Sie sind auf Seite 1von 5

Leitthema

Bundesgesundheitsbl 2014 ∙ 57:1188–1192 A. Merkle · H. Lechner · V. Öppling · H. Meyer


DOI 10.1007/s00103-014-2037-x Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, Langen
Online publiziert: 10. September 2014
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014

Prüfung von Impfstoffen


Die Herausforderung der Prüfung
komplexer Kombinationsimpfstoffe

Historisch gesehen wird der Beginn des prüfung durch das Paul-Ehrlich-Institut aktivierungs- oder Detoxifizierungsver­
Erfolges von Impfstoffen mit Edward Jen­ (PEI), d. h., vor der Vermarktung einer fahren erforderlich. Manche Impfantige­
ners Impfversuchen, deren Ergebnisse Impfstoffcharge muss jeder Hersteller ne (z. B. Polysaccharide) werden an Trä­
im Jahr 1798 publiziert wurden, in Ver­ nachweisen, dass die Herstellung und gerproteine gekoppelt oder mit Adjuvan­
bindung gebracht: Dieser wies nach, dass Qualitätsprüfung dieser Charge den ge­ zien versetzt. Danach werden die Impf­
am Menschen angewendete Kuhpocken, setzlichen Anforderungen entsprechen. stoffe abgefüllt und abgepackt. Jeder ein­
einen Schutz vor Pockenvirusinfektio­ Der vorliegende Beitrag beschreibt die zelne Herstellungsschritt wird durch ein
nen bieten können. Jahrzehnte nach die­ staatliche Chargenprüfung von Impf­ engmaschiges Netz an geeigneten Quali­
sem Erfolg begann die industrielle Her­ stoffen am Beispiel zweier Kombina­ täts- und In-Prozess-Kontrollen mit fest­
stellung der Pockenimpfstoffe in Tieren, tionsimpfstoffe. Die Chargenprüfung be­ gelegten Grenzen überprüft. Das Herstel­
die schließlich 1959 in einem internatio­ inhaltet neben der experimentellen Prü­ lungs- und Kontrollverfahren für einen
nalen Leitfaden der Weltgesundheitsor­ fung auch die Überprüfung der chargen­ Impfstoff ist in der jeweiligen Zulassung
ganisation (WHO) zur Standardisierung spezifischen Daten zur Herstellung und festgelegt und stützt sich auf Vorgaben des
der Pockenimpfstoffe resultierte. Damit Qualitätskontrolle. Europäischen Arzneibuchs. Weitere rele­
wurden die Anforderungen an die Her­ vante Leitlinien werden durch die euro­
stellung und Chargenprüfung festgelegt, Herstellung und päische Arzneimittelagentur (EMA, Eu­
die darauf zielten, dass weltweit nur Po­ Qualitätskontrolle ropean Medicines Agency, London), die
ckenimpfstoffe mit ausreichender Quali­ von Impfstoffen Weltgesundheitsorganisation (WHO), die
tät, Wirksamkeit und Sicherheit verwen­ International Conference on Harmoniza­
det wurden. Die Standardisierung der Impfstoffe sind biologisch hergestellte tion (ICH) sowie vom Europäischen Di­
Herstellung und Chargenprüfung war ei­ Arzneimitteln (sog. Biologika), die sich rektorat für die Qualität von Arzneimit­
ner der wesentlichen Grundlagen für die von chemisch definierten Arzneimitteln teln (EDQM, Straßburg) in Form der Leit­
erfolgreiche Eradikation der Pocken im durch die Verwendung biologischer Aus­ linien zur Chargenprüfung von Impfstof­
Jahr 1980 [1]. gangsmaterialien und einer daraus re­ fen in Europa („Batch Release Guideli­
Heute sind Impfstoffe gegen verschie­ sultierenden erhöhten Variabilität ab­ nes“) veröffentlicht [2–6].
denste Infektionskrankheiten bakteriellen grenzen. So beginnt der Prozess der in­
oder viralen Ursprungs zugelassen. Diese dustriellen Herstellung der Impfantige­ Produktspezifische Prüfung
enthalten gereinigte Toxoide, inaktivier­ ne mit der Anzucht der Saatmaterialien. von Impfstoffen
te oder abgeschwächte Erreger oder be­ Dem schließen sich in der Regel mehre­
stehen aus einzelnen rekombinant her­ re Fermentationsschritte zur Vermeh­ Die Prüfung einer Impfstoffcharge durch
gestellten Erregerbausteinen (.  Tab. 1). rung der Impfviren oder Mikroorganis­ den Hersteller muss vor ihrer Vermark­
Bei einigen Impfstoffen kommen zudem men an. Diese können selbst das Impfan­ tung die kritischen Qualitätsmerkma­
Adjuvanzien zum Einsatz, die die Immu­ tigen darstellen, oder sie werden zu sei­ le zur Identität, Reinheit, Sicherheit und
nantwort gegen das Impfantigen verstär­ ner Erzeugung benötigt. Nach der Ern­ Wirksamkeit gemäß den in der Zulas­
ken. Neben Einzelimpfstoffen werden te werden die Impfantigene z. B. über sung festgelegten Kriterien belegen. Die­
vermehrt komplexe Kombinationsimpf­ Zentrifugations- oder Filtrationsschrit­ ser Nachweis ist vom Zulassungsinhaber
stoffe entwickelt, die entweder mehre­ te gereinigt. Bei Lebendimpfstoffen wer­ durch eine entsprechende Dokumen­
re Impfantigene gegen einen (z. B. unter­ den die konzentrierten Impfantigene ver­ tation der Herstellung und der Quali­
schiedliche Serotypen) oder verschiedene dünnt und mit Stabilisatoren versetzt be­ tätskontrollergebnisse zu erbringen und
Krankheitserreger (z. B. Mumps-Masern- vor sie schließlich abgefüllt und anschlie­ durch eine sachkundige Person zu be­
Röteln-Impfstoffe) enthalten. ßend zumeist gefriergetrocknet werden. stätigen. Die Chargenprüfung von Impf­
Alle Impfstoffe unterliegen in Bei der Herstellung von Totimpfstoffen stoffen durch offizielle Kontrolllabo­
Deutschland der staatlichen Chargen­ sind neben den Reinigungsschritten In­ re (OMCL), zu denen in Deutschland

