichen, sind es para-
doxerweise meistens die schulmedizinischen Kreise, die von den Au-
ßenseitermethoden als »Wundermitteln« sprechen, natürlich mit dem
Zusatz »angeblich«.
In der Krebsmedizin ist nichts leichter als zu beweisen, daß ein Medi-
kament »kein Wundermittel« ist. Dieser Beweis könnte auch für jedes
Zytostatikum sehr leicht erbracht werden. Deshalb ist der Schulmedi-
zin sehr daran gelegen, in der Diskussion um Außenseiterpräparate auf
die falsche Alternative »Wunder oder Schwindel« hinzusteuern. Die
Antwort liegt dann schon bereit: Da es keine Wundermittel geben
kann, muß es ein Schwindelpräparat sein.
Jene, die diese Mittel anwenden, behaupten in der Regel keineswegs,
damit Wunder vollbringen zu können. Auch die Berichterstattung in
den sogenannten Sensationsblättern ist bei genauerem Hinsehen oft
nicht so jubelnd, wie die Schulmediziner und ihr Gefolge wahrhaben
möchten.
Da schrieb zum Beispiel Mildred Scheels Hochglanz-Krebsillustrierte
»Chance« in ihrer dritten Nummer: »Wunder gibt es bei der Krebsbe-
handlung nicht Auch keine Wundermittel. Dennoch tauchen immer
wieder Schlagzeilen auf wie diese: >Ilona (3 2) kann wieder lachen. 1978
wurde sie von den Ärzten aufgegeben - heute ist sie gesund.« Das
>Wunder<... sollen die Anti-Krebs-Tropfen des ungarischen Bio-
chemikers Dr. Joszef Beres vollbracht haben 99 .« Auch die Krebshilfe

121
habe »verzweifelte Hilferufe« erhalten, ob man den Beres-Verheißun-
gen trauen könne, aber die Illusionen hätten zerstört werden müssen.
Die »Neue Revue«, die über die Beres-Tropfen erstmals im Herbst
1979 berichtet hatte, wies indessen wiederholt darauf hin, es sei unge-
wiß, ob das Mittel ein bahnbrechendes neues Krebsmedikament sei,
aber immerhin »eine Möglichkeit, die den Versuch wert ist«, zumal die
Tropfen nicht anstatt, sondern neben der üblichen Therapie genom-
men werden können. Die Illustrierte forderte, das Mittel sollte wenig-
stens geprüft werden.
Die »Prüfung« bestand darin, daß die Tropfen chemisch analysiert
wurden. Das Ergebnis wurde in allen Zeitungen verbreitet: »Die Be-
res-Tropfen enthalten nur zweiwertiges Eisen in flüssiger Form (17
Milligramm pro Milliliter), Vitamin C und Weinsäure. Substanzen
also, die auf das Krebsgeschehen keinen Einfluß haben.« Das ist kein
Test, sondern eine Behauptung, die vielleicht zum Teil richtig ist, aber
auch falsch sein kann. Diese Behauptung sagt zudem nichts aus, denn
selbst wenn zweiwertiges Eisen oder Vitamin C je für sich allein in der
fraglichen Dosierung unwirksam wären, heißt das noch nicht, daß die
Kombination ebenfalls unwirksam sein muß.
Da die Beres-Tropfen offiziell nicht als Medikament galten und rezept-
frei zu haben waren, ließ der deutsche Zoll die Sendungen zunächst
normal durchgehen. Nach dem deutschen Arzneimittelgesetz liegt es
im Ermessen des Zollbeamten, wie er ein Mittel einstuft, das in
Deutschland nicht als Medikament zugelassen ist. Ist der Beamte der
Ansicht, es handle sich um ein Medikament, dann hat er das Recht, die
Lieferung zurückzusenden.
Die Gesundheitsbehörden informierten die Beamten in einer erstaun-
lich prompten Reaktion, daß es sich bei den Beres-Tropfen um ein Me-
dikament handle, obwohl dieselben Gesundheitsbehörden die Mel-
dung verbreiteten, das »Medikament« sei unwirksam. Das heißt, die
Tropfen galten nur im Sinne der Einfuhrbestimmungen als Medika-
ment, im medizinischen Sinne jedoch nicht. Auf diese Weise konnte die
Einfuhr für illegal erklärt werden.
Die Hysterie um gewisse Krebsmittel ist großenteils eine Folge der
schulmedizinischen Sturheit Geweckte Hoffnungen lassen sich nicht
einfach dadurch wegwischen, daß man Medikamente für einen

122
»Schwindel« erklärt, ohne dafür Beweise zu haben. Das immer wie-
derkehrende Argument »statistisch nicht gesichert« zählt für einen
todkranken Patienten und dessen Angehörige ohnehin nicht, und das
zu Recht. Ein Patient, der sich noch nicht aufgegeben hat, will nur ei-
nes: Ausprobieren, was ihm helfen könnte, und zwar ohne irgendwel-
che wissenschaftliche Vorurteile.

Der Fall »Laetrile«

Was geschehen kann, wenn dieses legitime Bedürfnis durch das Esta-
blishment unterdrückt wird, zeigt der Wirbel um das Krebsmedika-
ment »Laetrile« in den Vereinigten Staaten. Er zog sich über mehr als
zwanzig Jahre hin und nahm zeitweise die Ausmaße des Watergate-
Skandals an. Der Fall Laetrile ist in mehrfacher Hinsicht geradezu ein
Schulbeispiel für das Vorgehen des Krebs-Establishments. Das Medi-
kament gilt heute als Prototyp eines Schwindelpräparates. Geschwin-
delt wurde tatsächlich, und zwar auf beiden Seiten. Der größere
Schwindel geht aber auf das Konto der Schulmedizin. Er verhinderte
fünfundzwanzig Jahre lang, daß eine vielversprechende neue Möglich-
keit der Chemotherapie erprobt wurde, und nur, weil einige Krebs-
päpste die Unwirksamkeit eines Außenseiterpräparates »beweisen«
wollten.
Die Geschichte des Laetrile beginnt in den frühen fünfziger Jahren, als
Ernst T. Krebs junior, basierend auf den Ideen seines verstorbenen Va-
ters Ernst T. Krebs senior, eine Substanz patentieren ließ, die mit dem
Amygdalin, das Mandeln und Aprikosenkernen ihren bitteren Ge-
schmack verleiht, chemisch verwandt war. Theoretisch sollte diese
Substanz für Krebszellen giftig sein, nicht aber für normale Zellen. Da
die Substanz sich nicht synthetisch herstellen ließ, verwendete Krebs
das natürliche Amygdalin, das er aus Aprikosenkernen gewann. Um
die natürliche Herkunft der Substanz zu unterstreichen, gab er ihr den
Namen »Vitamin B-17«, und das Präparat nannte er »Laetrile« (ab-

2
3
gekürzt für »Laevomandelonitn7e-beta-Glucosid«). Erste klini-
sche Tests, die Krebs durchführen ließ, zeigten ermutigende Resul-
tate.
Die kalifornische Ärztevereinigung bekam Wind davon, und die
Krebskommission dieser Vereinigung veranlaßte einen klinischen Test
an 44 Krebspatienten. Die Studie kam im April 1953 zum Schluß, es
gebe keine »objektiven Hinweise«, daß Laetrile das Krebswachstum
beeinflusse. Uber den Wert dieser Studie kamen später einige Zweifel
auf, als zwei von den Ärzten, die negativ über Laetrile berichtet hatten,
beschuldigt wurden, vom Amerikanischen Tabakinstitut mit je 50 000
Dollar geschmiert worden zu sein 10°. Immerhin hatten aber viele der
Ärzte, die an der Studie teilnahmen, beobachtet, daß ihre Patienten mit
Laetrile weniger Schmerzen litten, wieder essen mochten und an Ge-
wicht zunahmen, und daß sie sich allgemein besser fühlten. Diese Be-
funde wurden jedoch von den Autoren der Studie als »subjektiv« abge-
tan.
In den folgenden Jahren begannen immer mehr Ärzte Laetrile zu ver-
schreiben, und in der Illustriertenpresse erschienen weltweit Berichte
über geheilte Patienten. Doch das Establishment blieb nicht untätig.
1963 wurde die kalifornische Studie unter einem neuen Titel wieder
veröffentlicht, diesmal, um den juristischen Schritten gegen das Au-
ßenseitermedikament den nötigen wissenschaftlichen Hintergrund zu
geben. Positive klinische Studien, die inzwischen ebenfalls veröffent-
licht waren, wurden nicht berücksichtigt.
Der Handel mit Laetrile zwischen den amerikanischen Bundesstaaten
wurde verboten. Drogerien und Apotheken, die Laetrile-Bücher ver-
kauften, wurden mit einem Rezeptboykott der Amerikanischen Ärz-
tevereinigung bedroht; die Verleger dieser Bücher hatten mit Repres-
sionen der Handelsbehörde zu rechnen. In den Medien durften auf
Druck der Nahrungs- und Arzneimittelbehörde und der Ärztevereini-
gung keine pro Laetrile eingestellte Fachleute zu Wort kommen. Ein
Arzt, der seinen Patienten Laetrile verschrieb, konnte - und kann in ei-
nigen Bundesstaaten noch heute-seine Zulassung verlieren. Ärzte, die
Laetrile verwendeten, wurden in einzelnen Fällen unter Androhung
von Waffengewalt verhaftet und wie die schwersten Verbrecher be-
handelt Als Folge davon entstand nahe der amerikanischen Grenze in

124
Mexiko eine Anzahl von Kliniken, die mit Laetrile arbeiteten. Aber
auch viele amerikanische Ärzte verschrieben das Mittel heimlich.
In den siebziger Jahren begann sich die amerikanische Öffentlichkeit
gegen die Pressionen zu wehren. Die Laetrile-Welle artete zeitweise
zur Hysterie aus, und eine sachliche Diskussion schien nicht mehr
möglich zu sein. Die Laetrile-Gläubigen wurden unterstützt durch
die Verfechter einer Philosophie der Wahlfreiheit, die etwa so lautete:
Jeder Patient hat das Recht, jedes Mittel einzunehmen, das er einneh-
men will, gleichgültig, ob das Mittel wirkt oder nicht. Präsident
Richard M. Nixon, der gerade mit viel Werbegetrommel zum »Krieg
gegen den Krebs« aufgerufen hatte, wurde von 43 000 Laetrile-An- _
hängern in einer Petition bestürmt, das Mittel klinisch testen zu lassen.
Nixons Krebsberater Benno Schmidt nahm sich der Sache an, und
1972 begann das Sloan-Kettering-Institut mit Tierversuchen.
Zwei Jahre später berichtete der Sloan-Kettering-Mitarbeiter Dr. Ka-
nematsu Sugiura, er habe »einen starken, hemmenden Effekt auf die
Entwicklung von Lungenmetastasen« festgestellt, auch das »Allge-
meinbefinden« der Versuchstiere, die Laetrile erhalten hatten, sei »viel
besser als jenes der Kontrolltiere« gewesen: In insgesamt sechs ver-
schiedenen Experimenten hatte der aus Japan stammende Forscher
eine positive Wirkung gesehen. Er war deshalb nicht wenig überrascht,
als sein Chef, Dr. Chester Stock, im August 1975 der Zeitschrift »Me-
dical World News« erklärte: »Wir haben gefunden, daß Amygda-
lin (Laetrile) in allen Versuchstiersystemen, die wir geprüft haben, ne-
gativ reagierte 101 .« Auf die Frage, warum er im Fall Laetrile von der
üblichen wissenschaftlichen Praxis abgewichen sei und nur die negati-
ven, nicht aber die positiven Resultate auf die übliche Art publiziert
habe, antwortete Stock: »Wenn wir diese frühen positiven Daten ver-
öffentlicht hätten, hätte das alle möglichen Verheerungen angerich-
tet 102 .«
Auch andere Sloan-Kettering-Mitarbeiter hatten positive Laetrile-Ef-
fekte gesehen. Doch in den Stellungnahmen führender Persönlichkei-
ten dieses Instituts, Lewis Thomas und Robert Good, hieß es mit schö-
ner Regelmäßigkeit, Laetrile habe sich nach zweijähriger Prüfung als
»wertlos« gezeigt oder es gebe »keinerlei Hinweise« für eine Wirkung
gegen Krebs.

14 6
Am 21. Juli 1975 hatte die Wissenschaftsjournalistin Jane Brody, die zu
der Amerikanischen Krebsgesellschaft enge Beziehungen pflegt, in
einem Artikel in der New York Times zu »üblen Gerüchten« Stel-
lung genommen, die besagten, daß die Sloan-Kettering-Tierversuche
positive Ergebnisse gezeigt hätten. Tatsächlich seien anfänglich einige
positive Befunde aufgetreten, schrieb Frau Brody, doch bei diesen
habe es sich um Scheineffekte gehandelt, die in späteren Versuchen und
in den Experimenten anderer Arbeitsgruppen nicht bestätigt worden
seien.
Im November 1977 konnte Ralph Moss, stellvertretender Direktor der
Pressestelle von Sloan Kettering, die Dinge nicht länger mitansehen
und veranstaltete im New Yorker Hilton-Hotel eine Pressekonferenz,
in der er die Unterdrückungspolitik des Instituts offen darlegte. Am
nächsten Tag war Moss seine Stelle los, und zusammen mit dem Me-
dienreporter Gary Null sorgte er dafür, daß die Öffentlichkeit infor-
miert wurde.
N u n setzte das ein, was der Herausgeber des renommierten »New
England Journal of Medicine«, Franz J. Ingelfinger, in einem Editorial
als »Laetrilomanie« bezeichnete: eine Hysterie um ein Medikament,
das gegen Krebs »wertlos« war oder dessen Wirksamkeit doch zumin-
dest nicht so eindeutig war, um einen solchen Rummel zu rechtferti-
gen 103.
Aber der Rummel hatte ja nicht medizinische, sondern politische Ur-
sachen und war insofern berechtigt. Unangemessen war nicht die Re-
aktion der Öffentlichkeit, sondern die Unterdrückungspolitik des
Establishments, das die positiven Wirkungen von Laetrile einfach
ignorierte. Die Laetrile-Hysterie deckte endlich die Machenschaften
des Krebs-Kartells auf, das sein Monopol von Stahl, Strahl und Che-
motherapie wenn nötig auch mit unlauteren Mitteln verteidigte. Doch
weckte sie bei vielen Laetrile-Anhängern Hoffnungen, die das Medi-
kament nicht erfüllen konnte. Das Krebswachstum, soviel stand fest,
konnte mit dem Medikament nicht gestoppt werden. Der Befund, daß
sich weniger Metastasen entwickelten, hätte weiter untersucht werden
müssen. Dies wurde nicht getan, obwohl die Metastasierung in der
Krebsbekämpfung das Hauptproblem ist Auch die beobachtete Besse-
rung des Wohlbefindens von Krebspatienten hätte ausreichen müssen,

126
Laetrile in größerem Stil als Zusatzmedikament zur üblichen Chemo-
therapie zu erproben.
Die Pro-Laetrile-Bewegung hatte Erfolg: Ein Bundesstaat nach dem
anderen legalisierte das Medikament innerhalb seiner Grenzen, und
heute ist das Medikament etwa in der Hälfte der amerikanischen Bun-
desstaaten erlaubt. Strafbar ist aber nach wie vor der zwischenstaatliche
Handel.

Kontroverse um das falsche Medikament

Eigentlich ist es erstaunlich, daß Laetrile nicht besser gegen Krebs


wirkt, denn die Theorie, die seinem Patent zugrunde liegt, ist geradezu
genial.
Ihr Erfinder, Ernst T. Krebs junior, hatte sich nämlich folgendes über-
legt: Giftstoffe greifen nicht nur Krebszellen an, sondern auch normale
Zellen. Anstatt wie die pharmazeutische Industrie nach neuen Gift-
stoffen zu suchen, die möglichst gezielt die Krebszellen mehr als alle
anderen Zellen schädigen, könnte man auch ein simples Gift wie Blau-
säure mit einer Art chemischen Kapsel versehen, die das Gift für nor-
male Zellen unschädlich macht Wenn nun in Krebszellen besondere
Enzyme vorhanden wären, die die »Kapsel« kaputtmachen, dann
würde das Gift frei, und die Krebszellen müßten absterben.
Tatsächlich gibt es ein solches Enzym, die sogenannte Beta-Glucuro-
nidase. Seit den frühen vierziger Jahren weiß man, daß ungefähr acht-
zig Prozent aller Krebsarten dieses Enzym in mehrfach höheren Kon-
zentrationen enthalten als normales Gewebe. Die Beta-Glucuronidase
spaltet alle chemischen Verbindungen, die nach Art der Beta-Glucu-
ronsäure aufgebaut sind. Aus chemischen Überlegungen läßt sich vor-
hersagen, daß die Verbindung der Glucuronsäure mit Blausäure prak-
tisch ungiftig ist
Die Sache müßte theoretisch also funktionieren: Wie eine Art
Flaschenpost würde die Glucuron-Blausäure in den krebskranken

2
7
Organismus geschleust und von allen Zellen aufgenommen. Aber nur
die Krebszellen hätten den richtigen Flaschenöffner, die Beta-Glucu-
ronidase, um die Flaschen zu öffnen und damit die Blausäure wirksam
werden zu lassen. Es gibt sogar eine natürliche Substanz, die der ge-
suchten Glucuronsäureverbindung verblüffend ähnlich sieht: das be-
reits erwähnte Amygdalin aus Aprikosenkernen. Der Unterschied ist
klein, aber wesentlich: Amygdalin ist ein sogenanntes Glykosid, das
von der Beta-Glucuronidase nicht gespalten werden kann. Das En-
zym, das Amygdalin spalten und die darin enthaltene Blausäure frei-
setzen kann, heißt »Glykosidase« und ist in Krebszellen wie in norma-
len Zellen gleichermaßen vorhanden.
Ernst T. Krebs junior war jedoch nicht imstande, die Substanz, die in
dem Patent als »Laetrile« beschrieben war, synthetisch herzustellen.
Obwohl er genau wußte, daß das natürliche Amygdalin nach seiner
Theorie nicht funktionieren konnte, vertuschte er diese Angelegenheit
und übertrug einfach den Namen »Laetrile« auf das Amygdalin. Dies
paßte sogar ganz gut in seine Philosophie, nach der natürliche Pro-
dukte ohnehin den künstlich hergestellten überlegen waren. Geschickt
erfand er auch die Bezeichnung »Vitamin B-17« für seine Substanz, um
damit besonders die Anhänger einer naturnahen Lebensweise anzu-
sprechen. Das war natürlich ein aufgelegter Schwindel, denn um eine
»lebensnotwendige organische Verbindung, die dem Organismus zu-
geführt werden muß« - so die Definition des Begriffs »Vitamin« - han-
delte es sich beim Amygdalin keineswegs.
Viel schwerer wiegt jedoch der Schwindel, den sich das Krebs-Esta-
blishment in dieser Sache leistete. Die kalifornische Untersuchungs-
kommission der Ärztevereinigung, die das Laetrile 1953 testen ließ,
wußte sehr wohl, daß das Amygdalin mit der Substanz, die im »Laetri-
le«-Patent beschrieben wurde, nicht identisch war. Sie tat jedoch
nichts, um auf diesen Umstand hinzuweisen. Vielmehr argumentierte
sie wider besseres Wissen genauso wie Ernst T. Krebs und stellte den
Unterschied zwischen Amygdalin und dem »echten« Laetrile als un-
wesentlich hin. Die Schulmediziner waren offensichtlich nicht daran
interessiert, den Fehler von Krebs aufzudecken, sondern wollten ein-
fach die Unwirksamkeit von Laetrile nachweisen. Natürlich ließ sich
dieser »Beweis« an der falschen Substanz leichter durchführen als mög-

128
licherweise an der richtigen (die ja noch nicht existierte), und so spiel-
ten die Vertreter des Establishments das Vertuschungsspiel des Herrn
Krebs junior nur zu gerne mit Dabei ignorierten sie wissentlich die
vielversprechenden neuen Möglichkeiten, die in den Glucuronsäure-
verbindungen steckten.
Es dauerte mehr als zwanzig Jahre, bis sich der junge israelische Krebs-
forscher David Rubin erstmals für diese Möglichkeiten zu interessieren
begann.
Rubins Mutter, die an Krebs litt, war 1976 von ihren Ärzten aufgege-
ben worden. Rubin war daraufhin nach Mexiko geflogen, um mehr
über das umstrittene Medikament zu erfahren, von dem er in den Zei-
tungen gelesen hatte. Nachdem er das Originalpatent studiert hatte,
war er überzeugt, daß die Substanz gegen Krebs wirksam sein mußte.
Doch das Herstellungsverfahren, das im Patent beschrieben war,
konnte nicht funktionieren, wie er bald feststellte. Rubin versuchte, ein
besseres Verfahren zu entwickeln, hatte damit aber ebenfalls keinen
Erfolg.
Da kam ihm der rettende Einfall: In der menschlichen Leber werden
schädliche Abfallprodukte des Stoffwechsels dadurch entgiftet, daß sie
mit Glucuronsäure zusammengebaut werden - und dies ist genau der
Herstellungsschritt, der im Reagenzglas nicht gelungen war. Natürlich
war es nicht möglich, eine menschliche Leber für seine Versuche zu be-
nutzen, aber Rubin wußte, daß Ziegen gerne Blätter von giftigen Sträu-
chern fressen, unter anderem auch jene des Mandelbaumes. Diese Blät-
ter enthalten den Giftstoff Prunasin, der dem Amygdalin sehr ähnlich
ist und ebenfalls Blausäure enthält Die Leber der Ziegen ist sehr lei-
stungsfähig, und deshalb macht es ihnen nichts aus, diese Blätter auch
in größeren Mengen zu fressen.
Da die Entgiftungsprodukte der Leber mit dem Urin ausgeschieden
werden, begann Rubin den Urin der Ziegen einzusammeln, die er mit
Mandelblättern gefüttert hatte, und extrahierte daraus die Substanz,
die Krebs junior »erfunden« und vergeblich herzustellen versucht hat-
te: das »echte« Laetrile.
Dieses Krebsmittel hatte also schon seit Urzeiten existiert, und auch
hier zeigt sich wieder einmal, daß die sogenannten Entdeckungen der
wissenschaftlichen Medizin in vielen Fällen von der Volksmedizin

129
schon lange vorweggenommen wurden. Wie bereits erwähnt, wurden
schon seit Jahrtausenden Krebskranke mit Urin behandelt.
Auch im menschlichen Urin müssen sich Substanzen befinden, die von
der Leber ausgeschieden wurden und Laetrile-ähnliche Eigenschaften
haben. Das heißt, sie werden erst giftig, wenn sie von dem Enzym
Beta-Glucuronidase gespalten werden. In der Krebszelle mit ihrem
hohen Gehalt an Beta-Glucuronidase findet also wunderbarerweise
genau der umgekehrte Vorgang statt wie in der Leber.
Die Zusammenhänge werden noch interessanter, wenn man berück-
sichtigt, daß die meisten Krebspatienten an einer gestörten Leberfunk-
uon leiden.
Dr. Gerson, von dem im folgenden Kapitel noch die Rede sein wird,
legte großen Wert darauf, die Entgiftungsleistung der Leber wieder-
herzustellen. Dies ist nicht nur deshalb sinnvoll, weil die giftigen Ab-
fallprodukte der Krebszellen unschädlich gemacht werden müssen, vor
allem dann, wenn durch die Behandlung Krebszellen zerstört wurden.
Die Leber produziert mit ihren Glucuronsäureverbindungen eine Art
körpereigener Zytostatika, die selektiv vor allem in den Krebszellen
wirksam werden.
Nachdem diese Verbindungen durch die Enzyme der Krebszellen in
ihre giftigen Bestandteile zerlegt werden und die Krebszellen geschä-
digt oder vielleicht sogar abgetötet haben, müssen diese Giftstoffe wie-
der unschädlich gemacht werden. Somit spielt sich zwischen Leber und
Krebszellen eine Art Kreislauf ab, vergleichbar den Kreisläufen in un-
serer Umwelt, die beispielsweise dafür sorgen, daß Schädlinge und ihre
natürlichen Feinde in einem Gleichgewicht stehen. Man könnte die
Leberzellen als eine Art natürliche Feinde der Krebszellen betrachten,
da sie Verbindungen herstellen, die nur für Krebszellen, nicht aber für
normale Zellen giftig sind.
Die Urinbehandlung, so raffiniert sie ist, hat den Nachteil, daß die Gif-
te, die aus dem menschlichen Körper ausgeschieden werden, nicht be-
sonders gefährlich sind. Das braune Pulver, das David Rubin schließ-
lich aus dem Ziegenurin gewonner. hatte, zeigte wesentlich stärkere
Wirkungen. DMBG, wie die Substanz ; n ihrer abgekürzten chemi-
schen Bezeichnung heißt, wurde zunächst an vier Krebspatienten er-
probt, denen alle anderen Behandlungen nicht hatten helfen können.

130
Die vier bekamen je zwei Gramm täglich, und bei allen gingen die
Krebsgeschwülste zurück. Rubin bestand darauf, daß diese vorläufigen
Ergebnisse nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten.
Trotz aller Vorsicht sickerte etwas durch, verbreitete sich mit Windes-
eile im »Krebs-Untergrund« und alarmierte schließlich auch das Esta-
blishment. Was dann passierte, beschreibt der amerikanische Wissen-
schaftsreporter David Rorvik so: »Den ganzen Sommer 1977 hindurch
flogen Briefe und Telegramme, von denen ich Kopien besitze, zwi-
schen der ACS (Amerikanische Krebsgesellschaft), der FDA (Nah-
rungs- und Arzneimittelbehörde), verschiedenen israelischen Ge-
sundheitsbeamten und einigen ausgewählten wissenschaftlichen Zeit-
schriften hin und her. Dieses briefliche Sperrfeuer wurde in typischer
Overkill-Manier entfesselt, es entsprang offensichtlich der Furcht, die
israelische Arbeit könnte schließlich dem umstrittenen Medikament so
etwas wie Rechtmäßigkeit verleihen 104 .«
Nachdem Rubin der Fernsehgesellschaft KPBS in San Diego ein Inter-
view gegeben und die Glucuronsäuretheorie auf alles andere als sensa-
tionelle Weise diskutiert habe, sei er von dem FDA-Kommissar Do-
nald Kennedy angegriffen worden, berichtete Rorvik in der Januaraus-
gabe von Penthouse. In einem Brief an den zuständigen Sendeleiter und
an den Journalisten, der Rubin interviewt hatte, habe Kennedy den
Forscher beschuldigt, fälschlicherweise behauptet zu haben, offiziell
im israelischen Krebsforschungsprogramm tätig zu sein und seine For-
schungen an der berühmten medizinischen Fakultät von Hadassah
durchzuführen. Aus den Briefkopien, die Rorvik besaß, ging aber ein-
deutig hervor, daß es die FDA war, die diese Behauptung in die Welt
gesetzt hatte.
Auch die Fernsehleute, die Rubin interviewt hatten, entlasteten den
Forscher: »Zu keiner Zeit hat sich uns Dr. Rubin je als Mitarbeiter des
Hadassah-Hospitals vorgestellt, weder im vollen Interview noch in
dem Ausschnitt, den wir gesendet haben. In den Gesprächen ohne
Kamera sagte er ausdrücklich, er führe seine Forschungen nicht inHas-
sadah durch.« Er habe auch niemals behauptet, Laetrile würde in Israel
»offiziell« untersucht.
»Glücklicherweise«, berichtet Rorvik, »zeigten sich die israelischen
Behörden widerstandsfähig gegenüber diesem schäbigen Versuch, das

131
Ansehen eines weiteren ehrlichen und einfallsreichen Forschers zu zer-
stören. Es gab keine weiteren Angriffe der F D A mehr.«
Inzwischen testet das Nationale Krebsinstitut der USA das »Laetrile«
alias Amygdalin in einem großen Forschungsprogramm, wahrschein-
lich, um ein für allemal zu beweisen, daß das Mittel unwirksam ist.
Das Institut fragte auch offiziell in Israel an, ob es Tests mit DMBG
durchführen dürfe. Die Israelis hatten aber die Versuche, Rubin zu dif-
famieren, nicht vergessen, und lehnten ab.
Rubin und seine Arbeitsgruppe erproben jetzt weitere Glucuronsäure-
verbindungen, zum Beispiel jene mit 5-Fluoro-Uracil, einem der
meistgebrauchten Zytostatika. Die Verbindung ist etwa fünfmal weni-
ger giftig als das reine Zytostatikum. Damit scheint jetzt, mit fünfund-
zwanzigjähriger Verspätung, eine neue Generation von Zytostatika zu
entstehen.

132
6

»Es gibt keine Krebsdiät«

»Wesentlich für die Krebskrankheit ist nicht das sichtbare oder feststell-
bare Symptom der wachsenden Geschwulst, sondern die Schädigung
der gesamten Stoffwechselvorgänge, die notwendigerweise zum Ver-
lust von Abwehr, Immunität und Heilkraft führen muß.»

Max Gerson
Scharlatane und Pioniere

Ich hatte Professor B. einmal an einem Kongreß über den schmalen


Grat referieren hören, auf dem sich die Krebs-Chemotherapie bewegt:
Besonders in den Endstadien, wo ohnehin nicht mehr viel zu machen
sei, würden schwerste Nebenwirkungen auftreten. Doch wenn das Le-
ben der Patienten akut bedroht sei, dürfe man eben nicht allzu wähle-
risch sein. Der Zweck heilige hier sozusagen die Mittel.
Ich erinnerte mich wieder an dieses Referat, als ich B. anrief, um von
ihm zu erfahren, was er von Diätbehandlung gegen Krebs halte.
»Gar nichts«, sagte Professor B. »Es gibt keinerlei positive Befunde auf
diesem Gebiet, und es wird auch sehr viel Unsinn darüber geschrie-
ben.« An seinem Spital würden die Krebskranken die normale Kran-
kenhauskost bekommen.
Es gebe aber doch Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwi-
schen Ernährungsgewohnheiten und Krebs erwiesen hätten, wandte
ich ein.
»Dafür bin ich nicht zuständig«, sagte B. »Da müssen Sie einen Sozial-
mediziner fragen.«
Ich stellte auch anderen Professoren dieselbe Frage, und die Antwort
war immer dieselbe: unbewiesen, keine Befunde, Heilung schon gar
nicht; wenn überhaupt, dann höchstens vielleicht ein vorbeugender Ef-
fekt usw. Und immer wieder kam die Rede auf Scharlatane, die mit der
Krebsangst spekulieren, um ihren Umsatz an Gemüsesäften zu stei-
gern.
»Ich habe ganze Regale voll Diätliteratur«, sagte mir der St. Galler On-
kologe Professor Hansjörg Senn. »Einmal soll rechtsdrehender Zucker
krebsfördernd sein, dann wieder krebshemmend. Und dann sollen die
Krebspatienten möglichst viel Randensaft * trinken, auch wenn er ih-
nen gar nicht schmeckt.«
Nun, vielleicht sei doch etwas dran, meinte ich, und auf jeden Fall
schade es nicht Da war aber der Chemotherapie-Fachmann gar nicht
einverstanden. Bei Krebs sei es nun einmal äußerst wichtig, daß die Pa-

* Rande = Schweiz, f ü r rote Beete

134
tienten die Freude am Leben nicht verlieren. O f t hätten sie ohnehin
keinen Appetit mehr (auch dank Chemotherapie und Bestrahlung,
C. B.), und jede einseitige Ernährung mache die Sache nur noch
schlimmer, als sie ohnehin schon sei.
Senn und sein Mitarbeiter Dr. Walter Felix Jungi warnten 1979 in der
Fach- und Tagespresse vor einer »Krebskur - total« des über 8ojähri-
gen Vorarlberger Heilpraktikers Rudolf Breuß.
Breuß, gelernter Elektromonteur, gibt im Selbstverlag eine Broschüre
heraus, die vor allem in Drogerien und Reformhäusern vertrieben
wird. »Krebs, Leukämie und andere scheinbar unheilbare Krankhei-
ten«, so verspricht diese Broschüre, sollen »mit natürlichen Mitteln
heilbar« sein 105 .
Wie er auf seine Kur gekommen ist, beschreibt Breuß auf Seite 23 bis 2 5
der Broschüre. Eine Krebsgeschwulst, so Breuß, sei ein Gewächs, das
durch Druck entstehe: »Man denke nur an ein Hühnerauge, das durch
Druck entsteht und auch eine Krebsart ist.«
Er habe vor vielen Jahren einen Mann namens Gruber gekannt, der von
früh bis spät immer eine Pfeife im Mund gehabt habe und immer an
derselben Stelle. Er, Breuß, habe dann einmal zu dessen Frau gesagt, ihr
Mann bekomme bestimmt einen Lippenkrebs.
Tatsächlich habe der Mann nach zehn Jahren einen Lippenkrebs ge-
habt
Breuß habe dann oft darüber nachgedacht, wie man die Krebswuche-
rung stoppen könne. Ein Gespräch mit einem Kneipp-Obmann
brachte ihn auf die Idee mit den Gemüsesäften. »Roter Rübensaft ist
bestimmt gegen die Krebserkrankung, aber mit rotem Rübensaft allein
kann man nicht leben. Dann gab ich gelbe Rüben dazu wegen des Ca-
rotins, Sellerieknollen wegen des Phosphors, denn ohne Phosphor
kann man auch nicht leben, sowie Rettich- und Kartoffelsalat für die
Leber.«
Seine »Krebskur-total« beschreibt Breuß so: »Bei dieser Kur darf man
42 Tage nichts essen, sondern nur Gemüsesäfte zu sich nehmen . . . Der
Krebs lebt nur von festen Speisen, die der Mensch zu sich nimmt.
Wenn man also 42 Tage nur Gemüsesäfte trinkt, so stirbt die Krebsge-
schwulst ab, aber der Mensch kann derweil doch gut leben.«
So einfach ist das. Breuß will mit seiner Saftkur schon Tausende von

135
Patienten geheilt haben. Gestorben seien immer nur solche, »denen
man etwas zum Essen gab«.
Dazu Professor Senn: »Bei der Einnahme von Gemüse- und Fruchtsäf-
ten müssen zwei verschiedene Sachverhalte auseinandergehalten wer-
den: Wenn wir Ärzte vor dieser Methode warnen, dann verurteilen wir
die Theorie und deren Folgen für den Ernährungszustand des Kranken
an sich und nicht den Genuß von Säften generell. Wir verurteilen die
Hoffnungen, die mit der Säftetherapie geweckt werden - dies muß
deutlich unterschieden werden. Glaubt ein Patient an die Heilwirkung
irgendeines Saftes oder Tees und konsumiert er ihn in unverantwortli-
chen Mengen, so haben wir nichts einzuwenden, solange die medizini-
sche Behandlung dadurch nicht beeinträchtigt wird.« O f t seien die Pa-
tienten nach einer Breuß-Kur aber derart ausgehungert, daß sie erst
einmal künstlich ernährt werden müßten 1 0 6 .
Die ablehnende Haltung der Schulmedizin gegenüber solchen extre-
men und offensichtlich unqualifizierten Methoden ist verständlich und
im Interesse der Patienten auch gerechtfertigt. Weniger verständlich
ist, daß er auch den seriösen Vertretern einer Diätbehandlung des
Krebses nicht besser erging.
Die Anfänge lassen sich bis ins neunzehnte Jahrhundert zurückverfol-
gen. Im Jahre 1809 veröffentlichte der Londoner Arzt Dr. William
Lambe eine Abhandlung über eine Anti-Krebs-Diät aus Früchten,
Gemüse und Wasser. Schon damals äußerten viele Ärzte Bedenken, ob
durch Operation der Krebs wirksam bekämpft werden könne. Bereits
1764, also mehr als zweihundert Jahre vor Hackethal, hatte ein Londo-
ner Arzt seine Kollegen gewarnt, daß Operationen - damals die einzige
Behandlungsmethode - das Krebswachstum möglicherweise be-
schleunigen könnten. Viele Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts, die
auf Operationen verzichteten, stellten fest, daß eine geeignete Diät sich
günstig auf Krebspatienten auswirkte 107 . Bereits damals müssen solche
Tendenzen von der Schulmedizin vehement bekämpft worden sein,
denn es gab offensichtlich nie irgendwelche Versuche, sie ernsthaft zu
überprüfen.
Die moderne Diättherapie wurde von Dr. Max Bircher-Benner be-
gründet. Nach einem Medizinstudium in Zürich und Berlin eröffnete
der junge Arzt 1891 eine Allgemeinpraxis im Zürcher Industriequar-

136
tier. Er sah, wie ungesund sich die Bevölkerung ernährte, und als ihm
1895 überraschende Heilerfolge mit Rohkost gelangen, faßte er den
Entschluß, sich auf diesem Gebiet weiterzubilden. Zwei Jahre später
gab er seine Praxis auf und eignete sich in einer Studienreise nach Wien,
Dresden und Berlin praktische Kenntnisse in Hydrotherapie (Wasser-
heilkunde), Massage und Diätetik an. Zurück von seiner mehrmonati-
gen Reise, eröffnete Bircher 1897 eine Privatklinik für Diät- und phy-
sikalische Heilmethoden.
Bircher erkannte, daß die Nahrung nicht nur sättigen, sondern den Or-
ganismus auch mit »Energiespannung« versorgen sollte. Von Vitami-
nen wußte man damals noch nichts.
Um die Jahrhundertwende trug er seine ernährungstheoretischen Vor-
stellungen der Zürcher Ärztegesellschaft vor und stieß dabei auf heftige
Ablehnung. Seine Klinik hatte lange mit wirtschaftlichen Schwierig-
keiten zu kämpfen. Es dauerte beinahe drei Jahrzehnte, bis Bircher-
Benner als Referent bei Ärztetagungen anerkannt war und seine Arbei-
ten in den Fachzeitschriften abgedruckt wurden. Die neuzeitliche Er-
nährung beruht zu einem guten Teil auf Birchers Erkenntnissen. Bir-
cher-Benner war bis zu seinem Tod im Jahre 1939 mit vielen großen
Ärzten befreundet.

Max Gerson und seine Diättherapie

In den zwanziger Jahren lernte auch der Berliner Arzt Dr. Max Gerson
die Diättherapie Birchers kennen. Es gelang ihm, sich selber von einer
hartnäckigen Migräne, die bisher allen Behandlungsversuchen getrotzt
hatte, durch Diät zu kurieren.
Gerson entwickelte zusammen mit Sauerbruch und Hermannsdorf er
eine Tuberkulosediät. Die kochsalzfreie, vitaminreiche Kost bestand
aus viel Früchten und Gemüsen und wirkte besonders bei der bis dahin
als unheilbar geltenden Hauttuberkulose (Lupus): Von 450 Patienten
konnten bis auf vier alle geheilt werden 1 0 8 .

137
Da es Calmette und Guerin wenige Jahre zuvor gelungen war, den
BCG-Impfstoff zur Vorbeugung gegen Tuberkulose zu entwickeln,
wurde die Idee, diese Krankheit durch Diät heilen zu wollen, von der
Fachwelt nicht ernst genommen, obwohl Gerson sorgfältig seine klini-
schen Befunde sammelte und in Fachzeitschriften wie »Medizinische
Welt« veröffentlichte. Unter seinen geheilten Tuberkulosepatienten
befand sich auch die Frau von Albert Schweitzer.
Seine Erfolge gegen die Tuberkulose ermutigten Gerson, es auch beim
Krebs mit Diät zu versuchen. Im Jahre 1928, als Internist in Bielefeld,
begann er die ersten Krebspatienten zu behandeln. Die Diät war salz-
los, fettarm und bestand hauptsächlich aus Früchten und Gemüsen, die
zum Teil roh verrieben wurden, und aus frisch gepreßten Säften. Sie
wurde ergänzt durch ein Gemisch von Mineralsalzen, um die krank-
heitsbedingten Verluste auszugleichen. Später, wenn es den Patienten
besser ging, kamen Buttermilch, Weißkäse, Joghurt und zwei rohe, in
Orangensaft verrührte Eier dazu.
Zu seinem »größten Erstaunen« sprachen die drei ersten Patienten, die
Gerson mit seiner Diät behandelte, erfolgreich auf die Therapie an. Ei-
ner dieser Fälle war eine 50jährige Frau, die an Magenkrebs mit Meta-
stasen in den angrenzenden Drüsen litt Sie war operiert, aber man
hatte den Krebs nicht entfernen können, da er sich schon zu sehr zer-
streut hatte.
Zwei Jahre nach Gersons Diätbehandlung unternahm die Frau eine
Bergwanderung, rutschte ab und starb an einer Nierenblutung. Eine
Autopsie ergab, daß die Patientin krebsfrei war.
Imjahre1933 mußte Gerson, der jüdischer Abstammung war, vor dem
aufkommenden Naziterror fliehen. In Wien fand er eine neue Bleibe.
Im Westendsanatorium behandelte er sechs Krebsfälle, aber alle ohne
Erfolg. Gerson hatte ständig gegen die Widerstände der Ärzte, der
Krankenschwestern und des Küchenpersonals zu kämpfen.
Uber Paris, wo er von sieben Krebspatienten drei mit Erfolg behandel-
te, und London wanderte Gerson 1937 in die Vereinigten Staaten
aus. In New York, wo er seine Patienten zunächst ambulant und spä-
ter in einer eigenen Klinik behandelte, entwickelte er seine Therapie
weiter.
Gerson ging davon aus, daß »nicht das sichtbare oder feststellbare

138
Symptom der wachsenden Geschwulst, sondern die Schädigung der
gesamten Stoffwechselvorgänge« bei der Krebserkrankung das We-
sentliche sei 109 . Durch die Einflüsse der Krebszellen, die sich im Ge-
samtstoffwechsel anhäufen, komme es zur Vergiftung der Leber und
zur Schädigung des Verdauungsmechanismus.
Leberstörungen hatten schon die beiden Japaner Yamagiva und Itschi-
kawa bei Versuchskaninchen beobachtet, als ihnen zum ersten Mal ge-
lang, einen Krebs experimentell zu erzeugen. Sie rieben Teer in das Ohr
des Kaninchens ein, und zwar mehrere Monate lang. Später entwik-
kelte sich an der Einreibestelle ein Tumor, und die Autopsie zeigte, daß
auch die Leber, die Nieren, die Milz und die Lymphknoten krankhaft
verändert waren.
Gerson verstand die Krebskrankheit als einen degenerativen Prozeß,
als eine Zerfallserscheinung des Stoffwechsels. So beobachtete er bei
Krebspatienten häufig auch chronische Gelenkrheumatismen, zu ho-
hen oder zu niedrigen Blutdruck, chronische Infektionen, Arterioskle-
rose, Diabetes oder andere degenerative Störungen. Da Gerson eine
Leberschädigung als das Grundproblem der Krebserkrankung be-
trachtete, begann er seine Diät ziemlich bald durch Lebersaft und In-
jektionen von Leberextrakt zu ergänzen. Er beobachtete, daß Patien-
ten nur dann intensiv auf diese Lebertherapie ansprachen, wenn sie un-
ter der Diätbehandlung standen Lebersaft allein nützte nichts.
Dies bestätigte eine Erfahrung, die Gerson bereits in seinen ersten An-
fängen gemacht hatte. Er hatte versucht, in »kontrollierten« diäteti-
schen Experimenten die Wirkung verschiedener Nahrungsbestandteile
einzeln zu testen. Dieser Ansatz zeitigte aber nur Mißerfolge. Gerson
schloß daraus, daß nur eine volle Diät Erfolg haben könne.
Wenn Gerson seinen Patienten mehr Eiweiß gab, war die Wirkung des
Lebersaftes geringer, und auch der Entgiftungsprozeß verzögerte sich.
Am Anfang der Behandlung litten manche Patienten an Magen- und
Darmstörungen, bekamen Durchfall und mußten erbrechen. Meistens
baten sie dann darum, die Behandlung abbrechen zu dürfen. Doch
diese starken Reaktionen waren in Wirklichkeit, so Gerson, »die An-
zeichen einer beginnenden Besserung, die von einer Entleerung großer
Massen zurückgehaltener Galle und der Ausscheidung von Toxinen
und Giften begleitet i s t u 0 . « Später fand Gerson heraus, daß diese kriti-

139
sche Phase durch Kaffee-Einläufe und eine Behandlung mit Rizinusöl
besser überwunden werden konnte. Als diese Entgiftungstherapie
noch nicht genügend weit entwickelt war, konnte es geschehen, daß
zwar die Tumormasse relativ schnell abgetötet wurde, der Patient je-
doch an einer schweren Vergiftung, einem sogenannten Leberkoma,
starb.
Neben der Entgiftung hatte die Diät dafür zu sorgen, daß die verschie-
denen Stoffwechselfunktionen inner- und außerhalb des Verdauungs-
kanales wiederhergestellt wurden, daß der Organismus fähig wurde,
die abgetöteten Krebszellen aufzusaugen und auszuscheiden, daß die
Leber wieder richtig arbeitete und daß schließlich die vom Tumor zer-
fressenen Gewebe wiederhergestellt wurden.
Da Krebskranke an einem ausgeprägten Kaliummangel leiden, wurde
dieses Mineral den Säften beigegeben. Die meisten Früchte und Ge-
müse enthalten zudem viel mehr Kalium als Natrium (Kochsalz).
Durch Zugabe von Jod in der Anfangsphase der Behandlung förderte
Gerson die Ausscheidung von Kochsalz und Wasser, um den Weg für
die Wiederauffüllung des Kaliums in das Gewebe zu ebnen. Obwohl
Gerson im Prinzip dagegen war, einzelne isolierte Vitamine zu geben,
brachte ihn doch seine klinische Erfahrung mit der Zeit dazu, Aus-
nahmen zu machen. So fand er heraus, daß Niacin (ein Vitamin der
B2-Gruppe) und das Vitamin B12 als Diät-Zusätze das Befinden der
Patienten besserten.
Andere Versuche, die Therapie zu verbessern, brachten jedoch
schwere Rückschläge. 1946 führte Gerson bei fünf symptomfreien Pa-
tienten, die sich aber nicht recht erholen wollten, eine Behandlung mit
entgegengesetzten Geschlechtshormonen durch. Andere Ärzte hatten
damit Erfolge erzielt. Als es den Patienten drei bis vier Wochen lang
gutging, gab er die Hormone weiteren 2 5 Patienten. Die Folgen waren
katastrophal. Gerson verlor 2 5 seiner Patienten, die er vorher mit be-
stem Erfolg behandelt hatte. Nach einer Phase der Besserung, die etwa
drei bis fünf Monate dauerte, bekamen sie wieder schwere Krebssym-
ptome und Vergiftungserscheinungen und starben innerhalb von drei
bis vier Wochen. Gerson vermutete, daß die gegengeschlechtlichen
Hormone die Leber zu stark anregten und dadurch deren mühsam an-
gesammelte Reserven wieder aufbrauchten. Bessere Ergebnisse erzielte

140
er, wenn er die Erschöpfung mit Gelee royale (Futtersaft der Bienen-
königinnen) behandelte.
In den Jahren 1948 und 1949 fiel Gerson auf, daß seine Patienten weni-
ger gut auf die Diät ansprachen. Da er schon früher den Mineralgehalt
der Früchte und Gemüse hatte untersuchen lassen, wiederholte er jetzt
diese Analysen. Es zeigte sich, daß die Äpfel, Karotten, Kartoffeln und
Tomaten ihren Kaliumgehalt zum großen Teil verloren hatten, dafür
aber mehr Kochsalz als früher enthielten. Dies war eine Folge der
künstlichen Düngung. Die Resultate besserten sich wieder, als Gerson
darauf achtete, nur noch Gemüse und Früchte von natürlich gedüngten
Böden zu verwenden.
Etwa 90 Prozent von Gersons Patienten waren solche, die von der
Schulmedizin aufgegeben waren. Trotz dieser schlechten Vorausset-
zungen konnte etwa die Hälfte von ihnen »weitgehend gebessert« und
»ein guter Teil« geheilt werden.
Gerson hatte mit zahlreichen Widerständen zu kämpfen, und seine
New Yorker Klinik war jahrelang vom finanziellen Ruin bedroht.
Wenn Patienten durch seine Behandlung geheilt waren, bestritten die
Hausärzte oft, daß je ein Krebs vorhanden gewesen war. Viele rieten
den Patienten ab, die Diät zu Hause weiterzuführen, nachdem sie aus
der Klinik entlassen worden waren.
Die Gerson-Diät war, wenn man sie genau nach Anweisung durch-
führte, sehr zeitraubend und nicht billig. Mehrmals täglich mußten aus
Früchten und Blattgemüsen Frischsäfte gepreßt und sofort getrunken
werden, damit nicht der Luftsauerstoff die wertvollen Enzyme zer-
störte. Mit dem Einkauf und der Zubereitung war eine Person fast den
ganzen Tag über beschäftigt, und viele Angehörige weigerten sich,
Gersons Anweisungen zu befolgen.
Im Jahre 1946 lud der amerikanische Senat Gerson zu Anhörung über
eine Gesetzesvorlage ein, die die staatliche Förderung von For-
schungsprojekten auf dem Gebiet der Verhütung und Heilung von
Krebs regeln sollte. Gerson stellte einem Senatskomitee unter dem
Vorsitz von Senator Claude Pepper fünf Krebspatienten vor, die durch
seine Behandlung geheilt worden waren. Sämtliche Mitglieder des
Komitees waren von Gersons Ausführungen beeindruckt. Doch der
227 Seiten starke Kongreßbericht, Dokument Nr. 89471, verstaubte

141
dann in den Aktenschränken der Regierung. Gersons Forschung
wurde zwar in dem Bericht gelobt, aber Gerson bekam nie irgendwel-
che Unterstützung. Im Gegenteil: Fünf Jahre nach der Anhörung im
Senat wurde ihm die Erlaubnis, an New Yorks Spitälern zu praktizie-
ren, verweigert 111 .
1952 wurde Gerson von Professor Zabel zu einem Krebskongreß nach
Berchtesgaden eingeladen. Diese Einladung hatte Bircher-Benners
Nichte, Dr. Dagmar A. Liechti-von Brasch, angeregt. Sie erinnerte
sich: »Ich kannte Gerson seit meiner frühesten Jugend. Er war ja mit
meinem Onkel befreundet. Später, als er nach Amerika ausgewandert
war, habe ich regelmäßig mit ihm korrespondiert. Als Zabel seinen
Krebskongreß veranstaltete, habe ich zu ihm gesagt: Hören Sie, da ge-
hört als Nummer eins der Gerson dazu. Ich habe ihm dann geschrie-
ben. Er nahm die Einladung an und besuchte uns auf der Durchreise in
Zürich. Wir diskutierten seine phantastischen Fälle. Gerson war eine
imponierende Persönlichkeit, ein schöner alter Herr. Seine Art war
sehr überzeugend, dabei aber sehr bescheiden, überhaupt nicht auf-
trumpfend.«
1958, ein Jahr vor seinem Tod, veröffentlichte Gerson ein Buch über
seine Krebstherapie, in dem er, durch ausführliche Krankengeschich-
ten belegt, eine Auswahl von fünfzig geheilten Fällen vorstellte. (Auf
deutsch unter dem Titel »Eine Krebstherapie« 1961 erschienen.)
Gerson starb 77jährig in New York. In einem Nachruf schrieb Albert
Schweitzer: »Wir, die ihn kannten und schätzten, betrauern in ihm
schon heute ein ärztliches Genie, das unter uns wandelte, und einen
Menschen, der zum Kämpfer bestimmt war, der sich in seinem widri-
gen Schicksal bewährte 112 .«

142
Krebsdiät in Europa

Auch Gersons Buch vermochte die ablehnende Haltung der Schulme-


dizin in der Diätfrage nicht zu erschüttern. Mehr als zwanzig Jahre
vorher hatte der damalige »Krebspapst« Professor Karl Heinrich Bau-
er, Verfasser eines noch heute angesehenen Standardwerkes über den
Krebs, in der »Monatszeitschrift für Krebsbekämpfung« die Ergeb-
nisse einer Umfrage bei 34 Ärzten über die Chancen einer Diätbehand-
lung von Krebserkrankungen veröffentlicht Mit einer einzigen Aus-
nahme hielten alle befragten Ärzte eine Diät für wirkungslos. Einige
räumten ein, daß Diät Krebs zwar nicht heilen, aber immerhin verhü-
ten könne. N u r Professor W. Denk vom Ludwig-Boltzmann-Institut
in Wien nahm eine positive Haltung ein. Vierzig Jahre später stand
Denks Schüler und Nachfolger, Professor Georg Salzer, auch er ge-
genüber der ganzheitlichen Behandlungsmethode aufgeschlossen,
ebenso isoliert einer Front von kompromißlosen Schulmedizinern ge-
genüber. (Mehr darüber im folgenden Kapitel.)
In Europa entwickelten die österreichischen Ärzte J. Kretz und
E. Salzborn schon vor 1940 Diätpläne für eine krebsfeindliche Kost 1 1 3 .
Salzborn betonte, daß der Kranke mehrmals am Tag kleine Portionen
zu sich nehmen müsse, die ihn gerade vor Hunger schützen, dafür aber
vom Darm optimal aufgenommen werden können. Der Landarzt Salz-
born behandelte seine Krebskranken mit Diät so erfolgreich, daß ihm
eine Wiener Klinik in den dreißiger Jahren sogar eine Tumorambulanz
einrichtete 114 .
Der Holländer Ingebos empfahl 1942 aufgrund von Rattenversuchen
am Löwener Krebsinstitut eine fettarme Nahrung mit Gemüse, Obst,
Pellkartoffeln, Vollkornprodukten, Fisch und magerem Fleisch. Zu
meiden sind nach Ingebos Uber- und Unterernährung, cholesterinrei-
che Nahrungsmittel, künstlich gefärbte Lebensmittel und Getränke,
gebratenes oder geräuchertes Fleisch, konserviertes Gemüse, alkoholi-
sche Getränke, Pfeffer, Salz und Paprika 1 1 5 .
Ein anderer Holländer, der Landarzt Cornelis Moerman, entwickelte
aufgrund von Brieftaubenversuchen und jahrelangen Beobachtungen
an seinen Patienten eine Diät. Es gelang ihm in zahlreichen Fällen, auch

143
aussichtslos scheinende Krebserkrankungen zu heilen. Diese Erfolge
wurden von der Fachwelt bestritten, und Moerman wurde jahrzehnte-
lang diffamiert. Wie alle Diätbehandlungen gegen Krebs stärkt auch die
Methode von Moerman die natürlichen Abwehrmechanismen gegen
die Krankheit. Der Nobelpreisträger Linus Pauling hält Moerman für
einen bedeutenden Pionier in der Krebstherapie 116 .
Die von Bircher-Benner begründete Diättherapie wurde vor allem von
Professor Werner Zabel weiterentwickelt. Zabel legte seine Ansichten
über die Ganzheitsbehandlung der Krebserkrankungen in einem Refe-
rat auf dem südwestdeutschen Röntgenologentag 1954 dar: »Unter
keinen Umständen darf man den Geschwulstkranken fasten lassen.
Das Fasten vermindert die Abwehrmöglichkeit des Organismus dem
Karzinom gegenüber. Das Gegenteil ist ebenso zu beachten. Auch jede
Mästung, und das geschieht leider, ist zu unterlassen. Das sinkende
Körpergewicht läßt sich nicht durch Vermehrung der Kalorienmenge,
sondern nur durch Vermehrung der stoffwechselaktiven Biokatalysa-
toren der Nahrung stoppen 1 1 7 .
Nach Ansicht von Zabel spielen die Fette bei der Ernährung des
Krebskranken eine besonders wichtige Rolle. Fette sind nicht bloß
Heizmaterial - und als solches dürfen sie nicht in großen Mengen zuge-
führt werden -, sondern auch Lösungsmittel für viele äußerst wichtige
Enzyme, die entscheidend in den Stoffwechsel des Patienten eingrei-
fen. Vor allem die Vitamine A, D, E und K sind fettlöslich. Zudem sind
gewisse hochungesättigte Fettsäuren unentbehrlich.
Zabel beobachtete in seiner jahrzehntelangen Praxis, daß Fette, die un-
genügende Mengen von hochungesättigten Fettsäuren enthalten, für
die Therapie wertlos sind. Deshalb enthält seine Diät keine gehärteten
Fette wie zum Beispiel Margarine. Statt dessen werden kalt gepreßte
Pflanzenöle verwendet, vor allem Leinöl, Sonnenblumenöl, Mais-,
Mohn- und Weizenkeimöl.
Zabel empfiehlt für Krebskranke ein Gramm Eiweiß pro Kilogramm
Körpergewicht täglich, bezogen auf das Gewicht, das der Patient ha-
ben sollte. Fleisch sollte um so sorgfältiger weggelassen werden, je kri-
tischer die Lage des Patienten ist Bei mehr als drei Fleischmahlzeiten
pro Woche beobachtete Zabel bei seinen Patienten deutliche Ver-
schlechterungen. Da aber hochwertiges Eiweiß unbedingt erforderlich

144
ist, muß es in anderer Form zugeführt werden: als gesäuertes Milchei-
weiß. Eiweiß aus Süßmilch ist nicht ratsam, weil die Verdauung zu sehr
belastet und dadurch der Appetit gestört würde und weil die Flüssig-
keitsmengen zu groß wären. Zabel empfiehlt in seinem Standardwerk
»Die interne Krebstherapie und die Ernährung des Krebskranken«
Sauermilch, Quark oder Bioghurt, Sanoghurt usw. u 8 .
Besonders günstig ist der Quark, weil der den Säuregehalt des Magens
günstig beeinflußt Krebskranke leiden in der Regel unter einer man-
gelhaften Salzsäureproduktion. Zudem ist das Eiweiß des Quarks
durch Mikroorganismen vorverdaut. Da Quark sehr viel Milchsäure
enthält, wird die Eiweißfäulnis im Darm unterdrückt. Diese droht vor
allem, wenn die Diät noch zuviel Fleisch oder anderes tierisches Eiweiß
enthält, und belastet die Leber mit Entgiftungsaufgaben. Milcheiweiß
ist hochwertig und entspricht der Qualität der besten Eiweißarten.
Quark kann auch als Magermilchquark, das heißt ohne tierische Fette
und somit cholesterinfrei, genommen werden. Joghurt dagegen hat
den Nachteil, die Darmflora ungünstig zu beeinflussen.
Die ideale Diät für den Krebskranken ist im Prinzip eine ausgewogene,
vollwertige Ernährung, wie sie auch für Gesunde zu empfehlen ist Zu-
sätzlich müssen aber zur Umstimmung des krebsgeschädigten Stoff-
wechsels gewisse Nahrungsbestandteile ganz oder teilweise weggelas-
sen werden. Andere dagegen sind wegen ihres krebshemmenden Ein-
flusses zu empfehlen. Die meisten Autoren raten zu einer lakto-vege-
tabilen Ernährung mit viel Frischgemüse und -obst, wenn möglich aus
biologischem Anbau.
Zu vermeiden sind industriell verarbeitete Nahrung, Büchsen- und
Tiefgefrierkost, Fertigmenüs, leere Kalorien in Form von Zucker und
anderen Süßwaren, Weißbrot usw. Wichtig ist, daß die Nahrung einen
genügenden Anteil an Faserstoffen enthält Als Eiweißquellen an Stelle
von Fleisch empfehlen sich neben Sauermilchprodukten auch Weizen-
keime, Hefeerzeugnisse, Soja, Nüsse und Mandeln. Zum Würzen
sollte der Krebskranke nicht Kochsalz, sondern sparsam Vollmeersalz,
Kräuter, Sojasauce, Zwiebeln, Knoblauch, Zitronensaft und Essig
verwenden. Verboten sind nach Zabel Alkohol, Schwarztee, Kaffee, al-
les Gebackene oder Geröstete, künstlich gesüßte oder gefärbte Speisen
und fettes Fleisch, insbesondere von industriell gehaltenen Tieren.

