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Gerd [rrfitz Kant-Handbuch

Gerd Irrlitz Kant-


Handbuch
Leben und Werk

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart . Weimar
Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme

Kant-Handbuch : Leben und Werk / hrsg. von Gerd Irrlitz.


- Stuttgart j Weimar: Metzler, 2002
ISBN 978-3-476-01234-0

ISBN 978-3-476-01234-0
ISBN 978-3-476-01724-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-01724-6
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© 2002 Springer-Verlag GmbH Deutschland


Ursprünglich erschienen bei J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung
und earl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2002
Dem Andenken meiner Eltern
Hans Irrlitz - Elisabeth Irrlitz, geb. Engler
Inhaltsübersicht

Einleitung XV
Person, Zeit, Weg des Denkens
Die frühen naturphilosophischen und metaphysischen Schriften, spätere kleinere natur-
philosophische Aufsätze, die Geographie-Vorlesung 70
Die metaphysikkritischen Schriften der 60er Jahre 95
Kritik der reinen Vernunft I 122
Kritik der reinen Vernunft II 186
Prolegomena zu einer jeden Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können 264
Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 277
Metaphysische Anfangsgründe der NatulWissenschaft 288
Kritik der praktischen Vernunft 306
Kritik der Urteilskraft 340
Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft 381
Aufsätze und Schriften der 80er und 90er Jahre 405
Die Metaphysik der Sitten 448
Akademie-Ausgabe, handschriftlicher Nachlass (Reflexionen, die Manuskripte zur Preis schrift über
die Fortschritte der Metaphysik und des sog. Opus postwnum), Vorlesungen 480
Anhang und Register 505
Inhaltsverzeichnis

Zitierweise und Abkürzungen, Siglen XIII


Einleitung XV

Leben - Zeit - Weg des Denkens

Kants Leben 1
Königsberg 1 - Geistiges Leben 1 - Universität 4 - Kants Herkunft 5 - Schule, Studium 6-
Dozent, Universitätsprifessor 7- Bild der Persönlichkeit 10

Kant in der Epoche der Aufklärung 13


Perjektibilitiitsprinzip 16 - Fortschrittsgedanke 17 - Individuelle Selbstbestimmung und
Gattungifortschritt 18 - Selbstdenken und allgemeine Menschenvernunft 20 - Naturbegriff als
vorausgehendes Modell kulturellen Selbstverständnisses. Kants Frage nach dem, was Naturwissen-
schaften nicht beantworten 21- »Natur« des Menschen. Idealistische Form der Gedankenentwick-
lung und praktischer Realismus bei Kant 23 - Kants Kritik der naturalistischen Anthropologie 25
- Die drei Kritiken als Selbstkritik der Aufklärung 26 - Problem der Methode 27- Urteils-
vermögen 28 - Common sense 29 - Kant zu den kulturellen Strömungen seiner Zeit 30-
Literatur, Pädagogik 32 - Rousseau 34 - Spinoza-Streit 34 - Aufklärung und Fortschrittsgang,
idealistischer Geschichtsbegriff 37

Kants politische Auffassungen. Stellung zur Französischen Revolution 38

Die Religionsschrift und der Zusammenstoß mit dem preußischen Staat 43

Theoretische Perioden, Gruppierung der Werke 45


Entwicklungsgeschichtliche Auffassung der Kantsehen Theorie 45- »Vorkritische« und »kritische«
Periode 47 - Die Dissertation von 1770 50 - Auseinandersetzung mit Hume 51 - Das Anti-
nomienproblem 52 - »Großes Licht« 1769 56

Kants Philosophiebegriff 60
Metaphysik als Naturanlage und als Wissenschaft 60 - Systemprinzip 61 - Intelligible und
sensible Ttelt 63 - Schulbegriff und Tteltbegriff der Philosophie 64 - Was kann ich wissen? Was
soll ich tun? Was daif ich hc1fim? 67 - Gott, Freiheit und Unsterblichkeit 67 - Horizont des
Bewusstseins 68 - Philosophie lernen oder Philosophieren lernen 68

Die frühen naturphilosophischen und metaphysischen Schriften, spätere kleinere


naturphilosophische Aufsätze, die Geographie-Vorlesung

Kant und die Naturwissenschaften 70 - Methodische Aspekte des Naturbegriifs im 18. Jh. 77 -
Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte (1747) 80 - Allgemeine Naturge-
schichte und Theorie des Himmels (1755) 83 - Principiorum primorum cognitionis metaphysicae
nova dilucidatio (1755) 86 - Metaphysicae cum geometria junctae usus in philosophia naturalis
(1756) 88 - Meteorologie, physische Geographie, Rassentheorie 89
VIII Inhaltsverzeichnis

Die metaphysikkritischen Schriften der 60er Jahre

Die Themen und Probleme dieser Schriften 95- Neuer Lehrbegrijfder Bewegung und Ruhe
(1758) 98 - Die falsche Spitzfindigkeit der vier syllogistischen Figuren (1762) 99 - Der einzig
mögliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes (1763) 100 - Untersuchung über
die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und Moral (1764) 102 - persuch den
BegriJf der negativen Grtjßen in die Weltweisheit einzuJiihren (1763) 105 - Beobachtungen über das
Gifühl des Schönen und Erhabenen (1764) 108 - Nachricht von der Einrichtung seiner VOrlesung
in dem Winterhalbenjahre 1765/66 (1765) 110 - Träume eines Geistersehers, erläutert durch
Träume der Metaphysik (1766) 112 - VOn dem ersten Grunde des Unterschieds der Gegenden im
Raume (1768) 116 - De mundi sensibilis atque intelligibilisfonna et principiis (1770) 118

Kritik der reinen Vernunft I (1781, 21787)

Propädeutik und System der Metaphysik, eine phaenomenologia generalis 122


Analytik der Begriffi statt Ontologie 122 - Locke-Einfluss, Bezug aujHume 123 - Apriorismus
als Konstitutionstheorie von Sachverhalten und als Bestimmung elementarer Gesetze praktischer
pemunJt 124 - Propädeutik in drei Kn"tlken, zweiflügelige MetaphYSik der Natur und der
Sitten 126 - Gründe für die Trennung von »Kritik« und Metaphysik-Systematik 126 Phänomeno-
logie, Kritik von Schein und VOrurteil 130 - Metaphysik als spezielle Kategorienlehre 130 -
Der Methodentraktat Kritik der reinen Vernunft und die Methode der Newtonschen Naturwissen-
schaft 131 - Ontologischer und transzendentaler Apriorismus, Die logische Funktion auf die
Realisierung in den Wissenschaften angelegt 133

Die Gliederung der Kritik der reinen pemunJt 154


»Einige Dunkelheiten« 134 - Elementar- und Methodenlehre 135 - Analytik und Dialektik 137-
Keine allgemeine Erkenntnistheorie, Die transzendentale Untersuchung 138

Das Grundproblem der Kritik der reinen WJmunft 138


»Das Schwerste, das jemals zum Behufder Metaphysik untemommen werden konnte«, Synthesis a
priori 138 - Natur- und FreiheitsbegriJfe 140 - Dichotomie von rezeptiver »Sinnlichkeit« und
apriorischer Spontaneität; das dritte Element: produktive Einbildungskraft 141 - AuJbauplan und
theoretische Struktur des Werkes 142

Kants Sprache, Leitbegriffe der Kritik 145


Kants Sprache 145 - HerkunJt einiger Leitbegriffi 148 - Einige Leitbegriffi und Grund-
probleme 150- Kritik 150 - transzendent- transzendental 153 - a prion' - aposteriori 156-
Die »ursprüngliche Erwerbung« apriorischer Begriffi und die dem
Apn'orismus zu Grunde liegende Subjekt--SubJekt- und Subjekt-ObJekt-Relation 161- Synthesis,
analytische und synthetische Urteile 162 - Subjekt überhaupt, transzendentale Apperzeption 168
- Ding an sich - Erscheinung 169

Entstehung, erste und zweite Auflage des Werkes 176


Entstehung 176- Erste und zweite Auflage 183
Inhaltsverzeichnis IX

Kritik der reinen Vernunft 11 (1781, 21787)

Motto, Widmung, Vorreden und Einleitungen zur ersten und zweiten Auflage 186

Transzendentale Ästhetik 192


Die ProbleTTI.Ytellung 192 - Raum und Zeit bei Newton, Leibniz, Hume 194 - Transzendentale
Theorie des Raumes 196 - Diskussion der Raumtheorie 197 - Asthetik und Logik, analytische
Geometrie und Synthesis apriori 198 - Transzendentale Theorie der Zeit 199 - Idealität von
Raum und Zeit und Synthesis apriori 201- Schlussbemerkung 201

Transzendentale Logik 202


Einleitung. Formale und transzendentale Logik 203 - Analytik der Begriffe 206
Metaphysische Deduktion der reinen verstandes begriffe 206 - Urteilstafel und Kategorientafel 208
- Transzendentale Deduktion 212 - Die Einheit des Selbstbewusstseins, die transzendentale
Apperzeption 213 - verbindung von logisch-formaler und empirisch-materialer Bewusstseinse-
bene 216 - Analytik der Grundsätze 216 - Urteilskraft 218 - Produktive Einbildungskraft 220
- Schematismus der reinen verstandesbegriffe 222 - System der Grundsätze 225 - Zwei Schluss-
kapitel der Analytik. Aufklärerische Kritik der Scheinformen gesellschaftlichen Bewusstseins 230

Transzendentale Dialektik 233


verstand und vernunft. Das Unbedingte und die vernunftideen 233 - Übergang von der theo-
retischen zur praktischen Objektivation. Die vernun.ftideen 236 - Dialektik der vernunJtideen,
Irrtumstheorie 237- Dialektische Schlüsse der reinen vernunft 239- Die Paralogismen der reinen
vernunft. Die Unsterblichkeit der Seele und die Kritik der rationalen Psychologie 240 - Die vier
Antinomien der kritiklosen vernunft 242 - ProbleTTI.Ytellung 242 - Leibniz als 1Vrbereiter der
Kantschen Antinomik 246 - Wissenschaftliche Problemlage 247- Gang der Darstellung, die
kosmologischen Ideen, die vier Antinomien 249- Zur Interpretation 251 - Die dritte Antinomie.
Freiheit - Notwendigkeit 253 - Der Gottesbegriff in der vierten Antinomie, rationale Theologie und
Ideal der vernunft 254 - Die vierte Antinomie 254 - Das Ideal der vernunft 255 - Kritik der
Gottesbeweise. Ontologischer Gottesbeweis 256 - Kosmologischer und physikoteleologischer Gottes-
beweis 257

Transzendentale Methodenlehre 259

Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird


auftreten können (1783)

veranlassung der Schrift: Die Aufn.alune der Kritik der reinen vernunft 264 - 1Vrwort und
Anhang 268 - »Humisches Problem« 269 - Die Gliederung 271 - Die Transzendentalphilosophie
im Wendepunkt der A,gklärungsphilosophie von verfall und Wiedergeburt 272 - veränderter
AuJbauplan und Akzentuierung der Synthesis apriori 273

Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785)

Das Entstehen der Schrift 277 - Phänomenologisch-genetische Darstellungsmethode 278 - Erster


Abschnitt. Auflösung des Rousseau-Dilemmas 279 - Zweiter Abschnitt. Empirismus-Kritik 282-
Dritter Abschnitt. Kategorischer Imperativ. Faktum der vernunft 284
x Inhaltsverzeichnis

Metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft (1786)

Metaphysik der Naturwissenschaften 288 - WissenschafissysterTUltik 291 - Phoronomie 296 -


Dynamik 297 - Mechanik 297 - Phänomenologie 298 - Der Terminus »Natur« bei Kant 299

Kritik der praktischen Vernunft (1788)

Entstehung, ~rhältnis zur Kritik der reinen Vernunft 306 - Aufbau der Schrift 316 Sittengesetz,
objektive Bestimmung der Einheit des Willens 317 - Der Gang der Darstellung 325 - Elementar-
lehre. Analytik. Kategorischer Imperativ 325 - Faktum der ~munft, religiöse Tradition der Gesin-
nungsethik 326 - Evidenz-Bewusstsein. Methodische Ebenen 328 - Der Begriffmoralisch-prakti-
scher ~munjt 329 - Empirismus-Kritik 330 - Der Gegenstand der reinen praktischen ~r-
nunft 331 - Die 7jpik der praktischen Urteilskraft 331 - Dialektik der praktischen ~munjt 332
- Postulate der praktischen ~munft 334 - Unsterblichkeit, Gottesbegriff, höchstes Gut 335-
Methodenlehre ))8