1188 |  Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 10 · 2014


Tab. 1  Übersicht über Impfstoffklassen samkeitsnachweis erfolgt durch die quan­
Impfstoffklasse Impfantigen Infektionskrankheit/Infektionserreger titative Bestimmung der entsprechenden
Lebendimpfstoffe Abgeschwächte Erreger Masern, Mumps, Röteln, Varizellen (Wind- Impfantigene oder durch den Nachweis
pocken/Gürtelrose), Rotaviren, Gelbfieber, der Induktion spezifischer bzw. vor Er­
Typhus, Pocken, Poliomyelitis (OPV) krankung schützender Antikörper mit­
Totimpfstoffe Inaktivierte Erreger Hepatitis A, Poliomyelitis (IPV), Tollwut, Früh- hilfe von In-vitro- oder In-vivo-Metho­
sommermeningoenzephalitis, Japanische den. Weiterhin können für die unabhän­
Enzephalitis, Cholera
gigen Prüfungen auch physikochemische
Gereinigte Bestandteile Influenza, Pertussis
Tests gefordert sein, die zum Ziel haben,
inaktivierter Erreger
produktionsbedingte Abweichungen der
Gereinigte Toxoide Tetanus, Diphtherie
untersuchten Charge zu erkennen und
Gereinigte Kapselpolysac- Streptokokken, Meningokokken, Haemophilus
charide influenzae b, Pneumokokken, Typhus
den konsistenten Herstellungsprozess zu
belegen.
Rekombinant hergestellte Hepatitis B, humane Papillomaviren
Antigene Im Rahmen der experimentellen
OPV oraler Poliovirus-Impfstoff, IPV inaktivierter Poliovirus-Impfstoff Chargenprüfung ist das Kontrolllabor
mit verschiedenen Herausforderungen
konfrontiert. So kann z. B. das für die
Tab. 2  Übersicht über die von offiziellen Kontrolllaboren durchzuführenden experimentellen staatliche Chargenprüfung gesetzlich
Prüfungen festgelegte zeitliche Limit von 60 Tagen
Nachweis für Testmethoden bei zeitaufwendigen Prüfungen nicht im­
Identität des Impfantigens Immunchemische Methoden (z. B. ELISA, Western Blot) mer eingehalten werden. Dies gilt vor al­
Neutralisationstest lem dann, wenn bei unklaren oder nicht­
Wirksamkeit Quantitative Bestimmung des Impfantigens durch immunchemi- konformen Testergebnissen Wiederho­
sche Methoden (z. B. ELISA, SRD) lungsprüfungen erforderlich werden.
Quantitative Bestimmung des Virustiters oder der Keimzahl Daher wird die Prüfung im Kontrollla­
Schutzversuche im Tier bor in den meisten Fällen zeitgleich mit
Immunogenitätsbestimmung im Tier den Prüfungen beim Hersteller durchge­
Sicherheit Bestimmung des Endotoxingehalts führt. Weiterhin muss die Prüfkompe­
Pyrogenitätstest tenz eines Kontrolllabors kontinuierlich
Konsistenten Herstellprozess Visuelle Prüfung, Thermostabilitätstest, Bestimmung des pH Werts, aufrechterhalten werden, auch wenn von
Aluminiumgehalts, Adsorptionsgrads, Proteingehalts oder der ihm nur wenige Chargen pro Jahr ge­
Osmolalität prüft werden. Dies wird über ein inter­
ELISA enzymgekoppelter Immunadsorptionstest, SRD singulärer radialer Immundiffusionstest nes Qualitätsmanagementsystem und die
Teilnahme an internationalen Ringver­
suchen sichergestellt. Schlussendlich ist
auch das PEI zählt, stellt eine vom Her­ ser Leitfaden legt in Europa fest, wel­ eine enge Zusammenarbeit zwischen den
steller unabhängige Prüfung dar. In die­ che Informationen zur Herstellung und verschiedenen europäischen Kontrollla­
ser unabhängigen Prüfung wird die zu­ Qualitätskontrolle einer Charge dem boren erforderlich, da es für die Prüfung
lassungskonforme Qualität jeder Impf­ Kontrolllabor vorgelegt werden müssen von Impfstoffen nur limitierte unabhän­
stoffcharge vom offiziellen Kontrolllabor und welche experimentellen Prüfungen gige Ressourcen gibt.
überwacht. Neben der Dokumentenprü­ es unabhängig durchzuführen hat [6].
fung erfolgt eine experimentelle Prüfung, Die vom Kontrolllabor durchzuführen­ Experimentelle Prüfung von
die unabhängig den Nachweis der Iden­ den Prüfungen werden aus einer Viel­ Kombinationsimpfstoffen
tität, Wirksamkeit und Sicherheit einer zahl von Testungen, die ein Hersteller am Paul-Ehrlich-Institut
Impfstoffcharge sicherstellt. Entspre­ im Rahmen des Herstellungsverfahrens
chen die Ergebnisse aller Prüfungen den durchführt, gemeinsam im Europäischen Kombinationsimpfstoffe sind dadurch
Vorgaben für die Zulassung, wird dies Netzwerk der Kontrolllabore ausgewählt charakterisiert, dass sie eine Vielzahl von
durch ein EU-Zertifikat oder einen na­ und bestimmt. Antigenen enthalten, die sich gegen einen
tionalen Freigabebescheid bestätigt. Der In .  Tab. 2 sind Beispiele für die von oder mehrere Krankheitserreger richten.
Hersteller kann die Charge dann entwe­ einem offiziellen Kontrolllabor durch­ Dementsprechend umfangreich gestaltet
der in Europa oder in Deutschland auf zuführenden Prüfungen von Impfstof­ sich ihre Prüfung. Nachfolgend ist exem­
den Markt bringen. Andernfalls wird die fen gelistet. Diese unabhängigen Prüfun­ plarisch die experimentelle Prüfung für
Freigabe versagt. gen sehen üblicherweise den Nachweis 2 Kombinationsimpfstoffe am PEI als of­
Für jeden Impfstoff gibt es einen of­ der Identität der Impfstoffantigene so­ fiziellem Kontrolllabor beschrieben.
fiziellen Leitfaden zur Chargenfreigabe, wie den Nachweis der Wirksamkeit und
die sog. „Batch Release Guideline“. Die­ Sicherheit des Impfstoffs vor. Der Wirk­

