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I care

Krankheitslehre
Impressum
Bibliografische Informationen Wichtiger Hinweis: Wie jede Wissenschaft ist die Medizin stän-
der Deutschen National­bibliothek digen Entwicklungen unterworfen. Forschung und klinische
Erfahrung erweitern unsere Erkenntnisse, insbesondere was
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Behandlung und medikamentöse Therapie anbelangt. Soweit
­Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie: in diesem Werk eine Dosierung oder eine Applikation erwähnt
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über wird, darf der Leser zwar darauf vertrauen, dass Autoren, Her-
http://dnb.d-nb.de abrufbar. ausgeber und Verlag große Sorgfalt darauf verwandt haben, dass
diese Angabe dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes
entspricht.
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formen kann vom Verlag jedoch keine Gewähr übernommen
werden. Jeder Benutzer ist angehalten, durch sorgfältige Prü-
fung der Beipackzettel der verwendeten Präparate und gegebe-
nenfalls nach Konsultation eines Spezialisten festzustellen, ob
die dort gegebene Empfehlung für Dosierungen oder die Beach-
tung von Kontraindikationen gegenüber der Angabe in diesem
Buch abweicht. Eine solche Prüfung ist besonders wichtig bei
selten verwendeten Präparaten oder solchen, die neu auf den
Markt gebracht worden sind. Jede Dosierung oder Applikation
erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers. Autoren und Verlag ap-
pellieren an jeden Benutzer, ihm etwa auffallende Ungenauig-
keiten dem Verlag mitzuteilen.

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ses kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen
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Umschlaggestaltung: Horst Moser, independent Medien-


Design, München
Umschlagillustration: Seinab Danboos, Münster
hintere Umschlagseite: Helene Janzen, Stuttgart
Layout: Katharina Fesl, Mathias Frisch, Pia Hofmann;
Art-Direction: Horst Moser, independent Medien-Design,
München
Zeichnungen: anchin mabel, Stuttgart/Zürich
Anatomische Aquarelle aus: Schünke M, Schulte E,
­Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie.
­Illustrationen von M. Voll und K. Wesker
Mindmaps: Helene Janzen, Stuttgart
Fotografen: Paavo Blåfield, Kassel; Alexander Fischer, Baden-
Baden; Werner Krüper, Steinhagen

Satz: L42 Media Solutions, Berlin


Druck: Aprinta Druck GmbH, Wemding

ISBN 978-3-13-165711-4
Auch erhältlich als E-Book:
eISBN 978-3-13-165721-3
Vorwort

Vorwort
Willkommen, liebe Leserinnen und liebe Leser, verschiedenen Krankheitsbilder im Vordergrund – geord-
net nach den Organsystemen, an denen sie typischerwei-
Sie lernen einen Beruf im Gesundheitswesen? Dazu gra- se auftreten. Die Kapitel in Buchteil 2 sind immer gleich
tulieren wir Ihnen herzlich! Dieses Beschäftigungsfeld hat strukturiert: Am Anfang finden Sie jeweils eine Übersichts-
aufgrund der demografischen Entwicklung Zukunft und es Mindmap, die Ihnen einen ersten grafischen Einblick in das
stehen Ihnen viele interessante Handlungsfelder offen. Beru- Organsystem gibt. Im anschließenden Text werden zunächst
fe im Gesundheitswesen sind aber nicht nur zukunftsfähig, die diagnostischen Methoden an dem jeweiligen Organsys-
sondern werden von den Handelnden oft auch als sehr sinn- tem besprochen, darauf folgen die wichtigsten Krankheits-
voll eingestuft – was die beste Voraussetzung dafür ist, um bilder und zum Schluss werden die häufig eingesetzten Me-
langfristig mit seinem Beruf zufrieden zu sein. dikamente und die typischen Leitsymptome genannt. Die
Das Buch I care Krankheitslehre bietet Ihnen die wichtigs- Diagnostik, die Erkrankungen und die Medikamente werden
ten Informationen zur Medizin, die Sie für Ihre Ausbildung jeweils zusätzlich durch eine Mindmap veranschaulicht. Im
benötigen. Dabei nimmt es eine besondere und moderne Anhang (Buchteil 3) können Sie dann die gängigen Fachbe-
Perspektive ein, indem es Ihnen die Krankheiten nach Or- griffe sowie Abkürzungen und Laborwerte nachlesen. Im
gansystemen gegliedert vorstellt. Diese Darstellung ist un- Abschnitt „Auf Station“ finden Sie eine fachgebietsbezogene
abhängig von den verschiedenen Fachrichtungen und „Sta- Übersicht über alle klinischen Stationen, deren Besonderhei-
tionen“. Ein Darmkrebspatient kann Ihnen beispielsweise ten und dort vertretene Krankheitsbilder. So sind Sie orien-
auf einer Inneren Station begegnen, wenn er gerade eine tiert, was Sie im klinischen Alltag erwartet und können sich
Chemotherapie bekommt; wird er aber operiert, liegt er in auf Ihren Einsatz auf einer bestimmten Station gut vorbe-
einer chirurgischen Abteilung. In der Inneren Medizin ste- reiten.
hen andere Aspekte eines Krankheitsbildes im Vordergrund Bei der Bearbeitung von I care Krankheitslehre war es uns
als in der Chirurgie – obwohl der Patient und damit auch sehr wichtig, die Kapitel in einer klaren, verständlichen Spra-
seine Erkrankung dieselbe bleiben. Mit I care Krankheitsleh- che zu verfassen und die Inhalte in den verschiedenen Teilen
re lernen Sie alle Erkrankungen einmal an einer Stelle und optimal miteinander zu vernetzen. Das Buch wurde von uns
erhalten dort alle wesentlichen Informationen zu den dia- mit dem Anspruch gestaltet, dass Sie das für Ihre Ausbildung
gnostischen und therapeutischen Möglichkeiten – und das relevante Wissen gerne lernen. Dabei haben wir darauf ge-
unabhängig vom jeweiligen Fachgebiet. Das hilft Ihnen, die achtet, dass Sie sich jederzeit orientieren, das Gelesene gut
Krankheiten besser zu verstehen und spart zudem Zeit beim verstehen und das Wichtige identifizieren und sich merken
Lernen. Der wichtigste Vorteil ist allerdings, dass Sie dadurch können – mehr Informationen zum didaktischen Konzept
bereits beim Lernen immer den Menschen als Ganzes im finden Sie auf der Mindmap der hinteren Umschlagseite.
Blick haben. Mit der für das Buch entwickelten App haben Sie die wich-
tigen Fakten als „Wissen to go“ immer dabei.
I care Krankheitslehre ist in 3 Buchteile gegliedert. Im ers- Bei der Realisierung von I care Krankheitslehre haben viele
ten Teil werden die Grundlagen behandelt. Hier lernen Sie verschiedene Menschen wichtige Beiträge geliefert. Wir im
Allgemeines zur Gesundheits- und Krankheitslehre und Verlag möchten uns ganz besonders bedanken bei unseren
finden grundlegende Informationen zu den organübergrei- Autoren, den Grafikern und den Fachbeiräten, die alle mit
fenden Themen Tumorerkrankungen, Immunsystem, Infek- großem Engagement sichergestellt haben, dass das Buch in
tionskrankheiten und Schmerzen. Im Buchteil 2 stehen die der vorliegenden Qualität fertiggestellt werden konnte.

Wir wünschen Ihnen bei Ihrer Ausbildung sehr viel Freude und viel Erfolg!

Ihr Verlagsteam

PS: Wenn Ihnen das Buch gefällt: I care gibt es auch Wir sind sehr gespannt auf Ihre Reaktion
für Anatomie, Physiologie und für die Pflege. und freuen uns auf den Dialog mit Ihnen, der für

„wir wollen immer besser werden“.


uns unter dem Motto steht

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scannen Sie mich und schreiben Sie


uns, was Sie bewegt
5
Fachbeiräte Mitarbeiter­verzeichnis
Dr. med. Peter Amrhein Claus-Henning Bley
Klinikum Stuttgart – Olgahospital Krankenhaus Bad Soden
Klinik für HNO-Krankheiten Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerz­
Kriegsbergstr. 62 therapie
70174 Stuttgart Kronberger Str. 36
65812 Bad Soden
Dr. med. Annette Gann
Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus Maik Centgraf
Innere Medizin Mainzerhofplatz 1
Paul-Lechler-Str. 24 99084 Erfurt
72076 Tübingen
Dr. med. Angela Cieslik
Dr. med. Gesa-Astrid Hahn Pfälzer Str. 7
Universitäts-Augenklinik Tübingen 69123 Heidelberg
Forschungsinstitut
Schleichstraße 12–16 Juliana Hack
72076 Tübingen Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH
Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie
Dr. med. Johannes-Martin Hahn Baldingerstraße
Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus 35043 Marburg
Innere Medizin
Paul-Lechler-Str. 24 Tobias Hell
72076 Tübingen Römerstr. 3
80801 München
Dr. med. Felix Kiecker
Charité – Universitätsmedizin Berlin Henrike Horn
Kinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Große Ulrichstr. 19
Charitéplatz 1 06108 Halle (Saale)
10117 Berlin
Pascal Kleiner
Dr. med. Davina Likuski Klinikum Landkreis Tuttlingen
Medizinisches Versorgungszentrum Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin
Coburger Str. 21 Zeppelinstr. 21
47169 Duisburg 78532 Tuttlingen

Dr. med. Karin Schilli Edeltraud Mörl


Praxis für Urologie, Medikamentöse Tumortherapie, Glemsgaustr. 97A
Andrologie, Naturheilverfahren 70499 Stuttgart
Bahnhofstr. 16
79189 Bad Krozingen Ursula Saß
Universitätsklinikum Münster
Prof. Dr. med. Christoph Scholz MTRA-Schule Münster
Universitätsklinikum Ulm Robert-Koch-Str. 31
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe 48149 Münster
Prittwitzstr. 43
89075 Ulm Lukas Schmülling
Krankenpflegeschule am Alfried Krupp Krankenhaus
Dr. med. Günther Slesak Essen-Rüttenscheid
Tropenklinik Paul-Lechler-Krankenhaus Alfried-Krupp-Str. 21
Tropenmedizin 45131 Essen
Paul-Lechler-Str. 24
72076 Tübingen Dr. med. Agnes Schneider
Klinikum Wolfsburg
Dr. med. Thomas Stolte Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie und Handchirurgie
Zentrum für Chirurgie und Orthopädie Sauerbruchstr. 7
Praxisklinik Mannheim 38440 Wolfsburg
Mannheimer Str. 102
68309 Mannheim Sarah Schroth
Weyermannsstr. 44
3008 Bern
Schweiz

Dr. med. Anja Schulte


Kantonsspital St. Gallen
Qualitätsmanagement
Rorschacher Str. 95
9000 St. Gallen
Schweiz
6
Inhaltsverzeichnis

1   Grundlagen und ü
­ bergreifende Prinzipien

1 Gesundheitslehre versus 3 Grundlagen der 5.2 Störungen in der Funk­tionsweise


Krankheitslehre . . . . . . . . 12 Medikamentenlehre . . . . . 55 des Immunsystems . . . . . . . . 98
1.1 Gesundheit und Krankheit – 3.1 Einführung . . . . . . . . . . . . . 55 5.3 Medikamente und
­subjektiv, aber objektivierbar? . . 12 3.2 Medikamentengruppen . . . . . . 57 ­Therapiemöglichkeiten . . . . . 108
1.2 Gesundheitswissenschaft 3.3 Wirkstoffbeschreibung . . . . . . 61 5.4 Beeinflussung des Immunsystems
(Public Health) . . . . . . . . . . . 14 durch Impfungen . . . . . . . . . 114
1.3 Und dennoch ein Buch über 4 Grundlagen zu
­Krankheitslehre? . . . . . . . . . . 21 ­Tumorerkrankungen . . . . . 70 6 Grundlagen der
4.1 Begriffserklärungen . . . . . . . . 70 Infektiologie . . . . . . . . . 116
2 Allgemeine 4.2 Tumorentstehung . . . . . . . . . 73 6.1 Erreger von
Krankheitslehre . . . . . . . . 22 4.3 Tumorausbreitung und Infektionskrankheiten . . . . . . 116
2.1 Definition und Bedeutung . . . . 22 Malignität . . . . . . . . . . . . . . 75 6.2 Infektionskrankheiten . . . . . . 124
2.2 Einteilung und Klassifi­kation 4.4 Tumorsymptome und 6.3 Antiinfektiöse ­Medikamente . . 140
von Krankheiten . . . . . . . . . . 22 -­diagnostik . . . . . . . . . . . . . 77 6.4 Wichtige Krankheits­erreger . . 151
2.3 Medizinische Systematik der 4.5 Therapie ­bösartiger Tumoren . . 79
Krankheitsbeschreibung . . . . . 23 4.6 Verlaufskontrolle und 7 Schmerz und
2.4 Krankhafte Veränderungen in Nachsorge . . . . . . . . . . . . . . 91 ­Schmerztherapie . . . . . . 160
Gewebe und Organismus . . . . . 26 7.1 Entstehung und Arten von
2.5 Grund­kenntnisse medizinischer 5 Grundlagen des Schmerz . . . . . . . . . . . . . . 160
Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 36 ­Immunsystems . . . . . . . . 92 7.2 Schmerzdiagnostik . . . . . . . 162
2.6 Grund­kenntnisse medi­zinischer 5.1 Auffrischer Immunsystem . . . . 92 7.3 Schmerztherapie . . . . . . . . . 163
Therapieprinzipien . . . . . . . . 53

2   Spezielle Krankheitslehre

8 Herz-Kreislauf- und 9.2 Erkrankungen des 9.10 Störungen der


­Gefäßsystem . . . . . . . . . 178 Atmungssystems­ – Atmungsregulation . . . . . . . 373
8.1 Auffrischer Anatomie und ­grund­legende Prinzipien . . . . 303 9.11 Bösartige Tumoren der
­Physiologie . . . . . . . . . . . . 178 9.3 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 308 Atemwege und der Lunge . . . . 375
8.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 180 9.4 Atemwegsmanagement . . . . . 324 9.12 Erkrankungen der Pleura . . . . 382
8.3 Erkrankungen des 9.5 Erkrankungen der oberen 9.13 Wichtige Medikamente . . . . . 387
Herz-Kreislauf-Systems . . . . . 203 ­Atemwege . . . . . . . . . . . . . 328 9.14 Wichtige Leitsymptome . . . . . 390
8.4 Erkrankungen des 9.6 Erkrankungen der unteren
Gefäßsystems . . . . . . . . . . . 263 ­Atemwege . . . . . . . . . . . . . 332 10 Verdauungssystem . . . . . 396
8.5 Wichtige Medikamente . . . . . 288 9.7 Erkrankungen des 10.1 Auffrischer Anatomie und
8.6 Wichtige Leitsymptome . . . . . 295 ­Lungenparenchyms . . . . . . . 350 Physiologie . . . . . . . . . . . . 396
9.8 Erkrankungen des 10.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 401
9 Atmungssystem . . . . . . . 302 Lungenkreislaufs . . . . . . . . . 363 10.3 Erkrankungen der Mundhöhle . 415
9.1 Auffrischer Anatomie und 9.9 Akutes Lungenversagen 10.4 Erkrankungen der
Physiologie . . . . . . . . . . . . 302 (ARDS) . . . . . . . . . . . . . . . 371 ­Speicheldrüsen . . . . . . . . . . 418

7
Inhaltsverzeichnis

10.5 Erkrankungen des ­Ösophagus . 419 13.8 Erkrankungen der Milz . . . . . 729 16.5 Wichtige Leitsymptome . . . . . 980
10.6 Erkrankungen des ­Magens . . . 428 13.9 Transplantationen (TX) . . . . . 730 16.6 Auffrischer: Anatomie und
10.7 Erkrankungen des Darms . . . . 435 13.10 Wichtige Medikamente . . . . . 734 ­Physiologie des Ohrs . . . . . . . 982
10.8 Erkrankungen der ­Analregion . 463 13.11 Wichtige Leitsymptome . . . . . 740 16.7 Diagnostik bei ­Erkrankungen
10.9 Gastrointestinale Blutung . . . 465 des Ohrs . . . . . . . . . . . . . . 985
10.10 Erkrankungen der Leber . . . . 467 14 Bewegungssystem . . . . . 744 16.8 Erkrankungen des Ohrs . . . . . 993
10.11 Erkrankungen der ­Gallenblase 14.1 Auffrischer Anatomie und 16.9 Wichtige Medikamente . . . . 1007
und der Gallenwege . . . . . . . 484 ­Physiologie . . . . . . . . . . . . 744 16.10 Wichtige Leitsymptome . . . . 1008
10.12 Erkrankungen der 14.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 751
Bauchspeicheldrüse . . . . . . . 488 14.3 Therapie am 17 Haut, Haare und Nägel . . 1012
10.13 Erkrankungen der Bauchdecke Bewegungssystem . . . . . . . . 758 17.1 Auffrischer Anatomie und
und des Bauchfells . . . . . . . . 494 14.4 Traumatologische ­Physiologie . . . . . . . . . . . 1012
10.14 Wichtige Medikamente . . . . . 498 ­Erkrankungen . . . . . . . . . . . 760 17.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . 1014
10.15 Wichtige Leitsymptome . . . . . 505 14.5 Orthopädische ­Erkrankungen . 790 17.3 Erkrankungen der Haut und
14.6 Rheumatische ­Erkrankungen . 825 der Nägel . . . . . . . . . . . . . 1019
11 Niere und ableitende 14.7 Wichtige Medikamente . . . . . 837 17.4 Erkrankungen der Haare . . . 1047
­Harnwege, Wasser- und 14.8 Wichtige Leitsymptome . . . . . 839 17.5 Sexuell übertragbare
­Elektrolythaushalt . . . . . 516 Krankheiten (STD) . . . . . . . 1049
11.1 Auffrischer Anatomie und 15 Nervensystem . . . . . . . . 844 17.6 Wichtige Medikamente . . . . 1052
Physiologie . . . . . . . . . . . . 516 15.1 Auffrischer Anatomie und 17.7 Wichtige Leitsymptome . . . . 1056
11.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 522 ­Physiologie . . . . . . . . . . . . 844
11.3 Erkrankungen der Niere und 15.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 851 18 Geschlechtsorgane . . . . 1060
des ableitenden ­Harnsystems . 535 15.3 Anlage- und 18.1 Weibliche Geschlechts­organe 1060
11.4 Störungen von Wasser-, Entwicklungsstörungen . . . . . 869 18.2 Männliche Geschlechts­organe 1102
Elektrolyt- und Säure-Basen- 15.4 Intrakranielle ­Druckerhöhung . 872 18.3 Empfängnisverhütung
Haushalt . . . . . . . . . . . . . . 564 15.5 Durchblutungsstörungen und (Kontrazeption) . . . . . . . . . 1124
11.5 Wichtige Medikamente . . . . . 574 ­Blutungen des Gehirns . . . . . 875
11.6 Wichtige Leitsymptome . . . . . 578 15.6 Entzündlich-infektiöse 19 Schwangerschaft, Geburt
­Erkrankungen . . . . . . . . . . . 886 und Wochenbett . . . . . . 1132
12 Hormonsystem und 15.7 Multiple Sklerose (MS) . . . . . 891 19.1 Auffrischer Anatomie und
Stoffwechsel . . . . . . . . . 584 15.8 Epileptische Anfälle, ­Epilepsie . 893 ­Physiologie . . . . . . . . . . . 1132
12.1 Auffrischer Anatomie und 15.9 Basalganglien­erkrankungen . . 896 19.2 Diagnostik und Betreuung . . 1144
­Physiologie . . . . . . . . . . . . 584 15.10 Motorische ­Degene­ration . . . . 899 19.3 Schwangerschaftsabbruch . . 1150
12.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 589 15.11 Demenzen . . . . . . . . . . . . . 900 19.4 Geburtshilfliche ­Operationen 1150
12.3 Erkrankungen des 15.12 Tumoren . . . . . . . . . . . . . . 905 19.5 Erkrankungen in der
­Hormonsystems . . . . . . . . . 592 15.13 Traumatologie . . . . . . . . . . 907 ­Schwangerschaft . . . . . . . . 1153
12.4 ­Stoffwechselstörungen und 15.14 Nervenwurzel-Syndrome . . . . 910 19.6 Pathologische Geburt . . . . . 1176
­ernährungsbedingte 15.15 Plexusläsionen . . . . . . . . . . 915 19.7 Versorgung und Erkrankungen
­Erkrankungen . . . . . . . . . . . 625 15.16 Erkrankungen peripherer des Neugeborenen . . . . . . . 1185
12.5 Wichtige Medikamente . . . . . 658 Nerven . . . . . . . . . . . . . . . 916 19.8 Erkrankungen im
12.6 Wichtige Leitsymptome . . . . . 664 15.17 Neuromuskuläre ­Wochenbett . . . . . . . . . . . 1190
­Übertragungsstörungen . . . . 919 19.9 Wichtige Medikamente . . . . 1194
13 Blut und Immunsystem . . 668 15.18 Muskelerkrankungen 19.10 Wichtige Leitsymptome . . . 1199
13.1 Auffrischer Anatomie und (Myopathien) . . . . . . . . . . . 920
­Physiologie . . . . . . . . . . . . 668 15.19 Kopf- und Gesichtsschmerzen . 922 20 Psyche . . . . . . . . . . . . 1202
13.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . . 671 15.20 Wichtige Medikamente . . . . . 926 20.1 Einführung . . . . . . . . . . . 1202
13.3 Spezielle Therapieformen in 15.21 Wichtige Leitsymptome . . . . 929 20.2 Diagnostik . . . . . . . . . . . . 1202
der Hämatologie . . . . . . . . . 682 20.3 Psychiatrische Therapie und
13.4 Erkrankungen der 16 Sinnesorgane: ­Psychotherapie . . . . . . . . . 1209
­Erythrozyten . . . . . . . . . . . 687 Auge und Ohr . . . . . . . . 936 20.4 Psychosen aus dem
13.5 Erkrankungen der ­Leukozyten 16.1 Auffrischer: Anatomie und ­schizophrenen Formenkreis . 1210
und hämato­logische ­Physiologie des Auges . . . . . . 936 20.5 Affektive Störungen . . . . . . 1216
­Neoplasien . . . . . . . . . . . . 701 16.2 Diagnostik bei 20.6 Suizidalität . . . . . . . . . . . 1222
13.6 Gerinnungsstörungen . . . . . . 714 ­Augenerkrankungen . . . . . . . 939 20.7 Organisch bedingte
13.7 Erkrankungen des 16.3 Erkrankungen des Auges . . . . 949 ­psychische Störungen . . . . . 1223
­Immunsystems . . . . . . . . . . 722 16.4 Wichtige Medikamente . . . . . 977 20.8 Störungen durch psychotrope
­Substanzen (Sucht) . . . . . . 1225

8
Inhaltsverzeichnis

20.9 Neurotische, Belastungs- und 20.14 Wichtige Medikamente in der 21.3 Organübergreifende ­virale
­somatoforme Störungen . . . 1235 Psychiatrie . . . . . . . . . . . . 1257 ­Infektionen . . . . . . . . . . . 1276
20.10 Persönlichkeits- und 21.4 Organübergreifende
­Verhaltensstörungen . . . . . 1244 21 Organübergreifende ­Pilzinfektionen . . . . . . . . . 1287
20.11 Essstörungen . . . . . . . . . . 1248 ­Infektionen . . . . . . . . . 1264 21.5 Organübergreifende
20.12 Schlafstörungen . . . . . . . . 1251 21.1 Sepsis . . . . . . . . . . . . . . . 1264 ­Parasitosen . . . . . . . . . . . 1289
20.13 Kinder- und jugend­- 21.2 Organübergreifende 21.6 Wichtige Medikamente . . . . 1301
psychiatrische Störungen . . . 1254 ­bakterielle Infektionen . . . . 1268 21.7 Wichtige Leitsymptome . . . . 1301

3   Anhang

Fachwortlexikon . . . . . . . . . . . . 1306 Laborwerte und Einheiten . . . . . . 1311


Abkürzungen . . . . . . . . . . . . . . 1308 Auf Station . . . . . . . . . . . . . . . . 1315

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . 1326

9
1
Grundlagen und
­übergreifende Prinzipien

1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre�������������������������������������������������������������������� 12


2 Allgemeine Krankheitslehre ����������������������������������������������������������������������������������������� 22
3 Grundlagen der Medikamentenlehre �������������������������������������������������������������������������� 55
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen ��������������������������������������������������������������������������� 70
5 Grundlagen des Immunsystems����������������������������������������������������������������������������������� 92
6 Grundlagen der I­nfektiologie������������������������������������������������������������������������������������� 116
7 Schmerz und S­ chmerztherapie���������������������������������������������������������������������������������� 160
1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre

1 Gesundheitslehre versus
Krankheitslehre

Definitionsmöglichkeit für Krankheit aus


sozialrechtlicher Sicht
Von sozialrechtlicher Seite aus betrachtet spielen v. a. Beein-
1.1  Gesundheit und Krankheit – trächtigungen der Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und der
subjektiv, aber objektivierbar? Selbstständigkeit eines Menschen eine Rolle. Unser Sozial-
system sieht für verschiedene Situationen Hilfestellungen
vor, die rein finanziell gesehen von der Gesellschaft getragen
1.1.1  Definitionen werden. Insofern ist es aus dieser Sicht ebenfalls wichtig,
dass der Zustand möglichst objektivierbar ist.
Es gibt zahlreiche Versuche, die beiden Begriffe Gesundheit
und Krankheit zu definieren. Wenn man sich verschiedene
Definitionsversuche anschaut, wird deutlich, dass dabei eine Definition  Krankheit
●● Medizinische Sicht: Eine Krankheit ist eine Störung der nor-
Rolle spielt, wer die Begriffe definiert, vor welchem Hinter-
grund und mit welcher Absicht sie definiert werden. So gibt malen physischen und psychischen Funktionen, die einen Grad
es Definitionen z. B. aus medizinischer Sicht, aus sozialrecht- erreicht, der die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden eines
licher Sicht oder auch aus Sicht der Weltgesundheitsorga- Lebewesens subjektiv oder objektiv wahrnehmbar negativ be-
nisation (WHO). Welche Sicht ist die der Pflegenden? Zu- einflusst. Die Grenze zwischen Krankheit und Befindlichkeits-
nächst im Folgenden ein paar der genannten Definitionen. störung ist fließend.
●● Sozialrechtliche Sicht: Krankheit ist ein objektiv fassbarer, re-
gelwidriger, anormaler körperlicher oder geistiger Zustand, der
Definitionsmöglichkeit für Krankheit aus eine Heilbehandlung notwendig macht und eine Arbeitsunfä-
medizinischer Sicht higkeit zur Folge haben kann.
In der Medizin spielt v. a. der Vergleich mit den als „normal“
geltenden Abläufen des menschlichen Körpers eine Rolle. Definition Gesundheit nach der WHO
Dabei versucht die Medizin, objektiv nachweisbare Befunde Als Sonderorganisation der UNO beschäftigt sich die WHO
zu erheben, die die Abweichung von dem als normal Gel- (World Health Organization) v. a. mit internationalen Ge-
tenden belegen. Der Patient schildert Beschwerden (Symp- sundheitsprojekten, ist viel in Entwicklungsländern tätig
tome), die Mediziner versuchen herauszufinden, zu welcher und bemüht sich dort insbesondere auch um die Bekämp-
bekannten Krankheit diese Symptome passen könnten, um fung von Seuchen. Mit der Definition der WHO wechselt die
dann mit sog. diagnostischen Verfahren Befunde zu entde- Perspektive von der Krankheit zur Gesundheit. Gesundheit
cken, die eine Verdachtsdiagnose bestätigen oder widerle- wird definiert, nicht Krankheit.
gen.

12
Gesundheit und Krankheit – subjektiv, aber objektivierbar?

stark gelitten, aber inzwischen geht es ihr auch in diesem Bereich


Gesundheit ist körperliches, wieder sehr gut. Sie ist zuversichtlich, die Zeit, die ihr noch bleibt,
sinnvoll und lebenswert verbringen zu können. Die Erläuterung des
geistiges und soziales Wohlbefinden. Gesundheitszustands der WHO beschreibt diese Patientin vielleicht
sogar als eher gesund als den Patienten mit der Blinddarmentzün-
dung.
Die in ihrer Konstitution von 1946 formulierte Definition ist
eine der bekanntesten Definitionen des Begriffs Gesundheit.
Die Beschreibung von Gesundheit durch die WHO hat aber
auch zu Kritik geführt. Der Zustand der Gesundheit ist durch
Definition  Gesundheit (WHO) die 3 Faktoren des körperlichen, geistigen und sozialen
„Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, Wohlbefindens sehr abstrakt und fast unerreichbar. Wichtig
geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen an der Begriffsbestimmung der WHO ist jedoch, dass sowohl
von Krankheit oder Gebrechen.“ die Komplexität als auch die Individualität von Gesundheit
deutlich werden. „Ein Zustand des vollständigen körperli-
Diese Definition eröffnet einen ganzheitlichen Blick auf die chen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ ist nur schlecht
Betreuung von Patienten. Die beiden folgenden Beispiele objektiv messbar. Jeder Mensch kann im Grunde nur selbst
sollen dies verdeutlichen: entscheiden, ob er gesund ist oder nicht.

Beispiel  Medizinisch gesund und trotzdem krank? Krankheit und Gesundheit aus
Eigentlich ist der Patient mit einer Blinddarmentzündung nach der
Operation doch wieder gesund!? Die Mediziner haben das Prob- pflegerischer Sicht
lem professionell gelöst, und der Patient ist nach der Wundheilung Sowohl die subjektive Sichtweise als auch das Verständnis
vollständig genesen. Die WHO geht an dieser Stelle jedoch weiter. der biologischen, psychologischen und sozialen Ganzheit-
Sie nimmt nicht nur die Erkrankung des Menschen in den Fokus, lichkeit sind Sichtweisen, die sich in der Pflege wiederfinden.
also die Blinddarmentzündung, sondern auch die geistigen und Für die Pflege spielen darüber hinaus die Aspekte Dynamik
sozialen Auswirkungen. Verpasst der Patient durch die Blinddarm- und Ressourcen eine wesentliche Rolle. Was heißt das? Der
entzündung ein soziales Ereignis, zum Beispiel die Hochzeit sei- Aspekt der Dynamik besagt, dass Gesundheit und Krankheit
nes besten Freundes, so kann das Auswirkungen auf sein soziales nie absolut getrennt voneinander betrachtet werden können.
Wohlbefinden haben. Dann ist der Patient im Anschluss an die Im Grunde genommen ist immer beides vorhanden. Dabei
Operation zwar rein somatisch wieder gesund, jedoch nicht laut sind die gesunden Anteile als Ressourcen zu betrachten, die
der Definition der WHO: Ihm fehlt das soziale Wohlbefinden. es zu entdecken und zu mobilisieren gilt.
Die Dynamik dieses Prozesses ist auch in der Theorie der
Beispiel  Trotz Krankheit „gesund“? Salutogenese von Antonovsky beschrieben. Er spricht von
Ein anderes Beispiel zeigt, dass Gesundheit nach der WHO parado- einem „Gesundheits-Krankheits-Kontinuum“ eines jeden
xerweise bei Menschen mit chronischen Krankheiten durchaus er- Menschen.
reicht werden kann. Eine Patientin mit einer Krebserkrankung kann Für Liliane Juchli, eine der führenden Persönlichkeiten
aufgrund guter medikamentöser und physikalischer Schmerzthe- der Pflege, ist Gesundheit die Ressource, also die Kraft,
rapie körperliches Wohlbefinden erlangen. Sie ist schmerzfrei mit Krankheit, Leid und, wenn man so will, auch mit me-
und fühlt sich gesund. Die Familie und die Freunde der Patienten dizinischen Symptomen und Befunden umzugehen. Wenn
unterstützen sie, sodass von einem sozialen Wohlbefinden ausge- ich Kraft habe, die Herausforderungen so zu bewältigen,
gangen werden kann. Psychisch hat sie zu Beginn der Erkrankung dass das Leben wieder lebenswert wird bzw. bleibt, bin ich

Abb. 1.1Gesundheit und Krankheit.

geistiges Wohlbefinden

Krankheitssymptome,
Untersuchungsbefunde

körperliches Wohlbefinden
psychische Belastung

körperliche Einschränkung
soziales Wohlbefinden Schmerzen

Eigenverantwortlichkeit

gesund krank

Aspekte eines dynamischen Kontinuums. Gesundheit und Krankheit können nicht absolut getrennt voneinander betrachtet werden,
im Grunde genommen ist immer beides vorhanden.

13
1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre

gesund. Daraus leitet Juchli als Aufgabe der Pflege ab, ge-
meinsam mit dem Betroffenen herauszufinden, welche WISSEN TO GO
Kräfte ihm hierfür zur Verfügung stehen. Die Ressourcen
können in verschiedenen Bereichen liegen, sie können kör-
Definitionen Gesundheit und Krankheit
perlich, geistig, spirituell, sozial, musisch sein oder in noch
anderen Bereichen liegen. Die beiden Begriffe werden aus unterschiedlichen Perspek-
tiven unterschiedlich definiert.
Medizinische Sicht: Krankheit = Störung der normalen
Gesundheit ist die Kraft, mit Krank­ physischen und psychischen Funktionen mit Einschrän-
kung von Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden, die sub-
heit und Leid umzugehen. jektiv oder objektiv wahrnehmbar sind; Untersuchungsbe-
funde machen Krankheiten im Sinne der Medizin objekti-
Im Idealfall kann das Finden und Ausschöpfen der Ressour- vierbar.
cen dazu führen, dass Menschen nach dieser Definition ge- Sozialrechtliche Sicht: Krankheit = objektiv fassbarer,
sund sind, obwohl die Medizin sie aus ihrer Sicht eindeutig regelwidriger, anormaler körperlicher oder geistiger Zu-
als krank definieren würde. Juchli betont dabei insbesonde- stand mit der Notwendigkeit einer Heilbehandlung und
re auch die Eigenverantwortung. Krankheit und Gesundheit einer möglichen Arbeitsunfähigkeit.
sind keine Zustände, die man hat oder geliefert bekommt. WHO: Gesundheit = Zustand des vollständigen körper-
Es sind viel eher „Seinswerte“, die durch eigenverantwort- lichen, geistigen und sozialen Wohlergehens, nicht nur das
liches Handeln des jeweiligen Individuums beeinflusst wer- Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.
den können. Pflege: Krankheit und Gesundheit = „dynamische Pro-
zesse“, die für die Pflege als Fähigkeiten (Ressourcen) und
Defizite erkennbar sind; Wohlbefinden und Unabhängig-
Definition  Krankheit und Gesundheit aus Sicht
keit sind subjektiv empfundene Teile der Gesundheit; Ge-
der Pflege sundheit ist die Kraft, mit der Realität zu leben.
Krankheit und Gesundheit sind „dynamische Prozesse“, die für
die Pflege als Fähigkeiten (Ressourcen) und Defizite erkennbar
sind. Krohwinkel identifiziert Wohlbefinden und Unabhängigkeit
als subjektiv empfundene Teile der Gesundheit.
1.1.2  Die Wissenschaften für
Nach Liliane Juchli ist Gesundheit die Kraft, mit der Realität Gesundheit und Krankheit
zu leben.
Die Krankheitslehre ist ein Kerngebiet der Medizin. Sie bil-
det den Kern des Inhalts dieses Buches. Das Pendant zur Me-
Durch die 2004 geänderte Berufsbezeichnung in der Pflege
dizin in der Krankheitslehre ist sozusagen die Gesundheits-
zur „Gesundheits- und Krankenpflege“ hat auch der Gesetz-
wissenschaft in der Gesundheitslehre. Die Gesundheits­
geber dem Thema Gesundheit eine deutlich größere Bedeu-
wissenschaft, auch als Public Health bezeichnet, ist insbe-
tung in der Pflege gegeben und Pflegekräfte vor neue Auf-
sondere im Vergleich zu Krankheitslehre und Medizin eine
gaben gestellt. Dazu gehören neben der oben beschriebenen
sehr junge Wissenschaft. Doch spielt sie in der Gesellschaft
Ressourcenorientierung das präventiv Tätigsein. So werden
eine zunehmend wichtige Rolle. Sie betrachtet Gesundheit
in der Ausbildung mittlerweile bei Weitem nicht mehr nur
und Krankheit im Vergleich zur Medizin aus einer anderen
kurative, sondern auch präventive Inhalte vermittelt. Für die
Perspektive: Ihr primäres Thema ist nicht die Krankheit,
Pflege bedeutet demnach, Gesundheit zu fördern, präventiv
sondern sie fragt, was ein Mensch bzw. eine Gesellschaft
und ressourcenfördernd tätig zu sein.
braucht, um gesund zu sein und zu bleiben.
▶ Abb. 1.1 zeigt verschiedene Aspekte von „gesund sein“
und „krank sein“. Das Empfinden „gesund“ oder „krank“
ist primär rein subjektiv. Einige Aspekte aber sind aus me- WISSEN TO GO
dizinischer Sicht objektivierbar. Darauf stützt sich unser
sozialrechtliches System. Verschattungen auf der Lunge
kombiniert mit hohem Fieber, Husten und Abgeschlagen- Gesundheit und Krankheit: Wissenschaften
heit sind objektive Symptom- und Befundkonstellationen Die Lehre über Krankheiten inkl. ihrer Diagnostik und The-
einer Lungenentzündung, die eine medizinische Therapie rapie ist ein Kerngebiet der Medizin. Die Gesundheitswis-
erfordert und den Betreffenden arbeitsunfähig macht. Res- senschaften (Public Health) beschäftigen sich primär mit
sourcen, Steigerung des Wohlbefindens mit Maßnahmen, dem Thema Gesundheit.
die über die medizinische Therapie hinausgehen, sowie das
Freisetzen der Kräfte der Eigenverantwortlichkeit müssen
individuell herausgefunden und gefördert werden. Das Zu-
sammenspiel beider Seiten schafft die ideale Voraussetzung
1.2  Gesundheitswissenschaft
für den Einzelnen, im Sinne der Pflege wirklich „gesund zu
sein“.
(Public Health)
Blitzlicht Pflege  Ganzheitliches Wohlbefinden 1.2.1  Themengebiete, multi­
Für Pflegekräfte ist es wichtig, durch ein ganzheitliches Men- disziplinärer Ansatz und Aufgaben
schenbild nicht nur das körperliche Wohlbefinden, sondern eben-
so das geistige und soziale Befinden ihres Patienten zu beachten. Die Gesundheitswissenschaft beschäftigt sich mit vielen
Sie sollten Defizite in allen Bereichen erkennen und ihre Hand- Themen rund um das Thema Gesundheit, z. B.:
lungsspielräume ausnutzen, um zur Beseitigung dieser Defizite ●● Verständnis von Krankheit und Gesundheit

beizutragen und dem Patienten zu möglichst ganzheitlichem ●● Gesundheitsförderung und Prävention

Wohlbefinden zu verhelfen. ●● Krankheitsbewältigung und Pflege

14
Gesundheitswissenschaft (Public Health)

●● Systemgestaltung im Gesundheitswesen erforschen, welche Bereiche des Lebens die Gesundheit be-
●● Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit von Gesundheitsför- einflussen, wie man die Lebensumstände und -räume posi-
derung tiv für die Gesundheit beeinflussen kann, welche Präventi-
onskampagnen nötig sind, wie sie gestaltet werden müssen,
Public Health verfolgt dabei einen multidisziplinären An- und schließlich evaluieren sie die durchgeführten Kampag-
satz: Jede Wissenschaft, die etwas zur Gesundheit beitragen nen. Sie stehen dabei in enger Verbindung mit politischen
kann, ist willkommen. Im multidisziplinären Ansatz der Ge- Entscheidern, die Kampagnen ggf. in Auftrag geben, finan-
sundheitswissenschaften spielen z. B. eine Rolle: zieren oder mitfinanzieren, das Ziel haben, gesellschaftliche
●● Epidemiologie: Sie entwickelt Forschungsmethoden, mit Aufklärungsarbeit zu leisten (s. Bundeszentrale für gesund-
denen gesundheitswissenschaftliche Fragen untersucht heitliche Aufklärung BZgA, www.bzga.de) oder auch fest-
werden können (z. B. Fragebögen). legen, welche Vorsorgeuntersuchungen oder anderen prä-
●● Naturwissenschaftliche Disziplinen: Hier spielen Human- ventiven ärztlichen Leistungen z. B. durch die gesetzlichen
biologie und selbstverständlich auch die Medizin eine Rol- Krankenversicherungen gezahlt werden.
le. Die klinische Medizin beschäftigt sich mit Krankheiten,
die Humanbiologie und die vorklinische Medizin befassen
sich mit der Anatomie, Physiologie und Biochemie des WISSEN TO GO
Menschen. Dabei greifen sie natürlich auch auf Erkennt-
nisse der Naturwissenschaften Physik und Chemie zurück. Gesundheitswissenschaft (Public Health)
●● Sozialwissenschaften: Die Sozialwissenschaften haben
eine tragende Aufgabe in der Gesundheitswissenschaft. Die Gesundheitswissenschaft verfolgt einen multidiszipli-
So führte z. B. Anfang des 20. Jahrhunderts die Erkenntnis, nären Ansatz und verbindet Erkenntnisse aus Geisteswis-
dass schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen Krank- senschaft, Soziologie, Naturwissenschaft, Ökonomie und
heiten begünstigen, zur Sozialhygiene (z. B. Bau von Ka- Epidemiologie. Forschungsgegenstand sind alle Themen-
nalisationssystemen, Errichtung öffentlicher Krankenhäu- gebiete rund um Erhalt, Förderung, Organisation und Fi-
ser). Zu den Sozialwissenschaften gehören unter anderem nanzierung von Gesundheit. Häufig stehen dabei weniger
die Psychologie, die Soziologie und die Pädagogik. das Individuum als große oder auch kleine Bevölkerungs-
●● Gesundheitsökonomie und -management: Aufgrund der
gruppen im Zentrum der Beobachtung und Forschung.
knappen finanziellen Möglichkeiten des Gesundheitssys- Prävention und Gesundheitsförderung sind zentrale
tems sind Ökonomie und Management von großer Bedeu- Aufgaben der Gesundheitswissenschaften.
tung.

In der Gesundheitswissenschaft werden häufig ganze Be- 1.2.2  Prävention


völkerungsgruppen betrachtet. Forschungsgegenstand sind
primär die Gesundheit und die Gesundheitsversorgung Definition  Prävention
der Bevölkerung. Dabei reicht die Größe der betrachteten Prävention ist ein gezieltes Eingreifen, um das Auftreten und/oder
Gruppe von einer kleineren Bevölkerungsgruppe bis hin zur die Manifestation von (chronischen) Krankheiten zu begrenzen
weltweiten Bevölkerung. und/oder zu verhindern.
Neben vielen anderen Aufgaben der Gesundheitswis-
senschaften haben Gesundheitsförderung und Prävention Für Prävention ist es eigentlich nie zu spät. Auch wenn
eine besondere Bedeutung. Die Gesundheitswissenschaften bereits eine Krankheit aufgetreten ist, kann eine wirksa-
me Präventionsmaßnahme sinnvoll sein, damit sich diese
Krankheit nicht manifestiert oder damit keine Folgekrank-
Abb. 1.2Public Health. heiten auftreten. Prävention ist vielschichtig, kann auf un-
terschiedliche Weise, mit unterschiedlichen Absichten und
Epidemiologie auf unterschiedlichen Gesellschaftsebenen stattfinden.

Prävention zu unterschiedlichen
? Zeitpunkten
Die Prävention kann je nach ihrem Zeitpunkt unterteilt wer-
den (▶ Abb. 1.3):
●● Primordialprävention: Sie setzt bereits beim gesunden
Naturwissen-
... Menschen an, ohne dass bei ihm besondere Risikofakto-
schaften
ren für eine Erkrankung vorliegen. Das Präventionsziel ist,
Public Health die Entstehung von Risikofaktoren zu verhindern. Maß-
nahmen im Rahmen der Primordialprävention sind z. B.
Bewegungsförderung im Kindergarten oder Präventions-
programme gegen das Rauchen bei Grundschulkindern.
●● Primärprävention: Zielgruppe sind Personen, die einem
bestimmten Risiko ausgesetzt sind, aber noch nicht er-
Gesundheits- krankt sind. Klassische Beispiele für Primärprävention
ökonomie sind Raucherentwöhnung, das Tragen von Handschuhen
Sozialwissen- bei Kontakt mit Blut, Schulungen für rückenschonendes
100 schaften Arbeiten, Impfen.
●● Sekundärprävention: Sie dient hauptsächlich der Krank-
heitsfrüherkennung. Die Krankheit hat schon begonnen,
Multidisziplinärer Ansatz der Gesundheitswissenschaften.

15
1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre

Abb. 1.3Prävention und Therapie in Abhängigkeit vom Erkrankungsstadium.

Gesundheitsförderung Patientengruppe Krankheitsbehandlung

Primordialprävention Gesunde ohne Gesundheitsrisiken • kein Bedarf


• Gesundheitsschutz
• Gesundheitsinformation und -erziehung

primäre Prävention Gesunde mit Gesundheitsrisiken • Unterstützung bei Selbstdiagnose


• Gesundheitsschutz und Selbsthilfe
• Gesundheitsinformation und -erziehung • Aufmerksamkeit gegenüber
• Beratung zur Optimierung von Symptomen
Risikofaktoren

sekundäre Prävention vorübergehend • primäre ambulante Versorgung


• Krankheitsfrüherkennung Erkrankte, Risikogruppen • kurzfristige stationäre Versorgung
• Gesundheitstraining
• Gesundheitsschutz

tertiäre Prävention chronisch Kranke • dauerhafte medizinische Behandlung


• Begrenzung von Folgeerkrankungen • Rehabilitation und Pflege
• Patientenschulung (ambulant und stationär)
• psychosoziale Unterstützung
• Krankheitsbewältigung
• Angehörigenarbeit

psychosoziale Begleitung Schwerstkranke • dauerhafte hochspezialisierte


• Sicherung verbliebener Behandlung
Gesundheitspotenziale • Rehabilitation und Pflege
• Erhaltung der Lebensqualität (meist stationär)

vielleicht sind auch schon erste Symptome bemerkt wor- ●● staatliche Institutionen, und zwar auf Bundesebene (z. B.
den, aber eine Heilung ist noch möglich. Zur Sekundärprä- Bundesministerium für Gesundheit, BM für Umwelt, Na-
vention gehören z. B. die Krebsvorsorgeuntersuchungen turschutz und Risikosicherheit, BZgA), auf Länderebene
oder auch die sog. Gesundheitschecks. (z. B. Ministerien für Gesundheit, Soziales, Bildung, Um-
●● Tertiärprävention: Zielgruppe für die Tertiärprävention welt; Landesuntersuchungsämter) und auf kommunaler
sind in der Regel chronisch kranke Menschen. Das Ziel ist, Ebene (z. B. Schulen, Kindergärten)
Folgeerkrankungen und das Fortschreiten der Krankheit ●● öffentlich-rechtliche Körperschaften, und zwar auf Bun-
zu verlangsamen oder sogar zu verhindern. Typisches Bei- desebene (z. B. Kassenärztliche Bundesvereinigung, Be-
spiel sind an Diabetes mellitus Typ 2 erkrankte Menschen. rufsgenossenschaft, Bundesverband der Krankenkassen),
Durch eine ausgewogene, gesunde Ernährung und ausrei- auf Länderebene (z. B. Landesärztekammer) und auf kom-
chend körperliche Bewegung kann das Risiko für Folgeer- munaler Ebene (z. B. Krankenkassen).
krankungen erheblich verringert werden. ●● freie Träger und Einrichtungen, auch hier wieder auf Bun-
desebene (z. B. Dachverbände der Selbsthilfeeinrichtun-
Prävention für verschiedene Zielgruppen gen), auf Länderebene (z. B. Verbraucherzentralen) und
auf kommunaler Ebene (z.  B. Selbsthilfeeinrichtungen,
Prävention kann für verschiedene Zielgruppen stattfinden. kommerzielle Einrichtungen).
Sie kann
●● die gesamte Bevölkerung ansprechen, z. B. durch Aufklä- Die Krankenhäuser sind hierbei auf der kommunalen Ebene
rungskampagnen, einzusortieren und je nach Einrichtung öffentlich-rechtlich
●● bestimmte Risikogruppen ansprechen, z. B. von Alkohol- (z. B. Unikliniken) oder in freier Trägerschaft (z. B. Diakonie,
missbrauch gefährdete Jugendliche, Caritas, AWO).
●● das Individuum ansprechen, z.  B. in Form individueller
Beratungsgespräche, Teilnahme an öffentlich zugängigen
Programmen und Kursen.
Prävention mit unterschiedlichen
Absichten
Dabei berücksichtigt sie soziodemografische Merkmale (z. B. Je nach Absicht lassen sich grob 3 Präventionsarten unter-
ältere Frauen, Kinder aus sozial benachteiligten Familien, scheiden:
Menschen mit Migrationshintergrund) und Kontextmerk- ●● Individuell-biologische Prävention: Die individuell-biolo-
male (z. B. Mitarbeiter eines Betriebes). gische Prävention greift in die Biologie und Physiologie
des Menschen ein. Beispiele sind Impfungen.
Prävention auf verschiedenen ●● Verhaltensprävention: Die Verhaltensprävention hat zum

Organisationsebenen Ziel, das Risikoverhalten einer bestimmten Zielgruppe zu


verändern. Die „machʼs mit“- und die „Alkohol? Kenn Dein
Prävention kann auf verschiedenen Organisationsebenen Limit“-Kampagne sind Beispiele hierfür (▶ Abb. 1.4). Aber
stattfinden. So sind an der Prävention beteiligt: auch die „Aktion Saubere Hände“ ist eine Verhaltensprä-

16
Gesundheitswissenschaft (Public Health)

Abb. 1.4Beispiele für Präventionskampagnen.

a b c

a „mach’s mit“ mit freundlicher Genehmigung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, © BzgA
b „Kenn Dein Limit“ © BzgA: Alkoholpräventionskampagne für Jugendliche „Alkohol? Kenn dein Limit.“
c „Aktion Saubere Hände“ © ASH 2008–2013

vention. Kampagnen, die sich an Raucher richten, sind


auch immer Verhaltensprävention, da die Raucher das Ri- WISSEN TO GO
sikoverhalten „Rauchen“ verändern sollen.
●● Verhältnisprävention: Die Verhältnisprävention verändert
Prävention
Bedingungen = „Verhältnisse“, die Risikofaktoren für Ge-
sundheitsschädigung beinhalten. Erst durch die Änderung Prävention bedeutet, das Ausbrechen, die Verschlimme-
dieser Bedingungen wird gesundes Verhalten überhaupt rung oder die Folgen von Krankheiten zu verhindern oder
möglich. Beispiel hierfür ist die Arbeitssicherheit. Alle Ar- zu begrenzen. Prävention kann unterteilt werden nach:
beitsschutzvorschriften, die häufig über Richtlinien oder ●● Zeitpunkt: Primordialprävention = Risikofaktoren ver-
Gesetze staatlich geregelt sind, gehören in den Bereich hindern, Primärprävention = Krankheit verhindern, Se-
der Verhältnisprävention. Das beginnt bei der Anweisung, kundärprävention = Verschlimmerung verhindern, Terti-
welche Schuhe während des Dienstes getragen werden ärprävention = Folgen verhindern.
müssen und geht über die Vorschriften zum Tragen von ●● Zielgruppen: Menschen mit einem gleichen soziodemo-
Handschuhen in bestimmten Situationen bis hin zum Be- grafischen Merkmal, mit einem gleichen Kontextmerk-
reitstellen von Kanülenabwurfboxen. mal, Risikogruppen, Gesamtbevölkerung.
●● Organisation: öffentliche Einrichtung, Arbeitsplatz,

Präventionsmethoden kommerziell für jeden, über Verbände, Vereine u. a. Or-


ganisationen.
Zum Erreichen präventiver Ziele gibt es unterschiedliche ●● Absicht: physische Veränderung bei einzelnen Men-
Methoden, die je nach Zielgruppe und konkreter Zielsetzung schen, Veränderung des Verhaltens, Veränderung der
ausgewählt werden. Ansätze sind: Verhältnisse und Bedingungen in einer Gesellschaft.
●● Psychoedukative Verfahren: Diese setzen auf die Einsicht
einer Person und motivieren zur Verhaltensänderung Je nach Zielgruppe und Zielsetzung werden verschiedene
und Stärkung der Kompetenz. Hierzu gehören Beratung, Methoden ausgewählt: psychoedukative, normativ-regu-
Verhaltens- und Selbstmanagementtrainings und Aufklä- latorische oder ökonomische.
rungskampagnen.
●● Normativ-regulatorische Verfahren: Die präventiven Ziele
sollen hierbei über einzuhaltende Normen erreicht wer- Beispiele für Präventionsmaßnahmen
den, wie z. B. Gesetze, Vorschriften, Ge- und Verbote (z. B.
Anschnallpflicht, Promillegrenze, Rauchverbot). Präventionsmaßnahmen können nicht nur organisatorisch,
●● Ökonomische Anreiz- und Bestrafungssysteme: Das Ver-
zeitlich und bezüglich der Zielgruppe und der Methoden
halten und die Verhältnisse sollen durch ökonomische An- sehr unterschiedlich sein, auch die Inhalte und Themen
reize und ein Bestrafungssystem beeinflusst werden (z. B. sind häufig sehr verschieden. Sie sind stark abhängig von
Tabaksteuer, Bonusprämien der gesetzlichen Krankenkas- der jeweiligen Gesellschaft, dem jeweiligen Umfeld, der
sen. jeweiligen Zeit. Die Gesundheitswissenschaften erkennen
aktuelle Problemsituationen einer Gesellschaft, themati-
sieren sie und können so entsprechende Maßnahmen mit
initiieren.

17
1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre

Aktuelle Präventionsthemen ●● Infektionsübertragung: Kampagne „mach’s mit“ (▶ Abb.


1.4a), Aufklärungskampagnen in Schulen und Kindergär-
In Deutschland sind zurzeit Themen wie Ernährung, Bewe-
ten, Aktion „Saubere Hände“ u. a. (▶ Abb. 1.4c)
gung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Stress und Schnell-
●● Internet- und Spielsucht: Internetkampagnen des BZgA
lebigkeit, Internet- und Spielsucht, Arbeitsbelastung und
(www.ins-netz-gehen.de oder www.check-dein-spiel.de
Burnout, aber auch Rückenprobleme, Infektionsübertragung
oder www.spielen-mit-verantwortung.de)
und Altern von Bedeutung. Zu diesen Themen gibt es unter-
●● Gesund altern: Initiative der Bundesvereinigung Präven-
schiedliche Maßnahmen, z. B.:
tion und Gesundheitsförderung e. V., einem Verband aus
●● Ernährung: Aufklärungs-, Koch- und Zubereitungskam-
zurzeit 129 Organisationen, die einen Arbeitsschwerpunkt
pagnen in Schulen und Kindergärten, individuelle Ernäh-
im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung haben:
rungsberatungen
www.bvpraevention.de.
●● Bewegung: Sportabzeichen, Kampagne „Deutschland be-
wegt sich“, diverse Lauftreffs, Nordic Walking u. a.
Aktuelle medizinische Präventionsmaßnahmen
●● Alkohol- und Drogenmissbrauch: Antiraucherkampagnen,
Nichtraucherschutzgesetzgebung, Anti-Alkohol-Kampag- Es existieren zahlreiche medizinische Präventionsmaßnah-
ne „Alkohol – Kenn Dein Limit“ (▶ Abb. 1.4b) von der Bun- men, die von den gesetzlichen Krankenkassen (GKV) finan-
deszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA (www. ziert werden. Vorsorgeuntersuchungen sind typische Sekun-
bzga.de) därpräventionen. Dabei handelt es sich primär um Krebsvor-
●● Stress und Schnelllebigkeit: diverse Antistressprogram- sorgeuntersuchungen, die von den gesetzlichen Kranken-
me und -kurse wie Autogenes Training, Muskelrelaxation kassen finanziert werden (▶ Tab. 1.1), und um allgemeine
nach Jacobson, Meditation, Achtsamkeitstherapie (MBSR), Check-ups und Zahnvorsorgeuntersuchungen (▶ Tab. 1.2).
Yoga u. a. Auch Schwangerschafts-Vorsorgeuntersuchungen (S. 1144)
●● Arbeitsbelastung und Burnout: Gesetzesinitiative der Bun- sind GKV-finanziert. Hierzu gehören die medizinische Be-
desregierung zur Präventionsförderung, Förderprogram- treuung und die Hebammenbetreuung während der Schwan-
me zur Arbeitsplatzprävention, Arbeitsplatzbegehungen, gerschaft und nach der Entbindung. Zu den konkreten Maß-
je nach Art des Arbeitsplatzes Lärmschutz, Schutz vor nahmen gehören Erkennung und Überwachung von Risiko-
Nässe und Kälte, Pausenregelung u. a. schwangerschaften, Ultraschalldiagnostik, Untersuchung auf
●● Rückenprobleme: spezielle Bewegungsprogramme, Rü- diverse Infektionen, Untersuchung und Beratung der Wöch-
ckenschule, Haltungstrainings, spezifische Sitz- oder Steh- nerin inkl. Stillberatung.
möbel u. a.

Tab. 1.1  Von der gesetzlichen Krankenversicherung finanzierte Vorsorgeuntersuchungen zur Krebsfrüherkennung.

Untersuchungen Zielgruppe Häufigkeit

Genitaluntersuchung auf Gebärmutterhalskrebs Frauen ab 20 Jahren jährlich

Brustuntersuchung Frauen ab 30 Jahren jährlich

Mammografie Frauen von 50 bis 70 Jahren alle 2 Jahre

Prostatauntersuchung und Genitaluntersuchung Männer ab 45 Jahren jährlich

Hautkrebsscreening Männer und Frauen ab 35 Jahren alle 2 Jahre

Test auf verborgenes Blut im Stuhl Männer und Frauen ab 50 Jahren jährlich

2 Darmspiegelungen Männer und Frauen ab 55 Jahren im Abstand von 10 Jahren

Tab. 1.2  Von der gesetzlichen Krankenversicherung finanzierte Gesundheits-Check-ups und Zahnvorsorgeuntersuchungen.

Check-up Zielgruppe Häufigkeit

Gesundheits-Check-up: Ganzkörperuntersuchung mit Blut- Frauen und Männer ab 35 Jahren alle 2 Jahre
druckmessung, Blutproben zur Ermittlung der Blutzucker-
und Cholesterinwerte, Urinuntersuchung, ausführliches
Gespräch mit dem Arzt

Untersuchung auf Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten Kinder von 0 bis 6 Jahren insgesamt 3-mal

Untersuchung auf Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten Kinder und Jugendliche von 6 bis 18 Jahren jährlich

Zahnvorsorgeuntersuchung Frauen und Männer ab 18 Jahren jährlich

18
Gesundheitswissenschaft (Public Health)

Schließlich gehören auch Vorsorgeuntersuchungen bei ren und sog. J-Untersuchungen (Jugendgesundheits-Unter-
Kindern und Jugendlichen zu den Leistungen der Kranken­ suchung) für Mädchen und Jungen bis zum 17. Lebensjahr
kassen. Hierzu zählen 11 sog. U-Untersuchungen für Mäd- (▶ Tab. 1.3). Bei allen pädiatrischen Vorsorgeuntersuchun-
chen und Jungen von der Geburt bis zum Alter von 10 Jah- gen erfolgt eine komplette klinische Untersuchung. Außer-

Tab. 1.3  Pädiatrische Vorsorgeuntersuchungen.

Zeitpunkt Untersuchung besondere Maßnahmen

U1 (Neugebore­ unmittelbar Apgar-Score (Aussehen, Pulsfrequenz, Grimas- Erhebung und Dokumentation von
nen­erstunter­ postpartal sieren, Respiration), Bestimmung des arteriel- Daten zu Schwangerschaft und Geburt,
suchung) len Nabelschnur-pH-Wertes Vitamin-K-Gabe

Neuge­borenen­ < 72. Lebens- Blutabnahme für Neugeborenenscreening,


screening stunde, ggf. zeit­ Vitamin-K-Gabe, Initiierung von Vitamin
gleich mit U2 D, Fluorid und evtl. Jodidprophylaxe; Hör­
screening

U2 (Neugebo- 3.–10. Lebens- körperliche Untersuchung, v. a. Herz, Atmung, ggf. Kontrolle des Hörscreenings
renenuntersu- tag Spontanmotorik, Reflexe und Fehlbildungen
chung)

U3 4.–5. Lebens- körperliche Untersuchung Vitamin-K-Gabe, Sonografie der Hüfte,


woche ggf. Kontrolle des Hörscreenings

U4 3.–4. Lebens- körperliche Untersuchung Impfungen


monat

U5 6.–7. Lebens- v. a. motorische und geistige Entwicklung Impfungen


monat

U6 10.–12. Lebens- v. a. Sinnes- und Sprachentwicklung, Sozial- evtl. Impfungen


monat entwicklung („Fremdeln“)

U7 21.–24. Lebens- v. a. Sinnes- und Sprachentwicklung, Verhal- evtl. Impfungen


monat tensauffälligkeiten

U7a 24.–36. Lebens- v. a. Sinnes- (v. a. Sehvermögen, Schielen) und


monat Sprachentwicklung, Verhaltensauffälligkeiten

U8 46.–48. Lebens- v. a. Verhaltensauffälligkeiten, Sinnesorgane


monat (Hör- und Sehtest), Sprachentwicklung

U9 60.–64. Lebens- v. a. Verhaltensauffälligkeiten, Sprache, Koor- Feststellung der Schulreife, evtl. Imp-
monat dination (Hand-Augen-Koordination) fung

U10 7.–8. Lebensjahr v. a. Entwicklungsstörungen (Lese-Recht- (wird nicht von allen Kassen erstattet)
schreib-Rechen-Störung), Störungen der
motorischen Entwicklung, Verhaltensstörun-
gen (ADHS)

U11 9.–10. Lebens- v. a. Schulleistungsstörungen, Sozialisations- Bewegungs- und Sportförderung


jahr und Verhaltensstörungen, Zahn-, Mund- und (wird nicht von allen Kassen erstattet)
Kieferanomalien, gesundheitsschädigendes
Medienverhalten

J1 10.–14. Lebens- Anamnese (seelische Entwicklung/Verhaltens- Jugendgesundheitsberatung (Sexualbe-


jahr störungen, schulische Leistungen, Rauchen, ratung, Suchtprävention, Gesprächsan-
Alkohol- und Drogenkonsum, chronische gebot bei Problemen und Konflikten)
Erkrankungen); körperliche Untersuchung ggf. Blutuntersuchung (Schilddrüsen-
(v. a. Körpermaße, Pubertätsentwicklung, werte, Cholesterinspiegel)
Blutdruck, Schilddrüse, Skelettsystem) Kontrolle des Impfstatus, ggf. Impfung

J2 16.–17. Lebens- v. a. Pubertäts- und Sexualitätsstörungen, (wird nicht von allen Kassen erstattet)
jahr Haltungsstörungen, Kropfbildung, Diabetes

19
1 Gesundheitslehre versus Krankheitslehre

dem werden Körpergewicht, Größe und Kopfumfang gemes- Gesundheitsförderung beinhaltet daher immer Verhaltens-
sen. Die dabei erhobenen Werte werden in Somatogramme und Verhältnisinterventionen. In diesem Sinne ist Gesund-
übertragen: Dabei handelt es sich um Koordinatensysteme, heitsförderung hauptsächlich Thema der geistes- und sozi-
die sog. Perzentilkurven enthalten. Diese Kurven stellen die alwissenschaftlichen Unterdisziplinen der Gesundheitswis-
Durchschnittswerte für eine bestimmte Altersstufe dar. So senschaften, während die Prävention mehr im Bereich der
kann man sich schnell einen Eindruck verschaffen, ob sich Naturwissenschaften und der Medizin verortet ist. In der
das Wachstum und der Ernährungszustand des Kindes im Praxis ist es nicht immer einfach, die beiden Begriffe sauber
Normbereich bewegen. voneinander zu trennen.
Auch diverse Schutzimpfungen sind Bestandteil des Leis-
tungskatalogs der gesetzlichen Krankenversicherung. Dabei Beispiel  Gesundheitsförderung und Prävention
werden in der Regel die von der STIKO (Ständige Impfkom- zugleich
mission des Robert Koch-Instituts) empfohlenen Impfungen Die Nichtraucherschutzgesetzgebung mit dem Rauchverbot in
(S. 
136) finanziert. Einige Krankenkassen übernehmen öffentlichen Gebäuden (z. B. Gaststätten) ist ein Beispiel dafür,
auch Kosten für bestimmte Reiseimpfungen und sog. In- dass in bestimmten Maßnahmen durchaus beides enthalten sein
dikationsimpfungen (z. B. FSME-Impfung, Influenza u. a.). kann. Mit dem Gesetz ist in erster Linie der Schutz von Nichtrau-
Impfungen sind typische Beispiele für Maßnahmen der Pri- chern vor dem Passivrauchen beabsichtigt. Die Kampagne hat
märprävention. aber durchaus auch einen präventiven Effekt auf Raucher, die an
die schädigende Wirkung des Rauchens erinnert werden und ei-
WISSEN TO GO nen anderen Aufwand erbringen müssen, um zu rauchen. Es wird
ggf. weniger geraucht, das Risiko für Folgeschäden wird verrin-
gert (präventiver Effekt).
Präventionsthemen Ein anderes klassisches Beispiel sind die für jeden frei zugäng-
Aktuelle Präventionsthemen betreffen unter anderem lichen, sogenannten Trimm-dich-Pfade (▶ Abb. 1.5). Es werden
Ernährung, Bewegung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Sportgeräte zur Verfügung gestellt, die jedem ermöglichen, Sport
Stress, Spielsucht, Arbeitsbelastung, aber auch Rückenpro- zu treiben. Auch hier können wieder beide Aspekte gesehen wer-
bleme, Infektionsübertragung und Altern. Hierzu gibt es den: Die Trimm-dich-Pfade animieren zur Bewegung an der fri-
zahlreiche Aufklärungs- und Schulungskampagnen, Vor- schen Luft. Dies stärkt das Immunsystem, die Gesundheit wird
sorgeuntersuchungen (z. B. Krebsfrüherkennung, Gesund- gefördert. Regelmäßige Bewegung hilft aber beispielsweise auch,
heits-Check-ups, Zahnvorsorgeuntersuchungen, U- und Übergewicht zu verhindern, und verringert damit das Risiko, an
J-Untersuchungen bei Kindern) und Impfungen. mit Übergewicht assoziierten Krankheiten zu erkranken.

Abb. 1.5 T
 rimm-dich-Pfad.
1.2.3  Gesundheitsförderung
Ist die Prävention doch eher krankheitsorientiert, so ist die
Gesundheitsförderung ausschließlich ressourcenorientiert.
Einen Überblick über die daraus resultierenden unter-
schiedlichen Perspektiven gibt ▶ Tab. 1.4.

Definition  Gesundheitsförderung
Gesundheitsförderung umfasst Maßnahmen, die zum Ziel haben,
Gesundheit zu fördern bzw. zu erhalten.

Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht werden darun-


ter primär Veränderungen sozialer, ökologischer und öko-
nomischer Rahmenbedingungen verstanden, die dazu
beitragen, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern.

