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Einzelschicksale

In Deutschland gibt es jährlich zwischen eineinhalb- und zweieinhalbtausend Minderjährige, die zeitweise ihr Dasein
auf der Straße fristen. Zwar ist dies angesichts von mehr als 80 Millionen Menschen hierzulande eine verschwindend
geringe Anzahl an Einzelschicksalen, wohl aber Anlass, tätig zu werden. Zu ihnen gehören nicht solche Kinder, die
nur kurz von zuhause ausreißen, sondern jene, die für mindestens zwei Wochen keine feste Bleibe haben.

Die jüngsten sind 8, die meisten 13 Jahre und älter. Es sind ebenso viele Mädchen wie Jungen. Viele kommen aus
ländlichen Gebieten und suchen die Anonymität der Großstädte. Sie flüchten vor Misshandlungen, Missbrauch und
Vernachlässigung und leben meist von Bettelei, Prostitution oder Kleindiebstahl. Sie träumen von Normalität und
Geborgenheit. Sie sind häufig unauffällig, stammen aus allen Gesellschaftsschichten und finden sich keineswegs nur
unter bunthaarigen Punks. Sie möchten wieder zur Schule gehen oder eine Ausbildung beginnen.

"Straßenkinder" - Eine Definition

An der Definition des Begriffs »Straßenkind« scheiden sich bis heute die Geister. Auch nach Jahren der
Fachdiskussion existiert noch immer keine allgemein anerkannte Begriffsbestimmung. Es fehlt eine kurze, griffige
Definition.

Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) nennt folgende aus mehr als 40 Expertengesprächen gewonnene Merkmale für die
Definition von »Straßenkindern« (DJI, »Straßenkinder«, S. 138, München/Leipzig 1995):

← weitgehende Abkehr von gesellschaftlich vorgesehenen Sozialisationsinstanzen wie Familie oder ersatzweise
Jugendhilfeeinrichtungen sowie Schule und Ausbildung,

← Hinwendung zur Straße, die zur wesentlichen oder auch einzigen Sozialisationsinstanz wird,

← Hinwendung zu Gelderwerb auf der Straße durch Vorwegnahme abweichenden, teilweise delinquenten
Erwachsenenverhaltens, wie Betteln, Raub, Prostitution, Drogenhandel,

← faktische Obdachlosigkeit.

So differenziert diese Kriterienliste auf den ersten Blick erscheinen mag, so lückenhaft ist sie doch: Wenig beachtet
bleibt beispielsweise das 15jährige Mädchen, das länger als ein Jahr vom Abbruchhaus aus die Realschule besucht
und von Schulfreunden mit Nahrungsmitteln und Kleidung versorgt wird.

Eine Altersabgrenzung fehlt völlig. Allenfalls wird von Kindern, Jugendlichen und jungen Heranwachsenden
gesprochen - und das, obwohl jedem Experten bekannt ist, dass gerade der Sprung zur Volljährigkeit in bezug auf
»Straßenkinder« bei der Gestaltung des Hilfeansatzes von elementarer Bedeutung ist.

Daher erscheint es unumgänglich, einen griffigen, fachlich tauglichen Nenner als Diskussionsgrundlage zu finden -
einen Nenner, der Sinn macht. Denn den Betroffenen wird es wenig nützen, wenn die Gruppe der »Straßenkinder« zu
expansiv oder differenziert definiert wird und das Spektrum der Hilfeansätze ins Unsinnige ausufert oder gar
wirkungslos verpufft.
Definitionsvorschlag

Mit »Straßenkindern in Deutschland« sind all diejenigen gemeint, die minderjährig sind und sich ohne
offizielle Erlaubnis (Vormund) für einen nicht absehbaren Zeitraum abseits ihres gemeldeten Wohnsitzes
aufhalten und faktisch obdachlos sind.

Zu beachten sind selbstverständlich die Randunschärfen der oben aufgestellten Definition: Nicht hinzugezählt werden
dürfen Jugendliche, die nachts zwar noch zu Hause schlafen, tagsüber aber bis in die späten Abendstunden »in der
Szene abhängen«. Bei dieser zahlenmäßig nicht gering einzuschätzenden Gruppe ist die familiäre Bindung zumindest
in Resten noch vorhanden. Einen räumlichen Bruch zwischen Bezugsperson(en) und Minderjährigem hat es (noch)
nicht gegeben. Hier können präventive Hilfsansätze greifen und vor der »Flucht auf die Straße« bewahren, während
bei der Gruppe der »Straßenkinder« die räumliche Trennung bereits vollzogen ist. Fließende Übergänge
(Randunschärfen) sollten jedoch nicht unbeachtet bleiben.

Ausgeklammert aus der definierten Gruppe müssen auch »Kurzzeitausreißer« werden, die beispielsweise aus
materiellen Gründen vorübergehend »abtauchen«, um auf Eltern oder Betreuer einen »gewissen Druck« auszuüben.

Die Begrenzung der Definition auf die Gruppe der Minderjährigen beschränkt Hilfseinrichtungen und Projekte nicht
darin, auch für »überalterte Straßenkinder« aktiv zu werden - jedoch sollten diese der Begriffsabgrenzung wegen als
»junge Obdachlose« in die Diskussion aufgenommen werden.

Einen deutlichen Beitrag zur Klärung des Facettenreichtums von »Straßenkinderkarrieren« leisteten die Medien.
Letzten Endes waren es Journalisten, die »Straßenkinder« überhaupt erst zum intensiv diskutierten Thema in der
Kinder- und Jugendhilfe gemacht haben. Dies bestätigen auch Hanna Permien und Gabriela Zink vom DJI in der
Fachzeitschrift »Kind-Jugend-Gesellschaft« (KJuG 2/96, S. 29): »'Straßenkinder in Deutschland' sind zwar eine
Entdeckung und seit Jahren die Lieblingskinder der Medien, aber leider keineswegs bloß deren Erfindung. Sie sind
vielmehr eine auch in Fachkreisen von Jugendhilfe und Polizei heißdiskutierte Realität.«

Hinreichend bekannt ist durch das große Medieninteresse, dass 'Straßenkinder in Ländern der 3. Welt' als Thematik
nicht vergleichbar ist mit 'Straßenkinder in Deutschland'.

Dimension

Die Anzahl an Straßenkindern in Deutschland dürfte derzeit unter Berücksichtigung einer großzügig angenommenen
Dunkelziffer zwischen 1500 und 2500 Minderjährigen liegen. Zahlenmäßig gibt es ebenso viele Mädchen wie Jungen
auf der Straße. Die meisten Straßenkinder sind 13 Jahre und älter.

Obdachlose Kinder und Jugendliche gebe es in Deutschland nicht: Jedes Kind, jeder Jugendliche habe hierzulande
eine Adresse und könne angeschrieben werden. Diese Auskunft gab noch im Frühjahr 1993 das damalige Ministerium
für Frauen und Jugend (Frau Engelhard). Offenbar lag keine Information zur Thematik vor.

