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Mythen und alte Volkssagen aus Brasilien. II. Tiersagen.

(Fortsetzung)
Author(s): Carl Teschauer
Source: Anthropos, Bd. 1, H. 2. (1906), pp. 185-193
Published by: Anthropos Institut
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/40442120
Accessed: 03-01-2016 03:35 UTC

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undalteVolkssagenaus Brasilien.
Mythen
Von P. Carl Teschauer, S. J.f
PortoAlegre,Estado do Rio Grandodo Sul, Brasilien.

(Fortsetzung.)

II. Tiersagen.

Ohne uns auf Systemeeinzulassen,welchewohl alle ihrer


Begründung entbehren, wie jenes von D. Angelo de Gubernatis,
demzufolge alle älterenVolkssagenund speziell die Tiersagensich
von den Vedas (!) ableiten und symbolischeErklärungenjener
astronomischen Erscheinungensein sollen, welche auf die Ur-
menschheit am meistenEindruckgemachthaben,geben wirdiese
kleine Sammlung von Tiersagen in ihrer schlichtenEinfachheit
wieder,um darzutun,welchesdas Gedankenreich jenerUrbewohner
von Brasiliengewesen ist.
Die erste Reihe dieser Tierfabeln,deren wörtlicheÜber-
setzungwir hierwiedergeben, sind aus derPorandubaBarboza's
entnommen, der sie direktvon den LippenjenerIndianerim Innern
von Brasiliengesammelt,die mit der Zivilisationnoch nichtin
engereBerührunggekommensind; sie müssensomitals originelle
Produktederselbenbetrachtet werden. Sie sind meist Fabeln,
denen eine ausgesprochene Moral nichtangehängtist, wohl aber
geben sie die Eigenschaften der Tiere genau an, auch solche,die
nurvon scharfenBeobachternder Natur,wie die Indianeres sind,
erfaßtwerden.Dr. Barboza leugnet,daß diese Tiersagenüberhaupt
eineMoralin sichbergen,und istderMeinung,daß dieselbennurin-
struktiverNatur seien und den Zweck verfolgen,den Kindern
die Eigenschaften der Tiere besser einzuprägen. Dieser Zweck,
sollte es der einzige sein, würde allerdings durch diese
Fabeln vollständigerreicht; jedoch scheint der andere Zweck
der moralischenBelehrungnicht ausgeschlossengewesenzu sein.

«) Poranduba S. 143.

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Und wenn Barboza mit Rechtdiese Fabeln als einen Beweis der
Intelligenzund fruchtbaren Phantasie der Ureinwohner Brasiliens
betrachtet,so möchte eine stillschweigendeingeschlosseneMoral
noch besser diesenBeweis liefern,zumalwennsie so aufderHand
liegt,daß Barboza selbst sie zugestehenmuß.

1. Der Maguary und der Unnamby (Kolibri).

Der Maguary ist ein Großschnäbler (Ardea maguaryGmel)


vonlangsamem,schwerfälligem Fluge, währendderKolibrifastmit
Kugelgeschwindigkeit seine Bewegungenausführt.Folgendes ist
der Wortlautder Fabel, die vom Rio Negro stammt.
„Sie erzählen,daß derBlumenküsser Namefür
(brasilianischer
Kolibri)den Maguary besuchte. „Höre,mein wir
Schwager, wollen
eine Wetteeingehen."„Gut.Hast du auch Kraftzum Fliegen?*„Ich
habe Kraft.tt „Wirwollensehen." frühe."
„Wann?" „Übermorgen
„Gut. Icherwartedich." Frühmorgens kamdannderBlumenküsser
und ging zum Maguary.- „Nun,meinSchwager,was sagstdu?"
„Alles beim alten." „Wirgehengleich." Man sagt, daß dann der
Maguaryden Kolibrifragte: „Wergeht zuerst?" „Gehe nur,ich
kommenach." Der Kolibriflogfortund verschwand.Daraufging
auch der Maguary. Der Kolibri war noch nichtin die Mittedes
Flusses gelangt,als er schon ermüdete,fiel und auf dem Wasser
trieb.Bald daraufkamauch derMaguaryan. - „O, meinSchwager,
was sagst du?" „Nichtsneues; ich bin müde geworden." „Hast
du's gesehen?"„Ach,meinSchwagerlaß michdeinRuderanfassen."
„Meinetwegen.Dann kommheraufauf meineBeine." Dann flog
der Kolibri auf die Beine des Maguary. „Nun, so wollen wir
weiter,mein Schwager."Man sagt, daß sie weiterflogenund bei
Sonnenuntergang am andernUfer des Flusses anlangten."
Der MaguarystrecktbeimFliegendie langenBeine horizontal
aus und bedient sich derselbenals Steuerruder,Die Breite des
Flusses, den zu übersetzenman einen Tag braucht,hat zum
Zwecke, zu zeigen, wie lange der Maguary fliegenkann, ohne
auszuruhen ; und als Moralvon der GeschichteziehtselbstBarboza
(Poranduba S. 163) die folgende: de vagar se vai longe= „Eile
mit Weile" und quem corre, depressa cança = „Wer läuft,er-
müdetschnell."