.Kritik der Urteilskraft (1790)

Ein Prinzip apriori des Geschmacks und der Wissenschaften von der organischen Natur 340-
Problem und Systemjunktion einer Kritik der Urteilskraft 343 - TfJrrede und Einleitung 347- Die
Kategorie der ~rmittlung 347 - Die erste Einleitung. Technik der Natur 349- Nicht bestim-
mende, sondern regulative Urteilskraft 350 - Teleologische Urteilskraft undNaturzweck 352-
Intelligibles Substrat der Natur alflJer uns und in uns 353 - A"sthetische Urteilskraft 355-
Besonderheit des ästhetischen Apriori 355 - A"sthetik als Theorie der Kunst-Rezeption durch
Geschmacksurteile 356 - Form und Materie des Kunstwerks 358 - Kritik A. G. Baumgartens 358
- Analytik der ästhetischen Urteilskraft 359 - Das Erhabene 364 - Deduktion des ästhetischen
Urteils 366 - Das künstlerische Genie 366 - Dialektik der ästhetischen Urteilskraft. Antinomien
in den drei Kritiken 367 - Problem- und Systerngedanke in der Theorie der Urteilskraft. Asthetische
Urteilskraft und Moral 368 - Sensus communis 369 - Teleologische Urteilskraft 371-
Methodenlehre 376

Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft (1793)

Die Problemstellung 381 - Der Titel. ~munftreligion und Kirchenglaube 386-


Der Aufbau der SchriJt 391 - Erstes Stück. TfJn der Einwirkung des bösen Prinzips neben dem
guten oder das radikale Böse in der menschlichen Natur 392 - Zweites Stück. TfJn dem Kampfdes
guten Prinzips mit dem bösen um die Herrschaft über den Menschen 394 - Drittes Stück. Der Sieg
des guten Prinzips über das böse und die Gründung eines Reichs Gottes azifErden 397 - Viertes
Stück. TfJm Dienst und Afterdienst unter der Herrschaft des guten Prinzips oder von Religion und
Pfa.ffentum 398 - Ineinanderscheinen von religiös veranschaulichter Moral und moralisch riflek-
tierter Religion 399 - Deismus und O.ffenbarung. Quellen der ReligionsschriJt 400 - ~rhältnis
von Moral und Religion 403
Inhaltsverzeichnis XI

Aufsätze und Schriften der 80er und 90er Jahre

Die Themen. Gegner und Anhänger der Kantschen Theorie 405

Arbeiten zur Geschichtsphilosophie 407


Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784) 410 - Rezensionen von
J. G. Herders Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit (1785) 412 - Mu1l'1Uf!Jlicher
AnfongderMenschengeschichte (1786) 414- Über den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der
Philosophie (1788) 415

Arbeiten zu Themen der Zeit 416


Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784) 416 - Um der Unrechtmi!fJigkeit des Bücher-
nachdrucks (1785) 419- Was hetßt: Sich im Denken orientieren? (1786) 419-EinigeBemer-
kungen zu L.H. Jakob 's Prüfung der Mendelssohn 'sehen Morgenstunden (1786) 422 - Über den
Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nichtfür die Praxis (1793) 423-
Das Ende aller Dinge (1794) 425 - Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen
(1797) 427

Abhandlungen zur Verteidigung der Transzendentalphilosophie 427


Über eine Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen vernunft durch eine ältere entbehrlich
gemacht werden soll (1790) 427 - Über das Mtßlingen aller philosophischen versuche in der
Theodizee (1791) 429 - Um einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie.
verkündigung des nahen Abschlusses eines Tractats zzun ewigen Frieden in der Philosophie
(1796) 430 - Über die Buchmacherei. Zwei Briife an Herrn Friedrich Nicolai (1798) 431

Zzun ewigen Frieden (1795) 431

Der Streit der Fakultäten (1798) 435

Anthropologie in pragmatischer Hinsicht (1798) 440

Die Metaphysik der Sitten (1797)

Frühes Projekt, spät vollendet 448 - Eines derfrühesten Projekte zur Kritik der Metaphysik 448 -
Stellung im Systemplan Kants. Rechtstheorie und Ethik der griißten Zahl 450 - Vorstufe der Sitten-
Metaphysik in den rechts- und moralphilosophisehen Vorlesungen 452 - Das vertragsprinzip als
Voraussetzung des metaphysischen Apriorismus von Recht und Moral 455 - Metaphysik der Sitten
als Teil der Kulturphilosophie Kants. Dualismus und Wechselbezug von Recht und Moral 457 -
Metaphysik des Rechts 459 - Das Rechtsverhältnis. Metaphysik der Sittlichkeit, nicht Naturrechts-
theorie 459 - Privatrecht 462 - Staatsrecht 464 - Strafrecht 466 - Völkerrecht 467 - Meta-
physik der Tugendpflichten 469 - Entsprechung von juridischer versachlichung der Sozialisierungs-
akte und Formalismus der Gesinnungsethik 469 - Metaphysik als Lösung des Begründungspro-
blems für AuJforderungssätze 471 - Systematischer Ort der Metaphysik 471 - Die Gliederung der
Tugend-Metaphysik. Gesinnungsethik 473 - Pflichtenkatalog 476 - Intellektualismus und Sinn-
lichkeitskritik 477- Guter Wille und Gerichtshcif-Modell. Das Dualismus-Problem 478-
Methodenlehre 479
XII Inhaltsverzeichnis

Akademie-Ausgabe, handschriftlicher Nachlass (Reflexionen, die Manuskripte


zur Preisschrift über die Fortschritte der Metaphysik und des sog. Opus
postumum), Vorlesungen

Die Akademie-Ausgabe 480

Handschriftlicher Nachlaß 482


Die Riflexionen 483 - Die Manuskripte zur Preisschrift über die Fortschritte der Metaphysik 484
- Die nachgelassenen Manuskripte ZlDTl geplanten fJi1rk Übergang von den Metaphysischen Anfangs-
gründen der NatUlwissenschaft zur Physik (sog. Opus postumum) 486

Die Vorlesungen 491


Vorlesungen über Logik (Bd. XXIV) 495 - Vorlesungen über Anthropologie (Bd.}(){V) 496-
Vorlesungen über Moralphilosophie (Bd. XXVII) 498 - Vorlesungen über Metaphysik und Rational-
theologie (Bd. XXVIII) 500 - Vorlesungen über Pädagogik (Bd.lX) 502

Anhang

Zeittafel 507
Bibliographie 510
Namenregister 514
Sachregister 519
Zitierweise und Abkürzungen

Zitiert wird nach der Akademie-Ausgabe Kant's MMGH Mitteilungen de Mathematischen


gesammelte Schriften, Berlin 1902ff. und zwar Gesellschaft Hamburg
Band mit römischer, Seite mit arabischer Ziffer NHPh Neue Hefte für Philosophie
(1,77). Die Kritik der reinen vernunft wird nach NZsTh Neue Zeitschrift für systematische
der Seitenzählung der ersten bzw. zweiten Auf- Theologie
lage zitiert (A 77 bzw. B 77). Die häufIg genannten PädH Paedagogica Historica
Hauptschriften Kants werden mit folgenden Ab- PhF The Philosophical Forum
kürzungen bezeichnet: Phil Philosophy
Phl Philosophisches JahrlJuch
KrV Kritik der reinen Vernunft PhM Philosophische Monatshefte
KpV Kritik der praktischen Vernunft PhNat Philosophia Naturalis
KU Kritik der Urteilskraft PhQ The Philosophical Quarterly
MAN Metaphysische Anfangsgründe der PhR Philosophische Rundschau
NatuIWissenschaft PhRev Philosophical Review
GMS Grundlegung zur Metaphysik der PhSt Philosophische Studien
Sitten PPh Perspektiven der Philosophie
MS Metaphysik der Sitten PrPh Prima Philosophia
RHS Revue d'histoire des sciences et de
leurs applications
Zeitschriften, Periodika
RIPh Revue Internationale de Philosophie
ABG Archiv für Begriffsgeschichte RPh Revue Philosophique
AdF Archivio di FilosofIa RPfhL Revue Philosophique de Louvain
AdPH Archives de Philosophie StG Studium Generale
AGPh Archiv für Geschichte der Philoso- StKa Studi Kantiani
phie TF Tijdschrift voor FilosofIe
Aph Archiv für Philosophie TThZ Trierer Theologische Zeitschrift
AIPh Annales de l'Institut de Philosphie VJWP Vierteljahresschrift für wissenschaft-
AM Altpreußische Monatsschrift liche Pädagogik
ARWPh Archiv für Rechts- und Wirtschafts- WZJ Wissenschaftliche Zeitschrift. Fried-
philosophie rich-Schiller-Universität Jena
AZPh Allgemeine Zeitschrift für Philoso- ZAPh Zeitschrift für Allgemeine Philoso-
phie phie
DLZ Deutsche Literaturzeitung ZAWT Zeitschrift für Allgemeine Wissen-
DZPh Deutsche Zeitschrift für Philosophie schaftstheorie
Fil FilosofIa ZGW Zeitschrift für Geschichtswissen-
GCrFIT Giornale critico della FilosofIa Ita- schaft
liana ZphF Zeitschrift für philosophische For-
GPhS Grazer Philosophische Studien schung
HS Hegel-Studien ZPhphK Zeitschrift für Philosophie und philo-
HSt Hume Studies sophische Kritik
InfPhil Infonnation Philosophie ZRPh Zeitschrift für Rechtsphilosophie
JK JahrlJuch der Albertus-Universität
KÖnigsberg
Siglen
JPh The Journal of Philosophy
KF Kant-Forschungen AA Akademie-Ausgabe Kant's gesam-
KS Kant-Studien melte Schriften
KSEH Kant-Studien Ergänzungsheft Aufklärung Birtsch,G .lEibl,K.lHinske,N.lVier-
XN Zitierweise und Abkürzungen

haus,R.(Hg.), Aufklärung. Interdiszi- Vaihinger Vaihinger, Hans: Commentar zur


plinäre Halbjahresschrift zur Erfor- Kants Kritik der reinen Vernunft, 2
schung des 18. Jahrhunderts und Bde., StuttgartlBerlinlLeipzig 1881/
seiner Wirkungsgeschichte, 1986ff. 1892
HWPh Ritter, J. u.a. (Hg.) Historisches
Wörterbuch der Philosophie, Basel!
Stuttgart 1971ff.
Einleitung