Tab. 1.4  Unterschiedliche Perspektiven von Prävention und


Gesundheitsförderung.
Gesundheitsförderung hat in den vergangenen Jahren an
Prävention Gesundheitsförderung Bedeutung gewonnen. Fragen Sie einmal Ihre Eltern nach
der Einstellung der Gesellschaft zu Nikotin und Alkohol in
Strate- bestimmte Krank- Gesundheit und Wohl- der Zeit, als sie jung waren. Sie werden erstaunt sein, wie
gie heiten vermeiden befinden steigern und deutlich sorgloser man damals mit diesen Phänomenen um-
erhalten gegangen ist. Und auch noch vor 8 bis 9 Jahren erschien es
völlig normal, dass in Restaurants, Zügen, Krankenhäusern
Ansatz pathogenetisches salutogenetisches Wirk- und anderen öffentlichen Räumen geraucht wurde.
Wirkprinzip, setzt prinzip der Entstehung International hat die WHO das Thema Gesundheitsför-
an den Risikofakto- von Gesundheit, setzt derung vorangetrieben und diverse Programme und Kon-
ren an an den Ressourcen und
ferenzen zu diesem Thema initiiert. 1986 wurde in Ottawa
Schutzfaktoren an
die Charta zur Gesundheitsförderung der WHO verfasst.
Sie verfolgt das Ziel, dass jeder Mensch seine Gesundheit
Ziel- gesunde Menschen Menschen ganz allge-
selbstbestimmt fördern kann (Verhaltensintervention). Je-
gruppe mit Risikofaktoren mein, ohne in Gesunde
der Mensch soll ebenfalls in der Lage sein, seine Bedürfnis-
und Kranke einzuteilen
se wahrzunehmen und die Lebensumstände zu verändern

20
Und dennoch ein Buch über Krankheitslehre?

(Verhältnisintervention), damit die gesundheitlichen Chan-


cen steigen. In der Charta wird Gesundheit wie folgt beschrie- WISSEN TO GO
ben:

Aufgabe der Pflege zwischen Gesundheit und Krankheit


Definition  Gesundheit (WHO-Charta)
„Gesundheit ist als wesentlicher Bestandteil des alltäglichen Le- Pflegende finden nach wie vor ihr Hauptbetätigungsfeld
bens zu verstehen und nicht als vorrangiges Lebensziel. Gesund- im kurativen Bereich. Dort eröffnet sich ihnen die Mög-
heit steht für ein positives Konzept, das die Bedeutung sozialer lichkeit, im Sinne der Ressourcenaktivierung gesundheits-
und individueller Ressourcen für die Gesundheit ebenso betont fördernd tätig zu sein. Darüber hinaus ergeben sich aber
wie die körperlichen Fähigkeiten.“ auch immer häufiger Betätigungsfelder im primär prä-
ventiven und gesundheitsfördernden Bereich, z. B. als
Mit der Selbstbestimmung sowie dem Erkennen und Nut- Schulpflegekräfte, in der betrieblichen Gesundheitsförde-
zen der eigenen Ressourcen schließt sich in dieser Definition rung, bei Gesundheits- und Krankenkassen.
wieder der Kreis zum Gesundheitsverständnis der Pflegen-
den, für die Gesundheitsförderung bedeutet, präventiv tätig
zu sein, aber auch in jeder Situation gemeinsam mit dem ih-
nen anvertrauten Menschen dessen individuelle Ressourcen
1.3  Und dennoch ein Buch über
zu erkennen und zu fördern. Krankheitslehre?
Ja – die Inhalte dieses Buches sind primär krankheitsori-
WISSEN TO GO
entiert! Warum? Weil sich die Ausbildung in der Gesund-
heits- und Krankenpflege und auch die Tätigkeit der so Aus-
Gesundheitsförderung gebildeten nach wie vor hauptsächlich in Krankenhäusern
abspielt, in denen Krankheiten eine zentrale Rolle spielen.
Gesundheitsförderung hat zum Ziel, Gesundheit zu erhal-
Sicher lernen und arbeiten können Pflegende dort nur, wenn
ten. Aus gesundheitswissenschaftlicher Sicht geht es dabei
sie Grundwissen über Krankheiten haben und spezielles
primär um die Veränderung gesellschaftlicher Rahmenbe-
Wissen nachlesen können.
dingungen, um gesundheitsförderndes Verhalten zu er-
Kenntnisse über Krankheiten helfen beim Beobachten, bei
möglichen. International treibt die WHO die Gesundheits-
der Beratung (auch bei der Präventivberatung), im Gespräch.
förderung voran. In ihrer Charta zur Gesundheitsförderung
Medizinisches Wissen über Krankheiten ist eine Teilvor­
von 1986 (Ottawa-Charta) betont sie die Bedeutung der
aussetzung dafür, dem Betroffenen kompetent zu begeg-
sozialen und individuellen Ressourcen zum Erhalten der
nen und professionell mit ihm zu arbeiten. Symptome von
Gesundheit und erweitert damit das Spektrum der Ge-
Krankheiten können wichtige Beobachtungskriterien sein,
sundheitsförderung auf die persönlichen Möglichkeiten
Ursachen von Krankheiten können Gegenstand präventiver
des Individuums. Hier setzt Gesundheitsförderung in der
Beratung sein – wenn ich weiß, was die Erkrankung ver-
Pflege an.
ursacht, weiß ich auch, wie ich sie theoretisch verhindern
könnte. Dieses theoretische Wissen in der Praxis für den in-
1.2.4  Aufgabe der Pflegenden dividuellen Patienten zu nutzen, mit dem Betroffenen seine
individuellen Ressourcen zum Erhalt oder Wiedererlangen
Die meisten Pflegenden finden nach wie vor ihr Betätigungs- seiner „Gesundheit“ zu entdecken und auszuschöpfen, ist
feld im kurativen Bereich. Als diejenigen, die meist den bes- zentraler Teil der pflegenden Tätigkeit.
ten Einblick in das individuelle Leben der Patienten haben, Die medizinischen Grundlagen dazu soll dieses Buch
haben sie auch die besten Möglichkeiten, mit ihnen deren liefern. Es sind medizinisch-wissenschaftlich fundierte Er-
gesundheitsfördernde Ressourcen zu entdecken und zu ak- kenntnisse über Krankheiten, die das subjektive Empfinden
tivieren, und sind wertvolle Schnittstellen und Manager im des Betroffenen unter Umständen wesentlich beeinflussen
multidisziplinären Versorgungsansatz. Sie können Patienten können und den Pflegenden helfen können, die individuel-
auf geeignete Präventionskampagnen aufmerksam machen, le Situation des Patienten in ihrer Komplexität leichter zu
ihnen Zugang dazu verschaffen, sie können sie präventiv erfassen. Nicht zuletzt ist das medizinische Wissen auch
beraten und ihre gesundheitsfördernden Ressourcen entde- gemeinsame Basis der interdisziplinären Zusammenarbeit.
cken und aktivieren.
Durch die zunehmende gesellschaftliche Bedeutung der Ge-
sundheitswissenschaften können sich für Pflegende aber auch WISSEN TO GO
neue Tätigkeitsbereiche ergeben. So wird inzwischen immer
konkreter über das Modell von „Schulpflegekräften“ nachge- Krankheitslehre für Pflege
dacht, die für die Gesundheitsförderung und Prävention an
den Schulen zuständig sind. Mögliche Aufgabengebiete sind Die Ressourcenorientierung ist eine der wichtigsten Auf-
Durchführung von Sexualkundeunterricht, Entwickeln ent- gaben der Pflege. Wissen über Krankheiten ist dabei eine
sprechender Gesundheitsförderungsinterventionen für ver- wesentliche Grundlage pflegerischer Arbeit, insbesondere
schiedene Altersgruppen, Implementierung entsprechender im Krankenhaus.
Präventionskampagnen an allgemeinbildenden Schulen. Auch Wissenschaftlich fundierte medizinische Fakten, die
in Betrieben werden oft Pflegende gesucht, die im Rahmen Auskunft darüber geben, welche Symptome, Sorgen und
der betrieblichen Gesundheitsförderung mitarbeiten. Ebenso Ängste das subjektive Empfinden des Patienten bei einer
können Gesundheits- und Krankenkassen zukünftige Arbeit- bestimmten Erkrankung ggf. beeinflussen, können helfen,
geber für Pflegekräfte sein, bei denen sie an der Entwicklung seine individuelle Situation in ihrer Komplexität leichter
von Präventionskampagnen und ihrer Umsetzung arbeiten. und schneller zu erfassen.
Symptome können Beobachtungskriterien sein, Krank-
heitsursachen können Hinweise auf präventive Maßnah-
men geben.
21
2 Allgemeine Krankheitslehre

2 Allgemeine
Krankheitslehre

2.2  Einteilung und Klassifi­


kation von Krankheiten
2.1  Definition und Bedeutung Die große Anzahl heute bekannter Krankheiten kann nach
unterschiedlichen Kriterien klassifiziert werden. Krankhei-
Definition  Krankheitslehre ten können bestimmten klinischen Fachbereichen, wie z. B.
Die Krankheitslehre beschreibt, systematisiert und klassifiziert
Innere Medizin, Chirurgie, Pädiatrie, zugeordnet werden,
Krankheiten.
oder auch den verschiedenen Organen bzw. Organsystemen.
Wenn man verstanden hat, wie ein Organ oder Organsystem
Die Systematik der modernen medizinischen Krankheits-
anatomisch und physiologisch „normal“ funktioniert, sind
lehre ruht auf 3 Säulen:
es oft nur wenige Gedankengänge mehr, um zu verstehen,
1. auf Krankheitskriterien, die auf der unmittelbaren ärztli-
was bei welcher Krankheit anders funktioniert. Aus diesem
chen Erfahrungsebene beschreibbar sind,
Grund werden wir in diesem Lehrwerk die Krankheiten im
2. auf der Konzeption des menschlichen Organismus als ei-
Teil 2 überwiegend eingeteilt nach Organen bzw. Organsys-
nes bio-psycho-sozialen Systems, in dem Prozesse statt-
temen beschreiben.
finden, die von definierten ersten Krankheitsursachen
Viele Erkrankungsprinzipien betreffen aber nicht nur ein-
ausgehen, sich in einer pathogenetischen Kettenreaktion
zelne Funktions- oder Organsysteme, sondern können sich
im Organismus ausbreiten und dabei zu pathologischen,
in nahezu allen Systemen manifestieren. Hierzu gehören
also „krankhaften“ Manifestationen führen,
unter anderem die Tumorerkrankungen, Fehlfunktionen des
3. auf der klinischen Erfahrung, dass Krankheitsprozesse
Immunsystems und auch die Infektionserkrankungen. Ent-
nicht beliebig unterschiedlich verlaufen, sondern Typen
sprechend sind auch die Therapieansätze bei diesen Erkran-
und Muster bilden, die sich in einem System aus definier-
kungen systemübergreifend, die Medikamente kommen bei
ten Krankheitseinheiten ordnen lassen.
der Behandlung sehr vieler verschiedener Erkrankungen
zum Einsatz. Ähnliches gilt auch für den Schmerz, der zwar
Systematik und Klassifikation von Krankheiten ist Wissens-
kein eigenständiges Erkrankungsprinzip repräsentiert, aber
basis aller, die im Gesundheitssystem mit gesunden und
bei vielen Erkrankungen als Symptom vorhanden ist und oft
kranken Menschen arbeiten. Wenn alle unter demselben
sogar im Vordergrund steht. Diese wichtigen übergreifenden
Begriff dasselbe verstehen, hilft dies enorm, im Sinne des
Themen sind in den übergreifenden Grundlagenkapiteln 4
Patienten zusammenzuarbeiten.
bis 7 zusammengestellt, damit Sie sich einen guten Über-
blick verschaffen und vor allem die Informationen zu den

Wir wissen, wovon wir reden! verschiedenen Therapiemöglichkeiten rasch finden können.
Krankheiten können auch noch nach vielen anderen Kri-
terien klassifiziert werden, z. B. in welchem Lebensalter sie

22
Medizinische Systematik der Krankheitsbeschreibung

häufig auftreten, wie beeinträchtigend sie potenziell für das Abb. 2.1Begrifflichkeiten bei der Krankheitsbeschreibung.
Leben des Betroffenen sind, und nach vielen anderen Krite-
rien. Eine wichtige Klassifikation ist die sog. ICD-10-Klassifi-
kation („international classification of diseases“, sie liegt ak-
tuell in der Version 10 vor). Diese international verwendete
Klassifikation von Krankheiten und Diagnosen liegt auch
dem sog. DRG-System („disease related groups“) zugrunde,
das die deutschen Krankenhäuser zur Abrechnung nutzen. BEGRIFFE ZUR BESCHREIBUNG VON KRANKHEITEN
Begriff Welche Frage wird beantwortet?
2.3  Medizinische Systematik
der Krankheitsbeschreibung Definition Was ist das?

Krankheiten werden in der Regel durch die in ▶ Abb. 2.1 ge- Was passiert da im Menschen/
Pathophysiologie
nannten gängigen Begriffe beschrieben. im menschlichen Organismus?

Welche Faktoren führen zu den


2.3.1  Definition Ätiologie krankhaften Veränderungen?

Die Definition liefert eine möglichst eindeutige und den-


noch kurz gefasste Begriffsbestimmung und Abgrenzung Symptome Was spürt der Mensch?
gegenüber anderen Krankheiten.
Diagnose Was kann objektiv festgestellt werden?
2.3.2  Pathophysiologie
Die Pathophysiologie beschreibt, was bei einer bestimmten
Erkrankung im Körper „pathologisch“, also krankhaft ab-
Differenzialdiagnose ? Was könnte noch dahinterstecken?

läuft, und wie diese Prozesse funktionieren. Dabei gibt es


Veränderungsprozesse, die auf bestimmte Organe begrenzt Therapie Wie kann behandelt werden? Was hilft?
sind, und solche, die sich „generalisiert“ organunabhängig
in fast allen Zellen und Geweben abspielen können. Diese
Pathomechanismen, zu denen z. B. Durchblutungsstörun- Komplikationen Was kann noch passieren?
gen, Entzündungen oder Tumorbildung gehören, werden im
▶ Kap. 2.4 näher besprochen. Wie groß sind die Chancen
Prognose
Unter dem Begriff Ätiologie werden Ursachen und aus- auf Besserung/Heilung?
lösende Faktoren einer Erkrankung sowie die Wirkung von
Risikofaktoren zusammengefasst (▶ Abb. 2.2). Die Ursache
einer Erkrankung im engeren Sinne ist dabei der Faktor, der
letztlich die Krankheit auslöst, z. B. eine mechanische Kraft- ●● ernährungsbedingte Einflüsse wie erhöhte Blutfettwerte
einwirkung bei einem Sturz, die zum Knochenbruch führt. durch regelmäßigen Genuss großer Mengen tierischer Fet-
Sogenannte Risikofaktoren beeinflussen den Organismus te oder Eisenmangel bei strengen Vegetariern
ungünstig, v. a. in Kombination miteinander, und erhöhen ●● Strahlenbelastung, z. B. Sonnenbrand

die Wahrscheinlichkeit, dass eine Ursache ihre Wirkung ent-


falten kann und eine Krankheit auftritt. Man unterscheidet Beispiel  Disposition und Risikofaktoren in Kombi-
sog. innere und äußere Faktoren. nation
Zu den inneren (endogenen) Faktoren zählen sog. Dispo- Sind z. B. Verwandte ersten Grades an Brustkrebs erkrankt, be-
sitionen. Eine Disposition ist eine individuelle Anfälligkeit steht eine genetische Disposition und damit ein Risikofaktor,
für bestimmte Erkrankungen. Es gibt unterschiedliche Dis- ebenfalls an Brustkrebs zu erkranken. Zusätzliche Risikofaktoren
positionen, die wichtigsten sind: für Brustkrebs können durch Kinderlosigkeit, Rauchen, Strahlen-
●● altersbedingte Dispositionen: Alte Menschen erkranken belastung etc. entstehen.
z. B. häufiger als junge Menschen an „Verschleißkrankhei- Ein weiteres bekanntes Beispiel sind kardiovaskuläre Erkran-
ten“ wie etwa Gelenkarthrose, kleine Kinder erkranken kungen. Hier besteht ebenfalls eine gewisse genetische Disposi-
häufiger an Infektionskrankheiten als Jugendliche oder tion als Risikofaktor. Zusätzlich spielen Bluthochdruck, Diabetes,
Erwachsene. hohe Cholesterinwerte, Rauchen etc. eine Rolle als Risikofaktoren.
●● geschlechtsbedingte Dispositionen: Frauen erkranken z. B.
häufiger an Gallensteinleiden als Männer. Merken  Primäre und sekundäre Ursachen
●● genetische Dispositionen: Beispielsweise ist die Wahr-
Eine primäre Ursache liegt in dem betroffenen Organsystem
scheinlichkeit, an Diabetes mellitus zu erkranken, höher, selbst, eine sekundäre Ursache liegt außerhalb des betroffenen
wenn bereits ein Elternteil daran erkrankt ist. Organsystems. Im letzteren Fall ist die Organerkrankung eine Fol-
ge einer an anderer Stelle lokalisierten oder einer generalisierten
Zu den äußeren (exogenen) Faktoren gehören: Störung und daher sekundär.
●● Krankheitserreger wie Bakterien, Viren, Pilze
●● thermische Einflüsse wie Verbrennungen
●● mechanische Einflüsse wie Knochenbruch durch Sturz
Merken  Essenziell und idiopathisch
Wenn die Ursache einer Erkrankung nicht bekannt ist, wird dies
mit den Bezeichnungen essenziell oder idiopathisch beschrieben.

23
2 Allgemeine Krankheitslehre

Abb. 2.2Krankheitsätiologie. 2.3.4  Diagnose und Differenzial­


Krankheitserreger thermische Einwirkungen diagnose
(z.B. Hitze, Kälte) Die Diagnose ist die genaue Zuordnung von Symptomen und
Befunden zu einem bestimmten Krankheitsbegriff. Man un-
terscheidet dabei gesicherte Diagnosen von Verdachtsdiag-
nosen.
Wird von einer gesicherten Diagnose gesprochen, können
innere Faktoren (Dispositionen) die Symptome und Befunde mit der in der Medizin größt-
•genetische Veranlagung möglichen Sicherheit einem Krankheitsbild zugeordnet
•Geschlecht werden. „Mit der in der Medizin größtmöglichen Sicher-
•Alter heit“ bedeutet, dass selbst gesichert erscheinende Diagno-
sen im Verlauf immer wieder überprüft/hinterfragt werden
und ggf. Korrekturen vorgenommen werden müssen. Bei
einer sog. Verdachtsdiagnose besteht der Verdacht, dass
eine bestimmte Erkrankung vorliegt. Es werden meist noch
weitere Untersuchungen benötigt, um die sichere Diagno-
gesundheitsschädli- se stellen zu können. Zum Beispiel werden Patienten häu-
che Lebensformen fig mit Verdachtsdiagnosen, die sich aus der Symptomatik
und Bedingungen und der Anamnese beim niedergelassenen Arzt ergeben, zur
(z.B. schlechte mechanische
diagnostischen Abklärung in die Klinik eingewiesen (z. B.
Ernährung, Stress, Einwirkungen
„Patient mit V. a. Herzmuskelentzündung“). Unter einer Aus-
Strahlenbelastung (z.B. Druck,
Scherkräfte) schlussdiagnose versteht man eine Diagnose, die erst dann
u.a.)
gestellt wird, wenn alle anderen möglichen Diagnosen aus-
geschlossen wurden. Ein typisches Beispiel ist die Diagno-
Beispiele für äußere und innere Ursachen und Risikofaktoren.
se eines Reizdarmsyndroms. Neben bestimmten klinischen
Kriterien, die erfüllt sein müssen, ist für diese Diagnosestel-
Blitzlicht Pflege  Risikofaktoren lung auch der Ausschluss anderer möglicher Darmerkran-
Risikofaktoren für das Auftreten von Erkrankungen zu kennen kungen erforderlich.
hilft dabei, die Patienten fachgerecht zu beraten, wenn es um das Differenzialdiagnosen sind alle Diagnosen, die sich mög-
Vermeiden von Krankheiten geht. licherweise auch hinter den vorliegenden Symptomen ver-
bergen könnten. So kann ein stechender Schmerz in der
Die sog. Epidemiologie beschäftigt sich mit der Verbreitung Brust bedeuten, dass ein Herzinfarkt vorliegt, er kann aber
einer Erkrankung in einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. auch Ausdruck einer Nervenreizung durch Veränderungen
Epidemiologische Daten geben z. B. an, wie viele Personen im Bereich der Halswirbelsäule sein, oder eine Lungener-
zu einem gewissen Beobachtungszeitpunkt an einer be- krankung etc. kann Ursache sein.
stimmten Krankheit erkrankt sind.
Blitzlicht Pflege  Pflegediagnose
Neben der ärztlichen Diagnose gibt es auch sog. Pflegediagno-
2.3.3  Symptome sen. Pflegende diagnostizieren keine Erkrankungen, Pflegende
Symptome sind die für eine Erkrankung typischen Krank- diagnostizieren den Pflegebedarf von Patienten. Seit geraumer
heitszeichen. Viele Krankheiten besitzen ein sog. Leitsymp- Zeit gibt es internationale Bemühungen, Pflegediagnosen ähnlich
tom. Darunter versteht man ein für das bestimmte Krank- wie medizinische Diagnosen allgemein gültig zu formulieren. Alle
heitsbild ganz typisches und bedeutsames Symptom, das Pflegenden sollen unter einer bestimmten Formulierung das Glei-
dem Arzt wichtige Hinweise zur Diagnosefindung gibt. che verstehen können. Am weitesten fortgeschritten ist dabei die
Beispiele sind hohes Fieber bei bakterieller Hirnhautent- Entwicklung der Pflegediagnosen nach NANDA (North American
zündung bei Kindern, Rückenschmerzen bei einem akuten Nursing Diagnosis Association – Nordamerikanische Pflegediag-
Bandscheibenvorfall, Schmerzen und Engegefühl in der nosenvereinigung).
Brust beim akuten Herzinfarkt.
Unter einem Syndrom versteht man das gleichzeitige Auf- Der Begriff „Diagnostik“ ist vom Begriff „Diagnose“ abzugren-
treten verschiedener Symptome, die immer in dieser typi- zen. Dahinter verbergen sich alle Verfahren, die dazu beitra-
schen Kombination auftreten. Man spricht auch von einem gen, herauszufinden, um welche Erkrankung es sich handelt.
Symptomenkomplex.
Blitzlicht Pflege  Medizinische Diagnostik
Blitzlicht Pflege  Symptome Pflegende wirken bei der medizinischen Diagnostik häufig mit.
Viele Symptome, insbesondere Leitsymptome, sind wichtige Be- Es ist daher hilfreich, sich einen Überblick über die zahlreichen
obachtungskriterien in der Pflege. Gerade im klinischen Bereich diagnostischen Verfahren zu verschaffen. Sie sind allgemein im
sind es meist Pflegende, die das Auftreten oder die Veränderung ▶ Kap. 2.5 aufgeführt und erläutert.
eines Symptoms zuerst bemerken. Es ist daher gut, wichtige Sym-
ptome von Krankheiten zu kennen und sie bewerten zu können.
Das gibt nicht nur den Pflegenden selbst, sondern auch den ih-
nen anvertrauten Menschen Sicherheit, da dieses Wissen hilft, in
möglicherweise lebensbedrohlichen Situationen richtig zu reagie-
ren.

24
Medizinische Systematik der Krankheitsbeschreibung

2.3.5  Prognose Ein häufig zur Prognose von bösartigen Tumorerkrankun-


gen verwendeter prognostischer Wert ist die sog. 5-Jahres-
Unter der Prognose versteht man die Vorhersage, wie die Überlebensrate. Sie besagt, wie viel Prozent einer Patienten-
Krankheit in der Regel verläuft, wie lange sie dauert und wie gruppe nach 5 Jahren noch lebten.
groß die Chancen auf Besserung und Heilung sind. Sie kann
auch Auskunft darüber geben, ob eine Erkrankung akut oder
chronisch verläuft. Bezüglich der Prognose gibt es bei vielen 2.3.6  Therapie
Krankheiten statistische Werte, die zur Orientierung dienen Therapie bezeichnet Maßnahmen zur Behandlung einer
können. Aber natürlich sagen diese Zahlen nicht unbedingt Krankheit. Grundlegende Informationen hierzu finden sich
zwingend voraus, wie die Erkrankung bei jedem individuel- im ▶ Kap. 2.6.
len Patienten verlaufen wird.

Abb. 2.3Krankheitsaspekte.

Therapie

Befunde und Antibiotika u.a


Diagnose

Beispiel allgemein

Verschattungen
im Röntgenbild,
Pneumokokken-
nachweis im
Sputum KRANKHEITSASPEKTE
AUS MEDIZINISCHER
SICHT

Röntgenthorax, Husten, Fieber,


Sputum, Blutkulturen, Auswurf,
Diagnostik Fieber messen Abgeschlagenheit Symptome

Lungenentzündung

Verdachtsdiagnose

? ? ?
Aspekte einer Krankheit aus medizinischer Sicht. Im äußeren Ring sind die allgemeinen Begriffe genannt, im inneren Ring sind sie am
Beispiel einer Lungenentzündung ausgeführt.

25
2 Allgemeine Krankheitslehre

6. Krankhafte Prozesse des Immunsystems (Immunpatholo-


WISSEN TO GO gie) mit Ausprägung an unterschiedlichen Organen.
7. Mögliche Folgen von Gewebeschädigungen wie z. B. Blu-
tung und Schmerz.
Krankheitslehre
Die Krankheitslehre beschreibt, systematisiert und klassifi-
ziert Krankheiten. Die Klassifikation von Krankheiten kann
WISSEN TO GO
unter anderem nach verschiedenen Organen/Organsyste-
men oder bestimmten klinischen Fachbereichen, wie z. B. Grundlegende Pathomechanismen
Innere Medizin oder Chirurgie usw. geschehen. Die sog.
Die wichtigsten pathologischen Prozesse an Zellen und Ge-
ICD-10-Klassifikation ist eine international gültige Syste-
weben sind:
matik von Krankheiten und Diagnosen, an der sich auch
1. Anpassungsreaktionen von Geweben auf veränderte
die DRG-Finanzierung orientiert.
Umweltbedingungen, z. B. Hyperplasie, Hypertrophie,
Krankheiten werden i. d. R. durch bestimmte Begriffe
Atrophie
beschrieben: Definition, Pathophysiologie, Ätiologie (Ursa-
2. Angeborene Entwicklungsstörungen, z.  B. Agenesie,
chen und Risikofaktoren), Epidemiologie, Symptome, Di-
Hypoplasie
agnose und Differenzialdiagnose, Therapie und Prognose.
3. Schädigungen durch innere pathologische Prozesse wie
z. B. Entzündung, Durchblutungsstörung u. a.
▶ Abb. 2.3 zeigt in einer Übersicht noch einmal die wichtigs- 4. Schädigungen durch äußere Einwirkungen wie z. B. Ver-
ten medizinischen Aspekte einer Krankheit vom Symptom letzungen
bis zur Therapie. 5. Tumorentstehung
6. Störungen in der Funktionsweise des Immunsystems
(Immunpathologie)
2.4  Krankhafte Veränderungen 7. Folgen von Gewebeschädigungen wie z. B. Schmerz,
in Gewebe und Organismus Blutung

Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Erkrankungsprinzi-


pien, sog. Pathomechanismen. Derselbe Pathomechanismus 2.4.1  Anpassungsreaktionen von
kann an verschiedenen Organen zu entsprechenden Krank-
heiten führen. So gibt es z. B. Entzündungen am Herzen
Gewebe
(Myokarditis), aber auch an der Gallenblase (Cholezystitis), Der menschliche Körper ist in der Lage, sich an veränderte
es gibt Gefäßverschlüsse im Gehirn (Schlaganfall/Apoplex) Umweltbedingungen anzupassen. Auch Zellen und Gewe-
ebenso wie am Herzen (Herzinfarkt). Im Folgenden finden be passen sich an, wenn z. B. dauerhaft mehr oder weniger
Sie wichtige organübergreifende Pathomechanismen von Leistung von ihnen verlangt wird, wenn dauerhaft toxische
Zellen und Geweben. Stoffe auf sie einwirken oder wenn Zellen zerstört werden
und erneuert werden müssen.

Den vielfältigen Erkrankungen Hyperplasie, Hypertrophie, Atrophie


liegen nur wenige Pathomecha­ Bei einer stärkeren Beanspruchung nimmt entweder die An-
zahl der Zellen eines Gewebeverbandes oder die Größe der
nismen zugrunde. Zellen zu. Das Gewebe bzw. Organ wächst oder wird dicker.
Bei einer geringeren Beanspruchung schrumpft es hingegen.
Beim Schrumpfen spricht man von Atrophie und versteht
Der gleiche Mechanismus kann an verschiedenen Organen ab- darunter eine Verkleinerung und Funktionsminderung von
laufen. Je nach Organ führt dies zu unterschiedlichen Folgen. Zellen/Gewebe/Organ. Eine Vermehrung der Anzahl der
Die wichtigsten pathologischen Prozesse kann man ganz grob
wie folgt einteilen:
1. Anpassungsreaktionen von Zellen und Geweben auf (ver-
Abb. 2.4Anpassungsreaktionen von Zellen.
änderte) Umweltbedingungen. Dazu gehören zelluläre
Veränderungen wie Hyperplasie, Hypertrophie, Atrophie, Hypertrophie
Metaplasie, Dysplasie, Regeneration, Reparation und De-
generation.
2. Angeborene Entwicklungsstörungen von Zellen und Ge-
weben (Agenesie, Aplasie, Hypoplasie).
3. Zellen- und Gewebeschädigung durch innere Prozesse
wie Entzündung, Durchblutungsstörung, Fibrose, Skle-
rose und Ablagerungen. Auch Infektionen durch Mikro-
organismen, die entweder bereits im Körper vorhanden Atrophie
sind oder von außen eindringen, führen über Entzün- Ausgangszustand
dungsmechanismen zu Zell- und Gewebeschädigung.
4. Zellen- und Gewebeschädigungen durch Gewalteinwir-
kung von außen = Verletzungen. Hyperplasie
5. Neuwachstum von Zellen und Geweben (Tumorentste-
hung). Atrophie, Hypertrophie, Hyperplasie. Nach Krams et al., Kurzlehrbuch
Pathologie, Thieme, 2013

26
Krankhafte Veränderungen in Gewebe und Organismus

Funktionszellen eines Organs bezeichnet man als Hyperpla- Abb. 2.5Entwicklung vom Normalgewebe zur Malignität.
sie, ihre Vergrößerung als Hypertrophie.
Hyperplasie und Hypertrophie können sowohl unter
physiologischen (normalen) als auch unter pathologischen
(krankhaften) Bedingungen stattfinden: Während der
Wundheilung z. B. wird das Bindegewebe zum Wachstum
angeregt (Hyperplasie). Wenn man Krafttraining betreibt,
nehmen die beanspruchten Muskeln an Zellvolumen zu
(Hypertrophie), im Falle einer Bettlägerigkeit oder langer
Ruhigstellung einer Extremität im Gipsverband werden die
Muskelzellen hingegen kleiner (Atrophie). Metaplasie

Metaplasie, Dysplasie und Präkanzerose


Eine weitere Form der Anpassung ist die Metaplasie: In Re-
aktion auf veränderte Umgebungsbedingungen wandelt sich
ein Zelltyp in einen anderen um. Typisches Beispiel hierfür
ist die Veränderung des Speiseröhrenepithels bei chroni- Dysplasie
schem Reflux (Rückfluss) von Magensaft: Das normalerwei- (Präkanzerose)
se vorhandene Plattenepithel wandelt sich in ein zylindri-
sches Epithel um (sog. Barrett-Ösophagus). Dieser Prozess
ist grundsätzlich reversibel (umkehrbar), birgt jedoch im-
mer auch das Risiko der Entstehung von malignen Zellen (=
unkontrolliert wachsende Tumorzellen), wenn dabei Fehler
in der Zellausstattung passieren.
Bei der Dysplasie weisen die Zellen erste krankhafte Ver- Karzinom
änderungen auf. Die Zellkerne sind deutlich verändert, und
die Zellteilungsprozesse weisen Störungen auf. Dies sind
erste Hinweise auf ein malignes (bösartiges) Potenzial einer
Zelle.
Unter einer Präkanzerose versteht man dysplastische
Veränderungen in Geweben, die in ein Tumorwachstum
münden können. Dabei unterscheidet man Präkanzerosen,
die bei fehlender rechtzeitiger Behandlung immer bösartig Die verschiedenen Stufen der Entwicklung vom Normalgewebe
entarten, und solche, die entarten können. ▶ Abb. 2.5 zeigt zur Malignität: Metaplasie, Dysplasie, Karzinom.
schematisch die Entwicklung vom Normalgewebe zur Mali-
gnität. Näheres siehe Kap. 4, „Grundlagen zu Tumorerkran-
Bei allen vorangehend beschriebenen Situationen handelt
kungen“ (S. 75).
es sich um reaktive Abläufe in Geweben bzw. Organen, die
vorher – wenn auch in einem anderen Zustand – bereits vor-
Regeneration, Reparation und handen waren. Man spricht in diesem Zusammenhang auch
Degeneration von „erworbenen“ Veränderungen.
Demgegenüber sind die nachfolgend beschriebenen Pro-
Bei der Regeneration wird zugrunde gegangenes Gewebe
zesse angeborene Entwicklungsstörungen, d. h., sie spielen
durch funktionsfähiges neues Gewebe ersetzt. Die Rege-
sich bereits während der Embryonalentwicklung im Mut-
nerationsrate ist bei den verschiedenen Organen/Organ-
terleib ab und werden dementsprechend „mit auf die Welt
systemen völlig unterschiedlich. Während z. B. das Blut ein
gebracht“: Ausnahme ist die Dysplasie. Dysplastische Verän-
Organsystem ist, dessen Zellen eine vergleichsweise gerin-
derungen können erworben und angeboren sein.
ge Lebensdauer mit hoher Regenerationsrate haben, teilen
und regenerieren sich Zellen des Nervensystems kaum. Die
Regenerationsfähigkeit des Gewebes nimmt mit zunehmen- WISSEN TO GO
dem Alter ab. Eine „kleiner Kratzer“ vom Spielen bei einem
Kind heilt aus diesem Grund meist deutlich schneller als
Anpassungsreaktionen von Geweben
eine kleine Hautverletzung bei einem alten Menschen.
Bei der Reparation wird zugrunde gegangenes Gewebe Der menschliche Körper ist in der Lage, sich an veränder-
durch minderwertiges Gewebe, meist Bindegewebe, ersetzt. te Umweltbedingungen anzupassen. Dabei können sich
Typisches Beispiel ist die Narbenbildung nach Verletzungen Zellgröße, Zellaufbau und ganze Gewebe verändern. Man
oder Operationen. Regeneration und Reparation spielen eine unterscheidet:
besonders große Rolle bei Knochenfrakturen und Wundhei- ●● Veränderung der Größe oder Anzahl von Zellen und Ge-
lung. weben, insbesondere:
Bei der Degeneration im heutigen Sprachgebrauch ist die ––Atrophie: Verkleinerung und Funktionsminderung
Regenerationsfähigkeit weitestgehend verloren. Degenerati- von Zellen/Gewebe/Organ durch geringere Beanspru-
on steht in den meisten Fällen für den Abbau und Funktions- chung,
verlust von Gewebe und Organen. Die Ursache sind meist ––Hyperplasie: Vermehrung der Anzahl der Funktions-
chronische Belastungen. Im Alter kommt es sehr häufig zu zellen eines Organs und
degenerativen Veränderungen in diesem Sinne. Man spricht ––Hypertrophie: Vergrößerung der Funktionszellen ei-
umgangssprachlich auch oft von „Verschleißerscheinungen“. nes Organs.

27
2 Allgemeine Krankheitslehre

andere Ursachen von Entzündungen. Die häufigsten Entzün-


●● Veränderungen des Zellaufbaus: dungsursachen sind:
––Metaplasie: Ein Zelltyp wandelt sich in einen anderen ●● infektiös (Mikroorganismen)
um. ●● immunologisch (übermäßige oder „falsche“ Reaktion des
––Dysplasie: erste krankhafte Veränderungen mit ge- Immunsystems), siehe auch Grundlagen des Immunsys-
störter Zellteilung. tems (S. 98)
––Präkanzerose: dysplastische Veränderungen in Gewe- ●● physikalisch/chemisch (durch entsprechende äußere Reize)
ben, die in ein Tumorwachstum münden oder münden
können. Zeichen einer Entzündung • Sie sind je nach betroffenem Ge-
●● Neuentstehung bzw. Abbau von Gewebe: webe/Organ unterschiedlich ausgeprägt. Die wichtigsten
––Regeneration: Ersetzen von zugrunde gegangenem Leitsymptome sind:
Gewebe durch funktionsfähiges neues Gewebe. ●● Rötung (Rubor)
––Reparation: Ersetzen von zugrunde gegangenem Ge- ●● Wärme (Calor)
webe durch minderwertiges Gewebe, meist Bindege- ●● Schwellung (Tumor)
webe. ●● Schmerz (Dolor)
––Degeneration: Abbau und Funktionsverlust von Gewe- ●● eingeschränkte Funktion (Functio laesa)
be und Organen, meist durch chronische Belastungen.
Entzündungen können lokal begrenzt sein oder sich aus-
breiten. Bei der Lokalinfektion bleibt die Infektion auf die
2.4.2  Angeborene Entwicklungs­ Eintrittspforte begrenzt. Gegebenenfalls kann sich lokal Ei-
ter bilden und ein Abszess entstehen (▶ Abb. 2.6).
störungen von Gewebe/Organen
Unter dem Begriff Agenesie versteht man die Tatsache, Merken  Abszess
dass ein Gewebe oder Organ gar nicht angelegt ist. Wichti- Ein Abszess ist eine durch eine Membran zum übrigen Gewebe
ges Beispiel ist die Agenesie der Schilddrüse, wonach u. a. abgegrenzte lokale Eiteransammlung.
im sog. Neugeborenenscreening gesucht wird, um eine
Fehlentwicklung des Kindes zu verhindern. Ein komplet- Folgen infektiöser Entzündungen  • Wenn Erreger regionale
tes Fehlen von Schilddrüsenhormonen würde zu einer Lymphknoten befallen und sich dort vermehren, können sie
geistigen und körperlichen Unterentwicklung des Kindes in das Blut eindringen und darüber Organe befallen. Man
führen. Bei einer Schilddrüsenagenesie muss es daher spricht dann von einer systemischen Reaktion. Ein typisches
während seines gesamten Lebens Schilddrüsenhormone Symptom dafür, dass die Entzündung nicht lokal begrenzt
einnehmen. bleibt, ist Fieber. Bei der systemischen Infektion befallen
Bei einer Aplasie entwickelt sich das Gewebe oder Organ bestimmte Erreger meist bestimmte Organe (z. B. befallen
trotz vorhandener Anlage nicht. Bei einer Hypoplasie ent- Hepatitisviren die Leber oder Salmonellen den Darm). Die
wickelt sich ein angelegtes Gewebe oder Organ nur unzu- Sepsis ist eine schwere Komplikation einer systemischen
reichend. Entzündung. Die Erreger gelangen ins Blut und infizieren
von dort aus zahlreiche Organe.

WISSEN TO GO Merken  Entzündung


Entzündung wird in der Medizin mit der Endung -itis beschrieben,
Angeborene Veränderungen z. B. Gastritis = Magenschleimhautentzündung, Meningitis = Hirn-
hautentzündung, Kolitis = Entzündung des Dickdarms und viele
Dazu gehören:
andere mehr.­
●● Agenesie: Ein Gewebe oder Organ ist gar nicht angelegt.
●● Aplasie: Das angelegte Gewebe oder Organ entwickelt
sich nicht.
Abb. 2.6Abszess.
●● Hypoplasie: Ein angelegtes Gewebe oder Organ entwi-
ckelt sich nur unzureichend.

2.4.3  Gewebe­schädigung durch


innere Prozesse
Entzündung
Eine Entzündung ist eine häufige und sehr komplexe Reakti-
on von Immunsystem und Organgewebe auf einen äußeren
oder innerlich ausgelösten, potenziell schädigenden Reiz.
Der Organismus versucht dabei, diesen Reiz zu beseitigen,
seine Ausbreitung zu unterbinden und ggf. eingetretene
Schäden zu reparieren.

Ursachen von Entzündungen  • Entzündungen werden sehr


Eiteransammlung im Bereich des Anus als Beispiel für einen Ab­
häufig durch Mikroorganismen (Bakterien, Viren, Pilze u. a.)
szess; die umgebende Haut ist gerötet, die Haut über der Eiter-
hervorgerufen, darüber hinaus gibt es aber noch zahlreiche
ansammlung ist gespannt. Aus Riemann, Fischbach, Galle, Gastroenterolo-
gie in Klinik und Praxis, Thieme, 2007.

28
Krankhafte Veränderungen in Gewebe und Organismus

Abb. 2.7Lokale Entzündung. weiteren Verlauf der Entzündung auch von Granulozyten,
Thrombozyten und Makrophagen freigesetzt. Sie bewirken
●● Gefäßweitstellung = Vasodilatation → Rötung (Rubor) und
Wärme (Calor),
●● eine erhöhte Durchlässigkeit des Gefäßendothels → Ödem/
Schwellung (Tumor) sowie
●● eine Reizung der Nozizeptoren (Schmerzrezeptoren) →
Schmerz (Dolor).

Die Folge von Schwellung und Schmerz ist die eingeschränk-


te Funktionsfähigkeit (Functio laesa).
Die Entzündungsmediatoren sind daher sozusagen die di-
rekten Verursacher der typischen Entzündungszeichen und
bewirken auch die verschiedenen organspezifischen und
systemischen Reaktionen einer Entzündung (▶ Abb. 2.8).
Karbunkel an der Oberlippe als Beispiel für eine lokale Entzün-
dungsreaktion; die Rötung und die Schwellung sind deutlich zu WISSEN TO GO
erkennen. Aus: Hof, Dörries, Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie, Thieme,
2014.
Entzündung

Zelluläre Prozesse bei Entzündungen • Beim Ablauf einer Ent- Bei einer Entzündung reagieren Immunsystem und Or-
zündung spielen sich zahlreiche Prozesse ab. Daran beteiligt gangewebe auf einen äußeren oder inneren Reiz, der vom
sind die Zellen des befallenen Gewebes sowie Zellen und Organismus als schädlich angesehen wird und beseitigt
Produkte des Blut- und Immunsystems. Durch eine Akti- werden soll. Die häufigsten Ursachen sind:
vierung der Mastzellen und der neutrophilen Granulozy- ●● infektiös – z. B. durch Mikroorganismen,

ten (bestimmte weiße Blutkörperchen) im Blut kommt es ●● immunologisch – übermäßige Reaktion des Immunsys-

zur Freisetzung verschiedener Substanzen aus diesen Zel- tems und


len, sog. Entzündungsmediatoren. Die Mastzellen schütten ●● physikalisch/chemisch – durch entsprechende äußere

u. a. Histamin, Interleukine und NCF (Neutrophilen-chemo- Reize.


taktischer Faktor) aus. Außerdem wird aus der Zellmemb-
ran der Mastzellen die sog. Arachidonsäure freigesetzt, die Leitsymptome sind: Rötung (Rubor), Wärme (Calor),
Ausgangsstoff der wichtigen Entzündungsmediatoren, der Schwellung (Tumor), Schmerz (Dolor), eingeschränkte
Prostaglandine und Leukotriene, ist. Auch der PAF (platelet Funktion (Functio laesa).
activating factor) ist eine Substanz aus der Zellmembran der
Mastzellen. Prostaglandine, Leukotriene und PAF werden im

Abb. 2.8Systemische Entzündungsreaktion.

Müdigkeit,
Abgeschlagen-
heit, Schwäche

Fieber

Muskelabbau,
körperliche
Schwäche
Gewicht
Freisetzung von
Reaktionen des Entzündungsmediatoren Produktion von
Entzündungsauslöser
Immunsystems (z.B. Postaglandine, Entzündungs-
Leukotriene, PAF) stoffen, CRP,
Ferritin

Abbau des
Fettgewebes
Gewicht

Leukozyten
vermehren sich
Leukozytose

Ablauf und mögliche Folgen einer akuten systemischen Entzündungsreaktion.

29
2 Allgemeine Krankheitslehre

le Zellen durch die Minderdurchblutung nekrotisch werden.


Bei einer Lokalinfektion bleibt die Infektion auf die Ein- Je nach Ausmaß der Nekrose verliert der Herzmuskel mehr
trittspforte begrenzt. Bei einer systemischen Infektion/ oder weniger an Pumpkraft.
Sepsis durchbrechen Erreger die lokale Abwehr, gelangen Eine sog. Gangrän (▶ Abb. 2.11), von der oft in Zusammen-
ins Blut und infizieren viele Organe. hang mit einem weit fortgeschrittenen Dekubitus oder ei-
Ein entzündlicher Prozess wird mit der Endung „-itis“ nem Unterschenkelgeschwür gesprochen wird, ist eine Son-
bezeichnet. derform der Nekrose. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass
sie häufig schwarz, wie verbrannt, aussieht.

Durchblutungsstörung
Abb. 2.10Nekrose.
Von einer Durchblutungsstörung bzw. Mangeldurchblu-
tung (Ischämie) spricht man, wenn der Blutfluss innerhalb
eines Organs oder Gewebes deutlich beeinträchtigt ist. Das
größte Problem, das daraus entsteht, ist die Sauerstoffun-
terversorgung (Hypoxie) des betroffenen Gewebes. Wie
lange ein Organ ohne Sauerstoff sein kann, ohne bleibende
Schäden davon zu tragen, ist sehr unterschiedlich: Beim
Gehirn dauert es z. B. ca. 5 Minuten, bei den Nieren ca. 120
Minuten.

Ursachen von Durchblutungsstörungen  • Eine häufige Ursa-


che ist die arteriosklerotisch bedingte Verengung von Blut-
gefäßen. Darüber hinaus können auch andere Ursachen zu
Durchblutungsstörungen führen (▶ Abb. 2.9):
●● Kompression (= Abdrücken) eines Gefäßes durch einen
raumfordernden Tumor
●● Verletzung oder Ruptur (Zerreißung) eines Gefäßes, wo-
durch nicht mehr genügend Blut in das zu versorgende
Organ gelangt und es zu sog. inneren Blutungen kommt
●● Verlegung eines Gefäßes durch ein Blutgerinnsel (=
Frischer Hinterwandinfarkt mit lehmgelb erscheinendem nek-
Thrombose oder Embolie) rotischen Gewebe (Pfeile) als Folge einer Durchblutungsstörung
●● Gefäßentzündung = Vaskulitis (z. B. im Rahmen von im-
im Herzmuskel. Aus: Riede, Werner, Schaefer, Allgemeine und spezielle Patho-
logie, Thieme, 2004.
munologisch bedingten Vaskulitiden)
●● Gefäßspasmen
Abb. 2.11Gangrän.
Folgen von Durchblutungsstörungen  • Die Minderdurchblu-
tung von Organen mit nachfolgender Sauerstoffunterver-
sorgung führt zu gefährlichen Krankheitsbildern wie Herz-
infarkt, Schlaganfall, Niereninfarkt u. a. Werden Zellen über
einen zu langen Zeitraum nicht mit Sauerstoff versorgt,
gehen sie zugrunde. Man spricht dann von einer Nekrose
(▶ Abb. 2.10). Neben dem Sauerstoffmangel als Hauptursa-
che können auch Zellgifte zu Zellnekrosen führen. Bei einem
Herzinfarkt hängt die Prognose z. B. stark davon ab, wie vie-

Abb. 2.9Durchblutungsstörungen.

normales
Gefäß Thrombus
Arteriosklerose Trockene Gangrän des Vorfußes als Folge einer Gefäßerkrankung
bei Diabetes mellitus mit Verschluss der Unterschenkelarterien.
Aus: Riede, Werner, Schaefer, Allgemeine und spezielle Pathologie, Thieme, 2004.

Gefäßruptur/ WISSEN TO GO
-verletzung
Durchblutungsstörung, Ischämie, Nekrose
Von einer Durchblutungsstörung bzw. Mangeldurchblu-
Tumor tung (Ischämie) spricht man, wenn der Blutfluss innerhalb
Spasmus eines Organs oder Gewebes deutlich beeinträchtigt ist.
Werden Zellen über einen zu langen Zeitraum nicht mit
Sauerstoff versorgt, gehen sie zugrunde (Nekrose).
Mögliche Ursachen einer Durchblutungsstörung.

30
Krankhafte Veränderungen in Gewebe und Organismus

Fibrose, Sklerose und Ablagerungen


WISSEN TO GO
Fibrose bezeichnet eine krankhafte Vermehrung von Bin-
degewebe in einem Organ, d. h., das Bindegewebe, das sich
normalerweise zwischen den Funktionszellen eines Organs Fibrose, Sklerose und Ablagerungen
befindet, vermehrt sich. Dies kann z. B. bei chronischen Fibrose bezeichnet eine krankhafte Vermehrung von
Entzündungen oder auch bei lange bestehenden Ödemen Bindegewebe in einem Organ. Bei einer Sklerose hat die
auftreten. Bei einer Sklerose hat die Vermehrung des Bin- Vermehrung des Bindegewebes zu einer Verhärtung des
degewebes bereits zu einer Verhärtung des Organs geführt. Organs geführt. Dies kann die Funktion von spezifischen
Durch das vermehrte Bindegewebe können die funktions­ Zellen des Organs beeinträchtigen. Wenn funktionslo-
tragenden spezifischen Zellen des betreffenden Organs in ses Bindegewebe die Funktion der Organzellen zerstört,
ihrer Funktion beeinträchtigt werden. Wenn die eigentli- spricht man von einer Zirrhose.
chen Organzellen nicht nur in ihrer Funktion beeinträchtigt, Zahlreiche Stoffe können sich in den Zellen oder zwi-
sondern sogar zerstört werden, spricht man von einer Zir- schen den Zellen ablagern. Dort verursachen Ablagerun-
rhose. Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Leberzirrhose, gen von z. B. Fett oder Kalk krankhafte Prozesse in Form
bei der die Leberzellen zerstört werden und die Leber ihre von Funktionseinschränkungen der Organe.
Funktion verliert.

Ablagerungen • Es gibt zahlreiche Stoffe, die sich in den Zel-


len oder zwischen den Zellen ablagern können und dort 2.4.4  Gewebeschädigung durch
Funktionseinschränkungen der Organe verursachen. Hier Gewalteinwirkung von außen
ein paar Beispiele: Fett kann sich in Zellen ablagern. Dazu
kann es durch ein Überangebot von Fett in der Nahrung Ein Trauma (Mehrzahl Traumen oder Traumata) bedeutet
oder auch durch Störungen im Fettstoffwechsel kommen. eine durch äußere Gewalteinwirkung entstandene Verlet-
Ein anderes Beispiel ist Hyalin. Darunter versteht man Ab- zung des Körpers (oder der Psyche). Die Lehre von den Ver-
lagerungen unterschiedlichen Ursprungs, die unter dem letzungen und Wunden nennt man Traumatologie.
Lichtmikroskop des Pathologen bestimmte Eigenschaften Ob eine Verletzung leicht, schwer oder gar lebensgefähr-
aufweisen und daher als hyaline Ablagerungen bezeichnet lich ist, hängt davon ab, welches Organ verletzt ist, wie viele
werden. Sie kommen in Zellen und zwischen Zellen vor, so organspezifische Zellen zerstört sind (d. h., ob die Anzahl der
z. B. bei bestimmten Bluterkrankungen und bei Schwerme- unverletzten Zellen ausreicht, die Funktion des Organs auf-
tallvergiftungen. Kalkablagerungen bei Gefäßerkrankungen, rechtzuerhalten) und welches Ausmaß die Zerstörung der
Harnsäureablagerungen bei Gicht, Ablagerungen von Biliru- Blutgefäße (und Nerven) einnimmt. Davon hängt u. a. ab, ob
bin infolge eines Abbaus roter Blutkörperchen (▶ Abb. 2.12) es zu gefährlichen inneren oder äußeren Blutungen kommt.
sind weitere Beispiele. Eine Verletzung ist schwer, wenn:
●● ein lebenswichtiges Organ betroffen ist, z. B. Schussverlet-
zung der Lunge
Abb. 2.12Ablagerung von Bilirubin.
●● die Gefahr besteht, dass die Verletzung nach Ausheilen
einen schweren Defekt hinterlässt: z. B. Verletzung eines
Beines, die eine Amputation des Beines notwendig macht
●● die Verletzung schwerwiegende Auswirkungen auf an-
dere Organe oder Organsysteme hat. Z. B. bedeutet eine
schwere Verletzung der Milz, die von vielen Blutgefäßen
durchzogen ist, dass das Gefäßsystem so viel Blut verliert,
dass es für den Organismus lebensbedrohlich werden
kann.

Von einem Polytrauma spricht man, wenn mehrere Körper-


regionen verletzt sind und eine Einzelverletzung oder die
Kombination der Verletzungen potenziell lebensbedrohlich
sind.
In der Traumatologie wird grundsätzlich unterschieden
zwischen der präklinischen Erstversorgung und der Versor-
gung in der Klinik, meist in der Notfallambulanz oder im
sog. Schockraum. Die präklinische Versorgung liegt in der
Hand des präklinischen Rettungsteams, bestehend aus Not-
Auf diesem histologischen Bild erkennt man abgelagertes Bili- arzt und Notfallsanitäter. Pflegende treffen auf verletzte Pa-
rubin (gelb) infolge einer Zerstörung roter Blutkörperchen au- tienten in der Regel erst in der klinischen Versorgung.
ßerhalb der Gefäße bei einem Hämatom (Bluterguss). Aus: Riede, Grundsätzlich kann jedes Organ/Organsystem verletzt
Werner, Schaefer, Allgemeine und spezielle Pathologie, Thieme, 2004. sein. Man unterscheidet:
●● Verletzungen des Bewegungssystems wie Knochenfraktu-
ren, Luxationen (= Verrenkungen oder Verschiebungen in
Gelenken), Wunden und Weichteiltraumen (= Verletzun-
gen von Haut, Unterhautfettgewebe, Muskeln und Muskel-
faszien), Amputationen

31
2 Allgemeine Krankheitslehre

●● Verletzungen der verschiedenen inneren Organe/Organ- Systemische Unterkühlung  • Unter einer systemischen Un-
systeme, z. B. Milzruptur, Gefäßverletzungen, Lungenriss, terkühlung versteht man Störungen der Organfunktion bei
Thoraxtrauma, Schädel-Hirn-Trauma, Querschnittsläh- Absinken der Körpertemperatur unter 36 °C.
mungen u. a. Die Gefahr der Unterkühlung ist bei hilflosen, geriatri-
schen Patienten, Menschen mit schlechtem Allgemeinzu-
Ausführliche Informationen zu Traumen im Bewegungssys- stand, Menschen unter Alkohol- und Drogeneinfluss und
tem finden sich im Kap. „Bewegungssystem“ (S. 760). Auf Obdachlosen erhöht. Auch Kleinkinder, die wegen des un-
die verschiedenen Verletzungen der Organsysteme wird in günstigen Verhältnisses von Körperoberfläche zu Körpervo-
den entsprechenden Organkapiteln eingegangen. Generelle lumen viel Wärme abgeben, unterkühlen leicht. Man unter-
Prinzipien bei Verletzungen durch Wärme, Kälte und Strom- scheidet 3 Schweregrade:
schäden werden hier im Anschluss kurz besprochen. 1. leicht, d. h. Körpertemperatur 34–36 °C: Symptome sind
Kältezittern, Hyperventilation, Tachykardie
2. mäßig, d. h. Körpertemperatur 30–34 °C: Symptome sind
WISSEN TO GO Schläfrigkeit, Bradykardie, Muskelstarre
3. schwer, d. h. Körpertemperatur 27–30 °C: Koma, Hypo­
Trauma tonie, Arrhythmien, Bradypnoe, weite Pupillen

Ein Trauma ist eine durch äußere Gewalteinwirkung verur- Je nach Schweregrad sind Reanimationsmaßnahmen, Volu-
sachte Verletzung. menzufuhr und Wiedererwärmungsmaßnahmen notwen-
Die Schwere ist abhängig davon, welches Organ verletzt dig.
ist, wie viele organspezifische Zellen zerstört sind und wel-
ches Ausmaß die Zerstörung der Blutgefäße und Nerven
einnimmt. Eine Verletzung ist schwer, wenn ein lebens- WISSEN TO GO
wichtiges Organ betroffen ist, die Verletzung nach Aushei-
len einen schweren Defekt hinterlässt oder die Verletzung
Gewebeschädigung durch Kälte
schwerwiegende Auswirkungen auf andere Organe oder
Organsysteme hat. Lokale Erfrierungen sind lokale Gewebeschädigungen
Grundsätzlich kann jedes Organ/Organsystem verletzt durch Kälteeinwirkung. Betroffen sind meist die Akren.
sein. Man unterscheidet: Man unterscheidet 4 Schweregrade: blasse Haut und Rö-
●● Verletzungen des Bewegungssystems wie Knochen- tung, Blasenbildung, Hautnekrose, Vereisung und kom-
frakturen, Luxationen, Wunden und plette Gewebszerstörung. Die Therapie geschieht meist
●● Verletzungen der inneren Organe/Organsysteme, durch Eintauchen in ca. 40  °C warmes Wasser (unter
z. B. Milzruptur, Thoraxtrauma, Schädel-Hirn-Trauma. Schmerzmedikation!), im Extremfall wird eine Amputation
notwendig.
Von einem Polytrauma spricht man, wenn mehrere Kör- Systemische Unterkühlung ist eine Störung der Organ-
perregionen verletzt sind und eine Einzelverletzung oder funktion bei Absinken der Körpertemperatur unter 36 °C.
die Kombination der Verletzungen potenziell lebensbe- Gefährdet sind oft hilflose, geriatrische Patienten, Men-
drohlich sind. schen unter Drogeneinfluss, Obdachlose und Kleinkinder.
Man unterscheidet 3 Schweregrade: 34–36 °C mit Kältezit-
tern, Hyperventilation, Tachykardie; 30–34 °C mit Schläf-
2.4.5  Gewebeschädigung durch rigkeit, Bradykardie, Muskelstarre; 27–30 °C mit Koma,
Hypotonie, Arrhythmien, Bradypnoe, weiten Pupillen. Als
Kälte Therapie sind je nach Schweregrad Reanimationsmaßnah-
Bei Kälteschäden unterscheidet man zwischen lokalen Er- men, Volumenzufuhr und Wiedererwärmung notwendig.
frierungen, also lokalen Gewebeschädigungen durch Kälte-
einwirkung, und einer systemischen Unterkühlung.
2.4.6  Gewebeschädigung durch
Lokale Erfrierungen  • Von Erfrierungen sind meist Körper-
teile betroffen, die der Kälte besonders ausgesetzt sind, wie
Wärme/Hitze
Ohren, Nase, Finger, Zehen (sog. Akren). Man unterscheidet Analog zu Kälteschäden unterscheidet man auch bei Hitze-
4 Schweregrade: schäden lokale Verbrennungen von systemischer Überwär-
●● 1. Grad: erst blasse Hautfärbung, dann Rötung (Erythem) mung des gesamten Körpers.
●● 2. Grad: Blasenbildung
●● 3. Grad: Hautnekrose Verbrennung
●● 4. Grad: Vereisung und komplette Gewebszerstörung
Lokale Verbrennungen sind Schädigungen des Gewebes
Gliedmaßen mit Erfrierungen müssen so schnell wie mög- durch lokale Hitzeeinwirkung. Je nach Ausmaß der Schädi-
lich wieder erwärmt werden. Dies erfolgt meist durch Ein- gung kann eine lokale Verbrennung zu einer Verbrennungs-
tauchen in ca. 40 °C warmes Wasser. Dieser Prozess ist sehr krankheit führen. Darunter versteht man systemische Aus-
schmerzhaft und sollte daher unter Schmerzmedikation er- wirkungen der Verbrennung auf den gesamten Körper. Sie
folgen. Im schlimmsten Fall erfolgt bei schwerer Erfrierung können bis hin zum Schock führen.
mit irreversiblem (= nicht rückgängig zu machendem) Ge-
webeschaden die Amputation. Ursachen von Verbrennungen • Verbrennungen werden häu-
fig durch offene Flammen, Explosion oder Kontaktverbren-
nungen (z. B. heiße Herdplatte) hervorgerufen, auch Verbrü-
hung durch heiße Flüssigkeit ist häufig. Auch die Einwirkung
weiterer physikalischer Faktoren wie elektrischer Strom

32
Krankhafte Veränderungen in Gewebe und Organismus

Abb. 2.13Unterkühlung.

Körpertemperatur 34 – 36 °C 30 – 34 °C 27 – 30 °C

Grad leicht mittel schwer

Symptome Kältezittern Muskelstarre Lähmung

Tachykardie Bradykardie Arrhythmie


Arrhythmie Kammerflimmern
Asystolie

Hyperventilation Atemdepression Bradypnoe, Apnoe

Hypertonie Hyper-/Hypotonie Hypotonie

wach, erregt, schläfrig komatös, weite


verwirrt Pupillen

Wiedererwärmung

Decke Heizdecke extrakorporale


Zirkulation

warmer Raum warme Infusion

Symptome bei den verschiedenen Graden von Unterkühlung und Vorgehen bei der Wiedererwärmung.

Abb. 2.14Verbrennungsgrade.

Epidermis (Oberhaut)

Dermis/Corium (Lederhaut)

Subkutis (Unterhaut)

Muskeln, Sehnen und Faszien

Verbrennungsgrad Grad 1 Grad 2a Grad 2b Grad 3 Grad 4

Je nach Tiefe der Verbrennung unterscheidet man 4 Schweregrade.

oder Strahlen (z. B. UV-Strahlen) kann zu Verbrennung füh- ●● Grad 2a: Schädigung der Epidermis, Hautrötung, Blasen-
ren. Chemische Verbrennungen sind durch z. B. Säuren und bildung, feuchter Wundgrund, Schmerzen bei Berührung,
Laugen möglich. Sensibilität erhalten; spontane Ausheilung wahrscheinlich
●● Grad 2b: Schädigung der Ober- und Lederhaut: gerötete
Verbrennungsgrade • Bei Verbrennungen unterscheidet man und blasse Areale, Blasenbildung, trockener Wundgrund,
4 Schweregrade je nach Tiefe der Verbrennung (▶ Abb. 2.14): keine Schmerzen bei Berührung, Sensibilität nicht vorhan-
●● Grad 1: Hautrötung, ggf. Ödem und Schwellung, Schmerz den; meist Defektheilung
bei Berührung; spontane Ausheilung; z. B. Sonnenbrand ●● Grad 3: Schädigung aller Hautschichten bis zur Subkutis;
Haut ist gräulich; keine Schmerzen, da Schmerzrezepto-

33
2 Allgemeine Krankheitslehre

ren zerstört sind; keine Regeneration der Hautzellen mehr Bei Kindern gilt eine andere Abschätzung (▶ Abb. 2.15
möglich rechts).
●● Grad 4: Beteiligung von Muskeln, Sehnen oder Knochen.
Therapie • Die Therapie richtet sich nach Ausmaß und
Folgen von Verbrennungen • Das Ausmaß der Verbrennung Schweregrad der Verbrennung. Sie reicht von Kühlung der
ist entscheidend für die Gefährlichkeit der Verbrennung für verbrannten Areale über Infusionstherapie, Schmerzthera-
den Gesamtorganismus. Unter anderem kann eine Weitstel- pie, Behandlung der Verbrennungswunden inkl. chirurgi-
lung und eine erhöhte Durchlässigkeit (Permeabilität) der scher Behandlung und Hauttransplantation bis zur Schock-
Gefäße zu einem massiven Flüssigkeitsverlust führen. therapie.
●● Kühlung: Wenn möglich sollten die verbrannten Areale

ACHTUNG 10–20 Minuten mit kaltem Wasser gespült werden. Es


Ab einer verbrannten Körperoberfläche von ca. 10 % besteht können auch wassergetränkte Kompressen aufgelegt wer-
Schockgefahr, der Patient sollte stationär behandelt und über- den. Durch die Kühlung können Schmerzen und Nachbren-
wacht werden (bei Kindern bereits ab ca. 5 %). nen vermindert werden. Die Kühlung sollte nicht zu lange
erfolgen, da sonst die Gefahr der Auskühlung besteht.
Eine Verbrennungskrankheit unterteilt man in 3 Phasen: ●● Infusionstherapie: Bei schweren Verbrennungen verliert
Verbrennungsschock (ca. 1.–3. Tag), Resorptionsphase (ca. der Körper sehr viel Flüssigkeit. Dies muss durch Infusi-
2.–8. Tag), Verbrennungskrankheit (8. Tag bis zur Wundhei- onstherapie ausgeglichen werden, möglichst bereits prä-
lung). klinisch.
Zur Abschätzung des Ausmaßes einer Verbrennung dient ●● Schmerztherapie: Je nach Ausmaß sind Opioide notwen-
die sog. „Neuner-Regel“ (▶ Abb. 2.15 links). dig.
●● Kopf: 9 % der Körperoberfläche ●● Behandlung der Brandwunden: Auch hier kommt es auf

●● Arm: 9 %, beide Arme 18 % der Körperoberfläche den Schweregrad an. Auf jeden Fall muss versucht wer-
●● Bein: 18 %, beide Beine 36 %; Unterschenkel 9 %, beide Un- den, mit PVP-Jod und anderen antimikrobiellen Substan-
terschenkel 18 %; Oberschenkel 9 %, beide Oberschenkel zen eine Infektion zu vermeiden. Häufig sind chirurgische
18 %. Eingriffe bis hin zur Hauttransplantation notwendig. Die
●● Stamm: 36 %; Thoraxvorderseite 9 %, Thoraxrückseite 9 %, Behandlung von schweren Brandverletzungen erfolgt in
Abdomenvorderseite 9 %, Lendenregion (Abdomenrück- eigens dafür vorgesehenen Zentren.
seite) 9 % ●● Schocktherapie: Komplexe Behandlung des Schockpatien-

●● Genitalregion 1 % ten auf Intensivstation mit dem Ziel, die Vitalparameter

Abb. 2.15Neuner-Regel.

Erwachsener (> ca. 15 Jahre) Kind (ca. 5 Jahre)

Kopf 9% Kopf 15%

Rumpf je 16%
vorne und hinten

Rumpf je 18%
vorne und hinten Arme je 9,5%

Arme je 9% Beine je 17%

(Genitale 1%)

Kleinkind (ca. 1 Jahr)

Kopf 19%
Beine je 18%
Rumpf je 16%
vorne und hinten
Arme je 9,5%

Beine je 15%

Abschätzung des Ausmaßes von Verbrennungen bei Erwachsenen und Kindern.

34
Krankhafte Veränderungen in Gewebe und Organismus

des Patienten zu stabilisieren, den Volumenhaushalt aus- Je nach Ausmaß äußert sich ein Hitzschlag durch über-
zugleichen und eine ausreichende Perfusion (= Durchblu- wärmte Haut, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Be-
tung) aller Organsysteme zu gewährleisten. wusstseinstrübung, Tachykardie, niedrigen Blutdruck. The-
rapeutisch ist Kühlung das Mittel der Wahl: Entfernen von
Kleidung, den Betreffenden in eine kühle Umgebung brin-
WISSEN TO GO gen, ggf. mit kühlem Wasser abwaschen. Flüssigkeitszufuhr
unterstützt die Maßnahmen zur Stabilisierung.
Verbrennung Ein Sonnenstich ist eine Überwärmung des Gehirns durch
starke Sonneneinstrahlung, meist bei fehlender Kopfbede-
Verbrennungen sind Schädigungen des Gewebes durch ckung.
lokale Hitzeeinwirkung. Je nach Ausmaß der Schädigung Die Zeichen sind ähnlich wie beim Hitzschlag, insbeson-
kann eine lokale Verbrennung zu einer lebensbedrohlichen dere der Kopf ist gerötet, ggf. kommt Nackensteife durch
Verbrennungskrankheit (= Auswirkungen der Verbren- Reizung der Hirnhäute hinzu. Hilfreich sind die gleichen
nung auf den gesamten Organismus) führen. Maßnahmen wie beim Hitzschlag.
Vier Schweregrade: Grad 1: Hautrötung, ggf. Ödem
und Schwellung, Schmerz bei Berührung; spontane Aus-
heilung. Grad 2a: Schädigung der Epidermis, spontane WISSEN TO GO
Ausheilung wahrscheinlich. Grad 2b: Schädigung der
Ober- und Lederhaut, meist Defektheilung. Grad 3: Schä-
Hitzschlag und Sonnenstich
digung aller Hautschichten bis zur Subkutis, keine Regene-
ration der Hautzellen mehr möglich. Grad 4: Beteiligung Hitzschlag = Überwärmung des Organismus.
von Muskeln, Sehnen oder Knochen. Sonnenstich = Überwärmung des Gehirns durch starke
Das Ausmaß der Verbrennung ist entscheidend für die Sonneneinstrahlung, häufig Nackensteife.
Gefährlichkeit für den Gesamtorganismus. Zur Abschät- Notwendig ist in beiden Fällen Kühlung durch Entfernen
zung dient die sog. Neuner-Regel (▶ Abb. 2.15). von Kleidung, kühle Umgebung, Abwaschen mit kühlem
Die Therapie umfasst je nach Schwere und Ausmaß: Wasser, Flüssigkeitszufuhr.
Kühlung, Infusionstherapie, Schmerztherapie, Wundthera-
pie, Schocktherapie.
2.4.7  Tumorentstehung
Hitzschlag und Sonnenstich Die Tumorentstehung wird im Kap. 4, „Grundlagen zu Tumor­
erkrankungen“ (S. 73) besprochen.
Unter einem Hitzschlag versteht man die Überwärmung des
Organismus durch erhöhte Wärmezufuhr, erhöhte Wärme-
produktion und gleichzeitig unzureichende Wärmeabgabe
(▶ Abb. 2.16).

Abb. 2.16Überwärmung.

HITZSCHLAG

SONNENSTICH

Wärmestau durch Hitze, fehlende Wärmeabgabe Überwärmung von Gehirn + Hirnhäuten

roter Kopf Übelkeit, Erbrechen Kopfschmerzen Bewusstseinstrübung Tachykardie niedriger Blutdruck warme Haut

Maßnahmen Maßnahmen

Flüssigkeit kühle Umgebung kühl abwaschen

Symptome von Hitzschlag und Sonnenstich und Maßnahmen zur Kühlung.

35
2 Allgemeine Krankheitslehre

2.4.8  Krankhafte Störungen im unterschiedliche Art und Weise in Bilder um. Wenn man
so will, machen sie den tatsächlichen Aufbau und die Be-
Immunsystem (Immunpathologie) standteile der Organe/Organsysteme sichtbar. Auch endo-
skopische Untersuchungen und Gewebeprobeentnahmen
Die Bestandteile des Immunsystems, die Vorgänge bei der
und -untersuchungen zählen zu den apparativen Methoden.
Abwehr von Krankheitserregern und Fremdstoffen und auch
Dabei kann das Innere von Organen direkt betrachtet und
die Folgen einer gestörten Immunreaktion werden ausführ-
Gewebe zur mikroskopischen Untersuchung entnommen
lich im Kap. „Grundlagen des Immunsystems“ (S. 92) be-
werden. Schließlich zählen auch Funktionsprüfungen, d. h.
schrieben.
Untersuchungen mit Geräten, die eine Aussage über eine
bestimmte Funktion eines Organs machen können, zu den
2.5  Grund­kenntnisse apparativen Untersuchungen. Typisches Beispiel ist die
Lungenfunktionsprüfung, auch das EKG als Abbild der Erre-
medizinischer Diagnostik gungsleitung im Herzen kann dazu gezählt werden.
In entferntesten Sinne können auch Blutuntersuchungen
zu den apparativen Untersuchungen gezählt werden, benö-
2.5.1  Einteilung diagnostischer tigt man doch hoch komplexe Geräte, um die verschiedenen
Verfahren und Indikationen Bestandteile und Substanzen im Blut zu messen.
Darüber hinaus wird unterschieden, ob eine Untersu-
Man unterscheidet in der medizinischen Diagnostik Verfah- chungsmethode invasiv oder nicht invasiv ist. Der Unter-
ren ohne apparative Hilfsmittel von Verfahren mit verschie- schied liegt in der körperlichen Unversehrtheit des Patien-
denen apparativen Hilfsmitteln. Zu den ersteren gehören ten:
z. B. das Befragen des Patienten, die sog. Anamnese, und die ●● Nicht invasive Verfahren sind solche, bei denen nicht in
körperliche Untersuchung, d. h. das Betrachten (= Inspekti- das Innere des Körpers vorgedrungen werden muss. Der
on), das Betasten (= Palpation), das „Beklopfen“ (= Perkussi- Körper des Patienten bleibt also unversehrt. Dazu zählen
on) und das „Abhören“ mit dem Stethoskop (= Auskultation). z. B. EKG und Ultraschalluntersuchungen.
Die apparativen Maßnahmen, d. h. die Maßnahmen mit ●● Invasive Verfahren sind solche, bei denen in den Körper
Geräteunterstützung, sind vielseitig. Zu ihnen gehören eingedrungen werden muss. Dazu zählen z. B. Gewebeent-
z. B. sog. bildgebende Verfahren wie Röntgen, Computer- nahmen, endoskopische Untersuchungen, streng genom-
tomografie und Ultraschalluntersuchungen. Sie wandeln men auch die Blutentnahme. Der Grad der Invasivität kann
die vorhandenen Strukturen der Organe und Gewebe auf je nach Untersuchung sehr unterschiedlich sein.

Abb. 2.17Übersicht diagnostische Verfahren.

nicht apparative Diagnostik apparative Diagnostik

Anamnese Röntgen
(Befragen, Gespräch)

Computertomografie,
Inspektion Magnetresonanztomografie
(Betrachten)

Sonografie (Ultraschall)
Palpation
(Betasten)
Perkussion
(Beklopfen)
a b c

Endoskopie

Auskultation
(Abhören)
Funktionsprüfungen (z.B. EKG)

Blutuntersuchungen

Man unterscheidet Verfahren ohne und mit apparativen Hilfsmitteln. Letztere werden heute in der Regel durch spezielle Computer-
systeme unterstützt.

36
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

ACHTUNG Wissen kann Ihnen helfen, die Patienten entsprechend vorzube-


Grundsätzlich muss ein Patient, der im Vollbesitz seiner geistigen reiten und optimal zu begleiten. Diagnosen beeinflussen das Le-
Kräfte ist, mit jeder Maßnahme einverstanden sein. Insbesondere ben eines Patienten. Eine innere Unruhe und jedwede emotionale
aber bei invasiven Verfahren ist eine besondere Form der medizi- Reaktion von Patienten vor oder nach einer Diagnosestellung sind
nischen Aufklärung durch den Arzt und meist auch eine schrift- daher möglich. Ein professioneller Umgang damit ist meist sehr
liche Einverständniserklärung durch den Patienten notwendig. wohltuend.

Belastungen durch diagnostische WISSEN TO GO


Maßnahmen
Rein körperlich hängt das Ausmaß der Belastung für den Pa- Diagnostische Verfahren
tienten von der Art der Untersuchung ab. Eine Ultraschall-
untersuchung, bei der der Arzt „nur“ den Schallkopf auf di- Man unterscheidet in der medizinischen Diagnostik:
●● Verfahren ohne apparative Hilfsmittel: Befragen,
verse Organe hält, ist meist wenig körperlich anstrengend
für den Patienten. Anders ist das z. B. schon, wenn der Pa- Anam­nese, körperliche Untersuchung.
●● Verfahren mit apparativen Hilfsmitteln: z. B. EKG,
tient für eine Magenspiegelung einen Schlauch „schlucken“
muss oder der Lumbalkanal im Rücken mit einer Nadel an- Röntgen, CT und viele andere.
●● Nicht invasive Verfahren: Untersuchung ohne Eindrin-
gestochen wird.
gen in den Körper; der Körper des Patienten bleibt unver-
sehrt, z. B. beim EKG und bei Ultraschalluntersuchungen.
Diagnostik kann belastend sein – ●● Invasive Verfahren: Untersuchung unter Eindringen in
den Körper; die körperliche Unversehrtheit wird verletzt.
Pflegende verstehen das! Beispiele sind Biopsien oder endoskopische Untersu-
chungen.

