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EDMUND HUSSERL

Arbeit an den Phänomenen


•,

Ausgewählte Schriften
aber dieses Bl4Ch Edmund Husserl gehört zu den international einfluß-
reichsten deutschen Philosophen dieses Jahrhunderts. Obwohl wichtige
Werke in Einzelausgaben vorliegen und seit 1950 seine Gesammelten
Werke (Husserliana) erscheinen, fehlt es überraschenderweise bis heute an
Herausgegeben und '
I!
einer AuswahJ seiner Texte, die neben den zu Lebzeiten veröffentlichten
Ar beiten auch den enormen Nachlaß mit seinen reichhaltigen Forschungs- mit einem Nachwort versehen
ma nuskripten berücksichtigt, der bislang nur bei philosophischen Exper- von Bernhard Waldenfels
ten Beachtung fand. Bernhard Waldenfels ist es mit seiner Textauswahl
gel ungen, dem philosophisch interessierten Leser einen Blick in die viel-
fach gemiedene Denkwerkstatt Husserls zu ermöglichen. Waldenfels hat
sich nicht auf den geläufigen, >repräsentativen< Husserl beschränkt, son-
dern Texte z usammengestellt, die den experimentierenden Duktus phäno-
menologischen Denkens offenlegen, das die Vielfältigkeit menschlicher
Erfahrungen erhellen will. D ie Erläuterungen des Herausgebers weisen auf
die ph ilosophischen Motive hin, die in Husserls Philosophie Eingang fan-
den , und verfolgen die erstaunliche Wirkungsgeschichte dieses Denkens.
Vom Abe nteuer der »Verstrickung in die Erfahrung«, so das Nachwort,
geht die anhaltende Faszination der Husserlschen Arbeit an den Phäno-
menen aus.

Der Autor Edmund Husserl, ge boren 1859 in Prossnitz, gestorben 1938


in Freiburg i. Br., war der Begründer der Phänomenologie, einer der
einflu ßreichsten ph.ilosophischen Schulen dieses Jahrhunderts. Er war Pro-
i
fess o r fLir Philosophie zunächst in Göttingen und dann in Freiburg. Zu ,,
"
,
sein en wichtigsten Veröffentlichungen zählen : Logische Untersuchungen
( 1900/1901 ); Ideen zu einer reinen Phänomenologie (1950-1952); Die
Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänome-
nologie (1954).

Der J-lera/'Isgeber Bernhard Waldenfels ist Professor für Philosophie an


der Ruhr-Universität Bochum. Zahlreiche Veröffentlichungen vor allem
z ur Phänomenologie und französischen Philosophie. Wichtige Werke:
Phiinomenologic in Frank reich (1983), Ordnung im Zwielicht (1987), Der
Stachel des Fremden (1 990 ). FISCHER TASCHENBUCH VERLAG

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16 H. Bedeutung 1. Ausdruck und Bedeutung 17
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fungieren , wie wir sogleich erö rtern werden. Dazu werden später noch gabe bilden die kundgegebenen psychischen Erlebnisse. Den Sinn des

~ nd ere wichtige U nterschi ede treten, welche die möglichen Verhält- Prädikates kundgegeben können wir in einem engeren und weiteren
nisse :;wischen der Bede utun g und der illustrierenden und vielleicht Sinne fassen. Den engeren beschränken wir auf die sinngebenden Akte,
ev id entmachenden Anschauung betreffen. Nur durch Rücksichtnahme I während der weitere alle Akte des Sprechenden befassen mag, die ihm
auf diese Verhältnisse ist eine reinliche Abgrenzung des Begriffes Be- auf Grund seiner Rede (und eventuell dadurch, daß sie von ihnen aus-
I
deutu ng und in weiterer Folge die fund amentale Gegenüberstellung der sagt) von dem Hörenden eingelegt werden. 4 So ist z. B., wenn wir über
sy mbo lischen Funktion der Bedeutungen und ihrer Erkenntnisfunk- einen Wunsch aussagen, das Urteil über den Wunsch kundgegeben im
tion zu vollziehen. engeren, der Wunsch selbst kundgegeben im weiteren Sinne. Ebenso im
Falle einer gewöhnlichen Wahrnehmungs aussage, die vom Hörenden,
als zu einer aktuellen Wahrnehmung gehörig, ohne weiteres aufgefaßt
§ 7. Die Ausdrücke in kommunikativer Funktion. , wird. Der Wahrnehmungsakt ist dabei im weiteren, das sich auf ihn
aufbauende Urteil im engeren Sinne kundgegeben. Wir merken Igleich [34]
Betrachten w ir, um d ie logisch wesentlichen Unterscheidungen heraus- an, daß es die gewöhnliche Sprechweise erlaubt, die kundgegebenen
arbeiten zu können , den Ausdruck zunächst in seiner kommunikativen Erlebnisse auch als ausgedrückte zu bezeichnen.
