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Martin Leuenberger - - - - - - - - - - - 207

Dabei spielen hermeneutische und exegetisch-theologische Grundsatzfragen eine


Geschlechterrollen und Homosexualität wichtige Rolle, wie es bei zahlreichen auch in kirchlichen Kontexten virulenten Ge-
im Alten Testament genwartsthemen der Fall ist - insbes. wenn es sich erst um >moderne< Problemfelder
wie etwa Genetik, Medizinethik, globale Wirtschaftsethik usf. handelt, wo sich eine
Martin Leuenberger unmittelbare Applikation der Bibel ohnehin verbietet.
In aller Kürze scheinen daher als Annäherungen an das Thema der Homosexualität
die folgenden hermeneutischen und thematischen Vorüberlegungen angezeigt:
Es ist hermeneutisch wohl nicht unnötig, auch bei diesem Thema gegenüber einem
Abstract:
strukturell fundamentalistischen Umgang, der die Bibel als normatives Gesetzbuch
After a few hermeneutical preliminaries reflecting on how to perceive >homosexuality< appro-
Gottes handhabt, festzuhalten, dass sich die Bibel und zumal das AT nach Ausweis
priately in ancient contexts within the framework of gender roles, the exegetic contribution
der kanonischen Gesamtanlage(n) als menschliches Zeugnis von Gotteserfahrungen
first casts an iconographic glance at two Ancient Near Eastem images. This background then
helps to sharpen the contours of prominent OT texts: On the one hand, the narrative creation präsentiert und versteht. Entsprechend sind die biblischen Texte und Traditionen
texts in Gen 1-3 elaborate two distinct models of human gender roles, both of which should prinzipiell zeitbedingt, d.h., es gilt sie zunächst konstitutiv in ihren geschichtlichen
be u.nd~rstood as fundamental anthropologica/ and theological constructions and concep- und soziokulturellen Kontexten zu erfassen. Auf heutige Verhältnisse und Debatten-
tualzzatzons. On the other hand, it becomes clear that the only explicit statement 011 sexual lagen lassen sie sich nur vermittelt beziehen: Es bedarf einer wohlüberlegten Ausle-
intercourse between two men in Lev 18:22120: 13 represents a prescriptive parenesis seeking gung der Schrift in der Gegenwart - m.E. unter Einschluss theologischer Sachkritik.
to ensure the transgenerational survival of the threatened Yahweh-community in the Persian Natürlich spielen sich dabei komplexe Interpretationsvorgänge ab, die neben den
province of Yehud. In both instances, the contexts and pragmatics of the texts are essential Texten eben immer auch die (sich selbst oder andere) interpretierenden Menschen in
when asking about possible implications for understanding >homosexuality<. ihren spezifischen (Lebens-)Welten involvieren und daher prinzipiell unabgeschlossen
sind; so müssen angemessene Interpretationen biblischer Texte und deren Wirklich-
keitsverständnisse für jede Zeit und für jede gesellschaftliche Situation wieder neu
1. Einleitung: Hermeneutische und thematische Vorüberlegungen gewonnen werden.
Für das Thema der Homosexualität wollen die folgenden Überlegungen einen
exegetischen Beitrag leisten. Dabei versteht man heute unter Homosexualität übli-
In den vergangenen Jahrzehnten fanden in Westeuropa sowie z.T. weltweit um-
cherweise die (exklusiv) gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung eines Menschen,
wälzende gesellschaftspolitische Entwicklungen in Bezug auf Homosexualität und
die zudem oft stark persönlichkeitsbildend und identitätsstiftend ist2 • Dabei handelt
ge.~chl~chtliche Identität statt (LGBTQIA+-Identitäten neben den überwiegenden
es sich um ein neuzeitliches Konzept und Verständnis, das in den letzten 150 Jahren
mannhchen bzw. weiblichen Identitäten). Sie haben namentlich in Deutschland Ös-
entwickelt und bestimmend wurde. Weder in Grundzügen noch in Varianten findet
terreich und der Schweiz dazu geführt, dass staatlicherseits - trotz Länderdiffere~zen
es sich dementsprechend in der Bibel oder im alten Orient, wie sich die Forschung
und no~h unabgeschlossener Gesetzgebungsprozesse - inzwischen im Prinzip auch
einig ist 3; insofern ist es anachronistisch, wenn man hier dem Begriff oder dem
Eheschließungen gleichgeschlechtlicher bzw. divers-geschlechtlicher Paare (>Ehe für
alle<) möglich sind.
Im Gefolge dessen standen und stehen insbes. die evangelischen Kirchen unter und die Bibel. Anmerkungen zu einem anachronistischen Diskurs,JBTh 33 [2018), 47-63: 47f}. Es
Zug~wang, da sich hier die kirchliche Trauung mit guten Gründen an der Zivilehe wäre überaus reizvoll und instruktiv, aus diesen Kontexten einige aktuelle Umgangsweisen mit bibli-
schen Texten und Traditionen genauer zu erörtern, dies würde aber einen eigenen Beitrag erfordern.
ausrichtet. Als Exeget wende ich mich jedoch nicht den damit verbundenen juristisch 2. »Orientierung« ist dabei bewusst weit gefasst und reicht von der (genetisch-biologischen bis sozi-
?oc~komplexen und kirchenpolitisch verzweigten Fragestellungen zu, sondern den okulturellen) Disposition eines Menschen über seine (leiblichen, psychischen, emotionalen [Erotik,
m diesem Zusammenhang wieder intensiver kontrovers diskutierten biblischen Per- Zuneigung, Liebe etc.], sozialen etc.) Beziehungen bis hin zu konkreten Sexualpraktiken. Zu die-
spektiven auf >Homosexualität<. sen und weiteren Definitionselementen von Homosexualität, zu den fließenden Übergängen zu Ho-
moerotik oder Homosoziabilität sowie zur Anwendbarkeit dieser Kategorien auf den alten Orient
. Diese. si~d auch deshalb relevant, weil die Bibel (und meist auch einige Bekennt- und die Bibel s. bes. M. Nissinen, Homoerocicism in the Biblical World. A Historical Perspective,
m.sse, wie ich als Zürcher Reformierter in Klammern ergänze) für die evangelischen Minneapolis 1998, 5ff; T. Römer/L. Bonjour, L'homosexualite dans le Proche-Orient ancien et la
Kirche~. Gru~dlage und Norm ihrer Theologie und Praxis darstellen. Dementspre- Bible (Essais bibliques 37), Genf 22016, 7ff; K. Hügel, Homoerotik und Hebräische Bibel, Hamburg
chend lasst sich gegenwärtig beobachten, wie im Rahmen des breiten kirchlichen 2009, 20ff; knapp T. Hieke, Kennt und verurteilt das AT Homosexualität?, in: S. Goertz (Hg.), »Wer
bin ich, zu verurteilen?« Homosexualität und katholische Kirche, Freiburg 2015, 19-52: 21f.
Diskurses über Homosexualität auf biblische Texte und Traditionen rekurriert wird 1. Nimmt man die einleitend erwähnten Debatten um die >Homo-Ehe< hinzu, so erweitern sich einer-
seits die relevanten Definitionselemente von Homosexualität (z.B. Gleichberechtigung und Mün-
1. digkeit der Partner; Dauerhaftigkeit der Beziehung u.a.m.), und andererseits stellen sich auch beim
Am besten bekannt sind mir die Diskussionen in den evangelischen Landeskirchen Württembergs
Verständnis von Ehe ähnliche Fragen wie bei der Homosexualität; dies kann im Folgenden nicht
und der deutschsprachigen Schweiz (zum weiteren Horizont s. knapp T. Römer, Homosexualität
weiter verfolge werden.
3. S. statt vieler Römer, Homosexualität (s. Anm. 1), 49.62; und selbst M. Zehnder, Art. Homosexu-
Evang. Theol. 80. Jg., Heft 3, S. 206-229, ISSN 0014-3502 alität (AT) (2008), https://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/21490/ (25.2.2020), Kap. 1, der die
© 2020 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Verhältnisse sonst eher vernebelt.
208 Geschlechterrollen und Homosexualität im A lte11 Testa111e11t Marti11 Leue11berger 209

Konzept nach von >Homosexualität<spricht. D a her gilr es zu k lären, was dam it jeweils Symbolisierungen zu run haben, welche ein bc timrntt\ Bild dC's Menschen crnd seiner
bezeichnet wird (und Entsprechendes trifft na türlich noch ve rs tä rk t fü r di e A uffäcl1e- Geschlechtlichkeit zum Ausdru ck bringen. Geschlech rerversrändnisse, -rollen und-relaci-
rung auf das gesamte LGBTQIA+-S pektrum zu ): Wenn im Kontex t d es AT - wo eben o nen bil den d a her einen Teilaspekt der A11thropofogie 1111d sind in um fassende IVirklich-
Begriff und Konzept fe hlen - von •Homosexua li tä t<ges prochen w ird , d a nn geh t es um keitsverstä11d11isse ei11geb1111de11, die den Menschen in Bezüge zu Gott, zu der (natürlichen
die wenigen Fä lle, die (durchgäng ig nega tiv bewertete) Akte g leich geschlechtlichen und ku lturellen) \Xfc lt und zu sich selbst stellen. Und zum Anderen werden sie in unseren
Genitalverkehrs unter Männern betreffen. Quellen entsprec hend deren Gattung und Funkti o n in bestimmten Situationen und mit
Dabei zeigt sich durchgängig, dass diese Vorgä nge elem enta r mit Frage n vo n Status, spezifischen Abzweckungen dargestel lt, werden a lso in ga nz vvesentlichen Hinsichten
Macht, Ehre usf. der involvierten Personen zu tun haben, aber kaum mit geschlechtlicher bewusst m odelliert un d konstruiert. Diese konstruktive und ko11zeptionefle Dimension
Identität oder (sexueller ) Persönlichkeitsdisposition . Deswegen ist es a u f der e inen Seite kommt in der Rede von Geschlechterrollen prägnant zum Ausdruck, \·velcher Begriff hier
problematisch, aus diesen Texten -zuma l in d irekter Appli kation einzelner A ussagen a uf vorrang ig verwendet w ird, um d iesen Konstruktio nsaspekt durchgängig präsent zu halten.
heutige Kontexte - sittliche, ethische oder theologische Einschä tzungen von Homosexu- Ein w ic htige r Gesa m tbefun d im a lten O ri ents und im AT ist da bei, dass die über-
alität (im modernen konzeptionellen Sinn) o der von weiteren LGBTQIA+-lclentitä ten ko mme nen Q uell en nur in einer sehr iiberscha11bare11 Anzahl vou Fällen mit entspre-
abzuleiten. U nd deswegen erfordern es die biblischen Texte a uf der a nderen Seite, ihre c~end spez ifischen Sitzen im Leben g leichgesc hlechtliche Sexualpraktiken them~ti­
•Homosexua litätsaussagen< im umfassenderen Rahmen der den in vo lvie rten Pe rsonen sie ren. Meist dürfte es sich, w ie (metho d isch in nicht ga nz unpro blematischer Weise)
zugeschr iebenen Geschlechterrollen wa hrzunehmen und zu a na lys iere n. a us den Kontexten zu vermuten ist, in A ußenans ichten um Perspekti ven bestimmt~r,
Hier hat die neuere kulturgeschichtliche Gender-Forschung w innovati ven Einsichten wo hl oft nic ht direkt in vo lvier te r A utorenkreise ha ndeln , di e deren Interessen m
geführt, die es aufzunehmen und a uszuwerten gilt (s.u. UI.l. ). Na türlich er weisen s ich spezifi schen Sit ua ti o ne n a u f unterschiedliche Aspekte von Geschlechterrollen und
auch die biblischen Geschlechterrollen a ls histo risch und sozio kulturell beding t - und >Homosexualität <zum A usdru ck bringen. Ob und w ie weit dabei bisweilen auch i~1
sind insofern vom Wissensstand aktueller Geschlechterforschu ng her k ri tisch w beurtei- Selbs tze ug ni ssen e igene Er fahrungen eingefl ossen s ind, können wir nicht mehr mit
len4. Dennoch und gerade so lassen sich aber in einem produktiven Dia log a us den oft Sicherh eit besti mmen und s pielt hier metho disch auch keine Ro lle. Denn in jedem ~all
sehr reflektiert und theologisch ti efgründig ko nstru ierten Geschlechter ro llen de r Bibel ge ht es um di e D arstellu ng von und den Umga ng mit (partiellen) Erfahrungen gleic~­
auch für a ktuelle Kontexte wertvolle Impulse oder kritische A nregungen gewin nen . gesc hlechrlic her Sex ua lpraktiken oder Beziehun0uen bestimmter Menschen, welche fur
Wenden wir uns ausgehend von d iese n Vorübe rlegunge n nun d er Welt des a lten die in vo lvierten Pe rsonen a be r in keine r Weise a ls identitärsbestimmend erscheinen
Orients und des a lten Israel zu. (sondern zu den en s ie s ic h ve rh a lten kö nnen und sollen); somit zeigt s ich nochmals
d er g rundlege nde U nterschied zum heure üblichen Verstä ndnis von Ho mosexual ität
als (zum a l exk lus iv) g leichgeschlechtliche sexuelle O ri entierung eines Menschen. .
II. Ein ikonographischer Blick auf den alten Orient Instrukti v lassen s ich diese g rundsätzlichen Befunde in der gebotenen Kürze an z wei
ikonographischen Beispielen aus M esopotamie11 illustrieren; denn im Bildmarerial rreren
Um sich der vergleichsweise kleinräumigen Geisteswelt des a lten Israel und des AT a n- sie für uns Rezipi enten visue ll deutlicher und entsprechend einfac her (freilich miru~ter
zunähern, lohnt sich ein kurzer Rundblick auf die weite a ltorienralische >U m welt<. D enn a uch we nige r genau) rek o nstruierba r hervor, a ls es im Textmateria l zumeist der Fall ist6.
hier zeigt sich in elementa rer Weise, was auch für das AT gilt: Dass w ir es in den erha l-
tenen Quellen - konkret in Bildern und Texten zu unserer Them a tik - mit zeichenh aften 1. A ufschlu ssreic h ist zunächst eine recht bekan nte m esopotamische Schenkszene a u.s
a ltbab ylon ischer Zeit die einen homosex uellen Geschlechrsakt zweier Männer mit
4. ~rund~egend isr die Einsicht in die Vielsch ichtigkeit des Geschlech ts eines Mensc hen , d ie von gene- Spitzba rt da rste ll t (A bb. l )7: O hne a llzu sehr a uf Detai ls einzuge hen, rri rt - insbes.
nsch-b1ologischen (•sex<) bis zu soziokultu rellen (>gender<) Ebene n re icht und eine Vie lzahl von Z wi-
schenschichten umfasst. Dies gilr es bei de r he urigen lnrerprerarion einschlä giger bibl ischer Texte zu
I bea~hten, auc~ wenn sich hier gewisse vormoderne Konstellation niedergeschl agen ha be n und auf
1
besnmmre Weisen bearbeitet werden. 5. S. hierzu d ie Li te raruri.i bersicht von A. Garcia-Ve11t11ra, Gender a nd \Xlomen in Ancient ear Eastern
Vergleichbar liegen die Dinge im Blick a uf die biologisch duale Sicht auf de n Menschen, wie sie Stud ies: ßiblio gra phy 2002-20 16, Akkadica L38 (20 17), 37- 67.
im AT und im alren Orient vora usgescrzr isr. Demgegen über w issen wir wesentlich m ehr iiber die 6. In den a lrorientalische n Texten - zur Ikonographie s. im Folgenden und u. Anm. W - kommt '. Homose-
auch biologisch vielfältige Gesch/echtsausbild1111g des Mensc/Je11 (s. a ls ersre Ei nführung die vo m xualität' v.a. in Rechtstexten, da neben in O men und in (mythisch-)crä ihlender L1teranir .(beruhm.testes
deutschen Erhikrar herausgegebene Stell ungna h me lntersex unliriir, Berlin 201 2, 28ff !zugä ng lic h Beispiel aus Meso potamien ist sicher d ie intime Freundschaft von Gilgamesch und Enkidu, aus Agyp-
unrer htrps://web.arch ive.org/web/20 16031 8005 60 7/hrrp://www.erhi krat. org/da te ien/pd f/sre l1u ng- ten ist der Serh-H orus-M vrhos zu nennen) zur Sprache (s. a ls Übersichten]. Bottero/H. Pe~sc/Jow, Art.
n.a hme-intersexua liraet. pdf (6.3.2020) 1): Sie führt zwar großmeh rhe itlic h zu phänotyp isc h und phy- H om osexua litä t, RIA 4 (1 972-1 975 1, 459-468; \\'~ \"(/estendor(, Art. Homose:-.."U~litiit, LA~ 11 977),
siologisch kla r männlichem bzw. weiblichem Geschlecht beinhaltet aber a u fg rund d er vielst ufigen 12 72f; l~.A.j. Gag110 11 , T he ßible a nd H omosex ua l Pracrice. Texts and Hermen~uncs, N ashv11le. 200~,
und mulcifakroriellen Genese a uch hier hä ufig zahl reich~ geschlechtliche Unschä rfe n. Diese beg in - 43ff; Nissi11e11, H omoeroricism ls. Anm. 2 1, 19ff; Rö111er/Bo11;011r, homosexua hte [s. Anm. 2 1, 13ff). Die
nen schon auf der generischen Ebene der D NA-Anordn ung de r C hro mosom en (ins bes. de r sog. sex The matik spie lt a be r insgesamt a ncrkanntermnßen eine nebensächliche Rolle und wird - im Unterschied
determinig region des y-Chromosoms), setzen sich dan n v.a . beim gonada len Gesc h lecht (biporcnrc zum g riechische n Kulturraum (etwa mir dem pla tonischen Liebesideal) - in a ller Regel pejorativ gewer-
Keimdrüsen) forc und gipfe ln in der - wesentlich von Umweltbeding ungen w ie Temperatur, H o r- tet, ebe n weil elementare Geschlechterrollen mir entsprechendem Sozialpresrige durchbrochen werden.
mone u.a. beein fl ussten - Ausbildung innere r und ä ußerer Geschlechtsorga ne. Hi nter diese basa len 7. Abb. 1: aus C. Z iegler, Die Terrakotten von \Xlarka (A DFU 6), Berlin 1962, Taf. 10, Abb. 168 (Relief-
Einsichten in die Komplexitä r und Unsc hä rfe des me nsc hlichen Geschlechts ka nn man heure n ichr platte aus gr üne m To n ); s. dazu a . Bottero/Petschow, RIA 4 (s. Anm . 6), 4 60 ; das Exemplar stammt
zurück (wollen), sondern es gilt, sie mic de n biblischen Texren produ ktiv zu konfro n tieren. a us Uru k, ist a ber in me hrere n Pa ra llelen aus Babylon, Assur L1.a . bekannt.
210 Geschlechterrolle11 1111d Ho111osex11alität im Afte11 Testa111e11t Marti11 Le11e11berger 211