Wie ist es möglich, fragte B. Russell, dass wir mit Grundfigur der allgemeinen Menschenvernunft,
unserem kleinen Gehirn so viel von der riesigen die zur Selbsterkenntnis gelange. Er war Ab-
Welt erkennen können? Weil wir es schon immer sicherung der Aufklärung durch Bestimmung der
wussten, antwortete N. Chomsky (N. Chomsky, Grenzen des Verstandesgebrauchs : Arbeit mit
Riflexionen über die Sprache, Frankfurt/M. dem Material des endlichen Gegebenen bis zur
1977, S. 13, 16). Wie können wir in der kurzen Einheit der Erfahrung durchs Siegel der logi-
Zeit, da es die Menschheit gibt, und bei so be- schen Funktion, nicht weniger und nicht dariiber
schränktem Kontakt mit der Welt so viel von der hinaus. Noch ein halbes Jahrhundert nach der
Ewigkeit wissen? Obwohl wir am Anfang des Kritik hob Goethe hervor: »Kant hat unstreitig am
Universums nicht dabei waren (als alle wesentli- meisten genützt, indem er die Grenzen zog, wie
chen Dinge entschieden wurden), enthält unser weit der menschliche Geist zu dringen fahig sei,
so erfolgreiches Bewusstsein offenbar das Pro- und daß er die unauflöslichen Probleme liegen
gramm oder wichtige Teile des Programms, nach ließ. Was hat man nicht alles über Unsterblichkeit
dem die Welt funktioniert. philosophiert! und wie weit ist man gekommen?«
Die Transzendentalphilosophie hat etwas mit (Goethes Gespräche mit Eckermann, 15.4. 1829,
dieser Frage, nicht mit der Antwort zu tun. Cho- Berlin 1955, S. 504) Goethes Akzent sitzt, wohl-
msky spielt auf den Geist des Platonismus an, von gemerkt, auf der Trennung von rational-univer-
dem die Herleitung des Wissens und aller ide- seller Theorie und unauflöslichen, doch in die
ellen Sphären aus eingeborenen oder erinnerten private Lebensstimmung gesenkten Problemen.
archetypischen Formen herkomme. Es ist, wie Kants theoretischen Verstand regiert der indivi-
Blumenberg sagte, die schwächste Form von duelle Arbeitsvorgang am Stück mit dem ge-
Theorie (H. Blumenberg, Arbeit am Mythos, ordneten Arsenal der bereitliegenden Werk-
Frankfurt/M. '1979, 51996, S. 62). Der Platonis- zeuge. Erst in der praktischen Vernunft geht die
mus begründete die Verehrung des Ursprungs in gesellschaftliche Welt auf, in der und für die
der europäischen Philosophie. Im Ursprung soll- Operationen an den Objekten erfolgen. Alles
ten die die Wahrheiten verborgen liegen, die wir hängt an dieser Trennung von Verstand und Ver-
durch anamnetischen Rückstieg zu den Präge- nunft bei Kant. Der ganze Karneval des Utilitaris-
formen aller Ereignisse der Welt entschlüsseln. mus versinkt und verschwindet in dieser Kluft.
Der Blick geht weit weg vom Gegebenen, um Keine fachspezifische Theorie ist ohne intelli-
zum Eigentlichen zu gelangen. Er sucht Halt beim gibles Reich zu bewerkstelligen. Newtonsehe
immer Seienden, das vor allem das immer gleich Mechanik-Gesetze gelten und keiner hat sie ge-
Seiende ist. Kant zerstört ebenfalls den Absolutis- sehen. Kein Problem bilden dessen aufschei-
mus des Faktischen, indem er es zu nichts als dem nende Tatsachen (quaestio facti), aber wie ist die
Material der logischen Funktion herabstuft. On- unendliche Tatsache, wie ist das Gesetz möglich,
tologie ist ihm, gleich ob platonische oder spino- wie Kant sagt, worin liegt der logische Rechts-
zistische, Schwärmerei. Freiheit ist dann immer- grund (quaestio juris)?
hin nicht das Wissen, dass »Welt haben« unserer Christliche Demut der Endlichkeit des Men-
Selbstkonstitition zugehört. Freiheit ist, dieses schen ist von der Kritik der reinen T:emunftumge-
Wissen mit dessen Folgen in seinen Willen auf- kehrt zur fortgesetzten Tätigkeit in der Beschrän-
nehmen. Der intellektuelle Gestus ist, konträr kung auf die Erforschung des Gegebenen. Ratio
dem platonischen, nicht auf die verborgene We- ist wie bürgerlicher fleiß sich selbst das A und O.
senswelt gerichtet, sondern auf das Immerwäh- Ganz begriffen (darum ist Metaphysik notwendig
rende im Subjekt selbst, das Urteile mit Wahr- bei Kant) ist die Wahrheit eines Sachverhalts erst,
heitsanspruch, Forderungen mit der Legitima- wenn methodisch rücklaufend bis zum Einheits-
tion durch Universalität ermöglicht. punkt im Subjekt geklärt ist, wie sie erzeugt
Der originäre Kantianismus war die transzen- wurde. Konträr zur metaphysisch-theologischen
dentallogische Bündelung der aufklärerischen Einhegung des Subjekts und doch anders als
XVI Einleitung

Fichtes weltschaffendes Subjekt grundet Kants »der es möglich, ja allein notwendig ist, ein syn-
transzendentale Logik im Bewusstsein vom über- thetisches Prädicat apriori mit einem Begriffe zu
großen Druck der mit den neuzeitlichen Wissen- verbinden« oder dass ein Prädicat >>llothwendig
schaften über uns auftauchenden Realitätsmas- im Wesen des Begriffs des Subjects gegründet,
sen. Nicht methodischer Algorithmus allein kann mithin Attribut sei, aber nicht blos zufolge des
uns in unserer Weltlichkeit entlasten, ohnehin Satzes des Widerspruchs«(VIII, 242). Das Subjekt
nicht aus ihr entlassen. Dafür gehört zur Wissen- kann sehr wohl über einen Inhalt apriori hinaus-
schaft aller Sachen, dass wir gleichsam vor uns gehen, ohne spekulativ zu werden: dadurch, dass
selbst zurücktreten in der transzendentalen Re- es den Subjektraum um den Raum der Anschau-
flexion und erkennen, dass die »Welt« von uns ungsfonnen erweitert. Die empirischen und ex-
gebildet wird im Maßstab der Konstitutionsbe- perimentellen Anschauungen können überhaupt
dingungen von Sachverhalten. Als transzendenta- nur in die logische Konstruktion eingehen, weil
ler Entdecker werden wir der berufene Interpret sie sich innerhalb der vorgeordneten Symbol-
der Welt. Die logische Funktion macht nicht die fonn (a priori) des Anschauungsraumes und des
Welt zum zurückfliegenden Ball, den wir zuvor Zeitbewusstseins befmden. Die Theorie der Syn-
hinausgeworfen haben. Sie rückt das Subjekt in thesis apriori vollendet die von der neuzeitlichen
eine Welt ein, von der wir nun wie in keiner Philosophie seit Descartes angestrebte Theorie
Kultur zuvor wissen, dass sie uns eine festge- autonomer Rationalität. Mit ihr erst wird das
gründete Ordnung ist. Das heißt nicht, die Rätsel Erdbeben von Lissabon ein rein naturwissen-
der Welt draußen lösen sich in uns selbst. Kant schaftliches und moralisch kontingentes Ereig-
wehrt Mystik ab, »Schwärmerei«, wie er sagt. Das nis. (Kant hat das Problem der synthetischen
Empirische wird »gegeben«, nicht »erzeugt«. Die Urteile apriori zusammenfassend und vielleicht
junge Generation ließ es phänomenologisch ge- zugänglicher als in der Kritik in der Streitschrift
schaffen werden in stufenweiser Durchdringung gegen Eberhard rekapituliert, spez. VIII, 239-
von Objekt und Subjekt bis zum Natur-Subjekt 243.)
selbst und meinte, Kant sei ein Dreiviertelskopf, Warum wissen wir das Gravitationsgesetz so
der seine eigene Philosophie nicht mehr ver- genau? Anschauungsfonnen apriori und der syn-
stehe. Kants Wendung aufs Subjekt setzt den thetische Charakter der logischen Funktion fugen
methodischen Gehalt der neuzeitlichen Philo- der faktischen Geltungswirklichkeit der Wissen-
sophie fort. Sie betont das unendlich Material- schaften und insbesondere der neuzeitlichen Ver-
hafte draußen außerhalb unseres Kopfes gegen bindung von Mathematik und Physik die trans-
spekulatives akademisches Konstruieren, das auf zendentallogische Einsicht hinzu. Doch das
den philosophischen Lehrstühlen als Schuhneta- Vernunftbedürfnis der Selbsterkenntnis des Men-
physik noch das Wort fuhrte. Entscheidend war schen ist damit nicht zufriedengestellt. Mit den
dafür Kants komplexerer Aufbau des Subjektbe- Vernunftideen ziehen wir über die faktische Exi-
griffs durch dessen Ablösung von allen meta- stenz hinaus in eine geistige Welt des möglichen
physisch -ontolOgischen, naturalistischen und reli- Seins außerhalb der Anschauungsfonnen von
giös-Iebensphilosophischen Prämissen. Der Sub- Zeit und Raum. Im Ideenbegriff seiner prakti-
jektbegriff konzentriert sich in der logischen schen Philosophie hat Kant nicht nur den teleo-
Funktion. Sie operiert nicht mehr allein linear logischen Gehalt der praktischen Akte gefasst,
nach dem Satz des ausgeschlossenen Wider- der sie gegenüber den Naturprozessen auszeich-
spruchs, also nicht nur analytisch. Die Synthesis net. Er begrundet mit dem Ideenbegriff innerhalb
des empirischen Materials setzt eine im Wesen logischer Evidenz eine prinzipiell nicht-anschau-
der logischen Funktion liegende Synthesis vor- liche Wirklichkeit idealer Verhaltensmaximen,
aus. Im Subjekt selbst liegt, dass es sich durch eine perfectio practica universalis ohne trans-
notwendige Prädikate von sich selbst differen- zendente oder interessehafte Zutat. Das Große an
ziert, also zugleich mit dem ausgeschlossenen dieser Theorie der logischen Idealität des Sub-
Widerspruch gilt: A = Non-A. Die subjektive jekts ist, dass mit ihr eine objektive geistige Welt
Wende geht bis zur Einsicht, dass Zeit und Raum von moralischen, juridischen, szientifischen
Anschauungsfonnen apriori sind. Das erst Sinnfiguren verbunden wird, die - daher Meta-
schafft die nichtlineare Bewegung von Kreisen, in physik der Sitten bei Kant - überindividuelle
Einleitung XVII
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Bewegungsgesetze der Menschheit und also metaphYSik. Sowohl die metaphysisch-theologi-


Pflichten mit überpersönlichem Bezug bilden. sche als auch die aufklärerisch-naturalistische
Kant setzt auch hier, wie im theoretischen Zu- Determination der Weltgeschichte scheiden aus.
sammenhang, die Idee des Ganzen der Erfahrung Zunehmender Vemunftgebrauch ist latent, bleibt
ein, jetzt der möglichen Erfahrung, die die aber durch die Partikularität der Interessen im-
Menschheit mit sich selbst machen werde. Die mer durchkreuzt. Hier sitzt der Stachel des Dua-
geistige Unendlichkeit besteht nun in der Kreis- lismus, des unverzichtbaren Realismus-Elements
bewegung des Denkens, das sich in der Reflexion in Kants Sitten-Metaphysik.
auf generalisierungs fähige Bedingungen seiner Kant lehnt die monistischen Theorien ur-
Entschlüsse auf sich selbst zurückbiegt. Kants sprünglicher Gleichschaltung von Welt und
praktische Philosophie zieht die Konsequenz der Mensch ab, sowohl die naturalistischen als auch
Revolution der theoretischen Denkart. Sie be- die ontologisch-metaphysischen. Der Naturalis-
handelt die weitgreifenden Folgen dessen, dass mus versteht sich für den Alltagsgebrauch von
»die Welt« uns nicht mehr nur in einzelnen selbst. Wir sind als Lebewesen Teile der Natur.
Kenntnissen von Gegenständen, sondern als Pro- Hier besteht ganz fraglos organismische Einheit.
zessgeschehen von Ereignissen in mathematisch In Geographie- und Anthropologie-Vorlesung tat
genauen Theoriesystemen gegeben ist. Mit dem Kant der Erotik des neuzeitlichen Welterlebens
Geist der neuzeitlichen Wissenschaften gelangen genug. Doch als intellektuelle Wesen operieren
wir freilich niemals weiter hinaus als bis zu den wir, wie Kant in den Träumen eines Geistersehers
Folgen unseres eigenen Denkens und Tuns; ein schrieb, »nach dem Gesetz der vergesellschaf-
hohes zivilisationsgeschichtliches Bewusstsein. teten Begriffe« und mit ihnen verbundener Vor-
Grenzlinie bleibt die autonome Rationalität, die stellungen, »die wohl nicht der geistige Begriff
»logische Lehrart«, nicht die »ästhetische Vorstel- selber, aber doch deren Symbole sind« (I1, 558f.).
lungsart« jenseitiger Wesenheiten, wie Kant ge- Wie ist das Verhältnis dieser intellektuellen Welt,
gen die schwäTInenden Platoniker seiner Zeit die in sich eine nicht-natürliche gesellschaftliche
(Jacobi, Stolberg, Schlosser) sagte (VIII, 405). Realität entwickelt, zur materiell vorfmdlichen
Die Logik praktischer Vernunftideen spricht eine Welt (zur »sensiblen«) zu denken? Lässt sich eine
objektive Struktur der vergesellschafteten Einzel- Bedingung notwendiger Übereinstimmung der
nen aus, so dass die gesellschaftlichen Folgen als logischen Struktur unserer Urteile mit der erfahr-
immanenter Teil der intersubjektiven Idealität baren Realität angeben? Und wichtiger noch:
von Handlung anerkannt werden können. Auto- Lassen sich unbedinb>1:e Übereinstimmungen mo-
nome Rationalität lässt nach rückwärts geschicht- ralischer und sozialer Postulate von einer Ver-
liche Vergangenheit endgültig sein, und sie bindlichkeit analog Wahr-Falsch-Aussagen zei-
schließt nach vom die Verantwortung für die gen? Der Naturalismus behilft sich mit einem
Folgen des HandeIns in der irdischen Welt ein. trial-and-error-Modell. Doch die faktische Be-
Darauf zielt die anti-genialische, anti-romanti- stätigung einer Behauptung und sogar aller Ur-
sche Aversion der transzendentallogischen Me- teile garantiert nicht die Notwendigkeit deren
thode. Sich der Rationalität mit Vorsatz verwei- Wahrheitsanspruchs. Das führt auf die Frage
gern ist dann der elitäre Affekt, der den Theo- nach den nicht-empirischen Voraussetzungen al-
retiker von der kulturellen Verantwortung für ler theoretischen Weltaneignuing im Subjekt
sein Denken absolvieren soll. Darin besteht der selbst. Analog für die Rationalitätsproblematik
Sinn der Apotheose des Pflichtbegriffs in der der praktischen Philosophie: Das Verhalten der
Kantschen Moralphilosophie. Die Aufhebung des Individuen gründet auf deren Interessen. Das
idealistischen Subjekt- und Praxisbegriffs auf ge- Interesse der Gesamtheit der Individuen kann
sellschaftstheoretischer Basis ist hier bereits an- nicht Teilmenge der Menge aller spezifischen
gelegt. Interessen sein. Kants Einspruch gegen den Na-
Der von Hegel gescholtene Dualismus von lo- turalismus, die Hauptlinie der Aufklärungsphilo-
gischem Formgesetz und materialen Interessen sophie in Europa, bedeutete eine neue Phase in
trägt den Anti-Determinismus des Kantschen Ge- der selbstkritischen Reflexion der Aufklärung.
sellschafts- und Geschichtsverständnisses. Die Für Kant brachte die Entdeckung der trans-
Metaphysik der Sitten erzeugt keine Geschichts- zendentalen Denkart, wie N. Hinske in der bio-
XVIII Einleitung