Nahezu zeitgleich nannte »Der Spiegel« im Beitrag »Notausgang für kaputte Seelen« (15/1993) eine erschreckend
hohe Zahl: »Nelly ist eines der jüngsten unter den Straßenkindern, deren Zahl bundesweit auf rund 40.000 geschätzt
wird.«

Diese Zahl hatte »Der Spiegel« beim Münsteraner Institut für soziale Arbeit e.V. (ISA) erfragt. Das ISA bemerkt dazu
allerdings in seiner Expertise »'Straßenkinder' in NRW« (Januar 1994, S.9) kritisch: »... wurde als grober Anhaltswert
vom ISA geschätzt, dass auf der Grundlage der Vermisstenstatistiken bundesweit etwa 40.000 Minderjährige (!)
jährlich vermisst gemeldet würden. (...) Zudem handele es sich bei den Vermisstenmeldungen zum überwiegenden
Teil - etwa drei Viertel aller Meldungen - um Kinder bzw. Jugendliche, die nur kurze Zeit, nur wenige Tage - und dies
auch nicht wiederholt - von zu Hause bzw. aus einer Einrichtung der Jugendhilfe fortblieben.«
Nach eigener Auskunft zitierte das Frankfurter Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik diesen Spiegel-Artikel im
Rahmen einer Seminareinladung und wurde prompt seinerseits als kompetente Stelle zitiert: Walther Specht,
engagierter Jugendhilfeentwickler beim Diakonischen Werk Deutschland mit Sitz in Stuttgart, bemerkte im Herbst
1993 anlässlich der Gründung des für südamerikanische Straßenkinder tätigen Hilfswerks »education para todos«
(Vors. Uwe v. Dücker/Herbolzheim) am Rande, in Deutschland gebe es 40.000 Straßenkinder. Specht war nach
eigener Auskunft davon ausgegangen, dass die Spiegel-Zahlen auf empirisch erhobenen Daten des ISA fußen.
Daraufhin fand weniger die Gründung von »education para todos« ihr Echo in den Agenturmeldungen als vielmehr die
Top-Nachricht von 40.000 Straßenkindern in Deutschland.

Nochmals 10.000 obendrauf sattelte der damalige Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB, Hannover),
Heinz Hilgers, im Frühjahr 1994: 50.000 seien es bereits, meinte Hilgers in einer Diskussionssendung von »Spiegel-
TV«. Weiter berief sich (wie zahlreiche andere Medien auch) der »Weser Kurier« (23.03.94) auf den DKSB: »50.000
Kinder und Jugendliche in Deutschland sind ohne feste Bleibe und leben zeitweilig auf der Straße«. Nach eigener
Auskunft bestätigte der DKSB, die Zahl von Walther Specht übernommen zu haben. Woher die plötzliche Zunahme
um 10.000 Straßenkinder rührte, konnte nicht aufgeklärt werden.Angesichts der hohen Anerkennung des DKSB wurde
dessen Zahl zunächst längst nicht nur für Medien, sondern auch für etliche Behörden und Hilfsorganisationen zum
Status quo. So titelte der zweifellos innovative Berliner Hilfsverein »Karuna - Freizeit ohne Drogen e.V.« in der
Erstauflage der hauseigenen Straßenkinderzeitung »Zeitdruck« (01.08.94): »3000 Straßenkinder in dieser Stadt
haben Zeitdruck.« 1996 stutzte auch »Karuna e.V.« die Zahlen gehörig zusammen und warb bei der Veröffentlichung
des projekteigenen Buches »Suchen tut mich keiner« (Berlin 1996): »40 von schätzungsweise 7000 Straßenkindern
(Anm.: in Deutschland) reden Klartext.«

Bereits in der ersten Auflage des Buches »Straßenkinder in Deutschland« / Seidel (April 1994) wurde der Versuch
unternommen, die quantitative Dimension zu klären. Hierzu wurde die Vermisstenstatistik des Bundeskriminalamtes
(Wiesbaden) herangezogen.

Laut BKA sind die Vermisstenzahlen seit Jahren nahezu stabil. Ein deutlicher Aufwärtstrend ist nicht signifikant
nachzuweisen, wenngleich ein dezenter Anstieg zu erkennen ist. Am 23.08.1996 waren im Augenblick der
Datenabfrage rund 1700 Minderjährige vermisst gemeldet. Von diesen Minderjährigen waren rund 1400 bereits
eineinhalb Jahre und länger ununterbrochen »verschwunden« (vgl. »Straßenkinder in Deutschland«, Seidel 1996).
Zieht man die unter qualitativen Gesichtspunkten recherchierten Aussagen von verschiedenen Jugendamtsvertretern
hinzu, wonach die meisten Eltern ihre Kinder sehr zügig vermisst melden (und dies ansonsten meist die Schule tut),
kann es definitiv keine 40.000 oder 50.000 Straßenkinder in Deutschland geben.

Die Anzahl an Straßenkindern in Deutschland dürfte derzeit unter Berücksichtigung einer großzügig angenommenen
Dunkelziffer zwischen 1500 und 2500 Minderjährigen liegen.

Einen entsprechenden Ansatz verfolgt das ISA in seiner Expertise »'Straßenkinder' in NRW« (1994): »Die in der
öffentlichen Diskussion hierzu gehandelten Zahlen sind jedenfalls (...) keine Grundlage hierfür. Hilfreicher ist hier
schon eine Problembeschreibung, die auf den Angaben des Bundeskriminalamtes beruht.«

Das DJI vermeidet sowohl im Zwischenbericht zur Studie »Straßenkinder« (1995) wie auch in der
Abschlussveröffentlichung »Endstation Straße?« (1998) zwar beharrlich, konkrete Zahlen niederzuschreiben, wird
aber in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (»Überleben für den Moment« / 03.06.1996) so zitiert: »Fachleute des
Deutschen Jugendinstituts in München schätzen die Zahl der auf der Straße lebenden Jungen und Mädchen in
Deutschland auf zwischen 3000 und 7000.« Diese Zahl nennt heute auch das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend.

Da die Zahlen des DJI aus Gesprächen mit verschiedenen lokal operierenden Experten gewonnen worden sind, fehlt
der überregionale Blickwinkel. Ein deutliches Ergebnis der mehrjährigen Beobachtung von Straßenkindern an
verschiedenen Orten ist, dass die meisten bereits mehrere Städte aufgesucht haben. Mehrfachzählungen in
Anlaufstellen sind daher die Folge.