im Vergleich mit derselben Szene in heterosexueller Ko nstella tio n (Abb. 2)N- die 2. Eine ve rgleichbare Eino rdnung nimmt a uch ein zweites altbabylonisches Beispiel
elementare Rollenverteilung in a ller D eutlic hke it her vo r, inde m de r aktive Ma nn vo r, das heterosex uellen Geschlechtsverkehr mit Musik darstellt (Abb. 3 )1°. Der
aufrecht steht und mit seinen Händen die Hüften (A bb. 1 ) bzw. de n obe ren R ücken Vo rgang, be i dem d ie Parm er (tro tz der etwas bizarren Bein- und Fußstellung des
(Abb. 2 ) des nach vorne gebeugt en, passiven Pa rtners beherrschend hä lt; so ko mmt Mannes) ei na n der zugewand t sind und sich gegenseitig anblicken, wird hier we-
das hierarchische Rollengefälle sowohl im ho mosexuellen Fa ll vo n A b b. 1, wo die sentl ich vo n der Frau gesteuert. Sie ist mi r la ngem, offenem Haar abgebildet, was
Stellung a tergo a natomisch vorgegeben ist a ls im heterosexue ll en Fa II vo n Abb. 2 erotisc h ko nnotierr ist, und fü hrt m ir ihrer H and den erigierten Penis des Mannes
kla r zum Ausdruck. Freilich trinkt je die p assive Person - und n u r s ie - zugleic h m it aktiv. W ied er u m wi rd die Sexualitä t dabei lebensweltlich umfassender eingebettet,
9
einem Trinkha lm a us einem a uf einem Ständer ste henden Gefäß (ve rm utl ic h ßier) • indem sie in de n H orizont vo n M us ik eingezeichnet wird : Der Mann spiele mit
Die Gesamtszenerie zeigt a uf diese Weise deutlich: Eine rseits w ird d ie aktiv- pas- be ide n H ä n de n d ie (wo h l e ben falls bes. erotisch konnotierte) Laute, ·w ährend
sive Verteilung der konventio nellen (Geschlec hter-)Ro llen differe nziert, indem der d ie Frau d ie we it ver breitete H a ndtrommel hä lt· diesbezüglich werden also beide
passive Partner in der Bildmitte multitasking betre ibt und t rinkend Lebensgenu ss Pa rtn er in ihren Ro llen g leichgeste llt. Au fs Gan~e entsteht so erneut ein Bild des
zelebriert. Und a ndererseits ist der Gesc hlechtsa kt in um fasse nde re Vollzüge der Lebensgenusses m it Sexua lität und M usik.
Lebensfülle eingebettet: Sexualität und (feierlic hes) T rinken symbolisieren das ge-
lingende Leben insgesamt.

·-1

Abb. 3 : Altbabylonischer Lebensgen uss in Form von Sexualität und Musik

Diese a ufg rund des zur Ve rfüg un g stehenden Q uellenmateria ls' 1 auf Mesopotamien
bes~ hrä nkte n Seitenblicke illustrieren eindrücklich, dass die Geschlechterrollen sehr
abs1chtsvo/l konzipiert werden: Vor dem Hi nre rcrru nd der damaligen soziokulturellen
Ko nve ntio nen und Maßstäbe w ird mit den gän; igen Rollenmodellen, -verhälrnissen

10. Abb. 3 : aus Schroer, IP IAO 2 js. Anm. 81, 496 (Terrakorra relief aus Larsa, um 1800); s. dort auch
die Hinweise a u f Morivparallelen fü r die Musikinsrrumenre und d ie Stellung des Paares. . ,
11. Ikonographisch - zum Texm1arerial s.o. Anm . 6 - sei neben Mesopotamien (s. hierzu a. di~ Kur-
zübersicht von Bottero!Petschow RLA 4 ls. Anm. 6] 460) a us der eisenzeirlichen Levanre im naheren
8. Abb. 2 : aus S. Schroer, Die Ikonograph ie Palästinas/Israels und der Alce O rient (/P /AO) . Eine Rel i- '
Umfeld des AT noch auf einen Skarabäus '
aus Dor (um ·
700) verwiesen, der auc1l emen
· cortus a tergo
·
gionsgeschichte in Bildern, 2. Die M itte lbro nzezeit (IPIAO 2), Freibu rg 2008, 494 (aus dem H ande l, zeigt (s. S. Schroer, IPI AO, 4. D ie Eisenzeit bis zum Beginn der achiimenidischen Herrschaft, Ba_sel
ca. 2100-1 700). S. zu ikonogra phischem Vergleichsma terial bes. j . Assa11te, Sex, Magie and rhe 2018, l 845), a u fgru nd der Dimensionen und des M a terials jedoch so sk izzenhaft ist,__dass weder eme
Liminal Body in rhe Eroric Art and Texts of rhe O ld ßabylo nia n Pe ri od, in: S. Parpola/R. M. W hiring Geschlechterzuordn ung erkennbar ist noch eine Einberrungen in weitere Lebensvollzuge erfolgt. .
(Ed.) Sex and Gender in rhe Ancienr Ncar East, Acres de Ia XLV lle Rencontre Assyrio logique Inter- Und aus Ägypten sei wenigstens das berühmte Doppelgrab von Nianchchnum und Chnumhorep 111
nationale (H elsinki, 2-6 July 2 001), H elsink i, 2002, 27- 5 1. Saqqara (24 . J h.) genannr (s. H . Alte11111iiller/A.M . Moussa, Das Grab des N1anchchnum und Chnum-
9. Der morivgesch ichtliche H intergrund der Trin kda rstellung verweist n ich t a uf einen k ultischen Kon- hotep [Archiiologische Veröffentl ichungen 211, Mainz J 977; s.a. die Phorograph1en ~mter http:f/www.
text (so noch Ziegler, Terrakotten [s. Anm . 71, 55), sondern auf Tave rnen oder G asrschenken, d ie egyprology.com/n ia nk hkhnum_khnumhorep/index .hrml): Es zeigt ßemalu~gen _mammg.~ n Umar-
mit ihrer gesellschaftlichen Sonderstellung Grenzen durch brechen und a usgelassene Lebensfreude mungen, Küssen und Händeha lren, auch wenn fraglich bleibt, ob es bei den Fam1henvatern ubcrhaupt
symbolisieren (so bereits Bottero!Petschow, R IA 4 ls. Anm. 6 ], 460; a usfü hrlich U. Winter, Frau und um (homo)sexuelle Vollzüge geht oder ein (siamesisches?) Z willingsverhälr111s dargestellt w ird.
Göttin. Exegetische und ikonographische Studien zum weibl iche n Gotres bild im Alren Israel und in Im weiteren H orizonr treten Geschlechterrollen sodann insbes. bei {ägyptischen) Schöpfungsdarsrel-
dessen Umwelt [OBO 53 ], Freiburg u.a . 1983, 253ff mi r ikonographi schen ßa nke rrszenen; Assa11te, lungen prominent hervor (s. nur die Bildbeispiele bei F. Stolz, \'ileltbilder der Religionen. Kultur und
Sex ls. Anm. 7], 30ff). Natur. D iesseits und Jenseits. Konrro llierbares und Unkonrrollicrbares !T heophil 4 ], Zürich 2001, 5ff).
212 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament Martin Le11e11berger 213

und -verteilungen (>aktiver, dominanter Mann<, >passive, sich hingebende Frau<) patriarchaler oder kyriarchaler Geschlechterverhältnisse mehrfach überraschend
durchaus bewusst umgegangen, und es zeigen sich auch kritische Transformationen, kritische Transformationen zu Tage, wenn z.B. die kluge Abigajil im ~pannun?s­
wiewohl man sich hier natürlich noch viel weitergehende Möglichkeiten vorstellen feld der emotionsgesteuerten Männer Nabal und David die G~sche~ss~.un~ ihr
kann. Ähnliches gilt für die Einzeichnungen der Geschlechterrollen in Gesamtkon- eigenes Geschick umsichtig lenkt ( lSam 25). Solche und weitere emdruc~hche
zeptionen des Menschen und seiner (lebensweltlichen) Wirklichkeit, obschon auch Aspekte von Gleichbehandlung und Gleichberechtigung der Geschlechter im AT
in dieser Hinsicht die ikonographischen Beispiele aus der Kleinkunst (mit dem gat- hat 1. Fischer in einer instruktiven Übersicht gebündelt 14 •
tungsbedingt beschränkten Darstellungs- und Interpretationsraum) die grundlegenden • Spezifischer wären dann von diesen nicht nur gesellschaftlich dominanten~ son-
Kontextualisierungsvorgänge plastisch dokumentieren. dern auch normativ wirkenden (heterosexuellen) Geschlechter-Konstellat10ne?
Im vorliegenden Rahmen kommt es vorab auf diese Kerneinsichten an, weil sie her sämtliche Texte des AT auszuwerten die Perspektiven auf Aspekte und Di-
hermeneutisch und exegetisch aufschlussreiche Perspektiven eröffnen und so den Blick 15
mensionen von >Homosexualität< eröffn;n oder Implikationen dafür besitzen •
schärfen für vergleichbare Deutungsvorgänge und -horizonte auch in den biblischen
Texten, die als literarische Quellen unterschiedlicher Gattungen nochmals andere Diese hermeneutisch und methodisch angemessene Zugangsweise ka.nn .?ier ?a-
Interpretationsmöglichkeiten besitzen. türlich weder umfassend noch flächendeckend ausgearbeitet werden; sie la~st sic.h
aber in exemplarischer Beschränkung konkretisieren. Bes. interessa~t sche~nt mir
das Zusammenspiel einer doppelten Auswahl: N am .. l"1c h emersei
· "ts emen Bhck. auf.
111. Geschlechterrollen und Homosexualität im AT
die narrativen Schöpfungstexte am Anfang des AT (Gen 1-3) zu werfen, u~ emige
anthropologische und theologische Grundlinien der biblischen Konstruktion von
1. Zur Konstruktion von Geschlechterrollen im AT
Geschlechterrollen zu umreißen (III.2.). Und andererseits eine knappe Analyse ~er
so bekannten wie berüchtigten >Homosexualitätsverbote< von Lev 18 ~nd 20 im
Für das alte Israel wäre es von hier aus sehr reizvoll, diese konstruktiven Aspekte der · h oc
·· hst spezifisch .kon-
Konzipierung von Geschlechterrollen in den biblischen Texten umfassend herauszuar- sog. Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) vorzunehmen, um emen
. . . . ß
textuahs1erten Emzelfall zu erschhe en (III ) B ·d
. 3 . . e1 es zei "t"gt
1 auch hermeneutische
. h d
beiten. Das sprengt den vorliegenden Rahmen, verspräche aber spannende Einsichten: · 1.
Konsequenzen für die rezeptionsgeschichthch bekannt ic u eraus lgenre1c
h ··b f0 .
e un
mitunter verheerende Umgangsweise mit diesen Texten.
1. Zunächst wäre eine aus den archäologischen und biblischen Quellen erhobene so-
zialgeschichtliche Darstellung der real gelebten Geschlechterverhältnisse erforder-
12
lich ·Welche Aufgaben und Tätigkeiten prägten die faktischen Lebensvollzüge von
Frauen und Männern in den israelitischen und judäischen Bevölkerungsgebieten 2. Geschlechterrollen in den Schöpfungstexten Gen 1-3
und -schichten bzw. -gruppen im 1. Jtsd.? Welche Möglichkeiten standen insbes.
Frauen offen (etwa im Blick auf die Rechtsfähigkeit bezüglich Heirat, Vertrags- a. Der priesterschriftliche Schöpfungsbericht Gen 1
schluss, Besitz oder Erbe)? Welche Stellungen und Funktionen mit welchem Sozial- · · · h en Sc h op
.. fungs benc
· h t ·m Gen 11-2
prestige nahmen sie typischer- oder ausnahmsweise ein? Für welche familiären und D em pnesterschnfthc , ' 4a ' der das. AT .eröffnet,
h ·k
gesellschaftlichen Beziehungen und Relationen (mitsamt den damit verbundenen kommt bekanntlich eine ebenso programmatische wie rezeptions~esch1chthc w~ -
Kompetenzen) waren sie zuständig? mächtige Bedeutung zu. Es wird die von Gott am Anfang kre1ert.e Or~n~g e~
Kosmos entfaltet in welcher auch der das letzte Schöpfungswerk bil.den ed Rens~.
seine (herausrag:nde) Stellung und Funktion erhält: Er ist Gottes Bild un :.~a­
2. Erst vor diesen lebensweltlichen Hintergründen ließen sich dann die soziokultu-
sentant auf Erden - und zwar eben als in unhintergehbarer und elementarer eise
rellen Konstruktionen von Geschlechterrollen in den biblischen Texten mit ihren
je unterschiedlichen Stoßrichtungen und Akzentuierungen angemessen profilieren. geschlechtlich differenziertes Geschöpf (1,26-31 ).

