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Die grosse Welle und das Ende der Gewalt; Die Tsunami-Katastrophe vor

zehn Jahren trifft Aceh besonders hart - sie bringt der indonesischen
Provinz aber auch Frieden
Neue Zürcher Zeitung (Internationale Ausgabe) & NZZ am Sonntag
18. Dezember 2014 Donnerstag

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Section: INTERNATIONAL; Zehn Jahre nach dem Tsunami; S. 6


Length: 1534 words
Byline: Rist M.
Highlight: Vor dem Tsunami 2004 herrscht in Aceh Bürgerkrieg. Die Rebellen kämpfen mit Gewalt für einen
eigenen Staat - unzählige Friedensgespräche mit Jakarta scheitern. Erst die Katastrophe löst
Kompromissbereitschaft aus.

Body

Als vor zehn Jahren vor der Nordspitze Sumatras die Erde heftig bebte, ahnte niemand, dass dies der Vorbote
einer viel grösseren Katastrophe war. Es dauerte nur wenige Minuten, bis die von den tektonischen
Verschiebungen ausgelösten Monsterwellen die Küsten der indonesischen Provinz Aceh erreichten und 130 000
Menschen in den Tod rissen. Etwa eine halbe Million Personen wurden verletzt; 35 000 Opfer sind nie gefunden
worden. Zu den ersten Todesopfern gehörte Cut Nur Asikin. Die 51-jährige Aktivistin wurde im Gefängnis von
Lhoknga, wo sie eine Haftstrafe wegen Landesverrats verbüsste, von einbrechenden Gefängnismauern erschlagen.
Auch von den anderen 150 Insassen, die meisten ebenfalls Angehörige der Rebellenbewegung Gerakan Aceh
Merdaka (GAM), überlebte niemand.

«Balkon nach Mekka»

«Lang lebe Aceh, Allah zerstöre Indonesien!», hatte Cut Nur anlässlich ihrer Verurteilung wenige Monate vor
jenem Schicksalstag im Gerichtssaal gerufen. Nach der Katastrophe am zweiten Weihnachtstag sah es jedoch eher
danach aus, als ob der Allmächtige nicht Indonesien, sondern die streng muslimische Provinz am westlichen Zipfel
des Archipels zerstören wollte. Die Wassermassen, die sich bei Lhoknga 2,5 Kilometer tief ins Innere des Landes
ergossen, rissen fast alles mit. Ein Gedenkstein mit der Nummer 71 markiert den Wasserstand von damals mit 2,5
Metern. Als die Flutwellen sich an der Küste verlangsamten und aufbäumten, müssen sie gemäss Berechnungen
eine Höhe von 15 bis 20 Metern erreicht haben.

Die Provinz Aceh war damals weitgehend abgeriegelt und der Aussenwelt am ehesten wegen eines seit
Jahrzehnten tobenden Bürgerkriegs ein Begriff; allenfalls noch wegen der Erdölförderung. Muslime sprachen vom
«Balkon nach Mekka», Historiker vom Ausgangspunkt der Islamisierung Südostasiens im 14. Jahrhundert durch
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arabische Händler. Aus der Optik von Menschenrechtsorganisationen war Aceh wegen des Kriegs zwischen
Rebellen und der indonesischen Armee Notstandsgebiet.

Wer heute von Banda Aceh aus nach Lhogkna und von dort der Westküste entlang Richtung Calang fährt, macht
kaum noch Spuren der Tsunami-Katastrophe aus. Die frühere Todeszone, wo sich der Verwesungsgeruch
wochenlang hielt, ist wieder besiedelt. Am Strand sind Guesthouses entstanden. Die Zementfabrik, bereits früher
die einzige grössere Industriefirma weit und breit, hat ihren Betrieb wiederaufgenommen. Die Vegetation präsentiert
sich sattgrün. Jedes Dörfchen hat wieder seine Moschee. Am Strassenrand werden derweil getrocknete Fische
feilgeboten, und an den Imbissständen wird den Nudelsuppen wie selbstverständlich eine Prise Marihuana
beigemischt.