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 10 · 2014  | 1189


Zusammenfassung · Abstract

Die experimentelle Bundesgesundheitsbl 2014 ∙ 57:1188–1192  DOI 10.1007/s00103-014-2037-x


Prüfung des multivalenten © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2014
Pneumokokken-Konjugatimpfstoffs
A. Merkle · H. Lechner · V. Öppling · H. Meyer

Die Chargenprüfung des multivalenten Prüfung von Impfstoffen. Die Herausforderung der
Pneumokokken-Konjugatimpfstoffs ver­ Prüfung komplexer Kombinationsimpfstoffe
anschaulicht die Komplexität heutiger
Zusammenfassung
Prüfungen. Pneumokokken-Konjuga­ Impfstoffe gehören zur Gruppe der Biologi- der beim Hersteller durchgeführt. Sie erfolgt
timpfstoffe sind seit 2001 zugelassen. Sie ka. Diese Arzneimittel werden auf Basis bio- auf Basis impfstoffspezifischer europäischer
werden zur Immunisierung von Säuglin­ logischer Ausgangsmaterialien mit einer de- Prüfleitlinien. Entsprechen die Ergebnisse al-
gen ab einem Alter von 2 Monaten gegen finierten Variabilität hergestellt. In Deutsch- ler Prüfungen den Vorgaben, wird die Char-
zunächst 7 verschiedene Pneumokokken- land unterliegen alle Impfstoffe der staatli- ge freigegeben. Der vorliegende Beitrag be-
chen Chargenprüfung durch das Paul-Ehr- schreibt die Herausforderung bei der staat-
Serotypen angewendet. Seit 2009 stehen
lich-Institut (PEI). Für die Freigabe von Char- lichen Chargenprüfung von Impfstoffen am
Pneumokokken-Konjugatimpfstoffe mit gen muss eine experimentelle Prüfung durch Beispiel zweier hochkomplexer Kombina-
einer erweiterten Palette gegen 10 oder ein offizielles europäisches Kontrolllabor, wie tionsimpfstoffe.
13 verschiedene Serotypen des Pneumo­ z. B. dem PEI erfolgen. Ziel der dort durchge-
kokkenerregers S. pneumoniae zur Ver­ führten, herstellerunabhängigen Prüfung ist Schlüsselwörter
die Überwachung der zulassungskonformen Kombinationsimpfstoffe · Biologika ·
fügung. Dies erhöht die Komplexität der
Qualität einer jeden Impfstoffcharge. Die Prü- Offizielles Kontrolllabor ·
Herstellung und der Prüfung dieser Impf­ fung wird, da sie zeitaufwendig ist und dif- Staatliche Chargenprüfung ·
stoffe. fizile Testverfahren umfasst, oft parallel zu Leitlinien zur Chargenprüfung
In . Tab. 3 sind die nach der europäi­
schen Leitlinie von einem Kontrolllabor
durchzuführenden Prüfungen für einen Testing of vaccines. The challenge of testing
multivalenten Pneumokokken-Konju­ complex combination vaccines
gatimpfstoff aufgeführt. Eine Besonder­ Abstract
heit bei der Chargenprüfung dieser Impf­ Vaccines are biologicals. This group of medic- line and due to the difficult and time con-
stoffgruppe ist die Testung von einzelnen inal products is produced with a predefined suming testing procedures often run in par-
Zwischenprodukten, d. h. von sog. mono­ variability based on the biological starting allel with manufacturers testing. If test results
materials used. Vaccines are subject to official comply with the predefined criteria, the lot in
