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22.04.20 1 14:42
WO C H E N Z E I T U N G F Ü R P O L I T I K W I RTS C H A F T W I S S E N U N D KU LT U R 29. APRIL 2020 N o 19
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22.04.20 2 13:23

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Pippi Langstrumpf wird 75 Ex-Beatle Paul
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über sich und
seine verstorbene
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Ein

Keine Angst
Supergauner
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Wappler erzählt, wie
er seine reichen

vor niemand!
Opfer blendete
Dossier, Seite 13

Wo bleiben
die Frauen?
Titelillustration: Golden Cosmos für DIE ZEIT

Wie eine anarchische Kinderbuch-Heldin Generationen von Menschen stark Julia Jäkel schlägt
gemacht hat. Und warum sie heute noch ein systemsprengendes Vorbild ist Alarm: Wieso
Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN UND KINDERSEITE
dominieren in
der Krise plötz-
lich wieder
die Männer?
Streit, Seite 11
DISKUSSION UM CORONA-MASSNAHMEN STAATLICHE MILLIARDENHILFEN

Ein anderes Virus Was wirklich lohnt


Zweifel am Kurs der Politik müssen sein – aber der zunehmend giftige Es ist an der Zeit, dem Retten eine Richtung zu geben und die
Ton der Debatte wird der Lage nicht gerecht  VON GIOVANNI DI LORENZO Wirtschaft grüner und digitaler zu gestalten  VON UWE JEAN HEUSER

N D
PROMINENT IGNORIERT
eben Corona macht sich gerade riert, die hochseriöse New York T ­ imes fragt ­an­ eutschland wird weltweit be- Klimafrage zu verzahnen. Das Retten soll eine zu-
ein Virus breit, das zwar nicht erken­nend, wie Deutschland es wohl geschafft neidet, weil es sich riesige Ret-
kunftsgewandte Richtung, ja überhaupt einen
tötet, aber eine ganze Gesell- hat, eine so geringe Todesrate zu haben. tungspakete leisten kann. Dochgreifbaren und vorzeigbaren Inhalt bekommen.
schaft in Mitleidenschaft ziehen Tatsächlich hat das Land leicht verspätet, aber diese Großzügigkeit muss ein- Das spricht nicht gegen den »Corona-Schutz-
könnte. Es ist das Gift der Ver- dann doch effizient reagiert (von der Beschaffung malig bleiben und darf nicht schild« der Bundesregierung. Nicht gegen die­
harmlosung der Pandemie als der Masken und der überfälligen Einführung einer zum neuen Normal werden. Soforthilfe, die Kredite, die möglichen Staatsbetei-
kollektive Hysterie und der Verunglimpfung aller Corona-App einmal abgesehen), die Menschen sind Gerade die Deutschen haben ja in den vergange- ligungen, die vielen ihr Auskommen retten und das
Maßnahmen zum Schutz vor Corona als eine Art diszipliniert, das Gesundheitssystem hat sich als nen zehn Jahren die Erfahrung gemacht, dass es Vertrauen ins Land stärken. Doch statt diese Pro-
Virus-Diktatur. Daran beteiligen sich seit Anbe- besser erwiesen als sein Ruf. Doch nun läuft Psy- sich lohnt, sich einen Aufschwung zu erarbeiten gramme erst einmal wirken zu lassen, kommen
ginn Verschwörungstheoretiker, aber auch bis chologie gegen Mathematik. Die Psychologie lässt und dann zu sparen – um später im Krisenfall aus täglich neue Forderungen hinzu. Für Groß und
dahin unauffälligere Wutbürger, neuerdings zudem
Kommentatoren sowie Politiker, die offenbar dem
einen sagen: Ich kann nicht mehr! Oder: Ich brau-
che mehr Unterstützung als andere! Die Mathe-
dem Vollen schöpfen zu können. Umso mehr Klein, für die Gastronomie oder die Autoindustrie,
sollte man jetzt, da das Staatsgeld fließt, fragen,
ganz egal. Nur ist Wirtschaft schon zu normalen
Schicksal
nächsten Karrieresprung entgegenfiebern. matik hingegen misst Erkrankungskurven und wie eine leistungsfähige Wirtschaft nach der Kri- Zeiten ein Prozess von Schöpfung und Zerstörung. Während der Löscharbeiten an ei-
Mit jeder Woche, die der Lockdown andau- definiert Linien, unter denen die Ansteckungs- se aussehen soll. Will man da wirklich alle alten Strukturen retten nem Brand in Neuberg-Ravolz-
ert, sind Zweifel und Kritik zwar nötiger denn je, quote bleiben muss, damit sich die Zahl der Infi- Die erste Antwort lautet: am besten nicht wie – oder nicht besser neuen Wohlstand schaffen? hausen (Hessen), bei dem bloß
zu auffällig sind die Widersprüche der Corona- zierten erst stabilisiert und dann verringert – und vorher! Das Allgemeine beweist sich im Konkreten. Die Sachschaden entstand, wurde ein
Politik: Egal, ob es sich um die Schließung von mit ihr die Todesraten. Die Trends kann man leider Schon bevor die Viruskrise ausbrach, offen- Autoindustrie verlangt nach staatlichen Kaufprä- Feuerwehrmann wegen mutmaßli-
Kitas und Schulen, die Maskenpflicht oder die immer erst mit wochenlangem Abstand erkennen, barte die hiesige Wirtschaft ungewohnte Schwä- mien für ihre Autos – gerne, aber doch nicht für cher Brandstiftung verhaftet. In Max
Kontrolle von Grenzen handelt – Virologen, die deshalb mahnen die meisten Mediziner und die chen. Die Erfolgsmasche, der Welt immer mehr CO₂-Schleudern. Wenn schon, sollte Deutschland Frischs Drama Biedermann und die
das anfänglich forderten, wurden von Politik mathematikaffine Kanzlerin zur Vorsicht. Autos und Maschinen zu liefern, stieß an ihre den Kauf von Öko-Autos mit Strom-, Wasserstoff- Brandstifter heißt es: »Feuergefähr-
und Medizinerkollegen als profilsüchtige Panik- In diese explosive Gemengelage platzte dann Grenzen. Das liegt nicht nur am wachsenden­ oder wenigstens Hybridantrieb unterstützen und lich ist viel, / Aber nicht alles, was
macher diskreditiert, bevor dann eben genau noch ein Interview von Wolfgang Schäuble im Widerstand gegen das deutsche Exportmodell in gleichzeitig mehr Ladestellen aufbauen und Wind- feuert, ist Schicksal ...« Schicksal zu
diese Maßnahmen doch verabschiedet wurden. Tagesspiegel. Sein Wort, dass nicht alles vor dem Washington oder Paris, sondern auch daran, dass und Sonnenkraft forcieren. Das Land würde einen spielen steht selbst einem Feuer-
Und warum es für einen Menschen risikoreicher Schutz von Leben zurücktreten müsse, hat zwar die Weltwirtschaft in schnellen Schritten digitaler
Modernisierungsschub erleben. wehrmann nicht zu.  GRN.
sein soll, eine Kirche zu betreten als einen Bau- sein Wahres: Schließlich verbietet der Staat auch und grüner wird. Man sieht es am relativ kleinen Ungleich größer ist das Beispiel des europäi-
markt, oder warum ein Bekleidungsladen mit nicht das Rauchen, das Autofahren oder das­ kalifornischen E-Auto-Bauer Tesla, der inzwischen schen Konjunkturpakets, das vielleicht eine Bil­lion Kleine Bilder (v. o.): Watford/Mirrorpix/Getty
Images; allezhopp Studio für DIE ZEIT;
800 Quadratmeter Grundfläche gefährlicher Arbeiten im Haushalt, was allein mehr als an der Börse alle deutschen Auto-Riesen überholt Euro vor allem in die Krisenländer des Südens Westend61/Getty Images
sein soll als ein wuseliger Gemüseladen, ist in der 10.000 Tote im Jahr verursacht. Der Unterschied hat. Elon Musks Firma produziert keine klassischenspülen wird. Statt x-beliebige Ausgaben in Italien
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
Tat kaum jemandem zu vermitteln. In weiser zu den Corona-Toten aber ist: Kaum ein Mensch oder Frankreich zu ermöglichen, sollte die EU­
Autos, sondern eine Art ­iPhone auf Rädern, digital 20079 Hamburg
Voraussicht hat der umständehalber besonders nimmt freiwillig in Kauf, sich mit dem Virus zu vernetzt und elektrisch angetrieben. damit bevorzugt die Infrastruktur für schnelles Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
aktive Gesundheitsminister Jens Spahn gerade infizieren. Und in der Abwägung, was für das Internet und grüne Energie finanzieren. DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
verkündet: »Wir werden in ein paar Monaten Wohlergehen eines Landes maßgebend ist, darf Die Lehre der Krise: Das Digitale läuft Und doch jagt der Klimaschutz vielen Ange- ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
wahrscheinlich ein­an­der viel verzeihen müssen.« niemals das Kriterium eine Rolle spielen, dass weiter, wenn Geschäfte und Büros schließen stellten und Unternehmern Angst ein. Jetzt nicht ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
etwa das Leben von Menschen über 80 oder das auch noch das, rufen sie, wir haben genug Proble-
Die Bürgerinnen und Bürger demonstrieren von Vorerkrankten nicht ganz so wichtig sei. Die Deutschen haben da einiges nachzuholen, sie me. Bestärkt werden sie in ihrer Furcht durch­ ABONNENTENSERVICE:
alles andere als Untertanendenken Aber man kann sehr wohl besonders Gefähr- brauchen Glasfasernetze fürs Internet genauso wie Kapitalismusgegner, die nun – die Krise als ­Chance Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
dete besser schützen, ohne sie in Pflegeheimen zu Stromtrassen für Wind- und Sonnenenergie. Und für alles, was man eh schon immer wollte – eine E-Mail: abo@zeit.de
Alles in allem aber hat Deutschland keinen isolieren. Man kann anderen, die kein größeres sie machen gerade eine überraschende Erfahrung: Abkehr vom Wachstum verlangen. Doch Wachs-
Sonderweg beschritten, und seine Bürgerinnen Risiko eingehen, Freiheiten zurückgeben, ohne die So abgründig die digitale Wirtschaft mit ihren tum fehlt den Menschen nie so sehr wie zu Zeiten, PREISE IM AUSLAND:
und Bürger, die die Maßnahmen mit enorm keine Gesellschaft auf Dauer leben kann, auch und Fake-­News und Datenschutzverletzungen zuletzt in denen es in weite Ferne rückt. Deshalb muss klar DK 58,00/FIN 8,00/E 6,80/
CAN 7,30/F 6,80/NL 6,00/
hoher Zustimmung mittragen, demonstrieren vor allem, wenn es darum geht, den eigenen­ erschien, sichert sie in der jetzigen Krise doch­ sein: Klimaschutz ist ebenso wie die Digitalisierung A 5,70/CH 7.90/I 6,80/GR 7,30/
alles ­andere als Untertanendenken, wie ihnen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Man kann Arbeit. Das Digitale läuft einfach weiter, wenn ein Innovationsprogramm für mehr und nicht B 6,00/P 7,10/L 6,00/H 2560,00
schon unterstellt wurde. Fast alle vergleichbaren mehr testen und mehr tracken. Man kann und Geschäfte und Büros schließen müssen – im weniger Wohlstand. Der Staat gibt den Anstoß,
o
N 19
Länder haben ähnliche oder sogar noch stren­ muss auch mehr streiten. Was wir nicht ändern Home­office oder bei Amazon. damit die Wirtschaft sich modernisiert und neue
gere Einschränkungen beschlossen, und dort, können, ist eine Politik, die nach dem Prinzip Ver- Wer erst einmal an die Sicherung unserer Welt Arbeit schafft. Davon zeugen boomende Städte wie
wo am Anfang kleingeredet oder geleugnet wur- such und Irrtum agieren muss, ob es uns gefällt oder denkt, kommt um die Abwehr der Klima­be­ Kopenhagen oder Zürich, die in Richtung Klima-
de, wie in den USA oder Brasilien, ist das Desas- nicht. Doch sie kann sehr wohl ihren Kurs ändern, drohung kaum herum. Wenn Greta Thunberg vor neutralität vorneweg marschieren. 7 5. J A H RG A N G C 7 45 1 C
ter groß. Deutschland hingegen hat sich bislang manchmal muss sie es auch. Und sie kann den Corona recht hatte, dann jetzt keinen Deut weni- Es ist an der Zeit, dem Retten eine Richtung
in der Corona-Krise so verhalten, dass alle Welt Thesenrittern vom Orden der Corona mit Nüch- ger, denn die Klimakrise geht weiter, wie Bauern zu geben, weil es nur dann am Ende auch gelin-
ungläubig auf die Zahlen schaut. Die Internatio- ternheit und Geduld begegnen. gerade lebhaft berichten können. Sechzig deutsche gen kann. 19
nale der Quartalsirren mutmaßt bereits, bei uns Unternehmen riefen diese Woche die Bundesregie-
würden Leichen einfach versteckt oder ­umde­kla­ AA www.zeit.de/audi rung zu Recht auf, die Corona-Rettung und die AA www.zeit.de/audi 4 190745 105507
2 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Gescheitert?
Inkompetenz, Verschwörungstheorien und Wunderheilmittel: Wie die Pandemie den Amerikanern zeigt, dass sie unter einem korrupten Regime leben  VON GEORGE PACKER
Foto: Thomas Höpker/Magnum Photos/Agentur Focus

Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten die Amerikaner zusammen. Die Corona-Krise trennt sie voneinander

A
ls das Virus in den USA ein­ Wirtschaftskrise, Weltkrieg und Kalter Krieg in der Wie ein ungezogener Junge, der brennende siert. Stattdessen teilte sich die öffentliche Meinung Teststationen zu schaffen. Dazu kam es nie. Er
traf, fand es ein Land mit Erinnerung sehr präsent waren. Damals betrachteten Streichhölzer auf eine ausgetrocknete Wiese wirft, selbst dann, als das Virus sich vom Demokraten- auf machte inkompetente Gouverneure für den­
schweren Vorerkrankungen vor die Menschen im ländlichen Kernland New York begann Trump, das zu opfern, was vom staatsbürger­ das Republikaner-Terrain ausbreitete, entlang der Mangel an Ausrüstung und Schutzkleidung ver­
und nutzte sie skrupellos aus. noch nicht als fremdartige Ansammlung von Ein­ lichen Leben im Lande noch übrig war. Er hat nie bekannten parteipolitischen Fronten. antwortlich.
Chronische Leiden – eine kor­ wanderern und Liberalen, die ihr Schicksal verdient auch nur so getan, als wäre er der Präsident des ganzen Das Virus hätte auch ein starker Gleichmacher Das Hereinschneien dieses blassen Dilettanten im
rupte politische Klasse, eine er­ hatten, sondern als großartige amerikanische Stadt, Landes. Stattdessen hat er uns entlang der Grenzen sein müssen, doch von Anfang an wurden seine Aus­ schmalen Anzug mitten in eine tödliche Krise si­gna­
starrte Bürokratie, eine herzlose die im Namen des ganzen Landes einen schweren von ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, Religion, wirkungen durch die Ungleichheit verzerrt, die wir li­siert den Zusammenbruch eines ganzen Regierungs­
Wirtschaft, eine gespaltene, abgelenkte Bevölke­ Schlag erlitten hatte. Feuerwehrleute aus Indiana Bildungsgrad, Region und parteipolitischer Präferenz schon so lange hinnehmen. Als Testkits nicht aufzu­ modus – mag er auch noch so sehr mit Ausdrücken
rung – waren seit Jahren nicht behandelt worden. legten über 1200 Kilometer zurück, um sich an den ge­gen­ein­an­der ausgespielt. Sein wichtigstes Werkzeug treiben waren, gelang es den Reichen und gut Ver­ aus dem BWL-Studium um sich werfen, um das
Wie schwerwiegend sie waren, offenbarte sich erst Rettungsmaßnahmen am Ground Zero zu beteiligen. beim Regieren war die Lüge. Ein Drittel des Landes netzten – Model und Reality-TV-Moderatorin Heidi eklatante Versagen der Regierung seines Schwieger­
durch die direkte Erfahrung einer Pandemie. Sie Unsere spontane Re­ak­tion als Bürger bestand darin, schloss sich in einem Spiegelkabinett ein, das es für Klum, sämtlichen Spielern der Basketball-Mannschaft vaters zu verschleiern. Wie sich zeigt, sind wissen­
erschütterte uns Amerikaner mit der Erkenntnis, zu trauern und uns gemeinsam stark zu machen. die Realität hielt; ein Drittel verlor bei dem Versuch, Brooklyn Nets, den konservativen Verbündeten des schaftliche Sachverständige und andere Staatsbeamte
dass wir zur Hochrisikogruppe gehören. Durch parteipolitisches Kalkül und katastrophale an der Vorstellung einer erfassbaren Wahrheit fest­ Präsidenten – irgendwie dennoch, sich testen zu las­ keine verräterischen Mitglieder eines deep ­state,
Die Krise erforderte rasches, rationales, gemein­ politische Entscheidungen, insbesondere zum Irak- zuhalten, fast den Verstand; und ein Drittel gab sogar sen, und das, obwohl viele von ihnen gar keine Symp­ sondern unverzichtbare Arbeitskräfte. Werden sie
sames Handeln. Stattdessen reagierten die Vereinig­ Krieg, wurde das Gefühl der nationalen Einheit aus­ diesen Versuch auf. tome hatten. Normale Bürger mit Fieber und Schüt­ zugunsten von Ideologen und Hofierern ausgegrenzt,
ten Staaten wie Pakistan oder Weißrussland – wie ein gelöscht und eine Verbitterung gegenüber der poli­ Trump übernahm eine Regierung, die nach jahre­ telfrost mussten in langen Schlangen warten, um am gefährdet das die Gesundheit der Bevölkerung. Wie
Land mit minderwertiger Infrastruktur und einer tischen Klasse gefördert, die nie ganz abgeklungen langen rechtsgerichteten ideologischen Angriffen, Ende doch abgewiesen zu werden. Im Internet kur­ sich zeigt, sind »agile« Unternehmen nicht in der
dysfunktionalen Regierung, deren Chefs zu korrupt ist. Durch die zweite Krise – den Zusammenbruch einer Politisierung durch beide Parteien und stetigem sierte der Witz, man könne nur auf eine Weise heraus­ Lage, sich auf eine Katastrophe vorzubereiten oder
oder zu dumm waren, um massenhaftes Leid abzu­ des Finanzsystems im Jahr 2008 – wurde sie noch Zusammenstreichen der Mittel gelähmt war. Er finden, ob man an dem Virus erkrankt sei: indem man lebensrettende Güter zu verteilen – das schafft nur
wenden. Die US-Regierung vergeudete zwei un­ verstärkt. Die verantwortlichen Spitzenbanker wur­ machte sich daran, die Sache zu Ende zu bringen und einem reichen Menschen ins Gesicht niese. eine kompetente Regierung. Wie sich zeigt, hat alles
wiederbringliche Monate, die sie zur Vorbereitung den öffentlich angeprangert, aber nicht strafrechtlichden Staatsapparat vollends zu zerstören. Er verjagte seinen Preis, und die jahrelangen Attacken auf den
hätte nutzen können. Der Präsident zeichnete sich verfolgt. Die meisten konnten ihr Vermögen behal­ einige der erfahrensten Beamten, ließ entscheidende Die jahrelangen Attacken auf den Staatsapparat, der ausgehöhlt und in seiner Moral
durch vorsätzliche Blindheit, Schuldzuweisungen, ten, einige auch ihre Stelle. Schon bald waren sie Stellen unbesetzt und setzte den eingeschüchterten Staatsapparat haben einen tödlichen Preis geschwächt wurde, bezahlt die Bevölkerung nun mit
Prahlereien und Lügen aus, seine Sprachrohre ver­ wieder voll dabei. Überlebenden loyale Anhänger vor die Nase – mit Menschenleben.
breiteten Verschwörungstheorien und priesen Wun­ All das dauerhafte Leid bekamen Amerikaner in einem einzigen Ziel: seinen eigenen Interessen zu In normalen Zeiten fällt den meisten Amerikanern Der Kampf zur Bewältigung der Pandemie muss
derheilmittel. der Mitte und am unteren Rand der Gesellschaft zu dienen. Durch seine legislative Hauptleistung, eine diese Art von Privileg kaum auf, doch in den ersten auch ein Kampf dafür sein, dass die Gesundheit
Den ganzen schier endlosen März über stellten spüren. Sie verloren ihre Arbeit, ihr Zuhause und ihreder größten Steuersenkungen in der Geschichte des Wochen der Pandemie löste sie Empörung aus. Die unseres Landes wiederhergestellt und es neu aufge­
die Amerikaner jeden Morgen beim Aufwachen fest, Altersvorsorge. Viele erholten sich nie wieder davon. Landes, flossen Unternehmen und Reichen Hunderte­ krasse Ungleichheit unseres Gesundheitssystems trat baut wird. Andernfalls können wir all das Elend und
dass sie in einem gescheiterten Staat lebten. Da es Die Ungleichheit verschärfte sich weiter. Mil­liar­den Dollar zu. Die Nutznießer strömten in angesichts der Leichen-Kühlwagen deutlich zutage, das Leid, das wir jetzt ertragen müssen, niemals
keinen nationalen Plan, keine einheitlichen Anwei­ Scharen in seine Ferienanlagen und ließen ihm Geld die vor staatlichen Krankenhäusern warteten. wiedergutmachen. Unter der jetzigen politischen
sungen gab, mussten Familien, Schulen und Büros Trump hat nie auch nur so getan, als wäre er zukommen, um seine Wiederwahl zu sichern. Waren Am unverfälschtesten verkörpert den politischen Führung wird sich nichts ändern. So wie sich durch
selbst entscheiden, ob sie einen Shutdown durch­ der Präsident des ganzen Landes Lügen sein Mittel bei der Machtausübung, so war Nihilismus Trumps Schwiegersohn und Berater Jared den 11. September und das Jahr 2008 das Vertrauen
führen und Schutz suchen sollten. Als sich heraus­ Korruption sein Ziel. Kushner. Er wurde 1981 in eine wohlhabende Fami­ in die alte politische Klasse abgenutzt hat, so wird das
stellte, dass Tests, Masken, Kittel und Beatmungs­ Diese zweite Krise trieb einen Keil zwischen Ober- Das war die Landschaft, die das Virus in den lie mit Immobilienimperium hineingeboren. Trotz Jahr 2020 der Vorstellung endgültig ein Ende setzen,
geräte knapp waren, baten Gouverneure das Weiße und Unterschicht, Republikaner und Demokraten, USA vorfand: In reichen Städten eine Schicht seiner mäßigen schulischen Leistungen bekam er Anti-Politik sei unsere Rettung. Doch ein Schluss­
Haus um Hilfe. Dieses jedoch zauderte und wandte Städter und Landbewohner, gebürtige Amerikaner weltweit vernetzter, in Büros arbeitender Men­ einen Studienplatz in Harvard, nachdem sein Vater­ strich unter dieses Re­gime, so notwendig und ver­
sich dann an die Wirtschaft, die aber nicht liefern und Einwanderer, gewöhnliche Bürger und politische schen, angewiesen auf eine prekäre Klasse unsicht­ Charles der Universität eine Spende in Höhe von 2,5 dient er auch sein mag, wäre erst der Anfang.
konnte. Die Bürger holten die Nähmaschinen heraus Führungskräfte. Schon seit Jahrzehnten waren die barer Arbeitskräfte im Dienstleistungsbereich. Auf Millionen US-Dollar zugesagt hatte. Der Vater half Die Krise macht unausweichlich klar, dass wir vor
und versuchten, das unzureichend ausgerüstete sozialen Bindungen einer immer stärkeren Belastung dem Land zugrunde gehende Gemeinden, die sich seinem Sohn auch beim Einstieg in das Familien­ einer Wahl stehen. Entweder wir verbarrikadieren
Krankenhauspersonal gesund und dessen Patienten ausgesetzt, nun begannen sie sich aufzulösen. gegen die moderne Welt auflehnten. In den sozia­ unternehmen mit Darlehen in Höhe von zehn Mil­ uns weiter in der Selbstisolation, meiden ein­an­der
am Leben zu halten. Russland, Taiwan und die Ver­ Beide Parteien begriffen erst langsam, wie stark len Medien gegenseitiger Hass und endlose wechsel­ lionen Dollar. Kushner setzte seine elitäre Ausbildung angstvoll und lassen zu, dass das, was uns verbindet,
einten Nationen schickten humanitäre Hilfe ins sie an Glaubwürdigkeit eingebüßt hatten. Politik seitige Beschimpfungen der verschiedenen Lager. an der New York University fort. Sein Vater hatte der vollends verschwindet.
reichste Land der Welt – in eine Bettlernation im würde von nun an populistisch sein. Die Vorreiterin In der Wirtschaft trotz Vollbeschäftigung eine gro­ Hochschule drei Millionen Dollar zukommen lassen. Oder wir lernen aus diesen furchtbaren Tagen,
heillosen ­Chaos. Donald Trump betrachtete die dieser Entwicklung war S­ arah ­Palin, die absurd un­ ße, wachsende Kluft zwischen triumphierendem Kushner ist als Wolkenkratzer-Besitzer und als dass Dummheit und Ungerechtigkeit lebensgefähr­
Krise nahezu ausschließlich aus persönlicher und vorbereitete Vizepräsidentschaftskandidatin, die für Kapital und Not leitenden Arbeitern. In Washing­ Zeitungsverleger gescheitert, hat aber immer jeman­ lich sind; dass Bürger zu sein Arbeit bedeutet, die für
politischer Perspektive. Aus Angst um seine Wieder­ Fachwissen nur Verachtung übrig hatte und sich am ton eine leere Regierung unter Führung eines den gefunden, der ihn rettete. Als sein Schwiegervater eine Demokratie wesentlich ist; dass die Alternative
wahl erklärte er die Corona-Pandemie zum Krieg und Prominentsein berauschte. Sie war ­Donald Trumps Hochstaplers und seiner geistig bankrotten Partei – Präsident wurde, erlangte er schnell Macht in einer zur Solidarität der Tod ist. Wenn wir alle wieder aus
sich selbst zum Kriegspräsidenten. Johannes der Täufer. und im ganzen Land eine von Zynismus und Er­ Regierung, die Dilettantismus, Vetternwirtschaft und unseren Verstecken aufgetaucht sind und die Schutz­
Trotz zahlloser Beispiele für Mut und Opfer­ Trumps Sieg fußte auf der Verschmähung des schöpfung geprägte Stimmung, ohne jegliche Visi­ Korruption zu Leitprinzipien erhob. Solange er sich masken abgenommen haben, sollten wir nicht ver­
bereitschaft von Menschen überall in den USA republikanischen Establishments. Doch schon bald on einer gemeinsamen Identität oder Zukunft. nur mit dem Frieden im Nahen Osten befasste, gessen, wie es sich anfühlte, allein zu sein.
handelt es sich um ein Scheitern auf nationaler wurden sich die konservative politische Klasse und Wenn es sich bei der Pandemie tatsächlich um konnte­den meisten Amerikanern sein überflüssiges
Ebene. Und dies sollte eine Frage aufwerfen, die der neue Mann an der Spitze einig. Ungeachtet ihrer eine Art Krieg handelt, ist es der erste seit anderthalb Hineinpfuschen egal sein. Doch seit er ein einfluss­ George Packer ist einer der bekanntesten Reporter der
die meisten Amerikaner sich nie stellen mussten: Meinungsverschiedenheiten bei Themen wie Handel Jahrhunderten, der auf diesem Boden ausgetragen reicher Berater des Präsidenten in der Coronavirus- USA. »Die Abwicklung«, sein Buch über die Folgen
Haben wir das nötige Vertrauen zu unserer poli­ und Zuwanderung verfolgten sie ein gemeinsames wird. Invasion und Besetzung bringen die Bruch­ Pandemie ist, ist das Resultat ein Massensterben. der Finanzkrise, gewann 2013 den National Book
tischen Führung und zu­ein­an­der, um gemeinsam Ziel: öffentliche Finanzen und Vermögen zugunsten linien einer Gesellschaft zum Vorschein, verdeut­ In der ersten Woche in dieser neuen Funktion Award. Er schreibt für »The Atlantic«
gegen eine tödliche Bedrohung vorzugehen? Kön­ privater Interessen auszubeuten. Geldgeber und lichen grundlegende Wahrheiten und lassen aus der verfasste Kushner die schlechteste Oval-Office-
nen wir uns noch selbst regieren? Poli­tiker der Republikaner, die wollten, dass die­ Tiefe den Gestank von Verwesung aufsteigen. Rede mit, an die man sich erinnert, er unterbrach Aus dem Englischen von  Bettina Röhricht
Dies ist die dritte große Krise im jungen 21. Jahr­ Regierung so wenig wie möglich für das Gemeinwohl Eigentlich hätte das Virus bewirken müssen, dass die wichtige Arbeit anderer Amtsträger und machte © 2020 The Atlantic Media Co., zuerst veröffentlicht
hundert. Die erste, die sich am 11. September 2001 tat, konnten mit einer Führung leben, die vom Re­ sich die Amerikaner gegen die gemeinsame Bedro­ törichte Versprechungen, die sich schon kurz da­ in »The Atlantic Magazine«
ereignete, kam zu einer Zeit, als die Amerikaner ge­ gieren kaum eine Ahnung hatte. Und sie machten hung zusammenschließen. Und vielleicht wäre das rauf in nichts auflösten. Er erklärte etwa, er werde
danklich noch im vorigen Jahrhundert lebten und sich zu Trumps Lakaien. unter einer anderen politischen Führung auch pas­ seine Beziehungen nutzen, um Drive-through- AA www.zeit.de/audi
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 3

Gelungen?
In Wuhan, dem Epizentrum der Corona-Seuche, inszeniert Chinas KP die erfolgreiche Eindämmung des Virus  VON XIFAN YANG
Foto: Hector Retamal/AFP/Getty Images (gr); kl. Fotos (u., v. l.): Stringer/Getty Images (3)

Nach dem Ende des Lockdowns in Wuhan: Bewohner an einem der vielen Seen der Stadt

E
Wuhan Lu fragt sich seither, ob ihr Mann heute noch Wiedereröffnung am 11. Februar« steht an den der Corona-Krise das Fass der Unzufriedenheit lichen Medien war die Lebensmittelversorgung in
ine Glocke aus Nieselregen und am Leben wäre, hätte das Gesundheitssystem die verriegelten Türen von Geschäften. Noch öfter über die politische Führung zum Überlaufen ge- Wuhan zu jedem Zeitpunkt gesichert. Die Wirk-
Dunst hängt über Wuhan, als Lu beiden nicht im Stich gelassen. Sie fragt sich, wa- liest man: »Neue Mieter gesucht«. So schnell wer- bracht sei. Inzwischen, sagt er, habe er jegliches lichkeit sah in den ersten Wochen des Lockdowns
Nan* mit einer Tüte voller Papier- rum sie umgerechnet 1000 Euro in bar für ihre den sich vermutlich keine finden. Die Corona- Gefühl dafür verloren, wie groß der Frust wirklich anders aus, sagt Zhu Hai. Man muss sich den chi-
geld und kleiner Goldbarren aus Behandlung hinlegen musste, obwohl der Staat die Krise wird Wuhan mit seinen elf Millionen Ein- ist – und wie authentisch der Stolz vieler Lands- nesischen Staatsapparat vielleicht vorstellen wie
Pappe zum Grab ihres Mannes Kostenübernahme für alle Corona-Erkrankten ga- wohnern ein Viertel seiner Wirtschaftsleistung leute, das Virus mit erzwungener und freiwilliger ein Auto, das zwar auf Druck Vollgas geben kann,
aufbricht, Totengeschenke für den rantiert hatte. Und wie sie in Zukunft ihr Leben kosten, schätzen Ökonomen, Privatunternehmen Disziplin weitgehend eingedämmt zu haben. Ge- aber mit kaputtem Scheibenwischer und ohne
Verstorbenen. Sie steigt das ruß- bestreiten soll, falls sie nicht mehr arbeiten kann. gehen bereits reihenweise bankrott. Ladenbesitzer rade für die Mittelschicht habe der Tod des Arztes Licht durch den Regen fährt. Krankenhäuser wur-
schwarze Treppenhaus hinunter in den Hof, wirft Ihre Lunge schmerzt noch immer, ihren rechten fordern in kleinen Protestaktionen auf der Straße Li Wenliang einen Weckruf bedeutet. Doch die den binnen Tagen aus dem Boden gestampft, doch
einen Blick auf einen verblassten Zettel am Ein- Arm kann sie nur mit Mühe heben. Anspruch auf Mietminderung und Soforthilfe. Der Staat hat al- Gesellschaft habe sich wieder in ihrem gewohnten zugleich behinderte ein Dickicht widersinniger
gang, auf dem »Hier leben Bewohner mit Fieber« eine gesetzliche Rente hat sie in Wuhan nicht. lerdings Angst vor einer neuen Schuldenblase und Verdrängungsmodus eingerichtet, sagt Murong Vorschriften und Fahrverbote die Versorgung.
steht, geht vorbei an dem Wärter im Schutzanzug, Schicksale wie das von Lu Nan fallen aus dem geizt mit Unterstützung. Xuecun. Vielen reiche es, dass die Regierung sich So transportierten Behörden Gemüse in Müll-
dem sie einen grünen Gesundheitscode auf ihrem Raster der offiziellen Erzählung der chinesischen Und da sind die Ungewissheit und die Fragen: entschuldigt und die lokalen Verantwortlichen lastern. Bürger schmuggelten Hilfsgüter in Kran-
Handy entgegenstreckt. Er weicht einen Schritt Regierung. Die Menschen, so wünscht es die Wie hoch ist die Zahl der Corona-Toten in Wu- ausgetauscht habe. kenwagen, weil Lkw die Checkpoints nicht passie-
vor ihr zurück, aber winkt sie durchs Tor. Kommunistische Partei, sollen nach vorn blicken: han wirklich, nachdem am 17. April plötzlich die Die staatliche Propaganda dirigiert geschickt ren durften. Zhus Gruppe war eine Art Notfahr-
»Vor Kurzem ist er noch vor mir weggelaufen«, »Wuhan geht zurück an die Arbeit«, »Wuhan hat offizielle Bilanz um 1290 auf 3869 Opfer korrigiert die Fragen nach dem Ursprung der Corona-Epi- dienst. Privatleute aus dem ganzen Land schickten
sagt Lu, keine 1,50 Meter groß, 64 Jahre alt, durchgehalten«, so beglückwünscht die Stadtregie- wurde? Wo kam das Virus her? Wohin ist die kollek- demie. Die verblichenen Poster der Military World Schutzmaterial und Nahrung. Zhu Hai und ande-
schwarze Regenjacke, sanfte Augen hinter der OP- rung ihre Bürger in überlebensgroßen Leuchtbot- tive Wut über den Tod des Arztes Li Wenliang ent- ­Games im Oktober 2019 hängen noch immer in re verteilten sie an Krankenhäuser und Bewohner.
Maske. Mitte März war das. Ihr Gesundheitscode schaften, die jeden Abend über Hochhausfassaden wichen, der für seine frühen Warnungen vor dem der Stadt – ein wenig subtiler Hinweis auf die Ver- Das »Kleine Licht« hatte 80 Mitglieder. Es gab
leuchtete damals gelb. Lu war gerade aus dem flimmern. Der starken Hand der Partei sei es zu Virus von den Behörden gemaßregelt wurde und schwörungstheorie, wonach fünf US-Athleten, die unzählige weitere Gruppen, an die hunderttau-
größten Quarantäne-Lager der Stadt entlassen verdanken, dass 99 Prozent der Bezirke inzwischen schließlich selbst an Covid-19 starb? Was geschah in während der Wettkämpfe wegen Malaria-Fieber send Bürger engagierten sich ehrenamtlich. »Ein-
worden. 28.000 Quadratmeter, 3840 Betten. Ihr frei seien von der Epidemie, loben Staatsmedien. den dunklen Stunden des Lockdowns? behandelt wurden, das Coronavirus in die Stadt mal haben wir zweieinhalb Tonnen Gemüse in
Mann war zu dem Zeitpunkt bereits Asche. Die Nachbarschaftskader wachen, unterstützt von Auf der Suche nach Antworten trifft man auf gebracht haben sollen. Nach einer anderen Variante, eine Wohnanlage gebracht«, erzählt Zhu Hai. Die
Vor vierzig Jahren hatten sie in einem Bauern- Freiwilligen, an Kreuzungen und den Eingängen Schweigen und verwischte Spuren. Die Mitarbeiter die auch Wuhans Taxifahrer gerne aufwärmen, Rentner hätten sich dort um die Ware geprügelt,
dorf nördlich von Wuhan geheiratet, 2001 zogen der über 7000 Wohnanlagen Wuhans, wo überall in den Krematorien, so ist zu hören, wurden ausge- sollen unter den Millionen Grippekranken in weil ihre Kühlschränke seit Tagen leer gewesen
sie in die Großstadt, den Traum von einem besse- blaue Zelte der Katastrophenhilfe als Checkpoints tauscht, um das Personal vor neugierigen Fragen ab- den USA schon im September 2019 zahlreiche seien. Hausverwalter, die wie Kleinfürsten in ihren
ren Leben für sich und ihren Sohn im Gepäck. Ihr postiert sind. Nur Bewohner mit grünem Gesund- zuschirmen. Kritische Blogger sind verschwunden. Corona-­Infizierte gewesen sein. Eine Untersuchung Wohnanlagen regierten, unterschlugen Hilfsliefe-
Mann arbeitete als Wachmann, sie kellnerte hier heitscode dürfen passieren, das gilt auch für das Der berüchtigte Huanan Seafood Market, wo das der Herkunft des Virus durch internationale­ rungen oder verkauften sie an die Höchstbieten-
und da. Vor zwei Jahren heuerte sie als Putzfrau in Betreten von Shoppingmalls, U-Bahn-Stationen Virus auf den Menschen übergesprungen sein soll, Wissenschaftler lehnt Peking ab. den. Zhu Hai führte darum penibel Buch über
einer Zweigstelle des Wuhan Central Hospital an. und dem Nudelimbiss von nebenan. Elektronische ist mit Trennwänden abgesperrt. Geblieben ist ein Zhu Hai*, 22, glaubt der staatlichen Propagan- jede Spende, seine Akten füllen mehrere Ordner.
Lu schrubbte die Böden auf der Chi­rur­gie-­Sta­tion, Displays auf Taxidächern mahnen: »Mundschutz fauler Gestank von Tierkadavern, die offenbar nicht da schon deshalb nicht, weil er zu den Bürgern Das Netz der unsichtbaren Helfer widerlegt die
als die Ärzte im Januar auf den Gängen über ein tragen, Hände waschen, Abstand halten«. rechtzeitig entsorgt wurden. gehört, die die Bevölkerung versorgten, als der These der KP, dass nur sie Ordnung stiften kann.
neues Virus zu tuscheln begannen. Sie legte Son- Ohne die Selbstorganisation der Bürger hätten
derschichten ein, als sich die Intensivbetten füll- arme und ältere Menschen in Wuhan kaum über-
ten. Sie desinfizierte die Schuhe und Uniformen leben können, sagt Zhu Hai.
der Kollegen, als die Schutzanzüge ausgingen und Was wird von dieser Solidarität bleiben? Zhu
Ärzte und Pfleger zu husten begannen. Mehr als zuckt mit den Schultern. »Freiwillige wie wir sind
200 Mitarbeiter im Krankenhaus steckten sich mit Idioten«, sagt er. Er habe seine Ersparnisse, mehr
dem Coronavirus an, auch Lu Nan. als tausend Euro, für die Benzinkosten seiner Mit-
Am 29. Januar bekam sie Fieber. Lu zog in der streiter eingesetzt. Er zeigt auf den Stapel mit den
Patientenaufnahme eine Nummer, aber es waren Spendennachweisen, die er gesammelt hat. »So-
alle Plätze belegt. Angeblich hatte sie nicht die bald ich sie an die Geber verschickt habe, wird
nötigen Papiere, man schickte sie weg. nichts von uns übrig bleiben. Niemand wird sich
Ihre Brust zog sich zusammen, jeder Atemzug an unsere Namen erinnern.« Und wenn die zweite
fühlte sich an wie ein Messerstich. Weil in der Welle kommt? »Sind wir wieder zur Stelle. Wir
Stadt keine Busse mehr fuhren, nahmen sich Lu sind Idioten, sag ich doch.«
und ihr Mann Leihräder, und wo es keine gab, Vor seiner Hütte steht ein schwarzes Elektro­
gingen sie zu Fuß. Vor den Notaufnahmen war Morgensport am Yangtse-Fluss. Eine Mutter mit ihrem Kind. Bauarbeiter auf einem Wolkenkratzer motorrad. Um über die Runden zu kommen, liefert
kein Durchkommen, erzählt sie. Abend um Abend Zhu Hai nun Essen für einen Bestelldienst aus, für
kehrte das Paar wieder heim. Sie legten Beschwerde 60 Cent Lohn pro Auftrag. Nachts, wenn die Stadt
bei ihrem Nachbarschaftskomitee ein. Sie riefen Wuhan ist in diesen Tagen eine Stadt wider- In diesem Nebel des Unwissens versucht Mu- Staat sich nirgends blicken ließ. Er hat zu sich schläft, fährt er die Straßen ab und sucht nach den
die Hotline der Stadtregierung an. sprüchlicher Stimmungen. Da ist neben der ver- rong Xuecun die Wahrheit zu ermitteln. Der nach Hause in einem Altstadtviertel eingeladen: toten Winkeln der Überwachungskameras. Er hat
Am 7. Februar bekam Lus Mann Atemnot. Vier ordneten Freude eine spontane und unverfälschte Name ist das Pseudonym des Pekinger Schriftstel- Ein selbst gezimmerter Verschlag aus Holzbrettern wieder mit dem Sprühen angefangen. An die Mauer
Tage später holte endlich ein Krankenwagen die Erleichterung. Dieser neue Unglücksort der Welt- lers Hao Qun, 46 Jahre alt, ein prominenter Re- und Metallblech, über der Tür hängt das Schild des Krankenhauses, in dem der Arzt Li Wenliang
beiden ab. Lus Zustand besserte sich, ihr Mann wur- geschichte ist an vielen Ecken erstaunlich schön, gimekritiker, der seit Jahren nur noch im Ausland »Diaosi-Dorf«. »Diaosi« bedeutet »Loser«, so be- verstarb, schrieb er: »Es dauert drei Minuten, zu
de an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Am Morgen durchzogen von manikürten Parks und Dutzen- veröffentlichen kann. Seit Anfang April ist er in zeichnet sich Zhu Hai selbst. Er ist ein mittelloser trauern. Es dauert drei Sekunden, zu vergessen.« Am
des 12. Februar schlich sie sich vor Schichtbeginn der den Seen. Die Menschen gehen wieder joggen und Wuhan, um für ein Buch zu recherchieren. »Wir Lebenskünstler: Graffiti-Sprayer, Hobbymusiker, nächsten Morgen war das Graffito verschwunden.
Pfleger in sein Krankenzimmer. Sein Gesicht hatte spielen Federball, Kinder fahren Rollerblades, die Chinesen haben viele Katastrophen erlebt, sie ha- sein Geld verdiente er vor der Corona-Krise mit
eine gelbliche Farbe angenommen, erzählt Lu. Sie Schwertlilien blühen. ben sich in unserer Seele festgesetzt, aber wir sind kleinen Handwerksarbeiten. Als Wuhan abgerie- * Name auf Wunsch der Gesprächspartner geändert
brauche sich nicht zu sorgen, versicherte er. In der- Da sind die Spuren der Schockstarre des Lock- hart im Nehmen und zäh im Erdulden«, sagt er bei gelt wurde, griff er zum Handy und gründete die
selben Nacht starb er an Lungenversagen. downs. »Geschlossen über Chinesisch Neujahr, einem Spaziergang. Er glaubte anfangs, dass mit Freiwilligengruppe »Kleines Licht«. Laut staat­ AA www.zeit.de/audi
4 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Versuch und Irrtum


Immer ungeduldiger wird die Bundesregierung nach dem Zielpunkt ihrer Corona-Strategie gefragt. Aber die Zauberformel gibt es nicht 
VON MARIAM LAU