Der auffallendste Unterschied zu damals ist der «American Highway». Die von der amerikanischen Agency for
International Development (USAID) projektierte und finanzierte Strasse ist 2009 fertiggestellt worden. Die 150
Kilometer lange Verbindung stellt sicher, dass das seinerzeit durch den Tsunami abgeschnittene Küstengebiet und
das Hinterland wieder Anschluss an die Provinzhauptstadt Banda Aceh haben. Die drei Super Pumas der
Schweizer Armee, die im Januar 2005 in Aceh im Einsatz standen, flogen ihre Transportaufträge vor allem entlang
dieser zerstörten Westküste.

Die alte Strasse sowie unzählige Flussbrücken sind durch die Naturgewalten vor zehn Jahren weggerissen worden.
Der Witterung ausgesetzt, tritt der grobe Asphaltbelag noch sporadisch aus Buschwerk hervor - wie ein
verwahrlostes Mahnmal. Desgleichen obsolet wirken heute jene aus den Wassern ragenden Beton-Brückenpfeiler.
Optisch hat die Zeitenwende stattgefunden: Wir befinden uns im Jahr zehn nach der Sintflut.

Geplatzte Träume

Wie leicht geht da vergessen, dass die Bewohner dieser Gegend vor zehn Jahren aus anderem Grund in Angst
lebten: 29 Jahre lang schwelte in Aceh ein Guerillakrieg, der etwa 20 000 Menschen das Leben kostete, in der
Zivilbevölkerung tiefe Narben hinterlassen und fast jede wirtschaftliche Entwicklung erstickt hat. Seit Ende der
achtziger Jahre stand Aceh fast permanent unter Kriegsrecht. Die indonesische Armee konnte in der
rohstoffreichen Provinz neben dem Kriegshandwerk auch ihren Wirtschaftsinteressen nachgehen und diese
praktisch uneingeschränkt verfolgen.

Noch 2003 hatten etwa 50 000 Soldaten zu einem Schlag gegen die GAM ausgeholt. Die Rebellenarmee zählte
damals nur etwa 5000 Bewaffnete, konnte aber auf den Rückhalt in der Bevölkerung zählen. Die GAM hatte drei
Forderungen und ein Hauptziel: Abzug der Militärs, Stationierung internationaler Beobachter und Selbstbestimmung
der Acehnesen. De facto wollte man weg von Indonesien und einen eigenen Staat muslimischer Prägung gründen.
Es war letztlich eine Illusion und ein hoffnungsloser Sezessionskrieg. Der Krieg gegen eine übermächtige Armee,
die in der Niederschlagung von Separatisten geübt war, konnte nie gewonnen werden. Für Jakarta stand eine
Abspaltung Acehs nie zur Diskussion. 1999, inmitten der Asienkrise und ein Jahr nach dem Sturz Suhartos, hatte
man auf internationalen Druck hin schon die portugiesische Kolonie Osttimor preisgegeben. Diese war 1975 von
der indonesischen Armee zwar unrechtmässig besetzt worden; aber das nationalistische indonesische Regime
hatte Osttimor stets als Teil des eigenen Archipels verstanden. Auch noch Aceh ziehen zu lassen, war in Jakarta
nicht vorstellbar: nicht für die damalige Präsidentin Megawati Sukarnoputri, die Tochter des Staatsgründers
Sukarno, und auch nicht für ihren Nachfolger, den ehemaligen General Susilo Bambang Yudhoyono, der sein Amt
2004 gerade angetreten hatte. Und erst recht nicht für das indonesische Militär, das nach dem Rücktritt Suhartos
seinen politischen Einfluss in Jakarta und seine Ehre in Osttimor eingebüsst hatte.

Auch im Ausland rief der Gedanke an ein selbständigeres Aceh Unbehagen hervor. Die USA hatten nach den
Anschlägen von 2001 zum Kampf gegen den Terror aufgerufen. Eine abtrünnige Provinz, die sich der Scharia
verpflichtet fühlte und - so die Wahrnehmung damals - islamischen Extremisten allenfalls als Zufluchtsort dienen
könnte, passte schlecht zum Zeitgeist.