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2. Der Maguary und der Schlaf.

Nichtwenigerinteressant ist unserMaguaryin dieserFabel.


Bei Tag und bei Nacht ruhter auf den Bäumen an den Fluss-
ufern,kannabernie zum Schlafenkommen. Kaum hater etwaszu
nickenbegonnen,fliegter auf wie aufgeschreckt. Nur füreinige
Augenblickegelingt es ihm zu schlafen, wenn er den langen
Schnabel auf den Rückenlegt,deraberimmergleichwiederdurch
sein Gewicht herabgleitet.Diese Fabel wurdeam Rio Branco
angetroffen.
„Man erzählt,daß der Maguaryden Schlaftötenwollteund
ihn auf einemAste erwartete. „Ich will diesenSchlaftöten; jetzt
will ich wachen, um ihn zu töten." Er wartete. Er ließ nicht
lange auf sichwarten. Er sah eine Gestaltkommen. „Das scheint
derSchlafzu sein, der da kommt." Man sagt, daß, als die Gestalt
schon nahe war und der Schlaf ganz nahe war, er nickte und
plötzlichaufflogund schrie: „Kuá, Kuá, Kuá!" Und derMaguary
flog davon. - „Nun, siehe mein Herz, ich wußtees nicht,als
ich nickte,aber jetzt will ich ihn wiedererwarten.u Er wartete.
Da sah er wiederin seinerNähe eine dunkleGestalt,die sichihm
näherte.- „Hierkommter, jetztwillich ihnmitmeinemSchnabel
er
spießen." Schon kamer ganz nahe, als ernickte;plötzlichöffnete
die Augen, erschrack und flogdavon, indemer schrie: „Kuá, Kuá,
Kuá!" So geht es jede Nacht,seit undenklichen Zeiten."

3. Der Tamurupará und die Japins.

Diese Vögel werdenin derPoranduba(S. 199) auf folgende


Weise gekennzeichnet.Der Tamurupará(Monassa nigrifrons)ist
ganz schwarz und hat einen blutrotenSchnabel. Die Japins
(Cassinis hemorrhoas)ahmenalle Vögel nach, mitAusnahmedes
ersteren. Wenn die Japinsin Scharendurchdie Lüftesegelnund
den Tamuruparáhören, so lenken sie sogleich nach untenund
lassen sich auf den Boden fallenaus Furchtvorihm,wie Barboza
versichert,selbstbeobachtetzu haben.
„Man erzählt,daß ehemals die Japins sehr mutigwaren,
besondersaberüberden Tukano
daß sie über alle Vögel spotteten,
nur
(Pfefferfraß); den Tamurupará sie. Man sagt, daß
respektierten
der Tukano zum Tamuruparágesagt: „Die Japinsspottensehr
über die anderen,besondersüber mich. Sie ahmen auch deinen

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Gesang nach." „Wennich sie meinenGesang nachahmenhören


hörtedarauf
sollte,Tukano, werdeich sie töten." Der Tamurupará
die Japins ihn nachahmen. Er töteteihrenGroßvaterund sagte
zu den Jungen: „Schauther auf meinenSchnabel. Das ist Blut
von euremGroßvaterund von euremVater,den ich auch tötete."