Neben der unterschiedlichen körperlichen Belastung ist eine Ein Patient muss mit jeder Maßnahme einverstanden sein.
psychische Belastung fast immer gegeben. Die Angst vor Bei invasiven Verfahren ist eine medizinische Aufklärung
schlechten Untersuchungsergebnissen ist oft groß. Schließ- durch den Arzt und eine schriftliche Einverständniserklä-
lich spielt rein emotional bei vielen Patienten eine Rolle, rung notwendig.
dass bei einer körperlichen Untersuchung mehr oder weni- Neben der unterschiedlich hohen körperlichen Belas-
ger massiv in ihre Intimsphäre eingegriffen wird. Nervosität tung besteht in jedem Fall eine psychische Belastung für
aus diesen Gründen sollte als normal angesehen werden. den Patienten.
Nichts ist schlimmer für den Patienten in dieser Situation,
als wenn er diesbezüglich auf Unverständnis oder Gleichgül- Indikationen für medizinische Diagnostik sind
tigkeit stößt. ●● neu aufgetretene Symptome
●● Verlaufskontrollen und Nachsorgeuntersuchung

Indikationen für medizinische Diagnostik ●● Diagnostik zur Prävention

Es gibt für die medizinische Diagnostik unterschiedliche In-


dikationen. Die klassische Situation ist die Suche nach einer
Krankheit, die verantwortlich ist für neu aufgetretene Sym- 2.5.2  Anamnese und klinische
ptome und/oder Missempfindungen. Untersuchung
Darüber hinaus gibt es noch 2 weitere wichtige Indika­
tionen: bestimmte, insbesondere chronische Erkrankungen Anamnese – Fragen und Zuhören
müssen im Verlauf beobachtet werden (Verlaufskontrolle).
Dabei wird überprüft, ob die gewählte Therapie Erfolg zeigt. Definition  Anamnese
Beispiele hierfür sind die Blutzuckerkontrolle bei einem Anamnese (griech. anamnesis: Erinnerung) ist die Befragung des
Patienten mit behandeltem Diabetes mellitus, die Fettwer- Patienten und das Gespräch mit dem Patienten.
tekontrolle bei einem Patienten mit KHK und Hypercholes-
terinämie, aber auch die Röntgenkontrolle einige Wochen Die Anamnese hat zum Ziel, von dem Patienten möglichst
nach einer behandelten Knochenfraktur. Eine Sonderform viele Informationen zu bekommen, die im Zusammenhang
der Verlaufskontrolle ist die Nachsorgeuntersuchung bei Tu- mit seinen Beschwerden stehen könnten. Sie gibt meist erste
morerkrankungen. Hinweise auf die zugrunde liegende Krankheit. Die medizi-
Eine andere wichtige Indikation ist die Diagnostik zur Prä- nische Anamnese besteht aus mehreren Bestandteilen, die
vention und Früherkennung von Krankheiten, die ohne das immer abgefragt werden sollten:
Vorliegen akuter Symptome durchgeführt wird. Sie dient ●● aktuelle Anamnese: Bestandteil der aktuellen Anamne-

dazu, Krankheiten frühzeitig zu erkennen, um sie in einem se sind die aktuellen Beschwerden, ggf. Unfallhergang,
möglichst frühen Stadium behandeln zu können. Dazu ge- Verlauf der Symptome. Die ersten Schilderungen des Pa-
hören Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, aber auch die tienten geben oft schon Hinweise, welches Organ/Organ-
Untersuchungen zur Beobachtung des Entwicklungsstadi- system krank sein könnte. Die Fragen eines Mediziners
ums von Kindern (sog. U-Untersuchungen). werden daher im Laufe der Anamnese meist immer spe-
zifischer.
●● Eigenanamnese: Hier werden Informationen erfragt zu
Blitzlicht Pflege  Umgang mit Diagnosen
Viele Untersuchungen bedeuten eine körperliche Belastung für Vorerkrankungen, Operationen, evtl. chronischen Erkran-
den Patienten. Außerdem sind diagnostische Maßnahmen eigent- kungen, Risikofaktoren.
●● Familienanamnese: In der Familienanamnese spielen Er-
lich fast immer verbunden mit Angst vor dem Ergebnis. Dieses
krankungen und Todesursachen enger Blutsverwandter

37
2 Allgemeine Krankheitslehre

(Eltern, Geschwister, Kinder) die Hauptrolle. Es geht da- ●● Inspektion der Haut (Ausschlag? Druckgeschwüre? Verlet-
rum herauszufinden, für welche Krankheiten möglicher- zungen?)
weise genetische Dispositionen vorliegen. ●● Erfassen des Hydrationsstatus (Haut/Schleimhäute tro-
●● vegetative Anamnese: Hier werden Fragen gestellt zu cken? Beinödeme?)
Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme und Gewichtsver- ●● orientierende neurologische Untersuchung
lauf, Körpertemperatur, Atemwegssymptomen, Ausschei- ●● ggf. genitale und rektale Untersuchung
dungsfunktionen (Urin und Stuhl), Schlaf, bekannten Al-
lergien.
●● Medikamentenanamnese: Hier interessiert, ob und wenn
WISSEN TO GO
ja, welche Medikamente der Patient aktuell einnimmt.
Viele Patienten führen heutzutage eine Medikamentenlis- Anamnese und körperliche Untersuchung
te mit sich, auf der alle momentan eingenommenen Medi-
kamente inklusive ihrer Dosierung aufgeführt sind. Die Anamnese hat zum Ziel, von dem Patienten so viele
●● Genussmittelanamnese: Hier wird gefragt, ob der Patient
Informationen wie möglich zu bekommen, die im Zusam-
raucht und/oder Alkohol trinkt und wenn ja, wie viel. menhang mit seinen Beschwerden stehen könnten. Eine
●● Sozialanamnese: In der Sozialanamnese werden Fragen
Anamnese wird am besten nach verschiedenen Themen-
zur sozialen Situation (Beruf, Familiensituation, Wohn- bereichen strukturiert durchgeführt. Damit ist am ehesten
und Versorgungssituation) gestellt. gewährleistet, dass keine Information verloren geht. Bei
●● Auslandsanamnese: Bei manchen Symptomen wie z.  B. einer sog. Fremdanamnese wird nicht der Patient selbst,
Fieber kann die Frage nach Auslandsaufenthalten wichtige sondern seine Angehörigen und Begleitpersonen befragt.
Hinweise geben (z. B. Diagnose Malaria). Bei der körperlichen Untersuchung unterscheidet man:
●● Inspektion: genaues Beobachten (z. B. Prüfen der Pupil-

In der sog. Fremdanamnese werden Angehörige und Be- lenreaktion)


●● Palpation: Tasten (z. B. der Lymphknoten)
gleitpersonen befragt. Diese Informationen sind insbeson-
●● Auskultation: Hören mit dem Stethoskop (z. B. Herz auf
dere dann wichtig, wenn der Patient vorübergehend oder
auch langfristig bewusstseinsgestört ist/war. So kann es z. B. pathologische Herzgeräusche)
●● Perkussion: Beklopfen (z.  B. Lunge auf pathologische
sehr hilfreich sein, wenn Begleitpersonen den Ablauf eines
Krampfanfalles beschreiben können. Atemgeräusche)

Blitzlicht Pflege  Pflegeanamnese


Spezifische anamnestische Fragen zur Erkrankung spielen auch in 2.5.3  Laboruntersuchungen
der Informationssammlung der Pflegenden neben anderen pfle-
Die Blut- und Urinuntersuchung ist wohl eine der häufigs-
gerelevanten Fragen eine Rolle. Pflegende fragen sich und den
ten Untersuchungen überhaupt. Das ist auch nachvollzieh-
Patienten dabei insbesondere auch, welche Auswirkungen krank-
bar, weil das Blut ja alle Organe passiert und dabei Subs-
heitsspezifische Leitsymptome auf das Befinden des Patienten
tanzen aufnehmen kann, die von den verschiedenen Zellen
haben, welche krankheitsspezifischen Ressourcen und Einschrän-
abgegeben werden.
kungen möglicherweise vorliegen.

Klinische Untersuchung Blutuntersuchungen


Im klinischen Alltag unterscheidet man verschiedene Arten
Auf die Anamnese folgt die körperliche Untersuchung des
von Standard-Blutuntersuchungen, bei denen jeweils unter-
Patienten. Diese kann je nach Situation symptomorientiert
schiedliche Parameter ermittelt werden, z. B. „kleines Blut-
oder umfassend sein. Die Methoden sind (s. ▶ Abb. 2.17):
bild“, „großes Blutbild“, „Nierenwerte“, „Leberwerte“ und
●● Inspektion: genaues Beobachten
andere. Daneben gibt es zahlreiche spezifische Blutparame-
●● Palpation: Tasten
ter, die bei speziellen Verdachtsdiagnosen bestimmt wer-
●● Auskultation: Hören mit dem Stethoskop
den. Die verschiedenen Blutuntersuchungen und Parameter
●● Perkussion: Beklopfen
werden ausführlich im Kap. „Blut“ (S. 673) besprochen.
Bei einer umfassenden Untersuchung werden die verschie-
denen Körperregionen und Körpersysteme systematisch Diagnostik anderer Körpersubstanzen
untersucht. Dabei richtet sich der Arzt meist nach einem Neben dem Blut können zahlreiche andere Substanzen des
bestimmten Schema. Zu einer körperlichen Untersuchung Körpers gewonnen und im Labor untersucht werden. Ihre
gehören: Zusammensetzung kann Hinweise auf Krankheiten geben.
●● Inspektion des Kopfes inkl. Hals-, Nasen-, Ohreninspek-
Urin kann aus dem Spontanurin oder mittels Katheter ge-
tion; Prüfen der Pupillenreaktion, Palpation der Trigemi- wonnen werden. Auch bei der Untersuchung des Urins gibt
nusdruckpunkte (schmerzhaft?) es Routineuntersuchungen und spezielle Untersuchungen
●● Palpation der Lymphknoten im Bereich von Nacken, Hals,
bei speziellen Fragestellungen, z. B. β-hCG bei Schwanger-
Schlüsselbein, Achselhöhlen und Leiste (geschwollen? schaftsverdacht. Details werden in den Kap. „Geschlechts­
schmerzhaft?) organe“ (S. 1068) und „Niere und ableitende Harnwege,
●● Perkussion und Auskultation der Lunge (pathologische
Wasser und Elektrolythaushalt“ (S. 524) besprochen.
Atemgeräusche?) Andere Körperflüssigkeiten, die in der Regel per Punktion
●● Auskultation am Herzen (pathologische Herzgeräusche?)
gewonnen und im Labor untersucht werden, sind z. B. Liquor
●● Palpation, Auskultation und Perkussion des Abdomens
und Gelenkflüssigkeit, Pleurapunktat und Aszites. Flüssig-
(vergrößerte Oberbauchorgane? normale Darmgeräu- keit in der Pleura (= Pleuraerguss) und Flüssigkeit im Bauch-
sche? Schmerzen?) raum ( = Aszites) sind Flüssigkeiten, die normalerweise nicht
●● Tasten des Pulses und Erheben des Pulsstatus
im Körper vorhanden sind, sodass bereits ihr Vorhandensein
auf einen pathologischen Prozess schließen lässt.
38
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

Auch Stuhl wird im Labor untersucht. Dies wird im Kap. speziell in der Geburtshilfe ist sie die Methode der Wahl für
„Verdauungssystem“ (S. 396) näher erläutert. eine bildgebende Diagnostik. In der Abdomendiagnostik las-
sen sich die Organgrenzen von Leber, Gallenblase, Milz und
Blitzlicht Pflege  Punktionen Pankreas gut erkennen. Indikationen sind Leberzirrhose,
Sie haben als Pflegende sehr häufig die Verantwortung beim Zu- Fettleber, Läsionen oder Rupturen im Bereich dieser Organe
sammenstellen des Materials für die verschiedenen Punktionen, und Tumoren.
allen voran die Blutentnahme. Darüber hinaus assistieren Sie Die Dauer einer Ultraschalluntersuchung kann sehr unter-
häufig dem Arzt und sind verantwortlich für den fachgerechten schiedlich sein. Sie ist immer vom Patienten und der Indika-
Versand des Untersuchungsmaterials an das Labor. tion abhängig. Orientierend kann man von ca. 30 Minuten
ausgehen.

2.5.4  Elektrokardiogramm (EKG) Prinzip


Das Elektrokardiogramm ist eines der wichtigsten Unter- Die Technik der Ultraschalluntersuchung beruht auf Schall-
suchungsverfahren generell. Mit dem EKG können elektri- wellen. Schallwellen sind mechanische Schwingungen, die
sche Felder und Ströme, die sich bei der Erregung der Herz- sich im Raum ausbreiten, ähnlich den Wellen, die ein Stein
muskulatur ergeben, an der Körperoberfläche gemessen erzeugt, der ins Wasser geworfen wird. Ultraschallwellen
werden. Aus diesen Messungen und abgeleiteten Kurven sind Schallwellen mit einer Frequenz oberhalb des Hörbe-
können verschiedene Rückschlüsse auf die ungestörte oder reichs, also jenseits von 20 kHz.
auch gestörte Funktionsweise des Herzens gezogen werden. Sehr vereinfacht ausgedrückt, passiert bei der Ultraschall-
Da die Untersuchung zudem einfach und ohne große Belas- diagnostik Folgendes: In einem sog. Schallkopf werden Ul­
tung für den Patienten durchzuführen ist, ist sie eines der traschallwellen erzeugt und in den Körper gesendet. Im Kör-
Routinediagnostikverfahren schlechthin. Genauere Infor- per treffen diese Wellen auf die unterschiedlichen Gewebe.
mationen zum EKG finden sich im Kap. „Herz-Kreislauf- und Diese erfüllen nicht nur unterschiedliche Funktionen, sie
Gefäßsystem“ (S. 178). haben auch unterschiedliche physikalische Eigenschaften,
wie z. B. eine unterschiedliche Gewebsdichte. Je nachdem,
auf welches Gewebe die Wellen treffen, werden sie absor-
WISSEN TO GO biert, gebrochen, gestreut oder reflektiert und verändern so
ihre Eigenschaften wie Wellenlängen, Frequenz u. a. Diese
EKG veränderten Wellen kommen als reflektierte Wellen wieder
an der Körperoberfläche an. Dort werden sie als sog. Echo
Das Elektrokardiogramm ist eines der wichtigsten Unter- von einem Sensor im Schallkopf wieder aufgenommen und
suchungsverfahren generell. Mit dem EKG können ohne vom Sonografiegerät in Bilder verwandelt. Man spricht vom
große Belastung des Patienten Rückschlüsse auf die un- sog. Puls-Echo-Prinzip.
gestörte oder auch gestörte Funktionsweise des Herzens Je nachdem, welches Organ untersucht und welche Indi-
gezogen werden. kation abgeklärt werden soll, setzt der Arzt unterschiedli-
che Ultraschallverfahren ein. Die Ultraschalluntersuchung
des Herzens wird übrigens allgemein auch Echokardiografie
2.5.5  Sonografie (Echografie, genannt, sie ist im Kap. „Herz-Kreislauf- und Gefäßsystem“
(S. 195) genauer beschrieben.
Ultraschall)
Definition  Sonografie B-Mode-Verfahren • B steht hier für Brightness = Helligkeit.
Die Sonografie basiert auf der unterschiedlichen Reflexion von Das Schallecho wird in Grauwerten dargestellt. Dies ist das
Schallwellen durch verschiedene Körpergewebe. Die reflektierten am häufigsten eingesetzte Ultraschallverfahren zur Un-
Wellen werden von einem Sensor im Schallkopf wieder aufge- tersuchung von Organen (z. B. Abdomensonografie, Leber,
nommen. Die sonografische Untersuchung ist kostengünstig und ▶ Abb. 2.18b). Es wird auch in der Gefäßdiagnostik (S. 180)
schnell und für den Patienten nahezu ohne Belastung. eingesetzt.

M-Mode-Verfahren • M steht für Motion = Bewegung. Mit


Bewertung und Anwendung diesem Verfahren kann man z. B. Herzklappenbewegungen
Die Sonografie ist die günstigste, schnellste und für den Pa- darstellen (▶ Abb. 2.18c).
tienten am wenigsten belastende Methode, um „Einblick“
in den menschlichen Körper zu erhalten. Sie steht als bild- Doppler- und Duplexsonografie  • Die Dopplersonografie ist
gebendes Diagnostikverfahren bei vielen Fragestellungen ein spezielles Ultraschallverfahren zur Darstellung von Blut-
an erster Stelle, da hier ohne Strahlenbelastung, ohne kör- gefäßen, Venen und Arterien. Christian J. Doppler war ein
perliche Belastung für den Patienten und in der Regel auch österreichischer Physiker, der den sogenannten „Doppler-
relativ kostengünstig ein Befund erhoben werden kann. Das effekt“ entdeckt hat: Ganz einfach ausgedrückt, verschiebt
Untersuchungsverfahren ist schmerzlos und kann bei Bedarf sich die Frequenz zwischen ausgesandten und empfangenen
auch im Bett durchgeführt werden. Ultraschallwellen, wenn sie von einem bewegten Objekt re-
Besonders bei Kleinkindern und Säuglingen wird die So- flektiert werden. Das sind bei der Dopplersonografie z. B.
nografie deshalb häufig zur Erstdiagnostik eingesetzt, z. B. die Zellen des pulsierenden Blutes. Das Dopplerverfahren
die Schädelsonografie bei Schädelverletzungen, um Fraktu- macht den Blutstrom im Gefäß hörbar. Im Gegensatz zu an-
ren oder Verschiebungen der Schädelknochen zu erkennen. deren sonografischen Untersuchungen erscheint hier kein
Zur Vorsorgeuntersuchung von Neugeborenen gehört die Bild, sondern die Pulswelle wird in ein charakteristisches
Ultraschalluntersuchung der Hüftgelenke zum Ausschluss an- und abschwellend „fauchendes“ Geräusch übersetzt. Ein
einer Hüftgelenkdysplasie. Auch in der Gynäkologie und typisches Ultraschallbild der Dopplersonografie zeigt diese

39
2 Allgemeine Krankheitslehre

Abb. 2.18Sonografie.

a b

Schallstrahl
Brustwand
rechter
Ventrikel

linker
Ventrikel
Aortenklappe
Mitralklappe
linker Vorhof
c d

a Ultraschalluntersuchung des Abdomens.


b Typisches Bild im B-Mode-Verfahren (Abdomensonografie). Aus Delorme, Debus, Jenderka, Duale Reihe Sonografie, Thieme, 2012.
c M-Mode-Verfahren (Herzklappenbewegungen). Nach Delorme, Debus, Jenderka, Duale Reihe Sonografie, Thieme, 2012.
d Duplexsonografie (Halsgefäße). Im Farbdoppler (oben) erkennt man in Rot die Aufzweigung der Halsschlagader (A. carotis). In der
darüberliegenden Drosselvene (V. jugularis) fließt das Blut in die entgegengesetzte Richtung; daher stellt sich diese in Blau dar. Un-
ten sieht man den mithilfe des Dopplerverfahrens gemessenen Blutstrom: Jeder Herzschlag, der Blut in die Arterien pumpt, führt
zu einem Ausschlag der Dopplerkurve nach oben. Aus Arning, Farbkodierte Duplexsonographie der hirnversorgenden Arterien, Thieme, 2002.

Frequenzkurven, aus denen sich auf die Geschwindigkeit des


Blutflusses schließen lässt (▶ Abb. 2.18d unten). WISSEN TO GO
Bei der sog. farbcodierten Dopplersonografie (= FCDS,
auch Farbdoppler genannt) wird die Fließgeschwindigkeit
Sonografie
des Blutes in verschiedenen Farbstufen (von Blau bis Rot)
dargestellt und dem B-Bild überlagert (▶ Abb. 2.18d oben). Die Sonografie ist die günstigste, schnellste und für den
Die Richtung des Blutflusses und Verwirbelungen sind farb- Patienten am wenigsten belastende Methode, „Einblick“ in
lich zu erkennen und lassen auf Gefäßstenosen oder -erwei- den menschlichen Körper zu erhalten. Sonografie arbeitet
terungen rückschließen. mit Ultraschallwellen. Die Wellen werden je nach Gewebe
Bei der Duplexsonografie wird gleichzeitig ein Farbdopp- absorbiert, gebrochen, gestreut oder reflektiert und in Bil-
lerbild aufgenommen und eine Geschwindigkeitskurve mit- der umgewandelt.
tels Dopplersonografie aufgezeichnet und kombiniert dar- Je nachdem, welches Organ untersucht und welche Indi-
gestellt, wie in ▶ Abb. 2.18d geschehen. kation abgeklärt werden soll, setzt der Arzt unterschiedli-
che Ultraschallverfahren ein:
Blitzlicht Pflege  Sonografie ●● B-Mode-Verfahren: B = Brightness = Helligkeit. Das
●● Für eine Abdomensonografie muss der Patient nüchtern blei- Schallecho wird in Grauwerten dargestellt.
ben. Bei V. a. tiefe Beinvenenthrombose den Patienten, wenn ●● M-Mode-Verfahren: M = Motion = Bewegung. Hier kann
möglich, im Bett zur Dopplersonografie bringen; falls der Be- man z. B. Herzklappenbewegungen darstellen.
fund positiv sein sollte, muss der Patient zunächst Bettruhe ●● Doppler- und Duplexsonografie: Spezialverfahren zur
einhalten. Darstellung von Blutgefäßen, Venen und Arterien. Die
●● Alle anderen Untersuchungen in der Sonografie erfordern keine Frequenz zwischen ausgesandten und empfangenen
spezielle Vor- oder Nachbereitung vonseiten der Pflege. Ultraschallwellen verschiebt sich, wenn sie von einem
bewegten Objekt, z. B. den Zellen im strömenden Blut,
reflektiert werden. Dies wird auf verschiedene Weise zu
einer Bilddarstellung umgerechnet.

40
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

2.5.6  Röntgenuntersuchungen sichtbares Licht, ultraviolettes Licht, Röntgenstrahlung bis


hin zu Höhenstrahlung, die am kurzwelligsten ist. Röntgen-
Definition  Röntgenuntersuchung strahlen haben eine kürzere Wellenlänge als UV-Strahlung
Sie basiert auf der unterschiedlichen Abschwächung von Rönt- (▶ Abb. 2.19).
genstrahlung (=   elektromagnetischen Wellenstrahlen) beim Wir können mit unseren Augen nur den relativ kleinen Be-
Durchdringen verschiedener Körpergewebe. Die Strahlen werden reich des sichtbaren Lichtes erkennen, alle anderen Wellen-
an der Austrittsseite des Patienten registriert. Röntgenstrahlung strahlen sind für uns unsichtbar. Die Röntgenstrahlung wird
wirkt potenziell schädlich im Gewebe. in den Körper geschickt und durchdringt dort das Gewebe.
Das Prinzip der Bildgebung beruht auf der unterschiedlichen
Bewertung und Anwendung Schwächung der Strahlung im durchstrahlten Bereich. Sie
ist abhängig vom Körpergewebe, seiner Dicke, Dichte und
Von allen Verfahren der bildgebenden Diagnostik hat die Ordnungszahl. Im Knochen wird z. B. mehr Röntgenstrah-
Radiologie den größten Stellenwert. Hier werden Röntgen- lung absorbiert als im Muskelgewebe oder Bindegewebe.
strahlen eingesetzt, um Bilder vom menschlichen Körper Demzufolge kommt an der Austrittsseite des Patienten eine
zu erzeugen. Das künstliche Erzeugen von Röntgenstrahlen unterschiedliche Strahlenmenge und Intensität an, je nach-
in einer Röntgenröhre wurde 1894 durch Wilhelm Conrad dem, welches Gewebe durchstrahlt wurde. Die austretende
Röntgen entdeckt, der dafür den Nobelpreis erhielt. In den Strahlung wird dann auf einem entsprechenden Medium
Jahrzehnten danach wurde die Radiologie immer weiter registriert, es entsteht ein Bild.
entwickelt. Zu den klassischen Röntgengeräten kamen neue
Untersuchungsgeräte hinzu, die Computertomografie hat
Röntgenstrahlung und Strahlenschutz
Anfang der 70er Jahre die Ära der sog. „Schnittbilddiagnos-
tik“ begründet, Anfang der 80er Jahre kam die Magnetreso- Röntgenstrahlen haben eine sog. biologische Wirkung, d. h.,
nanztomografie hinzu. beim Durchtritt durch den Menschen finden Reaktionen
Die Radiologie ist deshalb so wichtig, weil das Skelett oder der Gewebezellen statt, die Zellteilung (Proliferation) kann
die Organe im Röntgenbild sehr genau dargestellt werden, gestört werden und die Zelle kann abgetötet werden. Es
was einen großen Beitrag zur Diagnose einer Erkrankung kommt bei jeder Einwirkung von Röntgenstrahlung zu einer
leisten kann. Röntgenaufnahmen haben also einen hohen Energieübertragung und Ionisation im Gewebe, d. h., durch
diagnostischen Aussagewert. Die Thorax-Röntgenaufnahme ihre Energie schlagen die Strahlen Elektronen aus dem
zur Untersuchung der Lunge ist die häufigste Untersuchung Atomverband heraus.
in der Radiologie, mit ihr lässt sich eine ganze Reihe von Er-
krankungen der Lunge eindeutig diagnostizieren.
Abb. 2.20Röntgenthorax.
Prinzip
Röntgenstrahlen sind elektromagnetische Wellen, die
für die medizinische Anwendung in einer Röntgenröhre
erzeugt werden. Sie kommen aber auch natürlicherwei-
se in großer Höhe vor. Das gesamte elektromagnetische
Wellenspektrum reicht von den Langwellen über Mittel-
wellen, Kurzwellen, Ultrakurzwellen, Infrarotlichtwellen,

Abb. 2.19Spektrum elektromagnetischer Wellen.

Röntgenstrahlung hat kürzere Wellenlängen als sichtbares und


UV-Licht. Aus: Neumeister, Geiss, Braun, Mikrobiologische Diagnostik, Thieme, Röntgenthorax-Aufnahme (Normalbefund) als Beispiel einer typischen
2009. Röntgenaufnahme. Foto: Urspeter Knecht.

41
2 Allgemeine Krankheitslehre

Besonders strahlensensible Organe sind: ●● Wenn Personal im Untersuchungsraum bleiben muss, z. B.
●● Augenlinse bei Durchleuchtungsuntersuchungen oder in der Angio-
●● männliche und weibliche Keimzellen grafie, muss das Personal Bleischürzen und Schilddrüsen-
●● beiKindern die Epiphysenfugen der Knochen schutz tragen, bei längerer Untersuchungsdauer auch eine
●● Knochen mit Blut bildendem Knochenmark. Bleiglasbrille.
●● Alle Personen, die in einer Röntgenabteilung arbeiten, tra-
Kinder sind als Patientengruppe insgesamt immer als sehr gen ein sog. Dosimeter (▶ Abb. 2.21). Hiermit wird ihre
strahlenempfindlich einzustufen, ebenso der Fetus. Deshalb monatliche Körperdosis an Strahlung registriert.
wird vor einer Röntgenuntersuchung jede Frau im gebärfä- ●● Schwangere Mitarbeiterinnen dürfen nur in Arbeitsbe-
higen Alter nach einer möglichen Schwangerschaft gefragt reichen eingesetzt werden, in denen sie keiner Strahlung
oder ein Schwangerschaftstest durchgeführt. Dies gehört zu ausgesetzt sind.
den vorgeschriebenen Strahlenschutzmaßnahmen bei me-
dizinisch angewandter Röntgenstrahlung. Blitzlicht Pflege  Strahlenschutz
Wenn Sie einen Patienten in die Röntgenabteilung begleiten und
ACHTUNG während der Untersuchung bei ihm bleiben, gelten für Sie folgen-
Grundsätzlich darf im Falle einer Schwangerschaft keine Rönt- de Vorschriften:
genuntersuchung durchgeführt werden. ●● Sie dürfen nicht schwanger sein.
●● Sie tragen eine Bleischürze, wenn Sie während der Aufnahme
In Ausnahmefällen kann der Radiologe jedoch die Indikation im Röntgenraum bleiben.
für eine Röntgenaufnahme der werdenden Mutter stellen, ●● Sie tragen eine Bleischürze und Schilddrüsenschutz, wenn Sie
und zwar dann, wenn die Diagnostik für Mutter oder Kind während einer Durchleuchtungsuntersuchung im Raum blei-
lebensnotwendig ist. ben, z. B. bei einem Kolonkontrasteinlauf.
Die technische Entwicklung der radiologischen Aufnah-
megeräte hat immer das Ziel gehabt, die Strahlenbelastung Sind Sie im OP oder in der Notfallambulanz tätig, müssen Sie an
für den Patienten zu reduzieren und die Bildqualität zu ver- einer zusätzlichen Schulung teilnehmen. Hier werden Ihnen Re-
bessern, bzw. die Fehlermöglichkeiten beim Anfertigen der geln für den Umgang mit Röntgenstrahlung und für Ihren eige-
Bilder zu reduzieren. Ungeachtet dessen muss auch heute nen Strahlenschutz vermittelt. Pflegekräfte, die hier regelmäßig
bei allen radiologischen Untersuchungsverfahren streng auf arbeiten, gehören ebenfalls zur Kategorie beruflich strahlenex-
den Strahlenschutz geachtet werden, beim Patienten, aber ponierter Personen. Diese Personengruppe muss regelmäßig an
auch beim Personal. Dazu gehört: Strahlenschutzunterweisungen teilnehmen, und die Körperdosis
●● Die Räume, in denen Röntgenstrahlen erzeugt werden, wird monatlich durch ein Dosimeter erfasst.
müssen nach außen gekennzeichnet sein.
●● Der Arzt stellt die richtige Indikation für die Röntgenun-
tersuchung. WISSEN TO GO
●● Die MTRA legen dem Patienten Bleischürzen um und be-
grenzen das bestrahlte Feld durch Blenden.
Grundlagen Radiologie und Strahlenschutz
●● Die MTRA vermeiden Fehlaufnahmen.
●● Die Türen zu den Untersuchungsräumen werden geschlos- Die Radiologie setzt Röntgenstrahlen ein, um Bilder vom
sen, bevor die Strahlung ausgelöst wird. Das Personal be- menschlichen Körper zu erzeugen. Röntgenstrahlen sind
findet sich außerhalb des Bereichs. elektromagnetische Wellen, die in einer Röntgenröhre
erzeugt werden. Ihre Wellenlänge ist kürzer als die der
UV-Strahlung. Das Prinzip der Bildgebung beruht auf der
Abb. 2.21Personendosimeter. unterschiedlichen Schwächung der Strahlung im durch-
strahlten Bereich.
Strahlenschutz: Röntgenstrahlen können die Zelltei-
lung stören; die Zelle kann absterben. Besonders strahlen-
sensible Organe sind
●● Augenlinse,
●● männliche und weibliche Keimzellen,
●● Epiphysenfugen bei Kindern sowie
●● Knochen mit blutbildendem Knochenmark.

Kinder und der Fetus sind sehr strahlenempfindlich. Bei


allen radiologischen Untersuchungsverfahren muss streng
auf den Strahlenschutz geachtet werden – beim Patienten,
aber auch beim Personal.

Einige verschiedene Dosimetertypen als Beispiel. Links: Filmdosimeter,


rechts: optisch stimuliertes Lumineszenzdosimeter, unten: Thermolumi-
neszenzdosimeter (Ringdosimeter). Foto: Thomas Knoch, Heidelberg.

42
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

Projektionsradiografie
WISSEN TO GO
Hierfür gibt es eine Reihe von Synonymen: die Röntgenauf-
nahme und das konventionelle Röntgen sind die am häufigs-
ten verwendeten Begriffe. Projektionsradiografie
Beispiele für Projektionsradiografie sind „klassische“ Rönt-
Definition  Projektionsradiografie genaufnahmen von Skelett, Thorax und Abdomen (Leer-
Der Begriff „Projektionsradiografie“ leitet sich von „Projektion“ aufnahme). Die Aufnahme erfolgt auf dem Rasteraufnah-
ab. Man versteht darunter eine Aufnahme, die in verschiedenen metisch oder am Rasterwandgerät. Es gibt verschiedene
Projektionsebenen hergestellt wird. Die Aufnahmen werden von Projektionsebenen, z. B. von vorne nach hinten (a.-p.) oder
vorne nach hinten, a.-p. ( anterior – posterior ), oder von hinten seitlich. Die Belichtungszeit beträgt nur Millisekunden, die
nach vorne, p.-a. (posterior – anterior), oder schräg oder seitlich Strahlenbelastung ist gering.
angefertigt. Die Angabe der Richtung bezieht sich immer auf die
Eintrittsrichtung der Röntgenstrahlung.
Computertomografie
Die Untersuchungen werden auf dem sog. Rasteraufnahme-
tisch oder am Rasterwandgerät angefertigt (▶ Abb. 2.22). Definition  Computertomografie (CT)
Bettlägerige Patienten werden in der Regel umgelagert, nur Die Computertomografie ist ein Untersuchungsverfahren, das
einige Aufnahmen können auch im Bett angefertigt werden. mit Röntgenstrahlung Schnittbilder vom Körper erzeugt. Rönt-
genröhre und Detektor sind kreisförmig angeordnet. Die Strah-
Bewertung, Anwendung, Untersuchungsdauer  • Alle Aufnah- lenbelastung ist relativ hoch.
men des Skeletts, die Thoraxaufnahme und die Abdomen-
leeraufnahme gehören zur Projektionsradiografie. Die Ge- Bewertung und Anwendung  • Innerhalb der Radiologie hat
samtzeit, die der Patient in der Radiologie verbringt, ist sehr dieses Verfahren einen sehr hohen Stellenwert. Es wird
kurz. Sie dauert nur wenige Minuten, wenn er gut beweglich hauptsächlich für die Diagnostik von Organerkrankungen
ist und die erforderliche Position selbstständig einnehmen eingesetzt. Häufige Untersuchungsbereiche sind Lunge, Le-
kann. Bei Schwerkranken und bei Patienten mit Bewegungs- ber, Milz, Nieren und Gehirn. Der Patient liegt auf einem
oder Verständigungsproblemen kann sich die Zeit verlän- Untersuchungstisch, der sich schnell durch die „Gantry“ be-
gern. Die Belichtungszeit der einzelnen Aufnahmen liegt im wegt. Das ist eine kreisförmige Anordnung von Röntgenröh-
Millisekundenbereich. re und Detektoren, die sich gegenüberstehen (▶ Abb. 2.23).
Während der Aufnahmezeit strahlt die Röntgenröhre und
Blitzlicht Pflege  Projektionsradiografie dreht sich in dieser Gantry um den Patienten. Das ist der
In aller Regel sind keine besonderen Vor- oder Nachbereitungs- wichtige Unterschied zur Projektionsaufnahme: Die Schwä-
maßnahmen notwendig. Bei bettlägerigen Patienten ist ggf. eine chung der Röntgenstrahlung wird nicht nur in einer Ebene
Unterstützung beim Lagern auf den Rastertisch (ggf. mittels Roll- registriert, z. B. von oben nach unten, sondern kreisförmig
brett) notwendig. um den Patienten herum. Die gegenüberliegenden Detekto-
ren empfangen die aus dem Patienten austretende Strahlung
und berechnen daraus Schnittbilder.
Die Strahlenbelastung für den Patienten ist bei der Com-
putertomografie viel größer als bei der Projektionsradiogra-
fie.

Abb. 2.22Röntgengerät.

Röntgenröhre

5 1
4
Körper des Patienten 2
Aufnahmetisch
3

Streustrahlenraster
Dosismessgerät
Röntgenfilmkassette/
a Detektor b

a Anordnung von Röntgenröhre, Untersuchungsobjekt, Tisch und Detektor im Schema, b typische Einrichtung eines Röntgenraums.
1: schwenkbare Röntgenröhre, 2: beweglich gelagerte Tischplatte, 3: Detektorlade für Aufnahmen im Liegen, 4: Rasterwandgerät für
Aufnahmen im Stehen, 5: Monitor. Foto: photodisc.

43
2 Allgemeine Krankheitslehre

Abb. 2.23Computertomografie. CT-geeignete Darmkontrastmittel, es soll durch die Speise-


röhre über den Magen bis in den Darm gelangen. Alternativ
kann auch direkt vor Untersuchungsbeginn Mineralwasser
getrunken werden. Das verteilt sich schnell im Magen- und
Darmbereich und lässt sich ebenfalls gut abgrenzen. Damit
diese Untersuchung gelingt, darf der Patient vorher keine
Röntgenuntersuchung des Magens oder Darms in der Rönt-
gendurchleuchtung erhalten haben. Das dort verwendete
Kontrastmittel kann die Bilderstellung in der CT so stark be-
einträchtigen, dass evtl. kein Befund erhoben werden kann.
Zwischen beiden Untersuchungen muss ein Zeitabstand von
einer Woche eingehalten werden, damit das Kontrastmittel
auf natürlichem Wege ausgeschieden werden kann, evtl.
sind Abführmittel zu verabreichen.

a
Blitzlicht Pflege  Computertomografie (CT)
Der Patient sollte darüber informiert werden, dass aufgrund der
Kontrastmittelgabe ein Aufklärungsgespräch erfolgt. Dabei muss
eine Einverständniserklärung unterschrieben werden (ggf. Brille
nicht vergessen). Eine Venenverweilkanüle ist notwendig. Me-
tallhaltige Gegenstände sollten abgelegt werden. Entsprechende
Blutwerte müssen vorliegen. Cave: abklären, dass während der
letzten 5 Tage kein rektales oder orales Röntgenkontrastmittel
verabreicht wurde. In der Nachbereitung erfolgt die Beobachtung
des Patienten hinsichtlich Spätreaktionen auf das Kontrastmittel.

a Prinzip der Bilderzeugung, b Vorbereitung einer Patientin fürs


WISSEN TO GO
CT.
Computertomografie
Untersuchungsdauer • Die Untersuchungsdauer beträgt im Der Computertomograf ist ein Röntgengerät mit ringförmig
Durchschnitt ca. 5–10 Minuten. Den Patienten für die Un- bewegter Röntgenröhre und Detektor, das Schnittbilder er-
tersuchung richtig zu lagern und vorzubereiten, kann aller- zeugt. Untersucht werden vorwiegend innere Organe und
dings viel längere Zeit in Anspruch nehmen als die eigentli- Gehirn. Die Aufnahme erfolgt in der Röntgenröhre („Gan­
che Untersuchung. Für den organisatorischen Ablauf in der try“), die rotiert. Die Dauer beträgt im Durchschnitt ca.
Radiologie ist eine zeitliche Terminierung der Untersuchung 5–10 Minuten. Die Strahlenbelastung ist viel größer als bei
erforderlich. Ausnahmen bilden Notfälle! der Projektionsradiografie. Spezielles CT-geeignetes Kont-
rastmittel wird intravenös verabreicht oder getrunken.
Verwendung von Kontrastmittel • Für die meisten Indikatio-
nen von CT-Untersuchungen muss dem Patienten in­travenös
ein Röntgenkontrastmittel (S. 52) verabreicht werden. Da- Angiografie und Phlebografie
durch lassen sich alle durchbluteten Organe und die Blutge-
Bei diesen Untersuchungstechniken werden Blutgefäße mit
fäße besser von Bereichen abgrenzen, die nicht durchblutet
einem positiven jodhaltigen intravasalen Röntgenkontrast-
werden, wie z. B. Lymphknoten. Für den sicheren Umgang
mittel dargestellt.
mit Kontrastmittel müssen die Blutwerte von Kreatinin und
Bei der Angiografie wird ein Katheter über die Leistenar-
TSH vorliegen. Kreatinin sagt etwas über die Nierenfunktion
terie vorgeschoben und in der zu untersuchenden Arterie
aus. Da Kontrastmittel über die Niere ausgeschieden wird,
platziert (z. B. der Aorta abdominalis oder einer Bein- oder
muss sie ausreichend funktionstüchtig sein. Bei Niereninsuf-
Beckenarterie). Dort wird dann Kontrastmittel injiziert, in
fizienz muss das Kontrastmittel ggf. reduziert oder wegge-
der Röntgenaufnahme können der Verlauf und die Durch-
lassen werden, es kann sonst die Gefahr eines Nierenversa-
lässigkeit der Gefäße beurteilt werden. Bei der Phlebografie
gens bestehen. Oft wird dem Patienten bei Niereninsuffizi-
werden die Venen des Beines oder Armes dargestellt. Beide
enz Stunden vor und nach der Kontrastmittelgabe Flüssigkeit
Techniken sind im Kap. „Herz-Kreislauf- und Gefäßsystem“
i.v. gegeben, um die Gefahr des Nierenversagens zu mindern.
(S. 199) ausführlich beschrieben.
TSH sagt etwas über die Funktion der Schilddrüse aus. Kon-
trastmittel enthält viel Jod und kann daher zu einer Schild-
drüsenüberfunktion führen. Röntgendurchleuchtung
Werden Abdomen und Becken in der CT untersucht,
Definition  Röntgendurchleuchtung
muss zusätzlich ein Kontrastmittel zur Kontrastierung des
Sie dient der sog. dynamischen Untersuchung von Organen in
Magen-Darm-Traktes getrunken werden. Dies kann bei
Bewegung. Die Röntgenstrahlung wird über einen längeren Zeit-
stationären Patienten schon auf der Station durchgeführt
raum erzeugt, das entstehende dynamische Röntgenbild wird auf
werden. 1 bis 2 Stunden vor dem geplanten Untersuchungs-
einem Monitor betrachtet. Die Strahlenbelastung ist deutlich hö-
beginn trinkt der Patient das dafür vorgesehene spezielle
her als bei einer einfachen Röntgenaufnahme.

44
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

Der Radiologe beobachtet unter Durchleuchtung, wie sich eingesetzt werden soll, richtet sich nach der Indikation und
Organe bewegen, z. B. bei der Lungendurchleuchtung die hat auf die Vorbereitung der Patienten seitens der Pflege
Lunge beim Ein- und Ausatmen oder im Magen-Darm-Trakt keinen Einfluss. Die Untersuchungsdauer hängt stark vom
dem Weg des Kontrastmittels durch den Verdauungstrakt. Patienten und seiner Erkrankung ab, sie beträgt im Durch-
Auch Stellungen von Knochenteilen bei Knochenoperatio- schnitt ungefähr 15 Minuten.
nen werden damit intraoperativ untersucht. Indikationen für einen KKE sind Verdacht auf Darmpoly-
Ermöglicht wird das durch ein sog. Durchleuchtungsgerät. pen, Darmtumoren oder Darmverschluss. Wie bei der Dar-
Es besteht aus einer Röntgenröhre und einem sog. Bildver- stellung von Magen und Darm über orales Kontrastmittel
stärker. Dort wird die aus dem Patienten austretende Strah- hat auch beim Kolon die Endoskopie im Gegensatz zur ra-
lung aufgefangen und in ein sichtbares Bild umgewandelt. diologischen Diagnostik an Bedeutung gewonnen.
Betrachten kann man das Bild auf einem Monitor, der sich
neben dem Durchleuchtungsgerät befindet. Die Röntgen- Blitzlicht Pflege  Kolonkontrasteinlauf
strahlung wird über einen längeren Zeitraum, beispielswei- Auch hier haben Sie Aufgaben in der Vor- und Nachbereitung. Zur
se 3 Minuten bei einer Magen-Darm-Untersuchung, erzeugt. Vorbereitung müssen die Patienten abgeführt werden, d. h., der
Im Gegensatz dazu liegt die Belichtungszeit einer Röntgen- Darm muss entleert sein. Meist wird damit erst am Nachmittag
aufnahme im Millisekundenbereich. Das hat natürlich Ein- vor der Untersuchung mithilfe von starken Abführmitteln begon-
fluss auf die Strahlenbelastung des Patienten, die bei einer nen. Es kann jedoch von Vorteil sein, wenn der Patient schon 1–2
Durchleuchtungsuntersuchung immer deutlich höher ist als Tage davor nur leichte Kost und bereits milde Abführmittel zu sich
bei einer einfachen Röntgenaufnahme. nimmt. Bei der Untersuchung selbst wird ein Darmrohr gelegt, die
Untersuchung ist daher deutlich unangenehmer als die Darstel-
Magen- und Darmdarstellung mit Kontrastmittel lung der Magen-Darm-Passage.
Die Magen- und Darmpassage unter Durchleuchtungskon-
trolle mit einem oralen Kontrastmittel gibt eine Übersicht
über die Beschaffenheit der Speiseröhre, des Magens und WISSEN TO GO
des Darms und über die Geschwindigkeit, mit der die aufge-
nommene Nahrung den Gastrointestinaltrakt passiert. Röntgendurchleuchtung
Durch die Untersuchung lassen sich z. B. Rückschlüsse auf
Erkrankungen ziehen, die mit einer beschleunigten oder Eine Röntgendurchleuchtung ist eine radiologische Dar-
verzögerten Passage einhergehen. Unklarer Durchfall oder stellung von Organbewegungen. Untersucht wird häu-
Obstipation können Indikationen für eine solche Untersu- fig z. B. der Verdauungstrakt. Das Durchleuchtungsgerät
chung sein. Die Untersuchungszeit beträgt ungefähr 5 Mi- besteht aus Röntgenröhre und Bildverstärker. Die Dauer
nuten. Manchmal werden später noch einzelne Aufnahmen beträgt einige Minuten. Die Strahlenbelastung ist deut-
angefordert, um das Kontrastmittel im Darm darzustellen. lich höher als bei einer einfachen Röntgenaufnahme. Das
Der Patient muss dann nach 1, 2 und 3 Stunden noch einmal Kontrastmittel wird oral zur Untersuchung des gesamten
zur Röntgenabteilung, dann wird aber jeweils nur noch eine Verdauungstrakts oder rektal beim Kolonkontrasteinlauf
Aufnahme gemacht. (Darstellung des Dickdarms) verabreicht. Die Röntgen-
Insgesamt hat die radiologische Diagnostik von Magen- durchleuchtung verliert gegenüber der Endoskopie mitt-
und Darmerkrankungen mittlerweile keinen so hohen Stel- lerweile an Bedeutung.
lenwert mehr. Die Endoskopie dominiert hier eindeutig –
sie hat den großen Vorteil, dass der Untersucher direkt von
krankheitsverdächtigen Schleimhautbereichen eine Biopsie 2.5.7  Magnetresonanztomografie
entnehmen kann.
Definition  Magnetresonanztomografie (MRT, MR)
Die Magnetresonanztomografie, auch Kernspintomografie ge-
Blitzlicht Pflege  Magen-Darm-Passage nannt, ist ein diagnostisches Aufnahmeverfahren, das ganz ohne
Vor der Magen-Darm-Passage darf der Patient 12 Stunden nichts Röntgenstrahlung Bilder vom menschlichen Körper erstellt.
mehr essen oder trinken und nicht rauchen. Die Nachbereitung ist
relativ unaufwendig. Hier geht es hauptsächlich darum, dass das
Kontrastmittel so schnell wie möglich wieder ausgeschieden wird. Bewertung und Anwendung
Mit dieser Methode können ganz ohne Strahlenbelastung
Kolonkontrasteinlauf (KKE) exzellente Bilder mit besonders gutem Weichteilkontrast
erzeugt werden. Letzteres kommt z. B. der Darstellung von
Der Kolonkontrasteinlauf ist eine Durchleuchtungsunter-
Gehirn und Rückenmark zugute. Das MRT ist in der Durch-
suchung des Dickdarms mit einem rektalen Kontrastmittel.
führung wesentlich komplexer und teurer als CT und Rönt-
Das Kontrastmittel wird rektal durch einen Einlauf verab-
gen. Es erfordert eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen, die
reicht, und der Verlauf im Darm wird unter Durchleuch-
aufgrund des permanent vorhandenen starken Magnetfel-
tungskontrolle verfolgt. Dabei macht der Untersucher Auf-
des erforderlich sind.
nahmen zur Dokumentation von allen Darmabschnitten
Die Untersuchung in der Magnetresonanztomografie dau-
und von verdächtigen pathologischen Arealen.
ert sehr lange. Der Patient sollte sich auf ca. 30–40 Minuten
Der KKE kann entweder im Mono- oder im Doppelkon-
einstellen.
trastverfahren durchgeführt werden. Beim Monokon­
trasteinlauf wird nur ein Kontrastmittel gegeben, nämlich
das wasserunlösliche Röntgenkontrastmittel Bariumsul-
fat. Beim Doppelkontrast werden 2 unterschiedliche Kon­
trastmittel gegeben, positiv und negativ (S. 52). Positiv ist
wie beim Monokontrast das Bariumsulfat, negativ wird zu-
sätzlich Luft als Kontrastmittel gegeben. Welches Verfahren

45
2 Allgemeine Krankheitslehre

Prinzip Notwendige Sicherheitsmaßnahmen im


Die Bildentstehung in der Magnetresonanztomografie resul- MRT-Raum
tiert aus chemischen und physikalischen Vorgängen, die in ●● Keine magnetisierbaren Gegenstände am Körper tragen,
unserem Körper stattfinden. Durch die chemische Zusam- dazu gehören: Schmuck, Uhren, Haarklammern, Kugel-
mensetzung unseres Körpers entstehen in ihm zahlreiche schreiber, Stethoskope, lose Geldstücke, Schrauben oder
schwache Magnetfelder, die man sich zur Erzeugung von Schraubenzieher, Verbandscheren, Pflasterrollen aus Me-
Bildern des Körpers zunutze macht. Es erfolgt eine Magne- tall und weitere Gegenstände aus Metall jeglicher Art.
tisierung des Körpers in einem starken externen Magneten. ●● Mitgebrachte Infusionsständer müssen gegen MR-taugli-
Dafür müssen die Patienten in die „Röhre“ gefahren werden. che ausgetauscht werden.
Diese Röhre ist ein starker, permanent eingeschalteter Elek- ●● Die Patienten müssen auf MR-tauglichen Tragen gelagert
tromagnet, mit Feldstärken von 1–3 Tesla für die medizini- werden. Auch ein Sitzwagen darf nicht mit in den Unter-
sche Bildgebung. Tesla ist die Einheit der Feldstärke eines suchungsraum genommen werden.
Magneten, benannt nach dem Physiker und Elektrotechniker ●● Sind Sie unsicher, ob ein Material MR-tauglich ist oder
Nikola Tesla. Die Wasserstoffatome im Körper richten sich nicht, fragen Sie nach: Schienen, Bügel, Halterungen etc.
in diesem äußeren Magnetfeld in 2 Richtungen aus. Durch können aus sehr unterschiedlichem Material bestehen.
das Aussenden von Hochfrequenzwellen wird Energie zu- ●● Patienten mit Herzschrittmachern dürfen bis zu einem Si-
geführt. Dieser Sender befindet sich ebenfalls in der Röhre. cherheitsabstand von ca. 10 m, der von der magnetischen
Hochfrequenzwellen sind Radiowellen einer bestimmten Feldstärke des Magneten abhängig ist, nicht an dem Gerät
Frequenz, die physikalische Einheit ist Hertz (Hz). Diese vorbeitransportiert werden.
Hochfrequenzwellen führen dazu, dass die Magnetisierung ●● Da sich die Elektronik von Hörgeräten durch den Mag-
des Körpers unterbrochen wird und die Wasserstoffatome neten und durch die Hochfrequenzpulse verstellen kann,
ihre Ausrichtung verändern. Werden die Wellen ausgeschal- müssen diese im Vorraum abgelegt werden. Weisen Sie
tet, kehren die Atome wieder in ihren Ausgangszustand die Patienten darauf hin. Falls Sie selbst Hörgeräte tragen,
zurück. Bei diesem Wechsel geben sie die aufgenommene dürfen Sie den Untersuchungsraum nicht betreten.
Energie als elektromagnetische Strahlung ab. Diese sog. Re- ●● Vorsicht ist zudem bei metallhaltigen Implantaten gebo-
laxation ist von der chemischen Verbindung und der mole- ten, da hier die Gefahr der Metallüberhitzung besteht. In
kularen Umgebung der Wasserstoffatome abhängig. Daher diesen Fällen entscheidet der Arzt im Einzelfall.
unterscheiden sich die verschiedenen Gewebearten charak- ●● Wenn ein Kontrastmittel gegeben wird, muss vorher die
teristisch in ihrem Resonanzsignal, was zu verschiedenen Nierenfunktion überprüft werden (Serumkreatinin und
Signalstärken (Helligkeiten) im resultierenden Bild führt. glomeruläre Filtrationsrate).
Das Resonanzsignal kann man mit einer Untersuchungs­
spule messen. Diese Spulen müssen sich immer sehr nah am
Blitzlicht Pflege  MRT
untersuchten Körperbereich befinden, damit sie das Signal
Erinnern Sie den Patienten vor einer MRT-Untersuchung daran,
wahrnehmen und registrieren können. Deshalb werden die
dass er alle metallhaltigen Gegenstände (z. B. Schmuck, Uhren,
Patienten in Untersuchungsspulen „eingepackt“.
Prothesen) ablegt. Bei Kontrastmittelgabe Vorhandensein ent-
Wird zu einem bestimmten Zeitpunkt gemessen, so befin-
sprechender Blutwerte überprüfen. Sicherheitsmaßnahmen im
den sich die Magnetfelder aus Flüssigkeiten wie z. B. Liquor
MRT-Bereich beachten. Die MRT-Untersuchung stellt für viele Pa-
im Rückenmarkkanal in einem anderen Zustand als die von
tienten eine Belastung dar, da sie über einen längeren Zeitraum
Fettgewebe, Bandscheibengewebe oder Knochen, die Gewe-
absolut still liegen müssen, die Röhre sehr eng ist (Klaustropho-
be geben ein unterschiedliches Resonanzsignal ab. Dadurch
bie!) und die Untersuchung sehr laut ist. Vor einer Untersuchung
ergibt sich bei der Magnetresonanztomografie der Kontrast
sollte daher immer nach einer bekannten Klaustrophobie gefragt
der Bilder. Der Messzeitpunkt und die Stärke des Hochfre-
werden, damit der Arzt ggf. ein Beruhigungsmittel verabreichen
quenzpulses können variiert werden. Die manchmal sehr
kann. Machen Sie Ihren Patienten unbedingt auf den Notrufknopf
lange Untersuchungsdauer erklärt sich durch die geringen
aufmerksam. Das Wissen, jederzeit Hilfe zu bekommen, wird
Signalunterschiede, die gemessen werden müssen.
i. d. R. als sehr beruhigend empfunden!
Die Hochfrequenzwellen, die dem Körper zugeführt wer-
den, verursachen eine Erwärmung des Körpers an der Stelle,
an der sie eintreten. Es besteht dadurch die Gefahr der Ver-
brennung für den Patienten. Deshalb müssen eine Reihe von WISSEN TO GO
Vorsichtsmaßnahmen getroffen werden: Kein Metall darf
im Körper sein (z. B. Herzschrittmacher), keine EKG-Kabel Magnetresonanztomografie (MRT)
dürfen auf dem Körper liegen und sich kreuzen oder eine In-
duktionsschleife bilden, es darf kein Haut-Haut-Kontakt bei Im MRT werden Gewebe durch Zuführen von Hochfre-
der Lagerung vorkommen, und es darf sich kein Papier (Zell- quenzwellen dargestellt. Die Veränderungen der Magnetfel-
stoff) im Untersuchungsbereich befinden, das könnte sogar der des Körpers erzeugen Resonanzsignale, aus denen Bilder
in Flammen aufgehen. Viele Implantate (z. B. Portsysteme) berechnet werden. Das Verfahren liefert exzellente Bilder
sind inzwischen MRT-gängig; bei Gelenkprothesen kommt mit hohem Weichteilkontrast. Insbesondere gut untersucht
es auch auf die seit der Implantation vergangene Zeit an; im werden können Gehirn und Rückenmark. Die Untersuchung
Einzelfall kann mit dem Radiologen Rücksprache gehalten findet in der elektromagnetischen Röhre statt, die Messspu-
werden. len werden nah am Patienten angebracht. Die Dauer ist mit
ca. 30–40 Minuten sehr lang. Außer der hohen Lautstärke
in der Röhre besteht für geeignete Patienten keine weitere
Belastung. Das Verfahren ist aufwendig und teuer.

46
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

2.5.8  Endoskopie und Bei der Endosonografie enthält das Endoskop anstelle der
Optik einen Ultraschallkopf.
Endosonografie
Anwendung • Die Endoskopie findet Anwendung in Dia­
Definition  Endoskopie gnostik und Therapie von Atemwegen und Lunge und ins-
Bei der Endoskopie (umgangssprachlich „Spiegelung“) werden besondere des Gastrointestinaltraktes. Beispiele für thera-
Hohlräume des Körpers mit einem durch natürliche Körperöff- peutische Eingriffe, die endoskopisch durchgeführt werden
nungen eingeführten sog. Endoskop betrachtet. können, sind das Entfernen von krankhaftem Gewebe (z. B.
Darmpolypen) oder auch die Blutstillung (z. B. bei einer Ma-
Die Endoskope besitzen neben dem optischen Apparat eine genblutung). ▶ Tab. 2.1 zeigt Beispiele endoskopischer Ver-
Spül- und eine Saugvorrichtung und mindestens einen Ar- fahren. Die Verfahren finden vereinzelt unter Narkose statt,
beitskanal, durch den sich Instrumente einführen lassen die meisten aber unter leichter medikamentöser Sedierung.
(▶ Abb. 2.24). Darüber können Gewebeproben entnommen Die Endosonografie liefert durch den direkten Kontakt
werden (Biopsie) oder auch krankhaftes Gewebe entfernt des Ultraschallkopfes mit der Organwand i. d. R. ein schärfe-
werden. res und exakteres Bild als bei der Abdomensonografie. Auch

Abb. 2.24Endoskop.

a b

a Flexibles Endoskop mit Lichtquelle.


b Der Untersucher kann das Endoskop mithilfe eines großen und eines kleinen Rades bewegen.

Tab. 2.1  Beispiele endoskopischer Verfahren.

endoskopisches Verfahren Beispiele für diagnostische Beispiele für therapeutische Indikationen


­(untersuchte Struktur) ­Indikationen

Bronchoskopie (Bronchialsystem) V. a. Bronchialkarzinom und andere tiefes Absaugen von Aspirationsmaterial oder Sekret, Ent-
Lungenerkrankungen (z. B. interstitielle fernen aspirierter Fremdkörper, Blutstillung, Aufdehnung
Lungenerkrankung, Bronchiektasen) von Verengungen im Bronchialsystem, Strahlentherapie
von innen (endogen) bei Bronchialkarzinom

Thorakoskopie (Pleuraraum) Erkrankungen der Pleura Fibrinverklebung bei immer wiederkehrenden Pleura­
ergüssen

Ösophago-Gastro-Duodenoskopie Schluckbeschwerden, Oberbauchbe- Blutstillung, Entfernung verschluckter Fremdkörper u. a.


(Speiseröhre, Magen und Duodenum) schwerden, unklare Anämie (Magen-
blutung?) u. a.

ERCP = endoskopisch retrograde V. a. Gallengangskarzinom, V. a. Pank- Entfernung von Gallensteinen
Cholangio-Pankreatikografie (Gallen- reaskarzinom, chronische Pankreatitis,
gang und Pankreasgang, Mündungs- unklarer Ikterus
stelle der Gänge im Duodenum)

Koloskopie (Dickdarm) V. a. und Vorsorge von Kolonkarzinom, Entfernung von Dickdarmpolypen u. a.
V. a. chronisch-entzündliche Darmer-
krankung

Rektoskopie = Proktoskopie V. a. Hämorrhoiden, V. a. Rektumkar- Blutstillung, Polypenabtragung, Hämorrhoidenverödung


(Enddarm) zinom

47
2 Allgemeine Krankheitslehre

benachbarte Organe, die sich durch die Abdomensonografie


aufgrund ihrer tiefen Lage nur schwer darstellen lassen (z. B.
2.5.9  Laparoskopie
Pankreas, Nebenniere, Lymphknoten), können mithilfe der Definition  Laparoskopie
Endosonografie gut untersucht werden. Eine wichtige Indi- Die Laparoskopie (Bauchspiegelung) ist eine minimalinvasive
kation der Endosonografie ist das Staging gastrointestinaler Operation, bei der unter Vollnarkose ein sog. Laparoskop mit Ka-
Tumoren (u. a. Größenausdehnung des Tumors, Lymphkno- meraoptik und Lichtquelle in die Bauchhöhle eingeführt wird. Der
tenvergrößerungen). Weitere Einsatzgebiete sind die Abklä- Untersucher kann die Bauchhöhle direkt einsehen und gleichzei-
rung umschriebener Gewebeveränderungen in der Wand tig diagnostische und therapeutische Eingriffe vornehmen.
von Speiseröhre, Magen oder Darm (z. B. Abszesse und Fis-
teln) und die Beurteilung des Pankreas- und Gallengangs Anwendung • Diagnostische Laparoskopien werden bei Be-
bei V. a. entzündliche oder tumoröse Veränderungen. Sehr schwerden im Abdomen durchgeführt, die mit bildgeben-
verbreitet ist die Endosonografie inzwischen bei gynäkolo- den Verfahren nicht ausreichend abgeklärt werden können.
gischen Untersuchungen. Hier wird ein entsprechend ge- Im Rahmen einer Laparoskopie können auch Proben ent-
formter Schallkopf in die Vagina eingeführt. Dies ermöglicht nommen werden. In der Gynäkologie kommt sie u. a. bei
eine gute Darstellung des Uterus und der Eierstöcke. Endometriose, Myomen oder zur Abklärung einer Unfrucht-
barkeit zum Einsatz.
Vorbereitung • Die Patienten müssen vom Arzt aufgeklärt Therapeutische Laparoskopien: Viele chirurgische Ein-
und ihr Einverständnis zur Untersuchung schriftlich doku- griffe wie z. B. die Cholezystektomie (Entfernung der Gal-
mentiert haben. Je nach Verfahren sind unterschiedliche lenblase) und die Appendektomie (Entfernung des Wurm-
Voruntersuchungen notwendig, die der zuständige Arzt fest- fortsatzes) werden heute laparoskopisch durchgeführt. Zu-
legt. Ggf. müssen Medikamente, die der Patient regelmäßig nehmend finden sie auch Anwendung bei komplexeren z. B.
nimmt, rechtzeitig abgesetzt werden (z. B. blutverdünnende onkologischen Eingriffen.
Medikamente vor einer Polypentfernung). Auch dies erfolgt
auf Anordnung des Arztes. Bei Patienten mit bestimmten Prinzip • Laparoskopische Eingriffe werden in Vollnarkose
Herzerkrankungen ist evtl. eine sog. Endokarditisprophy­ durchgeführt. Die Bauchhöhle wird über eine Kanüle mit
laxe mit Antibiotika notwendig. CO2 gefüllt (Erzeugung eines sog. „Pneumoperitoneums“).
Dadurch bläht sich das Abdomen auf und es wird genug
Komplikationen • Bei allen endoskopischen Untersuchungen Platz geschaffen, um eine gute Übersicht zu haben und mit
kann es zu Blutungen und zur Organperforation kommen, den Instrumenten arbeiten zu können. Anschließend wird
insbesondere dann, wenn Gewebeproben entnommen wer- ein kleiner Schnitt im Bauchnabel gesetzt, über den das
den. Außerdem können verschleppte Keime eine Infektion Untersuchungsgerät (Laparoskop) eingeführt wird. Dieses
verursachen. Darüber hinaus kann eine reflektorische Sti- enthält eine Lichtquelle und einen optischen Apparat, über
mulierung des N. vagus zu Herzrhythmusstörungen führen. den Bilder aus der Bauchhöhle auf einen Bildschirm über-
Wenn Beruhigungsmittel verabreicht werden, kann es zu ei- tragen werden. Durch weitere kleine Hautschnitte können
ner Beeinträchtigung der Atem- und Kreislauffunktion oder sog. Trokare eingeführt werden, über die anschließend die
zu allergischen Reaktionen kommen. verschiedenen „Arbeitsgeräte“ (z. B. Scheren, Fasszangen)
eingebracht werden können.
Blitzlicht Pflege  Endoskopie
Viele Patienten haben Angst vor endoskopischen Untersuchun- Blitzlicht Pflege  Laparoskopie
gen. Schlauch schlucken, Darmreinigung, Einführen der Kamera Eine diagnostische Laparoskopie kann ambulant durchgeführt
in den Darm – all dies sind unangenehme Vorstellungen. Hier werden. Operative Laparoskopien können im Bauchraum ein
können Sie als Pflegende wertvolle Beruhigungs- und Aufklä- Operationsausmaß erreichen, das einer offenen Operation nicht
rungsarbeit leisten, indem Sie den Patienten in Ruhe erklären, nachsteht. Pflegende haben hier Aufgaben in der Vorbereitung,
was auf sie zukommt. assistieren während der Operation und müssen den Patienten
Eine weitere Aufgabe der Pflegenden ist die Assistenz während überwachen und postoperativ versorgen.
der Untersuchung sowie ggf. der Versand der Gewebeproben.
Wenn die Patienten ein Beruhigungsmittel erhalten haben, müs-
sen sie im Anschluss an die Untersuchung überwacht werden. WISSEN TO GO

WISSEN TO GO Laparoskopie
Über einen minimalinvasiven Zugang werden unter Voll-
Endoskopie und Endosonografie narkose ein Endoskop und andere Geräte in die Bauchhöh-
le eingeführt, mit denen der Operateur die Organe beur-
In der Endoskopie werden Hohlräume des Körpers mit ei- teilen, Proben entnehmen und therapeutische Eingriffe
nem Endoskop von innen beobachtet. Dabei besteht die vornehmen kann.
Möglichkeit zur Gewebsentnahme oder -entfernung oder/
und zu therapeutischen Eingriffen (z. B. Stillen einer Magen-
blutung). Untersucht werden v. a. der Magen-Darm-Trakt,
aber auch die Atemwege und die Lunge. Bei der Endosono-
grafie enthält das Endoskop statt des optischen Apparats
einen Ultraschallkopf. Das Endoskop wird meist unter Se-
dierung eingeführt. Die Aufklärung erfolgt durch den Arzt,
eine schriftliche Einverständniserklärung muss vorliegen,
bestimmte Medikamente müssen abgesetzt sein, ggf. ist
eine Endokarditisprophylaxe mit Antibiotika notwendig.

48
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

2.5.10  Biopsie Abb. 2.25Biopsie von Brustgewebe.

Definition  Biopsie
Unter einer Biopsie versteht man die Entnahme einer kleinen Ge-
webeprobe aus einem kranken oder fraglich kranken Gewebever-
band.

Die gewonnene Gewebeprobe wird nach der Entnahme wei-


terverarbeitet und mikroskopisch durch den Pathologen auf
mögliche krankhafte Veränderungen untersucht.
Je nachdem, aus welchem Gewebe eine Probe entnommen
werden und wie groß sie sein muss, gibt es unterschiedliche
Methoden, das Material zu gewinnen:
●● Feinnadelbiopsie (0,75-mm-Nadel): Entnahme von Zellen
aus inneren Organen wie Speicheldrüse, Schilddrüse, Pro-
stata, Lunge.
●● Stanzbiopsie (1–2-mm-Nadel, ▶ Abb. 2.25): Entnahme
eines kleinen Gewebezylinders aus inneren Organen wie
Brust, Leber, Prostata, Muskel, Niere. Sonografisch gesteuerte perkutane Stanzbiopsie. Aus Fischer, Baum,
●● Vakuumbiopsie: Sie ist eine Weiterentwicklung der Stanz- Diagnostische Interventionen der Mamma, Thieme 2006.
biopsie. Durch einen Unterdruck in der Biopsienadel wird
das Gewebe in die Stanze gezogen, um die Entnahme zu
erleichtern. Diese Technik wird vor allem bei V. a. Brust- 2.5.11  Nuklearmedizinische
krebs angewendet. Bildgebung
●● Kürettage: Bei der Kürettage wird locker anliegendes Ge-
webe mit einem speziellen scharfen Löffel abgeschabt. Definition  Szintigrafie
Diese Methode findet z. B. Anwendung bei der Gebärmut- Als Szintigrafie bezeichnet man bildgebende Untersuchungen
terschleimhaut oder im Rachenbereich. mithilfe von radioaktiven Substanzen, die dem Patienten zuvor
●● Hautbiopsie: Bei einem so festen Zellverband wie der Haut verabreicht wurden. Sie ermöglichen Aussagen über die Gestalt
muss meistens ein kleiner Bereich (ca. 3 mm) herausge- (Morphologie) und/oder über die Funktion eines Organs (Funkti-
schnitten werden. onsszintigramme).

Die Feinnadelbiopsie verursacht im Normalfall kaum Prinzip


Schmerzen und Narben. Die Stanz- und Hautbiopsien sind
invasiver und es entsteht ein etwas größerer Defekt. Da die In der Nuklearmedizin werden durch Krankheit gestörte
Entnahme in Lokalanästhesie stattfindet, empfindet der Pa- Stoffwechselgeschehen bildlich dargestellt. Wie in der ra-
tient dabei im Normalfall kaum Schmerzen. Nach Abklingen diologischen Diagnostik nutzt man auch für nuklearmedizi-
der Anästhesie kann es allerdings zu lokalen Reizungen und nische Verfahren ionisierende Strahlen, die aber im Gegen-
im Heilungsprozess zu einer Narbenbildung kommen. satz zum Röntgen nicht aus einer Röntgenröhre, sondern
von radioaktiven Substanzen stammen.
Blitzlicht Pflege  Biopsien
Pflegende verantworten bei Biopsien oft die Vorbereitung des Radiopharmaka
Materials, das für den Eingriff benötigt wird, sowie das korrekte Die radioaktiven Substanzen, sog. Radiopharmaka, werden
Abfangen und den korrekten Versand des Untersuchungsmateri- heutzutage künstlich erzeugt. Sie zeichnen sich durch güns-
als. Außerdem assistieren Pflegende meist dem Arzt während des tige physikalische Eigenschaften wie z. B. eine kurze Halb-
Eingriffs. wertszeit aus, was die Strahlungsbelastung des Patienten
verringert.

WISSEN TO GO Definition  Halbwertszeit


Als Halbwertszeit bezeichnet man die Zeit, nach der nur noch
Biopsie die Hälfte der anfänglich vorhandenen messbaren Radioaktivität
nachweisbar ist. In der Regel sind die Radiopharmaka organspe-
Bei einer Biopsie wird eine Probe aus einem Gewebever- zifisch bzw. es werden nicht radioaktive Pharmaka mit radioakti-
band entnommen. Die Gewebeprobe wird durch den Pa- ven Substanzen gekoppelt, damit die so entstandene Verbindung
thologen auf krankhafte Veränderungen untersucht. organspezifisch ist.

Diese Radiopharmaka können dem Patienten auf unter-


schiedliche Weise verabreicht werden. Am häufigsten ge-
schieht dies intravenös (i. v.), seltener inhalativ (über die
Atmung), oral (über den Verdauungstrakt) oder subkutan
(unter die Haut, s. c.).