graphischen Skizze Kants Leben als gelebtes Bür- Bewusstseins, indem sie die formale methodi-
gertum zeigte, den Wandel vom vielseitigen Be- sche Funktion der Philosophie für unterschied-
obachter und Analytiker zum strengen Gelehrten liche Begründungsformen generalisierungsfalli-
und Mann des Systems, zunächst auch den Weg ger Aussagen (die drei Kritiken) mit der Folge
in die geistige Einsamkeit (N. Hinske, Kant als allgemeiner und spezifischer Kategorialanalysen
Herausforderung an die Gegenwart, Freiburg/ (Kants Natur- und Sittemnetaphysik) in den Mit-
München 1980, S. 17-30). Kant sah das aufkläre- telpunkt rückte.
rische Bewusstsein im Widerspruch zwischen Die Metaphysik ging für ihren idealistischen
kultureller Intention und deren Begründungs- Monismus von der logischen (und mathemati-
struktur, derart, dass die Realisierung der Aufklä- schen) hnmanenz des Bewusstseins aus und defi-
rungsphilosophie ohne transzendentallogische nierte einen Weltbegriff auf der Basis des logisch
»Revolution der Denkart« (KrV B 12) der Erosion widerspruchsfrei möglichen Seins. Das empi-
ihres eigenen Programms unterliege. Kants risch Gegebene ist dann seinem Gesetz logisch
Theorie spiegelte in der zweiten Hälfte des 18. zufallig oder, um den spekulativen Charakter zu
Jahrhunderts bereits die Differenz zwischen dem bezeichnen: das Dasein der Objekte des Be-
ideellen Programm der Aufklärung auf der einen wusstseins gehört nicht zu deren wesentlichen
Seite und auf der anderen der einsetzenden Krise Eigenschaften. Das ist der anspruchsvolle Wirk-
des aufgeklärten Absolutismus und der beson- lichkeitsbegriff der Ontologie, für den Leibniz
ders am englischen Kapitalismus festgemachten den Satz vom zureichenden Grunde (principium
realen Tendenz der frühbürgerlichen Gesell- rationis sufficientis) formuliert hatte, und der
schaft. Die vehemente Kritik an der zeitgenössi- den Intellektualismus charakterisiert, dem auch
schen Philosophie (Schulmetaphysik und Gar- Kants Systemgedanke zugehört: nichts existiert
vescher Empirismus) zielt auf deren Kompro- außerhalb eines einsehbaren Zusammenhangs.
misscharakter gegenüber der faktischen Kon- Die Ontologie mit der rationalistischen Hilfskon-
stellation auf Kosten der ideellen Perspektive. struktion eines logisch widerspruchsfreien Seins
Die transzendentale Methode ist eine vertiefte hinter allen empirisch erscheinenden Dingen ist
Begründungslogik des aufklärerischen perfekti- tatsächlich nur eine ontologisierte Logik. Alle
bilistischen Zivilisationsbegriffs. Jetzt wird der Erkenntnisgründe sind nur begriffiich erfasste
Gegensatz zwischen Naturerklärung und Frei- formale oder materiale Seinsgründe. Die gravie-
heitsidee, speziell zwischen naturalistischem Be- renden Unzulänglichkeiten der Ontologie, die
griff des interessierten Subjekts als Basistheorem Kant kritisierte, gehen aus der falschen Antwort
der Gesellschaftstheorie und der geistigen auf eine Frage hervor: Was garantiert die Korre-
Perspektive der gesellschaftlichen Realisierung spondenz zwischen den Realstrukturen, die hin-
akut. ter dem Phänomemnaterial stehen müssen, und
Kant teilte natürlich die idealistische Illusion den ontologischen Definitionen? Die logische
seines Jahrhunderts, dass die gesellschaftlichen Voraussetzung des Satzes vom zureichenden
Lebensformen Resultat von Wissens formen seien Grunde, der ja nur die prinzipielle Erkennbarkeit
und veränderte Gesellschaften die Folge verän- aller Objekte aussagt, nämlich der Satz vom aus-
derter Denkweisen. Doch innerhalb der Verkeh- geschlossenen Widerspruch, reicht als ontologi-
rung der gesellschaftlichen Realität zum Abdruck sche Garantie dafür offenbar nicht hin.
ideeller Prozesse, einer Verkehrung, die zugleich Das Problem wurde von den großen Meta-
richtiger Ausdruck der dem Bewusstsein umnit- physikern seit dem 17. Jh. auch als Frage nach
telbar erscheinenden Handlungsteleologie ist, der Unterscheidung zwischen Traum und Wahr-
entfalteten sich alle Grundprobleme der philo- heit behandelt. Wenn »die Wahrheit der sinnli-
sophischen Wissenschaft. Der exklusive System- chen Dinge nur in der T1:rknüpfong der Erschei-
charakter der philosophischen Disziplin vor dem nungen bestehe und dieser Umstand sie von den
Entstehen der Gesellschaftstheorie war die kon- Träumen unterscheide«, schrieb Leibniz in den
zentrierte Fassung dieser Verkehrung. Die trans- Neuen Abhandlungen (B. Iv, Kap. II), bleibt das
zendentale Logik Kants bedeutete einen wesent- Problem, dass »die Wahrheit unseres Daseins
lichen Schritt zur rationellen Reduktion der illu- und der Ursache der Erscheinungen von einer
sionären Überhöhung des philosophischen anderen Beschaffenheit sei, weil sie auf die An-
Einleitung XIX

nahme von Substanzen führe«. Der Zusammen- den - Zivilisation interpretiert werden. Die
hang der Substanzen (Kants Dinge an sich nach Traum- oder Täuschungsfinsternis überzieht hier
dem scholastischen ens in se gegenüber den Akzi- den ganzen geistigen Horizont. Was uns magisch
denzen als ens ab alio), der Zusammenhang der oder mythisch illusorisch erscheint, ist anderen
Substanzen gemäß den Sätzen, die dem logischen Kulturen Wahrheit. So wird jede Wahrheit Illu-
Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs ge- sion. Es bleibt schon das Problem, wie E. Bloch in
nügen, ergibt sich als eine Ordnung reiner Ver- der Leipziger Kant-Vorlesung sagte, wodurch
nunftwahrheiten. Die Lehrsätze apriori der sich die Einsichten Herrn Swedenborgs von de-
Kantschen zweiflügeligen MetaphYSik der Natur nen Newtons unterscheiden Getzt in: E. Bloch,
und der Sitten haben als solche Verknüpfungsge- Leipüger vorlesungen zur Geschichte der Philo-
setzlichkeiten - bei Streichung der Beziehung auf sophie, Bd. 4, FrankfurtlM. 1985, S. 44).
Dinge an sich - etwas davon bewahrt. Wie ist zu Für Kant und ebenso für Leibniz war die gesell-
begriinden, dass die Vernunftwahrheiten nicht schaftliche Geltungsvoraussetzung des Prinzips
nur von Fall zu Fall, sondern notwendig mit den argumentativer Verfahren nicht gegeben. Darum
Tatsachenwahrheiten übereinstimmen? Leibniz spielte das immanent-rationale Begriindungspro-
gesteht zu, dass »diese ganze Gewißheit nicht blem eine so große Rolle und hatte Kant für die
eine solche vom höchsten Grade ist. Denn es ist, zehn Jahre schweigender Vorbereitung seines
metaphysisch gesprochen, nicht unmöglich, dass Hauptwerks beschäftigt. Mit der Begriindungs-
es einen so zusammenhängenden und langan- problematik bei der Umformung der OntolOgie
dauernden Traum geben kann, wie das Leben zur Analytik des Verstandes als philosophischer
eines Menschen«. Leibniz löst hier den Knoten Grunddisziplin war im 18. Jh. noch die Ziel-
bei guter Laune. Er sagt nämlich, dass es nichts stellung verbunden, systematische Rationalität
ausmache, ob wir die Verbindung von interner überhaupt erst zum dominierenden Element im
Rationalität und Realstrukturen über die Wahr- kulturellen Selbstverständnis zu erheben. Das
nehmungen externer Ereignisse Wahrheit oder entsprach und stützte sich auf bestimmte partiku-
Traum nennen. Die Erfahrung zeige, wir täusch- lare Sphären wie die mathematischen Naturwis-
ten uns nicht, wenn wir unsere Maßnahmen ge- senschaften, die privatwirtschaftliche Rationali-
mäß der Übereinstimmung von Vernunft- und tät überwiegend marktwertorientierter Produk-
Tatsachenwahrheiten einrichteten. hn übrigen tion und die einheitliche Verwaltungsgesetz-
sei ein so langer Traum, dass er für Wahrheit gebung der zentralstaatlichen Monarchien. Aber
gehalten werden könne, etwas so Vernunftwidri- es widersprach den überkommenen Begriin-
ges wie die Fiktion eines Buches, das durch den dungsdogmen des kulturellen Selbstverständnis-
Zufall entstünde, indem man die Drucklettern ses im Ganzen, und es widersprach insbesondere
durcheinander werfe (G.w. Leibniz, Neue Ab- den frühaufklärerischen Kompromiss-Systemen
handlungen über den menschlichen ferstand, zwischen autonomer Rationalität und heterono-
Leipzig 1926, S. 436-438). men weltanschaulichen Traditionsstücken. Vor
Notwendige Wahrheit ergibt dieser faktische allem gegen diese Kompromissformen im auf-
Empirismus also nicht. Muss an ihr gelegen sein? klärerischen Bewusstsein richtete sich Kants Wi-
Die heutigen Theorien, die das verneinen und derwille als gegen »die aufgeblasene Anmaßung
auch meinen, Kant habe einfach etwas zu viel ganzer Bände voll Einsichten dieser Art, wie sie
Wert auf die logische Begriindungsmöglichkeit a jetziger Zeit gangbar sind, [ ... ] indem ich mich
priori gelegt, benutzen eine unausgesprochene vollkommen überzeuge, daß [ ... ] die im Schwang
Voraussetzung: den faktischen kulturellen con- gehenden Methoden den Wahn und die Irrtümer
sensus über die allgemeine Geltung diskursiv ins unendliche vermehren müssen« (an M. Men-
begriindeter und auch praktisch hinreichend veri- deissohn, 8.4.1766).
fizierter Behauptungen. hn Hintergrund des Pro- Die Verbindung von unbedingten Vernunft-
zessverständnisses dieses offenen Theoriebegrif- wahrheiten und relativen Tatsachenwahrheiten
fes steht freilich der Relativismus verschiedener wurde auch von Leibniz nicht primär in der
gleichberechtigter Wahrheiten. Selbst mythi- heiteren Salonmanier hergestellt, die er in der
sches Bewusstsein kann dann als die Wahrheit genannten Passage vorzeigte. Es bedarf eines zu-
einer anderen - und folglich kulturell völlig frem- sätzlichen Elements, das die Einheit schafft von
xx Einleitung

