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Rezension von

Josef Lössl, Julian von Aeclanum. Studien zu seinem Leben, seinem Werk, seiner Lehre
und ihrer Überlieferung, Leiden-Boston-Köln 2001 (Vigiliae Christianae Supplements 60),
XVI + 406 S.

„Julian ist der begabteste und konsequenteste Vorkämpfer, der ,Systematiker’ des
Pelagianismus gewesen.“ Die Klassifizierung als „Pelagianer“, wie sie in dieser klassischen
Feststellung Gottlieb Bonwetschs von 1901 zum Ausdruck kommt, prägt bis heute das Bild
des Julian von Aeclanum und sorgte nicht nur im 5. Jh. für Julians Verbannung aus
Aeclanum, sondern auch für die Verbannung seiner Theologie in die kleingedruckten
Exkurse zu altkirchlichen Häresien in den einschlägigen kirchengeschichtlichen
Lehrbüchern. Bereits Bonwetschs Einschätzung als „begabt und konsequent“ zeigt jedoch,
daß Julian zumindest die letztere Verbannung nie verdient hatte: Er ist tatsächlich ein
ausgesprochen origineller und lesenswerter antiker Autor - soweit wir das wissen, denn
seine Verurteilung sorgte dafür, daß Julians Werke nur fragmentarisch oder unter anderem
Namen überlebt haben. Über solchermaßen kompliziert überlieferte Schriften läßt sich
freilich trefflich forschen und streiten, und so hat die Wissenschaft des vergangenen
Jahrhunderts zahlreiche Schriften als julianisch entdeckt, identifiziert und manche wieder
verworfen. Das gängige Julianbild veränderte sich dementsprechend von dem eines
säkularistischen Aufklärers (Bruckner, Harnack) über das eines versierten „antiocheni-
schen“ Exegeten (nach einigen aufsehenerregenden Entdeckungen von Julians exegetischen
Schriften) zu dem eines stoischen Aristotelisten (Thonnard) und christlichen Humanisten
(Brown). Der boomenden Forschungsliteratur zu Julian (40 kleingedruckte
Bibliographieseiten im vorliegenden Band) fügt Josef Lössl mit seiner Münsteraner
Habilitationsschrift nun ein weiteres gewichtiges (Standard-)Werk hinzu, an dem man als
Julianforscher ab sofort nicht mehr vorbeikommen wird. Es wird sicher in den Fach-
bibliotheken die einschlägige Monographie Bruckners endgültig ablösen. „Leider“, ist man
beinahe geneigt zu sagen, denn was hier in über 400 Seiten und 1500 gewichtigen Fußnoten
ausgebreitet wird, ist heutige deutsch-akademische Arbeit in reiner Form: Aus einer
exzellenten Quellenarbeit und - soweit ich sehen kann - vollständigen und ausgewogenen
Berücksichtigung der Sekundärliteratur ergibt sich eine nur mit einer gewissen Anstrengung
lesbare Sammlung von wenig zusammenhängenden „Studien“, die so ziemlich alles ab-
decken und vorsichtig erwägen, was es zu Julian zu wissen und zu erörtern gibt.

Unverständlich ist, warum die zu Beginn des Buches gelisteten „Korrekturen und Ergänzungen“ - im
Zeitalter der elektronischen Textverarbeitung!- nicht mehr in den Text eingearbeitet wurden. Sie sind
vermutlich größtenteils Ergebnis einer - inzwischen leider selten gewordenen - kritischen Lektorierung
durch das Haus Brill, das in diesem Fall jedoch ruhig auf einer Überarbeitung durch den Autor hätte
bestehen dürfen.
Die umstrittenen Fragen des Geburtsortes etwa oder die Zuweisung einzelner Quellentexte
zu Julian werden hier ausführlich und auf dem neuesten Stand der Wissenschaft erörtert;
zahlreiche exegetische Fragmente werden exemplarisch ediert und kommentiert. Auch
wenn sich mancher bei der Lektüre in die Zeiten Harnacks oder Campenhausens
zurückwünscht (an deren literarische Genialität aber kein academicus wohl heute wirklich
herankommen kann, alleine weil es die zahlreichen Forschungen der Kollegen angemessen
zu berücksichtigen und zu zitieren gilt): Spannende Entdeckungen lassen sich in diesem
Buch zahlreiche machen.
Vor allem gelingt es dem - ursprünglich als Augustinforscher ausgewiesenen -
Verfasser, Julian als eigenständigen repertor zu porträtieren, der nicht mehr auf den
pelagianischen responsor Augustins reduziert werden darf. Viele ethische und exegetische
Gedanken formte Julian ganz unabhängig von Augustin. Tatsächlich gab es, so lehrt uns
dieses Buch, zur Zeit des Augustinus im Westen mit Julian noch einen anderen Theologen
von Rang, der in Exegese und Theologie ganz verschiedene Ansätze verfolgte, dessen
Schriften jedoch häufig nur über Augustin und damit durch seine Brille überliefert worden
sind. Julian ist auch nicht einfach der ,Systematiker’ des Pelagius, auch wenn er sich zeit
seines Lebens für die Neuverhandlung des Prozesses von 418 einsetzte. So werden in
diesem Buch wirklich aufregende Verbindungslinien nicht nur innerhalb der westlichen
Theologenelite deutlich (Julian-Paulinus von Nola-Rufin-Augustin), sondern auch
zwischen Osten und Westen. Offenbar kannte Julian nicht nur die Exegese des Theodor von
Mopsuestia, sondern schöpfte auch aus der so anderen origenistischen Exegese und kommt
damit insbesondere in der Paulusexegese zu ganz neuen - und von der Augustinkontroverse
zunächst einmal unabhängigen - exegetischen Einsichten, ohne deren Berücksichtigung
seine Gnadenlehre ab sofort nicht mehr betrachtet werden sollte.
Ulrich Volp