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Vortragsmanuskript: Inwiefern beeinflusst Riemanns Konzept des harmonischen Dualismus seine

Modulationslehre?

Begriffsgeschichte Modulation: 1. Der Begriff wird immer weiter eingeengt, 2. Der Begriff
1 Erfährt einen Bedeutungswandel mit der Akzentverschiebung von Kontrapunkt auf Harmonik.
[Quelle: Handwörterbuch der musikalischen Terminologie]

MA:

Neben abstraktem Modulationsbegriff im Zsh. Der musica mundana: Modulatio = eine der Tonart
entsprechenden Gestaltung

Diese Bedeutung wird Strahlkraft über das MA hinaus haben


- Modulatio kann die Gestaltung einer Einzelstimme, aber auch die Gestaltung eines gesamten
Satzes beschreiben

Renaissance 16. Jh.: Verlust der zentralen und umfassenden Bedeutung

Der Begriff Modulation wird nun verengt ausschließlich auf die Ausführung eines Gesangs (später:
Ars modulatoria)

Bei Glarean ist der Begriff Modulation nicht mehr der musica theoretica sondern der musica practica
zugeordnet

18. Jh. – Neuerlicher Bedeutungswandel

Alexander Malcolm – erstmals heißt Modulation auch ein Gang von einer Tonart in eine andere
(allerdings weiterhin koexistierend mit regulärer Progression gemäß einer Tonart)

Es kommt zur Koexistenz mehrerer Definitionen von „Modulation“, wie eine Stelle bei Mattheson
belegt:

Erst in den 1760er Jahren setzt sich durch, dass Modulation den Gang von einer in eine andere
Tonart bedeutet

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Vortragsmanuskript: Inwiefern beeinflusst Riemanns Konzept des harmonischen Dualismus seine
Modulationslehre?

2. Hälfte 18. Jh. Deutschland: Sondersituation – Modulation = Ausweichung

- Gegen den eingebürgerten Begriff Ausweichung muss sich Modulation erst einmal
behaupten

- Gottfried Weber: Modulation als Oberbegriff und die ausweichende Modulation


o Modulation => ausweichende Modulation / leitereigene Modulation

Mitte 19. Jh. ersetzt dann Modulation langsam „ausweichende“ Modulation, oder:

Seit der Mitte des 19. Jh. schält sich die heute noch übliche Trennung der Bezeichnungen
„Modulation“ und „Ausweichung“ heraus, wobei Ansätze dazu auf A. B. Marx zurückgehen.

2 Riemann und Modulation

Riemann erwähnt noch die althergebrachte Definition von „Modulation“

Katechismus der Harmonielehre, 1890, S. 62

„Manche nennen die Bewegung der Harmonie überhaupt, d. h. ganz allgemein die Aufeinanderfolge
verschiedener Akkorde, also auch die sich auf leitereigene Harmonien beschränkende Bewegung
innerhalb derselben Tonart Modulation.“

Riemann bringt ein neues (funktionsharmonisches)Detail in die Begriffsdefinition

Handbuch der Harmonielehre, 1887, S. 132:

„Modulation ist Wechsel der Tonalität, d. h. Übergang der Tonikabedeutung auf einen
anderen Klang“

Katechismus der Harmonielehre (1890), S. 62

Wir müssen daher nachdrücklich darauf hinweisen, daß wir unter Modulation durchaus den
Wechsel der Tonalität, den Übergang der Tonikabedeutung auf einen anderen Klang
verstehen […]
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Vortragsmanuskript: Inwiefern beeinflusst Riemanns Konzept des harmonischen Dualismus seine
Modulationslehre?

Ausweichung ist die Hinbewegung zu einer neuen Tonart, Modulation die Festsetzung in
derselben mittels eines Schlusses.

 Diese präzise Unterscheidung wird nun der Standard, wenn über Modulation gesprochen
wird, etwa bei Hermann Grabner, Wilhelm Maler

Handbuch der Harmonielehre, 1929, S. 215-216:

Modulation ist kurz zu definieren als Übergang der Bedeutung der Tonika auf einen anderen Klang.“
(S. 215-216)

Riemann-Lexikon, 5. Auflage

- Def.: „Übergang aus einer Tonart in die andere / das Übergehen der Bedeutung des
Hauptklangs (Tonika) auf einen andern Klang (vgl. Funktionen)“
- Ausweichung: flüchtiges Verlassen der Tonalität

Systematische Modulationslehre als Grundlage der musikalischen Formenlehre: Grobgliederung

Systematik liegt darin, dass Riemann von den einfachsten, am strengsten gefassten tonalen
Phänomenen ausgeht und sukzessive Erweiterungen, Verselbständigungen und schlussendlich
Modulationsformen bespricht.