45
Die roten Farbstoffe in der roten Beete (Rande), aber auch in den Ho-
lunderbeeren, Heidelbeeren, schwarzen Johannisbeeren und anderen
Wildfrüchten sollen in Tierversuchen eine krebshemmende Wirkung
gezeigt haben 1 1 9 . Von der Schulmedizin werden diese Befunde nicht
als schlüssig betrachtet. Immerhin gab kürzlich auch Professor Diet-
rich Schmähl, Direktor des Instituts für Toxikologie und Chemothe-
rapie am Deutschen Krebsforschungsinstitut in Heidelberg, zu, daß
bestimmte Stoffe, die vor allem in Kohlarten vorkommen - die soge-
nannten Flavone, Lactone und Indole -, hemmend in den Krebsent-
stehungsprozeß eingreifen. Auch beim Vitamin C, dessen Heilwir-
kung bei Krebs man nicht wahrhaben will, ist nun anerkannt, daß es die
Wirkung krebserzeugender Substanzen wie zum Beispiel der Nitro-
samine hemmt 1 2 0 .

Die ganzheitliche Sicht

Der medizinische Glaubenskrieg um die Krebsdiät gleicht einem Ge-


richtsverfahren, zu dem die Hauptzeugen der Verteidigung, nämlich
die zahllosen Heilungsfälle, gar nicht geladen sind. Die Heilungen
werden von der Schulmedizin mangels statistischen Zahlenmaterials
nicht als solche anerkannt Was noch bleibt, sind Indizien, das heißt
hinweiskräftige Tatsachen. Und diese sprechen mit einem erdrücken-
den Ubergewicht für die Wirkung einer Diät
Kehren wir die Beweislast einmal um: Was spricht eigentlich gegen die
Diät? Um auszuschließen, daß die Ernährung das Wachstum eines be-
reits vorhandenen Tumors beeinflußt, müßte mit Sicherheit feststehen,
daß Krebs eine rein lokale Angelegenheit ist, wie die Mutationstheorie
behauptet. Wenn das stimmen würde, dann dürfte das Immunsystem
keinerlei Beziehungen zum Krebsgeschehen zeigen. Der beste Gegen-
beweis sind die Millionen, die in der offiziellen Krebsforschung für
Immunologie ausgegeben werden. Leider ist zu befürchten, daß solche
Argumente von den eifrigen Befürwortern der schulmedizinischen

14 6
Krebstheorie zerpflückt werden: Schließlich läßt sich auch die Wir-
kung des Immunsystems auf die Ebene der Zellen hinunterdrücken:
Freßzellen fressen eben Krebszellen, basta.
Vielleicht sind grundsätzlichere, eher philosophische Argumente stär-
ker. Zum Beispiel: Krebs ist eine Krankheit, die einen Menschen tief-
greifend verändert. Im Organismus hängt alles mit allem zusammen.
Also muß von der krebsigen Veränderung zwangsläufig auch der ganze
Organismus betroffen sein. In dem Streit geht es wohl eher darum, ob
man den Menschen als eine Ganzheit betrachten will oder nicht Da die
bisherige Haltung, die den Krebs isoliert bekämpfte, kläglich geschei-
tert ist, spricht alles dafür, daß die Ganzheitsbetrachtung die sinnvol-
lere ist Es gibt kaum etwas, das tiefgreifender in das Stoffwechselge-
schehen eingreift als die Atmung und die Ernährung. Neben diesen
mehr grundsätzlichen Überlegungen sprechen auch zahlreiche Einzel-
beobachtungen für die Wirkung der Diät.
Im Jahre 1923 entdeckte der Berliner Biochemiker Otto Warburg, daß
Krebszellen weniger Sauerstoff verbrauchen und mehr Milchsäure
produzieren als normale Zellen. Das heißt: Krebszellen erzeugen ihre
Energie nicht nur durch Atmung, sondern zu einem großen Teil durch
Gärung. Dabei entsteht aus Traubenzucker nicht Kohlensäure, son-
dern Milchsäure.
Diese große Entdeckung, die Warburg später den Nobelpreis für Me-
dizin eintrug, führte nach Ansicht von Vester dazu, daß die experimen-
telle biochemische Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutsch-
land auf Jahrzehnte hinaus auf diesen Effekt - und damit auf die Suche
nach einer die Gärung von Krebszellen unterbindenden Substanz X im
Sinne einer einfachen Ursache-Wirkungs-Therapie »festgenagelt« war
und der notwendige Ansatz am Gesamtorganismus weiterhin unter-
blieb 121 . Dieser Einsatz scheint aber, zumindest was die offizielle Me-
dizin betrifft, vergeblich gewesen zu sein, denn auf Warburgs Er-
kenntnis berufen sich vor allem die sogenannten Außenseiter.
Die Quintessenz von Warburgs Theorie lautet: Bei Krebszellen ist die
Atmung geschädigt Die Gärung könnte sozusagen ein Ausweg sein,
um doch noch die zum Wachstum nötige Energie zu erzeugen.
Die Zellatmung findet in den sogenannten Mitochondrien statt. Diese
bakterienartigen Zellbestandteile stammen wahrscheinlich von urzeit-

147
lichen Kleinlebewesen ab, die die Fähigkeit besaßen, Zucker unter
Verbrauch von Sauerstoff zu »verbrennen« und dabei energiereiche
chemische Verbindungen zu erzeugen. Eine recht plausible Theorie
nimmt an, daß diese bakterienartigen Lebewesen zuerst größere Zellen
befielen und deren Zucker zersetzten. Mit der Zeit habe sich eine Sym-
biose entwickelt, indem die Mitochondrien von den Zellen, in denen
sie lebten, mit Zucker versorgt wurden und dabei von den energierei-
chen Verbindungen profitierten, die jene erzeugten. Diese Verbindung
sei nach und nach, im Laufe der Jahrmillionen, so eng geworden, daß
die Zellen nur noch mit ihren Mitochondrien lebensfähig gewesen sei-
en. Für diese Theorie spricht, daß die Mitochondrien ihre eigene D N A
besitzen und sich im Innern der Zelle selbständig vermehren.
Warburgs Befunde lassen sich nun leicht damit erklären, daß die Mito-
chondrien geschädigt sind 122 . Eine einmalige, starke Einwirkung eines
Giftes oder von Röntgenstrahlen könnte die Mitochondrien abtöten,
ohne die übrige Zelle zu zerstören. Wenn sich dann die Zelle weiter-
teilt, besitzen auch ihre Tochterzellen und deren Nachkommen keine
Mitochondrien mehr. So könnte sich mit der Zeit ein Zellhaufen mit
gestörter Atmung entwickeln, eben ein Tumor. Tatsächlich sind die
meisten - nicht alle - krebserzeugenden Substanzen auch Atmungsgif-
te.
Doch damit nicht genug: Es gibt auch noch ein »historisches« Argu-
ment für Warburgs Theorie. In grauer Urzeit, als die Erde von algenar-
tigen Einzellern besiedelt war, enthielt die Atmosphäre keinen Sauer-
stoff. Die Lebewesen, die damals wucherten, bezogen ihre Lebens-
energie aus der Gärung. Erst als vor ungefähr 800 Millionen Jahren
durch die Tätigkeit von grünen Algen sich die Erdatmosphäre mit Sau-
erstoff anreicherte, begannen die primitiven Organismen von Gärung
auf Atmung umzustellen, und gleichzeitig entwickelten sich mehrzel-
lige Organismen. Ihre Zellen teilten sich nicht mehr unkontrolliert,
sondern erfüllten bestimmte sinnvolle Funktionen in Geweben und
Organen. Mit dem Auftreten des Sauerstoffs und der Atmung entwik-
kelte sich also aus krebsig wucherndem Urleben höher organisierte
Formen. In diesem Sinn könnte man Krebs als einen Rückfall in urtüm-
liche, an Gärung gebundene Lebensformen verstehen.
Was bedeuten nun diese Befunde? Warburg ging so weit, daß er die ge-

148
störte Atmung als Ursache der Krebserkrankung betrachtete. Zwar
gebe es viele entfernte Krebsursachen wie Teer, Röntgenstrahlen usw.,
doch diese würden alle in die gemeinsame unmittelbare Ursache ein-
münden, in eine irreversible Schädigung der Atmung. In einer zweiten
Phase würden nun die Zellen ums Uberleben kämpfen, wobei nur noch
jene sich fortpflanzen, die es fertigbringen, auf Gärung umzustellen.
Weil die Gärungsenergie minderwertiger sei als die Atmungsenergie,
würden die angepaßten Körperzellen umgewandelt in nicht mehr an-
gepaßte, wild wuchernde Krebszellen 123 . Ob Warburgs Theorie in die-
ser strikten Form gültig ist, ist fraglich, denn es gibt wenige Krebsarten,
die nicht gären. Immerhin scheint ein Tumor um so bösartiger zu sein,
je stärker seine Zellen gären.
Die Gärung der Krebszellen könnte auch eine reine Folge des Krebs-
wachstums sein. Angenommen, Zellen beginnen zu wuchern und ei-
nen ungeordneten Haufen zu bilden. Ein solcher Haufen wird nicht
mehr so gut mit Blut versorgt wie gesundes Gewebe. Im Innern des
wachsenden Tumors entsteht mit der Zeit ein Sauerstoffmangel. Die
Zellen, die nicht fähig sind, auf Gärung umzuschalten, ersticken und
sterben ab. Die anderen überleben und vermehren sich weiter. Wahr-
scheinlich trifft beides zu, sowohl die Ursache als auch die Folge.
In der Zelle fließen Atmung und Ernährung in eines zusammen, und an
diesem Knotenpunkt des Stoffwechsels treffen sich auch die Diät und
das Krebsproblem. Dabei ist nicht einmal wesentlich, welche der vielen
möglichen Theorien nun zutrifft. Die Hauptsache ist: Es besteht ein
Zusammenhang. Die vielen positiven Heilerfolge mit Diät, obwohl of-
fiziell bestritten, hängen nicht in der Luft, sondern fügen sich sinnvoll
in das Ganze.
Ein weiteres bedeutsames Steinchen in diesem Fakten-Puzzle ist ein
Befund des Waldnieler »Läufer-Professors« Dr. Ernst van Aaken.
Van Aaken, unermüdlicher Verfechter der Gesundheitsvorsorge durch
Ausdauertraining (»Jogging«), hatte 1961 eine »Interessengemein-
schaft älterer Langstreckenläufer« gegründet. Die Mitglieder mußten
mindestens vierzig Jahre alt sein und sich verpflichten, zur Gesund-
heitspflege regelmäßig das in Waldniel entwickelte Lauftraining zu ab-
solvieren. Nach acht Jahren war die Bewegung auf mehrere tausend
Mitglieder in 29 Ländern angewachsen. Viele, die früher krank gewe-

149
sen waren und sich vergeblich mit den Mitteln der Medizin hatten be-
handeln lassen, waren durch das Lauftraining gesund und leistungsfä-
hig geworden.
Van Aaken veröffentlichte diese Befunde und kam dadurch in Kontakt
mit Warburg. Dieser regte ihn an, einmal nachzuprüfen, wie häufig die
Läufer, die jetzt durch ihr Training täglich mehr Sauerstoff aufnahmen,
an Krebs erkrankten. Van Aaken verschickte tausend Fragebögen an
Altersläufer, die seit vier bis acht Jahren das Training durchführten.
454 Personen schickten den Bogen ausgefüllt zurück. Es handelte sich
keineswegs um eine Auslese an besonders gesunden Menschen. In der
Liste der Krankheiten, die sie durchgemacht hatten, summierten sich
31 mal Herzkrankheiten, 7mal Herzinfarkt, 74mal Kreislaufstörungen,
17mal chronische Bronchitis, 81mal schweres Leberleiden und Gelb-
sucht, 49mal Nieren- und Blasenleiden, usw. Dagegen waren innerhalb
von acht Jahren nur drei Fälle von Krebs aufgetreten.
Unter diesen war ein 69jähriger pensionierter Chefarzt eines großen
Krankenhauses. Er erkrankte 1968 an einem Hirnsarkom. (Diese Dia-
gnose ist histologisch gesichert.) Völlig deprimiert trat er aus der »In-
teressengemeinschaft älterer Langstreckenläufer« aus. Nachdem er
Kobaltbestrahlungen bekommen hatte, stieg sein Blutdruck auf sehr
hohe Werte. Van Aaken riet ihm, das Lauftraining wieder aufzuneh-
men. Der Patient lief im Monat etwa hundert Kilometer. Nach zwei
Jahren war er geheilt, nahm seine Arztpraxis wieder auf und lief noch
mit 77 Jahren täglich mehrere Kilometer.
Warburg, von den Ergebnissen der Umfrage beeindruckt, schlug vor,
zum Vergleich eine gleich große Gruppe von Untrainierten im Alter
von vierzig bis neunzig Jahren zu bilden. So wurden nach dem Alpha-
bet 454 Personen ausgesucht, und bei diesen waren in einer Beobach-
tungszeit von ebenfalls acht Jahren 29 Krebsfälle aufgetreten, rund
zehnmal mehr als bei den Altersläufern.
Durch Förderung der Sauerstoffaufnahme läßt sich demnach Krebs zu
einem gewissen Grad verhüten, wahrscheinlich sogar das bösartige
Wachstum hemmen 1 2 4 . Da an der Sauerstoffaufnahme auch die stoff-
wechselaktiven Bestandteile der Nahrung beteiligt sind, schließt sich
wieder der Kreis zur Diät.
Eine sehr wichtige Rolle, die aber noch ungenügend erforscht ist, spie-

150
len bei der Krebserkrankung die Spurenelemente. Im Laboratorium
für spektralanalytische und biologische Untersuchungen Rudolf Bay-
er, Stuttgart, wurde das Blut von Krebspatienten auf seinen Gehalt an
Spurenelementen hin analysiert und mit den Werten von anderen Pa-
tienten und gesunden Versuchspersonen verglichen. Bei den meisten
Krebsarten lagen die Werte für Kalium, Magnesium, Eisen und Zink in
rund 95 Prozent der Fälle unter der Norm. Die Kalziumwerte waren
dagegen im Durchschnitt in 90 Prozent der Fälle zu hoch 1 2 5 .
Kaliummangel hatte schon Gerson bei seinen Krebspatienten festge-
stellt.
Kalium ist ein Spurenelement, das zahlreiche Enzyme und damit den
Stoffwechsel aktiviert. Trotz seiner äußerst wichtigen Funktion kann
der Organismus einen Mangel nicht durch verminderte Ausscheidung
mit dem Urin ausgleichen 126 . Besonders verheerend wirkt sich dies
beim Krebspatienten aus, dessen Kaliummangel wahrscheinlich durch
eine langfristige Schädigung oder Entgleisung des Stoffwechsels zu-
stande kommt.
Die erhöhten Kalziumwerte im Blut von Tumorpatienten deuten para-
doxerweise ebenfalls auf einen Mangelzustand hin. Das Kalzium im
Blut stammt nämlich aus den Knochen, wo es in zu großen Mengen ab-
gebaut wird. Deshalb muß Kalzium in ausreichenden Mengen zuge-
führt werden.
Der Magnesiummangel bei Krebs paßt wiederum sehr gut zu War-
burgs Theorie. Nach neueren Untersuchungen benötigen die Mito-
chondrien, in denen sich die Zellatmung abspielt, ausreichende Men-
gen an Magnesium. Ein Mangel wirkt also in Richtung eines Gärungs-
stoffwechsels, der für Krebszellen charakteristisch ist
Dies alles ist nicht nur leere Theorie. Der Italiener Marchi stellte in ei-
ner statistischen Untersuchung fest, daß in jenen Gegenden, in denen
magnesiumfreies Kochsalz verwendet wurde, die Krebshäufigkeit sehr
viel höher war als in Gegenden mit magnesiumhaltigem Salz. Die Un-
tersuchung stammt aus einer Zeit, als das Kochsalz noch nicht indu-
striell von seinen »Verunreinigungen« befreit wurde, wie dies heute
üblich ist. Das Salz, das von den einzelnen Salinen in ihrem jeweiligen
Einzugsgebiet vertrieben wurde, wies sehr unterschiedliche Magne-
siumgehalte auf. In der Provinz Ravenna, die von der Saline Cervia mit

151
völlig magnesiumfreiem Salz beliefert wurde, zählte Marchi 96 Krebs-
fälle auf 1000 verstorbene Einwohner. In den Provinzen Bari, Foggia
und Cagliari, deren Salz ein Viertelprozent Magnesiumchlorid enthielt,
verstarben nur zwischen 14 und 20 pro 1000 Einwohner an Krebs 127 .
Der Rat, bei Krebs auf Vollmeersalz umzustellen, kommt also nicht
von ungefähr. Ernährungsfachleute vermuten, daß die Bevölkerung
der westlichen Welt heute nicht mehr ausreichend mit Magnesium ver-
sorgt ist Damit könnte nicht nur die Krebssterblichkeit, sondern auch
die Häufigkeit des Herzinfarkts zusammenhängen.
Dr. Felix R. Kieffer, Leiter der Informations- und Dokumentations-
stelle für Ernährung des Pharma- und Lebensmittelkonzerns Wander
(Sandoz), meint dazu: »Die Magnesiumverarmung unserer täglichen
Nahrung steht in direkter Beziehung zur Abnahme des Konsums an
Vollkornbrot und Gemüsen, denn diese sind die wichtigsten Nah-
rungsquellen. Durch den zunehmenden Alkoholkonsum und den un-
nötig hohen Proteinkonsum wird außerdem viel Magnesium mobili-
siert und verbraucht, was die Versorgung weiter verschlechtert Leider
werden bei uns über 60 Prozent der Nahrungsenergie durch Zucker,
Alkohol, Weißmehl und Fette gedeckt Diese sind aber praktisch frei
von Magnesium. Alle Faktoren zusammen wirken sich sehr negativ auf
unsere Magnesiumversorgung aus 128 .« Dieses Zitat aus »unverdächti-
ger« Quelle könnte genausogut aus der Feder von Gerson oder Zabel
stammen.
Ein Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs wurde auch in
großangelegten epidemiologischen"' Studien festgestellt. So ist Dick-
darmkrebs am häufigsten in Neuseeland, den Vereinigten Staaten und
Kanada. Diese drei Länder stehen auch im Fleischkonsum an der Welt-
spitze. Am seltensten ist Dickdarmkrebs in Ländern wie Nigeria, Ja-
pan und Kolumbien, wo auch der Fleischkonsum sehr niedrig ist 129 .
Solche Studien sagen natürlich nicht sehr viel aus über die Ursache des
Dickdarmkrebses. In Mitteleuropa gingen zum Beispiel gleichzeitig
die Störche und die Geburtenziffern zurück, was kein Anlaß ist, wieder
an das Märchen vom Storch zu glauben.

* Epidemiologie = Lehre von der Verteilung von Krankheiten (Seuchen) in der Bevöl-
kerung.

152
Der Zusammenhang zwischen Dickdarmkrebs und Fleischkonsum
könnte auch dadurch Zustandekommen, daß Menschen, die viel
Fleisch essen, in der Regel wenig Getreideprodukte konsumieren. Ne-
ben Mangel an Spurenelementen könnte dies zur Folge haben, daß der
Darm weniger Ballaststoffe aufnimmt und träge wird. Dadurch bleiben
krebserregende Stoffe länger im Darm liegen und können vermehrt
aufgenommen werden. Oder: Hoher Fleischkonsum ist mit Wohl-
stand gekoppelt, dieser einerseits mit Alkohol, Streß usw., anderer-
seits, auf Landesebene, mit Industrialisierung und Umweltverschmut-
zung. Alle diese Faktoren begünstigen wiederum Krebs.
Eine andere Untersuchung zeigte, daß in Japan der Magenkrebs sehr
viel häufiger vorkommt als in den Vereinigten Staaten. Wandern Japa-
ner in die Vereinigten Staaten aus, nimmt die Magenkrebshäufigkeit
innerhalb von ein oder zwei Generationen ab und gleicht sich jener der
US-Bevölkerung an 1 3 0 . Dafür nimmt der Dickdarmkrebs zu. Man
vermutet, daß die geänderten Ernährungsgewohnheiten dabei die
Hauptrolle spielen.

Das Tabu

Die ablehnende Haltung der Schulmedizin in der Krebsdiätfrage ist


fast total. Zugeständnisse werden kaum gemacht In einem Diätlehr-
buch für das Krankenpflegepersonal gibt der Internist Dr. Max Bär-
schneider detaillierte Hinweise für die Ernährung bei Magen- und
Darmleiden, Leberleiden, Gallenleiden, Bauchspeicheldrüsenerkran-
kungen, Herz- und Kreislauferkrankungen, Alter, Nierenleiden, Fett-
und Magersucht, Zuckerkrankheit, Schwangerschaft, Gicht, Rheuma-
tismus, Hautkrankheiten, Allergien, Tuberkulose und fieberhafte Er-
krankungen. Jeder dieser Erkrankungen oder Ausnahmezustände ist
ein größeres oder kleineres Kapitel gewidmet, in dem Bärschneider
konkret aufzählt, welche Speisen zu empfehlen und welche zu meiden
sind.
Eine Ausnahme macht nur der Krebs. Die Uberschrift »Krebsdiät«,

1
J3
der ganze dreizehn Zeilen folgen, ist nicht nur in Anführungsstriche
gesetzt, sondern noch mit einem Fragezeichen versehen. Zitat: »Von
mancher Seite wird behauptet, daß die Art der Ernährung bei der Ent-
stehung, dem Verlauf oder sogar der Bekämpfung von Geschwülsten
eine Rolle spielt Ob und wieweit erhitzte Fette, Röstprodukte und
Geräuchertes krebserzeugend wirken, wird noch diskutiert und ver-
dient, untersucht zu werden. Eine spezielle wirksame >Krebsdiät< - das
ist entgegen allen Spekulationen festzuhalten - gibt es aber bisher
nicht.« Hinten, unter der Uberschrift »Wiederholungsfragen«, steht
unter Position 32: »Gibt es eine Krebsdiät?« (Richtige Antwort: nein.)
Mit offener wissenschaftlicher Diskussion und gesunder Skepsis hat
das nicht mehr viel zu tun. Der rigorose Ton, der auch in anderen Stel-
lungnahmen von schulmedizinischer Seite vorherrscht, deutet viel-
mehr auf eine grundsätzliche Abwehrhaltung hin. Wer das Wort
»Krebsdiät« in den Mund nimmt, wird unwiderruflich zum Scharlatan
gestempelt.
Die Tabus, mit denen die Diätfrage belegt ist, kommen besonders in
den grotesken Verrenkungen zum Ausdruck, mit denen sich Helga
Prollius durch das Thema »Ernährung« ihres Krebsratgebers windet,
zu dem Mildred Scheel das Vorwort schrieb 131 . Schon im dritten Satz
kommt die obligate Formulierung »es gibt keine Krebsdiät«. Natürlich
spiele die Ernährung eine Rolle für die »allgemeine Verfassung« des
Organismus, aber »niemals isoliert« für die Erkrankung Krebs.
Doch dann folgen detaillierte Ratschläge für eine »stoffwechselaktive
Kost«, die von dem international anerkannten Ernährungsfachmann
Dr. H. Anemueller propagiert wird. Es handelt sich im wesentlichen
um die Zabelsche Krebsdiät, wenn auch etwas mehr der Normalkost
angeglichen. Pikantes Detail: Anemueller bearbeitete die deutsche
Ausgabe des Krebsdiätbuches von Max Gerson und schrieb dazu:
» . . . ich glaube, daß die von Max Gerson vorgetragenen Gedanken und
Tatsachen sehr viele fruchtbare Anregungen für die weitere Diskussion
um eine erfolgreichere Krebstherapie liefern können.«
Helga Prollius zitiert in ihrem Ratgeber sogar kritische Äußerungen
Anemuellers: Es sei »an der Zeit«, meint der Ernährungsfachmann,
»endlich damit zu beginnen, auch die Krebskranken systematisch und
konsequent mit einer Diät zu behandeln, die aufgrund unserer heu-

154
tigen ernährungswissenschaftlichen und diätetischen Erkenntnisse
zweckmäßig erscheint Die Universitätskliniken hätten die Aufgabe,
hier voranzugehen. So wie sie sich in dieser Sache bisher verhalten ha-
ben, kann man ihnen nur vorwerfen, daß sie ein wichtiges Teilgebiet
der Krebstherapie vernachlässigt haben.«
Anemueller vertritt also eindeutig die Linie von Bircher-Benner, Ger-
son und Zabel, nur darf er dies nicht zu laut sagen. Deshalb der neutrale
Ausdruck »stoffwechselaktive« Kost in seiner Diätanleitung für
Krebspatienten. Sie kann ja schließlich hochoffiziell bei der Bayeri-
schen Krebsgesellschaft bezogen werden.
Zurück zu Helga Prollius. Wer ihr Ernährungskapitel aufmerksam
durchliest, kann nach genau fünf Sätzen einen auffallenden Bruch fest-
stellen: Die Einleitung wirkt wie ein aufgesetzter Fremdkörper und
riecht eindeutig nach Zensur.
Derselbe Bückling vor der offiziellen Lehrmeinung findet sich auch in
einem anderen Krebsratgeber mit Scheel-Vorwort, verfaßt von Natur-
heilpraktiker Alfred Bierach. Dort heißt es: »In der vom Verein d e u t -
scher Krebshilfe<, den Frau Dr. Mildred Scheel gegründet hat, heraus-
gegebenen Broschüre >Der Krebspatient und seine Nachbehandlung<
schreibt Professor Bock: >Leider gibt es keine Antikrebsdiät.. .<« usw.
Bierach gibt wenigstens die Quelle dieser Stellungnahme an und ver-
weist im folgenden auf das Buch von Zabel - wohl das äußerste, was er
sich erlauben durfte.
In den Stellungnahmen der Schulmedizin zur Diätfrage schimmert
immer mehr oder weniger deutlich die Unterstellung durch, die Be-
fürworter einer Diätbehandlung würden behaupten, Krebs allein mit
Diät heilen zu können. Das läßt sich leicht widerlegen: Eine Krebsdiät
im Sinne einer Patentheilmethode gibt es tatsächlich nicht. N u r haben
weder Bircher-Benner noch Gerson, noch Zabel, noch irgendein
ernstzunehmender Vertreter der Diätmethode dies jemals behauptet
Frau Dr. Liechti-von Brasch, frühere Chefärztin der von ihrem Onkel
Bircher-Benner gegründeten Zürcher Privatklinik, stellt eindeutig
klar: »Die Ernährung ist eine Basis. Das wurde schon so oft bewiesen,
das ist klinisch sichtbar. Vieles kann man erleichtern, man kann das
Krebswachstum stoppen, man kann sogar in einzelnen Fällen beobach-
ten, daß Tumoren zurückgehen. Aber wir können trotz eindeutiger

155
Fälle von Besserung oder Verlängerung des Lebens nicht einfach eine
Garantie geben, daß wir jetzt mit Diät Krebs heilen können. Sie ist
nicht allein lebensrettend, aber sie ist etwas, auf dem alles andere ruht.«
Die schulmedizinische Krebstherapie ruht nicht auf der Diät, sondern
auf den drei unverrückbaren Säulen Stahl, Strahl und Chemotherapie.
Diät wird nicht einmal als zusätzliche Möglichkeit erwogen: Krebspa-
tienten erhalten die normale, nach den Gesichtspunkten eines rationel-
len Küchenmanagements zubereitete Krankenhauskost. Dasselbe gilt
für die meisten sogenannten Nachsorgekliniken. »Eine meiner Patien-
tinnen kam gerade zurück von seiner solchen Kur. Da gab es nur
Fleisch und Torten, kaum Gemüse und kein Obst«, beklagte sich
Dr. Walter Schultz-Friese, ein Arzt aus der Bircher-Benner-Schule,
mit dem ich mich über Diät unterhielt »Also alles, was wir von der bio-
logischen Seite her für absolut falsch halten.«
Diätbehandlung ist keine einfache Behandlung. Sie stellt an die Bereit-
schaft des Patienten und an das Können des Arztes große Anforderun-
gen. Nach Operation, Bestrahlung und Chemotherapie kann man den
Patienten sich selber überlassen. Ein Chef- oder Assistenzarzt kann so
sehr viele Patienten behandeln und sich ein festes Einkommen sichern.
Das ist keine leere Behauptung. So lautet zum Beispiel ein Inserat in ei-
ner großen Klinik in der »Zeit«: »Als Assistenzarzt der chirurgischen
Abteilung können Sie in unserem Hause ein Bruttoeinkommen von bis
zu 1oo ooo DM jährlich erzielen! Wir bieten des weiteren: ein vielseiti-
ges Krankengut mit hoher OP-Frequenz 1 3 2 .« Diätbehandlung erfor-
dert einen intensiven persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient
Der Arzt muß vom Sinn der Diät überzeugt sein und den Patienten
motivieren können, die Regeln konsequent einzuhalten.
Das heißt, mit Diät kann man nur informierte, mündige Patienten er-
folgreich behandeln, die nicht einfach passiv irgendeine Therapie über
sich ergehen lassen, sondern aktiv an ihrem Heilungsprozeß arbeiten
wollen. Dieser Patiententyp scheint in der modernen Medizin nicht
sehr gefragt zu sein. Doch mehr und mehr beginnen die Patienten - ge-
rade die von den bisherigen Methoden enttäuschten Krebspatienten -
sich für natürliche Behandlungsformen wie Diät zu interessierea Es ist
zu hoffen, daß dadurch die starre Abwehrfront der Schulmedizin mit
der Zeit aufgeweicht wird.

156
6

Das Ghetto der Steiner-Jünger

»Die Mistel, zum Heilmittel bereitet, ist die Arznei, die das Gleichge-
wicht zwischen Wucherung und Gestaltung, zwischen Lebendem und
Tötendem herstellen kann. Sie tut das über den Wärmeorganismus, in-
dem sie durch Erhöhung der Körpertemperatur dem Ich die Möglich-
keit gibt, auf die anderen Wesensglieder ordnend und heilend zu wir-
ken.*

Dr. med. Friedrich Lorenz, Arlesheim


Die Durchgeistigten

An der anthroposophischen »Lukas-Klinik« in Arlesheim, wenige Au-


tominuten von Basel entfernt, fallen zwei Dinge auf: die eigenwillig
schräge Fensterarchitektur und ein Symbol, das eine stilisierte Mistel
darstellt. In der zur Zeit größten »alternativen« Krebsklinik Europas
zeigte man sich nicht sehr gesprächig, als ich mich nach Einzelheiten
der Therapie und nach den Forschungsarbeiten des angegliederten In-
stituts »Hiscia« erkundigte, das von einem »Verein für Krebsforschung
Arlesheim« getragen wird.
»Es muß ganz deutlich gesagt sein, daß wir kein Interesse daran haben,
daß in der Presse über uns publiziert wird«, erklärte Oberarzt Dr. Jo-
hannes Hoffmann kategorisch. »Es wird uns natürlich immer wieder
mal vorgeworfen: Ihr erscheint in verschiedenen Zeitschriften und Ga-
zetten, wie eben auch viele andere ominöse Mittel, sogenannte Krebs-
mittel. Wir haben bei unserer Arbeit ohnehin gegen verschiedene Wi-
derstände zu kämpfen, die uns abhalten von unserer eigentlichen Auf-
gabe, nämlich den Patienten zu helfen, so daß wir jedem aus dem Wege
gehen, was erneute Gefahr für Komplikationen mit sich bringt«
Auf die Frage, ob sie schon konkret schlechte Erfahrungen gemacht
hätten und nach Veröffentlichungen in der Presse angegriffen worden
seien, sagte Hoffmann: »Ja, immer wieder, immer wieder. Und auch,
daß es letztlich falsch herauskommt Denn das Gebiet ist diffizil und so
kompliziert, daß es sehr schwierig ist, das wirklich objektiv darzustel-
len.« Nachdem ich ihm zu verstehen gegeben hatte, daß der Bericht im
»Penthouse« erscheinen sollte, sagte er, im übrigen komme es nicht nur
darauf an, was geschrieben werde, sondern auch, wo es geschrieben
werde, und über diese Dinge in einem Herrenmagazin zu berichten,
finde er nun doch »ganz ohne jede Prüderie« - fehl am Platz.
Ich sagte, ich würde diese Haltung sehr wohl verstehen, wenn ich auch
nicht damit einverstanden sei. Beim Weggehen warf ich noch einmal
einen Blick auf das stilisierte Mistelsymbol an der Klinikmauer. Die
Mistel, eine auf Bäumen lebende Schmarotzerpflanze mit Heilwir-
kung, bildet seit Jahrzehnten die Grundlage der anthroposophischen
Krebstherapie mit dem Präparat »Iscador«. Es gibt andere Heilpflan-

158
zen und Präparate gegen Krebs, dachte ich, aber die Anthroposophen
verwenden nur die Mistel, ergänzt durch eine angepaßte Diät. Das
Symbol schien mir nun als ein Zeichen des Dogmatismus, des Sich-Zu-
rückziehens auf eine einzige, alleinseligmachende Therapie. Hatten
etwa die Kritiker aus dem schulmedizinischen Lager recht, die behaup-
teten, die Anthroposophen würden sich weigern, die Wirkung der Mi-
steltherapie in kontrollierten klinischen Studien zu überprüfen, weil sie
insgeheim fürchteten, das Mittel könnte unwirksam sein?
»Wir haben, abgesehen von gewissen ethischen Problemen, die dabei
immer berücksichtigt werden müssen, nichts gegen solche Studien.
Wir wären froh, wenn sie andernorts durchgeführt würden. N u r : Wir
können das hier in der Lukas-Klinik nicht machen. Die Patienten
kommen ja gerade zu uns, weil sie >Iscador< haben wollen. Wir können
jetzt nicht anfangen, sie in Gruppen einzuteilen.« Dies hatte mir
Dr. Hoffmann noch erklärt, kurz bevor er seine Informationssperre
verhängte. Tatsächlich gibt es aber eine ganze Reihe von klinischen
Studien, in denen eine Wirkung des »Iscador« und anderer Mistelprä-
parate statistisch gesichert werden konnte. Die Wirkung ist durchaus
vergleichbar mit den giftigen Zytostatika, aber ohne deren schädliche
Nebenwirkungen.
Das Ghetto, in das sich die anthroposophische Medizin zurückgezo-
gen hat - und zum Teil wohl auch zurückziehen mußte - ermöglichte
ihr ein relativ ungestörtes Wirken in der Stille. Auf der anderen Seite
aber droht dogmatische Erstarrung. Dies ist sehr bedauerlich, denn die
Mistel ist tatsächlich eine der vielversprechendsten Heilpflanzen gegen
Krebs. Längst sind in der Mistel von Vester und anderen krebshem-
mende Eiweißkomponenten nachgewiesen worden und die Ergebnisse
entsprechender Tierversuche, die von renommierten Fachinstituten
durchgeführt wurden, in den Fachzeitschriften und in mehreren Dok-
torarbeiten publiziert worden. Alles spricht also dafür, diese Pflanze
mit den verschiedensten Ansätzen weiter zu untersuchen, nach wirk-
samen Substanzen auszubeuten und diese, wie es die medizinischen
Gutachter einer 1980 abgeschlossenen Doktorarbeit angesichts der in-
teressanten therapeutischen Aspekte empfehlen, auf die klinische An-
wendung zu prüfen. Der anthroposophische Weg, gewiß verdienst-
voll, ist hier nur eine von vielen Möglichkeiten. Durch die anthroposo-

159
phischen Forschungen wurde der Mistel ein weltanschaulicher Stempel
aufgedrückt, der praktisch bis heute verhindert hat, daß diese Pflanze
in der wissenschaftlichen Welt ernstgenommen wird. Das spricht nicht
gegen die Anthroposophen, sondern vor allem gegen die bornierte und
nicht weniger weltanschaulich fixierte Art, wie die wissenschaftliche
Forschung betrieben wird.
Trotz des Schweigens, in das sich die Anthroposophen hüllten, war es
für mich nicht schwer, die Misteltherapie bis zu ihren Anfängen zu-
rückzuverfolgen. Für die Anthroposophen beginnt sie bei Rudolf Stei-
ner und hat sich in all den Jahren nicht sehr weit von ihm entfernt. Alle
der rund 6000 Vorträge, die dieser geniale Tausendsassa des Geistesle-
bens je gehalten hat, wurden von seinen Schülern getreulich mitsteno-
grafiert und später in Buchform veröffentlicht.
Steiner befaßte sich nicht nur mit Philosophie, Religion, Erziehung,
Architektur, Landwirtschaft und Naturwissenschaft, sondern auch
mit Medizin. Er selbst besaß zwar keine praktischen ärztlichen Kennt-
nisse, befaßte sich aber sehr intensiv mit den Grundlagen der Heil-
kunst. Er leitete sie aus seiner von ihm begründeten anthroposophi-
schen Weltanschauung ab. Am 2. April 1920 äußerte er sich in einem
Vortrag vor Ärzten und interessierten Laien unter anderem auch über
die Krebskrankheit. Krebs, so sagte er, sei »eine Revolution gewisser
physischer Kräfte gegen die Kräfte des Ätherleibes 133 «.
Diese rätselhafte Aussage stützt sich auf die besondere, von Rudolf
Steiner begründete Menschenkunde. Sie geht von der traditionellen
Dreiteilung in Körper, Seele und Geist aus, treibt diese aber noch wei-
ter, indem auch der Körper des Menschen in sich dreigegliedert ist. Da
ist einmal das Sinnes- und Nervensystem als Gefäß oder Vehikel der
Wahrnehmungen, der Vorstellungen und des Denkens. Es stellt auch
die Verbindung zur geistigen Welt her. Zweitens sorgt das rhythmische
System von Atmung und Blutkreislauf als Träger des Gefühlslebens für
die Verbindung zum Seelischen. Das dritte System schließlich, das Be-
wegungs- und Stoffwechselsystem, gilt als Träger der Willenskraft und
sorgt für die Verbindung zum Stofflichen. Das alles bildet in seiner Ge-
samtheit den »physischen« Leib, aber noch nicht den ganzen Men-
schen. Nach Rudolf Steiner besteht der Mensch nämlich aus drei Lei-
bern, die einander gegenseitig durchdringen: dem physischen Leib,

160
dem Äther- oder Lebensleib und dem Astral- oder Empfindungsleib.
Schließlich kommt - wie bei Freud - noch das »Ich« als Kontrollin-
stanz hinzu.
Der Ätherleib, dessen Schädigung nach Rudolf Steiner die Ursache der
Krebskrankheit ist, besteht nicht aus Materie, sondern aus wirkenden
Kräften, er ist eine »Kraftgestalt«. Er soll ähnlich geformt und ähnlich
groß sein wie der physische Leib, und auch Pflanzen und Tiere sollen
ihn besitzen. Er bewirkt, »daß die Stoffe und Kräfte des physischen
Leibes sich zu den Erscheinungen des Wachstums, der Fortpflanzung,
der inneren Bewegung der Säfte usw. gestalten 134 .« Der Ätherleib be-
sitzt nicht nur Lebenskraft, sondern auch ein Gedächtnis, eine Fähig-
keit, die Lebensereignisse zu speichern. Der »Ätherleib« Rudolf Stei-
ners umfaßt also das, was der modernen Naturwissenschaft, die ja nur
den »physischen« Leib erforscht, bis heute verschlossen blieb: die
Steuerungsvorgänge, die dafür sorgen, daß sich die Körperzellen sinn-
voll zu Organen zusammenfügen und nicht unkontrolliert wuchern
wie ein Krebsgeschwür.
Das ganze Theoriegebäude Rudolf Steiners mit seinen zahllosen inein-
ander verschachtelten und nie genau definierten Begriffen trägt zur Lö-
sung des Krebsproblems kaum viel bei. Aber Steiner war nicht nur ein
wortreicher Theoretiker, sondern auch ein Praktiker. An dem erwähn-
ten Vortrag kam Steiner unter anderem auf die Mistel zu sprechen.
»Das Wesentliche ist g e w i ß . . . die Schmarotzernatur der Mistel«,
sagte er. Er wies auf den Zusammenhang mit der schmarotzenden
Krebsgeschwulst im menschlichen Körper hin. Dadurch, daß die Mi-
stel auf einem Baum wachse, ähnlich wie der Krebs im Körper, eigne sie
sich »besondere Kräfte« an, die zur Bekämpfung der Krebsgeschwulst
eingesetzt werden könnten 1 3 5 .
Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß der Biochemiker Vester
eine ungewöhnliche Zusammensetzung der Mistel-Inhaltsstoffe
nachweisen konnte. Insbesondere fehlten bestimmte Wachstumsfak-
toren, die im genetischen Plan der Mistel nicht festgelegt waren - wahr-
scheinlich einer der Gründe dafür, daß sie nur als Schmarotzer anderer
Pflanzen existieren kann 1 3 6 .
Während diese Ergebnisse erst in den sechziger Jahren bekannt wur-
den, stützte sich Steiner bei seinem Vortrag 1920 aber nicht nur auf

161
Überlegungen dieser Art, sondern bereits auf positive Erfahrungen der
Ärztin Ita Wegmann. Frau Dr. Wegmann hatte auf Steiners Anregung
in den Jahren 1917 und 1918 damit begonnen, Krebspatienten mit Mi-
stelsaft zu behandeln, offenbar mit ermutigenden Ergebnissen. Die Mi-
stel ist seit alters eine bekannte Heilpflanze, wenn auch »nicht gegen
Krebs«, wie die Anthroposophen immer wieder betonen. Erst Rudolf
Steiner habe sie in die Krebstherapie eingeführt. Laut anderen Quellen
sollen aber bereits im Altertum Geschwulsterkrankungen mit der Mi-
stel behandelt worden sein, und auch die alten Mayas in Mittelamerika
sollen sie gekannt haben 1 3 7 .
Ob Rudolf Steiner davon gewußt hat, sei dahingestellt. Bekannt war
ihm jedenfalls das Prinzip, das der Arzt Samuel Hahnemann, Begrün-
der der Homöopathie, um das Jahr 1790 herum entdeckt hatte: »Ähn-
liches soll mit Ähnlichem geheilt werden« (Similia similibus curantur).
Hahnemann hatte beobachtet, daß das Malariamittel Chinin beim Ge-
sunden malariaähnliche Fieberanfälle hervorrufen konnte. Daraus lei-
tete er sein neues Heilverfahren ab: Er suchte nach Substanzen, die
ähnliche Symptome hervorriefen wie die Krankheit, die er bekämpfen
wollte, und setzte diese Substanzen in starker Verdünnung gegen diese
Krankheit ein. Die Mistel ruft interessanterweise bei den Bäumen, die
sie befällt, krebsartige Wucherungen hervor. Andererseits scheint sie
zum Beispiel Obstbäume vor Krankheiten zu schützen, die bei den mi-
stelfreien Nachbarbäumen auftreten.
Für einen Menschen wie Rudolf Steiner, der sich zeitlebens darum be-
mühte, alle seine Einzelkenntnisse zu einer umfassenden Gesamtschau
zu verbinden, mußten die folgenden Tatsachen geradezu ins Auge
springen: Alle anderen höheren Pflanzen wachsen mit ihrer Wurzel
nach unten und mit ihrem Sproß nach oben. Die Mistel dagegen zeigt
keine bevorzugte Wachstumsrichtung: Stengel und Blätter richten sich
nicht nach der Sonne, sondern formen einen runden Busch. Ganz ähn-
lich der Krebs: Auch er wächst ungerichtet, ohne Rücksicht auf die ihn
umgebenden Organe. Bei allen anderen höheren Pflanzen unterschei-
det sich die Blattoberseite von der Blattunterseite. Bei der Mistel dage-
gen sind beide Blattseiten gleich, ebenso wie beim Krebs meistens alle
Zellen gleich sind.

Daß die Mistel sozusagen »für sich« wächst, unbekümmert um ihre

162
Umgebung, zeigt sich auch daran, daß sie den Wechsel der Jahreszeiten
nicht mitmacht und daß ihr grüner Blattfarbstoff bis in die Senkwur-
zeln hinein zu finden ist, mit denen sie sich im Holz verankert, also bis
dorthin, wo kein Licht hinkommt. Alle anderen Pflanzen sind nur
grün, wo Licht vorhanden ist. Kurz: Die Mistel verhält sich in ihrer
Umwelt wie ein Fremdkörper mit einem ausgeprägten Eigenleben -
eben wie eine Krebsgeschwulst.
Rudolf Steiner gab nicht nur eine theoretische Begründung der Mi-
steltherapie, sondern auch genaue Anweisungen, wie der Mistelsaft
zubereitet werden müsse. Aufgrund dieser Angaben entwickelten
seine Nachfolger das Präparat »Iscador«. Das Präparat wird aus Mi-
steln verschiedener Wirtsbäume hergestellt: von der Eiche, vom Ap-
felbaum, von der Ulme, der Tanne und der Kiefer. Dementsprechend
gibt es verschiedene Sorten des Präparats, nämlich »Iscador Quercus«,
»Iscador Mali«, »Iscador Ulmi«, »Iscador Abietis« und »Iscador Pini«.
Hinzu kommen noch die Metalle Silber, Quecksilber und Kupfer. Die
Metalle werden in homöopathischen Dosen »potenziert« zugefügt
oder in einer durch Pflanzen aufgeschlossenen, »vegetabilisierten«
Form.
Dr. Friedrich Lorenz, Lukas-Klinik in Arlesheim, beschreibt die An-
wendung des Präparats so: »Mit der Wahl der Iscadorsorte richtet man
sich nach der Art der Erkrankung und der Lokalisation des Tumors.
Die Stärken sind die verschiedenen Konzentrationen. Sie entsprechen
den Dezimalpotenzen, wobei eine Stärke 2 = 1 0 Milligramm = 1 o - 2
Gramm Mistelsubstanz pro Milliliter enthält, eine Stärke 3 = 1 Milli-
gramm = 1 o - 3 Gramm pro Milliliter usw. Es wird aber auch 2prozen-
tiges, 3prozentiges und 5prozentiges Iscador gegeben. Die Dosierung
richtet sich nach der Ausdehnung des Krankheitsprozesses. Das Präpa-
rat wird in Serien von 14 Ampullen gespritzt, die durch rhythmischen
Wechsel der Stärken in zwei Siebenerserien gegliedert sind.«
In der Lehre Rudolf Steiners spielt die Zahl 7 (neben der 3, siehe Drei-
gliederung) eine große Rolle. »Iscador« wird unter die Haut gespritzt.
Dies ist relativ leicht zu erlernen, so daß die Patienten es sich selber
spritzen oder sich die Injektionen von Angehörigen geben lassen kön-
nen. Arztbesuch ist nur gelegentlich zur Kontrolle nötig.
»Iscador« wird im Institut »Hiscia«, nur wenige Schritte von der Lu-

163
kas-Klinik entfernt, hergestellt und laufend analysiert Die Produktion
ruht die meiste Zeit über. N u r zweimal im Jahr, im Frühjahr und im
Herbst, werden Misteln geerntet Sie stammen zur Hauptsache aus
Frankreich. Zunächst wird der Mistelsaft ausgepreßt Der Preßsaft
muß dann, so wollte es Rudolf Steiner, zum Teil mittels genau vorge-
schriebener Bewegungen weiterverarbeitet werden, unter Zugabe von
bestimmten Lösungsmitteln. Je nach Stärke des Präparates wird dieser
Potenzierungsprozeß mehrere Male wiederholt. Dabei wird auch der
Stand der Gestirne miteinbezogen.
Im Laufe der Jahre wurden sich Steiners Jünger uneins, wie es nun der
Meister genau gemeint habe. So wurden abweichende Herstellungsver-
fahren entwickelt, und heute befindet sich eine ganze Anzahl verschie-
dener Mistelpräparate auf dem Markt: »Plenosol«, »Iscucin«, »Ab-
noba-Viscum« und »Helixor«. In der Sowjetunion wurden die Präpa-
rate »Rabjuven« und »Nekromelin« entwickelt.
Im Carl-Gustav-Carus-Institut in Oschelbronn, wo das »Abnoba-
Viscum« hergestellt wird, bedient man sich seit 1967 einer besonderen
Strömungstechnologie. Dem Herstellungsverfahren liegen Beobach-
tungen zugrunde, die in sogenannten Strömungsbildern an der Grenze
von flüssigen und gasförmigen Substanzzuständen gemacht wurden.
Diese Strömungsbilder symbolisieren die Entwicklung und die Eigen-
schaften der Organismen: »Das Zusammenschließen der Fruchtblätter
zu einem geschlossenen Gehäuse . . . entspricht dem Abgliedern von
Tropfen aus kontinuierlich strömenden Flüssigkeits-Gasgestalten der
Erdatmosphäre.«
In der Strömungsmaschine werden solche Strömungsformen technisch
reproduziert, um die Wirkungskräfte, die sie nach Ansicht der An-
throposophen haben, in das Medikament einzubringen. Um das Präpa-
rat gegen den Luftsauerstoff zu schützen, wird dabei Edelgas verwen-
det. In der Strömungsmaschine werden jeweils die Mistelsäfte aus der
Frühjahrs- und der Herbsternte miteinander gemischt. Weil Wärme
die empfindlichen Eiweißsubstanzen zerstören würden, findet das
ganze Herstellungsverfahren in der Kälte statt. Das fertige Präparat
wird durch Mikrofiltration sterilisiert und in Ampullen abgefüllt 138 .