49
2 Allgemeine Krankheitslehre

Strahlungsarten und Anwendung Blitzlicht Pflege  Szinti-Vorbereitung


Der Patient muss für die Untersuchung richtig vorbereitet sein. Der
Die Radiopharmaka unterscheiden sich nicht nur durch Or-
Einfluss durch Nahrung, Medikamente und andere Bedingungen
ganspezifität und Halbwertszeit, sondern auch dadurch, dass
auf die Organe, die im Szintigramm dargestellt werden sollen, ist
sie unterschiedliche Strahlenarten aussenden. Physikalisch
vielfältig, daher variieren die Vorbereitungen sehr. Das Spektrum
sprechen wir von Gammastrahlung, wenn es sich um Wel-
reicht von keiner Vorbereitung über strenge Nüchternheit und das
lenstrahlung (wie z. B. die Röntgenstrahlung) handelt. Ra-
Absetzen von Medikamenten bis hin zur Einnahme bestimmter
diopharmaka, die diese Strahlenart aussenden, verwendet
Medikamente. Die Vorgaben der nuklearmedizinischen Abteilung
man hauptsächlich in der nuklearmedizinischen Diagnostik,
müssen entsprechend eingehalten werden, damit eine diagnos-
weil die Geräte nur diese Strahlenart für die Bildgebung re-
tisch aussagekräftige Untersuchung durchgeführt werden kann
gistrieren können.
und eine unnötige Strahlenbelastung für Patient und Personal
Es gibt auch Radiopharmaka, die Beta- oder Alphastrah-
vermieden wird.
lung aussenden. Man bezeichnet Beta- und Alphastrahlung
als Teilchenstrahlung, weil die Strahlung sozusagen aus Ele-
mentarteilchen (z. B. Elektronen = Betastrahlung) besteht. SPECT und PET
Mit Radiopharmaka, die Betastrahlung aussenden, sind sehr
gezielte nuklearmedizinische Therapiemaßnahmen ­möglich,
Definition  SPECT und PET
SPECT (Single Photon Emission Computed Tomography) und PET
z. B. die Radiojodtherapie. Diese werden meist im Bereich
(Positronenemissionstomografie) sind tomografische (Schnitt-
der Tumorbehandlung angewendet und sind im Kap. „Grund­
bild-)Verfahren. Sie beruhen auf dem oben beschriebenen Prinzip
lagen zu Tumorerkrankungen“ (S. 82) beschrieben. Nukle­
der Szintigrafie, die analog der Computertomografie oder der
armedizinische Therapien müssen in Deutschland derzeit
Magnetresonanztomografie angewendet wird.
größtenteils auf entsprechend spezialisierten Therapiesta-
tionen durchgeführt werden. Ausnahmen sind einige weni-
Beide Verfahren ermöglichen es, spezifische metabolische
ge sog. Standardtherapien, bei denen eine genau definierte
und funktionelle Vorgänge bildlich darzustellen.
Menge des vorgesehenen Radiopharmakons appliziert wird,
Die Verbindung von PET- und SPECT-Scannern mit Com-
z. B. die Radiosynoviorthese (Behandlung entzündlicher Ge-
putertomografen oder Kernspintomografen bezeichnet man
lenke). Welche nuklearmedizinischen Therapien angeboten
als Hybridbildgebung. Dabei werden tomografische Szinti-
werden, ist stark reglementiert und unterscheidet sich von
gramme mit Computertomogrammen bzw. Kernspintomo-
Klinik zu Klinik.
grammen, die vom Patienten in derselben Position erstellt
wurden, zusammengebracht. Dadurch kann die sehr emp-
Aufnahmen und Bildentstehung
findliche Detektion von pathologischen Stoffwechselvor-
Die Aufnahmen, die in der nuklearmedizinischen Diagnostik gängen auch anatomisch genau lokalisiert werden (▶ Abb.
entstehen, bezeichnet man als Szintigramme oder auch Szin- 2.26c). Dieser Vorgang der Bildfusion bedarf sehr leistungs-
tigrafien. Die Bildentstehung in der Nuklearmedizin beruht starker Rechnersysteme. Außerdem ist es wichtig, dass der
auf der Registrierung und Messung der Gammastrahlung, Patient in der Lage ist, für die Zeit der Untersuchung stillzu-
die der Patient durch das Radiopharmakon, das ihm verab- liegen, um Bewegungsartefakte zu vermeiden. Die Hybrid-
reicht wurde, aussendet (▶ Abb. 2.26a,b). bildgebung ist mit einer hohen Strahlenbelastung verbun-
Mit einer Gammakamera werden Szintigramme erzeugt, den.
die entweder Aussagen über Gestalt und Form (Morpholo-
gie) oder über die Funktion eines Organs bzw. Organsystems SPECT
(= Funktionsszintigramme) oder über beides ermöglichen.
Bei der SPECT rotieren ein oder mehrere Detektorköpfe
Hierzu wird der Messkopf (Detektor) der Gammakamera
(Messköpfe) einer Gammakamera um den Körper des Pa-
über oder auch unter dem Patienten so positioniert, dass
tienten. Die SPECT in Form von Ganzkörperaufnahmen er-
das zu untersuchende Organ exakt erfasst werden kann. Die
gänzt Aufnahmen in einer Ebene (planare Aufnahme), z. B.
Aufzeichnung erfolgt mit vorgegebenen, größtenteils stan-
bei der sog. Herdsuche, also der Suche nach Ausgangspunk-
dardisierten Aufnahmeparametern. Die ermittelten Mess-
ten einer Erkrankung. Sie unterstützt die Diagnostik vor al-
werte werden mit Rechenprogrammen bearbeitet, damit
lem im Bereich der Wirbelsäule, des Beckens und des Schä-
das untersuchte Organ oder auch Organsystem zur Darstel-
dels, besonders auch bei Herz- und Hirnuntersuchungen.
lung gebracht werden kann und/oder Aussagen zur Funktion
Durch die überlagerungsfreie Darstellung wird eine gute
des jeweiligen Organs gemacht werden können, wie z. B. zur
Bildqualität erreicht und auch kleinere Organe sind gut zu
Durchblutung oder Ausscheidung.
erkennen.
Beispielhafte Fragestellungen für nuklearmedizinische
Untersuchungen an verschiedenen Organsystemen sind:
●● Knochen: Knochentumoren, Knochenmetastasen; Osteitis, Blitzlicht Pflege  SPECT-Vorbereitung
Osteomyelitis? Der Patient muss wissen, dass er für die Untersuchung über einen
●● Herz: Durchblutungsstörungen im Herzmuskel, Wandbe- längeren Zeitraum still liegen muss. Der Abstand zwischen De-
wegungsstörungen? tektorkopf und Patient muss für eine exakte Erfassung der vom
●● Niere: Durchblutungsstörungen, tubuläre Funktionsstörun- Patienten ausgesandten Strahlung möglichst gering sein. Patien-
gen, gestörter Abfluss aus dem Nierenbeckenkelchsystem? ten, die an „Platzangst“ (Klaustrophobie) leiden, können für die
●● Lunge: Lungenfunktionsstörungen, Lungenembolie, Untersuchung in der Regel medikamentös unterstützt werden.
Durchblutungsstörungen der Lungen?
●● Schilddrüse: Knoten („warm“ oder „kalt“ – mit oder ohne
Aufnahme des Radiopharmakons), Über- oder Unterfunk-
tion?

50
Grund­kenntnisse medizinischer Diagnostik

Abb. 2.26Szintigrafie und PET.

Vorderwand

Septum Lateralwand

b Hinterwand

a Skelettszintigrafie. Patient mit metastasierendem Prostatakarzinom, es sind zahlreiche Knochenmetastasen zu erkennen. b Myo-
kardperfusionsszintigrafie (SPECT). Man erkennt eine deutliche Minderdurchblutung im Bereich der Hinterwand. c PET-Aufnahme des
Gehirns. In diesem Beispiel ist eine erhöhte Aktivität im Bereich der Sehrinde im Hinterlappen zu erkennen.
a und b: Aus Reiser, Kuhn, Debus, Duale Reihe Radiologie, Thieme, 2011; c: Aus Braus, EinBlick ins Gehirn, Thieme, 2004.

PET Blitzlicht Pflege  PET-Vorbereitung


Der Patient wird – ähnlich wie bei der Computertomografie – in
Spezielle Radiopharmaka und eine sehr komplexe Technik
einen Ring gefahren und muss für die Dauer der Aufnahme still
lassen die Entdeckung einer Erkrankung (speziell von Tu-
liegen. Sehr elementar ist die Einhaltung der Nahrungskarenz, da
morerkrankungen und Entzündungen) in einem frühen Sta-
sehr häufig mit radioaktivem Fluor markierter Zucker (Glukose)
dium zu. Auch zum sog. Staging („Einstufen“) einer bereits
als Radiopharmakon verwendet wird und sonst Fehlinterpretati-
bekannten Tumorerkrankung werden diese Verfahren ein-
onen der Szintigramme die Folge sind. Die strenge Nüchternheit
gesetzt. Auf der Grundlage des gewonnenen Bildmaterials
muss auch von an Diabetes erkrankten Menschen eingehalten
in Verbindung mit anderen klinischen Ergebnissen kann für
werden. Es empfiehlt sich in diesem Fall eine direkte Rücksprache
den Patienten ein optimaler Behandlungsplan entwickelt
mit dem PET-Zentrum zur Terminvereinbarung.
werden. Außerdem kann der Erfolg von Therapiemaßnah-
men kontrolliert werden. Bei vielen Tumorerkrankungen
Die bei der PET verwendeten Positronenstrahler haben eine
ermöglicht erst die PET/CT-Studie eine exakte Planung der
besonders kurze Halbwertszeit. Die Terminplanung eines
Strahlenbehandlung (Radiotherapie). Auch in der Hirn- und
PET-Zentrums muss deshalb eingehalten werden. Das Ra-
Herzdiagnostik und bei orthopädischen Fragestellungen
diopharmakon wird für den jeweiligen Patienten bestellt
(Entzündungsdiagnostik) ist die PET von Bedeutung.
und kann nicht ohne Weiteres für einen anderen Patienten
Zur Darstellung der Stoffwechselvorgänge werden Posi-
verwendet werden. Terminverschiebungen haben zur Folge,
tronenstrahler verwendet. Dies sind Isotope (strahlende
dass nicht alle Patienten, die für den Untersuchungstag vor-
„Schwestern“) von Elementen, die in unserem Körper als
gesehen sind, untersucht werden können, da im Verlauf des
nicht radioaktive Elemente natürlicherweise als Bestand-
Tages das Radiopharmakon zerfällt und damit nicht mehr
teile des Stoffwechsels vorkommen, z. B. Kohlenstoff und
zur Verfügung steht.
Stickstoff. Die radioaktiven Isotope (= Radiopharmaka)
werden wie körpereigene Substanzen in den Stoffwechsel
der Organsysteme eingeschleust. Beim radioaktiven Zerfall
senden sie zunächst Positronen (positiv geladene Teilchen,
die in Größe und Masse den Elektronen entsprechen) aus.
Durch die Wechselwirkung, die ein Positron im Gewebe so-
fort mit einem Elektron eingeht, weil sich positive und ne-
gative Ladungen anziehen, entsteht die sog. Vernichtungs-
strahlung. Dabei handelt es sich um eine Wellenstrahlung/
Gammastrahlung, die besondere physikalische Eigenarten
aufweist. Im PET-Scanner werden diese Vernichtungsereig-
nisse (die Orte, wo Positron und Elektron zusammentreffen
und aus Teilchenstrahlung Wellenstrahlung = Vernichtungs-
strahlung wird) mittels einer Vielzahl von Detektoren, die
ringförmig angeordnet sind, registriert.

51
2 Allgemeine Krankheitslehre

●● Jodhaltiges Kontrastmittel kann Allergien bis hin zum all-


WISSEN TO GO ergischen Schock auslösen.
●● Jodhaltiges Kontrastmittel wird über die Niere ausgeschie-
den.
Nukleardiagnostische Untersuchungen
●● Jodhaltiges Kontrastmittel kann die Funktion der Schild-
Bei nukleardiagnostischen Untersuchungen werden ra- drüse beeinflussen und zu einer Überfunktion der Schild-
dioaktiv markierte Substanzen in den Stoffwechsel eines drüse führen.
Organs eingeschleust. Sie senden Strahlung aus, deren ●● Durch die Nierenbelastung nach Verabreichen eines jod-
Verteilung in den zu untersuchenden Organen bildlich zur haltigen Kontrastmittels kann es zur Anhäufung von Arz-
Darstellung gebracht wird. Mit diesem Verfahren kann so- neimitteln im Körper kommen. Gefürchtet ist dies v. a. bei
wohl die Funktionsweise von Organen als auch deren Mor- Metformin, einem oralen Antidiabetikum, das bei redu-
phologie dargestellt werden. zierter Nierenfunktion zur Laktazidose führen kann.
SPECT und PET sind nuklearmedizinische Schnittbildme- ●● Kurz nach der Injektion des Kontrastmittels kommt es
thoden, deren Kombination mit der Computertomografie meist zu einem Wärmegefühl und einem metallischen Ge-
bei SPECT möglich und im Rahmen von PET-Studien inzwi- schmack. Beides ist in der Regel harmlos und verschwin-
schen obligat ist. Man spricht in diesen Fällen dann von det innerhalb von Sekunden wieder.
Hybridgeräten. Pathologische Prozesse sind damit anato-
misch genauer zu lokalisieren. Daraus leiten sich bestimmte Vorbereitungs- und Beobach-
Die speziellen Vorbereitungen (u. a. Nahrungskarenz!) tungsaufgaben ab:
und die Terminplanung des PET-Zentrums (kurze Halb- ●● Bei Risiko für eine allergische Reaktion müssen vorab
wertszeit der PET-Strahler!) sind unbedingt einzuhalten. ­antiallergische Medikamente verabreicht werden. Wäh-
rend der Untersuchung und einige Stunden danach muss
der Patient hinsichtlich allergischer Symptome beobachtet
2.5.12  Kontrastmittel in der werden.
●● Nieren- und Schilddrüsenfunktion müssen überprüft sein.
Diagnostik Hierzu ordnet der Arzt in der Regel vorab die Kontrolle der
Definition  Kontrastmittel Nierenwerte (meist Kreatinin und glomeruläre Filtrations-
Kontrastmittel sind Substanzen, die in der bildgebenden Diagnos- rate) und der Schilddrüsenwerte (meist TSH) im Blut an.
●● Es muss ein ärztliches Aufklärungsgespräch erfolgen. Der
tik eingesetzt werden, um bestimmte Strukturen besser sichtbar
zu machen, die „Kontraste“ zu erhöhen. Sie werden i. d. R. in un- Patient muss sein Einverständnis mit der Untersuchung
veränderter Form aus dem Körper wieder ausgeschieden. schriftlich dokumentieren. Bei minderjährigen Patienten
ist das Einverständnis der Eltern, bei ausländischen Pati-
enten ggf. ein Dolmetscher notwendig.
Röntgenkontrastmittel ●● Der Patient erhält einen venösen Zugang, in den das Kont-

Das Kontrastmittel verteilt sich im jeweiligen Raum, in den rastmittel vom Arzt injiziert wird und der bis einige Stun-
es appliziert wurde, z. B. in Gefäßen, im Darm, in den Gallen- den nach der Untersuchung bestehen bleibt, um bei mög-
gängen, in der Harnblase oder in anderen Organen. Je nach lichen allergischen Reaktionen mit i. v.-Verabreichung von
diagnostischem Verfahren wird die Substanz so gewählt, Notfallmedikamenten reagieren zu können. Der Patient
dass sie bei der jeweiligen Methode gut sichtbar ist und sich muss nüchtern sein.
von den umgebenden Strukturen deutlich abhebt. So bewir- ●● Außerdem muss darauf geachtet werden, dass er ausrei-

ken bestimmte Kontrastmittel eine stärkere Röntgenstrah- chend Flüssigkeit zu sich nimmt (falls keine Kontraindika-
lenabsorption als das körpereigene Gewebe, andere haben tion besteht), damit die Ausscheidung des Kontrastmittels
eine schwächere. Erstere nennt man auch positive Kontrast- über die Niere gefördert wird.
mittel (z. B. jodhaltige Kontrastmittel und Bariumsulfat), ●● Metformin sollte bei eingeschränkter Nierenfunktion (GFR

letztere nennt man auch negative Kontrastmittel (z. B. CO2 < 60) vor der Untersuchung und einige Zeit danach (min-
oder Luft). Anhand der Silhouette des Kontrastmittels kann destens 48 h) abgesetzt werden.
man indirekt auf die Form des umgebenden Gewebes schlie-
ßen und sieht, ob Verengungen oder Aufweitungen vorlie- Bariumhaltiges Kontrastmittel  • Bariumhaltiges Kontrast-
gen. mittel wird oral oder rektal verabreicht und primär zur
Darstellung des Magen-Darm-Systems benutzt. Wichtig ist
Anwendung und Besonderheiten hier, dass es nicht bei V. a. Perforation eingesetzt wird. Bari-
umsulfat wird nicht resorbiert und würde im Bauchraum zu
Kontrastmittel kann bei verschiedenen bildgebenden Ver- einer u. U. gefährlichen Fremdkörperreaktion führen. Eine
fahren zum Einsatz kommen, z.  B. Angiografie, Magen- weitere Kontraindikation ist der V. a. auf einen Ileus (Darm-
Darm-Passage, Arthrografie (Gelenkdarstellung), Uro-/Zys- verschluss), unter anderem, weil hier ggf. eine Operation
tografie (Blase und ableitende Harnwege), Cholangiografie notwendig wird, bei der Barium dann in den Bauchraum ge-
(Darstellung der Gallenwege), Myelografie (Darstellung des langen könnte. In der Nachbereitung muss auch hier darauf
Wirbelkanals), Durchleuchtung, CT u. a. geachtet werden, dass das Kontrastmittel möglichst schnell
aus dem Magen-Darm-System wieder ausgeschieden wird.
Jodhaltiges Kontrastmittel • Jodhaltiges Kontrastmittel ist das Eine adäquate Trinkmenge hilft dabei. Barium darf außer-
am häufigsten verwendete. Es wird in der Regel in eine Vene dem nicht oral bei Schluckstörungen eingesetzt werden.
injiziert. Streng genommen gehören diese Untersuchungen Hier wäre die Gefahr einer Aspirationspneumonie durch
daher zu den invasiven Untersuchungsverfahren. Bei der Barium zu hoch.
Verwendung von jodhaltigem Kontrastmittel ist es wichtig,
5 Dinge zu wissen:

52
Grund­kenntnisse medi­zinischer Therapieprinzipien

ACHTUNG
Kein bariumhaltiges Kontrastmittel bei V. a. Perforation oder Ileus
2.6  Grund­kenntnisse medi­
sowie bei Schluckstörungen! zinischer Therapieprinzipien
MR-Kontrastmittel Definition  Therapie
Auch bei MR-Aufnahmen kann Kontrastmittel verwendet „Therapie“ bezeichnet in der Medizin alle Maßnahmen zur Be-
werden. Am häufigsten wird Gadolinium eingesetzt. Vor al- handlung einer Krankheit.
lem Strukturen des ZNS können mit diesem Kontrastmittel
genau dargestellt werden. Gadolinium wird über eine Arm- Je nachdem, welcher Abstand zwischen Diagnosestellung
vene verabreicht. Es ist deutlich besser verträglich als Rönt- und Beginn der Therapie liegt, welche Ziele die Therapie
genkontrastmittel. verfolgt oder welche Maßnahmen ergriffen werden, unter-
scheidet man:

WISSEN TO GO Nach der Technik


●● Konservative Therapie: Dies bedeutet, dass man die Er-
krankung ohne Operation behandeln möchte. Zu den kon-
Röntgenkontrastmittel
servativen Therapieverfahren gehören medikamentöse
Kontrastmittel werden in der bildgebenden Diagnostik ein- Therapie (= Pharmakotherapie), Physiotherapie, Strahlen-
gesetzt, um bestimmte Strukturen besser sichtbar zu ma- therapie, diätetische Therapie u. a.
chen. Sie werden i. d. R. unverändert wieder ausgeschie- ●● Operative Therapie: Sie steht der konservativen Thera-
den. Man unterscheidet: pie gegenüber und beinhaltet Maßnahmen, die gezielt
●● Jodhaltiges Kontrastmittel wird am häufigsten verwen- manipulativ unter Verletzung von Gewebe in den Körper
det und i. d. R. in eine Vene injiziert. Es kann Allergien eingreifen, Gewebe aktiv verändern, entfernen oder gar
bis hin zum allergischen Schock auslösen und die Funkti- ersetzen. Eine operative Therapie ist immer invasiv oder
on der Schilddrüse beeinflussen. Ausgeschieden wird es minimalinvasiv. „Minimalinvasiv“ bedeutet eine schonen-
über die Niere, sodass es zur Anhäufung von Metformin de Gewebeverletzung, z. B. durch endoskopische Operati-
im Körper mit folgender Laktazidose führen kann. Wäh- onsverfahren.
rend der Injektion führt es meist zu harmlosen Sympto-
men wie Wärmegefühl und metallischem Geschmack. Nach dem Ziel
Zur Vorbereitung werden Risikopatienten vorab Anti­ ●● Kurative Therapie: Die Therapie hat die komplette Heilung
allergika verabreicht, die Nieren- und Schilddrüsenfunk- der Erkrankung zum Ziel. Jede Therapie hat dies im Grun-
tion muss überprüft werden, der Patient muss nüchtern de als oberstes Ziel, oft ist das Ziel aber nicht erreichbar.
sein, Metformin wird bei eingeschränkter Nierenfunk- ●● Palliative Therapie: Die Therapie dient der Linderung von
tion abgesetzt und das Vorliegen der Einverständniser- Symptomen, da eine Heilung nicht möglich ist. Dies ist
klärung muss überprüft werden. In der Nachbereitung sehr oft in der Tumortherapie der Fall.
wird der Patient auf allergische Symptome hin beobach- ●● Kausale Therapie: Die Therapie richtet sich darauf aus, die
tet, der venöse Zugang wird zunächst belassen, um bei Ursache der Erkrankung zu behandeln. Auch dies wird im-
allergischen Reaktionen mit i. v.-Gabe von Notfallmedi- mer angestrebt, wenn es möglich ist. In bestimmten Situ-
kamenten reagieren zu können. Durch Flüssigkeitszufuhr ationen kann die Ursache aber nicht bekämpft werden, da
oral oder i. v. wird die Ausscheidung des Kontrastmittels es (noch) keine therapeutische Maßnahme gibt. Typische
gefördert. Beispiele sind viele Infektionen durch Viren, gegen die es
●● Bariumhaltiges Kontrastmittel wird oral oder rektal noch keine spezifisch wirksamen Medikamente gibt.
verabreicht und primär zur Darstellung des Magen- ●● Symptomatische Therapie: Bei einer symptomatischen
Darm-Systems benutzt. Es darf nicht bei V. a. Perforati- Therapie sollen die Maßnahmen die Symptome der Krank-
on, Ileus und bei Schluckstörungen eingesetzt werden heit verbessern. Um bei dem Beispiel der Virusinfektion zu
und muss in der Nachbereitung möglichst schnell aus- bleiben, werden z. B. bei einer Rötelninfektion das Fieber
geschieden werden, damit es nicht zu Obstipation führt. und der Juckreiz behandelt, das Rötelnvirus selbst kann
Auch hierzu ist eine adäquate Trinkmenge erforderlich. nicht zerstört werden.
●● Supportive Therapie: Supportive Maßnahmen unterstüt-
zen die Heilung. Um auch hier wieder bei der Virusinfekti-
on zu bleiben, kann z. B. körperliche Schonung das körper-
eigene Immunsystem stärken, sodass es das Virus besser
bekämpfen kann.

Nach weiteren Einzelkriterien


●● Adjuvante und neoadjuvante Therapie: Dies sind Begriffe,
die hauptsächlich in der Tumortherapie verwendet wer-
den. Sie bezeichnen Therapiemaßnahmen, die die opera-
tive Bekämpfung des Tumorleidens unterstützen sollen.
Dabei bedeutet „neoadjuvant“ Unterstützung vor dem
operativen Eingriff, „adjuvant“ Unterstützung nach dem
operativen Eingriff. Häufig sind dies Maßnahmen wie Be-
strahlung oder Chemotherapie.

53
2 Allgemeine Krankheitslehre

●● Kalkulierte Therapie: Hierunter versteht man Maßnah-


men, die vor einer sicheren Diagnosestellung schon be- WISSEN TO GO
gonnen werden. Bei einer schweren bakteriellen Infektion
wird die Therapie häufig bereits mit einem (Breitband-)
Therapieprinzipien
Antibiotikum begonnen, bevor der genaue Erreger sicher
diagnostiziert ist. „Therapie“ bezeichnet in der Medizin Maßnahmen zur Be-
●● Interventionelle Therapie: Dieser Begriff wird hauptsäch- handlung einer Krankheit. Man unterscheidet zum Beispiel:
lich im Zusammenhang mit radiologischen Verfahren ●● Konservative Therapie: Behandlung ohne Operation.
verwendet. Man versteht darunter das therapeutische ●● Operative Therapie: Veränderung, Entfernung oder Er-
Eingreifen des Radiologen während eines radiologi- setzen von Gewebe.
schen Verfahrens. Beispiel ist die Gefäßaufdehnung und ●● Kurative Therapie: Ziel ist die komplette Heilung der
Stenteinlage mittels Gefäßkatheter bei einer arteriellen Erkrankung.
Gefäßverengung. ●● Palliative Therapie: Ziel ist die Linderung von Sympto-
●● Elektive Therapie: Hierunter versteht man die Tatsache, men, wenn keine Heilung mehr möglich ist.
dass zwar Therapiebedarf besteht, aber die Therapie nicht ●● Kausale Therapie: Ziel ist die Behandlung der Ursache
sofort und notfallmäßig durchgeführt werden muss. Der der Erkrankung.
Begriff wird häufig im Zusammenhang mit Operationen ●● Symptomatische Therapie: Ziel ist die Verbesserung
verwendet. Typisches Beispiel ist ein Hüftgelenkersatz bei der Symptome der Krankheit.
Arthrose. Dieser Eingriff muss nicht sofort nach Indikati- ●● Supportive Therapie: Ziel ist die Unterstützung der Hei-
onsstellung erfolgen, sondern kann geplant werden. Es ist lung.
dann ein sog. elektiver Eingriff.

54
Einführung

3 Grundlagen der
Medikamentenlehre

es zugegebenermaßen nicht möglich, sich Informationen zu


7000 Medikamenten zu merken. Was also tun? Zunächst
einmal werden diese 7000 Medikamente nicht alle gleich
häufig verschrieben. Häufig verschrieben werden ca. 2000
3.1  Einführung Medikamente. Aber auch Detailinformationen von 2000
Medikamenten überfordern jedes Gehirn und müssen zur
3.1.1  Zuständigkeiten und Bewältigung des pflegerischen Arbeitsalltags dort auch
nicht verankert werden.
Wissensquellen Dieses Kapitel gibt Ihnen daher einige ausgewählte Hil-
Arzneimittel sind ein wesentlicher Bestandteil der Therapie festellungen. Sie erhalten generelle Informationen über
und auch der Prophylaxe von Krankheiten. Mehr als 75 % Arzneimittel, losgelöst von speziellen Medikamenten, und
aller Arztbesuche enden mit der Ausstellung eines Rezepts. lernen, wie man Arzneimittel einteilen und beschreiben
Ärzte tragen damit eine hohe Verantwortung bei der Aus- kann, welche Informationen zu einem Medikament wichtig
wahl und der Verordnung von Medikamenten. Während sind und welche unerwünschten Wirkungen für bestimm-
Ärzte verordnen, „managen“ Pflegende die Besorgung, Auf- te Medikamentengruppen typisch sind. Eine Auswahl von
bewahrung und Verabreichung der Medikamente. Darüber häufig verordneten Medikamenten, die an den verschiede-
hinaus tragen sie Verantwortung in der Beobachtung, wie nen Organsystemen wirken, ist in den „Organkapiteln“ im
Patienten auf Medikamente reagieren. Erzielen sie die ge- 2. Buchteil aufgeführt. Diese Informationen decken einen
wünschte Wirkung? Treten ggf. unerwünschte Wirkungen großen Teil des klinischen und pflegerischen „Arzneimittel-
auf? Um diese Aufgabe sicher, effektiv und auch mit einem Alltages“ ab. Informationen, die darüber hinausgehen, sind
Gefühl der Sicherheit für sich selbst durchführen zu können, in weiterführender Literatur und nicht zuletzt auch in der
sind Kenntnisse aus dem Bereich der Medikamentenlehre Roten Liste zu finden, die sehr häufig auf den Stationen zu-
unerlässlich. Wenn Sie zu dem Namen eines Medikaments gänglich ist. In ihnen kann nachgeschlagen werden, wenn
zusätzliche Informationen parat haben, um für sich über- dies für den pflegerischen Alltag relevant wird.
prüfen zu können, ob das Medikament mit seiner Wirkung
überhaupt zu dem Patienten und seiner Situation „passt“ 3.1.2  Verkäuflichkeit
und ob es wichtige Dinge bei der Verabreichung zu berück-
sichtigen gilt, fühlen Sie sich der beschriebenen Aufgabe Frei verkäuflich, apothekenpflichtig, verschreibungspflich-
besser gewachsen. tig, BtMVV-pflichtig – diese 4 Adjektive charakterisieren,
In der sog. Roten Liste, dem zurzeit bekanntesten Arz- unter welchen Voraussetzungen bzw. unter welcher Kon-
neimittelverzeichnis in Deutschland, sind aktuell rund trolle Arzneimittel für Menschen zugänglich sind (▶ Abb.
7000 Präparate, 2200 Wirkstoffe und 1000 Hilfsstoffe auf- 3.1). Was verbirgt sich dahinter?
geführt. Nicht alle, aber doch die meisten in Deutschland Frei verkäufliche Arzneimittel unterliegen keiner Zugangs-
vermarkteten Arzneimittel sind damit hier gelistet. Nun ist oder Verkaufskontrolle. Jeder Mensch kann so viel davon

55
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

Abb. 3.1Verkäuflichkeit von Medikamenten.

ARZT APOTHEKE DROGERIE


39.

REZEPT • apothekenpflichtige • frei verkäufliche


Medikamente Medikamente
REZEPT
• verschreibungspflichtige
REZEPT Medikamente

• BtMVV-pflichtige
BtM
B+MREZEPT
REZEPT
Medikamente

Bundesopiumstelle

Je nach ihren Eigenschaften und ihrer Wirkungsweise können Medikamente unter mehr oder weniger stark kontrollierten Bedingungen erwor-
ben werden.

kaufen, wie er möchte. Viele dieser Arzneimittel sind auch in Definition  Arzneimittel
Kaufhäusern und Drogerien erhältlich. Beispiele sind Tees, Arzneimittel sind Stoffe oder Zubereitungen aus Stoffen, die zur
aber auch andere Präparate, die sehr häufig pflanzliche Sub- Anwendung im oder am menschlichen oder tierischen Körper
stanzen enthalten und bei verschiedenen Störungen Besse- kommen. Sie müssen dabei Eigenschaften vorweisen, die zur Hei-
rung versprechen. lung, Linderung oder Prävention von Krankheiten führen. Auch
Apothekenpflichtige Arzneimittel sind Arzneimittel, die Stoffe, die in der medizinischen Diagnostik verwendet werden,
nur in der Apotheke gekauft werden können, aber nicht z. B. Kontrastmittel, zählen dazu. Der Begriff Medikament kann
vom Arzt verschrieben werden müssen. Ggf. stellt der Arzt synonym verwendet werden.
ein grünes Rezept aus, wenn er ein solches Mittel empfeh-
len möchte. Dieses dient praktisch aber nur als Notizzettel. Wo liegen nun aber die Unterschiede zu den anderen Begrif-
Kontrolle erfolgt dadurch, dass der Kauf nur im direkten fen? Zunächst der Begriff Wirkstoff.
Kontakt mit geschultem Fachpersonal (Apotheker und phar-
mazeutisch-technische Assistenten) erfolgen kann. Dieses Definition  Wirkstoff
Fachpersonal hat die Aufgabe, entsprechend zu beraten. Der Wirkstoff eines Arzneimittels ist die Substanz in einem Medi-
Verschreibungspflichtige = rezeptpflichtige Arzneimittel kament, die die eigentliche gewünschte Wirkung zur Linderung
dürfen nur gegen ein ärztlich ausgestelltes Rezept abgege- oder Heilung im Körper erzielt.
ben werden. Die Kontrolle erfolgt hier über Arzt, Apotheker
und pharmazeutisch-technische Assistenz. Die erwünschte Wirkung ist meist biochemisch nachgewie-
BtMVV-pflichtige Medikamente sind Medikamente, die sen und wird als sog. Wirkmechanismus bezeichnet. Die
besonderen Verordnungsregeln folgen. Die sog. Betäubungs- Namen der Wirkstoffe werden von der Weltgesundheitsor-
mittel-Verschreibungsverordnung des Betäubungsmittelge- ganisation als sog. Internationale Freinamen vergeben. So ist
setzes regelt die Abgabe von Betäubungsmitteln zu medizi- gewährleistet, dass man sich international über Wirkstoff-
nischen Zwecken. Die im Betäubungsmittelgesetz genann- namen relativ gut verständigen kann.
ten Substanzen dürfen nur gegen ein besonderes Rezept Eine besondere Rolle nehmen im Zusammenhang mit
ausgehändigt werden. Die Aushändigung und der Verbleib dem Begriff „Wirkstoff“ die sog. Placebos ein. Placebos sind
der Betäubungsmittel müssen bis zum Verbrauch lückenlos Medikamente, die keinen Wirkstoff enthalten und somit
dokumentiert werden. Der unrechtmäßige Umgang mit sog. auch nicht im pharmakologischen Sinne wirken können. Sie
BtMVV-pflichtigen Medikamenten wird rechtlich verfolgt werden in Arzneimittelstudien eingesetzt, um die Wirksam-
und bestraft. keit des zu testenden „echten“ Arzneimittels vergleichen zu
können. Vereinzelt werden sie auch bei Beschwerden verab-
3.1.3  Begriffsdefinitionen reicht, bei denen nach sorgfältiger Diagnostik der begrün-
dete Verdacht besteht, dass sie mehr seelischer Natur sind
Bevor wir versuchen, eine Ordnung in die schier endlos er- und die Kombination aus menschlicher und therapeutischer
scheinende Zahl von Arzneimitteln, Medikamenten, Präpa- Zuwendung Linderung verschaffen kann. Von einem Place-
raten, Wirkstoffen usw. zu bringen, möchten wir diese und bo-Effekt spricht man, wenn durch die Verabreichung die-
ein paar andere Begriffe klären und voneinander abgrenzen. ses pharmakologisch gesehen wirkungslosen Medikaments
Vorab die Frage: Was ist eigentlich ein Arzneimittel? eine Besserung eintritt.

56
Medikamentengruppen

Relativ neu ist der gegenteilige Begriff des Nocebo-Ef- Tab. 3.1  Beispiele für Medikamentenbezeichnungen.
fektes. Dieser besagt, dass auch die umgekehrte Situation
eintreffen kann, d.  h., Menschen erleiden unerwünschte Medikamen- Wirkstoff- Handels­ ggf. Namens­zusätze/
Wirkungen von Arzneimitteln, obwohl ein Stoff, der dies be- tengruppe name name Dosierung
wirken könnte, in dem Medikament gar nicht enthalten ist.
Diese Phänomene haben viel mit Erwartungshaltung zu tun, Antibiotika Piperacillin Augmentan 250/500/1000/­
sind aber nicht zu unterschätzen. Viele Patienten befürchten + Clavulan- 2000 mg
nach der Literatur der Arzneimittelinformation (Beipackzet- säure
tel) das Eintreten von unerwünschten Wirkungen und erlei-
den sie dann auch. Dem Patienten kann hier die Information nichtopioide Diclofenac Voltaren – plus/dispers/­resinat/
helfen, dass die herstellenden Pharmafirmen verpflichtet Analgetika forte
sind, alle möglichen unerwünschten Wirkungen aufzufüh- – 25/50/75/100 mg
ren, die meisten davon aber sehr selten auftreten.

Definition  Präparat
„Präparat“ kommt von lateinisch „praeparatum = das Zubereite-
te“. In einem Arzneimittelpräparat ist der Wirkstoff für die Ver-
WISSEN TO GO
abreichung (Applikation) zubereitet, d. h. er ist mit unterschiedli-
chen Substanzen, sog. Hilfsstoffen, versehen, die dem Wirkstoff Begriffsdefinitionen
als Träger dienen bzw. Faktoren wie Bekömmlichkeit und Freiset-
Ein Arzneimittel (Medikament) dient der Heilung, Linde-
zung des Wirkstoffs beeinflussen.
rung, Prävention oder Erkennung menschlicher oder tieri-
scher Erkrankungen. Der für diesen Effekt verantwortliche

Wirkstoff – viele Handels­


Ein
Wirkstoff wird mit Hilfsstoffen kombiniert, die z. B. als
Träger des Wirkstoffs dienen oder seine Freisetzung beein-
namen … Nicht verwirren lassen! flussen. Das Ergebnis ist ein Arzneimittelpräparat; es wird
vom Hersteller mit einem geschützten Handelsnamen
versehen. Nach Ablauf des Patentschutzes können andere
Der gleiche Wirkstoff kann von verschiedenen Firmen auf Hersteller dieses Präparat „kopieren“, indem sie denselben
unterschiedliche Art und Weise aufbereitet sein. Das bedeu- Wirkstoff mit dengleichen oder anderen Hilfsstoffen kom-
tet, dass es unterschiedliche Präparate mit ein- und dem- binieren. Die „Kopie“ heißt Generikum und ist nach dem
selben Wirkstoff gibt. Die Namen der unterschiedlichen Wirkstoff benannt.
­Präparate sind die sog. Handelsnamen oder Markennamen. Verschreibungspflichtige Arzneimittel müssen von
Sie sind auf den Verpackungen meist mit einem hochgestell- einem Arzt auf Rezept ausgestellt werden – BtMVV-pflich-
ten ® versehen (für engl.: registered trademark). tige Arzneimittel auf einem speziellen Rezept – und dürfen
nur in der Apotheke verkauft werden. Zum Kauf apothe-
kenpflichtiger Arzneimittel bedarf es keines Rezepts.
Definition  Generikum
Ein Generikum ist die Kopie eines bereits als Präparat auf dem
Markt befindlichen Medikaments. Der Wirkstoff ist gleich, die
Hilfsstoffe und ggf. auch die Herstellungstechnik können variieren. 3.2  Medikamentengruppen
Generika sind in aller Regel billiger als die Markenpräparate, Aus dem bislang Erläuterten wird deutlich, dass verschie-
da die Generikahersteller keine Entwicklungskosten finan- dene Präparate den gleichen Wirkstoff enthalten können.
zieren müssen. Sie nennen die Medikamente meist nach dem Beispiel: Diazepam ratiopharm, Valiquid, Faustan sind 3
Wirkstoff und ergänzen ihren Firmennamen (z. B. ASS ratio- Präparatebeispiele für den Wirkstoff Diazepam. Wie be-
pharm). Generika dürfen bei patentgeschützten Wirkstoffen reits erwähnt, sind in der Roten Liste rund 7000 Wirkstoffe
erst nach Ablauf des Patentschutzes hergestellt werden. enthalten, die sich auf rund 2000 Präparate verteilen. Die
Wirkstoffe selbst wiederum können nun in sog. Medika-
3.1.4  Bezeichnungen und Namen mentengruppen eingeteilt werden. Dabei gibt es allerdings
nicht nur ein, sondern mehrere Kriterien, nach denen Me-
Die am häufigsten in der Praxis verwendete Medikamenten- dikamentengruppen gebildet und benannt werden können.
bezeichnung ist der Handelsname oder Markenname. Der Dazu gehören:
Wirkstoffname wird häufig zusätzlich auf der Medikamen- ●● Krankheiten oder Situationen, bei denen bestimmte Wirk-
tenpackung vermerkt, auf jeden Fall aber ist er auf dem sog. stoffe helfen (= Indikationen); z. B. Antidiabetika = Medika-
Beipackzettel zu finden. Medikamente können auch mehr mente, die gegen Diabetes mellitus wirken, Antiepileptika
als einen Wirkstoff enthalten. Im Gegensatz zu den Mono- = Medikamente, die gegen epileptische Anfälle wirken
präparaten nennt man sie dann „Kombipräparate“. Einige ●● die chemisch/pharmakologische Zusammensetzung von
dieser Kombipräparate enthalten die Abkürzung „comp.“ Wirkstoffen: z. B. Benzodiazepine = Medikamente, die aus
in ihrem Namen. Darüber hinaus gibt es weitere mögliche 2 organischen Ringkörpern bestehen
Namenszusätze, die auf bestimmte Eigenschaften des Medi- ●● anatomische Kriterien, d.  h. Organe/Organsysteme, an
kaments hinweisen. „Retard“ weist z. B. darauf hin, dass ein denen die Wirkstoffe wirken: Psychopharmaka = Medi-
Medikament besonders lang wirksam ist, Ziffern am Ende kamente, die die Psyche beeinflussen, Ophthalmologika =
eines Medikamentennamens geben Auskunft über die Men- Medikamente, die am Auge wirken
ge an Wirkstoff, die z. B. eine Tablette enthält, d. h. hier ist ●● biochemische Wirkmechanismen der Wirkstoffe: z. B. Be-
die Wirkstoffkonzentration im Namen enthalten. ▶ Tab. 3.1 tablocker = Medikamente, die Betarezeptoren blockieren
zeigt 2 Beispiele für Medikamentenbezeichnungen.

57
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

●● Wirkungen, die die Wirkstoffe im Organismus erzielen: Medikamentengruppen und Medikamentenuntergruppen


z. B. Immunsuppressiva = Medikamente, die die Wirkung zu klassifizieren. Zum Verständnis des klinischen Alltags
des Immunsystems unterdrücken, Lipidsenker = Medika- und für die tägliche Arbeit in der Pflege spielt der ATC-Code
mente, die die Blutfette senken jedoch keine Rolle.
Um die Therapieoptionen bei vielen Krankheiten, den
In der Literatur und auch im Alltag werden ganz unterschied- Alltag der Medikamentenverordnung sowie den medizini-
liche Medikamentengruppen benutzt. Die bereits mehrfach schen Hintergrund des Verabreichens von Medikamenten
erwähnte Rote Liste enthält insgesamt 88 Hauptgruppen zu verstehen, ist es hilfreich, ein paar geläufige Medikamen-
und zahlreiche weitere Untergruppen. Sie orientiert sich in tengruppen zu kennen. In ▶ Tab. 3.2 sind einige aufgelistet.
ihrer Namensgebung stark an Indikationen und Organen. In der Tabelle wird auch die Namensgebung der erwähnten
In anderen pharmakologischen Büchern, Nachschlagewer- Gruppen erklärt und was aus dem jeweiligen Namen her-
ken oder Online-Datenbanken werden oft weniger Gruppen ausgelesen werden kann.
benutzt, und häufig werden sie auch anders bezeichnet. Welche Gruppe eine Haupt- und welche eine Untergruppe
Der sog. ATC-Code ist eine international gültige Klassifika- ist, hängt von der Art der Klassifikation ab, ist für den kli-
tion von Arzneimitteln. Ähnlich der ICD-10-Klassifikation nischen Alltag aber sekundär. Wichtig ist im klinischen All-
bei Krankheiten versucht er, die Vielzahl von Wirkstoffen, tag, dass man weiß, welche Wirkstoffe sich hinter welcher

Tab. 3.2  Häufig verwendete Medikamentengruppen, Ursprung der Bezeichnung, Bedeutung.

Medikamentengruppe Bezeichnungs­ Erklärung


kriterium

Analgetika Wirkung Medikamente, die gegen Schmerz wirken (algos = Schmerz; an = anti = gegen)

ACE-Hemmer Wirkmechanismus Medikamente, die das Angiotensin-converting Enzym (ACE) hemmen (werden primär
bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt)

Antibiotika Wirkung Medikamente, die gegen Bakterien wirken

Antidepressiva Indikation Medikamente gegen Depressionen

Antidiabetika Indikation Medikamente, die gegen Diabetes mellitus wirken

Antifibrinolytika Wirkmechanismus Medikamente, die die sog. Fibrinolyse im Blut hemmen; Fibrinolyse bedeutet Auflösen
von Thromben; das Auflösen von Thromben wird gehemmt, d. h., durch die Medika-
mente wird die Blutgerinnungsfähigkeit erhöht

Antihypertonika Wirkung Medikamente, die gegen Bluthochdruck (= Hypertonus) wirken

Antikoagulanzien Wirkung Medikamente, die gegen die Koagulation = Blutgerinnung = „Zusammenballung“ von
Blut wirken

Antikonvulsiva Indikation Medikamente, die gegen Krampanfälle wirken (convulsio = Krampfanfall)

Antimykotika Wirkung Medikamente, die gegen Pilze wirken

Antipyretika Wirkung Medikamente, die gegen Fieber (pyrus) wirken

Anxiolytika Wirkung Medikamente, die gegen Angst wirken (anxietas = Angst; lysis = Auflösung); eigentlich
„Angstauflöser“

AT1-Rezeptor-Antagonisten Wirkmechanismus Antagonist = Gegenspieler; Medikamente, die einen bestimmten Rezeptor, den sog.
(Sartane) (bzw. chemischer AT1-Rezeptor in Gefäßwänden, hemmen (Losartan war die erste Substanz mit dieser
Aufbau) Wirkung; alle nachfolgenden chemisch ähnlich aufgebauten Substanzen wurden auch
Sartane genannt; werden primär bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt)

Barbiturate chemischer Aufbau Abkömmlinge der sog. Barbitursäure (werden vorwiegend in der Anästhesie und bei
epileptischen Anfällen angewandt)

Benzodiazepine chemischer Aufbau Medikamente, die aus 2 organischen Ringkörpern bestehen (werden vorwiegend bei
epileptischen Anfällen und zur Beruhigung eingesetzt)

Betablocker Wirkmechanismus Medikamente, die sog. β-Rezeptoren an Gefäßen blockieren (werden primär bei Herz-
Kreislauf-Erkrankungen eingesetzt)

58
Medikamentengruppen

Tab. 3.2  Fortsetzung.

Medikamentengruppe Bezeichnungs­ Erklärung


kriterium

Bisphosphonate chemischer Aufbau Medikamente, die über 2 (= bis) Phosphonatgruppen verfügen (werden bei Osteo­
porose eingesetzt)

Blutgerinnungshemmer = Wirkmechanismus Medikamente, die die Blutgerinnung hemmen


Antikoagulanzien

Bronchodilatatoren Wirkmechanismus Medikamente, die die Bronchien weit stellen (dilatare = ausdehnen)

Cholinesterasehemmer Wirkmechanismus Stoffe, die das Enzym Acetylcholinesterase hemmen; Acetylcholinesterase baut Acetyl-
cholin ab, das u. a. als Botenstoff (Transmitter) zwischen Nerv und Muskel (motorische
Endplatte) und als Transmitter im parasympathischen Nervensystem wirkt; die Hem-
mung kann irreversibel sein, d. h. nicht aufhebbar, dann ist der Hemmstoff giftig, oder
sie kann reversibel sein (= aufhebbar), dann kann die entsprechende Substanz als Medi-
kament eingesetzt werden

Digitalispräparate = Herz- chemischer Aufbau bestimmte chemische Struktur mit glykosidischen Bindungen (werden bei Herzinsuffizi-
glykoside enz eingesetzt)

Diuretika Wirkung diuretikos (gr.) bedeutet „den Urin befördern“; Diuretika sind Medikamente, die dafür
sorgen, dass vermehrt Urin ausgeschieden wird; dem Körper wird Flüssigkeit entzogen

Fibrate chemische Zusam- chemisch gesehen sind dies Fibrinsäuren (werden eingesetzt gegen erhöhte Blutfett-
mensetzung werte)

Fibrinolytika Wirkung die sog. Fibrinspaltung im Blut wird gefördert, dadurch lösen sich Thromben auf

Gestagene chemischer Aufbau chemische Substanz (körpereigene Geschlechtshormone)

Glukokortikoide, Korti- chemischer Aufbau chemische Substanz (körpereigenes Hormon)


koide

H2-Rezeptor-Antagonisten Wirkmechanismus Antagonist = Gegenspieler; H steht für Histamin; Medikamente, die an bestimmten
Zellen der Magenschleimhaut die Rezeptoren für Histamin blockieren und dadurch
verhindern, dass Histamin die Produktion von Magensäure steigert

Hypnotika Wirkung Hypnos = Schlaf; Medikamente, die schlaffördernd wirken oder zur Narkose verwendet
werden

Immunmodulatoren Wirkung Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen

Immunsuppressiva Wirkung Medikamente, die das Immunsystem hemmen

Kalziumantagonisten Wirkmechanismus Medikamente, die als Gegenspieler von Kalzium wirken (werden primär bei Herz-Kreis-
lauf-Erkrankungen eingesetzt)

Katecholamine chemischer Aufbau körpereigene Substanzen (v. a. Adrenalin und Noradrenalin)

Kontrazeptiva Wirkung Medikamente, die gegen (= kontra) die Konzeption (= Empfängnis = Verschmelzung von
Eizelle und Samenzelle) wirken und somit die Wahrscheinlichkeit des Eintretens einer
Schwangerschaft deutlich senken

Laxanzien Wirkung Medikamente, die abführend wirken (laxare = lockern, lösen)

Lipidsenker Wirkung Medikamente, die die Fette (= Lipide) im Blut senken

Neuroleptika Wirkung Medikamente, die das Nervensystem dämpfen (werden vorwiegend bei Erkrankungen
mit veränderter Realitätswahrnehmung, z. B. Wahnvorstellungen, Halluzinationen u. a.
eingesetzt)

59
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

Tab. 3.2  Fortsetzung.

Medikamentengruppe Bezeichnungs­ Erklärung


kriterium

nicht steroidale Antiphlo- chemischer Aufbau Medikamente, die gegen Schmerz wirken (= Analgetika) und gegen Entzündung (=
gistika/Analgetika (NSA) und Wirkung Antiphlogistika), chemisch aber nicht wie Kortikoide aufgebaut sind (nicht steroidal)

Nitroverbindungen chemischer Aufbau Salpetersäureester (werden bei der koronaren Herzerkrankung eingesetzt)

Opioide chemischer Aufbau „dem Opium ähnliche“ Substanzen mit Bindung an Opioidrezeptoren; werden meist zur
Schmerztherapie verwendet

Phosphodiesterase- Wirkmechanismus Hemmer der Enzymgruppe Phosphodiesterasen


Hemmer

Protonenpumpenhemmer Wirkmechanismus Proton = Wasserstoffion H+ = wichtiger Bestandteil der Magensäure; Protonenpumpen-


hemmer hemmen den Transport von H+ aus bestimmten Zellen der Magenschleimhaut
in das Mageninnere; dadurch entsteht im Mageninneren weniger Säure

Phytotherapeutika chemischer Aufbau Phyto = Pflanze; therapeutisch eingesetzte Medikamente, bestehend aus pflanzlichen
Substanzen

Sedativa Wirkung sedare = beruhigen; Medikamente, die dämpfend auf das Nervensystem wirken und
daher beruhigen

Spasmolytika Wirkung Spasmus = Krampf; lysis = Auflösung; Medikamente, die Krämpfe, z. B. Darmkrämpfe
lösen

Statine chemischer Aufbau Substanzklasse mit hemmender Wirkung auf ein Co-Enzym im Cholesterinstoffwechsel;
werden zur Senkung des Cholesterinwertes eingesetzt

Thrombozytenaggrega­ Wirkung Medikamente, die die Verklumpung von Blutplättchen (= Thrombozyten) hemmen
tionshemmer

Thyreostatika Wirkung stathos (griech.) = anhalten; Glandula thyreoidea = Schilddrüse; Medikamente, die die
Überproduktion von Schilddrüsenhormonen hemmen

Urikostatika Wirkung stathos = anhalten; Urate = Salze der Harnsäure; Medikamente, die die Bildung von
Harnsäure hemmen

Urikosurika Wirkung Medikamente, die die Ausscheidung von Harnsäure über die Niere steigern

Virostatika Wirkung Medikamente, die die Vervielfältigung von Viren aufhalten

Zytostatika Wirkung stathos = anhalten, cytos = Zelle; Medikamente, die das Wachstum bzw. die Teilung von
Zellen hemmen; werden v. a. in der Tumortherapie eingesetzt

Gruppe verbergen. Dabei kann ein Wirkstoff durchaus meh-


reren Gruppen zugeordnet werden. Klassisches Beispiel ist WISSEN TO GO
der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS). ASS gehört zu:
●● den Analgetika, d.  h. zu den Medikamenten, die gegen
Schmerzen wirken Einteilung von Arzneimitteln in Gruppen
●● den nicht steroidalen Analgetika, d. h. zu einer Untergrup- Arzneimittel werden sehr häufig nach den Kriterien Indika-
pe der Analgetika tion bzw. Wirkung oder Zielorgan(system) gruppiert. Un-
●● den Antipyretika, d. h. zu den fiebersenkenden Medika- tergruppen werden oft anhand ihrer chemischen Struktur
menten oder ihres Wirkmechanismus voneinander abgegrenzt.
●● den Blutgerinnungshemmern, d. h. zu den Medikamenten,
die die Blutgerinnung hemmen
●● den Thrombozytenaggregationshemmern, d.  h. zu einer
Untergruppe der Blutgerinnungshemmer, die das Ver-
klumpen von Blutplättchen (Thrombozyten) hemmen.

60
Wirkstoffbeschreibung

3.3  Wirkstoffbeschreibung verschrieben hat, stehen die Ärzte vor der Frage: Welcher
Wirkstoff verbirgt sich hinter einem bestimmten Präparat?
Ärzte müssen hier für den Patienten eine Art „Übersetzungs-
Verordnet werden also zwar häufig Präparate (z. B. Lasix), im
arbeit“ leisten und den Patienten ggf. auch erklären, dass ein
Grunde genommen aber Wirkstoffe (z. B. Furosemid). Wenn
anderes Präparat den gleichen Wirkstoff enthält und in aller
wir die Ebene der Wirkstoffe genauer betrachten, so lässt
Regel auch gleiche Wirkungen erzielen kann.
sich jeder Wirkstoff durch die folgenden Kriterien charakte-
risieren (▶ Abb. 3.2):
●● Präparat und Handelsname: Jeder Wirkstoff ist in be-
Blitzlicht Pflege  Unterschiedliche Handelsnamen
stimmten Präparaten verarbeitet. Hier können Sie als Pflegende wichtiges Verständnis vermitteln:
●● Applikationsform = Darreichungsform: Die Wirkstoffe
Patienten, die im Krankenhaus ein Medikament mit anderem
können in unterschiedlicher Form (z. B. fest, flüssig, gas- Handelsnamen als gewohnt erhalten, sollten informiert werden,
förmig) an unterschiedlichen Stellen (z. B. über den Mund, dass es sich dennoch um den gewohnten Wirkstoff handelt. Viele
über den Darm, über die Vene) in den Körper gelangen. Patienten verunsichert diese Situation, daher ist Aufklärung hier
●● Indikationen: In welchen Situationen wirkt der Wirkstoff?
wichtig!
●● Dosis: Wie muss der Wirkstoff dosiert werden, damit er
wirkt? 3.3.2  Darreichungsform und
●● Pharmakodynamik und Wirkmechanismus: Wo wirkt der
Wirkstoff im Körper und wie wirkt er? Was macht er mit Applikation
dem Körper? Manche Wirkstoffe können dem Körper in unterschiedlicher
●● Pharmakokinetik und Ausscheidung: Wie gelangt der Darreichungsform zugeführt werden. So gibt es den Wirk-
Wirkstoff dorthin, wo er wirken soll, und wie wird er wie- stoff Ibuprofen z. B. als Tabletten und als Saft. Letzteren gibt
der abgebaut und ausgeschieden? Was macht der Körper es v. a. für Kinder, da sie Tabletten nur schwer schlucken
mit dem Wirkstoff? können. Außerdem ist Saft für Kinder häufig mit besonde-
●● Unerwünschte Wirkungen: Was bewirkt der Wirkstoff, ren Hilfsstoffen angereichert, die den Saft süß und fruchtig
das eigentlich nicht gewollt ist? schmecken lassen und so die Einnahmetoleranz (Compli-
●● Wechselwirkungen: Wie wird der Wirkstoff durch andere ance) bei den Kindern vergrößern. Wichtige Darreichungs-
Wirkstoffe beeinflusst? formen von Arzneimitteln sind in ▶ Tab. 3.3 aufgeführt.
Unter der Applikation versteht man die verschiedenen
3.3.1  Präparat und Handelsname Verabreichungswege, über die das Medikament dem Körper
zugeführt wird. Man kann dabei grundsätzlich die beiden
Im klinischen und pflegerischen Alltag spielen Handels- Formen der lokalen und systemischen Applikation unter-
namen eine große Rolle. Es sind meist die Handelsnamen, scheiden:
die den Patienten geläufig sind, nicht die Wirkstoffnamen.
Wenn Patienten in die Klinik kommen und die hauseigene Lokale Applikation • Bei der lokalen Applikation werden Me-
Apotheke andere Präparate führt als die, die der Hausarzt dikamente direkt oder indirekt (z. B. mit einem Wattetup-

Abb. 3.2Merkmale eines Wirkstoffs.

Indikation Applika- ASS-...


tionsform
Aspirin

Dosis Präparat und Godamed


Handelsname
Acetylsalicyl-
säure
Pharmako- Wechsel-
dynamik wirkungen !
Pharmako- unerwünschte
Enzym Blutgerinnu
kinetik Wirkungen + hemmende
Medikamen
s
t
ngs-

Wirkung
z.B. Magen-
beschwerden

Die verschiedenen Merkmale sind am Beispiel der Acetylsalicylsäure dargestellt.

61
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

fer) auf die Körperoberfläche, auf eine Wunde bzw. in einen auf- bzw. eingebracht. Dadurch bleibt der Wirkstoff auf den
lokal begrenzten Raum im Körper (z. B. einen Gelenkspalt) speziellen Ort beschränkt und verteilt sich nicht bzw. nur
sehr begrenzt im Körper.
Tab. 3.3  Darreichungsformen von Arzneimitteln.
Systemische Applikation • Bei der systemischen Applikation
hingegen wird der Wirkstoff an einer bestimmten Stelle ver-
Form Beispiele
abreicht (appliziert), dort in den Körper z. B. über die Haut,
die Vene, die Mundschleimhaut oder die Darmschleimhaut
flüssig Lösung, Sirup, Saft, Injektionslösung, Infusionslö-
sung, Tee, Spray aufgenommen (resorbiert) und über das Blutgefäßsystem
verteilt. Auf diesem Weg wird der Wirkstoff an die Stelle
gebracht, wo er wirken soll. In den meisten Fällen erfolgt
fest Tablette, Kapsel, Dragee (mit Überzug, z. B. zum
die Applikation enteral, d. h. über den Mund, seltener über
Schutz vor Angriff durch die Magensäure), Gra-
nulat, Brausetablette den Anus (Zäpfchen). In beiden Fällen wird der Wirkstoff
über den Darm in die Blutbahn aufgenommen. Bestehen
z. 
B. Schluckstörungen, soll das Medikament besonders
halbfest Suspension, Creme, Paste, Emulsion, Gel, Zäpf-
chen (= Suppositorium) schnell wirken oder kann das Medikament nicht über den
Darm aufgenommen werden, wird der Weg durch den Darm
umgangen, indem das Medikament parenteral als Injektion
weitere v. a. Pflaster
oder Inhalation oder auch über die Haut verabreicht wird.

Tab. 3.4  Enterale Applikation.

Applikationsform Medikamentenform Ort der Medikamenten­ Vor- und Nachteile


aufnahme (Resorption)

(per)oral Tablette Verdauungstrakt V: nicht invasiv


(schlucken) N: einige Medikamente werden im Magen-Darm-
Trakt zerstört; Medikamente durchlaufen den First-
Pass-Effekt (S. 65)

sublingual (unter Tablette (z. B. Zerbeißkapsel Adalat Mundschleimhaut unter V: nicht invasiv, relativ schneller Wirkungseintritt
der Zunge) bei akutem Bluthochdruck), Spray der Zunge N: schlecht dosier- und steuerbar
(z. B. Nitrospray bei KHK)

bukkal (in der Mundschleimhaut der V: nicht invasiv


Backentasche) Backentasche N: schlecht dosier- und steuerbar

rektal (Einführen Zäpfchen rektale Schleimhaut V: nicht invasiv, geringer First-Pass-Effekt


in den Anus) N: schlecht dosier- und steuerbar

Tab. 3.5  Parenterale Applikation.

Applikationsform Medikamentenform Ort der Medikamenten­ Vor-/Nachteile


aufnahme (Resorption)

Injektion (intraar- Lösung direktes Einbringen der V: schnellerer Wirkeintritt v. a. intravenös und intra-
teriell, intravenös, Wirkstoffe in Arterie oder arteriell; im Darmtrakt nicht resorbierbare Medika-
intramuskulär, Vene, Muskel, Unterhaut- mente können dennoch verabreicht werden
subkutan, intra- fettgewebe oder Haut N: invasiv
kutan)

nasal Lösung; v. a. bestimmte Peptidhor- Nasenschleimhaut V: Peptide können verabreicht werden, nicht invasiv
mone wie ADH (= antidiuretisches N: schlecht steuerbar
Hormon) und Insulin

inhalativ (Ein­ Gas, Spray Atemwege V: gut steuerbar bei Narkosen


atmen) N: schlecht steuerbar bei Sprays

transdermal (über Gel/Salbe/Öl/Pflaster Hautoberfläche V: nicht invasiv, einfache Applikation, Depoteffekte


die Haut) möglich
N: allergische Hautreaktionen; hohe Dosis, da
schlechte Resorption; Gefahr der Beschädigung des
Pflasters und damit unkontrollierter Wirkstoffaus-
tritt

62
Wirkstoffbeschreibung

▶ Tab. 3.4 zeigt verschiedene Formen der enteralen Ap- Dosisanpassungen • Bei starken Abweichungen vom an-
plikation, ▶ Tab. 3.5 verschiedene Formen der parenteralen genommenen Durchschnittsgewicht von 70 kg sowie bei
Applikation. Jugendlichen und Kindern muss die Dosis angepasst wer-
den. Sie muss auch angepasst werden, wenn eine schwere
Nieren- oder Leberfunktionsstörung besteht. Insbesondere
WISSEN TO GO Medikamente, die über diese Organe ausgeschieden wer-
den, müssen dann oft niedriger dosiert werden oder sind
Handelsnamen, Wirkstoff, Darreichungsform und ggf. sogar kontraindiziert. Schließlich bestehen auch indi-
Applikation kationsbezogene Dosisanpassungen. Medikamente, die bei
verschiedenen Indikationen eingesetzt werden können,
Unterschiedliche Präparate mit entsprechend verschiede- werden meist gemäß der jeweiligen Indikation unterschied-
nen Handelsnamen können denselben Wirkstoff enthal- lich dosiert. Die Acetylsalicylsäure beispielsweise wird bei
ten. Schmerzzuständen mit 1–2 × 500–1000 mg dosiert, zur Em-
Wirkstoffe gibt es in verschiedenen Darreichungsformen bolieprophylaxe bei Arteriosklerose reichen meist 100 mg/
(z. B. Tablette, Kapsel, Saft, Spray). Welche Form der Arzt Tag.
wählt, hängt u. a. davon ab, welche Patientengruppe er vor
sich hat (Erwachsene, Kinder) und wie der Wirkstoff verab- Wirkstoffkonzentration • Die Wirkstoffkonzentration ­eines
reicht werden soll. Präparats ist ein wichtiger Wert, der für die Verabreichung
Häufig sollen Wirkstoffe ihre Wirkung nicht an einem der richtigen Dosis berücksichtigt werden muss. Sie sagt
Ort entfalten (z. B. auf der Haut, in einem Gelenkspalt), aus, wie viel Wirkstoff in einer bestimmten „Einheit“ des
sondern an Wirkorten im gesamten Körper (systemisch). Medikaments, z. B. in einer Tablette, in 1ml Saft oder in
Hierzu müssen sie systemisch appliziert werden – ente- 10 Tropfen enthalten ist.
ral oder parenteral. Bei der enteralen Applikation gelangt
der Wirkstoff über den Magen-Darm-Trakt ins Blutgefäß-
ACHTUNG
system; am häufigsten ist die orale Applikation (Schlu-
„Eine Tablette“ ist nicht gleich „eine Tablette“! Verschiedene Prä-
cken). Die parenterale Applikation umgeht den Magen-
parate können verschiedene Wirkstoffkonzentrationen haben.
Darm-Trakt; die Wirkung tritt deshalb i. d. R. schneller ein
So gibt es beispielsweise Acetylsalicylsäure 100 mg/Tablette und
als bei oraler Applikation. Der Wirkstoff wird in ein Blut-
Acetylsalicylsäure 500 mg/Tablette. Würde man hier Tablette ge-
gefäß injiziert, gelangt über die quergestreifte Muskulatur,
gen Tablette austauschen, würde der Patient die 5-fache Menge
die (Unter-)Haut oder die Nasenschleimhaut schnell ins
des Wirkstoffs bzw. nur ⅕ des Wirkstoffs erhalten.
Blutgefäßsystem; oder er gelangt durch Inhalation direkt
in die Bronchien, wenn er dort wirken soll.
WISSEN TO GO
3.3.3  Indikationen Dosis und Wirkstoffkonzentration
Indikationen sind Krankheiten und Situationen, bei denen
der Wirkstoff heilende, lindernde oder vorbeugende Wir- Die Dosis eines Medikaments hängt u. a. von der Indika-
kung erzielen kann, also sozusagen die Anwendungsgebiete tion (= der Situation, in der es seine Wirkung entfalten
eines Arzneimittels. Im Fall der Acetylsalicylsäure (ASS) sind soll), vom Gewicht des Patienten und der Funktion des
die Indikationen z. B. Schmerz im Sinne des Analgetikums, Organs ab, das das Medikament abbaut bzw. ausschei-
Fieber im Sinne des Antipyretikums, aber auch Arterioskle- det. Die therapeutische Breite eines Medikaments ist der
rose oder Vorhofflimmern im Sinne des Thrombozytenag- Bereich zwischen der Dosis, die die volle erwünschte Wir-
gregationshemmers (Embolieprophylaxe). Zur Emboliepro- kung erzielt, und der Dosis, die schädliche Auswirkungen
phylaxe werden zwar in erster Linie andere Medikamente hat. Ist sie gering, besteht erhöhter Überwachungsbedarf
verwendet, ASS kommt jedoch z. B. bei alten oder sturz- bzgl. unerwünschter Wirkungen. Die Konzentration des
oder blutungsgefährdeten Patienten zum Einsatz. Wirkstoffs pro „Einheit“ der Darreichungsform (z. B. pro
Tablette) spielt eine wichtige Rolle bei der Festlegung des
Einnahmeschemas.
3.3.4  Dosis und
Wirkstoffkonzentration
3.3.5  Pharmakodynamik
Ein Wirkstoff benötigt eine bestimmte Konzentration im
Blut, um die gewünschte Wirkung erzielen zu können. Die Die Pharmakodynamik beschreibt alle biochemischen Pro-
Schwellendosis ist die kleinste Dosis, die nötig ist, um eine zesse, durch die ein Medikament im Körper wirkt. Dazu
Wirkung zu erzielen. Dem gegenüber steht die Maximaldo- gehört auch der eigentliche zentrale Wirkmechanismus,
sis. Wird sie überschritten, besteht die Gefahr einer Über- d. h. der Mechanismus, der für die gewünschte Wirkung der
dosierung des Medikaments mit toxischer Wirkung. Den Substanz verantwortlich ist. Einfach ausgedrückt, beschäf-
Abstand zwischen der Dosis, die die volle erwünschte Wir- tigt sich die Pharmakodynamik mit der Frage: Was macht
kung erzielt, und derjenigen, die toxische Wirkung hat, be- der Wirkstoff mit dem Körper?
zeichnet man als therapeutische Breite eines Medikaments. Es gibt zahlreiche Angriffspunkte, an denen sich die Wir-
Die therapeutische Breite ist gering, wenn eine geringe Do- kung von Wirkstoffen entfalten kann. Hier sind einige Bei-
sissteigerung schädliche Auswirkungen haben kann. Die op- spiele:
timale Dosis ist von mehreren Faktoren wie z. B. Gewicht,
Alter oder Geschlecht abhängig. Sie wird erforscht und vom
Hersteller des Präparats angegeben. Grundsätzlich wird da-
bei von einem 70 kg schweren Erwachsenen ausgegangen.

63
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

Wirkung an Fremdorganismen hemmen körpereigene Enzyme und können diese damit in


ihrer Funktion unterstützen oder bremsen. ACE-Hemmer
Medikamente können an Fremdorganismen (z. B. Bakterien, sind z. B. Medikamente, die durch Hemmung des Angio-
Viren, Pilze) wirken, die den menschlichen Organismus be- tensin-converting Enzyms (ACE) eine Reaktionskaskade
fallen haben: Antibiotika greifen z. B. die Bakterien im Kör- blockieren und so den Blutdruck senken. Auch Ionenkanäle
per an, hemmen sie in ihrem Wachstum (bakteriostatische oder Transportsysteme in der Zellmembran können durch
Wirkung) oder töten sie ab (bakterizide Wirkung), ohne eine Medikamente beeinflusst werden. Kalziumkanäle am Her-
direkte Wirkung auf den menschlichen Organismus zu ha- zen oder Protonen-Kalium-Pumpen im Magen sind hier
ben. klassische Beispiele zur Senkung der Herzlast bzw. zur Dros-
selung der Magensäureproduktion.
Wirkung auf den menschlichen
Organismus 3.3.6  Pharmakokinetik
Die Wirkung direkt am Gewebe des menschlichen Organis- Die Pharmakokinetik beschäftigt sich mit den Fragen: Wie
mus kann innerhalb oder außerhalb der Zellen erfolgen. Am gelangt der Wirkstoff zum Wirkort, wie wird er im Körper
häufigsten erfolgt sie innerhalb. wieder abgebaut und ausgeschieden? Einfach ausgedrückt:
Was macht der Körper mit dem Wirkstoff?
Extrazelluläre Wirkung (Wirkung zwischen den Zellen) • Extra- Zu den Prozessen der Pharmakokinetik gehören die sog.
zellulär kann ein Wirkstoff den Körper auf unterschiedliche Freisetzung des Wirkstoffs aus dem Medikament, die Auf-
Weise beeinflussen. Viele Laxanzien (= Abführmittel) wir- nahme oder Absorption in das Blutgefäßsystem, die Vertei-
ken z. B., indem sie Wasser im Darm zurückhalten. Dieses lung = Distribution im Körper, die Metabolisierung, d. h. die
zusätzliche Volumen im Darm drückt auf die Darmwand, Umwandlung des Wirkstoffs in ausscheidbare Substanzen,
wodurch es zu einer abführenden Wirkung kommt. sowie die Exkretion, d. h. die eigentliche Ausscheidung aus
dem Körper.
Zelluläre Wirkung • Die verschiedenen Angriffspunkte eines
Medikamentenwirkstoffs direkt in der Zelle sind z. B. Mem-
branproteine, Zellskelettproteine, Enzyme oder die DNA der
Freisetzung
Zellen (▶ Abb. 3.3). Viele Medikamente wirken durch Bin- Unter der Freisetzung versteht man das Freiwerden des
dung an sog. Rezeptorproteine. Wie ein Schlüssel im Schloss Wirkstoffs aus der jeweils verabreichten Arzneimittelform.
eine Tür auf- oder zuschließen kann, kann ein Wirkstoff Wie schnell ein Wirkstoff freigesetzt wird und wie lange
an einem solchen Rezeptor einen Prozess verstärken (Ago- er seine Wirkung entfaltet, hängt von der Art der Applikati-
nist) oder bremsen (Antagonist). Bei Allergikern kann z. B. on und von der Aufbereitung des Medikaments (Galenik) ab.
ein Antihistaminikum wie Dimetinden durch Blockade von Wird ein Wirkstoff in bereits gelöster Form eingenommen
Histaminrezeptoren die weitere Ausschüttung von Histamin oder injiziert, kann er seine Wirkung meist sehr schnell ent-
verringern. Dadurch können die allergischen Symptome ab- falten. Viele Medikamente werden aber erst einige Zeit nach
geschwächt werden. Andere Medikamente aktivieren oder der Einnahme im Körper freigesetzt.

Abb. 3.3Wirkorte von Pharmaka.

DARMINNERES

Zellmembran
Zellskelett
DARMZELLE (aus Proteinen)

Wirkstoff

Rezeptorprotein
Membranproteine
in Zellkern

Zellkern

DNA
Ionenkanal/
Transportprotein
Wirkstoff
Wirkstoff
Rezeptorprotein
im Zytoplasma

BLUT

Wirkstoffe können an verschiedenen Stellen der Zelle wirken: An Proteinen in der Zellmembran, im Zytoplasma oder im Zellkern.
Dabei passt der Wirkstoff jeweils genau zu dem Rezeptorprotein. Die Wirkungen sind vielfältig, je nachdem, ob es sich bei den Rezep-
torproteinen um Kanal- oder Transportproteine, Enzyme oder andere Regulationsproteine handelt.

64
Wirkstoffbeschreibung

Abb. 3.4Tablettenpräparate.

a b

a Schmelztabletten dienen einer schnellen Freisetzung des Wirkstoffs.


b Retardtabletten setzen den Wirkstoff verzögert frei.