Phänomenwelt faktischer Ereignisse, der Logik früh in einer Schrift auseinandersetzte, behelfs-
unseres Bewusstseins und der »Logik« der Real- weise zum Rationalitätsprinzip ins Verhältnis ge-
strukturen (von Leibniz' Substanzen), die die bracht. Kants drei Kritiken zeigen die Verbindung
Ereignisse verbindet. Sonst ist der Einwand nicht von logischer FalsifIkation und autoritärer kul-
auszuschließen, dass wir mit unserer Wahrheit tureller Potenz der ontologisch begründeten
prinzipiell - nicht allein quantitativ - nur einen Mensch-Welt-Einheit. Es ging Kant natürlich
Ausschnitt des Universums wissen, so groß wie nicht darum, die Religion zu verüberflüssigen. Er
ein Binnensee im Verhältnis zu allen Ozeanen setzte nur die dogmatische Religionsbegriindung
zusammen und wir werden nie wissen, dass un- zurück, relativierte die Institionalisierung des
ser vieles Wissen so wenig ist. Unter Umständen Glaubens und wies den exklusiven religiösen An-
ist alles Täuschung und über unsere Einbildun- spruch für die Selbstbestimmung der Person und
gen blickt Gott mit dem Gleichmut der zeitlosen für die Nonnorientierung der gesellschaftlichen
und darum auch ereignislosen Ewigkeit hinweg. Lebensfonn ab. Kants Religionsphilosophie for-
Es ist das Problem jedes rationalistischen Intui- muliert die logische Voraussetzung der Trennung
tivismus, ob nicht ein böser Geist (Descartes' von Staat und Kirche. Das alte Verhältnis von
spiritus malignus ) uns die Welt, wie wir sie se- Wissen und Glauben wird nicht nur in den Hori-
hen, nur vortäusche. Die aufklärerische Ratio- zont der individuellen Rationalität gestellt, son-
nalität hing an der Garantieleistung eines trans- dern von der nur als gesellschaftliche Potenz zu
zendenten Dritten, das die Verbindung zwischen verstehenden systematischen Rationalität her be-
immanenter Rationalität, externer Erfahrung und stimmt. Es geht ums moralische Gesetz, das lo-
subjektfreier Realstruktur herstellt: Unser dis- gisch zu erkennen sei. »Jenes Gesetz zu personifI-
kursives Wissen ruht im intuitiven Wissens Got- ciren« kann man sich »hinten nach bedienen, um
tes, in dem Fakt und Notwendigkeit darum ver- durch sinnliche, obzwar nur analogische, Dar-
schmolzen sind, weil er beides erzeugt hat. Der stellung jene Ideen zu beleben« (VIII, 405). Das
ontologische Fonnalismus (die Alternative zum Hintennach ist eine eminent theoretische Set-
Kantschen transzendental-subjektiven Fonnali- zung der Rekonstruktion kultureller Sphären, die
smus) erforderte Descartes' Gottesbeweis und nicht ausschließt, dass einer umgekehrt erst
Leibniz nannte die gleiche Geltungsvorausset- glaubt und hintennach moralisch reflektiert. Aber
zung systematisch-rationaler Orientierung in der die transzendentale Methode will auch hier - wie
Welt: Wie wir von den notwendigen mathemati- in Kants ganzem moralisch-praktischem Dualis-
schen Wahrheiten Beweise besitzen, »so unter- mus - in einer unendlichen Zeit die Kluft schlie-
liegen erst recht die zufälligen oder unendlichen ßen zwischen reiner Vernunft und unvennittelter
Wahrheiten dem Wissen Gottes und werden von Frömmigkeit. Insofern besitzt die ))logische Dar-
ihm durch ein unfehlbares Schauen erkannt.« stellungsart« pädagogischen und historisch per-
(Leibniz, Über die Freiheit, in: Hauptschriften spektivischen Gehalt, wie ja das unvennittelte
zur Grundlegung der Philosophie, 2.Bd., Leipzig Bewusstsein ohnehin Resultat der geschichtlich-
1924, S.503) Mit dieser ontologischen Voraus- zivilisatorischen Vennittlung ist.
setzung ist die europäische Metaphysik Anerken- Die Transzendentalphilosophie ist, ganz im
nung und MystifIkation zugleich der erforderli- Sinne der aufklärerischen TheOriebildung, in der
chen universalistischen Begründung kultureller seit Bacons Idolenlehre die Selbsttäuschungen
Geltungssysteme . der Menschheit ein großes Thema gebildet hat-
An der ontologischen Verbindung von Mensch ten, eine logische Theorie über das Entstehen
und Welt in der Metaphysik durch das Konstrukt von Ideologie. Aber sie richtet sich nun gegen
einer transzendenten causa fonnalis erkannte theoretische FalsifIkationen im Begründungspro-
Kant die Rechtfertigung gesellschaftlicher Gel- gramm der Aufklärung selbst. Was Sainte-Beuve
tungen durch Autorität, den tiefsten geistigen in seinem Diderot-Essay (1844) sagte: dem 18.
Rechtsgrund aller privilegierten gesellschaftli- Jahrhundert aber stand die Kühnheit an der Stirn
chen und auch elitären akademischen Ansprüche. geschrieben, das gilt für Kant in Bezug auf die
Das dogmatische Geltungsprinzip wurde durch vertiefte Begründung der europäischen Aufklä-
das Kompromiss-System der logischen Demon- rung (Ch.A. Sainte-Beuve, Literarische Porträts,
stration des Daseins Gottes, mit dem Kant sich Leipzig 1969, S. 150). Kants Lösung des Wahr-
Einleitung XXI

heit-oder-Trawn-Problems besteht darin, dass er formuliert hatte: ens est, quod existere potest
die synthetisch-logische Funktion apriori an die (Ontologia § 134; eigentlich: was keinen Wider-
Stelle des Schauens Gottes setzte. Nach den Vor- spruch einschließt). Das ~ nnen bei Kant gibt
bildern der mathematischen Naturwissenschaf- noch die Herkunft aus Wolffs ontologischem ~lo
ten und der Rechtswissenschaft - und mit der gisch möglichem Sein« zu erkennen. Wird aber
Begriindung durch die reinen Anschauungsfor- die analytische Identität des Selbstbewusstseins
men apriori - verband er die logische Funktion direkt und ohne Falsifikation des ausgeschlos-
mit dem Phänomenalismus der empirischen For- senen Widerspruchs zwn Seinsprinzip mit dem
schung. Denn mit den empirischen Vorgängen, erfahrungswissenschaftlichen Phänomenalismus
das hatte Leibniz immer betont, ist Mathematik verbunden, so muss das Bewusstsein als in sich
prinzipiell nicht zu verbinden oder auf sie ~ n u selbst synthetisch erweiternd gedacht werden.
wenden«. Darwn seit Platon die Konstruktion Der Ursprung der Kantschen Theorie der syn-
einer Sphäre intelligibler Substanzen hinter der thetischen Urteile apriori liegt in Kants Be-
Beobachtungswelt. Es war dann die Frage, wie mühen, die Begriindungsfunktion der Philoso-
diese ontologisierte Denkwelt mit der Faktenwelt phie gegenüber den Wissenschaften ohne die
zu verbinden sei. Kant erklärte das ontologische Widersprüche der ontologischen Metaphysik und
Problem fiir unlösbar, weil es ein Scheinproblem des Empirismus zu erweisen.
sei. Die Lösung liege in der Beziehung unter- Mit der Überschreitung des naturalistischen
schiedener Projektionsflächen des Bewusstseins wie des ontologischen aufklärerischen Begriin-
aufeinander: empirische Wahrnehmung, Ab- dungsprogramms durch die Synthesis von Aprio-
straktionsvorgänge, Anschauungsformen apriori, rismus und Phänomenalismus hat Kant den Weg
die Funktion einer alles einfassenden logischen geöffnet zur Interpretation der theoretischen,
Grammatik. Kants Schlüsselsatz fiir die Aufhe- moralischen und ästhetischen Lebensfelder
bung der Transzendenz bei der Verknüpfung von (streng genommen: zunächst nur der gebiets-
immanenter Rationalität und faktischer Erfah- spezifischen Urteile mit Wahrheits-, bzw. Gel-
rung unter der Bedingung notwendiger allge- tungsanspruch) als konstruktiver Systeme kultu-
meingültiger Urteile lautet: ~ iesel e Funktion, reller Bedeutungen. Die historische Ansicht der
welche den verschiedenen Vorstellungen in ei- kulturellen Symbolsysteme - das Thema der He-
nem Urteile Einheit gibt, die gibt auch der bloßen gelschen Phänomenologie des Geistes (1807) -
Synthesis verschiedener Vorstellungen in einer spielte fiir Kant darwn keine Rolle, weil er die
Anschauung Einheit, [ ... ] Derselbe Verstand also kritische Theorie als Entdeckung absoluter Ge-
und zwar durch eben dieselben Handlungen, wo- setze aussprach, eine Entdeckung durch Refle-
durch er in Begriffen vermittelst der analytischen xion apriori wie Forschung in reiner Mathema-
Einheit die logische Form eines Urteils zu Stande tik. Das transzendentallogische Problem bestand
brachte, bringt auch vermittelst der synthetischen in der Bestimmung eines generellen logischen
Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung Algorithmus, der die beiden Reiche der Funktion
überhaupt in seine Vorstellungen einen trans- apriori und der empirischen Welterfahrung so
zendentalen Inhalt, weswegen sie reine Verstan- miteinander verbindet, dass die Philosophie zur
desbegriffe heißen, die apriori auf Objekte ge- Begriindungslogik allgemeingültiger Urteile und
hen« (KrVB 104f.). Die analytische Einheit des Postulate fiir voneinander losgelöste und ohne
Bewusstseins ist nicht nur Voraussetzung der hierarchische Systematik einander gleichgeord-
Synthesis des empirisch Gegebenen zu Objekten nete Kulturfelder wird. Die genaue Sonderung
von Sachverhalten, sondern ebenso fiir die Mög- der Rationalitätstypen fiirmathematisch und em-
lichkeit universeller Geltung und Anerkennung pirisch naturwissenschaftliche Theorien, fiir mo-
von Urteilen. Die logische Form (nicht jeder em- ralische Normen und fiir ästhetisch Ansichten
pirische Begrifl) ist, wie Kant in den Logik-Re- bildet die hinterm biographischen Entdeckungs-
flexionen wiederholt notiert, conceptus commu- gang bei Kant verlJorgene wesentliche Eigentüm-
nis. Die analytische Einheit des Bewusstseins, lichkeit dieser Philosophie. Die subjektimma-
Kants ~ s Ich denke, muß alle meine Vorstel- nente Rationalitätsbegriindung verbot Kant kon-
lungen begleiten können« (B 131), tritt an die sequent eine Synthetisierung der verschiedenen
Stelle des ontologischen Prinzips, das Chr. Wolff logischen Syntheseformen. Es hätte dafiir, wie
XXII Einleitung