Fun ktion, welche zu erfüllen er ja ursprünglich berufen ist. Zum ge-
sprochen en Wort, zur mitteilenden Rede überhaupt wird die artiku- I
I
Das Verständnis der Kundgabe ist nicht etwa ein begriffliches Wissen
von der Kundgabe, nicht ein Urteilen von der Art des Aussagens; son-
lierte Lautkomplexion (bzw. das hingeschriebene Schriftzeichen I dern es besteht bloß darin, daß der Hörende den Sprechenden anschau-
u. dgl. ) erst dadurch, daß der Redende sie in der Absicht erzeugt, »sich« lich als eine Person, die dies und das ausdrückt, auffaßt (apperzipiert),
dadurch »über etwas zu äußern«, mit anderen Worten, daß er ihr in I oder wie wir geradezu sagen können, als eine solche wahrnimmt. Wenn
[U I gewissen psychi -I schen Akten einen Sinn verleiht, den er dem Hören- ich jemandem zuhöre, nehme ich ihn eben als Sprechenden wahr, ich
den mitteilen will. D iese Mitteilung wird aber dadurch möglich, daß höre ihn erzählen, beweisen, zweifeln, wünschen usw. Die Kundgabe
der Hörende nun auch die Intention des Redenden versteht. Und er tut nimmt der Hörende in demselben Sinne wahr, in dem er die kundge-
dies, sofern er den Sprechend en als eine Person auffaßt, die nicht bloße bende Person selbst wahrnimmt - obschon doch die psychischen Phä-
Lau te hervorbringt, sondern zu ihm spricht, die also mit den Lauten nomene, die sie zur Person machen, als das, was sie sind, in eines ande-
z ugleich gewisse sin nverleihende Akte vollzieht, welche sie ihm kund- ren Anschauung nicht fallen können. Die gemeinübliche Rede teilt uns
tun, bzw. deren Sinn sie ihm mitteilen will. Was den geistigen Verkehr eine Wahrnehmung auch von psychischen Erlebnissen fremder Perso-
allererst möglich und die verbindende Rede zur Rede macht, liegt in nen zu, wir »sehen« ihren Zorn, Schmerz usw. Diese Rede ist vollkom-
dieser durch die physische Seite der Rede vermittelten Korrelation zwi- men korrekt, solange man z. B. auch die äußeren körperlichen Dinge als
schen den zusammengehörigen physischen und psychischen Erlebnis- wahrgenommen gelten läßt und, allgemein gesprochen, den Begriff der
sen de r miteinande r verkehrenden Personen. Sprechen und Hören, Wahrnehmung nicht auf den der adäquaten Wahrnehmung, der An-
Kundgabe psychischer Erlebnisse im Sprechen und Kundnahme der- schauung im strengsten Sinne einschränkt. Besteht der wesentliche
selben im Hören, sind einander zugeordnet. Charakter der Wahrnehmung in dem anschaulichen Vermeinen, ein
Wenn man diesen Zusammenhang überschaut, erkennt man sofort, Ding oder einen Vorgang als einen selbst gegenwärtigen zu erfassen -