4. Die Yurupichuna (Schwarzmäuler, eine Affenart).

„Die Schwarzmäulerschlafenaufeinandergekauertauf den


BlätternderJuary-Palme.In Gewitter-und.Regennächten wimmern
und schreiendie Jungenvor Kälte. So geht es auch den Mutter-
affen. Die Altensagen dann: „MorgenmachenwirunserHaus.*
Ein andererantwortet:„Ja,morgen." Wenn es wiederMorgen
wird, sagen sie: „Wollen wir unser Haus bauen?" Der Eine
antwortet: „Ich will erst noch ein Bißchen essen." Andere
antworten: „Ich auch." Anderesagen: „Ich auch." Alle gehen
fortund denken nichtmehrdaran, das Haus zu bauen. Wenn
aber des Nachts der Regen wiederkehrt, dann denkensie daran
und sagen: „WirmüssenunserHaus bauen." Eines Tages werden
sie Häuser bauen. So machenes auch die Menschen."
Aus dieser Fabel hat sich noch ein indianischesSprichwort
gebildet: „So sagen die Äffchen;" wennman nämlichetwasver-
spricht,was man nichtausführenwill oder kann. Barboza selbst
zieht wieder die Moral, die übrigensam Ende der Fabel aus-
gesprochenist: Só se lembrãode Santa Barbara,quando ronca
trovoada.

5. Die Schildkröten-Fabeln.

Es ist das VerdienstDr. Magalhães', zuerst diese „Jabuii-


Mythen" gesammeltund verglichenzu haben. In fortwährender
Berührungmit den WildenBrasiliens in seinerEigenschaftals
Präsidentverschiedener ProvinzenBrasiliens wie von Amazonas,
Pará und anderen,konnteer dieselbenaus demMunde derEinge-
borenen vernehmenund miteinander vergleichen.Er ist zu dem
Resultate
gelangt,daß dieselbenin ganz Brasilienbis nachParaguay
hinein im Munde der Eingeborenenfortleben.Vertrautmit ihrer
Sprache,ihrenGebräuchen undder Kunst,ihnenihreErzählungen zu

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entlocken,1)wie kaum ein anderer, verdienter fürseine Sammlung


allen Glauben.2) In diesen Legenden wiederholtsich immerwieder
der Gedanke der Überlegenheit des Geistes über die rohe Kraft.
Denn der Jabuti (Schildkröte) ist ein schwaches, langsames Tier,
besiegt aber die stärkstendurch seine Schlauheit. Magalhães be-
trachtetdiese Erzählungen einfachhinals Fabeln, die eine moralische
Anwendung beabsichtigen. Er veröffentlichtedieselben in dem
„O Selvagem" 3) in der Tupi-Sprache, begleitet von einer portu-
giesischen Übersetzung, die wir wörtlich wiedergeben; jedoch
bringen wir nur eine Auswahl derselben.

a) Der Jabuti und der Hirsch.

Der Inhalt ist kurz folgender. Der Hirsch hatte mit dem
Jabutigewettet,denselben im Laufe zu überholen. Dieser verteilte
längs des Weges andere Jabutis derart, daß, wenn sie liefen und
der Hirsch nach dem Jabuti rief, immer einer von deneq, die auf-
gestellt waren, weiter vorwärts antwortete. Magalhães fügt hinzu,
hierin sei der Grundsatz ausgesprochen, daß die Klugheit mehr
wert ist als Kraft. Freilich, meint er, ist die Anschauung keine
christliche.
Ein kleiner Jabuti wollte seine Verwandten besuchen und
begegnete einem Hirsch. Der Hirsch fragte ihn: „Wohin gehst
du?a Jabuti antwortete: „Ich gehe meine Verwandten einladen,
damit sie meine große Jagdbeute,die ich machte, den Tapir, holen.14
Der Hirsch sprach so: „Du hast also einen Tapir getötet? Gehe,
rufe alle deine Leute; ich bleibe hier, um sie alle zu sehen." Der
Jabuti antworteteaber so: „Dann gehe ich nicht; ich will wieder
zurückkommen,wenn der Tapir verfaultist, um aus einem seiner
Knochen eine Flöte zu machen.4) Es ist gut, Hirsch ich gehe."