D
ie Zeit der großen Einmütig- wähnte: Die Ursache dieses Werts war die aus Man kann das alles als Planlosigkeit empfin- derzeit zu hoch, um jeden einzelnen Fall nachzuver- weiten Teilen der Bevölkerung, die aber dringend
keit in Deutschland ist vor- den Google-Bewegungsdaten ablesbare freiwillige den. Der SPD-Politiker und Gesundheitsexperte folgen und zu isolieren. Die Gesundheitsämter, so mitmachen muss, wenn das alles klappen soll.
bei. Sie ist einer nie gekann- Kontakteinschränkung der Bürger unter dem Ein- Karl Lauterbach, der die jetzige Lockerung der schätzt man im Kanzleramt, können etwa 300 Fälle Wenn die Leute eher Google vertrauen als dem
ten Ungleichzeitigkeit der druck von Bildern aus Italien und Warnungen aus Maßnahmen für ein »gefährliches, verfrühtes Ma- pro Tag bewältigen, aber es sind derzeit 1500 bis 2000 Robert Koch-Institut, kann man diesen Teil der
Wahrnehmungen gewichen, dem Kanzleramt. Homburgs Argument fand növer« hält, glaubt, die Bundesregierung habe drei täglich. Stattdessen jetzt »Mitigation«, also in Schach Seuchenbekämpfung vergessen (siehe auch Wirt-
von Panik und Euphorie, trotzdem seinen Weg in den Bundestag. wechselnde Strategien verfolgt. halten, moderate Schutzmaßnahmen aufrechterhal- schaft, Seite 25).
Angstschlottern und Unver- Eine gereizte Stimmung ist entstanden: Wir Sie habe zunächst, vor allem angesichts der ten, mit dem Virus leben lernen. Das bedeutet aller- Oder: Für den Virologen mag »Containment«,
wundbarkeitsgefühlen. Es ist geradezu eine Achter- brauchen das alles nicht mehr. Öffentliche In- Särge aus Bergamo und der Kühlwagen in New dings etwas, über das keiner offen spricht, vermutlich Austrocknung, der beste Weg sein, um mit Co-
bahnfahrt. Die Kanzlerin sitzt im ersten Waggon tellektuelle wie Alexander Kekulé, Juli Zeh oder York, sich besonders auf den Ausbau der Intensiv- nicht einmal im kleinsten Kreis, und das wohl trotz- vid-19 fertigzuwerden. Aber wenn zu viele Alte an
und blickt schon in den Abgrund, während Kriti- Julian Nida-Rümelin geben der Tendenz ein kapazitäten und Beatmungsplätze konzentriert. dem unvermeidlich ist: Man nimmt mit dieser Stra- ihrer Einsamkeit verzweifeln, zu viele Kinder in
ker der Kontaktbeschränkungen hinter ihr dem Gesicht. Die Maxime »flatten the curve« zielte in erster Linie tegie mehr Infizierte, infolgedessen auch mehr Tote den Wohnungen durchdrehen oder Schuhverkäu-
Höhepunkt zujubeln und die Rückkehr der Frei- Im Rückblick auf diese Tage werde man sich darauf, dass nicht zu viele Patienten gleichzeitig ins in Kauf, als wenn man noch länger an den bisherigen fer ihre Existenz verlieren, kann ein Kanzleramt
heit im Triumph über das Virus feiern. Der Ab- schon bald »gegenseitig viel verzeihen müssen«, Krankenhaus mussten. Kontaktbegrenzungen festhalten würde. nicht einfach auf Durchzug stellen.
grund – das ist die Gefahr einer zweiten Welle von hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Als sich abzeichnete, dass das Virus auf diese Konfrontiert man Mitglieder der Bundesregie- Keiner der Beteiligten verleugnet die täglichen
Covid-19-Infektionen, die sich eben nicht mehr vergangenen Mittwoch im Bundestag gesagt. Viel- Weise nicht ausreichend eingehegt wurde, habe rung mit dem Eindruck der Planlosigkeit, reagie- Lernprozesse, die dann auch Streitfragen der De-
aus wenigen, übersichtlichen Hotspots he- mokratie betreffen. Dass das Bundesverfas-
raus verbreiten, wie das zu Beginn der­ sungsgericht nicht nur die zeitliche Befris-
Pandemie etwa während des Karnevals in­ tung von Maßnahmen anmahnt, sondern
Gangelt im Kreis Heinsberg geschehen war. ein Demonstrationsverbot dann auch gege-
Stattdessen schleichen jetzt die Ansteckun- benenfalls zurückweist, wird im Regierungs-
gen geisterhaft und potenziell überall umher, viertel, so seltsam das klingt, fast mit Er-
bis sie sich im Herbst oder Winter vielleicht leichterung zur Kenntnis genommen. Bitte
zu einer viel größeren Wucht aufschaukeln sehr, da ist sie doch, die von euch vermisste
und all das verursachen könnten, was bisher demokratische Normalität!
vermieden wurde: Überlastung der Intensiv- Man tastet sich also voran. Dennoch
stationen, heulende Krankenschwestern, gibt es ein paar Leitplanken des Regie-
Rationierung der Beatmungsgeräte, Mas- rungshandelns. Sie seien eigentlich wenig
sensterben. Das stetig wiederholte Kern­ rätselhaft, so wird in der Koalition argu-
anliegen der Merkelschen Corona-Krisen- mentiert. Die absoluten Zahlen, die Ver-
politik ist die Vermeidung des gesellschafts- doppelungszahlen, die Kurve – alles müsse
politischen Horror-Szenarios schlechthin, runter. So würden doch im Grunde alle
der »Triage«: der Situation, in der Ärzte ge- »rationalen Länder« verfahren, von Schwe-
zwungen sind, zu entscheiden, wer behan- den, dem Mekka der Lockerungsbefürwor-
delt und wer aufgegeben wird. ter – wo man noch ins Café darf, aber eine
Erste Anzeichen für eine zweite Welle verhältnismäßig höhere Zahl von Toten hat
sehen Virologen wie der Charité-Professor als die Nachbarländer –, bis Frankreich, wo
Christian Drosten bereits. Das bisschen das Verlassen des eigenen Hauses nur für
mehr Bewegung und Kontakt, das die Leute eine Stunde am Tag möglich ist. Man sei
sich zu Ostern genehmigten – also bevor die erst »da raus«, wenn es einen Impfstoff
ersten Lockerungsmaßnahmen der vergan- gibt, also wahrscheinlich nicht vor 2021.
genen Woche in Kraft traten – erhöhte die Bis dahin werde man einfach besser und
Ansteckungsrate in Deutschland auf einen besser werden müssen.
Wert, der über dem Italiens lag. »Wir ver- Das gilt auch politisch. Natürlich habe man
spielen unseren Vorsprung«, fürchtet Dros- mittlerweile ein »Demokratieproblem«, heißt
ten, der für seine Warnungen inzwischen es aus dem Kabinett, nicht erst seit Merkels
Morddrohungen bekommt. »Öffnungsdiskussionsorgien«. Der Vorwurf,
Kritiker der Regierung dagegen sehen die Kanzlerin traue den Bürgern nichts zu, ob-
die Tagesmeldungen und finden nur Grün- wohl diese doch ganz von allein und auch ohne
de für Zuversicht: Jedes Mal übersteigt in- Kontaktverbote den Reproduktionsfaktor
zwischen die Zahl der Genesenen die Zahl unter 1 gedrückt hätten, hat gesessen. Auch
der neu Infizierten. Derzeit sind 39.000 die von Laschet geübte Kritik, Merkel orientie-
Menschen in Deutschland erkrankt. Das re sich zu einseitig an Virologen statt am Ge-
Robert Koch-Institut gibt die Gesamtzahl samtbild des menschlichen Elends, scheint im
der Infizierten mit 156.200 an (Stand Mon- Kanzleramt Eindruck gemacht zu haben, ob-
tagabend). Von 83 Millionen. Das soll be- wohl Merkel in ihrer Regierungserklärung
drohlich sein? Und weil es immer mindes- noch einmal gegen ein »zu forsches Vorgehen«
tens zwei Wochen dauert, bis sich messen der Länder schoss. Diskussion werde keines-
lässt, was man mit einer Entscheidung be- wegs unterbunden, nur nehme sich eben
wirkt hat, läuft jetzt die Wette: War das, was Merkel die Freiheit, auch eine Meinung zu
Bund und Länder am 14. April beschlossen äußern. Viel mehr kann sie gegenüber den
haben, ein Schritt Richtung Abgrund, oder Ministerpräsidenten allerdings auch gar
der längst fällige Befreiungsschlag? Und nicht tun.
gleich noch eine Frage: Anhand welcher Pa- Entgegen anderslautenden Berichten
rameter wird überhaupt entschieden, wie es war diesmal mit »zu forsch« nicht in erster
jetzt weitergehen soll? Linie Laschet gemeint. Denn er wiederum
»Wir haben dauernd die Bedingungen hat sich die Kritik aus dem Kanzleramt, er
verändert«, kritisierte NRW-Ministerpräsi- gefährde mit seiner Öffnungspolitik den
dent Armin Laschet (CDU) am Wochen- Zusammenhalt unter den Ministerpräsi-
ende. Erst sei es um die Überforderung des denten, zu Herzen genommen und ver-
Gesundheitssystems gegangen. Das habe suchte im Gespräch mit seinen Amtskolle-
man jetzt im Griff, 40 Prozent der Betten gen, einen Kompromiss zur Regelung der
stehen frei. Dann habe man sich auf die Ladenöffnungszeiten zu finden. Teilnehmer
Verdoppelungszahl der Infektionen konzen- der Ministerpräsidentenrunde berichten, es
triert. Nachdem die sich prima entwickelt seien vor allem SPD-geführte Länder wie
habe, sei die Reproduktionszahl R ins Spiel Rheinland-Pfalz gewesen, die große Ver-
gekommen, also die Zahl derer, die ein Infi- kaufsflächen und Tierparks wieder aufma-
zierter durchschnittlich ansteckt. Und nun chen wollten. (Ministerpräsidentin Malu
schließlich müsse die Zahl der Neuinfektio- Dreyer soll gerufen haben: »Mein Streichel-
nen auf wenige Hundert Fälle täglich ge- zoo muss weitermachen.«)
drückt werden. Bei Laschet klingt es, als Finanzminister Olaf Scholz soll sich in
suche die Regierung, seine Bundesregie- der Öffnungsfrage dermaßen liberal gezeigt
rung, nach immer neuen Gründen für eine haben, dass schon der Gedanke aufkam, er
»Repression« (Christian Lindner). wolle sich über dieses Thema womöglich
Was genau will die Regierung also – das wieder als Kanzlerkandidat in Position
Illustration: Erich Brechbühl für DIE ZEIT

Virus »austrocknen«, wie es beispielsweise bringen. Jedenfalls habe sich Merkel, als ihr
das Helmholtz-Zentrum für Infektionsfor- klar wurde, dass nun große Läden in den
schung anstrebt? Oder eine Art Koexistenz? Innenstädten öffnen und damit Menschen-
In den sozialen Medien wird knapper ge- schlangen entstehen würden, mit einem
fragt: Habt ihr überhaupt einen Plan? Satz gewehrt, der vielen noch aus der
Wo auch immer sich Mitglieder der Flüchtlingskrise in abgewandelter Form in
Bundesregierung dieser Tage dem Publikum Erinnerung ist: »Wenn wir das so machen,
stellen, sehen sie sich mit einem Paradox dann ist das nicht mehr mein Papier!«
konfrontiert: Es ist gerade der Erfolg der Aus einem ursprünglich am Bundesin-
Kontaktbeschränkungen, der ihnen jetzt nenministerium angedockten Expertenkreis
zum Problem wird. gelangte dieser Tage ein anderes Strategie-
Verblüfft stellte der Vizepräsident des Robert leicht habe man »an der ein oder anderen Stelle man auf die sogenannte Herdenimmunität ge- ren alle ähnlich wie CDU-Gesundheitsminister papier auf Angela Merkels Schreibtisch, das die
Koch-Instituts, Lars Schaade, bei einem mor- falschgelegen«. Spahn war nicht zu sprechen für hofft – also darauf, dass etwa 60 Prozent der Be- Jens Spahn im Bundestag: »Es gibt kein Corona- Not der gemeinsamen Achterbahnfahrt zur Tu-
gendlichen Corona-Update fest: »Die Tatsache, die Frage, ob er damit auch seine Erlaubnis für völkerung womöglich unbemerkt eine Infektion Lehrbuch, das wir jetzt Seite für Seite abarbeiten. gend der Gemeinschaftlichkeit umdeutet und et­
dass Deutschland vergleichsweise wenig Anste- Geisterspiele der Bundesliga gemeint hat – eine durchlaufen könnten, dann gesunden, immun Wir wissen noch sehr wenig über dieses Virus.« liche praktische und politische Vorschläge zum
ckungen und Todesfälle im internationalen Ver- Lizenz also für das völlige Aufgeben der Kontakt- sind und sich das Virus deswegen nicht mehr ver- Oder: »Wir arbeiten nicht unter Laborbedingun- Leben mit Sars-CoV-2 macht. Es liegt der ZEIT
gleich hat, führt nun dazu, dass das Erreichte in- beschränkungen vor Millionenpublikum. Oder breiten könne. Aber inzwischen zeigen alle ein- gen.« Mit anderen Worten: Versuch und Irrtum. vor. Darin heißt es: »Die deutsche Gesellschaft hat
frage gestellt wird.« seine Feststellung, die Pandemie sei »beherrschbar schlägigen Studien, dass die Zahl der Infizierten Ein beredtes Beispiel ist die schwere Geburt der gelernt, dass wir in der Situation eines drohenden
Noch immer genießen die derzeit geltenden und beherrschbarer« geworden. Man könnte ihm bei zwei bis vier Prozent der Bevölkerung liegt. Es Corona-App, die Kontakte mit Infizierten mittei- Kollapses unseres Gemeinwesens alle aufeinander
Maßnahmen die stabile Zustimmung einer Mehr- auch einen erstaunlichen Sinneswandel der Bun- würde also theoretisch etwa 25 Jahre dauern, bis len soll. Alle sind sich einig, dass eine derartige angewiesen sind. Die Solidarität ist die beste Me-
heit, aber sie wird geringer. Über eine Million Zu- desregierung – und etlicher Experten – vorhalten: in Deutschland eine Herdenimmunität erreicht Technologie unerlässlich ist. Es liegt auch auf der dizin, die wir haben.« In dem Papier wird unter
schauer riefen das YouTube-Video des Hannovera- Erst waren Masken überflüssig, dann waren sie ist, und außerdem Hunderttausende Todesopfer Hand, dass eine zentrale Sammlung dieser Daten anderem eine »Experimentierklausel« für innova-
ner Finanzwissenschaftlers Stefan Homburg von Virenschleudern und inzwischen sind sie unver- fordern. Die Strategie der Herdenimmunität für die Gesundheitsbehörden ein Riesenfortschritt tive Lösungen gefordert, wie mit der Gastrono-
der Leibniz Universität auf, in dem er darauf ver- zichtbar. Was womöglich damit zusammenhing, kommt also auch nicht infrage. wäre. Aber Jens Spahn musste dieses Vorhaben mie, dem Einzelhandel oder den Gottesdiensten
weist, dass die Reproduktionszahl schon vor dem dass man lange Zeit einfach nicht genügend Mas- Mittlerweile habe, so sieht es Lauterbach, die aufgeben: Es scheitert an datenschutzrechtlichen umzugehen sei.
Shutdown am 23. März auf einen beherrschbaren ken hatte (auch jetzt fehlt vielerorts medizinische Bundesregierung die Idee der Austrocknung des Vorbehalten. Diese werden keineswegs nur von Ob so etwas im Kanzleramt derzeit auf Sym-
Wert abgesunken sei. Was Homburg nicht er- Schutzausrüstung). Virus vorerst aufgegeben. Die Infektionszahlen sind den beteiligten Experten gehegt, sondern auch von pathie stößt, war nicht herauszufinden.
29 . A P R I L 20 20
o
D I E Z E I T N 19 POLITIK 5

Hart an der Grenze


Die Krisenmaßnahmen der Politik treiben die Schulden in die Höhe. Und je länger der wirtschaftliche Stillstand anhält,
desto mehr Unternehmen müssen gerettet werden – wie lange reicht das Geld noch?  VON MARK SCHIERITZ

W
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enn man die Politik der Andere Staaten sind deutlich höher verschuldet faserleitungen oder für die Bildung. Schlimmsten-
Bundesregierung zur als Deutschland. Der amerikanische Schulden- falls droht eine Spirale aus immer schneller steigen-
Rettung der Wirtschaft stand belief sich vor Ausbruch der Pandemie auf den Zinsen und immer höheren Schulden.
auf eine Zahl verdich- 109 Prozent der Wirtschaftsleistung, der ­japanische Deshalb ist eine zweite Größe in diesem­
ten wollte, dann wäre es sogar auf 237 Prozent. Wenn das amerikanische Zusammenhang von Bedeutung: das Wirtschafts-
diese: 453 Mil­liar­den. Vorkrisenniveau der Maßstab für die maximal wachstum. Denn je stärker die Wirtschaft wächst,
Auf 453 Mil­liar­den mögliche Staatsverschuldung in Deutschland desto stärker steigen die Steuereinnahmen, aus de-
Euro belaufen sich nach derzeitigem Stand die wäre, könnte die Regierung über die geplanten nen die Zinsen bezahlt werden. Eine ökonomische
staatlichen Gesamtkosten der bisher geplanten 435 Mil­liar­den Euro hinaus noch knapp 1300 Faustregel besagt: Wenn die Wachstumsrate über
Krisenmaßnahmen. So steht es in einer Aufstel- Mil­liar­den Euro zusätzlich ausgeben. Das reichte dem Zinsniveau liegt, dann sinkt eine gegebene
lung der Bundesregierung für die Europäische dann bis ins nächste Jahr hinein. Schuldenquote im Zeitverlauf auch ohne staatliches
Kommission in Brüssel. Die Regierung profitiert dabei von einer finanz- Zutun. Diese Quote ist ja ein Bruch: Im Zähler steht
Dabei wird es womöglich nicht bleiben. Die technischen Mechanik, die allen großen Krisen eigen der Schuldenstand, im Nenner das Bruttoinlands-
Wirtschaft wird nach den Pro­gno­sen der Regierung ist: Je weniger Geld die Menschen ausgeben, weil produkt. Wenn sich nun der Zähler (die Schulden)
in diesem Jahr so stark einbrechen wie nie zuvor in sie verunsichert sind oder weil viele Geschäfte ge- langsamer erhöht als der Nenner (die Wirtschafts-
der Geschichte der Republik, weil Geschäfte ge- schlossen sind, desto mehr Sparkapital steht dem leistung), dann sinkt der Wert dieses Bruchs. Und
schlossen sind und die Produktion ruht. Und je Staat für die Kreditaufnahme zur Verfügung. Das das, obwohl überhaupt keine Schulden zurück­
länger der Stillstand andauert, desto teurer werden bedeutet: Die ohnehin schon niedrigen Zinsen bezahlt werden. Warten, bis sich alles auswächst –
die Kompensationsprogramme, die den wirtschaft- fallen dank des hohen Kapitalangebots noch weiter. nach dieser Methode haben Länder wie die USA
lichen Zusammenbruch abwenden sollen. Erst in Die Schuldenfrage wird dadurch vom Kopf auf oder Großbritannien nach dem Zweiten Weltkrieg
der vergangenen Woche hat die Regierung eine­ die Füße gestellt. Staaten existieren zumindest als ihre Staatsfinanzen saniert.
Erhöhung des Kurzarbeitergelds beschlossen und rechtliches Konstrukt für die Ewigkeit. Sie müssen Im Moment kann aber niemand sagen, ob die
die Mehrwertsteuer für Restaurants gesenkt, die also anders als Privathaushalte ihre Schulden nicht Wirtschaft die früher üblichen Wachstumsraten
Lufthansa soll eine Geldspritze erhalten, und hinter zurückzahlen, sondern können immer wieder alte erreicht, wenn die Auflagen gelockert werden. Viel-
den Kulissen denkt man bereits über ein Hilfspaket leicht strömen die Menschen wieder in die Geschäf-
für finanzschwache Kommunen nach. te, weil sie sich endlich etwas gönnen wollen. Viel-
Was die Frage aufwirft: Wie lange können wir leicht bleiben sie aber auch zu Hause, weil sie sich
uns das noch leisten?
Man kann diese Frage nicht letztgültig klä-
Nach oben Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen, vor allem da
noch nicht absehbar ist, wann in den für die deut-
ren. Niemand weiß zum Beispiel, inwieweit die Anteil der deutschen Staatsschulden an schen Firmen wichtigen Exportmärkten das Ge-
Betriebe die bereitgestellten Gelder auch tatsäch- der Wirtschaftsleistung in Prozent schäft wieder in Gang kommt.
lich abrufen werden. Und die Finanzwissen- In diesem Fall könnte die Schuldenquote
schaft ist wie fast alle ökonomischen Disziplinen doch noch außer Kontrolle geraten. Dann hat der
2020 (Prognose der
keine exakte Wissenschaft. Man kann sich einer 100 % Staat im Prinzip nur drei Möglichkeiten: höhere
Antwort aber annähern. Bundesregierung): Steuern, niedrigere staatliche Ausgaben oder­
Den zusätzlichen Finanzbedarf deckt die­ 75 % Inflation. Alles eher unangenehme Aussichten. In
Regierung durch neue Schulden. Das bedeutet der SPD wird bereits über einen Lastenausgleich
konkret: Sie leiht sich das Geld. Und zwar bei 80 diskutiert, eine einmalige Vermögensabgabe, wie

AUF DIE DETAILS


den­jenigen, die so viel davon haben, dass sie es sie in Deutschland nach dem Krieg eingeführt
selbst nicht ausgeben können oder wollen. Das 1991: wurde, um die Kriegsschäden zu bezahlen. Die­
sind vor allem Banken und Versicherungen, die 39 % Union hingegen erwägt Sparprogramme.
das Geld ihrer Kunden verwalten. Die Schulden- 60 Die meisten Ökonomen raten deshalb dazu, die
aufnahme wandelt gewissermaßen privates Spar-
kapital in öffentliche Leistungen um.
Für einen Staat ist nicht die absolute Höhe seiner
40
Schulden aus Gründen der Vorsicht nicht zu sehr
steigen zu lassen, zumal die Rettungspolitik noch
aus einem weiteren Grund an ihre Grenzen stoßen
KOMMT ES AN.
Schulden entscheidend, sondern der Anteil dieser könnte: Viele Unternehmen werden vom Staat mit
Schulden an der Wirtschaftsleistung. Warum das so Krediten über Wasser gehalten. Doch je länger die
ist, zeigt die folgende Überlegung: Kredite werden Produktion ausfällt, desto schwieriger wird es für
aus Steuereinnahmen bedient, und wenn ein Staat 20 die Firmen werden, diese Darlehen wieder zurück- Der neue XPS 13. Gestaltet mit diamantgeschliffenen
viele Steuern einnimmt, dann kann er sich mehr zubezahlen. Nach einer im April durchgeführten Kanten, die Ihren Blick aus jedem Winkel einfangen.
Schulden leisten. Ein armes Land wie Mali wäre Umfrage des Münchner Ifo-Instituts droht schon
möglicherweise mit einem Kredit in Höhe von zehn nach drei Monaten Stillstand die erste große Pleite-
Mil­liar­den Euro schon überfordert, für das reiche welle, nach sechs Monaten die zweite. Das wäre Dell.de/XPS
0
Deutschland mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) 1991 1997 2003 2009 2020 dann also im Juni beziehungsweise im September. Weitere Informationen erhalten
von rund 3500 Mil­liar­den Euro sind das Peanuts. Das Problem: Je größer die Finanzprobleme der Sie kostenlos unter 0800-000 42 30*.
ZEIT- GRAFIK/Quelle: Statistisches Bundesamt
Die Regierung nimmt derzeit an, dass die Staats- Unternehmen, desto weniger ist ihnen mit zusätz-
schuldenquote, also der Anteil der Schulden am BIP, lichen Krediten geholfen. Der Staat müsste also
auf etwa 75 Prozent steigt. Dabei ist unterstellt, dass Zuschüsse vergeben. Aber in welcher Form? Und
die Wirtschaft im ersten Halbjahr wieder anläuft. Kredite durch neue ersetzen. Die Vereinigten Staa- wer stellt sicher, dass mit dem Geld kein Unsinn
Geschieht das nicht, wird diese Pro­gno­se nicht zu ten waren seit der ersten Präsidentschaftswahl im angefangen wird? Es gibt in Deutschland fast
halten sein. Ein Grund: Einige der Posten im Kata- Jahr 1789 praktisch nie schuldenfrei; an den Finanz- 300.000 Firmen mit mehr als zehn Beschäftigten.
log der Hilfsmaßnahmen sind bislang in der Schul- märkten werden noch heute britische Staatsanleihen Soll da dann überall der Staat einsteigen? Wird es
denaufstellung nur zum Teil berücksichtigt. Das gilt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs gehandelt. lange Diskussionen über Kontrollrechte und Ein-
etwa für staatliche Bürgschaften. Man geht davon Durch den faktischen Wegfall der Tilgungsver- flussmöglichkeiten geben, wie es jetzt bei der Luft-
aus, dass diese nicht gezogen werden müssen. Wenn pflichtung wird das Zinsniveau zur entscheidenden hansa der Fall ist? Solche Fragen stellt man sich ge-
sich aber die Lage so sehr verschlechtert, dass das Größe für die Tragfähigkeit der Schulden. Wenn die rade in der Bundesregierung.
doch nötig wird, steigt die Verschuldung. Die Öko- Zinsen niedrig sind, dann ist ein Anstieg der Staats- Selbst wenn das alles organisatorisch zu machen
nomen der Deutschen Bank haben ausgerechnet, verschuldung leichter zu verkraften. Ein Beispiel: wäre: Wäre die deutsche Wirtschaft dann im Ergeb-
dass eine Woche Stillstand die Schuldenquote um Im vergangenen Jahr musste Finanzminister Olaf nis noch eine Marktwirtschaft? Und welche Folge
etwa 0,3 Prozentpunkte erhöht. Wenn die Wirt- Scholz für die Schulden des Bundeshaushalts rund hätte es für den maximal möglichen Schuldenstand?
schaft bis ins zweite Halbjahr hinein ruht, ergäbe elf Mil­liar­den Euro an Zinsen ausgeben. Im Jahr Denn auch das geht aus den ökonomischen Stu­dien
sich ein Schuldenstand von 86,5 Prozent. 2009 fielen für ungefähr die gleiche nominale Schul- zum Thema Staatsverschuldung hervor: Hohe
Ist das viel? Das kommt auf die Perspektive an. densumme noch 38 Mil­liar­den an. Bei einem Zins- Defizite sind dann weniger problematisch, wenn die Windows 10 ist das sicherste Windows aller Zeiten.
Illustration: Erich Brechbühl für DIE ZEIT

Ökonomen haben sich in vielen Stu­dien mit der satz von null wäre – theoretisch – sogar ein unend- geborgten Beträge sinnvoll – was in diesem Fall Dell empfiehlt Windows 10 Pro für Unternehmen.
Frage befasst, wie hoch sich ein Staat verschulden lich hoher staatlicher Schuldenstand denkbar. heißt: wachstumssteigernd – ausgegeben werden.
kann. Ergebnis: Man weiß es nicht genau. »Ein In der Praxis ist das alles natürlich ein wenig Auch wenn der Geldvorrat noch eine Weile reicht,
abstrak­ter Schwellenwert lässt sich nicht definieren«, komplizierter. Denn auch wenn die Zinsen im wird die zielsichere Geldverteilung mit jeder Woche © 2020 Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Alle Rechte vorbehalten. Dell GmbH, Main Airport Center, Unterschweinstiege 10, 60549 Frankfurt am Main. Geschäftsführer:
sagt Rüdiger Bachmann, Fachmann für Staats- Moment sehr niedrig sind, folgt daraus nicht, dass eine größere Herausforderung. Stéphane Paté, Anne Haschke, Robert Potts. Vorsitzender des Aufsichtsrates: Jörg Twellmeyer. Eingetragen beim AG Frankfurt am Main unter HRB 75453, USt.-ID:
DE 113541 138, WEEE-Reg.-Nr.: DE 49515708. Dell, EMC und andere Marken sind Marken von Dell Inc. oder Tochtergesellschaften. Es gelten die allgemeinen
schulden an der Notre-­Dame-Universität in den sie nicht wieder steigen können. Dann müsste bei Wie lange können wir uns das noch leisten? Geschäftsbedingungen der Dell GmbH. Änderungen von Preisen, technischen Daten, Verfügbarkeit und Angebotskonditionen sind ohne Vorankündigung vorbehalten.
Druckfehler und Irrtümer vorbehalten. *Mo-Fr.: 8:30-17:30 Uhr (zum Nulltarif aus dem dt. Fest- und Mobilfunknetz).
USA. Was man weiß: In der Finanzkrise ist die sehr hohen Schulden womöglich ein großer Teil des Vielleicht lässt sich die Frage so beantworten: Theo-
Schuldenquote auf 82 Prozent gestiegen, und das Staatshaushalts für den Schuldendienst aufgewendet retisch noch ziemlich lange, in der Realität könnte
hat das Land relativ problemlos verkraftet. werden. Es bliebe wenig Geld für die Rente, für Glas- es irgendwann im Sommer schwierig werden.
6 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

W »Man wird Schritt


kommen. Die Angst wird dann erst mal ange-
olfgang Schäuble ist jetzt 77, äl- brüllt. Er will sagen: Die Angst gehört zum Leben
ter als die Republik. Jede Heraus- dazu. Das Sterben auch.
forderung, die dieses Land erlebt Dass die Angst bei Schäuble im Lauf des Le-
hat, hat er auch erlebt, an die bens abgenommen hat, liegt auch daran, dass er
meisten kann er sich erinnern, ein Überlebender ist, im wahrsten Sinne, seit er
oft hat er an ihrer Bewältigung als Politiker mit- nach einem Attentat im Rollstuhl sitzt. Mit dem

für Schritt kleiner«


gewirkt. Zuletzt wurden die Krisen immer häufi- klarzukommen, was man kann, und nicht unzu-
ger, gefühlt auch immer größer. Doch wenn man frieden zu sein über das, was man nicht kann, aber
ihm in den vergangenen Jahren mit der Frage kam, gerne können würde, das habe er sich in den letz-
ob das denn diesmal nicht die bislang schwerste ten 30 Jahren antrainiert, sagt Schäuble. Insofern
Krise sei, war seine zuver­läs­si­ge Re­ak­tion: Ach was! fühlt er sich coronamäßig gut gerüstet.
Dann begann Schäuble aufzuzählen, was es schon Sorgen macht er sich um andere. Um seine
so alles zu seinen Lebzeiten gab: Kubakrise, Öl- Kinder, seine Enkel, die er wie viele andere Bürger
krise, RAF, diverse Fluten, 9/11, Finanzkrise, Ban- in den vergangenen Wochen vor allem auf dem
kenkrise, Klimakrise. Dazwischen streute Schäuble Wolfgang Schäuble hat schon viel erlebt, aber diese Bildschirm gesehen hat. Diejenigen also, die das
reichlich Zitate, Bismarck, Tocque­ville, die Krisen Krise sei anders, sagt er. Ein Gespräch über Leben noch vor sich haben sollten. Auch das hat er
schrumpften so zu Anekdoten, etwas gut Be- gemeint, als er in einem Interview mit dem Tages­
herrschbarem. Regt euch mal nicht so auf, war die Enkelkinder und Apokalypse  VON TINA HILDEBR ANDT spie­gel vor ein paar Tagen gesagt hat, man dürfe
Botschaft, hatten wir alles schon, werden wir alles den Schutz von Leben nicht über alles stellen.
auch überstehen. Man werde da schnell falsch verstanden oder wirke
»Nein, das geht jetzt nicht mehr«, sagt Schäuble zynisch, deshalb habe er seine Worte gut abgewo-
am vergangenen Sonntag, bei einer Begegnung am gen, sagt Schäuble, es ist ihm wichtig, an dem
Telefon. Und schon daran merkt man, dass diese Punkt richtig verstanden zu werden.
Krise anders ist. Wolfgang Schäuble ist nämlich Eingeschlagen haben die Sätze trotzdem. Eini-
jemand, der äußerst ungern etwas zugibt. Nun ge haben sie als Relativierung von Leben verstan-
sagt er: »Etwas Vergleichbares haben wir zu Leb- den, andere als kleinen Beschleuniger einer ohne-
zeiten nicht erlebt.« Das Copyright auf diesen Satz hin schärfer werdenden Debatte. Was er also nicht
habe die Kanzlerin, und er stimme ihr da vollum- gemeint haben will: dass man verschiedene Leben
fänglich (ausnahmsweise) zu. In dem »wir« denkt ge­gen­ein­an­der aufrechnen kann oder soll. Son-
Schäuble übrigens ausdrücklich die Ostdeutschen dern: Absolut ist nur die Würde des Menschen,
mit, die 1989/90 auch schon ziemlich Grundstür- denn die Grundrechte können konkurrieren, und
zendes erlebt haben. jede Maßnahme hat einen Preis. Das alles muss
Schäuble ist gerade von der Terrasse ins Innere man, so sieht es Schäuble, ins Verhältnis setzen,
seines Hauses in Offenburg gerollt. Gut gehe es verantwortungsvoll abwägen – und man muss sich
ihm, versichert er, ausgezeichnet, wunderbares bei alldem auch klarmachen, dass der Staat nicht
Wetter. Wobei das mit dem wunderbaren Wetter allen wird alles garantieren können.
ja auch so eine Sache ist. Man kann darin nämlich Es kriegt momentan alles leicht etwas Biblisches,
das nächste Menetekel erblicken, aber dazu kommt Fundamentales. Artenvielfalt, Globalisierung, Seu-
er später noch. chen, Klima, das alles hänge eben doch zusam-
Auch er hat ein bisschen gebraucht, um zu be- men, sagt Schäuble, und wie sehr das der Fall sei,
greifen, dass das nun wirklich etwas Neues ist. auch das erlebten wir gerade. Trotzdem sei er
Hätte man das gleich verstanden, wär’s ja nichts überzeugt: »Die Menschheit muss nicht am Ende
Neues, sagt Schäuble lakonisch. Lange habe auch sein.« Womöglich werde einiges besser. Sehr kon-
er im Unterbewusstsein noch die Vorstellung ge- krete Dinge wie die Bezahlung von Pflegerinnen
habt, dass es diesmal vielleicht ein bisschen länger und Pflegern. Aber auch abstrakte Dinge wie der
dauern werde, dass danach aber wieder alles wie Wert der Familie, der Zusammenhalt. Die globale
vorher sein werde, normal eben. »Zunehmend Mobilität müsse »ein Stück zurückgefahren wer-
begreifen wir, dass auch das nicht so sicher ist«, den«, auch die Mi­gra­tion übrigens, allerdings un-
sagt Schäuble nun. Wobei er Wert darauf legt, ter der Voraussetzung, »dass wir diesen Ländern
dass es nicht unbedingt ausschließlich schlechter mehr helfen«.
werden müsse. Schäuble hält es sogar für möglich, dass Corona
Was bewirkt diese Erkenntnis für ihn selbst, am Ende den Frauen nützt, weil die Art von Ar-
was geht ihm momentan durch Kopf und Bauch? beit, die sie öfter als Männer machen, nun höher
»Man wird Schritt für Schritt kleiner«, entgegnet geschätzt werde – und vielleicht auch vergütet. Er
Schäuble. Jeden Tag werde das deutlicher: wie selbst, kleiner Exkurs, sei in Sachen Geschlechter-
klein der Mensch ist, wie relativ. Und auch, dass gerechtigkeit von seinen Töchtern weitergebildet
die größte Katastrophe womöglich der Mensch worden. Die Erziehungsbemühungen seiner Frau,
selbst ist, der mit seinem Raubbau an der Natur räumt Schäuble ein, »waren nicht so erfolgreich«.
vielleicht gerade im Begriff ist, sich selbst umzu- Das alles soll aber nicht so klingen, als halte er
bringen. So ungefähr hat er auch seinem Pfarrer die Situation für etwas Gutes. »Ich hätte mir das
geantwortet, als der vor Ostern eine aufmunternde nicht gewünscht. Aber es findet ja statt.« Es gehe
SMS geschickt hat. deshalb nicht um Zweckoptimismus, sondern da-
Auch mit der Angst ist es so eine Sache. Man kann rum, wie man Haltung bewahrt und damit auch
Angst um sich selbst haben. Die habe er nicht, sagt Würde. Schäuble betont das oft: dass er entspannt
Schäuble. Dazu sei er einfach schon zu alt. Man kann sei und grund­opti­mis­tisch. Man ahnt dann, wie
aber auch eine andere Angst haben, eine sehr ele- hart diese Entspanntheit errungen ist. Und dass er
mentare, eher metaphysische Angst. Schäuble würde deshalb so sehr darauf beharrt.
das natürlich nie so nennen. Er rettet sich nun erst Nicht gemeint haben will Schäuble seine Be-
mal ins Pragmatische: »Wir müssen von Tag zu Tag merkungen zum Lebensschutz übrigens als Seiten-
denken und politisch das tun, was wir können, was hieb auf die Kanzlerin, die gesagt hat, dieser stehe
wir müssen.« Was bleibe auch anderes übrig? Nur ist im Zentrum ihrer Motive. Summa summarum
das, was getan werden muss, eben nicht unumstritten, steht Schäuble in dieser Krise politisch an der Seite
und der Streit geht gerade erst los. Auch hier ist von Merkel. Natürlich, wie immer, ohne Ewig-
Schäuble sich mit der Kanzlerin einig: Der Lock- keitsgarantie.
Foto: Dominik Butzmann/laif

down, so brutal und unerhört er war, war vergleichs- Vielleicht kippt die relative Krisenstabilität ganz
weise einfach zu bewerkstelligen. Viel schwerer wird schnell um, vielleicht schlägt das momentane Ver-
die Lockerung. trauen in die Politik bald in Enttäuschung um.
Hatte Wolfgang Schäuble, gläubiger Christ, Schäuble hält das für möglich. Er hält aber auch das
Parlamentspräsident und Bundestagsdienstältester, Gegenteil für möglich. Vielleicht, so hofft er, »wächst
bei allem Pragmatismus in diesen Tagen manch- mit dem Vertrauen in die Politik auch die Bereit-
mal auch ein apokalyptisches Gefühl? »Ja.« Die schaft, wieder mehr Verantwortung zu übernehmen«.
Antwort kommt schnell und bestimmt. Er hat das Er jedenfalls habe bei seinen Hand­bike-­Aus­flü­gen,
Gefühl immer noch. Denn das gehört ja zum Be- die er mit einem Freund unternimmt, das Gefühl:
unruhigenden der Situation: die Ahnung, dass die »Die Menschheit muss nicht am Ende sein«, »Die Menschen sind eher freundlicher geworden.«
Apokalypse nicht an einem Tag passiert, mit einem Dann will Schäuble wieder hinaus, auf seine
großen Knall wie in einer bunten Kinderbibel, sagt Wolfgang Schäuble. »Die Menschen sind Terrasse, und noch ein bisschen lesen: Spiegel und
sondern vielleicht über einen Zeitraum von hun-
dert Jahren. Und dass wir womöglich in diesen
eher freundlicher geworden« Licht, den dritten Teil einer Trilogie von Hilary
Mantel. Das Buch handelt von Heinrich VIII. und
hundert Jahren leben. Thomas Cromwell, es spielt im England des
Schon die Babys erschrecken übrigens nach 16. Jahrhunderts, eine Geschichte von Macht,
seiner festen Überzeugung, wenn sie auf die Welt Aufstieg und Niedergang.

Alleingelassen
In Italien haben sich erschreckend viele Mediziner mit dem Coronavirus infiziert. Einer von ihnen war der Hausarzt Vincenzo Leone  VON ULRICH LADURNER

V
aleria Leone sitzt an der Kante ihres bardei unter Quarantäne gestellt wurden, begann »Was hätte er tun sollen?«, sagt seine Frau. Er war men, sie wohnen weiter weg. Seine Frau Valeria problem in Italien ist, dass solche Stellen häufig
Wohnzimmersofas. Eine schmale, kleine Vincenzo Leone Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Arzt, und es kam für ihn nicht infrage, sich aus- musste zu Hause bleiben, in Quarantäne. Erst vier nicht nach Eignung besetzt werden!«, sagt Aghazzi.
Frau, den Rücken hat sie durch ein Kis- »Er aß zu Hause allein, er wusch sich in einem se- gerechnet jetzt zurückzuziehen. Erst nach Wochen Wochen später bekam sie die Urne mit der Asche Das kann, wie die Corona-Krise zeigt, katastro-
sen gestützt. So kann sie sich leichter ge- paraten Bad und desinfizierte alles mit großer lieferten die Gesundheitsbehörden die erste Aus- ihres Mannes. Das Bestattungsunternehmen lie- phale Folgen haben.
rade halten. Aufrecht sitzen, das ist ihr jetzt wich- Sorgfalt«, berichtet seine Frau. Die Gemeinden, rüstung für Leones Praxis. »Er bekam 13 Schutz- fert nicht jede Urne sofort einzeln aus. Es gibt eine Die Nationale Ärztevereinigung Italiens listet
tig, da sie in einem Videogespräch vom Tod ihres die als Erstes unter Quarantäne gestellt wurden, masken und einen Wegwerfkittel«, sagt Valeria Stelle, an der die Urnen gesammelt werden, von jeden an Covid-19 gestorbenen Arzt auf. Am An-
Mannes berichtet. Vincenzo Leone ist an einer liegen nicht weit entfernt von Leones Praxis. Leone bitter. dort werden sie nach und nach verteilt. »Es gibt fang dieser immer länger werdenden Liste steht ein
Covid-19-Infektion gestorben. Trotzdem bekam er von den Gesundheitsbehörden Es half nichts, Vincenzo Leone infizierte sich. vielleicht so etwas wie Schicksal«, sagt Valeria Leo- Zitat des italienischen Dichters Giuseppe Ungaret-
Leicht fällt es ihr nicht, aber Valeria Leone hat nur wenige Informationen über das Virus. Am 15. März brachte ihn seine Frau ins Galeazzi- ne. »Aber es gibt auch irgendjemanden, der Ver- ti: »Die Toten machen keinen Lärm, sie machen
sich vorgenommen, die Geschichte zu erzählen. Vincenzo Leone informierte sich selbst, so gut Krankenhaus in Bergamo. »Das liegt in der Nähe antwortung übernehmen muss.« weniger Lärm als das wachsende Gras.« Die Ärzte-
Ihr Mann war niedergelassener Hausarzt in Urnia- er konnte. In den ersten Wochen gab es auch der Schule, in der ich dreißig Jahre lang unter- Nur wer? vereinigung schreibt weiter: »Die Namen unserer
no, einer kleinen Gemeinde unweit von Bergamo keine Schutzausrüstung, keine Masken, keine richtet habe«, sagt sie, und es klingt, als sei es für Marco Aghazzi von der Ärztegewerkschaft kri- Freunde, unserer Kollegen, die hier schwarz auf
in der Lombardei. Er wurde 65 Jahre alt. Vincenzo Kittel, nichts. Marco Aghazzi von der Unabhän- sie eine Hilfe gewesen, ihren Mann in einer ver- tisiert die Mitte-links-Regierung in Rom genauso weiß stehen, machen aber einen betäubenden
Leone ist einer von bislang 150 italienischen Ärz- gigen Nationalen Ärztegewerkschaft sagt, die trauten Umgebung zu begleiten. Als sie sich am wie die regionale Rechtsregierung in der Lombar- Lärm (...). Wir können nicht weiter zulassen, dass
ten, die gestorben sind, weil sie sich mit dem Co- Ärzte, insbesondere die Hausärzte, seien auf sich Krankenhauseingang von ihm verabschiedete, dei. Sie hätten die Provinz Bergamo viel früher unsere Ärzte, unser Krankenhauspersonal mit
ronavirus infiziert hatten. Das ist eine erschre- allein gestellt gewesen: »Wir mussten uns irgend- wusste sie nicht, dass sie ihn nicht mehr wieder­ unter Quarantäne stellen müssen. In den regio­ nackten Händen gegen das Virus kämpfen müs-
ckend hohe Zahl. Sie zeigt, dass vieles in Italiens wie arrangieren!« So hätten er und seine Kollegen sehen würde. Eine Woche nach seiner Einliefe- nalen Gesundheitsbehörden, sagt Aghazzi, säßen sen. Es ist ein ungleicher Kampf, der uns, den
Kampf gegen das Virus schiefgelaufen ist. sich anfangs Schutzmasken von einem befreunde- rung, am 22. März, starb Vincenzo Leone. viele Beamte nicht aufgrund ihrer Qualifikation, Bürgern und dem Land schadet.«
»Mein Mann hat das Virus von Anfang an sehr ten Zahnarzt besorgt. Wenige Tage später wurde der Leichnam ein- sondern weil sie das richtige Parteibuch hätten. Valeria Leone sagt zum Abschluss des Ge-
ernst genommen«, sagt Valeria Leone. Als in den Obwohl Vincenzo Leone das Risiko bewusst geäschert. Seine beiden erwachsenen Söhne Gia- Im entscheidenden Moment hätten viele von ih- sprächs: »Manchmal habe ich das Gefühl, mein
ersten Februartagen drei Gemeinden in der Lom- war, hielt er seine Praxis für die Patienten offen. como und Carlo durften ins Krematorium kom- nen nicht gewusst, was zu tun sei. »Das Haupt- Mann sei auf die Schlachtbank geführt worden.«
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 7

Das politische
Objekt

Der 150-Euro-Computer

Als die Bundesregierung vorige Woche das


Kurzarbeitergeld erhöhte und die Mehrwert-
steuer für die Gastronomie senkte, erhielt noch
eine weitere Gruppe ein, na ja, Geschenk: arme
Kinder. Arme Kinder bekommen jetzt 150
Euro, damit sie sich ein technisches Gerät kau-
fen können, um am digitalen Unterricht teil-
zunehmen. Die Einmalzahlung läuft unter
dem Stichwort »digitale Teilhabe«, auch wenn
das digitale Teil, das man für dieses Budget ha-
ben kann, wahrscheinlich nicht mal bis nach
den Sommerferien hält. Bei einer schnellen
eBay-Suche findet sich etwa das Angebot »Acer
Laptop defekt« für 130 Euro. Nur Abholung.