164
Klinische Erfahrungen

Mistelpräparate sind ungiftig, rufen jedoch nach der Injektion eine


leichte Fieberreaktion hervor. Dies ist nicht verwunderlich, denn die
Mistelproteine sind sehr stark »immunogen«, was bei der Ciba AG in
Basel getestet und durch Vester beschrieben wurde 1 3 9 . Die Fieberreak-
tion ist aber keine unerwünschte Nebenwirkung, sondern wahrschein-
lich ein Zeichen der Wirksamkeit. Sie deutet darauf hin, daß das Ab-
wehrsystem tätig geworden ist, und zudem sind Krebszellen tempera-
turempfindlich. Die wenigen genau dokumentierten Spontanheilun-
gen bei Krebs waren praktisch immer von Fieber begleitet. In zahlrei-
chen Fällen beobachteten die Ärzte der Lukas-Klinik, wie sich das Be-
finden ihrer Patienten durch die Mistelbehandlung merklich besserte,
auch wenn das Wachstum des Tumors nicht gestoppt, sondern nur ver-
langsamt werden konnte.
Einer dieser Fälle ist der Patient H. K. Im Oktober 1960 wurde bei dem
56jährigen Mann durch Biopsie ein Leberkarzinom festgestellt. Vier
Monate später, beim Beginn der Behandlung mit »Iscador«, war die
Leber derb höckerig, um 17 Zentimeter verbreitert, und der Patient
fühlte sich schlecht. Nach zweimonatiger »Iscador«-Behandlung hatte
sich sein Zustand stark gebessert, und die Schmerzen waren ver-
schwunden. In den folgenden drei Jahren wurde die Behandlung fort-
gesetzt. Der Patient befand sich weiterhin in einem guten Allgemein-
zustand und litt unter keinen wesentlichen Beschwerden. Der Leber-
rand ging in dieser Zeit um 4 Zentimeter zurück. Im August traten
erstmals Schmerzen im Oberbauch auf. Erneut wurde eine vergrößerte
Leber festgestellt Nach einer Verstärkung der »Iscador«-Dosis be-
gann sich der Patient wieder besser zu fühlen. Im Februar 1966 wurde
eine Laparoskopie (Besichtigung der Bauchhöhle) vorgenommen. Da-
bei zeigte sich, daß die Leber vom Tumor durchsetzt war. Gleichzeitig
wurden Knochen- und Lungenmetastasen festgestellt Im Mai hatte
der Patient etwas abgenommen, fühlte sich zwar geschwächt, aber
trotzdem relativ wohl und litt nur wenig Schmerzen. Erst ein Jahr spä-
ter, im April 1967, begann sich sein Allgemeinzustand zu verschlim-
mern: H. K. litt an Blutarmut und magerte stark ab. Noch immer litt er

165
aber kaum Schmerzen und konnte noch gut ausgehen. Im Oktober
1967 hieß es in der Krankengeschichte: »Patient verstirbt ruhig zu
Hause.« Er hatte 7 Jahre überlebt 140 .
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten genügte es, solche Fälle zu sam-
meln, um die Wirksamkeit eines Medikaments zu beweisen. Doch
diese Zeiten sind vorbei: Heute zählen nur noch die sogenannten Dop-
pelblindversuche. Wenn es einem Patienten schlecht geht und er sich
nach der Einnahme eines Medikamentes besser fühlt, ist das noch kein
Beweis, daß das Medikament geholfen hat. Die Besserung wäre viel-
leicht auch ohne Medikament eingetreten. Um diese Möglichkeit aus-
zuschließen, bildet man in einer klinischen Untersuchung sogenannte
Kontrollgruppen, die nur mit einem Scheinmedikament, einem »Pla-
zebo«, behandelt werden. Zeigt dann die statistische Auswertung, daß
es den behandelten Patienten besser geht als jenen der Kontrollgruppe,
ist die Wirksamkeit des Medikaments »statistisch gesichert«. Um zu
vermeiden, daß der Arzt durch seine Einstellung das Befinden des Pa-
tienten beeinflußt, weiß er genausowenig wie der Patient, um welches
Medikament es sich handelt - deshalb »Doppelblindversuch«.
Es ist nicht einzusehen, wieso es wissenschaftlich »seriöser« sein soll,
den Zustand eines behandelten Patienten nicht mit seinem früheren Be-
finden zu vergleichen, sondern mit dem Befinden von ähnlichen, un-
behandelten Patienten. Statistik kann man in beiden Fällen treiben. Es
gibt zum Beispiel »matched pair«-Verfahren, bei denen die Daten je
paarweise miteinander verglichen werden und die Ergebnisse dieses
Vergleichs zusammenfassend ausgewertet werden können. Oder man
kann, wie es in der Medizin jetzt üblich ist, zuerst Gruppen bilden und
dann vergleichen. Keine dieser beiden Methoden ist von vorneherein
»genauer« als die andere: Für beide gibt es statistische Tabellen, auf de-
nen man ablesen kann, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein festgestell-
ter Effekt lediglich durch den Zufall bedingt ist. Deshalb ist anzuneh-
men, daß Statistikmethoden in der Medizin eine reine Modesache sind.
In einigen Jahrzehnten sind vielleicht auch die Doppelblindstudien
überholt, deren Image heute schon ziemlich angekratzt ist.
Die Statistik der Lukas-Klinik beschränkt sich nicht auf eine Samm-
lung von Einzelfällen. Seit einigen Jahren werden auch Studien mit un-
behandelten Kontrollgruppen veröffentlicht. Es handelt sich dabei um

166
Patienten im Endstadium, die nur noch wenige Monate zu leben haben.
Bei ihnen verzichtet man aus ethischen Gründen auf eine zufällige Aus-
losung, man trifft die Entscheidung von Fall zu Fall. Entscheidend ist
der Wille des Patienten und nicht die Experimentierlaune des Arztes:
Eine Haltung, die sich die sogenannten wissenschaftlich arbeitenden
Mediziner als Vorbild nehmen könnten!
Von 66 Patienten mit inoperablem Dickdarmkrebs, die mit »Iscador«
behandelt wurden, lebten nach einem Jahr noch 32, also fast die Hälfte.
Von 25 unbehandelten Patienten überlebten nur 3, also 12 Prozent, ein
Jahr.
Die weitaus meisten Patientinnen, die in der Lukas-Klinik behandelt
werden, leiden an Brustkrebs. Nach der Operation werden sie in der
Regel mit »Iscador« nachbehandelt. Verschiedene Patientinnen ver-
zichten jedoch auf diese Nachbehandlung, weil sie ihre Notwendigkeit
nicht einsehen, weil sie eine Abneigung gegen Injektionen haben oder
weil ihnen der Hausarzt oder der Operateur von einer solchen Behand-
lung abrät. Andere brechen die Behandlung nach kurzer Zeit wieder
ab. Ein Vergleich zeigte, daß die nachbehandelten Patientinnen signifi-
kant länger überlebten als die unbehandelten (84 gegenüber 63 Prozent
Fünf-Jahres-Heilungen).
Eine ähnliche Wirkung konnte auch bei Gebärmutterkrebs, Blasen-
krebs und bösartigen Melanomen festgestellt werden 1 4 1 .
Diese Befunde werden ergänzt durch Untersuchungen, die 1978 im
Auftrag des Instituts »Hiscia« am Eidgenössischen Institut für Reak-
torforschung in Würenlingen durchgeführt wurden. Sie zeigen, daß
Eiweißsubstanzen aus der Mistel sich im Tumorgewebe anreichern.
Andere, vergleichbare Eiweißsubstanzen zeigen diesen Effekt nicht 1 4 2 .
In den letzen Jahren begannen sich immer mehr Ärzte — die wenigsten
von ihnen sind Anthroposophen - für die Misteltherapie zu interessie-
ren. Nach Angabe von Dr. Hoffmann verdoppelte sich der Ampullen-
verbrauch innerhalb von neun Jahren auf 1,7 Millionen pro Jahr 1 4 3 .
Offiziell jedoch gelten die Mistelpräparate als unwirksam. Im Jahre
1965 hatte die Amerikanische Krebsgesellschaft erklärt, das Präparat
»Iscador« sei unwirksam gegen Krebs.
Am 7. Mai 1979 veröffentlichte die Ärztezeitschrift »Selecta« eine Aus-
wahl von Pro- und Kontrastimmen zur Misteltherapie. Bezeichnend ist

167
die Art und Weise, wie sich zwei deutsche Koryphäen der Krebs-
Chemotherapie äußerten. Professor Hans Osswald vom Institut für
experimentelle Toxikologie und Chemotherapie am Deutschen Krebs-
forschungszentrum Heidelberg zitierte eine einzige negative Unter-
suchung: »Der kritische Leser kann sich leicht informieren, welche Un-
tersuchungen für >Iscador< vorliegen. Nach Dietrich S c h m ä h l . . . wirkt
>Iscador< nicht einmal gegen leicht beeinflußbare Impftumoren.«
Bei der zitierten Arbeit handelt es sich um einen Tierversuch. Das Isca-
dor wurde mit der für Zytostatika üblichen Standard-Dosisreihe
durchgetestet. Bei den geringsten Dosen zeigte sich ein kleiner Effekt,
aber er war nicht signifikant. Bei höheren Dosen traten zunehmend
Vergiftungserscheinungen auf. Die Studie ist nicht aussagekräftig, weil
sich der Wirksamkeitsbereich des Iscador bei so kleinen Dosen zeigt,
die gar nicht getestet wurden. Überdies unterstellt Osswald, daß ein
einziger Tierversuch am Krebsforschungszentrum Heidelberg mehr
aussage als ein Dutzend Untersuchungen an Patienten. Deshalb paßten
auch die unter kontrollierten Bedingungen erzielten positiven Ergeb-
nisse der Arbeitsgruppe Vester mit den isolierten Mistelproteinen dem
Establishment nicht ins Konzept. Die Tatsache, daß die Wirkung - wie
bei vielen Proteinen - nach Denaturierung, das heißt, bei ungeschütz-
ter Lagerung, Erwärmung und anderen Einflüssen, nachließ, wurde
dann prompt als Beweis für die Uneinheitlichkeit, fehlende Reprodu-
zierbarkeit und damit »Wirkungslosigkeit« der Substanzen ins Feld ge-
führt.
Obgleich die Ergebnisse mit Zellkulturen und Tierversuchen im Rah-
men gängiger wissenschaftlicher Methoden und an etablierten Institu-
ten durchgeführt wurden, zum Teil durch die Pharma-Industrie und
die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert, und obgleich auf die
Herstellung der wirksamen Proteine internationale Patente erteilt wa-
ren, die durch die Fraunhofer Gesellschaft betreut wurden, verwehrte
man dieser Richtung bis heute die nötige finanzielle Förderung. N u r
sie könnte klären, inwieweit diese - noch 1980 durch eine weitere Dok-
torarbeit bestätigten - Ergebnisse für den klinischen Einsatz interes-
sant wären. Offensichtlich fürchtete die etablierte Krebsforschung,
daß das Ergebnis letztlich positiv sein könnte.
Da es sich bei den Wirkstoffen der Mistel um hochmolekulare Proteine
168
handelt, fiel es zum Beispiel dem Essener Professor Carl Gottfried
Schmidt relativ leicht zu kritisieren, daß die wirksamen chemischen
Komponenten der Mistel »nicht ausreichend charakterisiert« seien.
Dem Laien fällt es um so schwerer zu erkennen, daß diese Aussage
auch für alle anderen proteinartigen Substanzen gilt, wie sie von der or-
thodoxen Medizin durchaus ohne Skrupel verwendet werden. Schmidt
verwies auf die vierzehn Jahre alte amerikanische Verlautbarung, daß
»Iscador« unwirksam sei, und meinte dazu: »In der Zwischenzeit ha-
ben sich keine neuen Aspekte ergeben, aufgrund derer man dieses
Statement revidieren müßte.« Da man heute für verschiedene Tumor-
arten »eine Reihe wirksamer Zytostatika« zur Verfügung habe, be-
deute es für den Patienten »eine unzulässige Gefährdung, wenn man
ihm Viscum-album-(Mistel-)Extrakte verabreichte, ohne daß deren
krebshemmender Effekt bewiesen« sei, und man ihm dadurch eine ef-
fektive Behandlung vorenthielte. Ein recht scheinheiliges Argument
angesichts der Tatsache, daß sich die »Erfolge« der Chemotherapie auf
einige wenige Tumorarten beschränken.
Das Standardargument gegen die meisten klinischen Untersuchungen
mit »Iscador« lautet, es handle sich dabei lediglich um »retrospektive«
Studien. Das heißt, die Resultate würden erst erhoben und ausgewer-
tet, nachdem die Patienten schon behandelt seien und das Resultat die-
ser Behandlung vorliege. Als aussagekräftig werden nur »prospektive«
Studien anerkannt, bei denen der Versuch geplant wird, bevor die Be-
handlung beginnt. Die Methode besteht darin, daß aufgrund einer Hy-
pothese (das Medikament ist wirksam) eine Erwartung formuliert und
später mit den tatsächlichen Ergebnissen verglichen wird. Aus dem
Maß der Ubereinstimmung zwischen Vorhersage und Ergebnis läßt
sich dann berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit das Medikament
wirksam ist Mittlerweile sind prospektive »Iscador«-Studien veröf-
fentlicht worden. Sie konnten bis jetzt allerdings nur in Außenseiter-
Zeitschriften erscheinen, da sie von den renommierten Fachblättern
zurückgewiesen wurden.

169
Blockieru ngsmanöver

Autor der erwähnten Studien ist der Wiener Chirurg Professor Georg
Salzer. Salzer war in den fünfziger Jahren auf das Mistelpräparat auf-
merksam geworden. Als er 1957 die Leitung der 1. Chirurgischen Ab-
teilung des Krankenhauses Wien-Lainz übernahm, führte er gleich eine
wesentliche Neuerung ein. Er verzichtete bei der Operation von
Brustkrebsen auf die übliche Radikaloperation mit Entfernung des
Brustmuskels und Ausräumung der Achselhöhle. Aus der Fachlitera-
tur ging nämlich bereits zu jener Zeit hervor, daß eine radikale Opera-
tion das Leben nicht verlängert, verglichen mit einem schonenderen
Vorgehen. Dennoch ist die Radikalvariante noch heute gang und gäbe.
Salzer beschloß, eine schonendere Variante zu wählen und sie durch
eine Nachbehandlung mit »Iscador« zu ergänzen. Das Ergebnis veröf-
fentlichte er 1962 in der Fachzeitschrift »Krebsarzt«: Von seinen Pa-
tientinnen lebten vier Jahre nach der Operation noch 78 Prozent, wäh-
rend die Uberlebensquote der radikaloperierten und nachbestrahlten
Patientinnen im Stockholmer Radiumhemmet-Institut und in der be-
rühmten Mayo-Klinik in den Vereinigten Staaten nur 58 Prozent be-
trug. Vor allem bei den schweren Fällen stellte Salzer deutlich verlän-
gerte Uberlebenszeiten fest: Starb früher ein Viertel dieser Patientin-
nen innerhalb von zwei Jahren nach der Operation, so waren es jetzt
nur noch zehn Prozent 1 4 4 . Diese Resultate lassen zwei Deutungsmög-
lichkeiten zu: Entweder war Salzer ein besonders geschickter Opera-
teur, oder das Mistelpräparat war wirksam, oder beides traf zu. Jeden-
falls beschloß Salzer, auch andere Patienten mit dem Präparat nachzu-
behandeln.
Ende Oktober 1975 zog Salzer am Krebskongreß in Baden-Baden die
Bilanz von achtzehn Jahren Mistelbehandlung an über 2500 Patienten
mit den verschiedensten Tumorerkrankungen 1 4 S . Dabei konnte er die
günstigen Ergebnisse seiner Brustkrebsbehandlung bestätigen und bei
anderen Krebsarten außerordentlich gute Erfolge vorweisen, vergli-
chen mit den damals bekannten Standardmethoden. Auch hier wie-
derum vor allem bei den schweren Fällen. So lebten von 36 Patienten
mit fortgeschrittenem Magenkrebs, mit Mistel nachbehandelt, fünf

170
Jahre nach der Operation noch elf (das sind 30 Prozent). Von 50 Pa-
tienten ohne Nachbehandlung lebten nach dieser Zeit noch fünf (10
Prozent). Ähnliche Ergebnisse beim fortgeschrittenen Dickdarm-
krebs: mit »Iscador« von 14 Patienten fünf Uberlebende, von sieben
Patienten ohne dieses Präparat waren alle t o t Die Patienten lebten
auch mit weniger Beschwerden.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Frage der Nebenwirkun-
gen. In der gesamten Medizin gilt es grundsätzlich als ein Fortschritt,
wenn ein neuentwickeltes Medikament weniger schadet als das bisher
verwendete, sofern es mindestens ebenso gut wirkt. Dutzendweise er-
scheinen in den Fachzeitschriften für Krebs-Chemotherapie Arbeiten,
die sich mit nichts anderem beschäftigen als mit der Frage, wie durch
geeignete Kombinationen von Zytostatika deren toxische Nebenwir-
kungen auf ein Mindestmaß beschränkt werden können. Gelingt dies,
ist es bereits ein Erfolg. Wird durch die neue Medikament-Kombina-
tion der Krebs sogar noch wirksamer bekämpft, um so besser.
Für das Mistelpräparat scheinen solche Überlegungen nicht zu geltea
Dieselben Schulmediziner, die in großangelegten klinischen Studien
nach einer Chemotherapie fahnden, bei der die Patienten weniger stark
an Übelkeit, Erbrechen und Haarausfall leiden müssen und bei der das
Immunsystem - wichtig für die Selbstabwehr gegen Krebszellen - et-
was weniger geschädigt wird, diese Schulmediziner halten es offenbar
für belanglos, daß solche Nebenwirkungen bei Mistelpräparaten nicht
auftreten. Belanglos soll auch sein, daß Mistelpatienten wieder Appetit
haben, besser schlafen können, gesünder aussehen und sich auch so
fühlen, und daß ihre Leistungsfähigkeit zu- und ihr Schmerzmittel-
konsum abnimmt Ebenso hat die längst nachgewiesene und nie be-
strittene positive Wirkung der Mistel auf das Immunsystem keinerlei
praktische Bedeutung (»offiziell« gibt es ja keine wirksame Immunthe-
rapie). Da die Wirksamkeit von Mistelpräparaten »nicht erwiesen« ist,
braucht man sich um diese Fragen nicht weiter zu kümmern.
Eine Medizin, die sich am Wohl der Patienten orientiert, müßte an-
dersherum fragen: Ist die Chemotherapie so viel wirksamer als die un-
giftigen Präparate, daß es sich lohnt, die schädlichen Nebenwirkungen
in Kauf zu nehmen? Den Spieß auf diese Weise umdrehen zu wollen, ist
offenbar aussichtslos, denn hinter der Chemotherapie stehen die volle

171
Macht und das Prestige des medizinischen Establishments. Die Be-
weislast liegt ganz auf seiten der unschädlichen Behandlungsmetho-
den. Ob die Beweise anerkannt werden, entscheidet als Richter in eige-
ner Sache das Establishment.
Dies bekam auch Professor Salzer zu spüren. Er und einige seiner Wie-
ner Kollegen sind praktisch die einzigen Schulmediziner in ganz Euro-
pa, die es für nötig hielten, die Erfolge der Mistelbehandlung in kon-
trollierten klinischen Studien zu überprüfen.
Nach seiner Pensionierung am Lainzer Krankenhaus im Jahre 1968 be-
gann Salzer, ermutigt durch seine langjährigen positiven Erfahrungen
mit »Iscador«, auch operierte Lungenkrebspatienten versuchsweise
mit dem Mistelpräparat nachbehandeln zu lassen. Lungenkrebs in ei-
nem fortgeschrittenen Stadium ist bis heute praktisch ein Todesurteil.
Er wird in der Regel so spät entdeckt, daß nur zehn Prozent der Fälle
überhaupt operiert werden können. Und von diesen wenigen lebt fünf
Jahre nach der Operation nur noch jeder fünfte.
Salzer war jetzt auf der chirurgischen Station der Lungenheilstätte
»Baumgartenhöhe« als Operateur tätig. Wer in den Jahren 1969 bis
1971 von auswärts dorthin überwiesen wurde, hatté doppeltes Glück:
Er gehörte nicht nur zu den wenigen Auserwählten mit einem opera-
blen Tumor, sondern war, durchaus unüblich, mit einer Wahrschein-
lichkeit von 90 Prozent nach einem Jahr noch am Leben. Von seinen
Leidensgenossen, die aus der internen Abteilung des Spitals zur Opera-
tion kamen, hatte dagegen nur die Hälfte noch ein Jahr zu leben. Einzi-
ger wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Patientengruppen:
Die Externen bekamen nach der Operation »Iscador«, die Internen
nicht
Erst 1978, sieben Jahre nach Abschluß der Untersuchung, war »nach
vielem Hin und Her« die Fachzeitschrift »Onkologie« endlich bereit,
die Ergebnisse zu veröffentlichen 146 . Diese Zeitschrift gehört nicht zu
den renommiertesten ihres Fachgebiets, ist aber unter Schulmedizinern
als seriös anerkannt. Sie besteht erst seit wenigen Jahren. Vorher er-
schien sie unter dem Namen »österreichische Zeitschrift für Onkolo-
gie« und pflegte eine traditionell offene Veröffentlichungspolitik.
Vorgewarnt durch die Schwierigkeiten, seine Arbeit bei der »Onkolo-
gie« unterzubringen, hatte sich Salzer zu einem ungewöhnlichen

172
Schritt entschlossen. Zwar ist es unter Medizinern durchaus üblich,
seine Arbeit von einem Statistiker absichern zu lassen, doch ihre Na-
men erscheinen in der Regel unter der Rubrik »Dank«. Für die Arbeit,
die Salzer veröffentlichte, zeichnete als Mitautorin die Statistikerin
Dr. Liselotte Havelec vom Institut für Medizinische Statistik und Do-
kumentation der Universität Wien verantwortlich. Salzer und Havelec
kamen nach gründlicher Auswertung der Daten zu folgendem Ergeb-
nis: »Mindestens sechs Jahre nach der Lungenresektion betrug die
Uberlebensrate in der >Iscador<-Gruppe 38 Prozent, was außerordent-
lich hoch ist, in der Kontrollgruppe hingegen ein Wert, der durchaus
im Bereich des internationalen Durchschnitts liegt Die Unterschiede
zwischen den beiden Gruppen hinsichtlich der Uberlebenszeit sind mit
einer Irrtumswahrscheinlichkeit von weniger als einem Prozent stati-
stisch hoch gesichert.«
Besonders eindrucksvoll war das Ergebnis in den Fällen, in denen be-
reits die Lymphdrüsen vom Tumor befallen waren. Von 15 solchen Pa-
tienten mit »Iscador« lebten nach einem Jahr noch zwölf, von 18 Pa-
tienten ohne das Mistelpräparat noch drei. Jeder unvoreingenommene
Betrachter muß aus diesen Resultaten schließen, daß es sich nicht um
ein Wundermittel handelt, daß es aber in der Behandlung operierter
Lungenkrebspatienten wirksam ist.
Nicht so die Koryphäen der Krebsmedizin und ihr eifriges Gefolge.
Mit einer ungewohnten Flut von zum Teil entrüsteten Leserbriefen
bombardierten sie die Schriftleitung der »Onkologie«. So schrieb der
Lungenspezialist Professor M. Reinert aus Saarbrücken: »Meines Er-
achtens zeigen die Zahlen der Autoren eindeutig, daß >Iscador< keiner-
lei Wirkung bei der Behandlung des Bronchialkarzinoms hat.« Die Er-
fahrung zeige nämlich, daß die schweren Fälle mit oder ohne Behand-
lung sowieso bald sterben, also dürfe man die frühverstorbenen Fälle
bei der Auswertung nicht berücksichtigen. Wenn man aber die noch
verbliebenen Fälle analysiere, zeige sich kein Effekt mehr.
»Wie ist es möglich«, kritisierte ein Mitglied des zehnköpfigen Her-
ausgeberkollegiums der Zeitschrift, der Münchner Professor W. Wil-
manns, »daß e r n e u t . . . eine derartig unseriöse und unwissenschaftliche
Arbeit publiziert wird?« (Bereits einige Monate zuvor war in der Zeit-
schrift eine Mistelstudie veröffentlicht worden und auf dieselbe Ab-

173
lehnung gestoßen.) Es könne doch nicht der Sinn dieser Zeitschrift
sein, den Ärzten »wissenschaftlich nicht haltbare Ergebnisse einer
fragwürdigen Therapie zur Diskussion zu stellen«.
Zwei weitere Mitglieder des Herausgeberkollegiums beziehungsweise
des wissenschaftlichen Beirats, dem auch Mildred Scheel angehört,
reichten aus Protest ihren Rücktritt ein: die Professoren J. P. Obrecht
aus Basel und Hansjörg Senn aus St Gallen, zwei der bedeutendsten
Krebsspezialisten der Schweiz. Als ich »Onkologie«-Geschäftsführer
Kunz daraufhin ansprach, wiegelte dieser ab: »Das ist noch nicht defi-
nitiv. Wir hoffen, die beiden Herren halten zu können.« Es sei ein Feh-
ler gewesen, eine solche Arbeit zu publizieren, und in Zukunft würden
die Auswahlkriterien verschärft und Beiträge mit solchen »statisti-
schen Mängeln« nicht mehr akzeptiert. Einige Nummern später war
der Name Obrecht aus dem Impressum verschwunden. Senn hatte sich
dagegen offenbar dazu überreden lassen, seinen Rücktritt rückgängig
zu machen.
Die Statistikerin Havelec, die ich um eine Stellungnahme zu dem Vor-
wurf einer mangelhaften Auswertung bat, erklärte kategorisch: »Ich
muß das zurückweisen. Wir haben in unserer Arbeit ein statistisches
Verfahren angewendet, das speziell zur Untersuchung von Uberle-
benszeiten Krebskranker erarbeitet wurde.«
Interessant ist, daß die Kritiker sehr schnell ausweichen, wenn man sie
fragt, was nun konkret an der statistischen Auswertung zu bemängeln
sei. Daß Statistik-Spezialisten an der Statistik nichts auszusetzen ha-
ben, finden sie »bedeutungslos«. Die Studie ist in ihren Augen wertlos,
weil sie nicht »randomisiert« ist. Das Randomisierungsverfahren ist
der neueste Modegag, der vor etwa zehn Jahren eingeführt wurde. Es
besteht im wesentlichen darin, daß mit Hilfe einer Liste von Zufalls-
zahlen aus dem Computer in Briefumschläge, die die Namen der Pa-
tienten tragen, Zettel verteilt werden. Auf den Zetteln steht, welche
Behandlung die Patienten erhalten sollen.
Ob in der erwähnten Wiener Untersuchung ein Patient via Interne Ab-
teilung eines anderen Krankenhauses auf den Operationstisch kam und
somit der »Iscador«-Gruppe zugeteilt wurde, oder ob er zuerst in die
eigene Interne Abteilung eingewiesen und so vom Schicksal für die un-
behandelte Kontrollgruppe bestimmt wurde, war »völlig dem Zufall

174
überlassen«, sagte Salzer. »Was wollen Sie Briefumschläge ziehen? Das
ist genau dasselbe!« Salzer war mit seiner Studie von der Entwicklung
überrollt worden. Da er nicht über große Patientenzahlen verfügte,
mußte er seine Beobachtungszeit entsprechend verlängern, um zu
schlüssigen Aussagen zu kommen. In dieser Zeit änderte sich die Stati-
stik-Mode.
Wenn die Patienten um die positiven Erfahrungen gewußt hätten, die
Salzer mit der Mistelbehandlung gemacht hatte, hätten sich wahr-
scheinlich die meisten von ihnen für die Behandlung entschieden. Auch
Salzer selbst mußte annehmen, daß seine unbehandelten Patienten eine
geringere Uberlebenschance hatten. Vom ethischen Standpunkt aus
gesehen ist deshalb seine Studie recht fragwürdig. Salzer hatte aber
keine andere Wahl, wenn er die geringste Chance haben wollte, daß
seine Befunde von der Fachwelt anerkannt würden.
Seit einigen Jahren führt Salzer selbstverständlich auch randomisierte
Studien durch. In einer Magenkrebsstudie zeigte sich nach einer Zwi-
schenauswertung nach drei Jahren, daß die Mistelbehandlung deutlich
verbesserte Uberlebenszeiten brachte als keine Behandlung und daß sie
auch der Behandlung mit »j-Fluoro-Uracil«, einem Zytostatikum,
leicht überlegen war 1 4 7 . Wegen der kleinen Patientenzahlen konnte
dieser Unterschied allerdings statistisch noch nicht gesichert werden.
Der ganze Wirbel um die angeblichen statistischen Mängel - die erst
seit zehn Jahren als solche gelten - mutet um so seltsamer an, als die Er-
folge der klassischen Behandlungsmethode, der Operation, nie in kon-
trollierten klinischen Studien nachgewiesen wurden. Was man operie-
ren kann, wird operiert, und jeder Arzt würde wohl die Zumutung,
einige Patienten versuchsweise nicht zu operieren, entrüstet zurück-
weisen. In der ganzen Kontroverse um die Wirksamkeit der Mistel-
präparate geht es offenbar um ganz andere Dinge als um die Frage,
mit welchem Medikament man den Krebspatienten am wirksamsten
helfen kann. Nicht die Tatsache, daß solche Studien kritisiert werden,
ist bezeichnend, sondern die Art, wie es getan wird.
Es ist nämlich auffallend, daß die Angriffe um so heftiger sind, je ge-
nauer eine Untersuchung eines »Außenseiterpräparats« statistisch un-
termauert ist. So wurde der Iscador-Studie von Salzer beispielsweise
nicht vorgeworfen, aus diesen und jenen Gründen müsse man vielleicht

175
zweifeln, ob die Resultate wirklich so gut seien. Vielmehr hieß es, die
Studie sei »überhaupt nicht« aussagekräftig, ja sogar, sie zeige »eindeu-
tig«, daß das Mittel »nicht wirksam« sei. Demgegenüber stellte die Stu-
die fest, daß die »Irrtumswahrscheinlichkeit«, also die Wahrschein-
lichkeit, daß das Ergebnis nicht auf der Wirkung des Medikaments,
sondern auf zufälligen Einflüssen beruht, lediglich 1 Prozent betrug.
Mit anderen Worten: Man müßte hundert solche Studien machen, bis
man eine finden würde, bei der die Argumente der Kritiker berechtigt
wären.
Das alles sieht genauso aus, als wäre die ganze Statistik nur ein beque-
mer Vorwand, um mißliebige Ergebnisse nicht zur Kenntnis nehmen
zu müssen. Seit dem Druck, der auf die Schriftleitung der Fachzeit-
schrift »Onkologie« ausgeübt wurde, erschien kein einziger Artikel
mehr über Mistelpräparate. Wahrscheinlich sind nicht wissenschaftli-
che Überlegungen der Grund für die Angriffe gegen Studien mit soge-
nannten Außenseiterpräparaten; wäre das so, müßten alle Publikatio-
nen mit demselben Maßstab gemessen werden. Vielmehr scheint es da-
bei um das Prestige der offiziellen, etablierten Krebsmedizin und ihrer
Vertreter zu gehen.
Diese Krebsmedizin steckt Hunderte von Millionen in die Entwick-
lung von tumorvernichtenden Medikamenten. Ihre Vertreter sitzen auf
den gepolsterten Sesseln der Forschungsinstitutionen und kassieren
fette Chefarzt- und Gutachterhonorare. Ihre erklärte Absicht ist es,
den Sieg über den Krebs mit Gewalt zu erzwingen. Und da soll es ein
Medikament geben, das von Außenseitern mit einem vergleichsweise
lächerlich geringen Forschungsaufwand entwickelt wurde, basierend
auf einer obskuren Weltanschauung, und dieses Medikament soll bei
geringeren Nebenwirkungen sogar teilweise noch besser wirken als die
giftigen Zytostatika? Das kann nicht wahr sein, und deshalb darf es
auch nicht wahr sein. Für die Schulmedizin kommen die Mistelpräpa-
rate »Iscador«, »Helixor« und wie sie alle heißen, nun einmal aus dem
Ghetto der Steiner-Jünger. Damit steht schon fest, daß man sich mit
ihnen nicht ernsthaft auseinanderzusetzen braucht Daß andererseits
die Anthroposophen die Erfolge der Misteltherapie auf das Konto von
Rudolf Steiner und seiner Weltanschauung verbuchen, macht die Sache
nicht leichter.

176
6

Bücherverbrennung

»Mit dem Wort >Wissenschaft< wird heutzutage ein lächerlicher Feti-


schismus getrieben ... Nach und nach werden alle Meinungen verges-
sen, verworfen oder verändert. Daher kann man die Frage: >Was ist
eine wissenschaftliche Wahrheit?< ohne Übertreibung beantworten:
>Ein Irrtum von heute.<«

Jakob von Uexküll


Das » Orgon«

Mit der Toleranz ist es so eine Sache. Man rühmt sie gerne an sich selbst
und vermißt sie bei den anderen. Das wurde mir wieder einmal so rich-
tig bewußt, als ich mich mit einem Problem befaßte, das ich in meinem
Buch klar herausarbeiten wollte: Die Schule wirft jene, die auf wissen-
schaftlich fundierter Basis etwas Neues versuchen, mit den Scharlata-
nen in einen Topf. Das sei eine sehr bequeme Methode, dachte ich,
denn die Ablehnung der unwissenschaftlichen Scharlatane sei ja nur zu
berechtigt. Indem die Schulmedizin keinen Unterschied zwischen den
wissenschaftlichen und den unwissenschaftlichen Außenseitermetho-
den mache, könne sie die Sache so darstellen, als sei die Ablehnung in
beiden Fällen wissenschaftlich zu begründen.
Aber machte ich damit nicht genau denselben Unterschied zwischen
sogenannt wissenschaftlich und sogenannt unwissenschaftlich, wie ich
ihn kritisch unter die Lupe nehmen wollte? Aber ich wollte doch ge-
rade zeigen, daß es Forschungsprojekte und Behandlungsmethoden
gibt, die es verdienen, wissenschaftlich ernstgenommen zu werden.
Wenn ich das glaubhaft darstellen wollte, dann mußte ich mich deut-
lich von den unwissenschaftlichen Methoden distanzieren. Ich war ja
schließlich Wissenschaftsjournalist, und wenn ich nun plötzlich Erd-
strahlen oder Wilhelm Reichs Orgontheorie ernst nehmen wollte,
dann wäre das so ziemlich das sicherste Mittel, um meinen Ruf kaputt-
zu machen.
Es wäre mir wohl nie in den Sinn gekommen, mich mit den seit Jahr-
zehnten »widerlegten« Theorien Reichs vorurteilslos zu befassen,
wenn ich nicht erfahren hätte, daß seine Bücher noch 1960 auf Anord-
nung der amerikanischen Nahrungs- und Arzneimittelbehörde F D A
beschlagnahmt und verbrannt wurden. Seine Orgontheorie wider-
sprach offensichtlich den gültigen Dogmen der wissenschaftlichen
Kirche, aber war sie deswegen falsch? Brachte sie vielleicht ein Welt-
bild ins Wanken, das unter keinen Umständen umstürzen durfte?
So besorgte ich mir das Buch, das seit 1971 wieder gedruckt werden
darf und auch ins Deutsche übersetzt wurde. Es trägt den Titel »Die
Entstehung des Orgons - Der Krebs«, und Reich beschreibt darin mit

178
liebevollen Sorgfalt die Geschichte seiner Forschungsarbeit in den Jah-
ren 1930 bis 1947, die ihn mehr als hunderttausend Dollar seines priva-
ten Einkommens kostete 1 4 8 . Reich betrachtete die Krebskrankheit als
eine Krankheit des Gesamtorganismus, verursacht durch eine chroni-
sche Stauung der sexuellen Energie.
Geboren 1897 in Dobrzcynica, Galizien, wurde Reich in Wien ein
Schüler von Sigmund Freud. 1920 trat er der Internationalen Psycho-
analytischen Vereinigung bei und leitete ab 1928 die »Sozialistische
Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung« in Wien. Nach
Auseinandersetzungen mit den Kommunisten und mit der Freud-
Schule wurde Reich 1934 aus der KP und aus der Psychoanalytischen
Vereinigung ausgeschlossen. Er wanderte zunächst nach Norwegen
und beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die Vereinigten Staaten
aus. Nach einem Leben voller Anleindungen und Verfolgungen starb
er 1957 in einem Gefängnis in Lewisburg, Pennsylvania.
Wilhelm Reich hatte in seiner Tätigkeit als Psychiater erfahren, daß die
Stauung von sexueller Energie zu Neurosen führt. Immer wieder be-
obachtete er, daß Personen, die fähig waren, ihre sexuelle Erregung in
einem Orgasmus zu entladen, nicht an Neurosen erkrankten. Bei Neu-
rotikern stellte er jedoch praktisch immer »orgastische Impotenz« fest.
Der Orgasmus, folgerte Reich, ist eine G r u n d f u n k t i o n der Lebens-
energie. Er begann, jede biologische Zuckung, beispielsweise bei einem
Mikroorganismus, bei einer Qualle oder beim Herzen, als »orga-
stische« Entladung zu deuten.
1933 faßte Reich seine Erkenntnisse in einem Gesetz zusammen, das er
als einen Wendepunkt in seiner Forschung betrachtete: die Span-
nungs-Ladungs-Funktion. Der Orgasmus mit seiner schnellen Folge
von Ausdehnung und Zusammenziehung war sozusagen die verdich-
tete Form einer biologischen Pulsation, die die gesamte belebte Welt
beherrschte und immer in einem charakteristischen Viertakt ablief. Die
Energiespannung, die sich beispielsweise als sexuelle Erregung äußert,
führt zunächst zu einer Aufladung des Organismus mit Energie. Auf
dem H ö h e p u n k t der Erregung folgt die Entladung, die schließlich zu
einer völligen Entspannung führt. Sämtliche »autonomen« oder »vege-
tativen«, das heißt nicht durch den Willen beeinflußbaren Lebensäuße-
rungen beschrieb Reich mit diesem Viertakt: Atmung, Herzschlag,

179
Darmtätigkeit, die Bewegung eines Wurmes oder die Zellteilung.
Er kam zum Schluß: »Die Orgasmusformel entpuppt sich als Lebens-
formel schlechthin 149 .«
Die Spannung beziehungsweise Entspannung der Organe oder Lebe-
wesen war relativ leicht zu verstehen: Sie entstand durch die Aufnahme
und Ausscheidung von Flüssigkeit in das Gewebe, wodurch dieses
entweder prall gefüllt wurde oder erschlaffte. Schwieriger war die
Frage nach der Energie. Um Elektrizität oder Magnetismus im physi-
kalischen Sinne konnte es sich nach Reichs Überlegungen nicht han-
deln, denn der elektrische Strom bringe einen Muskel nur zu chaoti-
schem Zucken, niemals aber zu einer geordneten Bewegung, die Or-
ganempfindungen - zweifellos Äußerungen der biologischen Energie -
seien von den Empfindungen bei einem elektrischen Schlag völlig ver-
schieden, und so weiter. Er kam zum Schluß, daß es eine spezifische
biologische Energieform geben müsse, die zur Elektrizität gewisse Be-
ziehungen aufweise, aber nicht mit ihr identisch sei.
In seinem Laboratorium in Oslo machte sich Reich 1936 auf die Suche
nach dieser Energie. Da das Leben aus nichtlebendiger Substanz ent-
standen sei, folgerte er, müßte diese Energie auch in toter Substanz zu
finden sein. Mit einem der damals besten Mikroskope, dem Modell »Z«
der Firma Reichert, das eine fünftausendfache Vergrößerung ermög-
lichte, begann der Psychiater Kohlenstäubchen zu untersuchen. Er gab
ausgeglühtes Kohlepulver in eine sterile Bouillonlösung und betrach-
tete einen Tropfen dieser Aufschwemmung bei dreitausendfacher Ver-
größerung. Er beobachtete, wie sich von den Kohlestäubchen kleine,
etwa ein Tausendstelmillimeter große Bläschen lösten, sich frei in der
Flüssigkeit bewegten und sich mit der Zeit sogar rhythmisch auszu-
dehnen und zusammenzuziehen begannen. Gab er, in einem »Kon-
trollversuch«, den ungeglühten Kohlenstaub lediglich in unsteriles,
gewöhnliches Wasser, dann beobachtete er keine Bläschen.
Die Bläschen bewegten sich nicht nur, sie ließen sich auch wie Bakte-
rien mit Gram- oder Karbolfuchsin-Farbstoff färben. Um Bakterien
konnte es sich jedoch nicht handeln, denn die Lösung war ja steril. Die
Bläschen besaßen zunächst eine dicke Wand, die zunehmend dünner
wurde, und im Innern der Bläschen trat nach und nach ein blauer
Schimmer auf. Reich nannte die Bläschen, die er als Ubergangsformen

180
von unbelebter zu lebendiger Materie betrachtete, »Bione« und die
Energie, die er in ihrem Inneren vermutete, »Orgon«. Diesen Aus-
druck leitete er von »Organismus« und »Orgasmus« ab. Das unregel-
mäßige Pulsieren und die Bewegungen der Bione waren für ihn ein
Ausdruck der gesuchten biologischen Energie.
Reich gelang es, auch aus anderen geglühten Substanzen, zum Beispiel
Erde, gekochte Nahrung, Eidotter, Milch, Gras usw. durch Impfung in
Bouillon Bione zu »züchten«. Die wimmelnden, »lebendigen« Bewe-
gungen nahmen sogar zu, wenn das Präparat bis 120 Grad Celsius er-
hitzt wurde. Reich schickte im Januar 1937 ein solches Präparat, luft-
dicht abgeschlossen, an die Akademie der Wissenschaften in Paris.
Ein Jahr später, am 25. Januar 1938, schrieb das Akademiemitglied
Louis Lapique, Professor an der Sorbonne: »Von der Akademie beauf-
tragt, Ihre Mitteilung vom 8. Januar letzten Jahres zu studieren, habe
ich . . . die Proben, die Sie Ihrer ersten Sendung beigefügt hatten, mi-
kroskopisch untersucht. Ich habe tatsächlich die von Ihnen geschilder-
ten lebensartigen Bewegungen festgestellt. Das ist eine merkwürdige
Tatsache, wenn man die lange Frist seit der Herstellung berücksich-
tigt 150 .« Lapique schlug vor, Reichs Publikation in gekürzer Form im
Bulletin der Akademie zu veröffentlichen. Reich beharrte jedoch auf
einer ungekürzten Veröffentlichung der Befunde und zog seine an-
fängliche Zustimmung zurück.
Der mikroskopierende Psychiater setzte sich in zweierlei Hinsicht in
Widerspruch mit der herrschenden wissenschaftlichen Lehre: Er be-
hauptete, daß Leben ständig durch »Zerfall« aus unbelebter Materie
entstehe und daß die Bewegungen, die er an seinen Präparaten beob-
achtete, Äußerungen des Lebens seien. Nach der gültigen wissen-
schaftlichen Lehre entstehen Lebewesen nur aus Lebewesen, und die
Bewegungen kleinster Stäubchen in einer Flüssigkeit kommen dadurch
zustande, daß die unsichtbaren Moleküle der Flüssigkeit, die durch die
Wärme in Schwingung versetzt werden, die Stäubchen anstoßen. Man
nennt dies die »Brownsche Bewegung«.
Reich argumentierte, um eine Brownsche Bewegung könne es sich
nicht handeln, da sich die Bläschen nicht nur von der Stelle bewegten,
sondern auch ausdehnten und zusammenzögen. Vehement bestritt er
die »Luftkeimtheorie«, die besagt, daß Kleinlebewesen in einem Heu-

181
aufguß sich aus winzigen Dauerformen (»Sporen«) dieser Lebewesen
entwickeln, die bereits am Heu haften. Mikroorganismen entstanden
nach seiner Theorie aus unbelebter Materie über die Zwischenstufe der
Bione.
Die Frage, ob es die Bione überhaupt »objektiv« gibt, ist wohl ebenso
müßig wie die Frage nach der Existenz Gottes. Reich hat das, was er im
Mikroskop sah, als »Bione« bezeichnet und die Energie, die sie beweg-
te, als »Orgon«. Das ist an sich weder richtig noch falsch, das ist einfach
so. Solange sich seine Theorie nicht in Widersprüche verwickelte, war
sie so gut oder so schlecht wie jede andere. Da jedoch die Biologie Be-
griffe wie »Orgon« oder »Bion« nicht verwendete und da die mikro-
skopische Untersuchung von in Bouillon gequollenem ausgeglühtem
Staub nicht zu ihren Fragestellungen gehörte, mußte Reich sich damit
abfinden, daß die übrigen Wissenschaftler seine Begriffe nicht verste-
hen und daher auch nicht diskutieren konnten. Damit lief er aber Ge-
fahr, sich durch Mangel an Kritik von kompetenten Fachkollegen in
Irrtümer zu verrennen. Seine Theorie wurde nie durch andere Wissen-
schaftler von Grund auf nachgeprüft, und deshalb ist es unmöglich zu
entscheiden, ob sie »richtig« oder »falsch« ist.
Nach der Entdeckung der Bione begann Reich mit ihnen verschiedene
Experimente zu machen. Er unterschied zwei Bion-Arten: die voll-
entwickelten, mit Orgonenergie geladenen »PA-Bione« und die
»T-Bazillen«, die nach Reichs Ansicht aus degenerierten Bionbläschen
hervorgingen. Die T-Bazillen, »Todesbazillen«, in Bouillon gezüchtet,
töteten Labormäuse, denen sie eingespritzt wurden. Injektionen von
PA-Bionen wirkten dagegen nicht tödlich, sondern schützten sogar bis
zu einem gewissen Grad vor der Wirkung der T-Bazillen. T-Bazillen
ließen sich, so Reich, besonders leicht aus Krebsgewebe oder aus dem
Blut von Krebskranken züchten. In Reichs Theorie waren die T-Bazil-
len Bione mit einem Defizit an Orgon, das heißt, die Krebskrankheit
war eine Orgonmangelerkrankung.

182
Lichterscheinungen

Im Januar 1939 demonstrierte Reichs Assistentin einem Besucher des


Osloer Laboratoriums den Glühversuch und die anschließende Imp-
fung der Bouillonlösung. Dabei vergriff sie sich im Schälchen und
glühte statt Erde Meeressand. Was dann geschah, beschreibt Reich in
seinem Buch so: »Nach zwei Tagen ging in der Bouillon-Kaliumchlo-
rid-Lösung eine Kultur auf, die, auf Einährboden und Agar übertra-
gen, einen gelben Aufwuchs ergab. Die neuartige Kultur bestand mi-
kroskopisch aus großen, wenig beweglichen, stark schimmernden Pa-
keten von Energiebläschen... Diese Bione erhielten den Namen
SAPA (Sand-Paket)... Mit Krebszellen zusammengebracht, zeigten
sie tötende oder lähmende Fernwirkung schon in der Entfernung von
etwa 10 u (Tausendstelmillimeter). Amöboide Krebszellen blieben in
dieser Entfernung wie gelähmt an Ort und Stelle haften; sie drehten
sich hilflos im Kreise, um schließlich unbewegt zu werden. Dieses Er-
gebnis wurde filmisch festgehalten 151 .«
Reich untersuchte die SAPA-Kulturen vier Wochen lang täglich meh-
rere Stunden lang mit dem Mikroskop. Nach einigen Tagen begannen
seine Augen zu schmerzen, wenn er zu lange ins Mikroskop schaute.
Der Augenarzt, den er konsultierte, stellte eine Bindehautentzündung
fest und verbot ihm für einige Wochen das Mikroskopieren. Anders als
der Augenarzt vermutete Reich, daß die Entzündung nicht durch
Übermüdung zustande gekommen war, sondern durch die Wirkung
einer besonders starken Strahlung.
Zu der Zeit, als Reich seine Bionexperimente durchführte, existierte
eine Untersuchung des russischen Wissenschaftlers A. G. Gurwitsch,
die ergeben hatte, daß tierisches Blut eine Strahlung aussendet. Die
Biologen interessierten sich nicht für dieses Phänomen, wohl aber Wil-
helm Reich. In seiner Begriffswelt handelte es sich bei den roten Blut-
körperchen um Bione und bei der von Gurwitsch festgestellten Strah-
lung um Orgonenergie. Reich beobachtete die Blutkörperchen unter
dem Mikroskop bei zweitausendfacher Vergrößerung. Gab er ver-
dünntes Blut und eine Lösung aus Erdbionen zusammen, dann konnte
er beobachten, wie sich die Blutkörperchen um die Erdbione herum

183
gruppierten und mit ihnen in Kontakt traten. Zwischen Blutkörper-
chen und Erdbion bildete sich, so Reich, »eine stark leuchtende Brük-
ke«. Diese vibrierte kräftig, und Reich glaubte zu sehen, wie die Blut-
körperchen immer größer und praller wurden, wie sie sich sozusagen
mit Orgonenergie »vollsaugten«. Er verglich diesen Vorgang mit ei-
nem Sexualkontakt zwischen Lebewesen.
Da er nun die SAPA-Bione im Verdacht hatte, eine besonders starke
Strahlung auszusenden, führte er mit ihnen entsprechende Experi-
mente aus. Was dabei herauskam, klingt ziemlich phantastisch. Reich
versuchte die Strahlung zunächst einfach dadurch wahrzunehmen, daß
er die Reagenzröhrchen mit den SAPA-Kulturen an seine linke H a n d -
fläche anlegte. Er glaubte, ein feines Prickeln zu spüren, war sich des-
sen aber nicht ganz sicher. Um den Effekt genauer zu beobachten, legte
er ein Stück Quarzglas auf seine Haut, gab ein paar Tropfen SAPA-
Bionlösung darauf und ließ das ganze etwa zehn Minuten einwirken.
An der Stelle, wo die Lösung, durch das Quarzglas getrennt, auf der
Haut lag, entwickelte sich ein blutleerer Fleck mit einem geröteten
Rand. Reich berichtet: »Diesen Versuch wiederholte ich mit allen mei-
nen Schülern, die ich von der vegetotherapeutischen Schulung gut
kannte. Die vegetativ stark Mobilen unter ihnen gaben regelmäßig ein
positives Resultat. Die wenig Emotionellen reagierten schwach oder
gar nicht. Das war zwar etwas, aber noch recht unverständlich 1 5 2 .«
Als ich diesen Bericht las, fragte ich mich sofort, ob Reich auch ein
Kontrollexperiment gemacht hatte. Er berichtet nichts darüber.
Reich, der in seinen SAPA-Kulturen »Riesenenergien« vermutete,
wandte sich an den Strahlenphysiker Dr. Moxnes, der im Osloer
Krebskrankenhaus arbeitete. Moxnes legte das Reagenzglas, das Reich
mitbrachte, an sein Radiumelektroskop an: Das Instrument reagierte
nicht Der Physiker erklärte Reich, daß »keine Strahlung« vorläge.
Reich erwiderte, da das Elektroskop nur auf Radiumstrahlung einge-
richtet sei, könne man lediglich behaupten, daß keine Radiumaktivität
vorläge, nicht aber, daß überhaupt keine Strahlung vorhanden sei.
Nach zwei Wochen weiterer Versuche, berichtet Reich, sei seine linke
Handfläche stark entzündet gewesen und habe sehr geschmerzt. Die
Luft in dem Raum, in dem er seine Kulturen züchtete, kam ihm mit der
Zeit »schwer« vor, und er bekam Kopfschmerzen, wenn er das Fenster

184
längere Zeit geschlossen hielt. Er versuchte, die Strahlung auch mit an-
deren Mitteln nachzuweisen: Er legte SAPA-Bionpräparate im D u n -
keln auf fotografische Platten, ebenso auf solche, die mit Blei umhüllt
waren, und er stellte Kontrollplatten ohne Präparat im selben R a u m
auf. Zu seiner großen Überraschung waren später sämtliche Platten
grau verschleiert, die sich im selben Raum wie die SAPA-Kulturen be-
fanden, auch wenn sie nicht im direkten Kontakt mit den Präparaten
gestanden hatten. Hatte Reich nicht sorgfältig genug gearbeitet, oder
war, wie er vermutete, die Orgonstrahlung »überall vorhanden«?
Da ihn die Versuche mit den Fotoplatten nicht weiterbrachten, brachte
er die SAPA-Kulturen in dunkle Kellerräume. Um die Wirkung zu
verstärken, legte er D u t z e n d e von Kulturen an. Er berichtet: »Die Be-
obachtungen im Dunkeln waren irgendwie >unheimlich<. Der R a u m
wurde nach G e w ö h n u n g der Augen statt absolut schwarz grau-bläu-
lich. Ich sah neblige Schwaden, bläuliche Lichtstriche und fliegende
Punkte. Tiefviolette Lichteindrücke schienen wie aus den Wänden und
von Gegenständen herzukommen. Diese Lichteindrücke, durchweg
blau oder blaugrau, wurden stärker, die einzelnen Striche und Pünkt-
chen wurden größer, wenn ich eine Lupe vor meine Augen hielt.
Schwarze Brillen schwächten die Eindrücke ab. Wenn ich die Augenli-
der schloß, bestanden aber die blauen Lichteindrücke fort. Das ver-
wirrte. Ich w u ß t e noch nicht, daß die Orgonstrahlung die Sehnerven in
spezifischer Weise irritiert und Nachbilder erzeugt. Nach ein oder
zwei Stunden Aufenthalt im Kellerraum schmerzten meine Augen und
wurden gerötet 1 5 3 .«
Reich nahm verschiedene uninformierte Versuchspersonen mit in den
Keller, die die Beobachtungen bestätigten. Einige von ihnen bekamen
nachher entzündete Augen, und ein Teilnehmer sagte später, ihm sei,
als ob er zu lange in die Sonne geschaut habe. Doch die Versuche, diese
subjektiven Beobachtungen und Eindrücke auch mittels physikali-
schen Messungen festzustellen, schlugen fehl. Am Kopenhagener In-
stitut des berühmten Physikers Niels Bohr äußerte sich eine Assisten-
tin derart skeptisch über die Möglichkeit, aus Sand »Bione« zu erzeu-
gen, daß Reich befürchtete, seine Beobachtungen würden dort nicht
mit der nötigen Sorgfalt untersucht. Zudem hatte er in dieser Zeit
sehr unter einer erbitterten Pressekampagne zu leiden, die einige

185
Wissenschaftler gegen seine Orgasmus- und Bionforschung entfesselt
hatten.
Da Reich die Lichterscheinungen im Keller vor allem an seinen Armen
und - im Spiegel - an seinem Kopf und an seinen Kleidern gesehen hat-
te, vermutete er, daß organische Substanzen die Orgonenergie aufsaug-
ten und festhielten, Metalle sie dagegen reflektierten. Dies brachte ihn
auf die Idee, einen Apparat zu bauen, der die Strahlung abgrenzen und
so verhindern sollte, daß sie im Raum verströmte. Auf diese Weise, so
hoffte er, würde sie sich besser physikalisch nachweisen lassen.
Er baute einen Kasten aus H o l z und Watte, der innen mit Metall ausge-
kleidet war. Die von den Kulturen entwickelte Strahlung sollte vom
Metall zurückgeworfen und jene Strahlen, die das Metall durchdran-
gen, vom H o l z aufgesaugt werden, was die Abstrahlung nach außen
verhindern oder zumindest herabsetzen würde. In die Vorderwand des
Apparates baute er ein mit einer Lupe ausgestattetes G u c k r o h r ein. Er
brachte SAPA-Kulturen in den Apparat und beobachtete deutlich
»bläuliche bewegte Schwaden und helle, gelbweiße Strich- und Punkt-
strahlen«. Mehrere Versuchspersonen bestätigten diese Beobachtung.
Ein Kontrollversuch ohne Kulturen ergab jedoch dasselbe Ergebnis.
Die Strahlen waren allerdings etwas weniger intensiv, wie Reich zu
bemerken glaubte.
Es ist geradezu rührend, nachzulesen, wie Reich seine Idee, die beob-
achteten Lichterscheinungen kämen von den SAPA-Bionen her, zu
retten versuchte: Er zerlegte den Kasten in seine Einzelteile, wusch die
Metallplatten im Wasser ab, tauschte die Watte aus, setzte den Kasten
wieder zusammen u n d lüftete ihn mehrere Tage. Er »nahm an« - oder
besser: er hoffte -, daß die Wände des Kastens von den Kulturen Strah-
lung aufgenommen hatten, die im Kontrollversuch nachwirkte. D o c h
alle seine Bemühungen waren vergebens: Auch als er einen völlig neuen
Kasten bauen ließ, den er von Anfang an sorgfältig von seinen Kulturen
fernhielt, gelang es ihm nicht, die Strahlenerscheinungen daraus zu
verbannen. Mit dem Gedanken, daß alles bloß eine Täuschung sei,
konnte u n d wollte Reich sich nicht abfinden.
Selbst wenn es sich bei den Beobachtungen bloß um »subjektive Licht-
eindrücke« handelte, wie man sie beim Schließen der Augen wahr-
nehmen kann, dann war damit noch nicht bewiesen, daß nicht trotz-

186
dem ein wirkliches Naturgeschehen dahinterstand. »Sollte es möglich
sein, daß wir in unseren subjektiven Augenempfindungen die biologi-
sche Energie unseres eigenen Organismus wahrnehmen?« fragte sich
Reich 1 5 4 . Rührten sie vielleicht von der Strahlung im Blut her, die
Gurwitsch nachgewiesen hatte und die demzufolge auch in den eigenen
Augen vorhanden sein mußte?
Im Mai 1939 m u ß t e Reich seine Forschungsarbeit wegen der H e t z -
kampagne in den norwegischen Zeitungen unterbrechen. Reichs Labo-
ratorium wurde nach N e w York verschifft, u n d erst im September, als
er es in Forest Hills neu eingerichtet hatte, konnte er seine Forschungs-
arbeit fortsetzen.
Eines Nachts, auf einem Sommerurlaub in Maine, betrachtete Reich
den nächtlichen Sternenhimmel durch ein hölzernes Rohr. Wieder be-
obachtete er das Flimmern, das er schon in seinem Kasten wahrge-
n o m m e n hatte. Stammte die Orgonenergie etwa aus der Atmosphäre,
oder fand sie in seinen Augen statt? Reich versuchte diese Frage da-
durch zu beantworten, daß er eine Vergrößerungslinse in das Rohr ein-
setzte. Die Lichtpunkte und -striche erschienen nun größer, und damit
war f ü r ihn klar, daß diese Erscheinungen von außerhalb k o m m e n
mußten. Er beobachtete sie auch nur innerhalb der Rohröffnung, die
das Gesichtsfeld begrenzte, nicht aber an den Wänden des Rohrs. An
feuchten oder nebligen Tagen glaubte er festzustellen, daß die Lichter-
scheinungen schwächer waren.
Für ihn gab es jetzt keinen Zweifel mehr: Die Orgonenergie stammte
aus dem Universum; es war dieselbe Strahlung, die er in seinen Bion-
kulturen und im Kasten beobachtet hatte. In seinem hölzernen, mit
Metall ausgekleideten Kasten sammelte sich das atmosphärische O r -
gon, und er nannte die Einrichtung fortan »Orgon-Akkumulator«.