daß alle Ausdrücke in der k ommunikativ en Rede als Anzeichen fungie- und ein solches Vermeinen ist möglich, ja in der unvergleichlichen
re n. Sie dienen dem Hörenden als Zeichen für die »Gedanken « des Re- Mehrheit der Fälle gegeben, ohne jede begriffliche, ausdrückliche Fas-
denden, d. h. für die sinn gebenden psychischen Erlebnisse, welche zur sung - dann ist die Kundnahme eine bloße Wahrnehmung der Kund-
mitteilenden [n tention gehören. Diese Funktion der sprachlichen Aus- gabe. Freilich besteht der hier eben schon berührte wesentliche Unter-
dr ücke nennen wir die k undgebende Funktion. 3 Den Inhalt der Kund- schied. Der Hörende nimmt wahr, daß der Redende gewisse psychische
IX II. Bedeutung I. Ausdruck und Bedeutung 19
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Erlebnisse äußert, und insofern nimmt er auch diese Erlebnisse wahr; Wort und Sinn zergliedern, da erscheint uns das Wort selbst als an sich
aber er selbst erlebt sie nicht, er hat von ihnen keine »innere«, sondern gleichgültig, der Sinn aber als das, worauf es mit dem Worte »abgese-
eine »äußere« Wah rnehmung.5 Es ist der große Unterschied zwischen hen«, was vermittelst dieses Zeichens ge-Imeint ist; der Ausdruck [36J
de m wirklichen Erfassen eines Seins in adäquater Anschauung und dem scheint so das Interesse von sich ab und auf den Sinn hinzulenken, auf
vermeintlichen Erfassen eines solchen auf Grund einer anschaulichen diesen hinzuzeigen. Aber dieses Hinzeigen ist; nicht das Anzeigen in
aber inadäquaten Vorstellung. Im ersteren Falle erlebtes, im letzteren dem von uns erörterten Sinne. 7 Das Dasein des Zeichens motiviert
[3 51 Falle I supponiertes Sein, dem Wahrheit überhaupt nicht entspricht. nicht das Dasein, oder genauer, unsere Überzeugung vom Dasein der
Das wechselseitige Verständnis erfordert eben eine gewisse Korrelation Bedeutung. Was uns als Anzeichen (Kennzeichen) dienen soll, muß
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der beiderseitigen in Kundgabe und Kundnahme sich entfaltenden psy- I von uns als daseiend wahrgenommen werden. Dies trifft auch zu für die
chischen Akte, aber keineswegs ihre volle Gleichheit. 6 Ausdrücke in der mitteilenden, aber nicht für die in der einsamen Rede.
Hier begnügen wir uns ja, normalerweise, mit vorgestellten, anstatt mit
wirklichen Worten. In der Phantasie schwebt uns ein gesprochenes
§ 8. D ie A usdrücke im einsamen Seelenleben. oder gedrucktes Wortzeichen vor, in Wahrheit existiert es gar nicht.