Eine schnelle Freisetzung ist zum Beispiel in Akutsitua- zugeführten Arzneimittel werden im Dünndarm absorbiert.
tionen wie bei einem epileptischen Anfall, einem Angina- Wie gut ein Stoff absorbiert wird, hängt von mehreren Fak-
pectoris-Anfall oder einer Panikattacke nötig. Dafür stehen toren ab, u. a. vom Löslichkeitsverhalten des Wirkstoffs, von
Medikamente zur Verfügung, die so aufbereitet sind, dass der Durchgängigkeit durch Zellmembranen, aber auch da-
der Wirkstoff schnell freigesetzt wird (▶ Abb. 3.4a). Dies von, wie groß die Resorptionsfläche ist und wie lange der
geschieht z. B. in Form von schnell freisetzenden Tabletten Kontakt zwischen Wirkstoff und Resorptionsfläche besteht.
(z. B. Schmelztabletten, die bei Einnahme schnell zerfallen, So kann es bei Durchfallerkrankungen passieren, dass sich
z. B. Tavor expidet bei Angstattacken) oder auch als Zäpfchen die Kontaktzeit der im Magen oder Darm absorbierten Sub-
oder Rektaltube (z. B. Lorazepam als Rektaltube zum Durch- stanzen so stark verkürzt, dass die Absorption nicht mehr
brechen eines epileptischen Anfalls). gewährleistet ist und der Wirkstoff nicht aufgenommen
Eine verzögerte Freisetzung erfolgt bei sog. Retardprä- werden kann.
paraten (▶ Abb. 3.4b). Hier wird der Wirkstoff über einen
längeren Zeitraum in kleinen Mengen freigesetzt. Vor allem First-Pass-Effekt
bei Medikamenten, die länger einen konstanten Plasma-
Das venöse Blut des Gastrointestinaltrakts wird über die
spiegel behalten sollen, ist das sinnvoll. Zusätzlich kann man
Pfortader in die Leber geleitet, bevor es in den übrigen
dadurch die Anzahl der Medikamente verringern, die der
Körperkreislauf fließt. In der Leber erfolgt dabei oft schon
Patient einnehmen muss. Retardarzneimittel, bei denen kei-
der erste sog. Metabolisierungsschritt, d. h. eine chemische
ne Bruchstelle vorgesehen ist, dürfen nicht geteilt werden,
Umwandlung der Wirksubstanz. Man spricht vom First-
da sonst die gesamte Wirkstoffmenge freigesetzt wird und
Pass-Effekt. Bei manchen Medikamenten verringert sich
nicht kontinuierlich abgegeben werden kann.
nach dem ersten „Durchlaufen“ des Wirkstoffs durch die
Neben den Retardpräparaten gibt es noch andere Formen
Leber der Anteil des Wirkstoffs, der am Zielort noch wir-
der Wirkstofffreisetzung. Der Name ZOC in einem Präpara-
ken kann. Den Anteil des Wirkstoffs, der nach oraler Gabe
tenamen bedeutet z. B., dass der Wirkstoff gleichmäßig ab-
in den großen Kreislauf gelangt und am Zielort wirken
gegeben wird, SL (schnell/langsam) bzw. ID (initial/Depot)
kann, bezeichnet man als Bioverfügbarkeit eines Medika-
bedeutet, dass der Wirkstoff zunächst schnell und danach
ments. Einige Wirkstoffe können aufgrund eines verstärk-
langsam und kontinuierlich freigegeben wird. MUPS (Mul-
ten Umbaus in der Leber nicht oral verabreicht werden, da
tiple Units Pellets System) bedeutet, dass das Medikament
ihre Wirksamkeit bereits während der ersten Leberpassage
aus kleinen Einheiten (Pellets) besteht, die sich im Magen
(„first pass“) zu stark reduziert wird. Die Bioverfügbarkeit
auflösen und innerhalb kurzer Zeit in den Darm gelangen
ist dann zu gering.
und dort den Wirkstoff freisetzen. Dabei gibt es Pellets, die
sich langsam, und Pellets, die sich schnell auflösen, sodass
insgesamt eine gleichmäßige und lange Wirkstofffreiset- Distribution
zung gewährleistet ist.
Distribution bedeutet Verteilung des Wirkstoffs im Körper.
Sobald ein Wirkstoff absorbiert ist, verteilt er sich über den
Absorption Blutkreislauf im Körper und dringt in das Gewebe ein. Wo-
hin und wie schnell diese Distribution stattfindet, hängt
Absorption bedeutet „Aufsaugung“. Absorption von Arznei-
vom chemischen Aufbau und den chemischen Eigenschaften
mitteln ist definiert als der Weg vom Ort der Freisetzung des
des Medikaments ab. Dabei spielen Eigenschaften wie Mo-
Medikaments bis ins Blut des Körperkreislaufs (▶ Abb. 3.5).
lekülgröße, Hydrophilie (Wasserlöslichkeit) und Lipophilie
Wenn ein Wirkstoff nicht direkt in das Blut oder Gewebe
(Fettlöslichkeit) ebenso eine Rolle wie Säure-Basen-Eigen-
injiziert wird, muss er Barrieren überwinden, um im Kör-
schaften, Ladung u. a. Die Konzentration eines Wirkstoffs
per wirken zu können, er muss dort „aufgesaugt“ werden.
im Blut (genauer: im Blutplasma), kann bei manchen Me-
Die Barrieren, die hierbei überwunden werden müssen,
dikamenten bestimmt werden, z. B. bei Digitalispräparaten,
sind typischerweise die Schleimhäute des Verdauungs-
bei bestimmten Immunsuppressiva, auch bei bestimmten
trakts (Mund-, Magen-, Darmschleimhaut), die Atemwege
Antibiotika. Von Bedeutung sind diese Plasmaspiegel v. a.
(Nasenschleimhaut, Lunge) oder die Haut. Die meisten oral

65
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

Abb. 3.5Der Weg des Wirkstoffs durch den Körper.

Aufnahme
1 Aufnahme
Mund

2 Absorption
Aufnahme ins Blut
1
über Magen- und Speiseröhre
Darmschleimhaut

3 Transport Magen
über die Pfortader
5 zur Leber

Darm Pfortader

4 Metabolisierung
6 Galle
in der Leber,
First-Pass-Effekt
Leber

5 Transport Herz Lunge


4
über den Lungenkreislauf
3 in das linke Herz

Aorta/
Blutkreislauf

6 Distribution
Verteilung im Körper

Niere

7 Ausscheidung
7 Ausscheidung

Aufnahme, Adsorption, Verstoffwechselung und Verteilung eines oral aufgenommenen Medikaments im Überblick.

bei Medikamenten, die eine geringe therapeutische Breite Fetus bzw. das Neugeborene vor schädigenden Substanzen.
haben. Solche Medikamente können sehr leicht über- oder Bei der medikamentösen Therapie während Schwanger-
unterdosiert werden bzw. ihr Plasmaspiegel kann leicht schaft und Stillzeit sind Plazentagängigkeit und Milchgän-
durch Wechselwirkung mit anderen Medikamenten beein- gigkeit wichtige Kriterien dafür, ob ein Medikament einge-
flusst werden. setzt werden kann oder nicht.
Im Körper gibt es Schranken zum Schutz besonders schüt-
zenswerter Organe/Substanzen vor toxischen Stoffen. Dazu Metabolisierung
gehören die Blut-Hirn-Schranke, die Blut-Hoden-Schranke,
die Blut-Plazenta-Schranke und die Blut-Milch-Schranke. Die Die Metabolisierung eines Medikaments ist der chemische
Gewebeschranken (Blut-Hirn-Schranke und Blut-Hoden- Umbau des Medikaments in eine ausscheidungsfähige Form.
Schranke, im Wesentlichen aus den Endothelzellen der Ka- Diese Verstoffwechselung erfolgt meistens in der Leber. Falls
pillaren bestehend) schützen einerseits die entsprechenden die Leber aufgrund eines Leberschadens eine Funktions-
Organe wie Gehirn oder Hoden vor schädigenden Giften, sie einbuße hat oder gewisse Enzyme der Leber durch andere
können andererseits aber auch die medikamentöse Therapie Stoffe (z. B. Grapefruitsaft!) in Anspruch genommen werden,
erschweren, da bestimmte potenziell wirksame Substanzen werden manche Medikamente anders verstoffwechselt, als
die Schranke nicht durchdringen. Die Blut-Plazenta-Schran- es bei einer normal funktionierenden Leber der Fall wäre.
ke und die Blut-Milch-Schranke schützen insbesondere den Dies kann wiederum zu einem zu hohen oder zu niedrigen

66
Wirkstoffbeschreibung

Plasmaspiegel und, je nach Medikament, zu verschiedenen können erwünscht oder unerwünscht sein. Der Einfachheit
Komplikationen und Nebenwirkungen führen. Bei einer Le- halber wird sehr häufig nicht zwischen diesen beiden Be-
berinsuffizienz (eingeschränkte Leberfunktion) müssen ei- griffen unterschieden. Insbesondere in der klinischen Praxis
nige Medikamente daher niedriger dosiert werden, damit es wird nach wie vor meist von Nebenwirkungen gesprochen,
nicht zur Anhäufung des Wirkstoffs im Körper kommt. wenn die UAW gemeint sind. Aus diesem Grund soll auch
hier das Wort Nebenwirkung im Sinne von unerwünschten
Exkretion Wirkungen verwendet werden.
Viele Nebenwirkungen lassen sich aus dem Wirkmecha-
Unter der Exkretion versteht man die tatsächliche Ausschei- nismus ableiten, andere können nur schwer erklärt werden
dung einer Wirksubstanz aus dem Körper. Der Hauptanteil und beruhen auf Erfahrungsberichten von Patienten. Ins-
dieser Medikamentenausscheidung erfolgt über die Nieren. besondere Wirkstoffe, die an mehreren unterschiedlichen
Daher muss bei Patienten mit Nierenerkrankungen, Nieren- Prozessen im Körper wirken, zeigen viele Nebenwirkungen.
entzündungen oder Niereninsuffizienz sehr genau aufgepasst Typisches Beispiel hierfür ist Kortison, das im Körper vie-
werden, dass keine Medikamente verabreicht werden, die die le Funktionen erfüllt. Medikamentös wird es oft aufgrund
Niere zu sehr belasten. Dazu gehören vor allem nicht stero- seiner immunsuppressiven Wirkung eingesetzt. Nebenwir-
idale Antiphlogistika, Aminoglykoside und jodhaltige Rönt- kungen wie die Beeinflussung z. B. des Kohlenhydratstoff-
genkontrastmittel. Viele Medikamente müssen bei einer ein- wechsels mit evtl. erhöhten Blutzuckerwerten, ungünstige
geschränkten Nierenfunktion niedriger dosiert werden. Effekte auf den Fettstoffwechsel, eine erhöhte Infektneigung
Ein geringerer Anteil, insbesondere lipophile (= fettlieben- und eine verschlechterte Wundheilung werden dann unter
de) Medikamente, werden über die in der Leber produzierte Umständen in Kauf genommen, wenn der Gewinn durch die
Gallenflüssigkeit über den Darm ausgeschieden (sog. bili­ immunsuppressive Wirkung für den Patienten überwiegt.
äre Exkretion). Häufig werden diese Medikamente über den Die Beobachtung von Medikamentennebenwirkungen ist
Darm erneut absorbiert. Man spricht dann vom sog. entero- aufgrund der Fülle der Medikamente und der individuellen
hepatischen Kreislauf. Situation des Patienten nicht immer einfach. Es ist unmög-
lich, sich alle Nebenwirkungen aller Medikamente zu mer-
ken. Es gibt aber ein paar Leitlinien, die bei der Beobachtung
WISSEN TO GO
helfen können:
●● Bei der Beobachtung akuter, ggf. auch lebensgefährlicher
Pharmakodynamik und Pharmakokinetik Zustände wie z. B. Kreislaufkollaps, Bewusstseinsverände-
rung oder Dyspnoe sofort den Arzt informieren, Vitalpa-
Die Pharmakodynamik beschreibt, was der Wirkstoff mit
rameter bestimmen und stabilisierende Erstmaßnahmen
dem Körper macht: Wo und wie wirkt er? Die meisten Me-
ergreifen. Nicht lange über eine mögliche medikamentöse
dikamente wirken innerhalb der menschlichen Zelle auf
Ursache spekulieren.
Membranproteine, Enzyme oder die DNA.
●● Bei der Beobachtung von Veränderungen und/oder neuen
Die Pharmakokinetik beschreibt, was der Körper mit
Symptomen u. a. auch hinterfragen, ob neue Medikamente
dem Wirkstoff macht. Zunächst wird der Wirkstoff im
zur Anwendung kommen und, wenn ja, welche und seit
Körper aus dem Arzneimittel freigesetzt. Die Geschwin-
wann? Können die Veränderungen damit in Zusammen-
digkeit der Freisetzung hängt von der Applikationsart und
hang stehen?
der Darreichungsform ab. Schmelztabletten setzen den
●● Bei vielen Medikamenten oder Medikamentengruppen
Wirkstoff schnell frei, Retardpräparate verzögert. Wie viel
gibt es Nebenwirkungen, die gefährlich, besonders häufig
des Wirkstoffs ins Blut des Körperkreislaufs aufgenommen
oder sehr typisch sind. ▶ Tab. 3.6 und ▶ Tab. 3.7 listen hier-
– absorbiert – wird, hängt u. a. davon ab, ob der Wirkstoff
zu einige typische Beispiele auf.
nach Aufnahme durch die Darmschleimhaut in der Leber
●● Zu allen in Deutschland zugelassenen Arzneimitteln gibt
chemisch verändert und dadurch seine Wirkung vermin-
es sog. Fachinformationen. Diese Fachinformationen ent-
dert wird (First-Pass-Effekt). Wirkstoffe mit hohem First-
halten u. a. eine Einteilung von Nebenwirkungen nach der
Pass-Effekt haben eine geringe orale Bioverfügbarkeit,
Häufigkeit ihres Auftretens. Diese Einteilung kann helfen
können also nicht oral verabreicht werden. Die Verteilung
abzuwägen, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Symptom
des Wirkstoffs im Körper hängt von Eigenschaften wie
auf die Einnahme eines bestimmten Medikaments zurück-
Wasser- bzw. Fettlöslichkeit, Ladung oder Molekülgröße
geführt werden kann. Dabei gelten Nebenwirkungen als:
ab. Die Metabolisierung, also der Umbau des Wirkstoffs
––sehr häufig, wenn sie bei > 10 % der Patienten auftreten
in eine ausscheidungsfähige Form, findet meist in der Le-
––häufig, wenn sie bei 1–10 % auftreten
ber statt. Daher muss bei Leberfunktionsstörungen ggf.
––gelegentlich, wenn sie in 0,1–1 % der Fälle auftreten
die Dosis angepasst werden. Die meisten Wirkstoffe wer-
––selten, wenn sie in 0,01–0,1 % der Fälle auftreten
den über die Nieren ausgeschieden; bei Nierenfunktions-
––sehr selten, wenn sie in < 0,01 % der Fälle auftreten
störungen muss ggf. die Dosis angepasst werden.
––unbekannt, wenn die Datenlage nicht ausreicht, eine
Wahrscheinlichkeit zu formulieren.
●● Wenn mit akuten Medikamentennebenwirkungen bei
3.3.7  Unerwünschte Wirkungen Neuverabreichung eines Medikaments zu rechnen ist,
und Nebenwirkungen empfiehlt es sich, einige Minuten nach der Einnahme am
Patientenbett zu warten, ob das Medikament gut vertra-
Fast jeder Wirkstoff zeigt nicht nur erwünschte, sondern
gen wird. Vor allem bei intravenös verabreichten Medika-
auch unerwünschte Wirkungen, abgekürzt UAW (uner-
menten, wie zum Beispiel bestimmten Antibiotika, kann
wünschte Arzneimittelwirkungen). Darunter versteht man
es zu allergischen Reaktionen kommen (häufig ist z. B. ein
alle nicht erwünschten Wirkungen, die im Zusammenhang
allergischer Ausschlag = Exanthem an Rücken und Bauch
mit der Verabreichung eines Medikaments stehen. Im Ge-
mit Ausbreitung über den Körper bei Penicillinallergie).
gensatz dazu sind Nebenwirkungen alle Wirkungen eines
Medikaments jenseits der erwünschten Hauptwirkung. Sie

67
3 Grundlagen der Medikamentenlehre

Tab. 3.6  Beispiele für Medikamentengruppen mit typischen, häufigen und/oder gefährlichen Nebenwirkungen.

Medikamentengruppen bzw. erwünschte Wirkung typische, häufige oder gefährliche Neben­


­Wirkstoffe wirkungen

ACE-Hemmer Blutdrucksenkung, Förderung der Blutdruckabfall; Gefahr des besonders starken


Herzleistung Abfalls bei Ersttherapie, trockener Reizhusten;
angioneurotisches Syndrom (selten, aber gefähr-
lich)

Antazida Säurebindung im Magen Obstipation

Antibiotika Bekämpfung einer bakteriellen Infek- Allergien; Besiedelung des Darms mit Clostridien
tion = pseudomembranöse Kolitis; Diarrhö

Antidepressiva Stimmungsaufhellung, Antriebssteige- Müdigkeit, Verwirrtheit, Übelkeit, Erbrechen


rung oder Antriebshemmung (je nach
Substanz), Schmerzbekämpfung

Antidiabetika Normalisierung des Blutzuckerspiegels Hypoglykämie

Antihistaminika Abschwächen einer allergischen Re- Müdigkeit


aktion

Antihypertonika Blutdrucksenkung zu starker Blutdruckabfall

Benzodiazepine Beruhigung, Schlafförderung erhöhte Schläfrigkeit, Sturzgefahr, Schwindel;


Atemdepression; paradoxe Reaktion, d. h. Erre-
gung möglich

Betablocker Blutdrucksenkung, Beheben von Herz- Bradykardie, zu starker Blutdruckabfall; Asthma-


rhythmusstörungen anfälle; Hyperglykämie bei Diabetikern

Blutgerinnungshemmer (Fibrino- Vermeiden einer Thromboembolie Blutungsneigung und erhöhte Blutungsgefahr


lytika, Antikoagulanzien inkl. ASS, (Herzinfarkt, Schlaganfall, peripherer
Vitamin-K-Antagonisten) Gefäßverschluss u. a.)

Digitalispräparate Förderung der Herzleistung, Frequenz- Übelkeit und Erbrechen, Verwirrtheit und Farb-
stabilisierung bei Vorhofflimmern sehstörung („Gelb-Grün-Sehen“) als Zeichen
einer Überdosierung, Herzrhythmusstörungen

Diuretika Ausscheiden von Flüssigkeit, Aus- Blutdrucksenkung, Exsikkose, Elektrolytstörun-


schwemmen von Ödemen, Blutdruck- gen, Verschlechterung der Nierenfunktion
senkung

Gestagene Schwangerschaftsverhütung erhöhtes Risiko thromboembolischer Ereignisse

Immunsuppressiva Abschwächen einer übermäßigen Infektanfälligkeit


Reaktion des Immunsystems, z. B. bei
Autoimmunerkrankungen oder Absto-
ßungsreaktionen nach Transplantation

Kalziumkanalblocker Blutdrucksenkung Schwindel und Kopfschmerzen, Flush (Haut­


rötung); Knöchelödeme

Laxanzien Abführen von Stuhl Flüssigkeits- und Kaliumverlust, Exsikkose

nicht steroidale Antirheumatika Schmerzbekämpfung, Entzündungs- Magenbeschwerden; Nierenversagen


hemmung

Nitroverbindungen Senkung der Vorlast für das Herz Kopfschmerzen, Blutdruckabfall, Schwindel,
Übelkeit, Flush (Hautrötung)

Opioide Bekämpfung starker Schmerzen u. a. schwere Obstipation, Übelkeit

68
Wirkstoffbeschreibung

Tab. 3.6  Fortsetzung.

Medikamentengruppen bzw. erwünschte Wirkung typische, häufige oder gefährliche Neben­


­Wirkstoffe wirkungen

Statine Senkung der Cholesterinwerte Muskelschmerzen als Zeichen einer sehr


­gefährlichen Auflösung der Muskulatur (Rhabdo­
myolyse)

Thyreostatika Hemmung der Schilddrüsenfunktion Veränderungen im Blutbild, Leukopenie und


Agranulozytose

Zytostatika Bekämpfung bösartiger Tumoren Übelkeit, Erbrechen, Mundschleimhautentzün-


dungen, Durchfall, Infektanfälligkeit, Haarausfall

Tab. 3.7  Beispiele für Medikamente mit typischen, häufigen und/oder gefährlichen Nebenwirkungen.

Wirkstoffe erwünschte Wirkung typische, häufige oder gefährliche Neben-


wirkungen

Amiodaron (Antiarrhythmikum) Beheben von Herzrhythmusstörungen schwere organverändernde Nebenwirkungen


an Auge (Hornhaut), Schilddrüse, Lunge

Metamizol Schmerzbekämpfung (v. a. krampfarti- Blutdruckabfall (v. a. bei i. v.-Applikation) und


ge Schmerzen) Agranulozytose

Theophyllin Bronchodilatation, Verbesserung der Unruhe, Zittern, Tachykardie


Atmung

Tramadol Bekämpfung starker Schmerzen Übelkeit, Schwindel

3.3.8  Wechselwirkungen Blitzlicht Pflege  Wechselwirkungen


Wechselwirkungen zwischen Arzneimitteln, also eine Wirkungs-
Unter Wechselwirkungen (Interaktionen) versteht man verstärkung oder -abschwächung, treten umso häufiger auf, je
die wechselseitige Beeinflussung von Medikamenten, die mehr Arzneimittel der Patient einnimmt. Denken Sie deshalb
gleichzeitig eingenommen werden. insbesondere bei alten und multimorbiden Patienten daran, dass
Medikamente können sich wechselseitig beeinflussen, Befindlichkeitsstörungen durch Arzneimittelwechselwirkungen
indem z. B. das eine Medikament den Abbauprozess des an- bedingt sein könnten.
deren hemmt und so ein Wirkstoff länger im Körper bleibt
als erwünscht. Dies ist auch bei Bestandteilen bestimmter
Nahrungsmittel möglich, z. B. von Grapefruitsaft. Wird die
reguläre Dosis weiter gegeben, häuft sich das Medikament WISSEN TO GO
im Körper an.
Andere Substanzen, wie z. B. Ingwer, Knoblauch, Johannis-
Nebenwirkungen, unerwünschte Arzneimittelwirkun-
kraut oder Lakritze, fördern den Abbau mancher Medika-
gen, Wechselwirkungen
mente, sodass ihre Wirkung geringer ausfällt als erwartet.
Medikamente können sich auch wechselseitig so beein- Jeder Wirkstoff hat Nebenwirkungen, von denen viele un-
flussen, dass sich ihre Wirkungen addieren oder sogar po- erwünscht sind (sog. UAW). Nicht alle sind gefährlich, viele
tenzieren (d. h. um ein Vielfaches verstärken). Gerade alte können jedoch zu lebensgefährlichen Zuständen führen.
und multimorbide Patienten nehmen sehr häufig mehrere Bei akuten oder lebensgefährlichen Zuständen (z. B. Kreis-
Medikamente ein. Die verordnenden Ärzte haben hier eine laufkollaps, Bewusstseinsveränderung, Dyspnoe) sollten
große Verantwortung, Wechselwirkungen möglichst zu ver- Sie sofort den Arzt informieren, Vitalparameter bestim-
meiden. In der Betreuung dieser Menschen gilt es, Unwohl- men und stabilisierende Erstmaßnahmen ergreifen.
sein, Müdigkeit oder andere Befindlichkeitsstörungen auch Prägen Sie sich die gefährlichen und die besonders häu-
vor dem Hintergrund der zahlreichen Medikamente zu be- figen bzw. typischen Nebenwirkungen der verschiedenen
trachten und bei Verdacht auf Wechselwirkungen mit dem Medikamentengruppen ein!
behandelnden Arzt Rücksprache zu halten. Wechselwirkungen zwischen gleichzeitig verabreich-
ten Medikamenten beruhen häufig auf einem verzögerten
Abbau (Achtung: Dosisanpassung!). Auch gegenseitige Be-
einflussung der Wirkmechanismen sind möglich. Wechsel-
wirkungen sind umso häufiger, je mehr Präparate parallel
eingenommen werden.

69
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

4 Grundlagen zu
Tumorerkrankungen

man spricht von differenziertem Gewebe. Es wächst zwar,


bricht jedoch nicht in das umgebende Gewebe ein; es grenzt
sich davon ab und verdrängt es. Man spricht von einem
expansiven Wachstum. Gutartige Tumoren bilden keine
4.1  Begriffserklärungen Metastasen. Sie sind nur dann lebensbedrohlich, wenn das
Verdrängen des umgebenden Gewebes lebensgefährlich ist
In diesem Kapitel werden allgemeine Aspekte von Tumorer- (häufig z. B. bei Hirntumoren). Unter Behandlung können
krankungen erläutert und Methoden zur Diagnostik sowie die meisten gutartigen Tumoren geheilt werden.
Therapieansätze vorgestellt. Spezielle Tumorerkrankungen
sind in den jeweiligen Organkapiteln behandelt. Bösartige Tumoren • Bösartige Tumoren wachsen schnell
und zeigen eine hohe Zellteilungsrate. Die Zellen zeigen Aty-
Definition  Tumor und Neoplasie pien: sie sind unterschiedlich groß und haben auch unter-
„Tumor“ bedeutet „Schwellung“. Im engeren Sinne wird der schiedlich große Kerne, man findet atypische Kernteilungs-
Begriff aber vorwiegend im Zusammenhang mit einer Gewebs­ figuren (Mitosen) und der Kern ist im Verhältnis zum ­Plasma
neubildung (Neoplasie) verwendet. Unter „Neoplasie“ versteht zu groß. Das Tumorgewebe hat kaum noch Ähnlichkeit mit
man eine Neubildung von Gewebe, die von einem bestimmten dem Ursprungsgewebe, es ist undifferenziert. Es wächst
physiologischen Gewebe ausgeht, z. B. bei der Reparation von Ge- invasiv und zerstört dabei das umgebende Gewebe, auch
webe; die aber auch pathologisch sein kann, z. B. bei der Bildung ­Organe und Blutgefäße. Beim Durchbrechen von Blutgefä-
von Tumoren. ßen können maligne Tumoren daher u. a. auch zu inneren
Das medizinische Fachgebiet, das sich mit Tumorerkrankungen Blutungen führen. Bösartige Tumoren bilden Metastasen.
beschäftigt, nennt man Onkologie.

Ein Tumor hat grundsätzlich ein Ursprungsgewebe. Dort WISSEN TO GO


kommt es zu Fehlregulationen der Zellbildung und Zelltei-
lung, wodurch übermäßig viele neue, entartete Zellen gebil-
Gut- und bösartige Tumoren
det werden.
Man unterscheidet gutartige (benigne), bösartige Unter einem Tumor versteht man im engeren Sinne eine
(­maligne) und halb bösartige (semimaligne) Tumoren. Sie Gewebsneubildung (Neoplasie). Man unterscheidet:
unterscheiden sich u. a. im Grad der Ähnlichkeit mit dem ●● gutartige Tumoren:
Ursprungsgewebe, in der Schnelligkeit und der Art ihres ––wachsen langsam und expansiv (verdrängen umge-
Wachstums und darin, ob sie Tochtergeschwulste (Metasta- bendes Gewebe)
sen) bilden oder nicht (▶ Abb. 4.1). ––differenziertes Tumorgewebe; ähnelt dem Ursprungs­
gewebe
Gutartige Tumoren • Gutartige Tumoren wachsen langsam. ––bilden keine Metastasen
Das Tumorgewebe ist dem Ursprungsgewebe sehr ähnlich,

70
Begriffserklärungen

Abb. 4.1Gutartiger und bösartiger Tumor.


●● bösartige Tumoren:
––wachsen schnell und invasiv (zerstören umgebendes gutartiger Tumor bösartiger Tumor
­Gewebe)
––undifferenziertes Tumorgewebe; kaum Ähnlichkeit mit
­Ursprungsgewebe
––bilden Metastasen

4.1.1  Ursprungsgewebe und


Tumorbezeichnungen
Bei der Bezeichnung der Tumoren spielt das Ursprungs-
gewebe immer eine Rolle. ▶ Tab. 4.1 listet einige wichtige Basalmembran
­Beispiele für Tumorarten und -bezeichnungen auf. Grund- Tumorzellen ähnlich Tumorzellen besitzen keine
sätzlich kann man sich merken: denen des Ähnlichkeit mit Ursprungs-
●● Die Bezeichnung für eine Neoplasie endet meist auf -om, Ursprungsgewebes gewebe (undifferenziert)
wobei die Endung nichts über Gut- oder ­Bösartigkeit (Dig- (differenziert)
nität) des Tumors aussagt.
●● Als Karzinom bezeichnet man einen bösartigen epithelia-
len Tumor.
●● Als Sarkom bezeichnet man einen bösartigen ­ Tumor aus
mesenchymalem Gewebe. Unter dem Begriff „mesenchy-
males Gewebe“ werden dabei alle Gewebe zusammenge-
fasst, die sich in der Embryonalentwicklung aus dem sog.
„Mesenchym“ entwickeln. Das sind: Bindegewebe, Fettge-
webe, Muskelgewebe, Knochengewebe, Knorpelgewebe,
blutbildendes/lymphatisches Gewebe.
●● Als Blastom bezeichnet man Tumoren, die sich aus em­
bryonalem Gewebe im Zuge der Organentwicklung bilden.
langsames schnelles
Wachstum Wachstum
▶ Abb. 4.2 gibt einen Überblick über die häufigsten
­Tumorarten in Deutschland.

WISSEN TO GO

Tumorbezeichnungen
In der Bezeichnung der Tumoren spielt das Ursprungsge-
webe eine Rolle. Wichtige Beispiele s. ▶ Tab. 4.1. Generell
gilt:
●● Karzinom – bösartiger epithelialer Tumor.
●● Sarkom – bösartiger Tumor aus mesenchymalem Ge-
webe, also Bindegewebe, Fettgewebe etc. verdrängendes zerstörendes Wachstum,
●● Blastom – Tumor aus embryonalem Gewebe, der im
Wachstum Durchbrechen der
Zuge der Organentwicklung entsteht. Basalmembran
Metastasierung

Gutartige Tumoren wachsen eher langsam und verdrängend, bösartige


wachsen schnell, zerstörend und durchbrechen die Basalmembran, was zur
Metastasierung führt.

Tab. 4.1  Beispiele für die Bezeichnungen von Tumoren, ihr Ursprungsgewebe und ihre Dignität.

Tumorbezeichnung Ursprungsgewebe Dignität

Ursprung epitheliales Gewebe

Papillom Oberflächenepithel benigne

Adenom Drüsengewebe benigne

Plattenepithelkarzinom Plattenepithel maligne

Urothelkarzinom Urothel = Übergangsepithel maligne

71
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Tab. 4.1  Fortsetzung.

Tumorbezeichnung Ursprungsgewebe Dignität

Adenokarzinom Drüsengewebe maligne

Basaliom Epidermis und Haarfollikel maligne

Melanom Pigmentzellen der Haut maligne

Ursprung mesenchymales Gewebe

Fibrom Bindegewebe benigne

Fibrosarkom Bindegewebe maligne

Lipom Fettgewebe benigne

Liposarkom Fettgewebe maligne

(Leio-)Myom glattes Muskelgewebe benigne

(Leio-)Myosarkom glattes Muskelgewebe maligne

Rhabdomyom quergestreiftes Muskelgewebe benigne

Rhabdomyosarkom quergestreiftes Muskelgewebe maligne

maligne Lymphome, Leukämien blutbildendes = hämatopoetisches/­ maligne


lymphatisches Gewebe

Ursprung Nervengewebe

Astrozytom, Oligodendrogliom, Gliazellen (= Astrozyten, Oligodendrozy- maligne in unterschiedlich starker


­Ependymom ten, Ependymzellen = stützende Zellen ­Ausprägung
zwischen Nervenzellen im ZNS)

Meningeom Hirnhäute = bindegewebige Hüllen meist benigne, selten maligne


des ZNS

Schwannome, Neurofibrome periphere Nervenscheiden niedrig maligne

Ursprung Keimzellen bzw. Zellen der embryonalen oder fetalen Entwicklung

Seminom Spermatogonien beim Mann maligne

Teratom Keimzellen meist benigne

Nephroblastom embryonales Nierengewebe (Gewebe, maligne


aus dem sich während der Embryonalent-
wicklung die Niere entwickelt)

Neuroblastom embryonales Nervengewebe maligne

Ursprung Gefäße

Hämangiom Blutgefäße benigne

Angiosarkom Blutgefäße maligne

Ursprung neuroendokrines Gewebe

Gastrinom Gastrin produzierende Zellen benigne oder maligne

Insulinom Insulin produzierende Zellen meist benigne

72
Tumorentstehung

Abb. 4.2Häufigkeit von Tumorlokalisationen.

Männer Frauen

Prostata 26,1 31,3 Brustdrüse


Lunge 13,9 12,7 Darm
Darm 13,4 7,6 Lunge
Harnblase 4,5 5,1 Gebärmutterkörper
Malignes Melanom der Haut 3,8 4,3 malignes Melanom der Haut
Mundhöhle und Rachen 3,7 3,6 Bauchspeicheldrüse
Magen 3,6 3,5 Eierstöcke
Niere 3,5 3,4 Non-Hodgkin-Lymphome
Non-Hodgkin-Lymphome 3,4 3,0 Magen
Bauchspeicheldrüse 3,2 2,5 Niere
Leukämien 2,6 2,2 Leukämien
Leber 2,3 2,1 Gebärmutterhals
Speiseröhre 1,9 1,9 Schilddrüse
zentrales Nervensystem 1,5 1,8 Harnblase
Hoden 1,5 1,5 Mundhöhle und Rachen
Plamozytom Vulva
Kehlkopf Gallenblase und Gallenwege
Gallenblase und Gallenblase Zentrales Nervensystem
Schilddrüse Plasmozytom
Mesotheliom Leber
Morbus Hodgkin Speiseröhre
Brustdrüse Morbus Hodgkin
Kehlkopf
Mesotheliom

36 30 24 18 12 6 0 6 12 18 24 30 36

Prozentualer Anteil der häufigsten Tumorlokalisationen an allen Krebsneuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2010, ohne nicht-
melanotischen Hautkrebs (Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts).

4.2  Tumorentstehung Mutationen solcher Gene führen häufig zu einer gesteiger-


ten Genaktivität. In der mutierten Form bezeichnet man
diese Gene als „Onkogene“.
4.2.1  Disposition und auslösende
Physikalische Faktoren oder chemische Substanzen • Beispiele
Faktoren hierfür sind:
Nach heutigem Stand der Wissenschaft kommt es durch ●● UV-Strahlung: Häufige Sonnenbrände in der Kindheit gel-

verschiedene „falsche“ molekularbiologische Abläufe in der ten als wichtiger Risikofaktor für das maligne Melanom
Zelle zu einer Fehlregulation der Zellneubildung. Sie führen (Hautkrebs).
dazu, dass bösartige Zellen mit „falschen“ Informationen in ●● Radioaktive Strahlung, auch Röntgenstrahlung, besitzt das

der DNA entstehen. Man geht heute davon aus, dass die Ent- Potenzial, genetisches Material zu verändern. Wir sind täg-
wicklung bösartiger Tumoren über viele Jahre stattfindet. lich durch natürliche Strahlenquellen radioaktiver Strah-
Dabei gibt es Faktoren, die die „falschen“ Abläufe in der Zelle lung ausgesetzt, die in der Regel aber so schwach dosiert ist,
initiieren bzw. fördern können. Man kann diese Faktoren als dass sie nicht direkt schadet. Medizinische Verfahren wie
onkogene Faktoren bezeichnen, inzwischen etablierter ist Röntgen, Computertomografie und nuklearmedizinische
der Begriff Kanzerogene. Zu den Kanzerogenen zählen u. a.: Methoden belasten den Organismus zusätzlich mit radio-
aktiver Strahlung. Um diese Belastung für Patienten, aber
Erbliche Disposition • Bei vielen bösartigen Tumorerkran- v. a. auch für die Menschen, die in diesen Bereichen arbei-
kungen wird ein erhöhtes Erkrankungsrisiko vererbt. So ten, so gering wie möglich zu halten, gibt es sog. Strahlen-
gibt es beispielsweise eine deutlich größere Wahrschein- schutzbestimmungen. Sie sehen u. a. vor, dass das Personal
lichkeit für eine Frau, an Brustkrebs zu erkranken, wenn die sich während der direkten Strahlung in einer strahlungsar-
leibliche Mutter daran erkrankt ist. Die an diesen Prozessen men Umgebung aufhalten soll oder, wenn dies nicht mög-
beteiligten Gene nennt man in ihrer ursprünglichen Form lich ist, durch Bleischürzen geschützt werden muss.
„Protoonkogene“. Häufig codieren sie für Wachstumsfakto- ●● Inhaltsstoffe von Tabak: Tabakrauch enthält mehrere tau-

ren oder deren Rezeptoren, für Bestandteile intrazellulärer send Substanzen, von denen viele krebserregend sind.
Signalübertragungsketten, für Transkriptionsfaktoren und Rauchen erhöht daher das Risiko, an einem Bronchialkar-
Eiweiße, die an der Regulation des Zellzyklus beteiligt sind. zinom und anderen Tumoren zu erkranken, deutlich.
73
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

●● Benzpyrene: Sie sind in vielen Substanzen nachweisbar, in ●● fakultative Präkanzerose: Hier entwickelt sich manch-
den vergangenen Jahren aber insbesondere in den öffent­ mal, aber nicht immer ein maligner Tumor. Beispiele
lichen Fokus gerückt, weil sie in Grillgut, das über Holz- sind die Colitis ulcerosa (S. 443), die aktinische Keratose
kohle gegrillt wurde, nachgewiesen wurden. (S. 1045), eine Leukoplakie (S. 417) der Mundhöhle oder
●● Viele Metalle, wie z. B. Chrom, Nickel und Cadmium, kön- die chronisch-atrophe Gastritis (S. 429).
nen Mutationen und damit Krebserkrankungen auslösen. ●● obligate Präkanzerose: Diese Präkanzerose entartet i­ mmer
Asbest ist ein Sammelbegriff für faserförmige Minerale, maligne. Typische Beispiele sind die ­familiäre adenomatö-
die in die Lunge gelangen und dort ebenfalls Krebs verur- se Polyposis, (S. 455) aus der ein Kolonkarzinom entsteht,
sachen können. und die zervikale intraepitheliale Neoplasie = CIN (S. 1081),
aus der sich ein Zervixkarzinom entwickelt.
Mikroorganismen • Hier sind v. a. sog. onkogene Viren zu
nennen, bei denen ein Zusammenhang zwischen Infektion In-situ-Neoplasie • In-situ-Neoplasien werden auch Carci-
und Tumorbildung besteht. Beispiele sind HPV (Humanes noma in situ (abgekürzt CIS) genannt. Sie zeichnen sich
Papillomavirus) und Zervixkarzinom oder Hepatitis-B-Virus ­dadurch aus, dass sie die Basalmembran noch nicht durch-
und Leberzellkarzinom. brochen haben. Sie sind damit noch nicht invasiv wach­sende
Tumoren. Es handelt sich also um Vorläuferstadien. Aus
­einem Carcinoma in situ entwickelt sich jedoch ein maligner
4.2.2  Stadien der Tumor, der auch metastasiert.
­Tumorentwicklung
Frühkarzinome und Mikrokarzinome • Von einem Carcinoma
Die Entwicklung von einer gesunden Zelle zum invasiven
in situ unterscheidet man wiederum sog. Früh- und Mikro-
Malignom verläuft nicht sprunghaft, sondern schrittweise
karzinome. Beide haben die Basalmembran bereits durch-
über mehrere Stadien. Daher kann man häufig bestimmte
brochen, sind jedoch noch lokal begrenzt. Das Frühkarzinom
Vorstufen und Frühstadien abgrenzen.
ist vor allem am Magen bedeutend. Das Magenfrühkarzinom
ist noch auf die Magenschleimhaut begrenzt.
Dysplasie • Dysplasien (= intraepitheliale Neoplasien) ent-
stehen als Antwort eines Gewebes auf einen chronischen
ACHTUNG
Reiz, können aber auch angeboren sein. Sie weichen vom
Frühstadien von Tumoren haben bei rechtzeitiger Behandlung
­ursprünglichen Gewebe ab, sind aber potenziell reversibel.
meist eine gute Prognose. Daher sind regelmäßige Früherken-
Charakteristisch sind atypische Zellen.
nungsuntersuchungen sehr wichtig!
Präkanzerosen • Präkanzerosen sind dysplastische Gewebe-
veränderungen, die mit einem erhöhten Entartungsrisiko WISSEN TO GO
einhergehen. Man unterscheidet folgende Formen:

Tumorentstehung
Abb. 4.3Tumorentstehung. Ursachen
Faktoren, die zur Tumorentstehung führen können, nennt
Zellkern man Kanzerogene. Zu ihnen zählen u. a.:
●● Erbliche Disposition: Bei vielen Tumorarten wird ein er-
höhtes Erkrankungsrisiko vererbt. Die an diesen Prozes-
sen beteiligten Gene nennt man in ihrer ursprünglichen
Form „Protoonko­gene“, in der mutierten Form „Onko-
Kanzerogene gene“.
●● Physikalische Faktoren oder chemische Substanzen:
Protoonkogene z. B. UV-Strahlung, radioaktive Strahlung, Inhaltsstoffe
von Tabak, Benzpyrene, Asbest, Chrom, Nickel u. a.
DNA ●● Mikroorganismen: Bei sog. onkogenen Viren besteht
ein ­Zusammenhang zwischen Infektion und Tumorbil-
dung, z. B. HPV (Humanes Papillomavirus) und Zervix-
Mutation karzinom.

Onkogene Stadien der Tumorentwicklung


●● Dysplasie: atypische Zellen mit Abweichen von der nor-
DNA malen Zell- und Gewebestruktur
●● Präkanzerosen: Sie haben ein erhöhtes Entartungsrisi-
ko. Man unterscheidet fakultative Präkanzerosen (z. B.
unkontrollierte aktinische Keratose), die manchmal entarten, von obli-
Tumorzellteilung gaten Präkanzerosen (z. B. zervikale intraepitheliale Neo-
plasie), die immer entarten.
●● Carcinoma in situ: Es ist eine In-situ-Neoplasie, die die
Basalmembran noch nicht durchbrochen hat.
●● Früh- und Mikrokarzinome: Sie haben die Basalmem­
Stark vereinfachte Darstellung der Tumorentstehung. Die kanzerogenen
Stoffe (z. B. Strahlung, Tabakrauch, Viren) führen zu einer Veränderung der bran durchbrochen, sind aber noch lokal begrenzt.
Erbanlagen (DNA). Es entstehen sog. Onkogene. Diese Veränderungen füh-
ren zu unkontrolliertem Tumorzellwachstum. Nach Silbernagl, Lang, Taschenatlas Regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen sind wich-
Pathophysiologie, Thieme, 2009.
tig, da Tumorerkrankungen in Frühstadien bei rechtzeiti-
ger Behandlung oft eine gute Prognose haben.
74
Tumorausbreitung und Malignität

4.3  Tumorausbreitung und Abb. 4.4Tumorausdehnung TNM-Klassifikation.

Malignität pTis pT1 pT2 pT3 pT4


Mucosa
Muscularis
Tumor ist nicht gleich Tumor. Für die Therapieentscheidung mucosae
und die Prognose ist es sehr wesentlich, ob, wie schnell und
Submucosa
wie zerstörerisch ein Tumor wächst und sich ausbreitet.
Hierfür existiert eine internationale Klassifikation, die aus
den Rubriken Muscularis
●● Staging = Stadium des Tumors im Sinne der Ausbreitung propria
im Organismus und Subserosa
●● Grading = Differenzierungsgrad = Malignitätsgrad Serosa
besteht.
Schematische Darstellung der Eindringtiefen von Kolonkar­
Zum Staging werden die für das betroffene Organsystem zinomen.
bewährten allgemeinen Diagnosemethoden eingesetzt, z. B.
Sonografie, Endosonografie, Endoskopie, CT, MRT, Röntgen-
Kontrastmitteldarstellungen, Gewebeproben. Wichtige Hin- 4.3.1  Staging
weise kann auch eine Angiografie liefern (Tumoren sind in
der Regel stark durchblutet). Definition  Staging
Hierunter versteht man die Einteilung der Tumorausbreitung
nach der sog. TNM-Klassifikation.

Tab. 4.2  TNM-Klassifikation des kolorektalen Karzinoms. Das TNM-System ist eine international geltende Klassifika-
tion von Tumoren, die den Tumor nach 3 Kriterien einteilt:
Klassifi- Bedeutung ●● T = Tumorausbreitung: Lokale Begrenzung des Tumors,
kation wohin wächst er?
●● N = Nodaler Befall: Sind Lymphknoten befallen, wenn ja,
Primärtumor
welche?
●● M = Metastasenbildung: Liegen Fernmetastasen vor?
pTx Primärtumor kann nicht beurteilt werden

Die TNM-Klassifikation ist für jeden Tumor genau definiert


pT0 kein Anhalt für Primärtumor
und ist die Grundlage für Therapieentscheidungen. Sie
macht es auch erst möglich, die Wirksamkeit von Thera­
pTis Carcinoma in situ pien zu vergleichen. Bei der Abkürzung pTNM steht das „p“
für „postoperativ“. Oft ist das Staging des Tumors nach der
pT1 Tumorinfiltration in die Submukosa TNM-Klassifikation erst postoperativ möglich.
▶ Tab. 4.2 zeigt exemplarisch die TNM-Klassifikation des
pT2 Tumorinfiltration in die Muskularis Kolon- und Rektumkarzinoms. Der Begriff „Carcinoma in
situ“ bedeutet „Karzinom am Ursprungsplatz“. Das bedeu-
pT3 Tumorpenetration der Muskularis in die Sub­ tet, dass die maligne entarteten Zellen nicht bzw. noch nicht
serosa oder das pararektale Weichgewebe die Epithelschicht überschritten haben, der Tumor also nicht
bzw. noch nicht invasiv gewachsen ist. „Carcinoma in situ“
pT4 Tumorinfiltration durch das viszerale Peritoneum bezeichnet folglich ein frühes Stadium der Krebserkrankung,
oder in benachbarte Organe die in diesem Stadium bei schneller und richtiger Therapie
häufig gute Heilungschancen hat.
regionärer Lymphknotenbefall Speziell für gynäkologische Tumoren gibt es neben der
TNM-Klassifikation die sog. FIGO-Klassifikation (Fédération
pNx regionäre Lymphknoten können nicht beurteilt Internationale de Gynécologie et d’Obstétrique, franz. für
werden
„Internationale Vereinigung für Gynäkologie und Geburts-
kunde“). Dabei handelt es sich um eine überwiegend an
pN0 keine regionären Lymphknoten befallen klinischen Kriterien wie Tumorlokalisation und -ausdeh-
nung ausgerichtete Stadieneinteilung. Genaueres hierzu im
pN1 1–3 Metastasen in regionären Lymphknoten Unter­kap. „Weibliche Geschlechtsorgane“ (S. 1060).

pN2 > 3 Metastasen in regionären Lymphknoten Metastasierung


Fernmetastasen Definition  Metastasierung
Als Metastasierung bezeichnet man die Verschleppung von
pMx das Vorhandensein von Fernmetastasen kann Tumor­zellen aus dem Ursprungstumor an andere Orte im Orga-
nicht beurteilt werden
nismus. Dort entstehen eine oder mehrere Tochtergeschwülste.
Die Metastasierung erfolgt vorwiegend auf 2 Wegen: auf dem
pM0 keine Fernmetastasen vorhanden Lymphweg (lymphatisch) und auf dem Blutweg (hämatogen).

pM1 Fernmetastasen

75
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Lymphogene Metastasierung Hämatogene Metastasierung


Die meisten Tumoren metastasieren lymphogen. Die Tumor- Bei der hämatogenen Metastasierung gelangen die Tumor-
zellen dringen in die Lymphgefäße ein, werden mit der Lym- zellen mit dem Blutstrom in andere Organe. Häufig betrof-
phe transportiert und gelangen schließlich in die regionären fene Organe sind Knochen, Leber und Lunge, da durch diese
Lymphknoten. Unter dem sog. Wächter-­Lymphknoten oder Organe viel Blut aus den vorangeschalteten Organen fließt.
Sentinel-Lymphknoten (engl. sentinel = Wächter, Wachpos- Man unterscheidet 4 verschiedene Typen der hämatoge-
ten) versteht man die erste Lymphknotenstation im Lymph­ nen Metastasierung. Die 4 Formen können Sie sich gut mer-
abflussgebiet des Primärtumors. Sie spielt eine besondere ken, wenn Sie sich den Verlauf der wichtigen Blutgefäße im
Rolle, da man in den meisten Fällen davon ausgeht, dass bei Organismus noch einmal in Erinnerung rufen:
Tumor­freiheit des Sentinel-Lymphknotens auch keine Me- ●● Pfortadertyp: Der Primärtumor sitzt im Abflussgebiet der
tastasen in anderen (weiter distal gelegenen) Lymphknoten Pfortader (V. portae), d. h. in dem Gebiet, in dem sauer-
­vorliegen. stoffarmes Blut von den Verdauungsorganen über die
Pfortader in die Leber fließt. Das bedeutet, dass die Tumor-
zellen über die Pfortader in die Leber wandern. So meta-
stasieren Dickdarmkarzinome z.  B. hämatogen primär
Abb. 4.5Hämatogene Metastasierung. in die Leber und können später über die V. cava inferior
­sekundär in die Lungen gelangen.
Kavatyp ●● Kavatyp: Primärtumoren aus den Einzugsgebieten/­
Primärtumor z.B. in der Abflussgebieten der Vv. cavae inferior und superior, z. B.
Schilddrüse oder in der Schilddrüsenkarzinome oder Nierenkarzinome, metasta-
Niere Metastasierung Lungentyp sieren häufig über das rechte Herz in die Lunge.
über Vena cava inferior Primärtumor in der ●● Lungentyp: Er beschreibt die Metastasierung von primä-

bzw. superior in die Lunge Lunge Metastasie- ren Lungentumoren. Sie können sich über den großen
Gehirn rung über gesamten Kreislauf im gesamten Körper ausbreiten.
Kreislauf ●● Lebertyp: Der Primärtumor sitzt in der Leber; die Tumor-
zellen gelangen über die Lebervenen und das rechte Herz
in die Lunge und von dort aus in den großen Kreislauf.

Schilddrüse Vereinzelt wird noch von einem 5. Typ gesprochen, dem sog.
vertebralen Typ. Er beschreibt die spezifische Metastasie-
rung von Prostatakarzinomen, die sehr häufig in das knö-
cherne Becken und in die Wirbelkörper erfolgt.
V. cava superior
Lunge

4.3.2  Grading
V. cava inferior
Definition  Grading
Das Grading ist ein Maß für die Differenzierung der Tumorzel-
len. Es ergibt sich aus histologischen Befunden. Hierbei spielt
insbesondere eine Rolle, wie ähnlich die Tumorzellen noch der
­Ursprungszelle des Gewebes sind und wie schnell und aggressiv
Leber
sich die Tumorzellen teilen.
Magen
Das Grading ist somit ein Maß für die Aggressivität des
Milz ­Tumors und damit auch ein Maß für die Prognose. Dabei gilt:
Je besser das Gewebe differenziert ist, d. h., je ausgestalteter
es ist und je ähnlicher dem Ursprungsgewebe, umso besser
Pfortader ist in der Regel die Prognose. Es gibt insgesamt 4 Stufen:
●● G1: gut differenziertes Gewebe, wenig aggressives Zell-
Darm wachstum, geringer Malignitätsgrad
●● G2: mäßig differenziertes Gewebe, mäßig aggressives Zell-
Niere
wachstum, mittlerer Malignitätsgrad
●● G3: schlecht differenziertes Gewebe, schnelles und ag-
gressives Zellwachstum, hoher Malignitätsgrad
Pfortadertyp ●● G4 (wird nicht bei jeder Tumorart vergeben): undiffe-
Primärtumor z.B im renziertes = anaplastisches Gewebe, sehr schnelles und
Dickdarm Metasta- aggres­sives Zellwachstum, sehr hoher Malignitätsgrad
sierung über Pfortader
Lebertyp
Primärtumor in der
in die Leber Merken  Tumorgrading und Prognose
Leber Metastasie- Je undifferenzierter (also höher) das Grading, desto aggressiver
rung über Lebervenen wächst der Tumor, desto schlechter ist die Prognose.
in Lunge und großem Aber nicht verwechseln: Wenn Zellen dem Ursprungsgewebe
Kreislauf sehr ähnlich sind, spricht man davon, dass sie hoch oder gut
differenziert sind. Das bedeutet: Hoch differenzierte Tumor-
zellen haben in der Regel ein niedriges Grading und damit eine
Je nachdem, wo der Primärtumor sitzt, folgt er einem typischen Metasta-
bessere Prognose als niedrig differenzierte Tumorzellen. Letztere
sierungsweg.

76
Tumorsymptome und -­diagnostik

unterscheiden sich deutlich vom Ursprungsgewebe und haben in ●● wenn sie den Organismus bereits generell beeinträch-
der Regel ein hohes Grading und damit eine schlechte Prognose. tigen. Typische generelle Symptome für Tumoren sind
Vergleiche hierzu auch ▶ Abb. 4.1. u. a.: ­
unklare Gewichtsabnahme, unklare Anämie, un-
klares Fieber. Eine starke Schwächung und Abmagerung
bezeichnet man auch als Tumorkachexie. Die Symptome
WISSEN TO GO Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust in Kombinati-
on werden als B-Symptomatik bezeichnet. Sie ist typisch
Staging und Grading von Tumoren für entzündliche Erkrankungen und Tumorerkrankungen
(insbesondere Lymphome).
Für Therapie und Prognose ist es wesentlich, ob, wie
schnell und wie zerstörerisch ein Tumor sich ausbreitet. In Natürlich ist die Prognose umso besser, je früher der T ­ umor
die Beurteilung fließen das Staging (Ausbreitung) und das sich durch Symptome bemerkbar macht und entdeckt wer-
Grading (Differenzierungsgrad) des Tumors ein. den kann. Gerade weil die Symptome am Anfang sehr unspe-
Staging zifisch sein können (▶ Abb. 4.6), ist es umso wichtiger, ihnen
Das Staging sagt etwas aus über die Ausbreitung des Tu- nachzugehen (zum Beispiel sollte bei Husten über mehr als
mors im Organismus. Die international gültige TNM-Klas- 4 Wochen ein Lungenkarzinom ausgeschlossen werden).
sifikation teilt den Tumor nach 3 Kriterien ein (vgl. ▶ Tab.
4.2):
●● T = lokale Tumorausbreitung: Lokale Begrenzung des Tu-
4.4.2  Diagnostik
mors, wohin wächst er? Früherkennung • Da die Heilungschancen umso besser
●● N = Nodaler Befall: Sind Lymphknoten befallen, wenn ja, sind, je früher ein Tumor erkannt wird, gibt es Früherken-
­welche? nungsprogramme. Dazu zählen u. a. die Früherkennung von
●● M = Metastasenbildung: Liegen Fernmetastasen vor? ­Zervixkarzinom bei Frauen, die Früherkennung von Prosta-
takarzinom bei Männern, die Früherkennung von Mamma-
Metastasierung
karzinom durch Tastuntersuchung und Mammografie oder
Geraten Tumorzellen aus dem Ursprungstumor an andere
die Früherkennung von Kolonkarzinom durch Nachweis von
Orte im Organismus, entstehen dort Tochtergeschwulste.
Blut im Stuhl bzw. durch Koloskopie sowie die Früherken-
Die Metastasierung erfolgt auf 2 Wegen:
nung von Hautkrebs durch fachärztliche Inspektion.
●● lymphogen: Die Tumorzellen gelangen in die Lymphge-
fäße und über diese in regionäre Lymphknoten,
Tumorsuche •  Bestehen Symptome, die auf einen Tumor
●● hämatogen: Die Tumorzellen gelangen mit dem Blut-
­zurückzuführen sein könnten, folgen gezielte Untersuchungen,
strom in andere Organe wie z. B. Leber, Lunge, Gehirn
die den Verdacht erhärten, bestätigen oder entkräften können.
und Knochen.
Man bezeichnet dies als Tumorsuche. Dabei versucht man, den
Grading Tumor durch Laboruntersuchungen nachzuweisen und durch
Dieses benennt den Differenzierungs- und Malignitätsgrad bildgebende Verfahren (v. a. Ultraschall, Röntgen, CT, MRT)
eines Tumors. Generell gilt: Je geringer differenziert die Zel- ­erkennbar zu machen. Um welche Art von Tumor es sich han-
len, desto größer der Malignitätsgrad und desto schlechter delt und ob er gut- oder bösartig ist, kann in ­aller ­Regel erst
die Prognose. Je nach Ausmaß der histologischen Befunde durch eine histologische Untersuchung des betroffenen Gewe-
ergeben sich Punktwerte, deren Summe den Differenzie- bes sicher festgestellt werden. Dafür muss eine G­ ewebeprobe
rungsgrad ergibt. Es gibt insgesamt 4 Stufen: entnommen werden. Dies kann entweder durch eine Biopsie
●● G1: hochgradige Differenzierung, geringer Malignitäts- (S. 49) oder operativ erfolgen. Hierbei erfolgen auch Staging
grad und Grading, letzteres ist oft nur operativ möglich.
●● G2: mittelgradige Differenzierung, mittlerer Malignitäts-
grad Primärtumor oder Metastase? • Wichtig bei der E ­ rstdiagnose
●● G3: geringe Differenzierung, hoher Malignitätsgrad ist auch herauszufinden, ob es sich bei dem Befund um
●● G4: keine Differenzierung, sehr hoher Malignitätsgrad ­einen Primärtumor oder um Metastasen handelt. Bei raum-
fordernden Prozessen in der Leber kann es sich z. B. um ein
Leberzellkarzinom oder um Metastasen eines anderen Pri-
märtumors handeln, nach dem dann gesucht werden muss.
4.4  Tumorsymptome und Aufschluss darüber gibt in der Regel die Gewebeprobe sowie
teilweise deren molekulargenetische und immunologische
-­diagnostik Untersuchung. Wenn der Verdacht auf Metastasen besteht
oder ­Metastasen nachgewiesen sind, muss der Primärtumor
4.4.1  Symptome gesucht werden. Genauso ist es bei diagnostiziertem Primär-
tumor unumgänglich, gezielt nach Tochtergeschwulsten zu
Oft werden Tumoren erst spät erkannt. Sie machen sich oft suchen. Dabei hilft die Kenntnis der Metastasierungswege
erst bemerkbar, (S. 75) der Primärtumoren. So ist z. B. bei ­ einem Prosta-
●● wenn sie raumfordernd wachsen und dadurch Schmerzen takarzinom das Knochenszintigramm (▶ Abb. 2.26) zum Er-
verursachen oder kennen von Metastasen in der Wirbelsäule und im Becken
●● wenn sie die Funktion des betroffenen Organs bemerkbar genauso notwendig wie beim Kolonkarzinom der Ultraschall
stören oder der Leber zum Erkennen von Lebermetastasen.
●● wenn sie durch Wachsen in Gefäße bemerkbare Blutungen
verursachen oder Tumormarker • Viele Krebsarten produzieren bestimmte
●● wenn sie durch Abdrücken von Gefäßen die Durchblutung Antigene, Enzyme oder Stoffwechselprodukte, die auf das
­
von Organen oder umgebendem Gewebe vermindern und Vorliegen von Tumoren hinweisen können, sog. Tumormar-
zu Ischämiesymptomen führen oder ker. Beispiele dafür sind das prostataspezifische Antigen (PSA)

77
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Abb. 4.6Beispiele für Tumorsymptome.

Schmerzen, Ileussymptome pathologische Fraktur Perforation, Blutung

B-Symptomatik

Je nach Wachstum kann ein Tumor zu unterschiedlichen Komplikationen und damit auch zu unterschied­lichen Sym­ptomen führen.
Einige typische Beispiele: a Verschluss des Darmlumens, Folge können krampfartige Schmerzen und Symptome eines Darmverschlus-
ses (Ileus) sein. b Zerstörung eines Knochens durch Tumorgewebe (pathologische Fraktur). c Durchdringen der Organ­wand (Perfora-
tion) und ihrer Gefäße mit Blutung und Austritt z. B. von Mageninhalt in den Bauchraum (Penetration). d Ungewollte Gewichtsabnah-
me, Nachtschweiß und erhöhte Körpertemperatur werden in Kombination als B-Symptomatik bezeichnet.

bei Prostatakarzinom, das Alpha-1-Fetoprotein bei Leberzell-


karzinom oder das karzinoembryonale Antigen (CEA) bei Da die Heilungschancen umso besser sind, je früher ein Tu-
kolorektalen Tumoren. Das Vorhandensein dieser Marker be- mor erkannt wird, gibt es spezielle Früherkennungspro-
deutet keineswegs, dass zwingend ein Tumor vorliegen muss. gramme.
Sie können daher nicht zur Erstdiagnostik eingesetzt werden. Bei Symptomen, die auf einen Tumor zurückzuführen
Häufig werden sie aber insbesondere zur Verlaufskontrolle sein könnten, folgen gezielte Untersuchungen. Ein Tu-
mit herangezogen. mor kann durch Laboruntersuchungen entdeckt und
durch bildgebende Verfahren, v. a. Ultraschall, Röntgen,
Paraneoplastische Syndrome • Ähnlich den Tumormarkern CT, MRT, erkennbar gemacht werden. Eine Gewebeprobe
können auch sog. paraneoplastische Syndrome als Tumor­ gibt Aufschluss darüber, um welche Art von Tumor es sich
indikatoren dienen. Unter paraneoplastischen Syndromen handelt und ob er gut- oder bösartig ist. Außerdem wird
versteht man Allgemeinerscheinungen, die im Rahmen untersucht, ob es sich um einen Primärtumor oder um
einer Tumorerkrankung auftreten und nach Entfernung
­ Metastasen handelt. Bei Verdacht auf Metastasen oder
des Tumors wieder verschwinden. Hervorgerufen werden deren Nachweis muss der Primärtumor gesucht werden.
sie durch Substanzen, die von den Tumoren gebildet wer- Umgekehrt sucht man bei diagnostiziertem Primärtumor
den, wie z. B. Hormone oder Zytokine, oder durch gegen den gezielt nach Tochtergeschwülsten. Hier hilft die Kenntnis
­Tumor gerichtete Immunreaktionen. Beispiele für häufige der Metastasierungswege.
paraneoplastische Syndrome nennt ▶ Tab. 4.3. Nicht immer Viele Krebsarten produzieren sog. Tumormarker (z. B.
ist der pathogenetische Mechanismus bekannt. PSA bei Prostatakarzinom). Sie eignen sich zur Verlaufs-
kontrolle, nicht zur Erstdiagnostik.
Paraneoplastische Syndrome sind Allgemeinerschei-
WISSEN TO GO nungen, die bei einer Tumorerkrankung auftreten und
nach Entfernung des Tumors wieder verschwinden. Sie
Tumorsymptome und -diagnostik sind auf Substanzen zurück­zuführen, die von den Tumoren
gebildet werden.
Tumoren machen sich oft erst spät bemerkbar durch:
●● Schmerzen durch raumforderndes Wachstum
●● Funktionsstörungen des betroffenen Organs
●● Blutungen durch Wachsen in Gefäße
●● Ischämiesymptome durch Abdrücken von Gefäßen
●● generelle Symptome wie Gewichtsabnahme, Anämie,
Fieber: sog. B-Symptomatik = gleichzeitiges Auftreten
von Fieber, Nachtschweiß und Gewichtsverlust.

78
Therapie ­bösartiger Tumoren

Tab. 4.3  Beispiele für paraneoplastische Syndrome.

Symptome verursachender Tumor Wirkweise

Allgemeinsymptome

Fieber z. B. häufig bei malignen Lymphomen Tumor bildet fiebererzeugende Substan-
zen (Pyrogene)

endokrine Syndrome

Cushing-Syndrom z. B. Bronchialkarzinom Tumor bildet ACTH

Hyperkalzämie (zu viel Kalzium im Blut) z. B. bei Knochenmetastasen, Mamma- Metastasen lösen Kalzium aus den
karzinom ­Knochen, evtl. bildet der Tumor auch
ein Parathormon-ähnliches Eiweiß

neurologische Syndrome

Lambert-Eaton-Syndrom, (Krankheitsbild z. B. kleinzelliges Bronchialkarzinom tumorassoziierte Antikörper hemmen die


ähnlich der Myasthenie) präsynaptische Acetycholin-Freisetzung

Syndrome am Muskel

Dermatomyositis z. B. Ovarialkarzinom, Lungenkarzinom, unklar


Pankreaskarzinom

hämatologische Syndrome

Erythrozytose (zu viele Erythrozyten z. B. bei Nierenkarzinom Tumor bildet Erythropoetin
im Blut)

Thrombose (Verschluss einer Vene durch alle Tumoren sind mit einem erhöhten Tumor bildet gerinnungsfördernde Stoffe
Blutgerinnsel) Thromboserisiko assoziiert

4.5  Therapie ­bösartiger 4.5.1  Operative Tumorentfernung


Tumoren Sofern möglich, versucht man immer, den Tumor vollstän-
dig zu entfernen. Dabei muss man einen Sicherheitsabstand
zum gesunden Gewebe einhalten, um sicherzugehen, dass
Eine bösartige Tumorerkrankung erfordert ein konsequen-
man auch mikroskopisch kleine Tumorreste aufspürt und
tes Vorgehen, um den Tumor, wenn möglich, komplett zu
entfernt. Um eine Verbreitung der Tumorzellen während
beseitigen bzw. seine Ausbreitung zu verhindern oder ein-
der Operation zu vermeiden, darf der Tumor intraoperativ
zudämmen. Bevor eine Therapie begonnen wird, müssen
nicht berührt werden (No-Touch-Technik). Im Anschluss da-
die klinische und histologische Diagnose sowie die TNM-­
ran werden die lokalen Lymphknoten ebenfalls mitentfernt
Klassifikation des Tumors feststehen.
(Lymphadenektomie).
Welche Therapieform oder welche Therapiekombina­
Bei Tumoren, bei denen keine radikale Operation mehr
tionen angewendet werden, hängt von vielen Faktoren ab.
möglich ist (z. B. weil sie bereits andere Organe infiltriert
Dabei spielen z. B. eine Rolle: Tumorausbreitung und Malig­
haben oder sich Fernmetastasen gebildet haben), kann man
nitätsgrad, Tumoreigenschaften wie z. B. Vorhandensein von
mit palliativen Maßnahmen die Beschwerden des Patien-
Hormonrezeptoren, Alter und Allgemeinzustand des Patien-
ten bessern. Solche Maßnahmen sind z. B. die Anlage eines
ten, Prognose, Wünsche des Patienten u. a. In den meisten
künstlichen Darmausgangs, wenn der Tumor zum Darmver-
Fällen gestaltet sich die Therapie interdisziplinär, also mit
schluss geführt hat, oder die Ableitung der Galle, wenn die
einer Kombination aus Operation, Bestrahlung, Chemo-
Gallenwege durch den Tumor verlegt sind.
therapie und ggf. weiteren Methoden wie Immun- oder
­Hormontherapie (▶ Abb. 4.7). Der Therapieansatz kann ent-
weder kurativ (also auf Heilung ausgelegt) oder palliativ (zur 4.5.2  Strahlentherapie
Minderung der Beschwerden) ausgelegt sein.
Das Prinzip der Strahlentherapie besteht darin, Tumorzellen
durch Strahlung so zu schädigen, dass sie untergehen. Das

Behandlung ist für den Patienten auch


Die
Umgebungsgewebe soll dabei so wenig wie möglich in Mit-
leidenschaft gezogen werden, während das Tumorgewebe
psychisch eine große Belastung. verkleinert oder beseitigt wird.
Voraussetzung für den Erfolg ist die Strahlensensibilität
des Tumors. Diese ist abhängig von der Tumorgröße (je grö-
ßer, desto schlechter), der Sauerstoffversorgung (je geringer,
desto schlechter), der Phase des Zellzyklus (am sensibelsten

79
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Abb. 4.7Die Säulen der Tumortherapie.

SÄULEN DER TUMORTHERAPIE

operative Bestrahlung/ Chemotherapie weitere Therapie-


Tumorentfernung Nuklearmedizin möglichkeiten

z.B.
• gezielte Tumortherapie
• Hormontherapie
• Hyperthermie
• alternative Therapien

Heilung (kurativ) oder Linderung (palliativ)

Die 3 großen Säulen der Tumortherapie sind Operation, Bestrahlung und Chemotherapie. Hinzu kommen weitere Therapiemöglichkeiten.

Abb. 4.8Strahlenempfindlichkeit von Tumoren. Verfahren der Strahlentherapie


Es gibt unterschiedliche Formen und Verfahren der Strah-
KRFK lentherapie. Prinzipiell unterscheidet man zwischen e ­ iner
PDOLJQH7XPRUHQGHU%OXW]HOOHQ
kura­tiven und einer palliativen Strahlentherapie. Eine kura­
/HXNlPLH/\PSKRPH0\HORP
tive Strahlentherapie ist auf die Heilung des Patienten aus-
gelegt. Sie strebt man an, wenn der Tumor strahlensensibel
ist und durch die Strahlentherapie ein besseres funktiona-
+RGHQWXPRUHQ
les Ergebnis zu erwarten ist als durch eine Operation (z. B.
bei malig­ nen Lymphomen). Eine palliative Strahlenthe-
(ZLQJ6DUNRP rapie hat das Ziel, die Beschwerden des Patienten zu lin-
dern, z. B. Schmerzen zu minimieren. Hier muss allerdings
­immer ­darauf geachtet werden, dass die Belastung durch
%DVDO]HOONDU]LQRPHGHU+DXW die Behandlung für den Patienten nicht größer ist als die
­Beschwerden durch den Tumor selbst.
Um den optimalen Therapieerfolg zu erzielen, wird die
3ODWWHQHSLWKHONDU]LQRPH
Strahlentherapie häufig auch mit anderen Behandlungsme-
thoden kombiniert:
$GHQRNDU]LQRPHGHV(QGRPHWULXPV ●● Bestrahlung und Chemotherapie: Während oder vor einer
GHU%UXVWGUVHGHV*DVWURLQWHVWLQDO Strahlentherapie kann auch eine Chemotherapie durchge-
WUDNWHVXQGGHUHQGRNULQHQ'UVHQ führt werden (Radiochemotherapie).
●● Bestrahlung und Operation: Tumoren können vor einer
:HLFKWHLOVDUNRPH Operation (präoperativ) bestrahlt werden, um die Tumor-
masse zu verkleinern („Downstaging“) und zu verhindern,
ZHLWHUH.QRFKHQWXPRUHQ dass Tumorzellen durch die Operation verschleppt wer-
den. Lässt sich ein Tumor operativ nicht vollständig ent-
fernen, kann noch während der Operation (intraoperativ)
JHULQJ PDOLJQH0HODQRPH oder danach (postoperativ) eine Strahlentherapie erfolgen.
●● weitere Verfahren: Eine Strahlentherapie kann darüber
Nach Greten, Rinninger, Greten, Innere Medizin, Thieme, 2010. hinaus z. B. auch mit einer Hormontherapie (z. B. beim
Mammakarzinom) oder einer Radioimmuntherapie kom-
biniert werden.
sind die Zellen während der Mitose) und dem Differenzie-
rungsgrad (G3 und G4 sind am empfindlichsten). ▶ Abb. 4.8
zeigt die Strahlenempfindlichkeit verschiedener Tumoren.