187
Krebs: eine Schrumpfung der Lebenslust

Schon vor der Entwicklung des Orgon-Akkumulators hatte Reich die


Orgonwirkung im Tierversuch erprobt: Er spritzte Krebsmäusen
SAPA-Bione ein und stellte fest, daß die Mäuse zum Teil länger über-
lebten als unbehandelte Mäuse. Jetzt begann er, Krebsmäuse im O r -
gon-Akkumulator zu »bestrahlen«. Von 36 Mäusen, die er im Akku-
mulator behandelte, waren nach acht Wochen die Hälfte gestorben,
von 27 unbehandelten Kontrolltieren dagegen schon nach zwei Wo-
chen. Dieser Unterschied könnte natürlich auf einer ungleichen Aus-
lese der Versuchstiere beruhen, indem etwa »unwillkürlich« immer die
etwas vitaleren Tiere für die Bestrahlung ausgewählt wurden.
Interessant ist, daß Reich bei seinen Therapieversuchen an Mäusen ge-
nau die gleichen Erfahrungen machte wie Gerson mit seiner Diätbe-
handlung von Krebspatienten. Viele Mäuse starben, obwohl sich die
Krebsgeschwülste auflösten, an »riesenhaft vergrößerter Leber und
Milz«. Reich kommt zum selben Schluß wie Gerson: Die Mäuse star-
ben an dem vergeblichen Versuch des Organismus, die Zerfallspro-
dukte des Tumors auszuscheiden.
Auf die Idee, seine Orgonforschung mit dem Krebsproblem zu ver-
binden, war Reich durch klinische Beobachtungen an Krebspatienten
gekommen. Schon bei Neurotikern hatte der Psychiater immer wieder
festgestellt, daß ihr Körper durch Verkrampfungen wie »gepanzert«
wirkte, daß sie unfähig waren, frei und entspannt zu atmen, und daß sie
kaum sexuelle Empfindungen kannten. Reich, zu dessen Denkweise es
gehörte, die Lebensäußerungen der Organismen auch in den Zellen zu
suchen, begriff sofort einen Zusammenhang zwischen seinen Beobach-
tungen und der Erkenntnis von Warburg, daß bei Krebszellen die At-
mung gestört ist.
Bei Krebspatienten fiel Reich nicht nur auf, daß sie verkrampft und se-
xuell blockiert waren, er stellte zudem eine »emotionelle Milde« und
»charakterliche Resignation« fest: »Die Menschen . . . , die an Hyper-
tonie des Gefäßsystems, also an chronischer vaskulärer Kontraktion
leiden, sind im Gegensatz zum Krebsindividuum überwiegend leicht
erregbare, emotionell labile, sozusagen explosible Organismen. Das

188
drückt sich in den akuten Angstanfällen deutlich aus. Dagegen habe ich
bisher nie Krebskranke mit lärmenden Emotionen, Wutausbrüchen
etc. gesehen 1 5 5 .« Diese »chronische emotionelle Stille«, die »Leichen-
haftigkeit« der Krebskranken war f ü r ihn ein Anzeichen für die »Er-
stickung des Zellenergiesystems«, also ein Mangel an Orgon-Energie.
Reich baute n u n einen O r g o n - A k k u m u l a t o r , der so groß war, daß ein
Mensch darin Platz nehmen konnte, und begann Anfang 1941 damit,
Krebskranke zu behandeln. Gewitzt durch die schlechten Erfahrun-
gen, die er mit dem medizinischen Establishment gemacht hatte, ließ er
von Angehörigen der betreffenden Patienten folgendes Protokoll un-
terschreiben: »Hiermit erkläre ich, daß ich zu Dr. Wilhelm Reich kam
wegen möglicher Hilfe im Falle m e i n e s ( r ) . . . , der (die) an Krebs er-
krankt ist. Ich kam, weil man mir über die Experimente berichtet hatte,
die Dr. Reich an Krebsmäusen und Menschen gemacht h a t Dr. Reich
versprach mir nicht irgendwelche Heilung, er forderte kein Geld, und
er sagte mir, daß er erst seit ein paar Monaten die Orgonstrahlung an
krebskranken Menschen e r p r o b t . . . T o d oder Abszeßbildung k ö n n -
ten als eine Folge der Krankheit eintreten. Ich berichtete Dr. Reich, daß
die Ärzte den F a l l . . . als hoffnungslos aufgegeben haben. Sollten wäh-
rend der Dauer des Experiments T o d oder Abszeßbildungen eintreten,
würde das nicht durch das Experiment verursacht sein 1 5 6 .« Reich holte
zudem noch von dem Arzt, der die Patienten zuletzt behandelt hatte,
die Einwilligung zu dem Experiment ein.
Die Behandlung bestand darin, daß der Patient täglich ein- oder zwei-
mal mit oder o h n e Kleider für etwa 15 bis 45 Minuten im O r g o n - A k -
kumulator Platz nahm. Nach fünf bis f ü n f z e h n Minuten begann der
Patient ein warmes Prickeln zu spüren, das sich manchmal bis zu Hit-
zewallungen, Schweißausbrüchen, Rötung der H a u t und leichtem Fie-
ber steigerte. Als Reaktion auf die Behandlung stellte Reich fest, daß
seine Patienten frischer und vitaler aussahen, daß ihre H a u t stärker
durchblutet war und daß die Anfälligkeit f ü r Grippe und andere Infek-
tionen abgenommen hatte.
Eine seiner Patientinnen litt an einem T u m o r in der linken Brust mit
Knochenmetastasen in der Wirbelsäule. Die Ärzte gaben ihr noch
höchstens zwei Monate zu leben. Reich nahm eine Blutdiagnose vor
und stellte fest: »Lange, schlängelnde Fäulnisbakterien, die Blutkör-

189
perchen überwiegend bionös zerfallen und mit T-Zacken versehen,
kleine kernige Rundzellen und haufenweise T-Bazillen.«
Die Patientin hielt den Kopf eingezogen, als ob ihr im Nacken etwas
zustoßen könnte. In ihrem fünften Halswirbel waren zwar Metastasen
festgestellt worden, aber im Laufe der Behandlung stellte sich heraus,
daß die starre Nackenhaltung schon lange vor dem Ausbruch der
Krebskrankheit bestanden hatte. Sie war, wie Reich vermutete, nur
Teil einer gesamten Starre, die nicht als Folge, sondern als Ursache der
Krebskrankheit aufzufassen war. Sowohl der Brustkorb als auch die
Bauchdecke waren angespannt, die A t m u n g schwer gestört. Die Pa-
tientin war seit zwölf Jahren verwitwet, nach einer ausgesprochen un-
glücklichen Ehe. In den ersten Monaten hatte sie schwer darunter gelit-
ten, keine sexuelle Befriedigung zu finden. Mit der Zeit fand sie sich
damit ab, war emotionell ausgeglichen und äußerte keine sexuellen Be-
dürfnisse mehr.
Nach drei Wochen Behandlung im O r g o n - A k k u m u l a t o r gingen die
Schmerzen zurück, und eine spätere Untersuchung zeigte, daß die
Krebsmetastasen verschwunden waren. Die Ärzte, welche die Patien-
tin vorher untersucht hatten, wollten von einer Heilung nichts wissen.
Reich empfand dieses Benehmen der Ärzte zwar »vom rationalen
Standpunkt unverständlich«, aber gleichzeitig hütete er sich davor,
voreilig zu triumphieren. Die Krebsgeschwülste waren verschwunden,
dafür trat jetzt, wie er bemerkte, die dahinterstehende allgemeine Er-
krankung stärker hervor.
Die Patientin, die vor der Therapie sexuell völlig empfindungslos ge-
wesen war, entwickelte im Verlauf der Orgonbestrahlungen wieder se-
xuelle Bedürfnisse. Da sie diese aber nicht befriedigend ausleben konn-
te, verkrampfte sie sich, wurde depressiv und klagte über einen D r u c k
in der Brust und Schmerzen in der Halswirbelsäule. Im Röntgenbild
waren jedoch keine Metastasen festzustellen. D e r »Druck« in der Brust
rührte von einer Verkrampfung des Zwerchfells her u n d war nach
Reichs Auffassung ein Zeichen der Orgasmusangst. Einige Monate
später traten Lähmungserscheinungen des Enddarmes und der H a r n -
blase auf. Reich vermutete, daß es sich dabei um eine »Schrumpfung«
des vegetativen Lebenssystems handelte, eine Folge des andauernden
Sich-Zusammenziehens und der Unfähigkeit, sich lustvoll zu dehnen.

190
Das heißt: die Patientin war keineswegs geheilt, sondern litt noch im-
mer an ihrer eigentlichen Krankheit, die Reich »Schrumpfungsbiopa-
thie« nannte und die er als eigentliche Ursache für die Krebsgeschwül-
ste betrachtete. Tatsächlich zeigte eine weitere Röntgenuntersuchung,
daß erneut Metastasen aufgetreten waren, diesmal am Schädelknochen
und im rechten Armknochen.
Da die Patientin jetzt bettlägerig war, ließ Reich einen speziellen O r -
gon-Akkumulator für ihr Bett bauen und behandelte sie damit. Die
Blutwerte begannen sich zu bessern, aber eines Abends brach sich die
Patientin, als sie sich im Bett umdrehen wollte, den linken Oberschen-
kelknochen, der ganz dünn geworden war. Die Patientin wurde in eine
Klinik gebracht. An der Bruchstelle waren keine Metastasen festzustel-
len. Die Patientin starb vier Wochen später nach einem allgemeinen
Verfall ihrer Lebensfunktionen. Reich war überzeugt, daß sie nicht an
den Metastasen, sondern an ihrer »biopathischen Schrumpfung« ge-
storben war. Insgesamt hatte sie nach Beginn der Orgontherapie noch
zehn Monate gelebt und war monatelang schmerzfrei gewesen.

Die Zerstörung einer Idee

Die Wirkung des Orgon- Akkumulators, der ja im Prinzip ein wärme-


isolierter Kasten war, läßt sich recht einfach durch Stauung der Kör-
perwärme erklären. Eine naturwissenschaftliche Grundregel besagt,
daß man nur dann zu einer neuen Theorie Zuflucht nehmen sollte,
wenn sich die beobachteten Tatsachen nicht mit der alten Theorie er-
klären lassen. Aber Reich dachte anders: Er wollte eine neue Theorie.
Dies kommt deutlich in dem Briefwechsel z u m Ausdruck, den Reich
mit Albert Einstein führte und den er in seinem Buch kurz erwähnt.
Der unkonventionelle Physiker hatte sich von Reich dazu überreden
lassen, im Januar 1941 einen kleinen Orgon-Akkumulator in seiner
Wohnung in Princeton aufzustellen. Einstein bestätigte in einem Brief,
was schon Reich beobachtet hatte, nämlich eine Temperaturdifferenz

191
am Akkumulator. Er maß aber auch zwischen oberhalb und unterhalb
der Tischplatte, auf der der Akkumulator stand, einen Temperaturun-
terschied. Seine Erklärung war folgende: Durch die Heizung strömt
warme L u f t an den Wänden hoch. Dadurch entsteht ein sogenannter
Konvektionsstrom, der die warme Luft von der Decke nach unten zur
Tischplatte und z u m Akkumulator fließen läßt. F ü r Einstein war die
Sache damit erklärt, aber Wilhelm Reich wich dieser Interpretation da-
durch aus, daß er O r g o n - A k k u m u l a t o r e n im Freien in die Erde ver-
grub und wieder einen Temperaturunterschied zwischen innerhalb
und außerhalb des Kastens feststellte. Naheliegende Erklärung: Die
Erdwärme staute sich im Kasten. W a r u m wollte Reich solche einfachen
Erklärungen nicht akzeptieren?
Wahrscheinlich wollte er dies deshalb nicht, weil er »mechanische« Be-
griffe, die zu den Empfindungen keine Beziehung haben, nicht f ü r
sinnvoll hielt »Orgon« ist nicht einfach ein sachlicher Begriff, sondern
eine geradezu magische Formel f ü r Wilhelm Reichs Grundidee: Die
Fähigkeit, ungehemmt »orgastisch« Lust zu empfinden, ist eine
G r u n d f u n k t i o n des Lebens. Die Bildung des Begriffs »Orgon« läßt
sich nur begreifen durch den Zwiespalt, in dem Reich seine Forschun-
gen durchführte und in dem er persönlich selber steckte: Einerseits er-
kannte er, daß die Unfähigkeit, Lust zu empfinden, den Menschen
krank machte, aber andererseits war diese Lust gesellschaftlich streng
v e r p ö n t Selbst Reich forderte, man müsse, um den Orgasmus als »bio-
logische Funktion« zu begreifen, sich »von lüsternen Gefühlsreaktio-
nen freimachen«, die sich mit der Betrachtung sexueller Lebensfunk-
tionen verknüpfen. W. Edward Mann k o m m t in seinem Buch »Orgo-
ne, Reich and Eros« zum Schluß, daß Reichs Entdeckungen zu einem
wichtigen Teil auf eine »unbewußte, aber ungewöhnliche Empfind-
samkeit für Gefühlszustände, die zuweilen an Hellseherei grenzte«,
zurückgingen. Er habe einfach »gewußt«, daß bestimmte Dinge so wa-
ren, wie er sie beschrieb, und habe daher die Notwendigkeit einer sorg-
fältigen, präzisen Aufzeichnung der Daten nicht einsehen wollen. D e r
Psychoanalytiker Charles Rycroft betrachtete Reich als einen »Natur-
poeten«, der seinen wissenschaftlichen Panzer zu durchbrechen ver-
sucht h a b e l s 7 . Bei aller berechtigten Kritik an Reichs Methodik, bei al-
len Einwänden gegen die Fehler, die ihm sicher besonders in den letz-

192
ten Jahren seiner Forschung unterliefen, m u ß man sich bewußt sein,
daß seine Theorien dadurch nicht widerlegt sind.
Daß die Orgontheorie vielleicht Reichs Versuch war, mit seinen Sexu-
alschwierigkeiten fertig zu werden, geht auch aus dem Gefühl hervor,
das Reich empfand, als er die Wirkung der Orgonstrahlung auf die
Krebsgeschwülste seiner Versuchsmäuse sah. Er schreibt: »Im Gehei-
men frohlockte es in mir, endlich von der >verdammten Sexualitätsfra-
ge< loszukommen und mich in der >reinen<, sexualitätsfreien A t m o -
sphäre der Organpathologie in Sicherheit zu bringen. Aber ich irrte.
Die Tatsachen logen n i c h t Sie forderten strengste Rechenschaft Sie
beraubten mich der bequemen Illusion, einen leichten Ausweg gefun-
den zu haben . . . Diese Krebskranken brachten mir mit aller Schärfe
wieder zu Bewußtsein, was ich seit 24 Jahren sehen gelernt hatte: Die
Seuche der Sexualitätsstörungen. Ich mochte mich wehren, wie ich
wollte, es gab kein Ausweichen: D e r Krebs ist eine Fäulnis der Gewebe
bei lebendigem Leibe infolge Lusthungers des Organismus 1 5 8 .«
Aus diesen Zeilen geht klar hervor, daß Reich nicht glaubte, mit seinen
Orgonkästen Krebs heilen zu können. Er wollte keine Industrie auf-
bauen, er war kein Unternehmer. Um der Geschäftemacherei, die er
befürchtete, einen Riegel vorzuschieben, ließ er seine O r g o n - A k k u -
mulatoren patentieren mit dem ausdrücklichen Vermerk, daß das Pa-
tent ausschließlich dazu diene, die Entdeckung vor skrupelloser Aus-
beutung und Profitmacherei zu schützen. 1949 gründete Reich eine
Stiftung, die das Patent auf nichtkommerzielle Weise verwerten sollte.
Er hegte den Plan, auf einer Farm in Franklin C o u n t y , Maine, die er
»Orgonon« nannte, die Geräte herzustellen und an Patienten zu ver-
mieten. Aus den Einnahmen sollten die Herstellungskosten und die
Orgonforschung finanziert werden.
Der Plan wurde durch die amerikanische F o o d and D r u g Administra-
tion (FDA) zerschlagen. Die Presse hatte Reich fälschlicherweise vor-
geworfen, er verspreche seinen Patienten Heilung von Krebs und
treibe mit seinen Apparaten einen florierenden Handel.
Durch diese Berichte war die F D A aufmerksam geworden und begann
gegen Reich Material zu sammeln. Sie beauftragte das State Depart-
ment, über Reichs Vergangenheit zu recherchieren. Am 30. Juni 1952
stellte dieses A m t in einem Bericht fest, der Urheber von Gerüchten,

193
daß Reich keinen Doktortitel besitze, habe seine Behauptung offiziell
zurückgezogen: »Dr. Reich besitzt den Titel eines Doktors der Medi-
zin von der Universität Wien. Nach Abschluß seiner Studien begann er
sich f ü r Psychiatrie zu interessieren und studierte bei Sigmund
Freud . . . Es ist von Interesse, daß bis auf einen alle Psychiater, die we-
gen Informationen über Dr. Reich beigezogen wurden, von seiner
psychiatrischen Arbeit mit dem größten Respekt sprachen, aber ohne
Ausnahme die Fundiertheit seiner biologischen Arbeit bestritten 1 5 9 .«
Doch die F D A scheute nicht davor zurück, die Tatsachen zu verdre-
hen, um Reich belasten zu können. Am 21. O k t o b e r 1953 schrieb der
FDA-Beamte J o h n L. Harvey in einem M e m o r a n d u m an die Bundes-
sicherheitsbehörde: » O b w o h l er (Dr. Reich) behauptet, vor etwas
mehr als dreißig Jahren an der Universität Wien z u m D o k t o r der Me-
dizin promoviert zu haben, ist es uns nicht gelungen, dies zu bestäti-
gen, und in Wissenschaftlerkreisen in N o r w e g e n wurde die Meinung
geäußert, daß der Charakter seiner medizinischen Ausbildung in Frage
gestellt werden müsse 1 6 0 .« Harvey bezog sich ausdrücklich auf den Be-
richt des State Department, dessen Inhalt er aber verdrehte. Er ver-
suchte, Reichs Charakter zusätzlich dadurch ins Zwielicht zu bringen,
daß er von Ilse Ollendorf, mit der Reich verheiratet war, als »Frau, die
im selben H a u s wie Reich lebte« sprach.
Die F D A zog den Fall schließlich vor Gericht. Vordergründig ging es
um die Orgon-Apparate, deren Vermietung Reich in f ü n f z e h n Jahren
vermutlich weniger Geld einbrachte, als ihn seine Forschungsarbeit
gekostet hatte: Die höchsten Schätzungen sprachen von hunderttau-
send Dollar.
Am 19. März 1954 fällte Richter J o h n D. Clifford am Bezirksgericht
von Maine in der »Zivilsache Nr. 1056« folgendes Urteil: D e r Handel
mit Orgongeräten wurde verboten, ebenso der Verkauf von zehn Bü-
chern, die Reich verfaßt hatte, unter ihnen der Klassiker »Charakter-
analyse«, und zusätzlich wurde die »Vernichtung sämtlicher D o k u -
mente, Bulletins, Schriften, Zeitschriften und Broschüren« von Reichs
Forschungsstiftung angeordnet.
Dieses ungewöhnlich brutale Vorgehen, das von der Amerikanischen
Bürgerrechtsbewegung scharf kritisiert wurde, begründete die F D A
juristisch auf folgende Weise: Reichs Bücher konnten als Gebrauchs-

194
anleitungen zu den Orgongeräten betrachtet werden. Es sieht ganz so
aus, als seien die Geräte nur ein Vorwand gewesen, um die unbeque-
men Ideen Wilhelm Reichs ein f ü r allemal zu erledigen. Motive dazu
gab es genug. Die Verfolgung Reichs fiel in die Ära des »Kommuni-
stenfressers« McCarthy, und Reich war ja ein Mitglied der KP gewe-
sen. Z u d e m widersprachen seine Ansichten über Sexualität und über
die krankmachenden Züge der Krebspersönlichkeit der Ideologie von
»Law and Order«, die sich in einem kräftigen A u f w i n d befand.
Im Juli 1956 meldete sich der F D A - I n s p e k t o r H. Niss bei Reich, wies
einen Vernichtungsbefehl vor und begann, Wilhelm Reichs Bücher zu
verbrennen. In dem Rapport, den Niss darüber anfertigte, heißt es,
Reich sei sehr freundlich gewesen und habe sich mit ihm gemütlich un-
terhalten. Reich habe sogar Anstalten gemacht, selber einige Bücher ins
Feuer zu werfen, habe dann aber innegehalten und gesagt: »Ich habe
mir selber versprochen, daß ich mit dem Verbrennen dieser Literatur
nichts zu tun haben würde.« Er habe auch gesagt, seine Bücher seien
schon in Deutschland verbrannt worden, u n d er hätte nicht gedacht,
daß dies noch einmal geschehen würde 1 6 1 .
Andere Autoren berichten freilich, daß Reich unbeherrscht reagiert
und, anstatt sich gegen die Anschuldigungen zu verteidigen, seinerseits
die Regierung angegriffen habe.
Reich wurde wegen »Mißachtung des Gerichts« verhaftet und zu zwei
Jahren Gefängnis verurteilt. Einer seiner engsten Mitarbeiter nahm
sich daraufhin das Leben, und andere begannen an seiner geistigen Ge-
sundheit zu zweifeln. Reich starb nach etwas mehr als einem Jahr Ge-
fängnishaft an einem H e r z i n f a r k t 1 6 2 . Er soll zudem an Krebs gelitten
haben.
N o c h im Jahre 1960 fahndeten F D A - A g e n t e n nach Reichs Schriften,
die sich im Besitz seiner Erben befanden, und verbrannten sie.

95
9

Strahlengeschichten

»Nach etwa zwei Stunden konnte ich deutlich meine Handfläche leuch-
ten sehen, ebenso meine Hemdärmel und im Spiegel auch mein Kopf-
haar. Der blaue Schimmer lag wie ein unscharfer, langsam bewegter,
graublau leuchtender Dunst um meine Gestalt und um Gegenstände im
Raum. Ich gestehe, daß ich erschrak.«

Wilhelm Reich, »Die Entstehung des Orgons«


Laserstrahlen des Lebens

Als ich »Die Entstehung des Orgons« zum ersten Mal las, bildete ich
mir ziemlich schnell folgendes Urteil über Wilhelm Reich: Ein genialer
Einzelgänger, der ganz wesentliche Zusammenhänge zwischen Krebs
und Psyche entdeckt, sich aber mit seiner Orgon-Theorie hoffnungslos
ins wissenschaftliche Abseits manövriert hatte. Von allen übrigen For-
schern isoliert, stand er unter dem zunehmenden Zwang, recht zu be-
halten. Ihm genügte nicht, was er bei seinen Patienten feststellte. Viel-
mehr wollte er seine Theorie exakt beweisen können, unter dem Mi-
kroskop, dem er offenbar eine besonders »objektive« Funktion zu-
schrieb. Mag sein, daß er sich damit vor den ständigen Anschuldigun-
gen der wissenschaftlichen Welt in ein heiles Refugium der unbestech-
lichen Wahrheit flüchten wollte, in dem sich alles schwarz auf weiß
beweisen läßt Doch, so dachte ich mir wenigstens, die Sache mit den
Orgonstrahlen, mit den Bionen und so weiter beruhte höchstwahr-
scheinlich auf einer Selbsttäuschung. Reich hatte den Fehler gemacht,
alles, was er wahrnahm, als äußere Realität zu betrachten. Das Leuch-
ten zum Beispiel, das er in dunklen Räumen wahrnahm, fand vielleicht
bloß in seiner intensiven Vorstellungswelt statt. Vielleicht sah er nur
etwas, das er unbedingt sehen wollte. Sind Reichs »Orgonstrahlen«
also ein wissenschaftlicher Irrtum? H e u t e bin ich nicht mehr so sicher,
und das begann so.
Ende März 1980 bekam ich einen etwas mysteriösen Telefonanruf ei-
nes Straßburger Arztes, der eine meiner Krebsreportagen gelesen hat-
te 163 . Er kenne einen Forscher, der ganz neue Wege gehe: Biophysik -
ob ich schon davon gehört habe? Ich hatte nicht, und so versuchte ich
alles, um aus dem Mann den Namen des betreffenden Forschers her-
auszubekommen. Vergeblich. Ich hörte eine geschlagene Stunde lang
ganz interessante Ideen: Der Forscher habe zum Beispiel entdeckt, daß
das Leben ein elektrophysikalischer Vorgang sei. Die Zellen unseres
Körpers würden untereinander Botschaften austauschen - ein Funk-
verkehr auf Mikroskop-Ebene sozusagen. Die Untersuchung dieses
Funkverkehrs mit physikalischen Methoden würde die Medizin viel
weiter bringen, als dies mit der Chemie möglich sei. U n d so weiter.

198
Aber den N a m e n des Forschers wollte er nicht nennen. Er deutete an,
daß die Bedingungen, unter denen der Forscher arbeiten müsse, nicht
optimal seien u n d daß eine Publizität allenfalls negative Folgen f ü r des-
sen Arbeit haben könnte. »Ich möchte, daß die Sache über mich läuft«,
sagte er und b o t mir ein Treffen in Straßburg an. Ein Wichtigtuer? Ich
schrieb ihm sofort, er solle mir bitte weitere Informationen geben, und
fragte ihn nach Veröffentlichungen des Forschers. Eine A n t w o r t er-
hielt ich nie.
Doch wie es der Zufall so will, bekam ich wenige Wochen später in ei-
ner Buchhandlung ein Buch in die Hände. Es war eines der zahlreichen
Bücher über Krebs, und ich hätte es vielleicht nicht weiter beachtet,
wenn der etwas reißerische Klappentext nicht folgendermaßen gelautet
hätte: »Biophysiker bilden eine neue Front gegen den Krebs. Sie be-
weisen, daß gestörte Biosignale letztlich die Ursache für Krebs
sind 1 6 4 .« Ich kaufte das Buch und ersparte mir damit eine Reise nach
Straßburg.
N o c h am selben Tag schrieb ich dem Autor des Buches, Fritz-A. Popp,
der laut Klappentext am Radiologischen Zentrum der Universität
Marburg daran arbeitete, »seine Theorie für die Praxis zu nutzen«. V o n
der Universität Marburg kam der Brief postwendend zurück: Adressat
unbekannt. Erst durch die freundliche Auskunft einer Verlagssekretä-
rin erfuhr ich Popps neue Adresse.
Dr. Fritz-Albert Popp, ein mittelgroßer, eher kräftig gebauter Vierzi-
ger, blond, mit hellen Augen, ist von N a t u r aus alles andere als ein Typ,
der die Opposition sucht. Wenn er z u m »Dissidenten« wurde, so ein-
zig deshalb, weil ihn seine Ehrlichkeit dazu zwang.
Ich lernte ihn an einem regnerischen Oktobervormittag kennen, als er
mir sein Labor zeigte. Wenige Monate zuvor war er von der Marburger
Universitätsklinik entlassen worden. Das hätte das Ende seiner vielver-
sprechenden Forschungsarbeit bedeuten können, wenn nicht eine bio-
logische Arzneimittelfirma die Chance gesehen hätte, mit der von
P o p p und seinen Mitarbeitern entwickelten hochempfindlichen Appa-
ratur die Wirksamkeit ihrer Produkte nachzuweisen.
In Flörsheim bei Worms stellte die Firma einige Räume z u r Verfügung.
In einem steht auf einem Tisch die »Maschine«, eine Einrichtung, um
ultraschwache Lichtstrahlen zu messen, die von lebenden Zellen abge-

199
geben werden. U n t e r dem Tisch befindet sich das Kühlaggregat, das
dafür sorgt, daß die Temperatur in der Meßeinrichtung konstant bleibt
und nicht durch Schwankungen die Meßergebnisse verfälscht N e -
benan speichert ein Tischcomputer die Meßergebnisse, und auf Rega-
len stapeln sich Fachzeitschriften.
Im Büro kramt P o p p aus einem O r d n e r ein Blatt Papier mit Kurven,
die zunächst gar nicht sensationell aussehen. Sie beschreiben das zeitli-
che Verhalten der äußerst schwachen Lichtstrahlung - »Biophotonen«
- von Gurkenkeimen. Nicht, daß Gurkenkeime (und sehr wahrschein-
lich auch alle anderen lebenden Zellen) solche winzigen Strahlenblitze
aussenden, ist das Besondere, sondern vielmehr die Art, wie sie es tun.
Anstatt ein zufälliges Chaos von Lichtwellen zu veranstalten, stimmen
sich nämlich die Zellen aufeinander ab und senden ihre Wellen mehr
oder weniger im Gleichtakt aus: D e r Physiker nennt dieses Phänomen
»Kohärenz«, und kohärentes Licht ist bekannt unter dem Namen »La-
ser«. Lebende Zellen senden also nicht bloß gewöhnliches Licht aus,
sondern eine Art Laserlicht! Es k o m m t durch eine gegenseitige K o m -
munikation der Zellen zustande, und zwar nicht nur der Zellen eines
einzigen Keims. Die Kommunikation spielt interessanterweise auch
zwischen den Zellen verschiedener Keime.
»Hier«, P o p p deutete mit dem Bleistift auf einen Knick in der Kurve,
»wurde ein Gift zugegeben. Sie sehen, die Kohärenz nahm schlagartig
ab. Gleichzeitig aber« - er suchte inzwischen nach einem weiteren
Kurvenblatt - »nahm die Intensität der Strahlung zu, ein Zeichen da-
für, daß das Sterben eingesetzt hat.« Gesunde Zellen senden eine
schwache, geordnete Strahlung aus, kranke Zellen dagegen - zum Bei-
spiel auch Krebszellen - eine sehr viel stärkere, im allgemeinen chaoti-
sche, die anders zusammengesetzt i s t An dieser Stelle kamen wir auf
die Bedeutung dieser Befunde zu sprechen und darauf, wie sie von der
wissenschaftlichen Welt aufgenommen werden. »Im Krebsfor-
schungszentrum Heidelberg sagte man mir: Ihre Theorie ist ja ganz in-
teressant, aber weisen Sie Photonen aus Zellen erst mal nach«, erzählte
Popp. »Als ich sie dann nachgewiesen hatte, hieß es, Photonen und
Krebs hätten nichts miteinander zu tun.«
W a r u m schiebt ein Forschungszentrum mit einem Riesenetat, wo jähr-
lich D u t z e n d e von im G r u n d e genommen aussichtslosen chemischen

200
Verbindungen gegen Krebs getestet werden, ein derart neues, aus-
sichtsreiches Gebiet wie die Biophysik einfach beiseite? Das ist erst
verständlich, wenn man die Hintergründe kennt. Fritz-Albert P o p p
hat sie in einer langen Reihe von Leitz-Ordnern gesammelt
»Ach, da sind nicht Forschungsdaten drin?« wunderte ich mich.
»Nein, das ist Korrespondenz.« Seine Stimme klang ruhig, mit einer
Beherrschtheit, die manchmal in Verbitterung umschlug, als er mir
seine Geschichte erzählte.

Unter Beschuß

Nach einem Studium in experimenteller und theoretischer Physik in


Göttingen, Würzburg und Mainz hatte Popp sich zusehends für philo-
sophische, biologische und medizinische Fragen zu interessieren be-
gonnen. So zögerte er nicht, als ihm im April 1969 an der Universitäts-
klinik in Marburg eine Stelle als Strahlenphysiker angeboten wurde.
Am 1. Juli 1971 bekam er die schriftliche Zusicherung, daß seine Posi-
tion als wissenschaftlicher Assistent als Dauerstellung anzusehen sei.
Kurz darauf rief ihn sein Chef, Strahlenklinik-Direktor Professor
Friedhelm Heß, in sein Büro und legte ihm nach einer heftigen Unter-
redung nahe, die Kündigung einzureichen, andernfalls würde er entlas-
sen. Was war geschehen? Zwischen Heß und Popp hatte bisher ein
recht gutes Arbeitsverhältnis bestanden, und H e ß hatte sich mehrmals
positiv über Popps Leistungen geäußert
»Angefangen hat die Geschichte, als ich mich eines Tages bei der Ver-
waltung schriftlich beschwert habe, weil einer Mitarbeiterin ein Kurs
nicht bezahlt werden sollte. Es handelte sich um einige hundert Mark.
Ich schrieb weiter, man solle lieber darauf achten, nicht Geräte zu kau-
fen, die dann nur in der Klinik verstauben. Bei uns waren etwa Geräte
im Wert von mehreren hunderttausend Mark vorhanden, die nutzlos
herumstanden.« Damit hatte Popp beim Direktor H e ß einen empfind-
lichen Nerv getroffen, ohne sich dessen bewußt zu sein. Unerfahren,

201
wie er war, durchschaute er das System nicht, das sich wie anderswo
auch in Marburg als lukrative gegenseitige Zusammenarbeit zwischen
Professoren und Geräteherstellern etabliert hatte.
Dieses System funktioniert im wesentlichen so: Gerätehersteller ver-
geben gutbezahlte Gutachter- und Forschungsaufträge an Professoren.
U n d zwar an jene Professoren, die bei ihnen Geräte kaufen. Selbstver-
ständlich verbessern die Gerätehersteller ihre Modelle ständig. U n d
selbstverständlich möchte ein Professor und Klinikdirektor auch stets
die neuesten und leistungsfähigsten Modelle haben, mit denen er gute
Heilungsstatistiken und entsprechende wissenschaftliche Erfolge zu
erzielen hofft.
Popp, der sich im Recht fühlte, kündigte nicht, und der Direktor fand
vorläufig auch keinen handfesten G r u n d zu einer Entlassung. Doch die
nächsten Schwierigkeiten ließen nicht lange auf sich warten. 1972, als
P o p p seine Habilitationsschrift einreichte, w u r d e die Begutachtung
über G e b ü h r in die Länge gezogen. Während normalerweise zwei p o -
sitive Gutachten zur Annahme einer Habilitationsschrift ausreichen,
brauchte P o p p deren fünf, bis man sich endlich dazu entschloß, ihn zur
»Disputation« zuzulassen. Wie bei allen Kandidaten wurde auch
Popps Habilitation einstimmig bewilligt, doch als einziger wurde er
nach der Disputation nicht zum Professor befördert.
Zu jener Zeit existierte bereits ohne sein Wissen ein Senatsbeschluß der
Universität Marburg: Am 30. O k t o b e r 1972 hatte dieses Gremium mit
25 Ja, einer Enthaltung und keiner Gegenstimme entschieden, daß
P o p p z u m »Professor nach H 2 « befördert werden sollte. Dieser Be-
schluß wurde am 2. N o v e m b e r an den Kultusminister in Wiesbaden
adressiert. Das Schreiben war als Blatt N r . 22 ein Bestandteil der Per-
sonalakte Fritz-A. Popp. Als P o p p von diesem Senatsbeschluß erfuhr,
fragte er beim Kultusministerium an, warum er als einziger nicht be-
fördert worden sei. Er hat bis heute keine A n t w o r t darauf erhalten.
Jahre später, als er nach langem Tauziehen endlich durchsetzen konn-
te, in seine Personalakte Einsicht zu nehmen, fand er den G r u n d her-
aus: D e r Beförderungsbeschluß des Senats war in der Akte als zweites
Blatt »Nr. 22« gespeichert. So konnte dieser Beschluß jedesmal, wenn
die Personalakte nach Wiesbaden wanderte, unauffällig herausge-
n o m m e n werden, so daß niemand etwas davon bemerkte.

202
Dies ist kein Einzelfall und nicht einmal ein besonders krasser. Ein an-
derer Forscher, der seinen Namen nicht genannt haben möchte, mußte
es erleben, daß seine Habilitationsschrift von nicht weniger als vier-
zehn Experten begutachtet wurde, bis man sie schließlich mit der Be-
gründung ablehnte, alle vierzehn Gutachten seien negativ gewesen. Da
der Forscher jedoch einige der Gutachter persönlich kannte und w u ß -
te, daß sie sich seinerzeit sehr für seine Arbeit interessiert hatten, suchte
er sie auf, um die G r ü n d e für ihre negativen Stellungnahmen zu erfah-
ren. Als sie vernahmen, daß die Habilitation abgelehnt worden sei, fie-
len sie aus allen Wolken: Sie hätten doch die Arbeit seinerzeit mit den
besten Empfehlungen zur Annahme an die Fakultät zurückgeschickt,
und sie könnten das nicht verstehen . . . Nach und nach erfuhr der For-
scher, daß seine Arbeit in Wirklichkeit von dreizehn Experten positiv
beurteilt worden war. Erst das vierzehnte Gutachten war negativ: Es
stammte von einem Professor, mit dem sich der Forscher persönlich
überworfen hatte.
Am 24. N o v e m b e r w u r d e Fritz-A. P o p p D o z e n t »auf Widerruf«.
Nachdem er die notwendigen Zusatzscheine als Strahlenschutzver-
antwortlicher und Medizinphysiker in der Röntgendiagnostik, Nukle-
armedizin und Strahlentherapie erworben hatte, war er für die Bestrah-
lungsplanung von Nierenpatienten verantwortlich.
Die Bestrahlungsmethode, die Mitte der siebziger Jahre in der Mar-
burger Strahlenklinik üblich war, hatte schwerwiegende Mängel. Sie
hatte so schwere Mängel, daß sie nach allem Dafürhalten mehr schadete
als nützte. Popp, der seine ihm zugeteilte Aufgabe, genügend Strahlung
in das Tumorgebiet zu bringen und dabei das gesunde Gewebe mög-
lichst zu schonen, sehr ernst nahm, mußte feststellen: »Im Tumorge-
biet war wesentlich zuwenig Dosis vorhanden. Der Tumorbereich
wurde praktisch nur anbestrahlt, um das übrige Gewebe noch einiger-
maßen zu schonen.« H ä t t e man nach dieser Methode konsequent und
wirksam bestrahlt, dann hätte das Tumorgebiet die notwendige Dosis
bekommen, aber der Patient wäre dafür »mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit« an den Strahlenschäden gestorben. Der Fehler
der Methode lag darin, daß die tiefgelegenen Metastasengebiete nicht
zielsicher genug ins Strahlen-Kreuzfeuer genommen werden k o n n -
ten.

203
Popp machte seinen Chef, Professor Heß, pflichtgemäß auf diesen
Mangel aufmerksam und arbeitete eine bessere Bestrahlungsmethode
aus. Statt mit zwei sich überschneidenden Strahlenfeldern zu arbeiten
wie die praktizierte Methode, setzte P o p p zusätzlich ein sogenanntes
Pendelfeld ein. »Meine Methode war ziemlich kompliziert, aber gang-
bar«, sagt er. Die größten Vorzüge dieser M e t h o d e bestanden darin,
daß das empfindliche Rückenmark besonders geschont wurde.
Was sich nun an der Universitäts-Strahlenklinik Marburg abzuspielen
begann, war ein grotesker Machtkampf des Direktors, der das, was er
seiner Autorität schuldig zu sein glaubte, über das Wohl der ihm anver-
trauten Patienten stellte. Zunächst versuchte H e ß seinen unbequemen
Assistenten fachlich zu diskriminieren, indem er behauptete, dieser
würde ungeeignete Bestrahlungsmethoden vorschlagen. Die Sache
kam bis vor den Dekan. An einer Sitzung, bei der Popp eine Front von
Gegnern vor sich sah, gelang es ihm jedoch, seine Methode so überzeu-
gend zu verfechten, daß die Opposition abbröckelte. M a n beschloß,
die beiden Methoden in einer Untersuchung der Universität Gießen
nachprüfen zu lassen. Diese Untersuchung ergab, daß die in Marburg
praktizierte Bestrahlungsmethode tatsächlich viel schlechter war als
die an anderen Kliniken üblichen Methoden. Popps Methode dagegen
erwies sich als die beste der damals bekannten.
P o p p mußte nun mitansehen, wie die Patienten weiter nach der u n z u -
reichenden M e t h o d e bestrahlt wurden, ohne die ihnen zustehende
Chance auf Heilung. Dazu kam, daß eines Tages die Bestrahlungsma-
schine, das »Betatron«, defekt war: Die Elektronenenergie war um
dreißig Prozent zu niedrig. Das bedeutete eine viel kürzere Reichweite
der Elektronenstrahlung, die nicht mehr an den T u m o r herankam u n d
praktisch nur gesundes Gewebe bestrahlte.
» O b w o h l ich Professor H e ß sofort auf den Fehler aufmerksam machte,
verschleppte er die Angelegenheit mehrere Monate«, erzählt Popp.
»Mein Angebot, bei der Nachbehandlung zu wenig bestrahlter Patien-
ten behilflich zu sein, ignorierte er. Er tat dies ganz bewußt, und zwar
aus verschiedenen Gründen. Einmal wollte er nicht, daß der Fehler ans
Tageslicht kommt, und z u m anderen wollte er mich provozieren. Er
wollte mir zeigen, daß er hier der Chef sei, und gab mir ostentativ zu
verstehen, daß das, was ich sagte, nicht maßgebend sei.«

204
Maßlos ärgerte den Chef, daß P o p p im Mai 1975 z u m Dozenten auf
Zeit »befördert« wurde. Seine Anstellung konnte jetzt nicht mehr
durch einfachen Widerruf beendet werden, sondern war bis z u m
31. Januar 1980 befristet, immerhin f ü r fast fünf Jahre.
Auf H e ß ' Veranlassung wurde nun beim Präsidialamt der Marburger
Universität eine Akte mit dem Titel »Voruntersuchungen zu einem
Disziplinarverfahren gegen Dr. Fritz-A. Popp« angelegt, ohne daß
überhaupt etwas gegen ihn vorlag. Normalerweise m u ß eine solche
Vorermittlung, wenn sie vorschriftsgemäß durchgeführt wird, inner-
halb eines Vierteljahres abgeschlossen sein. P o p p wußte damals nicht,
daß sie bis zu seiner Entlassung, fünf Jahre danach, noch nicht beendet
sein würde.
Die ersten Eintragungen in die Akte fanden erst ein halbes Jahr nach ih-
rer E r ö f f n u n g statt. P o p p wurde beschuldigt, seinen Chef tätlich ange-
griffen zu haben, nachdem dieser in ziemlich plumper Weise erfolglos
versucht hatte, seinen bestgehaßten Assistenten zu provozieren. Eine
weitere Eintragung lautete auf »Störung des Betriebsfriedens«. Als
man ihm auf diese Weise mit haltlosen Beschuldigungen zusetzte,
brachte P o p p die Sache mit dem defekten Betatron u n d der mangelhaf-
ten Bestrahlungsmethode aufs Tapet.
»Von dem Zeitpunkt an hat man die Taktik schlagartig geändert. Jetzt
hieß es, das andere sei gar nicht wichtig, verglichen mit den Beschuldi-
gungen gegen den Direktor der Strahlenklinik. Wenn ich die nicht be-
weisen könne, würde ein Verweis in dem Disziplinarverfahren keines-
falls mehr ausreichen«, erzählt Popp. Glücklicherweise hatte er sich
von der Firma, die das Betatron wartete, eine Bescheinigung des De-
fekts geben lassen. Diese Bescheinigung schenkte ihm höchstwahr-
scheinlich einige Jahre Dozententätigkeit an der Universität. Was die
Bestrahlungsmethode betraf, behauptete H e ß nun, nie nach der
Methode bestrahlt zu haben, die er Tag f ü r Tag noch immer anwen-
dete. Dieser Widerspruch hatte f ü r H e ß keinerlei Konsequenzen, wäh-
rend im Disziplinarverfahren gegen P o p p angeblich weiterermittelt
wurde.
Eines Tages w u r d e im Beisein zweier Ärzte nach Popps Methode
bestrahlt Dabei mußte man darauf achten, am Rückenmark vorbei-
zustrahlen. Man konnte die Position des Strahls genau einstellen. D e r
behandelnde Oberarzt, so berichtet Popp, habe den Strahl genau auf
das Rückenmark eingestellt und ihn gefragt, ob das richtig sei.
»Da habe ich gesagt: >Nein, das ist nicht richtig, man stellt neben das
Rückenmark ein.<«
Daraufhin habe der Oberarzt, damals die »rechte Hand« des Chefs, ge-
antwortet: »Berechnen und vorschlagen können Sie, aber einstellen tun
wir.« D e r Strahl blieb sehr wahrscheinlich auf das Rückenmark einge-
stellt, das die ganze gebündelte Dosis abbekam. P o p p betont aller-
dings, er könne dies »nicht beweisen«.
Später wurde die Mutter eines mit P o p p befreundeten Mitarbeiters mit
einem N i e r e n t u m o r in die Marburger Strahlenklinik eingeliefert D e r
Mitarbeiter bat Popp, alles zu versuchen, damit seine Mutter nach der
besseren Methode bestrahlt würde. P o p p : »Wir hatten auch schon ei-
nen Arzt, der die Bestrahlung durchführte, auf unserer Seite. Da
k o m m t er [Heß] dahinter, daß das nach meiner Methode gemacht wer-
den soll, und schreibt an den Präsidenten, ich bestände darauf, daß bei
Patienten, die mir naheständen, Ausnahmen gemacht würden. Das sei
undenkbar, ich w ü r d e mich in klinische Dinge einmischen, die mich
nichts angingen u n d so weiter. Die Patientin mußte also nach der ande-
ren Methode bestrahlt werden, von der er vorher behauptet hatte, er
würde sie nie anwenden. Solche Widersprüche ergaben sich am laufen-
den Band. Das störte überhaupt nicht. Die Patientin starb ein Viertel-
jahr später an Metastasen, wobei ich ehrlicherweise sagen muß, daß sie
möglicherweise ohnehin daran gestorben wäre.« (Normalerweise le-
ben Nierenkrebspatienten noch mehrere Jahre, und »Heilungen« sind
keine Seltenheit)
In seiner Eigenschaft als D o z e n t hatte P o p p inzwischen mit seinem
Biophotonenprojekt begonnen. Die geschilderten Ereignisse hatten
den Strahlenphysiker gegen seinen Willen nach und nach zu einem Kri-
tiker der Krebsbestrahlung gemacht Er hatte zunächst nichts anderes
getan, als seine Pflicht möglichst gut und verantwortungsbewußt zu er-
füllen, und hatte nicht daran gezweifelt, daß es sinnvoll sei, einen
T u m o r zu bestrahlen. Seine E m p ö r u n g über die Fehler und Schlampe-
reien machte dann allerdings im Laufe der Jahre einer grundsätzlichen
Kritik Platz. Die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit brachten ihn
immer mehr zur Einsicht, daß Krebs eine Art Kommunikationsstö-

206
rung in den subtilen Signalen sei, mit denen sich die Zellen untereinan-
der verständigen.
»Krebs bedeutet, vereinfacht ausgedrückt, Chaos«, erklärte Popp,
»und ein Chaos kann man nicht dadurch beseitigen, daß man noch
mehr U n o r d n u n g erzeugt.«

Die Entdeckung der Biophotonen

Begonnen hat es für ihn mit der Frage, worin sich die beiden Substan-
zen 1,2-Benzpyren und 3,4-Benzpyren eigentlich unterscheiden. 3,4-
Benzpyren ist einer der am stärksten krebserregenden Stoffe, den man
kennt, während 1,2-Benzpyren keinen Krebs hervorruft. In ihrer che-
mischen Struktur sehen sich die beiden Substanzen zum Verwechseln
ähnlich: Sie bestehen aus fünf Ringen, die in beiden Fällen etwas ver-
schieden angeordnet sind. Auf die chemischen Eigenschaften hat das
keinen Einfluß, wohl aber auf die physikalischen, genauer: auf die opti-
schen. Das krebserregende 3,4-Benzpyren zeigt nämlich ein charakte-
ristisches Leuchten, ein »Fluoreszieren« im Wellenlängenbereich von
etwa 400 Nanometer (1 Nanometer ist ein Millionstel Millimeter),
wenn man es mit ultraviolettem Licht bestrahlt Das 1,2-Benzpyren
zeigt dieses bestimmte, f ü r die krebserregende Schwestersubstanz ty-
pische Leuchten nicht
Der Fluoreszenzeffekt des 3,4-Benzpyrens wurde bereits 1932 von ei-
ner Gruppe von britischen Forschern ausgenutzt 1 6 5 . Sie stellten fest:
Teer fluoresziert, und da man schon seit über 250 Jahren wußte, daß
Teer Krebs erzeugt, vermuteten die Forscher, daß es der fluoreszie-
rende Stoff im Teer sein könnte, der Krebs erzeugt. Sie behielten recht
Wenn man diese Argumentation weiterführt, kommt man unweiger-
lich zur Biophotonentheorie. Man kann es drehen und wenden, wie
man will: Der einzige wesentliche Unterschied zwischen dem krebser-
regenden 3,4-Benzpyren und dem harmlosen 1,2-Benzpyren ist in der
ungewöhnlichen Fluoreszenz, im Lichtverhalten der krebserregenden

207
Substanz zu finden. Folglich müßte eigentlich Krebs irgend etwas mit
Licht zu tun haben.
Popp, der theoretische Physiker, begann zu rechnen: Irgendwo im Be-
reich um 400 N a n o m e t e r herum - gerade an der Grenze z u m unsicht-
baren Ultraviolettbereich - müßte bei lebenden Zellen eine äußerst
schwache Photonenstrahlung zu finden sein. So ließe sich die krebser-
regende Wirkung des 3,4-Benzpyrens am einfachsten erklären. Ameri-
kanische Kollegen bestätigten zwei Jahre später diese Berechnungen
auch experimentell.
Popps Mitarbeiter Dr. Bernd Ruth machte sich 1974 daran, eine Appa-
ratur zu entwickeln, mit der man solche Photonen nachweisen konnte.
Die Einrichtung, die er in einjähriger mühsamer Kleinarbeit aus Leih-
geräten zusammenbaute, besteht im wesentlichen aus vier Teilen: ei-
nem etwa kürbisgroßen Dunkelraum, einem Farbfilter, einer rotieren-
den Hell-Dunkel-Scheibe (»Chopper«, zu deutsch »Zerhacker«) u n d
dem Photonenzähler.
Ein P h o t o n ist das kleinste nur mögliche Lichtblitzchen, das in der N a -
tur v o r k o m m e n kann. Das heißt: P h o t o n e n sind eine Art Licht-Ato-
me, und theoretisch kann man die Stärke eines bestimmten Lichtstrahls
dadurch angeben, daß man die Photonen dieses Lichtstrahls zählt. Das
Licht einer Kerze z u m Beispiel besteht aber aus so ungeheuer vielen
Photonen, daß diese Art zu messen im Alltag keine Rolle spielt. Anders
sieht das f ü r ganz schwache Lichtquellen aus: H i e r ist das Zählen von
Photonen die angemessene Art, die Lichtstärke zu bestimmen' 1 '.
F ü r das Gefäß, das die Zellenprobe aufnehmen sollte, wählte R u t h
Quarzglas, weil dieses - im Gegensatz zu normalem Glas - auch ultra-
violettes Licht durchläßt, und die vermutete Photonenstrahlung sollte
sich in eben diesem Wellenbereich zeigen. Das Gefäß, eine sogenannte
Küvette von etwa Streichholzschachtelgröße, wird in die möglichst
lichtdicht abgeschlossene Meßkammer geschoben. Ein Hohlspiegel im

* Uber die Natur des Lichts existieren zwei Theorien gleichberechügt nebeneinander:
die Wellentheorie und die Teilchentheorie. Licht läßt sich sowohl begreifen als eine elek-
tromagnetische Schwingung (ähnlich wie Radio- oder Radarwellen) mit einer bestimm-
ten Wellenlänge, die im Bereich von Nanometern, das heißt Millionstel Millimetern,
liegt. Oder man kann Licht auch als einen Strom von winzigen Energieteilchen, den Pho-
tonen, darstellen.

208
Innern des Dunkelraumes dient dazu, das schwache Licht der Zellen,
das nach allen Seiten abgestrahlt wird, zu bündeln. Im Schnittpunkt
dieses Photonenbündels befindet sich eine kleine Ö f f n u n g , die den
Weg zu dem dahinterliegenden Farbfilter freigibt. Wenn das Licht auf
diesen Filter trifft, der wahlweise eingeschoben werden kann, werden
nur noch P h o t o n e n ganz bestimmter Wellenlängen durchgelassen.
Die Hell-Dunkel-Scheibe, die hinter dem Filter den Strahl abwechs-
lungsweise durchläßt und unterbricht, dient dazu, die Biophotonen
von den immer vorhandenen Stör-Photonen zu trennen. Auch bei völ-
liger Dunkelheit registriert nämlich der Zähler immer eine gewisse
Zahl von Photonen, und diese verfälschen natürlich die direkte Mes-
sung. D a n k der Hell-Dunkel-Scheibe werden nun abwechslungsweise
diese Dunkelziffer (»Dunkelzählrate«) als auch die Photonenzahl er-
mittelt, in denen das Biosignal enthalten ist. Wenn man von dieser Zahl
die Dunkelziffer abzieht, kann man leicht die eigentliche Zellstrahlung
berechnen.
Als Ruth seinen Apparat gebaut hatte, begann er zunächst Hefezellen
zu testen. Diese mikroskopisch kleinen Pilze lassen sich sehr leicht
züchten. Tatsächlich konnte er damit eine schwache Strahlung nach-
weisen. O h n e Zweifel handelte es sich um Lebenssignale und nicht um
irgendeinen Störeffekt, denn nur bei Zellkulturen, die im Wachstum
begriffen waren, zeigte sich die Strahlung. T r o t z d e m blieben noch ei-
nige Zweifel: Enthielt die Hefelösung allenfalls Verunreinigungen?
War vielleicht die Höhenstrahlung mit im Spiel ? Die Strahlung der H e -
fezellen war so schwach, daß sich solche Einwände nicht ohne weiteres
entkräften ließen.
Das nächste Testobjekt waren Kartoffelkeime. Kartoffeln keimen auch
in völliger Dunkelheit, also bei den Bedingungen, wie sie in der Meß-
küvette herrschten. Ruth brachte einen ungefähr 1 cm langen Keim in
die M e ß k a m m e r und schaltete die hochempfindliche Apparatur ein.
»Um sich einen Begriff von dieser Empfindlichkeit zu machen, m u ß
man sich ein G l ü h w ü r m c h e n in zehn Kilometer Entfernung vorstel-
len«, erklärt Popp. »Sein Licht könnte mit unserer Meßanordnung
nachgewiesen werden.« Die Messungen bestätigten: Die vermutete ul-
traschwache Strahlung existierte, und diesmal konnte es trotz der zahl-
reichen Einwände keinen Zweifel mehr geben. D e r Kartoffelkeim gab

209
etwa hundert P h o t o n e n pro Sekunde ab. In der völligen Dunkelheit der
Meßkammer ging diese Strahlung zunächst etwas zurück und stieg
dann wieder an. N a c h einem Tag betrug die Strahlung sogar das Ein-
einhalbfache des Ausgangswertes, um dann wieder abzufallen und
noch drei, vier Tage lang um diesen Wert herum zu schwanken.
D e r nächste Gedanke lag auf der H a n d : Wenn diese Strahlung ein Phä-
nomen des Lebens ist, dann muß sie verschwinden, wenn man die
Keime abtötet. P o p p und seine Mitarbeiter legten die Keime in Azeton,
um die Zellen zu vergiften, und brachten sie anschließend in die Meß-
kammer. Zur Überraschung der Forscher stieg die Strahlung zunächst
drastisch an: Statt etwa hundert wurden jetzt hunderttausend Photo-
nen in der Sekunde gemessen. Dieser »Schwanengesang« der sterben-
den Zellen dauerte allerdings nicht lange. Schon wenige Stunden später
begann die Strahlung abzunehmen und war nach wenigen Tagen völlig
erloschen.
D a ß Zellen winzige Lichtblitze aussenden, kann einen Laien ganz
schön z u m Staunen bringen. Wie sensationell dieser Befund aber wirk-
lich ist, wird sogar einem Biologen oder Mediziner nicht o h n e weiteres
klar. Die Berechnungen der theoretischen Physiker ergeben - und da
die theoretische Physik für mich ein Buch mit sieben Siegeln ist, m u ß
ich mich darauf beschränken, das nackte Resultat wiederzugeben -,
daß man nicht weniger als hunderttausend Kubikmeter (!) Zellen un-
tersuchen müßte, um ein einziges durch die Wärmebewegung der M o -
leküle «zufällig« erzeugtes P h o t o n mit einer Wellenlänge von weniger
als 800 N a n o m e t e r anzutreffen. Mit anderen W o r t e n : Die P h o t o n e n in
den lebenden Zellen entstehen nicht einfach aus Zufall, sie werden er-
zeugt. Man ist versucht zu sagen: gezielt, und dabei stellt sich die Frage,
was sie f ü r einen Zweck erfüllen.
Licht hängt, wie eben erwähnt, sehr eng mit der Temperatur zusam-
men. Berechnet man die Temperatur, die im Zellinneren herrschen
müßte, um die gemessenen Photonen als »Wärmestrahlung« abzuge-
ben, erhält man Werte um 500 Grad Celsius. D a ß die Zelle deswegen
nicht auf der Stelle verdampft, liegt daran, daß es sich nicht um Wärme-
strahlung handelt und daß deshalb die Energie nicht regellos auf alle
Zellbestandteile verteilt ist. Die hohe »Temperatur« der Photonen-
strahlung im Zellinnern hat aber zur Folge, daß chemische Reaktionen

210
um eine Zahl mit 33 Nullen mal schneller ablaufen können als bei
Zimmertemperatur in einem Reagenzglas.
Uber die biologische Bedeutung der Photonenstrahlung äußert sich
P o p p so: »Weil die Reaktionsgeschwindigkeit von der Intensität der
Strahlung so stark abhängig ist, beeinflußt diese Strahlung die bioche-
mischen Abläufe in der Zelle nicht nur empfindlich: Sie reguliert sie
auch! Ausfall der Strahlung bedeutet kein spürbares Wachstum. Die
Wirkung von Regulatormolekülen aber, wie z u m Beispiel von H o r -
monen, Chalonen*, aber auch von Pharmaka, gewinnt unter diesem
Aspekt eine bisher ungewöhnliche Bedeutung: Ihr Einfluß auf das
Strahlungsfeld ist der D r e h - und Angelpunkt ihrer biologischen F u n k -
tion! Schließlich muß der Metabolismus, die Immunabwehr, die Bio-
logie der Zelle, ja selbst das, was wir Bewußtsein nennen, unter diesem
überraschenden Aspekt neu überdacht werden. U n d es finden sich Lö-
sungen, die uns fast in Euphorie versetzen könnten, die uns das Ver-
ständnis der N a t u r ungeahnt nahe zu bringen vermögen und die Skep-
tiker überzeugen müssen. Es sind wissenschaftliche Programme, die
Jahrzehnte intensiver und interdisziplinärer Forschungsarbeit bedür-
fen.« (Zitiert aus dem eingangs erwähnten Buch mit dem Titel »So
könnte Krebs entstehen«.)
Der Optimismus, der aus diesen Zeilen spricht, macht verständlich,
warum der Biophysiker Fritz-A. P o p p , D o z e n t lediglich auf Zeit, trotz
aller Schwierigkeiten nicht aufgab. Die ständigen Versuche, ihn fach-
lich und menschlich zu disqualifizieren - der Dekan des Fachbereichs
Humanmedizin, Professor Heinrich Oepen, hatte in einem Schreiben
an das Kultusministerium in Wiesbaden Popps Verhalten als »besorg-
niserregend« u n d »in die N ä h e psychopathischen Verhaltens zu rük-
ken« bezeichnet -, brachten ihn zeitweise an den Rand völliger Ver-
zweiflung und bescherten ihm ein Magenleiden, von dem er sich bis
heute noch nicht völlig erholt hat.