valenten Konjugaten aus Serotyp-spezifi­
control authority batch release performed question is released. This article describes the
schem Polysaccharid und daran gekop­ by the Paul-Ehrlich-Institut (PEI). To release challenge of official control authority batch
peltem Trägerprotein. Diese bilden letzt­ batches to the market, experimental testing release testing of two complex combination
lich die Grundlage für das formulierte has to be conducted by an official medicines vaccines.
Endprodukt, das bei zugelassenen Poly­ control laboratory as the PEI. It is the aim of
this independent testing to demonstrate the Keywords
saccharid-Konjugatimpfstoffen aus bis
conformity of quality criteria with conditions Combination vaccines · Biologicals ·
zu 13 Konjugaten bestehen kann. Da sich Official medicines control laboratory ·
set in the marketing authorization for each
die einzelnen Konjugate hinsichtlich ihrer lot produced. The testing is performed on the Official control authority batch release ·
biochemischen Zusammensetzung unter­ basis of vaccine specific batch release guide- Batch release guidelines
scheiden, sind spezifische, auf das jeweili­
ge Zwischenprodukt zugeschnittene Ana­
lysen erforderlich. ßenverteilung des jeweiligen Konjugats. aufgeführten Testparameter nur ausge­
Das PEI ist hier sowohl für die Prüfung Der Quotient von Gesamtpolysaccharid wählte Schlüsseltestungen umfassen.
der verschiedenen Zwischenprodukte als zu Gesamtprotein wird ebenfalls ermittelt Entspricht das Produkt in allen vom
auch für die daraus formulierten, multiva­ und dient der Überprüfung eines konsis­ Hersteller und vom Kontrolllabor durch­
lenten Endprodukte zuständig. Die einzel­ tenten Herstellungsprozesses. geführten Tests den in der Zulassung de­
nen Zwischenprodukte werden hinsicht­ Am Endprodukt, d. h. am fertig for­ finierten Anforderungen, wird die Charge
lich ihres Antigengehaltes (Gesamtpoly­ mulierten Impfstoff werden zudem so­ auf Antrag des pharmazeutischen Unter­
saccharid) mithilfe einer quantitativen wohl die Identität als auch die Quantität nehmers nach dem oben beschriebenen
nasschemischen, kolorimetrischen Be­ der einzelnen enthaltenen Antigene mit­ Muster freigegeben.
stimmung kontrolliert. Weitere Prüfun­ tels optischer Analyseverfahren auf Basis
gen schließen die quantitative Erfassung serotypspezifischer Komplexe aus Anti­ Die experimentelle Prüfung des
des freien, nicht gebundenen Polysac­ gen und Antikörper verifiziert. Die Tests Masern-Mumps-Röteln-Varizellen
charids mittels immunologischer Mess­ auf Aussehen und auf bakterielles Endo­ (MMRV)-Kombinationsimpfstoffs
methoden ein (z. B. über den enzymge­ toxin schließen die Prüfung am PEI ab.
koppelten Immunadsorptionstest – ELI­ Es sei erwähnt, dass die vom Hersteller Am Beispiel eines Kombinationsimpf­
SA). Außerdem erfolgen die Bestimmung durchzuführenden Prüfungen deutlich stoffs gegen Masern, Mumps, Röteln
des Gesamtproteins und der Molekülgrö­ umfangreicher sind und die in .  Tab. 3 und Windpocken (Varizellen), der abge­