Wir werden doch nicht die Phantasievorstellungen oder gar die ihn:en
Bisher haben w ir die Ausdrücke in der kommunikativen Funktion be- zugrunde liegenden Phantasieinhalte mit den phantasierten Gegenstän-
trachtet. Sie beruht wesentlich darauf, daß die Ausdrücke als Anzei- den verwechseln. Nicht der phantasierte Wortklang oder die phanta-
chen wirken. Aber auch in dem sich im Verkehr nicht mitteilenden sierte Druckschrift existiert, sondern die Phantasievorstellung von
Seelenleben ist den Ausdrücken eine große Rolle beschieden. Es ist dergleichen. Der Unterschied ist derselbe, wie zwischen dem phanta-
klar. daß die veränderte Funktion nicht das trifft, was die Ausdrücke zu sierten Zentauren und der Phantasievorstellung von demselben. Die
Ausdrücken macht. Sie haben nach wie vor ihre Bedeutungen und die- Nicht-Existenz des Wortes stört uns nicht. Aber sie interessiert uns
selben Bedeutungen w ie in der Wechselrede. Nur da hört das Wort auf auch nicht. Denn zur Funktion des Ausdrucks als Ausdruck kommt es
Wort zu sein, wo sich unser ausschließliches Interesse auf das Sinnliche darauf gar nicht an. Wo es aber darauf ankommt, da verbindet sich mit
richtet, auf das Wort als bloßes Lautgebilde. Wo wir aber in seinem der bedeutenden eben noch die kundgebende Funktion: der Gedanke
Verständnis leben, da drückt es aus und dasselbe aus, ob es an jemanden soll nicht bloß in der Weise einer Bedeutung ausgedrückt, sondern auch
gerichtet ist oder nicht. mittels der Kundgabe mitgeteilt werden; was freilich nur möglich ist im
Hiernach scheint es klar, daß die Bedeutung des Ausdruckes, und wirklichen Sprechen und Hören.
was ihm sonst noch wesentlich zugehört, nicht mit seiner kundgeben- In gewissem Sinne spricht man allerdings auch in der einsamen Rede,
den Leistung zusammenfallen kann. O der sollen wir etwa sagen, daß und sicherlic:h ist es dabei möglich, sich selbst als Sprechenden und
wir auch im einsamen Seelenleben mit dem Ausdruck etwas kundge- eventuell sogar als zu sich selbst Sprechenden aufzufassen. Wie wenn
ben, nur daß w ir es nicht einem Zweiten gegenüber tun? Sollen wir z. B. jemand zu sich selbst sagt: Das hast du schlecht gemacht, so kannst
sagen, der ei nsam Sprechende spreche zu sich selbst, es dienten auch du es nicht weiter treiben. Aber im eigentlichen, kommunikativen
ihm die Worte als Zeichen, nämlich als Anzeichen seiner eigenen psy- Sinne spricht man in solchen Fällen nicht, man teilt sich nichts mit, man' .
chischen Erlebnisse? Ich glaube nicht, daß eine solche Auffassung zu stellt sich nur als Sprechenden und Mitteilenden vor. In der monologi-
vertreten wäre. Freilich als Zeichen fun gieren die Worte hier wie über- schen Rede können uns die Worte doch nicht in der Funktion von An-
all; und überall kö nnen wir sogar geradezu von einem Hinzeigen spre- zeichen für das Dasein psychischer Akte dienen, da solche Anzeige hier I
chen. Wenn wir über das Verhältnis von Ausdruck und Bedeutung ganz zwecklos wäre. Die fraglichen Akte sind ja im selben Augenblick [37] '
reflektieren und z u diesem Ende das komplexe und dabei innig einheit- von uns selbst erlebt.