Es war denn auch der Kampf gegen den islamistischen Terror, der Washington 2002 veranlasste,
Menschenrechtsgrundsätze in den Hintergrund zu rücken und - ungeachtet der Massaker in Osttimor - wieder eine
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hart - sie bringt der indonesischen Provinz aber auch Fr....

engere Zusammenarbeit mit den berüchtigten indonesischen Streitkräften zu suchen. Das Bali-Attentat im Oktober
2002 machte Amerika und Indonesien endgültig wieder zu Waffenbrüdern. Nicht in Aceh zwar, aber grundsätzlich.
Es waren schlechte Zeiten für Träume von einem fundamental-islamischen Staat an der Strasse von Malakka.

Vom Desaster zur Besinnung

Ob es der Tsunami vom 26. Dezember 2004 war, der das Ende der Kämpfe in Aceh bedeutete, oder ob die
Provinz auch ohne die Zerstörungen zur Ruhe gekommen wäre, bleibt eine offene Frage. Verhandlungen gab es
immer wieder, unter anderem am Genfersee durch Vermittlung des Henry Dunant Centre (HDC). Sie zogen
schrittweise Ausweitungen der Autonomie nach sich, etwa 1999 und 2001, wurden aber regelmässig wieder durch
Gewalt auf beiden Seiten ad absurdum geführt. Noch im Mai 2003 liess Indonesien beispielsweise GAM-
Unterhändler in die Falle tappen und verhaftete diese vor dem Abflug nach Tokio, wo sie an Friedensgesprächen
hätten teilnehmen sollen.

Erst in Anbetracht des Leids, das der Tsunami nach sich zog, rauften sich beide Seiten dank der Vermittlung des
früheren finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari zu einem Friedensabkommen zusammen. Das entsprechenden
Memorandum wurde am 15. August 2005 von der GAM-Führung und von der indonesischen Regierung
unterzeichnet. Darin verzichtete die GAM auf die Forderung nach staatlicher Unabhängigkeit Acehs, begnügte sich
mit dem Begriff «self-determination» und stimmte der Entwaffnung ihrer Rebellen zu. Im Gegenzug zog Indonesien
seine Truppen ab und gewährte der Provinz eine Sonderstellung mit weitreichender Autonomie.

Zu Letzterem gehört insbesondere, dass Aceh 70 Prozent der Einnahmen aus lokal gefördertem Erdgas
zugestanden wurden; 30 Prozent fliessen an die Zentralregierung. In Indonesien gilt sonst genau die umgekehrte
Relation. Über kulturelle und religiöse Belange konnte Aceh zudem fortan selbst bestimmen; eine eigene Flagge
und eine Hymne symbolisieren noch die Überreste des Traums von der Eigenstaatlichkeit. Der damalige
Chefunterhändler der GAM, Malik Mahmud, übt jetzt als «Wali Naggroe» ein präsidiales Amt aus, das sich auf
kulturelle und symbolische Aspekte konzentriert; er trägt heute den Titel eines Sultans.

Der Tsunami als Friedensstifter - oder doch späte politische Vernunft? Die Verdienste Athisaaris, der 2008 mit dem
Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, sind unbestritten. Für Michael Vatikiotis, den Asien-Direktor des Centre
for Humanitarian Dialogue, waren es aber auch die Naturgewalten, die den Anstoss für einen Neustart der
Verhandlungen gaben. Vor dem Tsunami lehnte Jakarta jede internationale Einmischung ab. Aus der Sicht der
GAM-Führung war Indonesien die neue Kolonialmacht, die in die Fussstapfen der Niederländer getreten war.
Schlüssig war diese Sicht der Dinge zwar nie. Sie passte aber zur Legendenbildung der GAM-Führung. Erst der
Tsunami löste auf beiden Seiten Kompromissbereitschaft aus.

Manfred Rist, Banda Aceh

Load-Date: January 15, 2015

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