1190 |  Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 10 · 2014


Tab. 3  Von einem Kontrolllabor bei einem multivalenten Pneumokokken-Konjugatimpfstoff färbung ermittelt. Die Identität der ein­
durchzuführende Prüfungen zelnen Impfvirusstämme wird in einem
Zwischenprodukt (monovalente Polysaccharid-Protein-Konjugate) Neutralisationstest mithilfe von spezifi­
Bestimmung des Proteingehalts schen Antiseren nachgewiesen. Die Anti­
Bestimmung des Polysaccharidgehalts (gesamt) seren sollen die Vermehrung der Impfvi­
Bestimmung des nicht konjugierten Polysaccharidgehalts ren in den entsprechenden Zellkulturen
Bestimmung des Verhältnisses von Polysaccharid zu Protein verhindern. Kann dies gezeigt werden,
Molekülgrößenverteilung ist die Identität bestätigt. Zudem wird die
Endprodukt (multivalenter Pneumokokken-Konjugatimpfstoff) Stabilität der Impfviren nach Lagerung bei
Aussehen erhöhten Temperaturen überprüft. Die
Nachweis der Identität (aller enthaltenen Serotypen) Untersuchung der Thermostabilität gibt
Polysaccharidgehalt je enthaltenem Serotyp Aufschluss über einen konsistenten Ge­
Bestimmung des Endotoxingehalts friertrocknungsprozess. Die unterschied­
lichen Viruskonzentrationen dürfen nach
Lagerung bei erhöhten Temperaturen die
in der Zulassung festgelegten Viruskon­
Tab. 4  Von einem Kontrolllabor bei einem Masern-Mumps-Röteln-Varizellen (MMRV)-Le- zentrationen nicht unterschreiten.
bendvirusimpfstoff durchzuführende Prüfungen Die experimentelle Prüfung von Le­
Impfstoff Visuelle Kontrolle des Pulvers vor Auflösen und nach Rekonstitution mit bendvirusimpfstoffen ist grundsätzlich
dem Lösungsmittel
zeit- und arbeitsintensiv, da virusspezifi­
Masernkomponente Bestimmung der Masernviruskonzentration
sche zytopathogene Effekte erst nach 1 bis
Identität des verwendeten Masernvirusstamms 2 Wochen in Zellkulturen nachgewiesen
Thermostabilität (Viruskonzentration nach 1 Woche Lagerung bei 37 °C) werden können. Weiterhin muss darauf
Mumpskomponente Bestimmung der Mumpsviruskonzentration geachtet werden, dass alle Arbeiten unter
Identität des verwendeten Mumpsvirusstamms sterilen Bedingungen durchgeführt wer­
Thermostabilität (Viruskonzentration nach 1 Woche Lagerung bei 37 °C) den, um Kontaminationen der Zellkultu­
Rötelnkomponente Bestimmung der Rötelnviruskonzentration ren vor und während der Testdurchfüh­
Identität des verwendeten Rötelnvirusstamms rung zu verhindern, da diese eine Auswer­
Thermostabilität (Viruskonzentration nach 1 Woche Lagerung bei 37 °C) tung unmöglich machen würden.
Varizellenkomponente Bestimmung der Varizellenviruskonzentration