Man könnte die Inhalte folgendermaßen gliedern:

- Kap. 1 Grundlagen der Tonalität, Bedeutung von Metrik / Symmetrie in der Musik allg.
- 2-3 befassen sich mit Kadenz und ihren Erweiterungsmöglichkeiten
- Kap. 4-5 Gängigen Modulationskonzepte angefangen beim Tonalitätssprung und dann von
den Funktionsumdeutungen der Akkorde hin zu der weiter ausholenden Modulation1
- Kap. 6 Anwendung der Modulation – Rhythmus und Metrik kommen wieder ins Spiel
o Die gleiche Harmoniefolge kann entweder Ausweichung oder Modulation sein – es
hängt davon ab, wie stark der Umschaltakkord betont wird
- Kap. 7 behandelt Sequenzen, Verwandtschaftstabellen, Tonnetz

3 Riemanns Dualismus [Quellen: Grabner, Harmonielehre; Rehding, The reception of Hugo


Riemann’s music theory; Riemann, Handbuch der Harmonielehre; Riemann-Lexikon 5. Auflage ]

1. das dualistische Grundprinzip: Die Obertonreihe und die Untertonreihe

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D.h. dass die Modulation ihr Ziel „überspringt“ und dann umso natürlicher ihr eigentliches Ziel als „Rückgang“
erreicht.
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Modulationslehre?

Riemann vertrat lange die spekulative Auffassung, dass es nicht nur eine Obertonreihe gäbe, sondern
auch eine Untertonreihe, die spiegelbildlich zur Obertonreihe verläuft. Damit wird der Mollakkord
auf dieselbe natürliche Basis gehoben wie der Durakkord. Dur und Moll bekommen dualistisch
„entgegengesetzte Prinzipien“ (Grabner) und heißen bei Riemann auch Oberklang und Unterklang.

Mollakkord ist „auf den Kopf gestellt“

Der Quintton ist der Grundton für Riemann, weil von diesem der Dreiklang gebildet wird. Ein
Molldreiklang a-c-e heißt bei Riemann

Ein bis heute rezipiertes Produkt des Dualismus: Die Stellvertreterklänge

- Die Stellvertreterklänge sind spiegelbildlich sortiert: in Moll ist die Parallele eine Kleinterz
höher, in Dur eine Kleinterz tiefer
- Wichtiger Unterschied zur Stufentheorie: Stellvertreter sind keine diatonisch abgeleiteten
Klänge! Rehding: „What is meant here is not the relation between scale degrees but rather
the major-minor relations between autonomous sonorities.”
o Der Gegenklang der Dominante G-Dur in C-Dur ist nicht h-vermindert sondern h-
Moll; h-Moll ist kein stufeneigener Klang
- Die Herleitung dieser Stellvertreter ist dualistisch
o In Dur wird der Parallelklang mit der Stimmbewegung von der Oberquinte zur
Obersexte erzeugt (GT aufwärts)

o In Moll wird der Parallelklang mit der Stimmbewegung von der Unterquinte (welche
NICHT der Grundton ist!) zur Untersexte erzeugt (GT abwärts)

Die dualistische Relativierung des Quintfalls

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Modulationslehre?

1. Das Stellvertreterprinzip besagt, dass auch in einer Kadenz die Dominante mit ihrer Parallele oder
ihrem Gegenklang ausgetauscht werden kann.

2. Riemanns verblüffende Legitimation chromatischer Medianten.

Ausgehend vom Klang (z.B. C-E-G) sind E-Dur und G-Dur gleichwertige Abweichungen vom Zentral-
Akkord.