Diese These untermauert auch »Der Spiegel«, der sich in seinem Artikel »Keinen Bock, 30 zu werden« (44/1995)
nach intensiver Recherche selbst korrigiert: »Auf der Straße leben in Deutschland 2000 bis 3000 Kinder und
Jugendliche.«

Die Anzahl an Straßenkindern in Deutschland liegt derzeit bei 1500 bis 2500 (s.o.: »Dimension«). Die Anteile von
Mädchen und Jungen werden unterschiedlich eingeschätzt: Das Deutsche Jugendinstitut München (DJI) stellt in der
Studie »Straßenkinder« (S. 35 / 1995) nach zahlreichen Expertengesprächen vorsichtig fest: »In Projekten, die für
beide Geschlechter offen sind, wird eine Zunahme der Mädchen beobachtet. Trotzdem sind es immer noch weniger
als Jungen, (...).«

Laut Statistik des Bundeskriminalamtes halten sich die Vermisstenzahlen von Mädchen und Jungen nahezu die
Waage. Dies entspricht den Ergebnissen aus eigener kontinuierlicher Beobachtung von Straßenkindern in
verschiedenen Städten seit 1993.

Präziser sind allerdings die Altersangaben, die vom DJI gegeben werden: »(...) 'Straßenkinder' sind fast nie Kinder
unter 13 Jahren, sondern Jugendliche und junge Erwachsene. Darüber waren sich alle Fachleute einig.« (aus »Kind,
Jugend, Gesellschaft«, 2/96, S. 39).

Grundsätzlich lässt sich aus eigener Beobachtung ableiten, dass es sich bei Straßenkindern unter zehn Jahren fast
ausschließlich um »Kurzzeitausreißer« handelt, die sich meist nur wenige Tage auf der Straße aufhalten und dann
entweder aufgegriffen werden oder selbständig zurückkehren. Straßenkinder im Alter von 11 bis 13 Jahren sind zwar
zahlenmäßig kaum in den Szenen vertreten, verbringen aber im Gegensatz zu Jüngeren hin und wieder Wochen,
wenn nicht sogar Monate im Umfeld der Straße. Die meisten Straßenkinder sind vierzehn Jahre und älter.

Herkunft

Straßenkinder in Deutschland stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Es handelt sich fast
ausnahmslos um Deutsche. Vernachlässigung, Beziehungslosigkeit, Misshandlungen und/oder Missbrauch
trieben sie auf die Straße. Straßenkinder vermissen Geborgenheit. »Schule« ist kein Auslöser für den Gang
auf die Straße. Straßenkinder hatten bereits häufig Jugendhilfeerfahrung. Materielle Not spielt nur eine
zweitrangige Rolle. Die meisten Straßenkinder stammen nicht aus den Großstädten, in denen sie sich
aufhalten. In den Metropolen nutzen sie die Anonymität als Schutz vor Entdeckung.

Über den Anteil an ausländischen Straßenkindern ist wenig bekannt. Das DJI stellt dazu in seiner Studie
»Straßenkinder« (S. 35 / 1995) fest: »In den von uns besuchten Anlaufstellen sind Kinder und Jugendliche
ausländischer Herkunft wenig vertreten, wenn, dann vereinzelt, z. B. als Partner von Jugendlichen, die der Einrichtung
bereits seit längerem bekannt sind.«

In Frankfurt nennen die Streetworker des Jugendamts eine Häufung an marokkanischen und türkischen
Heranwachsenden, die jedoch meist 18 Jahre und älter sind. Ähnliche Erfahrungen machen die Mitarbeiter der
Frankfurter Notschlafstelle »Sleep-in«.

Aus der mehrjährigen Beobachtung heraus zeigt sich, dass diese lokale Häufung so andernorts nicht zu erkennen ist.
Allenfalls am Hamburger Hauptbahnhof fallen Gruppen türkischer Jugendlicher auf, von denen jedoch die wenigsten
obdachlos sind. Polnische Jungen, die sich am Berliner Bahnhof Zoo prostituieren, halten sich in der deutschen
Hauptstadt meist nur solange auf, »bis die Kohle stimmt«, und kehren anschließend wieder in ihre Heimat zurück, um
dann möglicherweise Wochen später wieder in Berlin »jobben« zu gehen.
Sehr kontrovers diskutiert wird die Frage, ob Straßenkinder ein Symptom zunehmender Verarmung in Deutschland
sind oder nicht. Hans-Josef Lembeck von der Hamburger Anlaufstelle für Straßen- und Bahnhofskinder »KIDS« stellte
in seinem Referat zur ISA-Fachtagung »Junge Menschen in besonderen Lebenslagen« am 30.10.1995 in Hamburg
fest: »(...) So käme man bei dem regelmäßig erstellten Armutsbericht für die Bundesrepublik sicherlich nicht auf die
Idee, die Armut in unserem Land mit der Armut in diesen Ländern (Anm.: der 3. Welt) zu vergleichen. Dass gleichwohl
auch hier Armut herrscht, und dies gerade unter der Klientel, um die es hier geht, ist unstrittig.«

Das DJI zitiert in der Studie »Straßenkinder« einen namentlich nicht genannten Experten aus den neuen
Bundesländern (S. 116 / 1995): »Wir haben aus allen Klassen und Schichten Jugendliche, die dabei sind. Das ist
nicht nur das Kind von Eltern, die Alkohol trinken und das aus der Situation des häuslichen Milieus geflüchtet ist. Wir
haben also auch Eltern dabei, die bestsituiert sind, die mit ihren Kindern nichts mehr zu tun haben wollen.«

Ähnlich stellt sich auch das vorläufige Ergebnis der eigenen, mehrjährigen Beobachtung und Befragung von
Straßenkindern dar. Es wurden deutlich mehr Kinder und Jugendliche angetroffen, deren Eltern ein Haus besaßen, als
deren Eltern von Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld lebten. Zwar gibt es tatsächlich eine erkennbare Zahl an
Straßenkindern aus sozial schwachen Verhältnissen, aber finanzielle Not wurde von den »Kids« nicht als Grund für
den Gang auf die Straße genannt.

Das Münsteraner Institut für Soziale Arbeit e.V. (ISA) hat bereits in seiner Studie »'Straßenkinder' in NRW« (1994)
deutlich resümiert, wo hingegen der Ursprung zu suchen ist: »Auch wenn es nicht viele Kinder sind, die im 'Milieu', auf
der Straße leben, so besteht doch kein Zweifel, dass die Lebenssituation dieser Kinder und jüngeren Jugendlichen
(10-15 Jahre) nicht selten dramatisch und von vielfältigen Gewalt-, Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen
geprägt ist (...). Den familiären Wohnbedingungen (Wohnungsnot) kommt als Ursache der Straßenszenen allenfalls
eine mittelbare Wirkung zu.«

Diese Einschätzungen des ISA für Nordrhein-Westfalen lassen sich auf alle Bundesländer übertragen und bestätigen
die eigenen Beobachtungen, wonach nahezu alle interviewten Straßenkinder von Vernachlässigung,
Beziehungslosigkeit bis hin zu unvorstellbar grausamer Misshandlung berichten. Die damals aufgezeigten Tendenzen
haben sich in den vergangenen Jahren immer und immer wieder bestätigt.