* Chalone sind hormonähnliche Substanzen im Innern von Zellen.

211
Theorie und Praxis

Wegen seiner interessanten Forschungsarbeit und seines gewinnenden


Wesens war er bei den Studenten sehr beliebt und hatte zeitweise bis zu
zwanzig Diplomanden und Doktoranden zu betreuen. Auch ihnen be-
gann man das Leben schwerzumachen. »Bei einem von ihnen«, erin-
nert Popp sich, »hat die Beurteilung der Diplomarbeit länger gedauert
als das Schreiben der Arbeit selbst.« Ein Student gab am 17. April 1978,
Blatt Nr. 21 b in den Akten von Popps Anwalt, zu Protokoll: »Ich be-
stätige, daß ich die Absicht hatte, meine Diplomarbeit bei H e r r n P o p p
(Radiologiezentrum) zu schreiben. Zu diesem Zweck besuchte ich
über vier Semester dessen Seminare. Aufgrund der Schwierigkeiten, die
Herrn Popp und seinem Mitarbeiter B . R u t h vom Fachbereich 13
(Physik) der Universität Marburg im Sommersemester 1977 gemacht
wurden, auf Gespräche hin, die ich mit Professoren des Fachbereichs
führte, aus welchen hervorging, daß meine eigene Diplomarbeit wohl
keine sachliche Beurteilung finden würde, entschloß ich mich, einen
anderen Diplomvater zu suchen.« Von acht Physikern, die bis 1980
bei Popp ihr Diplom abgeschlossen hatten, wurden sechs mit der Best-
note i und zwei mit der ausgesprochen schlechten N o t e 4 bewertet.
Uber diese beiden Arbeiten liegen allerdings kompetente auswärtige
Gutachten mit der N o t e 1 vor. Soweit einige Hintergründe zur
Befürchtung des Studenten, »keine sachliche Beurteilung« zu fin-
den.
Solche Machenschaften waren nicht nur f ü r die betroffenen Studenten
schlimm, sie behinderten auch die Forschungsarbeit. Die Fragestellun-
gen, denen die Studenten in ihren Diplomarbeiten und Dissertationen
nachgingen, brachten nämlich bisweilen hochinteressante Ergebnisse.
Ein Student hatte beispielsweise herauszufinden, wie die Feldlinien-
verteilung von stehenden Lichtwellen im Innern eines Hohlkörpers
mit den Ausmaßen einer Zelle aussieht. Leider ist das für einen Laien
recht schwierig zu verstehen, deshalb hier eine etwas einfachere U m -
schreibung: Es ging darum, rein theoretisch herauszufinden, wie sich
die Biophotonen im Innern einer Zelle verteilen könnten. Das Muster,
das aufgrund der Berechnungen auf dem Papier entstand, glich überra-

212
sehend genau den Strukturen, wie sie ein Biologe bei einer Zellteilung
unter dem Mikroskop sieht.
Wenn sich eine Zelle zu teilen beginnt, dann klumpt sich zunächst das
Material des Zellkerns in der Zellmitte zusammen und bildet die soge-
nannten Chromosomen. Am Rand der Zelle, einander genau gegen-
über, bilden sich sodann zwei Pole, zwischen denen sich ein spindel-
förmiges Bündel von feinen Fasern ausspannt. Längs dieser Fasern
wandern nun die C h r o m o s o m e n zu den beiden Polen, lösen sich auf
und bilden je einen neuen Zellkern, und in der Mitte bildet sich zwi-
schen den beiden neuentstehenden Zellen eine trennende Haut. Das
Verteilungsmuster der elektromagnetischen Wellen sieht nun genau so
aus wie die beiden Pole und das spindelförmige Faserbündel. Der zeit-
liche Verlauf der Zellteilung läßt sich durch Uberlagerung solcher ste-
henden Wellen beschreiben. Das ist natürlich noch kein Beweis dafür,
daß die Bildung der Spindelfasern und der beiden Pole durch die Pho-
tonenstrahlung im Innern der Zelle gesteuert wird. Aber es ist ein wei-
teres verblüffendes Indiz f ü r eine Theorie, die elegant viele Fakten zu-
sammenbringen kann, an denen sich die Biochemiker bisher vergeblich
die Zähne ausgebissen haben.
Solche Fakten sind schon lange b e k a n n t Z u m Beispiel: W e n n man eine
Zellkultur durch eine Glasscheibe trennt und die eine Hälfte der Kultur
mit einem Virus infiziert, bleibt die andere Hälfte jenseits des Glases
gesund. Natürlich, denn das Glas hält ja die Viren zurück. N i m m t man
aber kein gewöhnliches Glas, sondern Quarzglas, dann wird die andere
Hälfte ebenfalls angesteckt, und zwar durch das Glas hindurch, das
keinerlei chemische Substanzen oder Viren durchläßt. Was Quarzglas,
nicht aber gewöhnliches Glas durchläßt, sind jedoch ultraviolette
Strahlen.
Schon vor über 50 Jahren stellte der bereits im letzten Kapitel erwähnte
sowjetische Wissenschaftler A. G. Gurwitsch eine Ultraviolettstrah-
lung in lebenden Zellen fest. Er beobachtete, daß diese Strahlung die
Zellteilung beeinflußte und nannte sie deshalb »mitogenetische Strah-
lung*«. Da ihm die nötigen technischen Voraussetzungen fehlten,
konnte er diese Strahlung nicht messen.

* Mitose ist die »gewöhnliche«, ungeschlechtliche Zellteilung.

213
»Könnten Biophotonen etwas mit Wilhelm Reichs Orgonstrahlung zu
tun haben?« wollte ich von Fritz-Albert P o p p wissen.
»Das weiß ich nicht«, antwortete er, »ich habe seine Bücher nicht gele-
sen. «
»Reich hat behauptet, er habe die Orgonstrahlung von Auge gesehen.
Ich zweifle sehr daran, denn das, was Sie mit Ihrem hochempfindlichen
Gerät messen, ist doch so schwach, daß man es unmöglich sehen
kann.«
»Das Auge ist so empfindlich, daß es ein einziges P h o t o n wahrnehmen
kann«, erwiderte Popp. »Das bedeutet natürlich nicht, daß man ein
einziges P h o t o n auch wirklich sehen muß. Normalerweise nützen un-
sere Augen ihre h o h e Empfindlichkeit nicht aus. Sie sind an verhält-
nismäßig helles Licht angepaßt. Bei optimaler Anpassung könnte man
tatsächlich ein einziges P h o t o n sehen.«
Ich nahm mir vor, mich gelegentlich einmal mit einem Gurkenkeim -
dem heutigen Standardobjekt von Popps Arbeitsgruppe - in einen völ-
lig dunklen Raum zurückzuziehen. Daß ich das dann nicht tat, lag
nicht nur daran, daß ich keine Gurkenkeime und keine Zeit hatte. Die
Frage, ob Wilhelm Reich Biophotonen gesehen hat, erschien mir im-
mer nebensächlicher. Vielleicht war Reich mit einer falschen Methode
auf eine richtige Spur gekommen, und wenn die Spur richtig war, was
tat dann die falsche Methode zur Sache? Eine richtige Idee setzt sich
früher oder später sowieso durch. Andere Forscher greifen sie auf,
wenden bessere Methoden an, korrigieren die Theorie und entwickeln
sie weiter.
D a ß die Ideen von Reich, Gurwitsch und anderen Wissenschaftlern
jahrzehntelang nicht ernstgenommen wurden, mag daran liegen, daß
die sich f ü r seriös haltenden Forscher alles, was mit Strahlen zusam-
menhing, irgendwie mit okkulten Phänomenen in Verbindung brach-
ten. Wer sich damit beschäftigte, lief Gefahr, seinen guten Ruf zu ver-
lieren. Zudem fehlte bis vor wenigen Jahren, als Bernd Ruth sein Gerät
entwickelte, die technische Möglichkeit zur physikalischen Untersu-
chung von ultraschwachen Strahlen.
Biophotonen als Signale, mit denen sich Zellen untereinander verstän-
digen, die Erbsubstanz D N A nicht nur als chemischer Lochstreifen,
sondern auch als Antenne, mit der diese Signale gesendet und aufgefan-

214
gen werden - das alles ist nicht nur theoretische Spielerei, sondern hat
ganz handfeste praktische Bedeutung. Z u m Beispiel läßt sich die Wirk-
samkeit von Arzneimitteln damit testen. P o p p und seine Mitarbeiter
haben ihre Methode deshalb in Deutschland patentieren lassen. Vergif-
tet man Gurkenkeime mit einer Dosis Heparin, dann zeigen sich nach
mehreren Stunden starke Strahlenausbrüche, die den Zelltod ankündi-
gen. Verabreicht man jedoch wenig später das Gegengift Protamin,
steigt die Strahlung für wenige Minuten scharf an - eine Gegenreaktion
- und fällt dann auf den Ausgangswert gesunder Keime zurück. Die für
den Zelltod typischen Schwankungen bleiben aus.
Mit dem Test lassen sich zudem Krebszellen von normalen Zellen un-
terscheiden und die Wirksamkeit von Antikrebsmitteln verfolgen.
Ehrlich-Aszites-Tumorzellen z u m Beispiel, die sich im Reagenzglas
ungehemmt vermehren, senden eine weniger kohärente, also weniger
laserähnliche Strahlung aus als Zellen in einem gesunden Zellverband.
Behandelt man die Zellen mit dem Zellgift 4-Hydroperoxycyclophos-
phamid, einem Wirkstoff des bekannten Antikrebsmittels Endoxan,
dann nimmt die Kohärenz der Strahlung zu, und die Strahlung wird
nach langer Zeit schwächer. Dies ist nicht nur ein Zeichen dafür, daß
Zellen in der Teilungsphase durch das Gift abgetötet werden. Die D o -
sis-Effekt-Kurve ist gleichzeitig ein Beleg für die Abartigkeit des Zell-
gewebes. Die Methode eignet sich auch zum Test der bereits bekannten
Antikrebsmittel. D e r Test mit Cyclophosphamid diente ja nicht dazu,
die Wirkung dieses bekannten Giftes nachzuweisen, sondern die Wirk-
samkeit der Methode. Mit ihr lassen sich andere, noch unerprobte und
weniger schädliche Wirkstoffe daraufhin prüfen, ob sie die Strahlung
der Tumorzellen in die Richtung von Normalzellen hin verändern.
Die Arzneimittelindustrie zeigte bisher kein großes Interesse an der
Methode, mit Ausnahme mehrerer Hersteller von Naturheilpräpara-
ten. Solche Präparate, insbesondere jene, die in homöopathischen D o -
sen verabreicht werden, wirken sehr subtil, und ihre Wirksamkeit läßt
sich deshalb mit den herkömmlichen Tests n u r schlecht nachweisen.
Da an den großen Kliniken aber keine Naturheilmittel verwendet wer-
den, fehlen die »Doppelblindversuche« an einer genügend großen Zahl
von Patienten, die in der Regel als Wirksamkeitsnachweis gefordert
werden.

215
Hätte die erwähnte Bio-Arzneimittelfirma das Biophotonenprojekt
nicht finanziell unterstützt, nachdem P o p p von der Universität Mar-
burg entlassen wurde, wäre das Forschungsprojekt wohl am Ende ge-
wesen. Popps Dozentenvertrag lief am 31. Januar 1980 aus und w u r d e
nicht erneuert, obwohl der hessische Landtag in einem Beschluß zu-
handen des Kultusministeriums dafür eingetreten war, daß die Ar-
beitsgruppe weiterforschen könne.
N u n wollte es der Zufall, daß derselbe Dr. Busch, der in Marburg als
Sachbearbeiter die disziplinarische Vorermittlung gegen P o p p geführt
hatte, inzwischen der zuständige Mann im Kultusministerium in
Wiesbaden geworden war. Selbstverständlich hatte er kein Interesse
daran, daß P o p p an der Universität bleiben konnte. Am 8. Januar 1980
ließ er ihm mitteilen: »Ihr Beamtenverhältnis auf Zeit als D o z e n t an ei-
ner Universität endet gemäß §38 Abs. 2 H B G durch Zeitablauf am
31. 1. 1980. Jeder Bedienstete an der Universität muß bei der Inan-
spruchnahme von Drittmitteln sich neben der Zahl der Mitarbeiter,
Diplomanden und D o k t o r a n d e n nach den ihm zugewiesenen Räumen
und Sachmitteln orientieren. Für Sie als D o z e n t auf Zeit kam noch der
Zeitfaktor hinzu. Sie wußten von vornherein, daß Ihr Beamtenverhält-
nis am 31. 1. 1980 endet. Dieser Termin ist in Ihrer U r k u n d e ausge-
druckt. Es war klar, daß Ihre evtl. Weiterbeschäftigung nur in einem
anderen Rechtsverhältnis möglich sein würde. Dafür, daß ein solches
Rechtsverhältnis begründet wurde, hatten Sie keine Anhaltspunkte,
zumal ich schon mit Erlaß vom 27. 1. 1 9 7 7 " ' . . . darauf hingewiesen
hatte, daß D o z e n t e n nicht mit einer Weiterbeschäftigung rechnen
könnten. Sie waren gehalten, bei Beschäftigung der Arbeitsgruppe ent-
sprechend zu disponieren, zumal Ihnen auch bekannt war, daß weder
der Dekan des Fachbereichs noch der Präsident der Universität bei mir
beantragt haben, Sie in einem anderen Rechtsverhältnis zu beschäfti-
gen. Aufgrund der Berichte des Präsidenten der Universität Marburg
und der zusätzlich von mir erfolgten Prüfungen sehe ich damit keine
Basis f ü r eine Weiterarbeit Ihrer Arbeitsgruppe.«
Eine ganze Anzahl von Popps Mitarbeitern stand damit auf der Straße.
Sie hatten zum Teil jahrelang an ihrer Diplom- oder Doktorarbeit ge-

* Dieser Erlaß war Popp nicht zugestellt worden.

216
forscht und geschrieben, und diese Arbeit war jetzt u m s o n s t Die Bio-
photonenforschung hatte keinen Platz mehr an der Marburger Univer-
sität Wie aus dem Schreiben des Kultusministeriums hervorgeht, hatte
Popp allen G r u n d anzunehmen, daß er keine Chance hatte, übernom-
men zu werden. Da waren nicht nur die persönlichen Gründe, die
Kontroverse zwischen ihm und dem Direktor der Strahlenklinik, die ja
im Grunde nicht auf der persönlichen, sondern auf der sachlichen
Ebene ihre Ursache hatte. Entscheidend dürfte das Urteil einiger von
der Universität ausgesuchter »Gutachter« gewesen sein.
Wie der Dekan des Fachbereichs Humanmedizin der Marburger Uni-
versität gegenüber der »Mittelhessischen Anzeigen-Zeitung« erklärte,
bestand über die Arbeit von Dr. Popp »keine einhellige Meinung«.
Popp bemerkte dazu: »Die Universität Marburg hat sich geweigert,
Gutachter, die als fachkompetent vorgeschlagen waren, einzuschalten.
Statt dessen bestellte sie in plumper Weise zwei Gefälligkeitsgutachten,
die, ohne mich zu informieren, in der Personalakte abgeheftet wurden.
Da es sich um polemische und leicht widerlegbare Stellungnahmen -
teilweise zu Dr. Ruths Arbeiten - handelt, wurde auf die Bezeichnung
>Gutachten< verzichtet.«

Dem Krebsproblem auf der Spur?

Biophotonen wurden inzwischen von mehr als einem Dutzend For-


schergruppen an verschiedensten pflanzlichen und tierischen Orga-
nismen nachgewiesen. Führende amerikanische Physiker bestätigten
Popps Berechnungen, und seine Arbeiten wurden in renommierten
Fachzeitschriften publiziert. Daß es Biophotonen gibt, kann man
heute nicht mehr bestreiten, und daß sie eine ganz neue und höchst aus-
sichtsreiche Möglichkeit bieten, dem Krebsproblem auf die Spur zu
kommen, liegt auf der Hand.
Der Fall Popp ist mehr als ein lokaler Universitätsskandal; er ist ein
Beispiel dafür, wie ein ganzes, vielversprechendes Forschungsgebiet,

217
das mehr Licht in das Krebsproblem bringen könnte, zugunsten ze-
mentierter Richtungen abgewürgt wurde. Er ist nur einer von vielen
ähnlich gelagerten Fällen, deren ausführliche Schilderung den Leser
mit der Zeit langweilen müßte.
Die Haltung der offiziellen Wissenschaft ist so ziemlich das genaue
Gegenteil dessen, was ihre Vertreter in der Öffentlichkeit immer wie-
der betonen. So stellte z u m Beispiel die nochoffizielle »Bestandsauf-
nahme Krebsforschung in der Bundesrepublik Deutschland« der
Deutschen Forschungsgemeinschaft ausdrücklich fest: »Es könnte . . .
durchaus sinnvoll sein, zunächst mit vollem Einsatz an der Entwick-
lung neuer Konzepte in der Zellbiologie zu arbeiten und dann erst zu
medizinischen Fragestellungen zurückkehren.« U n d weiter: »Frei-
raum für nichtprogrammierte Forschung sollte unter der Vorausset-
zung wissenschaftlicher Qualifikation mit großem Nachdruck gefor-
dert und gefördert werden 1 6 7 .«
Das Krebsproblem läßt sich im G r u n d e genommen auf die Frage zu-
rückführen: Wie merkt eine Zelle, wann sie sich teilen soll und wann
nicht? Wenn man bedenkt, daß sich in unserem Körper jede Minute
viele Millionen Zellen teilen, muß man sich eigentlich wundern, warum
nicht jeder Mensch einen Krebs bekommt. Die Tatsache, daß sich Zel-
len nicht wie Einzelwesen verhalten, sondern als ein Ganzes, konnte
bis heute nicht erklärt werden. Zwar isolierten die Biochemiker eine
ganze Anzahl von komplizierten chemischen Verbindungen, die in der
Zelle steuernd in den Stoffwechsel eingreifen. Man nennt sie »Inhibito-
ren«, »Repressoren« und so weiter. Sie sollen an der D N A gewisse Be-
reiche ein- und ausschalten, worauf gewisse Stoffwecnselvorgänge zu
laufen beginnen oder eingestellt werden.
Diese Theorie erklärt ganz gut, wie die Steuerung im Innern einer Zelle
funktioniert, das Verhalten der Zellen untereinander läßt sich aber da-
mit nicht zufriedenstellend beschreiben. Chemische Substanzen tau-
gen nämlich nur zur Informationsvermittlung über kurze Distanzen.
Uber ihre Steuerung, Richtungsabhängigkeit und über den genauen
Einsatzpunkt ihrer Funktion kann durch Isolierung immer neuer che-
mischer Substanzen nichts ausgesagt werden. Zwar werden mit dem
Blut auch H o r m o n e , chemische Botenstoffe, transportiert und können
deshalb an weit entfernte Körperstellen gelangen. H o r m o n e benötigen

218
relativ viel Zeit, bis sie vom Absender / u m Empfänger gelangt sind.
Man kann sie am ehesten mit einer Briefpostsendung vergleichen. Es ist
nur schwer denkbar, daß die heikle Aufgabe der Zellen, sich unterein-
ander über die Teilung abzusprechen, allein auf dem chemischen Kor-
respondenzweg gelöst werden kann. Viel plausibler ist ein ständiger
Funkkontakt, der sich über elektromagnetische Wellen, beispielsweise
über Biophotonen, abspielen müßte.
Popp und seine Mitarbeiter haben herausgefunden, daß Zellen, die sich
teilen, nicht nur stärker strahlen als ruhende Zellen, sondern daß sie
ebenso wie Krebszellen auch eine weniger kohärente Strahlung abge-
ben. Die Kohärenz der Strahlung ist ein Maß für den Einklang, der
zwischen den einzelnen Zellen herrscht. Je besser die Zellen ihre Strah-
lung aufeinander abstimmen, desto größer ist die Kohärenz. Wird der
Zellverband gestört, beispielsweise durch eine Verletzung, geht dieser
Einklang verloren: die Kohärenz nimmt ab. Dafür wird die Strahlung
intensiver. Mit anderen Worten: Die Zellen verhalten sich in ihrem
Strahlungsverhalten etwa so wie Ameisen, wenn man in einem Amei-
senhaufen stochert. Das Gewimmel im Ameisenhaufen dauert so lange
an, bis der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt ist. Wenn sich in
einem gesunden Gewebe Zellen teilen, dann tun sie das, um andere Zel-
len zu ersetzen, die abgestorben sind. Zellteilung dient also dazu, eine
Störung zu beseitigen.
Nach der Biophotonentheorie wird eine Zellteilung dadurch ausgelöst,
daß eine Zelle ihre Abstimmung mit den anderen Zellen verliert. Sie
reagiert darauf mit einer verstärkten Strahlung, so als ob sie dafür sor-
gen wollte, daß ihre Signale von den anderen Zellen besser empfangen
werden können. Gleichzeitig beginnt sie sich zu teilen, das heißt, sie
bildet mit ihren Tochterzellen und deren Nachkommen zusammen ei-
nen neuen Zellverband, der unter sich wieder einen Strahlengleich-
klang aufbaut. Erst wenn der vorherige Zustand wieder erreicht ist, das
heißt, wenn alle Zellen des betreffenden Organs wieder miteinander
kommunizieren, hört die Zellteilung auf.
Jede Zelle besitzt in ihrem Zellkern gespeichert sämtliche Informatio-
nen über den Bau des ganzen Organismus. Mit dieser Information
kann sie nur etwas anfangen, wenn sie genau »weiß«, an welcher Stelle
im Organismus sie selber sitzt und wie sich ihre Nachbarzellen verhal-

219
ten. Erst dann kann sie »feststellen«, ob sie sich gemäß dem in der
D N A ihres Zellkerns festgehaltenen Plan richtig verhält oder nicht.
Diese Frage nach der Kommunikation der Zellen kann, soviel steht
heute fest, von der bisher praktizierten Biologie nicht beantwortet
werden. Jahrzehntelang beschränkten sich die Biologen und in ihrem
Gefolge die Mediziner darauf, alles, was sie interessierte, auf chemische
Vorgänge zurückzuführen. U n d was sie nicht auf chemische Vorgänge
zurückführen konnten, interessierte sie eben nicht. Es galt als u n u m -
stößliches Dogma, daß die Wirkung von Medikamenten auf chemi-
schen Prozessen beruhen müsse. Deshalb w u r d e eine ganze Richtung
der Medizin, die Homöopathie, von der Schulmedizin als Quacksalbe-
rei abgetan.
Homöopathische Arzneimittel sind Substanzen, die durch bestimmte
Lösungsmittel unter mehrmaligem Schütteln millionenfach und mehr
verdünnt werden. Diese Verdünnungen bezeichnen die H o m ö o p a t h e n
als »Potenzen«. Eine Potenz bedeutet eine Verdünnung im Verhältnis
von eins zu zehn. Berechnungen zeigen, daß in Verdünnungen der 23.
und noch höheren Potenz sich mit Sicherheit kein einziges Wirkstoff-
molekül mehr in der Lösung befindet. Deshalb gilt es in der offiziellen
Wissenschaft als unmöglich, daß das betreffende Medikament noch
wirken kann. Laser-Untersuchungen einer französischen Arbeits-
gruppe, die aber in späteren Experimenten nicht bestätigt werden
konnten, schienen zu zeigen, daß in Alkohol auch bei höchsten Ver-
dünnungen noch Substanzeinflüsse vorhanden sind. Es könnte sich
dabei um einen »Abdruck« des Wirkstoffmoleküls im Lösungsmittel
handeln, um eine Information, die nicht in chemischer Form, sondern
als elektromagnetische Welle gespeichert ist.
P o p p hält eine solche Gedächtnisfunktion des Lösungsmittels für eher
wahrscheinlich als unmöglich: »Wasser hat eine abnorm h o h e Dielek-
trizitätskonstante«, das heißt Speichervermögen, »für niedrige Fre-
quenzen, eine außergewöhnlich hohe spezifische Wärme und weitere
physikalische Abnormitäten, die trotz der thermischen Bewegung eine
langfristige Speicherung elektromagnetischer Kopplungen im ultra-
schwachen Bereich begünstigen 1 6 8 .«
In der Bundesrepublik Deutschland sind Bestrebungen im Gange, die
homöopathischen Arzneimittel mit hohen Potenzen generell zu ver-

220
bieten. Dieses Verbot soll am 31. Dezember 1989 in Kraft treten, wenn
bis dahin die Wirksamkeit dieser Mittel nicht »wissenschaftlich bewie-
sen« ist. P o p p und seine Arbeitsgruppe bemühen sich zur Zeit, mit ih-
rer Methode einen solchen Nachweis zu erbringen. Das mag mit ein
G r u n d sein, weshalb die Biophotonen von einigen leider einflußrei-
chen Gutachtern der »Schule« nicht ernstgenommen werden - ein wei-
teres Beispiel f ü r die dogmatischen Scheuklappen, mit denen das wis-
senschaftliche Establishment Forschungspolitik betreibt.
Die Biophotonentheorie bietet keine Garantie, das Krebsproblem lö-
sen zu können. Ihre paktische A n w e n d u n g liegt noch sehr weit in der
Zukunft, aber sie stößt die Tür zu erregenden Denkmöglichkeiten auf.
Z u m Beispiel: Wenn Krebs eine Störung der Zellsignale bedeutet, dann
gibt es vielleicht Wege, die Zellen rhythmisch so anzustoßen, daß sie
wieder zu kohärenten Schwingungen zurückfinden.
Ein solcher Weg bietet sich vielleicht über die Ernährung. Unsere N a h -
rung, zu einem großen Teil industriell aufbereitet, tiefgefroren, abge-
packt, eingebüchst, mit Konservierungsmitteln getränkt, w u r d e im
Laufe der letzten Jahre und Jahrzehnte immer mehr zu einem nach ra-
tionellen Gesichtspunkten durchgestalteten P r o d u k t gemacht. Es soll
Kalorien und die der Forschung bis heute bekannten Nährstoffe und
Vitamine liefern. Inzwischen hat man auch den Wert der Faserstoffe
erkannt und propagiert Vollkornbrot und Kleie. Schon die Spurenele-
mente werden stark vernachlässigt. Aber vielleicht k o m m t es nicht nur
auf all diese mechanisch und chemisch erfaßbaren Komponenten an,
sondern ebenso auf die kohärente Strahlung, die wir mit frischen N a h -
rungsmitteln zu uns nehmen.
Dazu liegt jetzt ein interessantes Ergebnis aus Popps Arbeitsgruppe
vor: Von zwei vergleichbaren Gemüsesäften strahlte die eine deutlich
kohärenter als die andere. Die beiden Proben wurden aus der Schweiz
in Popps Labor geschickt mit der Bitte, sie zu testen. Die eine Probe
enthielt Saft aus biologischem, die andere solchen aus konventionellem
Anbau. Bei der Probe mit der kohärenten Strahlung handelte es sich
um den biologisch-dynamisch hergestellten Saft. Dieser Befund w u r d e
inzwischen durch zahlreiche weitere Untersuchungen bestätigt Au-
ßerdem zeigte sich bei frischen Säften eine stärkere Photonenstrahlung
als bei alten.

221
Nach Popps Entlassung mußten die meisten seiner Mitarbeiter aus der
Arbeitsgruppe ausscheiden. Geblieben ist nun noch eine R u m p f g r u p p e
aus ingesamt drei Physikern, einem Biochemiker und einem Medizi-
ner. Im Frühjahr 1980 erstellten sie eine D o k u m e n t a t i o n und ver-
schickten sie »als letzten Antrag« an alle ihnen bekannten Institutio-
nen. Darin heißt es: »Als erfolgreichste Ansätze sehen wir Untersu-
chungen der Photonenstatistik an. Dabei wird die Strahlungsintensität
in Abhängigkeit von der Zeit gemessen, gespeichert und nach statisti-
schen Kriterien ausgewertet. Die notwendigen theoretischen Voraus-
setzungen und einen Teil der C o m p u t e r p r o g r a m m e haben wir bereits
erarbeitet und bekamen auch Gelegenheit, an einem Institut des Aus-
landes . . . unsere quantenoptischen Kenntnisse zu erweitern und zu
vertiefen. Wir haben Anlaß zur Vermutung, daß uns dieses Hilfsmittel
beträchtlich mehr über den Informationsgehalt der Photonenemission
zu liefern vermag, als wir heute wissen können. . . . Die Frage nach der
>wahren< Strahlenquelle der Photonenemission müssen wir zurückstel-
len, da der größte Teil der Mitarbeiter, die sich diesem sehr schwierigen
Thema stellten, aus der G r u p p e ausscheiden mußte. . . . Für die näch-
sten fünf Jahre benötigen wir, falls alle Mitarbeiter weiter mitmachen
können, einen Personalaufwand von ca. 1,5 Mio. D M , also etwa das
Dreifache, was bisher investiert wurde.«
Im Oktober, als ich P o p p besuchte, war das Weiterbestehen der For-
schungsarbeit nicht definitiv sichergestellt. F ü r das Jahr 1981 ergab
sich dann doch noch eine Weiterfinanzierung am Rande der Existenz-
möglichkeit.
Immerhin beginnen sich jetzt auch andere Forschergruppen für die
Bio-Strahlung zu interessieren. So bestätigte kürzlich das Max-
Planck-Institut f ü r Festkörperphysik in Stuttgart einen Zusammen-
hang zwischen Zellwachstum und Mikrowellenresonanzen, der 1974
von sowjetischen Physikern nachgewiesen wurde.
Diese Versuche wurden von H e r b e r t Fröhlich angeregt, der unter an-
derem als einer der ersten das Phänomen der Supraleitung * theore-
tisch erklären konnte und der bereits 1968 auf die mögliche Bedeutung

* Mit Supraleitung bezeichnet man den Effekt, daß bei Temperaturen um den absoluten
Nullpunkt der elektrische Widerstand eines Stromleiters völlig verschwindet

222
der Kohärenz f ü r biologische Systeme aufmerksam gemacht hatte.
Fröhlich ist heute Berater des Nationalen Krebsinstitutes der USA, das
ein umfangreiches Programm zur Erforschung der elektromagneti-
schen Kopplungen in Lebewesen gestartet hat.
Während in der Bundesrepublik Deutschland eine wissenschaftliche
Auseinandersetzung mit der Biophotonentheorie praktisch noch nicht
stattfand, wird jetzt in Osterreich diese neue Forschungsrichtung kräf-
tig gefördert. Am Wiener Atominstitut w u r d e ein großes interdiszipli-
näres Forschungsprojekt ins Leben gerufen, an dem acht Lehrstühle
beteiligt sind. So ist zu hoffen, daß die Biophotonen heute endlich die
Beachtung finden, die sie verdienen.
10

Psycho-Terror

»Auch der Krebs, auch die Tatsache, daß ich jetzt an dieser Krankheit
sterbe, ist für mich nicht die Hauptsache. Der Krebs ist nur die körper-
liche Illustration für meinen seelischen Zustand.«•

Fritz Zorn, »Mars«


Eine vernachlässigte Fragestellung

»Wer nur den Krebs erforscht und behandelt, erforscht und behandelt
auch ihn nicht recht - das müßte die allgemeine Folgerung aus der U n -
heilbarkeit dieser Krankheit sein . . . Der Gedanke müßte unser Men-
schenbild umwälzen, daß wir an nichts so häufig sterben wie an unserer
Unfähigkeit, mit den Bedingungen der selbstgeschaffenen Zivilisation
in Frieden zu leben.« Der dies schrieb, ist nicht ein Mediziner, sondern
der Schriftsteller Adolf Muschg. Krebs, meint Muschg weiter, sei aller
Wahrscheinlichkeit nach »ein Protest gegen die objektiv herrschenden
Bedingungen des Unlebens; ein Signal zum Tode, das sich der so ver-
kürzte Organismus selber gibt, indem er, für sich allein und am Ende
gegen sich, ein kompensierendes Wachstum ausbildet.«
Diese - wie sich noch zeigen wird - erstaunlich präzise Analyse ist die
Quintessenz der Krebs-Autobiographie »Mars« von Fritz Zorn, zu der
Muschg das Vorwort verfaßte 1 6 9 .
Die Geschichte ist bekannt: Der Gymnasiallehrer Fritz Angst, wie er
eigentlich hieß, »jung, reich und gebildet; und . . . unglücklich, neuro-
tisch und allein«, während einer psychoanalytischen Behandlung mit
dreißig Jahren an einem bösartigen T u m o r am Hals erkrankt, schrieb
in einem verzweifelten Wettlauf gegen die Krankheit an, die ihn noch
vor dem Erscheinen des Buches einholte.
Muschg hatte dem zögernden Verleger das Manuskript mit der drin-
genden Bitte vermittelt, »dieses Buch herauszubringen, und zwar sehr
bald«.
Fritz Angst alias Zorn ist kein Einzelfall: In den letzten Jahren begin-
nen sich autobiographische Zeugnisse von Krebspatienten geradezu zu
häufen. Die amerikanische Autorin Susan Sontag zum Beispiel be-
trachtet ihren Krebs als eine »Metapher« für die negativen Aspekte des
Lebens 1 7 0 . Der Schweizer Schriftsteller Diggelmann sprach im Spital-
bett seine oft schroffen und rebellischen Gedanken auf Band, ähnlich
wie schon in dem Monologfilm »Die Selbstzerstörung des Walter Mat-
thias Diggelmann«. Wieder: Krebs als Selbstzerstörung 1 7 1 ? Der Öster-
reicher Bruno Seiser zog, an einem bösartigen Hautkrebs erkrankt, Bi-
lanz eines nach außen hin bewegten Reporterlebens, in das er sich nach

226
einer lieblosen Kindheit in einem Erziehungsheim gestürzt hatte 1 7 2 .
Es ist symptomatisch, daß es gerade die Krebspatienten sind, medizini-
sche Laien also, denen die Zusammenhänge zwischen Krebs und Psy-
che klarwerden. Dieses Gebiet wurde von der hochdotierten naturwis-
senschaftlichen Krebsforschung bis vor wenigen Jahren fast völlig
ignoriert.
Als Standard«ursache« f ü r Krebs gilt das Rauchen, o b w o h l nur zehn
Prozent aller Raucher je einen Krebs bekommen. N o c h kläglicher
nehmen sich die Erklärungsversuche mit anderen »karzinogenen« Sub-
stanzen aus, die das Krebsrisiko nur um wenige Prozente oder nur um
Bruchteile von Prozenten erhöhen. Jede Erdölgesellschaft geht ver-
nünftiger vor als die Krebsforschung: Wenn eine Bohrung in einer ge-
wissen Tiefe nicht fündig ist, wird sie abgebrochen und an einer ande-
ren Stelle neu begonnen. D o c h die Krebsforscher bohren immer tiefer
nach weiteren Karzinogenen, testen sie an Legionen von Versuchsrat-
ten und -mäusen, erforschen ihren Einfluß auf das Geschehen in der
Zelle und erfahren dennoch nicht mehr über den Krebs, als sie schon
wissen. Wenn neunzig Prozent der Raucher keinen Krebs bekommen,
dann ist das Rauchen nur eine »zehnprozentige« Krebsursache. Das
heißt, neunzig Prozent der Faktoren, die bei einem Raucher Krebs er-
zeugen, liegen nicht in der Zigarette.
Schon der altgriechische Stammvater der Medizin, Hippokrates, stellte
um 400 v. Chr. fest, daß Menschen mit einem melancholischen Tempe-
rament häufiger an Krebs erkranken als die lebenslustigen Sanguini-
ker 1 7 3 .
Der Londoner A r z t Snow untersuchte 1893 über zweihundert Krebs-
patienten und kam zum Schluß, daß Krebs in den meisten Fällen durch
psychische und nervliche Belastungen verursacht sein könnte 1 7 4 . Im
zwanzigsten Jahrhundert wiesen neben Wilhelm Reich zahlreiche wei-
tere Forscher auf Zusammenhänge zwischen Krebs u n d Lebensum-
ständen hin. Sie berichteten über langandauernde ungelöste Konflikte
bei Krebspatienten, über f r ü h e Neurotisierung bereits in der Kindheit,
H e m m u n g e n u n d Verdrängungen, negative Einstellungen gegenüber
Sexualität, Schwangerschaft und Geburt, über Pessimismus, H o f f -
nungslosigkeit u n d Selbstaufgabe bereits vor Ausbruch der Krankheit,
der wiederum häufig Streßerlebnisse vorausgingen 1 7 S .

7
In der Ärztezeitschrift »Die Kapsel« des Pharma-Unternehmens
R. P. Scherer wies Frederic Vester in einem vielbeachteten Artikel über
» H o r m o n e und die U m w e l t des Menschen« darauf hin, daß der rote
Faden zwischen Psyche u n d Krebs längst lückenlos durch wissen-
schaftlich fundierte Ergebnisse über seine einzelnen Stationen nachge-
wiesen sei: Psychische Eindrücke wirken auf den Hormonhaushalt,
dieser auf die Immunabwehr, diese (wie z. B. an Transplantationspa-
tienten mit lahmgelegtem Immunsystem nachgewiesen) auf die Krebs-
häufigkeit 176 .
Es sind dies Beziehungen, die in der Praxis inzwischen über Jahrzehnte
beobachtet und in renommierten Fachzeitschriften und auf Kongres-
sen, etwa der N e w York Academy of Sciences, z u m Ärger der auf Stahl
und Strahl eingeschworenen Krebspäpste diskutiert werden. Doch sol-
che Erkenntnisse, von der naturwissenschaftlichen Krebsforschung
bestenfalls geduldet, gerieten jahrzehntelang nie über ein Anfangssta-
dium hinaus. Erst seit wenigen Jahren scheint sich das geändert zu ha-
ben. In einer beispiellosen Forschungsarbeit gelang es dem deutsch-
ungarischen Medizinsoziologen Dr. Ronald Grossarth-Maticek, bei
Krebspatienten typische Persönlichkeitsfaktoren zu ermitteln, die es
erlaubten, mit über neunzigprozentiger Wahrscheinlichkeit vorherzu-
sagen, ob eine bestimmte Person an Krebs erkranken w ü r d e oder nicht.
D e r heute in Heidelberg lebende 41jährige Forscher erhielt Lob von
namhaften Experten. So glaubt beispielsweise Professor J. C. Bren-
gelmann, Direktor des Max-Planck-Instituts f ü r Psychiatrie in Mün-
chen, daß »die G ü t e einiger Ergebnisse kaum übertroffen werden«
könne 1 7 7 . Grossarth-Maticeks Forschungsprojekt »Sozialwissen-
schaftliche Onkologie« wird unter anderem von der Deutschen For-
schungsgemeinschaft und von der Deutschen Krebshilfe gefördert.
Professor G. Wagner, Leiter des Instituts für Dokumentation, Infor-
mation und Statistik am Deutschen Krebsforschungszentrum Heidel-
berg, hält dieses Projekt f ü r den »Beginn einer interessanten neuen
Forschungsaufgabe« u n d wünscht, »daß auch anderenorts und von
anderen Wissenschaftlern ähnliche Studien« durchgeführt werden. Die
Mildred-Scheel-Postille »Chance - Das Magazin für alle, die über
Krebs mehr wissen wollen«, präsentierte ihren Lesern in der zweiten
N u m m e r die »aufsehenerregenden Forschungsergebnisse über den

228
Zusammenhang zwischen Krebs u n d Psyche 1 7 8 «. U n d aus dem Krebs-
forschungszentrum Heidelberg war von der Pressesprecherin Hilke
Stamatiadis zu vernehmen: »Das Deutsche Krebsforschungszentrum
stellt H e r r n Grossarth-Maticek Computerhilfe zur Auswertung seiner
Daten zur Verfügung.«
All dies scheint darauf hinzudeuten, daß die psychosomatische Krebs-
forschung heute endlich anerkannt und ihrer Bedeutung entsprechend
gefördert wird. D o c h der Schein trügt. »Von interdisziplinärer Zu-
sammenarbeit kann keine Rede sein«, antwortete Grossarth-Maticek
auf meine entsprechende Frage. »Wir Psychologen u n d Soziologen be-
k o m m e n von der naturwissenschaftlichen Medizin lediglich Randge-
biete zugewiesen. Unsere Rolle soll sich beispielsweise darauf be-
schränken herauszufinden, w a r u m nicht mehr Personen zu den F r ü h -
erkennungsuntersuchungen gehen, wie man operierte und bestrahlte
Patienten am besten psychisch betreut und so weiter.«
Zudem dürfen die positiven Gutachten namhafter Experten nicht dar-
über hinwegtäuschen, daß Grossarth-Maticeks Forschungsergebnisse
von der Fachwelt mit der größten Zurückhaltung aufgenommen wer-
den. Selbst in Presseberichten schimmert kaum verhüllte Skepsis
durch: Kann das überhaupt stimmen? »Sollten Arbeiten anderer Wis-
senschaftler diese Ergebnisse bestätigen, dann würde dies bedeuten,
daß die klassische Krebsforschung um eine wesentliche Dimension er-
weitert werden müßte«, so lautet etwa der Tenor.
Ich hörte mich ein bißchen auf der naturwissenschaftlichen Seite u m :
N e b e n vielen »nie gehört« und »ich kann das nicht beurteilen« gab es
auch Äußerungen wie »die Zahlen sind so hoch, das kann irgendwie
nicht stimmen«. Solche Argumente sind an sich verständlich, denn ein
Naturwissenschaftler wagt nicht einmal im T r a u m daran zu denken, in
der U m w e l t ein Karzinogen zu finden, bei dem er mit neunzigprozen-
tiger Sicherheit Krebs vorhersagen kann.
D o c h so phantastisch, wie dies eingleisig denkenden Wissenschaftlern
vorkommt, sind Grossarth-Maticeks Ergebnisse nun auch wieder
n i c h t Seine Methode besteht darin, viele Aspekte der Krebspersön-
lichkeit gleichzeitig zu untersuchen. N u r bei jenen Personen, die eine
große Zahl von »Krebsfaktoren« auf sich vereinigen, läßt sich mit einer
hohen Wahrscheinlichkeit vorhersagen, daß sie an Krebs erkranken

229
werden. Ähnliches ist ja aus Herzinfarktstudien bekannt. Ubergewicht
allein erhöht das Herzinfarktrisiko nicht wesentlich, Streß ebenfalls
nicht, Rauchen auch nicht. Doch wenn Ubergewicht, Streß, Rauchen,
Bewegungsmangel, zu hoher Blutdruck und ungünstige Cholesterin-
werte bei einer Person zusammentreffen, dann erkrankt diese Person
mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit an einem Herzinfarkt.
Jeder Faktor funktioniert als eine Art Sieb, in dem jeweils ein gewisser
Anteil der Fälle hängenbleibt. Das Sieb »Rauchen« ist beim Lungen-
krebs mit seinen zehn Prozent nicht einmal schlecht. D o c h es ist die
große Ausnahme: Bisher gibt es keinen krebserregenden Stoff in der
Umwelt, der auch nur annähernd so stark wirkt wie das Rauchen.
Je mehr solche Faktorensiebe nun hintereinandergeschaltet werden,
desto mehr Fälle bleiben in ihnen hängen, bis man bei einer ausreichen-
den Anzahl von »Sieben« im Prinzip hundert Prozent aller Krebskran-
ken erfassen kann. Voraussetzung ist allerdings, daß die gewählten
Faktoren wirklich nur f ü r Krebskranke typisch sind.
Krebspsychologische Studien, die nach dem bekannten naturwissen-
schaftlichen Ein-Faktor-Schema durchgeführt wurden, erbrachten
keine überzeugenden Ergebnisse. So wurden in den vierziger Jahren in
den Vereinigten Staaten 1337 Medizinstudenten mit einem Rorschach-
und einem Zeichentest e r f a ß t Nach dreißig Jahren wurde festgestellt,
welche der Studenten Krebs bekommen hatten. Die Ergebnisse der
Tests wurden neu analysiert, und dabei glaubten die Forscher festzu-
stellen, daß jene Studenten Krebs bekommen hatten, die dazu neigten,
ihre Emotionen u n d Konflikte zu verdrängen. Dies läßt sich jedoch
nicht sauber belegen, da die Auswertung erst erfolgte, nachdem be-
kannt war, welche Personen Krebs bekommen hatten 1 7 9 .
Ein anderer G r u n d f ü r das n u r mühsame V o r a n k o m m e n der psycho-
somatischen Krebsforschung liegt darin, daß sich Begriffe wie »Ver-
drängung«, »sexuelle Hemmung« usw. nicht exakt definieren lassen.
Zudem haftet den Befragungen, mit denen solche Studien in der Regel
durchgeführt werden, ein grundsätzlicher Mangel an: Die interviewten
Personen sagen vielleicht nicht das, was sie empfinden, sondern das,
was sie empfinden möchten. Vielleicht lassen sie sich sogar von den
Erwartungen des Wissenschaftlers beeinflussen, der seine Theorie
gerne bestätigt sehen möchte.

230
Grossarth-Maticek hatte seine Forschungsarbeit in Jugoslawien 1963
damit begonnen, daß er eine G r u p p e von 32 Patienten befragte, die
akut an G r i p p e erkrankt waren. Er stellte fest, daß bis auf zwei Perso-
nen alle Erkrankten in den letzten sieben Tagen vor dem Ausbruch der
Grippe durch ein »akut aufgetretenes, überforderndes Ereignis« be-
troffen waren 1 8 0 . Die Mängel solcher Befragungen sind natürlich of-
fensichtlich, und so machte sich Grossarth-Maticek daran, eine bessere
Methode zu entwickeln. Er begründete ein Forschungsprojekt »So-
zialwissenschaftliche Onkologie«, an dem eine G r u p p e von Chirurgen
und Internisten mitarbeitete.
Zunächst galt es, wichtige psychosoziale Faktoren von eher neben-
sächlichen zu unterscheiden. Der Medizinsoziologe setzte in verschie-
denen Untersuchungen bis zu 1200 verschiedene Fragen ein und ver-
glich die A n t w o r t e n mit der Krankheitsdiagnose. D u r c h statistische
Auswertung konnte er nach und nach die unwichtigen Fragen aus-
scheiden und so sein Befragungs»instrument« ständig verbesssern.
Schließlich hatte er seinen Fragebogen auf die 30 wichtigsten Fragen
reduziert, die insgesamt eine über neunzigprozentige Vorhersage er-
laubten. Hier ist allerdings zu präzisieren: Eine so genaue Vorhersage
ist n u r in ¿enen »eindeutigen« Fällen möglich, die sämtliche Fragen in
einer für Krebspatienten typischen Weise beantworten.
Um Fehler bei der Befragung auszugleichen, stützt sich Grossarth-Ma-
ticek gleichzeitig auf ein zweites »Meßinstrument«, den sogenannten
Beobachtungskatalog. Es handelt sich dabei um eine Methode, die zu-
erst von der Tierverhaltensforschung entwickelt und später von der
Verhaltenstherapie übernommen wurde. Sie besteht darin, das Beneh-
men der Versuchsperson in ihrer U m w e l t zu beobachten und anhand
eines Schemas von Ja-Nein-Fragen zu klassifizieren. Vor allem die Be-
ziehungen zu anderen Menschen sind einer Beobachtung eher zugäng-
lich. Diese Methode ist aber zeitaufwendig: Erst eine Anzahl von
mehrstündigen Sitzungen in der Woche, wobei die nahestehenden An-
gehörigen in die Beobachtungen miteinbezogen werden müssen, er-
laubt sinnvolle und verläßliche Aussagen. Interessant sind auch Wider-
sprüche, z u m Beispiel, wenn eine beobachtete Person sich ausgespro-
chen vernunftorientiert verhält, aber von ihrem Ehegatten als unver-
nünftig taxiert wird, weil etwa Meinungsverschiedenheiten bestehen.

231
Die Ergebnisse eines Beobachters sind natürlich nicht »objektiv«. Erst
wenn mindestens zwei Beobachter unabhängig voneinander zu dem-
selben Ergebnis kommen, ist die notwendige Verläßlichkeit gewährlei-
stet.
Besonders großen Wert legte Grossarth-Maticek auf das Problem der
Befrager bzw. Beobachter. In verschiedenen methodischen Studien
konnte er zeigen, daß nur geschulte Befrager und Beobachter gute For-
schungsergebnisse erzielen konnten. Wesentlich war zum Beispiel, daß
der Befrager spürte, wann er am besten mit dem Interview begann,
welche Gefühle er bei dem Befragten hervorrief und welchen Zusam-
menhang er mit seiner Frage überhaupt erfaßte. Geschulte Befrager
kamen bei derselben Versuchsperson praktisch zu identischen Ergeb-
nissen, während die Ergebnisse ungeschulter Befrager stark voneinan-
der abwichen. Geschulte Befrager konnten in »retrospektiven« Studi-
en, bei denen eine G r u p p e von Krebspatienten mit einer gesunden
Kontrollgruppe verglichen wurde, zwischen beiden G r u p p e n mit
praktisch hundertprozentiger Sicherheit einen Unterschied feststellen.
Ungeschulte Befrager dagegen erzielten kein Ergebnis. Selbstverständ-
lich wußten beide G r u p p e n von Befragern nicht, welche Versuchsper-
sonen krebskrank waren und welche der Kontrollgruppe angehörten.
Als Grossarth-Maticek in den Jahren 1965 und 1966 mit seiner ersten
Untersuchung begann, war seine Methodik noch nicht so ausgereift. Er
arbeitete damals mit über hundert Fragen, von denen er jede »subjek-
tiv«, das heißt aufgrund der Erwartungen, die er aus Vorversuchen und
aus den Arbeiten anderer Forscher ableitete, mit einer bestimmten
Punktzahl versah. Mit diesem Fragebogen interviewte er insgesamt
1353 Einwohner des jugoslawischen Dorfes Crvenka. Die Personen
waren zwischen 40 u n d 80 Jahre alt. 256 von ihnen wurden zusätzlich
auch mit einem Beobachtungskatalog e r f a ß t
Als der Forscher wenig später nach Deutschland auswanderte, nahm er
die Befragungsdaten mit, die Personenunterlagen überließ er jedoch
dem Arzt des betreffenden Dorfes. Er sollte nach zehn Jahren heraus-
finden, welche der befragten Personen noch lebten, ob sie an Krebs
oder an einem anderen Leiden erkrankt waren und wie die genaue Dia-
gnose lautete. Grossarth-Maticek und seine Mitarbeiter ermittelten aus
der Untergruppe von 256 Befragten und beobachteten Personen 61 mit

232
einer hohen Punktezahl auf der Befragungsskala und 6z mit einer ho-
hen Punktezahl auf der Beobachtungsskala. 38 Personen erzielten so-
wohl in der Beobachtung als auch in der Befragung eine hohe »Krebs-
punktzahl«. Wenn die Hypothese stimmte, dann mußten diese 38 Per-
sonen mit großer Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken.
1976 erhob der jugoslawische Arzt zusammen mit einer großen Zahl
von freiwilligen Helfern in Tausenden von Arbeitsstunden die medizi-
nische Auswertung: 490 Personen lebten noch, 411 Personen waren an
internistischen Leiden (Herzinfarkt, Schlaganfall usw.) erkrankt und
zum Teil verstorben, 205 Personen an Krebs. Unter ihnen befanden
sich auch 37 der 38 vorausgesagten Fälle. Eine Berechnung des »Risi-
kofaktors« zeigt, daß Personen, die sowohl in der Befragungs- als auch
in der Beobachtungsskala hoch liegen, mit einer rund joomal größeren
Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken als alle anderen Personen. Die-
ser Unterschied ist mehr als zehnmal so groß wie jener zwischen
Nichtrauchern und starken Rauchern.
»Natürlich waren unsere Vorhersagen vom statistischen Gesichts-
punkt her unzulänglich«, räumt Grossarth-Maticek ein. »Wirklich
stichhaltige Ergebnisse brachte erst die weitere Auswertung mit jener
Methode, die auch in der Medizin der Erkundung von Risikofaktoren
dient. Wir versuchten, mit Hilfe des Computers herauszufinden, wel-
che Fragen die Krebskandidaten besonders häufig mit Ja beantwortet
hatten. Inzwischen haben wir acht bis zehn Fragen ermittelt, die eine
Vorhersage von ungefähr 90 Prozent erlauben.«

Verleumdungstaktik

Die »Hilfe des Computers« brachte aber zunächst nicht das, was sich
Grossarth-Maticek davon versprochen hatte. Um die Auswertung zu
beschleunigen und um das Deutsche Krebsforschungszentrum
(DKFZ) Heidelberg für eine mögliche Zusammenarbeit zu interessie-
ren, hatte der Sozialforscher seine Daten zusammen mit einem

233
DKFZ-Mitarbeiter auf Lochkarten übertragen. Die Lochkarten blie-
ben jedoch im D K F Z vier Jahre lang liegen und wurden nicht ausge-
wertet. In dieser Zeit war Grossarth-Maticek gezwungen, Handaus-
wertungen vorzunehmen. Schließlich begann sich ein fortschrittlich
gesinnter Mitarbeiter des Krebsforschungszentrums doch noch für die
Daten zu interessieren und schlug vor, diese statistisch zu untersuchen.
Aufgrund dieser Anregung schloß der Stiftungsvorstand des D e u t -
schen Krebsforschungszentrums am 28. Januar 1980 mit Grossarth-
Maticek einen Werkvertrag ab.
Darin mußte sich der Forscher verpflichten, seine Originaldaten dem
Krebsforschungszentrum auszuhändigen und nur Fotokopien für sich
selber zu behalten. Solche Bedingungen sind sonst absolut unüblich -
Kommentar eines DKFZ-Mitarbeiters: »Sind Sie denn so verrückt, das
zu akzeptieren?« -, und kein Forscher gibt in der Regel seine Original-
unterlagen heraus. In der Wissenschaft gilt der Grundsatz, daß jeder
die Ehrlichkeit des anderen nicht in Zweifel zieht. Die Forderung des
Deutschen Krebsforschungszentrums wirkt um so befremdender, als
am Zentrum selber die psychosomatische Forschungsrichtung nicht
vertreten ist, so daß eine Mitbenützung der Daten für eine eigene Aus-
wertung als Motiv ausscheidet. Auch eine interdisziplinäre Zusam-
menarbeit, die z u m Beispiel f ü r die Erforschung der Wechselwirkung
zwischen psychosozialen Faktoren und krebserzeugenden Substanzen
auf der H a n d gelegen hätte, fand bis heute nicht statt.
Ich ging der Sache nach, und mehrere Personen erklärten mir überein-
stimmend, die »Zusammenarbeit« des Krebsforschungszentrums mit
Grossarth-Maticek habe vor allem den Zweck verfolgt, dessen wissen-
schaftlichen Ruf zu untergraben. Da an den Daten nichts auszusetzen
gewesen sei, habe man gezielt versucht, Grossarth-Maticek in Wider-
sprüche zu verwickeln, habe solche Widersprüche sogar ganz bewußt
durch Verdrehung der Tatsachen konstruiert u n d in einem sogenann-
ten Protokoll verschiedenen Forschungsinstituten zugespielt, offenbar
mit dem Zweck, die finanzielle Unterstützung von Grossarth-Mati-
ceks Forschungsprojekt zu sabotieren.
Zunächst flatterten Gerüchte durch verschiedene Institute, vor allem
durch das Deutsche Krebsforschungszentrum, das DKFZ-Institut f ü r
Information, D o k u m e n t a t i o n und Statistik habe Grossarth-Maticeks

234
Daten »statistisch zerrissen«. Sie hatten keinerlei Grundlagen, wohl
aber einen G r u n d : eben das erwähnte Protokoll.
Die folgende Darstellung beruht auf vertraulichen Informationen, die
mir zugespielt wurden, auf dem Protokoll sowie auf Erklärungen von
Grossarth-Maticek, den ich bat, zu verschiedenen Punkten des Proto-
kolls Stellung zu nehmen. Ich möchte hier betonen, daß Grossarth-
Maticek an einer Veröffentlichung dieser Dinge nicht interessiert ist
Er sagte mir: »Wenn Sie etwas über mich schreiben, dann kann das für
mich höchstens negative Folgen haben. Mir geht es darum, daß unsere
Arbeit wissenschaftlich anerkannt wird. Um diese Anerkennung
kämpfen wir schon seit Jahren, und wir haben angesehene Wissen-
schaftler auf unserer Seite, auch international. Es darf unter keinen
Umständen so aussehen, wie wenn wir Außenseiter wären, die in der
Presse Angriffe machen. D a n n würden wir in der wissenschaftlichen
Welt auch noch unsere letzten Freunde verlieren.« Ich antwortete, es
gehe mir nicht darum, irgendwelche Angriffe zu machen, sondern um
die Wahrheit, und vermochte ihn nach mehreren längeren Telefonge-
sprächen davon zu überzeugen, daß ich die Dinge n u r dann richtig
schildern könne, wenn ich auch seine Version hören würde.
Ende März 1980 verfaßte Professor Weber v o m DKFZ-Institut f ü r In-
formation, D o k u m e n t a t i o n und Statistik ein ausführliches Protokoll,
das auch der Deutschen Forschungsgemeinschaft zugespielt wurde, die
Grossarth-Maticek mit einem monatlichen Forschungsstipendium von
2200 DM unterstützt. Darin steht unter anderem, Grossarth-Maticek
behaupte, es gebe einen Dr. Jankovic, der bei den jugoslawischen U n -
tersuchungen mitgearbeitet habe, der nur schlecht Deutsch spreche
und zur Zeit als Anästhesist in Mannheim tätig sei. Auf Seite 4 des Pro-
tokolls heißt es wörtlich: »Am 12. und 13. März habe ich telefonisch in
allen Krankenanstalten bzw. -häusern Mannheims nach Dr. Jankovic
gefragt Es gibt z. Z. nur einen jugoslawischen Anästhesisten mit dem
N a m e n Jovanovic, der sehr gut deutsch spricht, seit 1974 in Deutsch-
land ist und in Kürze wieder abreisen wird. Dr. Grossarth-Maticek
ist ihm nicht bekannt, in Crvenka ist Dr. Jovanovic noch nicht ge-
wesen.«
Aus dem D K F Z sickerte durch, daß Weber dort das Gerücht ausge-
streut habe, Dr. Jankovic existiere gar nicht, obwohl Jankovic, was vie-

235
len DKFZ-Mitarbeitern bekannt war, einmal in einer Fernsehsendung
über Grossarth-Maticeks Forschungsprojekt aufgetreten war*.
Webers eifrige Suche nach Dr. Jankovic geht auf einen Besuch gemein-
sam mit seinem Mitarbeiter Dr. Edler im Büro des Forschungsprojekts
»Sozialwissenschaftliche Onkologie« in Heidelberg zurück. Gros-
sarth-Maticek zeigte den beiden DKFZ-Mitarbeitern am n . M ä r z
seine ausführlichen Unterlagen und anerbot sich, auf sämtliche Fragen
über seine Forschungsmethode Auskunft zu geben. Er schlug vor, es
wäre am besten, wenn sie sich einmal zu einem gemeinsamen Gespräch
mit Dr. Jankovic treffen würden, der in Jugoslawien die medizinischen
Daten erhoben hatte und sich zur Zeit im Raum Mannheim-Ludwigs-
hafen in einer Facharztausbildung z u m Anästhesisten befand. Als Ju-
goslawe beherrsche Jankovic die deutsche Sprache nur sehr mangel-
haft, sagte Grossarth-Maticek. Aus diesem G r u n d e wolle er selbst ihn
mit den Mitgliedern des D K F Z bekanntmachen. Weber u n d Edler er-
klärten sich mit diesem Vorgehen einverstanden und setzten proviso-
risch einen Gesprächstermin am 24. oder 25. April fest.
Am Abend des 14. März, nachdem die beiden DKFZ-Mitarbeiter noch
einmal Grossarth-Maticek in dessen Büro besucht und Unterlagen der
Studie zur Vorbereitung der statistischen Auswertung durchgesehen
hatten, wurde Grossarth-Maticek von dem verärgerten Jankovic ange-
rufen: Er habe einen Anruf von einer Person bekommen, die ihren
N a m e n nicht genannt und ihn ausgefragt habe, ob er Grossarth-Mati-
cek kenne und so weiter. Jankovic, der schon lange zugesagt hatte, mit
Mitarbeitern des D K F Z zusammenzutreffen, vermutete, daß der An-
rufer ein Wissenschaftler des Krebsforschungszentrums war.
Im Protokoll, das sich nicht auf das umfangreiche Datenmaterial stütz-
te, sondern ausschließlich auf das Gespräch v o m n . M ä r z , heißt es
über die jugoslawische Studie: »1969/70 hat H e r r Dr. Jankovic (An-
ästhesist) bei den Erstbefragten folgende Daten erhoben: Körperlänge
und Körpergewicht, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin. Die Er-
gebnisse dieser Befragung wurden lt. Erinnerung von H e r r n Gros-

* Nach dieser Sendung soll der NDR-Redaktion von führenden DKFZ-Mitarbeitern ein
Hausverbot angedroht worden sein, falls noch einmal über Grossarth-Maticek berichtet
werden sollte.