• Von grundlegender Bedeutung wären dabei zentrale Frauenrollen etwa biogra-


phisch als Tochter, Jungfrau, Ehefrau, Mutter oder Witwe, beruflich als Heb- ·· K F ·· im Alten Testament am Beispiel der
den gesellschaftlichen •Frauenraumen< S. auz, rauenraume h [202 2020]) Näherhin
1
amme, Amme, Klagefrau, Hirtin, Hausherrin, Kauffrau oder Tempelsängerin, Siedlung (2009), http://www.leccio.u~ibe.ch/09_2/kauz_fra~;raeu~=~ : e •ge~~nd/kra~k<, >reich/
erweisen sich in den Text(konstrukC1on)en dann etwa Lfre1 dateglor1 l t ( dazu 1 Fischer Got-
oder (mehr oder weniger) >amtlich< als Hure, Prophetin, Richterin, Weise, Rat- · r · h ("h h" t"sch)/ausländisch ( rtem )< a s reff und
evan s. · '
arm•, >f rei/un f reic, >_israe itisc . 1 w is 1 14 zur Thematik umfassend
geberin, Königsmutter oder Königin 13 • Dabei träten nämlich trotz der Dominanz teslehrerinnen. Weise Frauen im Alten Testament, Stutt~a 2006 ' 3 S 2010-2019)
· cM ·
1. Fischer u.a. bzw. · aier u.a . . g.
[H ] D" Bibel und die Frauen, 1/1- , tuttgart
~e b z p bl atik des Geschlechterverhältnis-
·
14. 1. Fischer Egalitär entworfen - hierarchisch ge1e t. ur ro ~m B J ki/K Ließ (Hg) Der
12. S. nur die Hinweise bei R. Kessler, Sozialgeschichte des alten Israel. Eine Einführung, Darmstadt ses und einer enderfairen Anthropologie im Alcen Testament, m: · anows . · ·~
2006 sowie die Lit. in Anm. 13f. Mensch im alt~n Israel. Neue Forschungen zur alttestamentlichen Anthropologie (HBS 59) Freiburg
13. S. als knappe Übersicht U. Sals, Art. Frau (AT) (2006), https://www.bibelwissenschaft.de/stich-
u.a. 2009, 265-298. . 2) (2009) R ·· /B · h
wort/18521/ (15.2.2020); sie präzisiert unter anderem die gängige Rede von patriarchalen Struk- 15. An neuerer Oberblicksliteratur s. bes. Hügel, Homoerotik ~s: Anm. ; omer on1our, o-
turen im kulturgeschichtlichen Kontext der Monarchie als kyriarchale Verhältnisse (Kap. 3.1; s. zu mosexualite (s. Anm. 2) (22016), 37ff; Nissinen, Homoerot1cism (s. Anm. 2) (1998), 37ff.
214 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament
Martin Leuenberger - - - - - - - - - - - - 215

Die diesbezüglichen Kernaussagen lauten in einer Arbeitsübersetzung:


Ausführungsbericht in V.27 »als männlich und weiblich (:i;ii?~~ 1;>!)« erschaffen wird.
O,;:t?~ i~t\°11 1 l ,26a Und Gott sagte:
Drei Aspekte gilt es hervorzuheben:
1
u.rn~p u~?~il 01~ ;itpl[J »Wir wollen (den) Menschen 1
• Die Gottebenbildlichkeit, welche als Bestimmung der Stellung und Funktion
machen als unser Bild gemäß des Menschen die zentrale >Wesensaussage< über ihn darstellt, umfasst von 1

... , b
unserer Ähnlichkeit.
und so (werden sie) .... «
vornherein und unhintergehbar auch die geschlechtliche Differenz, schließt
diese also konsequent ein (was umgekehrt impliziert, dass der Schöpfergott
!

selbst jenseits dieser kreatürlichen Geschlechterdifferenz steht)1 8• Denn der


27a Und Gott erschuf den Menschen
als sein Bild, als Bild des einen Gottes (s. die Singulare i?.l?~:;i und O";:t?~ O'?iil V.27a) erschaf-
in"N N1i! o,;:i?~ o?~il als Bild Gottes erschuf er ihn, fene »Mensch (01~ V.26; 01~::i V.2 7) « bezeichnet »nicht e~as an:i Mensc~en
01;l°N N1i! ;i;ti?~~in b männlich und weiblich erschuf er sondern den Menschen als Ganzen« 19 ; gemeint ist somit emdeutig das beide
sie. Geschlechter umfassende Gattungswesen >Mensch< insgesamt, also alle Men-
28 Und es segnete sie Gott und es schen oder abstrakt ausgedrückt die Menschheit2°; das zeigen sow~hl struk-
sagte Gott zu ihnen: »„.« turell die vorangehenden Pflanzen- und Tieraussagen als ..auc~ spezifisch ~er
Herrschaftsauftrag (V.26b) und die Segenszusage (V.28) .fur die Mensche~ im
Konstitutiv für die Theologie und Anthropologie der Priesterschrift (P) ist ja, dass Plural und mithin für die Menschheit2 1• Zwar denkt Pm 1,27 genealogisch
der Mensch als >Gott ähnliches Bild (urn~p Ui'.;17~il)< geschaffen wird (s.a. Gen 5,1P; sehr wohl an ein Urmenschenpaar; zum Einen wurde jedoch e?en dieses ~er~its
9,6P vor dem Hintergrund der Bildaussagen der ägyptischen und mesopotamischen unhintergehbar in der geschlechtlichen Polarität von männlich und we1bhch
Königsideologie): Als Gottes lebende Statue ist er dessen Repräsentant und Stellver- geschaffen (s.a. Gen 5,1ffP, freilich mit patrilinear ausgeführter Genealogie) 22,
t~eter auf der Erde und kann so, wie die finalen Zielbestimmungen in V.26 („.1) aus- und zum Anderen gelten die Wesens- und Funktionsbestimmungen (1,26-28;
fuhr~n, den göttlichen Herrschaftsauftrag über die Erde und deren Lebewesen in den s.a. die Nahrungszuweisung V.29) offenkundig für alle nachfolgenden Gene-
Bereichen des Himmels, des Meeres und bes. auch des Festlandes erhalten (dominium rationen, also sämtliche Menschen. . . . .
t~:rae et re?num animalium)1 6 • Verortet und im Blick auf seine Stellung und Funktion Die für den Menschen wesensbestimmende Gottesbtldhchke1t betrifft also den
naher bestimmt wird der Mensch also in einem hierarchischen Relationsverhältnis geschlechtlich differenzierten Menschen; sie gilt somit prinzipiell in gle1:cher
zu Gott einerseits und der (Tier-) Welt andererseits 17• Weise und gleichwertig für männliche wie weibliche Exemplare. An~~si~hts
Entscheidend ist dabei im vorliegenden Zusammenhang, dass der gottebenbildliche der im alten Orient selbstverständlich patriarchalen Gesellschaftsverhaltmsse
Mensch nach dem - im Vergleich mit Gen 1 sonst auffälligerweise ausformulierten - kommt dieser »fundamentalen Gleichheit der Geschlechter« in P23 eine gesell-
schaftskritische und innovative Stoßrichtung zu, die es zu würdigen gilt. Die
16
· Diese in ~e1? Entstehungskontext durchaus innovative Bestimmung des Menschen wurde rezepti- fundamentale Bedeutung dieser Anthropologie tritt bereits in der schöpfungs-
onsgeschichtlich ~kanntlich, insbes. im neuzeitlichen >Westen<, mitunter zu einer despotischen Theo-
und Anthropologie verzerrt, was hier wenigstens zu vermerken ist (s. zu beidem die neueren Komm.,
etwaJ.C. Gertz,Daserste Buch Mose [Genesis]. Die Urgeschichte Gen 1-11 [ATD 1], Göttingen 2018, 18. Theologisch entspricht es der Sache nach exakt dies.er Verhältni~bestimm~~g, wenn ?ac~ der späten
?Off; s.a. ~· Janowski, Die lebendige Statue Gottes. Zur Anthropologie der priesterlichen Urgeschichte, Stelle Dtn 4 16 unter das Verbot der Anfertigung emes Gottesbildes explizit auch die bildhafte Re-
~ ~· Witte [Hg.], Gott und Mensch im Dialog. FS für 0. Kaiser zum 80. Geburtstag (BZAW 34511], produktion ~on etwas Männlichem oder Weiblichem (;"l;li?! i~ 1;>j n~~:;il.:I) fällt. .
rhn.u.a. 2004, 183-214: 184f). Innerhalb der christlichen Bibel ist namentlich lKor 11,7 zu nennen, 19. So]. v.Oorsehot, Menschen - geschaffen als Gottes Ebenbild, m: R. Hille/H.H. Klement (Hg.), Em
wo mit der »exeg~tisch unhaltbare[n] Einengung der Gottesebenbildlichkeit auf den Mann« die in P Mensch - was ist das? Zur theologischen Anthropologie, Wuppertal und Bas~l 2004, 4?-59: 52.
errungene theol?gische Egalität wieder •>weit unterschritten wird« (Gertz, ATD 1, 73). 20. Entscheidend ist vorab, dass - im Unterschied zu Gen 2 (s.u. mit An~. ~6) - mcht von emem andro-
17. S. _z~m Nebenemande~ von Gottebenbildlichkeit und Herrschaftsauftrag kritisch]. Wöhrle, do- gynen (also zweigeschlechdichen, noch nicht auf männliches oder ~e~bhches Geschlecht festgelegten)
mtntum terrae. Exegetische und religionsgeschichtliche Überlegungen zum Herrschaftsauftrag in Protoplasten die Rede ist (so freilich etwa J.C. de Moor? T~e Duahty m God a~d ~an. ~n. 1:26-27
Gen 1~26-28, ZAW 121 (2009), 171-188: 177f. Theologiegeschichtlich lohnte sich ein genauerer as P's Interpretation of the Yahwistic Creation Account, m: id. [Ed.], lntertextuahty m U~ant and Israel
~ergl~~ch - nebe.n G~n 2f (s.u.) - insbes. mit Ps 8, der trotz des komplexen Befundes vermutlich [OTS 40), Leiden et al. 1998, 112-125: 114ff.122ff, der die~ auf G~tt und ~ensch ~~zieht). ..
21. S 0 H S k .. fungsbericht der Priesterschrift. Studien zur hterarlmnschen und uber-
eme 1ungere Weiterführung darstellt (s. E Hartenstein/B. ]anowski, Psalmen [BK 1511), Neukir- . etwa . . tee ' Der Schop . 115) G"' . 1975 153f·
chen-Vl.uyn ~019, 298 Uanowsktl; U. Neumann-Gorsolke, Herrschen in den Grenzen der Schöp- lieferungsgeschichtlichen Problematik von Gen 1,l-2,4a (~ . ' ottmgen, , .'
fung. Em Beitrag zur alttestamentlichen Anthropologie am Beispiel von Psalm 8, Genesis 1 und Gertz, ATD 1 (s. Anm. 16), 62f und zur Deutung der Imago De1-Aussa~e 1m P-Kon~ext bes.]anowsk1,
verwandten Texten [WMANT 101], Neukirchen-Vluyn 2004, 316ff; unentschieden A. Sehellenberg, Statue (s. Anm. 16), 187f; Sehellenberg, Bild (s. Anm. 17), 68~; G.Ar Fischer, Geknes1s 1-hl.t. Übderse~t
Der Mensch, das Bild Gottes? Zum Gedanken einer Sonderstellung des Menschen im Alten Testa- un d ausge legt (HThK) , Fre1·b urg u. a · 2018 ' 149ff·154f· Als weiteres hgument
b ·· ommtd · dmzu, ass m
ment und in weiteren altorientalischen Quellen [AThANT 101], Zürich 2011, bes. 231ff). 9,5fP mit der Gottebenbildlichkeit das Verbot der Tötung iedes Mensc en egrun et wir ·
Interessant ist in unserem Zusammenhang v.a., dass Ps 8 den royalisierten Menschen einerseits als 22. S. hierzu auch u. Anm. 27. df
geschlechtlich noch nicht differenziert~ »Kinder und Säuglinge (O,i?t.,l o,7'7il1)« (V.3) und anderer- 23. So Jetzt
· ··
pragnant B. ]an o•vskz"
• ' Anthropologie des Alten Testaments.
. Grun
T .. b" ragen - Kontexte b -
seits als >bedürftiges Individuum< (s. tVU~ und Oj~-1~ V.5) in den Blick nimmt, womit im Psalmkon- Themenfelder. Mit einem Quellenanhang und zahlreichen Abb1ld~ngen, u .mgen 2019, .94; e enso
tw M M wezko Is a Gender Hierarchy lmplicit in the Creation Narrative of Genesis 2:4-25?,
text eigene Akzente gesetzt werden; zudem wird explizit vom Herrschen (?TrJ?.l) über die ganze Schöp-
fung (s. ':1"1: ,Wlli'.;1 und~·:;, V.7; s. hingegen für das Mann-Frau-Verhältnis Gen 3,16) gesprochen. ~01~, l;ttp~://mar~mowczko.com/gender-hierarchy-c~eation-narrative-genesis-2 (18.2.2020), bei
Anm. 3f; s. zum Diskussionsspektrum Sehellenberg, Bild (s. Anm. 17), 132.
216 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament Martin Le11e11berger - - - - - - - - - - - - 217