So bejaht nur die Hälfte aller befragten Jugendlichen: »Wir waren eine Familie«. Beschimpfungen durch einen oder
beide Elternteile seien eher die Regel als die Ausnahme. Etliche erklären unumwunden, geschlagen worden zu sein.
Misshandlungen gehören zum Erfahrungsspektrum von mindestens einem Viertel der Befragten. Hierzu zählen
beispielsweise Schläge mit Kabeln, Knüppeln, Peitschen, mittlere und schwere Körperverletzungen wie gebrochene
Knochen, Brandmale, Narben oder auch das »Aus-der-Dusche-ziehen« eines nackten Kindes mit anschließender
Prügelstrafe bis hin zu sexueller Nötigung und sexuellem Missbrauch Schutzbefohlener.

Besonders trostlos wird die Frage nach dem Gefühl der Geborgenheit in der Familie beantwortet: Rund zwei Drittel
der »Kids« zweifeln daran, dass ihre Mutter sie gerne gehabt hat; noch schlechter fällt das Ergebnis bei den Vätern
aus. Nicht wenige bezeichnen zumindest einen Elternteil als »Alkoholiker«. Da mag es kaum verwundern, dass der
Wunsch, wieder im früheren »familiärem Rahmen« zu leben, wenig ausgeprägt ist - zumal einige »Kids« ihren
leiblichen Vater nie kennen gelernt haben.

Eine besonders auffällige Rolle spielen »Scheidungskinder« und Kinder von Alleinerziehenden. Das Verhältnis von 2:1
zwischen getrennten und intakten Ehen wird von den interviewten Straßenkindern bestätigt und ist somit um etwa das
Doppelte höher als in der Jugendhilfe allgemein.

Eine besondere Rolle nimmt hierbei der »Stiefvater« ein. Hierzu erläutert das DJI in der Studie »Straßenkinder« (S.
114/1995): »In den neuen Partnerschaften der Eltern haben Kinder häufig auch das Gefühl, nun auch noch die Mutter
an den Stiefvater zu verlieren. Oder es kommt, (...), zu Situationen, in denen sich das Kind innerhalb der neu
zusammengesetzten Familie als störend empfinden muss.«
Anders die Instanz Schule: Sie ist offenbar kein auslösender Faktor für den Gang auf die Straße. Die DJI-Studie
hierzu (S. 124): »Schule hat für die Erklärungsansätze der befragten ExpertInnen zur Entstehung von
Straßenkarrieren nur eine untergeordnete Bedeutung.«

Dies sehen auch die seit 1993 befragten Straßenkinder so, wenngleich sich häufig recht lange vor der Flucht auf die
Straße ein »schulischer Niedergang« abgezeichnete. (Vereinzelt besuchen Straßenkinder trotz ihrer Lebensumstände
weiterhin die Schule.)

Mehr als drei Viertel der Befragten berichten davon, bereits in Jugendhilfeeinrichtungen gewesen zu sein.

Abschließend ist festzuhalten, dass nur die wenigsten Straßenkinder ein geordnetes Zuhause mit liebevollen Eltern
hatten. Trotzdem kann es auch in solchen Idealfällen zur Katastrophe kommen, etwa durch überraschendes
Versterben der Eltern (Unfall) und die Verkettung unglücklicher Umstände.

Beziehungslosigkeit, Vertrauensmangel und vor allem Vernachlässigung prägen die Biographien. Deutliche
Geborgenheits-Mangelfaktoren treiben Kinder und Jugendliche in Deutschland auf die Straße, die sie
(zunächst) »erträglicher« empfinden als das zuletzt erlebte Ambiente.

Sind die Kinder und Jugendlichen erst einmal auf der Straße, nennen sie stichhaltige Gründe für die Aufgabe der
letzten Lebensform. Weit mehr als die Hälfte der Kids ist gegangen, »... weil ich es zu Hause nicht mehr ertragen
habe«. Weitere, dominierende Gründe sind »Rausschmiss« oder auch das »Coming-Out« (Bekenntnis zur
Homosexualität bei Jungen).

Materielle Not scheint keine unwesentliche, wohl aber eine zweitrangige Rolle zu spielen. Hierin liegt der gravierende
Unterschied zu Straßenkindern beispielsweise in Südamerika, die in den meisten Fällen in einer »von Armut und
Kriminalität gekennzeichneten Umwelt überleben« (vgl. Dücker, Uwe von: »Die Kinder der Straße - Überleben in
Südamerika«, Frankfurt 1992).

Über die geographische Herkunft von Straßenkindern in Deutschland herrscht nach wie vor Konfusion. Das Deutsche
Jugendinstitut (DJI) resümiert in seinem Zwischenbericht zur Studie »Straßenkinder« nach zahlreichen
Expertengesprächen vorsichtig: »Die Mehrzahl der Streetwork-KlientInnen stammt aus der entsprechenden Großstadt
oder aus angrenzenden Kleinstädten bzw. dem ländlichen Raum.« (S. 44 / 1995)

Aus der eigenen, mehrjährigen Beobachtung von Straßenkindern resultiert jedoch anderes: Weit mehr als die Hälfte
der befragten Kids stammt aus Orten, die mindestens hundert Kilometer vom gegenwärtigen Aufenthaltsort entfernt
liegen. Die ursprüngliche »Heimat« der Kids sind weniger Großstädte, sondern sehr viel häufiger kleinere Städte und
der ländliche Raum.

Großstädte haben für Straßenkinder eine andere, wichtige Bedeutung. Das DJI hierzu: »Die entweder aus Heimen
und Familien geflüchteten oder hinausgeworfenen Jugendlichen finden - nach Aussage der Streetworker - in den City-
Zonen der großen Städte mehr Möglichkeiten des Untertauchens, des Überlebens und der Kontaktbildung zu anderen
Jugendlichen.« (S. 44 / 1995)

Diese Einschätzung lässt sich aus den eigenen Interviews mit Straßenkindern belegen: Nahezu zwei Drittel
bestätigen, dass sie in Großstadtszenen ihre besten Freunde gefunden haben, und fast alle legten Wert auf die
Feststellung »Hier bin ich nicht alleine«. Vor allem suchen sie Schutz durch Anonymität.
Straßenleben

Straßenkinder leben meist von Betteln, Prostitution oder Diebstahl. Harte Drogen gefährden vor allem
Langzeit-Straßenkinder. Das Spektrum »Straße« ist vielschichtig. Straßenkinder sind sehr mobil und
wechseln häufig die Städte, in denen sie sich aufhalten.

Da es bislang über den täglichen Lebenswandel von Straßenkindern kaum empirisch fundierte Fachbeiträge mit
überregionalem Blickwinkel gibt, bleibt nur die Möglichkeit, die eigenen Beobachtungen heranzuziehen:

Im Zentrum des Straßenlebens steht die Sicherung des eigenen Überlebens. Viele Straßenkinder berichten davon,
zumindest zeitweilig von Freunden und Kumpeln mit Lebensmitteln und Kleidung versorgt worden zu sein. In
Großstädten gelingt diese Überlebensform vor allem den Jugendlichen, die aus der Stadt stammen, in der sie sich
aufhalten, und die einen entsprechenden Bekanntenkreis haben. Alle anderen schlagen sich primär mit Bettelei durch.
Prostitution und Diebstähle sind weitere Einkommensquellen.