Kant abwehrte, eines intellectus archetypus be- Doch der methodische Formalismus der trans-
durft, der nicht nur die Einheit von Gesetzen und zendentalen Logik ist die Form eines sehr ge-
Erscheinungen, sondern auch die Einheit der nauen Inhalts (dem oft die Polemik gegen Kants
Einheitsfunktionen schaute. Die Transzendzen- methodischen Intellektualismus gilt). Kant sieht,
dentalphilosophie ist, mit Kants hohem Bewusst- dass die Sozialisierungsregeln unter der Voraus-
sein der offenen geschichtlichen Verwirklichung setzung persönlich freier und juristisch gleicher
sich differenzierender Kulturfelder, eine Theorie Individuen nicht mehr von ererbten Formen er-
der Unterscheidung und ~rmittlung der logi- lebnishafter Vergemeinschaftung her gedacht
schen 1jpen kultureller Geltung. Die neue Fas- werden können; nicht um sie geringzuschätzen
sung des Apriorismus eröffnet nicht nur einen und herabzusetzen. Das Problem besteht im er-
offenen Theoriebegriff, sondern begründet die forderlichen Wechsel der Begründungsstruktur
Kultur überhaupt auf dem unabschließbaren Ver- fiir sie. Sie geraten mit der bürgerlich-privatwirt-
ständigungsprozess über Ereignisfolgen und schaftlichen Lebensform in die Bewegung freier
Handlungsmaximen. Verfiigung und Verantwortung der Individuen.
Die logische Funktion apriori des Bewussts- Deren Sicherung tritt zunächst sichtbar als ge-
eins ist zu verstehen wie in der Mathematik das nerelle Rechtsform - nicht als Recht gestufter
Gesetz der Operationen, nach dem variable Grö- Privilegien - aus den relativen Bezügen heraus.
ßen miteinander verbunden werden. Die apriori- Die »Privatisierung« der wirtschaftlichen, morali-
sche Funktion ist der mathematischen Form der schen, ästhetischen Handlungsfelder erzeugt die
Analysis des Unendlichen (Leibniz' Symbol methodische Frage nach der Formbestimmung
dy:dx) nachgebildet. Wie im Begriff des Diffe- der Vergesellschaftung des persönlich freien In-
rentials das Prinzip unendlicher Vielheit und dividuums als solchen. Damit verändert sich die
Dauer stetiger Veränderungen gefasst ist, so ist traditionelle substantiale Fragestellung nach dem
Kants logische Funktion apriori die Garantie intelligiblen Subjektkern (der Seele und deren
diskursiver Grundformen aller universell be- transzendenten Bezugs), zum Problem der ge-
gründbaren Behauptungen und Aufforderungs- nerellen methodischen Bestimmung, wie die un-
sätze. Die Russellsche Frage wird von Kant sym- terschiedlichen individuell bestimmten theoreti-
boltheoretisch beantwortet, da das Unbedingte, schen und ästhetischen Leistungen, ebenso die
wie dann der Dialektik-Teil der Kritik zeigt, on- Handlungsmaximen selbstverantwortlicher Indi-
tisch ohne Widerspruch gar nicht zu denken sei. viduen als gesellschaftliche bestätigt werden kön-
Die Irrtumstheorie des Dialektik-Teils der Kritik nen. Die transzendentale Methode ist diese ratio-
erschreckte die Zeitgenossen mehr als die vor- nelle Neufassung der Thematik der sog. Geist-
hergehende logische Synthesis apriori sie ver- natur des Menschen oder des homo noumenon,
wunderte. wie Kant sagt. Die perfectio moralis der Person
Der logische Formalismus der Transzendental- kann dann nur die in den Willen aufgenommene
philosophie wurde von Anfang an als geistiges Relation des freien Individuums auf alle freien
Zwangs system - auch absichtsvoll - misskannt; Individuen sein. Kant nennt diese formale me-
wie Fr. Schlegel von den »Sophisten der Rein- thodische Basis aller ethischen Normen oder
holdischen Schule« sagte, dass es ihnen gefalle, Pflichten den unbedingten (kategorischen) Impe-
überall »allgemeingültige Prinzipien« geltend zu rativ. Eine der Formulierungen lautet: »Handle
machen. l.G. Hamann nannte die Kritik gleich so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner
nach Erscheinen in einem Brief an Herder rund- Person, als in der Person eines jeden andern
weg »das transzendentale Geschwätz der gesetz- jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als
lichen oder reinen Vernunft«, »Schulfiichserei Mittel brauchest« (Iv, 429). Die methodische Idee
und leerer Wortkram« (Fr. Schlegel, Georg For- des Maximum ergibt den Begriff der reinen prak-
sters Schriften, 1797, in: H.Mayer (Hg.), Meister- tischen Rationalität. Der entscheidende Punkt ist
werke deutscher Literaturkritik, Bd. 1, Berlin also nicht der auch in Schillers und Goethes
1954, S.545; l.G. Hamann, an Herder 27.4. Xenien verhöhnte rein-moralische Antrieb um
1781, Hamann's Schriften, 6. T., Berlin 1824, des Gesetzes willen, sondern die immanent ratio-
S. 183). Heutige Aversionen gegen immanent ra- nale Konstitution universell verbindlicher Ge-
tionale Begründung des kulturellen Universalis- setzlichkeit des Willens auf einen allgemeinen
mus sind also vom Alter geadelt.
Einleitung XXIII

Willen. Kants Apriorismus besitzt diesen auf- verachtete. Das Genießen als Kulturmaxime ist
klärerisch verbundenen Sinn von stiller perso- das Gegenteil von Gewissen. Es kennt nicht
naler Identität und stolzer menschheitlicher Ver- Dauer, nur den Augenblick und verliert also die
antwortung. Er ist überhaupt vor allem mora- Person. In medialer Illumination erscheint heute
lisch-praktisch gedacht und nicht als Schüttelsieb der nur noch auf die körperliche Affektion re-
fiir Datenmengen. Dass wir uns durch die Er- duzierte, weil auf marktfahigen Gebrauch kon-
scheinungen buchstabieren! Es soll vor allem fiir zentrierte Mensch. Kant sah, dass auch das bür-
die Erscheinung gelten, die die Menschheit bie- gerliche Genussprinzip, wenn es nur lange genug
tet. Der weiteste Bezugspunkt Menschheit im besteht, exzessiv wird und zerstörerisch. Er setzte
kategorischen Imperativ darf nicht übersehen las- einen anti-sensualistischen Willen ein, der nicht
sen, daß er nur Halt und Sinn gewinnt am Gegen- auf den Genuss, sondern aufs Recht gerichtet ist.
pol, dem Kern unseres Selbst, unter allen, unsere Der Wille will das Recht, nicht, wie bei Nietz-
Alltäglichkeit und Gewöhnlichkeit bedeckenden sehe, sich selbst als Willen.
Hüllen. Der reine Wille fragt nicht nach dem, Die reale Basis der fiir Kant primären Theorie
was ich hier und da will, sondern nach dem, was einer reinen praktischen Vernunft liegt auf der
ich überhaupt will in der Welt als ein Ich. Das Hand. Die gegenständlich-praktische und die in-
Können-Sein meiner Selbst, wo sich die indivi- tellektuelle Universalität der modern-bürgerli-
dualität entscheidet, und meine Bestimmung fiir chen Gesellschaft bilden sich das universelle -
die Gesellschaft, in der wirklichen fiir die mögli- und zunächst auch universell disponible - in-
ehe, sind im kategorischen Imperativ zusammen- dividuum heran. Der Mensch wird nicht durch
gedacht. Dadurch ist er einer der großen und die Natur in deren Wohltätigkeit befriedigt, wie
spannenden dialektischen, schöpferisch bewe- Kant mit einer Wendung im Sinne der englischen
genden Gedanken der Philosophie. Nationalökonomie sagt, sondern »es ist die Taug-
Kants ziselierende Gründlichkeit fiir die Be- lichkeit und Geschicklichkeit zu allerlei Zwek-
griindungen unserer Willensziele ist nicht ge- ken, wozu die Natur (äußerlich und innerlich)
ringzuschätzen. Sie ist die Verneinung des fal- von ihm gebraucht werden könne.« Kant schließt
schen Lebens hinter der Larve ewiger Heiterkeit hier das faustische Prinzip der Freiheit des Men-
und ist Absage ans resignative Ja zur Ewigkeit. In schen an, »denn seine Natur ist nicht von der Art,
Kants praktischer Vernunft gilt das Sollen, weil irgendwo im Besitze und Genusse aufzuhören
das Sein bedroht bleibt. Das Gelten richtet sich und befriedigt zu werden« (Y, 430). Reale Univer-
gegen die Bedrohung, dass das Erscheinende sich salität und Dynamik des zivilisatorischen Pro-
fiir das Sein an sich ausgibt. Käme das durch, so zesses, in dem die Individuen sich realisieren,
wäre das denkende Ich an der Mauer der herr- bedingen die Reflexion einer reinen individuali-
schenden Tatsachen zerschlagen. Die scharfe tät als Konzentrationspunkt verallgemeinerbarer
Trennung von intelligiblem und empirischem Methoden.
Subjekt der Moralphilosophie als Metaphysik der Kant begriindet die Vergesellschaftung nicht
Sitten sagt: Durch Aufdeckung des universalen auf dem Lebensgefiihl, sondern auf der sozialen
Sittengesetzes in jedem zur konsequenten Denk- Relation, die er als vorgeordnete Idealität formu-
ungsart gelangtem Bewusstsein können wir uns liert. Das war der Grundgedanke der Moral- und
befreien vom Schutt der vergangenen Zeitalter Vergesellschaftungstheorie, die er lange vor der
und Fortschritt wird etwas anderes als die Säku- Kritik der reinen ~mun t (1781) als eine Meta-
larisierung des Schutts. Wie E. Husserl sagte: physik der Sitten plante, und die § 9 der in-
Wird Rationalität als die universale Funktion auf- auguraldissertation (1770) umreißt. Die Begriin-
gegeben, ein neues soziales Leben in Würde und dungs struktur seiner Moralphilosophie als der
Freiheit aller Menschen heroeizufUhren, so »lebt Frühform einer Gesellschaftstheorie verläuft in-
man überhaupt in einer unverständlich gewor- tellektualistisch von der transzendentalen Logik
denen Welt« (Formale und transzendentale Lo- praktischer Akte zur empirisch-konkreten An-
gik, Halle 1929, S. 5). thropologie und nicht umgekehrt. Das ersetzt
Kants Rousseau-Verehrung griindete auch nicht die erlebnishaften Vergemeinschaftungen,
darin, dass er ebenso das Maßlose des - damals sondern begriindet und sichert sie unter der Be-
aristokratischen - Genusses durchschaute und dingung der individualistisch-dynamischen Ge-
XXIV Einleitung

sellschaft. Der gesellschaftliche Zusarrrrnenhang tarischer, blinder Bewegung er abhängt, die ihn
tritt hier erst als Gegensatz zur sich ausgestalten- geistig und physisch erhält oder aufhebt.« (G.W.E
den bürgerlichen Privatsphäre aus dem unver- Hegel, Jenenser Realphilosophie, 2.Bd., Leipzig
mittelten Handlungshorizont der Individuen her- 1931, S. 231)
aus. Es ist eine Utopie, die universell vergesell- Kant nimmt das Problem nicht gesellschafts-
schafteten Individuen nach den Maßstäben theoretisch als Verdinglichung sozialer Verhält-
erlebnishafter Vergemeinschaftungen ordnen zu nisse auf. Er sieht an der Polarität von persönli-
wollen. Sie stellen inzwischen auch konservative cher Freiheit und sachlichem Zwang der Verge-
Heroisierungen der Führungs- und Gefolgs- sellschaftung primär die sich ausschöpfende
chaftsordungen vergangener Zivilisationsformen Objektivität der sozialen Existenz des Menschen.
dar. Die Konsequenz ist dabei allemal, dass die Aber dass Zwang nötig sei und gerade unter
demokratische Verfassung der Natur des Men- Freien, das gehört zum innersten Kreis des Kant-
schen widerspreche. Darauf bauen dann nicht- schen Denkens. Es ist ein herber Realismus in
diskursiv gesezte soziale Ordnungspostulate auf, Kants Geistesart. Moral genügt nicht, auch die
wie sie in allen Krisensituationen der privatwirt- stoische nicht der Unerschrockenheit und Selbst-
schaftlichen Industriegesellschaften wiederkeh- beherrschung. Recht ist notwendig, und es ist viel
ren. Kant ist für seinen Universalismus der Rous- gewonnen, wenn es das richtige Recht ist, das
seauschen Prämisse von der urspriinglichen Güte zwingt. Das richtige Recht vereinigter Freier aber
des Menschen nicht gefolgt. Doch im verfahrens- begriindet sich nicht selbst, sondern aus der Mo-
theoretischen Sinne des Intellektualismus und ral, die sich aus der universalen Logik des prakti-
Universalismus sei das republikanische Freiheits- schen Willens ergibt. Kant sieht es wie den Über-
und Gleichheits-Problem auflösbar, »selbst für gang vom katholischen zum protestantischen
ein Volk von Teufeln (wenn sie nur Verstand Christentum. Mit dem Aufgang der Freiheit des
haben)« (VIII, 366). einzelnen Gläubigen und dessen direkten Ver-
Darum beließ Kant die >>natürlichen« Antriebe hältnisses zu Gott fallen Lohn und Strafe in den
des Lebens und der Geselligkeit in der Anthropo- Selbstzwang des Gewissens.
logie, begriindete aber die gesellschaftliche Exi- Die Moralität der freien Person begriindet mit
stenz des Menschen auf der Moral- und auf der ihrem transzendentallogisch verankerten selbst-
Rechtsform. Die wechselseitige Verweisung von evidenten Achtungsbewusstsein vor der Würde
Recht und Moralität in der Kantschen prakti- aller anderen Personen den Sinn von Rechts-
schen Philosophie bildet einen Schlüssel zu de- ordnung schlechthin. Daran setzt der Folgeschritt
ren Verständnis. Es ist, auf den ersten Blick, ein an, dass die »reine« Innerlichkeit der Moralität
Verhältnis von Freiheit und Zwang, eine Grund- (»rein« als formal-methodisch) die ebenso ab-
figur der Kantschen Idee vom Menschen. Der strakte Außenseite als ihre Ergänzung freisetzen
Aufgang der persönlichen Freiheit zieht einen muss. Die Gegensätzlichkeit von moralischer In-
neuen Rechtszwang nach sich; und zwar den nerlichkeit und juridischer Außenregulierung
Sachzwang, der sich aus der Existenz aller freien entspricht der faktischen Situation von sich über
Einzelnen ergibt. Das sind nicht mehr die vielen Marktbeziehungen vergesellschaftenden Priva-
qualitativ unterschiedenen und als persönliche teigentümern. Gegenüber der romantischen Illu-
privilegierte Gewalt erscheinenden Rechte, bzw. sion verlorener urspriinglicher und darum »ei-
unterwerfenden Verpflichtungen. Es ist ein Mo- gentlicher« Gemeinschaftlichkeit aus lebensprak-
ment der freien bürgerlichen Existenz überhaupt, tischen Tugenden spricht Kant ein hohes
die auf allen Ebenen innerhalb eines schweigen- Bewusstsein der Verantwortung des Einzelnen
den Zwangs existiert. Sturm und Drang - noch für den sozialen Zusarrrrnenhang und die gleiche
auf die Besonderheit des Absolutismus bezo- Würde aller Einzelnen aus. Er nimmt dafür die
gen -, darauf die friihen Romantiker haben das offene Flanke des gleichsam als zivilisatorisches
affektiv behandelt. Hegel sprach um 1805 bereits Produkt miterzeugten Mangels an Solidarität in
die Vergesellschaftung des einzelnen Arbeiten- Kauf. Bliebe Kants Theorie bei einfacher Gegen-
den als »reine Notwendigkeit« aus. »Er hat seine überstellung von Moralform und Rechtsform der
bewußtlose Existenz in dem Allgemeinen; die Vergesellschaftung stehen, spiegelte sie nur die
Gesellschaft ist seine Natur, von deren elemen- bürgerlichen Zivilisation, wie sie ins unvermit-
Einleitung xxv