Foto: Ozan Kose/AFP/Getty Images; kl. Foto (o. r.): ddp


Dass der Staat jetzt überhaupt Geld für Lap-
tops oder Smartphones verschenken muss, ist
ein Eingeständnis. Denn das sogenannte »Digi-
tale« ist schlichtweg gesellschaftliche Normali-
tät. Wer sich in der digitalen Welt nicht zu-
rechtfindet, hat im Leben einen Nachteil. Dass
es Kinder in Deutschland gibt, die kein Gerät
besitzen, mit dem man vernünftig Texte lesen
oder Videoanrufe machen kann, ist ein Beweis
dafür, dass es Kinder in Deutschland gibt, de-
nen es am Nötigsten fehlt. Anstatt aber wäh-
rend der Krise die Umstände zu ändern, in de-
Erdoğan ruft nicht an: Bürgermeister Ekrem Imamoğlu lange vor Ausbruch der Krise, während seines Wahlkampfs 2019 im Ägyptischen Basar in Istanbul nen diese Kinder leben, verweist man sie auf
Geräte, die sie von diesen Umständen ablenken
sollen. Mit dem Laptop können sie in die
Wohnzimmer ihrer Mitschüler schauen, in de-

»Unsere Gesellschaft
nen es Platz gibt, Obstschalen und Eltern, die
bei den Hausaufgaben helfen.
Die Bundesregierung hat noch einmal spezifi-
ziert, dass die 150 Euro eben ein Zuschuss seien.
Dass die Familien also selbst noch etwas zuzahlen
müssten. Tatsächlich sind im Hartz-IV-Satz für

braucht Hoffnung«
Kinder im Schulalter ganze 55 Cent für »Bil-
dungswesen« vorgesehen. ANNA MAYR

Torten der
Ein Gespräch mit dem Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoğlu, über das Virus,
die Pressefreiheit und die Handynummer des Staatspräsidenten Wahrheit
VON K ATJA BERLIN

Wie beschreibt man in Zeiten von Corona die­ ZEIT: Das eine sind die Daten und die erkrank- Imamoğlu: Wir sorgen zum Beispiel dafür, dass Imamoğlu: Natürlich ist es in einer Pandemie
Stimmung in einer 16-Millionen-Stadt? Einer Stadt, ten Menschen – was macht Ihnen noch Sorge? 750 öffentliche Gebäude regelmäßig desinfiziert unmöglich, alles perfekt zu machen. Die Men-
die nie schläft, in der alles zu haben ist, jederzeit, Imamoğlu: Dass viele Menschen derzeit ihr Ein- werden. Wir tun alles in unserer Macht Stehende, schen haben aber ein Bedürfnis nach In­for­ma­ Wer schuld daran ist, dass wir
zumindest für die, die dafür bezahlen können? kommen verlieren. Da der Gesundheitsbereich um unseren Beitrag zum Gesundheitssystem zu tion und hinterfragen auch einiges. So gibt es gerade nicht in Fitnessstudios gehen
Vielleicht beschreibt man die Atmosphäre am b­ esten komplett dem Ministerium unterliegt, sich also leisten, so bringen wir Pflegekräfte in derzeit leer etwa die Einschätzung, dass das Verhältnis von
mit einem Bild. Ende März postete der türkische außerhalb unserer Entscheidungsgewalt befin- stehenden Hotels unter, damit sie nach ihrem Infektionszahlen zu geheilten Infizierten und
Gesundheitsminister ein Foto der berühmten Gala- det, konzentrieren wir uns als Stadtregierung auf Dienst nicht den oft sehr langen Weg nach Hau- Todesfällen kaum mit den Vergleichswerten an-
ta-Brücke. Wo sonst dicht an dicht die Angler ste- die sozialen Folgen der Krise. In normalen Zei- se antreten müssen. Wir verpflegen sie da auch, derswo auf der Welt in Einklang zu bringen ist.
hen, Istanbuler und Touristen spazieren gehen und ten bekommen ungefähr 230.000 Familien in das sind etwa 1500 Menschen. Doch eine der ZEIT: Laut New York Times sind im März und
verweilen, sieht man: Leere. Der Minister bedankte Istanbul Hilfsleistungen der Kommune. In den wichtigsten Maßnahmen wäre eine Ausgangs- April 2100 Menschen mehr in Istanbul gestor-
sich bei den Menschen, dass sie den Empfehlungen letzten 15 Tagen ist die Zahl der Familien, die sperre. Wir haben unzählige Male gesagt, dass ben als sonst üblich.
der Regierung folgten. solche Hilfen beantragt haben, auf mehr als wir sie brauchen. Aber darüber entscheidet allein Imamoğlu: Über unsere Internetseite kann jeder
Und was sagen die Menschen? Einige sagen: Wie 600.000 gestiegen. Das ist eine heftige Zahl. die Regierung. Es gab zwar Ausgangssperren, nachvollziehen, wie viele Menschen sterben. Corona
schön die Stadt plötzlich ist, diese Hauptstadt der ZEIT: Als Bürgermeister der wichtigsten Stadt in aber bislang nur an zwei Wochenenden. Beim Und wenn wir uns diese Zahlen anschauen, se-
Ellenbogen und der Herzlichkeit. Man kann ihre der Türkei sprechen Sie wahrscheinlich ständig ersten Mal verlief es sehr unglücklich ... hen wir, dass es da einen dramatischen Anstieg »Corona«
Schönheit oft vor lauter Menschen gar nicht er- mit der Regierung in Ankara. Haben Sie eigent- ZEIT: ... das Innenministerium hatte sie mit nur gibt. Wir erhalten die Totenscheine, aber erfah-
kennen. Aber da ist auch Traurigkeit, sie so verlas- lich die Handynummer von Präsident Erdoğan? zwei Stunden Vorlauf verkündet. Die Menschen ren nicht, ob dieser oder jener Kranke an Co-
sen zu sehen – jetzt im Frühjahr beginnt Istanbul Imamoğlu: (lächelt) Nein, die habe ich nicht. stürmten daraufhin in die Supermärkte und Bä- vid-19 gestorben ist. Das sollte das Ministerium Was für Deutsche bei einer
sich normalerweise mit Touristen zu füllen. Viele ZEIT: Wie oft konnten Sie ihn seit Beginn der ckereien, es bildeten sich lange Schlangen ... wissen und auch den Grund für den Anstieg der Maskenpflicht im ÖPNV noch
Menschen leben vom Tourismus. Und so gesellt sich Corona-Krise sprechen? Imamoğlu: ... dabei ist es fraglich, ob zwei Tage Todeszahlen erklären können. Wir haben dem ungewohnt ist
zur Traurigkeit die Angst, wie es weitergehen soll. Imamoğlu: Gar nicht. Ich habe dreimal um einen überhaupt etwas bringen. Die Stadt Istanbul hat Gesundheitsminister mitgeteilt, dass wir darüber
Die Regierung hatte das Zuhausebleiben empfoh- Termin beim Präsidenten gebeten, man hat sich einen eigenen Wissenschaftsrat zu Corona ein- informiert werden wollen.
len, nach und nach verfügte sie Reise- und Kon- nicht zurückgemeldet. berufen. Diese Experten sagen uns, die Men- ZEIT: Haben Sie eine Antwort erhalten?
taktbeschränkungen, aber keine Ausgangssperren ZEIT: Die Krise hat einige Konflikte zwischen schen sollten wenigstens zwei Wochen zu Hause Imamoğlu: Bis jetzt noch nicht.
wie in Spanien oder Italien. Die gab es zuletzt nur der Zentralregierung und manchen Bürgermeis- bleiben. Wir wiederholen daher unsere Forde- ZEIT: Als Sie zum Bürgermeister gewählt wur-
für unter 20-Jährige und über 65-Jährige. Heißt: tern offenbart, die der Op- rung nach einer Ausgangs- den, lautete Ihr Wahlslogan: »Alles wird sehr
Wer Arbeit hat, soll arbeiten. positionspartei angehören. sperre. Solange es nur eine schön werden«, man konnte das auch auf die
Ein Leben im Krisenmodus ist in Istanbul ja nichts Beispielsweise hatten Sie Empfehlung gibt, zu Hause Stärkung der Grundrechte beziehen, auch auf
Neues, vielleicht wirken deshalb viele Menschen so eine Spendenkampagne für »Istanbul ist zu bleiben, sehen wir etwa die Pressefreiheit. In der Türkei sitzen derzeit
gelassen. Oder sie wollen so wirken. Und sie versu- Bedürftige ins Leben geru- 15 Prozent der Istanbuler mehr als hundert Journalisten im Gefängnis. die Maske
chen, das Schöne zu erkennen. Wie etwa, dass nun fen – und haben deshalb das Zentrum der draußen. Das bedeutet 2,5 Nun haben Sie selbst drei regierungsnahe Jour- der ÖPNV
wieder häufiger Delfine im Bosporus zu sehen sind,
seit kaum noch Schiffe durch die Meerenge fahren.
eine behördliche Untersu-
chung am Hals. Präsident
Corona-Krise in bis 3 Millionen Menschen.
ZEIT: Warum verfügt An-
nalisten angezeigt (die Imamoğlus Werben für
eine allgemeine Ausgangssperre mit dem Putsch- ANZEIGE
Ekrem Imamoğlu, einer der populärsten Oppo­si­tions­
poli­ti­ker, ist seit bald einem Jahr Bürgermeister der
Erdoğan sagte: »Es geht
nicht darum, dem Volk zu
der Türkei« kara keine Ausgangssperre?
Imamoğlu: Mir wurde kein
versuch 2016 gleichgesetzt hatten, Anm. d.
Red.). Ist Journalismus, der Sie kritisiert, ein
Metropole. Die Wahl hatte er 2019 gleich zwei- helfen, sondern eine Show Grund genannt. Verbrechen?
mal gewonnen. Die erste wurde nach einem Ein- abzuziehen«, er sprach von ZEIT: Wie, meinen Sie, Imamoğlu: Die Pressefreiheit ist in unseren Au-
spruch der Regierungspartei AKP von Staatspräsident einem »Staat im Staate«. Wie erklären Sie sich wird es weitergehen? gen so wertvoll wie die Luft zum Atmen. Aber
Erdoğan annulliert. Beim zweiten Durchgang ge- diese Aus­ein­an­der­set­zung? Imamoğlu: Nach allen uns zugänglichen Daten Journalismus bedeutet nicht, einen Menschen
wann Imamoğlu noch mehr Stimmen. Das Gespräch Imamoğlu: Wir sind als Stadtverwaltung eine In­ würde ich vorsichtig vermuten, dass sich die Lage zum Terroristen zu erklären. Wer so etwas macht,
mit ihm findet per S­kype statt, der Bürgermeister sti­tu­tion des Staates, es ist unsere Pflicht, dem Mitte oder Ende Juni bessert. Als Bürgermeister tut nur so, als sei er ein Journalist, dabei tritt er
sitzt in seinem Büro, an der Wand hinter ihm hängt Bürger zu dienen. Unser Handlungsspielraum ist sorge ich mich nicht nur um die Gesundheit der die Würde eines Menschen mit Füßen. Wie oft
ein großes Porträt des Staatsgründers Atatürk. klar in der Verfassung abgesteckt, und eine unse- Bürger, sondern auch um die Zukunft der Stadt. bin ich von anderen Journalisten schon kritisiert
rer Aufgaben ist es, das Wohlstandsniveau der Ich denke, wir werden ein bis anderthalb Jahre worden und habe niemanden von ihnen ange-
DIE ZEIT: Herr Bürgermeister, wie schwer hat Bürger hoch zu halten. Zu helfen und dafür zu mit den wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen ha- zeigt. Aber ich habe ein Recht darauf, mich ju-
das Coronavirus Istanbul getroffen? sorgen, dass keiner unter die Räder gerät. Des- ben. Die Welt wird nicht mehr die alte sein. ristisch zu verteidigen.
Ekrem Imamoğlu: Keine Frage, Istanbul ist das halb besteht aus unserer Sicht kein Grund für ZEIT: Teilt die Regierung in Ankara dies der ZEIT: Wird denn immer noch alles schön wer-
Zentrum der Corona-Krise in der Türkei. Aber eine Aus­ein­an­der­set­zung. Derzeit gibt es eine Bevölkerung hinreichend deutlich mit? den? Und wenn ja: wann?
wir haben keinerlei Daten über die Lage in unse- Untersuchung, ja, ich habe deshalb beim Innen- Imamoğlu: Natürlich müssen die Regierenden Imamoğlu: Nun, »Alles wird sehr schön werden«
rer Stadt. Ob es um Dia­gno­sen geht, die Zahl der minister und beim Gesundheitsminister angeru- der Gesellschaft transparent vermitteln, was uns ist eine Geisteshaltung, die Hoffnung nährt. Un-
Behandlungen oder andere Themen – alle Infor- fen und erklärt, dass das jeder Grundlage ent- erwartet. Die Lage zu beschönigen kann am sere Gesellschaft braucht diese Hoffnung. Sie
mationen unterliegen der Kontrolle des Gesund- behrt. Aber natürlich konnten sie mir nichts ant- Ende zu noch mehr Enttäuschung führen. Kri- braucht das Gefühl von Gleichheit, von Gerech- Das Politikteil
heitsministeriums in Ankara. Und das gibt nur worten. Auch dürfen Stadtverwaltungen, die von senmanagement lebt vom Kompromiss, von ge- tigkeit, von angemessenem Lohn; das Gefühl,
Illustration: Lea Dohle

Am Ende der Woche sprechen


Zahlen für die gesamte Türkei heraus. Wir schät- der Regierungspartei AKP geführt werden, Maß- meinsamen Überlegungen, von Transparenz. Da recht bekommen zu können. Sie braucht den wir über Politik. Der neue Podcast
zen, dass wenigstens 60 bis 65 Prozent der tür­ nahmen ergreifen, die uns Bürgermeistern der macht die Regierung leider keine gute Figur. Glauben daran, dass sich die Dinge wirklich än- der ZEIT – jeden Freitag unter:
kischen Corona-Infizierten in Istanbul leben. Opposition verboten werden. ZEIT: Der Gesundheitsminister tritt oft vor die dern lassen.
Diese Einschätzung hat auch der Gesundheits- ZEIT: Was tun Sie denn als Bürgermeister, um Kameras und teilt neueste Entwicklungen und www.zeit.de/politikpodcast
minister kürzlich bestätigt. die Ausbreitung des Virus einzudämmen? Zahlen mit. Das überzeugt Sie nicht? Die Fragen stellte Özlem Topçu
8 POLITIK 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Schwarzes Meer
Erdöl war ein Machtmittel. Heute verliert es dramatisch an Wert. Geht die fossile Weltordnung zu Ende?  VON MICHAEL THUMANN

A
m 9. April um 19.55 Uhr Zehnfachen davon gelegen hat. Die Coro- ginn der Pandemie einen Preiskrieg gegen- vin Cramer, der republikanische Senator von chen Flüchtlinge den Weg nach Europa über die
verlässt die Hercules I den na-Krise hat die USA als größten Öl-Produ- einander führten. Anfang März zerstritten North Dakota. Der Pakt von Roosevelt und Sahel-Staaten Mali und Burkina Faso, die von
saudischen Ölhafen Ras zenten der Welt hart getroffen. Flugzeuge, sich Saudi-Arabien und Russland, die bei- König Saud von 1945 verliert in diesen Tagen Dschihadisten- und Bandenkriegen geplagt sind.
Tanura und nimmt Kurs die nicht mehr abheben, Autos, die nicht den größten Ölförderländer nach den USA. seine letzten Unterstützer. Sollte Nigeria in inneren Konflikten zerfallen,
auf die Straße von Hor- mehr fahren, Fabrikschlote, die nicht mehr Da Russland seine Produktion nicht begren- Saudi-Arabien selbst kann sich mit zwei könnte das zu einem geopolitischen Drama wer-
mus. Der Supertanker rauchen: Das Virus entpuppt sich nicht nur als zen wollte, pumpten die Saudis einfach mehr Öl Fakten trösten. Erstens geht es seinem ewigen den – mit unmittelbaren Folgen für Europa.
durchpflügt die Meeren- Bedrohung der Menschheit, sondern auch als auf die Märkte, um den Russen das Geschäft zu Rivalen am Golf nicht besser – der Iran steht Für viele europäische Staaten jedoch wird die Zu-
ge mit 12,1 Knoten, ver- Feind des Öls. Denn wo die Produktion weit- verderben. Ein Kampf der Scheichs gegen die Oli- unter dem doppelten Druck von US-Sanktio- kunft der Petrosupermacht im Osten des Kontinents
rät die Internetseite MarineTraffic. Es ist eines gehend stillsteht, sinkt die Nachfrage nicht garchen, in dem beide Milliardensummen verlo- nen und niedrigen Ölpreisen. Zweitens verfü- am wichtigsten sein. Russland ist für sie Rohölquelle
der größten Schiffe der Welt und hat rund zwei nur, sie rauscht ins Bodenlose. ren. Als sich Russen und Saudis Mitte April end- gen die Saudis über einen gigantischen Staats- und Bedrohung zugleich. Das Land beliefert viele
Millionen Fass Rohöl an Bord. Das ist fast so Natürlich, wenn die Weltwirtschaft wieder lich auf Produktionskürzungen einigten, war es zu fonds in Höhe von einer halben Billion Dollar, EU-Staaten, auch Deutschland, mit Öl und Gas –
viel, wie ganz Deutschland an einem Tag ver- anspringt, wird auch kurzfristig mehr Öl ver- spät. Da hatte die Corona-Krise die Weltwirtschaft das Sparbuch der Nation, von dem sie noch und führt mit dem Geld Kriege. Wladimir Putin hat
braucht. Es geht weiter in Richtung Kap der braucht werden. Wohlgemerkt: kurzfristig. schon zum Erliegen gebracht – und damit den­ eine Weile zehren können. Doch die Zeit für im vergangenen Jahrzehnt viel von einer Wirtschaft
Guten Hoffnung, bei Redaktionsschluss am Die Corona-Krise beschleunigt mit Wucht Ölkreislauf. die großen Pläne von Kronprinz Mohammed jenseits des Öls gesprochen, aber nichts dafür getan.
Montag fährt der Tanker an der südafrikani- eine Entwicklung, die bereits vor der Pande- Die globale Krise trifft die Amerikaner unter bin Salman, sein Land zu modernisieren und »Die offizielle Doktrin unseres Landes ist die Kon-
schen Küste entlang. Ziel ist der amerikanische mie einsetzte und deren Folgen danach in ih- den großen Förderländern in dieser ersten Phase unabhängiger vom Öl zu machen, wird knapp. zentration auf fossile Energien«, klagt Michail Kru-
Hafen von Galveston-Houston in Texas. Doch rer ganzen Dramatik erkennbar werden: Die am härtesten. Die US-Ölindustrie ist privat, sie Viel Geld, das für Investitionen reserviert war, tichin von der Beratungsfirma RusEnergy. Ein Drit-
ob die Hercules I ihre Fracht dort wie geplant Weltordnung, in der das Verbrennen von Erd- kann sich nicht im gleichen Maße auf Subventio- dürfte bald für die Unterstützung und Einstel- tel der Steuereinnahmen speisten sich direkt aus Öl,
am 22. Mai entladen kann, ist völlig unklar. öl normal war und sich politische Macht auf nen und Staatsfonds verlassen wie die großen rus- lung junger Menschen nötig werden. Schon und die fielen bei einem Preis unter 50 Dollar pro
Denn die Vereinigten Staaten brauchen derzeit fossile Rohstoffe gründete, geht zu Ende. Die Erd- sischen und saudischen Konzerne. Im April ging heute gibt der Staat die Hälfte seines Etats allein Fass weg. Russland könne das nicht ausgleichen,
kein Öl aus dem Ausland. So wie die Welt in diesen erwärmung, der Aufschwung erneuerbarer Ener- einer der größten Produzenten von Schieferöl für Gehälter aus. Hinzu kommen die enormen sondern nur in die Ersparnisse greifen, in den Staats-
Tagen überhaupt wenig davon braucht. Aber das gien, die Dekarbonisierung der Wirtschaft – all pleite, das durch Aufbrechen von Gestein (Fra- Kosten des Jemen-Krieges. fonds von gut 125 Milliarden Dollar. Der reiche laut
Öl ist bestellt. Zwanzig solcher Supertanker sind in dies hatte den Stellenwert des Öls schon vor der cking) gewonnen wird. Für Donald Trump, der Deutlich dramatischer ist die Lage bereits Finanzministerium höchstens noch für zwei Jahre.
diesen Tagen mit rund 40 Million Fass Rohöl aus Corona-Krise beschädigt. Nun könnte das Petro- auch von der Ölindustrie an die Macht gesponsert heute schon im Irak. Neunzig Prozent der »So eine Krise hat Russland seit 1991 nicht er-
Saudi-Arabien unterwegs in die Vereinigten Staa- zeitalter in seine womöglich letzte Phase eintreten. wurde und seither im Amt mit der Kündigung des Staatseinnahmen stammen aus Ölverkäufen. lebt«, sagt der angesehene russische Ökonom Ser-

I
ten. Das macht die amerikanische Regierung und Pariser Klimaabkommens und Privilegien für die Die Regierung in Bagdad kann das Geld für gei Guriev. 1991 zerfiel die Sowjetunion, als Folge
die Behörden in Texas nervös. Denn die Rohöl­ n den vergangenen 150 Jahren richtete sich die Ölkonzerne zurückzahlt, ist das eine Katastrophe. Pensionen, Armenhilfen und Staatsgehälter von Misswirtschaft, Nationalismus und einseitiger
lager der USA mit einer Kapazität von immerhin Welt nach dem Öl und seinem Preis. Krisen Per Fracking wollte Trump die Weltmärkte er- nicht mehr aufbringen. Wer dem Land in der Ausrichtung auf das Öl. Der Petrofluch ist heute
650 Millionen Fass drohen überzulaufen. Viele und Kriege, Aufschwung und Niedergang, obern, jetzt beendet der Weltmarkt das Fracking, Krise beispringt, ist offen. Genauso wie die zurück. Guriev glaubt nicht, dass Russland seine
Schiffe wie die Hercules I werden als Lagerstätte Konsum und Armut, Reisen und Pendeln – weil es sich nicht mehr rechnet. Die Ölplattformen Frage, wer nebenan Syrien wiederaufbauen aggressive Außenpolitik so weiter fortführen kön-
Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT; ZEIT-Grafik: Reuters; thebalance.com; www.eia.gov (u.)

gebucht und schwimmen auf den Ozeanen, ohne die industrielle Moderne hing an diesem Stoff. verwaisen, die Angestellten werden entlassen, aus- kann. Der Nachbar Iran hat kein Geld, Saudi- ne. In der Wirtschaftskrise werde es schwer, der
Ziel, ohne Auftrag und ohne Ahnung, wann sie Diese Ordnung schufen Männer wie die Rockefel- gerechnet in Bundesstaaten wie North Dakota Arabien immer weniger, Europa muss sich erst Bevölkerung anstelle von ausreichenden Renten
ihre Fracht wieder loswerden können. lers, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA oder Texas, die bei der Wahl im Herbst wieder mal selbst retten. Trump hat ohnehin nichts und Einkommen »weiter geopolitische Siege zu
Mitte April wurden bereits 160 Millionen Fass Ölquellen, Raffinerien und Pipelines zusammen- Donald Trump wählen sollen. zu verschenken. Gut möglich also, dass sich verkaufen«, sagt er. Die Russen würden Putin
weltweit in Schiffen auf dem Meer gebunkert. rafften. Oder die Rothschilds, die sich mit den Doch was hier zerbricht, ist größer als eine dschihadistische Milizen in der Zukunft wie- nicht mehr glauben, dass die Kriege in der Ukraine
Ernie Barsamian, Vorstandsvorsitzender von Tank Nobel-Brüdern einen Wettlauf um das Öl am Kau- Wahlkalkulation oder ein Sponsorenverhältnis. der massiv als Arbeitgeber anbieten. und in Syrien sie nichts kosteten. Längst sinkt die
Tiger, einer Lager-Firma, sagt, die großen Schiffe kasus lieferten. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs Eine weltpolitische Konstellation endet, auf die in Das absehbare Ende der fossilen Ordnung Popularität des Präsidenten, der sich künftig mehr
seien ausgebucht. »Was es jetzt noch gibt, sind stellte der Erste Lord der Admiralität, Winston den Krisen der letzten 75 Jahre stets Verlass war: führt zu allererst zu neuer Unordnung, Un- anstrengen muss, sein Land zusammenhalten.
schwimmende Töpfe und Pfannen.« Die Super- Churchill, die britische Flotte von Kohle auf Öl um, die saudisch-amerikanische Freundschaft. Der Pe- übersichtlichkeit und Rivalität. Was den Petrogroßmächten im Gegensatz zu

D
macht USA ersäuft im Öl. Deshalb sieht der repu- um sie schlagkräftiger zu machen und die Deut- tropakt bestand im Wesentlichen darin, dass die früheren Krisen fehlt, ist Hoffnung. Früher verließen
blikanische Senator Ted Cruz aus dem Ölstaat schen zu besiegen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs Saudis das Öl lieferten und die USA die Waffen. iese Gefahr droht auch in Afrika, sie sich darauf, dass Preise fallen und steigen. Diesmal
Texas in zusätzlichen Lieferanten wie der Hercu- begründeten US-Präsident Franklin D. Roosevelt Dazu spannten sie ihren Sicherheitsschirm am wo die Petrogroßmächte Angola ist es anders. Die Kaffee- und Ölsatz-Leser erwarten
les I eine Bedrohung. Seine Forderung an die Sau- und der saudische König Abdel Asis ibn Saud eine Golf auf. Zwar wird Saudi-Arabien in den USA und Nigeria zu neunzig Prozent zumindest bis Ende des Jahres extrem niedrige Preise
dis: »Dreht zum Teufel noch mal eure Tanker um!« Petrofreundschaft, die zum Abstieg des britischen schon seit 2001 von manchen kritisch betrachtet, vom Öl-Export abhängig sind. von rund 20 Dollar pro Fass. Es schwindet die Angst,
Der Schock von letzter Woche sitzt tief. Am 21. Weltreichs beitrug – und in den 1980er-Jahren auch weil die meisten Attentäter des 11. September Sau- Auch politisch waren es bislang vor allem die dass uns der Rohstoff ausgeht. Aber die Befürchtun-
April sank der Ölpreis WTI in den USA kurzfristig die Sowjetunion in den Ruin trieb. Öl befeuerte dis waren, doch waren es zumeist Demokraten, die Öleinnahmen, die etwa das 200-Millionen- gen wachsen, was das Ende des Öls auslösen könnte.
auf minus 40 Dollar, zum ersten Mal in der Ge- ehrgeizige Mächte auf dem Weg nach oben und sich an den Menschenrechtsverletzungen und der Einwohner-Land Nigeria mit über 250 ethni- Die Corona-Pandemie wird nicht so bald vorbei sein,
schichte musste der Besitzer eines Fasses Öl beim trieb andere Staaten ins Verderben. Wer Zugang streitsüchtigen Außenpolitik des Königreichs stör- schen Gruppen und 500 Sprachen zusammen- die Klimakrise erst recht nicht. Diese Gleichzeitigkeit
Verkauf draufzahlen. Inzwischen pendelt sich welt- zum Öl hatte, gewann Kriege und Hegemonie. ten. Nun aber fragen sich superrealpolitische Re- hielten. Bleibt das Geld weg, drohen dem dürfte die Umstellung der Wirtschaft beschleunigen.
weit der Preis des Rohstoffs bei 15 bis 20 Dollar Heute dagegen kämpfen viele Ölunternehmen publikaner: Sind es nicht die Saudis, die mit ihrem größten afrikanischen Land zunächst Wohl- In der postfossilen Weltordnung werden Supertanker
pro Fass ein. Nachdem er vor drei Monaten noch um ihr Überleben. Das konnte nur so schnell ge- Preiskrieg das Fracking zerstört haben? »Die strate- standsverluste, dann Zerfall und der Aufstieg wie die Hercules I wohl nicht mehr den weiten Weg
bei dem Vierfachen und vor fünf Jahren bei dem hen, weil die großen Ölländer ausgerechnet zu Be- gische Allianz, die wir hatten, ist kaputt«, sagt Ke- dschihadistischer Gruppen. Schon heute su- von Saudi-Arabien in die USA fahren.

3 Mrd. Fass haben die westlichen 1. USA


Die zehn größten Ölförderländer der Welt

12,2
Angaben in Millionen Fass pro Tag

6. IR AK 4,7
160 Mio. Fass sind derzeit
Industrienationen als strategische Reserve 2. SAUDIAR ABIEN 11,8 7. V.A.E. 4,0 auf Schiffen unterwegs
eingelagert – die 35 Mitgliedsstaaten 3. RUSSLAND 11,5 8. BR ASILIEN 3,7
der Organization for 4. K ANADA 5,5 9. IR AN 3,2
Economic Development (OECD) 5. CHINA 4,9 10. KUWAIT 2,9
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 POLITIK 9
DER POLITISCHE FRAGEBOGEN

»Für andere zu leben ...«


1 Welches Tier ist das politischste? 19 Ist der Staat ein Mann oder eine Frau?
Wenn ich unsere Katze betrachte, würde Bitte begründen Sie.
ich sagen, die ist ein Idealbild. Sie ist un­ Der Staat ist weder ein Mann noch eine
abhängig von Zuneigung, auch für das Frau, so wie Vater Rhein in Wirklichkeit
größte Stück Zucker würde die sich nicht kein Vater und keine Mutter ist, sondern
auf die Hinterbeine stellen, im Gegen­ ein Fluss.
satz zum Pferd. Die macht, was sie will,
die lässt sich nicht bestechen. 20 Welche politische Phrase
So sind Politiker? möchten Sie verbieten?
Ich sage ja: Idealbild. Sie hat auch einen ... darin sah Norbert Blüm den Sinn seines Daseins. Ich höre nicht gern »Wir müssen die
Nachteil – sie ist nicht gesellig. Nehmen Wenige Monate vor seinem Tod hat er sich unseren Fragen gestellt. Menschen dort abholen, wo sie sind«.
wir doch was anderes. Die Wildsau. Die Eine Phrase, die nach verlorenen Wahlen
geht immer im Rudel oder gar nicht. Die Wir veröffentlichen seine 30 Antworten anstelle eines Nachrufs gängig ist, sie soll sagen: Die Wahlen
hat aber auch einen Nachteil. wurden nicht wegen falscher Inhalte ver­
Ja? loren, sondern weil man sie nicht rüber­
Die schaut immer nur auf den Boden. bringen konnte. Diese Phrase verwech­
Da wär die Giraffe gut, mit Fernblick. selt Wähler mit Kindergartenkindern.
Also, ich sage: eine Mischung aus Katze,
Wildsau und Giraffe. 21 Finden Sie es richtig, politische
Entscheidungen zu treffen,
2 Welcher politische Moment hat auch wenn Sie wissen, dass die
Sie geprägt – außer dem Mehrheit der Bürger dagegen ist?
Kniefall von Willy Brandt? Ja. Wenn ich weiß, dass diese Meinung
Ein Augenblick hat mich beeindruckt. verändert werden kann und verändert
Das liegt jetzt fast 40 Jahre zurück. Der werden muss, bleibe ich bei dem, was ich
Fotos: Jens Grossmann/laif (o. l.); Hannes Jung/laif (o. r.); Konrad Rufus Müller/Agentur Focus (u. l.); Thomas Imo/Photothek/Getty Images (M. r.); Jens Grossmann/laif (u. M.); Ulrich Baumgarten/Getty Images (u. r.)

chilenische Diktator Augusto Pinochet für richtig halte. Dafür gibt’s in der Ge­
war gestürzt, der neue Präsident war ge­ schichte gute Beispiele. Adenauers wei­
wählt und wurde im Stadion von Santiago chenstellende Entscheidungen der Nach­
in der Nacht vereidigt. Ich war da, in dem kriegszeit wären von keiner Meinungs­
Stadion, in dem Pinochet seine Gegner umfrage gedeckt gewesen, weder die
einst eingesperrt hatte. Da tanzten dann Westbindung noch Marktwirtschaft statt
in der Nacht zwanzig weiß gekleidete älte­ Planwirtschaft. Das hat er alles durchge­
re Frauen Walzer mit ihren ermordeten kämpft. Ich bin gegen Politiker, die sich
Männern. Mit anderen Worten: Sie tanz­ erst entscheiden, wenn sie mit dem nas­
ten, als hätten sie jemanden im Arm, hat­ sen Finger die Windrichtung kontrolliert
ten sie aber nicht, sie tanzten ganz allein. haben.
Dann erschien der neue Präsident Patricio
Aylwin im zivilen Anzug an der Hand 22 Was fehlt unserer Gesellschaft?
seiner Frau und wurde vereidigt. Ich habe Großes Wort: Empathie. Wenn wir diese
im Herbst seine Witwe getroffen, darf ich Fähigkeit etwas weiter entwickelt hätten,
das noch erzählen? hätten wir über Flüchtlinge nicht so re­
Ja, natürlich. den können, wie wir über sie geredet ha­
Ich habe sie gefragt: »Was haben Sie da ei­ ben. Da hätten wir Männer und Frauen,
gentlich gedacht, in dem Moment?« Da die geflüchtet sind, weil ihre Kinder ver­
hat sie gesagt, sie habe gedacht: Hoffent­ hungern oder verdursten, nicht als Tou­
lich bleibe ich mit meinen Stöckelschuhen risten bezeichnen können.
nicht im Gras stecken. Und dann sagte sie
meinen Lieblingssatz: »Ich glaube, wir 23 Welches grundsätzliche Problem
waren sehr glücklich.« Ist doch schön, kann Politik nie lösen?
oder? Besonders gefällt mir, dass sie sagte: Den Sinn des Lebens enträtseln. Camus’
»Ich glaube«. Frage »Selbstmord – ja oder nein?« ist die
einzige Frage, über die es sich zu streiten
3 Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik? lohnt. Alles andere sind Nebensächlich­
Ich hab den Wahlabend 1949 schon mit­ keiten. »Selbstmord – ja oder nein?« ist die
bekommen, da war ich 14. Kurt Schu­ Frage nach dem Sinn des Lebens, und die
macher hat mich beeindruckt, ein Kriegs­ beantwortet die Politik nicht. Dafür ist sie
geschädigter, ihm haben ein Arm und ein auch nicht zuständig.
Bein gefehlt, er hat in den Reden ge­ Und wie beantworten Sie die Frage?
schrien, als ginge es um sein Leben. Ich Selbstmord – ja oder nein?
erinnere mich an Konrad Ade­nau­er, der Nein. Das Leben hat einen Sinn.
immer dastand wie Petrus auf den Welcher ist das?
Meeres­wellen, unbeeindruckt. Mit anderen und für andere zu leben.
Oder wenn Sie es weniger ausführlich
4 Wann und warum haben wollen: Liebe.
Sie wegen Politik geweint?
Ich bin tränenarm, ich kann mich nicht 24 Sind Sie Teil eines politischen Problems?
erinnern. Ja. Alte Leute sehen die Vergangenheit zu
rosig.
5 Haben Sie eine Überzeugung,
die sich mit den gesellschaftlichen 25 Nennen Sie ein politisches Buch,
Konventionen nicht verträgt? das man gelesen haben muss.
Im Notfall gönne ich mir, auch gegen Die Bibel.
den Strom zu schwimmen, aber nur im Ein politisches Buch, das man gelesen haben muss? »Die Bibel.« Norbert Blüm beim Besuch einer Schule für gehörlose Kinder in Kabul, Die ist politisch?
Notfall. in seiner Bonner Wohnung, mit Kanzler Helmut Kohl im Wahlkampf 1990, bei einer Kampagnenaktion als Arbeits- und Sozialminister, Das ist das politischste Buch, das ich über­
mit einem einjährigen Jungen im Arm im Irak und in dem Bildband »Licht Gestalten« von Konrad R. Müller (im Uhrzeigersinn) haupt kenne. Da ist alles drin, was das
6 Wann hatten Sie zum ersten Mal Leben zu bieten hat. Kriminalgeschichten.
das Gefühl, mächtig zu sein? Utopien. Wahrheitssentenzen. Spannende
Wahrscheinlich im Kindergarten, wenn Familiengeschichten. Liebeslyrik.
ich den Turm meines Nachbarn umge­
worfen hab. 26 Bitte auf einer Skala von eins bis zehn:
Wie verrückt ist die Welt gerade?
7 Und wann haben Sie sich Und wie verrückt sind Sie?
besonders ohnmächtig gefühlt? Also, die Welt würde ich so bei sieben
Och. Öfter. Auf Kundgebungen zum­ einordnen. Und, tja – wie verrückt bin
Paragrafen 116, dem Streikparagrafen, ich? Bisschen weniger, hoffe ich. Ich­
hat die tobende Masse mich ausgebuht. hoffe, dass ich unterdurchschnittlich ver­
Und ich hatte nicht den Hauch einer­ 11 Könnten Sie jemanden küssen, grund, das nicht dazugehört hat. Ich weiß gung mit Anlauf ist nicht mein Ding, sie rückt bin.
Chance, ein Argument vorzubringen. Das der aus Ihrer Sicht falsch wählt? also, wie unbarmherzig Kinder sein kön­ muss aus dem Bauch kommen.
wollten sie gar nicht hören. Ihre Argu­ Ich will Ihnen ein Geheimnis ver­raten: nen. Ich habe in den zwei Jahren nie die 27 Der beste politische Witz?
mente waren faule Eier, die mir am Kopf Wenn ich jemanden küsse, denke ich nie Schulglocke läuten dürfen, obwohl jede 17 Welche Politikerin, welcher Politiker Kurt Biedenkopf und Norbert Blüm be­
runtergelaufen sind, was kein schönes an die Wahl­urne. Woche ein anderer dran war und wir nur hat Ihnen zuletzt leidgetan? treten eine Kneipe und sagen: »Zwei
Gefühl ist. Ich weiß noch, wie ich dachte: 14 Schüler waren. Diese schwere kindliche Helmut Kohl. Kurze!« Sagt der Wirt: »Das sehe ich
Eigentlich müsst ihr euch schämen. 12 Haben Sie mal einen Freund oder eine Niederlage habe ich vor ungefähr zehn Warum? doch. Und was wollt ihr trinken?«
Freundin wegen Politik verloren? Jahren ausgeglichen. Da war ich wieder in Weil er mit sich und der Welt zerstritten
8 Wenn die Welt in einem Jahr untergeht – Und wenn ja – vermissen Sie ihn oder dem Dorf, beim Bürgermeister, und ich war. Weil er verbittert war. Weil am Ende 28 Was sagt Ihnen das bekannte Bild, das
was wäre bis dahin Ihre Aufgabe? sie? sagte zu ihm: »Ich möchte ein Mal die sein Abschied unverdient nicht gut war. den russischen Präsidenten Wladimir
Sie dürfen allerdings keinen Apfelbaum Ich habe Menschen verloren, weil die­ Schulglocke läuten.« Dann sind wir am Putin mit nacktem Oberkörper und Ge-
pflanzen. politischen Überzeugungen sich unter­ Samstagnachmittag zur Schule, die Glo­ 18 Welche Politikerin, welcher Politiker wehr in der Wildnis zeigt?
Ich würde kurz vor Toresschluss versu­ schieden haben, aber nie einen Freund. cke war inzwischen elektrisch. Und ich müsste Sie um Verzeihung bitten? Macho und Krieg sind ein Geschwister­
chen, Frieden zu schließen mit allen, mit Dann wäre er auch kein Freund. Ein habe den Schalter bedienen dürfen. Das kann ich wie aus der Pistole geschos­ paar. Abscheulich.
denen ich im Streit liege. Freund ist mehr als ein Parteifreund. sen sagen!
15 Welche politische Ansicht Ihrer Eltern Bitte. 29 Wovor haben Sie
9 Sind Sie lieber dafür oder dagegen? 13 Welches Gesetz haben Sie mal ­ war Ihnen als Kind peinlich? Olaf Scholz! Es gab vor vielen Jahren Angst – außer dem Tod?
Theoretisch immer dafür, praktisch oft gebrochen? Meine Eltern hatten keine politischen eine Fernsehdebatte über die Riester- Dass meine Enkel in einer Welt leben, in
dagegen. Als Kind habe ich Kohle aus fahrenden Ansichten. Sie waren politisch unbeleckt, Rente. Da hat er meine Behauptung, der sie ihren eigenen Kopf nicht mehr für
Güterzügen geklaut, weil wir nichts im aber das war mir nie peinlich. Zu einer dass der Riester-Faktor das Rentenniveau eigene Gedanken gebrauchen, sondern
10 Welche politischen Überzeugungen Ofen hatten. Das war natürlich Dieb­ Demokratie gehören auch Menschen, senke, als eine Lüge bezeichnet. Und ein Algorithmus dies für sie übernehmen
haben Sie über Bord geworfen? stahl. Aber das würde ich unter den Um­ die unpolitisch sind. Ich hätte nicht gern zwar so überzeugend! Scholzomatisch! wird. Eine Welt glücklicher Idioten.
Ich finde immer noch, dass man nicht ständen wieder tun. eine Gesellschaft, in der jeder politisch Kaltschnäuzig! Ich bin sicher, die Anwe­
lügen sollte, aber man muss auch nicht abkommandiert wird. senden und die Leute an den Fernsehern 30 Was macht Ihnen Hoffnung?
jedem immer die Wahrheit ins Gesicht 14 Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt dachten: Der Scholz hat recht. So über­ Dass die menschliche Natur dem wider­
schleudern. Ich versuche inzwischen, die oder unbeliebt, und was 16 Nennen Sie eine gute Beleidigung für zeugend hat er ge­logen! sprechen wird. Dass es ein angeborenes
Wahrheit mit der Klugheit zu verbinden. haben Sie daraus politisch gelernt? einen bestimmten politischen Gegner. Und können Sie den nun aus dem Bauch Bedürfnis gibt, Besitzer des eigenen Kop­
Als junger Mann dachte ich, das sei gar Ich war ein Stadtkind, das durch den Eine gute Beleidigung ist ein Augen­ heraus beleidigen? fes zu bleiben.
nicht nötig, man könne und müsse je­ Krieg aufs Land verschlagen wurde. Da blickseinfall. Eine lang geplante politi­ Lügner! Aber das ist keine Beleidigung,
dem die volle Wahrheit sagen. war ich das Kind mit Mi­gra­tions­hin­ter­ sche Beleidigung ist eine Intrige. Beleidi­ das ist eine Beschreibung. Die Fragen stellte Britta Stuff

Norbert Blüm wurde 84 Jahre alt. Während der gesamten Regierungszeit von Helmut Kohl, 1982 bis 1998, gehörte er
als Arbeits- und Sozialminister dem Kabinett an. Der Doktor der Philosophie galt als das soziale Gewissen der CDU
10

Kinder lösen sich nicht in Luft auf, weil


STREIT 29. A P R I L 2020 D I E Z E I T N o 1 9

ihre Eltern gerade den Chef anrufen, zum


Glück nicht. Sie brauchen Zeit und
»Das ist
Zuwendung. Natürlich: Das ist der Job von
Eltern. Aber war es nicht jahrzehntelang
seit 30 Jahren so«
gesellschaftliches Ziel, dass beide Eltern Ich bin Ehefrau, Mutter, Putzfrau, Lehrerin,
auch bezahlte Jobs haben können? Kassiererin. Das bin ich gern. Zusammen mit
Der Beschluss, Kitas und Schulen weiter meinem Mann und meinen vier Kindern
geschlossen zu halten, fiel, obwohl Kinder- wohne ich auf 50 Quadratmetern am Münch-
betreuung für doppelt berufstätige Paare ner Stadtrand. Meine 20-jährige Tochter hat
unmöglich ist. Einer muss also im Job ihr eigenes Zimmer. Zwei Söhne, 17 und elf,
zurückstecken – und wer? Meistens die teilen sich eins. Der zweite der elfjährigen
Frauen. Diese Tendenz zeigt auch eine Um- Zwillinge schläft mit meinem Mann und mir
frage des Wissenschaftszentrums Berlin für im Wohnzimmer. Für eine größere Wohnung
Sozialforschung. Waren wir nicht schon viel fehlt das Geld.
weiter? Sieben Frauen geben Einblicke – In meiner Supermarktfiliale arbeiten viele
und die Managerin Julia Jäkel (Seite gegen- Frauen, die meisten von ihnen sind Mütter.
über) beschreibt, was sie als Rückfall erlebt. Seit die Schulen geschlossen sind, haben wir
Kassiererinnen ein Problem: Wer passt auf
unsere Kinder auf? Und: Wie sollen wir das
mit unserer Mehrarbeit vereinbaren? Eigent-
»Hier herrscht der lich bin ich nur 24 Wochenstunden an der
Kasse. Aber wegen der Pandemie kaufen die
reine Irrsinn« Kunden mehr ein, deswegen arbeite ich­
inzwischen mindestens sechs Stunden mehr,
Es gibt sicher Familien, in denen das partner- auch am Wochenende.
schaftlicher abläuft, aber für mich hat die­ Das Homeschooling meiner Söhne bleibt
Corona-Zeit die Frauenemanzipation um an mir hängen. Zwar ist mein Mann daheim,
Jahre zurückgedreht. In unserer Familie bin weil er berufsunfähig ist. Er hat es im Kreuz,
hauptsächlich ich es – nicht mein Mann –, die eine Folge jahrelanger Arbeit auf dem Bau. Aber
darauf achtet, dass unsere Kinder, sechs, elf sein Deutsch ist nicht so gut. Wir sprechen
und 13 Jahre alt, sich morgens an ihre Schreib- Serbokroatisch miteinander. Manchmal ver-
tische setzen, ich mache Essen und Wäsche sucht er, bei den Matheaufgaben zu helfen –
und muss nebenher sieben Stunden arbeiten. ansonsten sind die Kinder mein Job. Genau wie
Das Unternehmen, in dem ich als Juristin Kochen, Putzen und der Rest des Haushalts.
angestellt bin, hat die komplette Belegschaft ins Das ist seit 30 Jahren so. Ich habe damals und
Homeoffice geschickt. Ich war also eh zu Hause, jetzt nicht darüber nachgedacht, dass man es
als die Schulen dichtmachten. Mein Mann, auch aufteilen könnte. Ich bin es so gewohnt. Gele-
Jurist, kann aus Datenschutzgründen nicht im gentlich kaufen wir zusammen ein. Aber meist
Homeoffice arbeiten. Ich habe nicht den Ein- mache ich das, ich bin ja eh im Geschäft.
druck, dass er sich abends sehr beeilt, zu uns zu Meine Jungs sind auf derselben Schule, aber
stoßen. Hier herrscht der reine Irrsinn. Wenn in verschiedenen Klassen. Das ist besser für
ich morgens in die erste Videokonferenz muss, Zwillinge. Wenn der eine Hausaufgaben hatte,
hatten wir schon die erste Brüllerei. Das Corona- voll beschäftigt war, acht Blätter bearbeiten
Maßnahmen-Gesetz hat in meiner Firma zu musste, war es der andere nicht. Das hat mich
vielen neuen Fragen geführt, die wir rechtlich geärgert. Ich habe mich nicht beschwert, ich
prüfen müssen. Es ist enorm viel zu tun. Wenn versuche es nur zu schaffen. Die Kinder ziehen
ich lese, dass sich im Homeschooling keiner um mit. Wenn ich bei der Arbeit bin, müssen sie
Kinder aus sozial schwachen Familien kümmert, jetzt ihre Aufgaben allein machen. Dann wird
Foto: Courtesy by TOILETPAPER Magazine

denke ich: nicht nur die werden abgehängt. gegessen, dann kontrolliert, dann in einem
Unsere Elfjährige hat letztens eine Woche Corona-Tagebuch aufgeschrieben, was sie heu-
lang brav ihre Lateinaufgaben zum Imperativ te gelernt haben. Das habe ich mir ausgedacht,
abgearbeitet und fragt dann am Sonntag: Was sonst verliere ich den Überblick.
ist ein Imperativ? Hat ihr keiner erklärt. Mein
Mann regt sich wie ich darüber auf, dass Lehrer Tomas G., 48, aus München ist Kassiererin
die Kinder nur mit Arbeitsmaterial zuschütten
und die Stoffvermittlung den Eltern überlassen.
Für ihn ist das ein politisches Problem, für mich
ein praktisches – denn ich habe mich schon
immer um Schulsachen gekümmert. Vor Coro- »Es wird immer Mama

Das Patriarchat lebt!


na war ich am späteren Nachmittag zu Hause,
jetzt bin ich immer hier, aber habe nie Zeit. Dass
meine Kinder rückblickend über diese Wochen
gerufen, nie Papa«
denken werden: War ja auch ganz schön, damals »Mama, schnell Pipi!«, rief meine Zweijähri-
mit Mama zu Hause, ist völlig ausgeschlossen. ge, und ich rannte weg vom Computerbild-
schirm, wo in einer Videokonferenz neun
Julia, 45, aus Berlin ist Juristin Mütter darauf warteten, dass ich meiner
Tochter aufs Klo geholfen haben und mit
Die Corona-Krise zwingt Familien, ihre Kinder noch für Monate zu Hause zu betreuen. dem Rückbildungskurs beginnen würde.
Für viele berufstätige Frauen bringt das eine böse Erkenntnis mit sich: Wenn es drauf ankommt, ist es Als Familienbegleiterin berate ich Mütter mit
Baby. Die berufliche Selbstständigkeit habe ich
»Welcher schnell vorbei mit der Emanzipation. Woran liegt das? Berichte aus dem Stresstest Homeoffice mir hart erarbeitet, alle Kurse waren ausgebucht.
Dann kam Corona.
Mülleimer, Mama?« Seit März bin ich mit drei Kindern allein zu
Hause, zwei, neun und elf Jahre alt. Ich koche,
Neulich kam ich vom Einkaufen nach Hause,
da riefen mein Mann und mein 17-jähriger
»So läuft wenigstens »Ich vermisse eine »Sein Arbeitgeber putze, wasche, erkläre Mathe und gebe meine
Kurse online, während meine Jüngste vor der
Sohn vom Balkon: »Hungeeeer!« Der Früh-
stückstisch war nicht gedeckt, die Eier nicht
ein Business« ehrliche Debatte« zeigt kein Verständnis« Webcam turnt. Mein Mann sagt: »Warum tust
du dir das an? Lass die Kurse doch jetzt sein.«
gebraten, der Kaffee nicht gekocht. Seit Coro- Bis vor Kurzem habe ich Yoga und Ayurveda Ich bin Juristin, keine Virologin, ich kann Vor Corona hatte ich mit einer Kollegin ein Aber mein Job ist mir wichtig. Ich will nach
na fühle ich mich wie im Neandertal! »Mama, unterrichtet, neuerdings sind es Mathe und nicht beurteilen, ob es richtig ist, Kitas bis Modelabel, war selbstständige Fotografin und Corona nicht beruflich von vorn anfangen.
mach Essen!«, »Frau, wo sind meine Socken?«. Deutsch für die dritte und fünfte Klasse. Meine Sommer zu schließen. Was mich aber irritiert, Mutter – mein Freund arbeitete in einer Fest­ Als Chirurg gilt mein Mann als system­
Dabei arbeite ich Vollzeit weiter, eine Woche Töchter sind acht und zehn Jahre alt. Mein ist die Selbstverständlichkeit, mit der das ver- anstellung. Seit Corona bin ich noch stärker als relevant, aber so richtig viel zu tun hat er nicht.
zu Hause, eine im Büro. Mein Mann arbeitet Mann hat eine Firma zur Herstellung von Des- kündet wurde. Als hätte dies nicht massive Mutter eingespannt – mein Freund arbeitet Momentan operieren sie nur Notfälle. Trotzdem
sonst im Ausland, jetzt führt er seine Videokon- infektionsgeräten. Er ist jetzt natürlich gefragt. Konsequenzen für Familien. Als hätten wir weiter wie zuvor. Als Selbstständige könne ich ist er in Tag- und Nachtschichten in der Klinik.
ferenzen vom Esstisch aus. Ich bin trotzdem die Bei mir ist es umgekehrt: Meine Jobs bleiben in nicht seit Jahrzehnten auf die Berufstätigkeit mir meine Zeit halt besser einteilen, sagt er. Und ich kümmere mich um die Kinder. Ich bin
Einzige, die kocht, einkauft, die Putzfrau ersetzt der Krise aus, ich muss darum fürchten, alles zu von Müttern hingewirkt. Selbst als der Chef meines Mannes Corona- ja gerade eh zu Hause – normalerweise gebe ich
und die Wäschehilfe. Meine betagte Mutter verlieren, was ich in den vergangenen sieben Ich höre jetzt oft: »Es ist halt gerade für alle positiv getestet wurde und wir in Quarantäne meine Kurse in einem angemieteten Raum.
muss ich auch noch versorgen. Mein Mann Jahren aufgebaut habe. Zuerst habe ich überlegt, hart.« Aber wir reden doch hier nicht über eine waren, habe primär ich unsere Dreijährige be- Wirklich angezweifelt haben wir diese Auftei-
räumt auch mal die Küche auf, aber meist erst auf Online-Kurse umzustellen. Aber wie soll ich Frage des Engagements – sondern über ein Ding treut. Auch wenn ich sie abgebe, sucht sie mich lung bisher nicht. Es war immer klar, dass er
zwei Stunden nach der Mahlzeit. Da muss ich Ruhe und Achtsamkeit vermitteln, wenn meine der Unmöglichkeit! Meine Zwillinge werden im ständig, ich kann nicht konzentriert arbeiten. Hauptverdiener ist, er kann nicht einfach ent-
Protokolle von Miriam Dahlinger, Stefanie Flamm, Sarah Levy, Charlotte Parnack, Stefanie Witterauf

mich zusammenreißen, es nicht vorher zu über- Töchter im Hintergrund wuseln und die Spül- Mai zwei. Wenn sie um mich sind, kann ich Ich müsste gerade mit meiner Kollegin den Um- scheiden, weniger zu arbeiten. Ich habe ihm
nehmen. Mein Sohn ist Meister im Aussitzen. maschine rattert? Stattdessen halte ich meinem keine Sekunde konzentriert arbeiten. zug unseres Lagers organisieren – aber kaum auch nie das Gefühl gegeben, dass er zu Hause
Neulich habe ich ihn fünfmal gebeten, den Müll Mann den Rücken frei. Inzwischen kommt er Mein Mann und ich haben uns schon vor quengelt meine Tochter, bin wieder ich es, die bleiben soll, bisher kriege ich ja alles hin. Wenn
rauszubringen. Irgendwann habe ich ihm den nur noch zum Essen aus dem Kinderzimmer, Corona die Betreuung geteilt. Aktuell wechseln das regeln muss. Es ist, wie wenn das Kind krank er da ist, geht er einkaufen, räumt die Spülma-
vollen Mülleimer vor die Zimmertür gestellt, er wo er sich ein Büro eingerichtet hat. Ich mache wir uns alle 1,5 Stunden ab. Ich weiß, dass das ist: Da kümmern sich auch meist die Mütter. schine aus, saugt zweimal die Woche durch.
ist stundenlang einfach drübergestiegen. »Wel- ihm keinen Vorwurf, ich mache das gern. So noch Luxus ist. Lange nicht alle Familien kön- Über unsere Rollenaufteilung haben mein »Mama, darf ich zocken?«, »Mama, mir ist
cher Mülleimer?«, fragte er. läuft wenigstens ein Business. nen – oder wollen – sich die Betreuung so auf- Freund und ich schon vor Corona viel diskutiert, langweilig!«, »Mama, ich vermisse meine Freun-
Männer sind besser darin, ihren eigenen Die Schulen behaupten, die Kinder könnten teilen. Und doch bleibt die Aufgabe Wahnsinn: weil sie nicht immer fair war. Durch die Krise de«. Es wird immer »Mama« gerufen, nie »Papa«.
Bedürfnissen zu folgen. Sie schieben Aufga- die Aufgaben selbstständig schaffen. Aber ohne Die Zwillinge wachen um 5.30 Uhr auf, ab da hat sich das hochgeschaukelt. Die ersten drei Die Kleine muss ständig umgezogen werden,
ben auf, bis sie jemand anderes erledigt. Die mich würden sie gar nichts machen. Seit wir alle brauchen Sie volle Betreuung durch einen von Jahre habe ich unsere Tochter betreut und nur gefüttert, beschäftigt. Sie akzeptiert den Papa oft
meisten Frauen, die ich kenne, haben es gern zu Hause sind, bin ich nur noch am Putzen, uns, die Arbeit bleibt liegen. Dabei schrumpft gearbeitet, wenn sie geschlafen hat. Seit einem nicht. Diese Woche hat mein Mann Nacht-
schön. Ich auch. Wir kümmern uns wirklich Kochen und Lehrerin-Spielen. Mein Mann ist das Pensum ja nicht. Ich habe Drittmittel- halben Jahr ist sie im Kindergarten. Um sie auch dienst, tagsüber schläft er. Als wir die Schulauf-
um alles. Das geht nach hinten los. Hauptverdiener, die Hausarbeit war schon projekte, außerplanmäßige Lehrveranstaltun- mal abzuholen, müsste mein Freund früher gaben für die nächsten Wochen bekommen
Letztens forderten mein Mann und mein vorher meine Aufgabe. Ich wollte das so. Würde gen, Autorenaufträge und muss digital meine Feierabend machen. Dafür zeigt sein Arbeitgeber haben, war ich erst mal verzweifelt. Jetzt muss
Sohn: »Mach uns einen Plan, was wir am­ ich Vollzeit arbeiten, könnte ich weder dem Job regulären Vorlesungen halten. aber kein Verständnis. Das sehe ich im Bekann- ich neben Job, Betreuung und Haushalt auch
Wochenende so unternehmen können.« Sie noch den Kindern gerecht werden. Weil ich Ich vermisse eine ehrliche Debatte darüber, tenkreis oft: Viele Chefs verstehen nicht, dass noch Lehrerin spielen. Meine Jungs sind gute
fanden alle meine Vorschläge doof. Da bin ich mich entschieden habe, in der Krise beruflich wie das – oder jeder andere Job – mit der Kinder- auch Väter mal daheim bleiben. Dass die Frau Schüler, ich hoffe, dass sie das weitgehend allein
geplatzt. Jetzt habe ich Urlaub und bin zu­ zurückzustecken, bleibt mehr Zeit füreinander. betreuung vereinbar sein soll. Und darüber, dass sich kümmert, wenn das Kind fiebert oder die hinkriegen. Mein Mann sagt: »Wir müssen­
einer Freundin aufs Land geflüchtet. Das hat Abends machen wir jetzt häufig zu viert Spazier- es im Grunde eben nicht vereinbar ist mit dem Kita geschlossen ist, ist gesellschaftlich so ein- gucken, dass wir dich entlasten.« Aber dann
wahrscheinlich meine Ehe gerettet! gänge, das ist der schönste Teil des Tages. emanzipierten Ideal der arbeitenden Mutter. gesessen, da hat sich noch nicht viel geändert. passiert nichts. Wir wissen nicht, wie.