Mit Bettelei halten sich vor allem Kinder und Jugendliche über Wasser, die bei Punks Unterschlupf finden. (Exkurs:
Die wenigsten Punker leben auf der Straße. Die meisten leben bei ihren Eltern. Punker, die tatsächlich obdachlos sind
und beispielsweise in Bauwagen oder leerstehenden Gebäuden unterkommen, beherbergen auch immer wieder
Straßenkinder und versorgen diese bisweilen monatelang, ohne dass diese betteln gehen müssen. Zahlreiche
Straßenkinder, die von Punkern beherbergt wurden, berichteten von Suizidversuchen im Vorfeld ihrer
Straßenkarrieren und davon, dass die Gedanken daran durch das Umfeld der Punker weniger würden.)

Straßenkinder, die Anschluss an die Punkszene finden, passen zwar häufig, aber längst nicht grundsätzlich ihr
Aussehen an das der »Bunthaarigen« an. Manche suchen Schutz in »normalem« Auftreten. Hierbei kommt ihnen
zugute, dass unordentliches Auftreten bei Jugendlichen nach wie vor als »trendy« gilt und unauffällig ist.

Ausgesprochen ordentlich und nicht selten teuer kleiden sich Jungen im Prostitutionsmilieu. Sie finden dann und wann
»nette Männer«, die sich »väterlich« um »ihre Jungen« kümmern und diese in der Hoffnung auf Zuneigung und
Zärtlichkeit einkleiden. Abgesehen davon, ist es in der Stricherszene kein Geheimnis, dass gerade angenehmes
Aussehen und Auftreten wichtige Marktvorteile bedeuten. Abgesehen von Strichjungen aus Polen, die bisweilen mit
fünf oder zehn Mark für den »Liebesdienst« entlohnt werden, verdienen deutsche Stricher je nach Alter und Aussehen
üblicherweise zwischen fünfzig und zweihundert Mark pro Freier. In Ausnahmefällen können die »Honorare« auch
erheblich höher liegen. Während Jungen nahezu immer in der Öffentlichkeit auf den Strich gehen und bei Freiern oder
in Hotels übernachten, finden Mädchen meist sehr zügig »einen Freund«, der ihnen Unterkunft gewährt und sich
letztlich doch als Zuhälter entpuppt. Die Dienstleistungen reichen dabei von Masturbation des Freiers bis hin zu
sadistisch-masochistischen Praktiken, weit über Analverkehr hinaus. Das Posieren für Foto- und Videoaufnahmen ist
nicht unüblich; außergewöhnlicher, aber nicht ausgeschlossen ist es auf dem Knabenstrich, von einer Frau angemietet
zu werden.

Straßenkinder, die ihr Überleben mit (Klein-) Diebstählen sichern, leben stärker als alle anderen in der Gefahr,
aufgegriffen zu werden, und sie sind sich dessen auch bewusst. Daher nutzen nicht allzu viele diese Finanzquelle.
Aufsehen erregten 1992 die sogenannten »Hamburger Crashkids, die durch ihre Kfz-Diebstähle ein gewaltiges
Presseecho erfuhren. (Entgegen der Darstellung lebten längst nicht alle Crashkids auf der Straße.)

Im kriminellen Umfeld bieten sich neben Diebstählen weitere »Verdienstnischen« für Straßenkinder: Nicht selten
werden sie von Hehlern als Boten oder Drogenkuriere eingesetzt. Dabei konsumiert längst nicht jedes Straßenkind
Drogen, wenngleich die meisten zumindest Hasch rauchen. Strichjungen verdrängen beim Haschrauchen das Erlebte,
andere wollen einfach nur den trüben Alltag vergessen und glücklich sein. Trips wie LSD oder XTC »werfen« nur
wenige ein. Von stark abhängig machenden Drogen - wie Kokain oder Heroin (im Straßenjargon »shore« genannt) -
halten sich Straßenkinder zunächst möglichst fern. Sie wissen um die Gefahren, da sie auf der Straße unentwegt
Drogenabhängige antreffen. In dieser Szenennähe liegt dann auch die Gefahr, doch an härtere Drogen zu geraten.
Manche Straßenkinder - insbesondere Mädchen -, die sich monate- oder gar jahrelang im Straßenmilieu aufhalten,
verzweifeln an ihrer Situation zusehends und »betäuben« ihren Kummer mit Speed, Heroin oder Kokain. Bei Punkern
hat Alkohol eine größere Bedeutung als andere Drogen.

Der Tagesablauf ähnelt sich bei nahezu allen Straßenkindern - unabhängig davon, ob sie von Bettelei, Prostitution
oder Diebstahl leben. Vom frühen Nachmittag an halten sie sich bis spät nachts in ihrer jeweiligen Szene auf und
gehen mehr oder minder intensiv ihrer »Erwerbstätigkeit« nach. (Bettelnde Kids verkriechen sich im Winter häufig
bereits am frühen Nachmittag in ihre Verstecke.)

Das ständig wechselnde Spektrum der Übernachtungsmöglichkeiten ist breit. Es reicht vom Liegeplatz unter freiem
Himmel, in Parks, unter Brücken oder in Hauseingängen, über Bauwagen, leerstehende Häuser und Wohnungen, bis
hin zu Hotel, »nettem Mann« oder Freier. Einige kommen zeitweise bei Freund(in), Verwandten oder Kumpeln unter.
Findet sich keine Übernachtungsmöglichkeit - was durchaus nicht selten vorkommt - so wird die Nacht statt dessen
durchgemacht. Die Kinder und Jugendlichen sind dann noch übermüdeter als sonst. Notschlafstellen, in denen
anonyme Übernachtung möglich ist, gibt es in den wenigsten Städten.

Unübersehbar ist die Mobilität von Straßenkindern. Stresssituationen in der Szene lösen die Kids - wäre es anders
zu vermuten - mit Flucht in eine andere Stadt. Gleichermaßen kann aber auch eine plötzliche Lust auf einen
Ortswechsel oder die Gefahr, aufgegriffen zu werden, Auslöser sein, per Bahn oder Autostop auf Reise zu gehen. So
ist es bei Punkern durchaus üblich, häufig Szenen an anderen Orten zu besuchen. Strichjungen verkehren durchaus
mit Freiern an verschiedenen Orten. Städte innerhalb Deutschlands sind zwar die vorrangigen Ziele, aber längst nicht
die einzigen. Seit die europäischen Grenzkontrollen abgeschafft sind, reisen gerade im Winter immer mehr Kids für
Wochen und Monate nach Spanien und Portugal.

Erwartungen

Straßenkinder wünschen sich »Normalität«. (Mit »Normalität« sind übliche Lebensverhältnisse gemeint.)
Straßenkinder suchen nach Geborgenheit. Sie hoffen auf einen Schulabschluss, eine Berufsausbildung, eine
eigene Wohnung und Arbeit.