]) Es ist eine der schwierigstenAufgaben,den Indianerzum Erzählenzu


bestimmen.Weder Überredungnoch Geschenkesind oft im Stande,wie ich
es selbst in Nonohay(RioGrandedo Sul) erfahren habe, ihnzu dem zu bewegen,
was er dem Fremdengegenüberals Profanation betrachtet.
2) Dr. C. F. Harttbenütztedieselbe in: The AmazonianTortoise mythes.
3) Rio de Janeiro1876.
4) Den Schienbeinknochen des Feindes auszunehmenund daraus eine
Flöte machen,war unterden Wildendie Pflichteines tapferenKriegers.

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Der Hirschsprachso: „Du hast den Tapir getötet,jetztwill ich


sehen, ob du mit mir um die Wette laufenkannst44Der Jabuti
antwortete:„Dann erwartemich hier; ich gehe, denWeg zu sehen,
den ich zu laufenhabe/ Der Hirschsagte: „Wenn du auf der
anderenSeite läufstund ich rufe,dannantwortest du." Der Hirsch
sprachzu ihm: „Jetztgehe und eile dich, ich will deine Tüchtig-
keitsehen." Jabutisprach so: „Wartenoch ein wenig,lasse mich
auf die andereSeite gehen." Er ging dorthinund riefalle seine
Verwandten;erstelltesie alle längs des Ufersdes kleinenFlusses
auf, um dem dummenHirsch zu antworten.Dann sprach er so:
„Hirsch,bist du bereit?" Der Hirschantwortete:„Ich bin bereit."
Der Jabuti fragte: „Wer läuft zuerst?" Der Hirsch lachte und
sprach: „ElenderJabuti,du läufstzuerst." Der Jabutilief nicht,
täuschteden Hirschund blieb am Ende derLaufbahn. Der Hirsch
war sehr zuversichtlich, da er sich auf seine Beine verließ. Der
Verwandte Jabuti demHirschzu. Der Hirschantwortete
des rief von
hinten: „Hiergehe ich, elende Schildkröte, aus demWalde." Der
Hirschlief, lief, lief, daraufschrieer: „Jabuti!" Der Verwandte
des Jabutiantwortete immervor ihm. Der Hirschsagte: „Siehe,
ich gehe, Elender." Der Hirschlief,lief,lief und schrie „Jabuti!"
Der Jabutiantwortete immervor ihm. Der Hirschsagte: „Ich will
erstWasser trinken." Da aber schwieg der Hirsch. Der Jabuti
rief,rief,rief. Niemand antwortete ihm. Dann sagte er: „Es ist
möglich, daß jener Elende schon gestorbenist; laßt mich ihn erst
noch sehen." Der Jabutisagte so zu seinen Verwandten:„Ich
gehe langsam, um ihn zu sehen." Als der Jabutivom Flußufer
wegging,sagte er: „Ich bin nichteinmalgeschwitzt." Der Hirsch
aberantwortete ihmnicht. Als die Begleiterdes Jabutiden Hirsch
sahen, sagten sie: „Wirklich, er ist schon tot." Der Jabutisagte:
„Wirwollenihm den Knochenherausziehen." Die übrigenfragten:
„Warumwillstdu das?" Jabutiantwortete:„Damit ich jederzeit
daraufflötenkann. Jetztgehe ich fortvon hier bis auf einen
anderenTag."

b) Der Jabuti und der Jaguar.