80
Therapie ­bösartiger Tumoren

Strahlenarten Perkutane Strahlentherapie (Teletherapie) • Bei der Telethe-


rapie wird die Strahlenquelle in einiger Entfernung zum Tu-
Zur Strahlentherapie wird ionisierende Strahlung eingesetzt. mor an der Körperoberfläche angebracht. Je nachdem wie
Diese greift in die Zellteilung ein und führt zum A
­ bsterben weit die Strahlung in die Tiefe reicht, unterscheidet man:
der betroffenen Zellen (Zelltod). Man unterscheidet Teilchen- ●● Oberflächentherapie: Die Strahlung erreicht Tumoren, die
strahlung (hierzu zählen die Alpha- und die Betastrahlung) ≤ 1 cm unter der Körperoberfläche liegen.
von elektromagnetischer Strahlung (Röntgen- und Gamma- ●● Halbtiefentherapie: Die Strahlung erreicht Tumoren, die
strahlung). Die Strahlungsarten unterscheiden sich in ihrer 1–5 cm unter der Körperoberfläche liegen.
biologischen Wirksamkeit und in ihrem Tiefeneintritt. ●● Tiefentherapie: Die Strahlung erreicht Tumoren, die > 5 cm
unter der Körperoberfläche liegen.
Bestrahlungsplan
Brachytherapie • Bei der Brachytherapie wird die Strahlen-
Vor jeder Strahlentherapie muss ein sorgfältiger Behand-
quelle in den Körper eingeführt und direkt am Tumor plat-
lungsplan festgelegt werden. Damit die Strahlung in ihrer
ziert. Dadurch erreicht eine höhere Dosis den Tumor selbst
höchsten Dosis am Tumor ankommt und das umliegende
und das gesunde Gewebe wird geschont. Es gibt 2 Formen
Gewebe geschont wird, muss der Tumor genau lokalisiert
der Brachytherapie:
werden. Dies gelingt mittels 3-dimensionaler Computerto-
●● Seed-Implantation: Hier wird die Strahlenquelle direkt in
mografie. Anschließend legt man das Bestrahlungsgebiet
den Tumor implantiert (Seed).
(Zielvolumen) fest und wählt die optimale Bestrahlungs-
●● Afterloading-Therapie: Beim Afterloading (Nachladever-
technik. Abhängig vom Tumor wählt man die Strahlungs-
fahren) spickt man zunächst den Tumor mit Schläuchen
art und die Strahlendosis. Weiche Röntgenstrahlung nutzt
oder Hohlnadeln. Danach werden die Schläuche mit einem
man z. B. zur oberflächlichen Bestrahlung, harte Röntgen-
Strahlungsgerät verbunden. Die Afterloading-Therapie
strahlung zur Behandlung tiefer gelegener Strukturen. Die
wird häufiger als die Seed-Implantation eingesetzt. Hier
Strahlendosis wird in Gray (Gy) angegeben. ▶ Abb. 4.9 zeigt
entsteht für das Personal keine Strahlenbelastung, weil die
beispielhaft die Dosisverteilung bei Bestrahlung einer Hirn-
Strahlung erst dann in den Tumor geschickt wird, wenn
metastase.
das Personal den Raum verlassen hat.
Um Nebenwirkungen möglichst gering zu halten, wird die
Strahlendosis auf mehrere Einheiten verteilt appliziert (sog.
Man kann die Brachytherapie als Kontakttherapie, als intra-
fraktionierte Bestrahlung). So kann sich das gesunde Gewe-
kavitäre Therapie (▶ Abb. 4.10) oder als interstitielle Thera-
be zwischen den Bestrahlungen wieder erholen.
pie durchführen. Die Kontakttherapie eignet sich, wenn der
In jedem Fall muss der Patient sorgfältig über die vorgese-
Tumor oberflächlich liegt (z. B. beim Aderhautmelanom). Bei
hene Strahlentherapie und ihre möglichen Nebenwirkungen
der intrakavitären Therapie wird die Strahlenquelle in eine
bzw. Folgeschäden aufgeklärt werden. Die Inhalte des Auf-
Körperhöhle eingebracht (z. B. bei Karzinomen der Scheide,
klärungsgesprächs müssen schriftlich festgehalten (hierzu
der Gebärmutter, der Speiseröhre oder des Analkanals). Bei
gibt es Aufklärungsbögen) und vom Patienten sowie vom
der interstitiellen Therapie implantiert man die Strahlen-
Arzt mit ihrer Unterschrift bestätigt werden. Die Unterlagen
quelle direkt in den Tumor (Seed) oder spickt den Tumor mit
müssen im Anschluss aufbewahrt werden.
Drähten bzw. Schläuchen (Afterloading). Sie wird z. B. beim
Prostata-, Analkarzinom sowie auch beim Mammakarzinom
Formen der Strahlentherapie eingesetzt. Die intrakavitäre und Kontakttherapie werden
Die Strahlentherapie kann durch die Haut (perkutane Strah- mittels Afterloading durchgeführt.
lentherapie) oder als Kurzdistanztherapie (Brachytherapie)
direkt am Tumor erfolgen.

Abb. 4.9Dosisverteilung bei Bestrahlung einer Hirn­


metastase.

Abb. 4.10Brachytherapie.

Die Dosis ist direkt am Tumor am höchsten (80 Gray) und fällt
in Richtung gesundes Gewebe ab. Aus: Reiser, Kuhn, Debus, Duale Reihe Applikatoren zur intrakavitären Therapie. Aus: Reiser, Kuhn, Debus, Du-
Radiologie, Thieme, 2011. ale Reihe Radiologie, Thieme, 2011.

81
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Perkutane Strahlentherapie und Brachytherapie können Da ionisierende Strahlung auch das genetische Material ver-
auch miteinander kombiniert werden, z. B. beim Prostata- ändert, hat sie eine kanzerogene Wirkung, das heißt, die Bil-
oder beim Mammakarzinom. dung von neuen Tumoren wird gefördert. Es dauert ­jedoch
mehrere Jahre (bis zu 20 Jahre), bis diese Zweittumoren
Nebenwirkungen ­auftreten.
Strahlung ist außerdem schädlich für den Embryo. Welche
Nebenwirkungen treten im Rahmen der Strahlentherapie Schäden eintreten, hängt von der Schwangerschaftsphase
meistens lokal auf. Man unterscheidet akute von chroni- ab, in der die Strahlendosis einwirkt. Besonders strahlen-
schen Nebenwirkungen. Plötzliche systemische Nebenwir- sensibel ist der Embryo in der Phase der Organanlage (2.–8.
kungen finden sich häufiger bei einer Ganzkörperexposition Schwangerschaftswoche).
mit ionisierender Strahlung, z. B. bei einem Reaktorunfall.
Akute Strahlenfolgen betreffen in erster Linie Körperzel- Blitzlicht Pflege  Strahlentherapie
len, die sich schnell teilen. Hierzu gehören v. a. Haut, Schleim- Patienten unter Strahlentherapie benötigen eine gute pflege­
häute, Haare, Knochenmark und Lunge. A ­ kute Strahlenfolgen rische Begleitung. Insbesondere muss auf die Haut des Bestrah-
treten innerhalb von 90 Tagen nach der B ­ estrahlung auf und lungsgebietes geachtet und besondere Pflegemaßnahmen dabei
hängen davon ab, wie lange der Körper der Strahlung ausge- berücksichtigt werden.
setzt war. Sie sind meistens reversibel.
Chronische Strahlenfolgen treten nach 90 Tagen nach der
Bestrahlung auf. Sie manifestieren sich in erster Linie an sich WISSEN TO GO
langsamer teilenden Geweben (z. B. Knochen, ­Unterhaut) und
v. a. am Bindegewebe. Das Ausmaß von chronischen Strah-
Strahlentherapie
lenfolgen hängt von der Dosishöhe ab. Chronische Strahlen-
folgen sind meistens irreversibel und schlecht b ­ ehandelbar. Die Strahlentherapie hat das Ziel, Tumorzellen so zu schä-
Lokale Nebenwirkungen können auftreten an: digen, dass diese untergehen. Sie kann auf Heilung aus-
●● Blutzellen und Knochenmark: Besonders sensibel sind gelegt (kurativ) sein oder palliativ durchgeführt werden.
unreife Zellen (Stammzellen). Sie gehen schon bei sehr Häufig wird eine Strahlentherapie auch mit anderen Be-
geringer Strahlendosis zugrunde. Aus dem nicht bestrahl- handlungsmethoden (Opera­ tion, Chemotherapie) kom-
ten Knochenmark können jedoch wieder Stammzellen biniert.
einwandern. Die reifen Blutzellen sind deutlich resisten- Vor einer Bestrahlung muss der Tumor genau lokalisiert
ter. Im Blutbild merkt man die Veränderungen daher erst, und ein Bestrahlungsplan erstellt werden, indem man das
wenn die Generationszeit der Zellen zu Ende ist, aber Zielvolumen, die Strahlenart und die Dosis festlegt. Um
­keine „neuen“ Zellen nachgereift sind (Infektanfälligkeit, Nebenwirkungen möglichst gering zu halten wendet man
erhöhte Gerinnungsneigung). die sog. ­fraktionierte Bestrahlung an, sodass sich das Ge-
●● Keimdrüsen: Insbesondere kindliche Keimdrüsen sind webe zwischen den Bestrahlungen erholen kann.
strahlensensibel und müssen daher besonders geschützt Eine Strahlentherapie kann entweder durch die Haut als
werden. Die Schäden betreffen die Keimzellproduk­ tion perkutane Strahlentherapie (oder Teletherapie) oder als
(gestörte bzw. fehlende Bildung von Spermien und Eizel­ Kurzdistanztherapie (Brachytherapie), bei der die Strah-
len → Sterilität) und die Hormonbildung. Außerdem lenquelle direkt am Tumor platziert wird, durchgeführt
­entstehen genetische Schäden durch die erhöhte Muta­ werden. Man kann auch beide Verfahren miteinander
tionsrate der Keimzellen. kombinieren.
●● Verdauungstrakt: Häufig kommt es an der sich schnell Nebenwirkungen treten meistens lokal auf und kön-
teilenden Schleimhaut zu Schäden, die sich mit Entzün- nen akut oder chronisch sein. Akute Nebenwirkungen be-
dungen des betroffenen Darmabschnittes äußern (z. B. treffen sich schnell teilende Gewebe, z. B. Haut (Rötung),
Übelkeit, Durchfall). Chronische Folgen sind Ulzera, Fibro- Schleimhaut (z. B. Entzündung) und das Knochenmark (In-
sierungen und Stenosen. fektanfälligkeit und Blutungsneigung), chronische Strah-
●● Lunge: Auch an der Lunge entwickelt sich eine akute Ent- lenfolgen betreffen eher das Bindegewebe und führen zu
zündung (Pneumonitis), die mit der Zeit in eine Lungenfi- Fibrosierungen mit entsprechenden Organschädigungen.
brose übergehen kann. Akute Strahlenfolgen heilen aus, chronische sind meistens
●● Nervensystem: Besonders strahlensensibel ist das ZNS. irreversibel. Weitere häufig betroffene Organe sind die
Hier kann es sowohl zu akuten (z. B. akute Strahlenenze- Keimdrüsen (v. a. bei Kindern), der Magen-Darm-Trakt, die
phalitis) als auch zu späten (z. B. Nekrose von Nervenzel- Lunge und das Auge.
len) Schäden kommen.
●● Haut: Eine sehr häufige Nebenwirkung ist die akute
Strahlendermatitis, die sich mit Rötung, Schwellung und 4.5.3  Nuklearmedizinische Therapie
Blutung sowie mit einem Haarverlust äußert. Chroni-
sche Folgeschäden an der Haut sind durch Hautatrophie, Radiojodtherapie
­Gefäßneubildungen, Pigmentveränderungen und Verhor-
Die Behandlung mit radioaktivem Jod ist eine der bekann-
nungsstörungen gekennzeichnet.
testen und am längsten angewandten nuklearmedizinischen
●● Auge: Am Auge ist insbesondere die Linse empfindlich.
Therapien. Sie wird bei gutartigen und bösartigen Schild-
Hier kann sich eine Strahlenkatarakt entwickeln.
drüsenerkrankungen eingesetzt.
●● weitere Organe: Knochen (bei Kindern kann es durch
Das radioaktive 131Jod verhält sich im menschlichen Kör-
Schäden an den Epiphysenfugen zu Wachstumsstörun-
per wie das inaktive Jod. Nach der oralen Applikation wird
gen kommen), Herz-Kreislauf-System (Herzbeutelent-
es im Magen-Darm-Trakt resorbiert und gelangt über die
zündung, Kardiomyopathie), Leber (Strahlenhepatitis,
­Blutbahn in die Schilddrüse. Die Schilddrüse bzw. das Schild-
­Leberzirrhose), Niere (Strahlennephritis, Niereninsuffi­
drüsengewebe, also auch Metastasen bei Schilddrüsenkar-
zienz), Schilddrüse (Hypothyreose).
zinomen, kann keinen Unterschied zwischen radioaktivem

82
Therapie ­bösartiger Tumoren

und inaktivem Jod erkennen und baut jeg­liches Jod in die Bestimmte Zytostatika verabreicht man auch – oder ausschließ-
Schilddrüsenhormone ein. Da Jod vor allem in der Schild- lich – zur Immunsuppression.
drüse verstoffwechselt wird, wird auch das radioak­ tive
Jod praktisch ausschließlich in Schilddrüsenge­webe akku­ Einsatzgebiete
muliert. Dadurch wird das Schilddrüsengewebe zerstört
und der Rest des Körpers geschont. Überschüssiges Radio- Eine Chemotherapie kann wie auch eine Operation und die
jod, das im Schilddrüsengewebe nicht mehr aufgenommen Strahlentherapie in kurativer Absicht durchgeführt werden.
wird, scheidet der Körper über die Nieren mit dem Harn aus. Erfolgversprechend ist sie v. a. bei Lymphomen, Leukämien
Das radioaktive Jod besteht zum größtenteils aus Beta- oder Hodentumoren. Eine Chemotherapie kann auch beglei­
strahlung, die für die Zerstörung des Schilddrüsengewebes tend vor oder nach einer Operation (meistens bei soli­den
verantwortlich ist, und aus Gammastrahlung. Tumoren) eingesetzt werden oder in Kombination mit ­einer
Bestrahlung und auch anderen Therapiemaßnahmen durch-
Blitzlicht Pflege  Radiojodtherapie geführt werden. Neben der kurativen Chemotherapie gibt es
Es besteht immer die Möglichkeit einer Kontamination (Verun- auch eine palliative Indikation. Auch hier müssen aber Nut-
reinigung) mit der radioaktiven Substanz, deshalb müssen Vor- zen und Nebenwirkungen für den Patienten streng abgewo-
sichtsmaßnahmen ergriffen werden: gen werden.
●● Prüfung von Geräten, Kleidern, Geschirr oder Bettwäsche auf
radioaktive Kontamination Merken  (Neo)Adjuvant
●● Als Pflegende sollten Sie zum Eigenschutz den größtmöglichen Eine Chemotherapie (oder auch Strahlentherapie), die vor einer
Abstand zum Patienten einhalten, da das radioaktive 131Jod Operation z. B. zur Tumorverkleinerung verabreicht wird, bezeich­
nicht nur die für den Behandlungserfolg verantwortliche Beta- net man als neoadjuvant; eine Chemotherapie (oder auch Strah-
strahlung aussendet, sondern auch Gammastrahlung, die eine lentherapie) nach einer Operation als adjuvant, z. B. weil man
große Reichweite besitzt. den Tumor operativ nicht vollständig entfernen konnte.
●● Patienten sollten vermehrt trinken, Kaugummis kauen oder
Bonbons lutschen, um die Speichelproduktion und den Flüssig- Nebenwirkungen
keitsdurchsatz anzuregen.
●● Männliche Patienten sollten im Sitzen urinieren, um den Boden
Zytostatika sind sehr aggressiv und greifen v. a. Zellen mit
nicht zu kontaminieren. ­hoher Zellteilungsaktivität an. Da sich neoplastisch entar-
tetes Gewebe meist besonders schnell teilt, ist es b
­ esonders
betroffen. Gesunde Zellen mit einer vergleichsweise hohen
Weitere nuklearmedizinische Verfahren Teilungsrate werden aber – genauso wie bei der Strahlen-
Therapie mit radioaktiv markierten Antikörpern • Dieses therapie – auch angegriffen (v. a. Knochenmark, Haare und
Verfahren ist besonders zur Behandlung neuroendokri- Schleimhäute). Daher führt diese Therapie zu zahlreichen
ner Tumoren (S. 624) geeignet, wenn diese bestimmte Nebenwirkungen, die für den Patienten sehr belastend sein
­Somatostatinrezeptoren übermäßig exprimieren. können (▶ Abb. 4.11) und zum Teil dosislimitierend sind.
Dazu gehören z. B. Übelkeit und Erbrechen, Diarrhö, Haar-
Palliative selektive interne Radiotherapie (SIRT) • Bei dieser ausfall, Fieber, gestörte Blutbildung, Knochenmarksuppression
Therapie werden mittels Angiografie sehr kleine, radioak- mit erhöhter Infektanfälligkeit (geschwächtes Immunsystem),
tiv ­markierte Harzkügelchen selektiv in die zuführenden erhöhter Blutungsneigung und Anämie, S ­chleimhaut- und
­Gefäße des Tumors gebracht. Dort bleiben sie in den Ka- Hautentzündungen, Leber- und Nierenschädigung, Blasenent-
pillaren hängen und „verstopfen“ sie. Die Harzkügelchen zündung, Polyneuropathie, Ausbleiben der Menstruation bei
bestrahlen dann lokal die Tumoren, während gesunde Ge- der Frau, Unfruchtbarkeit beim Mann, Wachstumshemmung
webeanteile geschont werden. Eingesetzt wird die SIRT bei bei Kindern u. a. Bei einigen Wirkstoffen kommen noch spe-
primären Lebertumoren oder Lebermetastasen. zifische Nebenwirkungen hinzu. Viele Zytostatika sind selbst
karzinogen. Zytosta­tika sind embryotoxisch und dürfen in der
Schwangerschaft nicht angewendet werden!
WISSEN TO GO
Therapieprinzipien und unterstützende
Nuklearmedizinische Therapie Behandlung
Eine häufig eingesetzte Form ist die Radiojodtherapie Um eine optimale Wirkung zu erzielen und dabei die
zur Behand­lung von Schilddrüsenerkrankungen. Hier wird ­toxischen Effekte möglichst gering zu halten, verabreicht
radioak­tives Jod verabreicht, das in der Schilddrüse genauso man Zytostatika in mehreren Therapiezyklen. In den thera-
wie „normales“ Jod verstoffwechselt wird. Dadurch sammelt piefreien Intervallen hat dann das normale ­Gewebe Zeit, sich
es sich v. a. in der Schilddrüse an und kann diese gezielt durch ein wenig zu erholen. In dieser Phase steigt j­ edoch auch die
seine Strahlung zerstören. Tumorzellzahl geringfügig an. In der Regel wird eine Kombi-
nation aus mehreren Chemotherapeutika v ­ erabreicht (sog.
Polychemotherapie), da man so einer Resistenzentwicklung
4.5.4  Chemotherapie vorbeugen kann. Ein Beispiel ist das R-CHOP-­Schema, das
(Zytostatikatherapie) bei Patienten mit Lymphomen verwendet wird. Die Buch-
staben stehen dabei für das jeweilige Chemotherapeutikum:
Definition  Zytostatika R = Ritu­ximab, C = Cyclophosphamid, H = Hydroxydau-
Zytostatika sind Medikamente, die auf unterschiedliche Weise in norubicin, O = Vincristin (Oncovin), P = Prednisolon. In der
die Prozesse eingreifen, die zur Zellteilung führen und diese ver- Poly­chemotherapie werden zu den Zytostatika häufig auch
hindern. Sie werden in erster Linie zur Chemotherapie eingesetzt. Glukokortikoide (wie Prednisolon) eingesetzt, da diese den
Körper für die Chemotherapeutika sensibler machen.

83
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Abb. 4.11Zytostatikawirkung.

Magen-, Übelkeit,
Darmschleim- Erbrechen,
haut Durchfall

Haarwurzel Haarausfall
ZYTOSTATIKA

teratogene
erwünschte unerwünschte
Embryo/Fetus Schädigung
Wirkung Wirkung
(Fruchtschädigung)
Hemmung des • Hemmung der Teilung
Tumorwachstums gesunder Zellen mit
durch Hemmung der hoher Teilungsrate Knochenmarksup-
Zellteilung bösartiger • mutagene und pression (Infektan-
Zellen teratogene Knochenmark fälligkeit, Blutungs-
Schädigung neigung, Anämie)

Eizelle, Unfruchtbarkeit
Spermium

DNA Mutationen, Risiko


für Zweitkarzinome

Zytostatika greifen primär in den Teilungsvorgang von Zellen ein. Besonders empfindlich reagieren daher Zellen mit hoher Teilungsrate. Dies
sind die wenig differenzierten Tumorzellen, an denen diese Wirkung erwünscht ist. Aber auch gesunde Zellen mit hoher Teilungsrate werden
geschädigt. Die Schädigung dieser Zellen führt zu den klassischen Nebenwirkungen einer Zytostatikatherapie.

Vor einer Stammzelltransplantation führt man eine sog. Die Entzündungen der Mundschleimhaut müssen behandelt
Hochdosis-Chemotherapie durch. Hier werden deutlich werden (z. B. schmerzstillendes Gel, Betaisodona, evtl. Anti­
­höhere Dosen verabreicht mit dem Ziel, die Tumorzellen infektiva). Prinzipiell ist eine sorgfältige Zahn- und Mundhy-
komplett zu zerstören. Allerdings werden bei dieser The- giene bei Patienten unter Chemotherapie besonders wichtig.
rapie alle Zellen im Knochenmark (also auch die gesunden) Bei Diarrhö kann Loperamid verabreicht werden. Bei aus-
komplett zerstört. geprägtem Tumorzerfall (sog. Tumorlysesyndrom) steigt
die Harnsäure im Blut an (Hyperurikämie) und die Niere
Unterstützende Behandlung • Da sich bei einer Chemothera- kann geschädigt werden. In diesem Fall sollten die Patienten
pie Nebenwirkungen leider nicht vermeiden lassen, müssen reichlich Flüssigkeit erhalten und Allopurinol einnehmen.
die Patienten eine unterstützende Behandlung bekommen. Bei Patienten mit Kinderwunsch kann man vor der Thera-
Ein sehr großes Problem sind die Übelkeit und das Er- pie überlegen, Keimzellen zu gewinnen und zu konservieren.
brechen, die bei nahezu jedem behandelten Patienten in- Außerdem ist eine ausreichende Schmerztherapie (S. 163)
nerhalb w ­eniger Stunden nach Therapiebeginn einset- nötig.
zen. D­ aher muss bereits beim ersten Therapiezyklus eine
anti­emetische Therapie eingeleitet werden. Durch die Verabreichung der Chemotherapie
knochenmarksupprimie­ rende (-schädigende) Wirkung der
Zytostatika sind die P­ atienten vermehrt infektanfällig. D
­ aher Zytostatika können systemisch oder lokal verabreicht wer-
erhalten die P
­ atienten bei geringsten Infektzeichen Antibioti- den. Die systemische Gabe erfolgt intravenös, z. B. über
ka bzw. ­Antimykotika. Bei Agranulozytose (S. 701) können ­einen zentralen Venenkatheter (ZVK) oder einen Port, der
Granulozytenkonzentrate oder der Granulozyten-Kolonie als implan­tierter ZVK unter der Haut unterhalb des Schlüs-
stimulierende Faktor (G-CSF) verabreicht werden, um die
­ selbeins eingesetzt wird und durch die Haut punktiert wird.
Granulozytenzahl zu erhöhen. Bei Blutungsneigung helfen Bei ­lokal begrenzten Tumoren kann das Zytostatikum auch
­Thrombozytenkonzentrate, bei starker An­­ämie (S. 687) Ery- lokal ­direkt am Tumor verabreicht werden, z. B. in die Bauch-
throzytenkonzentrate. höhle, den Pleuraraum oder den Liquor. Möglich ist auch
eine sog. Chemoembolisation, bei der gefäßverschließende

84
Therapie ­bösartiger Tumoren

Abb. 4.12Portpunktion.

a b

c d

a Portpunktionsnadel. Der Pfeil zeigt auf den abgenommenen Plastikclip. Aus: Neurath, Lohse, Checkliste Anamnese, Thieme, 2010.
b Der Port liegt gut sichtbar unter der Haut. Aus: Vieten, Heckrath, Checkliste Medical Skills, Thieme, 2004.
c Hier wurde der Port bereits angestochen und wird mit NaCl 0,9 % gespült. Aus: Vieten, Heckrath, Checkliste Medical Skills, Thieme, 2004.
d Nach der Applikation wird der Port steril abgeklebt, damit er sich nicht infiziert. Aus: Vieten, Heckrath, Checkliste Medical Skills, Thieme, 2004.

Substanzen in die den Tumor versorgenden Arterien einge- ml NaCl). Es gibt auch entsprechende Fertiglösungen. Das Vor-
bracht werden. gehen unterscheidet sich allerdings von Klinik zu Klinik, manch-
mal wird seltener geblockt, manchmal statt mit Heparin auch
Blitzlicht Pflege  Port punktieren nur mit NaCl. Informieren Sie sich in Ihrer Klinik.
Die Punktion eines Portkatheters muss streng aseptisch mithilfe
einer Spezialkanüle geschehen (▶ Abb. 4.12). Sie darf nur durch Präparate
fortgebildete Fachkräfte durchgeführt werden.
●● hygienische Händedesinfektion durchführen, Einmalhand­
Es gibt eine Vielzahl verschiedener Zytostatika, die sich
schuhe anziehen, Punktionsstelle nach „Sprüh-Wisch-Sprüh“- überwiegend einigen wenigen Wirkprinzipien zuordnen
Methode desinfizieren lassen (▶ Abb. 4.13).
●● Portnadel mit einigen Milliliter NaCl 0,9 % spülen, bis keine Luft
mehr im Schlauch ist; Spritze stecken lassen Alkylierende Zytostatika (Alkylanzien)
●● Haut der Portkammer straffen und die Spezialkanüle mittig Bei diesen Wirkstoffen handelt es sich um chemisch labile
und senkrecht bis zum Kammerboden einstechen Substanzen (oder Vorstufen davon), die an DNA binden und
●● Klemme öffnen und 5–10 ml Blut aspirieren sog. Alkylgruppen auf sie übertragen. Dies führt zur Hem-
●● Port mit 10 ml NaCl 0,9 % spülen mung der Zellteilungsvorgänge.
●● Klemme schließen, Spritze abziehen
●● Infusion anschließen und Klemme öffnen
Merken  Cyclophosphamid
●● Nach der Infusion den weißen Plastikclip vom Griff der Nadel
Eine häufige Nebenwirkung von Cyclophosphamid ist die hämor-
entfernen und ein steriles Pflaster auf die Nadel kleben. Die Na-
rhagische Zystitis. Unter Cyclophosphamideinnahme sollte man
del kann bis zu 1 Woche belassen werden.
daher – auch wenn es nicht zu Tumortherapie, sondern zur Im-
munsuppression (S. 111) eingesetzt wird – zum Blasenschutz
Besonderheiten:
ausreichend trinken und Mesna (Uromitexan) einnehmen, das
●● Nach jeder Applikation von Medikamenten bzw. alle 2–3 Mo-
den Wirkstoff für die Blase „ungiftig“ macht.
nate, wenn der Port nicht gebraucht wird, den Port blocken
(Heparinblock). Hierzu wird der Port mit einer Heparin-Koch­
salz-Lösung gespült (3–5 ml NaCl 0,9 % und 100 IE Heparin pro

85
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Abb. 4.13Wirkprinzipien von Zytostatika.

Alkylanzien (Cisplatin)

Antimetabolit zytostatisch wirkende Antibiotka (Doxorubicin)


(Methotrexat)
Topoisomerase-Hemmstoffe
(Topotecan, Etoposid)

Purine, Desoxyribonu-
Ribonukleotide DNA RNA Proteine Mikrotubuli
Pyramidine kleotide

Ribonukleotid-Reduktase-Hemmer Hemmstoff der Proteinsynthese Mitose-Hemmstoffe


(Hydroxyharnstoff) (Asparaginase) (Vincristin, Paclitaxel)

Antimetabolit
(5-Fluorouracil)

Zytostatika hemmen die Zellteilung auf verschiedene Weise: Auf der Ebene der Synthese von RNA- und DNA-Bausteinen, auf der
Ebene der DNA, auf der Ebene der Proteinsynthese und auf der Ebene der Mikrotubuli-Bildung.

Tab. 4.4  Beispiele für Alkylanzien.

Wirkstoff Handelsname Indikation Nebenwirkung

Busulfan Myleran chronisch myeloische Leukämie Knochenmarksuppression, Lungenfibrose, Neuro-


und Nephrotoxizität (in hohen Dosen)

Carmustin Carmubris Hirntumoren, Lymphome Pneumonitis

Mitomycin Mitomycin-C Karzinome des Verdauungssystems, gynäko- Knochenmarksuppression, Pneumonitis


logische Karzinome, Blasen- und Bronchialkar-
zinom, chronisch-myeloische Leukämie und
Osteosarkom

Cisplatin Platinex Bronchial-, Hoden-, Ovarial-, Blasen-, Nephrotoxizität (!), Ototoxizität (regelmäßige
­Ösophaguskarzinom, Osteosarkom Hörkontrollen!), starke Übelkeit und Erbrechen (!)

Carboplatin Carboplat kleinzelliges Bronchialkarzinom, Ovarial-, Nephrotoxizität (!), Neurotoxizität, starke Übel-
­Zervixkarzinom keit und Erbrechen (!)

Cyclophosphamid Endoxan Leukämie, Lymphome, Mamma-, Ovarial-, hämorrhagische Zystitis (!), Kardiotoxizität (in
Bronchial-, Hodenkarzinom hohen Dosen)

auch zur immunsuppressiven Behandlung von


schweren Autoimmunerkrankungen und rheu-
matischen Erkrankungen

In ▶ Tab. 4.4 ist eine Auswahl von Alkylanzien zusammen-


gefasst.
Merken  Methotrexat
Methotrexat (MTX) ist ein Folsäureantagonist und sehr toxisch.
Außerdem schädigt es das Erbgut und bei Schwangeren den Em-
Antimetabolite
bryo bzw. Fetus. Aus diesem Grund ist eine sichere Verhütung
Diese Wirkstoffe behindern die Synthese von Nukleinsäu- (auch bei Männern) während und bis 6 Monate nach Einnahme
ren, indem sie die Bildung von Nukleotiden (Purinen und notwendig.
Pyrimidinen) hemmen, als falsche Bausteine in die RNA Nimmt man Methotrexat zur Immunsuppression ein, genügen
bzw. DNA eingebaut werden und dadurch die Replikation niedrigere Dosen als zur Tumortherapie. Begleitend sollten die
blockieren. Patienten hier Folsäure einnehmen, um die toxische Wirkung von
Eine Auswahl von Antimetaboliten ist in ▶ Tab. 4.5 darge­ MTX abzumildern. Folsäure sollte etwa 12 Stunden nach MTX ge-
stellt. Auch Azathioprin, Leflunomid und Myco­ phe­
nol­
at­ nommen werden.
mofetil sind Antibetabolite. Da diese Substanzen jedoch zur MTX ist verstärkt toxisch, wenn gleichzeitig NSAR, Penicilline
Immunsuppression eingesetzt werden, werden sie im Kap. oder andere Zytostatika eingenommen werden oder die Patien-
„Grundlagen des Immunsystems“ (S. 111) besprochen. ten einen Folsäuremangel haben.

86
Therapie ­bösartiger Tumoren

Tab. 4.5  Beispiele für Antimetabolite.

Wirkstoff Handelsname Indikation Nebenwirkung (Auswahl)

Methotrexat MTX MTX, Lantarel, Neotre- akute lymphatische Leukämie, Non-Hodgkin- Schleimhautentzündung, Nephroto-
xat, Bendatrexat Lymphom, Ovarial-, Mammakarzinom, Karzi- xizität, Hepatotoxizität, Haarausfall,
nome des HNO-Bereichs, Osteosarkom Pneumonitis

wird auch zur Immunsuppression bei Auto- ACHTUNG: Methotrexat ist ein Fol­
immunerkrankungen bzw. rheuma­tischen säure-Antagonist!
Erkrankungen angewendet

5-Fluorouracil (5-FU) Benda-5-FU Magen-, Kolon-, Pankreas-, Mamma­karzinom Stomatitis, Bronchospasmus,


­Hepatotoxizität, Hyperurikämie

Cytarabin Alexan Non-Hodgkin-Lymphome, akute lymphatische Mukositis, Hepatotoxizität


und myeloische Leukämie, chronisch-myeloi-
sche Leukämie

Fludarabin Fludura Lymphome, Leukämien Myelosuppression

6-Mercaptopurin Puri-Nethol akute myeloische Leukämie Stomatitis, Hyperurikämie,


­Cholestase, Hepatotoxizität

Mitose-Hemmstoffe beim kolorektalen Karzinom, Etoposid bei verschiedenen


soliden Tumoren und akuter myeloischer Leukämie.
Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen • Man unter-
scheidet
Nebenwirkungen • Dosislimitierend ist die Knochenmark-
●● Vinca-Alkaloide: z. B. Vincristin (Oncovin), Vinblastin (Vin-
suppression. Bei Irinotecan kann sich nach etwa 5 Tagen
blastin), Vindesin (Eldisine)
eine Diarrhö einstellen; außerdem kann es während des
●● Taxane: Paclitaxel (Taxol), Docetaxel (Taxotere)
ersten Einnahmetags zu einem anticholinergen Syndrom
mit Bauchschmerzen und Durchfall kommen.
Wirkungsweise und Nebenwirkungen • Mitose-Hemmstoffe
blockieren den Zellzyklus, indem sie die Mikrotubuli zerstö-
Zytostatisch wirkende Antibiotika
ren und so die Bildung von Mitosespindeln verhindern (sog.
Mitosespindelgift). Da Mikrotubuli auch beim Transport in Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen
Nervenfortsätzen (Axonen) eine Rolle spielen, wirken viele ●● Anthrazykline
dieser Stoffe neurotoxisch. ––Doxorubicin = Adriamycin (Adriblastin)
––Daunorubicin (Daunoblastin)
Anwendung • Vinblastin wird z. B. bei Lymphomen, Hoden- ––Epirubicin (Farmorubicin)
tumoren und Mammakarzinom eingesetzt, Vincristin bei ––Idarubicin (Zavedos)
Lymphomen, akuter lymphatischer Leukämie, kleinzelligem ●● Mitoxantron (Novantron)
Bronchialkarzinom und Mammakarzinom, Vindesin bei ●● Bleomycin (Bleomedac)
Lymphomen und nicht kleinzelligem Bronchialkarzinom.
Paclitaxel findet Anwendung bei Ovarial-, Mamma- und Wirkungsweise • Diese Substanzen schieben sich zwischen
nicht kleinzelligem Bronchialkarzinom sowie beim Kaposi- die einzelnen Basenpaare der DNA und verursachen so
Sarkom bei AIDS. Strangbrüche und Ablesefehler. Viele dieser Substanzen
werden von Pilzen gebildet. Als Antibiotika sind sie auf-
Topoisomerase-Hemmstoffe grund ihrer toxischen Wirkung ungeeignet.

Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen:


Anwendung • Doxorubicin und Epirubicin werden bei un-
●● Topotecan (Hycamtin)
terschiedlichen soliden Tumoren (z. B. Mamma-, Ovarial-,
●● Irinotecan (Campto)
Bronchialkarzinom) eingesetzt, Daunorubicin und Idarubi-
●● Etoposid (Etopophos, Vespesid)
cin bei akuter Leukämie, Bleomycin spielt bei der Hodentu-
mortherapie eine wesentliche Rolle. Mitoxantron wird auch
Wirkungsweise • Zur Replikation der DNA muss der DNA-
bei einigen soliden Tumoren und bei Leukämie angewendet.
Doppelstrang geöffnet und entwunden werden. Dadurch
entstehen an anderer Stelle Verwindungen in der DNA, de-
Nebenwirkungen •  Anthrazykline und Mitoxantron sind
nen durch Topoisomerasen entgegengewirkt wird: Diese
kardiotoxisch, Bleomycin wirkt toxisch auf die Haut und die
Enzyme öffnen den Doppelstrang, lagern die Teilstränge um
Lungen (Lungenfibrose).
und verschließen die Stränge wieder. Hemmstoffe der To-
poisomerase verhindern die Wiederverknüpfung der DNA-
Sonstige Zytostatika
Stränge, sodass DNA-Schäden zurückbleiben.
Hydroxyharnstoff • Hydroxyharnstoff (Litalir) hemmt die
Anwendung •  Topotecan wird bei Ovarialkarzinom und Umwandlung von Ribonukleotiden in Desoxyribonukleotide
kleinzelligem Bronchialkarzinom eingesetzt, Irinotecan (DNA). Er wird eingesetzt bei chronisch-myeloischer Leuk­

87
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

ämie, essenzieller Thrombozythämie und Poly­ cythaemia Tab. 4.6  Beispiele für Medikamente der gezielten Tumor­
vera. Typische Nebenwirkungen sind durch seine Myeloto- therapie.
xizität bedingte Hautveränderungen.
Wirkstoff Anwendungsgebiet
Asparaginase • Dies ist ein Enzym, das Asparagin in Aspar-
tat und Ammonium spaltet. Die meisten Körperzellen sind monoklonale Antikörper
in der Lage, Asparagin selbst zu synthetisieren. Gelegentlich
verlieren Tumorzellen diese Fähigkeit, dann müssen sie As- Alemtuzumab (MabCampath)­ chronisch-lymphatische
paragin aus der umgebenden Interstitialflüssigkeit aufneh- Leukämie
men. Durch Zufuhr von Asparaginase wird diese Asparagin-
Quelle für Tumorzellen zum Versiegen gebracht, die Zellen Trastuzumab (Herceptin) Mammakarzinom
sterben ab. Dieses Therapieprinzip wird insbesondere bei
akuter lymphatischer Leukämie angewendet. Cetuximab (Erbitux) kolorekatales Karzinom

Rituximab (MabThera) B-Zell-Lymphome


WISSEN TO GO
Bevacizumab (Avastin) kolorektales Karzinom,
Chemotherapie Nierenzellkarzinom

Zytostatika greifen auf unterschiedliche Weise in die Pro- Hemmer der Tyrosinkinasen
zesse ein, die zur Zellteilung führen, und verhindern diese.
Man unterscheidet mehrere Zytostatikagruppen: Imanitib (Glivec) chronisch-myeloische
●● Alkylanzien (z. B. Cyclophosphamid, Busulfan, Cisplatin) ­Leukämie
●● Antimetabolite (z. B. Methotrexat, Cytarabin, 5-Fluoro­
uracil) Dasatinib (Sprycel) chronisch-myeloische
●● Mitose-Hemmstoffe (z. B. Vincristin, Paclitaxel) ­Leukämie
●● Topoisomerase-Hemmstoffe (z. B. Topotecan, Irinote-
can, Etoposid) Nilotinib (Tasignal) chronisch-myeloische
●● zytostatische Antibiotika (z. B. Doxorubicin, Daunoru- ­Leuk­ämie
bicin)
●● weitere (Hydroxyharnstoff, Asparaginase) Lapatinib (Tyverb) Mammakarzinom
Anwendung
Zytostatika werden zur Chemotherapie maligner Krebs- Sorafenib (Nexavar) Nierenzellkarzinom
erkrankungen eingesetzt. In niedrigerer Dosierung finden
einige von ihnen (z. B. Methotrexat, Cyclophosphamid) Hemmer der Proteasomen
Anwendung in der Therapie von Autoimmunerkrankungen
Bortezomib (Velcade) multiples Myelom
sowie zur Immunsuppression nach Organtransplantatio-
nen. Manche Zytostatika werden in erster Linie zur Immun-
suppression eingesetzt (z. B. Azathioprin).
4.5.5  Weitere pharmakologische
Verabreichung
Eine Chemotherapie wird in mehreren Zyklen verabreicht. Therapieansätze
Man unterscheidet die intravenöse Gabe (z. B. über einen
ZVK oder Port) von der regionalen Gabe (z. B. direkt in den Hormontherapie
Bauchraum oder Liquor). Meistens wird eine Kombination Hierauf sprechen Tumoren an, die Hormonrezeptoren besit-
aus mehreren Zytostatika verabreicht (Polychemothera- zen. Dies kann z. B. bei Mamma- und Prostatakarzinom der
pie). Man unterscheidet eine kurative Chemotherapie, die Fall sein. Besitzen die Tumorzellen Hormonrezeptoren, wer-
auf Heilung ausgerichtet ist (z. B. bei Lymphomen), von ei- den die Zellen durch die passenden Hormone zum weiteren
ner palliativen Chemotherapie. Die Chemotherapie kann in Wachstum angeregt. Durch das Verabreichen sog. Antihor-
Kombination mit einer Operation (z. B. zur Tumorverkleine- mone wird dieser Effekt verhindert. Typische Beispiele sind
rung vor einer OP) oder Bestrahlung angewendet werden. Antiöstrogene beim Mammakarzinom oder Antiandrogene
Nebenwirkungen beim Prostatakarzinom.
Zytostatika greifen vorrangig sich schnell teilende Zellen
an. Einerseits sind das Tumorzellen, andererseits aber auch Gezielte Tumortherapie = Targeted Therapy
gesunde Zellen z. B. der Haut, der Schleimhaut und des
In den vergangenen Jahren gab es viele neue Erkenntnisse
Knochenmarks. Daher haben sie zahlreiche, teils schwer-
über die molekularen Vorgänge des Tumorwachstums. Da-
wiegende Nebenwirkungen. Dazu gehören z. B. Übelkeit
bei wurden immer wieder Eiweiße entdeckt, die eine Rol-
und Erbrechen, Diarrhö, Haarausfall, gestörte Blutbildung,
le beim Wachstum bestimmter Tumoren spielen und deren
geschwächtes Immunsystem (Immunsuppression), erhöh-
Hemmung folglich das Tumorwachstum stoppen kann. Diese
te Infektanfälligkeit, Schleimhaut- und Hautentzündun-
Therapien wirken allerdings nur bei bestimmten Tumoren,
gen, Leber- und Nierenschädigung, Unfruchtbarkeit u. a.
sie sind nicht für die allgemeine Tumortherapie geeignet
Zudem sind viele Zytostatika selbst karzinogen. Unter Zy-
(▶ Tab. 4.6). Im Gegensatz zu den allgemein wirkenden Zy-
tostatikatherapie ist eine sichere Kontrazeption nötig, da
tostatika sind die Nebenwirkungen mit gezielt gerichteten
Zytostatika fruchtschädigend sind.
Medikamenten in der Regel geringer.

88
Therapie ­bösartiger Tumoren

4.5.6  Alternative Therapieansätze Abb. 4.14Betreuende in der Palliativmedizin.

Hyperthermie Seelsorger
Die Hyperthermie (Überwärmung) macht sich zunutze, dass Therapiebegleiter
Dolmetscher
Tumorgewebe besonders hitzeempfindlich ist. Im Tempe-
raturbereich von 40 bis 42 ºC werden allgemein Zellmem­ Kunst-/Musik-
branen direkt geschädigt. Außerdem werden die Tumorzel- therapeut Lehrer
len unter Hyperthermie auch empfindlicher für Zytostatika
oder Strahlen. Palliative Care- Diätassistent
Bei der Ganzkörper-Hyperthermie wird der ganze Körper Beratungsdienst Kranke/
45 bis 60 Minuten lang überwärmt. Sie ist aussichtsreich bei Angehörige Ergotherapeut
generalisierten Tumorleiden, wenn Metastasen im Körper Psychologe
verstreut vorliegen, die lokal kaum oder gar nicht erwärmt Selbsthilfegruppe
werden können. Die Temperaturerhöhung im ganzen Körper Atem-/ Pflegende
führt zu einer starken Belastung des Herzens und des Kreis- Ehrenamtliche
Physiotherapeut
laufs, der ständig überwacht werden muss. Für ältere oder
geschwächte Patienten kann die Belastung zu groß sein. Sozialarbeiter
ambulantes
Daneben gibt es verschiedene Formen der regionalen Hy- Hospiz
perthermie, die bei lokal begrenzten Tumoren oder Metas- weitere Berufe
tasen erfolgreich sein kann. Ein Beispiel ist die sog. Radiofre-
quenzablation, die beim Leberzellkarzinom (S. 482) zum Pflegende nehmen eine wichtige Rolle ein. Sie stehen dem Kranken am
Einsatz kommt. nächsten. Die Pflegekraft ist somit die erste professionelle Bezugsperson.
Nach Schewior-Popp, Sitzmann, Ullrich, Thiemes Pflege, Thieme, 2012.
Paramedizinische Konzepte
Viele Tumorleiden sind durch keine Therapieform heil- Ziel ist dabei immer die Verbesserung der Lebensqua-
bar. In dieser für den Patienten hoffnungslosen Situation lität von Patienten und ihren Familien, die mit Problemen
suchen die Betroffenen oft Hilfe durch paramedizinische konfrontiert sind, die mit einer lebensbedrohlichen Erkran-
Therapiekonzepte, für die es keinen durch Studien belegten kung einhergehen, und zwar durch Vorbeugen und Lindern
Wirksamkeitsnachweis oder auch keinen wissenschaftlich von Leiden, durch frühzeitiges Erkennen, Einschätzen und
begründeten Wirkmechanismus gibt (beliebt sind z. B. Mis- Behandeln von Schmerzen sowie anderen belastenden Be-
telextrakte oder Extrakte aus Thymusdrüsen junger Kälber). schwerden körperlicher, seelischer, sozialer oder spiritueller
Dennoch haben diese Ansätze ihre Berechtigung, allein Natur. Auch die kommunikativen Bedürfnisse des Patienten
schon indem sie dem Patienten neuen Mut und das Be- und seiner An- und Zugehörigen sowie letztlich die Beglei-
wusstsein geben, zur Heilung seiner Erkrankung wirklich tung in der Sterbephase sind Anliegen des palliativmedizi-
alle verfügbaren Möglichkeiten zu ergreifen. Allerdings soll- nischen Teams.
te dies tatsächlich erst nach Ausschöpfen der rationalen The-
rapie oder parallel dazu geschehen. Keinesfalls sollten die Schmerztherapie
wissenschaftlich begründeten, „schulmedizinischen“ The- Die meisten Tumorpatienten leiden v. a. im Spätstadium
rapiemaßnahmen vernachlässigt werden. Der Kampf gegen ihrer Erkrankung unter Schmerzen, die ihre Lebensqualität
eine maligne Krebserkrankung ist immer auch ein Wettlauf deutlich reduzieren. Auch in der Palliativmedizin gelten die
mit der Zeit, durch Versuche mit alternativen Therapieme- Prinzipien der allgemeinen Schmerztherapie und im Spezi-
thoden und Aufschieben von belastenden Interventionen, ellen die Grundsätze der WHO (S. 173) zur Tumorschmerz-
wie es z. B. eine Zytostatikatherapie oder Operation ist, darf therapie. Grundsätzlich gilt:
keine Zeit verschwendet werden. ●● möglichst einfache Schmerztherapie
●● regelmäßige Einnahme nach festem Schema
Palliativmedizinische Behandlung ●● individuelle Dosierung und kontrollierte Dosisanpassung
●● antizipatorische Gabe der Analgetika (regelmäßig, nicht
Im Spätstadium einer unheilbaren Erkrankung wird eine
erst, wenn Schmerzen auftreten)
palliativ orientierte Betreuung notwendig. Dies betrifft
●● Prophylaxe von Nebenwirkungen (v. a. Übelkeit und Ob­
nicht nur Tumorerkrankungen, sondern auch alle anderen
stipation)
Erkrankungen, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich
●● Behandlung der Durchbruchschmerzen: Schnell wirksame
ist und die in absehbarer Zeit zum Tod führen. Die palliativ-
Reservemedikamente (Opioide) werden für gelegentlich
medizinische Betreuung bezieht sich nicht nur auf die letz-
zusätzlich auftretenden Schmerz bedarfsweise gegeben.
ten Lebenstage, sondern erstreckt sich bei vielen Patienten
über Wochen und Monate.
Bei akuten Schmerzen kommt in der palliativen Situation
Die Betreuung des Patienten und der Zu- und Angehörigen
die Therapie der Schmerzen vor der weiteren Diagnostik!
erfolgt durch ein multiprofessionelles Behandlungsteam aus
Ärzten, Pflegenden, Sozialarbeitern, Seelsorgern, Psychothe-
rapeuten, Kreativtherapeuten, Physiotherapeuten, anderen
Symptommanagement
Körpertherapeuten sowie Angehörigen anderer Berufs- Palliativmedizinische Patienten leiden neben den Schmer-
gruppen und ehrenamtlichen Helfern (▶ Abb. 4.14). Sie alle zen häufig gleichzeitig an zahlreichen anderen Symptomen.
bringen ihre unterschiedlichen Sichtweisen und Kenntnisse Häufig sind gastrointestinale Beschwerden (Übelkeit und
ein, um eine hochwertige und komplementäre Betreuung zu Erbrechen, Verstopfung, Darmverschluss), respiratorische
gewährleisten. (Atemnot, Bluthusten) und neuropsychiatrische Symptome

89
4 Grundlagen zu Tumorerkrankungen

Abb. 4.15Sterbebegleitung. ●● Empathie bedeutet, an der Gefühlslage eines anderen


unmittelbar teilhaben und sie dadurch verstehen, ohne
davon überwältigt zu werden. Empathische Menschen
können die Sachverhalte vom Standpunkt des anderen aus
sehen und nachfühlen und ihm das auch mitteilen.
●● Positive Wertschätzung/Akzeptanz: Eine grundsätzlich
akzeptierende und wertschätzende Haltung unabhängig
von Bedingungen ist wichtig; sie führt dazu, dass sich eine
Person unterstützt und bestätigt fühlt.
●● Echtheit/Kongruenz: Das innere Erleben und das nach au-
ßen gerichtete Verhalten sollten übereinstimmen.
●● Transparenz: Offenheit, Durchschaubarkeit und Nachvoll-
ziehbarkeit des Verhaltens.
●● Aktives Zuhören bedeutet, sich in den Gesprächspartner
hineinzuversetzen, ihm volle Aufmerksamkeit zu schen-
ken und dabei nicht nur auf den Inhalt, sondern auch auf
Zwischentöne zu achten. Durch Haltung und Reaktion
wird dem Gesprächspartner volle Hinwendung und unge-
teiltes Interesse vermittelt.
Berührungen sind wichtig, auch wenn der Patient nicht mehr kommuniziert
und reagiert. Foto: Werner Krüper Auch durch Berührungen kann Beruhigung und Schutz ver-
mittelt werden (▶ Abb. 4.15).

(Verwirrtheit, Delir) sowie allgemeine Symptome wie Juck-


Betreuung in der Sterbephase
reiz oder Schluckauf.
Wie auch beim Schmerz gilt: Je besser die Ursache ver- Der Sterbeprozess bringt mit seinen Veränderungen neue
standen wird, desto besser gelingt die Behandlung. Die Schwierigkeiten in der Begleitung mit sich. So ändern sich
Symptombehandlung folgt dabei ähnlichen Prinzipien wie die Symptome z. T. sehr schnell, Organe versagen ihren
die Schmerztherapie. Entscheidend für die Einleitung einer Dienst (z. B. Nierenversagen), was bei der Medikation beach-
Therapie sind der Leidensdruck des Patienten und dessen tet werden muss, die orale Aufnahme von Medikamenten
Therapiewunsch. Das bedeutet auch: Wenn ein Symptom ist erschwert bis unmöglich, ebenso die Kommunikation
den Patienten nicht belastet, muss dieses nicht zwangsläufig und damit auch die Symptomerhebung. Hinzu kommt die
behandelt werden. Nicht in jedem Fall ist die vollständige Unsicherheit und Hilflosigkeit der Angehörigen. Das Betreu-
Symptomfreiheit realistisch. Häufig wird deshalb zunächst ungsteam hat nun veränderte Aufgaben:
eine Symptomverbesserung angestrebt. ●● Sterben diagnostizieren
Häufig muss entschieden werden, ob noch eine kausale, ●● Angst reduzieren
aber vielleicht belastende Diagnostik und Therapie begon- ●● Symptome lindern und engmaschig überwachen
nen oder ob nur noch symptomatisch behandelt werden ●● wenig „medizinischen Lärm“ verursachen (auf apparative
soll. Hier kann eine Einschätzung der Prognose anhand des Untersuchungen verzichten, unnötige Medikamente ab-
Verlaufs der Grunderkrankung hilfreich sein: setzen)
●● Rehabilitationsphase (geschätzte Lebenszeit: mehrere Mo- ●● pathologischer Trauer vorbeugen (Kommunikation und
nate): reversible Ursachen werden behandelt (u. a. Strah- Aufklärung der Angehörigen, Begleitung der Angehörigen
len-, Chemotherapie) auch über den Tod hinaus)
●● Terminalphase (geschätzte Lebenszeit: mehrere Wochen):
reversible Ursachen werden behandelt (z. B. Ergusspunk­ In der Sterbephase sollten alle nicht der Symptomkontrolle
tionen, Drainageanlage, Diuretika) dienlichen Medikamente abgesetzt werden. Für die beibe-
●● Sterbephase (geschätzte Lebenszeit: Tage bis Stunden): haltenen Medikamente ist eine geeignete Applikationsform
symptomatische Therapie. zu finden, da oft eine orale Einnahme nicht mehr möglich
ist (sublingual, transmukosal, transdermal, rektal, subkutan
Entscheidend ist, ob Ursachen möglicherweise reversibel oder intravenös).
sind und der Patient in seiner geschätzten verbleibenden Viele Menschen wünschen sich eine aufrichtige Kommuni-
Lebenszeit noch von der Wirkung einer Maßnahme profi- kation über den nahenden Tod, um noch offene Angelegen-
tiert oder ob er nur die Belastungen durch die Behandlung heiten abschließen zu können. Außerdem sollte geklärt sein,
zu tragen hat. Die Kunst besteht darin, einen für den Pati- an welchem Ort der Patient sterben möchte, wenn er die
enten individuellen Behandlungsweg zwischen übertriebe- Wahl hat (z. B. zu Hause, in der Klinik, im Hospiz), durch wen
nem Aktionismus und dem vielleicht vorzeitigen Absetzen er sich begleitet wissen möchte (An- und Zugehörige, spiritu-
hilfreicher Therapien zu finden. eller Beistand) und ob er besondere Wünsche bezüglich der
Bestattung hat (z. B. Feuer- oder Erdbestattung, Trauerrede,
Kommunikation Trauermusik). Die in diesem Zusammenhang wichtigen Te-
lefonnummern etc. sollten für alle zugänglich hinterlegt sein.
Basis einer gelingenden Kommunikation ist auch in der pal-
liativmedizinischen Betreuung eine empathische, akzeptie-
rende und wertschätzende Haltung des aktiven Zuhörens
Blitzlicht Pflege  Betreuung der Angehörigen
Es sind die letzten Tage und Stunden mit dem Sterbenden, die
dem Patienten und auch seinen Angehörigen gegenüber.
sich in die Erinnerung der begleitenden Angehörigen einbrennen
Diese drückt sich nicht nur verbal aus, sondern in der ge-
und die für die Zukunft einerseits den Trauerprozess beeinflussen,
samten Haltung der Betreuungspersonen:
andererseits aber auch den Umgang mit dem eigenen Sterben
wesentlich prägen werden.

90
Verlaufskontrolle und Nachsorge

Palliative Sedierung
Palliative Therapie
Palliative Sedierungstherapie (PST) ist der Einsatz sedierend In der letzten Erkrankungsphase vor dem Tod steht die
wirkender Medikamente mit dem Ziel, durch eine Bewusst- Verbesserung der Lebensqualität des Patienten und sei-
seinsminderung unerträgliches Leiden bei sonst therapie- ner Familie im Vordergrund. Vorrang hat die Vorbeugung
refraktären, also nicht mehr behandelbaren Symptomen zu und Linderung von Leiden durch frühzeitiges Erkennen,
lindern. Einschätzen und Behandeln von Schmerzen sowie ande-
Entscheidend für die Einleitung einer Sedierung ist, dass ren belastenden Beschwerden körperlicher, seelischer,
zuvor alle palliativmedizinischen Behandlungsmöglichkei- sozialer oder spiritueller Natur. Auch die kommunikati-
ten mit ausreichender Kompetenz eingesetzt wurden und ven Bedürfnisse des Patienten und seiner An- und Zuge-
im Behandlungsteam, aber auch mit dem Patienten und hörigen und letztlich die Begleitung in der Sterbephase
dessen An- und Zugehörigen Konsens bezüglich dieser Maß- sind Anliegen des palliativmedizinischen Teams.
nahme besteht. Die palliative Sedierung muss in jedem Fall
mit äußerster Sorgfalt abgewogen, geprüft, besprochen und
dokumentiert werden.
4.6  Verlaufskontrolle und
Flüssigkeitsgabe und Ernährung am Lebensende
Nachsorge
In der letzten Lebensphase sind zunehmende Appetitlo-
sigkeit mit Nahrungsverweigerung und wenig Durst oft Tumorpatienten benötigen regelmäßige Untersuchungen
natürlicher Ausdruck des beginnenden Sterbeprozesses. zur Verlaufskontrolle und zur Nachsorge. Je nach Tumor und
Oft befürchten nahestehende Personen, der Patient könn- Therapie sind dies unterschiedliche Untersuchungen (z. B.
te ohne Flüssigkeit verdursten. Es ist Aufgabe des Behand- Laborkontrollen, bildgebende Verfahren). Sie halten zum
lungsteams, über die veränderte Wahrnehmung des Patien- einen den Verlauf der Erkrankung (mögliche Tumoreindäm-
ten und die veränderten Stoffwechselabläufe aufzuklären. mung) fest, zum anderen sollen sie mögliche Komplikatio-
Solange die Frage der künstlichen Ernährung und Flüssig- nen und Therapienebenwirkungen rechtzeitig aufdecken.
keitszufuhr mit dem Patienten selbst besprochen werden Untersuchungen zur Nachsorge finden regelmäßig in fest-
kann, ist der Wunsch des Patienten entscheidend. Ansons- gelegten Abständen statt. Dabei geht es primär darum, The-
ten gilt der schriftlich niedergelegte Patientenwille (Pa- rapieerfolge zu objektivieren bzw. Rezidive möglichst früh-
tientenverfügung) oder der mutmaßliche Patientenwille, zeitig zu erfassen, um sie behandeln zu können. Die Art der
den nahe Angehörige oder andere Vertrauenspersonen am Untersuchungen sowie ihre Häufigkeit richten sich nach der
besten abschätzen können. In jedem Fall ist eine individuel- Tumorart und dem befallenen Organsystem.
le, auf den Einzelfall zugeschnittene Entscheidungsfindung
notwendig, die gut dokumentiert werden muss.

WISSEN TO GO

Alternative Ansätze und palliative Therapie


Alternative Therapieformen
Mistelextrakte, Thymusextrakte und „neue Vitamine“ die-
nen dem Versuch, die körpereigene Abwehr zu stärken
und Krebszellen zu eliminieren. Obwohl diesen Verfahren
oft der Wirksamkeitsnachweis fehlt, greifen viele Patien-
ten in ihrer Verzweiflung zu solchen Methoden. Dies sollte
allerdings erst nach Ausschöpfen der rationalen Therapie
oder parallel dazu geschehen. Etablierte, „schulmedizini-
sche“ Therapien dürfen nicht aufgeschoben und keine Zeit
verloren werden.

91
5 Grundlagen des Immunsystems

5 Grundlagen des
Immunsystems

●● Monozyten kommen ausschließlich im Blut vor und zählen


zu den Phagozyten. Treten sie ins Gewebe über, entwickeln
sie sich zu Makrophagen weiter. Auch diese sind Phagozy-
ten. Nach der Phagozytose schleusen sie Bruchstücke des
5.1  Auffrischer Immunsystem phagozytierten Materials auf ihre Oberfläche und zeigen
sie so den anderen Leukozyten (Antigenpräsentation). Au-
Das Immunsystem ist eine Art „Funktionseinheit“ des Blutes, ßerdem setzen sie Chemokine frei. Makrophagen kommen
die dazu dient, fremde und für den Körper schädliche Orga- in allen Organen vor.
nismen und Substanzen zu bekämpfen. Dazu muss es sog. An- ●● Lymphozyten: Die B-Lymphozyten und die T-Lymphozyten
tigene (Erreger, schädliche körperfremde Stoffe, veränderte gehören zur spezifischen Immunabwehr. Die B-Lympho-
Körperzellen) erkennen und beseitigen, darf aber gleichzeitig zyten gehören zu den antigenpräsentierenden Zellen, die
gesunde körpereigene Strukturen nicht angreifen. T-Lymphozyten nicht. Die natürlichen Killerzellen (NK-Zel-
Die an der Abwehr beteiligten Blutzellen gehören zu der len) sind v. a. in der Abwehr von Virusinfektionen aktiv. Sie
Gruppe der Leukozyten (= weiße Blutkörperchen). Leuko- entdecken befallene Zellen und vernichten sie, indem sie
zyten, die einen Eindringling gefunden haben, setzen sog. Zytotoxine ausschütten.
Chemokine frei, die andere Leukozyten anlocken. Einige ●● Die Mastzellen ähneln in ihrer Funktion den Basophilen,
Leukozyten können Fremdstoffe phagozytieren. Zu diesen kommen aber überwiegend im Bindegewebe vor.
sog. Phagozyten gehören die Neutrophilen, Eosinophilen, ●● Auch die dendritischen Zellen befinden sich ausschließ-
Monozyten, Makrophagen und dendritischen Zellen. Die lich im Gewebe. Dort phagozytieren sie Eindringlinge oder
verschiedenen Zelltypen sind im Kap. „Blut und Immun­ infizierte Zellen, verlassen anschließend das Gewebe und
system“ (S. 668) ausführlich beschrieben, hier werden sie gelangen in die Lymphknoten, wo sie den Lymphozyten
nur noch mal kurz aufgelistet: das Antigen präsentieren.
●● Granulozyten enthalten Einschlüsse (Granula) mit ver-
schiedenen Enzymen und Botenstoffen. Die neutrophilen
Granulozyten sind besonders zahlreich in Schleimhäuten 5.1.1  Angeborene und erworbene
und die ersten Abwehrzellen, mit denen eindringende Abwehr
Erreger in Kontakt kommen. Es gibt mehrere Typen mit
verschieden ausgeprägtem Zellkern (stabförmig, segmen- Man unterscheidet die angeborene (unspezifische) von der
tiert und hypersegmentiert). Eosinophile Granulozyten erworbenen (spezifischen) Abwehr. Die angeborene Ab-
kommen hauptsächlich in der Schleimhaut von Atem- und wehr ist sofort einsatzbereit und reagiert als Erstes auf ein-
Verdauungstrakt vor und sind vor allem an allergischen gedrungene Antigene. Sie unterscheidet aber nicht zwischen
Reaktionen und an der Abwehr von Parasiten beteiligt. Ba- den einzelnen Erregern. Die zellulären Anteile der angebo-
sophile Granulozyten befinden sich überwiegend im Blut renen Abwehr sind die Phagozyten, die NK-Zellen und die
und sind an allergischen Reaktionen beteiligt.

92
Auffrischer Immunsystem

Tab. 5.1  Zelluläre und humorale Bestandteile des Immunsystems.

Anteil angeborene Abwehr erworbene Abwehr

zellulär ●● Phagozyten (Granulozyten, Monozyten, Makrophagen, ●● B-Lymphozyten


­dendritische Zellen) ●● T-Lymphozyten
●● NK-Zellen
●● Mastzellen

humoral ●● körpereigene Antibiotika (z. B. Lysozym) ●● Antikörper


●● Komplementsystem ●● Zytokine
●● Akute-Phase-Proteine
●● Zytokine

Mastzellen, die humoralen Anteile sind das Komplement- MHC-Moleküle (HLA-System)  • Die MHC-Moleküle (MHC:
system, Zytokine und andere Stoffe. major histocompatibility complex) werden in den Zellen ge-
Die erworbene Abwehr produziert für jedes Antigen pas- bildet und dann auf deren Oberfläche geschleust. Dabei neh-
sende Abwehrmittel. Da dies einige Zeit in Anspruch nimmt, men sie aus dem Zellinneren ein Peptidbruchstück mit, das
reagiert sie beim Erstkontakt später als die angeborene Ab- sie auf der Zelloberfläche präsentieren. Ein anderer Name
wehr. An der erworbenen Abwehr beteiligt sind als zelluläre ist HLA (human leukocyte antigen complex). Es gibt 2 Typen:
Anteile die B- und T-Lymphozyten und als humorale Anteile ●● MHC-I-Moleküle kommen auf jeder Körperzelle vor und
die Antikörper und Zytokine. tragen ein körpereigenes Peptidbruchstück. Daran können
An beiden Systemen sind sowohl Abwehrzellen als auch die Abwehrzellen die jeweiligen Körperzellen als „körper-
nicht zelluläre, lösliche Stoffe, die sog. humoralen Anteile, eigen“ erkennen. Bei Virusinfektionen kann das Bruch-
beteiligt (▶ Tab. 5.1). stück auch vom Virus stammen.
●● MHC-II-Moleküle finden sich auf Makrophagen, dend-

Die angeborene Abwehr ritischen Zellen und B-Lymphozyten. Ihr präsentiertes


Bruchstück stammt von einem Antigen, das zuvor von der
Die erste Hürde, die eindringende Antigene überwinden Zelle phagozytiert wurde. Über diese Antigenpräsentation
müssen, ist die äußere Abwehr. Sie gehört zur angeborenen werden andere Abwehrzellen informiert, dass ein Antigen
Abwehr und umfasst physikalische und chemische Schutz- eingedrungen ist.
mechanismen wie z. B. das Flimmerepithel und den Schleim
der Atemwege, den Säureschutzmantel der Haut oder den
niedrigen pH-Wert im Magen und im Urin. Dazu kommen
Die erworbene Abwehr
antibiotisch wirkende Stoffe wie Lysozym, die Defensine Die naiven Lymphozyten warten in den sekundären lympha-
oder Lactoferrin, die der Körper selbst herstellt. tischen Organen (s. u.) auf Antigene, die auf ihren speziellen,
Gelingt es den Antigenen, die äußere Abwehr zu durch- nahezu einzigartigen Antigenrezeptor passen. Treffen die
dringen, treffen sie als Nächstes auf die Phagozyten (Gra- Lymphozyten auf kein passendes Antigen, verlassen sie das
nulozyten, Monozyten, Makrophagen und dendritische Zel- lymphatische Organ und wandern in das nächste weiter (Re-
len). Die Phagozyten besitzen Rezeptoren, mit denen sie das zirkulation).
Antigen binden. Sie phagozytieren aber nicht nur, sondern
setzen auch Zytokine frei. Diese aktivieren weitere Leuko- T-Lymphozyten
zyten, insbesondere Lymphozyten und dendritische Zellen.
Die naiven T-Lymphozyten sind bei ihrer Suche nach ei-
Außerdem locken die Phagozyten über eine Chemokinfrei-
nem passenden Antigen insbesondere auf die dendritischen
setzung andere Leukozyten an.
Zellen angewiesen, die ihnen Antigenbruchstücke in MHC-
Phagozyten können die Antigene noch besser erkennen,
II-Molekülen präsentieren. Die T-Zellen prüfen, ob ihr An-
wenn diese durch bestimmte Stoffe markiert (opsoniert)
tigenrezeptor auf eines der präsentierten Antigene passt.
werden. Zu diesen Stoffen gehört der Faktor 3b des Komple-
Ist das der Fall, werden sie aktiviert und beginnen, sich zu
mentsystems. Das Komplementsystem besteht aus verschie-
vermehren (Proliferation). Dadurch entstehen zahlreiche
denen Plasmaproteinen, die sich – ähnlich wie das Gerin-
T-Lymphozyten mit dem gleichen Antigenrezeptor. Diese
­
nungssystem – gegenseitig aktivieren. Kommt es nicht zur
entwickeln sich weiter zu T-Effektorzellen.
Phagozytose, entstehen aus dem Faktor 3b weitere Faktoren,
Die T-Effektorzellen unterteilen sich in die T-Helferzellen
die eine chemotaktische bzw. bakterienabtötende Wirkung
und die zytotoxischen T-Zellen: Die T-Helferzellen bekämp-
haben.
fen eingedrungene Antigene nicht direkt, sondern unter-
Die NK-Zellen phagozytieren nicht, sondern töten infizier-
stützen B-Lymphozyten und Makrophagen, die mit der
te Zellen, indem sie zellschädigende Zytokine ausschütten.
Abwehr desselben Antigens beschäftigt sind. Sie regen die
Um diese Zellen zu erkennen, tasten sie deren Oberfläche
B-Lymphozyten über die Freisetzung von Zytokinen zur Ver-
mit speziellen Rezeptoren ab. Finden sie dabei auf den ge-
mehrung und die Makrophagen zur Bildung zellschädigen-
prüften Zellen eine ausreichende Anzahl von bestimmten
der Substanzen an. Die zytotoxischen T-Zellen (T-Killerzel-
Molekülen, den MHC-I-Molekülen mit körpereigenen Bruch-
len) wirken direkt: Sie sind v. a. bei Infektionen mit intrazel-
stücken (s. u.), schütten sie keine Zytokine aus. Ist die Zahl
lulären Erregern (vorwiegend Viren) wirksam und zerstören
der MHC-I-Moleküle aber vermindert oder tragen sie ein Vi-
die befallene Zelle mithilfe von Enzymen.
rusantigen, fällt diese Hemmung weg und die NK-Zelle gibt
Die regulatorischen T-Zellen (T-Suppressorzellen) können
der Zielzelle den „Todeskuss“.
die Wirkung der T-Effektorzellen unterdrücken und regulie-
ren so die erworbene Abwehr.

93
infografik_immunsystem_005_001

5 Grundlagen des Immunsystems


IMMUNSYSTEM
STÖRUNGEN DES IMMUNSYSTEMS
IMMUNZELLEN
HR
NABWE
• Immundefekte – Immunsystem arbeitet „zu wenig“
MU
NE IM
• Überreaktion (z.B. Allergie) – Immunsystem arbeitet „zu viel“

ORE • Autoimmunerkrankungen – das Immunsystem arbeitet „falsch“

NGEB • Transplantatabstoßungen – das Immunsystem bekämpft


A transplantiertes Gewebe
basophile Granulozyten

PHAGOZYTEN
Mastzellen

eosinophile

beteiligt an
allergischen neutrophile Abwehr von Parasiten
Reaktionen und beteiligt an
allergischen Reaktionen
Abwehr von
Erregern (schnell!) beteiligt an
allergischen
Reaktionen
Monozyten Makrophagen
Antigenpräsentierende
Zelle

Zytokinbildung
NK-Zellen

dendritische Tumorzellen
Zellen
Viren

Antigenpräsentierende
Zellen

BAR RIERE
T
HAU

IMMUNABWEHR

T-Killerzellen töten
infizierte Zelle
Erreger
befallen
Körperzelle

GEWEBE

NK-Zelle
tötet infizierte
Zelle
94
Auffrischer Immunsystem

Blutzellen stammen
aus dem Knochenmark

ERWORBENE IMMUNA
BWEH
R

regulatorische T-Zelle

reguliert die
T-Zell-Antwort
LYMPHOZYTEN
T-Helferzelle

T-Zellen regt B-Zellen zur


Vermehrung und
Makrophagen
Plasmazelle zur Bildung von
T-Killerzelle Zytokinen an
LEUKOZYTEN bildet
Antikörper
tötet infizierte Zellen

B-Gedächtniszelle
T-Gedächtniszelle

B-Zellen

B-Lymphozyt Gedächtniszellen „erinnern“ sich nach


1. Kontakt an das Antigen und können
beim nächsten Kontakt eine schnellere
Reaktion auslösen

regulatorische
Zelle reguliert die
Immunantwort
Zytokine

Makrophage

Plasmazellen
bilden Antikörper
Phagozyten nehmen T-Helferzelle
infizierte Zellen auf.
Zytokine
Sie präsentieren den
T-Helferzellen über ihren
Rezeptor Teile der
infizierten Zelle (Antigen). B-Zelle
Außerdem bilden sie
Zytokine, um weitere
T-Helferzellen anzulocken
T-Helferzelle proliferiert und regt B-Zellen zur Vermehrung bzw.
Bildung von Plasmazellen und Makrophagen zur Bildung von Zytokinen an 95
5 Grundlagen des Immunsystems

B-Lymphozyten „kristallisierbares Fragment“ (Fc) wird vom Stiel gebildet. Es


ist für die Wirkung des Antikörpers verantwortlich, da es an
Auch die naiven B-Lymphozyten besitzen sehr spezielle
die Fc-Rezeptoren verschiedener Zellen binden kann.
Antigenrezeptoren. Trifft ein naiver B-Lymphozyt in den
­
Immunglobuline können auch therapeutisch (S.  113)
­sekundären lymphatischen Organen auf ein passendes Anti-
eingesetzt werden.
gen, phagozytiert er es und präsentiert dessen Bruchstücke
zusammen mit MHC-II-Molekülen auf seiner Oberfläche.
Gedächtniszellen
Für seine vollständige Aktivierung benötigt er nun eine
T-Helferzelle, deren Rezeptor zu dem von ihm präsentier- Das besondere an der erworbenen Abwehr ist ihr Gedächt-
ten Antigen-Bruchstück passt. Bindet die T-Helferzelle an nis: Bei der Aktivierung der Lymphozyten durch den Erst-
den B-Lymphozyten, setzt sie Zytokine frei, die zur Vermeh- kontakt wurden neben den Effektor- und Plasmazellen auch
rung des B-Lymphozyten führen. Die dadurch entstandenen B- und T-Gedächtniszellen gebildet. Sie sind dann wichtig,
­B-Lymphozyten entwickeln sich weiter zu Plasmazellen, die wenn ein bestimmtes Antigen zum 2. oder wiederholten
Antikörper gegen das betreffende Antigen bilden und frei- Mal in den Körper eindringt. Bei diesem erneuten Kontakt
setzen. erinnern sich die Gedächtniszellen an das Antigen, sodass
diesmal passende T-Helferzellen, zytotoxische T-Zellen und
Antikörper • Sie kommen v. a. im Blut, in der Lymphe und auf IgG-Antikörper entstehen können, ohne dass erst naive
den Schleimhäuten vor. Aufgabe der Antikörper (Immunglo- Lymphozyten aktiviert werden müssen. Die Immunantwort
buline, γ-Globuline) ist es, an Antigene zu binden und diese läuft deshalb wesentlich schneller ab.
dadurch unschädlich zu machen. Durch die Bindung kommt
es auch zur Opsonierung des Antigens, sodass es von den
Phagozyten schneller vernichtet wird. Die Antigen-Antikör-
5.1.2  Primäre und sekundäre lym-
per-Komplexe aktivieren außerdem das Komplementsys- phatische Organe
tem.
In den primären lymphatischen Organen entstehen und rei-
Das Antikörpermolekül besteht aus 2 leichten und 2
fen die Abwehrzellen. Hierzu zählen Knochenmark und Thy-
schweren Ketten. Die Art der schweren Ketten bestimmt,
mus. Die sekundären lymphatischen Organe sind die Orte,
ob es sich um einen Antikörper der Klasse M (IgM), D (IgD),
an denen die naiven Lymphozyten auf ihre Antigene treffen
G (IgG), E (IgE) oder A (IgA) handelt (▶ Tab. 5.2). Während
und sich die Lymphozyten vermehren. Dazu zählen Lymph-
die B-Zell-Rezeptoren überwiegend zur Klasse IgM gehören,
knoten, Milz und MALT (Mandeln, Peyer-Plaques, Darmton-
zählen die von den Plasmazellen freigesetzten Antikörper zu
sille). Eine Übersicht über alle lymphatischen Organe gibt
den Klassen IgG (ca. 80 %) oder IgE. Antikörper der Klasse IgA
▶ Abb. 5.1.
finden sich überwiegend auf den Schleimhäuten.
Antikörpermoleküle sind Y-förmig aufgebaut. Ihr anti­
genbindendes Fragment (Fab) entspricht den Ärmchen
des Y und enthält die Bindungsstellen für das Antigen, ihr

Tab. 5.2  Die verschiedenen Immunglobulinklassen und ihre Funktion.