Straßenkinder haben es dort, wo sie herkommen, meist nicht mehr ertragen oder wurden schlicht
hinausgeworfen. Auf der Straße sind sie nicht aus Jux und Tollheit, sondern aus Verzweiflung und Mangel an
Alternativen. Entsprechend groß ist ihr Wunsch ausgeprägt, der Straße den Rücken zu kehren.

Hierzu subsumiert das Deutsche Jugendinstitut München (DJI) im Zwischenbericht der Studie »Straßenkinder«
Expertengespräche unter dem Aspekt gesellschaftlicher Grenzen der Reintegration: »... andererseits sehen sie (Anm.:
die Experten) die gesellschaftlichen Hindernisse immer höher werden, die sich der von vielen 'Straßenkindern'
sehnlich gewünschten 'Rückkehr zur Normalität' mit (heiler) eigener Familie, Beruf, Haus und Auto entgegenstellen...«
(S. 148 / 1995)

Den Wunsch nach »Normalität« bestätigt auch Rainer Kilb (Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, Frankfurt):
»Sie wollen 'drogenfrei' werden, keine 'erniedrigenden Jobs' verrichten müssen und unabhängig werden vom
Sozialamt.« (FAZ, »Überleben für den Moment«, 03.06.1996)

Bezogen auf Mädchen, zitiert das DJI in der o.g. Studie Erfahrungen aus einer Anlaufstelle für junge Frauen: »Viele
Mädchen sehnen sich keineswegs in ihre Herkunftsfamilie zurück, träumen aber um so heftiger von der künftigen
eigenen heilen Familie: Kind und Partner sollen Rettung aus Drogenkonsum, Beziehungs-, Arbeits- und
Obdachlosigkeit sein - ein Traum, von dem viele Mädchen durch die Mitarbeiterinnen kaum abzubringen sind.« (S.
34 / 1995)
Die Zwischenergebnisse der mehrjährigen, eigenen Beobachtung von Straßenkindern in Deutschland bestätigen das
große Interesse von Straßenkindern an »Normalität« deutlicher als erwartet. So wollen nahezu alle Befragten »sofort«
oder »bald« von der Straße weg - keinesfalls aber dahin zurück, woher sie kommen. Der Wunsch nach
Selbständigkeit ist bei den über 16jährigen stark ausgeprägt. Diese Gruppe wünscht sich häufig »eine eigene
Wohnung«, die sie durchaus mit Freunden aus der Szene, Freund oder Freundin teilen würden. Sie erhoffen sich
Sicherheit und Geborgenheit durch eigenen Einsatz und ein intaktes Umfeld.

Noch unübersehbarer ist der Wunsch nach Geborgenheit bei jüngeren Straßenkindern. Diese fordern grundsätzlicher
als die älteren: »Da müsste jemand sein, dem ich vertrauen kann und der hinter mir steht.« Von der imaginären
Bezugsperson wird Zuneigung, nahezu permanente Ansprechbarkeit (nicht ständige Gegenwart!), Loyalität,
Rückendeckung (Parteilichkeit) und Unterstützung beim Perspektivenaufbau erwartet. Mit desinteressierten, passiven
und distanzierten Bezugspersonen wollen diese Kids nicht länger zu tun haben.

Besonders deutlich werden die durchaus bürgerlichen Vorstellungen an die eigene Zukunft bei den Antworten zu den
Fragen nach konkreter Perspektiveplanung:

So befürworten die meisten Kids, wieder zur Schule zu gehen und einen Schulabschluss zu machen.
Alternativ dazu wird eine Berufsausbildung ins Auge gefasst. Nur vereinzelt stößt beides auf Ablehnung. Für
den weiteren Lebensweg erhoffen sich mehr als vier Fünftel der Interviewten »feste Arbeit« und »eine eigene
Wohnung«. Knapp die Hälfte denkt bereits darüber nach, später »Familie und Kinder« zu haben.

Für den Wunsch nach Normalität, nach üblichen, durchaus bürgerlichen Werten gibt es Gründe: Einerseits haben die
meisten Straßenkinder entsprechende Normalität in der eigenen Biographie noch nie (oder zumindest zuletzt nicht)
erlebt, andererseits führt ihnen die Öffentlichkeit tagtäglich auf der Straße die Annehmlichkeiten üblicher
Lebensformen vor Augen. Primäre Erwartungen an eine Zukunft mit Wohnung, Beruf und möglicherweise Familie sind
Sicherheit, ein akzeptabler Lebensstandard und die Imagination von »Glückseligkeit«.
Die Rolle der Jugendhilfe

Jugendhilfe ist nicht grundsätzlich untauglich, da es in Deutschland Straßenkinder gibt. Das Thema
»Straßenkinder« birgt allerdings Impulse für die Jugendhilfe, zumal vier Fünftel der Straßenkinder bereits
mindestens einen Kontakt zur Jugendhilfe hatten. Pechsträhnen prägen häufig die Biographien von
Straßenkindern. Individuelle Hilfen sind notwendig.

Die Thematik »Straßenkinder in Deutschland« ist in dreierlei Hinsicht mit der Jugendhilfe verknüpft:

 im Vorfeld von Straßenkinderkarrieren

 während des »Straßenlebens«

 im Anschluss an Straßenkarrieren

Aus der langjährigen Beobachtung von Straßenkindern seit 1993 lässt sich ableiten, dass diese drei Bereiche nahezu
grundsätzlich einzeln, mehrfach oder sich wiederholend in den Biographien von ehemaligen Straßenkindern vorkommen.
Nur die wenigsten Kinder und Jugendlichen hatten (noch) keinen Kontakt zur Jugendhilfe.

Hilfen zur Erziehung außerhalb des Elternhauses erhalten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt 120.413
Minderjährige (Erhebung vom 31.12.1994). Hiervon leben u.a.

 56.342 in Heimen (Vollzeit),

 36.416 in Pflegefamilien (Vollzeit),

 3.037 in einer betreuten Wohngemeinschaft,

 440 in einer eigenen Wohnung.

 565 Kids erhalten intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung.

Verglichen mit diesen Dimensionen und gemessen an der Gesamtpopulation in Deutschland (81 Mio. Einwohner) mögen
1500 bis 2500 Straßenkinder verschwindend wenig erscheinen.

Ein verallgemeinerndes Negativurteil über die gesamte Jugendhilfe ist angesichts der Anzahl an Straßenkindern
nicht angebracht. Dennoch sind Straßenkinder für die Jugendhilfe und deren Weiterentwicklung von
grundsätzlicher Bedeutung und gelten bereits heute in der Fachdiskussion als alarmierender Indikator für
Fehlentwicklungen des Jugendhilfesystems.