liche Erlebnis des sinnerfüllten Ausdruckes in die beiden Faktoren
20 H. Bedeutung 1. Ausdruck und Bedeutung 21
l-:-:-:-~---:~--::-----:-~-~~~=t
. § 9. Die phänomenologischen Unterscheidungen zwischen physischer hen zu unterscheiden: einerseits diejenigen, die dem Ausdruck wesent-
Ausdruckserscheinung, sinn gebendem und sinnerfülltem Akt. lich sind, wofern er überhaupt noch Ausdruck,.d. i. sinnbelebter Wort-
laut, sein soll. Diese Akte nennen wir die bedeutungverleihenden Akte
Sehen wir nun von den Erlebnissen, die speziell zur Kundgebung gehö- oder auch Bedeutungsintentionen. Andererseits die Akte, die zwar dem
ren, ab und betrachten den Ausdruck in Hinsicht auf Unterscheidun- Ausdruck als solchem außerwesentlich sind, dafür aber in der logisch
gen, die ihm in glei cher Weise zukommen, ob er in der einsamen oder fundamentalen Beziehung zu ihm stehen, daß sie seine Bedeutungs- ,
Wechselrede fungiert, so scheint zweierlei übrig zu bleiben: der Aus- intention mit größerer oder geringerer Angemessenheit erfüllen (bestä-
druck selbst und das, was er als seine Bedeutung (als seinen Sinn) tigen, bekräftigen, illustrieren) und damit eben seine gegenständliche
ausdrückt. Indessen hier sind mehrfältige Relationen miteinander ver- Beziehung aktualisieren. Diese Akte, welche sich in der Erkenntnis-
flochten, und die Rede von dem, was ausgedrückt ist und von Bedeu- oder Erfüllungseinheit mit den bedeutungverleihenden Akten ver-
tung, ist dementsprechend eine vieldeutige. Stellen wir uns auf den Bo- schmelzen, nennen wir bedeutungerfüllende Akte. Den kürzeren Aus-
den der reinen Deskription, so gliedert sich das konkrete Phänomen des druck Bedeutungserfüllung dürfen wir nur da verwenden, wo die
sinnbelebten Ausdrucks einerseits in das physische Phänomen, in wel- naheliegende Verwechslung mit dem gesamten Erlebnis, in dem eine
chem sich der Ausdruck nach seiner physischen Seite konstituiert, und Bedeutungsintention in dem korrelativen Akte Erfüllung findet, ausge-
andererseits in die Akte, welche ihm die Bedeutung und eventuell die schlossen ist.
anschauliche Fülle geben, und in welchen sich die Beziehung auf eine In der realisierten Beziehung des Ausdruc~s zu seiner Gegenständ-
ausgedrückte Gegenständlichkeit konstituiert. Vermöge dieser letzte- lichkeit ':- eint sich der sinnbelebte Ausdruck mit den Akten der Bedeu-
ren Akte ist der Ausdruck mehr als ein bloßer Wortlaut. Er meint tungserfüllung. Der Wortlaut ist zunächst eins mit der Bedeutungs-
etwas, und indem er es meint, bezieht er sich auf Gegenständliches. intention, und diese wieder eint sich (in derselben Weise, wie überhaupt
D ieses Gegenständliche kann entweder vermöge begleitender An- Intentionen mit ihren Erfüllungen es tun) mit der betreffenden Bedeu-
schauungen aktuell gegenwärtig oder mindestens vergegenwärtigt er- tungserfüllung. Unter Ausdruck schlechthin I befaßt man nun, wofern [39]
scbeinen (z. B. im Phantasiebilde). Wo dies statthat, ist die Beziehung nicht von dem »bloßen« Ausdruck die Rede ist, in der Regel den sinn-
auf die Gegenständlichkeit realisiert. Oder dies ist nicht der Fall; der belebten Ausdruck. Somit dürfte man eigentlich (wiewohl es öfters ge-
Ausdruck fungiert sinnvoll, er ist noch immer mehr als ein leerer Wort- schieht) nicht sagen, der Ausdruck drücke seine Bedeutung (die Inten-
laut, obschon er der fundierenden, ihm den Gegenstand gebenden An- tion) aus. Passender ist hier die andere Rede vom Ausdrücken, wonach
schauung en tbehrt. Die Beziehung des Ausdrucks auf den Gegenstand de.r erfüllende Akt als der durch den vollen Ausdruck ausgedrückte er-
ist jetzt insofern unrealisiert, als sie in der bloßen Bedeutungsintention scheint; wie wenn es z. B. von einer Aussage heißt, sie gebe einer Wahr-
beschlossen ist. Der Name beispielsweise nennt unter allen Umständen nehmung oder Einbildung Ausdruck.