Klasse Vorkommen Aufgabe

IgM auf der Oberfläche der B-Lymphozyten ●● erste Antikörper bei der Immunantwort (IgM zeigen die akute Infektion an)
●● Neutralisation*
●● Komplementaktivierung
●● Opsonierung**

IgD auf der Oberfläche der B-Lymphozyten ●● Funktion noch nicht vollständig geklärt, wirkt an der Antigenerkennung mit

IgG Blut, infiziertes Gewebe ●● machen 80 % der Antikörper im Plasma aus
●● werden erst verzögert gebildet und bleiben lange erhalten
●● Neutralisation* im Blut und im infizierten Gewebe (gewebegängig)
●● Komplementaktivierung
●● unterstützen NK-Zellen
●● Schutz des Kindes während der Schwangerschaft (IgG überwindet die Plazenta­
schranke) und in den ersten Monate nach der Geburt (sog. Nestschutz)
●● werden bei der passiven Immunisierung verwendet

IgE in geringer Konzentration im Plasma ●● Schutzvor Parasiten


●● bindenan Eosinophile und Mastzellen und führen zur Freisetzung von Histamin und
damit zur IgE-vermittelten Sofortreaktion (Typ-I-Allergie)

IgA im Sekret von Schleimhäuten, ●● lokaleAbwehr auf den Schleimhäuten (Lunge, Magen, Darm, Urogenitaltrakt, Augen)
­Muttermilch ●● Neutralisation*
auf Schleimhautoberfläche
●● Opsonierung**
●● Schutz des Neugeborenen (IgA geht in die Muttermilch über)

* Neutralisation: Antikörper verhindern Bindung von Antigen an Zielzelle, indem sie selbst an das Antigen binden. ** Opsonierung: Markierung
körperfremder Strukturen und damit Verstärkung der Phagozytose

96
Auffrischer Immunsystem

Knochenmark und Reifung der B-Lympho- Abb. 5.1Organe des Immunsystems.

zyten Gaumenmandel
Im Knochenmark werden alle Blutzellen gebildet, zusätzlich (Tonsilla palatina)
ist es der Ort, an dem die B-Lymphozyten zu naiven B-Lym- Rachenmandel
phozyten heranreifen. Während dieses Prozesses werden (Tonsilla pharyngea)
Zungenmandel
diejenigen B-Zell-Vorläufer aussortiert, deren Antigenre-
(Tonsilla lingualis)
zeptoren körpereigene Strukturen als „fremd“ einordnen.
Die­jenigen B-Lymphozyten, die diese Selektion überleben, V. jugularis interna
Halslymphknoten
verlassen als naive B-Lymphozyten das Knochenmark in
Richtung der sekundären lymphatischen Organe.
rechter Venenwinkel linker Venenwinkel
mit Ductus
Thymus lymphaticus dexter
und Einmündung des
Ductus thoracicus
Im Thymus (Bries) reifen die Vorläufer der T-Lymphozyten
zu naiven T-Lymphozyten heran. Das Organ liegt hinter dem
Brustbein. Von etwa 5 cm Länge beim Neugeborenen vergrö- V. subclavia
ßert es sich bis etwa zur Pubertät, um sich danach bis auf Thymus
einen Restkörper zurückzubilden.
Das Thymusgewebe ist in kleine Läppchen unterteilt.
Sein Grundgerüst wird von den Thymusepithelzellen gebil-
Achsel-
det. In seinen Zwischenräumen liegen die Vorläuferzellen
lymph-
der T-Lymphozyten, die sog. Thymozyten. Sie sind beson-
knoten
ders im Randbereich, der Thymusrinde, zahlreich, wäh-
rend sie im Thymusinneren, dem Thymusmark, weniger
dicht angeordnet sind. Milz (Splen)
Bei der Reifung der T-Lymphozyten wird zunächst getes- Ductus
tet, ob deren Rezeptor MHC-Moleküle erkennt. Ist das nicht thoracicus
der Fall, geht der Lymphozyt zugrunde. Den überlebenden
Zellen werden körpereigene Antigene präsentiert. Stufen
sie diese als „fremd“ ein, werden sie ebenfalls aussortiert. Cisterna chyli
Darmlymph-
T-Lymphozyten, die MHC-Moleküle erkennen und gleich- knoten
zeitig selbsttolerant sind, verlassen als naive T-Lymphozyten Lymphbahnen
den Thymus in Richtung sekundäre lymphatische Organe.
Damit bei dieser Entwicklung kein körperfremdes Anti-
Darmtonsille des Lymphfollikel
gen stört, besitzt der Thymus keine zuführenden Lymphge-
Wurmfortsatzes im Ileum
fäße und in der Rinde ein nahezu porenloses Epithel.
(Appendix) (Peyer-Plaques)

Lymphknoten
In den Lymphknoten werden die Antigene aus der Lymphe Knochenmark
Leisten-
herausgefiltert. Außerdem treffen hier die antigenpräsentie-
lymphknoten
renden Zellen auf die Lymphozyten.
Die Lymphknoten sind zwischen den Organen bzw. Körper-
regionen und den Lymphstämmen in die Lymphgefäße einge-
schaltet. Gelangt die Lymphe direkt aus ihrem Ursprungsge-
biet in den Lymphknoten, spricht man von einem regionären zuführende
Lymphknoten. Fließt hier die Lymphe aus mehreren anderen Lymphgefäße
Lymphknoten zusammen, von einem Sammellymphknoten.
Die primären lymphatischen Organe sind rot, die sekundären lympha-
Am Lymphknotengewebe unterscheidet man die Rinde,
tischen Organe und die Lymphbahnen sind grün dargestellt. Die Peyer-
die viele B-Lymphozyten enthält, die Parakortikalzone mit
Plaques, die Darmtonsille des Wurmfortsatzes und die Mandeln werden
zahlreichen T-Lymphozyten und das Mark, das weniger
als MALT (mucosa-associated lymphoid tissue) zusammengefasst. Die Tu-
Lymphozyten enthält. Die Lymphe durchfließt den Lymph-
benmandel ist nicht eingezeichnet. Nach Schünke, Schulte, Schumacher, Prometheus
knoten von der Rinde in Richtung Mark, wo sie den Lymph-
LernAtlas der Anatomie, Thieme, 2011.
knoten am Hilum wieder verlässt. Hier treten auch die Blut-
gefäße ein bzw. aus.
Die im Lymphknoten verlaufenden Venen besitzen ein und ist über Bänder an den Nachbarorganen (Magen, Ko-
spezielles Endothel, über das die Lymphozyten aus dem Blut lon, linke Niere) befestigt. Ihre Form ist unregelmäßig, sie
in den Lymphknoten übertreten können. Im Gegensatz dazu ist etwa 12 cm lang und 8 cm breit. Damit ist sie das größte
verlassen die meisten Lymphozyten den Lymphknoten über lymphatische Organ des Körpers.
die Lymphe, nicht über das Blut. Das weiche Milzgewebe wird von einer Kapsel umschlos-
sen, die Trabekel ins Milzinnere entlässt. Es wird als Milzpul-
pa bezeichnet und von einem Grundgerüst aus retikulären
Milz
Fasern gestützt. Ein Teil der Milzpulpa (rote Pulpa) ist reich
Die Milz (Lien, Splen) dient der Vermehrung der Lympho- an Erythrozyten, seine Hohlräume bilden den Milzsinus. Das
zyten, speichert Monozyten und baut überalterte Erythro- Blut gelangt über die arteriellen Kapillaren in den Milzsinus
zyten ab. Sie befindet sich links direkt unter dem Zwerchfell und verlässt ihn über die Pulpavenen. In der roten Pulpa

97
5 Grundlagen des Immunsystems

werden die alten Erythrozyten gesucht und abgebaut (Blut- Gelingt es dem Immunsystem, den Erreger unschädlich zu
mauserung). Die weiße Pulpa liegt in der roten Pulpa und machen, heilt die Entzündung aus. Gelingt es dagegen dem
besteht hauptsächlich aus Lymphozyten. Über die Marginal- Erreger, sich im Körper auszubreiten, kommt es zu einer All-
zone stehen rote und weiße Pulpa miteinander in Verbin- gemeininfektion.
dung. Die Milz besitzt ausschließlich ableitende Lymphge-
fäße.
5.2  Störungen in der Funk­
MALT tionsweise des Immunsystems
Auch in den Schleimhäuten gibt es Ansammlungen von
Lymphozyten. Dieses Lymphgewebe der Schleimhäute wird Es gibt 3 wesentliche Störungen in der Funktionsweise des
unter der Abkürzung MALT (mucosa-associated lymphoid Immunsystems:
tissue) zusammengefasst. Hierzu gehören die Mandeln, die 1. Das Immunsystem arbeitet „zu wenig“, man spricht von
Peyer-Plaques des Ileums und die Darmtonsille des Wurm- Immundefekten/Immundefektsyndromen. Diese können
fortsatzes. erworben oder angeboren sein.
Zu den Mandeln (Tonsillen) zählen die Gaumenmandeln 2. Das Immunsystem arbeitet „zu viel“ und zeigt eine Über-
(Tonsillae palatinae), die Rachenmandel (Tonsilla pharyn- reaktion. Typische Beispiele hierfür sind Allergien.
gea), die Zungenmandel (Tonsilla lingualis), die Tubenman- 3. Das Immunsystem arbeitet „falsch“, es bekämpft nicht
deln (Tonsillae tubariae) und die Seitenstränge. Zusammen nur körperfremdes, sondern auch körpereigenes Mate-
bilden sie den Waldeyer-Rachenring. Sie fangen vor allem rial. Dabei zeigt es meist auch eine Überreaktion. Man
solche Antigene ab, die über Nahrung und Atemluft aufge- spricht von Autoimmunkrankheiten.
nommen werden.
Die Peyer-Plaques in der Dünndarmschleimhaut und die Eine weitere Reaktion des Immunsystems, die unerwünschte
Darmtonsille des Wurmfortsatzes stellen vor allem für sol- Auswirkungen hat, ist die sog. Transplantatabstoßung. Hier
che Antigene ein Hindernis dar, die über die Nahrung in den bekämpft das Immunsystem transplantiertes Gewebe, das
Darm gelangt sind. eigentlich als eigenes Gewebe akzeptiert werden sollte. Da-
bei handelt es sich im Grunde nicht um eine Fehlfunktion des
Immunsystems, sie führt jedoch zu folgenschweren Kompli-
5.1.3  Entzündung kationen und wird daher ebenfalls hier besprochen.
Die lokale Entzündung stellt eine Abwehrreaktion des Kör-
pers dar. Ihr Ziel ist es, die eingedrungenen Erreger bzw. Einflussfaktoren • Fehlfunktionen des Immunsystems wer-
Antigene unschädlich zu machen. An der Entzündungsreak- den durch verschiedene Faktoren gefördert. Zum einen kann
tion sind in erster Linie Makrophagen, Neutrophile, Entzün- die Veranlagung für bestimmte immunologische Erkrankun-
dungsmediatoren und das Komplementsystem beteiligt. Die gen vererbt sein. Man nennt dies genetische Prädisposition.
Entzündungsmediatoren (z. B. Prostaglandine, Leukotriene, Dabei wird meist nicht eine bestimmte Erkrankung (z. B.
Histamin) erweitern im betroffenen Gebiet die Arterien, eine ganz bestimmte Allergie), sondern nur die Veranlagung
steigern die Durchlässigkeit der venösen Gefäßwände und für eine bestimmte Art von Erkrankung weitergegeben (z. B.
locken weitere Abwehrzellen an, v. a. Granulozyten. Diese die Anfälligkeit für Allergien allgemein).
Veränderungen führen zu den klassischen Entzündungszei- Auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. Zum Beispiel
chen: Schwellung, Erwärmung, Rötung, Schmerz und Funk- werden Virusinfektionen verdächtigt, Autoimmunerkran-
tionseinschränkung. Die Faktoren des Komplementsystems kungen auslösen zu können. Bei der Entstehung von Aller-
haben eine ähnliche Wirkung wie die Entzündungsmedia- gien geht man davon aus, dass eine übertriebene Hygiene
toren. die Entstehung von Allergien fördern kann (sog. Hygiene­
Die Komplementfaktoren und Mediatoren, die im Rahmen hypothese, S. 99). Dabei ist es bei Personen mit geneti-
einer Entzündung in den ersten Stunden verstärkt gebildet scher Veranlagung wahrscheinlicher, dass bestimmte Um-
und ausgeschüttet werden, bezeichnet man auch als Akute- welteinflüsse eine Erkrankung auslösen, als bei Personen,
Phase-Proteine. Zu ihnen zählt auch das in der Klinik regel- die genetisch keine Veranlagung dazu besitzen.
mäßig bestimmte CRP (C-reaktives Protein), das in der Leber
gebildet wird. Es kann Antigene opsonieren und das Kom- Beispiel  Prädisposition für Autoimmunerkrankung
plementsystem aktivieren. Bei einer akuten Entzündung Wenn ein Elternteil an einer Autoimmunerkrankung leidet, hat
verdoppelt sich die CRP-Konzentration im Blutplasma etwa das Kind ein höheres Risiko, irgendwann in seinem Leben auch
innerhalb von 8 Stunden, nach Wegfall der Ursache nimmt eine Autoimmunerkrankung zu bekommen. Die Mutter kann
der Wert schnell wieder ab. Deshalb kann CRP auch gemes- aber z. B. an rheumatischer Arthritis (Autoimmunerkrankung der
sen werden, um festzustellen, ob eine entzündungshem- Gelenke) und die Tochter an einem Morbus Basedow (Autoim-
mende Therapie (z. B. bei rheumatischen Erkrankungen) munerkrankung der Schilddrüse) leiden.
anspricht. Bei chronischen Entzündungen liegen die Werte
meist nur leicht über dem Normalwert. Erhöhte CRP-Spiegel
ohne weiteren Hinweis auf ein entzündliches Geschehen
können Hinweis auf einen Tumor sein. Es gilt:
●● CRP < 0,5 mg/l: Normalwert, es liegt keine akute Entzün-
dung vor
●● CRP < 5 mg/l: erhöhter CRP, aber keine akute Entzündung
●● CRP < 50 mg/l: lokal begrenzte oder leichtere Entzündung
●● CRP > 50 mg/l: schwere Entzündung
●● CRP > 100 mg/l: schwere Erkrankung (z. B. Blutvergiftung,
Hirnhautentzündung, Lungenentzündung)

98
Störungen in der Funk­tionsweise des Immunsystems

Definition  Allergie
WISSEN TO GO Eine allergische Reaktion zählt zu den Hypersensitivitätssyndro-
men und ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems
auf sogenannte Allergene. Dies sind bestimmte Antigene (Ober-
Störungen des Immunsystems
flächenbestandteile von Stoffen), die für den Menschen eigentlich
Wesentliche Störungen und unerwünschte Reaktionen des unschädlich sind, bei sensibilisierten Menschen aber Allergien
Immunsystems sind: auslösen.
●● Immundefekte/Immundefektsyndrome: Das Immun- Unter Atopie versteht man die Neigung zu allergischen Reak-
system arbeitet „zu wenig“. tion bzw. die Neigung, an einer Erkrankung des sog. atopischen
●● Überreaktion: Das Immunsystem arbeitet „zu viel“, z. B. Formenkreises zu erkranken. Dieser umfasst u. a. die allergische
bei Allergien. Rhinitis (Heuschnupfen), das allergische Asthma bronchiale
●● Autoimmunkrankheiten: Das Immunsystem arbeitet (S. 332) und das atopische Ekzem bzw. Neurodermitis (S. 1022).
„falsch“ und bekämpft körpereigenes Material. Dabei Viele Atopiker haben mehrere Allergien gleichzeitig.
zeigt es meist auch eine Überreaktion.
●● Transplantatabstoßung: Das Immunsystem bekämpft
Wer ist betroffen?
transplantiertes Gewebe.
In letzter Zeit nehmen in den Industrieländern die Allergi-
Bei der Entstehung solcher Störungen spielen genetische en stark zu. Man geht davon aus, dass Kinder, die von jeder
Prädisposition und Umwelteinflüsse eine Rolle. Art Schmutz (und somit von vielen eigentlich auch harm-
losen Antigenen) ferngehalten werden, eher dazu neigen,
Allergien zu entwickeln, als Kinder, die auch mal „im Dreck
5.2.1  Immundefektsyndrome spielen“. Eine Erklärung dafür ist, dass das Immunsystem
bei häufigerem Kontakt mit Antigenen und Erregern besser
Als Immundefekte bezeichnet man Einschränkungen der ausreifen kann; es lernt genauer zu unterscheiden, welche
Abwehrfunktion des Körpers. Man unterscheidet angebore- Erreger wirklich schädlich sind und welche Antigene igno-
ne und erworbene Immundefekte. Die angeborenen spielen riert werden können. Diese sogenannte Hygienehypothese
vorwiegend bei Kindern eine Rolle, die erworbenen eher bei wird dadurch gestützt, dass Kinder aus Großfamilien oder
Erwachsenen. vom Land weniger Allergien haben als Einzelkinder aus
Angeborene Immundefekte werden auch „primäre Im- städtischen Gegenden.
mundefektsyndrome“ genannt. Sie werden ausgelöst durch
Entwicklungs- oder Reifungsstörungen der Immunstamm-
zellen im Knochenmark. Unterschieden werden B- und T-
Pathogenese
Zell-Defekte, kombinierte Defekte, Defekte der Phagozyten Allergene (▶ Abb. 5.2) können über verschiedene Wege in
und Defekte des Komplementsystems. Insgesamt sind die den Körper aufgenommen werden:
angeborenen Immundefekte deutlich seltener als die erwor- ●● über die Luft (Inhalationsallergene, z. B. Gräserpollen, Bir-
benen. kenpollen, Tierhaare, Hausstaubmilben)
Erworbene Immundefekte können durch Infektionen (z. B. ●● über die Nahrung (Ingestionsallergene, z. B. Eiweiße in Ei-
HIV, CMV), durch Beeinträchtigung der Blutbildung im Kno- ern oder Nüssen, Nahrungsmittelzusätze, Medikamente)
chenmark (z. B. bei Leukämien) oder durch eine allgemeine ●● über die Haut (Kontaktallergene, z. B. Nickel, Latex)
oder krankheitsbedingte Schwächung des Körpers (Diabetes ●● über das Blut (Injektionsallergene, z. B. Insektengifte, Me-
mellitus, Krebserkrankungen, Mangelernährung) verursacht dikamente oder Kontrastmittel)
werden. Sie können auch iatrogen (durch ärztliche Maßnah-
men, z. B. eine Chemotherapie oder eine Behandlung mit Es gibt 4 verschiedene Überreaktionen, an denen schwer-
Glukokortikoiden) ausgelöst werden. Ein Zusammenhang punktmäßig jeweils unterschiedliche Bestandteile des Im-
zwischen psychischer Belastung und Infektanfälligkeit be- munsystems beteiligt sind. Benannt sind sie nach ihren Ent-
steht ebenfalls. deckern Coombs und Gell.
Bei allen Immundefekten findet sich eine erhöhte Anfäl-
ligkeit für Infekte. Die Patienten infizieren sich häufiger und Merken  Sensibilisierung
schwerer mit Erregern, vor allem mit solchen Erregern, die Voraussetzung für eine allergische Reaktion ist eine sog. Sensi-
bei Gesunden keine Infektion auslösen können („opportu- bilisierung. Der Körper muss zuvor mindestens einmal mit dem
nistische Erreger“). Allergen in Kontakt getreten sein. In der Regel verstärkt dann ein
Details werden im Kap. „Blut und Immunsystem“ (S. 722) erneuter Kontakt die allergische Reaktion.
beschrieben.
Hypersensitivitätsreaktion Typ I
5.2.2  Überreaktionen des Immun- Eine Hypersensitivitätsreaktion vom Typ I, auch Allergie
systems (Allergien) vom Soforttyp oder Anaphylaxie genannt, wird von Antige-
nen hervorgerufen, mit denen der Organismus schon einmal
Überreaktionen des Immunsystems auf bestimmte Reize, Kontakt hatte. B-Zellen produzieren daraufhin speziell ge-
die aus dem Körperinneren (endogen) oder aus der Umwelt gen das Antigen gerichtete IgE-Antikörper, die an den IgE-
(exogen) stammen können, werden als Hypersensitivitäts­ Rezeptor von Mastzellen oder basophilen Granulozyten bin-
reaktion bezeichnet. Im medizinischen Sprachgebrauch den (▶ Abb. 5.3). Sie werden dadurch für das Antigen sensi-
wird der Begriff häufig mit Allergie gleichgesetzt. bilisiert. Beim zweiten Kontakt mit dem Antigen kommt es
innerhalb von Sekunden bis Minuten zu einer Reaktion: Die
Zellen, die mit IgE-Antikörpern besetzt sind, gehen zugrun-
de und setzen so Histamin und andere sog. Mediatoren (z. B.
auch Leukotriene und Zytokine) frei.

99
5 Grundlagen des Immunsystems

Abb. 5.2Allergene.

a b

a Birkenpollen. Foto: © lochstampfer/fotolia.com


b Insektengift. Foto: © ChirSes/fotolia.com

Abb. 5.3Hypersensitivitätsreaktion vom Typ I (Soforttyp).

1. Kontakt: Sensibilisierung 2. Kontakt: Freisetzung von


Histamin und Mediatoren Gefäße
Weitstellung
lösliches Antigen Permea-
bilität
Bildung von IgE-Rezeptor
IgE-Antikörpern
Haut
Juckreiz
Histamin Ödem-
bildung
Rötung

Bronchien
Broncho-
B-Zelle konstriktion

Mastzelle Darm
Peristaltik

IgE-gebundene Antigene lösen die Freisetzung von Histamin und anderen Mediatoren aus Mastzellen aus. Histamin bewirkt an den
verschiedenen Organsystemen die typischen Allergiereaktionen.

Die Mediatoren docken an Zellen an, die für sie passende Blutgefäße sich weit stellen, die kleinen Blutgefäße durch-
Rezeptoren besitzen, und rufen dadurch bestimmte Reakti- lässig werden für Flüssigkeit und die sensiblen Nervenendi-
onen hervor. So führt an sog. Histaminrezeptoren (hier: H1- gungen in der Haut gereizt werden.
Rezeptoren) gebundenes Histamin u. a. dazu, dass sich die Beispiele: allergische Rhinitis (Heuschnupfen), allergische
Bronchien verengen, die Darmperistaltik gesteigert wird, die Konjunktivitis, allergisches Asthma bronchiale.

100
Störungen in der Funk­tionsweise des Immunsystems

Die meisten Allergien sind relativ harmlos, eine allergi-


sche Reaktion kann aber auch zu einem lebensbedrohlichen 2. Hypersensitivitätsreaktion Typ II = zytotoxische Re-
Zustand (anaphylaktischer Schock) führen. aktion: Antikörper verbinden sich mit Zellen, die ent-
sprechende Antigene an ihrer Oberfläche tragen; die
Blitzlicht Pflege  Latexallergie dadurch markierten Zellen werden zerstört. Beispiel:
Eine Latexallergie ist v. a. in Gesundheitsberufen häufig. Durch Transfusionszwischenfall
das Tragen von latexhaltigen Schutzhandschuhen ist insbeson- 3. Hypersensitivitätsreaktion Typ III = Immunkomplex-
dere medizinisches Personal betroffen. Latex ist allerdings in reaktion: Immunkomplexe entstehen aus frei zirkulie-
fast allen gut dehnbaren Materialien enthalten, z. B. Kathetern, renden Antigenen und Antikörpern und lagern sich im
Infusionssystemen, Spritzkolben, Kompressionsstrümpfen, Latex- Gewebe ab. Beispiel: Lupus erythematodes
matratzen, Kondomen, Schnullern. Betroffene Patienten zeigen 4. Hypersensitivitätsreaktion Typ IV = Allergie vom
häufig Kreuzallergien mit Früchten. Spättyp: Immunreaktionen von T-Zellen, die auf be-
Prävention: Um einer Latexallergie vorzubeugen, sollte man stimmte Antigene sensibilisiert sind und beim erneuten
ungepuderte Latexhandschuhe tragen (die Puderpartikel sind Kontakt eine Entzündungsreaktion mit Zerstörung der
Allergene, die aufgewirbelt und eingeatmet werden), Latexalter- Zielzelle auslösen. Beispiel: Kontaktallergien
nativen nutzen (z. B. Kunststoffhandschuhe) und die Tragezeiten
möglichst reduzieren. Kreuzallergie
Eine Kreuzallergie kommt zustande, wenn IgE, die gegen ein
Hypersensitivitätsreaktionen Typ II–IV
Allergen gerichtet sind, auch ein zweites Allergen als fremd
Typ II: zytotoxische Reaktion • Hier verbinden sich Antikör- erkennen. Dies kann passieren, wenn sich die Oberflächen-
per (IgG, IgM) mit Zellen, die Antigene an ihrer Oberfläche eigenschaften der Allergene ähneln. Ein typisches Beispiel
tragen. Dadurch werden diese Zellen „markiert“. Immunzel- ist die Kreuzallergie zwischen Nahrungsmitteln wie Äpfeln
len erkennen diese Markierungen als körperfremd und zer- und Birkenpollen. Patienten, die gegen Birkenpollen sensi-
stören sie (Zytolyse). bilisiert sind, können beim Verzehr von Äpfeln allergische
Typ-II-Reaktionen betreffen v. a. das Blutsystem. Ein Bei- Symptome entwickeln. Auch zwischen Latex und exotischen
spiel für diese Reaktion sind Transfusionszwischenfälle, Früchten (z. B. Kiwis, Avocados, Bananen) kann eine derartige
wenn nicht passende Bluttransfusionen verabreicht werden, Kreuzallergie entstehen.
AB0-Kompatibilität (S. 678).
Pseudoallergie und Unverträglichkeiten
Typ III: Immunkomplexreaktion • Hier richten sich die Anti-
Beide Rektionen müssen von einer allergischen Reaktion
körper gegen im Blut frei zirkulierende Antigene. Eine solche
unterschieden werden:
Verbindung aus Antigenen und Antikörpern bezeichnet man
als Immunkomplex. Die Komplexe lagern sich im Gewebe ab
Pseudoallergie • Eine Pseudoallergie ist keine immunologi-
und verursachen Schäden, da sie verschiedene Reaktionen
sche Reaktion. Sie wird durch bestimmte Substanzen ausge-
(z. B. Komplementreaktion) in Gang setzen. Ein Beispiel ist
löst, die zu einer direkten Ausschüttung von Histamin (und
der Lupus erythematodes (S. 831).
anderen biogenen Aminen) führen. Es sind weder IgE-Anti-
körper daran beteiligt, noch muss der Organismus sensibili-
Typ IV: Spätreaktion • Hierbei handelt es sich um Immunre-
siert worden sein. Mögliche Auslöser sind
aktionen von T-Zellen, die wie die Typ-I-Reaktion eine vor-
●● Substanzen in bestimmten Nahrungsmitteln (z.  B. Käse,
ausgehende Sensibilisierung erfordern. Beim 1. Kontakt mit
Wein, Schokolade)
dem Antigen erkennt das Immunsystem dieses als fremd
●● Konservierungsstoffe
und beginnt, Immun- und Gedächtniszellen zu bilden. Die-
●● verschiedene Arzneimittel (z. B. nicht steroidale Antirheu-
se Phase wird Sensibilisierungsphase genannt und verläuft
matika wie ASS, Opiate, Muskelrelaxanzien, Kontrastmittel)
ohne Symptome über einen Zeitraum von mehreren Wo-
chen. Beim 2. Kontakt mit dem Antigen lösen die zuvor sen-
Pseudoallergische Reaktionen sind dosisabhängig, d. h., je
sibilisierten Zellen eine Entzündungsreaktion aus, die dazu
höher die Dosis, desto schwerer die Reaktion.
führt, dass die Zielzelle zerstört wird (Auslösephase). Da die
Reaktion verzögert einsetzt, spricht auch von einer Aller-
Unverträglichkeiten • Sie sind auf einen Enzymmangel zu-
gie vom Spättyp. Typisches Beispiel sind Kontaktallergien
rückzuführen und sind damit auch nicht immunologisch
(S. 1020), z. B. gegen Chrom oder Nickel.
bedingt. Es handelt sich um sog. Intoleranzreaktionen. Ein
typisches Beispiel ist die Laktoseintoleranz (S. 438), bei der
WISSEN TO GO Laktose aufgrund eines Laktasemangels nicht aufgespalten
werden kann, was nach dem Konsum von milchhaltigen
Produkten zu Blähungen und Durchfall führt.
Überreaktionen des Immunsystems (Allergien)
1. Hypersensitivitätsreaktion Typ I = Allergie vom So-
forttyp. Die Reaktion wird durch IgE vermittelt. Eine
vorausgehende Sensibilisierung ist nötig, bei der IgE-
Antikörper an Mastzellen und Basophilen binden. Bei
erneutem Antigenkontakt kommt es innerhalb von Mi-
nuten zur Freisetzung von Histamin aus diesen Zellen.
Beispiele: allergische Rhinitis, allergische Konjunktivitis.

101
5 Grundlagen des Immunsystems

Abb. 5.4Hypersensitivitätsreaktionen vom Typ II bis IV.

a zytotoxische Reaktion (Typ II)

zellgebundenes Zerstörung der


Antigen Komplement antigentragenden Zelle

Aktivierung des
Komplementsystems
Erythrozyt
IgG

b Immunkomplexreaktion (Typ III)

Entzündungs-
zellen Blut-
wandern ins gefäß
lösliches Antigen Gewebe
+ Immunkomplexe
lagern sich im
Gewebe ab
Immunkomplexe Komplement
IgG
im Blut
c Spätreaktion (Typ IV)

1. Kontakt 2. Kontakt Zytokine Aktivierung von:


MHC II

Makrophagen

B-Zellen
Bildung von
T-Zell-Rezeptor Antikörpern

antigenpräsentierende T-Helferzelle zytotoxischen


Zelle (APZ) aktivierte T-Helferzellen T-Zellen

a Typ II: zytotoxische Reaktion. Durch Bindung von Antikörpern an antigentragenden Zellen kommt es zur Komplementaktivie-
rung, die Zelle wird zerstört.
b Typ III: Immunkomplexreaktion. Im Blut zirkulierende Antigene und Antikörper lagern sich zu Immunkomplexen zusammen. Sie
lösen die Komplementaktivierung aus, was zur Schädigung der Kapillarwände führt und Entzündungszellen das Einwandern ins
umgebende Gewebe ermöglicht.
c Typ IV: Spätreaktion. Bereits einmal mit dem Antigen in Kontakt gekommene T-Zellen setzen bei erneutem Kontakt Zytokine frei,
die weitere Immunreaktionen auslösen.

Symptome
WISSEN TO GO
Typ-I-Allergie

Pseudoallergie und Unverträglichkeiten Sofortreaktionen werden häufig ausgelöst durch Pollen und
andere Inhalationsallergene (z. B. Tierhaare, Hausstaub), In-
●● Pseudoallergie = nicht immunologisch ausgelöste aller- sektengifte, Nahrungsmittel oder Latex.
gietypische Symptome. Bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Die Symptome treten unmittelbar nach dem zweiten Al-
Käse, Wein, Schokolade) bzw. bestimmte Medikamente lergenkontakt auf. Sie können lokal begrenzt sein oder in
(z. B. ASS) führen zu einer Histaminausschüttung oder schweren Fällen systemisch auftreten. Systemische Reakti-
einem unzureichenden Histaminabbau ohne Beteiligung onen können lebensbedrohlich werden.
von Antikörpern und ohne vorherige Sensibilisierung. ●● lokale Allergie: Die meisten Allergien machen sich be-
●● Unverträglichkeiten = allergietypische Symptome merkbar an den Augen (Augentränen, Augenbrennen,
durch einen Enzymmangel (Intoleranzreaktionen). Typi- Konjunktivitis), der Nase (Nasenlaufen, Schnupfen), der
sches Beispiel ist die Laktoseintoleranz. Haut (Juckreiz, Quaddelbildung = Urtikaria, Rötung), den
Atemwegen (verengte Bronchien und Atemnot) und dem
Gastrointestinaltrakt (Übelkeit, Durchfall).
●● systemische Allergie: Im Extremfall droht bei Reaktion
des gesamten Körpers die Gefahr eines anaphylaktischen

102
Störungen in der Funk­tionsweise des Immunsystems

Tab. 5.3  Symptome bei einer anaphylaktischen Reaktion. Typ-II- und Typ-III-Allergie
Eine Typ-II-Allergie macht sich häufig am Blutsystem be-
Schweregrad merkbar. Sie äußert sich mit einer immunologisch beding-
ten Hämolyse, einer Neutropenie und einer Thrombozyto-
1 leichte Die Patienten sind unruhig, es sind penie. Typisches Beispiel ist die Transfusionsreaktion.
Allgemein- großflächige Rötungen an Hals,
Die Typ-III-Reaktion kann lokal auftreten, z. B. an der Lun-
reaktion Gesicht und Oberkörper sichtbar
ge wie bei der exogen-allergischen Alveolitis, oder gene-
(„Flush“). Sie klagen außerdem über
Urtikaria (Quaddeln, Nesselsucht), ralisiert sein wie bei der allergischen Vaskulitis oder einer
geschwollene Schleimhäute und Glomerulonephritis (S. 535) beim systemischen Lupus ery-
Juckreiz. thematodes (S. 831).

2 ausge- Neben den oben genannten Sym- Typ-IV-Allergie


prägte ptomen kommt es zu Tachykardie,
Diese Allergieform tritt v. a. an der Haut auf. Das typische
Allgemein- Blutdruckabfall und Atemnot, Übel-
reaktion keit und Erbrechen.
Beispiel ist die allergische Kontaktdermatitis (S. 1020) durch
nickelhaltige Schmuckstücke, z. B. Ohrringe, aber auch durch
Inhaltsstoffe in Salben, Desinfektionsmitteln oder Duftstof-
3 bedrohli- Es kommt zu schweren Broncho-
fen. Aber auch die Tuberkulinreaktion im Rahmen der Tu-
che Allge- spasmen, Fieber und Schüttelfrost,
meinreak- Kreislaufschock und Bewusstseins- berkulosediagnostik oder die akute Transplantatabstoßung
tion trübung. (S. 98) sind eine Typ-IV-Allergie.
Typisch für die Typ-IV-Allergie ist, dass sie verzögert auf-
4 vitales Kreislaufstillstand (Reanimations- tritt.
Organver- pflichtigkeit!)
sagen Diagnostik
Bei der allergologischen Diagnostik geht es hauptsächlich
darum, das auslösende Antigen zu identifizieren. Je nach
Schocks (S. 256) mit Blutdruckabfall, ggf. sogar Kreislauf-
vermutetem Auslöser können verschiedene Allergietestun-
und Atemstillstand. ▶ Tab. 5.3 zeigt die möglichen Symp-
gen weiterhelfen.
tome und Schweregrade beim Ablauf einer anaphylakti-
schen Reaktion.
Allergieanamnese
ACHTUNG Der erste Schritt ist immer eine ausführliche Allergie­
Je schneller sich nach Kontakt mit dem Allergen die Symptome anamnese. Der Patient wird gezielt danach gefragt, ob ihm
einer anaphylaktischen Reaktion entwickeln, desto wahrscheinli- ein zeitlicher Zusammenhang zwischen dem Kontakt mit
cher sind schwere Komplikationen. Der allergische Schock ist ein bestimmten Substanzen (z. B. Tierhaaren, Pollen) und dem
Notfall, bei dem sofort gehandelt werden muss. Auftreten seiner Symptome aufgefallen ist. Auf diese Weise
kann die Zahl der möglichen Allergene, auf die der Patient
Blitzlicht Pflege  Anaphylaxie anschließend getestet wird, deutlich eingeschränkt werden.
Bei einer anaphylaktischen Reaktion schnell reagieren, Arzt in- Da v. a. der häufigen Typ-I-Allergie eine vererbbare erhöhte
formieren. Bei Schocksymptomatik Patient in Schocklage bringen Allergiebereitschaft zugrunde liegt, sollte immer eine ge-
bzw. in Oberkörperhochlage bei Atemnot. Unterbrechen Sie die naue Familienanamnese erhoben und nach dem Vorliegen
Allergenzufuhr, z. B. bei einer Antibiotikainfusion. Beruhigen Sie weiterer atopischer Erkrankungen (z. B. Heuschnupfen, Neu-
den Patienten. Notfallmaßnahmen und ggf. Reanimation einlei- rodermitis) gefragt werden.
ten.

WISSEN TO GO
Alles blüht – für Betroffene eine Qual!
Hauttests
Typ-I-Allergie
Hauttestungen weisen eine vorhandene Sensibilisierung
Die Symptome können entweder lokal oder systemisch nach. Dabei werden mögliche allergieauslösende Substan-
(lebensbedrohlich) auftreten. Ursachen sind in erster Linie zen auf die Haut aufgebracht. Besteht eine Sensibilisierung,
Inhalationsallergene wie Pollen oder Hausstaub, daneben erfolgt an der jeweiligen Stelle eine lokale allergische Reak-
auch Insektengifte oder Nahrungsmittel. tion (Hautrötung, Quaddelbildung). Dies muss aber nicht be-
Lokale Reaktionen treten v. a. an den Augen (Konjunkti- deuten, dass eine klinisch relevante Allergie besteht.
vitis), der Nase (Rhinitis), der Haut (Jucken, Rötung, Quad- Man unterscheidet Intrakutantests, die allergische Sofort-
deln), dem Bronchialsystem (Atemnot) und dem Gastroin- reaktionen (Typ-I-Reaktionen) nachweisen, von Epikutan-
testinaltrakt (Durchfall) auf. tests, die für Kontaktallergien (Typ-IV-Reaktion) geeignet
Systemische Symptome können von einer leichten sind. Bei den Intrakutantests werden Probelösungen, die die
Allgemeinreaktion (Unruhe, Hautrötungen, Urtikaria, ge- zu testenden Allergene enthalten, in die Haut eingebracht.
schwollene Schleimhäute und Juckreiz) bis hin zum ana- Hierzu gehören der am häufigsten eingesetzte Prick-Test,
phylaktischen Schock mit Herz-Kreislauf-Versagen reichen. der Scratch-Test und der Intradermaltest. Der Epikutan-
Wichtig bei bekannter Anaphylaxie: Notfallausweis und test (Patch-Test) überprüft Kontaktallergien des Spättyps
Notfallset (S. 105)! (Typ 4).

103
5 Grundlagen des Immunsystems

Prick-Test und Scratch-Test • Durchführung: Die Innensei- Blitzlicht Pflege  Hauttests


te des Unterarms des Patienten wird mit einem Raster in Hier haben Sie als Pflegende wichtige Aufgaben: Beobachten Sie
verschiedene Areale eingeteilt und beschriftet. Beim Prick- den Patienten während des Tests durchgehend und informieren
Test werden die verschiedenen Antigen-Testlösungen zuerst Sie unverzüglich einen Arzt, wenn der Patient Unruhe oder Un-
tropfenweise auf die Areale getupft. Mit einer Lanzette wird wohlsein äußert oder wenn Zeichen der anaphylaktischen Reak-
anschließend die Haut unter den Tropfen leicht eingeritzt, tion auftreten. Notfallausrüstung bereithalten!
sodass die Allergene in die Haut eindringen können (▶ Abb.
5.5a). Beim Scratch-Test macht man es umgekehrt: Zuerst Blutuntersuchungen
wird eingeritzt, dann werden die Testlösungen aufgetragen.
Der restliche Ablauf der Tests ist ähnlich: Um zu sehen, wie Im Blut finden sich bei einer Typ-I-Allergie oftmals eine Er-
bei dem betroffenen Patienten eine Negativreaktion aus- höhung der eosinophilen Granulozyten (Eosinophilie) sowie
sieht, wird auch eine Lösung ohne Allergene aufgebracht ein erhöhtes Gesamt-IgE. Diese Befunde beweisen jedoch
(NaCl; Negativkontrolle). Als Positivkontrolle wird eine Hist- noch keine Allergie, da sie auch bei anderen Erkrankungen,
aminlösung verwendet. z. B. bei Infektionen mit Parasiten, vorkommen können.
Auswertung: Nach 20 Minuten wird der Test abgelesen, an Andere Tests sind hochspezifisch für bestimmte Allergien.
der Stelle der Positivkontrolle bildet sich auf jeden Fall eine So kann man zum Beispiel allergenspezifische IgE-Antikör-
Quaddel – falls das nicht geschieht, ist der Test ungültig und per für Birkenpollen oder andere Allergene im Serum nach-
muss wiederholt werden. Mit der Positivreaktion können weisen. Ein wichtiger Test, der dies ermöglicht, heißt Radio-
nun die anderen Felder verglichen werden: Gegen Allerge- Allergo-Sorbent-Test (RAST). Der Test zählt jedoch nicht zur
ne, bei denen sich eine ähnliche Reaktion ausbildet, ist der Routinediagnostik. Ebenfalls nicht routinemäßig, sondern
Patient allergisch. ▶ Abb. 5.5b zeigt eine positive Reaktion nur in bestimmten Fällen kann man die Histaminfreisetzung
beim Scratch-Test. nachweisen.
Bei Typ-II- und Typ-III-Reaktionen kann man die bestimm-
Intradermaltest • Bei diesem Test werden genau 0,02  ml ten Antikörper im Blut nachweisen. Bei der Typ-IV-Reaktion
Testlösung mit einer Spritze intrakutan in die Haut injiziert. kann man mit dem Lymphozytenstimulationstest nachwei-
Ähnlich wie beim Prick- und Scratch-Test werden positive sen, ob die T-Lymphozyten sensibilisiert wurden.
und negative Reaktionen auf die Antigene verglichen.
Provokationstests
Patch-Test • Die Testsubstanzen werden mit speziellen Diese Tests werden heute sehr zurückhaltend eingesetzt,
Pflastern auf einem Stück gesunder Haut, meist auf dem Rü- da erhebliche und auch gefährliche Reaktionen auftreten
cken des Patienten, angebracht. Dort verbleiben sie 2 Tage können. Alternative diagnostische Methoden wie z. B. Blut-
(48 Stunden), danach wird der Test ausgewertet. Nach 72 untersuchungen können in vielen Fällen die gewünschten
Stunden wird der Test noch einmal abgelesen. Der Test ist Ergebnisse auf eine ungefährlichere Art und Weise erbrin-
positiv, wenn sich ein Ekzem gebildet hat (Hautrötung, Bläs- gen. Provokationstests sind v. a. hilfreich, wenn starke Unter­
chen, Papel). schiede zwischen den klinischen Symptomen und den Be-
funden in der Blutuntersuchung bestehen.
ACHTUNG Die Allergene werden bei den Provokationstests auf na-
Auch wenn i. d. R. die allergische Reaktion lokal begrenzt ist, kann türliche Weise verabreicht. Will man eine allergische Rhi-
es selten zu einer systemischen Reaktion mit den Symptomen nitis nachweisen, bringt man das Allergen in die Nase ein,
eines allergischen Schocks (bis hin zum Kreislaufversagen) kom- zum Nachweis einer allergischen Reaktion der Bronchien
men. lässt man den Patienten das Allergen inhalieren und zur
Abklärung von Nahrungsmittelallergien wird das Allergen
geschluckt.

Abb. 5.5Intrakutantests.

a b

a Prick-Test. Auf der Innenseite des Unterarms werden Tropfen der Testlösungen aufgebracht. Anschließend wird mit einer feinen
Lanzette eingestochen. Daneben wird eine Positivkontrolle mit einem Tropfen Histamin (H) und eine Negativkontrolle mit einem
Tropfen NaCl (N) gemacht.
b Scratch-Test. Man sieht eine positive Hautreaktion mit Ausbildung einer Quaddel und deutlicher Rötung nach einem Scratch-Test
mit Hirse.
Aus: Moll, Duale Reihe Dermatologie, Thieme, 2010.

104
Störungen in der Funk­tionsweise des Immunsystems

Blitzlicht Pflege  Begleitung von Allergikern


WISSEN TO GO Mit Patienten, die schon einmal einen anaphylaktischen Schock
erlitten haben, sollte besprochen werden, wie sie die Allergene
in Zukunft bestmöglich meiden können. Sie sollten zur Sicherheit
Allergietestung
jederzeit einen Notfallausweis und ein Notfallset mit sich führen.
In der Allergiediagnostik kommen neben der ausführlichen Regen Sie die Patienten zur Teilnahme an Schulungen an, z. B. der
Anamnese folgende Tests zur Anwendung: Arbeitsgruppe „Anaphylaxie“ der Deutschen Gesellschaft für All-
●● Intrakutantests (Prick-Test, Scratch-Test, Intradermal- ergologie und Klinischen Immunologie.
test) für allergische Sofortreaktionen
●● Epikutantests (Patch-Test) für Kontaktallergien des Spät- Medikamentöse Therapie
typs
●● Blutuntersuchungen (Eosinophilie, erhöhtes Gesamt-
Medikamentöse Therapien bei Allergikern haben die Auf-
IgE, Allergennachweis mittels RAST) gabe, die Reaktion des Immunsystems auf das Allergen ab-
●● Provokationstests, vor allem bei Erkrankungen der
zumildern. Verwendet werden vor allem Antihistaminika
Atemwege und Nahrungsmittelallergien (zurückhalten- (S. 110), Glukokortikoide (S.  108) und Mastzellstabilisa-
der Einsatz wegen Anaphylaxiegefahr) toren (S. 111) wie Cromoglycinsäure (DNCG = Di-Natri-
um-Cromo-Glycinsäure). Inhalative β-Sympathomimetika
(S. 387) helfen bei Allergien mit Bronchospasmus (allergi-
Therapie sches Asthma). Im anaphylaktischen Schock wird außerdem
Adrenalin (S. 292) verabreicht.
ACHTUNG
Allergiker müssen immer einen Allergieausweis mit sich führen.
Notfallset
Vermeidung des Allergens: Expositionsprophylaxe Patienten, bei denen eine Allergie mit Neigung zu anaphy-
laktischen Reaktionen bekannt ist (häufig bei Nahrungsmit-
Die einfachste und wichtigste Methode zur Therapie von
tel- oder Insektengiftallergie), sollten immer ein Notfallset
Allergien ist die Allergenkarenz. Betroffenen wird geraten,
zur Selbstbehandlung bei sich tragen. Enthalten sollte es ein
sich vom auslösenden Allergen fernzuhalten. Das funktio-
orales Antihistaminikum mit raschem Wirkungseintritt und
niert oft gut bei Allergien gegen einzelne Nahrungsmittel.
ein orales Glukokortikoid (Ampullen zum Trinken), ein in-
Problematisch sind Allergene, denen man nicht ausweichen
halatives β-Sympathomimetikum und Adrenalin (inhalativ
kann, wie z. B. Pollen. Auch bestimmte chemische Stoffe oder
oder i. m.).
Nahrungszusätze kann man oft schlecht meiden. Einen be-
sonders großen Eingriff ins Leben eines Patienten stellt die
Hyposensibilisierung
Expositionsprophylaxe dar, wenn seine berufliche Tätigkeit
den Kontakt mit dem Allergen erfordert: Dann kann eine Die sog. Hyposensibilisierungstherapie wird bei Typ-I-Aller-
Allergenkarenz bisweilen einen gravierenden Einschnitt ins gien eingesetzt. In manchen Fällen gelingt es dadurch, die
Leben bedeuten. ▶ Tab. 5.4 zeigt Beispiele für Maßnahmen Allergie dauerhaft zu kontrollieren.
zur Expositionsprophylaxe. In den meisten Fällen wird die subkutane spezifische
Immuntherapie (SCIT) angewendet, bei der das Allergen
regelmäßig in zunächst extrem geringer und dann anstei-
gender Menge über einen sehr langen Zeitraum subkutan
gespritzt wird. Man versucht durch die gezielte Konfronta-
tion des Immunsystems mit dem Allergen, die Bildung von

Tab. 5.4  Beispiele für Expositionsprophylaxe-Maßnahmen.

Allergie Maßnahmen zur Expositionsprophylaxe

Insektengiftallergie Schutzmaßnahmen durch Tragen langer Kleidung, Meidung von Gefahrensituationen (Essen
im Freien, Barfußlaufen), konsequente Anwendung von Insektensprays.

Hausstauballergie (Milbenallergie) Eine Hausstauballergie wird durch Milben hervorgerufen, die im Staub leben. Gegen sie helfen
spezielle hypoallergene Bettwäsche und Haushaltstextilien, geachtet werden muss auf gute
Belüftung und regelmäßige Reinigung der Böden und Haushaltstextilien. Vor allem Stofftiere
(am besten mit Schaumstofffüllung) sind regelmäßig von Milben zu reinigen, z. B. durch Wa-
schen oder längere Aufenthalte im Gefrierfach. Zimmerpflanzen und Haustiere können eine
Hausstauballergie verschlimmern.

Pollenallergie („Heuschnupfen“) Vermeidung von Aufenthalten im Freien zu Zeiten stärksten Pollenflugs (Pollenkalender!),
kein Aufhängen der Wäsche im Freien. Vermeidung von Beschwerden in Innenräumen und in
der Nacht: Pollen haften an Kleidung und Haaren, Kleidung sollte daher am besten nicht im
Schlafzimmer ausgezogen und gelagert werden, Haare sollten abends gewaschen werden.
Lüften am besten spät abends oder früh morgens, wenn wenige Pollen unterwegs sind.

Nahrungsmittelallergie Die Patienten sollten eine Ernährungsberatung erhalten. Entscheidend sind genaue Informa-
tionen, in welchen Nahrungsmitteln das Allergen enthalten ist, dann strikte Vermeidung. Im
Restaurant/beim Einkaufen gezielt nach den Inhaltsstoffen fragen! Bei Kindern ist auch die
Einbeziehung und Information der Umwelt (Lehrer, Erzieher, Eltern von Freunden) wichtig.

105
5 Grundlagen des Immunsystems

IgE-Antikörpern zu reduzieren, damit IgG statt IgE gebildet vom Typ II oder III (S. 101), die bereits im Rahmen der Al-
wird. Dadurch sollen die schweren IgE-vermittelten Reakti- lergien beschrieben wurden.
onen vermieden und die Bekämpfung des Allergens durch
IgG eingeleitet werden. Beispiele für Autoimmunerkrankungen
ACHTUNG Fast alle Organe und Gewebe können von einer Autoim-
Wichtig ist bei jeder Allergengabe die sehr gute Überwachung munreaktion betroffen sein (▶ Abb. 5.6). Mittlerweile gibt
des Patienten über mindestens eine halbe Stunde mit Bereitschaft es mehr als 60 Erkrankungen, die auf autoimmunogene Pro-
zur Schocktherapie (Notfallset!). zesse zurückzuführen sind. Bei einigen können spezifische
„kranke“ Antikörper im Blut nachgewiesen werden.

WISSEN TO GO Organspezifische Autoimmunerkrankungen


●● Schilddrüse: Hier werden die Zellen der Schilddrüse an-
Therapie und Prophylaxe bei Allergien gegriffen und zerstört. Wichtige Beispiele sind Morbus
●● Expositionsprophylaxe (Allergenkarenz), z. B. durch Basedow (Immunhyperthyreose, S. 605) und Hashimoto-
lange Kleidung gegen Insekten, Meidung bestimmter Thyreoiditis (Autoimmunthyreoiditis, S. 608).
●● Diabetes mellitus Typ 1 (S. 629): Hier richten sich Auto-
Nahrungsmittel, Reduzierung von Hausstaub
●● Medikamente (z.  B. Antihistaminika, Glukokortikoide, antikörper gegen die insulinproduzierenden β-Zellen der
Mastzellstabilisatoren wie Cromoglycinsäure, inhalative Bauchspeicheldrüse und zerstören sie.
●● Myasthenia gravis (S. 919): Autoantikörper richten sich
β-Sympathomimetika, im anaphylaktischen Schock auch
Adrenalin gegen die Rezeptoren der Signalübertragung am Muskel.
●● Autoimmunhämolyse: Autoantikörper richten sich gegen
●● Notfallset (enthält ein Antihistaminikum oder Glukokor-
tikoid sowie eine Adrenalin-Fertigspritze und ein inhala- Erythrozyten und führen zu deren schnellerem Abbau.
●● Typ-A-Gastritis (S. 429): Ursächlich sind Autoantikörper
tives β-Sympathomimetikum)
●● Hyposensibilisierung: Wird bei allergischen Sofortreak-
gegen den Intrinsic Factor. Dieser wird in den Belegzellen
tionen eingesetzt und als subkutane spezifische Immun- des Magens gebildet und für die Aufnahme von Vitamin
therapie durchgeführt. Durch die Zufuhr des Allergens in B12 benötigt.
●● Autoimmunhepatitis (S.  470): Autoantikörper gegen Be-
ansteigender Dosierung versucht man, die IgE-vermittel-
ten schweren Reaktionen zu reduzieren. standteile von Leberzellen.
●● Uveitis (S. 956): Bei diesen Erkrankungen des Auges sind
Zellen der Regenbogenhaut, des Ziliarkörpers bzw. der
5.2.3  Autoimmunerkrankungen weißen Lederhaut die Zielstrukturen der Autoantikörper.
●● multiple Sklerose (S.  891): Autoantikörper gegen die
Definition  Autoimmunerkrankungen Markscheiden von Nervenzellen im ZNS.
Bei einer Autoimmunerkrankung richtet der Körper seine
Immun­abwehr gegen körpereigene Strukturen, die fälschlicher- Systemische Autoimmunerkrankungen
weise als fremd erkannt werden, und bildet Autoantikörper.
●● Rheumatoide Arthritis (S. 827): Hier richten sich Auto­
Auto­immunerkrankungen können in allen Organsystemen auf-
anti­körper gegen Gelenkknorpelzellen.
treten, sie können dabei lokal begrenzt bleiben oder den gesam-
●● Kollagenosen (S. 1026): Hier liegen die Zielstrukturen der
ten Körper betreffen.
Autoantikörper im Bindegewebe:
––systemischer Lupus erythematodes (SLE, S. 831)
Pathophysiologie ––progressive systemische Sklerose (S. 833)
Die Ursache von Autoimmunerkrankungen ist unklar. Man ––Sjögren-Syndrom (S. 836)
geht heutzutage jedoch davon aus, dass eine Kombination ––Polymyositis und Dermatomyositis (S. 835)
aus genetischer Vorbelastung und Umweltfaktoren zur Aus- ●● Autoimmunerkrankungen der Gefäße: Auch die primären

bildung von Autoimmunerkrankungen beiträgt. Viele Auto- Vaskulitiden (S. 286) spielen sich systemisch ab. Man un-
immunerkrankungen zeigen eine Assoziation mit bestimm- terscheidet Vaskulitiden kleiner, mittelgroßer und großer
ten HLA-Molekülen (S. 93), was die Bedeutung der geneti- Blutgefäße; es können Zellen aller oder nur einzelner Ge-
schen Komponente unterstreicht. Wichtige Umweltfaktoren fäßwandabschnitte (Intima, Media, Adventitia) betroffen
sind Infektionen und hormonelle Einflüsse (Frauen leiden sein.
häufiger an Autoimmunkrankheiten als Männer).
Diagnostik
Der eigene Körper ist fremd. Die Verdachtsdiagnose beruht auf einer ausführlichen Ana-
mnese und der körperlichen Untersuchung. Je nach Verdacht
werden dann weiterführende Untersuchungen veranlasst.
Pathophysiologisch kommt es zur Fehlregulierung des Im- Autoantikörper können bei vielen Autoimmunerkran-
munsystems, welches die Fähigkeit verliert, körpereigene kungen durch eine Blutuntersuchung nachgewiesen wer-
Zellen von körperfremden Bestandteilen zu unterscheiden: den: entweder spezifische Autoantikörper gegen ganz
Der Körper immunisiert sich quasi gegen sich selbst und bil- bestimmte Strukturen (z. B. der TRAK-Antikörper = TSH-
det Antigene gegen körpereigene Strukturen (Autoantigene). Rezeptor-Autoantikörper beim Morbus Basedow) oder
Die Autoantigene und spezifisch sensibilisierte T-Lympho- ­Auto-Antikörper gegen Strukturen, die im gesamten Körper
zyten greifen in der Folge körpereigene Strukturen an, was vorkommen (z. B. ANCA = Anti-Neutrophilen-Cytoplasma-
zu einer chronischen Entzündung führt. Meistens handelt es Autoantikörper). Bei den Betroffenen sind häufig auch die
sich bei dieser Reaktion um eine Hypersensitivitätsreaktion Entzündungswerte wie CRP (C-reaktives Protein) oder BSG

106
Störungen in der Funk­tionsweise des Immunsystems

Abb. 5.6Beispiele für Autoimmunerkrankungen.

Antikörper gegen

Thyreoglobulin B-Zelle des Pankreas Acetylcholinrezep- Erythrozyten Intrinsic Factor


TSH-Rezeptor (Bauchspeicheldrüse) toren der Skelett- im Magen
muskulatur

Hashimoto-
Thyreoiditis Diabetes Myasthenia gravis Hämolyse atrophische Gastritis
Morbus mellitus
Basedow

Leberzellen Zellen der Regen- Markscheiden der Gelenkknorpelzelle Zellen der


bogenhaut, des Nervenfasern Gefäßwand
Ziliarkörpers bzw.
der Lederhaut

Autoimmunhepatitis Uveitis multiple Sklerose rheumatoide Vaskulitis


Arthritis

Die verschiedenen Erkrankungen werden durch vielfältige Autoantikörper gegen jeweils unterschiedliche körpereigene Strukturen ausgelöst.

(Blutsenkungsgeschwindigkeit) im Blut erhöht. Bei Autoim- der Therapie ist es, die Symptome zu bekämpfen und den
munerkrankungen mit Immunkomplexbildung ist das Kom- Verlauf der Erkrankung zu verzögern.
plement dar­über hinaus erniedrigt, da die Immunkomplexe
Komplement binden. Oft sind auch die Immunglobuline un- Blitzlicht Pflege  Autoimmunerkrankungen
spezifisch vermehrt. Autoimmunerkrankungen nehmen meist einen chronischen Ver-
Mit immungenetischen Methoden kann man den HLA-Typ lauf mit aktiven Schüben der Krankheit, in denen die Symptoma-
feststellen. tik verstärkt vorhanden ist. Die Patienten müssen meist regel-
Je nach Krankheitsbild und betroffenen Organen werden mäßig immunsuppressive Medikamente einnehmen, um akute
weitere diagnostische Methoden wie Ultraschall, Röntgen, Schübe möglichst zu verhindern. Eine gesunde Lebensweise ist
CT etc. hinzugezogen. Die Diagnose kann mithilfe einer Bi- bei diesen Patienten sehr wichtig.
opsie endgültig gesichert werden.

Therapie und Prognose WISSEN TO GO


Die Therapie ist sehr vielfältig, sie richtet sich nach den be-
Autoimmunerkrankungen
troffenen Organen und den Symptomen der jeweiligen Er-
krankung. Meist werden mehrere Medikamente kombiniert Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich die Immun­
und die Therapie muss über einen längeren Zeitraum oder abwehr gegen körpereigene Strukturen und bildet Auto­
sogar lebenslang durchgeführt werden. antikörper. Auslöser für eine Autoimmunerkrankung
Organspezifische Autoimmunerkrankungen können sind genetische Faktoren (Assoziation mit bestimmten
durch die Substitution des fehlenden Hormons (z. B. Schild- ­HLA-Typen) und Umwelteinflüsse (z. B. Infektionen, Hor-
drüsenhormone, Insulin) bzw. Vitamins (Vitamin B12) sowie mone).
durch die Blockade spezifischer Funktionen (z. B. Thyreo- Autoimmunerkrankungen können in fast allen Organen
statika bei Morbus Basedow) behandelt werden. Bei den auftreten, entweder lokalisiert (z. B. Diabetes mellitus)
systemischen Autoimmunkrankheiten ist es wichtig, die oder systemisch (z. B. Kollagenosen).
überschießende Antwort des Immunsystems zu hemmen.
Eingesetzt werden dabei entzündungshemmende Medika-
mente wie Glukokortikoide und in schweren Fällen zusätz- 5.2.4  Transplantatreaktionen
liche Immunsuppressiva = Zytostatika (S. 111). In einigen
Fällen (z. B. bei der rheumatoiden Arthritis) können auch Transplantationen und ihre Risiken werden im Kap. „Blut
sog. Biologika (S. 111) eingesetzt werden, die gezielt gegen und Immunsystem“ (S. 730) besprochen.
bestimmte Entzündungsfaktoren wirken.
Die Prognose von Autoimmunerkrankungen ist sehr un-
terschiedlich, sie hängt vor allem von den betroffenen Or-
gansystemen ab, eine vollständige Heilung ist selten. Ziel

107
5 Grundlagen des Immunsystems

5.3  Medikamente und zung von entzündlichen Botenstoffen (z. B. Zytokine, Che-
mokine) hemmen. Dies führt jedoch dazu, dass die Infekti-
­Therapiemöglichkeiten onsabwehr sinkt und man unter Glukokortikoideinnahme
vermehrt infektanfällig ist. Außerdem heilen die Wunden
Medikamente, die eine hemmende Wirkung auf das Im- schlechter.
●● Magen: Die Schleimhautproduktion sinkt, wodurch die
munsystem haben, werden als Immunsuppressiva bezeich-
net. Sie kommen insbesondere dann zum Einsatz, wenn die Gefahr von Magengeschwüren steigt.
●● Wasser- und Elektrolythaushalt: Neben den physiologisch
Reaktionen des Immunsystems schädliche Auswirkungen
auf den Organismus haben. Immunmodulatoren schwächen im Körper vorkommenden Glukokortikoiden Kortisol und
die Reaktion des Immunsystems ab; Immunsuppressiva in Kortison haben die künstlich hergestellten Hormone Pred-
niedriger Dosierung sind Immunmodulatoren. nisolon und Prednison auch eine mineralokortikoide Wir-
kung. Dadurch steigt die Natriumrückresorption und in
der Folge das Volumen und auch der Blutdruck.
ACHTUNG
●● Blut: Glukokortikoide sorgen für eine Umverteilung der
Patienten, die immunsuppressive Medikamente einnehmen, sind
Blutzellen: Erythro- und Thrombozyten sind vermehrt
anfälliger für Infektionen! Außerdem erhöht sich das Karzinom­
vorhanden, Leukozyten vermindert.
risiko mit steigender Dosierung von Immunsuppressiva.

Die unterschiedlichen Wirkstoffe unterscheiden sich in ihrer


5.3.1  Glukokortikoide Wirkdauer und Wirkstärke. Es gibt kurz- (z. B. Kortisol, Kor-
tison), mittel- (z. B. Prednison, Prednisolon) und langwirk-
Glukokortikoide, auch Kortikosteroide oder kurz Kortikoide,
same (z. B. Betamethason, Dexamethason) Glukokortikoide.
sind Steroidhormone, die natürlicherweise in der Nebennie-
Eher eine schwache Wirkung haben Kortison und Kortisol,
renrinde produziert werden.
sehr stark hingegen wirkt Dexamethason.

Merken  Kortison Anwendung • Glukokortikoide werden einerseits zur Substi-


Umgangssprachlich werden Medikamente mit glukokortikoider tutionsbehandlung eingesetzt, wenn das körpereigene Hor-
Wirkung häufig als „Kortison“ bezeichnet – Kortison ist jedoch mon fehlt, anderseits zur immunsuppressiven und antient-
eigentlich die inaktivierte Form des Glukokortikoids Kortisol. zündlichen Behandlung angewendet. Beispiele sind:
●● Substitutionstherapie:
Beispiele für Wirkstoffe und zugehörige Handelsnamen ––Nebennierenrindeninsuffizienz (S. 618)
●● Hydrocortison (Hydrokortison Hoechst)
●● immunsuppressive und antientzündliche Therapie:
●● Hydrocortisonacetat (Ebenol)
––chronisch-entzündliche Erkrankungen bzw. Autoimmun­
●● Budesonid (Budenofalk)
erkrankungen, z.  B. Hauterkrankungen wie Psoriasis
●● Prednison (Decortin)
(S. 1024) oder das atopische Ekzem (S. 1022), Augener-
●● Prednisolon (Decortin H, Linola H, Solu-Decortin)
krankungen wie eine Uveitis (S. 956), Lungenerkrankun-
●● Methylprednisolon (Urbason, Metysolon)
gen wie das Asthma bronchiale (S. 332), Darmerkrankun-
●● Fluocortolon (Ultralan)
gen wie Morbus Crohn oder rheumatische Erkrankungen
●● Triamcinolon (Volon)
––allergische Erkrankungen, z. B. Heuschnupfen oder aller-
●● Betamethason (Celestan)
gische Hauterkrankungen
●● Dexamethason (Fortecortin)
––Prophylaxe einer Transplantatabstoßung

Wirkmechanismus • Glukokortikoide beeinflussen verschie- Verabreichung • Glukokortikoide können lokal oder syste-


denste Organsysteme. Sie passen den Körper an Stress und misch verabreicht werden:
Belastungssituationen an: ●● lokale Verabreichung: Sie können an der Haut, inhalativ,
●● Stoffwechsel: Glukokortikoide stellen Energieträger bereit,
als Augen-, Ohren oder Nasentropfen, als Einlauf oder als
die in Stresssituationen gebraucht werden. Sie fördern die Injektion in ein Gelenk appliziert werden.
Bildung von Glukose (Glukoneogenese), den Abbau von Pro- ●● systemische Verabreichung: Bei ausgeprägten Entzündun-
teinen und setzen Fettsäuren aus dem Fettgewebe frei (Li- gen, zur Substitutionstherapie und nach einer Transplan-
polyse). Dadurch steigen der Blutglukosespiegel und die Li- tation ist eine systemische Gabe erforderlich. Meistens ge-
pide im Serum. Außerdem wird das Fettgewebe im Körper nügt eine orale Behandlung, im anaphylaktischen Schock
v. a. in Richtung Gesicht, Nacken und Stamm (Stammfett- oder bei hochakuten rheumatologischen und immunolo-
sucht) umverteilt, während die Extremitäten schlank sind. gischen Erkrankungen (intravenöse Stoßtherapie) müssen
●● Bewegungsapparat: Muskeleiweiße werden abgebaut,
Glukokortikoide intravenös verabreicht werden.
was zu Muskelschwund und Muskelschwäche führt. Die
Osteoblasten im Knochen werden gehemmt, sodass ver- Dosierung • Die Dosis richtet sich in erster Linie nach der
mehrt Knochen abgebaut wird (Osteoporose). Kinder Schwere der Erkrankung. Prinzipiell sollten Glukokortikoide
wachsen weniger. aber möglichst kurz und in möglichst niedriger Dosierung
eingesetzt werden. Auch im akuten Notfall, z. B. beim ana-
Merken  Katabol phylaktischen Schock oder im Status asthmaticus, sollten sie
Glukokortikoide haben damit eine katabole Wirkung, das heißt, möglichst kurz, aber dafür hochdosiert eingesetzt werden.
Stoffwechselprodukte werden abgebaut und zur Energiegewin- Bei Patienten, die eine Langzeittherapie benötigen, ist es
nung verwendet. wichtig, dass der zirkadiane Rhythmus eingehalten wird,
d. h. der Rhythmus, in dem auch der Körper das körperei-
●● Immunsystem: Glukokortikoide wirken immunsuppressiv gene Kortison produziert. Das bedeutet, dass Patienten die
und antiallergisch, da sie die Lymphozyten und deren Funk- Hauptdosis morgens einnehmen sollten. Das entspricht dem
tion reduzieren, und antientzündlich, da sie in die Ara­chi­ Zeitpunkt, zu dem die Nebennierenrinde normalerweise die
donsäurestoffwechsel (S. 164) eingreifen und die Freiset- größte Menge an Kortison produziert.
108
Medikamente und ­Therapiemöglichkeiten

Außerdem muss die Dosierung bei Langzeittherapie mög- Abb. 5.7Wirkungen von Glukokortikoiden.
lichst niedrig, d. h. unterhalb der sog. Cushing-Schwelle, ge-
wählt werden. Diese Schwelle ist individuell unterschiedlich Infektneigung Diabetes
und kennzeichnet eine bestimmte Dosis, oberhalb deren Wundheilungs- mellitus
sich ein iatrogenes Cushing-Syndrom entwickelt. störung psychische
Störungen

Soviel wie nötig, so wenig wie mög­ Bildung von Glukose


(Glukoneogenese)
lich.
immunsuppressiv
antientzündlich

Glukokortikoide dürfen nach längerer Einnahme (> 1 Wo-


che) nicht abrupt abgesetzt, sondern müssen ausgeschlichen
werden. Das bedeutet, die tägliche Dosis muss über einen Abbau von
Natrium- und
bestimmten Zeitraum immer weiter bis schließlich auf null Proteinen
Wasserretention
reduziert werden. Der Grund hierfür liegt in der Anregung
der Nebenniere zur eigenen Hormonbildung: Die hohe Kon-
zentration von Glukokortikoiden im Blut während einer the-
rapeutischen Einnahme hemmt die körpereigene Bildung kataboler
durch die Nebennierenrinde. Würden die Kortikoide abrupt Stoffwechsel
Hypo- Wirkungen von
abgesetzt, würde die Nebenniere nicht sofort „anspringen“
kaliämie
und die notwendige Menge an körpereigenen Kortikoiden Glukokortikoiden
produzieren (akute iatrogene Nebenniereninsuffizienz). Dies
kann sich in einer sog. Addison-Krise (S. 619) manifestieren.
Aus demselben Grund benötigen die Patienten während
einer Behandlung in Belastungssituationen (z. B. Infekte, Hypertonie, Knochen-
Stress, Operationen) eine Dosiserhöhung, da sie selber nicht Ödeme Muskel- schwund
auf den erhöhten Bedarf reagieren können. schwäche

Hautver-
Unerwünschte Nebenwirkungen • Da Kortikoide, auch die Abbau von
dünnung
körpereigenen Kortikoide, auf zahlreiche andere Organe Herabsetzung des Fettgewebe
und Organsysteme im Körper Einfluss nehmen, können Mukosaschutzes (Blutfette ) und
auch die unerwünschten Nebenwirkungen vielseitig sein Umverteilung Wachstums-
(▶ Abb. 5.7). Dabei hängen die Nebenwirkungen von der Do- des Fettes hemmung
sis, der Wirksamkeitsdauer, der Einnahmedauer und auch
vom Applikationsweg ab. Sie treten v. a. dann auf, wenn die
applizierte Dosis über einen längeren Zeitraum höher ist physiologische Wirkung
als die normale vom Körper produzierte Dosis Glukokorti-
koide. Eine einmalige Gabe hochdosierter Glukokortikoide unerwünschte
ruft praktisch keine Nebenwirkungen hervor. Eine Atrophie Magen- Folgeerscheinungen
Vollmondgesicht
der Nebennierenrinde dagegen ist bereits ab einer 5-tägigen geschwüre
Stammfettsucht therapeutisch erwünsch-
Glukokortikoidgabe möglich.
Büffelnacken ter Effekt
Bei lokaler Applikation auf der Haut kann es zu Hautatro-
phie (die Haut wird dünner bis zur sog. „Pergamenthaut“),
Teleangiektasien, Blutungsneigung der Haut und Superin- Übersicht über physiologische, therapeutisch erwünschte und unerwünsch-
fektionen durch Schwächung der Abwehr kommen. te Nebenwirkungen von Glukokortikoiden; das Auftreten unerwünschter
Bei inhalativer Applikation können Kortikoide zu Husten, Nebenwirkungen ist abhängig von der Dosis und der Dauer der Therapie.
Bronchospasmus, Heiserkeit und Candida-Infektionen im
Mund-Rachen-Raum (Soor) führen.
Die Nebenwirkungen bei systemischer Anwendung resul- ●● Kortikoide haben einen abbauenden (katabolen) Effekt:
tieren aus der Wirkungsweise der natürlich vorkommenden Am Knochen kann dies zu Osteoporose (Knochenschwund)
Hormone. Es entsteht ein Cushing-Syndrom (S. 614). führen, in der Muskulatur zur Muskelatrophie (Muskel-
●● Kortikoide erhöhen den Blutzuckerspiegel; dadurch kann schwund).
eine längerfristige Therapie zu Gewichtszunahme und Di- ●● Kortikoide schwächen den Mukosaschutz am Magen, es

abetes mellitus (S. 628) führen. kann zu Magengeschwüren kommen, besonders in Kom-


●● Es kommt zur Umverteilung des Körperfetts mit den ty- bination mit NSAR (nicht steroidale Antirheumatika).
pischen Erscheinungen wie Vollmondgesicht, Stammfett- ●● Auch Nebenwirkungen am Auge sind möglich, z. B. eine

sucht und Büffelnacken. Linsentrübung (Katarakt) oder ein Glaukom.


