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Akupunktur

Chronische Schmerzen können auch dem Stärksten das Leben zur Hölle machen. Sie plagen tagein
tagaus. Viele Betroffene wollen dagegen nicht jahrelang Medikamente schlucken. Manche fürchten
Abhängigkeit oder Sucht, andere haben Angst vor Nebenwirkungen wie Nieren- oder Leberschäden.
Enttäuscht von der Schulmedizin wenden sich immer mehr Menschen alternativen Heilverfahren zu.
Große Hoffnung setzen mittlerweile viele Schmerzpatienten in die Akupunktur, möglicherweise eine
billige und nebenwirkungsarme Alternative aus fernöstlichen Ländern.

Lebensenergie fließen lassen

Nach Ansicht chinesischer Ärzte hilft Akupunktur bei einer Vielzahl von Krankheiten und lindert
insbesondere die oft begleitend auftretenden chronischen Schmerzen. Akupunktur hat im Rahmen der
Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) eine jahrtausendealte Geschichte. Oft wird Akupunktur im
Verbund mit Heilkräutern, Massagen, Bewegungstherapie, Ernährungsberatung und Diät eingesetzt. Der
Mensch wird als Ganzes gesehen und auch entsprechend behandelt.

Krankheiten sind nach der TCM Ausdruck einer gestörten Körperharmonie. Wenn die Energiekonzepte
Yin und Yang sich nicht in einem harmonischen Gleichgewicht befinden, ist auch der Fluss der
Lebensenergie Qi gestört. Das Ziel einer Akupunktur-Therapie ist es daher, die Lebensenergie Qi wieder
ungehindert fließen zu lassen.

Mit Nadeln Blockaden lösen

Akupunktur soll körpereigene Regulationsmechanismen anregen und wiederherstellen,


Selbstheilungskräfte stimulieren. Sie ist also eine Reiztherapie. Mit jedem Nadelstich wird nach der
Theorie dem Körper Energie zugeführt oder abgezogen. Dadurch soll blockierte Qi-Energie an den
Akupunkturpunkten wieder ungehindert fließen können. Jeder Akupunkturpunkt kann bestimmten
Organen oder Körperfunktionen – und damit auch Krankheitsbildern zugeordnet werden. Verschiedene
dieser Punkte, die einem Organ zugeordnet sind, liegen auf sogenannten Meridianen. Sie verlaufen über
den gesamten Körper.

Es gibt 14 Meridiane - oder auch Energiebahnen - mit 361 klassischen Akupunkturpunkten. Je nach
Krankheitsbild oder -symptom werden Akupunkturnadeln entlang der betroffenen Meridiane gesetzt.
Das soll Organe und Nerven direkt beeinflussen und das harmonische Energiegleichgewicht im Körper
wieder herbeiführen.

Erklärungsversuche bleiben lückenhaft

Seit knapp 30 Jahren findet die Akupunktur auch in der westlichen Welt immer mehr Anhänger. Neben
niedergelassenen Ärzten bieten vor allem Schmerzambulanzen Akupunktur als Therapieform an.
Akupunktur ist heute zwar die am besten erforschte, alternative naturheilkundliche Behandlungsform,
birgt trotzdem aber immer noch viele Rätsel. Nur lückenhaft können westliche Naturwissenschaften
bisher die offensichtlichen Behandlungserfolge in der Schmerztherapie erklären, zu komplex scheint die
Wirkung gesetzter Akupunkturnadeln auf das menschliche Nerven- und Hormonsystem zu sein.
Tatsächlich liegen die Endpunkte vieler Nervenbahnen an Akupunkturpunkten. Gemessen wurde bisher
ein veränderter Hautwiderstand an gereizten Akupunkturpunkten. Die Reizbarkeit von
schmerzkontrollierenden Nervenzellen soll sich verändern. Außerdem wird eine Reflexwirkung
diskutiert. Ein erkranktes Organ soll für Verspannungen und Durchblutungsstörungen in entfernt
liegenden Muskel- und Hautpartien sorgen. Eine Akupunktur dieser Stellen soll auf das erkrankte Organ
zurückwirken. Und nicht zuletzt vermuten Wissenschaftler umfassende Wirkungen auf den Stoffwechsel
von Nervenzellen, zum Beispiel auf die Freisetzung von schmerzlindernden morphinähnlichen,
körpereigenen Botenstoffen (Endorphine). Aber es kann auch sein, dass die Schmerzleitung
unterbrochen wird, weil die Nervenzellen übererregt werden. Außerdem sollen die Immunzellen
stimuliert werden.