theologischen Grundlegung hervor, die man pointiert als »egalitäres Konzept P geht es somit um eine grundlegende, für sie eben schöpfungstheologisch
der Geschlechterdifferenz« bezeichnen kann 24 • fundierte biologisch-sexuelle Differenzierung des Gattungswesens >Mensch<.
Indem dieser elementar als >Männchen< und >Weibchen< in den Blick kommt,
• Näherhin erfolgt diese unhintergehbare Geschlechterdifferenzierung nun auf werden alle weiteren gesellschaftlichen (Rollen- und) Genderkonstruktio-
elementar >biologische< Weise so, dass männliche und weibliche Exemplare des nen unterlaufen und als nachrangig taxiert: Die Erschaffung des Mens~hen
Gattungswesens >Mensch< unterscheidend benannt werden 25 • Im Gegensatz zu als >Männchen< und >Weibchen< unterstreicht deren schöpfungstheolog1sche
Gen 2f (s.u.) wird also gerade nicht mit den Kategorien >Mann (W"~)< und >Frau Gleichrangig- und -wertigkeit; sie insinuiert also gerade nicht irg~ndwelche
(:i'f~)< operiert, womit die komplexen und vielschichtigen gesellschaftlichen ökonomischen, sozialen, ethnischen oder genderspezifische Statusd1f~erenz~n.
Rollenkonstruktionen der gender-Geschlechter in den Blick kämen. Vielmehr Diese fehlen hier vielmehr konsequent - sowohl explizit für di~ männh~h/we1b­
arbeitet P mit dem basal klassifizierenden Begriffspaar :"l=;li?~~ i~t, das eine duale lich-Kategorisierung als auch implizit für sonst denkbare D1fferenz1erungen
Aufteilung der Gattung anhand des (im Normalfall evidenten) biologisch-sexu- oder Hierarchisierungen des Menschen - und werden mithin (schöpfungstheo-
ellen Geschlechts in die Kategorien >männlich/Männchen< und >weiblich/Weib- logisch für die sehr gute Welt von Gen 1) negiert2 8 !
chen< vornimmt. Diese ordnende Strukturierung der (Tier- und Menschen-)
Welt ist für das priesterliche Denken und Wirklichkeitsverständnis insgesamt • Die von P vorgenommene Grunddifferenzierung des Menschen wird üblicher-
grundlegend: Die Kategorisierung gilt auch für die Tierwelt (s. dann in der weise dua//bipolar/dichotomisch als Geschlechterzweiheit verstanden: J?a~ be-
Fluterzählung Gen 6,19P; 7,16P und wohl redaktionell 7,3.9) und gewinnt deutet, dass die Ausdifferenzierung des Menschen in männliche und w~.1bh~he
zudem vielfältige kultische Relevanz im Buch Leviticus 26 • Exemplare exklusiv und vollständig ist, also jeder Mensch entweder ~a~nhch
In Gen 1,27 ordnet das bipolare Begriffspaar also die Spezies >Mensch<: Es oder weiblich ist: »Der Mensch/die Menschheit besteht aus de~ Zwe1~e 1 t v.on
wird syntaktisch als Objektsprädikativ verwendet und bestimmt so - parallel Mann/männlich und Frau/weiblich« 29 • Exegetisch und theolog1egeschichthch
zur Betonung der Gottebenbildlichkeit in V.27aß mit jeweils betont erstpositi- trifft diese Rekonstruktion für P höchst wahrscheinlich das Richtige.
oniertem Objekt-den bzw. die erschaffenen Menschen (Sg. 01~;:iV.27a; PI. or.i"K Demgegenüber stehen neuere Versuche, die explizite Bestimmung des Men-
V.27b) näher: »als männlich und weiblich erschuf er sie«. Diese im Deutschen schen als »männlich und weiblich« im Sinne eines zwar umfassend~n, aber
zunächst vielleicht etwas gekünstelt wirkende adjektivische Übersetzung bringt nicht exklusiven Merismus zu verstehen: Es handelt sich dann um (bi)pola~e
so zum Ausdruck, dass ganz elementar und »ausschließlich auf die sexuelle Randangaben, zwischen denen sich das gesamte ~GBTQ~+-Spektrum w~­
Differenz, wie sie auch bei den Tieren zu finden ist«, abgestellt wird 27 • Für terer Geschlechteridentitäten ansiedeln lässt. In diesem Smne fasst etwa f
Moers Wenig V.27b als »a merism«, sodass » the whole diverse panoply 0
24. Fischer, Egalitär (s. Anm. 14), 268. Dessen unbeschadet muss man aus heutiger Warte kritisch fest- genders and gender identities is encompassed by only two words, >male< and
halten, dass Pin der Folge dann in der vorfindlichen Lebenswelt sehr wohl ethnische, ökonomi- >female«< 30 • • • br h L
sche, soziale, klassen- und gruppenspezifische Hierarchien einführt und im israelitischen Horizonr Nüchtern betrachtet ist eine solche Erweiterung, mit der eme ange ic .e . eer-
etwa auch markante Statusdifferenzen bezüglich Kult- und Reinheitsbestimmungen für Männer und stelle im Text (>Merismus<) gefüllt werde, jedoch eindeutig anachromstisch:
Frauen vornimmt (s. dazu bes. Sehellenberg, Bild [s. Anm. 17), 129ff.371 ff).
25. Nachrangig ist hier die redaktionsgeschichtliche Frage, ob V.27b erst eine jüngere Fortschreibung
darstellt. So vermutet T. Krüger, Genesis 1:1-2:3 and the Development of the Pentateuch, in: T.B. Geschöpflichkeit verortet wird« u. v. Oorschot, Aspekte impliziter Anthropologie im ~T, i~~ d'::.s.
Dozeman I K. Schmid / B.j. Schwanz (Ed.), The Pentateuch: International Perspectives on Current [Hg.) Mensch {TI t 1/UTB 4763), Tübingen u.a. 2018, 17-64: 56; die anthrop~_morp eh, nda ekr m)
~esearch (FAT, 78), Tübingen 2011, 125-138 trotz allen Vorbehalten (s. 133) in 1,27b (und 5, tf) ' d d G ·· f 'lieh noch naher zu e en en .
geschlechtsbezogene Körperteile benutzen e Re e von ott ware ~ei . d rch
eine Kontextanpassung an Gen 2f: »That women also are images of God perhaps would not have Sosehr es im Kontext von Gent (5· 9) vorab um die dauerhafte Schopfun~sbestandssicherhung hu.
been denied by the writers of P5, but 1 fear they did not yet state this fact explicitly. The statement · '
Fortpflanzung geht (s.o. bei Anm. 22), so zuruc a ten ·· kh l d bl "b p ·
e1 t m I r "h en Außerungen.
.. Da
. er sc emt
that God created man (or: humankind) male and female (v. 27b) as weil as its counterpart in Gen . · ·
es mir fraglich ob man folgern kann dass »sexua l 1ty m priest Y texts IS l · 0 nly leg1t1mate m the course
d
' ' l" · h H b B"bl , Some Thoughts on Lev 18 an
5:2 were probably added only when Gen 1 was combined with the paradise story where God indeed of procreation« (T. C. Römer, Homosexua 1ty ·~ t e e re~ 1 e. . . be Gottes im
created >» 'ädäm and his wife«• (137). Dagegen sprechen m.E. (1) die Formulierung der Geschlech- 20; Gen 19 and the David-Jonathan Narrative, m: M. Oemmg [Hg.], Ahava~. Die Lie . h" h _
terdifferenz mit ~~iW i~1, die in Gen 2f gerade fehlt bzw. terminologisch anders vorgenommen wird, AT Leipzig 2018 213-231: 218· ders., Homosexualität [s. Anm. 1), 51, der dies theologieg~sc ~~- ~
und (2) der den Herrschaftsauftrag einleitende Imperativ, sich zu mehren - der ja implizit die ge- lieh in den mon~theistischen H~rizont nach dem Verschwinden der Göttin stellt; ebenso im ic
schlechtliche Polarität voraussetzt-, doch stark dafür, dass die Gottebenbildlichkeit schon in pG ex- auf die Mehrungsaussage in 1 28 Zelmder, Art. Homosexualität [s. Anm. 3], Kap. 6 .l). T""b'
plizit beide Geschlechter umfasst und die dreistufige Schöpfungsaussage in V.27 eben darauf hinzielt ' · · d (H ) Sh"" f (TT4/UTB3514), u mgen
28. So betont etwa K. Schmid, Schöpfung im AT, m: ers. g. ' c op ung . h d · A 24
und »erklärt, als was für einen Gott den Menschen erschuf« (Sehellenberg, Bild (s. Anm. 17], 131; u.a. 2012, 71-120: 91; Gertz, ATD 1 (s. Anm. 16), 72; dies gilt gerade anges1c ts es 0 • 10 nm.
für Einheitlichkeit s. bes. Steck, Schöpfungsbericht [s. Anm. 21], 130ff). Ausgeführten.
26. S. dazu zuletzt S. Shectman, The Priestly Language of Gender, HeBAI 8 (2019), 416-430: 426f, die 29. ]anowski, Statue (s. Anm. 16), 188 Anm. 20. n h B h"t (Genesis 1:1-6:8), in:
1
summiert, dass die Begriffe »are primarily associated not with human social gender but with the 30. M Moers Wenig Male and Female God Created Thern. iJaras at eres
biological sex of animals« (426). G.' Drinkwater/j.' Lesser/D. Shneer (Ed.), Torah Queeries. Weekly ~ommentaries on the Heb~:~
27. So dezidiert Fischer, Egalitär (s. Anm. 14), 267. Nicht weiter ausgeführt wird in P das Thema der BI'bl e, N ew y or k et a 1. 2009 , 11-18·. 16 ' die entsprechend
. . .
paraphrasiert: »God created human k1
( bd ) S ··hnlich etwa D
Sexualität. Implizit kann man aus dem Sachverhalt, dass Gott hier (wie im AT sonst) geschlechtlich zachar u•nikevah male and female and every combmat1on m between(( e · · · a ·
nicht identifiziert, sondern »transsexuell gedacht« wird (so v. Oorschot, Ebenbild fs. Anm. 19], Roberts, What Does the Creation Story in Genesis 1 Tell us about Gender?, http://queergrace.com/
54), anthropologisch folgern, »dass die Sexualität konsequent im Bereich des Menschen und seiner genesis-and-gender (15.1.2020).
218 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament Martin Le11e11berger - - - - - - - - - - - 219

Nicht nur sind die eingetragenen Geschlechterkategorien P insgesamt völlig 2,4b-3,24 32 sc?ließt jetzt an Gen 1 an und führt ~ie in der Urgeschichte nebe~?e~
fremd, sie laufen auch deren umfassendem Ordnungsanspruch entgegen, dessen 1 anthropologisch und »theologisch das Belangreichste >vom Menschen<« aus ·Sie
Pointe ja auch darin besteht, die Menschen- und Tierwelt komplett zu erfassen; bietet eigenständig akzentuierte, aber ebenso tiefgreifende Einsichten für das Ver-
und hermeneutisch kommt hinzu, dass das Geschlechterverständnis durch die ständnis menschlicher Geschlechterrollen. Dabei weist die ausführliche Erzählung
Auffüllung von Leerstellen in kontradependenter Weise der dichotomischen einen fundamental ätiologischen Duktus auf, der auf die Erklärung der gegenwärtig
Geschlechterzweiheit von P verhaftet bleibt, was aus heutiger Sicht ja eben vorfindlichen ambivalenten menschlichen Lebensbedingungen abhebt; dementspre-
gerade problematisiert wird. chend ist die' Erzählung von hinten her, von ihrem stabilen Erge?nis her, z~ lesen,
Diese exegetische Kritik bedeutet jedoch explizit keine theologische Kritik im ohne dass dieses von vorne her. von ihrem labilen Anfang aus, zwmgend, gleichsam
Blick auf eine gegenwärtige Interpretation: Unter Einbezug aktueller Einsich- ontologisch, abzuleiten wäre u~d so etwa einen anfälligeren Charakter der Frau: eine
ten in die vielschichtige biologische Ausbildung geschlechtlicher Merkmale defizientere Natur oder Ähnliches herausstellte, wie es in der Auslegungsgeschichte
von Tieren und Menschen (s.o. Anm. 3) und in die vielfältige soziokulturelle über weite Strecken bis in die jüngere Gegenwart zu verfolg~n is.t. .. . .
Konstruktion von Geschlechterrollen erweist sich eine solche (über P hinaus Grundlegend für das Verständnis des Menschen ist auch hier die Verhaltn_isbes.ttm-
gehende und ihrem ursprünglichen Wortgehalt und Konzept sogar widerspre- mung zu Gott: In einer ad. Spitzenaussage am Ende der Erzählung. k~n~tatt.ert emer-
chende) weiterführende Interpretation und kreative Lektüre von P nicht nur seits Jhwh-Elohim selbst3 4 , dass der Mensch bezüglich der Erken~tnzsfahtgkezt ~o~ ~~
überaus instruktiv, sondern eben auch in deren sachlichem Gefälle liegend: und böse - d.h. der Wirklichkeitsbeurteilung als lebenszuträghch ~der -abtraghch
Unter heutigen Bedingungen läuft die in P selbst bipolar-exklusiv konzipierte - gottgleich geworden ist: l1ll ::i1o n~17 H?i~ 1(1l'5i> ;i:v Oj~V m: >»Siehe, der Mensch
Egalität von >männlich< und >weiblich< doch sachgemäß auf eine multispekt- ist geworden wie einer von uns, dass er erkennt gut und böse.( ... )<« (3,22a). Ander~r­
rale Egalität sämtlicher (biologischer) Geschlechteridentitäten hinaus 31 • M.E. seits muss der epistemologisch gottgleich gewordene Mensch klar von Jhwh-Eloh~m
entspricht es dem egalitären Geist von P, wenn heute die schöpfungstheologi- abgegrenzt werden, sollen nicht in hybrider Weise Gott und ~en~ch unu~tersc?eid­
sche Gleichrangigkeit und -wertigkeit aller inzwischen bekannten biologischen bar werden. Deshalb stellt Jhwh-Elohim in ebenso strikter Weise die. Sterblichkeit des
Geschlechterausprägungen vertreten (und eingefordert) wird! Nur sollte man ·
(vergänglich erschaffenen) Menschen sicher, mdem .. 1·ichkei t des Essenshl'vom
er d'ie M og ß
diese Position nicht den priesterlichen Autoren selbst in die Schuhe schieben, Baum des Lebens durch Vertreibung aus dem Garten Ed en em f'ur a11 e Mal aussc ie. t
·
sondern sie - im Anschluss und in sachkritischer Weiterführung - in eigener (3,22bf; s.a. die Entsprechungen von 2,5.7/3,19.22f). In dieser finalen K~ns~11l~~on
gegenwärtiger theologischer Verantwortung vertreten: So kann und sollte man zeichnet sich die conditio humana somit - notabene jenseits aller gesc ec t ic en
sehr wohl über P hinaus (und im Wortlaut auch gegen sie) differenzieren und Ausprägung - unstrittig durch eine fundamentale Ambivalenz aus.
zugleich in ihrem Geist an der grundlegenden theologischen und anthropo-
logischen Bestimmung und Verortung des als geschlechtliches Wesen egalitär
geschaffenen Menschen festhalten. • • • • • r. ld r- bis nachpriesterschrifdicher, li-
32. Zur hterargeschichthchen Beurteilung am Spannungsie von vo . . h E'nschät-
terarisch einheidicher bis überlieferungs- bzw. eher redaktionsgeschachthchb ge\Mvac ,!,~ner D~ b'bli·
~s lohnt sich daher gerade im Kontext aktueller Debatten, die schöpfungstheo- "'TD 1 [ A 16] 5ff) es. . w1tte, ae 1 -
zung s. neben den neueren Komm. (z.B. Gertz, n. s. nm. ' G · 1 1 11 26
logische Grundlegung der Anthropologie in Gen 1 sorgfältig nachzuzeichnen: Alle sehe Urgeschichte. Redaktions- und theologieg~schicht.liche Beobach~u~~en z~h ~~~~~at' S;or; of
(BZAW 265), Berlin u.a. 1998, 151ff; K. S~hm1d/C. R1edweg, ~~y.on en.200~ i d zuletzt aus-
Ex~mplare des Gattungswesens >Mensch<, die in unhintergehbarer und elementarer Paradise (Genesis 2-3) and its Reception H1story (FAT 213 4 ), Tubmg~n u.a. . _u~onologischen
Weise geschlechtlich geschaffen sind (und in P erst so die dauerhafte Erfüllung des 1
1
führlich W. Biihrer, Am Anfang „. Untersuc~~n.gen zur Textg;~;;~~;) ;~r;: :~~d~n steht die kon-
Herrschaftsauftrags wahrnehmen können), sind gleichwertige und -rangige Ebenbil- Einordnung von Gen 1-3 (FRLANT 256), Go~mgen 20l 4 , 2 ·d· d" l"terargeschichtlichen
zeptionelle Eigenständigkeit gegenüber Gen 1 am Vo~dergrund, ohne ass ae
1
der Gottes und erhalten dessen umfassenden Segen (V.28) in der »sehr gut« kreierten
Welt (V.31). Einzelzuordnungen genauer angesproc.hen werden..kon_nen. . Üb 1 en zur theologischen An-
33. So E. Blum, Von Gottesunmittelbarkeit zu Gottesahnhc~keat. e~egungN""h . Alten Testament
thropologie der Paradieserzählung, in: G. Eberhardt/K. Ließ (Hg.), ottes 3 e am
(SBS 202), Stuttgart 2004, 9-29: 9. . . · nd !uralisch ausgedrück-
b. Die Paradieserzählung Gen 2f 34. Er tut dies in einer perfektischen Aussage, sodass ~s ~ich b~ibdebr .<zwbmgre w1efse valides Urteil über
·b · ·· 1· h M d um em m unu er iet are w 1
ten) Verg Ietc saussage m gott ic em un .. .. d f IP Überlegungen zur theologischen
das eingetretene Ergebnis handelt (s. etwa!- K:'iger, Su~ en a Ä 321 95-109: 99ff). Da damit
Die nichtpriesterschriftliche oder traditionell: jhwhistische Paradieserzählung in Gen Bedeutung der Paradiesgeschichte, in: Schmid/Raedwer, E e.n ~s. r;;keine' ironische oder satirische
eine Hauptlinie von Gen 2f zum Abschluss kommt, iegt sFic. ehr i HThK [s Anm 21] 261f), und
. d b' h ··fters s. 1sc er, · · '
Aussage vor (so bereits M. Luther un . is ~ute 0 ' d kt'onsgeschichtliche Fortschreibung (s.
1
31. In Gen 1,27 beschränkt sich P wie gesehen dezidiert auf die biologisch-sexuellen Geschlechter und auch eine (m.E. nicht überze~~ende) Emsc~atzu?.g; s res:nd~rn nur die Spitzenaussage der jetzt
klammert weitere soziokulturelle (Status-)Differenzierungen (die erst später thematisiert werden, dazu die neueren Komm.) wurde daran nichts an ern,
die es also gibt, die aber nicht die schöpfungstheologische Egalität aller Menschen tangiert) bewusst vorliegenden Gesamt~omposi~ion ~~terstreic.henÄ von Genesis 2,4b-3,24, in: ders., Wahr-
aus. Dieser Grundzug könnte auch heute zu Vorsicht gegenüber einer (selbst hierzulande freilich 1
35. S. nur 0. H. Steck, I?•e Paradieserzahlung. Eme usl eg~:dien (ThB 70), München 1982, 9-116:
noch kaum virulenten) Überbewertung gesellschaftlich konstruierter Geschlechterrollen mahnen - nehmungen Gottes im Alten Testament. Gesamme te . . ll d
sosehr dann auch die späteren priesterlichen Statusdifferenzierungen ebenso wie die dichotomische 104f; F. Crüsemamz/H. Tbyen, Als Mann und Frau geschaffen. Exegensche Studien zur Ro e er
Geschlechterzweiheit in Gen 1 kritisch zu würdigen sind. Frau (Kennzeichen 2), Gelnhausen u.a. 1978, 61f (Criisemann).
220 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament Martin Leuenberger 221