236
sarth-Maticek auf gesonderte Bögen notiert. Für die psychosozialen
Daten interessierte sich Dr. Jankovic nicht. Ihn interessierte nur die
Beziehung zwischen den 1965/66 und 1970 erhobenen medizinischen
Daten und der Häufigkeit bzw. Lokalisation von Krebsarten.«
Dieser Passus unterstellt durch geschickte Einflechtung von N e b e n -
sächlichkeiten - Jankovic war »nur« Anästhesist und nicht beispiels-
weise Internist, und die Daten wurden »auf gesonderte Bögen« no-
tiert -, daß an der Kompetenz und Zuverlässigkeit von Untersuchung
und Auswertung gewisse Zweifel gehegt werden könnten. Die hand-
schriftlichen Protokolle von Dr. Jankovic lagen den beiden Herren des
D K F Z bei der Besprechung vor. Sie waren vollständig mit IBM-Loch-
karten erfaßt, und diese Übertragung war von einem deutschen Mitar-
beiter des Projekts überprüft worden. Dieser Umstand wurde im Pro-
tokoll nicht erwähnt.
D o r t heißt es weiter: »Herr Grossarth-Maticek hatte 1966 nach der Be-
fragung Jugoslawien verlassen, ohne die Daten seiner Studie mitge-
n o m m e n zu haben. Damals, d. h. nach Abschluß dieser Befragung,
wurden keine befragten Personen gekennzeichnet, die aufgrund des
von H e r r n Grossarth-Maticek hypothetisierten Krebsprofils >krebs-
verdächtig< sein könnten. D. h. es wurde keine Vorhersage gemacht.«
Dazu Grossarth-Maticek: »Ich habe H e r r n Professor Weber wieder-
holt gesagt, u n d es steht auch in meinem Buch >Soziales Verhalten und
die Krebserkrankung<, daß verschiedene, nämlich 62 Krebskandidaten
und verschiedene Kontrollgruppen, per H a n d ausgewertet wurden
und auf den Originalunterlagen als Kandidaten für Krebs oder interni-
stische Erkrankungen markiert wurden. Aufgrund dieser Unterlagen
unternahm H e r r Dr. Jankovic Handauswertungen, deren Ergebnisse
er protokollarisch festgehalten h a t «
In dem Protokoll strapazierte Weber Grossarth-Maticeks Gedächtnis
auf etwas seltsame Weise, indem er darauf hinwies, Grossarth-Maticek
habe zweimal behauptet, das Alter der in Heidelberg befragten Perso-
nen sei 45 Jahre gewesen, die Einsicht in die Daten habe dann ergeben,
daß die Befragten zwischen 35 und 65 Jahre alt gewesen seien. (Gros-
sarth-Maticek und seine Mitarbeiter haben insgesamt über 8000 Perso-
nen in mehr als sechs verschiedenen Studien befragt Er konnte unmög-
lich alle Einzelheiten im Kopf haben.)

2
37
Zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Weber und Grossarth-Mati-
cek kam es auch bezüglich des Verhaltens der Befrager. Während
Grossarth-Maticek in seiner Forschungsarbeit die Bedingungen erfor-
schen will, unter denen die Befrager verschiedene Ergebnisse erzielen,
beharrt Weber darauf, daß die ganze Studie unbrauchbar sei, wenn sich
herausstellen sollte, daß die verschiedenen Befrager unterschiedliche
Ergebnisse erzielen. Da diese Tatsache ohnehin feststeht und nicht erst
statistisch bestätigt zu werden braucht, weigerte sich Grossarth-Mati-
cek, seine Daten zur Auswertung zur Verfügung zu stellen. Er beruft
sich dabei auf den Passus des Werkvertrags mit dem D K F Z , der besagt,
daß zuerst »die zu bearbeitenden H y p o t h e s e n zu definieren« und erst
dann statistisch zu überprüfen seien. Ihm geht es darum, herauszufin-
den, unter welchen Bedingungen die Befrager brauchbare Ergebnisse
erzielen.
Die Taktik ist offensichtlich: Durch eine der Sache nicht angemessene,
rein schematische »Auswertung« soll wohl »bewiesen« werden, daß
Grossarth-Maticeks Forschungsarbeit nichts wert ist, oder im andern
Fall kann man ihm unterstellen, er w ü r d e »aus Angst vor einem negati-
ven Resultat« seine Daten nicht zur Verfügung stellen.
Schließlich wurde dem DKFZ-Statistiker Frenzel-Beyme, auf dessen
Initiative die Zusammenarbeit mit Grossarth-Maticek zustandege-
k o m m e n war, die Kündigung nahegelegt In einer außerordentlichen
Sitzung der Leitung des Instituts für Dokumentation, Information und
Statistik des DKFZ, an der unter anderem die Herren Professoren Tautu,
Wagner und Weber teilnahmen, bekam Frenzel-Beyme die Gründe zu
hören: Man habe ihn vor der Zusammenarbeit mit Grossarth-Maticek
gewarnt, und von diesem gingen »terroristische Einflüsse« aus. Da man
hier aber in der Bundesrepublik und »nicht in der D D R oder in China«
sei, müßten solche Bestrebungen unterbunden werden, und folglich
müsse man ihm nahelegen, sich eine andere Arbeitsstelle zu suchen, au-
ßerhalb des Instituts und außerhalb des Krebsforschungszentrums.
D e r Werkvertrag mit dem D K F Z Heidelberg ist inzwischen abgelau-
fen, und Grossarth-Maticek beabsichtigt, zusammen mit Statistikern
außerhalb des D K F Z in führenden internationalen Fachzeitschriften
verschiedene Publikationen über das Interviewverhalten zu veröffent-
lichen.

238
Die Gefahr, in eine Außenseiterposition gedrängt zu werden, ist für
Grossarth-Maticek - scheinbar paradoxerweise - aus zwei Gründen
besonders groß: Er bemüht sich nach wie vor um eine interdisziplinäre
Zusammenarbeit mit naturwissenschaftlich orientierten Medizinern,
und er umreißt den »Steckbrief« der Krebspersönlichkeit präziser als
andere Sozialforscher vor ihm.
»Hier werden Ergebnisse vorgewiesen, denen grundsätzliche Bedeu-
tung für die Krebsvorsorge, die Krebsfrüherkennung, die Krebsbe-
handlung und die Prognose zukommen. Sie rütteln an den Fundamen-
ten unserer derzeitigen Konzeption der Krebsbekämpfung«, meint
zum Beispiel Professor G. H. Ott, Chefarzt einer chirurgischen Abtei-
lung 1 8 1 . Für manchen weniger aufgeschlossenen Krebsforscher und
-Spezialisten mag das provozierend wirken, und eine Gegenreaktion
des Establishments ist unter diesen Umständen geradezu zu erwarten.

Der Boden, auf dem der Krebs wächst

Das Bild der Krebspatienten, das sich nach einer über fünfzehnjährigen
Forschungstätigkeit mit Befragungen und Beobachtungen von über
8000 Personen herausschält, läßt sich etwa so zusammenfassen: Krebs-
patienten sind angepaßte, liebenswürdige Mitmenschen, vernünftig,
großzügig und hilfsbereit; Pflichterfüllung gilt ihnen als oberstes Gebot,
und ihre eigenen Bedürfnisse stellen sie meistens zurück 1 8 2 .
Das beginnt bereits in der frühen Kindheit. Die Eltern eines späteren
Krebskandidaten weisen das Kind ständig zurück, geben ihm aber
gleichzeitig die Hoffnung, durch angepaßtes Verhalten mehr Zuwen-
dung zu bekommen. Diese Ambivalenz von Gefühlskälte und gleich-
zeitiger enger Bindung überfordert das Kind. Wagt es, Konflikt zu äu-
ßern und die Forderungen der Eltern zu verweigern, wird es mit Liebes-
entzug bestraft. So lernt das Kind nie, ein eigenes Selbstgefühl zu ent-
wickeln und seine Bedürfnisse zu äußern. Statt dessen idealisiert es
seine Eltern und später, als Erwachsener, seine Mitmenschen. Es ver-

239
sucht, die geforderten N o r m e n möglichst perfekt zu erfüllen. D o c h
diese Idealisierungen und N o r m e n sind hohl: Die späteren Krebs-
patienten sind unfähig, sie mit einem gefühlsmäßigen Inhalt zu fül-
len.
Sehr stark von solchen familiären Erlebnissen geprägt ist die Sexualität.
Grossarth-Maticeks Untersuchungen bestätigen die Erkenntnisse von
Wilhelm Reich: Krebskandidaten sind in der Regel sexuell gehemmt.
Im Unterschied zu Reich, der die Krebsentstehung auf eine Unfähig-
keit z u m Orgasmus zurückführte, betont Grossarth-Maticek, daß es
eher auf die »Selbsteinschätzung« ankomme. Sie sei es, die ein unge-
störtes sexuelles Erleben verhindere. Es sei beispielsweise nicht n u r
wichtig, ob eine Person Orgasmuserlebnisse habe, sondern was sie da-
bei empfinde. »Eine G r u p p e von befragten Personen, die mit großen
Schuldgefühlen auf vollzogene Sexualität reagierte, zeigte nach dem
Orgasmuserlebnis mehr seelische Schwierigkeiten als s o n s t « Es sei
deshalb nicht möglich, die Sexualität »unabhängig von lebensge-
schichtlichen und verhaltensspezifischen Faktoren« zu sehen. M a n
wird also nicht einfach krebskrank, wenn oder weil man sexuell gestört
ist. T r o t z d e m spielt die Sexualität, wenn man sie im Zusammenhang
mit den übrigen Lebensumständen sieht, eine wichtige Rolle bei der
Krebsentstehung.
Grossarth-Maticeks Untersuchungen zeigten, daß Krebskandidaten
häufiger als andere Menschen ihr ganzes Leben lang ohne Geschlechts-
verkehr leben. Eine Ausnahme machten nur einige Patientinnen mit
Gebärmutterhalskrebs, die häufig mit sehr vielen verschiedenen Part-
ner verkehrten, dabei aber keine positiven Gefühle empfinden konn-
ten. F ü r Krebskandidaten spielt die Sexualität eine sehr geringe Rolle in
ihrem Leben. Wichtiger ist meistens die Pflichterfüllung. Außerhalb
des Geschlechtsaktes üben sie so gut wie keine sexuellen Praktiken aus,
haben kaum sexuelle Phantasien und schätzen sich selber als sexuell
wenig attraktiv und als erlebnisunfähig ein.
Sexualität ist für eine Krebspersönlichkeit nur Mittel zum Zweck, eine
idealisierte Partnerbeziehung aufrechtzuerhalten. Grossarth-Mati-
cek: »Wenn eine idealisierte Partnerbeziehung in die Brüche geht, dann
bricht das Sexualverhalten völlig zusammen, und das sexuelle Lustmo-
tiv kann bei der Suche nach neuen Partnerbeziehungen nicht kreativ

240
eingesetzt werden.« O f t erkrankt eine Person an Krebs, nachdem sie
ihren Ehepartner verloren h a t
Das soziale Verhalten der Krebspatienten zeichnet sich durch zwei
hervorstechende Merkmale aus: Es ist »vernunftorientiert« und »har-
monisierend«. Krebspatienten und -kandidaten beschreiben sich in der
Regel als Menschen, die in fast allen Lebenssituationen vernünftig und
überlegt handeln. Da sie stets versuchen, auch die Menschen, die ihnen
unsympathisch sind oder von denen sie verletzt wurden, zu »verste-
hen«, äußern sie praktisch nie aggressive Gefühle.
Dieses Verhalten wird von der U m w e l t belohnt: Man schätzt solche
Menschen, und sie sind auf diese Wertschätzung geradezu angewiesen,
da ihnen ein eigenständiges Selbstbewußtsein f e h l t D a m i t wird das
vernunftorientierte Verhalten verstärkt, o b w o h l es die Befriedigung
der eigenen Bedürfnisse verhindert. »Das vernunftorientierte Verhal-
ten scheint ein Schutz gegen die befürchtete und nicht erlernte Gefühls-
äußerung zu sein«, vermutet Grossarth-Maticek. Wahrscheinlich sei es
in familiären Beziehungen erlernt worden, in denen das Kind auf elterli-
che Zurückweisung nicht mit Aggressionen antworten konnte.
Das »harmonisierende« Verhalten wurde äußerst treffend von Fritz
Zorn beschrieben: »Ich bin aufgewachsen innerhalb einer so vollkom-
men harmonischen Welt, daß selbst den ausgepichtesten H a r m o n i k e r
darob noch das große Grausen packen könnte . . . Etwas Problemati-
sches durfte es nicht geben - denn dann ging die Welt unter . . . Alle wa-
ren immer derselben Meinung. Sollte es aber einmal den Anschein ha-
ben, als sei dem nicht so, so mußte es sich f ü r uns notwendigerweise um
ein Mißverständnis handeln 1 8 3 .«
Typisch ist nicht nur das, was Fritz Z o r n schreibt, sondern auch, was er
nicht schreibt So vermißt V o r w o r t - A u t o r Adolf Muschg in Zorns Le-
bensbeichte das »soziale Auge«, die »sinnliche Bereitschaft der Spra-
che« und meint, das Buch könne eben nicht hergeben, was das Leben
schuldig geblieben sei: »Reichtum der Körperreflexe, ein abwechs-
lungsreiches Verhältnis zu sich und der Welt, das Spiel mit einem Du,
die Gabe, einem Leser unwillkürlich zu H e r z e n zu gehen.«
D e r Fall von Fritz Zorn, dessen Bedürfnisäußerungen durch im El-
ternhaus erlernte H e m m u n g e n völlig blockiert wurden, k o m m t laut
Grossarth-Maticek nicht besonders häufig vor: Lediglich jeder f ü n f t e

241
der von ihm untersuchten Krebspatienten weist eine solche Persön-
lichkeitsstruktur auf. In den meisten Fällen müssen noch ungünstige
Lebensereignisse dazukommen, um eine solche Blockierung hervorzu-
rufen und dadurch den Boden für den Ausbruch der Krankheit vorzu-
bereiten.
Vielen Menschen gelingt es tatsächlich, durch ihr vernunftorientiertes
und harmonisierendes Verhalten eine Situation herbeizuführen, in der
sie von ihren Mitmenschen anerkannt und geschätzt werden. Sie un-
terdrücken zwar dauernd ihre Bedürfnisse, werden dafür aber b e l o h n t
Ereignen sich nun Dinge, die das Streben nach H a r m o n i e zunichte ma-
chen - z u m Beispiel der T o d eines geliebten Partners -, dann k o m m t es
in der Regel zu schwerer Hoffnungslosigkeit Gerade in solchen Situa-
tionen bricht dann häufig auch der Krebs aus. Die mühsam aufgebaute
H a r m o n i e kann schon durch relativ geringfügige Ereignisse ins Wan-
ken geraten: D e r geliebte Partner oder eine andere nahestehende oder
wichtige Person kann sich anders verhalten als erwartet, sie »schok-
kiert« vielleicht durch ungewohnte Ansichten oder äußert Konflikte.
Solche ungünstigen Lebensereignisse sind an sich noch kein Auslöser
für eine Krebserkrankung. Gesunde Menschen sind ihnen ebenso aus-
gesetzt wie Krebsgefährdete. N u r wenn solche Ereignisse aufgrund
von Merkmalen wie Selbstzurückstellung, Idealisierung usw. in H o f f -
nungslosigkeit münden, bricht Krebs mit höherer Wahrscheinlichkeit
aus.
Grossarth-Maticeks Fragestellungen beschränken sich nicht nur auf
psychische und soziale Faktoren. Er konnte bei Krebskandidaten spe-
zifische gesundheitsschädliche Verhaltensweisen beobachten, die er als
»exponierendes Verhalten« bezeichnet: Die betreffenden Personen
waren überaktiv, arbeiteten dauernd und waren unfähig, sich auszuru-
hen. Körperliche Beschwerden beachteten sie nicht. Sie neigten dazu,
übermäßig zu rauchen, zu trinken u n d Medikamente einzunehmen.
Der Heidelberger Medizinsoziologe vermutet, daß dieses exponie-
rende Verhalten die Wahrscheinlichkeit erhöht, sich krebserzeugenden
Substanzen auszusetzen, daß es die I m m u n a b w e h r schwächt und daß
es die nicht beachteten Beschwerden chronisch werden läßt, was wie-
derum die Krebsentstehung beschleunigt.
Dieses Konzept w ü r d e sich ausgezeichnet dazu eignen, von der natur-

242
wissenschaftlichen Krebsforschung in einer interdisziplinären Zu-
sammenarbeit aufgegriffen zu werden. Hier liegt vielleicht ein Schlüs-
sel zu der alten Frage begraben, w a r u m der eine Raucher Krebs be-
k o m m t und der andere nicht. Grossarth-Maticek kann hier interes-
sante Ergebnisse beisteuern. Er geht davon aus, daß Rauchen dann mit
großer Wahrscheinlichkeit Krebs erzeugt, wenn entweder die Anzahl
der täglich gerauchten Zigaretten oder der »emotionale Streß« beson-
ders groß sind oder wenn beide Faktoren nicht besonders stark sind,
aber sich zu einer »synergistischen«, das heißt gemeinsamen Wirkung
summieren.
In einem Experiment konnte er zum Beispiel nachweisen, daß Perso-
nen, die niedergeschlagen waren und mehr als fünfzig Zigaretten p r o
Tag rauchten, häufiger krebskrank wurden als jene, die nur diese
Menge rauchten oder nur niedergeschlagen waren. Die Raucher, die
nicht an Hoffnungslosigkeit litten, erkrankten nur mit einem Risiko
von 1,6 Prozent an Lungenkrebs, hoffnungslose, niedergeschlagene
Raucher erkrankten dagegen zu 15,5 Prozent, also ungefähr zehnmal
so häufig 1 8 4 .
Diese hochinteressanten Zusammenhänge wurden bis heute praktisch
nicht erforscht. »Die Naturwissenschaft ist an diesen Zusammenhän-
gen von sich aus nicht interessiert, und wenn solche interdisziplinären
Versuche von Sozialwissenschaftlern angeregt werden, dann besteht
die Gefahr, daß sich die Naturwissenschaftler der Kooperation ver-
weigern«, meint Grossarth-Maticek. Die G r ü n d e sind leicht zu erra-
ten: In dem Bild des »typischen« Krebspatienten, das sich aus Gros-
sarth- Maticeks Untersuchungen herauskristallisiert, steckt eine gera-
dezu subversive Sprengkraft, die nicht nur an den Fundamenten der
bisher praktizierten Krebsbekämpfung »rüttelt«, sondern diese radikal
in Frage stellt.
Die Schulmedizin fordert vom Krebspatienten, daß er seine körperli-
chen und seelischen Bedürfnisse den »medizinischen Erfordernissen«
unterordnet, daß er sich pflichtbewußt operieren und bestrahlen läßt,
daß er sich aus Nebenwirkungen nichts macht und die Anweisungen
der Ärzte und Krankenschwestern widerspruchslos befolgt Die
schulmedizinische Krebsbehandlung verstärkt also geradezu die
krebsspezifischen Persönlichkeitsmerkmale und fördert vielleicht da-

243
durch - abgesehen von der direkten Wirkung von Strahlen und Zyto-
statika - auch indirekt das Krebswachstum.
Grossarth-Maticeks Befunde lassen sich nahtlos in ein Ganzheitskon-
zept der Krebserkrankung integrieren. Sie widersprechen dadurch
grundsätzlich der (noch) rein lokal auf den T u m o r fixierten Schulme-
dizin.
Da sich gerade die besonders krebsgefährdeten Personen aus ihren Be-
schwerden nichts machen und die frühen Warnsignale des Krebses
ignorieren, melden sie sich kaum zu Vorsorgeuntersuchungen und
werden somit nicht erfaßt. Das stellt den N u t z e n der kostspieligen
Früherkennungsmaßnahmen weitgehend in Frage. Diese schüren nur
die ohnehin schon vorhandene Krebsangst in der Bevölkerung. Inter-
essant ist in diesem Zusammenhang, daß gerade jene Menschen, die tat-
sächlich an Krebs erkranken, sich kaum vor Krebs fürchten.
Wenn sich in weiteren Untersuchungen bestätigen sollte, daß Krebs
tatsächlich in dem von Grossarth-Maticek gefundenen Ausmaß von
psychosozialen Faktoren mitbedingt ist, dann m ü ß t e die Naturwissen-
schaft einiges von ihrem Alleinvertretungsanspruch in Sachen Krebs
abgeben. Um den neuen Gegebenheiten gerecht zu werden, müßten
wesentliche Forschungsmittel umgelagert werden. Dies berührt natür-
lich die Interessen des Establishments, das den Status quo erhalten
möchte.
Die Art der psychosozialen Tätigkeit, die ins vorhandene Konzept
paßt, wird im sogenannten »Heidelberger Modell« betrieben. »Ausge-
hend von amerikanischen Erfahrungen« wurde dieses Modell zur psy-
chosozialen Nachbetreuung Krebskranker im März 1979 von der
Deutschen Krebshilfe ins Leben gerufen. Die Erfahrungen, die in Hei-
delberg gesammelt werden, sollen die öffentlichen Träger des bundes-
deutschen Gesundheitswesens davon überzeugen, »mehr Mittel als
bisher« für die Krebsnachsorge auszugeben.
Dr. Dieter Bokelmann, Leiter der Nachsorge- u n d Rehabilitationsein-
richtung an der Chirurgischen Universitätsklinik Heidelberg, an der
das Modell praktisch erprobt wird, umreißt dessen Aufgabe so: Basis
f ü r alle weiteren Maßnahmen ist die medizinische Versorgung in den
verschiedenen Kliniken des Tumorzentrums. Zu den weiteren Maß-
nahmen gehören im speziellen die individuelle Aufklärung des Patien-

244
ten über seine Krankheit, verschiedene Gespräche zur Klärung der Si-
tuation in Familie und Beruf, Notfalldienst f ü r Krisensituationen, Be-
treuung Schwerkranker und Sterbender, Nachsorge und Betreuung
des Patienten nach der Entlassung aus der Klinik, Anleitung von Pa-
tientenselbsthilfe- und Laienhelfergruppen, Zusammenarbeit mit
Amtsstellen, Dokumentation und wissenschaftliche Verarbeitung des
anfallenden Datenmaterials 1 8 S . Es geht in diesem Modell also um die
Verarbeitung der Probleme, denen sich Krebspatienten gegenüberge-
stellt sehen. Diese werden aber ausschließlich dadurch zu lösen ver-
sucht, daß man die Patienten der Behandlungssituation anpaßt und
nicht etwa u m g e k e h r t Sie sind dann »gelöst«, wenn der Patient »inte-
griert« ist. Seine spezifischen Probleme, die mit zu seiner Krankheit ge-
führt haben, werden nicht angegangen.
Im ersten Erfahrungsbericht des Heidelberger Nachsorgeteams heißt
es z u m Beispiel: »Vordringliche Aufgabe des Teams auf den chirurgi-
schen Stationen war es . . . , die Patienten ganz allgemein medizin-psy-
chologisch zu unterstützen und ihnen die Angst vor dem bevorstehen-
den Eingriff zu nehmen.« Viel einfacher sei die Betreuung auf den Sta-
tionen für innere Medizin gewesen, denn »das individuelle Bewußt-
sein« der Patienten, »an Krebs zu leiden, sowie die Notwendigkeit der
Patientenaufklärung durch den A r z t . . . ermöglichte es dem Team im
Normalfall, erfolgreiche Patientengespräche zu führen und den Be-
troffenen zu einer aktiven Mitarbeit an der Therapie zu bewegen 1 8 6 «.
Dieses Gespräch diente, so der Bericht, dazu, »Isolationsgefühle, De-
pressionen und Empfindungen der Feindseligkeit abzubauen«. D e r
Patient sollte seine Gefühle des Verlassenseins »überwinden« und
durch Vernunftargumente wie »fortgesetzte Aufklärung über die
Krankheit« dazu gebracht werden, seine Angst zu bewältigen. Das Ge-
fühl, das der Patient von seinen Betreuern vermittelt bekommt, ist etwa
folgendes: W e n n ich vernünftig bin und mich anpasse, bin ich akzep-
tiert N u r wenn der Patient, um mit Grossarth-Maticek zu sprechen,
sich »vernunftorientiert« und »harmonisierend« verhält u n d die Äuße-
rung seiner Bedürfnisse, zum Beispiel Feindseligkeit, unterdrückt,
kann er in der Welt des Krankenhauses überleben.
Nach Untersuchungen des Heidelberger Forschers beeinflussen im
wesentlichen dieselben Faktoren, die für die »Krebspersönlichkeit«

2
45
charakteristisch sind, auch die Uberlebensdauer nach der Krebsdia-
gnose. Im Jahre 1975 untersuchten Grossarth-Maticek und seine Mit-
arbeiter 146 Patienten, bei denen bösartige Lungen-, Magen- oder
Darmgeschwülste diagnostiziert worden waren, mit einem Fragebo-
gen und einem Beobachtungskatalog. Eine hohe Punktzahl auf der Be-
fragungsskala wiesen 65 Patienten auf. Von diesen verstarben 53 noch
im selben Jahr. Von den 81 Patienten mit einer niedrigen Punktzahl
verstarben nur 13 im ersten Jahr. Die Wahrscheinlichkeit, noch im sel-
ben Jahr zu sterben, war für Patienten mit einer hohen Punktzahl über
zwanzigmal größer als für jene mit niedriger Punktzahl. Die Frage
bleibt allerdings offen, ob der hohe psychosoziale Streß, der durch die
Punktzahl ausgedrückt wird, eine Ursache oder eine Folge des ungün-
stigen Krankheitsverlaufes ist, oder beides zugleich.

Praktische Anwendung: die kognitive Verhaltenstherapie

Grossarth-Maticek begnügt sich nicht damit, die Zusammenhänge


zwischen Krebs und Psyche zu erforschen, sondern entwickelte
gleichzeitig eine Therapie, mit der er die für die Krebserkrankung
bestimmenden Faktoren günstig zu beeinflussen beziehungsweise
zu beseitigen hofft. Seine Methode ist die »kognitive Verhaltens-
therapie«, die in den letzten Jahren in den USA entwickelt wurde. Sie
geht davon aus, daß nicht das Verhalten eines Krebspatienten erlernt
ist, sondern seine Denkvorgänge, Bewertungen, Einschätzungen und
Uberzeugungen. Erst diese »kognitiven Prozesse« steuern das Verhal-
ten. Dementsprechend versucht die kognitive Verhaltenstherapie
nicht einfach unerwünschte Verhaltensweisen, zum Beispiel Rauchen,
zu beseitigen, sondern die dahinterstehenden »verdeckten« Uberzeu-
gungen.
Ein Raucher raucht zum Beispiel, weil ihn das entspannt oder weil er
dadurch mit anderen Rauchern in sozialen Kontakt k o m m t Rauchen
ist also an ein positives Erlebnis gekoppelt. Der negative Effekt des

246
Rauchens, das heißt ein größeres Risiko, an Lungenkrebs zu erkran-
ken, ist dem Raucher nicht bewußt. Natürlich »weiß« er um die Sta-
tistiken und um das Risiko, aber er ist davon nicht unmittelbar betrof-
fen.
Wenn sich der Raucher entschließen will, mit Hilfe der kognitiven
Verhaltenstherapie von der Zigarette loszukommen, dann muß er in
seiner Gefühlswelt neue Assoziationen schaffen. Dies geschieht in vier
Schritten, die der Patient auch selbständig, ohne Mitwirkung eines
Therapeuten, unternehmen kann.
In einem ersten Schritt stellt sich der Patient das Risikoverhalten vor,
zum Beispiel das Rauchen. Als zweiter Schritt folgt sofort die Vorstel-
lung der negativen Konsequenz, zum Beispiel »Lungenoperation«,
»Schmerz« oder »Tod«. Dann stellt sich der Patient das Alternativ-
verhalten vor, in diesem Fall das Nichtrauchen. Darauf folgt als vierter
Schritt wiederum sofort die Vorstellung der positiven Konsequenz,
zum Beispiel »Gesundheit«, »Wohlbefinden«, »Fitneß«.
Damit solche Vorstellungen wirken, muß sich der Patient in einem ent-
spannten Zustand befinden. Besonders starke Wirkungen werden un-
ter H y p n o s e erzielt. Auch Autosuggestion, zum Beispiel in Form des
von I. H. Schultz entwickelten »Autogenen Trainings«, kann die Wir-
kung dieser Vorstellungen verstärken.
Hypnose oder Autosuggestion lenken die gesamte Erlebnisfähigkeit
ausschließlich auf den suggerierten Sachverhalt. Der Hypnotisierte
glaubt an diesen Sachverhalt, ohne ihn durch rationale Argumente in
Frage zu stellen. Grossarth-Maticek hält diesen »unbedingten« Glau-
ben für außerordentlich wichtig: »In der Kindheit verlaufen die Lern-
prozesse, die für das spätere Leben eines Menschen sehr wichtig sind.
Das Kleinkind lebt in dem Zustand eines rein rezeptiven Sich-Hinein-
gebens in Situationen, in denen es meist zu spontaner Faszination und
unmittelbaren Erlebnissen fähig ist Häufig werden fehlerlernte Ver-
haltensweisen in der Kindheit durch spätere, rationale Strukturen ver-
deckt . . . Diese fehlerlernten Verhaltensweisen sind meistens rein ra-
tionalen Argumenten nicht zugänglich, ihre Veränderung impliziert
eine spontane Erlebnisfähigkeit Genau dieser Zustand wird aber in der
Hypnose erreicht 1 8 7 .« Grossarth-Maticek setzt die Hypnose ein, um
die Wirkung der kognitiven Verhaltenstherapie zu verstärken. Da-

247
durch konnte er z u m Beispiel in einer jeweils zehnstündigen Therapie
119 von 140 Rauchern helfen, das Rauchen bis zu einer Nachkontrolle
von anderthalb Jahren völlig aufzugeben.
Auch die für Krebspatienten und -kandidaten typischen Symptome
wie »chronische Hoffnungslosigkeit«, Unfähigkeit, Bedürfnisse zu
äußern, und Minderwertigkeitsgefühle lassen sich mit kognitiver Ver-
haltenstherapie angehen. D e r Krankheitsausbruch steigert bei vielen
Krebspatienten das Bedürfnis, über ihre persönliche Lage nachzuden-
ken. Sie möchten ihre Schwierigkeiten aktiv überwinden und nicht ein-
fach passiv in sogenannte Rehabilitationsprogramme eingegliedert
werden. D a f ü r scheint die kognitive Verhaltenstherapie eine geeignete
Methode zu sein, im Unterschied etwa zur Psychoanalyse. Exakte Stu-
dien über den Einfluß einer Psychoanalyse auf den Krankheitsverlauf
bei Krebspatienten gibt es bisher nicht. Die bisherigen Beobachtungen
deuten aber darauf hin, daß die Psychoanalyse die Uberlebenszeit eher
verkürzt.
Nach Ansicht von Grossarth-Maticek hängt in der Psychoanalyse die
Richtung der Therapie von der jeweiligen Uberzeugung des Therapeu-
ten ab. D e r Therapeut habe jedoch »nicht das Recht, bei einem Krebs-
patienten jenen Zustand, den er subjektiv als therapiewürdig betrach-
tet, therapeutisch zu behandeln«. In der kognitiven Verhaltenstherapie
sollen nur solche Faktoren beeinflußt werden, von denen aus den expe-
rimentellen Studien bekannt ist, daß sie mit einem schlechten Krank-
heitsverlauf zusammenhängen. Die Therapie geht dabei von den Be-
dürfnissen des Patienten aus. Viele Krebspatienten leiden mehr unter
ihrer chronischen Hoffnungslosigkeit als am Krebs selbst. Sie spüren
intuitiv, daß hier die tiefen Wurzeln ihrer Krankheit liegen, und sie
möchten etwas dagegen tun.
Zunächst müssen die Ursachen der Probleme, unter denen der Patient
leidet, erkannt werden. Die meisten Krebspatienten leiden beispiels-
weise darunter, mit ihren Mitmenschen keine »absolut harmonische«
Beziehung zu erreichen. Sie erwarten, daß ihnen der Therapeut dabei
hilft, ihr Harmoniestreben zu verwirklichen. Was sie wollen, ist nicht
eine Analyse durch den Therapeuten, sondern Lebenshilfe. Sie möch-
ten sich durch das Verhaltenstraining in die Lage bringen, das ge-
wünschte Ziel zu erreichen. Deshalb haben sie ein sehr großes Interesse

248
daran, diese Techniken zu erlernen. Falsch wäre es, wenn der Thera-
peut in dieser Phase dem Patienten beibringen wollte, daß seine Pro-
bleme auf erlernten fehlerhaften Bewertungen beruhen, daß er n u n in
der Therapie die richtigen Bewertungen und Einstellungen lernen müs-
se, wodurch die Probleme von selbst verschwinden würden. D e r The-
rapeut würde damit genau das Gegenteil erreichen, denn das ist es
nicht, was der Patient will.
Wesentlich ist, daß der Patient seine Einsicht selber entwickelt und
nicht vom Therapeuten aufgeschwatzt bekommt. Grossarth-Maticek
beschreibt dieses sogenannte Einsichtstraining so: »Der Patient spürt,
daß der Therapeut ihm zunächst ehrlich helfen möchte, seine harmoni-
sierenden Vorstellungen zu verwirklichen. Daraus ergibt sich eine gute
Ausgangsbasis, über die negativen und positiven Konsequenzen der
Bewertungen des Patienten neu zu reflektieren. Im gemeinsamen
>Kampf< gegen das unerwünschte Verhalten wird beim Patienten zu-
nehmend die Einsicht hervorgerufen, daß es das von ihm erstrebte
harmonisierende Verhalten nicht gibt, nicht geben kann, und daß er
selbst ein solches Verhalten gar nicht nötig h a t . . . In diesem M o m e n t
entwickelt der Krebspatient die Bereitschaft, Bewertungen neu zu er-
lernen 1 8 8 .« Erst jetzt kann ein »Katalog der erwünschten und uner-
wünschten Verhaltensweisen« aufgestellt werden.
Im Laufe seiner über fünfzehnjährigen Forschungsarbeit behandelte
Grossarth-Maticek 42 Krebspatienten, die von sich aus eine kognitiv-
verhaltenstherapeutische Betreuung wünschten. Nach einer dreimona-
tigen Behandlung nahm nicht nur ihre »Krebspunktzahl« deutlich ab,
sondern sie lebten auch deutlich länger (5 Jahre gegenüber 3 Jahren) im
Vergleich mit einer unbehandelten Kontrollgruppe. »Dieses Ergebnis
müßte aber mehrmals wiederholt werden, um einen reinen Zufall aus-
zuschließen«, räumt Grossarth-Maticek ein, »denn die Länge der Le-
bensdauer könnte ja auch von der besseren medizinischen Behandlung
der therapierten G r u p p e abhängig gewesen sein.«
In einer präventiven Studie an 252 Personen mit hoher Punktzahl
konnte er 1976 zeigen, daß durch eine dreimonatige Therapie die Werte
deutlich gesenkt werden konnten. Anderthalb Jahre nach der Therapie
waren in der behandelten G r u p p e zwei Personen, in der gleichgroßen
unbehandelten Kontrollgruppe vier Personen an Krebs erkrankt.

249
Diese Zahlen sind allerdings zu klein, um einen Zusammenhang zu
beweisen.
Die Erforschung der kognitiven Verhaltenstherapie bei Krebspatien-
ten steckt noch in den Kinderschuhen. Im Dezember 1980 unterhielt
ich mich mit Grossarth-Maticek über die Zukunftsperspektiven seines
Forschungsprojekts. »Meine Mitarbeiter haben Tausende von Arbeits-
stunden praktisch ohne Entschädigung gearbeitet«, sagt er. »Es war
eine Riesenarbeit, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Das ging
nur, weil alle davon begeistert waren, weil sie wußten, daß diese For-
schungsarbeit dringend nötig ist. H e u t e ist unsere Kreativität auf dem
Nullpunkt. Es ist in der Krebsforschung fast unmöglich, etwas Neues
zu machen. Diese Forschung ist beherrscht von mächtigen Interessen-
gruppen. Natürlich sind sie offiziell nicht gegen das, was wir machen.
Im Gegenteil: Sie sagen, hochinteressant, aber das m u ß n u n von ande-
ren Forschergruppen bestätigt werden. Dabei wissen sie genau, daß
unter den herrschenden Bedingungen niemand bereit sein wird, die
ganze Arbeit noch einmal zu machen.«
Grossarth-Maticek hat inzwischen seine eigene Methode entwickelt,
um mit den Widerständen des Establishments fertig zu werden: Er
macht sie z u m Gegenstand seiner Forschung und analysiert die Macht-
strukturen in der Wissenschaft, die Verflechtungen der verschiedenen
Interessengruppen und ihre Motive, die sich z u m Teil decken, z u m Teil
aber widersprechen. Diese Widersprüche, die Lücken im System, er-
möglichen es ihm, von Fall zu Fall das Interesse gewisser Gruppierun-
gen f ü r entsprechende Aspekte seiner Forschungsarbeit zu gewinnen.
Ein solcher Aspekt, der bereits nicht mehr im Gebiet der »reinen« so-
zialmedizinischen Forschung liegt, ist die Beobachtung, daß Personen,
die unter Streß stehen und Phenobarbital-Präparate einnehmen, zu-
nächst weniger häufig an Krebs erkranken als Personen, die diese Me-
dikamente nicht konsumieren. Dies ist jedoch nur ein Aufschub, denn
später erkranken diese Personen signifikant häufiger an Leberkrebs.
»Dies f ü h r t uns mitten in die Bindegliedforschung zwischen psycho-
sozialen und biochemischen Faktoren«, sagt Grossarth-Maticek. »Wir
stießen von der Sozialpsychologie her auf einen Befund, der von der
naturwissenschaftlichen Krebsforschung bisher nicht erforscht wur-
de.«

250
Phénobarbital ist ein sogenannter Enzyminduktor, der unter anderem
die Entgiftungsfunktion der Leber anregt Diese scheint die Wirkung
der psychosozialen Streßfaktoren zu verzögern. Grossarth-Maticek
vermutet deshalb, daß der psychosoziale Streß die Leberfunktion
schwächt und dadurch krebsfördernd wirkt. Dies wäre ein Thema, das
prädestiniert wäre, um von Sozialwissenschaftlern und Biochemikern
in einem gemeinsamen interdisziplinären Forschungsprojekt unter-
sucht zu werden. In Deutschland interessierten sich jedoch die Bio-
chemiker bisher nur für die biochemischen Fragen. N i c h t so in Jugo-
slawien. D o r t werden jetzt die Zusammenhänge zwischen Streß, Me-
dikamentenkonsum und Krebs in einer großen interdisziplinären Stu-
die e r f o r s c h t

251
11

Der Fall Issels

»Was hindert die orthodoxe Schule nun eigentlich, Issels anzuerken-


nen? Warum müssen stets Irrtümer und Fehldiagnosen der Pathologen,
Gynäkologen vorliegen oder sogar irrtümliche Bestrahlungen der Göt-
tinger Frauenklinik, um die Diagnose Krebs bei den geheilten Fällen
verneinen zu können?«

Verteidiger Kükelmann im zweiten Issels-Prozeß


Der Optimist

Der wohl bekannteste und zugleich umstrittenste Krebsarzt der Welt


empfing mich an dem Tag, als der Papst München besuchte. Seine vor-
nehm-hübsche Frau Ilse-Maria führte mich in den sehr geräumigen,
antik möblierten Salon der Issels-Villa am Tegernsee, bot mir zu trin-
ken an, und mit einiger Spannung wartete ich auf den Mann, über den
schon soviel geschrieben wurde, vor allem in der Regenbogenpresse —
neben rührenden Geschichten über Soraya, den Schah und andere ge-
krönte Häupter daß man auf der Redaktion nur müde abgewinkt
hatte, als ich den Namen Issels erwähnte. Da liege nichts drin, erstens
interessiere das vor allem die alten Leute, und zweitens sei das alles
schon so abgegrast, und das Image und die Assoziationen und so wei-
ter . . . Mir wurde klar, warum sich seriöse Wissenschaftsreporter
kaum dazu herablassen, über Issels zu schreiben, und zwar ohne vorge-
faßte Meinung.
Dr. Josef Issels, 73, ist ein stattlicher, gutaussehender Herr, charmant,
»Mann von Welt«. Die Art, wie er spricht, läßt selbst belanglose Worte
bedeutungsvoll erscheinen - ein Schuß »Mijnheer Peeperkorn« (Tho-
mas Mann, Zauberberg) ist ihm nicht abzusprechen. Die Patienten,
sagt man, hätten ihm zu Füßen gelegen, und für einige von ihnen mag
sein Zuspruch wie ein Heilungsversprechen geklungen haben - Quelle
sowohl des Lebensmutes als auch späterer Enttäuschung bei Angehö-
rigen von verstorbenen Patienten.
Als ich ihn besuchte, war er mit dem Schreiben seiner Memoiren be-
schäftigt: Bilanz eines bewegten Lebens, auf das er ohne Bitterkeit zu-
rückblickt. Zweimal hatte er seine Klinik schließen müssen, das erste
Mal nach einem langwierigen, vier Jahre dauernden Prozeßverfahren
mit Verhaftung, Verurteilung und Freispruch, das zweite Mal nach ei-
ner Diffamierungskampagne des medizinischen Establishments. Jeder
andere hätte es wohl aufgegeben, unter diesen Umständen weiter un-
heilbar Krebskranke zu behandeln, zermürbt vom Zweifrontenkrieg
gegen den Krebs und die offizielle Ärzteschaft. Nicht so Josef Issels. Er
machte weiter, begann wieder von vorn, behandelte Patienten, die von
sämtlichen Ärzten als unheilbar aufgegeben waren, schloß einen Erfolg

254
nie von vorneherein aus, sah D u t z e n d e seiner Patienten gesunden und
H u n d e r t e sterben.
Ich fragte Issels, wie er das fertiggebracht habe. »Ich glaube an eine
höhere Macht, die unser Schicksal vorherbestimmt«, erwiderte er mit
einer Gleichmut, die schon beinahe orientalisch wirkt. »Ich m u ß t e
damit rechnen, daß ich angegriffen werden würde. Als ich im Gefäng-
nis saß, wurde mir klar, daß meine Gegner bloß taten, was sie tun
mußten.«
Issels gehört zu den zahlreichen Ärzten, die Krebs als eine Erkran-
kung des Gesamtorganismus betrachten. Er geht davon aus, daß ein ge-
sunder Körper trotz schädigender Einflüsse keinen Krebs bekommt.
Deshalb müßten - neben der unerläßlichen Beseitigung des Tumors -
auch jene Krankheitsursachen ausgeschaltet werden, »die das Zusam-
menbrechen der Abwehrkräfte und damit die Tumorbildung bewirkt
beziehungsweise nicht verhindert haben«. Seit mehr als dreißig Jahren
wendet er deshalb bei seinen Patienten neben Operation, Bestrahlung
und Chemotherapie auch eine »ganzheitliche interne immunologische
Krebstherapie« an. Issels' Theorie, sein »Konzept«, wie er es nennt, ist
insofern besonders radikal, als es eine scharfe gedankliche Trennung
macht zwischen der Krebsgeschwulst (Tumor) u n d der Krebserkran-
kung als »inneren Ursachen« des Tumors. Die Krebserkrankung ist f ü r
Issels also nicht der Tumor, sondern die Voraussetzung f ü r die Bildung
des Tumors. Dieser ist nur das Spätsymptom der eigentlichen - sich
lange vorher entwickelnden - Krebserkrankung. Mit diesem Konzept,
das Issels schon 1953 formuliert hatte, als die offizielle Lehrmeinung
noch jegliche »innere« Ursachen des Krebses vehement ablehnte, war
eine der Hauptursachen der Kontroverse gegeben, die wenige Jahre
danach über Issels hereinbrach. »Nach Ansicht der offiziellen Lehr-
medizin ist Krebs ein zunächst lokales Leiden, das folglich auch nur
durch lokal wirksame Waffen wie Operation und Bestrahlung ausge-
rottet werden könne«, sagt Issels. Im Gegensatz dazu bekämpft er den
Krebs nicht durch einzelne, nur auf den T u m o r gezielte (und deshalb
auch statistisch leichter zu überprüfende) Maßnahmen, sondern durch
eine Kombinationstherapie. Dies d ü r f t e der zweite G r u n d dafür sein,
daß Issels vom Establishment abgelehnt wird, denn als »wissenschaft-
lich gesichert« gilt die Wirkung eines Medikaments nur dann, wenn sie

5
in einer kontrollierten, randomisierten, klinischen Einzelstudie stati-
stisch nachgewiesen wurde. Besteht ein Medikament diesen Test nicht,
wird es nicht weiter verwendet, obwohl es vielleicht in Kombination
mit anderen Präparaten sehr wohl wirken würde.
Issels: »Einzelfaktoren zu analysieren, bringt uns hier nicht wesentlich
weiter. Es k o m m t auf die Gesamtwirkung der kombiniert angewand-
ten Mittel an, von denen ja Operation und eventuell Bestrahlung einen
wichtigen Teil ausmachen können. Es wird absolut zu Unrecht be-
hauptet, ich sei gegen die klassischen Krebswaffen. Ich bin nur dage-
gen, daß sie als alleinige Waffen gegen den Krebs angesehen werden.
Diesem Anspruch können sie angesichts der deprimierend niedrigen
Heilungsziffern keinesfalls länger genügen.«
Issels' Lebensgeschichte beginnt in einem Kaufmannshaus in Mön-
chengladbach. N a c h Abitur und Medizinstudium wollte er ursprüng-
lich Chirurg werden. Nach einigen Jahren der Assistenz in »führenden
westdeutschen Kliniken« u n d Tätigkeit als Schiffsarzt auf hoher See
eröffnete er kurz vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges eine eigene
Praxis am W o h n o r t seiner Eltern. Er wurde als A r z t zur Wehrmacht
eingezogen und begann nach dem Krieg wiederum in Mönchenglad-
bach zu praktizieren. N e b e n den traditionellen Heilverfahren nahm er
auch »erprobte ärztliche Heilmethoden« in seine Behandlung mit auf,
»die mehr auf die N a t u r und die Ganzheit des menschlichen Körpers
abgestimmt waren als zahlreiche schnellwirkende Pharmaka mit ihren
oft schwer schädigenden Nebenwirkungen«. Zu dieser Ganzheitsbe-
handlung gehörten unter anderem Diät, homöopathische Präparate,
Gymnastik und Sauna. Issels konnte damit bei vielen chronisch kran-
ken Patienten »auffallende Besserungen« erzielen, die mit den üblichen
Methoden nicht zu erreichen waren. 1950 erhielt er in einem nahegele-
genen katholischen Krankenhaus 30 Betten zum Belegen. D o r t begann
er erstmals auch Krebspatienten zu behandeln und stieß damit bald auf
die Ablehnung der Krankenhausverwaltung. Am 11. Juli 1951 wurde
Issels schriftlich aufgefordert, »keine weiteren Ca-Fälle* einzuwei-
sen«.
Einem Holländer, der mit Krebs auf Issels' Station lag, blieb diese Aus-

* Ca = Abkürzung für Carcinom (Krebs)

256
einandersetzung nicht verborgen. O b w o h l sich sein Zustand rapide
verschlimmerte, drängte er Issels, eine eigene Klinik zu eröffnen. Zu-
vor hatte Issels eine 41jährige Hausfrau mit fortgeschrittenem Gebär-
mutterkrebs erfolgreich behandelt.
Kurz vor seinem T o d vermittelte der Holländer, ein Generaldirektor
der Schiffahrtsgesellschaft van O m m e r e n , Dr. Issels eine 100 000-
Mark-Spende des Reeders. Mit dem Geld und einer weiteren holländi-
schen Spende von 50 000 DM pachtete Issels eine Hotel-Liegenschaft
in Rottach-Egern. Das Grundstück soll einst dem Filmschauspieler
Heinz R ü h m a n n gehört haben. Issels eröffnete dort im Jahre 1951 die
Ringberg-Klinik. Seine Patienten waren nun ausschließlich Krebs-
kranke, die von den Ärzten aufgegeben waren, weil weder Operation
noch Bestrahlung Aussicht auf Erfolg boten. Sein Behandlungspro-
gramm war äußerst vielfältig. So wurden den Patienten tote Zähne ge-
zogen und kranke Mandeln e n t f e r n t Von dieser »Herdsanierung« ver-
sprach sich Issels eine Entlastung des vergifteten Organismus und eine
Reaktivierung und Steigerung der Abwehrkräfte. Daneben verordnete
er eine strenge biologische Diät: Kräutertees, Säfte, Quark, Käse, Müs-
li, O b s t und Kartoffeln. Er impfte seine Patienten außerdem mit einer
Vakzine aus vielfach »gefilterten« tierischen und menschlichen Krebs-
zellen und virusartigen Mikroben. N e b e n einer größeren Zahl von wei-
teren Medikamenten verordnete er auch die sogenannten AV-Tropfen.
Dabei handelte es sich um eine Spezialzubereitung von Patientenblut,
das mittels destilliertem Wasser und Alkohol bis zur homöopathischen
Potenz von D 10 (1 :1o 10 ) verdünnt wurde. Die Patienten, die dazu
körperlich imstande waren, wurden zu Wanderungen in der schönen
Berglandschaft ermuntert.
Schon bald nach der Eröffnung der Ringberg-Klinik berichtete der
»Münchner Merkur«: »Es gelingt heute . . . , Patienten zu bessern, die
noch vor einem Jahr keine Chance gehabt hatten.« Auch die »Süddeut-
sche Zeitung« attestierte Issels »unbestreitbare Erfolge«. Da Issels mit
seinen unkonventionellen, von den klassischen D o g m e n der Schulme-
dizin abweichenden Methoden zu über 90 Prozent Patienten behandel-
te, die andere Ä r z t e bereits aufgegeben hatten, wurde seine Tätigkeit
vom Establishment zunächst stillschweigend akzeptiert Man war
froh, die aussichtslosen Fälle nach Rottach-Egern schicken zu können,

25 7
um die eigene Klinikbilanz zu verschönern. Sogar Kapazitäten wie
Professor Maurer aus München, Professor Siegmund aus Münster u n d
Professor Vieten aus Düsseldorf überwiesen Patienten in die Ring-
berg-Klinik
Im Jahre 1952 ließ das Bonner Arbeitsministerium die Ringberg-Kli-
nik von drei Professoren überprüfen. Das Gutachten lautete positiv,
und das Ministerium bewilligte einen Förderungskredit von 10000
Mark f ü r den Ausbau von klinischen Einrichtungen. Eine »Gesell-
schaft der Freunde und Förderer der Ringberg-Klinik« erhielt v o m
zuständigen Finanzamt den Status der Gemeinnützigkeit zugespro-
chen, was der Klinik einen Zustrom an steuerbegünstigten Spenden be-
scherte.
Die Regenbogenpresse berichtete in seitenlangen Reportagen von ein-
zelnen Issels-Erfolgen, unter Jubel-Uberschriften wie »Dem Leben
wiedergeschenkt«, »Dem sicheren T o d entrissen« und »Sieg über den
unheilbaren Krebs«. Diese rührenden Geschichten stammten von
dankbaren Patienten, die in scheinbar hoffnungslosem Zustand in die
Ringberg-Klinik gekommen waren und dort eine Besserung erlebt hat-
ten. N a c h ihrer Entlassung sprachen sie von dem »Wunderdoktor«,
der sie »geheilt« habe. O h n e Issels zu verständigen, gaben sie den bun-
ten Blättern Interviews, ohne zu ahnen, daß sie ihrem Arzt dadurch
schadeten. Die orthodoxe Ärzteschaft vermutete hinter diesen Berich-
ten eine von Issels inszenierte Werbung.
Als Issels versuchte, seine Behandlungsmethoden in der Fachwelt zur
Diskussion zu stellen, stieß er auf Granit. Vergeblich bemühte er sich,
Artikel in führenden Fachzeitschriften zu veröffentlichen. 1954 w u r d e
ihm die Erlaubnis verweigert, an einer internationalen Krebskonferenz
in Säo Paulo zu sprechen. Am 28. Mai schrieb Professor A. Dietrich
von der Deutschen Krebsgesellschaft einen Brief an die Organisatoren
dieses Kongresses. Darin hieß es unter anderem: »Ein G r u n d , ihn ab-
zulehnen, liegt darin, daß seine Ansichten Verwirrung stiften. V o n
Krebskrankheit o h n e T u m o r zu sprechen ist Unsinn.« Auch auf ande-
ren Kongressen, bei denen Dietrich und seine Gesinnungsgenossen
Einfluß geltend machen konnten, w u r d e Issels abgelehnt.
Während das Krebs-Establishment sich beharrlich weigerte, Issels'
Methoden zu überprüfen, traten Gerüchte auf, die Issels beschuldig-

258
ten, er würde seinen Patienten eine Heilung versprechen, übertriebene
H o n o r a r e fordern und Zahlungsunfähige aus der Klinik weisen. Dr. H.
Weiler, der damalige Präsident der Bayerischen Landesärztekammer,
überzeugte sich durch einen persönlichen Besuch in der Ringberg-
Klinik davon, daß diese bösen Gerüchte falsch waren. In Wirklich-
keit hatte Issels immer eine Anzahl Betten f ü r Patienten reserviert, die
nicht zahlen konnten. Im Jahre 1957 gab er diesen Patienten Behand-
lungen im Wert von 70 000 DM, ohne dafür ein H o n o r a r zu verlan-
gen.
Gegen Ende der fünfziger Jahre nahm die Opposition der Schulmedi-
zin konkretere Formen an. Einer der profiliertesten Issels-Gegner war
der Pathologe Professor Büngeler, Generalsekretär des »Deutschen
Zentralausschusses für Krebsforschung u n d Krebsbekämpfung«.
Diese Vereinigung war besonders dogmatisch auf die schulmedizini-
schen Methoden eingeschworen u n d verketzerte alle Bemühungen, Pa-
tienten anders als mit Stahl und Strahl zu behandeln, selbst in den Fäl-
len, wo diese Methoden aussichtslos waren. In einem Schreiben an ei-
nen befreundeten Kollegen schlug Professor Büngeler vor, gegen Issels
Material zu sammeln, das »vielleicht ein Mittel bieten würde, die eigen-
artigen Behandlungsmethoden in der Ringberg-Klinik zu stoppen«. Is-
sels wurde von ihm auch öffentlich scharf verurteilt. D o c h weder der
Zentralausschuß noch die Landesärztekammer waren bereit, ihre
Vorwürfe an den Tatsachen zu überprüfen. Vergeblich lud Issels im
August 1958 diese beiden Gremien ein, eine Ärztekommission in seine
Klinik zu entsenden.
Trotzdem w u r d e Issels nun auch von wissenschaftlicher Seite Aner-
kennung zuteil. Die van-Ommeren-Stiftung, die den Start der Ring-
berg-Klinik ermöglicht hatte, beauftragte nämlich einen unabhängigen
Forscher, Dr. Arie Audier, mit der wissenschaftlichen U b e r p r ü f u n g
der Isselsschen Heilmethoden. Audier, Leiter der Abteilung f ü r expe-
rimentelle Pathologie am Tropeninstitut der holländischen Universität
Leiden, untersuchte die Krankenblätter von 252 Unheilbaren, die in
der Ringberg-Klinik behandelt worden waren. Von diesen waren fünf
Jahre nach der Behandlung noch 42 (d. h. 16 Prozent) am Leben und
zeigten keinerlei Anzeichen eines Tumors. Verschiedene medizinische
Fachzeitschriften lehnten Audiers Studie ab, bis sie schließlich am

259
3- O k t o b e r 1959 in der renommierten deutschen Zeitschrift »Die Me-
dizinische« doch noch erscheinen k o n n t e 1 8 9 . Issels: »Man hat mich
machen lassen, bis die Audier-Studie publiziert wurde. Von da an
wurde ich b e k ä m p f t «
Die Fünf-Jahres-Uberlebensrate beträgt f ü r Krebspatienten im End-
stadium normalerweise nur wenige Prozent. In Fachkreisen w u r d e
deshalb vermutet, daß es sich bei den Patienten gar nicht um T o d -
kranke gehandelt habe. »Wollte man diese Arbeit ernst nehmen, so be-
stünde kein Zweifel an der Überlegenheit der Isselsschen Therapie«,
schrieb z u m Beispiel der Direktor der Kölner Medizinischen Polikli-
nik und spätere Gutachter im Issels-Prozeß, Professor H a n s Schulten,
in der Zeitschrift »Medizinische Klinik«. Daß die statistische Auswer-
tung korrekt sei, sei »wohl kaum zu bezweifeln«, doch um die Arbeit
als Beweis anerkennen zu können, müßte man »ihre Unterlagen sehr
genau prüfen 1 9 0 «.
Wie bereits mehrfach betont, lohnt es sich, die Aussagekraft von
Krebsheilungsstatistiken grundsätzlich kritisch unter die Lupe zu
nehmen. Auch im Falle der Audier-Studie drängt sich die Frage auf:
Wurden hier durch eine günstige Patientenauswahl Erfolge herbeige-
zaubert?
Dagegen sprechen zwei gewichtige Argumente. Erstens hat Issels si-
cher nie versucht, die Heilungsstatistik seiner Klinik dadurch zu ver-
bessern, daß er aussichtslose Fälle abwies. Im Gegenteil, er hatte sich ja
geradezu darauf spezialisiert, solche Unheilbare zu behandeln. Zwei-
tens war es gar nicht möglich, daß Issels seine Fälle absichtlich oder irr-
tümlich falsch diagnostiziert und so heilbare Fälle zu unheilbaren ge-
macht haben könnte. Die Patienten kamen ja bereits mit der Diagnose
»unheilbar« in die Ringberg-Klinik, überwiesen von Kliniken u n d
Ärzten, die mit Operation und Bestrahlung nichts mehr ausrichten
konnten. Jeder der 252 Fälle, den Audier untersucht hatte, war vor der
Einweisung in die Ringberg-Klinik oft mehrfach diagnostiziert w o r -
den, und bei jedem war die Bösartigkeit mikroskopisch gesichert.
Grundsätzliche Bedenken gegen die Treffsicherheit mikroskopischer
Diagnosen ändern nichts daran, daß mit größter Wahrscheinlichkeit
bei den Issels-Fällen nicht mehr Fehldiagnosen gemacht wurden als bei
den mit schulmedizinischen Methoden behandelten Patienten.