Anne Neuer (Name geändert), 47, aus Frankfurt Sunita Ehlers, 46, aus Hamburg ist Yoga- Elisa Hoven, 37, ist Professorin für Strafrecht Kerstin Rothkopf, 31, aus München ist ­ Sjoukje L., 39, aus Büdingen ist selbstständige
am Main ist Polizistin Lehrerin und Ayurveda-Coach an der Universität Leipzig Mitinhaberin des Modelabels Womom Familienbegleiterin
»Eine Demokratie,
in der nicht gestritten wird, ist keine.«
HELMUT SCHMIDT

29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 STREIT 11

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in der
Männerwelt
Das Virus macht nicht nur die Luft klarer,
sondern auch die Wirklichkeit im Land: Frauen sind viel
weniger weit, als wir gedacht haben  VON JULIA JÄKEL

eit Tagen arbeitet es in mir, ich möchte etwas dazu weiß natürlich, dass die Dinge meist komplizierter ONLINE geschrieben und uns erinnert an eine Gleichzeitig wird mir ganz blümerant, wenn ich mir
schreiben, aber ich traue mich nicht. Schon immer sind als das Faktum per se, es geht aber auch gar nicht »männliche Expertendämmerung«. Sie rief uns die unsere politischen Strukturen genauer anschaue. Die
engagiere ich mich für mehr Frauen in Führung. um SAP. Es geht um mich. Die Nachricht war der Bilder vor Augen, die die Krise dominieren: Die­ Frankfurter Allgemeine Zeitung hat kürzlich der CDU
Nicht immer laut, vor allem versuche ich mich selbst letzte kleine Auslöser, der tipping point, der mich allermeisten Virologen, die Chefs der Kliniken und und ihren nicht vorhandenen Frauen in Führungsposi-
darum zu kümmern. Ich trage Verantwortung für nun doch dazu bewog, diesen Text zu schreiben. Pflege­ein­rich­tun­gen, die vielen Chefärzte, Verbands- tionen eine ganze kluge Seite gewidmet und gefragt:
viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; hier fühle Mir fällt es in den vergangenen Wochen wie chefs, der übergroße Teil der Ökonomen, der G ­ e­ Was wird da nur, wenn nun Ursula von der Leyen weg,
ich mich verpflichtet zu handeln und kann keinem Schuppen von den Augen: Die Corona-Krise, bei der sundheitsminister, die dominanten Ministerpräsi- AKK weg und absehbar auch die Kanzlerin weg ist?

I
die Schuld zuschieben. 46 Prozent der 160 Füh- es um Leben und Tod, um ganze Existenzen von­ denten, 24 der 26 Mitglieder der Nationalakademie
rungskräfte in unserem Verlagshaus, Gruner + Jahr, Familien und Unternehmen geht, macht offensicht- Leopoldina – alles Männer. ch erinnere mich noch gut an das berühmte, iko-
Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT; kl. Fotos (v.o.): Carsten Milbret/kleinespresseteam; Urban Zintel für DIE ZEIT

sind Frauen, die Hälfte unserer Chefredakteure sind lich, wer in Deutschland wirklich, wirklich entschei- Wo sind nur die Frauen hin? Die Soziologin Jutta nenhafte Foto zur Ernennung von Annegret
-innen, Stellvertreterinnen nicht eingerechnet. det. Wie die realen Strukturen sind. Und dass das Ge- Allmendinger hat kürzlich darauf hingewiesen, dass Kramp-Karrenbauer als Verteidigungsministe-
Wir haben das alle gemeinsam hinbekommen, es bot der Diversität offenbar nur an ruhigen Tagen zählt. es vor allem die Frauen sind, die seit Wochen dafür rin. Sie links, rechts die Kanzlerin, in der Mitte
ist genauso das Verdienst meiner männlichen Kolle- Was passiert da gerade? Mir scheint, dass sich in sorgen, dass die Kinder im Home­schoo­ling mitkom- eingerahmt von der Leyen. Die taz schrieb dazu einen
gen. »Unsere« Männer wollen nicht in Monokulturen Zeiten der Krise neue Führungszirkel formieren. Zu- men und der Corona-Alltag mit allen zu Hause­ ziemlich witzigen Text, die Autorin konnte kaum
arbeiten, sondern erfolgreich sein. Und schlaue Frau- erst fiel es mir bei Gruner + Jahr selbst auf. Unser irgendwie läuft. Die also dem Mann den R ­ ücken frei glauben, dass ausgerechnet die CDU – die »Christli- Julia Jäkel, 48,
en ziehen schlaue Männer an und umgekehrt, so ein- »Corona-Kreis«, den wir direkt nach Ausbruch der halten, damit er seinen Mann stehen kann. che Damen-Union« – so viel Frauen-Power an die ist die Vorsitzende
fach kann das manchmal sein. Krise flugs installiert hatten und der sich bis vor Kur- Homeoffice bedeutet für Tausende Frauen gerade Spitze der Politik in Deutschland und Europa ge- der Geschäfts­
Ich wollte mich eigentlich nicht zu dem Thema zem täglich morgens um zehn Uhr zur Videokonfe- vor allem h­ ome und wenig office. Das ist auch deshalb bracht hat. Überschrieben war der Artikel mit der ver- führung von
äußern, denn jetzt ist Krise. Jetzt geht es darum, das renz traf, ist weniger weiblich als sonst bei uns üblich. bitter, weil jetzt Karrieren gemacht werden. Wer mit der gnüglichen Schlagzeile »So haben wir uns das Ende Gruner + Jahr.
Unternehmen gut durch diese Zeit zu bringen, die Ein Drittel der Entscheider sind hier Entscheiderin- Krise gut umgeht, wer dem Druck standhält, wer die des Patriarchats aber nicht vorgestellt«. Inzwischen Das Verlagshaus
Zukunft unseres Verlages zu sichern und zu gestalten. nen. Immerhin, verstecken müssen wir uns nicht. richtigen Prioritäten setzt, wer seine Leute mitnimmt muss man fragen: welches Ende? Die CDU, der ich ist eines der
Es ist ernst. Alles andere, so dachte ich einige Wo- Aber es sind eben nicht die 50 Prozent, die ich sonst und seine Teams lebendig hält, der kann gerade ganz wie der anderen großen Partei wünsche, dass sie wei- größten Europas,
chen lang, wirkt daneben wie »Gedöns«. Die Gefahr, in unseren Führungszirkeln erlebe. besonders auf sich aufmerksam machen. Und diesen ter eine Volkspartei bleibe, fehlt es an einem breiten es bringt über

D
dass man mich missverstehen könnte, schien mir zu Moment verpassen viele Frauen, weil sie – aus welchen weiblichen Unterbau, aus dem überhaupt erst starke 500 Magazine
groß. Denn selbstverständlich geht es jetzt in erster ann nahm ich an einer großen Telefon- Gründen auch immer – zurückstecken. Frauen in Führung hineinwachsen könnten. Denn und Digital­
Linie ums Anpacken. konferenz mit führenden Verlagsvertre- Diese Situation kontrastiert mit einem anderen über Nacht geht so was nun mal nicht. angebote heraus,
Doch dann las ich diese Meldung im Ticker: Jen- tern dieses Landes teil. Politiker wollten Erleben, nämlich wie wohltuend rational und klar So komme ich zu einem für mein Gemüt unge- darunter der
nifer Morgan, seit Oktober Co-Chefin von SAP und hören, wie wir aktuell die Lage er­leben unsere Kanzlerin, nun mal eine Frau, die Krise­ wöhnlich düsteren Zwischenfazit nach sieben Wo- »stern«, »Geo«
damit die erste Frau an der Spitze eines Dax-Kon- und uns ihr Ohr schenken. In der Leitung: aus- erläutert, die Zusammenhänge erklärt, uns alle be- chen Krise: Wie das Virus plötzlich unsere Luft klarer und »Brigitte«
zerns, muss gehen. Der Konzern wünsche sich in schließlich tiefe Männerstimmen. Ich war die einzige hutsam an die ziemlich harten Wahrheiten heran- macht und den Himmel blauer, so werden auch un-
dieser besonderen Krisensituation eine »klare Füh- Frau. In solchen Situationen, auch bei geschäftlichen führt, etwa was die Dauer der Einschränkungen in sere wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitä-
rungsstruktur«, man brauche »klare Anweisungen«, Kontakten, bin ich es gewohnt, immerhin mit ein Wirtschaft und Gesellschaft angeht, und zur Beson- ten offenbarer. Wir Frauen sind so viel weniger weit,
so wird Chris­tian Klein zitiert, der mit ihr zusammen paar anderen Frauen zusammen im Raum zu sein. nenheit ermahnt. Ich höre die Familienministerin als wir es dachten.
als Doppelspitze inthronisiert worden war und von Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg. Franziska Giffey und höre ihr gern zu, ich nehme ihr
nun an alleiniger CEO ist. Die Frau muss gehen, der Ähnliches erleben wir in der öffentlichen Erklä- ab, dass sie die Sorgen der Frauen und Familien wirk- Siehe auch Wirtschaft, S. 20: Warum musste
Mann bleibt. Ich kenne die Hintergründe nicht und rung der Krise. Jana Hensel hat dazu klug auf ZEIT lich im Blick hat und versteht. Das erfrischt mich. SAP-Chefin Jennifer Morgan gehen?

60
ZEILEN
...

LIEBE
Wenn der DHL-Mann zweimal klingelt: Warum die alltäglichen Videokonferenzen unser Leben bereichern  VON PETER DAUSEND

In dem Film Peeping Tom setzt ein psychisch gestörter Ich hingegen liebe Videokonferenzen. Da ich Aus der Menschwerdung des Kollegen ergibt sich Videokonferenz hört nicht genau hin. Er sammelt
Killer wehrlosen Opfern ein Messer an den Hals und meine Chefs immer nur dann Vollidiot genannt ein Kollateralnutzen: Da es ja nun nicht mehr nur Argumente für die nächste Gehaltsverhandlung.
richtet seine Kamera auf ihr Gesicht. Er will nicht nur habe, wenn meine Kinder nicht dabei waren, und um berufliche Professionalität geht, kann man die Auch gescannt zu werden, kann man zu seinem Vor-
ihre Todesangst, sondern auch den entsetzten letzten ich Sprüche nicht aufhänge, kann ich mich da völlig Wohnungen der anderen ein bisschen genauer scan- teil nutzen. Dafür setzt man sich vor eine Bücherwand.
Blick von ihnen einfangen. Nun, manche, die sich zur- angstfrei dazuschalten. Und wenn bei den anderen nen. Gab es die Stehlampe dahinten nicht in schön? Bücherwände gehen immer. Im Bildausschnitt platziert
zeit täglich in Videokonferenzen ihrem Chef stellen Kleinkinder durchs Bild irren, wenn zwischendurch Ist das ein Bild, oder schmieren die sich ihre Wände man Passendes: Thomas Mann, die Dark Comedies von
müssen, mögen sich ein wenig so fühlen wie die Opfer der Teekessel pfeift, das Nudelwasser überkocht und mit Tomatensoße voll und klecksen dann Senf drauf? Shakespeare im Original, Bildbände von Goya und
in Peeping Tom. Etwa wenn der fünfjährige Sprössling der DHL-Mann zweimal klingelt; wenn die Bude, Ist das Ikea, oder kann das weg? Vor allem aber: Sind Mondrian, die neuesten Romane von Jonathan Safran Peter Dausend
dazwischenbrabbelt: »Papa, ist das der Vollidiot, von die man da erblickt, so chaotisch unaufgeräumt aus- das nicht original ­Eames Plastic ­Side Chairs? Und Foer und Virginie Despentes, so was in der Art. Und ist Politischer
dem du immer erzählst?« Oder wenn man vergessen sieht, als würde man selbst dort wohnen, dann fühlt warum kann der sich eine Wohnung mit Dachterras- wenn der Chef das alles in der Videoschalte sieht, denkt Korrespondent
hat, das Plakat mit dem Spruch »Ein Chef ist auch nur man sich seltsam verbunden – der Kollege wird so se leisten, während auf meinen Balkon gerade mal er: Mensch, den Kollegen hab ich wohl unterschätzt. im Hauptstadt-
ein Mensch. Er weiß es nur nicht« abzuhängen. zum Menschen. Hätte man gar nicht gedacht. ein Kasten Bier passt? Der gewiefte Teilnehmer einer Vielleicht sollte ich den mal Kolumnen schreiben lassen. büro der ZEIT

Online mitdiskutieren: Mehr Streit finden Sie unter zeit.de/streit


29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 IN DER ZEIT 12
TITELTHEMA
Keine Angst vor niemand! Pippi Langstrumpf wird 75

ZEITNAH
POLITIK WHO  Die Organisation wird zum FEUILLETON

INHALT
Spielfeld der Konkurrenz zwischen den
USA  Der Präsident hat das mächtigste Gesellschaft  Über den gefährlichen
USA und China  Widerspruch von Willkür und Freiheit
Land der Welt in einen gescheiterten Staat
VON CHRI STIANE GRE FE U ND in der Corona-Krise 
verwandelt 
KE RSTIN KOHLE NBE RG A 21 A 41
A2 VON J E N S J ES S E N

VON G EORG E PACKE R

China  Eine Reportage aus Wuhan, wo Otto Group  Der Vorstandschef TV  Eine ARD-Dokumentation
die Corona-Pandemie begann und die Alexander Birken spricht im Interview zeigt überraschende Seiten der einstigen
Kommunistische Partei den Menschen über die Konsumwünsche der Deutschen Kanzlergattin Hannelore Kohl 
Normalität verordnen will  und die Konkurrenz durch Amazon  22 VON ALE X ANDE R CAMMANN 41
VON XIFAN YANG A3 Nachruf  Zum Tod von
Kinderprogramm 
Krisenpolitik  Wie gut wird die Republik Die »Sendung mit der Maus« lief in Sir Peter Jonas, dem früheren Intendanten
regiert?  der Bayerischen Staatsoper 
den vergangenen Wochen täglich im TV.
4 VON CHRI STINE LE MKE- MAT WEY 41
VON MARIAM L AU Das verdient einen Applaus 
VON INGO MALCHE R 22 1. Mai  »Woran arbeiten Sie gerade?«
Finanzen  Die Wirtschaftsrettung wird
Künstlerinnen, Künstler und Kultur­
teuer. Was können wir uns leisten?  Konzertmanagement  Der Unternehmer schaffende erzählen zum Tag der Arbeit
VON MARK SCHIE RITZ 5 Peter Schwenkow im Gespräch darüber, von ihren aktuellen Projekten  42
Corona und die Folgen  Ein Gespräch wie sich privat finanzierte Kultur in Zeiten
Kolumne  Über den Linden 
Foto: Fu Beimeng

mit Wolfgang Schäuble über Epidemie von Corona retten lässt  24


VON MA XIM BILLE R 44
und Apokalypse  6
Corona-App  Warum die Politik so ­ Film  Denis Côtés »Ghost Town
Italien  Warum der Hausarzt Vincenzo zögerlich handelt  Anthology« 
Leone an Covid-19 starb  VON ANNA MAYR 25 VON K ATJA NICODE M U S A 44
Dinner für zwei in Wuhan VON U LRICH L ADU RNE R 6
Gefährdet die App die Demokratie? Debatte  Der Streit um Achille Mbembe
Türkei  Corona wütet auch in Istanbul. wirft einen Schatten auf
Ein Pro und Contra 
Als Xifan Yang, China-Korrespondentin der ZEIT, und ihre Mitarbeiterin Jiang Huihui (re.) Aber die Regierung Erdoğan schneidet
von Tom Fischermann und die Postkolonialismus-Forschung 
vor zwei Wochen in Wuhan ankamen, hatte kaum ein Restaurant geöffnet. Doch inzwischen die Metropole von allen Informationen ab.
Jens Tönnesmann 25 VON IJOMA MANGOLD 45
Ein Interview mit dem Bürgermeister
sieht es am Ursprungsort der Corona-Pandemie anders aus: Trotz des Verbots, sich zum Essen Ekrem Imamoğlu  7 Pop  Das neue Album »Fetch the Bolt
Serie: Die Erste (15)  Die Engländerin
zu treffen, werden die Bürgersteige zu Gaststätten. Gastronomen stellen Hocker auf Bürgersteige, Felicity Aston durchquerte als erster Mensch Cutters« der Songwriterin Fiona Apple 
Energie  Der Preisverfall beim Öl
von Social Distancing kaum mehr eine Spur. Das sei typisch China, sagt Yang: »Es finden sich kündigt einschneidende weltpolitische den Kontinent Antarktika ohne VON J E N S BALZE R 46
immer tolerierte Wege, Gesetze kreativ zu umgehen«  POLITIK , SEITE 3 Veränderungen an  technische Hilfsmittel  Ausstellung  Das Deutsche Historische
VON MICHAE L TH U MANN 8 VON U RS WILLMANN 26 Museum ehrt Hannah Arendt 
VON THOMAS E . SCHMIDT 46
Der politische Fragebogen 
Wenige Monate vor seinem Tod gab der WISSEN Roman  Téa Obreht »Herzland« 
Politiker Norbert Blüm Auskunft  9 VON SAR AH PINES 47
Bildung  Die Schulen in Deutschland
Sachbuch  Kate Devlin »Turned on.
öffnen wieder. Und schon entstehen
STREIT Intimität und Künstliche Intelligenz« 
ungewohnte Herausforderungen: Wann
VON EVA WE BE R- G U S K AR 48
Das Patriarchat lebt!  In der Krise brauchen Schüler überhaupt einen Lehrer?
ist es schnell vorbei mit der Und wozu? 
Gleichberechtigung. Sieben Protokolle  1
0 VON J EANNETTE OTTO U ND GLAUBEN & ZWEIFELN 
Die Emanzipation schläft!  Das MARTIN S PIEWAK  A 27 Nächstenliebe  Die Fotografin
Foto: Roderick Aichinger für DIE ZEIT

Virus zeigt: In der Wirtschaftswelt sind Johanna-Maria Fritz zeigt ihre Porträts von
Foto: Jonas Wresch für DIE ZEIT

Frühkindliche Pädagogik  In der


Frauen viel weniger weit als gedacht  Obdachlosen  50
Debatte um die Kleinsten wird vergessen,
VON J U LIA JÄKE L 11 Michael Kaib, Vorstandschef der Reemtsma
wie viel sie in der Kita lernen – und
60 Zeilen Liebe  zurzeit eben verpassen. Ein Cigarettenfabriken, im Interview über
VON PETE R DAU S E ND 11 Gespräch mit der Bildungsökonomin seine Hilfsaktion für Wohnungslose  50
C. Katharina Spieß  28

DOSSIER Corona  Mit dem wachsenden Wissen Z – ZEIT ZUM ENTDECKEN

Am Boden Schule auf – und jetzt? Hochstapelei  Der verurteilte Betrüger


Mike Wappler, genannt Milliarden-Mike,
über die Covid-19-Pandemie tauchen neue
Fragen auf – epidemiologische,
Titelthema: Keine Angst vor niemand! 
Warum Pippi Langstrumpf weltweit zum
medizinische und soziale. Ein Update  Vorbild für Frauen wurde 
Carsten Spohrs Karriere ging Überall werden Abiturklausuren geschrieben, und auch für erklärt, wie er es schaffte, als Analphabet
vermögende, gebildete Menschen zu ­ VON K ATHARINA ME NNE , VON NINA PAU E R 51
stets nur aufwärts. Nun wird die Schüler der unteren Klassen soll nach und nach der
blenden. Ein Gespräch hinter Gittern  ANNA- LE NA SCHOLZ U ND
der Lufthansa-Chef vom Virus Alltag wieder beginnen. Doch die Lehrer überlegen schon, VON STE PHAN LE BE RT U ND JAN SCHWE ITZE R 29
So verwalten die Nachkommen von
Astrid Lindgren das Pippi-Erbe 
gebremst  WIRTSCHAFT, SEITE 19 in welche Normalität sie eigentlich zurückwollen  WISSEN , S . 27 STE FAN WILLE KE 13 VON KATRIN HÖRNLEIN 53
Raumfahrt  Zur Internationalen Raum-
station ISS gelangten Astronauten Hausbesuch  Wir treffen Menschen beim
GESCHICHTE jahrelang allein mit russischer Hilfe. Das Videochat in den eigenen vier Wänden.
soll nun anders werden  In dieser Woche: Die Klima-Aktivistin
IN DEN REGIONALAUSGABEN A ZUM HÖREN Serie: Zum 8. Mai 1945 (3)  Wie halten Luisa Neubauer  55
es die Deutschen mit der Erinnerung VON STE FAN SCHMITT  31
ZEIT:Hamburg Bohley – und die Mitschuld des Die so gekennzeichneten
Ein Rektor moderiert in seiner Westens am Rechtsruck  16 Artikel finden Sie an den Nationalsozialismus? Ergebnisse Das Dekameron-Projekt (6)  Als im
Infografik  Die Banane ist nach dem
geschlossenen Schule eine Late- als Audiodatei einer ZEIT-Umfrage  14. Jahrhundert in Europa die Pest wütete,
ZEIT Schweiz Apfel die Lieblingsfrucht der Deutschen. schrieb Giovanni Boccaccio seine
Night-Show  VO N O S K AR PI EG SA 1 im »Premiumbereich« VON CHRI STIAN STA AS 17
Die Corona-Krise wird die Infra- unter www.zeit.de/audio Zeit für einen Blick über den Novellensammlung »Das Dekameron«.
Die Kreuzfahrtbranche boomte struktur des Landes verändern  Obsttellerrand hinaus  32 Wir haben zeitgenössische Schriftsteller
vor Corona – jetzt sucht sie VO N M . DAU M & P. S C H N E E B E RG E R 16 ANZEIGEN IN um eine Neuauflage gebeten. Diesmal:
verzweifelt nach Auswegen  RECHT & UNRECHT Psychotherapie  Im Irak werden erstmals
Der Eishockey-Nati-Coach DIESER AUSGABE EVA MENASSE mit der Erzählung
3 Patrick Fischer ist in Kurzarbeit  Linktipps (Seite 14), Therapeuten an der Universität A 56
VO N KR I STI NA L ÄS KE R
Serie: Meine Urteile (10)  Ein sadisti-
Foto: Ina Niehoff

»Folgeschäden«
VO N WI LLIAM STE R N 18 Museen und Galerien scher Pensionswirt im Märkischen hält sich ausgebildet. Sie sollen einer Generation
Wie Krankenhäuser versuchen,
(Seite 49), Spielpläne von Traumatisierten helfen und den ­ Wie es wirklich ist ...  sich die
den Ausbruch des Virus auf den ZEIT Österreich einen Spielsüchtigen als Sklaven 
(Seite 49), Bildungsange- Turnschuhe zu teilen 
Stationen zu verhindern  Entsteht in der Krise eine neue VON THOMAS ME LZE R 18 Kreislauf der Gewalt unterbrechen 
bote und Stellenmarkt VON JOHANNES LE HNE N 58
VO N N I KE H E I N E N 5 Form des Theaters im digitalen VON ANNA-THE RESA BACHMANN A 33

Die 13-jährige Buch-­ (ab Seite 35)
Die Architekten der Elbphilhar- Raum?  VO N TH O MAS M I E S SGAN G 16
Bloggerin Mirai Mens WIRTSCHAFT
monie planen den Umbau des FRÜHER
träumt von einer Welt, in Schwarzarbeiter fallen derzeit RUBRIKEN
der alle so akzeptiert Kleinen Grasbrooks in ein durch alle Sicherheitsnetze  INFORMIERT!
Lufthansa  Vorstandschef Carsten Spohr
LEO – DIE SEITE FÜR KINDER
Wohnquartier  VO N C . T WI C KE L 13 18 Die aktuellen Themen Leserbriefe 16
werden, wie sie sind VO N S I M O N E B RU N N E R
der ZEIT schon am kämpft um das Überleben seines Konzerns  Titelthema: Keine Angst vor niemand!  Der Zweifel 27
ZEIT im Osten Stephan Hering-Hagenbeck muss Mittwoch im ZEIT- VON CLA AS TATJ E A 19 Warum es das Buch über Pippi Lang-
Eine Deutschlandkarte zu Stimmt’s? A 33
Ein Gespräch mit dem DDR- als neuer Direktor des Tiergartens Brief, dem kostenlosen
SAP  Jennifer Morgan war die erste strumpf, das stärkste Mädchen der Welt, Die Position 35
brutalistischer Architektur Oppositionellen Klaus Wolfram Schönbrunn den Zoo zusperren   Newsletter
über 1989, seine Freundin Bärbel VO N VE R E NA R AN D O LF 26 www.zeit.de/brief Chefin eines Dax-Unternehmens. Warum beinahe nicht gegeben hätte. Eine Impressum 44
musste sie nach nur sechs Monaten gehen?  fantastische Geschichte  Sachbuch-Bestenliste 48
Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON ANN - K ATHRIN NEZIK 20 VON ASTRID LINDG RE N 40 Was mein Leben reicher macht 58

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29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 DOSSIER 13

» D E U T S C H L A N D

I S T V O L L E R

S C H W A R Z G E L D ,

D A S W A R I M M E R Foto: Armin Smailovic für DIE ZEIT

M E I N G L Ü C K «

Mike Wappler beim Fotoshooting im Besucherraum der JVA, hinter einer Zimmerpalme sitzend

Der Betrüger Mike Wappler sitzt wieder im Gefängnis. Dort sprach er mit  STEPHAN LEBERT UND STEFAN WILLEKE darüber, wie er es schaffte, als Analphabet gebildete Menschen zu blenden

DIE ZEIT: Herr Wappler, Sie sind 64 Jahre alt und An diesem ZEIT-Gespräch ist vieles ungewöhnlich. heißt und ein alter Freund ist. Carlo sei früher mal Wappler: Das stimmt. Das Buch, das ein Journalist Achtzigerjahren an. Wappler versprach seinen Opfern
blicken auf ein Leben voller Betrügereien zurück. Es fand im Besuchszentrum der Untersuchungshaft- Wärter in Santa Fu gewesen, dem Gefängnis in Ham- für mich geschrieben hatte, habe ich öffentlich Ware und kassierte einen Vorschuss, mit dem er dann
Sie haben, mit Unterbrechungen, mehr als 18 Jahre anstalt in Hamburg statt. In diesem Gefängnis war burg-Fuhlsbüttel. Dort hätten sie sich ken­nen­gelernt. vorlesen lassen. Wenn ich mich sehr anstrenge, verschwand, ohne etwas geliefert zu haben. Er ver-
im Gefängnis gesessen. Bei Ihrer letzten Verurtei- ­Mike Wappler vorübergehend untergebracht, dann Wappler gibt uns Carlos Telefonnummer, »rufen Sie kann ich manche Wörter entziffern und vielleicht kaufte auch prächtige Villen, die ihm nicht gehörten.
lung sagte der Richter, Sie wären »ein richtig guter saß er in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Berlin-Moabit,­ ihn an, der weiß viel über mich«. Aber als wir Carlo auch schreiben. Aber nur sehr kurze Wörter. Es Das gelang ihm, indem er teure Häuser in einem vor-
Unternehmer« geworden, wenn Sie jemals den in der das Gespräch fortgesetzt wurde. Inzwischen später anrufen, will er nicht reden. Er kenne zu viele dauert ewig. nehmen Hamburger Viertel mietete, dem Eigentümer
Schritt in die Legalität gewagt hätten. Bereuen Sie wurde er nach Brandenburg verlegt. Im vergangenen Geheimnisse, sagt er. Und als ehemaliger Bediensteter ZEIT: »Ich liebe Dich«, das kriegen Sie hin? die üppige Miete sofort für mehrere Monate bar über-
Ihre kriminelle Laufbahn manchmal? Dezember wurde er wegen gewerbsmäßigen Betrugs eines Gefängnisses dürfe er darüber nicht sprechen. Wappler: Kriege ich hin. Meine Liebesbriefe sind reichte und das Anwesen in der Zeitung inserierte: zu
Mike Wappler: Ich habe vor Gericht oft erklärt: zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. eben etwas kürzer. verkaufen. Den Interessenten, die sich bei ihm vor-
Es tut mir nicht leid, was ich getan habe. 99 Pro- Ungewöhnlich ist zudem, dass auch Menschen aus ZEIT: Herr Wappler, wir wünschen Ihnen natür- ZEIT: Zahlen bereiten Ihnen keine Mühe? stellten, erzählte er etwas von einem Notverkauf zu
zent der Angeklagten behaupten, dass es ihnen Wapplers persönlichem Umfeld zu Wort kommen: lich ein langes Leben. Aber mal angenommen, Sie Wappler: Natürlich nicht! Was glauben Sie denn, einem Spottpreis, alles müsse sehr schnell gehen. Viele
leidtut, aber diese Leute lügen. Ich bin ein er- eine Anwältin, ein Staatsanwalt, eine zornige Ex- müssten sich über Ihre Beerdigung Gedanken wie ich sonst existieren könnte? Ohne Zahlen zu ließen sich darauf ein, Wappler den gewünschten
wachsener Mensch, und ich weiß, was ich mache. Partnerin, ein Manager. Einige von ihnen erzählen machen. Glauben Sie, dass an Ihrem Grab viele kapieren, kann ich niemanden reinlegen. Ich muss Vorschuss bar auszuhändigen, um sich das Objekt
Da kann es mir doch hinterher nicht leidtun. mehr von diesem Mann, als er selbst preiszugeben Trauernde stehen werden? ja auch ständig Geld zählen. Ein Bankauszug ist unbedingt zu sichern. Dutzende Male wurde er jede
Wenn ich irgendwo einbreche, und dabei kommt bereit ist. Um Wapplers Erzählungen zu überprüfen, Wappler: Das glaube ich schon. Ich habe einen für mich kein Problem. der Villen auf diese Weise los und setzte sich nach
versehentlich ein Mensch um, dann tut es mir haben wir mit vielen Freunden und Nicht-so-sehr- sehr großen Bekanntenkreis. Ich habe früher viel ZEIT: Wissen die Menschen in Ihrem persön­ kurzer Zeit mit dem Geld ab.
natürlich leid. Aber doch nicht bei einer Sache, Freunden gesprochen. Manche dieser Leute sind nicht geboxt, und mich haben im Gefängnis berühmte lichen Umfeld von diesem Defizit? Diese Tricks brachten ihm mehrere Haftstrafen ein,
die ich geplant habe, um mich zu bereichern. Ich unbedingt Kandidaten für das Bundesverdienstkreuz. Boxer besucht. Dariusz Michalczewski, Henry Wappler: Enge Freunde ja, den Angestellten im bis er auf eine andere Masche verfiel. Er bot Kunden
wollte hinterher mehr Geld haben als vorher. Ich Sie sind in einer Welt zu Hause, die weit weg ist von Maske, Regina Halmich, die Klitschko-Brüder. Büro habe ich es nie erzählt. Die bescheißen mich an, gegen ein hohes Honorar Schulden einzutreiben. Er
verstehe auch nie, wenn ein Mann seine Frau be- bürgerlichen Normen, einer Parallelwelt, in der ­Mike Auch Peter Maffay war mal da. Und in Ost- ja, wenn sie wissen, dass ich Dokumente nicht habe, behauptete Wappler, eine Truppe schlagkräftiger
trügt und dann behauptet: Tut mir alles sehr leid. Wappler den Herrscher spielt. deutschland habe ich eine richtige Fangemeinde, lesen kann. Männer unter seinem Kommando, die angeblich auch
Das stimmt einfach nicht. Er hat seinen Spaß ge- Auf den ersten Weggefährten, der allerdings nicht da gibt es einen Mil­liar­den-­Mike-­Fan­club. In Nor- Millionenbeträge zurückholen könnten. So wurde
habt, er hat sie betrogen, und es tut ihm eben so gesprächig ist, treffen wir zufällig für einen kurzen derstedt bei Hamburg habe ich mal eine Lesung Mike Wapplers Spezialität sind Luftgeschäfte. Er ver- Wappler zu einem Inkassodienst für Menschen, die viel
nicht leid. Moment vor den Panzerglasscheiben der Besucher- veranstaltet. Ich hab sie alle abgezockt, so heißt kauft etwas, das er nicht hat. Dann steht er da mit Geld auf dem Konto haben und sich betrogen fühlen.
ZEIT: Keine Reue, nichts? schleuse im Gefängnis. Der Mann hat in einem mein Buch. seinem gewinnenden Lächeln, das ihn weder vor Ge- Auch dabei verlangte Wappler sein Honorar im Voraus,
Wappler: Nein. Ich würde mein Leben noch mal blauen Müllsack frische Wäsche für Wappler dabei. ZEIT: Wir dachten, Sie können weder lesen noch richt noch im Gefängnis verlassen hat, und wickelt
ganz genauso leben. Wappler wird später sagen, dass der Besucher Carlo schreiben. seine Kunden ein. Mit Videorekordern fing es in den Fortsetzung auf S. 14
14 DOSSIER 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

»Deutschland ist voller ...«  Fortsetzung von S. 13 Der Manager ganzen Tag zu Hause herumhängen und nichts Wappler: Ich musste das Spiel beenden. Das ging hereingelegt. Dies sagen seine Weggefährten. Ihnen
erleben. Schillernden Figuren wie mir begegnen am Ende nur noch dadurch, dass ich etwas Irres gegenüber gebe er sich verlässlich und jovial. Er wusste:
und erstaunlich oft wurde ihm vertraut. Manchmal »Mike ist wie ein Fuchs, der auf Beute aus ist. Er die nie. tue. Ich täusche vor, dass ich bei einem Autounfall Es würde für ihn schnell ungemütlich, wenn er etwa
ging es um 100.000 Euro, manchmal um 500.000, riecht Geld«, sagt Frank Volkmer, der sich Wapplers ZEIT: Sind das sparsame Leute? in Belgien tödlich verunglückt bin. den Chef einer Rockerbande übers Ohr hauen sollte.
manchmal um mehrere Millionen, die er angeblich Manager nennt. Der 48-jährige Volkmer hat früher Wappler: Geizige Leute. Die denken ständig da­ ZEIT: Das hat dieser Mann doch nicht geglaubt? Wappler wahre immer die Distanz, sagt der frühere
eintreiben könne – was er aber nicht tat. mit Autos gehandelt und lebt heute von Mieteinnah- rüber nach, wie sie ihr Vermögen verdoppeln Wappler: Doch. Das Problem war allerdings, dass Profiboxer und heutige Trainer Artur Grigoryan.
men. Mit seiner Familie wohnt er in der Lüneburger können. Darauf fahren sie ab, haben es aber gar er mich nach meinem Tod live im Fern­sehen ge­ »Beim Boxen macht ­Mike, was ich sage. Sonst mache
ZEIT: Wie sind Sie als Hochstapler durchs Leben Heide. Fragt man ihn, was es bedeute, Manager von nicht nötig. sehen hat. Ich dachte, der guckt gar kein Fernsehen. ich, was er sagt.« Die bürgerliche Welt, in der Wappler
gekommen, ohne lesen und schreiben zu können? Mil­liar­den-­Mike zu sein, dann antwortet er: »Wir ZEIT: Einsame Menschen? Dann musste ich mir was Neues ausdenken. Ich nach Opfern sucht, ist eine ganz andere: voller kulti-
Wappler: Vor der Führerscheinprüfung habe ich machen Hälfte-Hälfte, wenn sich was ergibt.« Wappler: Zum Teil ja. Da taucht so ein Paradies­ bin einfach wiederauferstanden. Ich habe ihn an­ vierter Menschen, die den Staat um Steuer­geld ge-
600 Fragen und Antworten auswendig gelernt. Ich Wer Wappler verstehen wolle, der müsse sich seine vogel wie ich auf, und ich lade diese Menschen ein. gerufen und so getan, als wäre ich mein eigener bracht haben, aber sich kaum zu helfen wissen, wenn
kann mir Sachen sehr gut merken. Beim Notar Herkunft vor Augen führen, meint der Manager. »Er, Ich nehme sie auf eine Angeltour mit, oder wir Zwillingsbruder. Und die Geschäfte liefen noch sie selbst betrogen werden.
stelle ich mich hin, schaue auf die Papiere, grum­ der kleine Zigeuner, der sie alle mit seinem Einfalls- gehen gemeinsam zum Boxen. So was haben die eine Weile weiter, weil dieser Zwillingsbruder auch
mele was vor mich hin und unterschreibe. reichtum rasiert.« Das erfülle Wappler mit Stolz. Auf noch nie erlebt. Sie sehen eine ganz andere Welt. über den Nazi-Schatz Bescheid wusste. ZEIT: Sie hatten vor sechs Jahren auch mal mit
ZEIT: Grummeln und ein gutes Gedächtnis, das Videos, die Wappler herumschickte, sah ihn der Ich fliege mit ihnen nach Thailand oder nach Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu tun, dem
ZEIT: Das klingt absurd. Welcher Mensch, der es
reicht? Manager glücklich im Bett liegen, von oben bis unten Gran Canaria, und abends beginnt eine schöne langjährigen Mannschaftsarzt des FC Bayern. Was
zu Vermögen gebracht hat und folglich nicht ganz
Wappler: Ich habe mich immer mit Menschen mit 500-Euro-Scheinen bedeckt. Party, bei der 20 bestellte Nutten aufkreuzen und wollte er von Ihnen?
einfältig sein kann, fällt auf eine Geschichte von
umgeben, die mir helfen. Ich habe enge Freunde, Wenn Wappler nicht im Gefängnis sitze, dann nachts auf den Tischen tanzen. Die wohlhabenden einem Zwillingsbruder herein?
Wappler: Das lief über seine Frau Karin, die ich
die mir in vielen Situationen etwas vorlesen und habe er einen Arbeitsrhythmus wie ein Versicherungs- Männer, also meine Kunden, haben meist eine mal bei einem gemeinsamen Auftritt im SWR-
Wappler: So war es aber. Das Gericht wollte es zu­
zum Beispiel am Hotelempfang für mich einche­ vertreter. »Halb acht Frühstück«, habe Wappler stets Frau und Kinder zu Hause. Zuerst sind sie noch Nachtcafé kennengelernt hatte. Müller-Wohlfahrt
nächst auch nicht glauben. Ich musste dafür sechs
cken. Sonst wäre ich aufgeschmissen. Im Restaurant gesagt, »nicht später. Danach muss ich los, zur Arbeit.« etwas schüchtern, aber dann wollen sie mit mir hatte Außenstände, mehrere Millionen Euro. Sein
Jahre in den Knast. In meinem Buch nenne ich die
lasse ich mir vom Kellner die Empfehlung des Tages Mit seinen Geschäftspartnern habe er sich meist in Geschäfte machen. Steuerberater hatte ihn übers Ohr gehauen. Die
Aktenzeichen der Verfahren, sodass jeder Leser
nennen und bestelle sie. Oder ich tue so, als hätte Hotels getroffen, er sei den ganzen Tag im Auto ZEIT: Wo fanden diese Partys statt? Auch bei Ihnen Ehefrau fragte mich, ob ich das Geld zurückholen
diesen Fall nachprüfen kann.
ich meine Brille vergessen. Wenn ich an einem herumgefahren, bis zu 50.000 Kilometer im Jahr. zu Hause, in dem kleinen Ort Hittfeld südlich von kann, und so bin ich nach München gefahren und
ZEIT: Dieser schwerreiche Unternehmer ist nie
Haus mit vielen Bewohnern klingeln muss, merke »Zu mir nach Hause kommt keiner mit dem Geld«, Hamburg? habe mir diesen Berater vorgeknöpft.
zur Polizei gegangen. Warum wurden Sie von
ich mir, wo die Klingel des Menschen ist, den ich habe Wappler gesagt. Wappler: Auch da. Es kamen manchmal 300 oder Ihren Opfern so selten bei der Polizei angezeigt?
ZEIT: Ihre Verbindung zu Müller-Wohlfahrt wurde
besuchen will. Auf dem Handy speichere ich meine Ob Wappler manchmal einsam sei? »In gewisser 400 Leute. Da habe ich auch mal ein Näschen auch in einem Spiegel-Artikel beschrieben.
Wappler: Weil das selber Betrüger sind, Steuer­
Bekannten mit den großen Anfangsbuchstaben Art schon.« Allein zu Hause, das könne er nicht gut. Koks genommen. Auf Alkohol verzichte ich aber betrüger. Das war doch alles Schwarzgeld, das ich
Wappler: Ja. Seine Frau fragte mich, ob ich mir
ihrer Namen ab, LL oder ZZ. Im Moment komme »›Mensch, Frank, du hast ja deine Kinder bei dir‹, vollständig. von denen bekommen habe.
mal die Akten besorgen und ansehen kann. Die
ich aber nicht an mein Handy, nicht hier in der wusste ja nicht, dass ich nicht lesen und schreiben
Haft. Draußen, in Freiheit, ist Whats­App ein kann. So habe ich einen Freund von mir mitge­
Segen für mich: Damit kann ich Audionach­ nommen. Wir haben good guy und bad guy ge­
richten verschicken. SMS kann ich schreiben, aber spielt. Mein Freund war der Seriöse und Elegante,
die sind voller Fehler. Dafür kann ich gut zuhören. » I C H V E R K A U F E A B E N T E U E R « und ich habe zu dem Steuerberater gesagt: »Jetzt
Wenn sich am Nebentisch Leute unterhalten, pass mal auf, du Schwanzlutscher, gib die Akten
kriege ich insgeheim jedes Wort mit. her.« Wir haben in München auch ein Büro ge­
ZEIT: Sie sind Analphabet, haben aber offenbar habt, das Müller-Wohlfahrt für uns gemietet hatte.
vier Ohren. hat er manchmal gesagt.« Wappler jedoch habe nur ZEIT: Wohnt nicht auch Dieter Bohlen in der ZEIT: Sie waren immer auf Menschen angewiesen, Er selbst wohnte ja zur Miete. Er ist Arzt, aber
Wappler: Zwei Ohren für das Gespräch, das ich Frauen, die nie dauerhaft blieben. Weil Wappler so Nähe? die viel Schwarzgeld übrig hatten, und ohne saudumm.
führe, außerdem zwei Ohren für den Nebentisch. oft betrogen habe, traue er auch anderen Menschen Wappler: Der Dieter, natürlich. Den kenne ich gut. Schwarzgeld wäre Ihre Karriere nicht möglich­ ZEIT: Wie kommen Sie darauf?
Das erleichtert mir die Arbeit. Ich kann mich dann kaum noch. Angeblich wollten alle nur sein Geld. ZEIT: Der Betrüger Claas Relotius stammt auch gewesen? Wappler: Er wusste nicht mal, wie ein 500-Euro-
später in das andere Gespräch einmischen und Noch heute landen bei dem Manager und auch bei aus der Gegend. Kennen Sie ihn? Wappler: So ist es. Deutschland ist voller Schwarz­ Schein aussieht. Zu Hause hat er immer das Licht
sagen: »Entschuldigung, ich habe gerade zufällig dem Autor Tim Gutke, der für Wappler die Autobio- Wappler: Nicht persönlich. Aber ich habe von ihm geld, das war immer mein größtes Glück. Wenn brennen lassen, Tag und Nacht, und als ich ihn
mitbekommen, dass Sie Unterstützung benötigen. grafie schrieb und für ihn eine Face­book-­Seite ein- gehört. Sie jemanden betrügen, der Ihnen Schwarzgeld danach gefragt habe, hat er geantwortet: »Ist ja nur
Kann ich helfen?« richtete, Tag für Tag fünf bis sechs Nachrichten ZEIT: Er war Redakteur beim Spiegel und hat jahre­ gibt, dann wäre er ja blöd, Sie bei der Polizei an­ eine Mietwohnung.« Ich habe ihm dann erklärt,
ZEIT: Warum haben Sie nie lesen und schreiben fremder Menschen, die Kontakt zu Wappler suchen. lang Geschichten erfunden. zuzeigen. Dann wäre so einer ja selbst fällig. dass ihn das auch Geld kostet.
gelernt? Das hätte Ihr Leben einfacher gemacht. »Mike, ich brauche Geld.« Wappler: Och, dann hat er das doch gut gemacht. ZEIT: In einem absolut sauberen Land wäre aus ZEIT: Haben Sie denn seine Außenstände be­
Wappler: Ich wuchs in einer Zigeunersiedlung in »Mike, kannst du mich adoptieren?« Und die haben es nicht gemerkt? Ihnen nichts geworden? schafft? Oder haben Sie ihn reingelegt?
Lübeck auf, auf einem Platz mit vielen Wohn­ Den Manager rief Wappler an, wenn etwas drohte, ZEIT: Lange Zeit nicht, am Ende schon. Wappler: Genau. Dann hätte ich ja arbeiten müs­ Wappler: Dazu ist es gar nicht gekommen. Er hat
wagen. Mein Vater war ein Zigeunerkönig, ja, ein das die beiden »Attacke« nennen: eine Hausdurch- Wappler: Vom Sehen kenne ich ihn bestimmt. Ich sen. Aber ich sage Ihnen was, wovon ich total uns von dem Auftrag abgezogen. Den Grund da­
richtiger König der Zigeuner. Für Bildung hatte suchung bei Wappler oder eine Geliebte, die mit Geld kenne alle namhaften Betrüger in Deutschland. überzeugt bin: In jedem Menschen steckt ein­ für kenne ich bis heute nicht.
dort niemand was übrig. Schon in der Schule bin durchbrennen will. »Bring alles in Sicherheit!«, habe ZEIT: Einem sehr reichen Opfer haben Sie einmal Betrüger. ZEIT: Sie haben im Gefängnis zweimal dieselbe
ich in Konflikte geraten, weil ich ein Zigeunerkind Wappler befohlen. Dann musste es schnell gehen.­ Diamanten aus einem Nazi-Schatz versprochen, ZEIT: In uns auch? Frau geheiratet und sich von ihr zweimal scheiden
war. Mein größter Feind waren aber die Buch­ »Mike hat immer gebunkert.« Hier ein S­ afe, dort ein den es natürlich nicht gab. Wappler: Haben Sie schon mal gelogen? lassen, auch im Knast. Nicht anzunehmen, dass
staben. Ich konnte sie mir einfach nicht einprägen. Geheimversteck in einem Schrank. Wappler: Sechs Millionen Euro hat mir das ge­ ZEIT: Na klar. Ihre Verflossenen Sie heute noch besuchen.
ZEIT: Sie benutzen nicht den Ausdruck Sinti und bracht. Dem Mann hatte ich eingeredet, dass die­ Wappler: Mit dieser Lüge wollten Sie etwas errei­ Wappler: Ich habe mich nie sehr gerne festgelegt,
Roma, Sie sagen: Zigeuner. ZEIT: Herr Wappler, Sie treffen bei Ihren reichen Safes, an die ich rankomme, voll sind mit Gold, chen, oder? bin aber jetzt verlobt.
Wappler: Ja, da bin ich nicht so wählerisch. Ich bin Opfern offenbar einen Nerv. Welcher Nerv ist das? Edelsteinen und Kunst aus der Nazi-Zeit. Das hat ZEIT: Ja. ZEIT: Und Sie haben Kinder.
ein deutscher Zigeuner. Ich bin nur ein Jahr zur Wappler: Meine Kunden, die oft zurückgezogen der geglaubt, weil er es glauben wollte. Der war Wappler: Sehen Sie, und da geht der Betrug schon Wappler: Zwei Jungs und zwei Mädchen. Jedes
Schule gegangen, dann hat mein Vater einen Nach­ leben, werden von mir geblendet. Da kommt so besessen von der Idee, dass es noch Nazi-Schätze los. Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der Kind hat seine eigene Mutter, da braucht keines
hilfelehrer zu uns in die Siedlung bestellt. Das war ein Typ wie ich, einer mit einem Porsche und im gibt. Ich habe ihm und seiner Familie aber ver­ nicht betrügt. Das fängt bei Kindern an. »Mama, eifersüchtig zu sein. Die eine Tochter wollte­
so ein Typ mit einer Gitarre, der mir mit einer weißen Anzug, und redet ihnen eine schöne Story sprochen, dass ich seinen Namen nie nenne. Viele ich habe Bauchweh, ich kann heute nicht in die Polizistin werden. Ich weiß aber nicht, ob das­
komischen Methode Buchstaben beibringen wollte: ein. Das klappt. Die Gier macht diese Leute Jahre habe ich mit ihm Geschäfte gemacht. Schule.« Eine ältere Dame von der feinen Elb­ geklappt hat.
Er hat verschiedene Töne auf dem Instrument blind. Wenn sie in feinen Vierteln wohnen, ken­ ZEIT: Wie kann es sein, dass das so lange gut ging? chaussee in Hamburg sagte mal zu mir, dass sie ZEIT: Was dachten Sie, als Sie hörten, dass sich
gespielt. Ein Alphabet mit Gesang. Mein Vater war nen sie so was wie mich gar nicht. Die kennen Wappler: Ich habe diesem reichen Mann erzählt, noch nie in ihrem Leben betrogen hat. »Ach«, Ihre Tochter für den Polizeidienst interessierte?
entgeistert und hat diesen Mann sofort rausge­ nur irgendwelche Langweiler. Ich verkaufe ihnen dass er mir ständig Geld nachschießen muss, immer habe ich geantwortet, »haben Sie vielleicht eine Stand sie damit auf der gegnerischen Seite?
worfen. Danach war es mit dem Unterricht vorbei, Abenteuer. wieder große Beträge, weil mich die Suche nach Putzfrau? Ja? Und haben Sie die Putzfrau auch Wappler: Nein. Das eine hat mit dem anderen
und wir sind gemeinsam in dem amerikanischen ZEIT: Warum können sich diese Menschen nicht dem Nazi-Schatz ständig vor neue Probleme stellt, angemeldet?« Darauf meinte die Dame: »Dazu nichts zu tun. Ich bin auch mit Polizisten und
Straßenkreuzer meines Vaters herumgefahren und auf eigene Faust in Abenteuer stürzen? die wahnsinnige Kosten verschlingen. Ich habe sage ich nichts.« Staatsanwälten befreundet. Ich kann das gut
haben Leute überredet, uns wertvolle Sachen billig Wappler: Weil das ideenlose Leute sind. Denen ihm sogar vorgegaukelt, dass ich tot bin. trennen. Ich war mit einem pensionierten Staats­
zu verkaufen, edle Möbel, Bilder. Diese Sachen hat fällt nichts ein. Die haben nur ihre Arbeit und ihr ZEIT: Man könnte denken, Ihre Opfer seien geistig In seiner Welt, in der sich viele Gestalten aus der anwalt aus Lübeck befreundet, obwohl er mir
mein Vater weiterverkauft. So ging alles los. Geld im Kopf. Oft sind das Millionäre, die den minderbemittelt. Halbwelt tummeln, habe Wappler selten jemanden sechs Jahre Knast und SV aufbrummen wollte.