Eingebettet in dieses anthropologisch-theologische Koordinatensystem sind die Dieses Gegenüber hebt gemäß V.24 auf die Vereinigung von Mann und Frau
Geschlechterrollen, die sich profiliert wie folgt umreißen lassen: ~b 40 • Allerdings wird man - jedenfalls im kanonischen und im literargeschicht-
• Die prägende Urs~r~ngsbestimmung des Menschen (bei seiner Bildung [,:!l,] in l~c?en Kontext der (nichtpriesterlichen) Vätergeschichte und der dort prak-
2,4b-7) erfolgt wie m Gen 1 geschlechtsübergreifend und mit dem Terminus t1z1~rten Polygamie - die Wendung P:;q 1t;ll$ ,tp;i17: »und sie werden zu einem
1:17~; er bezei~hnet in 2,5.7 (wie in 3,22f) eindeutig die >Gattung< Mensch und Fleisch« schwerlich in exklusiver Weise so lesen können dass die » Vervollstän-
umfasst alle ihre Exemplare 36 • Anders als in Gen 1 wird der Mensch jedoch digung des Menschen« »nicht durch eine Mehrzahl vo~ >Hilfen< sondern nur
als vergänglicher Erdling definiert: Seine Aufgabe besteht - von vornherein durch eine« geschieht41 ; dass sie freilich »nicht einfach durch ~inen zweiten
und noch bevor er überhaupt gebildet wird - in der Bearbeitung des Acker- ~enschen, sondern durch einen zweiten vom anderen Geschlecht« erfolgt ,
42

bodens (2,5), und entsprechend ist seine Herkunft »die Scholle/Erdkrume (als ist für Gen 2 unstrittig. Gleichwohl halte ich auch unter den veränderten
der in V.6 befeuchtete Staub) des Ackerbodens (:"l?t"Jt$::n~ ,~~)« (2,7); daraus gesells~_haftlichen Verhältnissen unserer Gegenwart den schöpfungstheologi-
formt ihn Jhwh-Elohim und belebt ihn durch seinen Atem, und dazu kehrt er schen Uberlegungsgang von Gen 2 immer noch für bedenkenswert: Denn der
schließlich naturgemäß auch zurück 37• K.erngeda?ke - die Überwindung der nach göttlichem Urteil »nicht guten«
• Erst danach erfolgt die geschlechtliche Ausdifferenzierung des Menschen in Emsamke1t (2,18) und in diesem Sinne die Vervollständigung des Menschen
Mann (tz.;, t;t) und Frau (:i t; t;t), wie 2, 18ff in einem trial and error-Verfahren Gottes (jeglichen Geschlechts) durch >eine ihm (oder ihr) entsprechende Hilfe< - ist
kunstvoll ausführen. Kriterium ist dabei, dass der Mensch (O"Jt\V) nicht »allein/ ?eschlechtsunabhängig konzipiert und stellt so m.E. eine profilierte Position
für sich (i1;;i?)« bleiben, sondern »eine ihm entsprechende Hilfe (i'=l~~i> ,fl!}« ~m K~:mtext der (heute virulenten) anthropologischen Frage dar, ob und wenn
bekommen soll (V.18, s. V.20), was dann die aus ihm gebildete und entsprechend Ja, wie der Mensch auf Vergesellschaftung hin angelegt ist.
benannte »Frau (:itpt;t)« erfüllt (V.23). So entspricht es durchaus dem Textgefälle, Für Gen 2f bleibt es aber natürlich dabei, dass die Erzählung massiv androzen-
wenn man erstens betont, dass der Menschenmann ohne diese Hilfe in defizienter trisch konzipiert ist, indem sie vom Mann ausgeht und auf den Mann hinführt.
Einsamkeit verbliebe und mithin auf sie angewiesen ist; und dies heißt zweitens Es gilt m.E., diese soziokulturelle Prägung der Konstruktion der Geschlechter-
dass die Frau diese Hilfe verkörpert38 und daher als vollwertiges (nämlich de0-: rollen scharf wahrzunehmen, um sie heute so überwinden zu können, dass eine
~ann entsprechendes [i1Nil]) Gegenüber gilt39 , sodass die Schöpfung erst mit
größere Sensibilität für zeitgenössische soziokulturelle Prägungen gepflegt wird.
diesem partnerschaftlichen Gegenüber von Mann und Frau, ihr Ziel erreicht. • Ein analoger Vorbehalt gilt auch für den Erzählzug, dass die Frau aus der 37'7~:
»Rippe/Seite« des Menschenmannes (Ojt\i;I) »gebaut« wird (V.2 lf): Denn die
Androzentrik bleibt auch bestehen, wenn man zu Recht in der Verwandtschafts-
36. Der in_ 2,7; 3,22 und in Gen 2f meist ve~wen~ete Artikel (sowie der Sachgehalt von 2,5) zeigt an,
dass _mehr de~ erste Menschenmann gememt sem kann, der mit dem arrikellosen Eigennamen Adam formel V.23 die somatische Gleichheit (pars pro toto: Knochen [C~i] und Fleisch
b_ezeichnet wud (so dann erst 4,25 bzw. 5,1P; s. aber auch 2,20b; 3, 17a). Man muss indes präzi- [i\V~]) und Gleichwertigkeit (»vom Mann genommen«) herausstellt43 • Noch wei-
sieren, dass die Bedeutung_ von 012$ in Gen 2f zwischen »Mensch« und »Mann«, wofür dann im ter geht das Verständnis von l1'/~ nicht als »Rippe«, sondern pointiert als »Seite«,
Gegenüber zu ;iwt:t auch W,t:t verwendet wird, oszilliert und bis am Schluss schillernd bleibt (s. dazu was dann »may suggest we are meant to understand that the first human had
Janowski,Anthropologie [s. Anm. 23), 95).
Im Blick steht in 2,5.7 also ein geschlechtlich noch undifferenzierter Protoplast. Daher kann man
a male and female side« 44 ; damit wäre gleichsam die weibliche Dimension des
entweder explizieren, dass dieser erste Mensch männlich gedacht ist (so Gertz, ATD 1 [s. Anm. 16), entsprechend androgyn verstandenen Menschen angesprochen. Auch hier wird
103) oder aber hervorheben, dass Gen 2 » does not elaborate on the sex of the first human before man indes fragen müssen, wie weit dies dem Duktus von Gen 2f entspricht und
tbe operation mentioned in« V.21f (so Mowczko, Gender [s. Anm. 231). wie >modern< die Denkmöglichkeiten von Gen 2f einzuschätzen sind.
37. S. für den Menschen als Mann 3,19 und als Gattung 3,22f. Insofern ist m.E. auch evident, dass der
Mensch immer schon sterblich geschaffen wurde (s. statt vieler v. Oorschot, Aspekte [s. Anm. 27]
• Bemerkenswert und klar am Text ausweisbar ist auf jeden Fall der Befund,
48f; mit redaktionsgeschichdicher Differenzierung Gertz, ATD 1 [s. Anm. 16), 101f; anders bes: dass sich Gen 2 in Bezug auf den Menschen ganz auf die grundlegende Dif-
Blum, Gottesunmittelbarkeit [s. Anm. 33), _23f); auf di~~e anthropologische Grundbestimmung wie ferenzierung der beiden Geschlechter beschränkt: Auch wenn dazu - anders
auch auf den von Gen 1 markant unterschiedenen Schopfungsvorgang (mit weiteren theologischen als in Gen 1 - mit deutlich androzentrischer Prägung auf die Kategorien von
und anthropologischen Implikationen) kann hier nur verwiesen werden (s. dazu die Komm. und Mann (w,~/Ojt\) und Frau (:itpt;t) 45 , die umfassende, gesellschaftlich geprägte
]anowski, Anthropologie [s. Anm. 23], 48ff).
Wichtig für die Sicht des Menschen ist im vorliegenden Zusammenhang, dass der Mensch damit von
vornherein durch _die Lebenswelt der palästinischen (Acker-)Landwirtschaft geprägt ist (so betont 40. D~s~ dabei der Mann seine Eltern zugunsten seiner Frau, der er »anhaftet (j?::J.1)«, verlässt, wird
etwa S~~ck, Paradieserzählung [s. Anm. 35), 19.27f.52.69f; Criisemannrfhyen, Frau [s. Anm. 35), krmsch gegen die patrilokal und -linear funktionierende gesellschaftliche Realität betont.
56 [Crusemann]). 41. So jedoch Zehnder, Homosexualität (s. Anm. 3 ), Kap. 6.2.
38. S. zur starken Stellung dies~r Hilfe bes. Fischer, Egalitär (s. Anm. 14), 268f; so auch Mowczko Gen- 42. Ebd.
der (s. An~. 23). Und zur Überwindung der Einsamkeit, wie sie dann V.24 bündelt, s. im Folg~nden 43. So inzwischen häufiger, s. etwa Schel/enberg, Bild (s. Anm. 17), 221f; Bührer, Anfang (s. Anm. 32),
und exegetisch bes. ]anowski, Anthropologie (s. Anm. 23 ), 99ff. 227f; Fischer, HThK (s. Anm. 21), 219;]anowski, Anthropologie (s. Anm. 23), 97f.
39. Vgl. dazu pointiert bereits Steck, Paradieserzählung (s. Anm. 35), 80f; Criisemamzrfhyen Frau (s. 44. Mowczko, Gender (s. Anm. 23); s.a.o. Anm. 36.
Anm. 35_), 58~f (Crüsemann). - Ein gegenläufiger Erzählzug bleibt wohl die - freilich ko~plexe (s. 45. Untermauern lässt sich die Selbständigkeit der Kategorien zusätzlich dadurch, dass tzl"~ und :itj~
das passive Ni. 2,23 neben 3,20) - Benennung der Frau durch den Mann, die »eine gewisse Verfü- - entgegen der Volksetymologie in V.22f - etymologisch wahrscheinlich auf verschiedene Wurzeln
gungsgewalt« impliziert (Sehellenberg, Bild [s. Anm. 17), 222, s. 222f zur Erzähldynamik; zurück- zurückzuführen sind (so z.B. THAT 1, 2471/. Kiihlewein]; Sals, Frau [s. Anm. 13), Kap. 1.1; Gertz,
haltend Fischer, HThK [s. Anm. 21), 213f; Gertz, ATD 1 ls. Anm. 16), 125). ATD 1 [s. Anm. 16), 125).
222
-- 223
- - Geschlechterrollen und Ho111osex11alität im Alten Testa111c11t /\. l,1rti11 Lc11e11berger