260
Issels verwendete keineswegs nur die sogenannten Außenseitermetho-
den. 1958 kam das Endoxan auf den Markt, damals von vielen als neue
Wunderdroge gegen Krebs gepriesen. Die empfohlene Dosis betrug
50 bis 300 Milligramm pro Tag. Issels beobachtete jedoch, daß die Im-
munabwehr seiner Patienten geschädigt wurde, wenn sie das Mittel in
dieser Dosierung über längere Zeit bekamen. Er ging deshalb dazu
über, Endoxan stoßweise in hohen Dosen von 6000 Milligramm pro
Tag zu geben, kombiniert mit Bluttransfusionen und Immuntherapie,
um die Nebenwirkungen auszugleichen.

Kesseltreiben

Am Vormittag des 15. September i960 - Issels hatte gerade Krankenvi-


site - hielt ein grüner Streifenwagen der Bayerischen Landpolizei vor
der Ringberg-Klinik. Zwei Kriminalbeamte in Zivil sprachen bei Issels
vor und überreichten ihm einen Haftbefehl, in dem er des Betruges und
der fahrlässigen Tötung von Patienten verdächtigt wurde. Die Beamten
forderten Issels auf, seinen Arztkittel auszuziehen, und erklärten ihn
dann für verhaftet N o c h am selben Tag verfaßten 45 entrüstete Patien-
ten ein Protestschreiben an den Staatsanwalt, da sie weiter von ihrem
Chefarzt Issels behandelt werden wollten. Dieser Vorstoß blieb ohne
Erfolg: Issels saß drei Monate lang in Untersuchungshaft, und die Kli-
nik mußte schließen.
Dieser Schlag des Münchner Staatsanwalts Leo Parsch aus nicht ganz
heiterem Himmel war der Auftakt zu einem der aufsehenerregendsten
Prozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der damals 34 Jahre
junge Staatsanwalt stützte sich bei seiner Anklage auf Material, das
zwei von Issels entlassene Ärzte gegen ihren früheren Chef zusam-
mengetragen hatten. Einer von ihnen, Dr. Helgo Teicher, hatte fünf
Monate in der Ringberg-Klinik gearbeitet, ohne einen Hehl daraus zu
machen, daß er von den Behandlungsmethoden seines Chefs nicht viel
hielt. Als er Patienten gegenüber erklärte, sie bräuchten die wertlosen

261
von Issels verordneten Pillen gar nicht erst zu schlucken, war das Maß
voll: Teicher w u r d e am 9. Januar 1959 fristlos entlassen.
D e r zweite Belastungszeuge, der Zahnarzt Dr. Rudolf Gläser - Issels
hatte ihn entlassen, weil er Patienten um Geld anpumpte -, gab später
in einem Verhör des Verteidigers zu: »Gegen Issels ist ein Komplott
geschmiedet worden mit dem Ziel, ihn fertig zu machen. Teicher for-
derte mich nach meiner Entlassung auf, Material zu beschaffen. Tei-
cher handelte für eine Interessengruppe. Es hatte sich ein Kreis gegen
Issels gebildet« Teich er habe auch ansehnliche finanzielle Z u w e n d u n -
gen b e k o m m e n 1 9 1 . Gläser verwickelte sich im Zusammenhang mit an-
deren Aussagen in Widersprüche, so daß er wegen Meineidverdachts
im Gerichtssaal festgenommen wurde.
Immerhin gab auch Teicher zu, Material gegen Issels gesammelt u n d
sowohl an den Staatsanwalt als auch an Professor Büngeler vom »Deut-
schen Zentralausschuß für Krebsforschung u n d Krebsbekämpfung«
weitergegeben zu haben. Teicher behauptete z u n ä c h s t die Bayerische
Landesärztekammer habe ihn damit beauftragt, präzisierte aber nach
einem energischen Dementi des Präsidenten der Kammer, er habe nur
mit einer untergeordneten Dienststelle verhandelt, die ihm auch n u r
einen »Rat« erteilt habe 1 9 2 . Er hielt indessen an seiner Aussage fest, er
habe das Material »nicht aus eigener Initiative« an Professor Büngeler
weitergegeben.
Dieser Professor Büngeler wurde vom Staatsanwalt z u m H a u p t g u t -
achter gegen Issels benannt. Auch der Präsident des Zentralausschus-
ses, dem Büngeler als Generalsekretär diente, war auf Antrag des
Staatsanwaltes als Gutachter geladen. Die Querverbindungen zwi-
schen Hauptbelastungszeugen, Gutachtern und Ärztekammer blieben
während des Prozesses weitgehend im Dunkel. Zudem ließ das
Münchner Landgericht nur die zehn Sachverständigen zu, die der
Staatsanwalt beantragt hatte, nicht aber jene des Verteidigers.
Auch von den 77 Zeugen waren lediglich 9 auf Antrag der Verteidigung
geladen. U n t e r den Zeugen, die nicht vor Gericht erscheinen durften,
befanden sich zehn Ärzte und Professoren, die die Ringberg-Klinik
besichtigt hatten, elf Ärzte, die als Patienten in der Klinik lagen,
und ebenso viele, die enge Familienangehörige in der Klinik hatten,
dreizehn Ärzte, die in der Klinik arbeiteten, u n d schließlich neun

262
geheilte Patienten als lebendige Beweise der Wirksamkeit von Issels'
Therapie.
Der G r u n d f ü r diese einseitige Auswahl liegt darin, daß das Gericht es
ablehnte, sich mit der Frage der Wirksamkeit von Issels' Behand-
lungsmethoden überhaupt zu befassen. D e r Vorsitzende des Landge-
richts, Dr. Klaus Seibert, wollte die Frage, ob Issels schuldig sei oder
nicht, ausschließlich vom Juristischen her angehen. D o c h damit, u n d
das zeigte sich im Verlauf des Prozesses schon sehr bald, hatte er ein
Urteil schon vorweggenommen: Er unterstellte, daß die Methoden der
Schulmedizin in jedem Fall wirksam, jedenfalls wirksamer seien als die
von Dr. Issels praktizierte Behandlung.
Am 14. Juni 1961 begann der Prozeß. Die Anklage auf Betrug in drei
Fällen warf Issels vor, er habe »Patienten, die nach gewissenhaftem
ärztlichem Urteil hoffnungslos krebskrank waren, und vor allem deren
Angehörige durch unrichtige Versprechungen in den Glauben ver-
setzt, daß die Krebskrankheit wenn auch nicht von den vorbehandeln-
den Ärzten, so doch von ihm geheilt oder jedenfalls auf lange Sicht
ganz entscheidend gebessert werden könne«.
Die Begründung der Anklage auf fahrlässige T ö t u n g in vier Fällen lau-
tete: »Er hat die Behandlung dieser Patienten mit seinen internen, den
klassischen Krebsbekämpfungsmethoden der Operation und Bestrah-
lung nicht gleichwertigen Maßnahmen ü b e r n o m m e n . . . , den Zeit-
p u n k t für die Vornahme einer erfolgversprechenden Operation ver-
säumt und dadurch die Patienten, die an den Folgen ihrer in der Ring-
berg-Klinik nicht sachgemäß behandelten Krebskrankheit starben, in
ihrem Leben erheblich verkürzt 1 9 3 .«
D e r Betrugs-Vorwurf des Staatsanwalts stützte sich vor allem auf den
entlassenen Zahnarzt Gläser, der seinen früheren Chef in einem unver-
öffentlichten Leserbrief betrügerischer »Geschäfte mit der Todes-
angst« bezichtigt hatte. Gemeinsam mit einem jungen Reporter der
Tegernseer Lokalzeitung sammelte Gläser bei Angehörigen von ehe-
maligen Ringberg-Patienten kritische Stimmen. An diesen war kein
Mangel. Nach dem T o d ihrer Familienmitglieder, als die Rechnungen
der Ringberg-Klinik ins H a u s flatterten, glaubten sich manche dieser
Angehörigen an Heilungsversprechen zu erinnern, die Issels ihnen ge-
genüber gemacht habe, und fühlten sich geprellt Zwei Witwen, die

263
sich weigerten, die noch ausstehenden Ringberg-Rechnungen zu be-
zahlen, sowie der Bruder eines in der Klinik verstorbenen Patienten
gaben im Ermittlungsverfahren Aussagen zu Protokoll, die Issels stark
belasteten.
So habe er absichtlich Röntgenbilder vertauscht, um den Angehörigen
eine angebliche Besserung vorzuspiegeln. (Tatsächlich waren durch ein
Versehen eines auswärtigen Röntgeninstituts zwei Aufnahmen ver-
wechselt worden, was Issels nicht sofort bemerkte.) D u r c h falsche
Heilungsversprechungen habe Issels Patienten trotz ihrer hoffnungs-
losen Lage und ihres sich schnell verschlimmernden Zustandes in der
Klinik festgehalten und dadurch die Angehörigen um die Kosten f ü r
Klinikaufenthalt u n d Behandlung betrogen.
Issels, der sich bis zuletzt intensiv um das Wohl seiner Patienten zu
k ü m m e r n pflegte u n d ihnen, als wesentlichen Teil seiner Therapie,
M u t einzuflößen versuchte, war durch diesen Vorwurf schwer getrof-
fen.
Inzwischen ist durch wissenschaftliche Untersuchungen bestätigt, daß
die Heilungschancen von Krebspatienten sehr stark von ihrer Einstel-
lung zu der Krankheit beeinflußt werden. So fand eine britische For-
schergruppe, daß bei Frauen mit operiertem Brustkrebs, die ihre
Heilungschancen positiv beurteilten, die Fünf-Jahres-Überlebensrate
mehr als doppelt so groß war als bei Patientinnen mit einer pessimisti-
schen Einstellung 1 9 4 .
Verständnislos f ü r solche Zusammenhänge fragte ein Gerichtsbeisitzer
den Angeklagten: »Herr Dr. Issels, liegt den von Ihnen erfundenen
Medikamenten ein wissenschaftlich fundierter Wirkungsmechanismus
zugrunde? Wenn sich Ihre Patienten nach Verabreichung dieser Mittel
wohler fühlten, war das nicht nur Einbildung, eine subjektive Besse-
rung sozusagen?«
Issels antwortete: »Bei Krebs, Herr Beisitzer, einer tödlichen Krank-
heit, will subjektive Besserung erst einmal erreicht werden. Das ist sehr
viel bei Kranken, die selbstquälerisch ihr Ende in unbekannter Ge-
schwindigkeit auf sich z u k o m m e n sehen.«
Dieser Wortwechsel ist auch heute noch, nach über zwanzig Jahren,
charakteristisch f ü r die Auseinandersetzung zwischen klassischen
Schulmedizinern u n d den sogenannten Außenseitern. Als wirksam

264
wird nur anerkannt, was sich »objektiv« nachweisen läßt und »wissen-
schaftlich fundiert« ist, das heißt auf der Zerstörung von Krebszellen
beruht
Professor H a n s Schulten, ein Sachverständiger der Anklage, sprang in
diesem Punkt sogar dem Angeklagten bei: »Wissenschaftlich fundier-
ter Wirkungsmechanismus ist natürlich Unsinn. Entscheidend bei
Krebs sind immer nur die Erfahrung und Wirkung am Krankenbett!«
Einer von Issels' geheilten Patienten, der Frankfurter Buchhändler
Schauer, beschrieb seinen Eindruck von der Behandlung so: »Von Tag
zu Tag gewann ich mehr den Eindruck, daß dieser Mann von seiner
Heilungsidee besessen sei. Für diese Idee w u r d e ständig unter den Pa-
tienten geworben, nicht nur bei der täglichen Visite, sondern auch in
Vorträgen . . . Wir begannen unsere Krankheit zu studieren, und wir
kamen damit über das Unheimliche dieser Krankheit h i n w e g . . .
Dr. Issels war uns darin ein Vorbild. Er gab nie auf, mochte ein Fall
noch so hoffnungslos erscheinen 1 9 5 .«
Schauer war im Frühjahr 1955 wegen eines Darmkrebses operiert wor-
den. Als die Chirurgin jedoch entdeckte, daß sich längs der Körper-
schlagader bereits Metastasen gebildet hatten, brach sie die Operation
unverrichteter Dinge ab. Man gab Schauer noch zwei bis drei Monate
zu leben. Ein Jahr später, nach der Issels-Behandlung, war von dem
T u m o r nichts mehr zu sehen. Die Chirurgin, die Schauer operiert hat-
te, erklärte daraufhin, es habe sich eben nicht um einen Krebs gehan-
delt
Im Laufe der Gerichtsverhandlung fielen die Zeugen der Betrugsklage
einer nach dem anderen um. Sie waren nun plötzlich nicht mehr sicher,
ob Issels von Heilung gesprochen habe oder, wie dieser behauptete,
von einer »Chance« der Patienten. Die Betrugsklage stürzte vollends in
sich zusammen, als der Sachverständige Professor von Braunbehrens
kategorisch erklärte: »An unheilbaren Krebskranken kann man sich
nicht bereichern. Bei solchen schwerkranken Patienten setzt eine Kli-
nik nur zu. Ich glaube nicht, daß es einen Chefarzt gibt, der aus finan-
ziellen G r ü n d e n todkranke Patienten in seiner Klinik festhält 1 9 6 .«
Tatsächlich stellte das Gericht fest, daß die Aufenthaltskosten in der
Ringberg-Klinik weit unter denen eines Hotels am Tegernsee lagen
und daß die Kosten für Medikamente und ärztliche Behandlung, ge-

265
messen an anderen Kliniken, eher niedrig waren. Issels unterhielt f ü r
seine 70 Patienten 90 Angestellte, davon sechs Ärzte und einen Zahn-
arzt samt Station. Die monatlichen Ausgaben der Ringberg-Klinik, so
ließ das Gericht feststellen, beliefen sich auf 100 000 Mark (ohne Schul-
dentilgung), die Einnahmen auf 110 000 Mark. Z u d e m standen zwei
der drei Zeugen, die Issels Betrug vorwarfen, bei der Ringberg-Klinik
mit unbezahlten Rechnungen von 1000 bzw. 3123 Mark in der Kreide.
Trotz dieser Tatsachen stand für das Gericht der Betrugstatbestand
fest. Issels habe sich einen rechtswidrigen Vermögensvorteil verschafft.
Lediglich »mangels Beweises« wurde Issels von diesem Anklagepunkt
freigesprochen.
Im zweiten Anklagepunkt, dem Vorwurf der fahrlässigen Tötung,
standen Issels' Chancen von vorneherein schlecht. Wiederholt hatte
nämlich der deutsche Bundesgerichtshof entschieden, daß jeder A r z t
grundsätzlich verpflichtet sei, seinen Krebspatienten die Bestrahlung
oder Operation anzuraten, selbst in den Fällen, wo diese zwar noch
möglich seien, aber nicht mehr unbedingt z u m Erfolg führen mußten.
Kurz vor dem Issels-Prozeß war z u m Beispiel ein Augendiagnostiker
wegen »fahrlässiger Körperverletzung« verurteilt worden. Er hatte
eine Patientin behandelt, die dann an den Folgen eines fortgeschritte-
nen Unterleibskrebses starb. Die Gutachter, die den Fall beurteilten,
kamen zwar z u m Schluß, daß die Patientin vermutlich nicht länger ge-
lebt hätte, wenn sie mit schulmedizinischen Methoden behandelt w o r -
den wäre. D e r Erste Strafsenat des Bundesgerichtshofes verfügte aber,
daß der Augendiagnostiker auch dann schuldig sei, wenn die Patientin
durch Bestrahlung weder geheilt noch länger am Leben hätte erhalten
werden können. Wesentlich sei vielmehr, daß »nur die klinische Be-
handlungsweise durch Operation und Bestrahlung einen optimalen
Heilungserfolg« verspreche. Jedes Abweichen von diesen Methoden
sei demzufolge als Gesundheitsschädigung zu bewerten u n d könne als
Körperverletzung bestraft werden. Mit anderen Worten: Chirurgen
und Radiologen besaßen ein vom höchsten Gericht sanktioniertes
Monopol zur Behandlung von Krebskranken, obwohl sie diesen
Krebskranken nachweislich in 80 Prozent der Fälle nicht helfen
konnten.
Wer andere Wege versuchte, mußte eine Gefängnisstrafe fürchten,

266
selbst wenn er mit seinen Methoden Erfolg hatte. D e n n die Gerichte,
zusammengesetzt aus lauter medizinischen Laien, stützten sich bei ih-
ren Urteilen ausschließlich auf Gutachten von Schulmedizinern. So
auch im Prozeß gegen Issels.
Einer der Fälle, in denen Issels fahrlässige T ö t u n g zur Last gelegt wur-
de, war der von Frau Else Warnken, einer damals 33jährigen Hausfrau
und Mutter einer achtjährigen Tochter, die im Januar 195 5 in die Ring-
berg-Klinik kam. Kurz zuvor hatte man bei einer Probeentnahme ei-
nen bösartigen T u m o r in ihrer Brust festgestellt. Aus Rücksicht auf
ihre Ehe wollte sie sich aber nicht verstümmeln lassen und zog es vor,
sich der Isselsschen Behandlung zu unterziehen. Nach zwei Monaten
wurde Else Warnken aus der Ringberg-Klinik entlassen und bis zu ih-
rem Wiedereintritt im O k t o b e r selben Jahres durch ihre Hausärztin in
Bremen nach der Isselsschen Methode fernbehandelt. Sei es, daß Issels'
Anweisungen nicht sachgemäß befolgt wurden, sei es, daß die M e t h o d e
nichts half - jedenfalls verschlimmerte sich der Zustand von Frau
Warnken. N a c h d e m auch der zweite Klinikaufenthalt nichts half,
wurde Frau Warnken schließlich im August 1957 doch noch operiert.
Da sich bereits Metastasen gebildet hatten, w u r d e sie in den folgenden
drei Jahren bestrahlt und mit Zytostatika behandelt, bis sie im Januar
i960 starb.
Issels habe, so lautete die Anklage, der Patientin zugesagt, sie könne
auch ohne Operation geheilt werden. Issels bestand jedoch auf der
Aussage, er habe die Patientin wiederholt auf den Ernst der Lage auf-
merksam gemacht und ihr zur Operation geraten. Da sie sich aber be-
harrlich geweigert habe, sei er mit ihr übereingekommen, an seiner
Therapie festzuhalten 1 9 7 .
Der Münchner Chirurg Zenker sagte als Sachverständiger aus: »Hätte
man Frau Warnken gleich operiert, dann wäre zu 75 Prozent Aussicht
auf Heilung gewesen.« Damit gab er indirekt zu, daß die Patientin mit
2 5prozentiger Wahrscheinlichkeit auch bei einem frühen Eingriff in-
nerhalb von fünf Jahren nach der Operation gestorben wäre. Tatsäch-
lich erreichte sie aber die ominöse Fünf-Jahres-Grenze auch ohne die-
sen Eingriff.
D e r Staatsanwalt stellte sich auf den Standpunkt, Issels habe die Patien-
tin, f ü r die er ohne Zweifel eine Autorität gewesen sei, nicht mit dem

267
erforderlichen N a c h d r u c k von der Notwendigkeit einer Operation
überzeugt.
Bot im Fall Warnken eine Operation nach schulmedizinischer Auffas-
sung immerhin noch Aussicht auf Erfolg, so traf dies bei mindestens
einem weiteren Fall keineswegs zu. T r o t z d e m w u r d e er Issels als fahr-
lässige T ö t u n g angelastet.
Richard Vogel, ein damals j2jähriger Hausmeister aus Tübingen, ließ
sich im O k t o b e r 1958 in der dortigen Hals-, Nasen- und Ohrenklinik
wegen seiner Schluckbeschwerden untersuchen. Die Ärzte stellten ei-
nen Kehlkopfkrebs fest. O b w o h l die Prognose zweifelhaft war - die
L y m p h k n o t e n waren bereits angegriffen -, rieten sie zur Operation.
Vogel wollte Kehlkopf und Stimme nicht opfern, ohne es zuvor noch
mit einer Behandlung durch Issels versucht zu haben. Am 5. N o v e m -
ber 1958 trat Vogel in die Ringberg-Klinik ein. Mitte Januar 1959
wurde Vogel sowohl in München als auch in Tübingen von Professo-
ren untersucht. In beiden Fällen lautete der Befund: »Inoperabel.« Vo-
gel starb am 6. Juli, nachdem er erfolglos bestrahlt worden war.
Schon am 5. N o v e m b e r bestand f ü r Vogel laut Statistik noch eine
Chance von weniger als 5 Prozent, die Fünf-Jahres-Grenze zu errei-
chen. T r o t z d e m kam die Anklage z u m Schluß, daß eine Operation
»wahrscheinlich zu einer Dauerheilung, auf jeden Fall aber zu einer
Lebensverlängerung über Jahre hinaus« geführt hätte. Als aber Ge-
richtspräsident Seibert von einem Experten wissen wollte, ob Vogel
»wesentlich länger gelebt« hätte, wenn er im N o v e m b e r operiert w o r -
den wäre, mußte dieser passen: Es sei »einfach unmöglich«, aufgrund
von statistischen Prozentsätzen zu einem speziellen Fall auszusagen.
Das könne kein Sachverständiger tun. Damit straft er die anderen
Sachverständigen Lügen, die aufgrund von Uberlebensstatistiken
glaubten beweisen zu können, die von Issels behandelten Patienten wä-
ren bei rechtzeitiger Operation »mit an Sicherheit grenzender Wahr-
scheinlichkeit« geheilt worden.
Ein anderer Patient, der ebenfalls an Kehlkopfkrebs litt, war der jöjäh-
rige Buchdrucker Albert Matzeit. Sein T u m o r w u r d e in einem relativ
frühen Stadium im Juni 1958 entdeckt. O b w o h l er ohne besondere
Komplikationen hätte operiert werden können, weigerte sich Matzeit
und suchte statt dessen die Ringberg-Klinik auf, weil er glaubte, dort

268
ohne Operation behandelt zu werden. Zu seiner Enttäuschung dräng-
ten auch die Ringberg-Ärzte, unter ihnen Dr. Issels, zur sofortigen
Operation. Matzeit widersetzte sich jedoch u n d wurde in der Folge mit
Issels' interner Therapie behandelt. Ein Jahr nach der Entdeckung sei-
nes T u m o r s m u ß t e er wegen Erstickungsgefahr dennoch operiert wer-
den, und knapp ein Jahr später, im Mai 1960, starb er an Metastasen.
Wie schon im Fall Warnken w u r d e Issels beschuldigt, den Patienten
nicht mit dem gebotenen N a c h d r u c k zur Operation gedrängt zu ha-
ben. (Matzeit hätte, statistisch gesehen, mit 2 jprozentiger Wahr-
scheinlich auch bei einer sofortigen Operation schon früher als im Mai
i960 sterben können.)
Auch der T o d eines weiteren entschiedenen Operationsverweigerers,
des 59jährigen Karl Wiesinger, w u r d e Issels angelastet. Bei Wiesinger
hatte man bereits 1951 einen Peniskrebs festgestellt. Wiesinger, fest
entschlossen, sich nicht operieren zu lassen, besorgte sich populäre
Krebsliteratur, um sich über andere Behandlungsmöglichkeiten zu in-
formieren. Erst im Juli 1954 kam er zu Issels, der ihn ausdrücklich auf
die Gefahr seines Operationsverzichts aufmerksam gemacht haben
will. D e r Staatsanwalt behauptete dagegen, Issels habe dies »pflicht-
widrig unterlassen«. Immerhin sagten Wiesingers Witwe, seine Toch-
ter sowie ein Mitpatient, die als Zeugen der Anklage vor Gericht er-
schienen, übereinstimmend aus, der Patient habe sich bereits vor dem
Eintritt in die Ringberg-Klinik strikt geweigert, eine Operation vor-
nehmen zu lassen. Drei Monate lang lag Wiesinger in der Ringberg-
Klinik und w u r d e dann fernbehandelt, indem er Medikamente zuge-
schickt bekam, die ihm sein Hausarzt einspritzen mußte. Am 24. Juni
1955 wurde der Tumor, der trotz Behandlung weitergewachsen war,
operiert, und im September starb Wiesinger.
D e r Sachverständige, der die abstrakte Heilungsstatistik des Penis-
krebses kannte, den Patienten Wiesinger aber weder 1951 noch 1954
gesehen hatte, behauptete, daß dieser durch rechtzeitige Operation
oder Bestrahlung hätte geheilt werden können. Dieser Experte, Pro-
fessor G o t t r o n aus München, war der Präsident des »Deutschen Zen-
tralausschusses für Krebsforschung und Krebsbekämpfung«, der mit
einem der Hauptzeugen der Anklage schon lange vor dem Prozeß
Verbindungen geknüpft hatte.

269
Am 31. Juli 1961 wurde Dr. Issels von der zweiten Strafkammer des
Landgerichts München II wegen fahrlässiger T ö t u n g in den Fällen
Wiesinger, Matzeit und Warnken zu einem Jahr Gefängnis unter An-
rechnung der dreimonatigen Untersuchungshaft verurteilt. In diesen
Fällen habe »mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit« festge-
standen, »daß die unterlassene Beratung durch Issels den vorzeitigen
Tod der Patienten zur Folge hatte«. Die Patienten, so die Auffassung
des Gerichts, seien keine Operationsverweigerer gewesen, sondern
höchstens Operationszauderer. Anstatt sie durch seine Autorität zu
überzeugen, habe der Angeklagte »die Operationsabneigung der
Kranken unterstützt und f ü r seine Therapie gewonnen«. U n t e r diesen
Umständen könne von einer freien Willensentscheidung der Kranken
nicht die Rede sein 1 9 8 .
Issels-Verteidiger Albert Seidl legte Berufung ein, wodurch die Voll-
streckung des Urteils aufgeschoben wurde. Das Urteil selbst wurde in
der deutschen Presse fast einhellig als ungerecht bezeichnet. Eine U m -
frage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach ergab, daß 42 Pro-
zent der Personen, die den Prozeß mitverfolgt hatten, das Urteil als
ungerecht empfanden. N u r 19 Prozent fanden, Issels sei zu Recht
verurteilt worden.
Im Mai 1962 hob der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Urteil in zwei
Fällen auf u n d reduzierte im dritten Fall das Strafmaß. Doch auch die-
ses verbliebene Urteil hielt einem Wiederaufnahmeantrag der Verteidi-
gung nicht stand, und so mußte der ganze P r o z e ß noch einmal von
vorne aufgerollt werden.
Am 29. O k t o b e r 1964 begann die zweite Gerichtsverhandlung. Dies-
mal hatte die Verteidigung durchsetzen können, daß sich das Gericht
mit der Frage der Wirksamkeit von Issels' interner Tumortherapie be-
fassen mußte. Eine ganze Reihe von Sachverständigen sagte zugunsten
des Angeklagten aus. D e r Prozeß artete zeitweilig in einen Fachkon-
greß von Krebsexperten aus, die sich heftige Meinungsgefechte liefer-
ten. Mehrmals m u ß t e der Gerichtsvorsitzende, Dr. Karl Göppner,
beschwichtigend eingreifen: »Ja, ja, da scheiden sich halt die Gei-
ster.«
Die führenden Sachverständigen der Anklage waren Professor Bauer,
Leiter des gerade fertiggestellten Krebsforschungszentrums Heidel-

270
berg und Begründer der »Mutationstheorie«, und der Tübinger Inter-
nist Professor H a n s Bock, neuer Präsident des »Deutschen Zentral-
ausschusses f ü r Krebsforschung u n d Krebsbekämpfung«.
Bauer bestritt die von Issels vertretene Auffassung, daß Krebs eine Er-
krankung des gesamten Organismus sei, die dann schließlich z u m
Wachstum des T u m o r s führe. Im Gegenteil: D e r Krebs beginne an ei-
ner ganz bestimmten Stelle zu wachsen und w ü r d e schließlich im übri-
gen Körper allgemeine Symptome hervorrufen.
Bock wies darauf hin, daß die Krankheiten, die die Medizin bis dahin
besiegt habe, stets »mit einem Mittel kausal heilbar« geworden seien.
Issels' Therapie, beanstandete Bock, enthalte allein sieben Maßnahmen
zur Milieubeeinflussung, die zudem ständig wechselten. Das sei »nicht
mehr kontrollierbar«.
Issels antwortete: »Ich bekomme die Kranken so, wie Sie sie nach
Hause geschickt haben. Ich kann Ihnen nicht sagen, welche Maßnahme
die Wirkung erzielt h a t Aber die Gesamtmaßnahmen haben sie er-
zielt 1 9 9 .«
U n t e r den Experten der Verteidigung befanden sich Professor Zabel
aus Berchtesgaden, einer der führenden Vertreter der alternativen
Krebsbehandlung, und Dr. P. Kretz, Herausgeber der undogmati-
schen »österreichischen Zeitschrift f ü r Onkologie«. Zabel räumte ein,
nicht alle Isselsschen Methoden selber anzuwenden, zu deren Wirk-
samkeit er sich demzufolge auch nicht äußern wolle. Er präsentierte
aber zahlreiche Fakten, die darauf hindeuteten, daß eine körpereigene
Abwehr gegen Krebs existiert (was Bauer ausdrücklich bestritten hat-
te) u n d daß diese Abwehr durch geeignete Maßnahmen angeregt oder
wiederhergestellt werden kann 2 0 0 . Kretz, in dessen Zeitschrift auch
Arbeiten von »Außenseitern« veröffentlicht wurden, sagte aus, es gebe
deutliche statistische Hinweise, daß eine Allgemeinbehandlung gegen
Krebs wirksam sei und die Heilungschancen verbessere.
Das Gericht, von diesen Fachkontroversen total überfordert, m u ß t e
jetzt zur Kenntnis nehmen, daß das medizinische Fundament, auf dem
die Anklage gegen Issels juristisch aufbaute, eine äußerst wacklige An-
gelegenheit war. D e m Gericht wurden auch 34 wohldokumentierte
Fälle vorgeführt, in denen Issels-Patienten mit Krebs im Endstadium
geheilt worden waren. Deren Diagnosen, ausgestellt von führenden

271
Ärzten in renommierten Spitälern vor dem Eintritt der Patienten in
die Ringberg-Klinik, wurden jedoch von den Sachverständigen ange-
zweifelt. Selbst in den Fällen, wo für die Sachverständigen eine Re-
mission zweifelsfrei feststand, wurde ein Zusammenhang mit der
Behandlung in der Ringberg-Klinik bestritten. U n t e r den Sachver-
ständigen der Anklage waren aber auch einige, die Issels' Arbeit an-
erkannten.
Die Gerichtsverhandlung wurde am 9. Dezember 1964 beendet. Zwei
Tage später folgte die Urteilsverkündung: Issels wurde in allen Ankla-
gepunkten freigesprochen. Die meisten Beobachter hatten diesen Frei-
spruch erwartet, und die Stimmung im Publikum war eindeutig. D o c h
während die Illustrierten rührende Heilungsgeschichten kolportierten
und Issels als Helden feierten, rückte ein Teil der »seriösen« Presse
merklich von ihm ab.
Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« hatte z u m Beispiel beim ersten
Prozeß noch die Aussagen der Sachverständigen kritisch analysiert und
im großen und ganzen eine Issels-freundliche Haltung eingenommen.
Im zweiten Prozeß, als ein Freispruch so gut wie feststand, ließ es
durch den Kommentator Peter Brügge den Angeklagten hämisch por-
trätieren: »Gute Figur, guter Schneider, gutes Gewissen.« Sichtlich an-
gewidert von Issels' »Anbetern, die den Saal bis z u m Sauerstoffmangel
füllen«, schrieb Brügge: »Man findet's nicht bedenklich im Hause Is-
sels, das sensationelle, allen Erfahrungen der Krebsforschung wider-
sprechende Fazit von zwölf Jahren unblutiger Heilbehandlung in einer
bewährten Roman-Illustrierten oder im Gerichtssaal bekanntzugeben,
statt, wie in der ernsthaften Forschung üblich, auf dem Wege über die
wissenschaftliche Publikation 2 0 1 .« Drei Jahre zuvor hatte der »Spie-
gel« noch berichtet: »Die bundesdeutschen Krebs Spezialisten . . . tor-
pedierten die Versuche des Rottacher Außenseiters, über seine . . . Be-
handlung von Krebskranken eine wissenschaftliche Diskussion her-
beizuführen.«
Frau Ilse-Maria Issels erinnert sich: »Nach der Verhaftung meines
Mannes kam ein Spiegel-Reporter, der mich einige Stunden lang inter-
viewte und mir harte Fragen stellte. Ich wollte ihn zuerst nicht empfan-
gen, weil andere Reporter meine Aussagen verfälscht hatten. Aber er
sagte, er habe recherchiert und negatives Material gesammelt, und das

272
würde er eben publizieren, wenn ich ihm kein Interview gebe.« D u r c h
das Interview änderte der Reporter offenbar seine Meinung und
schrieb einen positiven Bericht über Issels. Er habe dann später noch-
mals angerufen und gesagt, er habe der Wahrheit zuliebe seine Karriere
aufs Spiel gesetzt. Die »Spiegel«-Redaktion akzeptierte den Artikel
nicht. O f f e n b a r glaubte man, Frau Issels habe den Reporter um den
Finger gewickelt. Wenig später meldete sich jedenfalls ein anderer
»Spiegel«-Journalist bei Dr. Issels und stellte ihm dieselben Fragen
noch einmal. O f f e n b a r war er nun auch davon überzeugt, daß Issels
Unrecht geschah, denn im Sommer 1961 brachte der »Spiegel« nicht
nur eine positive Reportage, sondern auch eine ausgesprochen freund-
liche Prozeßberichterstattung.
Ganz anders schrieb kurz vor der Urteilsverkündung im zweiten Is-
sels-Prozeß »Spiegel«-Reporter Gerhard Mauz aus München, nach-
dem auf der Redaktion des Nachrichtenmagazins offenbar die L o b b y
des medizinischen Establishments inzwischen die O b e r h a n d gewon-
nen hatte: »Der Schaden, den sich Justiz und Medizin in ihrer vierjäh-
rigen Auseinandersetzung mit dem sogenannten Krebsarzt aus Rot-
tach-Egern zugefügt haben, ist so groß, daß Dr. Issels' persönliches
Schicksal in den Schatten dieses Schadens geraten ist.« Ein Freispruch
werde fälschlicherweise »für große Teile einer verwirrten Öffentlich-
keit« wie eine Bestätigung wirken, daß Issels mit seiner »internen
Tumortherapie« die einzig wirksame Waffe gegen Krebs besitze 2 0 2 .«
Daraus wird deutlich, wie sehr im zweiten Issels-Prozeß die Meinun-
gen polarisiert waren. D u r c h den Freispruch wurde zwar dem Men-
schen Josef Issels Genugtuung zuteil, w u r d e der Krebsarzt Issels
rehabilitiert, doch der Krebsfachmann Issels verlor diesen Prozeß.
Weniger als je zuvor war die Fachwelt bereit, sich mit seinen Thesen
ernsthaft zu befassen, seine Methoden wissenschaftlich zu überprüfen.
Issels, durch Strafverfolgung u n d Freispruch zum Märtyrer ge-
stempelt, war n u n endgültig ein Außenseiter, obwohl er die klassischen
Methoden Operation und Bestrahlung ausdrücklich befürwortete und
sogar Zytostatika anwandte.
Zu diesem Zeitpunkt w u r d e auch der Betrugsvorwurf wieder aufge-
wärmt, den das Gericht im ersten Prozeß »mangels Beweises« hatte fal-
lenlassen müssen: Issels, ein »Scharlatan«, der Krebskranke mit »über-

2
73
triebenen Heilungsversprechungen« in seine »gutgehende« Klinik
lockte. U n d wer sich auf seine »Wissenschaftlichkeit« etwas zugute tat,
rümpfte über den »Probier« Issels mit seiner unsystematischen Me-
thode von Versuch und Irrtum die Nase.

Im Schlaglicht der Medien

Nach Issels' Rückkehr in die Ringberg-Klinik wurde er von der Presse


mit Angeboten um die Exklusivrechte für seine Lebensgeschichte be-
stürmt. Er lehnte zunächst alle Angebote ab. Doch da einige Magazine
dazu übergingen, mit Eigenversionen zu drohen, suchte Issels Rat bei
einem Anwalt. Dieser riet ihm, mit einer Illustrierten einen Exklusiv-
vertrag zu machen, um dieses Treiben zu unterbinden. Issels verkaufte
die Rechte für 40 000 DM an »Quick«. Die Bayerische Ärztegesell-
schaft hängte ihm deswegen ein Disziplinarverfahren an und büßte ihn
mit 5000 DM.
Im Jahre 1965 konnte Issels die Ringberg-Klinik wiedereröffnen. Pa-
tienten aus aller Welt strömten nach Rottach-Egern. Zu jener Zeit pro-
duzierte die britische Fernsehgesellschaft BBC einen Dokumentarfilm
mit dem Titel »Leben mit dem Tod«. Der Film zeigte u. a. den briti-
schen Soziologen Peter Newton-Fenbow, der an einer fortgeschritte-
nen Krebserkrankung litt. Issels, von dem Film beeindruckt, bot N e w -
ton-Fenbow eine kostenlose Behandlung in der Ringberg-Klinik an.
Innerhalb von drei Monaten bildeten sich die Metastasen stark zurück.
Als einer der Dokumentarfilm-Autoren, Gordon Thomas, den Patien-
ten wieder zu Gesicht bekam, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen:
»Der Mann, den ich verlassen hatte, war am Sterben . . . und nun war er
ein vitaler, lebendiger Mann 2 0 3 .« Thomas entschloß sich, die Issels-
Klinik zu besichtigen, zusammen mit einem Sachverständigen, der die
BBC-Leute gelegentlich bei ihren Wissenschaftssendungen beratend
unterstützt hatte: Dr. John Anderson, Medizinprofessor am Kings
College Hospital in London.

2
74
Professor Anderson, eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der
Krebsmedizin, schrieb nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in der
Ringberg- Klinik und nach eingehender Durchsicht der Krankenblätter
in einem vertraulichen Bericht an die BBC: »Ich bin der festen U b e r -
zeugung, daß dies ein neuer Weg der Krebsbehandlung ist, u n d es
scheint auch eine erhebliche Verbesserung der üblichen Behandlung zu
sein.« Er habe den Eindruck gewonnen, daß die Klinik »gut geführt«
sei u n d »die besten klinischen Traditionen« erfülle. Issels bescheinigte
er, ein »fähiger Arzt«, ein »gewissenhafter Kliniker« u n d ein »scharfer
Beobachter« zu sein.
D u r c h diesen Bericht ermutigt, beschloß die zuständige Ressortlei-
tung, ein Filmteam an O r t recherchieren zu lassen. Die Filmleute wa-
ren so beeindruckt von den Krebspatienten, die die Berge rings um die
Klinik bestiegen, daß sie den Film »Go Climb a Mountain« betitelten.
Während die Dreharbeiten im Gange waren, änderten führende
BBC-Leute plötzlich ihre Meinung. So erklärte der Ressortleiter nun,
er sei gegen einen Film, der falsche H o f f n u n g e n wecke. Laut G o r d o n
Thomas hatten sich nämlich mittlerweile drei Vertreter des britischen
Krebs-Establishments zusammengetan, um die Produktion des Films
zu verhindern: Professor G o r d o n Hamilton-Fairley vom Royal-
Mardsen-Hospital, der bekannte Radiologe Sir David Smithers und
Professor Robert J. Harris. Die Produktion von »Go Climb a M o u n -
tain« wurde gestoppt.
G o r d o n Thomas und sein Team arbeiteten jedoch weiter an dem Film,
indem sie vorgaben, mit einem anderen Projekt beschäftigt zu sein. Der
Film wurde geschnitten und montiert. Als er der BBC schließlich vor-
geführt wurde, »brach die Hölle los«, wie Thomas berichtet. Ressort-
leiter Aubrey Signer erklärte kategorisch, dieser Film könne nicht aus-
gestrahlt werden. Die BBC trommelte eine ganze Anzahl von Krebs-
fachleuten zusammen, denen sie den Film vorführte. Das einhellige
Urteil lautete: »Unverantwortlich.«
Thomas und seine Mitarbeiter versuchten die Situation zu retten und
boten Hamilton-Fairley, Smithers und Harris an, die Reisekosten
nach Rottach-Egern zu bezahlen, damit die Professoren sich selber ein
Bild von der Ringberg-Klinik machen konnten. Alle drei lehnten ab
mit der Begründung, sie würden mit einem solchen Besuch ihren wis-

2
75
senschaftlichen Ruf aufs Spiel setzen. Die Professoren erklärten in ei-
nem Schreiben, der Film würde eine Heilung von Krebs anpreisen, was
gesetzlich verboten sei.
T r o t z d e m waren einige der Programmverantwortlichen der Meinung,
der Film müsse gezeigt werden. Im Verlauf einer hitzigen Debatte in-
nerhalb der Fernsehgesellschaft bemächtigte sich Ressortleiter Signer
des Films samt Archivmaterial und strich den vorgesehenen Sendeter-
min vom 17. März 1970. Als der »London Observer« die Sache auf-
deckte und am 18. O k t o b e r in einem Bericht auf der Frontseite publi-
zierte, dementierte BBC jede Absicht, den Film fallenzulassen, und ein
neuer Sendetermin wurde festgesetzt. Am 3. N o v e m b e r 1970 w u r d e
»Go Climb a Mountain« ausgestrahlt. R u n d 14 Millionen Briten sahen
den Film. Die Britische Ärztegesellschaft faßte eine Resolution, in der
es hieß, gegen diese unerlaubte Werbung müßten Schritte unternom-
men werden. Andere Mediziner schrieben in der Presse gegen Issels
und seine Methoden.
D e r Film fand in der britischen Öffentlichkeit große Beachtung. Eine
Zuschauerin war die Sportlerin Lillian Board, ein Mitglied der briti-
schen Olympiamannschaft, die mit Krebs im Sterben lag. Ihr Ent-
schluß, in die Ringberg-Klinik zu gehen, zog die Aufmerksamkeit der
gesamten europäischen Presse auf sich. Scharen von Reportern be-
gaben sich nach Rottach-Egern, wo Lillian Board kurz darauf starb.
»In dem Moment, als sie starb«, berichtet G o r d o n Thomas, »traten
Smithers, Hamilton-Fairley und Harris in Aktion. Sie sagten, Issels
sei ein Betrüger u n d ein Scharlatan!« Die Filmproduzenten wurden
beschuldigt, unverantwortlich gehandelt zu haben, und in den Zeitun-
gen wurden die alten Prozeß-Geschichten wieder aufgewärmt. Die bri-
tische Regierung sah sich veranlaßt, eine Kommission von Sach-
verständigen nach Rottach-Egern zu entsenden.
Unter ihnen befanden sich auch Smithers, Harris und Hamilton-Fair-
ley, die sich zuvor geweigert hatten, sich mit dem »Quacksalber« Issels
einzulassen. Jetzt, in offizieller Mission, brauchten sie um ihren wis-
senschaftlichen Ruf nicht mehr zu fürchten. Die britische Kommission
bescheinigte der Ringberg-Klinik, »ausgezeichnet geführt« zu sein. Is-
sels versuche auch, »jeden einzelnen Patienten in die bestmögliche Ver-
fassung zu bringen, um dessen Krankheit zu bekämpfen«, lobten die

276
Experten. D o c h diese Bemühungen, so bewundernswert sie auch seien,
hätten »keine Wirkung auf das Tumorwachstum«. »Wir suchten nach
jedem nur möglichen Hinweis auf eine Tumorrückbildung, die nicht
durch Zytostatika verursacht wurde, und wir fanden nichts, was über-
zeugend gewesen wäre«, schrieben die Experten in ihrem Bericht.
Allzu eifrig scheinen die Professoren aber weder die Ringberg-Patien-
ten noch die Krankenblätter der Klinik studiert zu haben. Das Gutach-
ten soll nämlich bereits während des Inspektionsbesuches geschrieben
worden sein, nicht erst nachher. Issels und seine Mitarbeiter mußten
später feststellen, daß aus den Krankenblättern nur das zitiert wurde,
was den Mitgliedern der Kommission in ihr Konzept paßte.
Die Sachverständigen kamen in ihrem Bericht zu folgendem Schluß:
»Wir sind alle davon überzeugt, daß Dr. Issels bedingungslos an die
Behandlung glaubt, die er verabreicht. Wir glauben, daß er sehr viel lei-
stet, um seinen Patienten zu helfen. Wir glauben aber leider, daß er in
seiner Uberzeugung irregeführt ist und daß die besondere Behand-
lungsmethode seiner Klinik unwirksam ist« Begründung: Die von Is-
sels angeblich erfolgreich behandelten Patienten hätten entweder gar
keinen Krebs gehabt - sondern n u r an Bestrahlungsschäden gelitten,
die fälschlicherweise bereits vor dem Eintritt der Patienten in die Ring-
berg-Klinik als Metastasen diagnostiziert worden seien -, oder aber sie
seien bereits vor der Isselsschen Behandlung durch Operation und Be-
strahlung geheilt worden.
Dieses rasch gefällte Urteil, das nun endgültig und schwarz auf weiß
»bewies«, daß Issels ein Scharlatan war - unterstützt durch eine ent-
sprechende Begleitpropaganda des Establishments -, bewirkte, daß
eine ganze Anzahl von Krankenkassen nicht mehr bereit war, Rech-
nungen der Ringberg-Klinik zu bezahlen. Dies hatte zur Folge, daß f ü r
normalbemittelte Patienten der Aufenthalt und die Behandlung uner-
schwinglich waren. Zudem waren jetzt viele Ärzte nicht mehr bereit,
ihre Patienten nach Rottach-Egern zu überweisen. Im Jahre 1973
mußte Issels seine Ringberg-Klinik schließen. Er benützte fortan die
Einrichtungen einer anderen Klinik am Tegernsee zur Behandlung der
noch verbliebenen Patienten.
Ende 1976 wurde in Bad Wiessee, ebenfalls am Tegernsee gelegen, wie-
der eine Ringberg-Klinik als private Krankenanstalt konzessioniert,

277
getragen von einer »Klinik für Ganzheitsmedizin G m b H « . Chefarzt:
Dr. Issels. Damit wollte Issels seine ärztliche Tätigkeit von der ge-
schäftlichen Seite der Klinik trennen.
Die Zusammenarbeit mit der neuen Klinik scheint nicht reibungslos
verlaufen zu sein, denn Issels verlängerte seinen Anstellungsvertrag,
der Ende 1979 auslief, nicht. (Er behandelt aber weiterhin Krebspatien-
ten in seiner Privatpraxis.) Es gibt nun keine Klinik mehr, die seine Art
der Therapie weiterführt. D o c h seine Idee, die eigentlichen Krebsursa-
chen mit verschiedenen Methoden gleichzeitig anzugreifen, wird heute
von immer mehr Ärzten akzeptiert und praktiziert, auch entgegen der
offiziellen Lehrmeinung. Issels' Lebensgeschichte zeigt, daß es einfa-
cher ist, diese Lehrmeinung zu unterlaufen, als ihr offen eine Alterna-
tive entgegenzustellen.