A. Rehding, The reception of Hugo Riemann’s music theory, aus Oxford Handbook of Neo
Riemannian Theory:

Musik-Lexikon, Eintrag „Tonalität“:

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Riemann: Dualismus + Modulation [Hauptquellen: Handbuch der Harmonielehre,
1929 und Systematische Modulationslehre als Grundlage der musikalischen
Formenlehre, 1887]

Riemann: Dualismus und Modulation

1) Riemann identifiziert das Aufsteigen mit Dur, das Absteigen mit Moll (Riemann, Handbuch
der Harmonielehre, VII. Modulation, S. 214)
a. Daher ist für ihn in spiegelbildlicher Symmetrie der Gang zur Durdominante in Moll
ebenso natürlich wie der Gang zur Mollsubdominante in Dur

2) Charakteristische Dissonanzen bei Riemann sind dualistisch geordnet (Handbuch, S. 218):

--- a n z e i g e n A B 1 ---

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Modulationslehre?

(erklärt die letzte Form allerdings wegen der „Sprödigkeit der Molldominante“ als eher
irrelevant)

a. Spielen in der Modulationslehre eine Rolle, da man über die Umdeutung dieser mit
charakteristischen Dissonanzen versehenen Vierklängen eine plausible Modulation
herstellen kann
b. Folgende Modulationen sieht Riemann dann als möglich an (Handbuch, S. 218):

--- a n z e i g e n A B 2 ---

3) Thema Zwischendominanten / chromatische Alterationen – Exkurs Sonderblatt Riemanns


Dualismus und Zwischendominanten

--- a n z e i g e n A B 3 ---

Fazit: Konfliktlinie zwischen dualistischem System und praktischen Orientierung am klassisch-


romantischen Kanon

* Modulationslehre stellt die Quintbeziehungen in den Mittelpunkt – ist damit „weniger dualistisch“
als die dualistische Prämisse selbst

- Terzwechselklänge (Parallelen und Leittonwechselklang) bleiben sekundäre Ziele, siehe


Modulationslehre: zuerst Oberquintmodulation, dann Unterquintmodulation, später erst
kommen Terzwechselklänge
- Beim Thema Sequenzen ist Riemann praxisnah und erläutert die Unterschiede zwischen in
Moll verortete Sequenzen und in Dur verortete Sequenzen => da gibt es dann keine
Spiegelbildlichkeit
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Modulationslehre?

* Das dualistische Konzept der Terzverwandtschaften macht Medianten als Vertreterklänge


beschreibbar

Für Romantische Harmonik besonders sinnvoll, die mediantische Ausweichungen bevorzugt


verwendet (etwa in Periodenbildungen)

* Charakteristische Dissonanzen werden dualistisch geordnet – das schafft Übersichtlichkeit und


erklärt, wie Zwischendominanten und Alterationen den tonalen Zusammenhang stärken, anstatt ihn
zu schwächen

- Riemann erkennt und systematisiert die Möglichkeiten der Umdeutung eines


charakteristischen Vierklangs und schafft damit eine neue Ebene der Plausibilität

* Riemanns Kombination von Alteration und Zwischendominanten bringt schließlich eine Vielzahl an
möglichen Modulationszielen ins Spiel, die für die elaborierte Harmonik seiner Zeit durchaus
ansprechend ist

- Gleichzeitig wird ein Großteil seiner Ausführungen irrelevant für die Musik vor 1800,
dennoch behauptet Riemann einen absoluten Deutungsanspruch
- Plausible Möglichkeiten (wie Mollsubdominante zur Durtonika) werden mit eher irrelevanten
Möglichkeiten (von C-Dur nach Fis-Dur) auf eine Stufe gestellt
 Zwischen den recht konservativen Struktur seiner Modulationslehre, die sehr detailliert über
die einfachsten Modulationsziele spricht und der Mannigfaltigkeit seiner Modulations-
Möglichkeiten in den späteren Kapiteln fehlt eine ausformulierte Systematik für entferntere
Modulationsziele wie chromatische Medianten => das liefert dann die NRT nach

 Als künstlich gesetztes Denk- und Ordnungmodell ist der Dualismus auch in der
Modulationslehre attraktiv; seine Verabsolutierung führt aber in die Irre

Quellen:

- Hermann Grabner, Harmonielehre


- A. Rehding, “The reception of Hugo Riemann’s music theory”, aus Oxford Handbook of Neo
Riemannian Theory
- Riemann, Handbuch der Harmonielehre, Ersterscheinung als Skizze einer neuen Methode, 8. Auflage
- Riemann, Musik-Lexikon,
- Hintergrundlektüre:
o Geschichte der Musiktheorie Bd. 10 / 11
o MGG Artikel Musiktheorie
o Rehding, Hugo Riemann and the birth of modern musical thought