Auf den hohen Anteil an Jugendhilfe-Aussteigern wies Dr. Peter Jogschies (Deutsches Jugendinstitut / DJI) anlässlich
des Deutschen Jugendhilfetags 1996 in Leipzig hin: 90 Prozent der Kinder, die in Drogen- und Stricherszenen landeten,
hätten vorher Jugendhilfemaßnahmen erlebt... (FAZ, »Überleben für den Moment«, 03.06.1996)

Ähnliches geht auch aus der Studie »Straßenkinder« des DJI hervor: »Häufig haben die Kinder und Jugendlichen, mit
denen Streetworker in Anlaufstellen in Berührung kommen, ausgeprägte Jugendhilfe- bzw. Heimerfahrung hinter
sich,...« (S. 31 / 1995) Und weiter: »Die ExpertInnen schätzen den Anteil von Kindern und Jugendlichen, die vor ihrer
Straßenkarriere noch nie etwas mit Jugendhilfe zu tun hatten, gering ein.« (S.134) Dieser Zusammenhang lässt sich aus
eigener, mehrjähriger Beobachtung bestätigen: Etwa drei Viertel der interviewten Straßenkinder hatten mindestens einen
Jugendhilfekontakt im Vorfeld ihrer Straßenkarriere.
Drei wesentliche Gründe für den Wechsel von einer Jugendhilfekarriere zu einer Straßenkarriere nennt das DJI in der
o.g. Studie (S. 134 - 136):

 formale, institutionelle Gründe und Unsicherheiten in der Hilfeplanung und bei der Abklärung der erzieherischen
Erfordernisse und Möglichkeiten, die zu immer neuen Einrichtungswechseln und schließlich auf die Straße
führen
 die Ausgrenzung von angeblich zu schwierigen Jugendlichen aus den Einrichtungen

 die in psychiatrischen Kliniken begonnenen Behandlungen von Kindern und Jugendlichen werden in Heimen
nicht fortgesetzt, weil deren pädagogischer Rahmen dies nicht erlaubt

Noch deutlicher fordert Dr. Jürgen Blandow (Universität Bremen), Jugendhilfeentwickler und -praktiker, zum Überdenken
der Strukturen auf. So kratzte Blandow bei der Fachtagung »Leben auf der Straße« (21./22.03.1996 / Essen) gehörig am
Lack der professionellen Jugendhilfe: »Meine Grundthese ist, dass sich gerade die moderne Jugendhilfe in ihren
optimalen Varianten leicht in undurchschaute Stricke verheddert und in übersehene Fallen tappt und damit zur
Produktion des 'Restes' einen aktiven Beitrag leistet.«

Dazu stellte Blandow u.a. folgende Thesen auf:

 »Schwierigen« Kindern tut die Geschäftigkeit moderner Jugendhilfe nicht gut: Problem erkannt - Problem
gebannt!
 Das Schwierigkeiten vergrößernde Problem moderner Jugendhilfe ist, dass es weder konzeptionell noch in den
Köpfen von SozialpädagogInnen Möglichkeiten eines nichtrepressiven Festhaltens gibt.
 Die Parteilichkeit der modernen Jugendhilfe, des progressiven, auf die Subjektivität der Kinder und
Jugendlichen bezogenen Erziehers verfehlt gerade, die Kinder und Jugendlichen als Subjekte, d.h. als
Personen mit eigener Biographie wahrzunehmen. Die moderne Jugendhilfe neigt dazu, die Dinge im Kreis
laufen zu lassen, weil ihr Kreislauf nicht offenbar wird. Um ihn zu durchbrechen, bedürfte es einer Perspektive
auf die Gesamtbiographie.
 Das System Jugendhilfe neigt aufgrund ihrer eigenen Widersprüchlichkeiten und inneren Fronten dazu, genau
das zu reproduzieren, was am Anfang »schwieriger« Karrieren steht: Eine für den Jugendlichen
undurchschaubare Mischung aus Sorge und Vernachlässigung, Liebe und Hass.

Aus der eigenen Beobachtung von Straßenkindern und den zahlreichen Gesprächen mit ihnen lassen sich in vielen
Biographien »Pechsträhnen«, eine Kette an Beziehungsabbrüchen als mitwirkende Momente feststellen. Im Vorfeld der
Straßenkarrieren verloren die Kinder und Jugendlichen das Vertrauen (sofern es je vorhanden war) in ihre Betreuer und
damit letztlich auch den Halt. Nicht selten fehlte ein Mindestmaß an Intimsphäre und Rückzugsmöglichkeiten.

Andy (Name geändert), 14 Jahre, schildert sein »Verhältnis« zur Jugendhilfe folgendermaßen: »Was sind denn das für
Eltern, Alter? Jedes Mal, wenn ich wieder nach Hause darf, schmeißen mich die wieder raus, Alter. Dauert jedes Mal nur
nen paar Wochen. Ist doch das Letzte, Alter. Die dürften eigentlich gar keine Eltern sein. Sollte man ihnen verbieten. (...)
Und dann komm’ ich jedes Mal in irgend nen Heim. Jedes Mal, Alter! Was soll die Scheiße? Zuhause haste niemand,
Alter, und im Heim gleich dreimal nicht. Mußte jedes Mal den ganzen Mist erzählen, aber nachher haben die’s dann
doch gleich wieder vergessen, Alter. Richtig zuhören tun die Sozis eh nich. Die denken doch nur an ihre Kohle, ihren
Feierabend und - ich glaub’, Alter - mögen tun die mich auch nich. Ist doch scheiße, Alter, jedes Mal, wenn meine Eltern
mich rausschmeißen, werd’ ich bestraft. Aber denen passiert nichts - gar nichts, Alter...« Und weiter: »Alter ich will hier
weg. Ich will so leben wie jeder normale Junge, der so alt ist wie ich. Das verstehen die einfach nich, Alter. Jetzt bleib’
ich lieber hier bei meinen Freunden. Denen geht’s genauso wie mir, Alter. (...) Wenn ich die Kohle hätte, würde ich nen
großes Haus aufmachen und mit allen Freunden einziehen, Alter. Ohne Sozis und Eltern. Können mir gestohlen bleiben,
Alter, haben eh keine Ahnung.« (S-Bahnhof Alexanderplatz, Berlin im Januar 1995)

Weshalb Jugendlichen wie Andy der Absprung von der Straße dann kaum mehr gelingt, erklärt das DJI in seiner Studie
»Straßenkinder« nach zahlreichen Expertengesprächen so: »Die Kooperation mit den für die Kids zuständigen
Jugendämtern und Sozialdiensten läuft oft so schlecht und schleppend, dass den eigentlich ausstiegswilligen
Jugendlichen - von denen es nach Aussagen der ExpertInnen sehr viele gibt - dann doch der Verbleib in der Szene
'sicherer' erscheint. Für diese mangelnde Kooperation wurden einerseits Unwissenheit und Unwillen seitens der
Zuständigen in der von der aktuellen Lebenswelt der Straße viel zu weit entfernten Sozialbürokratie verantwortlich
gemacht, andererseits die Langwierigkeit der Prozeduren der Hilfeplanung und die Hochschwelligkeit von
Aufnahmeverfahren in stationäre Angebote der Jugend- und Berufshilfe.« Und weiter: »So werden 'Straßenkindern' nicht
selten erst mal gar keine Angebote gemacht oder sie müssen Vorstellungstourneen in verschiedenen Angeboten
absolvieren, die zwar einen Platz freihaben, dann aber doch zu viele und zu hohe Anforderungen stellen.« (S. 147 /
1995)