Identität des verwendeten Varizellenvirusstamms Fazit
Thermostabilität (Viruskonzentration nach 1 Woche Lagerung bei 23 °C)
Impfstoffe sind hochkomplexe biologi-
sche Arzneimittel, die ausschließlich zur
schwächte Erreger für diese Infektions­ Bestimmung der Konzentration der ver­ Prävention von Infektionserkrankungen
krankheiten enthält, wird exemplarisch schiedenen Viruskomponenten und den und nicht – wie andere Arzneimittel –
die experimentelle Prüfung von Lebend­ Nachweis der Identität der verschiede­ zur Therapie einer bestehenden Erkran-
virusimpfstoffen dargestellt. Masern- nen Impfvirusstämme. Die Viruskonzen­ kung eingesetzt werden. Da Impfstof-
Mumps-Röteln-Varizellen (MMRV)-Le­ tration wird über die Zahl der infektiösen fe im Rahmen des nationalen Impfpro-
bendvirusimpfstoffe bestehen aus einem Einheiten in unterschiedlichen Zellkultu­ gramms insbesondere bei Säuglingen
gefriergetrockneten Pulver und einem Lö­ ren ermittelt. Für die Masern-, Mumps- und Kleinkindern breit angewendet wer-
sungsmittel. Vor Verabreichung müssen und Rötelnkomponente wird die Virus­ den, kommt der Sicherstellung der Qua-
sie aufgelöst und innerhalb weniger Stun­ konzentration über eine Endpunkttitra­ lität einer jeden Charge eine besonde-
den verimpft werden. Wie die meisten Le­ tion bestimmt, d. h., es wird die Konzen­ re Bedeutung zu. Die Überwachung von
bendvirusimpfstoffe unterliegen sie der tration ermittelt, bei der bei 50 % der in­ Impfstoffen durch offizielle Kontrolllabo-
Kühlkettenpflicht, d. h., sie müssen kons­ fizierten Zellkulturen ein zytopathogener re wie dem PEI stellt eine unabhängige
tant bei 2–8 °C transportiert und gelagert Effekt nachweisbar ist. Zur Bestimmung Prüfung dar. Sie trägt dazu bei, dass qua-
werden, da ihre Wirksamkeit bei höheren der Konzentration einer Viruskomponen­ litativ hochwertige, wirksame und siche-
Temperaturen beeinträchtigt wird. te wird die Vermehrung der jeweils ande­ re Impfstoffe vermarktet werden. Die ge-
.   Tab.  4 zeigt die vollständige Liste ren Viruskomponenten über die Zuga­ legentliche Identifizierung nicht-zulas-
der von einem Kontrolllabor bei MMRV- be spezifischer Antiseren blockiert. Die sungskonformer Chargen durch staatli-
Impfstoffen durchzuführenden experi­ Konzentration der Varizellenkomponen­ che Kontrolllabore bestätigt dies.
mentellen Prüfungen. Die experimen­ te wird durch einen Plaquetest bestimmt.
telle Prüfung erfolgt parallel an mehre­ Hier wird die Anzahl der infektiösen Ein­
ren Behältnissen und umfasst neben der heiten nach Inkubation mit spezifischen
Beurteilung des Impfstoffaussehens, die Antikörpern und anschließender Immun­

Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 10 · 2014  | 1191


Leitthema

Korrespondenzadresse
H. Meyer
Paul-Ehrlich-Institut
Bundesinstitut für Impfstoffe und
biomedizinische Arzneimittel
Paul-Ehrlich-Straße 51–59, 63225 Langen
Heidi.Meyer@pei.de

Einhaltung ethischer Richtlinien


Interessenkonflikt.  A. Merkle, H. Lechner, V. Öp-
pling und H. Meyer geben an, dass kein Interessen-
konflikt besteht.

Literatur
1. Fenner F, Henderson DA, Arita I, Jezek Z, Ladnyi ID
(1988) Smallpox and its eradication. World Health
Organisation, Geneva
2. http://online.pheur.org/EN/entry.htm. Zugegrif-
fen: 2. Sept. 2014
3. http://www.ema.europa.eu/ema/index.
jsp?curl=pages/regulation/general/general_con-
tent_000082.jsp&mid=WC0b01ac0580027547.
Zugegriffen: 2. Sept. 2014
4. http://www.who.int/biologicals/publications/trs/
areas/en/. Zugegriffen: 2. Sept. 2014
5. http://www.ich.org/products/guidelines/quali-
ty/article/quality-guidelines.html. Zugegriffen:
2. Sept. 2014
6. http://www.edqm.eu/en/Human-OCABR-Guideli-
nes-1530.html. Zugegriffen: 2. Sept. 2014

1192 |  Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz 10 · 2014