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Pressekonferenz zur 19.

Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks


Berlin, 23. April 2010, 9:30 Uhr

Statement
des Präsidenten des Deutschen Studentenwerks,
Prof. Dr. Rolf Dobischat

- Es gilt das gesprochene Wort! -

Ich danke dem Bundesministerium für Bildung und Forschung dafür, dass es auch diese
19. Sozialerhebung gefördert hat.

Seit bald sechzig Jahren bilden die Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks die
wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden ab.

Diese 19. Sozialerhebung wurde mit viel Spannung erwartet. Wir haben zum ersten Mal
sehr viele Studierende, die Studiengebühren bezahlen müssen, und wir haben zum ersten
Mal sehr viele Bachelor-Studierende.

Bezogen auf diese beiden Aspekte ist die 19. Sozialerhebung vom Sommer 2009 eine
Momentaufnahme.

Viele Ergebnisse sind erste Zwischenergebnisse. Wir werden die Langzeit-Folgen von
Studiengebühren erst erkennen können, wenn wir wesentlich längere Zeiträume
untersuchen.

Die jüngsten Daten könnte man bei einem oberflächlichen Blick optimistisch deuten:

Kaum nennenswerte Fluchtbewegungen der Studierenden in gebührenfreie Länder, mit


dem Bachelor ist alles o.k., die BAföG-Erhöhung von 2007/2008 greift für die BAföG-
Empfänger, und die soziale Selektion scheint etwas weniger ausgeprägt.

Man muss sich die 19. Sozialerhebung jedoch genauer und differenzierter ansehen. Das
will ich in vier Schritten tun.
Erster Schritt: Studiengebühren

Studiengebühren sind kein Problem? Kommt drauf an, für wen.

Für die Mehrheit der Studierenden, die der Gebührenpflicht unterliegen, bezahlen die
Eltern.

Zahlen die Eltern nicht, dann versuchen die Studierenden, die zusätzlichen Kosten durch
Jobben hereinzuholen – und wesentlich seltener durch die angebotenen
Studiengebührendarlehen.

Studiengebühren belasten die Studierenden nach sozialen Herkunftsgruppen sehr


unterschiedlich: Studierende aus der Herkunftsgruppe niedrig sind von Studiengebühren
häufiger betroffen, Studierende aus der Herkunftsgruppe hoch sind öfter von
Studiengebühren befreit – möglicherweise aufgrund der in einzelnen Ländern geltenden
Geschwisterregelungen.

Man kann sagen: Schafft es ein Kind – trotz Selektion im Schulsystem – als einziges aus
einer bildungsfernen und einkommensschwächeren Familie an die Hochschule, dann steht
es schon wieder vor einer neuen Hürde!

Gebührenzahler aus der niedrigen sozialen Herkunftsgruppe müssen mehr jobben und
häufiger ein Studiengebühren-Darlehen in Anspruch nehmen als ihre Kommilitonen aus
der hohen Herkunftsgruppe, für die die Eltern in der Regel die Gebühren bezahlen.

Fast ein Viertel der Gebührenzahler lebt in einer finanziell angespannten Situation. Die
Gebühren belasten vor allem diejenigen, die sie aus eigenen Mitteln bezahlen müssen.

Gebührenzahler wohnen häufiger noch bei ihren Eltern als Studierende, die keine
Studiengebühren bezahlen müssen. Grundsätzlich gilt: Je niedriger die soziale
Herkunftsgruppe, desto eher wohnen die Studierenden noch zuhause.

Klar: Studiengebühren sind ein Kostenfaktor, und die Studierenden müssen


mit kostensparenden Gegenstrategien reagieren.

Sie jobben mehr, sie weichen auf preisgünstige Wohnformen wie das Elternhaus oder das
Studentenwerks-Wohnheim aus.

Und wir wissen: Studierende aus einkommensschwächeren, hochschulfernen Familien


sind auch weniger mobil. Insofern ist für mich der Befund, dass es kaum zu einer
nennenswerten Gebührenflucht gekommen ist, kein Grund zur Beruhigung: Die, die
besonders von den Gebühren belastet werden, können gar nicht fliehen.

Zweiter Schritt: Bachelor-Studierende

Die Art und Weise, wie Bachelor/Master in Deutschland umgesetzt werden, hat die
Studierenden auf die Straße getrieben. Sie klagen über ein zu enges zeitliches Korsett,
überfrachtete Studiengänge, Prüfungsinflation.

Ähnlich wie die jüngste Bachelor-Studie der Konstanzer Hochschulforscher kann auch die
19. Sozialerhebung diese Kritik höchstens in Teilen bestätigen.

Aber auch hier muss man differenzieren.


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FH-Bachelor-Studierende haben, Studienaufwand und Nebenjob zusammengenommen,
eine 44-Stunden-Woche – Uni-Bachelor kommen auf 43 Stunden.

Im Vergleich mit den anderen Abschlüssen liegen Bachelor-Studierende mit dieser


zeitlichen Belastung im Mittelfeld, hinter den alten Studiengängen, die mit dem
Staatsexamen oder dem Diplom abschließen.

19% der Bachelor-Studierenden stufen die zeitliche Belastung während des Semesters als
zu hoch ein.

Auch Bachelor-Studierende jobben, allerdings etwas weniger als ihre Kommilitonen in den
alten Studiengängen.

FH-Bachelor liegen mit 15 Stunden Erwerbstätigkeit in der Woche jedoch deutlich über
dem Durchschnitt aller Studierenden, die im Schnitt acht Stunden die Woche arbeiten.