Um den Kreislauf zwischen Jugendhilfe und Straße zu durchbrechen erteilt das DJI in seiner Studie dem »Prinzip
'Versuch und Irrtum'« eine klare Absage: »Statt dessen sollten individuell, d.h. unter Berücksichtigung der Geschichte
und der Möglichkeiten des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen zugeschnittene Ausstiegs- oder zumindest
Stabilisierungsangebote entwickelt werden.« (S. 155/ 1995)

Noch schärfer artikulierte Prof. Dr. Thomas Klatetzki (Universität Essen) bei der Fachtagung »Leben auf der Straße«
(21./22.03.1996 / Essen) die seiner Einschätzung nach nötigen Veränderungen: Jugendhilfe solle

 ... auf der Ebene der Interaktion mit den Jugendlichen jegliche pädagogischen Ambitionen aufgeben und statt
dessen vorbehaltlos konstruktiv handeln;
 ... auf der Ebene der Organisation Kriterien der Veränderungsfähigkeit und Kreativität zum Qualitätsmaßstab
machen;
 ... auf der Ebene der Gesellschaft sich nicht weiter an der Unterscheidung von Normalität und Abweichung
orientieren, sondern an der Unterscheidung von Hilfe und Nicht-Hilfe.

Quelle: »Straßenkinder in Deutschland - Schicksale, die es nicht geben dürfte!«, Markus H. Seidel, Ullstein
1996. In: www.offroadkids.de
Autor: anonym   von Robin:
Unendliche Leere Ich hätte mit 14 Jahren noch nicht daran gedacht,
wie es ist, »gar nichts zu haben«. Mit 15 habe ich
Weinende Augen es dann erfahren. Ab da habe ich dann gemerkt,
Quälende Dunkelheit was Sehnsucht ist. Ein eigenes Bett, regelmäßige
Mahlzeiten, eine intakte Familie, eine Dusche,
Grausame Lieder einen geregelten Tagesablauf... Ich hatte das
vorher fast alles, bis auf die intakte Familie, die mir
Suche nach Wärme
das Straßenleben erst mal »ermöglichte«. Diese
Haltloses Schluchzen Ignoranz, die geschlossenen Augen vor meinen
Problemen. Hätten meine Eltern mehr Zeit mit mir
Große Verzweiflung verbracht, sich einfach mehr mit mir beschäftigt
Unnehmbare Ängste glaube ich, wäre das nie passiert.

Einsame Gedichte Sie hätten dann gemerkt, dass ich mir die Arme
aufschneide, mir regelmäßig den Frust
Ernüchternde Stille »weggespült« habe. Ich kann meinen Eltern aber
nicht nur Vorwürfe machen. Ich hätte es ja auch
und die Frage: »WARUM?« sagen können!?! Hätten sie es nicht merken
Du fühlst wie Dein warmes Blut Deinen Arm können!?!
hinunterläuft. Sie haben es noch nicht mal jetzt gemerkt, obwohl
Unendliche Erleichterung! ich auf der Straße gelebt habe und seit 2 Jahren in
Du liegst da. Gedankenlos? einer Jugendhilfemaßnahme wohne. Da ich weiß,
Du merkst wie Dir schwindlig wird,  dass ich auf meine Eltern nicht zählen kann, sie es
Du spürst Dich und Dein Leben. einfach nicht verstehen können und wollen,
Die "ALTEN BILDER' ziehen an Dir vorbei,  distanziere ich mich von ihnen.
doch Du bist glücklich.
Erlöst? »Mit uns hat unsere Tochter doch keine Probleme!«
waren ihre Worte »Mit der Schule kam sie nicht
Die Erniedrigung, ausgelacht zu werden, war noch zurecht und mit der Freundin hatte sie dann auch
erträglich. Ärger«.
Die Abweisung fast unerträglich. Stimmte ja auch, aber mit wem konnte ich damals
Dann noch getreten zu werden fast undenkbar. diese Probleme teilen? Mit meinen Eltern jedenfalls
Der Schrei nach Hilfe geht in Spott unter. nicht.
Die Ohnmacht befällt Dich, Du lässt Dich fallen und
hast niemanden, der Dich auffängt! Als sie gar nicht mehr weiter wussten, wenn ich
Die Einsamkeit siegt! absichtlich betrunken nach Hause kam, schlugen
sie mich. Ich trage ihnen das nicht nach, es war
Fortgeworfen wie ein benutztes Taschentuch. reine Hilflosigkeit. Ich schnitt mir mal provokant
Ausgetreten wie eine Zigarettenkippe. den Arm auf, ging zu meiner Mutter und weinte:
Beachtet wie ein Stück Scheiße am Wegrand.  »Du Mama, es hört nicht auf zu bluten!« Sie hatte
- Doch es gibt immer einen Weg, der Dir die Kurve wieder nur die Augen geschlossen und hat nichts
ermöglicht, auch wenn er an Hindernissen gemacht. Als ich zu ihr sagte, dass ich ins Heim
vorbeiführt. möchte, das war mit 13 Jahren, weinte sie nur, das
Irgendwo gibt es eine Rose, die in Dir Sehnsucht die Familie zusammengehört. Wie kann die Familie
erweckt. zusammengehören, wenn eine solche Engstirnigkeit
Das Messer lag neben mir. in ihr herrscht? Ich liebe meine Eltern, aber ein
Meine Augen! Ich hatte Angst vor mir selbst. Zusammenleben ist unmöglich geworden. Jetzt
wohne ich ca. 60km von ihnen entfernt, und das
Die Resignation verhüllte Mordgedanken.  Verhältnis ist besser als vorher. Nach einer Familie
In meiner Brust schmerzte es fast unerträglich. sehne ich mich und ich bin glücklich darüber, dass
ich jederzeit bei meinen Eltern anrufen kann, aber
Dieser Druck in meinem Kopf, unaufhörlich.
verstanden haben sie die ganze Sache noch immer
Meine Augen leer und ausdruckslos -
nicht!
Ein erstickter Schrei in meiner Brust: 

»HELFT MIR!«

"Hier in Baden-Baden leben so gut wir nur Ignoranten. »HASTE NIX, BISTE NIX« ist das Motto in dieser
Stadt. Deshalb leben hier auch keine Punks! Sie werden ja sofort vertrieben. Das ist schon so eine richtige
Mafiastadt geworden. Hier zählt nur Reichtum. Wenn alle so denken würden, würde die Welt untergehen!
»Jetzt zeigen wir's Ihnen« (warum auch nicht in Baden-Baden?)"