Jabutibefindetsich auf einem Baume, von wo er nieh
heruntersteigenkann. Da kommt ein hungrigerJaguar. Die
Lage war für den Jabutisehr kritisch. Der Jaguar sagt dem
Jabuti,er möge heruntersteigen
; er siehtein,wenner sich weigerì,

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daß der Jaguar hinaufspringenund ihn ergreifen würde.Des-


halb bitteter den Jaguar, daß er ihn mit dem Rachen auffangen
möge, woraufder Jaguargern einging. Stattjedoch ihm in den
Rachenzu springen,stürzter sich auf die Schnauze des Jaguars
und tötetihn so. Ein großerJabuti hat das Gewichtvon 4 kg,
und von einerbedeutendenHöhe konnteer durch seinen Sturz
den Jaguartöten. Der Gedanke der Fabel ist nach dem schon
genanntenAutor: Klugheitvereintmit Kühnheit,weiß sich auch
aus derverzweifeltsten
Lage zu retten. Der WortlautderErzählung
ist folgender:
„Der Jaguarkam dorthin. Der Jaguar schaute nach oben
und sah den armen Jabuti und sagte: „O, Jabuti, wohin
bistdu gestiegen?"Jabutiantwortete und sagte: „WegenderFrucht
"
dieses Baumes. Der hungrigeJaguarantwortete:„Steig*herab!"
Der Jabutisprachso: „Fange michauf: öffnedeinenMund, damit
ich nicht auf den Boden falle." Der Jabutisprangund trafdie
Schnauze des Jaguars;der armeTeufelstarb. Der Jabutiwartete,
bis er verfaulteund machteseine Pfeifeaus demKnochen. Darauf
gingderJabuti,spielteaufseinerFlöte und sang so: „DerKnochen
des Jaguarsist meine Flöte. Ih! Ih!"

c) Der Jabuti und der Mensch.

In dieser Erzählung wird der Jabuti von dem Menschen


in einem Kasten oder Patuá, wie die Fabel sagt, gefangen.
Da drinnenhört er, wie der Mann seinen Kindern befiehlt,
nichtzu vergessen,Wasser heiß zu machen,um den Jabutiden
Schildpatabzuziehen,der dann auf derTafel figurieren soll; aber
der Jabutiverliertnicht das kalte Blut. Kaum ist der Mann aus
dem Hause, als der Jabutiin seinemKasten zu singen anfängt,
um die Neugierde der Kinder zu erwecken. Als die Kinder
kamen,hörter auf, sie bittenihn, noch etwas zu singen,er ant-
wortet: „O, wie würdetihr euch erstwundern,wenn ihr mich
mittenim Hause tanzen sähet." Es ist nun sehr natürlich,daß
die Kinder den Kasten öffnen. Diese Wahrscheinlichkeit wird
wohl kaum von einem Fabeldichterübertroffen. Sie öffnenden
Kasten und er entkommt.Auch hier meintMagalhães,daß diese
Fabel lehre: Es gibt keine so verzweifelte
Lage im menschlichen

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Leben, aus der man sich nicht mit etwas kaltem Blut und Über-
legung zu retten vermöge, wenn man geschickt die Umstände
zu benützen weiß. Et hätte hinzufügen können, daß die Kinder
die Lektion sogleich begriffenund durch die Klugheit des Jabuti
gewitzigt, dem Zorn des Vaters eben so schlau entgingen. Der
Wortlaut der Fabel ist folgender:

„Der Jabuti saß in seiner Höhle und spielte Flöte. Die


Leute, welche vorübergingen, lauschten. Einer sagte: „Ich will
jenen Jabuti fangen". Er trat vor die Höhle und rief: „Jabuti!a
Dieser antwortete: „U!" Der Mann sagte: „Komm heraus,
Jabuti!" „Wohl, hier bin ich, ich gehe." Der Jabuti kam
heraus. Der Mann faßte ihn und trug ihn nach Hause; dort
steckte er ihn in einen Kasten. Am andern Morgen sagte der
Mann zu seinen Kindern: „Jetzt lasset den Jabuti nicht heraus";
Er ging nach der Pflanzung. Der Jabuti aber blies seine Flöte in
dem Kasten. Die Kinder hören es und kommen zu lauschen.
Da schwieg der Jabuti. Darauf sagten die Kinder: „Flöte, Jabuti!"
Da antworteteder Jabuti: „Ihr findet das schön; wie würdet ihr
euch erst wundern, wenn ihr mich tanzen sähet!" Die Kinder
öffnenden Kasten, um den Jabuti tanzen zu sehen. Der Jabuti
tanzt im Zimmer herum, turn! turn! turn! turn! turn! turn! turn!
turn! tein! Da bat der Jabuti die Kinder, daß er seine Notdurft
verrichtendürfe. Die Kinder sagten zu ihm: „Gehe, Jabuti,jetzt
fliehe aber nicht." Der Jabuti geht hinter das Haus, läuft und
verstecktsich mitten im Walde. Ein Kind sagte: „Was wird es
jetzt geben? Was werden wir unserem Vater sagen, wenn er
kommt? Wir wollen einen Stein bemalen wie den Schild des
Jabuti, sonst wenn er kommt,wird er uns schlagen." So tun sie.
Abends kommt der Vater und sagt: „Stellt den Topf aufs Feuer,
damit wir dem Jabuti den Schildpat abziehen. Der Vater legte
den bemalten Stein in den Topf und meint, es sei der Jabuti-
Darauf sagte er zu den Kindern: „Bringet die Teller, damit wir
den Jabuti essen." Die Kinder brachten sie. Der Vater zog den
Jabuti aus dem Topf, und als er ihn auf die Schüssel legte, zer-
brach dieselbe. Der Vater sagte zu den Kindern: „Habt ihr den
Jabuti fliehen lassen?" Sie sagten: „Nein!" Als sie dies sagten,
blies der Jabuti auf seiner Flöte. Als der Mann das hörte, sagte
er: „Ich will ihn wieder fangen." Er ging und rief: „Jabuti!"
Dieser antwortete: „U!" Der Mann ging ihn suchen in dem

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Wald und rief: „Komme, Jabuti!" Er riefauf der einen Seite,


und der Jabutiantwortete
auf der anderen. Der Mann wurdees
müde,kehrtezurückund ließ ihn gehen."

d) Der Jabuti und der Kahapora-Ussu (der Riese).

Der Jabuti saß in einem Baumloch und spielte auf seiner


Flöte. Ussu hörtees und sagte: „Dies ist niemandandererals der
Jabuti. Ich will ihn fangen/ Er ging an das Loch. Der Jabuti
spielteseine Flöte: fin, fin, fin, kuló, fom, fin. Der Ussu rief:
„Jabuti!" Dieser antwortete:„U!" „Komm Jabuti,wir wollen
unsereKrafterproben." Der Jabutiantwortete:„Wirwollen uns
messen, da du es so willst." Ussu ging in den Wald, schnitt
Sipo (starkeSchlingpflanze, die als Seil dient), brachteden Sipo
an das Ufer des Flusses und sagte zu Jabuti: „Wirwollen es
versuchen,Jabuti,du im Wasser, ich auf dem Lande." Der Ja-
buti sagte: „Gut, Ussu." Der Jabutisprangins Wasser mit dem
Seil und band es an den Schwanz des Walfisches. Der Jabuti
ging heimlichans Land und verbargsich im Walde. Der Ussu
zog an dem Seil. Der Walfisch zog auch und schleppte
den Ussu an dem Hals bis ins Wasser. Ussu zog wieder, als
wollteer den Schwanz dfs Walfischesan das Land ziehen. Det
Walfischzog wiederund riß den Ussu am Halse bis ins Wasser.
Der Jabutisah es vom Walde aus und lachte.Als derUssu schon
müde war, sagte er: „Es ist genug, Jabuti." Der Jabutilachte,
sprangins Wasser und löste das Seil vom Schwänze des Wal-
fisches. Der Jabuti ging ans Land. Der Ussu fragteihn: „Bist
du müde, Jabuti?" Dieser antwortete:„Nein, wovon soll ich
müde sein?" Ussu sagte: „Jetztweiß ich es sicher,daß du mehr
Mannes bist als ich. Ich ziehe fort,lebe wohl."
(Fortsetzung
folgt.)

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