(gender-)Rollen implizieren, zurückgegriffen wird, fe hl en (n och ) a lle spezifi- da s Gcgcngewichr zur Sicherung des generatio nenübergreifenden Fortbestan-
• sche~en Zuo rdnungsweisen. .. des durch das Gebären der Frau. auch wenn sie natürlich in ihrer Zuordnung
Spez.rfischer profilierte Geschlechterrollen werden nämlic h erst nach der Ube r- zum Mann stärker kulturgeschichtlich bedingt isr.
rrerung des göttlichen Gebors46, nicht vo m Baum der E r ke nntni s zu essen,
ent\vickelt: Sie kommen also nicht bereits fi.ir die urs prüng liche, >paradies ische< Die Paradieserzä hlung nimmt mithin ebenfalls eine nach wie vor bedenkenswe~te
~eschlechterrelation, sond ern ers t im Blick auf die vo rfindlic hen Lebe nswelten anth ropo logi ehe Grundhestimmung vo r: Der Mensch (beiderlei Geschlechts) wi~d
Jenseits von Eden z um Tragen. Insbes. a n di ese r Ste lle, bei der Formul ieru ng erken ntnisbezogen al gotrgleich qualifiziert, bleibt als Erdling (i::q~) aber sterblich, wie
~~r Strafauswirkungen d er Geborsi.ibertrerung, gi lt es d e m entsprechend die die grundlegende und ge chlcchterrran zendierende Bezogenheit auf den Erdboden b~w.
at_iologische Ausrichtung der Pa radieser zählung zu berücksichtige n. Ge rade so das ku ltivierbare Ackerland (:i , 1~) unterstreicht. Unbeschadet der kulturell vorgepra~­
tntt m .E. aber in beeindruckender Weise d as kritische Po te ntia 1 d er Er zä hlu ng ten und heure entsprechend zu überwindenden Androzentrik von Gen 2f werden die
gegenüber etablierten Geschlechterrollen hervo r: ätiologisch a uf die dama ls vorfi ndl iche Lebenswelt abzielenden Geschlechterrollen von
Denn in Bezug a uf di e Frau wird ja nicht etwa e ine ökonomisch , rechtlich, Mann und Frau wiederum überra chend elementar biologisch bzw. physisch ausgest~l­
sozial, kultisch usf. ausgefü hrte H a ustafel for muli ert, die wichtige Lebens- tet, wenn ie sich auf d ie Mühsa l der weiblichen Schwangerschaft und Geburt einerseits
vo llzüge d er Frau rege ln würde; vielme hr w ird a usschließl ich a uf die kulrur- und der männlichen Ackerarbeit andererseits konzentrieren. Zugespitzt gesagt geht es
übergreifende und wo hl bis in di e Moderne a ls a nthrop o logische Konstante nicht um detaillierte gesellschaftl iche gender-Rollen sondern um die schöpfungstheolo-
ansprechba re Erfahrung d er (zum a l im Vergleic h mit d e r Tie r we lt) za hlreichen , ' . 1
gisch g ru ndgelegte Entsprechung der - trotz aller D ifferenzen geschlechtlich-somans_c 1
Schwangerschaftsmühen und Geburtsschmerzen a bge h oben (3, J 6) . D am it u nd sozioku ltu rell eina nd er ebe nbürtigen - Gesch lec hter, die jenseits von Eden im
wird die Frau zwar in e ine eindeutig geschlech tli c h besti mm te Lebensrolle gemeinschaftl ichen Miteinander ihr Leben sichern und gestalten.
eingewiesen, d ie jedoch we itestgehend biologisch gefasst w ird und sozioku l-
turell ausgepräg te ge nder-Aspe kte nur gering fü g ig einbezieh t"17 •
Und a uch in Bezug auf d en Mann, d er anders a ls di e Frau di s kussio ns los und 3. Ein Homosexualitäts-Verbot in Lev 18,22; 20, 13?
g leichsa m ga nz unmä nnlich passiv die Gebotsi.ibercretung begeht, ko nzentriert
sich die Aufga be auf die Beste llung des Ackerlandes, di e für di e Nah ru ngsve r- Wenden w ir uns nach diesen grundsätzlicheren Ausführu ngen zu Geschlechter-Ko~­
sorgung d es :i1nt$-Bauern in d en palästinischen Lebensverhä ltn isse n von Gen zepti o nen in Gen 1-3 nun de n beiden berüchtigten Stellen in Lev 18 und 2 0 zu. _Sie
2f schlechterd ings g rundlege nd ist (3,17-19) . N ur steht nun der Ackerbode n werden bis heu te oft als d irek tes und kon kretes Verbot von Homosexualität (mis~)
- in anrhropischer Perspektive form uliert im Blic k a uf di e für d e n M e n schen ve rstand en. Zutreffe nd ist erstens, d ass dies die einzige n Stellen im AT sind, die
lebensnotwendige Bebauung (s. ';JlDV.~: » um d e inetwille n «)- dauerhaft unte r explizit 4 ~ vo n einem sexuellen Geschlec htsakt zwischen zwei Männern sprechen.
dem göttlichen Fluch (:i1n~ V.17), und entsprechen d besche idet Jhwh-Elo him Umgekehrt bedeutet dies zweitens dass im AT sowohl weibliche Perspektiven 50 auf
dem Menschen, sein Brot forta n nur noch mit »Mühsal « (1i::i ~;;::µ V.17) un d » im '
•Homosexua li tät<a ls auch alle weiteren heu re mit zu bedenkenden LGBTQIA+-Kon-
Schweiße deines Anges ichts« (";J,;it{ n~p V.19) »essen « zu k önnen (V. 1 7 . 19)"' 8 • stellatio nen fehlen . Und d rittens g il t e~ auch Lev 18 u nd 20 genauer zu bedenken:
Erneut ge ht es also nicht um eine a usgeführte Gescl1l ec hte n:~Ile d es Mannes, Wenn man nämlich d en litera rischen und histo rischen Kontext miteinbezieht und den
sondern um die elementare Gewä hrleistung des fa miliä ren Uberlebens durch Au~sagege h al t präzise analys iert, ergi bt sich als Kernan liegen, den generatione_nüber-
Einsa tz a ller ph ys ischen (Ma nnes-)K rä fte; di ese A u fga be bi ld et offenkundig g re1fenden Fortbestand der nachexilischen Jhwh-Gemeinschaft in Jehud zu sicher_~·
D iese exegetischen Einsichten zeitigen auch entsprechende theologische Folgen fur
46. :"lll! 2, 16, s. weiter 3, 11.1 7. gegenwärtige Interp retationen der beiden Passagen.
47. Die Ausnahme bildet das »Verlangen (:"li?~WT;l)« der Frau nach dem Mann, der jedoch über s ie
»herrscht• (s. anders Biihrer, Anfang ls. Anm. 321, 251, der die Aussage in Ko rresponde nz zu 2,23
liest, wo aber anders formu liert wird): Hie r trirr die im a lten Orient gäng ige h ierarchische Struktu-
rierung der monarchischen Gesellschafts- und der pa triarcha le n Famil iem·er hälmissc im Blic k a u f
die Gesch lechterrela tion scharf hervor. (Wogegen in Ps 8,7 'tflir.J hi. m it Gort a ls Subjekt das Verhä lt·
nis des Menschen insgesamt zur Tierwelt regelt und der Begriff in Gen 1 nur in V. 18 für die Herr-
schaft von Sonne und Mond über Tag und Nacht benutzt wird , im Herrschaftsa uftrag V. [26.128
jedoch fe hlt.) Ein Sonderpro blem ist dabei die Deu tung von 'ttlir.J, das in diesen Kontexten wohl
doch »herrschen • bedeutet (so z. ß. a uch Criise111a1111fThye11, Frau 1s. An m. 351, 2 1 1Criisc111a1111 I;
im fürsorgenden Sinn bes. Bii/Jrer, Anfang ls. Anm. 321, 25 l ; A. Sc/Jiile, Der Prolog der hebrä ischen .
49. Drn 23, l 8f innerhalb des •Gemeindcgeserzcs• flihrr hmgegen . 1Haus, we 1c11c \lorgänge
111c • genau
. beim
Bibel. Der literar· und theologiegeschichtliche Diskurs der Urgeschic hte IGen 1- 11 l IAThA NT 861, .. Israel gelrenden Verbor von weiblichen
fur . . und männ 1.ic h cn Gehe1·1·1gcen (WP)
• ~ , die wohl im.. Kontext
r 11 11
Zürich 2006, 175f) und sich nicht als 'tflir.J 1: »gleich/ä hnlic h sein " ve rstehe n lässt. von Tcmpelprostitution zu verorren sind, im Blick stehen. Im weiteren Horizont stehen narur ic a e
48. Wenn hier wieder vom Di~ und nicht vom fliit;< die Rede ist, ka nn ma n in aller Vors ic ht e rwägen, o b einsch lägigen Texte des AT (s.o. 111.1 mit Anm. 15). . . h
damit d ie Arbcitsmiihe g~;chlechteriibergrei fcnd (s. ]i::i~ ~ V. l 6f/::! )! l1 V. 1 6 I pe rspcktivierr werd en 50. Anders Zclmder, Homosexualitiir (s. Anm. 3), Kap. 3.4, der am Tcxtdukrus vorbei die See 11 ~11 "~~c
soll (s. Fischer, Egalitär [s. Anm. 14 I, 268f) - zumal ja d ie R ückkehr zum (Staub d es) Ackerboden(s) als Frauen betreffend « Jicsr und behauptet, es würden »homosexuelle Akte im umfassen cn inn
in 3, 19.22f für die Gattu ng des Erdlings insgesamt gih. verboten " (Kap. 3.5).
224 Geschlechterrollen 1111d Ho111oscx11nlitiit im t\lte11 Tes1,1111e11t

1. Vorab sind knappe Vorbemerkungen zum Kontext erforderlich : in Lcv 19 (s. V.2) - gem ei nschafrs chädigende und i.n d\e-em \nne tode ~'"\.\tdi~e
• Literarisch befinden w ir uns im sog. Heiligkeitsgeset:::. (H ) in Lev 17-26 5 1; es ist Ve rgehen z u sam mc ngesrel lr, wobei einerseits eine androzenrrische Ausrich tung am
wie das Buch Leviticus insgesamt a ls Rede jhwhs an i\ /lose und dann Israel a m freien Israe liten vorl iegt, andererseits aber die so perspekrivierren Regelungen der
Sinai sülisiert (s. 17,lf) und regelt in idea ltypischer Weise, wie » Is rael« 11 im La nd (gesch lechtlichen ) Sozia lkontakte durchaus auch eine Schutzfunktion für die übrigen
gemäß den gönlichen Satzungen leben un d ins bes. die ihm d urch d ie Gorcesbegeg- Bevölkerungselemente haben: Leu 18 führt dies im Gegensatz zu den Satzungen Ägyp-
nung am Sinai zuteil gewordene Hei ligkeit bewahren soll. Dabei betrifft, priester- tens und Kanaans (V. J-5/24-29) aus und untersagt Geschlechtsverkehr in inzesruösen
liche und deuteronomisrische Positionen a usgleichend, die Kategorie der Reinheit Konsre llarionen (V.6- 18) sow ie in einer Reihe von Einzelfällen (menstruierende Frau
nunmehr das ganze Vol k und alle Lebensvollzüge, b leibt a lso nicht mehr wie im V.19, Frau des äc hsren V.20, Molek-Gabe v .21s4, Mann V.22, Vieh V.23). Lev 20 ist
klassisch priester(schrift)lichen Ko nzept a uf die Priester und den K ul t beschrä nkt. insgesam t parallel zu Lev 1 8 angelegt und verbietet im für uns wichtigen Abschnitt
• Sozialgeschichtlich stehen jedoc h nach breite m Konsens die perse rzeirl ichen (V:l 0-2 1 ) e inem (fre ie n ) Ma nn Gesch lechts beziehungen in verschiedenen Konstel-
Verhä ltnisse der Provinz j ehud im 5/.4. jh. im Blic k (s. die Lir. in Anm. 51). la tio nen (so im Ei nzelnen z.B. mir de r Fra u des Nächsten V. lONarers V.11/Sohns
Es ist dabei eine tri via le, aber entsche ide nde Annahme, dass die e inzel nen V. 12; mir einem Man n V. L3, mit eine r Frau un d deren Murcer V.14, mir Vieh V.15f).
Themenfelder, die a ufgegriffen und ge regelt (bzw. w ie in Lev 18,22; 20, 13
ve rboten) werden, lebensweltlich relevant s ind: Es ge ht um in diesen spezifi-
2 . In diesem Rahmen lasse n sich nun die formal und inhaltlich parallelen Formulie-
schen soziokulturellen Verhältnissen fak tisch auftretende Problemfälle - und
rungen in Lev 18,22; 20, l3 näher ana lysieren, die wie folgt lauten:
weniger um eine zeitlos gültige >Ve rfassun g< Israe ls, die sehr andere und sehr
a nders organisierte Regelungen e rforderte. l 8.22a Und mit/ bei einem Männlichen
• Dementsprechend wird H literargeschich tlich gege n wärtig m.E. mir gute n so ll st du nicht liegen,
Gründen a ls Fortschreibung vo n Lev 1-16 verstande n , die virulen te Prob- <w ie> man mi t/ bei einer Frau liegt/
leme sozialer, ö konomischer, sexuelle r und kulri sch-reinheitsreleva nrer (s. z.B. <au f> dem Bett einer Frau.
Schlachtopfer 17,lff; Aas-Ve rzehr 17, 1 5 f) Art trak ti ert. b Ein Greuel ist/ wäre das.
• In einer detaillierten Ana lyse vo n H k ri sta llisie rt sich als Leitperspektive he r-
a us, für die kleine und bedrängte j erusa leme r jhwh-Gemein scha fr in de r öko-
nomisch gebeutelten persischen Provinz j e hud das /wlle/:!.tive Überleben über lli' l:\ 1 20, 13aa Und ein Mann,
die Generationen hinweg zu gewä hrleisten: Durch Bewahrung der religiös-eth- i;i J -n~ ::i ~ ip ~ -, ip\:$ de r lieot mit/ bei einem
nischen Identität und Sicherun g von Nachko mme nscha ft so ll »d as gelingende :ilj~ ''J'f lp?~ Män nlichen, <w ie> man mi t/bei
Leben in Gemeinscha ft « sichergestellt werden 53 • einer F rau liegt/ <auf> dem Bett
e ine r Frau -
Genau mithilfe dieser Leitperspektive ersch ließt sich d a nn a uc h d e r Z usammen- Ll i.J '~ l{.i ~IV~ :i:;i}lii'1 ß e in G reuel haben sie beide getan .
hang der einzelnen Regelungen in Lev 18 und 20. Hier werd en - a ls negative K lammer rn1,1P ni~ ba S ie s ind gewiss des Todes;
um die positive H eiligung der Lebensvollzüge »der ga nzen Gemeinde der Israeliten « o~ Oi;J'?YT ß ihr Blu t ist auf ihnen.
• Setzen w ir bei der Beurteilung ein so werden die genannten Akte in beiden
5 1. Vgl. hierzu und zum Folgenden die akruellcn Übersichrcn bei T. Hicke, Lcvirik us 16-27. Übcrserzr Fällen übereinstim me nd a ls Greuei gebrandmarkt: 18,22 sraruierr dies kurz
und ausgclcgr (HThK ), Freiburg u.a. 2014, 67ff.6 l I ff; J. Rhyder, Ccnrralizing rhc C ulr. The Ho-
liness Legislarion in Leviricus 17-26 (FAT 134), Tübingen 20 19, 25ff. .
und k napp als No mina lsatz (mir irrealer Bedeutung), während 20,13 gena uer
52. lm Einzelnen srchen die freien israelitische n Männer und d ie im Land a nsässigen Fremden 1111 Zcn- festhä lt, dass d ieses Verd ikt beide Beteiligten umfasst; man kann daher vermu-
rrurn; bemerkenswerrcrweise wird dabei der soziale Srarus der Berroffcnen, anders a ls es im alren ten , dass in 1 8,22 (m indestens a us der Si~ht d:r Verfasse~ von_ Le~..20) ~~rp~~~
Orienr sonst üblich isr, nichr weirer differenzierr. >a ktive<Ma nn im Blick steht und 20,13 eme (ltterargesch1chrl1ch 1unge ) .
53. So überzeugend Hieke, Homosexual itär (s. Anm. 2), 40 mit Verweis a u f Lev l 8,5; s. zulerzr Rö- ..
z1s1erung darstellt, wofür a uch die. ubngen
.. . u" b ersc11usse
.. sprechenSS · In kemer
mer, Homosexualitär (s. Anm. 1 ), 5 1 und bcrcirs }. Milg ro111, Lcviricus 1-l 6; 17-22; 23-27. A
New Transla rion wirh lnrroducrion and Commenrary (A ß 3-3 ß ), New York er al., 1991-200 1,
1767f.l 785f; kririsch S.M. Olya11, »And wirh a Ma le You Sha ll Nor Lie rhe Lying Down of a Wo- . A u ssage fä IIr c ·m we111g
54 . D 1e · aus d er J,> c1·1ie un d me111r
· mog1·1c11erwe1·se (so Hicke• HThK [s. Anm. 51