telte Bewusstsein des einzelnen Eigentümers bIen principium auch die Entschlüsselung der
fällt. Doch der Akzent der Kantschen Scheidung geschichtlichen Bewegung der Zivilisationsfor-
von Moral und Recht sitzt auf deren wechselsei- men.
tiger Begründung. Darin ist der bei Kant in der Zur tendenziellen Überschreitung des klassi-
Moralform mitgehende gesellschaftstheoretische schen Liberalismus gehört die starke Theorie-
Gehalt von praktischer Philosophie enthalten. form von Rationalität als entscheidender Punkt
Die Trennung von moralischer Innen- und kon- der transzendental-idealistischen Theorie prakti-
traktualistischer Außensphäre ist auf deren Ver- scher Vernunft, der von manchen Theoretikern
bindung angelegt. Differenz und Wechselbezug heute gerade als das überflüssige Element der
beider Sphären ergeben den dynamischen Cha- Kantschen Frühform von Gesellschaftstheorie
rakter von Vergesellschaftung. Das führt auf den verkannt wird (z.B. vom so liebenswürdig wie
generellen Ansatz praktischer Vernunft bei Kant nonchalant argumentierenden R. Rorty: Gefan-
zUliick. gen zwischen Kant und Dewey. Die gegenwärtige
Kant Problemstellung ist - im Unterschied zum Lage der Moralphilosophie, DZPH 49 (2001) H.
Lockeschen Liberalismus und auch zu Rousseaus 2, S.179-196). Kants transzendentale Logik
moralisch überfordertem Republikanismus - die praktischer Vernunft ist eine frühe Form von Ge-
analytische Feststellung der Bedingungen, unter sellschaftstheorie. Sie erreichte innerhalb der
denen eine Gesamtheit von Individuen (also eine theoretischen Evolution der aufklärerischen
»Massengesellschaft« und keine stammesge- Denkform eine neue Auffassung der Objektivität
schichtlich, völkisch oder rassisch partikulari- und Determiniertheit des gesellschaftlichen Cha-
sierte Menschheit) gedacht werden muss. Das rakters der menschlichen Lebenstätigkeit. Kant
Zusammenspiel von freier (moralischer) Inner- geht mit der quaestio-juris-Logik der Möglich-
lichkeit und erzwingbarer Guridischer) Außen- keit von Vergesellschaftung hinter das Faktische
seite der Vergesellschaftungsakte sind nur in der komplexer materialer Antriebe (»Neigungen«,
theoretischen Abstraktion getrennte, im Ganzen »Ästhetik der Sitten«) zurück. Die Logik des in-
aber komplementäre Aspekte des Gesamtvor- telligiblen objektiven Willens, bei Kant die ge-
gangs. Dadurch überschreitet Kants Theorie be- meinsame Wurzel von individueller Erschei-
reits die klassische liberale Fragestellung, in der nungsweise und reeller gesellschaftlicher Allge-
beide Seiten automatisch infolge privater inter- meinheit der Tätigkeit, gründet im wirklichen
essierter Aktivität zusammentreten. Kants Theo- Kontraktualismus der modem-bürgerlichen Pro-
rie nimmt die Synthese als herzustellende Mög- duktions- und Lebensweise. Dieser bildet die
lichkeit von Vergesellschaftung zum Prinzip der Basis der Kantschen Konzentration der ganzen
Gedankenentwicklung. Kant hat das am Gegen- aufklärerischen Thematik in den logischen Form-
satz seiner Fragestellung zur Hobbesschen Ge- bestimmungen kultureller Geltungsweisen. Das
sellschaftkonstruktion behandelt (Teil II von entspricht zugleich Kants Einsicht in die prä-
Über den Gemeinspruch etc., 1793, VIII, 289ff.), gende Rolle der neuzeitlichen Wissenschaften
indem der Gesellschaftsvertrag mehr sei als ein mit deren Prinzip der innerweltlichen unendli-
auf die Gesamtheit von Privatinteressenten er- chen Genauigkeit. Der Intellektualismus der
weiterter Kontrakt. In ihm geht es darum, die Kantschen Moralphilosophie formuliert das Ob-
Vergesellschaftung grundsätzlich unter die Be- jektivitätsproblem der Sozialisierungstheorie. Es
dingung des Rechts zu stellen, ein principium der handelt sich um die Kriterien objektiver Determi-
Kontraktualisierung, das nicht Element der nation der Vergesellschaftung der Individuen. In
Menge der Rechtsbindungen sein kann. Kant diesem Zusammenhang befmdet sich die wech-
fasst es in der logischen Synthesis praktischer selweise Verweisung von Recht und Moralität.
Rationalität. In dieser Gedankenform ist die so- Das Erfordernis der Verrechtlichung der sozialen
ziale Relation persönlich freier Individuum als Aktivität ergibt sich aus der Rücknahme der ge-
vorgeordnete Begründungsstruktur gesetzt, ein sellschaftlichen Potenz des Subjekts in die geis-
»intelligibles« Funktionsgefüge, in dem der Ein- tige Innerlichkeit nicht-gegenständlicher Praxis,
zelne immer schon steht, unabhängig von der also der Logik des reinen Willens. Doch die
materialen Ausgestaltung. Die transzendentale moralische Sphäre der Selbsterkenntnis der Per-
Logik praktischer Vernunft enthält im intelligi- son als eines Repräsentanten der Würde der
XXVI Einleitung

Menschheit generalisiert tatsächlich analog der Modus des Bedeutungsgehalts kultureller Sym-
Rechtsform des gesellschaftlichen Lebenszusam- bole. Eine Vernunftmoral ist deshalb auf
menhangs. Alle Formulierungen der Grundle- entgegenkommende Sozialisationsprozesse an-
gung von Gesellschaftlichkeit mit dem kategori- gewiesen, die korrespondierende Gewissensin-
schen Imperativ geben die juridische Basis zu stanzen, nämlich die ihr entsprechenden Forma-
erkennen. Der individuelle Wille soll so gedacht tionen des Über-Ichs hervorbringen.« Die Moral
werden, dass er sich als allgemeines Gesetz rea- objektiver Kriterien von Selbstbestimmung der
lisieren kann. Mit der Wechselbeziehung von Person, die zugleich deren Vergesellschaftung ge-
reiner Innerlichkeit und reiner Äußerlichkeit in währleistet, »bliebe in ihrer Wirksamkeit be-
Moral und Recht basiert Kant die Vergesellschaf- schränkt, wenn sie die Motive der Handelnden
tung auf der Proportion eines objektiven (als lo- nicht auch noch auf einem anderen Wege als dem
gisch evidenten) verhältnisses. der Internalisierung erreichen könnte, eben auf
Die Entdeckung der unhintergehbaren Objek- dem Wege der Institutionalisierung eines Rechts-
tivität der Vergesellschaftung als einer Verhältnis- systems, das die Vernunftmoral handlungswirk-
bestimmung muss zunächst in der Weise betonter sam ergänzt.« (J. Habermas, Faktizität und Gel-
Begründungsproblematik der Determination er- tung, FrankfurtIM. 1992, S. 145f.; Zitat gekürzt)
folgen. Die Anwendungs- oder Ausgestaltungs- Kant entwickelte seine Umformung der Pro-
thematik tritt dahinter zurück. Sie ist bei Kant blematik der konkreten, im »Dickicht der alltags-
keineswegs ignoriert. Die Trennung von Begriin- praktischen Verwicklungen« (Habermas) stek-
dungs- und Anewendungsthematik zeigt sich in kenden Individualität zur logischen Formbestim-
der Absonderung des parlamentarischen Demo- mung gesellschaftlich-praktischer Akte und zur
kratismus von Kants ideellem Republikanismus. Objektivität sozialer Verhältnisbestimmung aus
Moraltheoretisch werden unendliche Genauig- solchen Grundthemen der Aufklärung wie der
keit der Übereinstimmung von individuellem allgemeinen Menschenvernunft und der herbei-
und allgemeinem Willen (im kategorischen Im- zuführenden Epoche der Mündigkeit des Men-
perativ) und lebenspraktische Tugenden geschie- schen. Im Zusammenhang der Objektivität ge-
den. Der Vorrang der Begriindungsproblematik sellschaftlicher Determination von Praxis befm-
ergibt den generell normativen Charakter der det sich Kants methodische Zurückstellung der
Theorie. Die Fortfuhrung der Kantschen Rich- materialen Ebenen des gesellschaftlichen Han-
tung zur Gesellschaftstheorie objektiver Relatio- delns, also der Glücks- und Erfolgsfragen im
nen vollzog sich in der ersten Hälfte des 19. Jh. Horizont der sog. Neigungen, (sprachgeschichtl.
beim Abbau des theoriekonstitutiven N ormativis- »Erniedrigungen«) unserer Sinnlichkeit. Kant
mus im HegellMarxschen Evolutionismus, der konzentriert alles aufs Problem der gesetzmä-
eine erweiterte struktur- und geschichtstheoreti- ßigen Determination des aufklärerischen Indivi-
schen Durchfuhrungsthematik der urspriingli- dualitätsbegriffs. Dadurch öffnete er das Problem
chen logisch-synthetischen Fragestellung des der Formbestimmung sozialer Strukturen und
späten 18. Jh. darstellte. Überindividuelle Objek- deren Prozesse in der Zeit. Die Rationalitätspos-
tivität der Vergesellschaftung, Formbestimmung tulate der Kantschen Moralphilosophie fassen in-
des Verhältnisses abstrakter Glieder der Subjek- nerhalb der aufklärerischen Fragestellungen das
tivität und normativer Charakter der Theorie auf Objektivitätsproblem bei der Bestimmung gesell-
Grund des Begriindungsprimats von Objektivität schaftlicher Prozesse neu. Die Fixierung der
sind miteinander verbunden. J. Habermas cha- Kant-Interpretation auf den prima facie erschei-
rakterisierte diese Kant-Thematik: »Eine Ver- nenden Gegensatz von rationaler und emotio-
nunftmoral verhält sich grundsätzlich kritisch zu naler, normativer und einübend gelebter Seite
allen natuIWÜchsigen, über Sozialisationsmuster der Moralität nimmt die wirkliche Thematik der
motivational verankerten Handlungsmotivierun- Kantschen praktischen Philosophie nur partiell
gen. Die Vernunftmoral ist auf Fragen der Ge- auf. Mit den gesellschaftstheoretischen Perspek-
rechtigkeit spezialisiert und betrachtet grundsätz- tiven der Kantschen praktischen Philosophie ist
lich alles im scharfen, aber engen Lichtkegel der verbunden, dass die Wendung vom neukantiani-
Universalisierbarkeit. Die zum Wissen subli- schen Normativismus zur materialen Wertethik
mierte Vernunftmoral existiert zunächst nur im (Scheler, N. Hartmann, immer bereits der Neu-
Einleitung XXVII