Mehr als reine Schmerztherapie?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Liste von etwa 100 Erkrankungen veröffentlicht, die
sich für eine Akupunkturbehandlung anbieten. Von deutschen gesetzlichen Krankenkassen werden seit
2006 immerhin Akupunktursitzungen bei chronischen Rücken- und Knieschmerzen als Regelleistung
bezahlt. Denn mehrere Studien haben ergeben, dass die kleinen Stiche durchaus eine große Wirkung
haben können - vor allem bei chronischen Schmerzen wie Migräne, Spannungskopfschmerzen und
chronischen Rückenschmerzen.

Scheinbar lassen sich einige Krankheiten auch ursächlich behandeln – Akupunktur wäre demnach weit
mehr als reine Schmerztherapie. Hauptanwendungsgebiete für Akupunkturbehandlungen sind
laut WHO: Kopfschmerzen, Migräne, chronische Rückenschmerzen, Rheuma, Asthma, Allergien,
Bronchitis, aber auch Sucht-Entwöhnung wie zum Beispiel bei Nikotinsucht.

Manchmal hilft schon der Anblick eines Arztes

Allein der Glaube versetzt Berge

Kritiker meinen, dass weniger die Nadeln im Körper, sondern eher die Einbildungskraft der Patienten für
kleine Wunder sorge. Akupunktur-Effekte seien von Placebo-Effekten kaum zu unterscheiden. Tatsache
ist: Viele westlich angelegte Studien brachten bisher keinen eindeutigen Wirkungsnachweis. Und
solange für die Akupunktur in qualifizierten Studien keine eindeutigen Wirkungsmechanismen und
-nachweise gezeigt werden können, wird dieser "westliche Makel" weiter auf der alternativen
Behandlungsform lasten. Es fragt sich allerdings auch, ob nicht die Symptomlinderung das Maß aller
Dinge sein sollte. Und wenn diese auch nur indirekt oder teilweise über die Akupunktur erreicht wird,
warum sollte man das fernöstliche Verfahren dann nicht ernster nehmen?

Für das Ausnutzen von Placebo-Effekten bei der chronischen Schmerzbehandlung sprechen sich
mittlerweile viele Schmerzforscher aus. Nach neuesten Studien spielt die Psyche, die
Schmerzverarbeitung im Gehirn, eine wichtige Rolle. Sie wird durch Erwartungen, Stress oder Suggestion
stark beeinflusst. Über das hormonelle und neuronale Systeme kann so auch das Schmerzerlebnis
beeinflusst werden. Ärzte, Spritzen, Pflaster oder bedeutsam erscheinende bunte Pillen haben eine
deutlich schmerzlindernde Wirkung. Bei technisch oder auch mystisch wirkenden Maßnahmen wie der
Akupunktur sind solche Effekte ebenfalls beobachtet worden.
Keine gravierenden Nebenwirkungen

Angst haben muss man vor einer Akupunkturbehandlung nicht, vorausgesetzt man findet einen
qualifiziert ausgebildeten Akupunktur-Spezialisten. Standards setzt der Fortbildungsleitfaden
"Akupunktur für Ärzte". Er sieht eine 350 Stunden umfassende Zusatzausbildung inklusive Prüfung vor
der zuständigen Ärztekammer vor. Leider wird Akupunktur aber auch oft von Personen angeboten, die
nur Wochenendseminare hinter sich haben. In Schmerzambulanzen von Universitätskliniken dürfte man
aber gut aufgehoben sein – Adressen für seriöse Akupunkturbehandlungen kann man auch über
Ärztegesellschaften für Akupunktur erfragen.

Ernsthafte Nebenwirkungen sind bei der Akupunktur nicht zu erwarten. Berichtet wird stellenweise über
kurzfristige Hautrötungen, Wärmegefühl, Kribbeln, Taubheit. Das Fehlen von gravierenden
Nebenwirkungen könnte im Hinblick auf die Schmerztherapie ein großer Vorteil sein. Statt
Nebenwirkungen durch langfristige Medikamenteneinnahme in Kauf zu nehmen, lohnt es sich, auch
einmal über eine begleitende Akupunkturtherapie nachzudenken und sich von Fachärzten beraten zu
lassen.