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29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 DOSSIER 15

ZEIT: SV, also Sicherungsverwahrung. Das bedeu­ anwalt? Ich muss das noch mal prüfen.« Und
tet, dass ein Häftling auch nach der Verbüßung schon habe ich einen Fuß in der Tür.
seiner Strafe eingesperrt bleibt, weil er weiterhin
als Gefahr für die Allgemeinheit gilt. Sie waren so Der Staatsanwalt
ein Fall. Sie galten als jemand, der nicht zu bekeh­
ren ist und höchstwahrscheinlich rückfällig wird. » R E U E Harald Pohl sitzt im Wohnzimmer seines hübschen
Wappler: Wie gesagt: Reue ist nicht mein Ding. Häuschens in Lübeck. Ein freundlicher Mann mit
weißen Haaren, seit Jahren Pensionär. 37 Jahre war
Als Wappler im Jahr 2010 im Gefängnis saß, gab es er Staatsanwalt, und er musste sich während seines
das noch: Sicherungsverwahrung bei Vermögens­ gesamten Berufslebens immer wieder mit ­ Mike
delikten. Gegen ihn, den notorischen Hochstapler, Wappler beschäftigen. »Einer meiner ersten Fälle
wurde diese drastische Maßnahme verhängt. Aber hatte gleich mit ihm zu tun.« Es ging damals auch
Wappler fand einen Ausweg. Einmal, bei einem Fest schon um Luftgeschäfte, Wapplers Spezialgebiet. Er
seiner Halbschwester, wurde er in Fußfesseln von zwei wurde verurteilt, saß im Gefängnis und kam wieder
Beamten zur Gartenparty nach Lübeck begleitet. frei. So lief es jahrzehntelang, immer neue Anklagen,
Plötzlich gab er vor, dringend zur Toilette zu müssen. immer neue Verurteilungen. »Ich habe mich manch­
Er schloss sich ein und ließ sich von einem Kompli­ mal gefragt, ob die Justiz irgendwas falsch gemacht
zen, der dort wartete, die Fesseln mit einem Bolzen­ hat bei Wappler. Hätten wir irgendwas tun können,
schneider durchtrennen. Wappler türmte aus dem damit er kein Berufsverbrecher geworden wäre?« Er
Fenster, während der Komplize den Beamten, die vor macht eine kurze Pause und gibt die Antwort dann
der Badezimmertür warteten, vortäuschte, er sei selbst: »Nein. Dieser Mann ist völlig unbelehrbar.«
Wappler. Der echte Wappler rannte draußen zu einem Man merkt in dem Gespräch, dass sich zwei Seelen
Flucht­auto, fuhr zum Lübecker Flughafen und setzte in der Brust von Harald Pohl befinden. Die eine ist
sich nach Portugal ab. Von dort aus rief er stolz seine ganz die Seele eines Staatsanwalts: ­Mike Wappler sei
damalige Anwältin in Deutschland an und nannte
seine Flucht fröhlich »meine Blitzentlassung«.
I S T ein Verbrecher, er habe viele, viele Leute betrogen und
ins Unglück gestürzt. Daran sei gar nichts zu beschö­
Wappler hatte recherchiert. In Portugal gab es keine nigen. Doch da ist noch die andere Seele, und die
Sicherungsverwahrung. Das Land würde diese Maß­ muss immer wieder lachen. Zum Beispiel wenn er
nahme nicht vollstrecken und ihn – so hoffte er – nicht erzählt, einmal habe Wappler den Antrag gestellt, er
nach Deutschland ausliefern. Als er in Portugal ge­ wolle zwei Hühner in seiner Zelle haben, denn er sei
fasst, ins Gefängnis gesteckt und am Ende doch aus­ morgens an sein Frühstücksei gewöhnt. Und der alte
geliefert wurde, hatte Wappler nicht mehr viel zu Staatsanwalt kann einfach nicht anders, als zu
befürchten. Der Europäische Gerichtshof für Men­ schmunzeln, wenn er sich an eines der letzten Ge­
schenrechte hatte die deutsche Sicherungsverwahrung spräche mit Wappler erinnert. Pohl sagte zu ihm, er
gerügt. Der Bundestag stimmte einem Gesetz zur werde jetzt bald in Pension gehen, woraufhin Wapp­
Neuregelung der Sicherungsverwahrung zu, und das ler nach langem Schweigen meinte: »Herr Pohl, das
Hamburger Landgericht entschied, diese Maßnahme können Sie mir nicht antun. Wer soll mich denn jetzt
von nun an nicht mehr bei Häftlingen mit­ anklagen?«
Vermögensdelikten anzuwenden. Damit war Wapp­
ler, der seine Strafe abgesessen hatte, wieder ein freier ZEIT: In Ihren Geschichten sind Sie immer der
Mensch. Fragt man seine Halbschwester Beate heute, Held. Ein Mann, der alle Untiefen des Lebens meis­
was sie von ­Mike Wappler hält, antwortet sie: »Mit tert. Gibt es nichts, wofür Sie sich heute schämen?
dem will ich nichts mehr zu tun haben.« Wappler: Was könnte das sein? (überlegt lange) Ich

ZEIT: Sind Sie ein nachtragender Mensch?


N I C H T habe mal einer älteren Frau Schmuck verkauft, der
nicht echt war, billiger Modeschmuck. Dafür habe
Wappler: Nein, überhaupt nicht. In einer Bezie­ ich mehrere Tausend Euro bekommen, aber das
hung zu einer Frau bin ich vielleicht nachtragend, Geld habe ich ihr später zurückgegeben. So ein Be­
aber nicht gegenüber einem Richter oder einem trug ist normalerweise nicht mein Ding. Ich ma­
Polizisten. che das nicht mit Leuten, die wenig Geld haben.
ZEIT: Sie wurden kürzlich erneut verurteilt, weil Sie Ein Facharbeiter, der sein Leben lang für sein
gemeinsam mit einem Komplizen, Ihrem Cousin, Häuschen gespart hat, und dann komme ich
fast 400.000 Euro ergaunert hatten. Sie erzählten Arschloch und nehme ihm Geld weg – nee, das ist
Ihrem Opfer, Forderungen eintreiben zu können, mies. Ich war immer spezialisiert auf dicke Fische.
einige Millionen Euro. Sie tischten die erfundene Für 10.000 Euro gehe ich nicht los, nicht für
Geschichte von einer Witwe auf, die mit dem Geld Pissgroschen.
angeblich nach Moskau geflohen sei, und Ihr
Komplize spielte einen seriösen Rechtsanwalt aus Wappler erzählt gern die Geschichte vom modernen
der Schweiz, der gefälschte Kontoauszüge präsen­ Robin Hood, der den Reichen Geld abnehme und es
tierte. Ein Märchen reihte sich an das andere. Sie unter den Armen verteile. Aber der zweite Teil der
kassierten von Ihrem Opfer Bargeld und Gold. Geschichte stimmt nicht. Denn er behält das Geld für
Vor Gericht haben Sie alles gestanden. Warum sich. Dass er meist keine Normalverdiener betrogen
haben Sie dort nicht getrickst? hat, liegt vermutlich daran, dass bei denen für ihn
Wappler: Das hätte doch keinen Sinn. Diese Leute
verstehen doch was von ihrem Job. M E I N D I N G « wenig zu holen ist.

ZEIT: Da trennen Sie wieder, diesmal zwischen ZEIT: Tragen Sie Ihr Geld zur Bank?
Richtern und Opfern. Wappler: Um Gottes willen, nein, ich hatte immer
Foto: dpa

Wappler: Einen erfahrenen Richter belügt man nur Schließfächer mit Bargeld, immer auf andere
nicht. Namen und nie in Deutschland. Deshalb bin ich
ZEIT: Ein Opfer schon? Wappler nennt sich selbst »Milliarden-Mike« und tritt gern in ausgefallenen Anzügen auf noch heute reich. Ein Schließfach in Deutschland
Wappler: Na klar. Sonst komme ich ja nicht an die bedeutet, dass man bei der Schufa eingetragen
Kohle ran. wird. Dann weiß der Staat das auch.
ZEIT: Hätten Sie sich selbst auch ins Gefängnis ZEIT: Aus Ihren Erzählungen kann man den
gesteckt, wenn Sie Richter wären? Schluss ziehen, dass Geld glücklich macht, und sei
Wappler: Natürlich. Ich hätte mir vielleicht sogar es Schwarzgeld. Blicken Sie wirklich auf ein erfülltes
eine höhere Strafe gegeben. Ich habe mit fünf bis Leben zurück?
sechs Jahren Knast gerechnet, aber nur dreieinhalb habe heute 50.000 gemacht«, habe er manchmal sitzen. Aber wer weiß, vielleicht habe ich noch Baron von Wappler. Aber daraus wurde nichts, denn Wappler: Jedenfalls habe ich mich in meinem
Jahre bekommen. Glück gehabt. Ich bin zufrieden. gesagt. »Womit?«, habe sie anfangs noch gefragt. einen Rückfall. die Behörde weigerte sich. »Nichts ist für ihn schlim­ Leben selten gelangweilt. Razzien, Flucht vor der
ZEIT: Die jüngsten Ermittlungen der Polizei gegen »Das musst du nicht wissen, Lümmel«, habe Wapp­ ZEIT: Wer kontaktiert Sie hier im Gefängnis? mer, als in der Normalität zu versinken«, sagt die Polizei, Rotlichtmilieu, Boxkämpfe, schöne Reisen,
Sie begannen, nachdem Ihre frühere Freundin ler entgegnet. »Lümmel«, so nannte er sie öfter. Die Wappler: Menschen, die meinen Rat suchen. Je­ Anwältin, »das spricht für ein unterentwickeltes mal ein Kaffee mit Freunden im Hotel Adlon, mal
dort ausgesagt hatte. Sie war fünf Jahre mit Ihnen ehemalige Freundin sagt: »Er hat für mich gesorgt. mand will Geld anlegen und fragt mich: Was soll Selbstwertgefühl.« ein Fernsehauftritt: Es war immer was los.
zusammen, dann hat sie ausgepackt. Sind Sie ihr Meine Existenzangst war weg.« ich machen? Es gibt zum Beispiel den Chef eines Halten Sie ihn für einen faszinierenden Men­ ZEIT: Was raten Sie Ihren Kindern für ihr Leben?
böse? Sie habe ihm geglaubt, als er versprach, sich auf Restaurants auf Sylt, der Millionen übrig hat. Im schen? Die Anwältin denkt lange nach. Dann sagt Wappler: Schwierig. Die leben ja anders als ich,
Wappler: Zuerst ja, ich dachte: Du Miststück. keine krummen Geschäfte mehr einzulassen. Das Moment ruht aber alles. Ich mache nichts. Manche sie: »Er kann etwas, das wenige Menschen können. Er eher bürgerlich, unauffällig.
Aber dann habe ich versucht, mich in diese Frau Internet habe ihm ohnehin alles kaputt gemacht, Leute wollen mich auch betrügen. Ich spüre das kann gute Laune verbreiten. Er macht aus jeder ZEIT: Haben Sie Enkelkinder?
hineinzuversetzen. Wir sind im Streit aus­ein­an­der­ behauptete Wappler. Jeder könne sofort herausfinden, sofort. Das ist eine Gabe von mir. Situation das Beste. Er strahlt von innen. Das kann Wappler: Ja, meinen Enkel Ben. Ein kleiner Dicker.
ge­gan­gen, und sie wollte sich an mir rächen. Wir wer er ist. Erkannte auch sie, wer er wirklich ist? Im ZEIT: Sie saßen allein 18 Jahre in Santa Fu, der man nicht spielen.« Er guckt immer auf die Uhr an meinem Arm, eine
hatten aber auch gute Zeiten. Heute bin ich ihr Schlafzimmer sah sie einen Mann neben sich liegen, JVA in Hamburg-Fuhlsbüttel. Sie wirken aber Hecks Kollege Dirk Meinicke, mit dem sie Wapp­ Rolex. Die will er unbedingt haben. Ben ist auch
nicht mehr böse. Ich versuche immer, mich zu der oft aus dem Schlaf hochschreckte, der eine Pis­ immer so unbeschwert, als seien Sie ein fröhlicher ler gemeinsam vor Gericht verteidigte, hatte den­ schon ein kleiner Verbrecher. Der kommt ganz
fragen, ob jemand einen Grund hatte, mich zu tole und eine Dose Pfefferspray neben sich auf den Frührentner. Wie kommt das? Betrüger erst wenige Monate zuvor kennengelernt und nach mir.
verpfeifen. Nachttisch gelegt hatte. Das Haus hatte er mit Wappler: Ich habe diese 18 Jahre gar nicht ge­ war überrascht, wie schnell die Zeit verging, wenn er ZEIT: Wie alt ist er denn?
Alarmanlagen hochgradig gesichert. merkt, weil ich immer was um die Ohren hatte. ihn besuchte. Einmal wollte er nur 20 Minuten im Wappler: Zwei.
Die frühere Freundin Als Heike Krüger mitbekam, dass sich Wappler Ich habe auch in der Haft ständig Geschäfte ge­ Gefängnis bleiben, und als er auf die Uhr schaute,
ungeniert mit anderen Frauen traf, begann das selt­ macht. Früher hatte ich dort einen ausgezeichne­ war schon eine Stunde vorbei. Er erlebte ein Feuer­ Über ein Telefon im Gefängnis spricht Wappler später
Heike Krüger*, eine gepflegte Frau in den Fünf­ same Finale dieser Beziehung. Sie ließ sich von ten Lehrer, Martin Engler, den man den König der werk der Anekdoten. »Vielleicht das unterhaltsamste noch ein paarmal mit der ZEIT. Einmal meldet er
zigern, amüsierte sich über Wappler, als sie ihn Wappler vorführen und erniedrigen, aber sie blieb Betrüger nannte. Er ist schon lange tot. Martin Mandat meines Lebens« nennt der Anwalt den Fall sich mit »Oberstaatsanwalt Möller« und lacht ver­
2013 nach einem Boxkampf in Hamburg kennen­ lange Zeit bei ihm. Wappler wurde immer unbe­ sagte damals zu mir: ­»Mike, du darfst nie klein Wappler. gnügt. Am Ende eines Telefonats will er unbedingt
lernte, bei dem sie spontan als Ringsprecherin ein­ herrschter. Einen Mann, den der eifersüchtige Wapp­ denken. Du musst groß denken.« Martin hat aus noch eine Lebensweisheit loswerden. Sie lautet: »Man
gesprungen war. Ein Angeber im weißen Kaschmir­ ler für einen Nebenbuhler hielt, diffamierte er öffent­ dem Knast heraus Flugzeuge aus dem Libanon ZEIT: Herr Wappler, mit wem machen Sie lieber muss die Welt nicht verstehen, man muss sich nur da­
mantel in der ersten Publikumsreihe, der sich lich, indem er Flugblätter mit schweren Anschuldi­ verkauft. Einen besseren Lehrer konnte ich gar Geschäfte: mit schlauen oder mit dummen­ rin zurechtfinden.« Nietzsche, lobt Wappler, der große
Milliar­den-­Mike nannte – »das fand ich am A ­ nfang gungen in dessen Nachbarschaft verteilte. »Ich hatte nicht bekommen. Martin war ein Genie. Der hat Menschen? Friedrich Nietzsche. Der Satz stammt allerdings nicht
nur kindisch«, sagt sie heute. Heike Krüger hatte plötzlich Angst vor ­Mike«, sagt Heike Krüger heute. sogar Politiker betrogen und seine eigenen Rechts­ Wappler: Mit den Schlauen, eindeutig. Die von Nietzsche, sondern von Albert Einstein. »Auch
Gesang studiert, sie hat zwei Kinder und e­inen Die beiden trennten sich schließlich doch, und Krüger anwälte. Auch denen hat er Geld abgenommen. Schlauen sind die besten. Die haben studiert und gut«, sagt Wappler.
Mann, von dem sie sich damals getrennt hatte. Sie hat wieder einen Job. Deshalb wolle sie nicht mit ih­ Ein Genie hoch drei. Er sagte zu mir: »Achte auf im Beruf viel erreicht. Die halten sich für so schlau,
lebte in einem abgeschiedenen Dorf in Ostdeutsch­ rem wahren Namen in der Zeitung stehen, sagt sie, die Schuhe. Wenn jemand maßgeschneiderte dass sie schon wieder doof sind. Ein Doofer hat
land, in dem es nicht einmal einen ­Lebensmittelladen die frühere Beziehung zu einem Hochstapler schade Schuhe trägt, weißt du: Der hat Geld.« wenig Geld und ist misstrauisch, ein Schlauer ist
gibt. »Eine schwere Krankheit hatte mich erwischt. ihrem Ruf. Blickt sie auf die Jahre mit ihm zurück, anders. Der Schlaue fällt auf mich rein, weil er
Ich war beruflich am Ende und habe Bügeleisen dann sagt sie etwas, das so widersprüchlich ist wie Die Rechtsanwältin meint, er ist mir überlegen. HINTER DER GESCHICHTE
verkauft. Ich fühlte mich komplett zerstört. Dann Wappler selbst. »Er ist eiskalt und berechnend. Er be­ Stimmt das, was der Betrüger Wappler im
kam ­Mike Wappler und hat mich aufgefangen. Er nutzt jeden.« Das ist das eine. Das andere ist: »Er hat Seit etwa 20 Jahren kennt die Hamburger Rechts­ Eine Vollzugsbeamtin schließt die Tür des Besu­ ZEIT-Interview erzählt? Dieser Frage sind
führte mich in seine Glitzerwelt, voller Partys, ein gutes Herz.« anwältin Jutta Heck ihren Mandanten Wappler, cherraums auf, schaut hinein und sagt: »Ich wollte die Autoren nachgegangen, indem sie
Empfänge, schöner R ­ eisen, interessanter Leute. Er mehrmals hat sie ihn vor Gericht verteidigt. Die nur Bescheid geben: Um zehn vor drei ist hier Staatsanwälte und Rechtsanwälte nach ihm
stellte mich als seine Prinzessin vor.« Gemeinsam ZEIT: Herr Wappler, warum haben Sie sich nie auf 61-jährige Juristin sagt, er habe ihr so oft Lügen auf­ Schluss.« befragt haben, Freunde, Geschäftspartner
zogen sie in ein gemietetes Haus am Rand der Lüne­ legale Weise unter Beweis gestellt, als Bauunter­ getischt, dass sie viele seiner Märchen schnell durch­ und Weggefährten, außerdem Journalisten,
burger Heide. nehmer zum Beispiel? schaut habe. Sie habe ihn kurz angeraunzt, danach Wappler: Aber gleich kommt noch Herr Ober­ die mit ihm zu tun hatten, sowie ehemalige
Zunächst, sagt Heike Krüger, habe sie nicht ge­ Wappler: Bauunternehmer? Alles Gangster. Ich habe Wappler lächelnd eingelenkt. Sie sagt: »Als staatsanwalt Möller. Lebensgefährtinnen – insgesamt etwa
ahnt, dass sie mit einem Kriminellen zusammen­ hatte mal eine Model-Agentur und habe Nummern­ Sohn eines Zigeunerkönigs glaubte er sein Leben Die Beamtin: Sie verarschen mich, Herr Wappler, 20 Menschen. Einige von ihnen kommen
*Name von der Redaktion geändert

lebte. Erst als er sie bat, in einer Buchhandlung aus girls für Boxveranstaltungen geliefert. Das lief lang, er sei der geborene Nachfolger des Vaters, er sei das geht gar nicht. Hier kommt heute keiner im Text zu Wort, andere wollen unerkannt
seiner Autobiografie vorzulesen, sei ihr alles klar super. Aber es war mir zu langweilig. Ich habe der Prinz. Das ist seine Anspruchshaltung. Aber seine mehr. bleiben. Weil Wappler weder lesen noch
geworden. Unklar sei ihr selbst bis heute geblieben, mehrere Mietshäuser, davon kann ich super leben. Familie akzeptiert keinen vorbestraften Prinzen als schreiben kann, war es nicht ganz einfach,
warum sie so schlecht von ihm loskam. In ihr altes Ich muss keine Betrügereien mehr machen. König. Und die Gesellschaft akzeptiert ihn natürlich Die Beamtin schließt verärgert die Tür. seine Interviewpassagen von ihm
Dorfleben konnte sie nicht zurück, ein neues Leben ZEIT: Wenn Sie wieder in Freiheit sind, werden auch nicht in dieser Position. Aber Herr Wappler er­ autorisieren zu lassen. Einer der Autoren
ohne Wappler war für sie schwer vorstellbar. Mit Sie also gesetzestreu leben? wartet eine entsprechende Achtung. Diese Haltung Wappler: (lacht) Sehen Sie, mit dieser Frau mache besuchte ihn im Gefängnis und las ihm
den Geldbündeln, die in Wapplers Jackett steckten, Wappler: Das mit dem Betrug geht auf keinen Fall ist bis heute nicht verflogen.« Einmal versuchte er, ich bestimmt keine Geschäfte. Das ist eine Doofe. seine Zitate persönlich vor.
war es einfach, sich den Alltag zu versüßen. »Ich so weiter. Ich will nicht noch mit 80 im Knast sich den Titel »Baron« amtlich eintragen zu lassen, Eine Schlaue hätte geantwortet: »Ein Oberstaats­
16 LESERBRIEFE 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

DAS LESERZITAT ZUM THEMA GEMEINSAME GELDANLEIHEN: Zur Ausgabe No 17 IM NETZ


»Sie plädieren für Corona-Bonds, damit sich die notleidenden Weitere Leserbriefe
Länder billiges Geld leihen können. Fänden Sie es dann in Ordnung, finden Sie unter
dass Deutschland diese Schulden tilgt?« Von Gerda Dörfler blog.zeit.de/leserbriefe

Erledigt ist hier


noch gar nichts Corona-Bonds? Niemals! Wer gehört nun
weggesperrt?
Mariam Lau: Heinrich Wefing:
»Die Exitstrategen«  ZEIT NR . 17 Bernd Ulrich über Finanzhilfen für Südeuropa: »Außen kalt«  ZEIT NR . 17 »In der Altersfalle«  ZEIT NR . 17

N
Das Virus ganz auszumerzen könnte nur ge- och jede italienische Regie- Kampf um politische Vorteile mag es Erfolg ver- Es ist vertrackt. Egal ob Finanzkrise, Flüchtlings- Die Schutzdiskussion halte ich für einen Vor-
lingen, wenn man über längere Zeit einen rung hat sich Ratschläge der sprechen, das alles außer Acht zu lassen, vor al- krise oder Corona-Krise – immer ist der Süden wand, im Grunde geht es um die Wirtschaft-
totalen Lockdown verfügen würde. Das ha- europäischen Partner zu ihrer lem, wenn es durch German-Bashing von deut- Europas härter getroffen als der Norden. Und jedes lichkeit und Produktivität. Wenn Menschen
ben noch nicht mal China oder Südkorea ge- Haushalts- und Schulden- scher Seite unterstützt wird. Mal lässt der Norden europäische Solidarität ver- über 75 am meisten gefährdet sind, warum
schafft. Es ist also eine ethische Frage, ob man politik als Einmischung in Michael Fritzen, Mülheim a. d. Ruhr missen. Reflexartig kommt aus Deutschland immer dann die diskutierte Einschränkung ab 65? Es
die Gewichtung mehr in Richtung Verhin- ihre inneren Angelegen­ die gleiche Reaktion: Ihr wollt nur unser Geld, das gibt durchaus sehr viele 65-Jährige, die pro-
derung von schweren und tödlichen Ausgän- heiten verbeten. Steht die Egal ob geholfen wird oder nicht: Deutschland kriegt ihr nicht. Scham und Schande. duktiv für die Gesellschaft sind, die in Beru-
gen legt oder ob man die Verhinderung Schuldentilgung an, ruft die gleiche italienische wird der ewige Böse sein. Und interessant: Geht Bernd Ulrich konstatiert nun, dass die Deutschen fen arbeiten, in denen Erfahrungen an die
schwerer wirtschaftlicher Depression – mit all Regierung jedoch nach europäischer Solidarität, es um Hilfe, wird nur auf Deutschland geschaut, von den Südeuropäern als äußerst hartherzig wahr- junge Generation weitergegeben werden,
ihren Folgen für Millionen Bürger – in den sprich »Einmischung in ihre innere (Zahlungs-) als ob es kein anderes Land mehr in der EU gäbe. genommen werden. Er führt die restriktive Haltung oder die selbstständig in therapeutischen Be-
Vordergrund rückt. Angelegenheit«. Steffen Kaufmann, per E-Mail Deutschlands auf den in der Nachkriegszeit er- rufen tätig sind und Menschen auffangen, die
Dass es jetzt aus verschiedenen politischen Man scheut sich auch nicht, die deutsche Export- lernten Fleiß zurück. Darauf muss man erst mal in dieser Krise psychisch abstürzen. Ist das
Richtungen zu Forderungen kommt, einfach quote zu bemühen, um Deutschland an den Haus- Vielen Dank für Ihren (mutigen) Artikel. kommen. Aber in meiner Enttäuschung über nicht produktiv? Sollen auch alle Politiker,
alles wieder zügig zu öffnen, und mancher das haltslöchern zu beteiligen. Wo sollte die Grenze Ich hoffe, dass viele Menschen ihn lesen und vor Deutschland ist mir jeder Strohhalm recht, an den und davon gibt es nicht wenige, die über 65
Virus als harmlos, erledigt oder gar als ver- liegen, ab der eine Exportnation wie Deutschland allem verstehen werden. Wenn ich allerdings ich mich immer noch klammern kann. sind, in den »Käfig« gesperrt werden?
schwunden betrachten will, ist an Dreistig- eine nicht minder exportorientierte Volkswirtschaft manche Leserbriefe in der ZEIT betrachte, habe Friedrich Thimme, Seevetal Erika Reineke, Göttingen, 66 Jahre alt,
keit nicht zu überbieten. Als Kinder- und wie Italien zu subventionieren hat? ich daran große Zweifel. Jetzt, da die CDU so viel Diplompädagogin und Therapeutin
Jugendarzt, der sich über Jahrzehnte täglich Der durchschnittliche Privathaushalt in Italien be- Zustimmung in den Umfragen erhält, könnte Die EZB betreibt seit der Finanzkrise mehr oder
mit Infektiologie beschäftigt hat, fordere ich, sitzt mehr Vermögen als ein deutscher. Doch der Frau Merkel über ihren Schatten springen. In minder unverhohlen eine illegale Staatenfinanzie- Ich habe noch nie einen Leserbrief geschrieben,
die unsinnigen Diskussionen zu unterlassen italienische Staat schätzt die Chance, an das Geld Deutschland ist die Begeisterung für sie plötzlich rung nebst Enteignung der nach Meinung des aber als zweifacher Mutter bleibt mir beim Lesen
und das Virusgeschehen auf ganz niedriger seiner Bürger zu kommen, offenbar als geringer ein so groß, dass man ihr eine Zustimmung zu den Autors so kaltherzigen deutschen Sparer. des Artikels »In der Altersfalle« einfach die Luft
Schwelle zu halten. als die, ans Geld deutscher Steuerzahler zu gelangen. »Corona-Bonds« verzeihen würde. Der Euro war ein politisch gewolltes, aber öko- weg. Was ist denn mit der Kinderfalle??? Jetzt
Dr. Wolfgang Adam, Rahden Ernst Kaffanke, Höchstadt Robert Camboni, Rastatt nomisch nicht funktionstüchtiges Experiment, geht es um die Öffnung der Schulen, das Abitur,
das seit Jahren künstlich am Leben gehalten wird. Entlastung der Eltern – aber fast nie darum, dass
Bild und Text sollten sich in der Aussage un- Das Verständnis der Deutschen für die Italiener Sie plädieren für Corona-Bonds, damit sich die not- Nun gibt es eine letzte rote Linie, die bislang die psychosoziale Entwicklung der Kinder
terstützen und ergänzen. Dies gelingt der dürfte wesentlich größer sein als umgekehrt. Nur leidenden Länder billiges Geld leihen können. Was noch nicht überschritten wurde: die sogenannten wichtig ist. Warum diskutieren wir nicht mal
ZEIT in der Regel bestens! Bei diesem Artikel wird verständlicherweise die Sympathie für den passiert, wenn die Rückzahlung der Bonds nicht Eurobonds. Es darf niemals, ich wiederhole: nie- darüber, welche riesigen Opfer die Kinder gera-
über die Schwierigkeiten des Ausstiegs aus der venezianischen Gondoliere, den neapolitanischen möglich ist? Fänden Sie es dann in Ordnung, dass mals, dazu kommen, dass wir diese letzte Bastion de bringen? Es kann doch nicht sein, dass die
Pandemiebekämpfung aber ist es Ihnen gänz- Tenor oder auch den freundlichen Pizzabäcker Deutschland diese Schulden tilgt, oder zumindest nun auch noch aufgeben. Vom insolventen Sü- Kinder in dieser Krise keine Stimme haben, nur
lich misslungen. Das Foto von Jens Spahn im das Handeln deutscher Politiker weniger bestim- einen Großteil? Diese Möglichkeit wird von den den und Westen sowie ökonomisch ungebildeten weil sie keine Wähler sind!
Aufzug mit Mitarbeitern der Uni-Klinik Gie- men als ihr Blick auf so manche von den Italie- deutschen Befürwortern der Corona-Bonds leider Linken seit Langem gefordert, sieht man nun die Da fällt Ihnen nichts Besseres ein, als einen ein-
ßen – eng gedrängt und ohne jeglichen nern gewählte Regierung der letzten Jahrzehnte. nie untersucht, obwohl ich die Wahrscheinlichkeit Chance, uns diese Eurobonds quasi durch die seitigen Artikel zur Isolation der Älteren zu
Sicherheitsabstand – konterkariert den guten Angesichts der im Rahmen der Euro-Krise schon für groß halte. Hintertür unterzujubeln. schreiben? Jede Großmutter, jeder Großvater ist
Text. Es macht die anerkennenswerte Arbeit entstandenen Haftung müsste ein deutscher Poli­ Im Übrigen frage ich mich schon, wo sich der ach Bezeichnend ist, dass Italien gleichzeitig die an- sofort bereit, auf etwas zu verzichten, oder tut
der Abgebildeten lächerlich und ist Wasser tiker, der nun weiteren Haftungstatbeständen­ so große Reichtum Deutschlands, der ständig an- gebotenen ESM-Mittel ablehnt – denn dann es sowieso schon, um den Enkeln wieder etwas
auf die Mühlen der Gruppe der Corona- zustimmte, sich eine Verletzung seines Amtseids geführt wird, versteckt, wenn ich an den Zustand müsste man ja plötzlich haushalten und sich auch mehr Freiheit zu ermöglichen, aber dazu braucht
Ignoranten. vorwerfen lassen. Die europäischen Freunde sind der Schulen, Straßen und Brücken denke. noch kontrollieren lassen. es eine Stimme, die das auch ausspricht. Denn
Wolfgang Gehrmann, per E-Mail nicht so naiv, das nicht zu wissen. Aber im Gerda Dörfler, per E-Mail Klaus Bingel, per E-Mail die Kinder haben im Gegensatz zu den älteren
Generationen am wenigsten Anteil an dieser
Krise, die auch durch die Feierwut und das
Immer-mehr-Wollen der vorherigen Generatio-
Dereinst im Mai
Die drei Damen und der Präsident
nen entstanden ist.
Kerstin Dahnken, per E-Mail

Dossier: »Der Tag, Die ehemalige Bundesrichterin Lübbe-Wolff


der die Welt veränderte«  ZEIT NR . 17 Zum Streitgespräch über die Abgrenzung der Konservativen nach rechts außen  ZEIT NR . 17 wird mit den Worten zitiert: »Wer krank wird,
(...) nehme Kapazitäten in Anspruch, die die

D
Allgemeinheit bereitstellt und die auch andere
Der gut komponierte Beitrag zeigt auf beein- en Aufruf der drei ZEIT-Autorinnen Diese Mehrheit der »Welcome-Enttäuschten« derung darstellen. Ich habe den Eindruck, dass es zum Überleben benötigen.« Sie übersieht, dass
druckende Weise, mit welch riesigen Heraus- (»Der Präsident und wir«) zu mehr wählt jedoch heute nicht AfD! Die AfD hat über- für viele Beteiligte bequemer ist, mit Schlagwor- Ältere ebenso wie Jüngere, Kranke ebenso wie
forderungen die Menschen im und nach dem Zivilcourage und Widerstand gegen haupt keine inhaltliche Agenda, es nützt also ten zu hantieren, als sich die Mühe der Differen- Gesunde zur »Allgemeinheit« gehören. Sie sagt
Zweiten Weltkrieg fertigwerden mussten, wel- den Rechtsextremismus möchte ich nichts, ihr und ihren Wählern inhaltlich – oder zierung zu machen. Erst dann besteht aber Aus- auch nicht, wer denn diese »anderen« seien,
che Verluste sie zu verkraften hatten und wie sie unterstützen. Wir sollten Beleidigungen jeder Art auch nur rhetorisch – entgegenzukommen, weil sicht, AfD-Wähler zu den vernünftigen Parteien deren Überleben wertvoller sei. Ihr scheint nicht
unter schwierigsten Bedingungen ihre persön- unverzüglich als Ordnungswidrigkeit mit einer das einzige Ziel, das diese Partei wirklich hat, die zurückzuholen. klar zu sein, wie gut sich ihre Bemerkungen in
liche Existenz wieder aufbauten. Wenn nun angemessenen Geldbuße belegen können! Aushöhlung der Demokratie und ihrer Institutio- Dr. Hans-Joachim Schemel, München ein Wörterbuch des Unmenschen übernehmen
dieser Tage eine Mutter im deutschen Fernsehen Ich möchte aber auch Herrn Gauck in seinem nen ist. War es erst der Euro, kamen später die lassen. Es wird eine Zeit nach Corona geben,
in Tränen ausbricht, weil die häusliche Situation Anliegen unterstützen, dass wir Argumente und Flüchtlinge. Inzwischen arbeitet sich die AfD an Joachim Gauck ist der Letzte, der für den Zulauf dann werden in der Grippesaison wieder etliche
wegen Corona nervig ist und ihre Kinder auf so Anschuldigungen der Rechten anhören sollten. der »Gesundheits-Diktatur« ab. Sie wird immer zur AfD verantwortlich gemacht werden kann. ältere Menschen einen Teil der Intensivbetten
viel verzichten müssen, möchte ich ihr am liebs- In jedem Fall sollten wir – wie in dem Streitge- etwas finden, um die Wut und die Zwietracht an- Dass der Demokratie daran gelegen sein muss, belegen – wie leicht man das doch im Namen
ten diesen Artikel zu lesen geben. spräch – im moderaten Ton mit­ein­an­der reden! zufachen! diese Protestwähler rational zurückzugewinnen, der Allgemeinheit verhindern kann.
Monika Nolte, Karlsruhe Heiner Drabiniok, Meerbusch Dennoch muss man versuchen, diese Wähler in wie es die Intention des von den drei Damen ge- Dr. Dieter Haberstroh, Boren-Lindau
ihrer Grundmotivation zu erreichen. Letztlich scholtenen Gauck-Satzes ist, liegt auf der Hand.
»Es gibt wenige Tage, an denen die Grundbedin- Die drei Damen sind eine Bereicherung, auch fühlen sie sich kulturell oder so­zial abgehängt Unter den Mitbürgerinnen und Mitbürgern mit
gungen der Existenz für Zigmillionen Menschen wenn ich ihre Ansichten nicht teile! Sie haben die und nicht gewürdigt. Nur eine Politik, die gene- Migrationswurzeln, die gerne in Deutschland le-
zugleich neu definiert werden. An denen wie bei Freiheit unserer Demokratie und unsere gute In- rell sensibel für Benachteiligungen aller Art ist, ben, finden sich ganz großartige Menschen. Sie
einem Urknall eine Welt entsteht, in der alles frastruktur genutzt, um – ich nehme doch an – kann diese Wähler vielleicht wieder für die Ge- sind aus der deutschen Öffentlichkeit nicht mehr IHRE POST
anders ist als zuvor: Wer ist mächtig, wer ohn- ihren Wunschberuf zu erlernen und auszuüben. sellschaft gewinnen. wegzudenken. Völlig egal, welcher Herkunft, Re-
mächtig? Wer hat eine Zukunft, wer nur eine Probleme bereiten uns jedoch Clans, Parallel­ Dr. Dirk Kerber, Darmstadt ligion oder Hautfarbe jemand ist: Wer hier gerne erreicht uns am schnellsten unter der
Vergangenheit? Wer darf in Freiheit leben, wer gesellschaften in vielen Großstädten und natür- auf der Basis des Grundgesetzes dieses Land ge- E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de
nicht? Es sind Ausnahmetage der Geschichte, lich die fortdauernde Immigration aus Vor­der­ Die AfD punktet bei vielen Bürgern damit, dass stalten mag, gehört dazu. Wer Segregation und Leserbriefe werden von uns nach eigenem
an denen alle spüren, dass etwas Altes vorbei ist asien und Afrika, deren Ende nicht absehbar ist! sie den Anschein erweckt, es drohe eine unge­ Spaltung der Gesellschaft fördert, mag dagegen Ermessen in der ZEIT und/oder auf ZEIT
– aber oft wird sich erst Jahre später zeigen, was Dr. med. Ulrich Pietsch, Nidda-Ulfa regelte Masseneinwanderung. Dabei spricht sich womöglich woanders besser leben können. ONLINE veröffentlicht. Für den Inhalt der
genau das Neue ist, das beginnt.« – Dies sind inzwischen jede Partei gegen uneingeschränkte Jutta Tempel, per E-Mail Leserbriefe sind die Einsender verantwort-
Zeilen Ihres Berichtes über den 8. Mai 1945, an Giovanni di Lorenzo irrt, wenn er sagt, dass man Einwanderung aus. Aber im Kampf gegen die lich, die sich im Übrigen mit der Nennung
dem in Europa der Zweite Weltkrieg endet. über die Fehler der Integrationspolitik reden AfD wird nicht zugestanden, dass die frühere Keinesfalls sollten Deutsche mit Migrationshin- ihres Namens und ihres Wohnorts
Spontan hatte ich bei der Lektüre die erschre- müsse, um AfD-Wähler zurückzugewinnen. Frontlinie »offene Grenzen – ja oder nein« in der tergrund jetzt eigene Grenzen zu den »Almans« einverstanden erklären.
ckende Vorstellung, dieser Text könnte exakt Ja, diese Fehler gab es, und spätestens nach den Realität keine Rolle mehr spielt. Diese irreale ziehen. Damit würden sie sich selbst ausgrenzen Zusätzlich können Sie die Texte der ZEIT
passen zum 8. Mai des, sagen wir, Jahres 2022, Vorfällen der Kölner Silvesternacht sah eine Front wird künstlich aufrechterhalten in der Rhe- und unbewusst der AfD das »Geschäft besorgen«. auf Twitter (@DIEZEIT) diskutieren und
dem fiktiven ersten Tag einer coronafreien Welt. Mehrheit nach der Willkommens-Euphorie des torik derer, die Hass schüren, indem sie pauschal Denn Ausgrenzung ist das Geschäft der AfD, sie uns auf Face­book folgen.
Vielleicht hätte es aber auch etwas Gutes. Sommers 2015 die Aufnahme von einer Million ihre politischen Gegner als rechtsradikal bezie- beherrscht es meisterlich und lebt geradezu davon.
Ulrich Niepenberg, Marienheide Flüchtenden in einem sehr viel kritischeren Licht. hungsweise als Befürworter ungeregelter Einwan- Regina Stock, Kiel

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29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19


aktuelle Heft von ZEIT Geschichte
(116 S., 7,50 €, www.zeit.de/zg-heft) 17
Z EIT- SER I E Z U M 8 . MAI 19 4 5 , T E I L 3

Das Ende der


Selbstgewissheit
Differenzen zu 100 Prozent sind rundungsbedingt; Quelle: policy matters; action press

Eine von der ZEIT in Auftrag gegebene Umfrage zeigt: Der Umgang
mit der NS-Vergangenheit ist so umkämpft wie lange nicht.
Und die jüngsten Attacken von rechts treffen auf eine Erinnerungskultur,
die fragiler ist, als es scheint  VON CHRISTIAN STA AS

Vor 15 Jahren wurde es eingeweiht:


Das Holocaust-Mahnmal in Berlin

W
ie halten es die Deut- ihrem Buch Von den Deutschen lernen, die Erinne- kein festgefügtes Bollwerk des »Schuldkults« trifft, unter trügen es gesamte Schulklassen zur Schau, als muss, und das nervt mich.« Die oft abwehrend vor-
schen mit der Geschich- rungskultur dieser Republik als Errungenschaft­ wie die Rechte insinuiert, sondern ein fragiles­ wollten sie sagen: »Wir machen das hier nicht mit.« getragene Selbsteinschätzung, doch schon so viel über
te, 75 Jahre nach dem begreifen darf, war und ist sie dies im Wortsinn: ein Gebilde, das in stetem Wandel begriffen ist. An manchen ostdeutschen Schulen, sagt Knigge, do- die NS-Zeit zu wissen, könnte ähnliche Gründe­
8. Mai 1945, nach den unablässiges Ringen der Gesellschaft (und jedes­ Verschoben hat sich in den vergangenen Jahren minierten rechte Lehrer die Kollegien. haben: Die »richtige« Haltung einzunehmen lernen
Verheerungen des Welt- Einzelnen) mit sich selbst. Die stolze Gewissheit, es nicht nur der politische Rahmen. Auch was 59 Pro- Er sehe allerdings auch eine erstarkende Gegen- schon Schüler, ohne sich mit allzu vielen Fakten­
krieges, nach Zusammen- im »Aufarbeiten« gleichsam zum Weltmeister ge- zent der Befragten beklagen – dass der National­ bewegung. Vor allem junge Leute suchten Buchen- belasten zu müssen. Betroffensein geht schnell.
bruch und Befreiung? bracht zu haben, hat darüber zuletzt recht großzügig sozialismus in den Medien übermäßig präsent sei –, wald als einen »Ort ethischer, politischer und histo­ Vielleicht, sagt Norbert Frei, habe auch der Ruf
Ein paar Antworten: hinweggetäuscht. ist kaum mehr der Fall (wenn es denn jemals zutraf). rischer Vergewisserung« auf und wollten wissen: Was nach einem »Schlussstrich« vor diesem Hintergrund
53 Prozent der Bundesbürger wollen einen Anfechtungen gab es immer wieder: In den Acht- Der Spiegel etwa, notorisch im Ruf stehend, mit genau ist geschehen? Was hat das mit heute zu tun? einen anderen Klang als früher. Entspringe er heute
Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen. zigerjahren – die Deutschen lernten gerade das Wort Hitler Auflage zu machen, hat seit 2016 keine ein- Eine ähnliche politische Wachheit nimmt ­Florian doch nicht mehr dem Bedürfnis der NS-Zeitgenos-
77 Prozent halten es für ihre Pflicht, Diktatur und Holocaust zu buchstabieren, und auch die Konser- zige ­NS-Geschichte mehr auf dem Titel gehabt. Dierl wahr, der das Dokumentationszentrum auf sen, in Ruhe gelassen zu werden, sondern dem Gefühl
Holocaust nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. vativen feierten nun den 8. Mai als »Tag der Befrei- »Hitler sells«, spottete der Freiburger Historiker dem früheren Reichsparteitagsgelände in Nürnberg der Nachgeborenen, das abverlangte Bewältigungs­
66 Prozent möchten mehr über die Geschichte ung« – entbrannte über die relativierenden Thesen Ulrich Herbert 2015 in dieser Zeitung. Das stimm- leitet. Die rechtsextremen Übergriffe seien sogar pensum erfolgreich absolviert zu haben. Das Wissen
des Nationalsozialismus wissen. Ernst Noltes der Historikerstreit. In den späten te schon damals nicht mehr. Bei den großen Ver- rückläufig. »Vermutlich«, sagt er, »ist das Provoka- über die Zerstörung der Weimarer Republik sei in
59 Prozent finden es übertrieben, dass ihnen das Neunzigern litt Martin Walser öffentlich unter der lagen wie S. Fischer und C. H. Beck haben es NS- tionspotenzial hier einfach geringer als in einer KZ- der Öffentlichkeit unter­dessen weithin verschüttet
Thema »fast täglich in den Medien vorgehalten wird«. »unaufhörlichen Präsentation unserer Schande«, und Titel seit mindestens zehn Jahren schwer. Selbst im Gedenkstätte.« worden. Neuere Forschungen dazu? Gibt es kaum.
Im Auftrag der ZEIT hat das Institut policy­ der Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein erblickte ZDF, wo Guido Knopp den Zuschnitt sämtlicher Diese Beobachtung verrät etwas über die deut- Im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichs-
matters am Anfang dieses Jahres 1044 Frauen und im geplanten Holocaust-Mahnmal in Berlin ein von Aspekte auf Hitler bis an die Grenzen der Selbst- sche Erinnerungskultur als Ganzes: In den vergan- parteitagsgelände plant man derzeit eine neue ­Dauer­
Männer ab 14 Jahren nach ihren Einstellungen zur außen aufgezwungenes »Schandmal«. Die Gleich- parodie getrieben hat, sind Dokumentationen zum genen 40 Jahren hat sie sich gleichsam von Nürnberg aus­stel­lung; in drei bis vier Jahren soll sie fertig sein.
NS-Zeit befragt. Die Ergebnisse könnten, selbst zeitigkeit von Schuldabwehr und dem Bekenntnis »Dritten Reich« deutlich seltener geworden. Das nach Buchenwald verlagert, von der Frage nach dem Man wolle sich in Zukunft noch stärker auf den Ort
wenn man sie mit der gebotenen Skepsis betrachtet, »Nie wieder!« scheint geradezu das Si­gnum der deut- Thema verlagert sich mehr und mehr in Sparten­ Re­gime, nach dessen Aufstieg und Machterhalt, hin selbst besinnen, sagt Florian Dierl, und weniger in
widersprüchlicher kaum sein: Die Deutschen wollen schen Haltung zur NS-Geschichte zu sein. kanäle und Mediatheken. Keiner muss mehr »weg- zum millionenfachen Massenmord. Wer den Ge- der Breite erzählen. Dafür soll, am konkreten Beispiel
sich erinnern und wollen es doch nicht. Besonders im Familiengedächtnis haben sich die schauen«, wie Martin Walser es 1998 für sich rekla- schichtsdiskurs an seinem neuralgischen Punkt Nürnberg, der Zeithorizont erweitert werden – von
Historische Fragen sind Identitätsfragen, und seit alten Muster konserviert. Opa ist heute weniger Nazi mierte. Es genügt, nicht hinzusehen. treffen will, zeigt daher nicht auf der Zeppelintribüne den Anfängen der NS-Bewegung in Weimar bis zur
je ist die Haltung zur NS-Vergangenheit hierzulande denn je: Gerade einmal drei Prozent geben in der Die erinnerungskulturelle Hochphase zwischen den Hitlergruß, sondern ritzt ein Hakenkreuz in die Nachgeschichte in der Bundesrepublik.
ein Gradmesser für den Zustand der politischen­ aktuellen Umfrage an, ihre Vorfahren hätten das 1990 und 2010, sagt Stefan Brauburger, Knopps Leichenwanne eines Lager-Krematoriums. Lange Linien ziehen und mehr historische Kon-
Kultur. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn Hitler-Regime befürwortet; 30 Prozent dagegen Nachfolger beim ZDF, »wurde maßgeblich durch die Über allem, sagt der Jenaer Zeithistoriker Norbert kretion wagen, lautet auch Volkhard Knigges Ant-
die großen Geschichtsdebatten vorbei sein mögen. glauben, aus Familien von Nazi-Gegnern zu stam- Frei, stehe seit je die Frage: »Wie konnte es dazu wort. »Die Politikerreden, wie dieses Jahr zum
Die sogenannte Neue Rechte hat unterdessen der­ men. Selbst wenn man die Maßstäbe für die An- kommen?« Bis in die Siebzigerjahre habe sie den Auschwitz­tag«, findet er, »sind in dieser Hinsicht
Erinnerungskultur selbst den Kampf angesagt, und hängerschaft sehr eng und die für die Gegnerschaft Nächste Woche 30. Januar 1933 gemeint. Seit den Achtziger- und besser geworden.« Die Zeiten des »selbstgefälligen
spätestens seit die AfD in den Bundestag eingezogen sehr weit fasst, stehen diese Zahlen in keinem Ver- Neunzigerjahren meine sie den Holocaust. Stolzes auf die eigene Aufarbeitungsleistung« seien
ist, erfolgen ihre Angriffe auf großer Bühne. Dass hältnis zur historischen Realität. Diese Verschiebung ging mit der Stabilisierung jedenfalls vorbei. Es herrsche ein »neuer Ernst«. Seit
zugleich die letzten Zeugen sterben, ist eine bittere Die Schlussstrich-Forderung dagegen hat über In Deutschland vergessen, in Russland der westdeutschen Demokratie einher – und mit die AfD in den Parlamenten sitze, sagt Knigge, sei
Koinzidenz: Die kollektive Erinnerung wird schon die Jahre an Zugkraft verloren. Während die Akzep- verfemt – das Schicksal der sowjetischen einer allmählichen empathischen Hinwendung der die Mahnung, einer Wiederholung der Geschichte
bald ohne jene auskommen müssen, die sich noch tanz eines selbstkritischen Geschichtsbildes wuchs, Kriegsgefangenen nach 1945: Teil 4 Täterkinder zu den Opfern des Nazi-Terrors. An die vorzubeugen, keine Floskel mehr.
erinnern können. schrumpfte die Jetzt-ist-auch-mal-gut-Fraktion nach unserer Serie zu 75 Jahren Kriegsende Stelle der Faschismus-Analysen der 68er trat die Ana- Ob der rechte Angriff die Ambivalenten, die
Das Bild, das die Umfragedaten zeichnen, kann Befragungen des Allensbach-Institutes von 66 Pro- lyse von Anti­semi­tis­mus und Rassismus; statt die Müden, die Selbstgefälligen und Gelangweilten
man da, je nach Gemütslage, als beruhigend oder zent im Jahr 1986 auf 48 Prozent 2009. zwölf NS-Jahre von ihren Anfängen her zu begreifen, gleichgültig lassen, wachrütteln oder in ihren Ressen-
beunruhigend empfinden. Immerhin sprechen sich Deuten die nun ermittelten 53 Prozent eine Archivöffnungen in Osteuropa und Russland nach erklärt man sie mehr und mehr von ihrem Ende her, timents bestärken wird, ist nicht ausgemacht. An-
stabile 77 Prozent der Befragten für Erinnern und Wende an? Dafür fehlt es an validen Daten. Die dem Ende des Kalten Krieges ausgelöst«. Zu heben den Erschießungsgruben und Todeslagern. zeichen liefert die aktuelle Umfrage für alles zugleich.
Gedenken aus. Aber meinen sie, was sie sagen? Oder Selbstverständigungsdebatte über die NS-Geschich- gab es vor allem Quellen über den Krieg und den So wichtig dieser Wandel war, hat er mitunter zu Ein vorsichtiger Optimismus ist allerdings er-
bestätigt sich hier der finstere Verdacht, den der­ te aber, so viel lässt sich sagen, ist nicht dabei, sich Holocaust; nicht zuletzt deshalb hätten diese Themen einer fragwürdigen Verkürzung des Nationalsozia­ laubt: 74 Prozent der Befragten geben an, dass die
Gießener Politologe Samuel Salzborn kürzlich in zu harmonisieren. So übertreffen die Rede vom viele Jahre lang überwogen. Diese Welle sei gebro- lismus auf den Holocaust geführt. Ein Paradigma, Beschäftigung mit der NS-­Diktatur sie für Ausgren-
seinem Buch Kollektive Unschuld geäußert hat: dass »Vogelschiss« und die Forderung nach einer »erinne- chen, die Einschaltquoten seien danach zurückgegan- das heute, da die Erinnerung an Weimar wieder wach zung und Ungerechtigkeit sensibilisiert habe. 53
die Erfolgsstory von der Aufarbeitung eine »Lüge« rungspolitischen Wende um 180 Grad« frühere Ein- gen. Von »Müdigkeit« und »Sättigung« sprechen auch wird, an Grenzen stößt. So lassen sich mit dem­ Prozent ziehen aus der Vergangenheit die klare Kon-
sei, ein dünner Firnis, unter dem sich ein Abgrund würfe nicht nur an Grobschlächtigkeit. Brauburgers Kollegen in den Buchverlagen. Fingerzeig auf die deutschen Verbrechen zwar der sequenz, dass »wir Deutsche eine besondere Verant-
von Unbelehrbarkeit, Rassismus und Anti­semi­tis­mus Die nach Parteipräferenz aufgeschlüsselten Um- An anderer Stelle dagegen ist der Zulauf über- Rassismus und Anti­semi­tis­mus der neuen Völ­kischen wortung gegenüber Verfolgten aus anderen Ländern«
auftut wie zuletzt in Halle und Hanau? fragedaten lassen außerdem keinen Zweifel daran, wältigend: in den Gedenkstätten. Bevor sie infolge als das benennen, was sie sind: eine tödliche Gefahr. haben. Auch die Hoffnung, aus der Geschichte lernen
Sieht man genauer hin, trifft weder das eine noch dass die AfD-Wähler nicht anders denken als die der Corona-Pandemie schließen mussten, vermel­ Um die neurechte Attacke auf Demokratie und­ zu können (76 Prozent), scheint ungebrochen.
das andere zu: Es gibt nichts zu beschönigen – und Partei-Demagogen. 80 Prozent und mehr teilen deten sie vielerorts Besucherrekorde. Liberalismus mit historischer Tiefenschärfe zu erfas- Bewirkt die Neue Rechte mit ihren Attacken am
nicht viel zu entlarven. Stattdessen scheinen sich in folgende Aussagen »ganz und gar« oder »eher«: dass, »Eine Ursache ist der boomende internationale sen, ist der Hinweis auf die Leichenberge von­ Ende das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigt?
den Zahlen diffuse Affekte abzubilden, die durchaus »gemessen an der langen Geschichte unseres Landes«, Tourismus«, sagt Volkhard Knigge, der seit 1994 die Auschwitz jedoch eher ungeeignet. Wird die Erinnerungskultur aus den gegenwärtigen
in einer Brust wohnen können. Es schließt sich nicht der Nationalsozialismus einen »viel zu großen« Raum KZ-Gedenk­stätte Buchenwald leitet (nun folgt ihm Der verengte Blick auf Mord und Lagerterror hat Konflikten gestärkt hervorgehen?
aus, die historische Aus­ein­an­der­set­zung für wichtig einnehme; dass man als Deutscher »wegen der NS- Jens-Christian Wagner nach, der bisherige Geschäfts- zudem eine Tendenz zur emotionalen Über­­wäl­tigung Wandeln müssen wird sie sich so oder so – um das
zu halten, eine vage Sehnsucht nach »Normalität« zu Geschichte nicht mehr offen über bestimmte The- führer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten). begünstigt, die in Reinform wenig dazu taugt, die Ende der Zeitzeugenschaft zu verkraften und um
verspüren (56 Prozent meinen »voll und ganz« oder men diskutieren« könne; dass es Zeit für einen Buchenwald und andere ehemalige Lager seien aber historische Urteilskraft zu stärken. Vermutlich liegt Antworten zu finden für eine neue Generation und
»eher«, dass ständiges Erinnern »ein gesundes Na- »Schlussstrich« sei. Die Liste ließe sich fortsetzen. auch mehr denn je Orte der gesellschaftspolitischen hier auch eine Ursache für das in der Umfrage be- eine politische Welt, die sich von der nach 1945 ge-
tionalbewusstsein« verhindere) und, vielleicht aus Für 39 Prozent ist die Judenverfolgung »sehr weit ­Debatte – und der Konfrontation. kundete Unbehagen an einem gewissen erinnerungs- schaffenen transnationalen Ordnung schneller ent-
Unwissenheit, zu denken: »Die Masse der Deutschen weg« und nicht von Interesse. 58 Prozent finden, der Mindestens einmal pro Monat haben es Knigges politischen Konformitätsdruck. »Man kann seine fernt denn je. In der Vergangenheit war das Erinnern
hatte keine Schuld, es waren nur einige Verbrecher, Nationalsozialismus werde zu negativ dargestellt; er Mitarbeiter mit rechtsextremen Provokationen, Meinung über die NS-Vergangenheit in Deutschland oft in Phasen des Streits besonders lebendig. Dass sich
die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht habe »auch positive Seiten« gehabt. Schmierereien oder Vandalismus zu tun. Seit 2015 nicht ehrlich sagen« – diesem Satz schließen sich im deutschen Selbstgespräch die Widersprüche ver-
haben« (insgesamt 53 Prozent Zustimmung). Der rechte Rand hat sicherlich einen polarisieren- registrieren sie bei der Zahl der Vorfälle dramatische immerhin 42 Prozent der Befragten an. Knapp die­ schärfen, ist so gesehen eine gute Nachricht.
Womöglich spiegelt sich in solcher Ambivalenz den Effekt auf das Gesamtbild. Gänzlich zu erklären Ausschläge nach oben (ZEIT Nr. 27/19). Auch das Hälfte gibt zu Protokoll: »Ich habe den Eindruck,
sogar ein deutscher Normalzustand. Denn sosehr aber ist das widersprüchliche Umfrageergebnis damit Schweigen halte wieder Einzug. Nicht das entsetzte, dass man, wann immer von den Verbrechen des­Na- Ein PDF mit allen von policy matters erhobenen
man, wie jüngst die Philosophin ­Susan Neiman in nicht. Vielmehr zeigt sich, dass der Angriff von rechts sprachlose, sondern das kalte, unerschütterbare. Mit- tionalsozialismus die Rede ist, Betroffenheit zeigen Daten finden Sie unter zeit.de/ns-umfrage

Ambivalenz und Abwehr: Ergebnisse der ZEIT-Umfrage zur Erinnerungskultur

Alle Befragten Nur AfD-Wähler Alle Befragten Nur AfD-Wähler Alle Befragten Nur AfD-Wähler
stimme voll
und ganz zu 18 % 25 % 7% 56 % 8% 39 % 24 % 19 % 13 % 18 % 2% 40 %
13 % 15 % 14 %
stimme
eher zu 29 % 28 % 24 % 38 % 26 % 32 % 35 % 35 % 44 %

stimme eher
nicht zu Schlussstrich ziehen? Nicht vergessen? Mehrheit ­unschuldig?
stimme gar »75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollten wir ­einen ­ »Es ist für uns Deutsche Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Geschichte des »Die Masse der Deutschen hatte keine Schuld, es waren nur einige ­
nicht zu Schlussstrich unter die Vergangenheit des Nationalsozialismus ziehen.« Nationalsozialismus und der Holocaust nicht vergessen werden.« Verbrecher, die den Krieg angezettelt und die Juden umgebracht haben.«
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 RECHT & UNRECHT 18

M
öglicherweise haben beschimpft er ihn lautstark als »faule Sau«. Einmal,
die Nachwuchssorgen ein Gast hatte sich über Schmutz unter der Heizung
der deutschen Justiz beschwert, schleift Baumbach Tannert an den Haaren
ihren Ursprung ja im in das Gästezimmer und versetzt ihm einen Schlag
Arbeitskräftepool der in den Bauch. Als Tannert beim Saubermachen eine
Firma Lego. Dort ste­ Nachttischlampe herunterfällt, die dabei zerbricht,
hen viele Berufe zu schlägt ihn Baumbach zu Boden und tritt auf ihn ein.
Einsatz und Identifika­ Tannert ist längst so eingeschüchtert, dass ihm Wi­
tion parat, ein Richter aber nicht. In unserem derspruch, gar Verweigerung oder Flucht nicht in
Kinderzimmer wurde deshalb der schwarzrobige den Sinn kommen. Er hat Angst vor Baumbach und
Feuerwehrmann umgewidmet. Nach dem kind­ sieht keine Alternative.
lichen Willen hätte es ein Polizist sein sollen, doch Dann schlägt ihm Baumbach eines Morgens
auf die staatliche Gewaltentrennung können El­ – wieder wegen eines vermeintlich nicht sauberen
tern nicht früh genug achten. Wer schließlich noch Zimmers – so stark an den Kopf, dass ein Ohr an­
die Lego-Bestrafungsexzesse in geordnete Bahnen schwillt und aus der Nase Blut läuft. Die Schimpf­
lenken will, findet im abendlichen Vorleseritual kanonaden machen Pensionsgäste aufmerksam, sie
nur unzureichend Stoff (»... da zogen ihn die wollen Erste Hilfe leisten und Tannert zum Arzt
schweren Steine hinein, und er musste jämmerlich fahren. Baumbach beschwichtigt, setzt Tannert in
ersaufen«). Bei uns verschoben sich die Geschich­ sein Auto, kauft in einer Apotheke Salbe, fährt
ten deshalb zunehmend ins Reale: »Und, Papa, was eine Stunde mit Tannert herum und bringt ihn
hattest du heute für einen Bösewicht?« Für Kinder von seinem Vorhaben ab, die Pension zu verlassen.
ist es ein Segen, wenn die richterliche Geschäfts­ Drei Wochen später zerreißt Baumbach einen
verteilung die Eltern zum Strafrichter macht. Als Brief des Jobcenters, in dem Tannert zu einem
ich eine Zeit lang für Zivilrecht und Zwangsvoll­ Vermittlungsgespräch eingeladen wird. Er zwingt
streckungen zuständig war, lag mein So­zial­pres­tige ihn, den Termin wegen angeblicher Krankheit ab­
zu Hause am Boden. Hatte ich Verkehrsordnungs­ zusagen. »Du findest sowieso nie wieder Arbeit«,
widrigkeiten zu verhandeln, litt die Familie unter sagt Baumbach. Zwei Tage später, erneut ist er mit
meiner schlechten Laune. Musste ich als Familien­ der Sauberkeit unzufrieden, rastet Baumbach wie­
richter Ehen scheiden und Kinder verteilen, verbot der aus. Er schlägt Tannert ins Gesicht, gegen das
es sich, den Grusel abends im Kinderzimmer zu Ohr und in den Bauch. Weil Tannert jetzt fürch­
verbreiten; Harry Potters Dementoren waren ein­ tet, totgeschlagen zu werden, setzt er sich auf ein
deutig das kleinere Übel. Fahrrad und flieht zu seinem Bruder. Dieser bringt
Der Amtsrichter ist unter den Richtern das, den Verletzten in die Rettungsstelle des nächstgele­
was der Allgemeinmediziner unter den Ärzten ist: genen Krankenhauses, wo er stationär aufgenom­
ein Generalist. Allerdings entwickeln Amtsgerich­ men wird. Festgestellt werden Schwellungen und
te oft richterliche Besitzstände, in denen ein Voll­ Hämatome unterschiedlichen Alters, verteilt auf
jurist über 25 Jahre nichts anderes praktiziert als den ganzen Körper. Das geschlagene Ohr weist
Jugendrecht oder Zivilrecht oder Betreuungsrecht. kein Relief mehr auf.
Irgendwann genießt er dann Immunität vor einem
unfreiwilligen Wechsel. Seine akkumulierte Er­ Die nächste Instanz milderte das Urteil ab.
fahrung und fachliche Spezialisierung kommen Doch bestraft wurde der Täter trotzdem
zweifelsfrei der Entscheidungsqualität und Schnel­
ligkeit der Rechtsprechung zugute. Auf der ande­ In der Gerichtsverhandlung bestreitet Baumbach alle
ren Seite darf an einem kleinen Gericht nicht Vorwürfe. Seine Familie habe Tannert in einer Le­
plötzlich der langjährige Nachlassrichter krank benskrise aufgenommen und Halt gegeben. Als Dank
werden – es gibt dann keinen mehr, der sich mit habe er sich an kleineren Arbeiten in der Pension
einer solch anspruchsvollen Materie auskennt. beteiligt. Von Zwang und Gewalt könne keine Rede
Dafür, den Beton von den Geschäftsverteilungs­ sein. Vielmehr habe er Tannert, der Country-Musik
plänen fernzuhalten, spricht aber vor allem ein liebe, einige Male zu Konzerten mitgenommen. Und
anderes Argument. Der Dresdner Universalgelehrte schließlich, der Joker der Verteidigung: Seine Familie
Manfred von Ar­denne empfahl einst – und lebte es habe Tannert sogar auf eine Urlaubsreise nach Ägyp­
selbst vor –, nach spätestens zehn Jahren das Fach­ ten mitgenommen. »Hier sind die Fotos, schauen Sie
gebiet zu wechseln, um sich Kreativität und inne­ nur, wie glücklich Tannert aussieht!« – »Und die Ver­
res Feuer zu bewahren. Vor Burn-out sind auch letzungen, im Krankenhaus fotografiert und ärztlich
Illustration: Jan Hamstra für DIE ZEIT

Richter nicht gefeit. Bei manchen Kollegen, ver­ bescheinigt?« – »Die hat er sich selber beigebracht.«
mute ich, hätten frische Impulse in ihrem Berufs­ Es nützt Baumbach nichts. Tannert ist nicht
leben sie davor vielleicht bewahrt. intelligent genug, komplex und widerspruchsfrei
Der Strafrichter ist jedenfalls jener, der seine zu lügen. Tannert war nicht einmal in der Lage,
Familie am besten mit Geschichten nährt. Nur ein unbemerkt Geld zu unterschlagen. Als wieder ein­
einziges Mal aber löste mein abendlicher Sitzungs­ mal 300 Euro in der Kasse fehlen, zeigt Baumbach
bericht den Impuls aus: Wann wird die Verhand­ Tannert an. Per Strafbefehl wird dieser zu einer
lung fortgesetzt? Dann kommen wir mit. Am Geldstrafe verurteilt. Das Gericht wird dies
dritten und letzten Verhandlungstag saßen Frau Aus Todesangst vor seinem Chef machte Tannert alles – auch noch so erniedrigende Arbeiten Baumbach später in seiner Strafzumessung als be­
und elfjähriger Sohn tatsächlich im Publikum. sonders perfide anlasten. Tannerts Zeugenaussa­
gen sind frei von Ungereimtheiten oder Wider­
Die Beziehung beginnt freundlich, sprüchen. Zwar lügen für Baumbach dessen Le­

Der Sklavenhalter
doch die Abhängigkeit wird zur Hölle bensgefährtin und Tochter, gegen die eindrucks­
vollen Aussagen mehrerer Pensionsgäste jedoch
Es ging um einen Straftatbestand, von dem ich vergeblich. Baumbachs Joker schließlich sind nur
vergessen hatte, dass er im deutschen Strafgesetz­ für Menschen ohne Geschichtskenntnisse von Be­
buch geregelt ist. Mit der »Ausnutzung der weiskraft. Schon die antiken Sklavenhalter setzten
Zwangslage einer Person zum Zwecke der Aus­ ihren Sklaven positive Anreize, die die Moral he­

im Paradiese
beutung der Arbeitskraft« (Paragraf 233 a. F.) hatte ben, den Teamgeist stärken und die Produktivität
ich nie zuvor (und seitdem nie wieder) zu tun. erhöhen sollten. »Zuckerbrot und Peitsche« ist seit
Meiner Familie erklärte ich: Es geht um einen den alten Römern eine erfolgreiche Management­
Sklavenhalter und sein Opfer. technik. Und die Country-Musik in einer bran­
Ralf Tannert (Name aus Datenschutzgründen denburgischen Pension heute offenbar das, was
geändert) war am Ende. Während einer stationä­ der Blues in den Baumwollplantagen des 19. Jahr­
ren Therapie zur Behandlung seiner Spielsucht hunderts war.
hatte er zum ersten Mal die Liebe kennengelernt. Meine Urteile (X): Ein sadistischer Pensionswirt im Märkischen macht sich einen Das Gericht verurteilt Baumbach zu einer Frei­
Die Warnungen seiner Eltern vor einer Ehe mit heitsstrafe von drei Jahren und einer Schmerzens­
der spiel- und kaufsüchtigen Frau schlug er in den
­Spielsüchtigen untertan – ein monströser Fall, auch für meine Familie  VON THOMAS MELZER geldzahlung an Tannert in Höhe von 10.000 Euro.
Wind. Von den 120.000 Euro Abfindung, die er Erwartungsgemäß legt Baumbach gegen das
bei seinem Ausscheiden von den Berliner Ver­ Urteil Berufung ein. Die Berufungsstrafkammern
kehrsbetrieben erhalten hatte, beglich er eigene an den Landgerichten gehören zu den belastetsten
Schulden und die seiner Frau. Als er feststellte, und bedauernswerten Spruchkörpern der Justiz.
dass sie ihn schamlos ausnutzte und hinterging, lassen ihn schnell aufgeben. Nun hängt er in der als Taschengeld aus; eine Buchführung über Soll bachs Tisch mit, an den Wochentagen sind die Sie vergeben ihre Verhandlungstermine nicht nach
verließ er die gemeinsame Wohnung, für deren Pension herum und langweilt sich. Aus Dankbar­ und Haben gibt es nicht. Alle zwei Wochen be­ Reste des Frühstücksbuffets und der zurückgehen­ chronologischem Eingang, sondern nach Priorität.
Miete er jedoch weiterhin haftete. Ohne Vermieter­ keit für freundliche Gesten der Gastgeber bietet er gleitet Tannert den Chef in einen Großmarkt, wo den Gästeteller seine Hauptnahrungsquelle. In Baumbach sitzt weder in Untersuchungshaft, noch
freibrief und Schufa-Segen, ausgestattet nur mit ihnen seine Hilfe an. er sich ein paar Lebensmittel aussuchen darf. An den 24 Monaten seines Lebens im Paradiese ver­ ist er ein vorbestrafter Wiederholungstäter. Seine
Hartz IV, sah Tannert keine C ­ hance auf eine ei­ Dann kündigt die einzige familienfremde Ar­ den Wochenenden isst er gelegentlich an Baum­ liert Tannert 27 Kilogramm Körpergewicht. Berufungsverhandlung findet nach 18 Monaten
gene Bleibe. Gedemütigt, weil sie mit ihren War­ beitskraft. Die Pension hat 24 Gästebetten. Der ANZEIGE Nach ein paar Monaten beginnt Tannert, aus statt. Die Zeit spielt für ihn, das Gericht ermäßigt
nungen vor der Frau recht behalten hatten, brach Betrieb beginnt frühmorgens mit einem Früh­ der Getränkekasse Geld zu entnehmen. Der Ver­ die Strafe auf zwei Jahre und setzt ihre Vollstre­
er den Kontakt zu Eltern und Geschwistern ab. Er stücksbuffet und endet spätabends mit dem Bier­ mieter seiner Ehewohnung hat Tannert ausfindig ckung zur Bewährung aus.
vernachlässigte Hygiene und Kleidung. Was ihm ausschank. Die Tochter des verwitweten Chefs er­ gemacht und sitzt ihm nun mit den Mietschulden Gelassenheit ist für den Amtsrichter oberstes
blieb, war das Asyl in der kleinen Pension »Para­
diese«, vor den Toren der Stadt, bei Rudolf Baum­
ledigt nach der Schule die Büroarbeiten. Seine
Freundin hat ihre eigene Wohnung, sie gibt im VERBRECHEN im Nacken. Als Baumbach die Diebstähle ent­
deckt und einen Fehlbetrag von 482 Euro errech­
Gebot, wenn sein Urteilsspruch von der Rechts­
mittelinstanz aufgehoben oder abgeändert wird.
bach (Name geändert). Paradiese nur Gastrollen. Und Baumbach selbst, DER KRIMINALPODCAST net, gibt Tannert ein schriftliches Schuldeinge­ Das gelingt mir meist, aber nicht immer. Hier
Die körperlichen Konstellationen vor Gericht mit seinem gewaltigen Bauch und der dicken gol­ ständnis ab und hinterlegt als Sicherheit seinen tröste ich mich, dass Baumbach, drei Jahre Knast
bergen die Gefahr, Rollen von der ersten Sekunde denen Kette um den Hals – ist der Chef. Der setzt Personalausweis. Nun hat ihn Baumbach vollends im Nacken, bis zur Berufungsverhandlung keine
an verteilt zu wissen: Hier das schmächtige,­ seinen Dauermieter nun als Arbeitskraft ein, aus in der Hand. gute Zeit gehabt haben wird. Zudem lese ich im
verhuschte 37-jährige Opfer. Dort der mächtige, Freiwilligkeit wird Zwang. Zwischen vier und Die Fugen in den Sanitärräumen muss er jetzt mit Berufungsurteil, seine Pension ist pleite, seine Le­
einen Kopf größere, demonstrativ selbstbewusste fünf Uhr muss er täglich aufstehen, um den Gäs­ Scheuermilch und kleinen Bürsten säubern. Eine neu bensgefährtin hat ihn verlassen. Das Leben straft
57-jährige Täter. Doch zunächst sind sie nur Zeu­ ten – viele von ihnen Montagearbeiter – das Früh­ gemauerte Außenwand soll er mit Salpetersäure be­ meist härter als das Gericht.
ge und Angeklagter. Erst am Ende werden wir stück zu bereiten. Anschließend reinigt er die Pen­ handeln und verätzt sich dabei die Hände. Vor Be­ »Hast du die fette Gürtelschnalle gesehen?«,
wissen, dass in diesem Fall die Täter-Opfer-Kon­ sionszimmer und die Funktionsräume, führt den endigung der Arbeit darf er nicht ins Bett gehen, fragt mich meine Frau am Abend der Urteilsver­
stitution andersherum nicht vorstellbar ist. Ohne Hund Gassi, pflegt die Grünpflanzen, poliert den Tannert stellt Scheinwerfer auf und arbeitet bis in die kündung. »Nicht genau«, sage ich, »ein Bullen­
Machtausübung durch schiere körperliche Präsenz Jeep des Hausherrn. Mit dem Bierausschank endet Nacht. Verlässt Baumbach das Anwesen, nimmt er kopf? Oder ein Rottweiler?« – »Und wie er breit­
wäre es zu dieser Tatgeschichte nicht gekommen. sein Arbeitstag selten vor Mitternacht. Tannert sei Tannert dessen Zimmerschlüssel ab – er solle arbeiten beinig gesessen hat, als habe er ein urologisches
Die 350 Euro Miete für das Paradiese-Zimmer »Mädchen für alles« gewesen, wird später ein und nicht abhängen. Ist die Pension ausgebucht, Problem.« – »So sitzen häufig auch Politiker, meist
überweist das Jobcenter fortan direkt an Baum­ Montagearbeiter als Zeuge vor Gericht aussagen. muss Tannert sein Zimmer räumen und in Baum­ Diktatoren. Eine Machtpose.« – »Beeinflusst dich
Illustration: Lea Dohle

bach. In dessen Familie findet Tannert schnell An­ Lohn erhält er für seine Leistungen nicht. Viel­ EIN PODCAST ÜBER VERBRECHEN – bachs Wohnung auf der Couch schlafen. Nachdem das?« – »Ich hoffe nicht.«
schluss und wird zum Essen eingeladen. Mit seiner mehr war Baumbach bereits nach kurzer Zeit dazu UND WAS SIE ÜBER DIE ein Pensionsgast den Toilettenvorraum mit Kot ver­
uncoolen, freundlichen, oft auch naiven Art gilt er übergegangen, mit Tannert monatlich zu einem MENSCHHEIT ERZÄHLEN unreinigt hat, weist Baumbach Tannert an, den Ver­ Thomas Melzer ist Richter in Brandenburg.
als kindhafter Sonderling. In einer Drückerkolon­ Geldautomaten zu fahren und sich dessen vom JETZT ANHÖREN: ursacher ausfindig zu machen oder die Säuberung In der Reihe »Meine Urteile« schreibt er in
ne findet er Arbeit, vertreibt Tierfutter im Haus­ Jobcenter überwiesene Sozialleistungen aushändi­ www.zeit.de/verbrechen selber durchzuführen. Tannert wischt den Raum. Ist loser Folge über die Geschichten, die hinter
türgeschäft. Schikanen und schlechte Bezahlung gen zu lassen. Kleinere Beträge zahlte er ihm fortan Baumbach mit den Arbeitsleistungen unzufrieden, seinen Gerichtsentscheidungen stecken

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GIGA
WIRTSCHAFT
29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19

des Monats
5G geht in

19
die Fläche. S. 23
Fotos: Roderick Aichinger für DIE ZEIT

Carsten Spohr
vergangenen Freitag
im fast menschenleeren
Terminal 2 des
Münchner Flughafens

Plötzlich am Boden
Ein Flugzeugabsturz, epochale Streiks und dann noch die Klimadebatte – Lufthansa-Chef Carsten Spohr glaubte, alles erlebt zu haben,
was einem Manager widerfahren kann. Dann kam Corona und die Frage, wie viel Staatseinfluss ein Konzern verträgt  VON CLA AS TATJE

F
reiheit hat im Leben von Carsten Denkbar wäre eine Beteiligung, bei der die Re- Gäste anstatt wie normalerweise 350.000.« Die Als Manager zog Spohr offenbar seine ganz­ Hien, so erinnert er sich heute, will Spohr gesagt haben:
Spohr eine große Bedeutung – ein gierung keine aktive Rolle im Unternehmen ein- Lufthansa verliere jede Stunde »ungefähr eine eigenen Schlüsse aus diesem Prinzip: Wer sich zu »Ihre Karriere war zu gradlinig. Ihnen fehlen die Brüche
Flugzeug über den Wolken fliegen, nehmen würde. Doch sie könnte auch auf einem Million Euro« ihrer Liquiditätsreserven. ihm ins Boot setzt, den zieht er mit voran. Aber wer im Lebenslauf.« Spohr habe ihm das nie verziehen. Der
einen weltweit tätigen Konzern Aufsichtsratsmandat bestehen. Bei der Commerz- Und auch die neuesten Zahlen sind düster: einen anderen Takt anschlägt, ist früher oder später bestreitet nicht, nachtragend zu sein: »Es kann schon
lenken. Diese Art von Freiheit. bank, die in der Finanzkrise vor zehn Jahren zum Vergangenen Mittwoch beispielsweise hoben 99 weg. Das erfuhren etwa die Lufthansa-Finanzvor- sein, dass mich manchmal Menschen enttäuschen und
Spohr hat sie erreicht, erst wurde er Teil verstaatlicht wurde, sitzen beispielsweise noch Flüge der Lufthansa ab, am gleichen Tag ein Jahr ständin Simone Menne oder der langjährige Flug- ich das so schnell nicht vergesse.«
Pilot, dann Manager der Lufthansa, zwei Vertreter der Regierung im Kontrollgremium. zuvor waren es 3215. Ein Minus von 97 Prozent. zeugeinkäufer Nico Buchholz. Seinem Erfolg hat das offenbar nicht geschadet. In
seit sechs Jahren ist er deren Vorstandschef. Es wur- Für Spohr wäre das der Worst Case. Denn wegen Der Verlust im ersten Quartal beträgt bereits über Als die Deutschen noch reisen konnten, wohin Spohrs Rekordjahr als Vorstandschef 2017 machte die
den die wirtschaftlich erfolgreichsten Jahre der der Lufthansa-Töchter spielen auch die Regierun- eine Milliarde Euro, das zweite Quartal wird weit sie wollten, kaufte sich der 22-jährige Student Lufthansa schließlich Tag für Tag acht Millionen Euro
Konzerngeschichte. Ein Dax-Manager auf dem gen in Wien (Austrian Airlines), Bern (Swiss) und schlimmer. Carsten Spohr ein Flugticket, packte seinen Ruck- Gewinn. »Die Firma hat immer versucht, effizienter,
Höhepunkt. Brüssel (Brussels Airlines) eine Rolle, soll das­ Nächsten Dienstag wird Spohr seinen Aktio- sack und flog mit zwei Freunden nach Los Angeles, schneller und damit profitabler zu werden«, sagt Spohr.
Doch innerhalb weniger Monate musste der Unternehmen am Leben gehalten werden. Spohr nären auf einer virtuellen Hauptversammlung per dann weiter nach Papeete in der Südsee, nach Auck- Doch das genügt im April 2020 nicht mehr. Spohr
53-jährige Spohr gleich zweimal um seine unter- sagt: »Wenn die Bundesrepublik zu große Einfluss- Livestream noch vom Milliardengewinn im ver- land, nach Sydney, Bali, Bangkok, zurück nach arrangiert sich gerade mit der neuen Realität. Er fliegt
nehmerische Freiheit fürchten. Im vergangenen nahme auf operative Geschäftsaufgaben nehmen gangenen Jahr berichten. Nur wird das kaum Frankfurt. »Ich habe es geliebt, Zeit an den Flug­ nicht mehr mit der A320 zur Arbeit nach Frankfurt, er
Sommer ging es darum, wie sich Wachstum und wollte, fordert das vielleicht die österreichische jemanden mehr interessieren. häfen zu verbringen«, erinnert er sich. Am Ende der fährt nun mit dem Auto ins Lufthansa-Büro an seinem
Klimaschutz vertragen, und wie sinnvoll es ist, Flü- Regierung ebenso ein, dann möglicherweise auch Schon seit Anfang des Jahres spürt die Lufthansa Reise war der angehende Wirtschaftsingenieur Wohnort München. Aus dem Homeoffice erzählt er,
ge von Nürnberg nach München anzubieten. Wie die Schweiz, Belgien, Bayern oder Hessen. So kön- die Auswirkungen des Virus aufs Geschäft. Am ziemlich pleite, aber er wusste jetzt, wohin er woll- dass er seit 20 Jahren nicht so oft zu Hause gewesen sei.
nur wenige andere Unternehmen wurden Fluggesell- nen Sie einen Konzern nur sehr schwer steuern.« 6. Januar informierte der medizinische Dienst des te: zur Deutschen Lufthansa. Plötzlich isst er regelmäßig mit seiner Frau und beiden
schaften von der Klimabewegung attackiert. Spohr wird die Staatshilfe wohl akzeptieren müssen, Konzerns den Vorstand in einem Memo über eine Spohr beginnt die Pilotenausbildung. Piloten Kindern zu Abend. Bis vor wenigen Wochen hat er
Schon in diesem Frühjahr klingt das wie ein egal in welcher Form sie kommt. neue Atemwegsinfektion im chinesischen Wuhan. sind Menschen, die Entscheidungen laufend hin- ständig im Flieger gesessen. Er kam aus Berlin, New York
Problem aus einer anderen Zeit. Wachstum? Die Noch vor wenigen Monaten waren die Macht- Die meisten Deutschen hielten Corona da noch für terfragen, aber wenn sie getroffen sind, auch durch-
Bekämpfung des Coronavirus hat das Wirtschafts- verhältnisse ganz andere gewesen. Im August 2019 ein mexikanisches Bier. Doch die Lufthansa dünnte ziehen müssen. So erklärt der damalige Chefpilot Fortsetzung auf S. 20
leben auf der ganzen Welt lahmgelegt, den Flugver- eilt Spohr während der nationalen Luftfahrtkon­ ihre Flugpläne aus, erst die nach China, dann die Robert Salzl, was er Spohr beibrachte: »Es darf nichts
kehr trifft es besonders heftig. Carsten Spohr droht ferenz in einem Leipziger Flugzeughangar zum­ Routen in ganz Asien, schließlich Amerika. Alternativloses geben.« In der Luft ist es so, dass sich ANZEIGE
seine Freiheit plötzlich in einem Maße zu verlieren, Kuchenbuffet (»Ich brauche ständig neue Optionen und
die ihm vor Kurzem noch undenkbar schien. Um mal was Süßes«). Gerade hat Wege auftun, weil der Luft-
den Konzern überhaupt am Leben zu halten, braucht
er die Hilfe des Staates. Bis Redaktionsschluss stand
er Kanzlerin Angela Merkel
zum Hubschrauber beglei-
»In einer wirtschaftlich vernetzten Welt raum voll und die Flugsiche-
rungen zahlreich sind. Kaum
noch nicht fest, welche Gegenleistung die Bundes-
republik für ihre in Aussicht gestellte Finanzhilfe an
tet. Auch der Wirtschafts-
minister Peter Altmaier ist
ist es völlig undenkbar, nicht zu fliegen« ein Flugzeug fliegt deshalb
direkt von A nach B. Wer

GIGA
die Lufthansa erwartet. Fest stand nur so viel: So da. Er erwähnt den Luft- Carsten Spohr, 53, ist seit sechs Jahren Chef von Europas größter Airline von der zunächst festgeleg-
unabhängig wie bislang wird Carsten Spohr künftig hansa-Chef in einer Dis- ten Route abweicht, spart
nicht mehr agieren können. kussionsrunde gleich vier- mitunter wertvolle Minuten
Seit dem vergangenen August hat die ZEIT mal, es geht um das ungeheure Wachstum der Das ist nicht ungewöhnlich. Bei anderen Krank- und Hunderte Liter Treibstoff. So werden Piloten
Spohr immer wieder gesprochen. Im Kreise von Branche. Spohr selbst tritt wenig später auf die heiten wie der Sars-Pandemie hat es das auch gege- zu Managern von Zeit und Geld. Bei einem Vor-

des Monats
Politikern, Mitarbeitern und zuletzt vergangenen Bühne und erzählt von seinen Telefonaten mit dem ben. Deshalb erkennt Carsten Spohr, der täglich eine standschef ist es nicht anders.
Mittwoch in einer Videoschalte aus seinem Home- Finanzminister. Während der neben ihm stehende Übersicht mit allen Flugbewegungen des Konzerns Als Spohrs späterer Mentor Jürgen Weber 1991
office in München. Da fordert Spohr noch einmal Verkehrsminister von Drohnen und Flugtaxis im Vergleich zum Vorjahr bekommt, erst Anfang Lufthansa-Chef wurde, machte das Unternehmen
klipp und klar unternehmerische Freiheit: »Die Luft- schwärmt, kommt Spohr auf die alltäglichen­ April die ganze Tragweite der Corona-Pandemie. über anderthalb Millionen Euro Verlust am Tag.
hansa hat die drei besten Jahre ihrer Konzernge- Unzulänglichkeiten der Deutschen Flugsicherung Inzwischen sagt er: »Ich muss noch akzeptieren, dass Schon damals stand die Zukunft des Unternehmens
schichte hinter sich. Wenn sie auch künftig erfolg- zu sprechen. Er wäre schon froh, wenn das staats- ein neues Normal erst möglich ist, wenn es nicht nur auf dem Spiel. Erst eine drohende Massenentlassung
reich sein soll, muss sie auch weiterhin ihr Schicksal eigene Unternehmen »genug Fluglotsen für meine Medikamente, sondern auch einen Impfstoff gibt. überzeugte die Mitarbeiter, teure Pensionsprivilegien
unternehmerisch gestalten können.« Jumbos hätte«. Und danach »können wir uns auch Und das kann Jahre dauern.« zu beschneiden und Kosten zu minimieren. Mit
Nun aber braucht das Unternehmen dringend um die Kleinen kümmern«, spottet Spohr. Mit dem Schicksal der Lufthansa steht auch Webers Idee, sich mit Konkurrenten das Streckennetz 5G geht in
Geld, bis zu zehn Milliarden Euro könnten nötig Spohrs Jumbos und all die anderen Flieger sind Spohrs Lebenswerk auf dem Spiel. und letztlich auch die Passagiere zu teilen, begann
sein, um durch die Krise zu kommen. Für die Luft- im August 2019 gut gefüllt. 106.794 Lufthansa- Spohr stammt aus Wanne-Eickel mitten im eine neue Erfolgsgeschichte. Weber sagt heute über die Fläche. S. 23
hansa am bequemsten wäre eine Finanzhilfe, wie sie Flüge allein in diesem Monat, 14 Millionen Passa- Ruhrgebiet. Sein Jugendfreund Thomas Kruse­ seinen einstigen Assistenten Spohr: »Er war mit Ab-
gerade der Rivale Condor oder der Reisekonzern giere. In den fünf Minuten, in denen Spohr sein erinnert sich an gemeinsame Gelegenheitsarbeiten, stand der Beste.« Webers Frau nannte ihn »mein
TUI bekommen haben. Der Staat verleiht Geld, die Stück Kuchen isst, starten irgendwo auf der Welt Spohr malochte als Teenager auf Baustellen. »Er war Bub«, und als Spohr 2011 Konzernvorstand der
Krise geht vorüber, später wird der Kredit zurück- zwölf Lufthansa-Maschinen. sich für nichts zu schade«, sagt Kruse. In der Schu- Passagiersparte wurde, zog er in Webers einstiges
gezahlt. So einfach könnte es sein, schließlich hatte Wie ernst die Lage dagegen jetzt ist, erklärte le saßen Kinder von Geschäftsführern neben Kin- Büro am Rollfeld in Frankfurt, die im Minutentakt
die Lufthansa ein zuletzt sehr profitables Geschäfts- er seinen 138.000 Mitarbeitern am 8. April in dern von Lastwagenfahrern oder Hafenarbeitern, startenden und landenden Flugzeuge im Blick, fast
modell. Bei Condor ging es um »nur« 500 Millio- einer Videobotschaft. Spohr stand für die Auf- Spohrs Vater war Bauingenieur. Spohr verbrachte jeder Flug brachte der Lufthansa Gewinn.
nen, bei TUI um knapp zwei Milliarden Euro. nahme vor einem weiß-blauen Hintergrund, der viele Stunden im Ruderclub, wo er mit Kruse zu- Spohrs geschmeidiger Aufstieg bescherte ihm
Bei einer womöglich fünfmal so großen Summe wohl nach Himmel, Hoffnung und Freiheit aus- sammen im Vierer saß. Eine Lektion, sagt Kruse: auch Kritik. Etwa von Uwe Hien. Der Flugbegleiter
könnte die Regierung Mitsprache einfordern. Der sehen sollte, und sagte seinen Leuten, warum die »Wer sich nicht anpasst an die anderen, wer ständig saß für die Gewerkschaft Ufo im Aufsichtsrat und
Manager Spohr müsste sich dann gegenüber einem stolze Lufthansa nun sehr bescheiden werden nur sein eigenes Tempo geht, bringt das ganze Team gab Spohr 2014 zu verstehen, ihn nicht zum Vor-
neuen Eigentümer verantworten. muss. »Wir ­befördern täglich weniger als 3000 aus dem Rhythmus.« standschef zu wählen, er enthielt sich der Stimme.
20 WIRTSCHAFT 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Schon wieder weg


G
leich zu Beginn ihrer gemein- Der Analyst Mirko Maier, der den Konzern für
die Landesbank Baden-Württemberg beobachtet,
Nach nur sechs Monaten sonalchef für Deutschland, soll den Eindruck zer- so schildert es Marco Lenck, Chef der deutsch-
samen Zeit an der Spitze des streuen, dass man bei SAP in der Krise lieber e­ inem sprachigen SAP-Anwendergruppe, der DSAG. Die
Softwarekonzerns SAP hät- hält die Begründung des Unternehmens für »nicht wechselt SAP seine Chefin Mann vertraue. »Jennifers Geschlecht hat weder ist ein mächtiger Player, denn sie vertritt die Inte-
ten sie einander ein Verspre- nachvollziehbar«. Schließlich rechne SAP nach­ bei ihrer Berufung noch bei ihrer Ablösung eine ressen von mehr als 3500 SAP-Kunden. Wenn die
chen gegeben, erzählte Jenni- eigenen Angaben damit, vergleichsweise glimpflich
aus. Weil sie eine Frau ist?  Rolle gespielt«, sagt Younosi auf Nachfrage. Dann DSAG einen Termin mit dem Konzernvorstand
fer Morgan Anfang März auf durch die Krise zu kommen. Schon ab dem dritten VON ANN - K ATHRIN NEZIK zählt er auf, was SAP für die Förderung von Frau- möchte, »ist die nächste Lücke im Kalender für uns
der Bühne eines Karrierekon- Quartal soll sich die Lage allmählich verbessern. en tue: Führungspositionen würden standardmä- reserviert«, sagt Lenck. Bei diesen Gesprächen habe
gresses in San Francisco: Sie und ihr Co-CEO Warum Klein – und nicht Morgan – den Kon- ßig auch in Teilzeit ausgeschrieben, für geschlech- Klein »sehr intensiv zugehört«, berichtet Lenck. Im
Christian Klein würden sich von »niemandem aus- zern künftig führen soll, erklärte SAP mit keinem terbedingte Gehaltsunterschiede gebe es null Tole- Februar legte Klein dann ein Strategiepapier vor, in
einanderbringen lassen«. Sie hätten sich vorgenom- Wort. Und so steht das Unternehmen jetzt als­ ranz, als eines von nur zwei Dax-Unternehmen dem er erklärte, wie er die vier zentralen Geschäfts-
men, »wie Eltern« zu sein, die ihre Beziehung als eines da, das die erste Frau an der Spitze bei erst- habe SAP einen zur Hälfte weiblichen Aufsichts- prozesse aus dem SAP-Portfolio künftig verein-
Paar trotz Alltagsstress und Kindergeschrei an erste bester Gelegenheit wieder aussortierte. Dafür muss rat. Der Führungswechsel habe einen ganz ande- heitlichen wolle.
Stelle setzen. Morgan dagegen blieb in dieser Frage blass –
Keine zwei Monate später sind Morgan und obwohl sie nach eigenem Bekunden im Führungs-
Klein geschiedene Leute. Am Montag vor einer tandem für »Kunden und Innovation« zuständig
Woche verkündete SAP kurz vor Mitternacht war. Stattdessen machte sie die Frage, wie ein­