278
12

Die Kostenfrage

»In meinen verschiedenen Gesprächen ... erhielt ich den allgemeinen


Eindruck, daß die Krebs-Chemotherapie generell als ein sehr teures
Spiel angesehen wird - und tatsächlich wird es manchmal als verboten
teuer betrachtet.«

G. Teeling-Smith, Office of Health Economics, London


Die Selbstzahler

Der Ausgemergelte saß mit gesenktem Kopf auf einem Stuhl und war-
tete. Im Wartezimmer war es so still, daß man eine Stecknadel hätte zu
Boden fallen hören. Ich war mit Dr. Sch. verabredet, um mit ihm über
seine Methode der Krebsbehandlung zu sprechen. Die Praxistür öff-
nete sich, und der Ausgemergelte wurde ins Sprechzimmer gebeten.
Neben der Praxistür war mit Reißzwecken die Fotokopie eines Briefes
befestigt. Das Schreiben stammte von der Krankenkasse des Ortes und
war an Dr. Sch. gerichtet. Darin hieß es sinngemäß, Krebspatienten
könnten nicht als Ausnahmefälle betrachtet werden. Diese »Sonderfäl-
le« seien im Durchschnitt der Arzneiverordnungen enthalten und
könnten deshalb nicht herausgenommen werden. Mit anderen Wor-
ten: Die Patienten hatten die Kosten, die den durchschnittlichen An-
satz überstiegen, selber zu bezahlen.
Nachdem er einige der wartenden Patienten behandelt hatte, führte
mich Dr. Sch., ein lebhafter und resoluter Siebziger, ins Sprechzimmer,
das im Stil einer Landarztpraxis eingerichtet war. Ein alter Schreibtisch
beherrschte den Raum, und blitzendes C h r o m war nirgends zu ent-
decken. Der gesprächige alte Herr hielt mir einen Vortrag, der darauf
hinauslief, daß die Geschwulst »sozusagen nur das Kondensat oder die
Auskristallisation in einem bestimmten Zellkomplex« sei, keineswegs
aber als die eigentliche Krankheit gelten könne. Es genüge also nicht,
einfach möglichst alles herauszuoperieren, »meinetwegen sogar noch
die Metastasen«, und dann den Rest totzubestrahlen.
»Und dann die Nebenwirkungen. Dieser eine Patient, den Sie vielleicht
draußen gesehen haben« - offenbar meinte er den Ausgemergelten -,
»dem habe ich auf Veranlassung eines Kollegen Vincristin gespritzt.
Damit kam es zu einem katastrophalen Abfall der weißen Blutkörper-
chen. Jetzt ist er nach F. in die Universitätsklinik gekommen. Da haben
sie ihn so massiv behandelt, zwei Monate lang, daß er eine schwerste
Nieren- und Leberschädigung hatte, mit den besten schulmedizini-
schen Mitteln. Ja, und nun kommt er in diesem verzweifelten Zustand
wieder zu mir.«
Man müsse also, und dies sei die Quintessenz, davon ausgehen, daß

280
Krebs eine Erkrankung des Gesamtorganismus sei, sagte der Arzt, und
kam dann auf Warburgs Erkenntnisse zu sprechen: Da Krebs eine Stö-
rung des Zellstoffwechsels sei, müsse man versuchen, wieder von dem
Notstoffwechsel auf einen richtigen Sauerstoff-Stoffwechsel u m z u -
schalten: »Deshalb eine Ernährung, die reich ist an Enzymen, also an
den Stoffen, die die Sauerstoffatmung wieder in Gang bringen, als Ka-
talysatoren. Zusätzlich die Rote-Bete-Säfte, überhaupt alle Rotsäfte,
weil die eine N o t b r ü c k e f ü r den Sauerstoffwechsel bilden können.
Dann geben wir, auch um die Sauerstoffatmung zu verbessern, O z o n .
Zweitens bemühen wir uns, die A b w e h r anzukurbeln, und zwar durch
Thymusextrakte und durch die Gesamtumstellung der Ernährung,
aber auch nach Möglichkeit durch eine seelische Umstimmung. N i c h t
daß man den Patienten nach der Operation entläßt mit den Worten,
wie es meist in der Klinik üblich ist: Sie können alles wieder essen, Sie
können leben wie vorher. Wir sind der Meinung: Wenn jemand so
schwer erkrankt ist, dann m u ß er etwas falsch gemacht haben, dann
darf er nicht so weiterleben wie vorher, weil er dann wieder in das Fal-
sche hineinsteuert. Das sind 50 die grundlegenden Dinge.«
Da Dr. Sch. einige Patienten zu behandeln hatte, nahm ich zwischen-
durch wieder im Wartezimmer Platz. Ein Patient, mit dem ich ins Ge-
spräch kam, begann mir bereitwillig zu erzählen, als er erfuhr, daß ich
Journalist sei und etwas schreiben wolle. Er habe Kehlkopfkrebs und
sei operiert und bestrahlt worden. Zuerst sei es noch gut gegangen, aber
so nach dem zehnten, fünfzehnten Mal habe er die Nebenwirkungen
zu spüren b e k o m m e n : schwache Beine, Schmerzen im rechten Fußge-
lenk, Flimmern vor den Augen. Die Schmerzen im Bein seien so stark
geworden, daß er nicht mehr habe stehen können. Seit er von Dr. Sch.
behandelt werde, habe er keine Beschwerden mehr. Er schrieb mir eine
Adresse auf, wo ich noch Informationen über Naturheilmethoden be-
k o m m e n könne, und als er ins Sprechzimmer gerufen wurde, sagte er,
ich könne ruhig mitkommen und Dr. Sch. Fragen stellen. Ich ging mit.
Der Arzt ließ den Patienten seine Vorgeschichte rekapitulieren und be-
gann mir dann die Behandlung zu erklären: »Erst mal haben wir die
Ernährung umgestellt, zweitens machen wir Thymus-Injektionen,
dann machen wir die Symbioselenkung zur Wiederherstellung der
normalen Bakterienbesiedlung des Darmes. Man weiß ja, daß bei

281
Krebs immer Fäulnisbakterien im D a r m vorliegen, die irgendwie als
Negativum mitwirken - Fäulnis, das Gegenteil von Sauerstoffatmung.
Ja, dann hat er noch weiter . . . «
Wieder z u m Patienten: »Dann machen Sie die Klistiere jeden Tag, ja,
wie viele Tabletten jeden Tag?«
Der Patient, etwas verlegen: »Ich sollte zwei nehmen, aber im M o m e n t
nehme ich nur eine.«
« N u r eine, aus Kostengründen wahrscheinlich, weil es . . . ja, und dann
bekommt er jetzt von uns zweimal, je nach vorhandenem Geld, Thy-
mus, weiter Helixor, ein Mistelpräparat, dann b e k o m m t er zweimal in
der Woche Uberwärmungsbäder. U n d habe ich Ihnen nicht noch Ma-
gnesium phosphoricum aufgeschrieben? Ich weiß es nicht. H a b ich Ih-
nen doch aufgeschrieben.«
Patient: »Als ich das letzte Mal in der Apotheke war, war es n i c h t . . . «
»Und Sie arbeiten im Augenblick?«
»Als Bauzeichner, zu Hause, als freier Mitarbeiter.«
»Beschwerdefrei und arbeitsfähig, kann man das jetzt so sagen?«
»Eine Anstellung würde mir Schwierigkeiten machen, weil ich jetzt
dreimal die Woche wegmuß. Das ist immer fast ein ganzer Tag.«
Nachde m der Patient in das N e b e n z i m m e r gegangen war, um sich f ü r
die Injektion vorzubereiten, hatte ich noch einige Fragen an Dr. Sch.
Zunächst wollte ich von ihm wissen, wieviel denn bei ihm normaler-
weise eine Behandlung mit all den vielen Präparaten koste.
»Das k o m m t im Monat auf 500 Mark. Aber im Krankenhaus kostet ein
Tag 250 Mark, und dort geht bei den Kassen alles, während es auf der
ambulanten Praxis schlecht aussieht. Die Krankenkassen bezahlen eine
Reihe von wichtigen biologischen Mitteln nicht: z u m Beispiel keinen
Thymus-Frischextrakt, kein O z o n , n u r z u m Teil die Mistelpräparate.
Die Preise für die Enzymtherapie und f ü r das Mistelpräparat Helixor
liegen auch so hoch, daß es in der Kassenpraxis kaum durchführbar
ist.«
Ich hätte immer wieder gehört, die sogenannten Außenseiter seien
Scharlatane, die nur Geld verdienen wollten, sagte ich. Was er zu die-
sem Vorwurf sage?
»Sehen Sie mal, meine ärztlichen Leistungen hier werden ja praktisch
kaum bezahlt Ich lasse mir das Geld f ü r den T h y m u s wiedergeben und

282
für das Ozon. Das müssen die Patienten bezahlen. Aber meine eigentli-
chen ärztlichen Leistungen, die Injektionen und so weiter, das wird mit
vier Mark honoriert. Das ist ja nun wirklich ganz wenig. U n d ich bin,
glaube ich, der einzige, der Kassenpatienten behandelt. Durchschnitt-
lich ist die biologische Krebstherapie den Privatpatienten vorbehalten,
die anderen können sie sich nicht leisten.«
Ob denn die Naturbehandlung so viel teurer sei als die schulmedizini-
sche, wollte ich weiter wissen.
»In den Kliniken, da ist es etwas anderes. Ich hatte vor drei Jahren ei-
nen Patienten, der wegen eines sogenannten Karzinoms des Dünn- und
Dickdarms hätte operiert werden sollen. Dafür sollte er 42 000 Mark
ausgeben. Jetzt ist er bei mir, er ist nicht operiert, und es geht ihm rela-
tiv gut.«

Ist die Ganzheitsbehandlung zu teuer?

Die Schwierigkeiten von Dr. Sch., biologische Ganzheitsbehandlung


in einer Kassenpraxis zu betreiben, haben verschiedene Ursachen. Da-
bei spielt nicht so sehr die H ö h e der Kosten eine Rolle, sondern viel-
mehr die Übernahmepraxis durch die Krankenkassen, die sich seit Jah-_
ren eingebürgert h a t Eine einzige Operation mit zwanzigtägigem Kli-
nikaufenthalt kostet im günstigsten Fall so viel wie ein Jahr Ganzheits-
behandlung, in ungünstigen Fällen ein Mehrfaches davon. Hinzu
kommen meistens zahlreiche Nachbestrahlungen, die ebenfalls mit
Klinikaufenthalten verbunden sind oder, wenn sie ambulant durchge-
führt werden, eine oft lange Anreise erfordern.
Die Krankenhauskosten - also Operation und Bestrahlung - werden in
der Regel von den Kassen ohne weiteres übernommen, während bei
den Medikamenten auf zwei Seiten hin eine Grenze gezogen wird: Sie
können von den Kassen nicht bezahlt werden, weil sie zu teuer oder
nicht »wissenschaftlich anerkannt« sind.
Ob das Medikament dem Kranken hilft, ist dabei nicht von Belang.

283
So stellte die Deutsche Krankenversicherungs-AG Köln fest: »Ist ei-
nem Arzneimittel die wissenschaftliche Anerkennung bisher versagt
geblieben, gilt der vertragliche Leistungsausschluß auch dann, wenn im
Einzelfall ein Behandlungserfolg erzielt wurde 2 0 4 .« Mit anderen W o r -
ten: Auch wenn der Patient mit einem Außenseiterpräparat einwand-
frei geheilt wurde, sind die Kassen nicht bereit, nachträglich die Kosten
zu übernehmen.
Vor einigen Jahren fand in Nordrhein-Westfalen ein diesbezüglicher
Rechtsstreit statt: Eine schwer krebskranke Frau war durch ein Mistel-
präparat geheilt worden, was eine unbestrittene amtsärztliche Unter-
suchung bestätigte. Das betreffende Mistelpräparat war zwar von der
Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und ebenso v o m
Bundesinnenministerium anerkannt, nicht aber vom Land N o r d -
rhein-Westfalen. Die RVO-Kassen vergüteten das Präparat, andere,
unter ihnen auch die Kasse der betreffenden Frau, lehnten es ab. Eine
ähnlich verworrene Lage herrscht in der Schweiz. D o r t w u r d e dem Mi-
stelpräparat von der Interkantonalen Kontrollstelle für Heilmittel die
Registrierung plötzlich verweigert, dann nach einem Rekurs wieder
zugelassen 2 0 5 .
D e r Begriff »wissenschaftlich anerkannt«, eigentlich z u m Schutz vor
Mißbräuchen durch Quacksalber geschaffen, ist nicht nur unklar, son-
dern wird selber mißbräuchlich verwendet. D a ß dabei nicht wissen-
schaftliche Überlegungen maßgebend sind, sondern vor allem Macht-
interessen, vermutet auch der Herdecker D o z e n t Gerhard Kienle:
»Die Gleichartigkeit oder Ähnlichkeit von Argumenten und F o r m u -
lierungen der Privatkrankenkassen läßt auf eine Verabredung schlie-
ßen. Hier müßte geprüft werden, ob nicht ein unerlaubtes Kartell vor-
liegt 2 0 6 .«
In den letzten Jahren macht sich allerdings bei den Krankenkassen ein
zögernder Trend bemerkbar, auch die Kosten von schulmedizinisch
nicht anerkannten Medikamenten zu übernehmen. So schrieb z u m
Beispiel die Kranken- und Unfallkasse »Die Eidgenössische« im O k -
tober 1978 in einem Rundbrief an ihre Mitglieder: »Die wenigsten
H o m ö o p a t h i k a u n d sonstigen Naturheilmittel zählen zu den soge-
nannten kassenpflichtigen Medikamenten, was zur Folge hat, daß der
einzelne dieselben ganz oder mindestens zur H ä l f t e selbst bezahlen

284
muß. U b e r Jahre hinweg bei unserer Kasse angestellte Vergleichsrech-
nungen führten zur Erkenntnis, daß in der Endaufrechnung Weleda-
und homöopathische Präparate kostenmäßig anderen Heilmitteln
gleichgestellt werden dürfen. Seit dem 1. April 1975 vergütet daher
unsere Kasse ihren Mitgliedern auch die ärztlich verordneten N a t u r -
heilmittel z u m offiziellen Verkaufspreis, unter Abzug des gesetz-
lichen Selbstbehaltes, ohne speziellen Prämienzuschlag. Die seither
gemachten Erfahrungen bestätigen die Richtigkeit dieses Entschlus-
ses.«
In der Bundesrepublik Deutschland wurden solche Bestrebungen
durch die Kostendämpfungsmaßnahmen der Bundesregierung gro-
ßenteils wieder zunichte gemacht Das Kostendämpfungsgesetz be-
grenzt die Arzneimittelverschreibungen, die von den Kassen über-
n o m m e n werden, auf einen allgemeinen, durch Erhebungen erfaßten
Durchschnittswert. Diese Maßnahme fixiert im G r u n d e nur einen Sta-
tus quo, das heißt, die Kosten müssen so verteilt bleiben, wie sie vorher
waren: Operationen und Bestrahlungen dürfen nach wie vor viel Geld
kosten, aber auf keinen Fall dürfen an Stelle von Bestrahlungen mehr
und andere Medikamente verwendet werden. Das Kostendämpfungs-
gesetz zementiert dadurch den Machtvorsprung des Establishments
gegenüber den sogenannten Außenseitern, deren biologische Ganz-
heitstherapie eine ausgesprochene Langzeitbehandlung mit vielen Prä-
paraten ist.
In der Diskussion um Behandlungskosten ist der Vergleich zwischen
biologischer Ganzheitsbehandlung und Operation und Bestrahlung
freilich problematisch. Erstens lassen sich diese Behandlungsarten nur
sehr schwer direkt miteinander vergleichen. Zweitens ist ja die biologi-
sche Therapie in der Regel kein Ersatz für die Operation, sondern eine
Ergänzung.
Viel näher, und zwar in beiderlei Hinsicht, liegt der Vergleich mit der
Chemotherapie. Uberall dort, wo Zytostatika verwendet werden,
k o m m t auch eine Ganzheitstherapie in Frage: bei der vorbeugenden
Nachbehandlung von radikaloperierten Patienten oder bei Endfällen,
die nicht mehr operiert oder bestrahlt werden können. Auf diesem Ge-
biet, wo ein direkter Vergleich möglich i s t erweist sich die Ganzheits-
behandlung als eindeutig billiger.

285
D e r britische Gesundheitsfachmann G. Teeling-Smith, der sich einge-
hend mit den Kosten der Chemotherapie befaßte, kam zum Schluß,
daß diese Behandlung allgemein »als ein extrem teures Spiel« angese-
hen wird. Eine einzige Dosis eines modernen Zytostatikums kann bis
zu 150 britische P f u n d kosten. Teeling-Smith befürchtet, daß die For-
schung in der Chemotherapie »durch eine falsche Einschätzung der Si-
tuation« behindert werden könnte. Wörtlich f ü h r t e er am 25. Januar
1978 in einem Vortrag vor der Royal Society of Medicine aus: »Es
müßte nur eine A n w e n d u n g eines wirksamen chemotherapeutischen
Mittels auf breiter Basis klinisch anerkannt werden, damit die Preise
sich senkten und sich an die relativ niedrigen Preise anderer Arzneimit-
tel anpaßten. In der Zwischenzeit sollten die hohen Preise als For-
schungskosten betrachtet werden. Vielleicht weil diese Situation miß-
verstanden worden ist, scheint es, daß sich die pharmazeutische Indu-
strie einschränken wird in ihrer Position in der Krebs-Chemotherapie,
was sich langfristig für die Patienten unvorteilhaft auswirken wird 2 0 7 .«
Auch die Zytostatika-Industrie steht also unter Druck. Viele ihrer Prä-
parate werden von den Ärzten nicht verschrieben und von den Kran-
kenkassen nicht bezahlt, weil sie viel zu teuer sind. Angesichts der
astronomisch hohen Preise f ü r die modernen Zytostatika präsentiert
sich auch der sogenannte Fortschritt der Chemotherapie in einem ganz
anderen Licht: Die Präparate, die diesen Fortschritt brachten, kosten
so viel Geld, daß sie hauptsächlich in klinischen Studien verwendet
werden, aber nicht auf breiter Basis. D e r Durchschnittspatient wird
noch immer mit den alten Präparaten behandelt, die zwar billiger sind,
dafür aber weniger gut wirken und mehr Nebenwirkungen aufweisen
als die modernen Präparate.
Eine einzige Infusion mit »Methotrexat« kostet zum Beispiel in der
Schweiz mehr als 5000 Franken, und die ganze Behandlung mit diesem
Zytostatikum k o m m t auf rund 200 000 Franken zu stehen. In der Bun-
desrepublik Deutschland ist »Methotrexat« allerdings etwas billiger,
und in Österreich zahlt man nur die H ä l f t e 2 0 8 .
Der Journalist Klaus Vieli ging diesem erstaunlichen Preisunterschied
nach. Es stellte sich heraus, daß dem Städtischen Krankenhaus Wien
von einer Konkurrenzfirma »Methotrexat« zu einem viel günstigeren
Preis angeboten wurde. Das Krankenhaus setzte sich daraufhin mit der

286
amerikanischen Herstellerfirma Lederle in Verbindung, die den Preis
ohne weiteres um ein Drittel senkte.
Das österreichische Vorgehen hat allerdings nicht Schule gemacht. D e r
G r u n d ist folgender: Lederle ist zwar nicht Alleinherstellerin von »Me-
thotrexat«, besitzt jedoch das absolute M o n o p o l auf dem Präparat
»Leucoverin«. Dieses ist als Gegenmittel bei der Therapie mit »Metho-
trexat« unerläßlich, da das Zytostatikum die Knochenmarkszellen zer-
stört. Die Ärzte fürchten, kein »Leucoverin« mehr zu bekommen,
wenn sie das »Methotrexat« bei der billigen Konkurrenz beziehen 2 0 9 .
Die Chemotherapie ist ein knochenhartes Geschäft, das der Industrie
bisher keine fetten Gewinne gebracht hat, sondern n u r verlustreiche
Investitionen f ü r die Forschung. Je größer diese Verluste werden, de-
sto mehr n i m m t der D r u c k zu, den Markt unter allen Umständen er-
obern zu müssen, um die roten Zahlen einigermaßen wieder wettzu-
machen. Dies dürfte, neben dem wissenschaftlichen Dogmatismus, die
zweite Hauptursache f ü r die U n t e r d r ü c k u n g der biologischen Ganz-
heitsmethoden sein.

287
13

Was tun gegen Krebs?

»Immer häufiger glauben Experten, auf angebliche Mißerfolge hinwei-


sen zu müssen. Die Krebsfrüherkennung sei unwirksam und gefährlich,
die Tumortherapie stagniere seit Jahrzehnten, und die Krebsforschung
habe ganz und gar versagt. Diese fatalistische Einstellung hat bereits
vielfach zu einem der sachgemäßen Behandlung der Kranken abträgli-
chen therapeutischen Nihilismus geführt. *

Rainer Flöhl (FAZ)


Die Grundfrage

Ich weiß nicht, wie ich reagieren w ü r d e , w e n n ich k r e b s k r a n k wäre -


vielleicht bin ich es, man weiß das nie so genau - u n d w e n n ich dieses
Buch nicht geschrieben hätte, sondern als Leser in die H a n d bekäme.
Wäre ich schockiert, verunsichert, niedergeschlagen, o d e r w ü r d e sich
in mir eine heilsame W u t ansammeln? W ü r d e ich es als ein destruktives,
pessimistisches, ein schonungsloses, zynisches Buch betrachten, o d e r
w ü r d e ich zwischen all d e m Negativen auch Positives entdecken?
Jedes D i n g hat ja bekanntlich zwei Seiten. D i e ganze U n t e r d r ü c k u n g
alternativer F o r s c h u n g s p r o j e k t e u n d B e h a n d l u n g s m e t h o d e n z u m Bei-
spiel wäre ziemlich bedeutungslos, w e n n an diesen Ansätzen nichts
dran wäre. W e r ü b e r z e u g t ist, daß etwas dran ist - ich bin es z u m Bei-
spiel -, der b r a u c h t sich nicht n u r über die Sturheit des Establishments
aufzuregen, s o n d e r n sieht zahlreiche Möglichkeiten, etwas gegen den
Krebs zu tun. W e n n in der F o r s c h u n g u n d M e d i z i n wirklich alles ir-
gend Mögliche im Kampf gegen den Krebs versucht w o r d e n wäre,
d a n n hätten wir w a h r h a f t i g G r u n d , pessimistisch zu sein angesichts der
minimalen Erfolge. A b e r offenbar w u r d e bei weitem nicht alles ver-
sucht, u n d das läßt hoffen.
Dieses Kapitel soll kein »Ratgeber« im Sinn genauer E m p f e h l u n g e n
sein, s o n d e r n n u r D e n k a n s t ö ß e f ü r eine Krebsabwehrstrategie geben,
die jeder Patient nach seinen individuellen Bedürfnissen u n d Möglich-
keiten gestalten sollte. D i e medizinische Behandlung ist darin ein Teil,
ein wichtiger sogar, aber n u r ein Teil. Mindestens so wichtig sind die
persönliche Einstellung (»Psyche«) u n d die Lebensweise.
D e r ehemalige H e r a u s g e b e r des angesehenen » N e w England J o u r n a l
of Medicine«, F r a n z J. Ingelfinger, hat einmal gesagt, die Krebsangst
sei viel verheerender als der Krebs selbst 2 1 0 . Tatsächlich ist anders
k a u m zu erklären, w a r u m es keine H e r z i n f a r k t - L i g e n u n d -Organisa-
tionen gibt, w a r u m Mildred Scheel nicht eine »Deutsche H e r z i n f a r k t -
hilfe e. V.« gegründet hat u n d w a r u m es k a u m eine H e r z i n f a r k t f o r -
schung gibt, o b w o h l doch m e h r Leute an einem H e r z i n f a r k t sterben als
an Krebs u n d o b w o h l die Uberlebenschancen eines durchschnittlichen
H e r z p a t i e n t e n geringer sind als die eines durchschnittlichen Krebspa-

290
tienten. Das k o m m t wohl daher, daß der H e r z t o d , der plötzlich und
unerwartet zuschlägt, als eine Art »Unfall« erlebt wird, während der
Krebskranke das Gefühl hat, er sei zum Tod verurteilt und müsse jetzt
auf die Hinrichtung warten.
Die Propaganda der Krebsorganisationen unternimmt große Anstren-
gungen, der Bevölkerung klarzumachen, daß Krebs »heilbar« sei, daß
die »Gleichung Krebs gleich T o d nicht aufgeht«, daß »Niemand der
Nächste« sein müsse usw. Das ist richtig, doch die Grundfrage wird
damit nicht berührt. Am eindringlichsten hat es die bekannte Sterbe-
forscherin Elisabeth Kübler-Ross formuliert: Unsere Gesellschaft hat
ein gestörtes Verhältnis z u m Tod.
In ihrem Buch »Interviews mit Sterbenden« schildert Frau Kübler,
welche Schwierigkeiten sie zunächst überwinden mußte: »Ich bat
Ärzte verschiedener Abteilungen und Stationen um Erlaubnis zum Be-
such schwerkranker Patienten, stieß aber auf Ablehnung auf allen Sei-
ten, von ungläubiger Verblüffung bis zu abruptem Themawechsel.
U n d schließlich erhielt ich nicht ein einziges Mal die Genehmigung,
mich auch nur in die N ä h e eines solchen Patienten zu wagen.« Manche
Ärzte hätten ihre Patienten mit allerlei Ausflüchten »geschützt« u n d
seien nicht bereit gewesen, selbst über Tod und Sterben zu sprechen.
»Plötzlich schien es im ganzen großen H a u s keinen sterbenden Patien-
ten mehr zu geben - meine Anrufe und Besuche auf den Stationen blie-
ben völlig u m s o n s t . . . Bemerkenswert war, daß vor allem die Ärzte,
Krankenschwestern und die Studenten, die an den Interviews teilnah-
men, den Gedanken an den T o d nicht ertrugen, während die Sterben-
den selbst in der Regel erstaunlich gelassen waren.
Frau Kübler ermittelte in ihren Interviews an über zweihundert Krebs-
patienten fünf Phasen in der Einstellung gegenüber der Krankheit. In
der ersten Phase, wenn die Diagnose feststeht, will der Patient sein
Schicksal nicht wahrhaben, weicht aus, hofft auf einen Irrtum. Später, in
der zweiten Phase, schlägt die Ungläubigkeit in Zorn, Wut und Ärger
u m : »Warum geradeich?« In einer dritten Phase feilscht der Patient um
einen Aufschub, indem er das Schicksal durch Wohlverhalten zu be-
schwichtigen sucht. Die vierte Phase ist gekennzeichnet durch Depres-
sion. Der Patient sieht ein, daß er seinem Schicksal nicht entrinnen
kann. Er verliert seinen Mut, doch mit der Zeit lernt er, seinen T o d zu

291
akzeptieren, ihm gelassener entgegenzusehen. In dieser f ü n f t e n Phase
gewinnt der Patient wieder Selbstvertrauen und wird fähig, dem Le-
ben, das ihm noch bleibt, etwas abzugewinnen. Diese fünf Phasen lö-
sen einander ab, können aber auch nebeneinander existieren 2 1 8 .
Die Quintessenz aus den Erfahrungen, die Elisabeth Kübler-Ross in
ihrem jahrelangen Umgang mit Sterbenden gesammelt hat, lautet, »daß
der T o d nicht eine katastrophale, destruktive Angelegenheit sein muß.
Vielmehr kann man ihn als einen der konstruktivsten, positivsten und
kreativsten Bestandteile der Kultur u n d des Lebens ansehen 2 1 3 .«
Das Positive am T o d scheint darin zu bestehen, daß er das Leben zu
etwas Einmaligem macht. N u r wer sich bewußt ist, daß sein Leben
einmal ein Ende hat, kann wirklich intensiv leben. Früher glaubten viel
mehr Menschen an ein Weiterleben nach dem Tod. Die Religion bot
eine positive Möglichkeit, den Gedanken an einen endgültigen Tod zu
verdrängen: Schmerz, Leid und Entbehrungen konnten ertragen wer-
den durch den Glauben an eine ausgleichende Belohnung im Jenseits.
Besonders ausgeprägt findet sich diese Haltung bei Menschen mit einer
gesetzlichen Religiosität. Sie halten sich peinlich genau an die verschie-
denen Gebote und Verbote, um dafür im »ewigen Leben« belohnt zu
werden. Nach Untersuchungen von Grossarth-Maticek gehören die
gesetzlich-religiösen Menschen zu jenen, die am häufigsten an Krebs
erkranken. An zweiter Stelle folgen die gesetzlichen Atheisten, das
heißt jene, die eine Existenz Gottes ausschließen. D i e toleranten Athei-
sten, die eine Existenz Gottes für möglich halten, werden am dritthäu-
figsten krebskrank. Am wenigsten Krebs bekommen die Personen mit
einer »spontanen« Religiosität 2 1 4 . Solchen Menschen bedeutet G o t t in
erster Linie »Freude« und »Selbsterkenntnis«, sie können ihre Religio-
sität mit ihren anderen Einsichten und Wünschen vereinbaren und
empfinden beim Gebet auch körperlich ein Gefühl der Befreiung.
Wahrscheinlich können sich die Spontanreligiösen und die toleranten
Atheisten auch am ehesten mit dem Gedanken an den endgültigen T o d
abfinden.
Eine zweite Studie, die Grossarth-Maticek über den Zusammenhang
zwischen Religion und Krebskrankheit durchführte, brachte ein äu-
ßerst interessantes Ergebnis. Der Forscher verglich eine G r u p p e von
334 Krebspatienten mit einer Kontrollgruppe von Patienten, die an

292
anderen, leichteren Krankheiten litten. Beide Gruppen wurden über
ihre religiöse Einstellung befragt. Von den Krebspatienten waren 210
gesetzlich-religiös, 58 strenge Atheisten, 14 tolerante Atheisten u n d 52
spontanreligiös. Bei den Krebspatienten war der Anteil der Gesetz-
lich-Religiösen größer und jener der Spontanreligiösen kleiner als in
der Kontrollgruppe. Die Atheisten in der Kontrollgruppe schlossen
die Existenz Gottes weniger häufig aus als die Atheisten in der G r u p p e
der Krebspatienten. Soweit stimmte das Ergebnis mit dem der ersten
Studie überein.
Bemerkenswert ist jedoch, daß in der Krebsgruppe der Anteil der
Spontanreligösen - die nach der ersten Studie am wenigsten häufig
krebskrank werden sollten - größer war als jener der toleranten Athei-
sten und nur wenig kleiner als jener der strengen Atheisten. Eine ge-
nauere Befragung ergab, daß von den 52 Spontanreligiösen in der
Krebsgruppe nur gerade sechs diese Einstellung schon vor dem Aus-
bruch der Krankheit gehabt hatten. Die Einstellung der übrigen 46
hatte sich also durch die Krebsdiagnose geändert, und das schien auch
einen positiven Einfluß auf ihre Uberlebenschancen zu haben. G r o s -
sarth-Maticek: »Auf dem Stand der bisherigen Auswertungen deutet
sich auch ein Zusammenhang zwischen langer Lebensdauer nach der
ersten Diagnosestellung und der spontanen Religiosität ab 2 1 5 .«
Spontane Religiosität ist im G r u n d e nichts anderes als die Fähigkeit,
mit sich selbst und mit seiner Umwelt in H a r m o n i e zu leben. Es ist eine
Lebensweisheit, die nicht an irgendeine religiöse Lehre gebunden ist,
sondern ihre Kraft aus dem Unterbewußten schöpft. D e r Gedanke an
den T o d kann sowohl Furcht als auch Geborgenheit hervorrufen:
Furcht vor dem Sturz ins bodenlose Nichts oder Geborgenheit im Al-
les, das uns erwartet Im G r u n d e genommen sind das Nichts und das
Alles dasselbe. N u r unsere Gefühle gegenüber dem Unvorstellbaren
machen den Unterschied aus. Die Geborgenheit angesichts des Todes,
das Gefühl, sich um das, was nachher folgt, keine Sorgen machen zu
müssen, scheint mir die wichtigste Voraussetzung zu sein, um dem
Krebs erfolgreich entgegenzutreten.
Nach Grossarth-Maticek beurteilen Krebspatienten den T o d weniger
negativ als gesunde Personen. Beim Gedanken an den T o d empfinden
sie oft keinerlei Angst. Dies ist jedoch nicht das Ergebnis einer Ausein-

293
andersetzung mit dem Tod, sondern geht auf eine Unfähigkeit zurück,
überhaupt intensive, hautnahe Gefühle zu erleben. Es ist ein Anzei-
chen mangelnder Lebenslust. Je mehr ein Krebspatient, vielleicht ge-
rade durch die Herausforderung seiner Krankheit, wieder leben lernt,
desto stärker wird er sich auch vor dem Tod zu fürchten beginnen.
Wer den T o d nicht wahrhaben will, m u ß sich angesichts der Diagnose
»Krebs« zwangsläufig verkrampfen. Um abzuwehren, was nicht sein
darf, benötigt er wertvolle Kräfte, die dann gegen den Krebs nicht mehr
zur Verfügung stehen. »Der wichtigste und erste Schritt f ü r den Kran-
ken besteht darin, mit der Krankheit in H a r m o n i e zu gehen, das Jasa-
gen zu ihr zu lernen«, schreibt Thorwald Dethlefsen in seinem lesens-
werten Buch »Schicksal als Chance« 2 1 6 . Dethlefsen hält es f ü r falsch,
»gegen« den Krebs zu »kämpfen«. Vielleicht wäre zu präzisieren: mit
Gewalt zu kämpfen. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt, aggressive
Behandlungsmethoden erzeugen Nebenwirkungen, und angstvolle in-
nere Spannungen fördern eher das Krebswachstum.
Todesangst ist etwas Natürliches. Es wäre falsch, sie einfach zu ver-
drängen. Damit würden auch die positiven Lebensgefühle blockiert.
Die beiden Gefühle - Angst und Lust - gehören zusammen wie das
Ein- und das Ausatmen. Um von der verkrampften Abwehrhaltung
wegzukommen, können zwei asiatische Prinzipien helfen: das Prinzip
des Jiu-Jitsu und das Prinzip des Zen.
Jiu-Jitsu nützt die Gewalt des Gegners aus, um ihn zu überwinden.
D e r Krebs mobilisiert im Organismus Abwehrkräfte, und diese gilt es
auszunützen.
Das Zen ist die Kunst, absichtslos ein Ziel zu erreichen 2 1 7 . Es beruht
auf der Erkenntnis, daß es um so schwieriger ist, ein Ziel zu erreichen,
je mächtiger die Absicht ist, die dahintersteht. Es ist keine Kunst, sicher
über einen Balken zu gehen, der auf dem Boden liegt, aber sehr schwie-
rig, dasselbe in schwindelnder H ö h e zu tun. Zen bedeutet, den Willen
auszuschalten und sich selber mit dem angestrebten Ziel als Einheit zu
empfinden. Für Krebspatienten bedeutet dies, ganz tief im Innern zu
spüren: »Ich lebe.«

294
Der Weg zu sich selbst

Das Hauptproblem für den Krebskranken ist, zu sich selber zu finden.


Dazu gibt es eine ganze Anzahl von Möglichkeiten.
Meditation: Bestimmte Empfindungen, zum Beispiel jene, die sich bei
Gedanken wie »Ich bin«, »Tod«, »Krebs« usw. einstellen, möglichst
tief erleben, auch körperlich. Meditieren heißt, »mit dem Bauch den-
ken«, den Willen und sich passiv in die tieferen Schichten des Bewußt-
seins »fallen« lassen.
Atemtherapie: Leben heißt atmen. Nicht nur die Krebszellen können
nicht mehr richtig atmen, sondern meistens auch die Krebspatienten
nicht Eine flache, verkrampfte Atmung, bei der die Luft wie ein
Fremdkörper eingezogen wird, ist ein Anzeichen für innere Spannun-
gen, die das Krebswachstum begünstigen. Wer entspannt atmet, emp-
findet sich nicht als abgekapselt, sondern als Einheit mit seiner U m -
welt. Wesentlich ist, die richtigen Empfindungen und Einstellungen zu
haben. Die Atmung ergibt sich dann von selbst: »Es a t m e t « Es emp-
fiehlt sich, eine eigentliche Atemtherapie nur unter Anleitung eines
Therapeuten zu machen. Wer allein an seiner Atmung arbeiten will,
sollte Meditation und Entspannung beherrschen.
Yoga: Eine östliche Lehre auf der Basis hinduistischer Religion. Yoga
versucht, mit Hilfe von eingeatmeter Lebensenergie (prana), verschie-
dener Körperstellungen (asanas) und meditativer Versenkung bis in ei-
nen Trancezustand die Lebensfunktionen zu beherrschen. Indische
Yogis bringen es fertig, durch die Kraft der Vorstellung gewisse Kör-
perstellen schmerzunempfindlich zu machen, Atmung und Herztätig-
keit bis zu einem Grad zu drosseln, den sonst nur gewisse Tiere in ih-
rem Winterschlaf erreichen, und nackt bei mehreren Graden unter dem
Gefrierpunkt noch ein Gefühl der Wärme zu empfinden.
Zur Krebstherapie ist Yoga im allgemeinen nicht zu empfehlen, da er
für den Westler schwierig zu erlernen ist, weil das asiatische Denksy-
stem uns ziemlich fremd ist. Besser geeignet ist das Autogene Training,
das nach denselben Prinzipien arbeitet
Autogenes Training (AT): Zunächst wird in Grundübungen erlernt,
mit Hilfe der Vorstellungskraft gewisse Empfindungen wie Schwere,

295
Wärme usw. herbeizurufen. Später, wenn der AT-Schüler diesen Ver-
senkungszustand beherrscht, beginnt er, sich suggestiv bestimmte
Ziele vorzustellen, die er zu erreichen wünscht. Wichtig ist auch hier,
daß der AT-Schüler nicht seinen Willen einsetzt, sondern die Kraft des
Unterbewußtseins wirken läßt. Um den Willen auszuschalten, benützt
das AT bestimmte Gleichgültigkeitsformeln, zum Beispiel: »Mein
Krebs ist mir gleichgültig.« Erst wenn dieser Zustand erreicht ist, kann
die suggestive Vorstellung wirken: »Ich werde gesund.«
In den Vereinigten Staaten arbeiten einige Onkologen mit Autogenem
Training. So ermuntert der texanische Krebsspezialist Carl Simonton
seine Patienten, sich suggestiv vorzustellen, wie gesunde Zellen die
Krebszellen »angreifen« und »auffressen« 2 1 8 . Statt dieser Phantasie,
die noch sehr vom Krebsbild der modernen aggressiven Medizin ge-
prägt ist, können auch andere Vorstellungen entwickelt werden, zum
Beispiel: »Ich sauge meinen Krebs in mich auf, und er wird wieder ein
normaler Teil meines Körpers.«
Verhaltenstherapie: Die Erkenntnis, daß es eine typische »Krebsper-
sönlichkeit« gibt, eröffnet neue Möglichkeiten für eine Therapie, die
bisher kaum genutzt wurden. Zunächst ist es f ü r einen Krebspatienten
sehr hart, einsehen zu müssen, daß seine Unfähigkeit, in sich selber zu
leben, mit Konflikten umzugehen, intensiv lieben, trauern und genie-
ßen zu können, eine wesentliche Ursache für seine Krankheit ist. Das
weckt Widerstände gegen die Einsicht und behindert deshalb eine The-
rapie.
Die Entwicklung einer speziellen Verhaltenstherapie für Krebskranke
steckt noch in den Kinderschuhen. Eine tragfähige Grundlage dürften
die Arbeiten von Grossarth-Maticek bilden, die sich auf Forschungen
zahlreicher anderer Autoren stützen, wie zum Beispiel Bahne Bahn-
son, Greene und Vester, der insbesondere die Zusammenhänge mit
dem Streß herausgearbeitet hat. Die von Grossarth-Maticek verwen-
dete Methode eignet sich auch zur Selbsttherapie. Diese setzt allerdings
voraus, daß dem Patienten der Zusammenhang zwischen seinem Krebs
und seinem betont vernünftigen, pflichtbewußten, harmonisierenden
und gefühlsarmen Leben klargeworden ist und daß er sich zugesteht,
darunter zu leiden.
Er kann dann damit beginnen, seine Einstellungen (nicht das Verhal-
296
ten!) gezielt zu beeinflussen. Das geht in den bereits erwähnten vier
Vorstellungsschritten: negatives Verhalten und sofort negative Konse-
quenz, positives Verhalten und sofort positive Konsequenz.
Den Möglichkeiten sind keine Grenzen gesetzt. Jeder Patient muß sel-
ber herausfinden, welche Vorstellungen ihm am besten weiterhelfen.
Die Methode funktioniert nur, wenn man die Autosuggestion be-
herrscht, zum Beispiel das Autogene Training.
Kreativität: In der anthroposophischen Krebstherapie nehmen künst-
lerische Tätigkeiten wie Malen, Modellieren und Tanz (»Eurhythmie«)
einen wichtigen Platz ein. Dies soll den Patienten nicht bloß von sei-
nem Krebs ablenken, sondern sein Selbstvertrauen und seine Erlebnis-
fähigkeit fördern. Kreative Tätigkeiten unterstützen den Heilungspro-
zeß, und geben dem Leben, das dem Patienten noch bleibt, einen Sinn.
Alle bisher beschriebenen Therapiemaßnahmen sind eine wertvolle
Grundlage für die medizinische Behandlung, indem sie die körpereige-
nen Abwehrkräfte stärken, und bieten dem Patienten die Gelegenheit,
aktiv etwas gegen den Krebs zu unternehmen. Schon dadurch wird das
Selbstvertrauen des Patienten gestärkt und seine Angst abgebaut. Die
sogenannten Spontanheilungen in »aussichtslosen« Fällen lassen sich
wohl nur durch die Wirkung der inneren Abwehrkräfte erklären. Die
innere Einstellung des Patienten, seine Fähigkeit, die Kraft der Emp-
findungen und Vorstellungen wirken zu lassen, ist wahrscheinlich
wichtiger als jede Chemotherapie.

Die medizinische Behandlung

Es gibt keine Wundermittel gegen Krebs, und es wird wahrscheinlich


auch nie eines geben. Diese Tatsache läßt nur eine sinnvolle Möglich-
keit offen: Man muß Krebs kombiniert mit verschiedenen Methoden
gleichzeitig behandeln. Eine solche integrierte Krebstherapie, wie sie
zum Beispiel von Issels und von Ardenne praktiziert wird, stößt bis
heute auf den erbitterten Widerstand der etablierten Schulmedizin.

297
Dieser Widerstand läßt zwar seit einigen Jahren etwas nach, da die
Mißerfolge der bisherigen rein aggressiven Behandlungsweise immer
offensichtlicher werden. Doch nach wie vor sind es vor allem die Ver-
treter an der Spitze der wissenschaftlichen Hierarchie, die eine Ö f f -
nung gegenüber den »sanften« Behandlungsmethoden blockieren. Sie
argumentieren, die Wirksamkeit dieser Methoden sei nicht erwiesen,
und deshalb sei es unverantwortlich, sie anzuwenden und den Patien-
ten dadurch eine wirksamere Behandlung vorzuenthalten. Die Wirk-
samkeit von Operation und Bestrahlung ist ebensowenig statistisch
erwiesen wie die Wirksamkeit der meisten biologischen Präparate.
Stahl und Strahl gelten einzig deshalb als wirksam, weil sie schon jahr-
zehntelang von anerkannten Ärzten praktiziert werden.
H i n z u kommt, daß das Denken der Schulmedizin noch immer in den
alten, eingefahrenen Bahnen von Ursache und Wirkung verläuft: M a n
sucht nach einzelnen Substanzen und Einflüssen, die Krebs erzeugen,
und man sucht nach einzelnen Medikamenten, die Krebs bekämpfen.
Dieses »technokratische« Denken ist nicht nur in der Krebsmedizin,
sondern auch in der Landwirtschaft, in der Energieversorgung, in der
Technik, im Städtebau und in der Verkehrspolitik in eine Sackgasse ge-
raten, wie Frederic Vester in seinem Buch »Neuland des Denkens«
überzeugend darlegt 2 1 9 . Vester plädiert dafür, daß das technokratische
Denken, das einzelne Ursachen und Wirkungen bis ins letzte erforscht,
dafür aber die Ubersicht über den Zusammenhang verliert, durch ein
»vernetztes« Denken abgelöst werden müsse.
Der Krebs ist, wie alles, was mit Leben zu tun hat, aus zahlreichen
Wechselwirkungen aufgebaut, die netzartig nach allen Seiten mitein-
ander verknüpft sind. Z u m Beispiel: Es gibt starke Raucher, die keinen
Krebs bekommen, und es gibt Nichtraucher, die an Lungenkrebs er-
kranken. Genaugenommen darf man deshalb das Rauchen nicht als
eine »Krebsursache« betrachten, wie Kothari und Mehta betonen 2 2 0 .
Vielleicht wirkt Rauchen erst, wenn noch Streß, Lebenskonflikte usw.
dazukommen. Auf der Suche nach krebserzeugenden Stoffen hat man
ja schon vor Jahren entdeckt, daß es neben den »Karzinogenen«, die
für sich allein Krebs erzeugen können, auch sogenannte »Co-Karzino-
gene« gibt. Sie erzeugen, isoliert betrachtet, keinen Krebs, verstärken
aber die Wirkung der Karzinogene.

298
Es ist anzunehmen, daß es auf der Gegenseite, also bei den Medika-
menten, ebenfalls solche gibt, die für sich allein nicht wirken, aber die
Wirkung anderer Medikamente unterstützen. Die Medizin hat sich
bisher nicht für diese Möglichkeit interessiert, und deshalb weiß man
nicht, ob es solche Co-Medikamente tatsächlich gibt. Jedenfalls ist das
Argument, ein bestimmtes Präparat sei nicht »nachweisbar« wirksam,
kein Grund, dieses Präparat nicht in eine Kombinationstherapie mit-
einzubeziehen. Dazu genügen Hinweise, daß das Präparat gegen Krebs
wirken könnte. Vielleicht zeigt sich seine eigentliche Wirksamkeit erst
in Kombination mit anderen Präparaten.
Gegen solche Kombinationsversuche wird von schulmedizinischer
Seite eingewendet, sie seien »nicht mehr kontrollierbar« oder »zu auf-
wendig«. Tatsächlich läßt sich am Ergebnis eines Kombinationstests
nicht ablesen, welches Medikament nun wie stark gewirkt h a t Aber
das interessiert den Patienten auch nicht: Er fragt mit Recht nur nach
dem Gesamterfolg der Behandlung und nicht nach »kontrollierten«
Experimenten, deren Ergebnisse nur die Forscher interessieren. Zu
aufwendig wird eine kombinierte Studie nur dann, wenn man die ein-
zelnen Faktoren getrennt untersuchen will oder wenn man zu viele
unsichere und damit potentiell unwirksame Präparate miteinander
verwendet - dann wird die Behandlung zu teuer. Auch hier gilt es, die
Kosten gegen den möglichen Nutzen abzuwägen. Doch wenn man
bedenkt, wie sinnlos in der Krebsforschung teilweise das Geld ver-
schleudert wird, dürfte man eigentlich in dieser Hinsicht nicht allzu
wählerisch sein. Abgesehen davon, daß interne Behandlungsmetho-
den wie Überwärmung, Diät usw., aber auch biologische Medika-
mente eher billiger sind als vergleichbare Methoden in der schulmedi-
zinischen Behandlung.

Diät: Basis jeder internen Krebstherapie. Auch wer sich nicht zu


einer strengen Krebsdiät entschließen kann oder will, sollte zumindest
seine bisherige Ernährungsweise kritisch überprüfen und der Krank-
heitssituation anpassen. Man kann sich darüber informieren, wie die
(nach bisherigen Erkenntnissen) ideale Krebsdiät aussieht, und sei-
ne Ernährungsgewohnheiten wenigstens teilweise diesen Anforde-
rungen anpassen. Diät hat nur dann einen Sinn, wenn sie mehr oder

299
weniger konsequent befolgt wird. Wer nicht überzeugt ist, damit
etwas gegen den Krebs tun zu können, sollte es wohl lieber bleiben-
lassen.
Der Patient sollte an seinem Essen Lust haben und die Diät nicht als
Verzicht erleben, zu dem er sich ständig zwingen muß. Dann lieber ab
und zu mal ein Steak - vielleicht nicht gerade vom Holzkohlengrill!
Eine Krebsdiät braucht nicht eintönig zu sein, im Gegenteil: Mit einer
reichhaltigen Auswahl an Salaten, Obst, knackigem und gehaltvollem
Gemüse und pikant kräutergewürzten Quarksaucen lassen sich ab-
wechslungsreiche Menüs zusammenstellen. Zudem gewöhnt sich der
Mensch relativ schnell an eine salzarme Kost und empfindet sie bald
nicht mehr als fad. Viele Krebsdiätbücher enthalten einen ausführli-
chen Rezeptteil mit Menüvorschlägen.

Operation: Ein operabler Tumor sollte prinzipiell entfernt werden.


Darüber sind sich, quer über die »Kluft«, alle Mediziner einig. U m -
stritten ist hingegen, wie radikal man operieren soll. Ein Teil der Ope-
rateure entfernt beim früh entdeckten Brustkrebs nur den Knoten, der
größere Teil operiert nach wie vor die ganze Brust weg. Die brusterhal-
tende Operation wird schulmäßig immer mit einer Nachbehandlung
durch Bestrahlung und Chemotherapie kombiniert. In Frage kommen
auch interne biologische Behandlungsmethoden.
In Fällen, wo eine Operation starke Verstümmelungen mit sich bringt,
erwägen viele Patienten einen Verzicht. Die meisten lassen sich aller-
dings durch die Ärzte überreden, die »medizinische« Gründe ins Feld
führen. Diese sind mehr durch grundsätzliche Überlegungen bestimmt
— »besser, man tut etwas, als man tut nichts« -, aber kaum durch Stati-
stiken abgesichert. Die Entscheidung, ob er sich operieren lassen soll
oder nicht, kann einen Patienten vor große Probleme stellen. Er sollte
sie wenn möglich nicht aus Angst treffen, sondern nach ruhigem Ab-
wägen. Diese »Idealforderung« läßt sich in der Regel nur schwer
durchsetzen, denn die Ärzte drängen meistens auf eine schnelle Ent-
scheidung zu einem Zeitpunkt, in dem der Patient sich mit der Dia-
gnose noch nicht abgefunden hat.

300
Bestrahlung und Chemotherapie: In der Schulmedizin gilt die Forde-
rung, daß diese zweischneidigen Schwerter nur eingesetzt werden soll-
ten, wenn sie mehr nützen als schaden. Im Endstadium der Krebs-
krankheit bringen sie meistens nicht viel mehr als eine leidvolle Verlän-
gerung des Lebens um eine unwesentliche Zeitspanne. Umstritten ist
die vorbeugende Chemotherapie nach Radikaloperationen, vor der
selbst etablierte Schulmediziner warnen. Sie läßt sich gut durch U m -
stellung der Lebensgewohnheiten, Diät, biologische Präparate und an-
dere interne Behandlungsweisen ersetzen.
Trotz ihrer Nachteile sind Bestrahlung und Chemotherapie nicht ein-
fach abzulehnen. Sie können unentbehrlich sein, wenn es darum geht,
einen bedrohlichen T u m o r schnell zurückzubilden. Man muß sich al-
lerdings bewußt sein, daß man damit nur ein Symptom bekämpft und
dafür in Kauf nehmen muß, die eigentliche Krebskrankheit noch zu
fördern.
Eine vielversprechende, wenn auch noch weitgehend ignorierte Mög-
lichkeit ist die Kombination von Chemotherapie mit biologischen Prä-
paraten wie Mistel- oder Thymusextrakt oder, nach von Ardenne, mit
Überwärmung und Ubersäuerung. Dadurch kann die erforderliche
Chemotherapiedosis auf einen Bruchteil gesenkt werden, um die glei-
che Wirkung zu erzielen wie mit Chemotherapie allein.

Biologische Präparate: Auf diesem Gebiet herrscht eine große Vielfalt.


Am besten klinisch untersucht sind Mistel- und Thymuspräparate,
über die jetzt schon Ansätze zu den immer wieder geforderten »pro-
spektiven, randomisierten« Studien vorliegen. Thymuspräparate
scheinen die Produktion des körpereigenen Interferons zu fördern. Sie
sind deshalb dem künstlich hergestellten Interferon vorzuziehen, das
zudem unerschwinglich teuer ist

Immuntherapie: Die Schulmedizin hat bisher ohne großen Erfolg ver-


sucht, den Körper gegen Krebs zu immunisieren, zum Beispiel durch
BCG-Impfung. In der Regel wird die Immuntherapie mit Chemothe-
rapie kombiniert Wahrscheinlich ist es eine Illusion, sich von einer
Immuntherapie in einem sonst aggressiven Behandlungsschema einen
wesentlichen Fortschritt zu versprechen. Sie hat wohl, wie Issels

301
betont, nur dann einen Sinn, wenn sie in eine interne Ganzheitsbe-
handlung integriert ist: Bevor die körpereigene Abwehr gereizt wird
(durch B C G und andere Impfseren), muß sie erst einmal gestärkt
werden.

Physikalische Methoden: Neben der Bestrahlung existieren auch sanf-


tere physikalische Methoden, zum Beispiel die Überwärmung. Die
klassische, von Manfred von Ardenne entwickelte Methode ist das
Ganzkörper-Uberwärmungsbad in über 40 Grad heißem Wasser. Es
dauert mehrere Stunden und ist sehr anstrengend. Durch das Wärme-
bad werden die Krebszellen geschädigt und dadurch für Angriffe durch
Ubersäuerung und Chemotherapie empfindlicher gemacht. Eine N e u -
entwicklung ist ein Kurzwellengerät, mit dem durch lokale Überwär-
mung die vom T u m o r betroffene Körperregion behandelt wird.

Heilpraktiker: Eine Behandlung durch einen Heilpraktiker braucht


nicht schlechter zu sein als jene durch einen Arzt. Man hüte sich jedoch
vor jenen, die behaupten, mit einer einzigen Methode, auf die sie sich
»spezialisiert« haben, Krebs heilen zu können. Für die Diagnose sollte
man immer einen Arzt beiziehen, für die Behandlung wenn möglich
auch. Immer mehr Ärzte sind heute gegenüber den internen Ganz-
heitsmethoden aufgeschlossen.

Die finanzielle Seite: Viele biologische Präparate oder Behandlungs-


methoden und der Aufenthalt in den Kliniken, in denen diese Me-
thoden praktiziert werden, sind für einen weniger gut verdienenden
Krebspatienten nur deshalb unerschwinglich, weil sie von den Kran-
kenkassen nicht bezahlt werden. An sich ist die biologische Ganzheits-
behandlung eher billiger als Operation, Bestrahlung und Chemo-
therapie. Bevor man sich für eine Behandlung oder eine Klinik ent-
schließt, hole man die nötigen Unterlagen ein: Ist eine Kaution zu
leisten? Welche Behandlungskosten sind im Preis inbegriffen? Wel-
che Behandlungen werden von der Krankenkasse übernommen? Wie
lange wird die Behandlung voraussichtlich dauern? Wie sieht die
spätere Nachbehandlung aus? Wenn die Krankenkassen nicht zahlen
wollen, scheue man sich nicht vor Verhandlungen: Hartnäckigkeit

302
führt manchmal mindestens teilweise zum Erfolg. Schon die Ent-
schlossenheit, sich gegen die institutionellen Widerstände durchzuset-
zen, kann heilsam sein.

Patientenvereinigungen: Wer mit seiner Krankenkasse Schwierigkei-


ten hat, wendet sich am besten an eine Selbsthilfegruppe von Krebspa-
tienten. Vielleicht hat die Kasse die in Frage kommende Behandlung
anderen Patienten bereits bezahlt, so daß mit Präzedenzfällen argu-
mentiert werden kann. Auch in anderen Lebensproblemen, denen sich
Krebspatienten gegenübergestellt sehen, bieten Selbsthilfegruppen Be-
ratung und Hilfe an. Es kann schon hilfreich sein, mit Menschen, die
vom selben Schicksal betroffen sind, über seine N ö t e reden zu können.
Kontaktadressen sind am besten über die Kneipp- oder Gesundheits-
vereine zu erfahren. Wer in seiner Umgebung keine Selbsthilfegruppe
findet, kann auch selber eine gründen und den Kontakt zu den bereits
bestehenden Gruppen suchen.

303
Quellenhinweise

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198 Herwig Weber, Frankfurter Allgemeine Zeitung 1. August 1961, S. 6
199 Gerhard Mauz, Der Spiegel 50, 71 (1964)
200 Werner Zabel: Die interne Krebstherapie und die Ernährung des Krebskranken,
Bircher-Benner-Verlag, Bad Homburg v. d. H. und Erlenbach 1975
201 Peter Brügge, Der Spiegel 48, 79 (1964)
202 Gerhard Mauz, Der Spiegel 50, 68 (1964)
203 Gordon Thomas: Dr. Issels and his Revolutionary Cancer Treatment, Peter
H. Wyden Inc., N e w York 1973
204 Gerhard Kienle: Was ist ein »wissenschaftlich allgemein anerkanntes Arzneimit-
tel« ?, Sonderdruck Verein für ein erweitertes Heilwesen e. V., Bad Liebenzell,
S. 11
205 ebenda
206 ebenda, S. 14
207 G. Teeling-Smith, Pharm. Ind. 40, Nr. 9, 897-899 (1978)
208 Klaus Vieli, Teil 7, 5 - 6 (1980)
209 Klaus Vieli, Teil 8, 22 (1980)
210 Manu L. Kothari und Lopa A. Mehta: Ist Krebs eine Krankheit?, Rowohlt, Rein-
bek 1979, S. 28
211 Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden, Kreuz-Verlag, Stuttgart 1973,
S. 2 7 f.
212 ebenda, S. 41-120
213 Elisabeth Kübler-Ross (Hrsg.): Reif werden zum Tode, Kreuz-Verlag, Stuttgart
1976, S. 30
214 Ronald Grossarth-Maticek: Krankheit als Biographie, Kiepenheuer und Witsch,
Köln 1979, S. 110
215 ebenda, S. 114
216 Thorwald Dethlefsen: Schicksal als Chance, Bertelsmann, Gütersloh 1979, S. 147
217 Eugen Herrigel: Zen in der Kunst des Bogenschießens, O. W. Barth Verlag 1979
218 Avo Harnik, Tages-Anzeiger 23. Dezember 1980, S. 35
219 Frederic Vester: Neuland des Denkens, dva, Stuttgart 1980
220 Manu L. Kothari und Lopa A. Mehta: Ist Krebs eine Krankheit?, Rowohlt, Rein-
bek 1979, S. 61 f.
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Seit Jahrzehnten läuft die
Krebsforschung auf Hochtou-
ren - bezahlt von privaten und
staatlichen Geldern in Millio-
nenhöhe - und verzeichnet
doch nur kleine Fortschritte,
die dem Kranken zugute
kommen. Weshalb der Patient
um sein Recht auf eine erfolg-
versprechende Behandlung
geprellt wird, zeigen diese
umfassenden Recherchen.
Der Autor deckt die zahlrei-
chen raffinierten und brutalen
Methoden der Unterdrückung
auf, durch die das wissen-
schaftliche, industrielle und
politische Establishment neue
Ansätze der Krebsbekämp-
fung ins Abseits drängt. Er
kommt dabei mit einem Mini-
mum an Polemik aus: Die Fak-
ten sprechen weitgehend für
sich.
Dem Leser und Patienten,
aber auch Studenten und Ärz-
ten bietet dieses Buch Ein-
blick in die verschiedenen
Behandlungsmöglichkeiten,
die von der Schulmedizin zum
Teil totgeschwiegen werden,
und gibt wertvolle Anregun-
gen, wie man mit Eigeninitia-
tive etwas gegen diese Krank-
heit, die jeden sechsten erfaßt,
tun kann. Denn die Einstel-
lung des Patienten zu seiner
Krankheit ist gerade bei der
Krebsbekämpfung das Wich-
tigste - darüber wenigstens
sind sich die meisten Krebs-
forscher einig.

Über den Autor:


Christian Bachmann, geboren
1948, studierte in Zürich Me-
dizin und Biologie und schloß
mit einer Diplomarbeit über
das soziale Verhalten von Af-
fen ab. Dann wandte er sich
dem Wissenschaftsjournalis-
mus zu und arbeitet heute
unter anderem als Redaktor
einer Technik- und Wissen-
schaftsbeilage für verschie-
dene Schweizer Zeitungen
und als Lektor eines renom-
mierten Sachbuchverlages.
Christian Bachmann ist Mit-
glied des Schweizer Klubs der
Wissenschaftsjournalisten.
»Die Krebsmafia« ist sein er-
stes Buch.

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