Hier wird zumindest für einen Teil der Bachelor-Studierenden der öffentlich artikulierte,
gefühlte Druck zu einem objektiven Druck!

Und: Der Beratungsbedarf von Bachelor-Studierenden ist höher als der in den alten
Studiengängen. Top-Thema ist die Studienfinanzierung.

Bachelor-Studierende haben etwas geringere Einnahmen als ihre altersgleichen


Kommilitonen in den traditionellen Studiengängen. Dafür spielt das BAföG bei den
Einnahmen eine größere Rolle.

Gleichzeitig achten sie auf die Kosten. Sie wohnen deutlich stärker zuhause bei den Eltern,
im Wohnheim ihres Studentenwerks oder in einer Wohngemeinschaft. Bachelor-
Studierende nutzen auch häufiger die Studentenwerks-Mensa.

Gerade diese letzten Befunde unterstreichen, wie wichtig die mittelbare Förderung der
Studierenden, die soziale Infrastruktur für die neuen Studiengänge ist.

Ich sage offen pro domo: Bachelor/Master-Erfolg ist nicht allein eine Frage der
Studienorganisation. Die Leistungen der Studentenwerke sind ein Erfolgsfaktor für die
Studienstrukturreform!

Denken Sie an unsere Wohnheime, die die Bachelor-Studierenden schätzen, denken Sie an
unsere Mensen, in denen die Bachelor-Studierenden gerne essen, ans BAföG, von dem die
Bachelor-Studierenden profitieren, oder an die vielfältigen Beratungsangebote der
Studentenwerke, die die Bachelor-Studierenden benötigen.

Dritter Schritt: Studienfinanzierung

Die Eltern tragen weiterhin den Löwenanteil der Studienfinanzierung, sie sind aber am
Rande ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Erstmalig seit 1991 ist der Anteil der Eltern an der Studienfinanzierung ihrer Kinder
zurückgegangen. Insbesondere Familien aus den sozialen Herkunftsgruppen „niedrig“ und
„mittel“ stoßen an ihre Belastungsgrenze.

Die Bundesregierung hat das BAföG 2007/2008 kräftig erhöht – die Bedarfssätze um 10%,
die Freibeträge um 8%.
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Die 19. Sozialerhebung zeigt: Das hat Folgen – und auch nicht.

Die Geförderten haben mehr in der Tasche und können ihre Studienfinanzierung als
gesicherter ansehen. Bei den Einnahmen schlägt das BAföG mit durchschnittlich 430 Euro
im Monat zu Buche; 2006 waren es nur 376 Euro.

Die Quote der BAföG-geförderten Studierenden ist jedoch auf dem gleichen Niveau wie
2006. Es gibt zwar mehr BAföG, aber nur für ein paar Studierende mehr!

Deshalb pochen wir als Deutsches Studentenwerk immer wieder auf eine stärkere
Erhöhung der Freibeträge, und deshalb hätten wir uns mehr gewünscht als die drei
zusätzlichen Prozent bei den Freibeträgen, die die Bundesregierung vor wenigen Tagen
beschlossen hat.

Vierter und letzter Punkt: Soziale Selektion

Das deutsche Bildungssystem ist sozial selektiv. Die deutsche Bildungsbiographie ist an die
soziale Herkunft gekoppelt. Das ist bekannt und wird durch die 19. Sozialerhebung einmal
mehr bestätigt.

Ob jemand studiert, hängt ganz entscheidend vom Bildungsstatus der Eltern ab - vor
allem davon, ob die Eltern einen Hochschulabschluss haben.

Das zeigen die so genannten „Bildungstrichter“ der Jahre 2003, 2005 und 2007 aus dieser
Sozialerhebung.

Auch wenn zuletzt – 2007 gegenüber 2005 – die Bildungsbeteiligung von Akademikern
leicht nachgelassen hat, ist die grundlegende soziale Selektion weiterhin erschreckend
stabil.

Von 100 Akademiker-Kindern studieren 71, von 100 Kindern aus Nicht-Akademiker-
Familien studieren nur 24. 2005 war das Verhältnis 83 zu 23, 2003 war es 83 zu 26.

Hochschulbildung gleicht weiterhin einem „kulturellen Kapital“, das von Akademiker-


Generation zu Akademiker-Generation weitervererbt wird.

Die Hochschulen mögen einigen den Bildungsaufstieg ermöglichen. Noch stärker aber
sichern sie den akademischen Status in der nachfolgenden Generation ab.

Weniger wissenschaftlich ausgedrückt:


Die Akademiker reproduzieren sich selbst. Kinder von Beamten mit Hochschulabschluss
studieren fast viermal so häufig wie Arbeiterkinder.

Von sozial offenen Hochschulen sind wir weit entfernt.

Auch Bachelor/Master scheinen bisher nicht mehr junge Menschen aus hochschulfernen
Schichten angelockt zu haben.

Wie aber lässt sich die leichte Abnahme der Bildungsbeteiligung von Akademikern
gegenüber 2005 und 2003 erklären?

Als Berufs- und Weiterbildungsforscher frage ich mich:

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Könnte es nicht sein, dass auch junge Menschen aus Akademikerfamilien angesichts der
Turbulenzen an unseren Hochschulen auf eine berufliche Ausbildung ausweichen? Was ist
mit den Wechselwirkungen zwischen tertiärer Bildung und beruflicher Bildung angesichts
unsicherer Orientierungen?

Oder könnte es sogar sein, dass die leicht rückläufige Bildungsbeteiligung von
Akademiker-Kindern doch auf Studiengebühren zurückzuführen ist?