thomismus) keinen Fortschritt in der Problem- der Ergänzung der moralischen wie der Rechts-
stellung brachte (vgl. zuletzt J. Habermas, Werte theorie durch die politische Theorie. Hier sitzt
und Normen, Ein Kommentar zu Hilary Putnams der eigentlich interessante Punkt, an dem sich
kantischem Pragmatismus, DZPh 48 (2000) H. 4, Leistungsfähigkeit und Intention beider schein-
S.547-564). Eine offene Frage bliebe, ob die bar alternativer Positionen offenbaren (vgl.
Interpretation der moralischen Werte als sozialer V. Gerhardt, Politisches Handeln, in: Ders., Der
Verhältnisse (analog dem Wertbegriff der klassi- Begriff der Politik, Stuttgart 1990, S.291-309;
schen ökonomischen Theorie bei Smith, Ricardo, zuletzt präzise zum speziellen Thema: Ders., Was
Marx) die spezifische Beziehung von normativem Biopolitik ist etc, in: Forschung und Lehre,
und objektiv determiniertem Element des mora- 8/2002, S. 409--412).
lischen Bewusstseins erreichte und dabei die Dif- Das Urteil eines frühen Kantianers, eines mit-
ferenz der Denkformen von Kantianismus und und weiterdenkenden zu Kants Lebzeiten,
Hegelianismus zu synthetisieren vermöchte. Bei brachte manche noch heute anstoßende Beharr-
Kant jedenfalls rücken fur die Strukturauffassung lichkeit der Kantschen Denkweise bei den theo-
der Gesellschaft Außen- und Innendetermination retischen Prinzipien auf den Punkt: »Ich eIwarte
(Recht und Moral) des Subjekts nebeneinander auch von den Gegnern der neuen Philosophie die
und bilden analog den methodisch fortgeschrit- Duldung nicht, die man einem jeden andern
tensten Wissenschaften als Basis der ganzen System, von dem man sich nicht besser überzeugt
praktischen Philosophie eine Verhältnisbestim- hätte, sonst widerfahren lassen möchte; denn die
mung. Das ermöglicht weit voran und bis in die Kantische Philosophie übt selbst keine Duldung
Gegenwart geltende Fragestellungen. Das Pro- aus, und trägt einen viel zu rigoristischen Cha-
blem der Ungleichheit z.B. bestehe nicht in der rakter, als dass eine Akkomodation mit ihr mög-
Verteilung der Naturgaben und der Glücksgüter, lich wäre. Aber dies macht ihr in meinen Augen
merkt Kant an, sondern in der Ungleichheit des Ehre, denn es beweist, wie wenig sie die Willkür
Rechts (VIII, 117). Der Intellektualismus der vertragen kann. Eine solche Philosophie will da-
Kantschen reinen praktischen Vernunft ist am her auch nicht mit bloßem Kopfschütteln abge-
besten in den Zusammenhängen der Entwick- fertigt sein. Im offenen, hellen und zugänglichen
lungsstufen der Gesellschaftstheorie zu begrei- Feld der Untersuchung erbaut sie ihr System,
fen. Der rationalen Moralität der Individuen ist sucht nie den Schatten und reserviert dem Privat-
deren Verrechtlichung zu Grunde gelegt. Darin gefiihl nichts, aber so, wie sie ihre Nachbarn
zeigt sich das aufklärerische Programm der Frei- behandelt, will sie wieder behandelt sein, und es
heit und Gleichheit aller Menschen unverfiihrbar. ist ihr zu verzeihen, wenn sie nichts als Beweis-
Nach den materialen Bedingungen z.B. möchte gründe achtet. Es erschreckt mich gar nicht, zu
man wohl immer Ausnahmen fmden, gleichen denken, dass das Gesetz der Veränderung, vor
Anspruch im allemal ungünstigen Augenblick al- welchem kein menschliches und kein göttliches
len Menschen zuzuteilen. Der transzendental- Werk Gnade fmdet, auch die Form dieser Philo-
logische Formalismus der praktischen Vernunft sophie, so wie jede andere, zerstören wird; aber
ließ Kant zum großen, uneingeschränkt liberalen die Fundamente derselben werden dies Schicksal
Theoretiker in der deutschen Philosophie wer- nicht zu furchten haben, denn so alt das Men-
den. So verschieden die Richtungen des Neu- schengeschlecht ist, und so lange es eine Vernunft
und Postkantianismus seit dem 19. Jahrhundert gibt, hat man sie stillschweigend anerkannt, und
und bis in die Gegenwart verlaufen: sie bilden in im Ganzen danach gehandelt.« (Schiller an Goe-
der Philosophie die Hauptlinie theoretisch kon- the am 28.10. 1794)
sequenter Begründung des liberalen Verfas-
sungsrechtsgedankens. *
Die reale Vermittlung zwischen normativer, Das Handbuch stellt sich die Aufgabe, ins Ver-
sich mit autonomer Rationalität begründender ständnis der Kantschen Theorie einzufiihren. Da-
Ethik bzw. Rechtssetzung einerseits und lebens- fiir zeichnet es vor allem die Gedankengänge der
philosophischen Theorien der Tugenden gelin- einzelnen Schriften Kants nach, mit dem Ziel, die
genden Lebens und der Rechtslehre im Horizont Kantsche Theorie in den verschiedenen Problem-
konkreter Gemeinschaften andererseits liegt in stellungen und Lösungsschritten als eine Einheit
XXVIII Einleitung

zu wnreißen. Die den Kapiteln und deren Ab- venweigen das Kantverständnis unaufhörlich. Ist
schnitten beigegebenen Literaturveneichnisse der wirkliche Kant längst zur Figur der inter-
velWeisen aufweiterführende Literatur zu einzel- pretationen geworden? »Was fruchtbar ist allein
nen Themen. Kant dachte und schrieb noch am ist wahr«, sagt Goethe. Gewiss liest jeder den
Ausgang des Zeitalters der neuzeitlichen großen Kant, von dem er am meisten lernt (und hoffent-
Universalgelehrten, die auf allen Wissenschafts- lich nur zwn Privatgebrauch denjenigen, den er
feldern Fortwirkendes leisteten. Der Geist des sich wünschte), wie G. Patzig einmal im Ver-
Jahrhunderts der Aufklärung in Europa, der aus ständnis für die verschiedenen Anknüpfungsli-
dem universalwissenschaftlichen Denken des nien an Kant schrieb (G. Patzig, 200 Jahre Kants
17. Jh. hervorging; bildete das Reservoir der Kants Kritik der reinen vernunft, in: G. Patzig,
Themen und Problemlösungen, die Kant auf- Gesammelte Schriften, Bd. 4, Göttingen 1996,
nahm und in die Konsequenz einer neuen und bis S.229). Die philosophiehistorische interpreta-
in unsere Gegenwart fruchtbaren Denkfonn zu- tion unterliegt dem Wahrheitsanspruch der Wis-
sammenfügte. Es ist die transzendentale Logik, senschaften. Die Hauptpunkte jedenfalls einer
die Philosophie auf die Methodenproblematik der zentralen Denkfonnen der europäischen
der Begriindungsstrukturen von verschiedenen Wissenschaften sollten doch von den Nebensa-
Urteilstypen (und Theoriefonnen) konzentriert, chen abzusondern und zu klären sein. Freilich,
die differenzierten Kulturfeldern entsprechen ein elementarer Versuch über den ganzen Kant
und insofern unterschiedliche Weisen allgemei- wird immer schwerer, doch darwn vielleicht auch
ner Geltung konstituieren. Das auch nur nachzu- eIWünschter. Theorien der Zeit und begriffsge-
zeichnen, bleibt für einen Einzelnen ein schweres schichtliche Zusammenhänge, die fürs Kant-Ver-
Stück. ständnis wichtig sind, werden ins Handbuch ein-
Mit den Referaten und Interpretationsansätzen bezogen. Ein Abriss der Geschichte der Kant-
zu den Kant-Texten kann und soll auch Kants Interpretation konnte schließlich nicht mit
zivilisationsgeschichtlicher Optimismus, soll aufgenommen werden, wn den Band nicht noch
Kantsches Zutrauen zur Übeneugungskraft ratio- mehr zu elWeitern.
naler Verfahren bewahrt werden. Der modischen Wie könnte ich beim Reichtum allein der deut-
Resignation vor der wissenschaftlich-industriel- schen gegenwärtigen Kant-Literatur die Autoren
len Welt, die seit der gegenrevolutionären Ro- und Schriften nennen, deren Interpretationen ich
mantik der intellktuellen Eitelkeit, der Demokra- viele Einsichten verdanke, die im Handbuch wie-
tieskepsis und der Bewahrung abstoßender Privi- derkehren. NOIbert Hinske, dem guten Freund,
legien die Stichworte liefert, gilt noch immer der gediegenen Erforscher und Interpreten der gei-
Baconsehe Wahlspruch der Aufklärung, der auch stigen Welten Kants im 18. Jahrhundert, danke
Kant leitete, im Willen zur Erneuerung nicht ich über die Lektüre seiner Schriften hinaus für
nachzulassen: antiquitas saeculi, iuventas mundi. die Hilfe, die er mir während der Arbeitsjahre am
Auch der breite Strom der Kant-Interpreta- Handbuch in vielen Gesprächen, durch Über-
tionen, der jährlich Tausende von Arbeiten zwn lassung von ihm gesammelter Materialien und
Kantianismus mit sich fuhrt, ist nicht überschau- wie sehr überhaupt durch sein Zutrauen zu sol-
bar. Darunter befmden sich immer wieder vor- chem Projekt und durch seine ElWartung ge-
zügliche neue Resultate, als sollte Ernst währte. Ein rechtes Buch zu schreiben, schent er
Troeltschs anti-neukantianische Devise, schon in seiner Aphorismensammlung, braucht man
von 1904, widerlegt werden: Über die Kritik der ebensoviel Leichtsinn wie Gewissenhaftigkeit
reinen vernunft sei wohl mittlelWeile alles Ver- (N. Hinske, Ohne FlfIJnoten, Wünburg 2000,
nünftige gesagt (E. Troeltsch, Das Historische in S.87).
Kants Religionsphilosophie, Kant-Studien IX Die Erfahrungen der vielen Jahre philosophie-
(1904) S. 40). Die noch immer fortgehenden Er- historischer Arbeit mit den Studierenden der
schließungen der Kantsehen Schriften, vielbändi- Hwnboldt-Universität sind hoffentlich dem
gen Reflexionen, Vorlesungsüberlieferungen, der Handbuch auch zugute gekommen. Die Studen-
Quellen- und Zeit-Bezüge Kants, der Kantsehen tinnen und Studenten in ihrem wachen Sinn und
Tenninologie, der Fortwirkungen und Umbildun- in der ungebrochenen Kraft, Wahrheit zu suchen
gen des originären Kantianismus bereichern und und mit Aufrichtigkeit im Leben zu verbinden,
Einleitung XXIX

waren seit 1972 die Gefahrten meines geistigen Dr. Jan Rachold dafiir ebenfalls und fiir die Kür-
Lebens im Fache. Ihnen danke ich, über die zung des zweiten Kapitels. Herr Dr. Schütze vom
vielen erhellenden Fragen hinaus, das Vertrauen Verlag J.B. Metzler betreute das aufhaltsame Pro-
in den Lebenssinn, auch auf philosophische Pro- jekt kompetent, so verständnisvoll wie zielfiih-
bleme bleibende Antworten zu finden und dar- rend. Herr Dieter Fuchs, Stuttgart, bearbeitete im
auf, dass der Zynismus, ideologisches Elixier der Auftrag des Verlages das Manuskript fiir den Satz,
Gegenwart und eitle Illusion von Ohnmacht, ein akkurat und hilfsbereit auch bei allen Kürzungen
verlorenes Spiel spielt. und Ergänzungen. Meiner Frau danke ich zuletzt,
Frau Eva Oehlsen, meiner Mitarbeiterin im da ihre Geduld und Zuversicht bei der zu langen
Sekretariat (bis Sommer 2000), danke ich fiir Arbeit an solchem Vorhaben mich stets zuallerst
jahrelange Fürsorge fiirs Manuskript, Dr. Ernst begleiteten.
Müller fiir Unterstützung bei der Bibliographie,