seinen Gegenstand , nämlich sofern er ihn meint. Es hat aber bei der
(381 bloßen Meinung sein Bewenden, wenn der I Gegenstand nicht anschau- Es braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß sowohl die be-
lich dasteht und somit auch nicht als genannter (d. i. als gemeinter) da- deutungverleihenden als die bedeutungerfüllenden Akte, im Falle einer
steht. Indem sich die zunächst leere Bedeutungsintention erfüllt, reali- mitteilenden Rede, mit zur Kundgabe gehören können. Die erste-
siert sich die gegenständliche Beziehung, die Nennung wird eine aktuell ren bilden sogar den wesentlichsten Kern der Kundgabe. Gerade sie
bewußte Beziehung zwischen Namen und Genanntem. dem Hörenden kenntlich zu machen, muß vor allem das Interesse der
Legen wir diese fundamentale Unterscheidung zwischen anschau- ,
" Ich wähle öfters den unbestimmteren Ausdruck Gegenständlichkeit, weil es sich hier
ungsleeren und erfüllten Bedeutungsintentionen zugrunde, so sind
überall nicht bloß um Gegenstände im engeren Sinn, sondern auch um Sachverhalte,
auch nach Abscheidung der sinnlichen Akte, in denen sich das Erschei- Merkmale, um unselbständige reale oder kategoriale Formen u. dgl. handelt. [Hier und im
nen des A usdrucks als Wortlaut vollzieht, zweierlei Akte oder Aktrei- folgenden Text stammen die mit * gekennzeichneten Anmerkungen von Husserl]

Zl ,. H. Bedeutung 1. Ausdruck und Bedeutung 23


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( • mitteilenden Intentio n sein; nur dadurch, daß der Hörende sie dem aber verschiedene Gegenstände, und wieder daß sie verschiedene Bedeu-
Sp rechenden einlegt, versteht er ihn. tungen aber denselben Gegenstand haben können. Daneben bestehen
selbstverständlich auch die Möglichkeiten, daß sie nach beiden Richtun-
gen differieren, und wieder daß sie in beiden übereinstimmen. Das letz-
[46] § 12. Fortsetzung: Die ausgedrückte Gegenständlichkeit. tere ist der Fall der tautologischen Ausdrücke, z. B. der in verschiedenen
Sprachen miteinander korrespondierenden Ausdrücke gleicher Bedeu-
D ie Rede von dem, was ein Ausdruck ausdrückt, hat nach den bisheri- tung und Nennung. (London, Londres; zwei, deux, duo usw.).
gen Betrachtungen bereits mehrere wesentlich verschiedene Bedeutun- Die klarsten Beispiele für die Sonderung von Bedeutung und gegen-
gen . Einerseits bezieht sie sich auf die Kundgabe überhaupt und darin ständlicher Beziehung bieten uns die Namen. Bei ihnen ist in der letzte-
speziell auf die sinngebenden, zumal aber auch auf die sinnerfüllenden ren Hinsicht die Rede von der »Nennung« gebräuchlich. Zwei Namen
Akte (wofern solche überhaupt vorhanden sind). In einer Aussage z. B. können Verschiedenes bedeuten, aber dasselbe nennen. So z. B. der Sie-
geben wir unserem Urteil Ausdruck (wir geben es kund), aber auch ger von Jena - der Besiegte von Waterloo; das gleichseitige Dreieck - da~
Wahrnehmungen und sonstigen sinnerfüllenden, die Meinung der Aus- gleichwinklige Dreieck. Die ausgedrückte Bedeutung ist in den Paaren
sage veranschaulichenden Akten. Auf der anderen Seite bezieht sich die eine offenbar verschiedene, obwohl beiderseits .derselbe Gegenstand
fragliche Rede auf die »Inhalte« dieser Akte, und zwar zunächst auf die gemeint ist. Ebenso verhält es sich bei Namen, die vermöge ihrer Unbe-
Bedeutungen, die ja oft genug als ausgedrückte bezeichnet werden. stimmtheit einen »Umfang« haben. Die Ausdrücke ein gleichseitiges
Es ist zweifelhaft, ob die Beispielsanalysen des letzten Paragraphen Dreieck und ein gleichwinkliges Dreieck haben dieselbe gegenständ-
auch nur zur vorläufigen Verständigung über den Begriff der Bedeutung liche Beziehung, denselben Umfang möglicher Anwendung.