Foto: action press


deutscher Zeit, dass Klein den Konzern künftig moderner Führungsstil aussieht, zu ihrem Thema.
allein führen und Morgan ausscheiden werde. Es Sie sprach öffentlich darüber, dass auch Vorstands-
ist das abrupte Ende eines Zweiergespanns, das chefs verletzlich und fehlbar sein dürften. Viele
erst vor einem halben Jahr angetreten war, um SAPler rechneten ihr das hoch an.
Deutschlands größten Softwarekonzern zu führen. Während Morgan eher den großen Auftritt
Damals war dem Aufsichtsrat um den SAP-Grün- suchte, versäumte sie es wohl, ihre Macht nach
der Hasso Plattner ein Coup geglückt: Erstmals innen abzusichern. Nach dem Abtritt ihres lang-
stand mit Morgan eine Frau an der Spitze eines jährigen Mentors McDermott stand sie ohne­
Dax-Konzerns: was für ein Symbol! einen einflussreichen Unterstützer da, ohne enge
Morgan und Klein, so wirkte es, verkörperten Verbindungen in die deutsche Konzernzentrale.
den Aufbruch in eine neue Zeit, den endgültigen Anders als Klein, der 1999 als Student zu SAP
Abschied von der Deutschland AG, dem Zirkel der kam und der auf einen Zirkel von Vertrauten in
immer gleichen Herren, die über Jahrzehnte die Ge- Walldorf zählen kann. Dazu gehören Finanzchef
schicke der wichtigsten deutschen Unternehmen Luka Mucic und Kleins enger Freund Thomas
lenkten und kontrollierten. Die Amerikanerin Mor- Saueressig, der seit Ende Oktober im Vorstand für
gan verlieh dem Konzern mit Sitz in Walldorf nahe die Produktentwicklung verantwortlich ist, aber
Heidelberg einen Hauch von internationalem Gla- vor allem Gerhard Oswald. Der Aufsichtsrat und
mour, schließlich saß sie schon mit Barack Obama ehemalige Vorstand gilt bei SAP als mächtiger
auf einer Bühne und war in US-Wirtschaftskreisen Mann im Hintergrund. Er hält die Verbindung
bestens vernetzt. Aber auch Klein symbolisierte­ zum Mitgründer Dietmar Hopp und wirke mäßi-
einen neuen Typus Manager. Er ist kein Alphatier, gend auf den mitunter aufbrausenden Hasso
sondern gilt als einer, der zuhören kann. Mit 39 Plattner ein, sagen Beobachter.
Jahren ist er noch dazu der jüngste Chef im Dax. Klein wurde von Oswald gefördert. Und auch
Gemeinsam traute Aufsichtsratschef Plattner außerhalb des Berufs pflegen die beiden eine Ver-
den beiden offenbar zu, die Probleme von SAP zu bindung. Die hat – wie so oft bei SAP – mit Fuß-
lösen, die ihr Vorgänger Bill McDermott dem­ ball zu tun. Klein stammt aus dem zehn Kilometer
Unternehmen hinterlassen hatte. Zwar war SAP an von Walldorf entfernten Mühlhausen, wo er sich
der Börse so viel wert wie kein anderer Dax-Kon- bis heute im örtlichen Fußballverein, dem 1. FC
zern, aber viele Kunden waren unzufrieden. Unter Mühlhausen, engagiert. Dort ist auch Gerhard
McDermott hatte SAP eine Reihe kleinerer und Oswald ein gern gesehener Gast. Als der Verein
größerer Software-Firmen übernommen und war 2016 sein neues Clubhaus einweihte – ermöglicht
so immer weiter gewachsen. Doch der Amerikaner von einer Spende der Dietmar Hopp Stiftung in
hatte es versäumt, die Zukäufe zu integrieren. Ein Höhe von mehreren Hunderttausend Euro –, war
Ärgernis für die Kunden, aus deren Sicht die Pro- Oswald vor Ort. Der Kontakt gehe vor allem auf
gramme von SAP wie ein Flickenteppich wirkten. »den Christian« zurück, erzählt der Vereinsvorsit-
Dabei sollen sie Firmen eigentlich dabei helfen, zende Hans-Josef Hotz am Telefon. Aber auch
interne Prozesse wie die Beschaffung oder das Per- Christian Kleins Vater Karl Klein, der für die
sonalmanagement effizienter zu organisieren. CDU im Stuttgarter Landtag sitzt – und im Vor-
Morgans und Kleins Aufgabe war also klar: das stand des 1. FC Mühlhausen –, habe schon immer
Chaos zu beseitigen. Und tatsächlich sah es so aus, »gute Beziehungen« zu SAP gehabt.
als würde sich das Duo dabei so »perfekt« ergän- Über solche und ähnliche Netzwerke gibt es
zen, wie es Plattner im Oktober versichert hatte. unter manchen SAPlern Unmut. Frauen wie Män-
Bei internen Veranstaltungen witzelten die beiden ner beklagen, dass Seilschaften im Unternehmen
miteinander. In Interviews erzählte Klein, dass er, eine zu große Bedeutung einnähmen. Das Bild des
nachdem er seinen Sohn ins Bett gebracht habe, um Gleichberechtigung und Weltoffenheit be-
oft noch mit »Jen« telefoniere. Die Fernbeziehung mühten Konzerns, das SAP nach außen abgibt,
zwischen Nordbaden und Newtown Square, Penn- stimme nicht mit der Realität überein, so die­
sylvania, wo Morgan lebt und SAP seine US-Zen- sich SAP viel Kritik gefallen lassen. Morgan »nach ren Grund, sagt Younosi: Als sich Klein vergange- internen Kritiker.
trale hat, sie schien zu funktionieren. sechs Monaten abzuservieren ist ein Armutszeug- ne Woche den Mitarbeitern erklärte, per Video- Mit dem Weggang von Jennifer Morgan ist
Umso überraschter, ja schockierter sind Mit- nis für Plattner, sehr peinlich und nicht zu ent- Im Kreis der 30 Dax- schalte aus dem Homeoffice, habe er von unter- die Führung von SAP jedenfalls nicht nur­
arbeiter und langjährige Beobachter des Unter- schuldigen«, sagt etwa der Personalberater Heiner Unternehmen schaffte es schiedlichen Auffassungen der beiden über die männlicher, sondern auch ein Stück deutscher
nehmens nun über das schnelle Ende der Doppel- Thorborg, der sich für Frauen im Spitzenmanage- Jennifer Morgan bislang als Konzernstrategie gesprochen. geworden. Die Irin Adaire Fox-Martin ist bis auf
spitze. Sie verwundert vor allem die offizielle­ ment einsetzt. Morgan habe als ehemalige Chefin einzige Frau an die Spitze Vieles spricht dafür, dass es dabei vor allem um Weiteres die einzige Frau im Vorstand des Kon-
Begründung für die Entscheidung: Die Corona- des USA-Geschäfts einen viel besseren Lebenslauf die Frage ging, wie die zugekauften Firmen ins zerns – und dort die einzige Managerin mit aus-
Krise verlange ein »entschlossenes Handeln und als der neun Jahre jüngere Klein, der fast seine­ Unternehmen zu integrieren seien. Klein hat sich ländischem Pass.
eine klare, hierbei unterstützende Führungsstruk- gesamte Karriere in Walldorf verbracht hat. in den vergangenen Monaten als Macher profi- Dass es im Leben des Christian Klein seit der
tur«, hieß es in einer Mitteilung von SAP. Morgan Bei SAP ist man nun darum bemüht, das liert, der die Klagen der Kunden über das Wirr- vergangenen Woche eine neue Frau gibt, hat einen
hat sich selbst öffentlich nicht geäußert. Imagedesaster zu beheben. Cawa Younosi, der Per- warr der Programme ernst nahm – und handelte, anderen Grund: Er wurde Vater einer Tochter.

Plötzlich am Boden  Fortsetzung von S. 19

oder Brüssel. »In einer wirtschaftlich vernetzten Welt sagt Enders, dem imponierte, wie sich Spohr in jenen Spohrs Befürchtung heute: In der Corona-Krise FOC, Friends of Carsten. Wer sich Spohr in den Corona-Krise erwartete Spohr, dass es im Sommer
ist es undenkbar, völlig auf das Fliegen zu verzichten«, Tagen der Öffentlichkeit stellte. Keine fünf Sekun- könnte der staatliche Eingriff nicht so milde ausfallen Weg stellt, wird nicht alt im Konzern. wieder aufwärts gehe. Nun rechnet er eher mit
sagte er im vergangenen November. Nun sitzt er mit den habe er gezögert, die Verantwortung für das wie bisher beim Klimaschutz. Was passiert, wenn Spohr muss nun Entscheidungen treffen, die für Herbst. Er befürchtet, dass die Geschäftsreisenden
hochgekrempelten Hemdsärmeln vor seinem Com- Unfassbare zu übernehmen, heißt es aus seinem Um- plötzlich Politiker auf die Idee kommen, ihre vielen viele seiner Mitarbeiter Konsequenzen haben. Der sich vermehrt an Videokonferenzen gewöhnen und
puter. Es ist ein Bild mit Seltenheitswert: Spohr im feld. Und Germanwings-Chef Thomas Winkelmann Regionalflughäfen für die heimischen Wähler an- Konzern will den Flugbetrieb verschlanken, viele weniger fliegen, und er hofft, dass die Leute zumin-
Dienst ohne Krawatte. »Man braucht keine Krawat- nicht alleinzulassen. Seitdem wird Spohr auf PR- zufliegen, auch wenn das wirtschaftlicher und klima- eigenständige Marken machen die Organisation dest privat wieder verreisen wollen. Er sagt: »Der
te, um ein Flugzeug zu fliegen, aber wenn Sie nachts Tagungen gefeiert. Als Beispiel für authentische politischer Unsinn ist? Spohr sagt, der Luftverkehr teuer. Ausgerechnet die Tochtergesellschaft German- Wunsch der Menschen, sich frei zu bewegen, den
um drei über dem Südatlantik ins Cockpit eines Krisenkommunikation. sei immer von der Politik beeinflusst gewesen, aber wings wird deshalb dichtgemacht. Die 1400 betrof- spüre ich.« Er selbst will im Herbst einen gerade abge-
Langstreckenflugzeugs schauen würden, sage ich Wenn man mit Spohr über dieses schreckliche »es darf nie eine politisch verordnete Frage werden, fenen Arbeitsplätze sollen möglichst erhalten werden, sagten Urlaubsflug mit seiner Frau und seinen Kin-
Ihnen, unsere Piloten haben sie beide an. Das ist eine Ereignis spricht und über die Herausforderungen ob wir von München oder von Zürich aus nach aber insgesamt wird das Unternehmen mindestens dern nach Los Angeles nachholen.
Frage der Haltung.« heute, dann macht er deutlich, Osaka fliegen«. 10.000 Stellen abbauen müs- Einstweilen steht Carsten
Nur achtmal ist er in den dass der Absturz mit nichts zu Wobei man sagen muss, dass Carsten Spohr sen, vermutet Spohr. »Wir Spohrs Lebenswerk am Bo-
Aktienkurs der Lufthansa Lufthansaflüge am 22. April Aktienkurs
vergangenen Wochen geflo- vergleichen sei: In der Corona- selbst kein unbegabter Politiker war, wenn es um müssenderhandeln,
Lufthansaund es war Lufthansaflüge am 22. April den. Vor einigen Wochen
gen, zweimal Frankfurt und Krise »geht es um im Vergleich
Geld und die Politik im Unternehmen selbst ging, etwa als längst klar, dass Germanwings im Vergleich setzte er sich in seinen Dienst-
zweimal Berlin und zurück. 22. 12. 2017: Arbeitsplätze, aber nicht um Vorstand für das Passagiergeschäft unter dem Vor- 22. 12. keine
2017:Zukunft hat«, sagt er im wagen und fuhr ans Rollfeld
Selbst Gespräche mit Minis- 40 31,03 Euro 150 Menschenleben«. 40 31,03 Euro
standschef Christoph Franz. »Bei Sparprogram- Videogespräch. des Flughafens Frankfurt, um
tern gibt es meist nur noch per 27. 4. 2020: Spohr muss jetzt damit men bremste Spohr Franz regelmäßig aus«, erzählt Also 27.der
handelt 4.Chefpilot,
2020: es zu besichtigen. Da waren
2019: 3215 2019: 3215
Videokonferenz oder Telefon- 30 7,93 Euro umgehen, dass die Zukunft der ein enger Weggefährte der beiden. So30bekam sobald sich die7,93 LageEuro
ändert. sie alle aufgereiht, seine Flie-
schalte. Spohr wäre das per- 20 Lufthansa von politischen Spohr Rückenwind von der Belegschaft und 20 Franz Der ZEIT liegen Unter­ ger, auf Hunderten von Me-
sönliche Treffen lieber. Er sagt: Fragen bestimmt wird, nicht Gegenwind von den Investoren. Ohne Spohrs lagen vor, wonach das Unter- tern. Die A350 und die A380.
»Wir sind gerade in Gesprä- 10 nur von unternehmerischen.
2020: 99 Unterstützung war Franz machtlos, Spohrs10 ­Bereich nehmen im Frühjahr 2018 2020: 99 Spohr drehte die Musik im
chen mit vielen Regierungen Das war auch in den ver- war das kommerzielle Herz des Konzerns. Als mit der Pilotengewerkschaft Auto auf. »Im Büro ging es
in Europa über eine Unter- 0 gangenen Monaten schon so. Franz im September 2013 hinschmiss, lief 0 alles Vereinigung Cockpit eine den ganzen Tag um nichts
stützung unserer Airlines, aber 2018 2019 2020 ZEIT- Wenn auch unter ganz anderen auf Carsten Spohr als Nachfolger hinaus. 2018
GRAFIK/Quellen: eigene Recherchen, Deutsche Börse AG 2019
Grundsatzvereinbarung2020darü-ZEIT-GRAFIK/Quellen: eigene Recherchen, Deutsche Börse AG anderes als den Stillstand,
mir ist das fast unangenehm Vorzeichen für die Lufthansa. Doch was macht der Aufsichtsratschef Wolfgang ber traf, dass die Betriebs­ aber erst am Rollfeld konnte
am Telefon. Ich reise lieber zu jemandem, den ich um Noch im Sommer wuchs der Konzern so schnell, dass Mayrhuber? Er fragt zunächst Manager von außen, genehmigung von Germanwings frühestens Ende ich erfassen, was das wirklich heißt«, erinnert er sich
etwas bitte. Das hat ja auch eine gewisse Symbolik.« er ein Lieblingsgegner der Fridays-for-Future-Bewe- darunter den früheren Telekomchef René Ober- Juni 2022 aufgegeben werden soll. Auch Zusagen für im Videogespräch.
Er weiß um die Bedeutung des angemessenen gung wurde. Die Unternehmenskommunikation mann. Erst als der absagt, kommt Spohr zum Zug. Stationen in sechs deutschen Städten gab das Unter- Es sieht so aus, als bliebe dem Mann, der stets die
Auftritts. Er war es, der Lufthansa mit Ruhe und erfasste im eigenen Newsroom deshalb systematisch Zügig zerschlägt Spohr das Passagiergeschäft in nehmen damals den Gewerkschaften. Darauf ­ besten Wege von A nach B suchte, gerade nur die
Empathie durch die bislang größte Krise lenkte. Nachrichten mit dem Hashtag #Flugscham. Spohr mehrere Einheiten. So kann ihm niemand in die angesprochen, bekräftigt Spohr seine Absicht, die Hoffnung, dass sich irgendein B abzeichnet in dieser
Am 24. März 2015 bringt ein Pilot eine A320 wollte das schlechte Image loswerden. Er stellte in Quere kommen, wie er es selbst bei Franz jederzeit Mitarbeiter an Bord zu halten: »Angesichts der dra- seltsam stillen Welt, zu dem er seinen Konzern führen
der Lufthansa-Tochter Germanwings absichtlich Aussicht, Inlandsverbindungen zu kappen, wenn die konnte. Dazu schart Spohr viele loyale Weggefähr- matischen Lage müssen wir jetzt handeln. Aber wir kann. Bis dahin bleibt ihm nur der Staat.
zum Absturz. 150 Menschen sterben. Airbus-Chef Bahn ihr Netz ausbaue. Er versprach im heute-journal ten um sich. Wie es sich für Einheiten in der Luft- wollen dabei ein sozialer Arbeitgeber bleiben.«
Thomas Enders flog mit Spohr zur Absturzstelle in Investitionen in klimaneutrale Treibstoffe. Voraus- fahrt gehört, haben selbst die Lufthansa-internen Die Frage ist nur: Wo bleibt die Arbeit, die der
die Alpen. »Solche Momente vergisst man nicht«, gesetzt, die Kunden würden den Preis zahlen. Seilschaften eigene Abkürzungen. Eine heißt Arbeitgeber bereitstellen kann? Zu Beginn der­ AA www.zeit.de/audi
29. A P R I L 2 0 2 0 D I E Z E I T N o 19 WIRTSCHAFT 21

Die USA
zahlen 2020 einen
Pflichtbeitrag
von 107 Mio. Euro In den verpflichtenden
Mitgliedsbeiträgen (Grafik links)
zeigt sich Chinas gewachsener
Einfluss auf die Organisation. Doch
zum WHO-Gesamtbudget gehören
außerdem zahlreiche freiwillige
Programme. Dieses Gesamtbudget
wird über zwei Jahre errechnet, und
für 2018/2019 betrug es
19,36 % Die größten Projekte der WHO

5,1
anhand ihres Anteils am Programm-
budget von rund 4 Mrd. Euro
China zahlt
53 Mio. Euro

WHO
Milliarden Euro.
Die größten Beiträge leisteten dazu: 8,77 %
USA: 14,67 % 7,02 %
Bill & Melinda Gates-Stiftung: 9,76 %
GAVI Impfallianz weltweit: 8,39 % 4,36 %

Angriff auf die


Großbritannien: 7,79 %
Deutschland: 5,68 %
EU-Mittel: 3,3 %
China: 0,21 %

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Die Weltgesundheitsorganisation wird zum Spielfeld der Konkurrenz zwischen China und
den USA. Ist die Kritik an ihr berechtigt?  VON CHRISTIANE GREFE UND KERSTIN KOHLENBERG

S
ein Job ist es eigentlich, die Welt In Genf kann sich das Notfallkomitee bis zum afrikanische Staaten wirtschaftlich stark unterstützt,
vor dem Virus zu schützen. Seit Abend des 22. Januar nicht auf ein Votum einigen. wird Tedros’ Unabhängigkeit von seinen Kritikern
mehr als vier Monaten diskutiert
Tedros Adhanom Ghebreyesus,
Erst ein Fall außerhalb Chinas ist bekannt. Die
Hälfte der Mitglieder argumentiert daher gegen eine
infrage gestellt. Der Mikrobiologe wurde allerdings
mit großer Mehrheit gewählt und gilt als fachlich Schule
Chef der Weltgesundheitsorgani-
sation (WHO), täglich im Haupt-
Katastrophenwarnung. Möglicherweise setze die An-
steckung engen Körperkontakt voraus und verbreite
ausgewiesen; ein erfolgreicher Reformer, der es als
Gesundheitsminister in seinem Heimatland ge- von zu
quartier in Genf mit Fachleuten
über die Corona-Krise. Virologen, Epidemiologen,
sich nur innerhalb von Familien oder Partyrunden.
Dann wäre der Ausbruch womöglich innerhalb
schafft hat, eine ausgedörrte Bürokratie wiederzu­
beleben und ein lokales Netz aus Gesundheits­ Hause
Logistiker, Diplomaten beraten ihn. Dann telefo- Chinas beherrschbar. Die andere Hälfte will eine einrichtungen zu etablieren. Bis 2017 war er Außen-
niert der Äthiopier Tedros mit Gesundheitsminis- Warnung herausgeben, ehe es zu spät ist. Die Ex- minister Äthiopiens.
tern und Regierungschefs der ganzen Welt über die perten vertagen die Entscheidung auf den nächsten
bedrohlichste Pandemie seit hundert Jahren. Tag. Doch auch am 23. bleibt es beim Patt. Darauf- Tedros gibt sich vor der Kamera zahm –
Doch zunehmend muss sich der WHO-General- hin bittet der Generaldirektor seine Berater, sich für doch ihm gelingt ein diplomatischer Erfolg
direktor selbst verteidigen. Seit Anfang April wirft eine weitere Sitzung in zehn Tagen bereitzuhalten.
Donald Trump ihm vor, er sei »China-zentriert«. Und er twittert: »Ich danke der chinesischen­ In den Tagen nach dem 23. Januar ist Tedros un-
Statt Kritik daran zu üben, dass China zu Beginn der Regierung für ihre Kooperation und Transparenz.« ruhig. So schildert es eine Wissenschaftlerin, die
Krise Informationen über das Virus zurückgehalten Diese Freundlichkeit gegenüber den Chinesen die WHO berät. Die Zahl der Infizierten und­
hätte, habe Tedros sogar die besondere Transparenz kommt in der Öffentlichkeit nicht gut an. Im Zuge Toten nimmt täglich zu, und damit auch die Sor-
Pekings gelobt. Damit habe er die Chance verspielt, der Krise wird bekannt werden, dass Chinas Regio- ge, zu spät zu kommen. Tedros will sich selbst ein
das Virus früh einzudämmen. Tedros habe also ver- nalbehörden einen Arzt, der vor dem Virus gewarnt Bild davon machen, wie die chinesische Elite die
sagt, wettert Trump, deshalb werde Amerika vorerst hatte, zum Schweigen gezwungen haben. China wird Risiken des Virus einschätzt. Stabschef Schwart-
seine Überweisungen nach Genf einstellen. Ein zudem einen großen Teil der amerikanischen Print- länder übermittelt den Wunsch, und am 27. Janu-

Tipps und Tools


harter Schlag für die WHO, denn die USA waren journalisten ausweisen, weil der Regierung deren ar fliegt Tedros mit einer Delegation nach China.
noch im vergangenen Jahr ihr größter Geldgeber. kritische Covid-19-Berichterstattung nicht gefällt. Die Bilder, wie er Präsident Xi Jinping in Peking
Der Virus-Jäger Tedros ist mitten zwischen die In Genf dagegen präsentiert sich China als ein die Hände schüttelt, gehen um die Welt. Erneut
konkurrierenden Großmächte USA und China verlässlicher Partner. Tedros’ Stabschef Bernhard lobt der WHO-Chef Chinas »Engagement und
geraten. Was ist dran an Trumps Vorwürfen gegen Schwartländer kennt China gut, der deutsche Arzt Transparenz, die es demonstriert hat«. In den­

für Lehrkräfte
ihn? Um das zu verstehen, muss man sich die Ereig- hat lange das WHO-Büro in Peking geleitet. Seit Augen der Welt ist Tedros damit auf die Größe
nisse in Genf zu Beginn des Jahres anschauen. Beginn der Krise ist er in engem Kontakt mit dem eines Feigenblattes geschrumpft.
chinesischen Botschafter. »China hat uns das­ Achim Steiner, Leiter des UN-Entwicklungs-
Hätte die WHO durch eine frühe Warnung Genom des Virus in Rekordzeit identifiziert und programms, sieht das anders. »Die WHO muss zu
Schlimmeres verhindern können? übermittelt. Das hat die Welt noch nicht gesehen.« jeder Zeit die Kooperation mit den Mitgliedsstaaten
Bei Sars hat es 2003 noch ein Vierteljahr gedauert, aufrechterhalten und sicherstellen, dass ein Land den

und Schulen
Am Nachmittag des 22. Januar ruft Tedros das Not- ehe China die ersten Fälle meldete. Einen Test auf Informationsfluss nicht abbricht«, sagt Deutschlands
fallkomitee in den Keller des WHO-Gebäudes. Dort Sars-CoV-2 dagegen gab es innerhalb von zwei ranghöchster UN-Diplomat. Funktionäre müssten
liegt das Strategic Health Operations Center, die Tagen, und die WHO begann mit der Verteilung. »täglich abwägen, wann Kritik vor der Kamera oder
Kommandozentrale der Virus-Jäger. Hier wird be- Die Machthaber in Peking wissen, dass die in- hinter geschlossener Tür am effektivsten ist«. 
wertet, wie gefährlich das Virus für die Welt ist. Die ternationale Gemeinschaft gerade führungslos ist. Tedros weiß schon vor seinem Treffen mit Xi, dass

entdecken
meisten Komiteemitglieder erscheinen auf Bild- Institutionen, die Amerika nach dem Zweiten Welt- er zwei Tage später erneut sein Notfallkomitee zu-
schirmen, die an den Wänden hängen, andere sind krieg gegründet und lange angeführt hat, sind sammenrufen wird, früher als geplant. In der Nacht
über abhörsichere Telefonleitungen zugeschaltet. Donald Trump ein Klotz am Bein. Aus vielen hat er zum 27. Januar ist bekannt geworden, dass eine
Insgesamt 15 Experten aus der ganzen Welt. Tedros sich zurückgezogen: aus dem Pariser Klimaabkom- Chinesin auf einer Konferenz in Bayern vier deutsche
will von ihnen wissen, ob er eine »gesundheitliche men, dem Menschenrechtsrat, der Unesco. Die Nato Kollegen angesteckt hat. Es ist der fehlende Beweis
Notlage internationaler Tragweite« ausrufen muss. hat er infrage gestellt, und nun eben die WHO. dafür, dass das Virus leichter als gedacht übertragen
Der Informationsstand ist an diesem Nachmittag Während Amerika bei Aids und Ebola den Kampf werden kann. Tedros will die Chinesen darauf vor-
noch schwammig. Am 31. Dezember meldeten die anführte, seien die US-Behörden nun extrem vor- bereiten, dass es diesmal, auch gegen ihren Wider-
Chinesen der WHO Fälle einer unbekannten Lun- sichtig in ihrer internationalen Zusammenarbeit, stand, ernst werden könnte. Am 30. Januar beschließt
generkrankung, so wie es die internationalen Regeln sagt ein WHO-Mitarbeiter. Experten, die einfach
verlangen. Am 12. Januar veröffentlichten sie das fachlich arbeiten wollen, wie der weltweit angese-
das Notfallkomitee, den weltweiten Gesundheitsnot-
stand auszurufen. 16 Tage später reist ein WHO-
g.co/schulevonzuhause
Genom des Coronavirus, das später den Namen Sars- hene Impfspezialist Rick Bright, werden gefeuert. Ärzteteam nach China. Trotz der geopolitischen
CoV-2 erhält. Weltweit beginnt die Entwicklung von China besetzt mit der WHO eine weitere Lücke, Verwerfungen erreicht Tedros, dass zwei Amerikaner
Tests, Arzneien und Impfungen. Doch zu diesem die Amerika hinterlassen hat. Der deutsche UN-Bot- dabei sind. Der beachtliche Sieg verpufft jedoch in
Zeitpunkt hat die WHO noch kein Team nach schafter Christoph Heusgen erlebt das seit Jahren. einer Öffentlichkeit, in der Twitter die Regeln der
Wuhan entsenden können. Lediglich kurze Besuche »Durch gezielte Postenbesetzungen versucht China Diplomatie auf den Kopf zu stellen droht.
aus dem Regionalbüro der WHO sowie aus Anrai- Einfluss zu gewinnen und das multilaterale System Als Trump Tedros Anfang April beschuldigt, ver-
nerstaaten lassen die Chinesen zu. Unter den Augen beispielsweise im Menschenrechtsbereich anzugrei- sagt zu haben, sammeln WHO-Teams in Genf und
eines Regierungsbeamten dürfen die Experten mit fen.« Auch die Kooperation mit den Virus-Jägern 150 Länderbüros schon seit Wochen Daten, beraten
Ärzten und Krankenschwestern in Wuhan sprechen, gehört zu der Strategie. Nachdem Trump verkündet Mitgliedsstaaten, koordinieren Regierungs- und
die die zu diesem Zeitpunkt insgesamt 410 Corona- hatte, künftig die Beitragszahlungen an die WHO Hilfsorganisationen. Dreimal pro Woche gibt Tedros
Patienten behandeln. von jährlich rund 400 Millionen Dollar zu stoppen, in globalen Pressekonferenzen Auskunft. Ein Spen-
Der Mediziner Kenneth Chuang war mit einer erklärte China, 30 Millionen zusätzlich zu zahlen. denfonds ist aufgelegt und mit dem »Solidarity Trial«
Gruppe aus Taiwan vor Ort. Er habe gefragt, ob ein Trump und Chinas Präsident Xi Jinping wissen, eine global koordinierte Forschungsanstrengung für
Überspringen des Virus vom Menschen zum Men- dass die WHO beim Geld sehr verwundbar ist. die beste Therapie ins Leben gerufen worden. Mehr
schen festgestellt worden sei. So erzählt Chuang es Nicht nur Epidemien soll sie bekämpfen, sondern als 1,5 Millionen Testkits, 800.000 Gesichtsmasken,
später am Telefon. Der Beamte habe das zuerst ver- auch Gesundheitsrisiken von Luftschadstoffen oder Schutzkleidung und Informationsmaterial hat Tedros
neint. »Wir haben die Frage noch mehrmals um- Chemikalien prüfen. Auch weil sie damit in die in rund 120 Länder versenden lassen.
formuliert«, sagt Chuang. Schließlich habe der Be- Souveränität von Staaten und Unternehmen ein- Trump dagegen hat den gesamten Februar ver- Mit Inhalten zahlreicher Partner:
amte eingeräumt, ausschließen könne man es nicht. greift, wurden ihre Mittel seit den Neunzigerjahren streichen lassen. Er ordnete in dieser Zeit zur Be-
Auch die WHO-Ärzte kommen mit der­ drastisch beschnitten (siehe Grafik). Für ihre welt- kämpfung des Virus lediglich an, Flüge nach China
Erkenntnis zurück: Es gibt deutliche Hinweise auf weite Arbeit steht der WHO mit rund 2,5 Milliar- und später Europa auszusetzen. Eine der wenigen
eine Ansteckung von Mensch zu Mensch. Wie­ den Euro jährlich kaum mehr Geld zur Verfügung Maßnahmen, die die WHO ausdrücklich nicht
genau sie passiert, ist jedoch unklar. Wissen die als dem Genfer Universitätsklinikum. Nur über ein empfiehlt. Denn das Wichtigste für die Viren-Jäger
Chinesen mehr, als sie sagen? Kein Land möchte die Fünftel davon kann sie frei verfügen. Der Rest fließt ist, dass die Welt zusammenarbeitet. »Man kann das
ZEIT-Grafik: apps.who.int

Ursache für einen weltweiten Katastrophenfall sein. in Programme, über die Unternehmen, Stiftungen Virus nicht allein in seinen eigenen Grenzen­
Das Stigma und die wirtschaftlichen Folgen möch- und Regierungen entscheiden. Auch in dieser­ bekämpfen«, sagt Stabschef Bernhard Schwartlän-
te jeder vermeiden. Hätte die WHO vor dem chine­ Abhängigkeit muss sich Tedros bewegen. der. »Es kommt von außen immer wieder zurück.«
sischen Neujahr eine Reisewarnung herausgeben Seit 2017 ist Tedros Chef der WHO. Er ist der
und Schlimmeres vermeiden können? erste Afrikaner, der den Posten besetzt. Weil China AA www.zeit.de/audi
22 WIRTSCHAFT 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

»Wir haben nichts dagegen,


wenn weniger gekauft wird«
DIE ZEIT: Herr Birken, wann waren Sie zuletzt Alexander Birken, Chef der Otto Group, über die gewissen Zeitpunkt auch ein KfW-Darlehen be- nen wir sicherstellen, dass dort unter vernünftigen
beim Friseur? antragen. Auch dies wäre keine Subvention. Bedingungen gearbeitet wird – und das seit vielen
Alexander Birken: Vor acht Wochen ungefähr. Al- Konsumwünsche der Deutschen, die Konkurrenz mit ZEIT: Zahlen Sie noch Ihre Mieten? Jahrzehnten.
lerdings habe ich einen Freund, der Haare schnei- Amazon und die Klimaziele des Unternehmens Birken: Unsere Vermieter kommen uns in vielen ZEIT: Ist das Argument also nur vorgeschoben,
den kann und Corona schon hinter sich hat. Der Fällen entgegen und sagen: Wo ihr wirklich kein dass dies gar nicht möglich ist?
hat das bei uns im Badezimmer gemacht. Geschäft mehr machen könnt, teilen wir das Leid. Birken: Nein. Das ist wirklich anspruchsvoll, und
ZEIT: Viele Ihrer Kunden mussten sich anders Das ist ein sehr fairer Umgang mit­ein­an­der. es kostet Geld, das zu investieren nicht jeder bereit
behelfen, otto.de hat in den letzten Wochen so ZEIT: Als Adidas seine Mietzahlungen einstellte, ist. Und natürlich gibt es eine Grenze, wenn wir an
viele elektrische Haarschneider verkauft wie nie gab es Empörung. Was ist an Ihrem Fall so anders? die Subunternehmer oder die Zulieferer der Sub-
zuvor. Waren Sie überrascht, was die Menschen Birken: Das kann ich nicht beurteilen. Aber wir unternehmer unserer Lieferanten denken. Aber
plötzlich bestellen? haben nicht nur unsere Lage im Blick. Vermieter, zumindest für unsere direkten Geschäftspartner
Birken: Bei dem ein oder anderen Produkt schon, deren Existenz an den Einnahmen hängt, bezahlen können wir das sicherstellen, und wir versuchen
aber vieles ist nachvollziehbar: Spielwaren, digitale wir natürlich vollständig. auch, die Ebene darunter zu durchleuchten.
Geräte. Was erstaunlich war: wie groß der Bedarf an ZEIT: Was ist mit Ihren Lieferanten? ZEIT: Was ist mit den Produkten der Händler,
Waschmaschinen, Kühl- und Gefriergeräten ist. Bei Birken: Da übernehmen wir Verantwortung, be- denen Sie Ihre Plattform zur Verfügung stellen?
den Gefriergeräten hatten wir ein Plus von 300 sonders für unsere Geschäftspartner in Entwick- Birken: Auch an sie stellen wir diese Anforderung
Prozent. Fashion und Badekleidung wurden deut- lungs- und Schwellenländern. Wir werden bei- und überprüfen diese Dinge.
lich weniger nachgefragt, dafür sehr viel bequeme spielsweise keine bestellten Waren stornieren, die ZEIT: Sie haben erklärt, bis 2030 klimaneutral
Textilprodukte. Die Menschen verschönern jetzt ihr bereits gefertigt wurden. Auch den Arbeiterinnen werden zu wollen. Gefährdet die Corona-Krise
Haus, davon profitieren Unternehmen wie Otto, in den Produktionsländern wollen wir in der Krise Ihre Klimaziele?
Baur oder Manufactum massiv. Die Gärten in konkret helfen, es gibt im Entwicklungsministerium Birken: Nein. Den Start zusätzlicher, sehr ehrgeizi-
Deutschland waren wahrscheinlich noch nie so ge- ­Ideen für einen Rettungsschirm für Lohnausfälle, ger Maßnahmen haben wir für ein paar Monate
pflegt wie heute. Allerdings ändern sich die Wün- an dem wir uns beteiligen würden. Indische Wan- verschoben, weil Krisen- und Gesundheitsmanage-
sche der Kunden gerade von Woche zu Woche. derarbeiter und afrikanische Baumwollbauern un- ment kurzfristig Priorität haben. Aber unsere Werte
ZEIT: Wie gut können Sie darauf reagieren? terstützen wir mit Hilfspaketen. Für diese Men- haben sich durch die Krise nicht geändert, wir se-
Birken: Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten schen geht es schlicht ums Überleben. hen das seit 1986 als unsere Verantwortung an.
Waren konnten wir stabil liefern. Einzelne Pro- ZEIT: Lassen Sie uns darüber sprechen, was nach ZEIT: Klimaneutralität haben auch viele andere
dukte waren auch mal ausverkauft, und wir kön- der Krise bleibt. Verstehen Sie die Wut der Einzel- Unternehmen in Aussicht gestellt, dahinter ver-
nen sie auch weltweit nicht besorgen, weil Waren- händler, die nun noch mehr fürchten, vom On- bergen sich dann aber sehr unterschiedliche Rech-
ströme unterbrochen sind. line-Handel überrollt zu werden? nungen. Wie lautet sie bei Ihnen konkret?
ZEIT: Sind Sie ein Corona-Krisengewinner? Birken: Ich verstehe, dass stationäre Händler derzeit Birken: Unsere Handschrift zeigt sich bei dem,
Birken: Natürlich waren wir die letzten Wochen massiv leiden, ganz besonders, wenn sie noch im- was wir schon umgesetzt haben: Wir haben un­
im Vergleich mit rein stationären Händlern privi- mer nicht oder nur teilweise öffnen können. Wenig sere CO₂-Emissionen von 2006 bis 2020 um
legiert. Aber wir haben weltweit auch etliche La- Verständnis habe ich dafür, wenn die Ladeninhaber 50 Prozent reduziert.
dengeschäfte, deren Schließung uns getroffen hat. die Schuld nur beim Online-Handel suchen. Wir ZEIT: Sind da auch die Emissionen eingerechnet,
Und wenn der Online-Handel nur in einigen haben derzeit tatsächlich viele Neukunden, die frü- die bei der Herstellung der Ware anfallen?
Segmenten gut läuft, in anderen aber gar nicht, her vor allem in stationären Läden eingekauft ha- Birken: Nein, das sind sie bei allen Händlern nicht.
dann trifft uns das ebenfalls. Bei der Saisonmode ben. Aber die Menschen ändern ihr Verhalten nicht Wir haben darüber mit mehreren NGOs diskutiert,
etwa müssen wir uns auf hohe Rabatte einstellen. erst seit der Corona-Krise. Deshalb sind wir seit das zu berechnen ist seriös nicht möglich. Wir re-
Hinzu kommen die gestiegenen Kosten durch die vielen Jahren dabei, unsere Geschäftsmodelle welt- duzieren dort, wo wir selbst steuern können: bei
Foto: Henning Kretschmer für DIE ZEIT; Illustration: Trickstudio Lutterbeck/WDR (u.)

gesundheitliche Vorsorge für Mitarbeiter und weit zu digitalisieren. Das müssen andere Händler den Gebäuden, der Technologie, der Logistik in-
Kunden, die wir sehr ernst nehmen. auch längst tun. Wir bieten mit otto.de auch eine klusive der Fahrzeuge, der Lieferung aus Fernost in
ZEIT: Was heißt das unter dem Strich für Ihr Ge- Plattform an, wo sie zu fairen Bedingungen ihre die Lagerstätten nach Amerika und Europa und
schäft – gewinnen Sie in dieser Krisenphase dazu? Produkte bei uns anbieten ­können. beim Verschicken von Produkten an unsere Kun-
Birken: Da bin ich vorsichtig optimistisch. Wir ZEIT: Damit sind Sie spät dran, Amazon hat das den. Dort in den nächsten zehn Jahren auf null
glauben, mittelfristig sogar gestärkt aus der Krise lange vorgemacht. Wie sind Ihre Erfahrungen? Emissionen zu kommen wird sehr anspruchsvoll.
hervorzugehen. Birken: Der Aufbau der Plattform läuft nach Plan, ZEIT: Welche Rolle spielen Zertifikate für eine
ZEIT: Warum die Vorsicht? einiges war technologisch eine Herausforderung, Kompensation dabei?
Birken: Die Konsumkonjunktur ist auf einem his- aber auch kulturell. Plötzlich lassen wir so etwas zu Birken: Bei den 50 Prozent, die wir schon geschafft
torischen Tiefstand. Die Nachfrage wird erst nach wie die Konkurrenz mehrerer Händler mit dem haben: gar keine. Wir planen für die kommenden
und nach zurückkehren. Und auch auf der Ange- gleichen Produkt auf unserer Seite. Das war ein zehn Jahre mit echten CO₂-Einsparungen. Aber
botsseite bekommen wir Probleme. In China läuft großer Schritt im Selbstverständnis. Aber es zahlt wenn wir alles andere ausgeschöpft haben, werden
die Produktion wieder an – aber Indien und Bang­ sich aus. Bislang nutzen rund 500 Händler das wir wohl darauf zurückgreifen müssen.
ladesch etwa sind in einem kompletten Shutdown. Angebot, in diesem Jahr werden wir 1000 zusätz- ZEIT: Glauben Sie an die These, dass die Krise die
Wir werden in eine kräftige Rezession kommen, lich aufnehmen. Die Kunden nehmen das gut an. Menschen zu mehr Genügsamkeit und einem be-
und sie wird nicht auf dieses Jahr beschränkt sein. ZEIT: Wie groß ist die Gefahr, dass Sie mit otto.de wussteren Konsum führt?
ZEIT: Nehmen Sie staatliche Hilfen in Anspruch? dennoch von Amazon verdrängt werden? Birken: Ich glaube an diesen Trend und begrüße
Birken: Für einige wenige Mitarbeiter unserer sta- Birken: Da habe ich wenig Sorgen. Sieben Millio- ihn. Unser Unternehmen setzt sich nicht erst seit
tionären Läden hierzulande hatten wir Kurzarbeit nen Kunden kaufen aktuell bei Otto, seit zehn Greta Thunberg mit Verantwortung und Nach-
beantragt, etwa bei Frankonia und Manufactum. Jahren wachsen unsere Umsätze. In einigen Berei- haltigkeit aus­ein­an­der, sondern seit Jahrzehnten.
ZEIT: Warum brauchen Sie eine Subvention, chen wie Möbel und Wohnaccessoires sind wir ZEIT: Ist Konsumverzicht nicht bedrohlich für Sie?
wenn etliche Unternehmensbereiche gut laufen? absoluter Marktführer. Hinzu kommt: Wir spü- Birken: Wir haben nichts dagegen, wenn weniger
Birken: Wir nehmen keine Subventionen an, son- »Wir setzen uns nicht erst seit Greta Thunberg ren, dass es für unsere Kunden wichtiger wird, bei gekauft wird, dafür qualitativ hochwertiger. Zu-
dern haben – wie unsere Konkurrenten – für einige einem persönlichen, fairen und nachhaltigen Un- dem experimentieren wir in vielen Bereichen zum
Kollegen, die durch die sicherlich notwendigen mit Nachhaltigkeit auseinander« ternehmen zu kaufen. Und dafür stehen wir. Beispiel damit, auch gebrauchte Ware anzubieten.
Maßnahmen derzeit leider keine Beschäftigung ZEIT: Starke Worte – dabei ist immer wieder zu Deshalb werden die neuesten Fashion-Produkte
haben, Hilfen in Anspruch genommen. Wir alle Alexander Birken, 55, ist Vorstandschef der Otto Group – dazu gehören neben Otto, hören, Unternehmen seien gar nicht in der Lage, nicht verschwinden. Aber auch wer sich gerade
haben kein Geld zu verschenken. dem nach Amazon größten Online-Händler Deutschlands, auch Firmen wie About You, die Bedingungen entlang ihrer Lieferkette zu kon- etwas Neues gönnt, wird mehr und mehr erwarten,
ZEIT: Wollen Sie staatliche Kredite aufnehmen? Bonprix und Manufactum. Der Konzern erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von trollieren. Wie stellen Sie das sicher? dass die Ware unter vernünftigen ökologischen
Birken: Auch für uns hängt alles davon ab, wie rund 14 Milliarden Euro und beschäftigt weltweit mehr als 50.000 Mitarbeiter Birken: Alle unsere Lieferanten durchlaufen eine und sozialen Bedingungen hergestellt wurde. Da-
lange die Krise anhält. Wir haben einen In­ves­ti­ umfangreiche Überprüfung; wer mehrfach eine rin steckt für uns eine ­Chance.
tions- und Einstellungsstopp ausgesprochen, und schlechte Bewertung bekommt, mit dem arbeiten
ich kann nicht ausschließen, dass wir zu einem wir nicht mehr zusammen. Selbstverständlich kön- Das Gespräch führte Simon Kerbusk

Aus die Maus


In den vergangenen Wochen gab es die »Sendung mit der Maus« täglich.
Warum nur kann das nicht noch eine Weile so weitergehen?  VON INGO MALCHER

W
issen Sie, warum der Himmel langen Tage zu Hause und machte beide gleicher- Caspers hat die Antworten. »Wenn man etwas ver- die machen Spucke. Und damit die Zellen auch ßerdem tut es ganz gut, im Restprogramm mal
blau ist? Warum Fußballroboter maßen ein wenig schlauer. steht«, sagt er, »dann hat man weniger Angst.« wissen, was sie in unserem Körper machen sollen, hat von was anderem als Corona zu hören. Es kann ja
nicht zwischen Ball und Man- Als die Krippen, Kitas und Schulen in Deutsch- Wobei Erwachsene, die von Kindern auf jede Ant- jede Zelle eine Anleitung dabei, das ist wie ein Bau- auch nicht schaden, zu erfahren, wie man Gummi­
darine unterscheiden können? land geschlossen wurden, fühlte man sich in Köln wort ein neues »Warum?« gehört haben, bis sie selbst plan.« Der Bauplan – das Erbgut – ist bei Caspers ein stiefel herstellt.
Wer der Stie­ fel­
olm ist? Nein? »gefordert«, sagt Joachim Lachmuth, der Maus- ratlos waren, wissen, dass es nicht immer leicht ist, roter Zettel. Dann kommt das Virus. Das ist bei Insofern ist es schwer zu verstehen, dass der WDR
Dann haben Sie wohl nicht gut aufgepasst. Redakteur. Er fand: »Mit dem, was wir haben und Kinderfragen zufriedenstellend zu beantworten. Wenn Caspers ein zerknülltes Papierblatt, in dem er einen das tägliche Sonderprogramm nun wieder einstellt.
Solche Fragen beantwortet der Westdeutsche können, sind wir in der Lage, jetzt zu helfen und es darum geht, wie ein Virus im Körper andere Zellen weiteren roten Zettel versteckt, das Erbgut des Virus. Kita-Kindern und allen Schulkindern, die weiter zu
Rundfunk (WDR) in der Sendung mit der Maus ein begleitendes Programm anzubieten.« Es gab infiziert, ist das besonders schwer. Caspers hatte bei Wenn das Virus nun den Körper befällt, erklärt Cas- Hause bleiben müssen, fehlt dann eine feste tägliche
seit bald 50 Jahren. Normalerweise läuft die Maus klassischen Maus-Stoff, den man aus dem Archiv der Antwort auf diese und andere Fragen aber noch pers, tauscht es die beiden roten Zettel. Und auf dem Verabredung, bei der ihnen die Welt begreiflicher
am Sonntagmorgen im Ersten, durchschnittlich holte (Wie funktioniert ein Saugbagger? Wie­ ein weiteres Problem. Weil auch WDR-Mitarbeiter Zettel, den das Virus der Zelle dann untergeschoben gemacht wird und ihnen ein Kapitän Geschichten
zwei Millionen Kinder sitzen dann vor dem Fern- werden Croissants gebacken?), und vor der Sen- angehalten sind, nicht ins Büro zu kommen, saß er zu hat, steht jetzt: »Mach Coronaviren!« erzählt wie die vom Stie­fel­olm, dem »Schrecken aller
seher. In Corona-Zeiten gibt es die Maus seit dem dung beantwortete der Moderator Ralph Caspers Hause fest. Also filmte er sich mit dem Mobiltelefon Caspers sagt: »Wir wollen alles, was die Erwach- Angler von Rio bis Shanghai«. Auf solche Geschich-
18. März sogar jeden Tag um 11.25 Uhr. Doch 21-mal Fragen von Kindern zu dem neuen Virus. und bastelte alle Modelle, die er zum Erklären braucht, senen über Viren wissen, in einer Sprache erzählen, ten müssen sie jetzt bis Sonntag warten.
leider soll damit nach dem 30. April wieder Schluss Er machte das so wunderbar, dass man sich selbst. »Ich habe tatsächlich viel zu Hause rumliegen, die auch jüngere Menschen verstehen können.« In Und daher holen wir das Ensemble des kleinen
sein. Der WDR begründet das damit, dass in eini- wünschte, er würde es abends vor der Tagesschau was ich jetzt gut nutzen konnte«, sagt er. der Corona-Zeit haben sich denn auch die Zugriffs- Welterklärtheaters noch einmal vor den Vorhang
gen Ländern die Schule wieder losgeht. Aber eben noch mal für die Erwachsenen wiederholen. Das sieht dann so aus: Um zu zeigen, wie das zahlen der Maus-­Web­site etwa verdreifacht. für einen dankbaren Applaus: den Elefanten,
nicht für alle, und deshalb ist die Entscheidung ein Kinder haben viele Fragen. Wie befällt das Virus Virus im Körper wirkt, bastelt Caspers eine Papier- Mit Caspers’ Hilfe verstehen Kindern besser, Shaun das Schaf, Charlie und Lola, Käpt’n Blaubär
Jammer. Denn der öffentlich-rechtliche Sender den Körper? Was sind Hamsterkäufe? Warum sollte schachtel, das ist die Zelle. Er erklärt: »Es gibt Zellen, warum Händewaschen gegen Viren hilft und wa- und natürlich Ralph und die Gastgeberin, die
verkürzte mit der Maus Eltern wie Kindern die man Oma und Opa gerade nicht besuchen? Und die stellen beispielsweise Haare her, es gibt Zellen, rum sie besser in die Armbeuge niesen sollen. Au- Maus.
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5G geht in die Fläche. Mit neuen Frequenzen, GIGA


die viel weiter reichen als bislang des Monats

D
Hohe Reichweite, starke Versorgung: Vodafone startet als as Coronavirus hat Deutschland im Griff. Metro- ohne dass die Frequenz für einen Nutzer gesperrt wird. Auf Wir bauen schnelles
erster Netzbetreiber in Deutschland den 5G-Ausbau in der Fläche polen sind zur Sperrzone geworden, das öffentli- diese Weise werden das 4G- und das 5G-Netz gleichzeitig
che Leben steht still. Die vergangenen Wochen ausgebaut. Je nach Bedarf stellt die jeweilige Antenne naht- Netz für alle Kunden.
und bringt bis Ende des Jahres 5G für 10 Millionen Menschen. haben mehr denn je gezeigt, wie wichtig stabile los 4G oder 5G zur Verfügung. Für die Technik-Fans mit
Möglich macht das auch die neue Netz-Intelligenz Dynamic Netze sind: Nur so konnten und können Homeoffice, Video-
calls, Streaming und Co problemlos funktionieren. Kein Der Kunde erhält das Netz, das er benötigt. Und 5G wird 5G-Smartphones und für
Spectrum Sharing, von der auch 4G|LTE-Kunden profitieren. Zweifel – stabile Netze halten Deutschland am Laufen. Denn schneller für mehr Menschen verfügbar. die vielen Menschen, die
in der Coronakrise rauschen mehr Daten durch die Netze.
Das intelligente Netz bietet vor allem zuhause viele Vortei- aktuell noch LTE-Smart-
Auch in Meschede. Viele Einwohner der Gemeinde im Hoch- le: Die Menschen profitieren, weil das 5G-Signal auf 700 phones nutzen.
sauerlandkreis standen hier bislang auf dem digitalen Stand- Megahertz in Häusern stärker verfügbar ist als bisher. Mit bis
streifen, klagten lange Zeit über eine geringe Internet-Ge- zu 200 Megabit pro Sekunde wird 5G so zum deutlich Gerhard Mack,
schwindigkeit und Funklöcher. Doch nun versorgt eine schnelleren Ersatz für langsame DSL-Leitungen in ländli- Vodafone-Technik-Chef
Mobilfunkstation von Vodafone die Bevölkerung auf einer chen Regionen, wo bis heute oftmals nur Geschwindigkei-
Fläche von 20 Quadratkilometern mit dem neuen Netzstan- ten von maximal 6 Megabit pro Sekunde möglich gewesen
dard 5G. Möglich machen das die 700-Megahertz-Frequen- sind. Mit dem neuen 5G GigaCube (Vorbestellung ab sofort,
zen. Dieses sogenannte ULF-Band (Ultra Low Frequency) ist ab 6. Mai verfügbar) bietet Vodafone auch einen neuen,
aufgrund hoher Reichweite und guter Gebäudeversorgung mobilen Router an, der die neuen Frequenzen unterstützt
optimal für die Versorgung von mobilem Breitband-Internet und das 5G-Signal in ein offenes WLAN umwandelt.
in der Fläche geeignet.
Der Flächenausbau der neuen Mobilfunkgeneration ist ein
In den nächsten zwölf Monaten schaltet Vodafone mithilfe wichtiger Schritt in die Digitalisierung Deutschlands. Denn:
der 700-Megahertz-Frequenzen mehr als 8.000 Antennen Der 5G-Ausbau ermöglicht künftig minimale Latenz in Mil-
an ca. 2.800 Standorten in Deutschland für 5G frei. Zum lisekunden und wird deshalb entlang von Landstraßen und
Vergleich: Eine Mobilfunkstation, die im 3,5-Gigahertz- Autobahnen ein wichtiger Baustein für das vernetzte Fahren.
Bereich funkt, bringt 5G auf einem Durchmesser von bis zu Übrigens: Aufgrund der hohen Reichweite ist bei 5G auf 700
einem Kilometer zum Kunden. 5G auf 700 Megahertz be- Megahertz kein dicht gedrängter Antennenwald nötig.
sitzt demzufolge eine fünfmal höhere Reichweite als 5G mit
3,5 Gigahertz. „Deutschland braucht den optimalen Mix aus In den vergangenen Monaten hat Vodafone als erster Netz-
Bandbreite und Reichweite. Wir bringen 5G in diesem Jahr betreiber das kommerzielle 5G-Netz gestartet und wichtige
für Millionen Menschen in die Städte und aufs Land“, erklär- Erfahrungen im 3,5-Gigahertz-Bereich gesammelt. 5G funkt
te Vodafone-Chef Hannes Ametsreiter beim Start des an ersten Stationen in mehr als 50 Städten und Gemeinden.
5G-Flächenausbaus in Meschede. Die Standorte könnten unterschiedlicher kaum sein: Von
Berlin bis Usedom. Von Düsseldorf bis zum Baunatal. Von
Der Flächenausbau ist sowohl für Kunden mit 5G-Smart- München bis zur Wedermark. Jeder 5G-Standort hat ganz
phones als auch Nutzer von 4G-Handys nützlich. Denn: eigene Herausforderungen. Und ganz unterschiedliche
Vodafone aktiviert als erster Anbieter in Deutschland die Nutzergruppen. Deren Wünsche und Bedürfnisse fließen in
intelligente Mobilfunktechnologie Dynamic Spectrum den Ausbau von 5G ein. Das mobile Netz der neuesten Ge-
Sharing (DSS) im Netz. DSS klingt technisch und sperrig, neration geht nun mit neuen Frequenzen in die Fläche – und
bedeutet aber ganz praktisch, dass sich zwei Netzgenerati- zum Start bringt Vodafone neue 5G-Smartphones und
onen ein Frequenzspektrum intelligent nach Bedarf teilen, 5G-Router für alle auf den Markt.