d ],
man«: On rhc Meaning a nd Sign ificance of Levi ricus 1 8:22 and 20:13, J ou rnal of rhe 1-lisrory o f · 1ien 01'~r.1i crr . schafr
643f.679ff), dass Ki nder als Frnuen oder Soldaren d er pers1sc • •gegeben• wurEff enkr
Scxuality 5 (1994), 179-206: 202.205f, der Rei nheirsaspekrc in den Vorderg r und rüc kr; ähn lic h R. und sorn ir der eigenen Rcligionsgem cinsclrnfr verlusrig gingen (s. expliz1rer 20,2-~). Lc~rerer cf„
M. Calho1111, Same-Sex Relarions, OELB 2 (20 15), 265-27 1: 266f; s. zur Übe rsichr der Erk lärungen g re1·f r auch, wenn ma n 111· klassische
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Sinn \Xle1hungen ur
Gag11011, Bible (s. Anm. 6), l28ff. ei nen (Wetter-)Gort Molek vermurer. . r . dd. ·
Die exegetische Schwierigkeir besrehr ja d a rin, dass die Verbore nirgends inh a lrlich begrü ndcr, son- 55. S. poinrierr /Wmer H omoscxua liry (s. An m . 2 7), 216, der Lev 20 als »a larer rndica izlllg a in0 .11 ."
dern nur präskripriv-paränerisch aufgezählr werden; daher muss die lnrcnrion der Aussagen und fassr (s. u mfassend' auch C. N1ba11,
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1ora h ro 1)enratcuc h · A Srudy in thc Cornposin-
. .
ihrer Zusammensrellung rekonsrruierc werden. Dies g ilt es auch her111e11e11tisch-theologiscb zu be- on of rhe Book of Leviric us 1FAT 2/251, Tübi ngen 2007, 446ff); sogar in ~wci Srufen di.fferenzierr
rücksichrigcn, wenn die Aussagen in heurigen Z usa mme nhä ngen inre rprerierr werde n (s. beronr Hie- Olya11, Male (s. Anm. 53), l 87f, der V. l 3aß nochmals eigens abhcbr; rcdaknonsgesch1chrlich ebenso
ke, HThK [s. Anm. 51], 689f.797f); darüber hina us gehende rheologische Sachkririk wird dadurch }. T. Wlalsb, Leviricus 18:22 and 20:13: Who is Doing Whar ro Whom?, JBL 120 (2001 ), 201-209,:
nicht ausgeschlossen, sondern allere rst angemessen ermöglichr. 205ff, der aber aufgrund seiner Deurung von :l tf~ ''JiHPr,i der Sache nach genau umgekchrr pnmar
226 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament
Martin Le11e11berger - - - - - - - - - - - - 227

Weise genauer umschrieben werden die involvierten Männer, namentlich nicht


bezüglich ihres gesellschaftlichen Status (Alter, Stellung, frei/unfrei u.a.) 56 ; zwar (~ti~ ";l?iPi?)<. Die knappe Phrase stellt eine cmx interpretum dar und hätte
insinuiert der Kontext von Lev 18 und 20 den erstgenannten Mann als freien schwerlich »kaum deutlicher formuliert werden« können 60 •
Israeliten, aber es fehlen (was im Vergleich mit mesopotamischen Texten auffäl- (a) Eindeutig ist lediglich, dass als aktives Subjekt je der freie Israelit agiert
lig ist) jegliche Näherbestimmungen wie etwa ein Statusunterschied zwischen ~nd da~s er »mit« oder »bei« einem männlichen Objekt »liegt« 61 • Da dieses
aktivem und passivem Mann, weil sie offenbar als nicht relevant erachtet im unmittelbaren Kontext eindeutig der Gattung der Menschen angehört, hebt
werden und das Verbot - für Israel im Land 57 - kategorisch gilt. der benutzte allgemeine Begriff 1;>!: »Männliches« dezidiert auf das biologische
• Der Sache nach bezeichnet ein Greuel (~;1;/iT-l) eine Abweichung von der (hier Geschlecht ab (s.o. Ill.2.a. mit Anm. 24-27 zu Gen 1,27), eben ohne die passive
kultisch-reinheitsorientierten) Norm und steht gern im Gegensatz zum »Wohl- Person darüber hinaus umfassender oder näher zu bestimmen.
gefallen (li~l)« Jhwhs. Es geht also um Gottes Sache, und er ist es auch, der (b) Weniger eindeutig ist schon, um welche Handlung es geht: :lJtU: »Liegen/
seine Norm durchsetzt. Das gilt bes. für den (über 18,22 hinausgehenden) sog. Schla~en/Sitzen/Sich Niederlassen« besitzt ein semantisch breites Spektrum62,
Todessatz 20,13ba, der den Fall explizit als todeswürdig qualifiziert58; dabei w~bei es a~ch regelmäßig den (hetero)sexuellen Beischlaf bezeichnet; deswegen
verstärkt die figura etymologica einerseits die Sicherheit des Eintreffens ( »ge- dran.gt es sich auf, die kontextuelle Fortsetzung :it[i~ "~il'P?:l als adverbielle Näher-
wiss«), andererseits fungiert das Hofal wahrscheinlich als passivum divinum bestzmmung (im Akkusativ) zu deuten 63 , zumal sich das Lexem ::i~tüwiederholt.
(»sind des Todes/werden getötet werden«) und signalisiert so, dass kein von (c~ Allerdings bleibt die nur hier belegte Wendung ;itj~ "~ilV'?:l ebenfalls strittig.
einer menschlichen Instanz zu vollziehendes Todesurteil, sondern eine Gottes- ~ie v~rzweigte Diskussion zu diesem »opaque idiom« 64 kann und muss hier
strafe vorliegt, womit die Sanktionierung Gott allein obliegt59 • nicht im Detail ausgebreitet werden. Denn in jedem Fall liegt vom analogen
• Die eigentliche Hauptaussage steht voran: Formal wird sie in 18,22 in direkte Ausdru~k 1~!. ::t;;>i{}i? in Num 31,17f; Ri 21,1 lf-die Jungfräulichkeit einer Frau
Anrede als sog. Prohibitiv (/ö' + yiqtol) formuliert, der die (etwa auch im De- e~tsche1det sich hier daran, ob sie »ein Mannesbett« oder »das Liegen mit
kalog vorliegende) stärkste Verbotsform darstellt und einen eigentlich nicht emem ~ännlichen« »kennt« oder nicht-her nahe, dass die Wendung den Akt
eintretenden, irrealen Tatbestand behandelt ( » ... wirst du gewiss nicht/unter ?er vaginalen Penetration bezeichnet. Ob dabei das die Konstruktusverbindung
1 ~haltlic~ bestimmende nomen rectum :itj?~ über sein biologisches Pendant i;>J
keinen Umständen liegen«). 20,13 weist hingegen eine klassische wenn-dann-
Struktur auf: Die Protasis spricht in der 3. Person über einen »Mann« und hmaus .mehr nur das weibliche Geschlecht angibt (wie ;i~i?~), sondern auch
schildert im folgenden Relativsatz den Kasus. Diese Formmerkmale zeigen sehr noch eme >gegenderte< Geschlechterrolle der Frau impliziert (und wenn ja,
klar, dass es sich insgesamt um Rechtstexte handelt - freilich im altorienta- welche), lässt sich nicht mit Sicherheit entscheiden.
lisch üblichen Sinne: Es sind keine vor einem menschlichen Gericht justiziable
Rechtssätze (wie auch die geregelten Fälle in meist zeugenfreien Bereichen Zusammengenommen übertragen Lev 18,22 und 20,13 mithin das Modell he-
verdeutlichen), sondern präskriptive Paränesen, die zwar in Rechtssprache for- ter~sexuellen Geschlechtsverkehrs auf zwei Männer, sodass es wahrscheinlich um
muliert sind, aber nicht als durchsetzbare Gesetzesbestimmungen fungieren. ~enitalen Analverkehr geht, aufgrund der Analogie vermutlich verbunden mit dem
• Inhaltlich geht es um den Vollzug von genitalem Analverkehr zweier Män- amenerguss des penetrierenden Mannes 65 • Die Verurteilung dieses Aktes als Greuel
ner, wohl mit Samenerguss des penetrierenden Mannes. 18,22 und 20, 13
formulieren dies nahezu identisch als >Liegen mit/bei einem Männlichen 60.
So fre~lich .Hieke, HThK (s. Anm. 51), 688, der auf die Fachdiskussion an dieser Stelle merkwürdi-
(i;irn~ + :i~ttJ), <wie> man mit/bei einer Frau liegtl<auf> dem Bett einer Frau ger;eis~ nicht ausführlicher eingeht; s. differenzierter ders., Homosexualität (s. Anm. 2), 34.
61.
:i::i wird promiscue und ohne Bedeutungsunterschied mit nN oder 031 gebraucht (s. nur Gen
19,32-35; 2Sam 13,11.14). - ·
62.
den passiven Mann (als freien Israeliten) angesprochen sieht (s.a. Hiigel, Homoerotik [s. Anm. 2], Das braucht hier nicht ausgeführt zu werden, s. nur die Wörterbücher s.v.
63. S. sorgfältig Wells, Beds (s. Anm. 56), 124.128ff mit tabellarischer Übersicht. Im Deutschen ist ent-
99f).
56. Dass nur ein verwandtschaftlicher Horizont von Familie oder Clan gemeint sei, wie Milgrom, AB sprech~nd eine koordinierende Partikel zu ergänzen, konkret die vergleichende Konjunktion >Wie•
3A (s. Anm. 53), 1786 behauptet (ebenso B. Wells, On ehe Beds of a Woman. The Leviticus Texts oder die lokale Präposition •aufc.
64. So Olyan, Male (s. Anm. 53), 183.204, s. 183ff; Walsh, Who (s. Anm. 55), 201ff und zuletzt].
on Same-Sex Relations Reconsidered, in: H. Lipka/B. Wells [Ed.], Sexuality and Law in the Torah
[LHB.OTS 675), London, 2020, 123-158 [s.u. Anm. 64]), legt sich gerade nicht nahe (weder in Lev Joosten, A New Interpretation of Lev 18:22 (par. Lev 20:13) and its Ethical Implications, JThS 71
20 und noch weniger in Lev 18, wo V.19ff den außerfamiliären Kontext betreffen). (2?20), (im Druck), unter der Überschrift »A New Approach« (Lit.).
57. S.o. mit Anm. 52; dies unterstreicht mit vollem Recht Milgrom, AB 3A (s. Anm. 53 ), 1750.1786. Bei der Deutung des auffälligen und reichlich rätselhaften Plurals (oder Duals) maskulin - im Kon-
Zum Vergleich mit dem alten Orients. bes. Nissinen, Homoeroticism (s. Anm. 2), 19ff.57ff; Olya11, struktus pl. m. sonst nur noch in Gen 49,4 (sowie in Qumran in 1QSa 1,10) belegt - wird der
Male (s. Anm.53), 190ff. ausgesagte Vorgang bisweilen mehr oder weniger streng und exklusiv als Lokalisierung verstanden;
58. Dasselbe gilt für die Schlussaussage V.13bß, die festhält, dass die Beteiligten ihr Leben verwirkt dabei versteht man :itj?~ näherhin gerne in der Gesellschaftsrolle der »Ehefrau«, sodass es (lokal)
haben, sodass im Todesfall »ihr Blut«, das vergossen wurde (s. Gen 9,6), auf ihnen selbst und nicht um. das Ehebett und (relational) um einen verheirateten (und somit weniger homo- als bisexuell
auf dem Täter lastet. (freilich kann eine solche »Schutzformel für diejenigen, die den Schuldigen tö- aktiven) Mann geht (so im Anschluss an D.T. Stewart jetzt ausführlich Wells, Beds [s. Anm. 56],
ten« [Hieke, HThK (s. Anm. 51 ), 792], als höchst problematische Konsequenz auch die menschliche 125.140ff, der pointiert von dem »sexual domain of a woman« spricht [144.150.155], dann aber

,
Selbstjustiz befördern - im Gegensatz zum passivum divinum des Todessatzes.) wenig einleuchtend nur inzestuöse Konstellationen angesprochen sieht; ]oosten, Interpretation, der
entsprechend gleichgeschlechtlichen Verkehr unverheirateter Männer nicht tangiert sieht).