●● Weitere systemische Effekte sind erhöhte Wasseran- ●● Außerdem kann es zu psychischen Veränderungen (z. B.

sammlung im Körper, eine Hypokaliämie sowie arterielle Schlafstörungen, Nervosität, Depressionen) kommen.
Hypertonie.
●● Durch die Hemmung des Immunsystems steigt die Infekt­ Zu beachten
anfälligkeit. ●● Kortikoide sollten wegen ihrer Nebenwirkungen nur so

●● Außerdem können die Medikamente Hautveränderun- lange wie nötig gegeben werden.
gen (z. B. Hautatrophie, Striae, Wundheilungsstörungen,
Steroid­akne) auslösen.

109
5 Grundlagen des Immunsystems

Abb. 5.8Antiallergisch wirkende Medikamente mit Einfluss auf Mast-


zellen. WISSEN TO GO

IgE Glukokortikoide
Kortikoide werden häufig als Immunsuppressivum einge-
setzt. Anwendungsgebiete sind allergische Erkrankungen,
Mastzellstabilisatoren Autoimmunerkrankungen und chronische Entzündun-
(z. B. Cromoglicin- gen (z. B. rheumatoide Arthritis, Asthma bronchiale, Morbus
säure) Crohn, Colitis ulcerosa) sowie die Prophylaxe einer Trans-
plantatabstoßung. Eine weitere Indikation ist die Neben-
nierenrindeninsuffizienz, bei der das fehlende körpereige-
Omalizumab ne Hormon ersetzt werden muss (Substitutionstherapie).
Glukokortikoide können lokal oder systemisch in fast je-
der Applikationsform (oral, i. v., i. m., intraartikulär, perku-
tan) verabreicht werden. Bei der regelmäßigen Applikation
ist ein sog. zirkadianer Rhythmus wichtig. Es gibt Kortiko­
ide mit unterschiedlich langer Wirkdauer (kurz, mittel und
lang). Kortison darf nach längerer Einnahme nicht abrupt
abgesetzt werden, sondern muss ausgeschlichen werden.
Unerwünschte Nebenwirkungen sind vielfältig. Typisch
Histamin Leukotriene ist die Entwicklung eines Cushing-Syndroms mit Stoff-
wechselveränderungen (Diabetes mellitus, Hyperlipidämie),
H1-Antihistaminika Leukotrien-
Gewichtszunahme (Vollmondgesicht, Büffelnacken), Blut-
z. B. Dimetinden antagonisten
hochdruck, Elektrolytveränderungen, Osteoporose, Wund-
(Cetirizin) (z.B. Montelukast)
heilungsstörungen, Hautveränderungen (z. B. Striae disten-
sae) und Muskelschwäche. Durch die Immunsuppression
besteht erhöhte Infektanfälligkeit. Die lokale Anwendung an
Histamin- Leukotrien-
der Haut kann zur Hautatrophie führen, bei Inhalation kann
rezeptor rezeptor
sich eine Candida-Infektion entwickeln.

Reaktion der Zielzellen 5.3.2  Antihistaminika, Mastzellsta-


bilisatoren, Leukotrienantagonisten
Mastzellen spielen durch die Freisetzung von Histamin und anderen Medi-
Histamin ist ein Stoff, der u. a. von den Mastzellen ausge-
atoren eine zentrale Rolle bei der Auslösung von Immunreaktionen. Es gibt
schüttet wird, wenn eine IgE-vermittelte allergische Reak-
mehrere Wirkprinzipien, die diese Funktion der Mastzellen hemmen.
tion stattfindet (▶ Abb. 5.8). Histamin verursacht dann eine
Gefäßweitstellung, einen Blutdruckabfall, einen Flüssig-
●● Bei lang anhaltender Einnahme von Kortikoiden können keitsaustritt aus den Gefäßen und Juckreiz.
zur Prophylaxe von Folgeerkrankungen Begleitmedika- Leukotriene werden ebenfalls aus Mastzellen freigesetzt
mente notwendig sein. Dazu können z. B. gehören: und wirken am Bronchialsystem stark bronchospastisch.
––Vitamin D, Kalzium u. a. bei Osteoporose und/oder Hy-
pokaliämie
Antihistaminika
––Statine bei Störungen des Fettstoffwechsels
––antihypertensive Medikamente bei arterieller Hypertonie Bei den H1-Antihistaminika unterscheidet man 2 Generatio-
––Protonenpumpenhemmer bei erhöhter Magengeschwür­ nen: Der wichtigste Unterschied ist die ZNS-Gängigkeit, die
gefahr bei denen der 1. Generation vorliegt und als unerwünschte
––Insulin bei Diabetes mellitus Nebenwirkung zu starker Müdigkeit führt.
●● Glukokortikoide müssen nach längerer Einnahme langsam
ausgeschlichen werden (siehe oben)! Beispiele für Wirkstoffe und zugehörige Handelsnamen
●● Eine Glukokortikoidsubstitutionstherapie muss lebens- ●● H1-Antihistaminika der 1. Generation sind u. a.:
lang beibehalten werden! Wichtig: In Belastungssituati- ––Clemastin (Tavegil)
onen (z. B. Fieber, Stress) muss die Dosis erhöht werden. ––Dimetinden (Fenistil)
––Dimenhydrinat (Vomex)
Blitzlicht Pflege  Kortisontherapie ●● H1-Antihistaminika der 2. Generation sind

Viele Patienten haben aufgrund der Vielzahl der Nebenwirkungen ––Cetirizin (Zyrtec)
Angst vor einer Kortisontherapie. In vielen Situationen aber ist ––Fexofenadin (Telfast)
es ein Segen, dieses wirksame Medikament einsetzen zu können. ––Loratadin (Lorano)
Im Umgang mit dem Patienten ist es wichtig, sich konstruktiv ●● H2-Antihistaminika:

kritisch mit dieser Therapieoption auseinanderzusetzen und den ––Ranitidin (Ranitic)


Patienten zu ermutigen, diesbezüglich ein offenes Gespräch mit
dem behandelnden Arzt zu suchen. Wirkmechanismus •  Antihistaminika blockieren die His-
taminrezeptoren in den Zielorganen. H1-Antihistaminika
blockieren dabei die H1-Histamin-Rezeptoren und erwei-
tern damit die glatte Muskulatur der Bronchien (Broncho-

110
Medikamente und ­Therapiemöglichkeiten

dilatation), vermindern die Durchlässigkeit der Gefäße und Bronchialgewebe und vermindern somit die bronchospasti-
verhindern zum Teil deren Weitstellung. Die klassischen schen Effekte. Zudem wirken sie antientzündlich.
H1-Antihistaminika (Antihistaminika der 1. Generation)
sind ZNS-gängig und blockieren auch zentrale H1-Histamin- Anwendung • Haupteinsatzgebiet von Montelukast ist die
Rezeptoren. Sie führen daher zur Sedierung und haben anti­ Therapie des Asthma bronchiale.
cholinerge Nebeneffekte, weshalb sie auch als Schlafmittel
und Antiemetikum genutzt werden. H2-Antihistaminika Nebenwirkungen • sehr selten; insgesamt ist Montelukast
wirken auf die H2-Histamin-Rezeptoren und hemmen so die gut verträglich.
histaminvermittelte Säureproduktion im Magen.

Verabreichung • Antihistaminika können lokal (v. a. bei Haut­ WISSEN TO GO


erkrankungen) oder systemisch verabreicht werden.
Antihistaminika, Mastzellstabilisatoren, Leukotrien­
Anwendung • H1-Antihistaminika werden bei allergischen antagonisten
Reaktionen wie einer allergischen Rhinitis, einer Konjunk-
tivitis oder auch bei einem atopischen Ekzem eingesetzt. Sie Alle 3 Wirkstoffe hemmen die Freisetzung von Entzün-
helfen auch gegen den Juckreiz. Dimenhydrinat wird v. a. als dungsmediatoren aus den Mastzellen:
●● H1-Antihistaminika (z. B. Clemastin, Dimetinden, Cetiri-
Antiemetikum (S. 500) und auch gegen Schwindel verwen-
det (z. B. bei Reisekrankheit). zin, Fexofenadin, Loratadin) blockieren die H1-Histamin-
H2-Antihistaminika werden im Kap. „Verdauungssystem“ Rezeptoren an den Zielorganen und reduzieren damit die
(S. 498) besprochen. Histaminwirkung. H1-Antihistaminika der 1. Generation
sind ZNS-gängig und können zu starker Müdigkeit führen.
●● Mastzellstabilisatoren (z. B. Cromoglicinsäure ) verhin-
Nebenwirkungen • Bei H1-Antihistaminika der 1. Generati-
on können anticholinerge Nebenwirkungen wie Mundtro- dern die Freisetzung von Histamin und anderen Entzün-
ckenheit, Miktionsstörungen oder weite Pupillen auftreten. dungsmediatoren aus Mastzellen.
●● Leukotrienantagonisten (z. B. Montelukast) blockieren
Außerdem wirken sie sedierend. Weitere Nebenwirkungen
sind die arterielle Hypotonie, eine Reflextachykardie sowie Leukotrienrezeptoren im Bronchialgewebe und vermin-
eine Appetitzunahme. dern den bronchospastischen Effekt von Leukotrien.

Zu beachten • Vor allem ältere Antihistaminika (z. B. Dimet-


inden) können zu starker Müdigkeit führen. 5.3.3  Zytostatika
Zytostatika werden in erster Linie zur Therapie neoplasti-
ACHTUNG scher Erkrankungen eingesetzt und werden daher im Kap.
Der Patient muss auf eine eingeschränkte Fahrtüchtigkeit hin- „Grundlagen zu Tumorerkrankungen“ (S. 83) ausführlich
gewiesen werden! besprochen. Einige Zytostatika werden jedoch auch zur Im-
munsuppression bei (schweren) chronisch-entzündlichen
Mastzellstabilisatoren Erkrankungen und Autoimmunerkrankungen sowie nach Or-
gantransplantationen zur Prophylaxe von Abstoßungsreakti-
Beispiele für Wirkstoffe und zugehörige Handelsnamen
onen eingesetzt. Die Dosis und damit auch die Nebenwirkun-
●● Cromoglicinsäure (Intal)
gen sind geringer als bei Anwendung in der Tumortherapie.
●● Nedocromil (Tilade)
Zu den Zytostatika, die auch beziehungsweise in erster Linie
zur Immunsuppression eingesetzt werden, zählen:
Wirkmechanismus • Sie vermindern die Freisetzung von Hist-
●● Azathioprin
amin und anderen Entzündungsmediatoren aus den Mastzel-
●● Methotrexat
len. Die Wirkung setzt jedoch verzögert nach 1–2 Wochen ein.
●● Leflunomid
●● Mycophenolatmofetil
Anwendung • Mastzellstabilisatoren werden prophylaktisch
●● Cyclophosphamid
beim allergischen Asthma bronchiale und anderen allergi-
schen Erkrankungen angewendet.
Da Methotrexat (S.  87) und Cyclophosphamid (S.  86)
v. a. auch zur Tumortherapie eingesetzt werden, wurden sie
lokale Reizerscheinungen, unangeneh-
Nebenwirkungen • 
bereits an anderer Stelle besprochen. ▶ Tab. 5.5 gibt eine
mer Geschmack.
Übersicht über die Zytostatika, die primär zur Immunsup-
pression angewendet werden.
Zu beachten
●● Kein akuter Effekt: Mastzellstabilisatoren sind nur zur
Prophylaxe geeignet, das heißt, sie sind bei akuten allergi- 5.3.4  Biologika und monoklonale
schen Reaktionen unwirksam!
●● Mastzellstabilisatoren werden inhaliert.
Antikörper
Definition  Biologika und monoklonale Antikörper
Leukotrienantagonisten Biologika sind gentechnisch hergestellte Proteine, die gezielt
Entzündungsreaktionen beeinflussen und spezifische Botenstof-
Beispiele für Wirkstoffe und zugehörige Handelsnamen.
fe blockieren (z. B. Tumor-Nekrose-Faktor α oder Interleukine).
●● Montelukast (Singulair).
Monoklonale Antikörper sind Antikörper, die von einem Zellklon
gebildet werden. Sie sind gegen einen bestimmten Abschnitt auf
Wirkmechanismus • Leukotriene werden, wie Histamin, aus
dem Antigen gerichtet (Epitop). Monoklonale Antikörper sind
Mastzellen freigesetzt und wirken bronchospastisch. Leu-
eine wichtige Untergruppe von Biologika.
kotrienantagonisten blockieren Leukotrienrezeptoren im

111
5 Grundlagen des Immunsystems

Tab. 5.5  Zytostatika, die primär zur Immunsuppression angewendet werden.

Wirkstoff Azathioprin Leflunomid Mycophenolatmofetil

Handelsname Azafalk, Imurek Arava Cellcept

Wirk­ wird in die Purinsynthese eingebaut (Purin­ hemmt die Pyrimidinsynthese hemmt die Purinsynthese
mechanismus antagonist); Azathioprin wird in der Leber in
6-Mercaptopurin umgewandelt

→ vom Eingriff in die DNA sind insbesondere die Lymphozyten betroffen (Immunsuppression)

Indikation Immunsuppression bei Transplantationen rheumatoide Arthritis Immunsuppression nach Organ-


und Autoimmunerkrankungen transplantation (in Kombination mit
Ciclosporin und Glukokortikoiden)

Neben­ siehe 6-Mercaptopurin (S. 87) Leberzellschaden, Hepatitis, Diar- Erbrechen, Diarrhö, zentralnervöse
wirkungen rhö, Hautreaktionen, Haarausfall Störungen, Leukopenie

Zu beachten Achtung bei gleichzeitiger Gabe von Allopu- – –


rinol! Allopurinol hemmt den Azathioprinab-
bau, daher muss die Dosis reduziert werden!

Dosisanpassung auch bei Niereninsuffizienz!

Anwendung • rheumatoide Arthritis, Morbus Crohn, Colitis


Merken  „-mab“ ulcerosa.
Medikamente, deren Namen auf „-mab“ enden, sind in der Regel
Antikörper (z. B. Infliximab, Rituximab).
Nebenwirkungen • gastrointestinale Störungen (z. B. Übel-
keit, Durchfall), Kopfschmerzen, Leberfunktionsstörungen,
▶ Tab. 5.6 gibt eine Übersicht über wichtige Biologika und
Blutbildveränderungen (selten, z. B. Agranulozytose), all-
monoklonale Antikörper.
ergische Reaktionen (Hautexanthem, Stomatitis, Juckreiz)
sowie Fruchtbarkeitsstörung beim Mann (reversibel). Die
5.3.5  Weitere Medikamente Nebenwirkungen treten unter 5-ASA in der Regel seltener
auf als unter Sulfasalazin.
Chloroquin und Hydrochloroquin
Zu beachten
Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen
●● Nicht gleichzeitig mit Eisenpräparaten oder Antibiotika
●● Chloroquin (Resochin)
einnehmen (Wirkung verringert sich).
●● Hydrochloroquin (Quensyl)
●● Sulfasalazin verstärkt die Wirkung von Cumarinen.

Anwendung • Chloroquin und Hydrochloroquin sind eigent-


lich Mittel gegen Malaria, werden aber auch bei rheumato- Interferone
ider Arthritis und systemischem Lupus erythematodes ein- Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen
gesetzt. ●● rekombinantes Interferon α-2a (Roferon)
●● rekombinantes Interferon α-2b (Intron)
Nebenwirkungen • Übelkeit, Durchfall, Kopfschmerzen, ●● Peginterferon α-2a (Pegasys)
Schwindel und Sehstörungen. Außerdem Haut- und Blut- ●● rekombinantes Interferon β-1a (Avonex, Rebif)
bildveränderungen sowie Haarausfall. ●● rekombinantes Interferon β-1b (Betaferon)

Zu beachten Wirkmechanismus und Anwendung • Interferone sind Glyko-


●● Regelmäßige Kontrollen beim Augenarzt sind nötig!
proteine, die von Abwehrzellen gebildet werden, um Viren
●● Die Sonnenempfindlichkeit ist erhöht.
zu bekämpfen und Abwehrreaktionen zu aktivieren bzw. zu
●● Auf Alkohol ist zu verzichten (verstärkt die Lebertoxizität).
steuern. Sie werden als Medikamente daher auch eingesetzt
●● Chloroquin verstärkt die Wirkung von Digitalis und Me-
bei Hepatitis B und C (Roferon, Pegasys bei Hepatitis C). Au-
thotrexat sowie von anderen lebertoxischen Stoffen wie ßerdem hemmen sie u. a. die Vermehrung sich schnell tei-
Paracetamol. lender Zellen und werden daher auch gegen Malignome ein-
gesetzt, insbesondere beim malignen Melanom (Intron), der
Salicylate chronisch myeloischen Leukämie (Roferon) und einigen Non-
Hodgkin-Lymphomen (Intron). Ein weiteres Einsatzgebiet ist
Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen
die Schubprophylaxe bei multipler Sklerose (Avonex, Rebif).
●● Mesalazin bzw. 5-Aminosalicylsäure, 5-ASA (Salofalk)
●● Sulfasalazin (Azulfidine, Pleon RA, Salazopyrine)
Nebenwirkungen • grippeartige Symptome, verschlechterter
Allgemeinzustand, Depression, Angst, Konzentrationsstö-
Wirkmechanismus • Diese Substanzen hemmen vermutlich
rungen, Leuko- und Thrombozytopenie.
die Vermehrung von T-Zellen und wirken dadurch immun-
suppressiv.
112
Medikamente und ­Therapiemöglichkeiten

Tab. 5.6  Übersicht über wichtige Biologika und monoklonale Antikörper.

Wirkstoff Handelsname Wirkmechanismus Anwendung Applikation

Etanercept Enbrel hemmt Tumor-Nekrose-Faktor α (TNF-α) ●● rheumatoide Arthritis s. c.


●● Psoriasis-Arthritis
●● Morbus Bechterew

Adalimumab Humira monoklonaler Antikörper gegen Tumor-­ ●● rheumatoide Arthritis s. c.


Nekrose-Faktor α (TNF-α) ●● Psoriasis-Arthritis
●● Morbus Bechterew
●● Morbus Crohn

Infliximab Remicade monoklonaler Antikörper gegen Tumor-­ ●● rheumatoide Arthritis i. v.


Nekrose-Faktor α (TNF-α) ●● Psoriasis-Arthritis
●● Morbus Bechterew
●● Morbus Crohn
●● Colitis ulcerosa

Anakinra Kineret hemmt Interleukin-1-Rezeptoren ●● rheumatoide Arthritis s. c.

Tocilizumab RoActemra monoklonaler Antikörper gegen Interleukin- ●● rheumatoide Arthritis i. v.


6-Rezeptoren

Basiliximab Simulect monoklonaler Antikörper gegen Interleukin- ●● Prophylaxe der Transplantatabstoßung i. v.
2-Rezeptoren

Omalizumab Xolair monoklonaler Antikörper gegen IgE ●● schweres Asthma bronchiale (Stufe V) s. c.

Rituximab MabThera monoklonaler Antikörper gegen B-Zellen mit ●● v. a. Tumortherapie (Lymphome!) i. v.
CD-20-Oberflächenantigen ●● rheumatoide Arthritis

Abatacept Orencia monoklonaler Antikörper, der die T-Zell-Akti- ●● rheumatoide Arthritis i. v.
vierung verhindert

Natalizumab Tysabri monoklonaler Antikörper gegen bestimmte ●● multiple Sklerose i. v.


Oberflächenproteine von T-Helferzellen und
zytotoxischen T-Lymphozyten

Alemtuzumab MabCampath monoklonaler Antikörper gegen ein bestimm- ●● Tumortherapie i. v.


tes Oberflächenprotein auf Lymphozyten, ●● multiple Sklerose
Monozyten und Makrophagen

Trastuzumab Herceptin monoklonaler Antikörper gegen HER2-neu ●● Tumortherapie (Mammakarzinom) i. v.

Immunglobuline Calcineurininhibitoren
Immunglobuline sind Antikörper, die der Körper physio- Beispiele für Wirkstoffe und Handelsnamen
logischerweise selbst bildet (S. 96), die aber auch thera- ●● Ciclosporin A (Sandimmun, Immunosporin, Cicloral, Optoral)
peutisch verabreicht werden können. Die therapeutischen ●● Tacrolimus = FK 506 (Prograf, Protopic)
Immunglobuline werden aus menschlichem Blutplasma ge- ●● Pimecrolimus (Elidel)
wonnen und bestehen überwiegend aus IgG und zu einem
sehr geringen Teil auch aus IgA und IgM. Sie werden entwe- Wirkungsweise • Calcineurininhibitoren binden innerhalb
der i. m. oder i. v. appliziert. Der Schutz durch Immunglobu- von Zellen an bestimmte Rezeptoren (sog. Immunophiline).
line ist jedoch nur vorübergehend (ca. 4–8 Wochen). Der Komplex aus Calcineurininhibitor und Immunophilin
Man unterscheidet zwischen unspezifischen und spezi- hemmt das Enzym Calcineurin. Die Folge dieser Enzym-
fischen Immunglobulinen. Unspezifische Immunglobuline hemmung ist eine verminderte Freisetzung bestimmter
verabreicht man in erster Linie bei einem Antikörperman- Entzündungsmediatoren (v. a. Interleukin 2) und somit eine
gel, manchmal auch bei seltenen Erkrankungen wie dem Immunsuppression.
Guillain-Barré-Syndrom oder bei Immunthrombozytopeni-
en sowie bei der Rhesusprophylaxe in der Schwangerschaft. Anwendung •  Die Substanzen werden eingesetzt bei
Unspezifische Immunglobuline verabreicht man i. v. Spezi- ­Or­gan­transplantationen, Autoimmunerkrankungen (z.  B.
fische Immunglobuline sind Antikörper gegen spezifische chronisch-entzündliche Darmerkrankungen), rheumatoider
Erreger oder Toxine. Sie werden i. m. zur passiven Immuni- Arthritis sowie bei Hauterkrankungen. Tacrolimus wendet
sierung (S. 137) gegeben. man lokal an (v. a. beim atopischen Ekzem), Ciclosporin sys-
temisch bei schwerer Psoriasis.

113
5 Grundlagen des Immunsystems

Nebenwirkungen • Bei systemischer Gabe kann es zu einer


Nierenschädigung kommen. Folge der Immunsuppression WISSEN TO GO
ist ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen und Infekti-
onen.
Immunsystem – weitere Medikamente
Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Leberfunktions-
störungen, Stoffwechselstörungen (Hyperglykämie, Hyperli- ●● Zytostatika dienen in erster Linie der Krebstherapie,
pidämie), Bluthochdruck, Ödeme, neurologische Störungen, einige werden jedoch auch als Immunsuppressiva bei
z. B. Schwindel, Sehstörungen, Zittern, Missempfindungen (schweren) chronisch-entzündlichen Erkrankungen bzw.
(Parästhesien) sowie Übelkeit und Erbrechen. Autoimmunerkrankungen sowie zur Prophylaxe einer
Ciclosporin kann zu Zahnfleischwucherungen (Gingiva- Transplantatabstoßung eingesetzt.
hyperplasie) und verstärktem Haarwuchs (Hypertrichose) ●● Biologika sind gentechnisch hergestellte Proteine, die
führen. Tacrolimus führt auf der Haut häufig zu Brennen, gezielt Entzündungsreaktionen beeinflussen und spe-
Juckreiz, Rötung und Hitzegefühl. zifische Botenstoffe blockieren (z. B. Tumor-Nekrose-
Faktor α oder Interleukine). Monoklonale Antikörper
Zu beachten • Grapefruitsaft hemmt den Abbau von Calci- sind Antikörper, die von einem Zellklon gebildet werden,
neurininhibitoren und verstärkt somit deren Wirkung. Auch und gezielt gegen einen Abschnitt an einem Antigen wir-
bestehen Wechselwirkungen mit zahlreichen Medikamen- ken. Antikörper erkennt man daran, dass ihr Name auf
ten (z. B. Antibiotika, Diclofenac, NSAR, hormonelle Verhü- „-mab“ endet (z. B. Rituximab).
tungsmethoden wie die „Pille“). ●● weitere Medikamente: Chloroquin, Salicylate (Sulfa-
salazin, Mesalazin), Interferone, Immunglobuline, Calci-
Everolimus und Sirolimus neurininhibitoren (wie Ciclosporin, Tacrolimus), Imiqui-
mod, Sirolimus und Everolimus.
Everolimus (Certican, Afinitor) und Sirolimus (Rapamune)
bilden einen Komplex mit dem Protein mTOR, wodurch
dieses inaktiviert wird (sog. mTOR-Inhibitoren). Sie grei- 5.3.6  Plasmapherese
fen über diesen Mechanismus u. a. in den Zellzyklus von
T-Lymphozyten ein und hemmt deren Aktivierung; Folge Bei der Plasmapherese werden Stoffe aus dem Blut entfernt,
ist eine Immunsuppression. die normalerweise nicht über die Leber oder die Nieren eli-
Sirolimus wird zur Prophylaxe von Abstoßungsreaktio- miniert werden können. Solche Stoffe sind z. B. Antikörper,
nen nach Nierentransplantationen eingesetzt, Everolimus Bestandteile des Gerinnungssystems oder an Protein gebun-
auch nach Herztransplantationen eingesetzt. Mit Sirolimus dene Toxine. Man nennt die Plasmapherese auch Plasma­
beschichtete Stents werden bei KHK (S. 203) in die Koro- separation oder Plasmaaustausch.
nargefäße eingesetzt, da so die Wahrscheinlichkeit eines
Stentverschlusses vermindert wird. Vorgehen • Die Proteine im Plasma des Patienten werden
Mögliche Nebenwirkungen sind Infektionen, Störungen über eine großporige Membran entfernt und das Plasma
der Wundheilung, Übelkeit, Durchfall, erhöhte Leberwerte, durch eine eiweißhaltige Lösung ersetzt (z. B. Albumin oder
Stoffwechselstörungen (Hyperglykämie, Hyperlipidämie), Frischplasma).
Anämie, Abfall der Thrombozytenkonzentration (Thrombo-
zytopenie), Hautausschlag etc. Anwendung • Die Plasmapherese wendet man an, wenn sich
im Plasma pathologische Bestandteile wie Autoantikörper
oder Immunkomplexe befinden. Typische Erkrankungen, bei
Glatirameracetat denen eine Plasmapherese angezeigt ist, sind z. B. die throm-
Glatirameracetat (Copaxone) ähnelt im Aufbau den Myelin- botisch-thrombozytopenische Purpura (TPP), das hämoly-
scheiden im Nervengewebe. Es hält Immunzellen vom An- tisch-urämische Syndrom (HUS) oder die Myasthenia gravis.
griff auf das Myelin ab, indem es deren Rezeptoren blockiert.
Außerdem fördert es die Freisetzung von antientzündlich
wirksamen Zytokinen im ZNS. Entsprechend dieser Wir- 5.4  Beeinflussung des Immun-
kung kann es zur Therapie der multiplen Sklerose (S. 891)
eingesetzt werden. Es wird subkutan appliziert.
systems durch Impfungen
Das Ziel von Impfungen besteht darin, das Immunsystem zu
Gold befähigen, bestimmte Erreger schneller zu bekämpfen, da-
Gold (Tauredon) wird parenteral (intramuskulär) appliziert, mit diese keine Chance haben, sich auszubreiten und eine
aber aufgrund seiner zahlreichen Nebenwirkungen heutzu- Infektionskrankheit zu verursachen. Man unterscheidet
tage nur noch sehr selten bei rheumatoider Arthritis einge- 2 Arten von Impfungen:
setzt. ●● aktive Impfung: Die Antigene von Krankheitserregern
werden in einer Konzentration zugeführt, die das Immun-
system anregt, gegen den Krankheitserreger aktiv zu wer-
Imiquimod den und Antikörper und Abwehrzellen gegen den Erreger
Imiquimod wird lokal auf der Haut angewendet (5 %ige zu bilden. Der Körper kann sich dann, wenn er mit einer
Creme = Aldara). Es wirkt als Immunmodulator, da es die hohen Konzentration des Erregers infiziert wird, schneller
Bildung von Interferon und weiteren Zytokinen anregt. Da- spezifisch gegen ihn wehren.
mit ist Imiquimod ein Mittel gegen Viren (Virostatikum) ●● passive Impfung: Der Körper muss die Antikörper nicht
und Tumoren. Angezeigt ist es z. B. bei Feigwarzen (Condy- selbst bilden, er bekommt sie direkt zugeführt.
lomata acuminata), bei der aktinischen Keratose oder bei
Basaliomen. Impfungen werden ausführlich im Kap. „Grundlagen der In-
fektiologie“ (S. 135) besprochen.

114
6 Grundlagen der ­Infektiologie

6 Grundlagen der
­Infektiologie

Bakterien befinden
1 000 000 000 000 000
sich natürlicherweise in unserem
6.1  Erreger von Infektions-
krankheiten Körper.
Infektionskrankheiten werden von Mikroorganismen, aber Die Wissenschaft, die sich mit pathogenen Mikroorganis-
auch von einer Vielzahl von Würmern und Parasiten aus- men beschäftigt, ist die medizinische Mikrobiologie bzw. die
gelöst. Mikroorganismen sind kleinste Lebewesen, die mit Parasitologie.
dem bloßen Auge nicht erkennbar sind. In unserer Umwelt
existieren zahllose Mikroorganismen, von denen der weit- 6.1.1  Pathogenität und Virulenz
aus größte Teil für den menschlichen Organismus nicht
schädlich ist. Wir besitzen z. B. auf unserer Haut, im Darm „Pathogenität“ bezeichnet die Fähigkeit eines Erregers, eine
und in unseren Atemwegen zahlreiche Mikroorganismen, Krankheit auszulösen; „Virulenz“ ist der Schweregrad der
die dort die sog. Normalflora bilden und dem Körper erst Erkrankung. Es gibt obligat pathogene Erreger, das sind Er-
einmal nicht schaden. Ein geringer Teil der Mikroorganis- reger, die immer eine Krankheit auslösen, und sog. opportu-
men aber verursacht krankhafte (= pathologische) Reaktio- nistische Erreger (S. 124), die in bestimmten Situationen,
nen im menschlichen Organismus, weswegen man sie auch z. B. wenn das Immunsystem geschwächt ist, Infektionen
als humanpathogen bezeichnet. Die 3 wichtigsten human- verursachen.
pathogenen Gruppen sind Bakterien, Viren und Pilze. Erreger mit einer hohen Pathogenität und einer hohen
Protozoen, Würmer und Parasiten spielen als Krankheits- Virulenz sind sehr infektiös, d. h., es ist nur eine geringe Do-
erreger in unseren Breiten eine untergeordnete Rolle, müs- sis nötig, um sich zu infizieren. Mit „kontagiös“ meint man,
sen allerdings v. a. bei Aufenthalten in Ländern mit anderen, dass der Erreger ansteckend ist, also leicht übertragen wer-
v. a. wärmeren und feuchteren klimatischen Gegebenheiten den kann.
als Infektionsursache in Betracht gezogen werden. Erreger zeigen in der Regel eine besondere Affinität (Nei-
Darüber hinaus gibt es die sog. Prionen, das sind Proteine, gung) zu bestimmten Organen oder Organsystemen. So
die keine Nukleinsäure enthalten. Pathogene Prionen kön- „befallen“ z. B. die Pneumokokken insbesondere Zellen des
nen z. B. die Creutzfeld-Jakob-Krankheit auslösen. Atmungssystems, die Enterobakterien insbesondere Zellen
des Gastrointestinaltraktes.

116
Erreger von Infektionskrankheiten

6.1.2  Bakterien Bakterien können allerdings mit dieser Methode angefärbt


werden.
Bestandteile und Aufbau
Bakterien sind einzellige Lebewesen. Sie bestehen aus ei-
Aerobier, Anaerobier und Sporenbildner
ner Zellwand, einer Zellmembran, Zytoplasma, Ribosomen Bakterien kommen in fast allen Lebensräumen vor und zei-
und einem sog. Kernäquivalent. ▶ Abb. 6.1 zeigt den Aufbau gen erstaunliche Anpassungsfähigkeiten. Selbst in extrem
eines Bakteriums. „Kernäquivalent“ bedeutet, dass die Erb- lebensfeindlichen Umgebungen, wie z. B. ohne Sauerstoff
information in Form der DNA frei im Zytoplasma liegt und oder in bis zu 70–113 ℃ heißen Schwefelquellen, können
nicht in einen Kern eingeschlossen ist. Manche Bakterien bestimmte Bakterien existieren.
besitzen zusätzlich kleine ringförmige DNA-Moleküle, sog. Hinsichtlich ihres Sauerstoffbedarfs werden Bakterien
Plasmide. Lebewesen ohne Zellkern bezeichnet man als Pro- unterteilt in Aerobier und Anaerobier:
karyoten. Im Gegensatz dazu befindet sich die Erbanlage bei ●● Aerobier sind Bakterien, die für ihren Stoffwechsel Sauer-
den Eukaryoten in einem Zellkern, der die DNA durch eine stoff benötigen. Hierzu zählen z. B. Staphylokokken oder
Doppelmembran vom Zytoplasma abgrenzt. Einige Bakte- Pseudomonas.
rien besitzen in der Zellwand verankerte Geißeln zur Fort- ●● Anaerobier sind Bakterien, die keinen Sauerstoff benöti-
bewegung oder Fimbrien zur Anheftung, manche auch eine gen. Dabei unterscheidet man noch einmal:
sog. Kapsel, eine zusätzliche schützende Umhüllung. Der ––obligate Anaerobier: Bakterien, die nur ohne Sauerstoff
Durchmesser der meisten Bakterien ist nicht größer als ein überleben können; hierzu zählen viele Bakterien, die im
tausendstel Millimeter (1 µm). Erdreich oder auch im Darm des Menschen leben, wie
Clostridien, Fusobacterium oder Bacteroides.
Form und Anfärbbarkeit ––fakultative Anaerobier: Bakterien, die mit oder ohne
Sauerstoff überleben können, wie Escherichia coli oder
Form • Je nach Form der Bakterien unterscheidet man grob Streptokokken.
3 Arten (▶ Abb. 6.2):
●● kugelförmige Bakterien = Kokken
Merken  Anaerobier
●● stäbchenförmige Bakterien = Stäbchen
Ob ein Bakterium aerob oder anaerob ist, hat auch für die Be-
●● spiral- bzw. schraubenförmige Bakterien = Spirochäten
handlung Konsequenzen. Zum Beispiel werden Infektionsherde
mit Anaerobiern chirurgisch saniert, da durch die Operation Sau-
Anfärbbarkeit • Eine weitere Unterscheidungsmöglichkeit
erstoff zu den Bakterien gelangt. Obligate Anaerobier wie Clostri-
ist ihre Anfärbbarkeit. Unterschiede im Aufbau der Zellwand
dien können nur ohne Sauerstoff überleben.
sind hauptsächlich dafür verantwortlich, dass bestimmte
Färbungen bei der einen Bakterienart möglich sind und bei
Bestimmte Bakterien können sog. Sporen bilden (▶ Abb.
der anderen nicht. Die bekannteste ist die sog. Gramfärbung
6.3). Sporen sind Dauerformen, in denen das Bakterium sei-
(benannt nach ihrem Entdecker). Führt diese Färbemethode
ne Stoffwechseltätigkeit extrem reduziert hat, um in nähr-
unter dem Mikroskop zu einer roten Färbung, spricht man
stoffarmen Gebieten lange überleben zu können. Zu diesen
von gramnegativen, führt sie zu einer blauvioletten Fär-
sog. Sporenbildnern gehören in erster Linie Clostridien und
bung, von grampositiven Bakterien (▶ Abb. 6.1). Nicht alle
Bacillus anthracis, der Erreger von Milzbrand.

Abb. 6.1Aufbau einer Bakterienzelle.

grampositives Bakterium gramnegatives Bakterium

dicke Zellwand dünne Zellwand

DNA (Kernäquivalent)

äußere Membran
Speicherstoffe
Ribosomen

Fimbrien,
Haftpili
Plasmid

Kapsel
Bakterium mit Kapsel Geißel

Bakterien bestehen aus einer Zellwand, einer Zellmembran, dem Zytoplasma, Ribosomen und einer frei im Zytoplasma liegenden
DNA. Die Zellwand ist bei grampositiven Bakterien dicker als bei gramnegativen. Hinzu kommen bei einigen Bakterien Plasmide,
Fimbrien und Geißeln oder eine Kapsel.

117
6 Grundlagen der ­Infektiologie

Abb. 6.2Morphologie von Bakterien.

Kokken Schrauben

haufenförmig in Ketten gelagert Zweierkokken Diplokokken mit spiralförmige


gelagert (z.B. Streptokokken) (Diplokokken) Kapsel (z.B. Bakterien (Spiro-
(z.B. Staphylokokken) (z.B. Neisseria) Pneumokokken) chäten)

Stäbchen

gerade Stäbchen mit zugespitzte Stäbchen keulenförmige einfach gekrümmte große Bögen,
abgerundeten Enden (z.B. Fusobakterien) Stäbchen Stäbchen ungleichmäßig
(z.B. Kolibakterien) (z.B. Korynebakterien) (z.B. Vibrionen) (z.B. Borrelien)

Man unterscheidet kugelförmige (Kokken), stäbchenförmige sowie spiralförmige Bakterien. Manche kugelförmigen Bakterien lagern
sich haufenförmig (meist Staphylokokken, kettenförmig (Streptokokken oder paarweise (Diplokokken = Neisserien) zusammen. Nach
Kayser et al., Medizinische Mikrobiologie, Thieme, 2010.

Abb. 6.3Sporen von Clostridium tetani. Pathogenitätsfaktoren


Humanpathogene Bakterien können verschiedene Struktu-
ren oder Eigenschaften aufweisen, die für ihre sog. patho-
gene Potenz, d. h. ihre Fähigkeit, den menschlichen Organis-
mus „krank zu machen“, verantwortlich sind. Man spricht
daher auch von sog. Pathogenitätsfaktoren. Zu den Pathoge-
nitätsfaktoren gehören z. B.:
●● Adhäsionsfaktoren, d. h. Strukturen, mit denen sich be-
stimmte Bakterien an bestimmte Zellen im menschlichen
Körper anheften können
●● Toxine: Endo- und Exotoxine; dabei werden Exotoxine
vom lebenden Bakterium in seine Umgebung abgegeben,
Endotoxine werden erst frei, wenn das Bakterium sich
auflöst. Beispiele von toxinbildenden Bakterien sind: Sta-
phylokokken, Streptokokken, Shigellen, Clostridium teta-
ni, Clostridium botulinum, E. coli, Campylobacter, Vibrio
cholerae, Corynebacterium diphtheriae.
●● Enzyme, die abgegeben werden und dem menschlichen
Organismus schaden: Streptokokken besitzen z. B. Enzy-
me, die Erythrozyten auflösen (sog. Streptolysine) und da-
Spore Bakterienzelle durch zur Hämolyse führen. Ihre Hämolyseeigenschaften
sind dabei unterschiedlich stark (α-, β-, γ-Hämolyse). Ein
Sporen sind sehr widerstandsfähig. Sie sind sog. Dauerformen anderes Enzym der Streptokokken ist die Streptokinase,
von Bakterien und enthalten alle wichtigen Strukturen. Sie sind die Fibrin auflöst. Staphylococcus aureus kann z. B. mit
außerdem gegen viele Desinfektionsmittel resistent. Aus: Hof, Dör- seinen Enzymen Koagulase und Clumping-Faktor-A eine
ries, Duale Reihe Medizinische Mikrobiologie, Thieme, 2014. lokale Gerinnung bewirken und einen Schutzwall aus Fi-
brin ausbilden.

●● Strukturen oder Substanzen, die das Immunsystem bei
seinen Aufgaben behindern: z. B. verhindern Kapseln, dass
das Bakterium von weißen Blutkörperchen zerstört wer-
den kann. Sie verhindern also die Phagozytose. Bekapselte
Bakterien sind damit pathogener als unbekapselte. Bei-
spiele für bekapselte Bakterien sind Haemophilus influen-
zae, Klebsiellen, Streptococcus pneumoniae und Staphylo-
coccus aureus.

118
Erreger von Infektionskrankheiten

Von manchen Bakterienarten gibt es verschiedene Typen Abb. 6.4Aufbau eines Viruspartikels mit Hülle.
(Varietäten = „Vare“), die verschiedene Eigenschaften ge-
meinsam haben. Beispielsweise sind sog. Serovare mithilfe (Nukleinsäure)
serologischer Tests unterscheidbar. Verschiedene Serovare
derselben Bakterienart können unterschiedliche Pathogeni-
tät aufweisen. Dies ist z. B. bei Salmonellen der Fall.

Therapie
Bakterien können durch Antibiotika medikamentös be-
kämpft werden. Dabei können unterschiedliche Antibiotika
an verschiedenen Strukturen der Bakterien angreifen. Wir-
kungsmechanismen und Beispiele antibiotisch wirkender
Medikamente sind im Kap. „Antibiotika“ (S. 140) aufge-
Kapsid
führt.
Lipidhülle
Glykoproteine
Klassifikation a b
Bakterien werden in der Mikrobiologie klassifiziert. Diese
Klassifikation orientiert sich an verschiedenen Kriterien wie a Alle Viren enthalten ein Stück Nukleinsäure, die von einem Kapsid aus
Form, Färbbarkeit, Lebensweise und Stoffwechselleistun- Proteinen umgeben ist. Hinzu kommen weitere Proteine und Kohlenhy­
gen. Manche Namen sind auch historisch bedingt, insgesamt drate sowie bei einigen Viren eine Hülle aus Lipiden.
wirkt die Klassifikation insbesondere für Nichtmikrobiolo- b Darstellung eines Virus. Foto: 2ndpic/fotolia.com
gen eher komplex und ist einem steten Wandel unterzogen.
An dieser Stelle wird auf die Darstellung der Bakterienklas-
sifikation verzichtet. Sie ist für den klinischen Alltag Pfle-
Kein eigener Stoffwechsel
gender nicht zwingend relevant. Im Kap. „Wichtige Krank- Die Besonderheit der Viren besteht darin, dass sie zwar ein
heitserreger“ (S. 151) finden Sie eine Zusammenstellung genetisches Programm für ihre Ausbreitung und Vermeh-
einiger humanpathogener Bakterien. rung besitzen, ihnen aber ein eigener Apparat für die Ver-
vielfältigung ihrer Nukleinsäure und zur Energiegewinnung
oder zur Proteinsynthese fehlt. Sie besitzen also auch keinen
WISSEN TO GO eigenen Stoffwechsel. Wie aber vermehren sie sich? Viren
benötigen hierzu den Zellapparat einer anderen Zelle, der
Bakterien sog. Wirtszelle. Sie „befallen“ diese Zelle, dringen in sie ein
und lassen ihre Nukleinsäure von eigenen Enzymen oder von
Bakterien sind einzellig und besitzen keinen Zellkern, sind Enzymen der Wirtszelle so reproduzieren, dass die Wirts-
also Prokaryoten. Der Aufbau ihrer Zellwand bestimmt, wie zelle anhand dieser genetischen Information Virusbausteine
sie sich anfärben lassen. Anhand der häufigsten Färbeme- herstellt. Die Bausteine setzen sich zu neuen Viren zusam-
thode, der Gramfärbung, lassen sie sich in grampositiv und men, die neu gebauten Viren verlassen die Wirtszelle und
gramnegativ einteilen. Weitere Einteilungskriterien sind können weitere Wirtszellen befallen. Der Prozess beginnt
ihre Form (kugel-, stäbchen- oder spiralförmig) und ihre von neuem. Die Viren nutzen auf diesem Weg die zellulären
Angewiesenheit auf Sauerstoff bzw. dessen Abwesenheit Elemente der Wirtszelle für ihre eigene Vermehrung.
(Aerobier vs. Anaerobier). Bakterien, die beim Menschen Viren können sowohl Eukaryoten als auch Prokaryoten
Krankheiten auslösen, besitzen Pathogenitätsfaktoren wie befallen. Viren, die Prokaryoten (Bakterien) befallen, wer-
Adhäsionsfaktoren, Toxine, schädigende Enzyme oder eine den auch als Bakteriophagen bezeichnet.
Kapsel; Letztere erschwert es Zellen des Immunsystems,
das Bakterium zu zerstören.
Therapie
Aufgrund der fehlenden strukturellen Angriffspunkte und
6.1.3  Viren des fehlenden Stoffwechsels gibt es deutlich weniger Me-
dikamente, die gegen Viren wirken. Näheres hierzu im Ab-
Bestandteile und Aufbau schnitt „Antivirale Medikamente“ (S. 146). Bei einer Virus-
Ob Viren Lebewesen sind, ist umstritten. Dies liegt daran, infektion ist das menschliche Immunsystem also wesentlich
dass Viren sich nicht ohne andere Zellen vermehren können häufiger „auf sich alleine gestellt“, um die Infektion zu be-
und keinen eigenen Stoffwechsel besitzen. Viren bestehen kämpfen. Allerdings kann das Immunsystem durch Impfun-
aus einem Stück Nukleinsäure (DNA oder RNA) sowie Pro- gen (S. 135) auf zahlreiche Virusinfektionen „vorbereitet“
teinen und Kohlehydraten. Die Nukleinsäure wird von einer werden.
„Proteinhülle“, dem sog. Kapsid, umgeben. Verschiedene
Viren haben unterschiedlich geformte Kapside. Man unter- Klassifikation
scheidet kubische, helikale und komplexe Formen. Manche
Viren besitzen zusätzlich eine außen um das Kapsid liegen- Die Klassifikation der Viren richtet sich nach mehreren
de Hülle aus Lipiden. Je nachdem ob ein Virus aus DNA oder Kriterien: Art der Nukleinsäure (z. B. DNA, RNA), Form des
RNA besteht, spricht man von DNA- oder RNA-Viren. ▶ Abb. Kapsids (kubisch, hexagonal, komplex), Hülle ja oder nein,
6.4 zeigt den Aufbau von Viren. Größe u. a. Diese Kriterien liegen einer international gülti-
gen Einteilung der Viren zugrunde, um die sich eine interna-
tionale Expertenkommission (ICTV) kümmert. Im Abschnitt
„Wichtige Krankheitserreger“ (S. 151) sind wichtige Viren

119
6 Grundlagen der ­Infektiologie

und die von ihnen verursachten Erkrankungen zusammen- Standardimpfung bei jugendlichen Mädchen und jungen
gestellt. Frauen.

WISSEN TO GO 6.1.4  Pilze


Pilze sind niedrig differenzierte ein- bis vielzellige Lebewe-
Viren sen mit Zellkern (eukaryotisch) und Zellwand. Es existieren
zahlreiche unterschiedliche Formen, die für den menschli-
Viren bestehen aus DNA oder RNA, die von einer Protein- chen Organismus nützlich, ungefährlich oder sogar schäd-
hülle (= Kapsid) umgeben ist, und evtl. einer zusätzlichen lich sein können. In der Lebensmittelindustrie werden un-
Lipidhülle. Sie besitzen keinen eigenen Stoffwechsel, son- schädliche Formen z. B. in der Produktion von Weich- und
dern nutzen mithilfe ihrer Erbinformation den Stoffwech- Edelschimmelkäse genutzt, auch die Back- und Bierhefe
sel von Wirtszellen, um sich zu vermehren. Saccharomyces cerevisiae ist ein im Lebensmittelbereich
vielfach eingesetzter Pilz.
In der Medizin spielen Pilze eine Rolle als:
Onkogene Viren ●● Produzenten von Stoffwechselprodukten, die z. B. gegen

Seit einiger Zeit ist sich die Wissenschaft sicher, dass es Bakterien wirken (Penicillin und andere Antibiotika)
Viren gibt, die die Entstehung von Tumoren verursachen ●● Auslöser von Allergien

können. Sie können durch ihre genetische Information zur ●● Krankheitserreger

Fehlregulation der Teilung befallener Körperzellen führen. ●● Verursacher von Vergiftungen

Beispiele sind in ▶ Tab. 6.1 gelistet.


Die Tatsache, dass Viren Mitverursacher der Tumorer- Dabei sind von den vielen existierenden Pilzen nur einige
krankung sind, lässt umgekehrt den Schluss zu, dass Imp- humanpathogen. Sie werden nach dem sog. DHS-System in
fungen vor entsprechenden Tumoren schützen. So gehört 3 Klassen eingeteilt:
z. B. erst seit wenigen Jahren die Impfung gegen das Huma- ●● Dermatophyten: z. B. Epidermophyten und Microspora

ne Papillomavirus (HPV) zur von der STIKO empfohlenen ●● Hefepilze: z. B. Candida, Cryptococcus und Malassezia
●● Schimmelpilze: z. B. Aspergillus

Tab. 6.1  Beispiele onkogener Viren. Darüber hinaus gibt es noch die sog. biphasischen oder di-
morphen Pilze, z. B. Histoplasmen. Sie können je nach Um-
Virus Tumorerkrankungen gebungsbedingungen unterschiedliche Formen annehmen.
Einige Beispiele sind in ▶ Abb. 6.5 gezeigt. Die meisten
humane Papillomaviren der High- insbesondere Zervixkarzinom humanpathogenen Pilze sind wenig virulent, d. h. sie haben
Risk-Gruppe (16, 18, 31, 33) nur eine geringe „Aggressivität“ dem menschlichen Orga-
nismus gegenüber. Oft besiedeln potenziell pathogene Pilze
humanes Herpesvirus 4 = Epstein- Tumoren im Bereich des Nasen- auch Bereiche des menschlichen Organismus, ohne krank zu
Barr-Virus (EBV) Rachen-Raums, Lymphome machen (z. B. Candida im Darm). Pilzerkrankungen (= Myko-
sen) treten meist lokal begrenzt auf: Eine typische Pilzinfek-
humanes Herpesvirus 8 Kaposi-Sarkom (S. 724) tion der Haut ist der durch Dermatophyten hervorgerufene
Fuß- oder Nagelpilz (S. 1032). Der Hefepilz Candida (v. a.
humanes T-Zell-Leukämie-Virus 1 T-Zell-Leukämie Candida albicans) befällt oft die Schleimhäute. Man spricht
(HTLV-1) auch von Soor, der Pilz kann z. B. die Mund- (Soor-Stoma-
titis) oder die Vaginalschleimhaut (Soor-Kolpitis) befallen.
Hepatitis-B-Virus Leberzellkarzinom Die Soor-Stomatitis ist sehr häufig bei Abwehrgeschwächten
zu finden, z. B. bei Patienten unter einer Zytostatikatherapie.
Hepatitis-C-Virus Leberzellkarzinom Pilzinfektionen können auch systemisch verlaufen, was
aber in den meisten Fällen nur bei ausgeprägter Immun-
schwäche eintritt (z. B. bei HIV-Infektion). Insbesondere

Abb. 6.5Einige humanpathogene Pilze.

a b c d

a Candida albicans: Gramfärbung, erkennbar sind die rundlichen Hefezellen und Myzelhyphen (= Pilzfäden). Aus: Kayser et al., Taschenlehrbuch Medizini-
sche Mikrobiologie, Thieme, 2010.
b Cryptococcus neoformans: Im Tuschepräparat ist die dicke Schleimkapsel um die Pilzzelle herum als helle Aussparung zu erkennen. Aus: Kayser
et al., Taschenlehrbuch Medizinische Mikrobiologie, Thieme, 2010.
c Aspergillus (Gießkannenschimmel). Aus: Groß, Kurzlehrbuch Mikrobiologie und Infektiologie, Thieme, 2013.
d Epidermophyton floccosum. Aus: Groß, Kurzlehrbuch Mikrobiologie und Infektiologie, Thieme, 2013.

120
Erreger von Infektionskrankheiten

HIV-Patienten erkranken häufig an der sog. Pneumocystis-­


jiroveci-Pneumonie, einer pilzbedingten Lungenentzün-
6.1.5  Parasiten
dung, die das Eintreten der Erkrankung AIDS kennzeichnet. Parasiten sind ein- oder mehrzellige Lebewesen, die sich auf
In ganz schweren Fällen kann es auch zur Pilzsepsis kom- Kosten eines meist größeren Lebewesens ernähren (Schma-
men. rotzer). Von Bedeutung sind in der Medizin v. a. die einzel-
Von einer Mykotoxikose spricht man, wenn Pilze Gifte ligen Protozoen sowie die mehrzelligen Würmer und Glie-
produzieren, die den menschlichen Organismus schädigen. derfüßler (= Arthropoden) (▶ Abb. 6.6). Sie kommen sowohl
Ein Beispiel ist die leberschädigende Wirkung des Giftes Af- in Mitteleuropa als auch in anderen Teilen der Welt vor und
latoxin, das von dem Schimmelpilz Aspergillus flavus pro- verursachen einheimische oder importierte Erkrankungen,
duziert und mit befallenen Lebensmitteln aufgenommen die vereinzelt von großer Bedeutung sein können.
wird. Die meisten Parasiten des Menschen sind pathogen (d. h.
Weniger in unseren Breiten, aber in Teilen Afrikas, Nord- sie rufen Krankheiten hervor), es gibt aber vereinzelt auch
und Südamerikas gibt es Pilze, die primär krank machen, apathogene Parasiten, z. B. im Darm. Protozoen und Wür-
also auch bei intaktem Immunsystem. Diese Erkrankungen mer werden mit wenigen Ausnahmen nicht von Mensch zu
spielen bei uns so gut wie keine Rolle. Mensch, sondern z. B. durch Mücken, kontaminierte Nah-
Bei uns wichtige Erkrankungen sind die lokale bzw. sys- rungsmittel oder kontaminiertes Wasser übertragen.
temische Kandidose (S. 1033), Dermatophyten-Infektionen Parasiten durchlaufen einen bestimmten Lebenszyklus.
(S. 1032), Infektionen mit Malassezia (S. 1034), die Aspergil- Dabei unterscheidet man zwischen End- und Zwischenwirt.
lose (S. 1288) und die Kryptokokkose (S. 1289). Bestimmte Parasiten befallen nicht direkt ihren Endwirt,
sondern müssen zuerst in einem sog. Zwischenwirt be-
stimmte Entwicklungsstadien durchleben und bilden dort
WISSEN TO GO die infektiöse Form aus.
●● Amöben z. B. brauchen keinen Zwischenwirt, sie gelangen

Pathogene Pilze in den Menschen, wenn dieser mit Amöbenzysten konta-


miniertes Wasser aufnimmt. Der Mensch scheidet die Zys-
Pilze sind mehrzellige Eukaryoten. In Europa heimische Pil- ten wieder aus, wodurch sich weitere Menschen infizieren
ze besiedeln zwar Areale des Körpers, führen i. d. R. aber können. ▶ Abb. 6.7 zeigt den Lebenszyklus von Amöben.
nur dann zur Erkrankung (Mykose), wenn das Immunsys- ●● Die Erreger der Malaria vermehren sich in der Anopheles-
tem geschwächt ist. Ist die Abwehrschwäche gering aus- mücke, diese ist also der Endwirt. Sticht die Mücke den
geprägt, sind die Haut oder die Schleimhäute betroffen, Menschen, gelangen die Erreger in das menschliche Blut.
in schweren Fällen der gesamte Körper. Selten schädigen Im Menschen (= Zwischenwirt) befallen die Erreger zu-
nicht die Pilze selbst, sondern deren Gift den Organismus; nächst die Leber, um dann weiter ins Blut zu gelangen
ein Beispiel einer solchen Mykotoxikose ist die Leberschä- und die Erythrozyten zu befallen, wo sie sich noch einmal
digung durch Aflatoxin, das Gift des Schimmelpilzes Asper- weiterentwickeln. Die befallenen Erythrozyten platzen auf
gillus flavus. und die Erreger werden wieder freigesetzt. Sticht die Ano-
phelesmücke jetzt noch einmal, nimmt sie die entwickel-
ten Erreger wieder auf. In der Mücke entstehen dann die
geschlechtsreifen Formen. Diese gelangen anschließend in
die Speicheldrüse der Mücke, wo sie beim nächsten Stich
wieder auf den Menschen übertragen werden.

Abb. 6.6Überblick über wichtige humanpathogene Parasiten.

Fadenwürmer
Lamblia intestinalis
Bandwürmer (Nematoda)
Trichomonaden
PARASITEN
(Cestoda)

Helminthen (Würmer)
– mehrzellig –
Protozoen
– einzellig –
Cryptosporidien
Saugwürmer
Toxoplasma (Trematoda)
gondii
Amöben

Arthropoden (Gliederfüßler)
– mehrzellig – Zecken
Milben

Läuse Flöhe

In Europa kommen v. a. Protozoen, Helminthen und Arthropoden vor.

121
6 Grundlagen der ­Infektiologie

Abb. 6.7Lebenszyklus von Parasiten am Beispiel von Amöben.

invasive Trophozoiten
durchdringen Darm-
wand

Trophozoiten
2

Leberabszess

Hirnabszess

4 Geschwür

Der Mensch infiziert sich durch mit Amöbenzysten kontaminiertes Wasser oder Lebensmittel (1). Dabei können auch Fliegen als Vek-
tor dienen und die Amöbenzysten auf die Lebensmittel übertragen. Der Mensch schluckt die Zysten, im Dünndarm platzen diese auf
und die sog. Trophozoiten werden frei (2). Im Dickdarm können diese invasiven Trophozoiten die Darmwand durchdringen (Schleim-
hautgeschwür) und über das Blut in andere Gewebe einwandern, z. B. in die Leber oder in das Gehirn (3). Die Zysten, die im Darm
verbleiben, werden wieder ausgeschieden (4). Dadurch können Trinkwasser und Lebensmittel erneut kontaminiert werden und sich
weitere Menschen anstecken. Nach Groß, Kurzlehrbuch Medizinische Mikrobiologie und Infektologie, Thieme, 2013.

●● Beim
Rinderbandwurm ist der Mensch der Endwirt, der Würmer (Helminthen)
Wurm lebt im Darm des Menschen, wo er sich zum ferti-
gen Wurm entwickelt, der Eier bildet, welche der Mensch Würmer (Helminthen) sind hochdifferenzierte, vielzellige
wiederum ausscheidet. Rinder können die Eier aufneh- Lebewesen. Eine Besonderheit der parasitär lebenden Wür-
men, wenn sie kontaminierte Nahrung fressen. In der mer besteht darin, dass viele von ihnen während der Ver-
Muskulatur des Rindes entwickeln sich die Eier zu Larven. mehrung ihren Wirt wechseln. Der ausgewachsene Wurm
Verzehrt der Mensch rohes Rindfleisch, kann er die Larven lebt und vermehrt sich geschlechtlich im Endwirt, die Lar-
aufnehmen, die sich im Darm dann wieder zu Würmern ven in einem Zwischenwirt. Eine Schädigung des Wirtsor-
entwickeln. ganismus entsteht z. B. durch die Bildung von Larven enthal-
tenden Zysten, die das normale Organgewebe verdrängen
oder tumorartig ins Gewebe eindringen und es zerstören.
Protozoen Je nachdem, welches Organ befallen wird (z. B. Leber, Lunge,
Protozoen sind einzellige Organismen, die im Gegensatz zu Muskulatur, Gehirn, Auge), unterscheiden sich die Sympto-
den Bakterien einen Zellkern besitzen, also zu den Eukary- me.
oten zählen. Zu den pathogenen Protozoen zählen neben in Zu den medizinisch wichtigen Würmern gehören:
unseren Breiten relevanten Arten (z. B. Amöben, Trichomo- ●● Bandwürmer (Zestoden)
naden, Toxoplasma) auch viele vorwiegend in wärmeren ●● Saugwürmer (Trematoden)
Klimazonen vorkommende Organismen (z. B. Plasmodien ●● Fadenwürmer (Nematoden), dazu gehören auch die Spul-
als Erreger der Malaria), die als Reisekrankheiten von gro- würmer und die Madenwürmer (Oxyuren).
ßer Bedeutung sind.
Sie können durch bestimmte Gliedertiere (z. B. Insekten) Einige Beispiele sind im Abschnitt „Würmer“ (S. 158) be-
übertragen werden, in denen sie sich vermehren und dabei schrieben.
einen Entwicklungszyklus durchlaufen, der mit der Ausbil-
dung eines infektiösen Stadiums endet. Gliederfüßer (Arthropoden)
Einige wichtige Erreger werden im Abschnitt „Protozoen“
(▶ Tab. 6.12) vorgestellt. Den Menschen direkt schädigen können giftige oder para-
sitäre Gliederfüßer, z. B. Skorpione. Indirekt gefährlich sind
Gliederfüßer, die mikrobielle Infektionserreger übertragen.
Medizinisch relevant sind v. a. Stechmücken, Läuse und Flö-
he sowie Zecken und Milben (▶ Abb. 6.8).

122
Erreger von Infektionskrankheiten

Abb. 6.8Einige parasitäre Arthropoden. Zecken


Auch Zecken spielen als Überträger von Krankheitserregern
eine Rolle. Die wichtigste Zeckenart ist der Gemeine Holz-
bock, der zu den Haftzecken gehört. Er haftet nach Befall des
Wirts mindestens einige Tage fest am Wirt, um sich mit Blut
vollzusaugen. Dabei können Krankheitserreger in den Wirt
abgegeben werden. Zecken spielen z. B. eine Rolle bei der
Übertragung von FSME-Viren (▶ Tab. 6.11), von Borrelien
(▶ Tab. 6.10), Coxiellen und Rickettsien.

Milben
Die medizinisch bedeutendste Milbenart ist die Krätzmilbe.
Sie verursacht die sog. Skabies oder Krätze (S. 1037), eine
infektiöse Hauterkrankung mit starkem Juckreiz. Die weib-
lichen Tiere graben sich Gänge in die Haut und legen dort
a b ihre Eier ab.

Läuse (Pedicula)
Beim Menschen bedeutende Läuse sind u. a. Kopfläuse (Pe-
diculus humanus capitis), die immer mal wieder in Kinder-
gärten und Schulen in Erscheinung treten. Sie werden durch
direkten Körperkontakt übertragen. Die Weibchen legen
Eier (= sog. Nissen) am Haaransatz ab und verursachen Juck-
reiz auf der Kopfhaut. Die entstehenden Kratzwunden kön-
nen sich bakteriell superinfizieren. Kleiderläuse (Pediculus
humanus corporis) legen die Nissen in Kleidungsstücke ab.
Filz- oder Schamläuse (Phthirus pubis) befallen v. a. Scham-
haare und werden durch Geschlechtsverkehr übertragen.
Läuse können in seltenen Fällen bestimmte Bakterien (z. B.
Rickettsien) übertragen. Lausbefall (Pedikulosis) wird aus-
c d führlich im Kap. „Haut, Haare und Nägel“ (S. 1038) bespro-
chen.

Flöhe
Flöhe sind stechend-saugende Insekten, die eine enorme
Sprungkraft besitzen. Es gibt verschiedene Arten. Mit am
bekanntesten ist der Pestfloh, dessen Hauptwirt die Wan-
derratte ist und der die Pest überträgt. Hunde- und Katzen-
floh spielen als Krankheitserreger keine Rolle. Sie saugen
Blut von Hund, Katze oder Mensch, was zu punktförmigen,
von einem Hof umgebenen Blutungen führt und Juckreiz
auslöst.

e
WISSEN TO GO

a Kopflaus: am Haar befestigtes Läuseei mit ausschlüpfender Parasiten


Laus. © Ronald Schmäschke/fotolia.com
Parasiten leben auf Kosten ihres Wirts und rufen ggf. bei
b Erwachsene Kopflaus. Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. A.
diesem Krankheiten hervor. Man unterscheidet Einzel-
Stich, Würzburg; aus Groß, Kurzlehrbuch Mikrobiologie und Infektiologie, 3.
ler (Protozoen) von Mehrzellern (Würmern und Glieder­
Aufl., Thieme 2013.
füßern). Protozoen und Würmer werden mit wenigen
c Zecke auf der Fingerspitze. Foto: istockphoto
Ausnahmen nicht von Mensch zu Mensch, sondern durch
d Krätzmilbe. Aus: Groß, Kurzlehrbuch Mikrobiologie und Infektiologie, 3.
Mücken, kontaminierte Nahrungsmittel oder kontaminier-
Aufl., Thieme 2013.
tes Wasser übertragen. Die meisten medizinisch relevan-
e Floh. Foto: PhotoDisc
ten Protozoen sind aus dem außereuropäischen Ausland
importiert (z. B. Plasmodien, die Erreger der Malaria), ei-
Stechmücken nige sind jedoch auch in Europa heimisch (z. B. Amöben,
Trichomonas, Toxoplasma).
Sie sind vor allem in tropischen und subtropischen Regionen
Zu den Gliederfüßern zählen u.a. Stechmücken, Läuse
als Überträger von Krankheitserregern (z. B. Malaria, Schlaf-
und Flöhe sowie Zecken und Milben. Stechmücken spielen
krankheit) von großer Bedeutung.
v. a. als als Überträger pathogener Protozoen eine Rolle,
Zecken übertragen Bakterien (Borrelien, Rickettsien) und
Viren (FSME). Milben rufen die stark juckende Hauterkran-
kung Krätze hervor.
123
6 Grundlagen der ­Infektiologie

6.1.6  Prionen schwere systemische Erkrankungen hervorrufen. Zu den


wichtigsten Vertretern gehören das Varizella-zoster-Virus
Prionen sind Krankheitserreger, die erst in den vergange- mit dem Krankheitsbild Herpes zoster (S. 1280) und das
nen Jahrzehnten im Zusammenhang mit den Erkrankungen Zytomegalievirus (S. 1283).
Creutzfeldt-Jakob beim Menschen, Rinderwahn (bovine ●● opportunistische Bakterien: Hierzu gehören z. B. die Tu-
spongiforme Enzephalopathie, BSE) bei Kühen und Scrapie berkulose und Infektionen mit atypischen Mykobakterien.
bei Schafen in den Fokus der Wissenschaft gerückt sind. Bei Immungeschwächten treten außerdem viel häufiger
Die Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung ist eine Erkrankung des als bei Gesunden Streptokokken- und Haemophilus-influ-
ZNS, die zu einer Degeneration des Gehirns führt und töd- enzae-Pneumonien auf.
lich endet, allerdings äußerst selten ist. Viele Erkenntnisse
wurden bereits gewonnen, vieles ist aber auch noch unsi-
cher oder unklar. Lange Zeit nahm man an, dass auch diese 6.1.8  Intrazelluläre Erreger
Erkrankungen durch Viren verursacht würden. Schließlich Manche Erreger leben in Wirtszellen, d. h. intrazellulär, da
erhärtete sich aber der Verdacht, dass es keine Viren sind, sie direkt auf den Stoffwechsel der Wirtszelle angewiesen
sondern reine Eiweißmoleküle, die eine abnorme Struktur, sind. Intrazellulär leben z. B. Viren, aber auch einige Bakte-
genauer gesagt, eine abnorme Faltungsstruktur aufweisen, rien wie Chlamydien oder Mykobakterien und Pilze. Diese
mit der sie dem Organismus schaden. Das gleiche Eiweiß in Erreger müssen eine Wirtszelle befallen, um sich vermehren
anderer Faltung existiert im Organismus, ohne ihm Schaden zu können. Innerhalb der Wirtszelle sind sie jedoch vorerst
zuzufügen. Der große Unterschied zu allen anderen bisher für die körpereigene Abwehr unsichtbar, solange bis die Er-
bekannten Erregern besteht darin, dass Prionen kein gene- reger Proteine bilden. Dies wird dann an der Zelloberfläche
tisches Informationsmaterial in Form von Nukleinsäuren sichtbar, sodass die Abwehrzellen aktiviert werden. Bei den
besitzen. Abwehrzellen handelt es sich um zytotoxische T-Zellen. Sie
Die Funktion des normalen Prionproteins ist nicht be- zerstören die mit Viren befallenen Zellen, allerdings geht da-
kannt. In geringeren Mengen wird es außerhalb des Gehirns bei auch die körpereigene Wirtszelle zugrunde.
auch in anderen Organen gefunden. Die Übertragungs- und
Ausbreitungswege der Prionen sind erst in Ansätzen er-
forscht. Die orale Aufnahme ist möglich und erklärt die 6.2  Infektionskrankheiten
Verbreitung der BSE durch die Verfütterung von Tiermehl
und die Übertragung der BSE-Prionen auf den Menschen Definition  Infektionskrankheit
durch Verzehr von infiziertem Rindfleisch. Zudem wurde Eine Infektionskrankheit ist eine durch sog. humanpathogene
von Übertragungen durch kontaminierte chirurgische Inst- Erreger hervorgerufene Erkrankung. Die Erreger dringen in den
rumente oder Transplantate aus dem Bereich des ZNS (Dura Körper ein, vermehren sich und lösen eine entzündliche Reaktion
mater, Hornhaut) berichtet. Die Inkubationszeit kann meh- aus. Humanpathogene Erreger sind oft kleinste Lebewesen, sog.
rere Jahre dauern. Offenbar besteht auch die Möglichkeit, Mikroorganismen, aber auch viele Parasiten und Würmer.
dass ein infektiöses Prion spontan im Körper selbst entsteht.
Als Maßnahme zur Verringerung der Erkrankungsgefahr Bevor es zu einer Infektionskrankheit kommt, muss der Er-
(Expositionsprophylaxe) empfiehlt es sich, auf potenziell reger in den Organismus gelangen und dort die von ihm aus-
prionenhaltige Speisen wie Hirn zu verzichten. gelösten Abwehrmechanismen des körpereigenen Immun-
systems zumindest zeitweise überdauern. Folgende Begriffe
und „Stationen“ spielen bei den Infektionskrankheiten eine
WISSEN TO GO
Rolle: Infektionsquelle – Übertragungsweg – Infektion –
Symptome und Verlauf – Diagnostik und Therapie – Vorbeu-
Prionen gung (Prophylaxe).