hinreichen würden, wenn nicht sofort ein neuer Sinn des Ausgedrückt- Es kann auch umgekehrt vorkommen, daß zwei Ausdrücke dieselbe
seins in vergleichende Erwägung gezogen würde. Die Termini Bedeu- Bedeutung aber verschiedene gegenständliche Beziehung haben. ' Der
tung, Inhalt, Sachverhalt, so wie alle verwandten sind mit so wirksamen Ausdruck ein Pferd hat, in welchem Redezusammenhang er auch er-
Äqu ivokationen behaftet, daß unsere Intention, bei aller Vorsicht in der scheint, dieselbe Bedeutung. Wenn wir aber einmal sagen Bucephalus
Ausdrucksweise, doch Mißdeutung erfahren kö nnte. Der jetzt zu erör- ist ein Pferd, und das andere Mal dieser Karrengaul ist ein Pferd, so ist
ternde dritte Sinn des Ausgedrücktseins betrifft die in der Bedeutung im Übergang von der einen zur anderen Aussage mit der sinngebenden
gemeinte und mittels ihrer ausgedrückte Gegenständlichkeit. Vorstellung offenbar eine Änderung vorgegangen. Ihr »Inhalt«, die Be-
Jeder Ausdruck besagt nicht nur etwas, sondern er sagt auch über deutung des Ausdruckes ein Pferd ist zwar ungeändert geblieben, aber
Etwas; er hat nicht nur seine Bedeutung, sondern er bezieht sich auch die gegenständliche Beziehung hat sich geändert. Mittels derselben I Be- [48] '
auf irgendwelche Gegenstände . D iese Beziehung ist für einen und den- deutung stellt der Ausdruck ein Pferd das eine Mal den Bucephalus, das
selben Ausdruck unter Umständen eine mehrfache. Niemals fällt aber andere Mal den Karrengaul vor. So verhält es sich mit allen universellen
der Gegenstand mit der Bedeutung zusammen. Natürlich gehören Namen, d. h. Namen, die einen Umfang haben. Eins ist ein Name von
beide zum Ausdruck nur vermöge der ihm sinngebenden psychischen überall identischer Bedeutung, aber darum darf man doch nicht die ver-
Akte; und wenn man in Hinsicht auf diese ),vorstellungen « zwischen schiedenen Einsen in einer Rechnung identisch setzen; sie bedeuten alle
»Inhalt« und »Gegenstand« unterscheidet, so ist damit dasselbe ge- dasselbe, aber sie differieren in ihrer gegenständlichen Beziehung.
meint, was hinsichtlich des Ausdrucks als das, was er bedeutet oder Anders verhält es sich mit den Eigennamen, sei es für individuelle
»besagt«, und das, worüber er etwas sagt, unterschieden wird. B oder generelle Objekte. Ein Wort wie Sokrates kann Verschiedenes mir

[47] Die Notwendigkeit de r U nterscheidung zwischen Bedeutung (In- dadurch nennen, daß es Verschiedenes bedeutet; mit anderen Worten,
halt) und Gegenstand w ird klar, wenn w ir uns durch Vergleichung von daß es äquivok wird. Wo immer das Wort in einer Bedeutung steht,
Beispielen überzeugen, daß mehrere Ausdrücke dieselbe Bedeutung nennt es auch einen Gegenstand. Ebenso Ausdrücke wie die Zwei, die