~
59. So mit Recht etwa Zehnder, Homosexualität (s. Anm. 3), Kap. 3.3; Hieke, HThK (s. Anm. 51), 65.
689. 777ff. 797, s.a. 776 die Tabelle zu den über Lev 18 hinausgehenden Sanktionierungen in Lev 20. So statt vieler Nissinen, Homoeroticism (s. Anm. 2), 37ff.44; Olyan, Male (s. Anm. 53), 185ff; an-
ders Zehnder (s. Anm. 66).
1~

228 Geschlechterrollen und Homosexualität im Alten Testament M,zrtin Le11e11berger 229

wird ja nicht explizit begründet, sodass man darüber trefflich spekulieren kann. geprägten und konstruierten Geschlechterrollen zu erfassen, wie ein erster ikonogra-
Kontextbasiert legt es sich nahe, einerseits an die Rollen-Transgression zu denken: phischer Blick auf den alten Orient plastisch illustriert (II.).
Sie vollzieht vorab der die passive Position der Frau einnehmende und damit seinen Im AT lassen sich sodann in den narrativen Schöpfungstexten in Gen 1-3 anthro-
männlichen Status aufgebende Mann 66 ; sie betrifft aber auch den das gesellschaftlich pologisch und theologisch grundlegende Konstruktionen von Geschlechterrollen nach-
tragende Gegenüber von Mann und Frau durchbrechenden und sich statt dessen zeichnen (lll. l .): Gen 1 stellt durch die Gottesbildlichkeit des Menschen die schöpfungs-
gleichgeschlechtlich ausrichtenden aktiven Mann. Andererseits greift natürlich der theologische Egalität der menschlichen Geschlechter heraus - und lädt so heute dazu
Leitgedanke von Lev 18 und 20, die kollektive Nachkommenschaft >Israels< genera- ein, dies auch für das gesamte Spektrum von LGBTQIA+-Identitäten einzulösen. In
tionenübergreifend zu sichern (s.o. Anm. 52). Gen 2f hingegen steht zunächst androzentrisch die schöpfungstheologische Überwin-
dung der Einsamkeit des Mannmenschen durch das vollwertige Gegenüber der Frau
3. Aus der vorgelegten Analyse ergibt somit folgendes Gesamtverständnis von Lev (wodurch der Mensch erst zum eigentlichen Mann wird) im Zentrum - was sich heute
18,22 und 20,13: wiederum geschlechterübergreifend weiter denken lässt. Erst für das Leben jenseits
• Die nur hier im AT explizit belegte Thematisierung eines sexuellen Ge- von Ed~n entwickelt die ätiologische Erzählung dann Geschlechterrollen, die freilic~
schlechtsaktes zwischen zwei Männern erörtert nicht Homosexualität (als stark b10logisch-physisch rückgebunden bleiben, wenn auf die Mühsal der ~rau bei
erst in der Modeme entwickelte Konzeption), sondern einen sehr spezifischen Schwangerschaft und Geburt bzw. des Mannes bei der Ackerbebauung fokussiert und
Vorgang, der in der spezifischen soziohistorischen Situation von Lev 18 und 20 damit der menschliche Fortbestand im geschlechtlichen Miteinander gesichert wird.
virulent ist67 = den genitalen Analverkehr zweier Männer in Israel (von denen Die einzige explizite Konkretion eines gleichgeschlechtlichen Sexualakt~s von
mindestens einer freier Israelit ist), wohl inklusive Samenerguss des penetrie- Männern im AT bietet die in Rechtssprache gehaltene präskriptive Paränese m Le.v
renden Mannes. 18,22/20,13 (III.2.). Als Greuel verurteilt sie nicht Homosexualität im Allgemei-
• In der dichten und im Blick auf die Einzelkonnotationen nicht eindeutigen ~en, sondern den (regelmäßigen) Vollzug genitalen Analverkehrs von z~ei ~ännern
F~r~ulierung überlagen sich dabei näherhin Aspekte von Sex und Gender. 10 ~s~ael. Denn dies gefährdet in der spezifischen soziohistorischen Situatt~n des

• J?.1e i~ (Kon-)Text nicht begründete Verurteilung dieses Sexualaktes als Greuel Heihgkeitsgesetzes den generationenübergreifenden Fortbestand der bedran~ten
lasst sich nur exegetisch erschließen: Jh~h-Gemeinschaft in der persischen Provinzjehud. Zudem werden gesellschaftliche
Vermutlich gelt~n einerseits die Durchbrechung, Aufgabe und Vertauschung Mannerrollen mit allen Implikationen bezüglich Status, Ehre und ~ach~ durchbro-
der gesel/schaftltchen Männerrollen mit allen Implikationen bezüglich Status, chen; dies wirkt sich ebenfalls gesellschaftsdestabilisierend aus, da sic~ hier se~~ und
Ehre und Mac?t als grundsätzlich problematisch. g~nder-Aspekte überlagern, selbst wenn die soziale Stellung der involvierten Manner
Und ande~~rs~its gefährden solche regelmäßig gepflegte und mit heterosexu- nicht näher bestimmt oder differenziert wird 68 •
ellen Ve~haltmssen k?nkurrierende Sexualkontakte die gesellschaftliche Re- Insgesamt wird so deutlich, dass die biblischen (und altorientalischen) Aussagen zu
produktton und d~mit ~as langfristige überleben der perserzeitlichen Je:us~­ >Homosexualität< in spezifischen historischen und soziokulturellen Kontexten erfo~gen
lemer Jhwh-Gememde m der konkreten Situation von Lev 18 und 20, wie die und in ihrer Pragmatik entsprechend verortete Zwecke verfolgen: Anthropologisch
kompositionelle Zusammenstellung der Einzelverbote wohl zu erkennen gibt. und theologisch ist dabei wichtig, dass sie in umfassender konstruierte Geschl~chter­
rollen eingebunden sind wobei charakteristischerweise der ganze Mensch mitsamt
IV. Zusammenfassung se~ner geschlechtlichen A~sprägung in Bezüge zu Gott, Welt un~ Mitme~schen gestellt
wird: Im AT werden relationale Anthropologien und Theologien entwickelt.
Heute gilt es m.E., diese relationalen Grundkonzeptionen von Gott und Mensch
~er ex_egetische Beitrag ist von dem in kirchlichen Kontexten zur Zeit wieder intensiver sowie· d"1e erörterten Spezialperspektiven auf >Homosexua 1·itat<·· un d Geschlechterro
.
1-
diskutie~en Thema de~ Homosexualität angestoßen. Er klärt daher zunächst (1. ), dass len in sachkritischer Auslegung der Bibel aufzunehmen und in eigener theologisch~~
~as AT wie der alte ?n~nt Homosexualität im heutigen Sinne einer gleichgeschlecht- Verantwortung fortzuführen. Dabei scheint es hermeneutisch ebens~ anspruc~s~o
lichen sexuellen Orientierung (die oft persönlichkeitsrelevant und identitätsstiftend wie verheißungsvoll zu sein über Homosexualität und geschlechtliche Identit~ts-
ist)_ noch nicht ~ennen, s~ndern lediglich in spezifischen zusammenhängen ~kte k onstruktionen so nachzudenken,' dass es gelingt, den Selbstverstan
·· dnisse
· n. heutiger
gleichgeschlechtlichen Gemtalverkehrs unter Männern thematisieren. Insofern gilt es Menschen in ihren Lebensverhältnissen gerecht zu werden und sie zu bereichern.
hier, >Homosexualität< (in diesem letztgenannten Sinn) im Rahmen von soziokulturell
. . .. b spruchsvoll· Die Fortbestands-
68. Dieser komplexe Befund macht aktuelle lnterpretatlo~en u. eraus an . h . h. t" naler oder
66. S. das Nebeneinander von 1;>j und ;-JW2:' in 18,23; 20,13 vor dem altorientalischen Hintergrund. So sicherung ist heure in globaler Hinsicht ins Gegenteil gekippt und m et ms\~r, na. ioh Das gilt
mit Recht eine breite Forschungstendenz, dezidiert etwa Römer, Homosexuality (s. Anm. 27), 217; sonstwie gruppenspezifischer Ausprägung theologisch zumi~dest nicht u~yroh em~risc ~sgesamt
ders., Homosexualität (s.Anm. 1), 52f.62; Olyan, Male (s. Anm. 53), 204; Walsh, Who (s. Anm. 55), nach dem Ausgeführten selbstredend auch für die Konstruktion der Gesc ec te rro en . hte;
206ff, der diese Rollendurchbrechung vom priesterlichen Reinheitsdenken in Ordnungskategoric:n auch wenn der Nebenzug dass auf Differenzierungen der involvierten Sexua.1partfnerhverzi~·
her beurteilt sieht; Zehnder, Homosexualität (s. Anm. 3), Kap. 3.2, der daraus gegen den Text em wird sich (über Lev 18· 20' hinaus und gegen deren Ursprungsanliegen) produktiv au ne me n alesst.
generelles Verbot homosexueller Handlungen ableiten will (s.o. Anm. 50).
'
Umgekehrt '
mag der Vorrang des kollektiv-gemeinschaftlichen Fortbestands vor ·md·IVI·due11en -
67. So in aller wünschenswerten Deutlichkeit statt vieler Hieke, Homosexualität (s. Anm. 2), 40. bensvollzügen heute durchaus zeitkritisches Potential besitzen.
Zu diesem Heft
Bernd Oberdorfer

F ür die Rezeption des Werkes von Tradition der »politischen Theologie«.


Paul Ricceur in Deutschland war die Das Manuskript bezeugt auch Ricceurs
»Evangelische Theologie« ein wichtiger Verbundenheit mit der protestantischen
Brückenbauer. Schon 1974 veröffent- Kirche: Es entstand im Rahmen einer
lichte sie in einem Sonderheft seinen Veranstaltungsreihe in der Kirchenge-
Dialog mit Eberhard Jüngel über die meinde am Rand von Paris, in der und
zentrale Bedeutung der Metapher für für die er sich jahrzehntelang engagierte.
die »Hermeneutik religiöser Sprache« .1 Wir danken der Familie Ricceur und dem
Vorangestellt war dem Heft eine von Fonds Ricreur, namentlich Jean-Louis
dem Schweizer Theologen Pierre Gi- Schlegel, für die Erlaubnis der Publika-
sel verfasste »Einführung in sein Den- tion und Jean Greisch für die kurzfris-
ken«; der Autor musste also erst noch tig zugesagte Übersetzung. Die Veröf-
bekannt gemacht werden. Gut 40 Jahre fentlichung angeregt und ihr Entstehen
später hatte sich das grundlegend geän- intensiv begleitet haben Martin Leiner
dert: Anlässlich des 100. Geburtstags und Jean-Marc Tetaz. Sie rahmen den
widmete sich 2013 ein ganzes Themen- Text auch mit eigenen Beiträgen: Martin
heft der Zeitschrift Ricceurs »Impulsen Leiner kontextualisiert Ricreurs »Ver-
für die Theologie« und verfolgte na- ständnis von Politik, Staat und Theo-
mentlich seine Spuren in der biblischen logie« im Horizont der »theologischen
Hermeneutik. Wir freuen uns sehr, dass Ethik in Deutschland«. Jean-Marc Tetaz
wir diese Tradition jetzt weiterführen wiederum bettet das von ihm aufgefun-
können: Wir veröffentlichen in diesem dene Manuskript ein in eine umfassende
Heft erstmals auf Deutsch ein Manu- Rekonstruktion von Ricreurs »später
skript, das Jean-Marc Tetaz in Ricreurs politischer Theologie«. Er informiert
Nachlass aufgefunden und gemeinsam in einem kurzen editorischen Vorspann
mit Jean-Louis Schlegel 2019 im Sep- auch über die näheren Umstände der
temberheft der Zeitschrift »Esprit«, S. Entstehung des Textes, der Auffindung
111-129, unter dem Titel »Le pouvoir und Publikation des französischen Ori-
politique: fin du theologico-politique?« ginals und die Übersetzung. 2
publiziert hat. Der Text schließt eine Die heftigen Kontroversen um die Be-
Lücke in Ricreurs CE.uvre: Er entfaltet urteilung von Homosexualität, die welt-
Grundlinien einer Theorie des Politi- weit weiterhin viele Kirchen bewegen,
schen, die auch insofern interessant sind immer auch ein hermeneutischer
ist, als Ricreur sie verbindet mit einer Streit um den Umgang mit biblischen
ebenso kritischen wie eigenständig-kon- Texten. Umso wichtiger ist, dass die
struktiven Auseinandersetzung mit der Expertise der methodisch geschulten

E. Jiingel IP. Ricamr: Metapher. Zur Hermeneutik religiöser Sprache. Mit einer Einführung von
Pierre Gisel. Sonderheft de~ Evangelischen Theologie, München 1974.
2 Dass die Corona-Krise wegen der abrupten Schließung wissenschaftlicher Bibliotheken die Arbeit
nicht unerheblich erschwerte, sei am Rande erwähnt. Die jungen Ricreur-Kenner•innen Martina
Weingärtner und Paul Soergel leisteten hier mit ihrer gut ausgestatteten Privatbibliothek schnelle
und unkomplizierte >Amtshilfec. Einige Belege in den deutschen Übersetzungen konnten dennoch
nicht mehr nachgewiesen werden.
164 Zu diesem Heft

Fachexegese mit ins Gespräch kommt Kürzlich (in Heft 512019) war hier
bzw. sich ins Gespräch einbringt. Aus von der »Polyphonie der Kirchenväter«
neutestamentlicher Sicht hat vor eini- die Rede. Dass es auch eine Polyphonie
ger Zeit Jens Herzer in der Zeitschrift der neueren orthodoxen Theologie gibt,
»exegetische und hermeneutische Über- ist im »Westen« häufig weniger präsent.
legungen zur aktuellen Debatte um Ho- Sylvie Avakian - schon biographisch
mosexualität« vorgetragen (EvTh 75, eine Brückenbauerin auch sie (Studium
2015, 6-21). In diesem Heft untersucht in Beirut, jetzt Privatdozentin in Tübin-
Martin Leuenberger nun den Zusam- gen) - macht, um im Bild zu bleiben, Zwi-
menhang von »Geschlechterrollen und schentöne hörbar, indem sie die » Ekklesio-
Homosexualität im Alten Testament«. logie des orthodoxen Theologen Nikolai
A?hand zentraler Texte zeigt er auf, Afanasiev« vorstellt. Dass Afanasiev, ge-
wie deren leitende Intentionen in ihrer bürtig in der Ukraine, nach der russischen
jeweiligen historischen Kontextualität Revolution in den Westen ausgewandert
wahrgenommen werden müssen. Für und später tätig am berühmten Institut
die Applikation in der Gegenwart hat St. Serge in Paris, als offizieller Beobach-
das zur Konsequenz, dass diese leitende ter beteiligt am II. Vatikanischen Konzil,
Intention heute möglicherweise anders seine Ekklesiologie pneumatologisch
zu konkretisieren ist als im Ursprungs- akzentuiert, überrascht bei einem ortho-
kontext, unter Umständen sogar konträr doxen Theologen wenig. Ungewöhnlich
zu diesem: Wenn die Schöpfungserzäh- ist aber, wie stark er dabei die »pries-
lungen in Gen 1-3 etwa einerseits >hete- terliche Ordination a11er Laien« hervor-
ronormativ< dachten, andererseits aber hebt und ein »spezifisches priesterliches
auffällig die Egalität der Geschlechter Amt« davon nur »funktional(}«, nicht
betonten, dann muss diese elementare aber »ontologisch()« unterschieden sieht.
Egalität heute auch auf das Spektrum Entsprechend wendet er sich gegen ein
von »LGBTQIA+« ausgeweitet werden. juridisch-institutionelles Verständnis der
Umgekehrt kann aber auch die damalige Einheit der Kirche, betont den Vorrang
le~tende Intention heute problematisch der Liebe vor dem Gesetz und .findet den
sem, z.B. wenn im »Heiligkeitsgesetz« einen »Leib Christi« vielmehr in der je
(Lev 17-26) Homosexualität letztlich vor Ort, aber eben an vielen Orten gefei-
deshalb abgelehnt wird, weil sie die in erten Eucharistie konkretisiert. Gewiss ist
~er Fortpflanzung gegründete Existenz- diese Konzeption in der Orthodoxie nicht
sicherung des Volkes konterkariere. Es unbestritten. Gerade auch für den öku-
wäre zu wünschen, dass solche Gesichts- menischen Dialog ist es aber inspirierend
punkte in den kirchlichen Diskussionen zu wissen, dass es sie gibt.
verstärkt Beachtung .finden.