Lesen Sie mehr unter


vodafone.de/netz

Mehr Netz
für Deutschland
Mit 700 MHz Vodafone treibt den 5G-Ausbau
deutschlandweit voran: Als erster
Anbieter bringen wir 5G in die

bekommt 5G
Fläche. 700-MHz-Frequenzen sor-
gen für ein stabiles Netz mit hoher
Reichweite – auch in ländlichen
Regionen. Und als erster Betreiber

mehr Reichweite machen wir mit Dynamic Spec-


trum Sharing unsere Antennen
flexibel für 4G|LTE und 5G nutzbar.
So erreicht unser 5G-Netz bis Ende
des Jahres 10 Millionen Menschen.

Ready?
vodafone.de/netz
Vodafone GmbH • Ferdinand-Braun-Platz 1 • 40549 Düsseldorf • vodafone.de
24 WIRTSCHAFT 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

Live-Unterhaltung
in Deutschland:
27 % aller Umsätze
(1,3 Mrd. Euro)
entfallen auf
Nicht-Musik-Veranstaltungen

Bei vielen Konzerten


und anderen
Großveranstaltungen
ist Abstand
halten unmöglich
73 % aller Umsätze
(3,7 Mrd. Euro)
entfallen auf
Musik-Veranstaltungen

»Wir verkaufen Brot für die Seele«


Konzerte wurden wegen der Corona-Pandemie als Erstes verboten und werden wohl erst als Letztes wieder erlaubt.
Der Veranstalter Peter Schwenkow spricht über die Bedeutung der privat finanzierten Kultur – und darüber, wie sie zu retten ist

DIE ZEIT: Herr Schwenkow, welche Stars werden Künstler verfügbar sind. Vor dem Frühjahr 2021 cket ergattert hatten. Warum sollten sie es zurück- tioniert ganz gut. Darlehen und sonstige KfW-­ tangel. Am Ende wird die Politik aber verstehen,

Fotos: Bartosz Ludwinski; ddp (u.); ZEIT-Grafik/Quelle: BDVK


Sie uns in diesem Jahr nicht präsentieren? wird sich wohl nichts wesentlich ändern. geben, wenn das Konzert nur verschoben wird? Mittel bringen in unserer Branche nicht viel, denn dass unser Vorschlag besser ist, als die ganze etab-
Peter Schwenkow: Wir werden Ihnen Iron Maiden ZEIT: Sie telefonieren also ständig mit Stars und ZEIT: Falls es dabei bleibt. Gilt Ihr alter Spruch die Kosten laufen ja weiter, und im nächsten Jahr lierte Struktur des Kulturbetriebs zu opfern. Die
nicht zeigen, auch nicht Kiss, Simply Red, Anna Konzerthallen und suchen neue Termine für 2021? noch: »Eine Eintrittskarte ist ein Versprechen«? müssen die Konzerte dann stattfinden, und die Menschen werden sich irgendwann fragen, warum
Netrebko und Disney on Ice. Bis jetzt haben wir Schwenkow: Viele Künstler auf der ganzen Welt Schwenkow: Wir werden unsere Versprechen defi- Darlehen müssen zurückgezahlt werden. Deswegen sie ihre Konzerte nicht erleben können ...
schon etwa 1100 geplante Veranstaltungen ins haben gerade viele freie Termine. Wenn sich einer nitiv einlösen, nur eben später. Auch weil die müssen wir uns mit der Regierung noch einmal­ ZEIT: ... aber zuvor müssten Sie erst mal erklären,
nächste Jahr verschoben. Insgesamt betrifft das eine Europatournee für den März vorstellen kann, DEAG wahrscheinlich der einzige Veranstalter in zusammensetzen. warum die »Mega-Tournee« von Dieter Bohlen
etwa zwei Millionen Besucher. müssen wir eine Zeitspanne suchen, in die 20 Kon- Europa ist, der komplett gegen die finanziellen ZEIT: Und das bedeutet? systemrelevant sein soll.
ZEIT: Kann sich daran noch etwas ändern? zerte in Deutschland, Italien, Spanien und Frank- Folgen von Konzertausfällen versichert ist, teilweise Schwenkow: Wir sind Kulturunternehmer und ver- Schwenkow: Einzelne Konzerte sind nicht system-
Schwenkow: Es ist noch nicht klar, wie es nach dem reich reinpassen. Bei den Konzerthallen wird der ist auch der Gewinnausfall versichert. Gegen alle kaufen Brot für die Seele. Aber nun haben wir relevant. Sie sind nur relevant für ihre Besucher.
31. August weitergeht. Berlin hat ja die Corona- Platz für nächstes Jahr schon langsam eng. Risiken, also auch gegen Pandemien! Das war ganz Backverbot! Im Jahr geben die Menschen in Wir bieten Veranstaltungen an, die viele Menschen
Beschränkungen bis zum 24. Oktober verlängert. ZEIT: Wie gehen die Künstler mit der Krise um? schön teuer. Aber uns und unseren Aktionären hat Deutschland gut 5 Milliarden Euro für Musik- und sehen wollen. Für alles andere gibt es ja die sub-
ANZEIGE Schwenkow: Niemand ist auf andere wütend, weil das ruhigen Schlaf gebracht. Unterhaltungsveranstaltungen aus. Das reicht von ventionierte Kultur. Die kann es sich leisten, Thea-
ja niemand für Corona verantwortlich gemacht ZEIT: Groß kann Ihr Verlust ja nicht sein, wenn den Berliner Philharmonikern unter Gustavo Du- ter auf die halbe Kapazität runterzufahren. Wir
werden kann. Aber viele Künstler haben gerade alle Fans ihre Tickets bezahlt haben, Sie aber vor- damel bis zu Disney on Ice, von Theatern und Le- sind systemrelevant, weil wir jenen Teil des deut-
LESEN SIE IN UNSERER auch Angst ums Überleben. Mit 99,9 Prozent von erst nichts von dem Geld an Stars oder Konzert- sungen bis hin zu Ed Sheeran. Dabei ist es in den schen Kulturbetriebs erhalten, der große Men-
ihnen haben wir keine Probleme. häuser weiterreichen müssen. vergangenen 30 Jahren in der Kulturbranche zu schenmengen begeistert. Ich bin sicher, dass der
AKTUELLEN AUSGABE: ZEIT: Und wer ist der problematische Rest? Schwenkow: Doch! Wir tragen die Marketing­ einer Art Arbeitsteilung gekommen. Staat diese Bedeutung erkennen wird.
Schwenkow: Die großen Stars sind das eher nicht. kosten, die können bei großen Veranstaltungen ZEIT: Was meinen Sie damit? ZEIT: Schauen wir etwas nach vorn. Wie könnte
Aber kleinere Künstler, die jetzt mindestens zwölf schnell sechsstellige Summen erreichen. Auch die Schwenkow: Ein Drittel aller kulturellen Angebote ein Neustart in der Konzertbranche ablaufen?

Die Hybrid- Monate lang keine Einnahmen aus dem Live-


geschäft haben. Live macht ja heute den größten
Batzen aus. Allein von verkauften Tonträgern oder
Overheadkosten für knapp 300 Mitarbeiter und
der Kartenvertrieb sind hoch. Aber natürlich geht
es uns besser als jenen, die nicht versichert sind.
wird staatlich subventioniert, damit sie sich jeder
leisten kann und damit Kultur in hoher Qualität
unabhängig bleiben kann. Das betrifft vor allem
Schwenkow: Ein Clubkonzert mit DJ wird es als
Allerletztes geben. Wir würden wohl ausschließlich
mit bestuhlten Veranstaltungen beginnen und
auto-Lüge Streamingeinnahmen kann keiner leben. Wenn wir
mit jemandem enge und lange Beziehungen haben,
Die werden massive Probleme bekommen.
ZEIT: Während Sie vielleicht zum Profiteur der
Opern, Theateraufführungen und Orchesterkon-
zerte. Zwei Drittel der Angebote hingegen, dabei
müssen den Abstand zwischen den Reihen und
Sitzen vergrößern. Vielleicht sitzen dann zwei bei-
dann helfen wir dem schon mal finanziell. Krise werden könnten – Sie bekommen Geld von geht es um 3,5 Milliarden Euro pro Jahr, sind wie einander, die gemeinsam zu dem Konzert gehen,
ZEIT: Müssen Sie Künstler für verschobene Kon- der Versicherung und kaufen damit ein paar Pleite- wir rein privatwirtschaftlich organisiert. Das nützt und der Nächste sitzt dann etwas weiter weg. Sol-
zerte jetzt schon bezahlen oder erst, wenn die Show kollegen auf. dem Staat eine Menge: Nicht nur, dass wir keine che Konzepte erarbeiten wir gerade.
AB DONNERSTAG IM HANDEL wirklich gelaufen ist? Schwenkow: Es gibt etwa 400 Veranstalter in Subventionen erhalten. Wir zahlen auch Steuern, ZEIT: Mehr Abstand bedeutet weniger Menschen
Schwenkow: Rechtlich ist das ganz einfach. Wenn Deutschland, viele davon sind ganz klein. Natür- Beiträge zur Gema und zur Künstlersozialkasse. in der Halle und damit weniger Tickets. Müssen
Veranstaltungen gesetzlich verboten werden, fallen lich wird es zu einer Marktbereinigung kommen, Wenn nichts passiert, bricht der privat finanzierte Konzertkarten dann teurer werden?
alle Verträge in sich zusammen. Das gilt für die und viele gehen kaputt. Vielleicht werden wir uns Teil der Kultur zusammen. Das ist absolut sicher. Schwenkow: Wenn man in eine Halle für 8000
Vereinbarungen mit Künstlern, Konzerthallen, an dem einen oder anderen beteiligen. Aber schon ZEIT: Was tun? Leute nur 5000 Leute reinlassen kann, wird kein
Ton- und Lichtdienstleistern und so weiter. Bei die Menge an Arbeit – insbesondere die Nach- Schwenkow: Spätestens im September brauchen wir Veranstalter einem Künstler die Gage für eine volle
Verschiebung bleiben alle Verträge intakt, und die wuchspflege junger Künstler – ist so groß, das kön- einen Kulturfonds in einer Größenordnung von Halle zahlen. Vielleicht werden die Tickets zehn
Gagenanzahlungen sind erst mal weg. nen wir auf die Schnelle gar nicht übernehmen. etwa 580 Millionen Euro. Einmalig, wohlgemerkt! Prozent teurer, aber mehr auch nicht. Wir schlid-
ZEIT: Sie sitzen auf dem Geld für Millionen ver- ZEIT: 2019 hat die DEAG 185 Millionen Euro Damit können wir die gesamte privatwirtschaftliche dern ja auch in eine Rezession. Schon deshalb wer-
kaufter Tickets und haben selbst keine Ausgaben? Umsatz gemacht. Was erwarten Sie für 2020? Kulturarbeit und über 100.000 Arbeitsplätze retten. den wir die Preise nicht großartig anheben können.
Schwenkow: Wer vor dem 8. März ein Ticket ge- Schwenkow: Schwer zu sagen, weil wir das vierte ZEIT: Damit reihen Sie sich ein in die lange Warte-
ZEIT: Die Hoffnung auf wenigstens ein paar Kon- kauft hat, kann es behalten oder gegen einen Gut- Quartal noch nicht vorhersehen können. Aktuell schlange jener, die Geld vom Staat wollen. Das Gespräch führte Marcus Rohwetter
zerte im Herbst fällt also gerade in sich zusammen? schein eintauschen. Aber nach unseren Erfahrungen rechnen wir mit rund 40 Prozent weniger Umsatz. Schwenkow: Das ist eine einmalige Unterstützung.
Schwenkow: Es ist ja nicht nur die Politik, die den wollen 93 Prozent der Fans ihr Ticket behalten. Die Viel besser wird’s nicht werden. Und außerdem zahlen wir ja wieder Steuern und
Rahmen für Veranstaltungen setzt und mindestens haben das ja oft schon ein halbes Jahr vorher gekauft ZEIT: Die Bundesregierung hat eine Reihe von­ damit auch die Finanzhilfe zurück. Unser Problem Peter Schwenkow ist Vorstandschef
acht Monate Berufsverbot gegen uns verhängt hat. für einen bestimmten Künstler. Die Stadiontournee Soforthilfen ermöglicht. Nutzt Ihnen das etwas? ist, dass wir als Veranstalter nicht ins Kulturressort, des Konzertveranstalters
Selbst danach ist offen, ob die Fans noch Angst von Iron Maiden war ruck, zuck ausverkauft. Da Schwenkow: In Deutschland wurde herausragend sondern in die Zuständigkeit des Wirtschaftsminis- Deutsche Entertainment AG
haben und vor den Besuchen zögern und ob die waren die meisten froh, dass sie überhaupt ein Ti- schnell reagiert. Wir nutzen Kurzarbeit, das funk- ters fallen. Und für Peter Altmaier sind wir Tingel- (DEAG) aus Berlin

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29. A P R I L 2 0 2 0 DIE ZEIT No 19 WIRTSCHAFT 25

Gefährdet die Corona-App die Demokratie?


Ja, argumentiert THOMAS FISCHERMANN : Der Nutzen der neuen Überwachung per Nein, entgegnet JENS TÖNNESMANN : Die Corona-App beraubt uns
Handy ist kaum erwiesen, aber bürgerliche Freiheiten schränkt sie ein nicht unserer Freiheit – sie gibt sie uns wieder zurück

V
ergangene Woche habe ich einen Brief be- bin. Dazu tauschen die Smartphones Zahlencodes aus, ohne

Illustration: Joni Majer für DIE ZEIT


kommen, der mich verärgert, aber auch ge- Identitäten preiszugeben – weder anderen Nutzern, noch den
freut hat. In ihm steckte eine zehnseitige Ta- Behörden. Richtig ist auch, dass die App freiwillig ist: Meine
belle, darin aufgelistet: meine Anschrift, Mitmenschen zu schützen ist für mich Grund genug, sie zu
meine Handynummer, meine Personalaus- nutzen. Nur wenn die Zahl der Infektionen wieder exponen-
weisnummer. Und viele weitere Daten, die ich dem Auto- tiell steigt, sollte die App zur Pflicht werden können.
verleiher Buchbinder anvertraut hatte – und die dann im Die Corona-Pandemie führt uns vor Augen, woran un-
Netz einsehbar waren, weil das Unternehmen einen Server sere Demokratie oft noch leidet: Nicht an zu viel Techno-
nicht gesichert hatte. Erst als wir im Januar darüber be- logie, sondern an zu viel Bürokratie. Wie das Portal netz-
richteten, stopfte Buchbinder das Datenleck, das außer politik.org berichtet hat, faxen Labore die Ergebnisse von
mir Millionen weiterer Kunden betraf. Jetzt musste die Corona-Tests an Gesundheitsämter, in denen Hunderte
Firma im Detail auflisten, welche Daten von mir damals Mitarbeiter die Daten abtippen, mühevoll Kontaktpersonen
einsehbar waren. informieren und Quarantänen verordnen. Auch dieses
Einem Unternehmen oder einer Behörde die eigenen Prozedere erfordert, dass Betroffene den Behörden viel über
Daten anzuvertrauen ist eine Wette auf die Zukunft: Selbst sich verraten. Nur kostet es wertvolle Zeit, in der sich das

N
wenn derjenige sie heute schützt, können sie morgen in Virus ausbreiten kann. Mit einer App fließen die Informa-
ach dem Terroranschlag auf das World Meine Sorgen haben wenig damit zu tun, ob die er- falsche Hände geraten; selbst wenn er sie heute in meinem tionen schneller und zuverlässiger. Sie spart nicht nur Res-
Trade Center habe ich ein paar Jahre in den fassten Daten nun dezentral gespeichert werden, also zum Sinne verwendet, könnte er sie morgen zweckentfremden. sourcen, sondern kann Leben retten.
USA gelebt. Ich beobachtete damals das Beispiel auf meinem eigenen Handy, oder ob man sie Zu Recht warnt der frühere US-Geheimdienstmitarbeiter Aus weniger wichtigen Motiven verraten die meisten
Abrutschen der freiheitsliebenden und gleich zu einem zentralen Computer weiterschickt. Un- Edward Snowden davor, dass Staaten die Corona-Pandemie von uns heute schon den großen Datenkonzernen, wo sie
obrigkeitsskeptischen USA in eine angst- angenehm finde ich, dass wir uns überhaupt an eine sol- ausnutzen könnten, um ihre Bürger genauer zu überwachen. sich aufhalten, was sie erleben, was sie so denken und wer
getriebene Nation. Zunehmend wurden an jeder Ecke che neue Überwachung gewöhnen. Anfangs ist alles frei- Doch diese Argumente wiegen nicht den Nutzen einer ihre Freunde sind. Manche geben sogar preis, wie schnell
Terrorgefahren durch Sprengsätze, Biowaffen oder willig, so wird es ja auch am leichtesten akzeptiert. Aber App auf, der ich ein positives Corona-Testergebnis mitteilen ihr Herz schlägt, während sie joggen. Mit diesen Daten
Flugzeugentführungen vermutet. Entsprechend wurden Handyhersteller bauen die technischen Voraussetzungen kann und die dann all jene warnt, die sich zuletzt in meiner würden die Firmen gerne alles tun, um ihren Profit zu
Schutzmaßnahmen verordnet und akzeptiert. schon in die Geräte ein. Politiker erklären ihre Nutzung Nähe aufgehalten haben. Dank einer solchen App könnten maximieren. Daran hindern sie Gesetze wie die Daten-
Damals erfuhr ich auch, dass man die Leute in Krisen- zur staatsbürgerlichen Tugend. Virologen mahnen zu wir wieder ins Restaurant, ins Theater oder zur Arbeit schutz-Grundverordnung, der ich den Brief voller Daten
zeiten von quasi jedweder Freiheitsbeschränkung überzeugen Recht an, dass erst eine kritische Masse von Benutzern das gehen – im Vertrauen darauf, dass zu Hause bleibt, wer wo- zu verdanken habe. Sie ist für mich das Ergebnis einer
kann: Vor dem Abflug muss man stundenlang anstehen und System zum Laufen bringt. möglich ansteckend ist. Die Corona-App beraubt uns nicht funktionierenden Demokratie, genau wie die geplante
seine Schuhe röntgen lassen? Ständig im ganzen Land an Im nächsten Schritt entsteht dann doch eine Art Zwang. unserer Freiheit – sie gibt sie uns wieder zurück. Corona-App. Und genauso wie niemand bezweifelt, dass
allen möglichen staatlichen und nicht staatlichen Kontroll- Mit eingeschalteter Corona-App herumzulaufen ist dann Die Debatte um die App hat gezeigt, wie gut unsere De- Kontaktsperren und Versammlungsverbote nach der Pan-
punkten seinen Ausweis vorzeigen? Kein Problem, ich habe das neue Normal, die Grundeinstellung im Handy. Ich kann mokratie funktioniert, und sie hat zu einem vernünftigen demie wieder aufgehoben werden, dürfen wir darauf ver-
nichts zu verbergen! Freiheitseinschränkungen dieser Art mir gut vorstellen, dass die Corona-App bald auch zur­ Ergebnis geführt. Die nun geplante App soll nur auf meinem trauen, dass unsere Politiker dann auch die App wieder
haben sich damals von den USA aus in die ganze Welt ver- Voraussetzung wird, um am bürgerlichen Leben teilhaben Smartphone speichern, welchen anderen Nutzer ich begegnet einmotten.
breitet, und ich lernte, dass sie bleiben. Auch dann, wenn zu können. Vielleicht kommt man ohne nicht mehr in einen
ihre Nützlichkeit kaum nachgewiesen ist. Es liegt an der städtischen Park, ein privates Einkaufszentrum, eine unter-
Macht der Gewohnheit, an der Fürsprache berufsmäßig nehmerische Hauptversammlung oder in die Tagung eines
paranoider Sicherheitsexperten und an den Lobbys mitver- Stadtrat-Ausschusses. Dort wird es Zugangskontrollen geben,
dienender Dienstleister. aber auch sozialen Druck: Schauen Sie sich den an! Der läuft
Daran erinnern mich die Pläne für die Coronavirus-App. frei herum und hat nicht mal sein Handy an!
Sie soll unsere Handys zu Spionen machen, die unsere Auf- Wieder verschwinden wird die neue Technik nicht, da-
enthaltsorte und vor allem unsere Begegnungen erfassen, gegen spricht alle Erfahrung. Nach Corona stellt man sich
um später mögliche Ansteckungsopfer warnen zu können. auf das nächste Virus ein. Und lassen sich für die Technik
Das mag gegen die Pandemie helfen oder nicht. So ein- hinter der Corona-App nicht attraktive neue Nutzungs-
deutig kann man das bisher aus den Erfahrungen mit solchen möglichkeiten entdecken? Verlorene Schlüssel wiederfinden?
Apps nicht sagen, die in anderen, autoritärer verfassten Dates mit attraktiven Passanten ausmachen? Stadtweite
Staaten schon angewendet werden. Gruppenspiele veranstalten? Das gleiche T-Shirt kaufen, das
Aber die Privatsphäre wird auf jeden Fall eingeschränkt, der Sitznachbar in der U-Bahn trägt? Die neu entstehende
und die ist Teil unserer Demokratie. Also müssen wir uns Überwachungstechnik bringt vielerlei Nutzen, ja. Sie kostet
das gut überlegen. Ich persönlich habe Bedenken. aber auch bürgerliche Freiheiten.

Schwierige Technik, zögerliche Politik


Der Gesundheitsminister hört zwar jetzt auf die Experten. Trotzdem wird es dauern, bis eine App vor Corona-Ansteckungen warnt  VON ANNA MAYR

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ur weil sich Jens Spahn für etwas entscheidet, herunterladen und die Nutzer alarmiert, wenn sie mit einem Kenneth Paterson von der ETH Zürich ist Teil einer Initiative Am Freitag allerdings sprach sich Jens Spahn dafür aus,
wird es dadurch noch lange nicht umsetzbar. Corona-Positiven in Kontakt gekommen sind. aus Wissenschaftlern in ganz Europa, die daran arbeiten, dass dass alle Daten auf einem Server im Robert Koch-Institut
Und während Entwickler, Wissenschaftler, Dazu müssten Handys untereinander Kontaktdaten aus- alle Daten, die die App erzeugt, dezentral auf den Smartphones (RKI) gespeichert werden. Ein Wunschtraum: Sowohl Apple
Start-ups und Projektmanager seit Wochen tauschen. Sie müssten aufzeichnen, wenn sie längere Zeit in gespeichert bleiben, anstatt sie auf einem zentralen Server zu als auch Google lehnen diese zentrale Speicherung ab – und
an Lösungen arbeiten, besteht die politische der Nähe eines anderen Handys waren. Wenn sich später sammeln. Der Programmcode, den Paterson und seine Kol- sogar aus Kreisen des RKI heißt es, man sei von den Server-
Choreografie seit Wochen aus einem Vor und Zurück. herausstellt, dass einer der Handy-Besitzer den anderen viel- legen entwickeln, wird zudem online veröffentlicht. Einerseits Plänen überrascht gewesen und könne mit den Daten epi-
Ende März fing das an. Bundesgesundheitsminister Spahn leicht angesteckt haben könnte, müsste eine Warnung ver- weil Transparenz Vertrauen in der Bevölkerung schafft. An- demiologisch auch gar nichts anfangen. Dass die Regierung
zog einen schwammig formulierten Gesetzesentwurf zurück. schickt werden. Das kann sogar passieren, ohne die Identität dererseits weil basierend auf diesem Code jeder Staat seine am Sonntag wieder zurückruderte, war also weniger eine Ent-
Darin stand, dass Gesundheitsbehörden künftig Handy-Stand- der Nutzer offenzulegen. eigene App bauen kann. So könnte ein französisches Handy scheidung als eine Anpassung an die Realität.
ortdaten auswerten dürften, um Kontaktpersonen von Covid- Im Prinzip kann das über die Bluetooth-Technologie funk- auch mit einem deutschen oder litauischen Handy eine Be- An einer Benutzeroberfläche für die App bauen mehrere
19-Erkrankten zu finden. Israel macht das zum Beispiel so. tionieren, mit der heute quasi alle Handys untereinander und gegnung speichern. deutsche Start-ups seit Mitte März, aus eigener Initiative. Wenn
Manche Staaten brauchen keine App, um ihre Bürger zu mit Zubehör wie Kopfhörern kommunizieren können. Aber Mit Apple und Google war das bereits besprochen, und die Entwickler um Kenneth Paterson am 11. Mai fertig sind
überwachen. Sie müssen nur das maximale Überwachungs- so eine Anwendung hat es noch nie gegeben. Und Bluetooth die Handy-Hersteller versprachen, dass sie mithelfen würden. und Google und Apple bis zum 15. Mai ihre Betriebssysteme
potenzial ihrer Sicherheitsbehörden oder Geheimdienste aus- wurde nicht dafür geschaffen, den ganzen Tag im Hintergrund Sie müssen dafür die Bluetooth-Einstellungen in ihren Be- angepasst haben, müssen die Bausteine zusammengesetzt
schöpfen, um zu wissen, wer sich unter welcher Handy­ zu laufen, zumal sich die Batterie dann schnell entleert. triebssystemen ändern. Die Forscher erzählen, dass Apple und werden. Und all die Arbeit wäre vergebens, wenn nicht min-
nummer wo aufhält. In Europa kann das so niemand wollen. Die Aufgabe ist technisch hochkompliziert, und dazu Google ihnen sogar zugesagt hätten, den Code, der dabei destens 50 Millionen Menschen im Land die App installieren.
Was man aber will: eine App, die Menschen sich freiwillig kommen europäische Anforderungen an den Datenschutz. herauskommt, öffentlich zu machen. Das ist die kritische Masse, ab der das Warnsystem funktioniert.

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Froelich AG
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26 WIRTSCHAFT 29. A P R I L 2020 DIE ZEIT No 19

SER I E: DI E E RST E (15 )

Bis hinter den Horizont


Allein durchquerte Felicity Aston den Kontinent Antarktika – als erster Mensch überhaupt ohne technische Hilfsmittel. Was die Engländerin
in Krisenmomenten motivierte: Männer, die einer Frau so etwas nie zugetraut hätten. Folge 15 der ZEIT-Serie über Pionierinnen  VON URS WILLMANN

S
ie schloss die Augen, damit die Oh- nagt –, sei oft der einzige Weg gewesen, morgens aus
ren sich auf das Verschwinden des dem Zelt herauszuklettern.
Lärms konzentrieren konnten. Ein Die »Anfälle«, während derer sie nichts anderes
paar Atemzüge noch, dann war das wollte, als im Schlafsack liegen zu bleiben, beschreibt
Motorenbrummen nicht mehr zu sie in ihrem Buch minutiös und beklemmend. Ihr
hören, ausgelöscht von der Stille. »Hilleberg« – der Markenname des Zelts wandelte
Felicity Aston öffnete die Augen sich unterwegs zum Kosenamen – war für Aston zwar
wieder. Das Flugzeug, das sie abgesetzt hatte: end- Burg und Schoß für unterwegs, wenn draußen ta-
gültig weg. Sie blieb regungslos stehen, atmete die gelang der Wind pfiff. Dennoch vermochte das Zelt
eisige Luft ein, und noch heute erinnert sie sich ihr nicht die Angst zu nehmen. Auch dort gab es
daran, wie »brutal aufdringlich« plötzlich jede noch »kein Verstecken vor der Realität, dass ich allein war«.
so kleine Bewegung klang, vor allem »das Styropor- Folglich erwachte sie wochenlang mit dem Gedan-
quietschen meiner Stiefel im Schnee«. ken: »Ich kann nicht raus und dem neuen Tag ins
Die geschärfte Sensorik sollte Aston durch jeden Gesicht sehen.« Den Spruch, der ihr half, hatte sie im
der 59 Tage begleiten, an denen sie unter ihren Buch eines norwegischen Abenteurers gefunden und
Stiefeln nur die Skier hatte und Schnee. So durch- noch im Base­camp mit schwarzem Marker auf das
querte sie 2011/12 vom Ross-Schelfeis aus den 14 Zeltdach geschrieben: »Lass die Routine das Kom-
Millionen Quadratkilometer großen Kontinent Ant- mando über die Gefühle übernehmen.« Zu den Rou-
arktika. Als erste Frau allein. Im Schlepptau hatte sie tinen gehörten die symmetrische Ausrichtung der
zwei Schlitten, beladen mit 85 Kilogramm Gepäck: Zeltschnüre, die genaue Kontrolle jedes Befestigungs-
Zelt, Schlafsack, Zahnbürste, Navi, Satellitentelefon, ankers, der tägliche Anruf mit dem Satellitentelefon
Brennstoff zum Kochen. Zum Essen hatte sie ge- im Kontrollzentrum.
friergetrocknete Menüs dabei und natürlich Erdnuss- Obwohl Aston darauf pocht, dass »mein Hirn
butter, die kulinarische Geheimwaffe geübter Aus- doch nicht grundsätzlich anders ist als das der Män-
dauerextremisten – viele Kalorien, wenig Gewicht. ner«, unterscheidet sich ihr Abenteuer in der Nach-
Als nach 1744 Kilometern am 23. Januar 2012 in betrachtung von denen männlicher Polarhelden.
der Herkulesbucht ihre Strapazen zu Ende gingen, Anders als diese prahlt sie nicht mit Kraftakten,
twitterte sie eine Frage in die Welt hinaus, die sie Kälterekorden, Mordsdistanzen. Sie fokussiert auf
immer wieder gequält hatte, wenn sie sich durch die die psychologischen Herausforderungen – und räumt
Eiswüste gekämpft oder im Zelt auf besseres Wetter ein, dass ihre Art, eigene Leistungen zu betrachten,
gewartet hatte: »Was mache ich hier bloß?« sie »vielleicht« zum Vorbild für andere Frauen mache.
Es mutet absurd an, mit einer der größten Aben- Für jene, »die glauben, etwas sei nicht möglich«.
teurerinnen aller Zeiten zu sprechen, während diese Denen zeige sie, dass es sehr wohl gehe. Darin er-
zu Hause festsitzt. Aber natürlich kann auch Felicity kennen sich offenbar viele Zuhörerinnen wieder,
Aston im April 2020 nicht einfach von ihrer Insel denen sie bei ihren Vorträgen begegnet – Mütter,
Vigur in den Westfjorden Islands flüchten und reisen. Beamtinnen, Managerinnen.
Das Eiland ist nur zwei Kilometer lang und 400 Eine Cello-Solistin schilderte ihr nach einem Vor-
Meter breit. Sie hat es im vergangenen Jahr mit ihrem trag, wie sehr sie sich beim Lesen des Antarktis-Buchs
Mann gekauft – einem Isländer, der im antarktischen mit Aston identifiziert habe: Wenn sie mit dem In-
Sommer für die Versorgung der Amundsen-Scott- strument auf die Bühne müsse und niemand ihr
Station am Südpol zuständig ist. dabei helfen könne, spüre sie »dieselbe Art des Allein-
Corona erlaubt keine Expedition, keine Arbeit als seins«. Eine andere Frau berichtete Aston von ihren
Instruktorin oder ­Guide auf den Gletschern, keinen Depressionen. Wie schwierig es gewesen sei, jeden
Vortrag irgendwo auf der Welt, in dem sie von ihren Morgen aus der Tür zu gehen – wie Aston aus dem
Heldinnentaten berichten kann. Immerhin lässt ein Zelt. »Etwas Kleines wird eine Riesensache, das war
meteorologisches Ereignis, mit dem Aston sich aus- exakt meine Erfahrung«, sagt die Abenteurerin. Es
kennt, die WhatsApp-Verbindung aus ihrem Home- amüsiere sie, wie viele Menschen mit unterschied-
office verwildern: »Es zieht grad ein Sturm auf«, sagt lichsten Lebensstilen plötzlich Gemeinsamkeiten
sie belustigt. Alle paar Sekunden knackt und rauscht zum eigenen Alltag entdeckten, wenn sie ihre Iso­la­
es abenteuerlich in der Leitung. Als zweiter Störfaktor tion schildere, die sie auf einem Gletscher am 89.
ist ein Kleinkind auszumachen. Breitengrad bei minus 35 Grad Celsius erlebt habe.
Erste Frau allein: Es ist ihr häufigstes Attribut. So Ihr selbst halfen die Expeditionen, Stolz zu emp-
würdigt sie das Guinness Buch der Rekorde. Als die finden: »Ich war nie sehr beeindruckt von mir selbst.«
britische Königin sie 2019 zum privaten Lunch emp- Nun sehe sie, was sie erreicht habe: »Es war richtig
fing, stand ebenfalls in den Zeitungen, Elisabeth II. tough.« Ihre größte Angst unterwegs: Wie finde ich
habe jene Frau empfangen, die als Erste solo die ant- heraus, ob ich anfange, verrückt zu werden? Um in
arktische Landmasse durchquert habe. Unterschlagen der Leere den Geist am Leben zu erhalten, sprach sie
wird fast immer, dass Aston auch die Männer über- stundenlang mit der Sonne – für sie bis heute nach-
traf. Denn mit jener Leistung stellte sie einen zweiten vollziehbar: »Sie war mit Abstand das prominenteste
Rekord auf. Kein Mensch hat vor Aston die Passage Feature, der Rest war ja nur leere Landschaft.«
allein und ohne technische Hilfsmittel geschafft. Im Sogar davon, dass die Sonne antwortete, ließ sie
Fachjargon: unassisted. Der Norweger Børge Ousland sich nicht beunruhigen. Mit Halluzinationen hatte
war 1997 der Erste, der den Solotrip schaffte; doch sie gerechnet: »Visionen sind normal, wenn dem Hirn
er ließ sich von einem Drachen ziehen. andere Daten fehlen.« Heikel werde es erst, wenn
Aston gelang die Durchquerung einzig mit der zwischen real und eingebildet nicht mehr zu unter-
Kraft der eigenen Muskeln. Dass das Geschlecht bei scheiden sei. »Aber solange du Halluzinationen als
der Interpretation ihrer Leistung die zentrale Rolle solche erkennen kannst: kein Problem.« Ab und an
einnimmt, bringt sie sowohl in Rage als auch zum habe sich das Problem jedoch verkompliziert. Denn
Lachen. Roald Amundsen, Robert Falcon Scott und die Sonne habe zu ihr gesprochen: »Wenn du mich
Ernest Shackleton sind die drei bekanntesten Aben- nicht für real hältst, dann werde ich nicht mehr mit
teurer, die mit ihren spektakulären Leistungen dafür dir sprechen.« Die Ebenen, auf denen das Hirn ar-
sorgten, dass Polarforschung fast ausschließlich als beite, seien wirklich erstaunlich, findet Aston.
männliche Spezialität wahrgenommen wird. Amund- Felicity Aston entschied danach trotzdem, ihren
sen erreichte als Erster den Südpol. Scott war 35 Tage Verstand nicht noch einmal zu riskieren. So allein wie
später dort – und verstarb auf dem Rückweg. in den 59 Tagen will sie in ihrem Leben nie mehr sein.
Shackle­ton wurde vor allem berühmt, weil er nach Stattdessen gebe es andere Herausforderungen, ge-
dem Scheitern immerhin seine Besatzung retten
konnte. Doch das goldene Zeitalter der Antarktis-
Felicity Aston nauso spannende. Vor zwei Jahren trainierte sie ein
Multikultiteam; am Ende folgten ihr auf Skiern zehn
Forschung ist ein Jahrhundert her. »Es langweilt Frauen aus Katar, Saudi-Arabien und Russland zum
mich, zu hören, Polarexpeditionen seien Männer- Nordpol. Es war wohl eine der letzten Gelegenheiten.
domäne. Es gibt so viele Frauen, die das längst genau- 1977 2000 2011/2012 2015 Wegen der Klimaerwärmung hält sich im Sommer
so tun«, sagt Aston. Die Engländerin wird in Sie arbeitet als Meteorologin Als erste Frau durchquert Member of the Order of the keine stabile Frostdecke mehr. »In fünf Jahren wird
Die heute 42-jährige Engländerin aus der Graf- Birchington-on-Sea geboren in der Antarktis Aston allein Antarktika British Empire und Polar Medal es mit solchen Touren vorbei sein«, sagt Aston. Besser
schaft Kent zog es nach dem Studium der Physik und sind die Aussichten im Süden. Auf dem antarktischen
der Meteorologie umgehend in die Kälte. Von 2000 Festland gibt es unentdeckte Landschaften zuhauf
bis 2003 arbeitete sie fürs Polarforschungsprogramm (und einige, die bisher nur sie gesehen hat).
British Antarctic Survey als Klimaforscherin. Den die kanadische Arktis: 6. Platz in der Polar Challenge das Adrenalin »kroch in jede Fingerspitze«, die Beine Neue Rekorde will Aston keine mehr jagen.
Foto: Heiða Helgadóttir für DIE ZEIT; ZEIT-Grafik/Quelle: The Explorers Club ®

Schlüsselmoment, den sie dort erlebte, beschreibt sie – 16 Teams waren angetreten. 2006 durchquerte sie zitterten. »Jede Faser meines Körpers schrie mich an, Spricht sie jedoch von ihrem alten, hört man heraus,
in ihrem Buch ­Alone in Antarctica. Um die Gegend den grönländischen Eisschild – nur mit Frauen. 2009 dass etwas schrecklich falsch war«, erinnert sie sich. wie sehr etwas an ihr nagt. Denn: Der Erfolg hätte
zu erkunden, hatte sie sich mit dem Schneemobil leitete sie die siebenköpfige Gruppe, die als erstes Der Vergleich Sie hatte keine Angst um Leib und Leben, »es war die größer sein können, wäre sie nicht nur unassisted,
vom Stützpunkt entfernt. Als sie unter dem Himmel komplett weibliches Team auf Skiern den Südpol Einsamkeit selbst, die mich erschreckte«. sondern auch unsupported unterwegs gewesen – ohne
nur noch Weiß sah, stockte ihr der Atem. Sie nahm erreichte. Dennoch hatte Aston die herrschende Mei- 88 Männer
Umgehend begann sie gegen die psychischen jegliche Hilfe. Das ist in der Zwischenzeit einem
den Daumen vom Gas, brachte die Maschine zum nung, Expeditionen im Eis seien Männersache, noch wurden bislang für Schwierigkeiten anzuarbeiten. Kleine Hürden (wie Amerikaner gelungen, wenn auch auf kürzerer, teils
Stehen und ließ die ganze Euphorie zu, die in ihr immer nicht aus der Welt geschafft (das spürte sie, ihre Pioniertaten mit Anflüge von Faulheit) bewältigte sie mit Selbst­ planierter Strecke. Felicity Aston jedoch hatte sich an
wogte wie ein Wellenmeer. Sie streckte die Arme von wenn sie Organisationen um Finanzierung bat). Aber der Medaille des bestechung. »Ich sprach zu mir: Gib nicht auf, du zwei Orten Pakete mit Verpflegungsnachschub de-
sich, »als könnte ich sie über die ganze Landschaft wenigstens lernte sie, das hartnäckige Vorurteil für Explorers Club bekommst Schokolade.« Auf komplexere Kalamitä- ponieren lassen. Hätte sie die Durchquerung ohne
ausbreiten«. Der Drang, der damals in ihr aufstieg, ihre Zwecke zu nutzen. Als Motivationshilfe. ausgezeichnet ten reagierte sie, indem sie sich vorstellte, sie würde Support versuchen sollen? Sie hätte 35 Kilogramm
hat sie seitdem nie verlassen: »Über die makellose Eine solche brauchte sie am 25. November 2011 für eine Realityshow gefilmt: »Eine kleine Kamera in mehr schleppen müssen – dafür wäre es im Erfolgsfall
Oberfläche schweben, mich in der Weite verlieren.« bereits in den ersten Minuten. Ihr Solotrip durch der Ecke des Zeltes beobachtet dich. Was soll die Welt ein Rekord ohne jeglichen Makel geworden.
Aston begann, die irdischen Eiswüsten in spekta- Antarktika begann mit einer astreinen Panikattacke. von dir sehen?« Die größte Hilfe aber waren jene Sie bereue ihre damalige Entscheidung nicht, sagt
kulären Expeditionen zu erkunden – nicht als Sport, Nach dem Verschwinden des Flugzeugs wurde Aston 6 Frauen Männer, die nicht an sie, nicht an die Frauen glaub- sie. Schließlich bewegte sie sich ja durchaus am Limit.
wie sie sagt, sondern als »Hommage an die Natur«. klar, dass sie anders allein war als im Fahrstuhl oder ten. »Ich sagte mir: Wenn ich jetzt aufgebe, behalten Nur manchmal kitzle es sie ein wenig. Vielleicht
Vor allem sorgte sie mit reinen Frauenteams für Fu- in einer Gruppe Fremder. Sie stolperte über die eige­ jene recht, die mich unterschätzen.« Dieses Gedan- hätte sie es geschafft, vielleicht auch nicht. Dann säße
rore. 2005 führte sie die erste ausschließlich weiblich nen Füße, ließ Dinge in den Schnee fallen – »Ama- kenspiel, verrät sie – während erneut der heraufzie- sie hier und spräche darüber, eine Reise nur fast ge-
besetzte Truppe auf Skiern über 360 Meilen durch teurfehler«. Ihre Brust verengte sich, das Herz raste, hende Sturm über Island an der Telefonverbindung schafft zu haben. Oder sie säße gar nicht hier.

Nächste Woche Teil 16 der Serie: Die Bahn-Managerin Sigrid Nikutta Zuletzt erschienen: Die »Tagesschau«-Sprecherin Dagmar Berghoff
29. A P R I L 2 0 2 0 D I E Z E I T N o 1 9 WISSENCO R ONA • R AUMFAH RT • BANAN EN
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Ein System wankt


Die Schulen in Deutschland öffnen wieder. Und schon stellen sich ungewohnte Fragen: Wann brauchen
Schüler überhaupt einen Lehrer? Und wozu genau?  VON JEANNETTE OTTO UND MARTIN SPIEWAK

Der
Zweifel
Steckt mein
Kind an?
Wer Kinder im Kita-Alter hat, kennt
das: Jede zweite Woche ein neuer
Keim. Mal Durchfall, mal Erkältung,
und dann springt der Keim auf die
Eltern über. Auch während Influenza-
Pandemien gelten Kitas und Schulen
als Hotspots. Sie zu schließen scheint

Foto: Jonas Wresch für DIE ZEIT; Illustration: Timo Lenzen für DIE ZEIT
Ausbrüche zu bremsen. Gilt das ge-
nauso für das neuartige Coronavirus?
Sind Kinder Sars-CoV-2-Schleudern
und Kitas und Schulen Umschlag-