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Czasy Nowożytne

TOM 27 ROK 2014

J. Friedrich Battenberg
Darmstadt

Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen


Juden im vormodernen Polen-Litauen1

I.  Der mit den inneren Verhältnissen der polnisch-litauischen Judenheit gut
vertraute Philosoph und Kant-Verehrer Salomon Maimon schrieb in seinen 1792
publizierten Lebenserinnerungen über die Schicksalsschläge seines als jüdischer
Pächter und Schankwirt in einem litauischen Dorf tätigen Großvaters Heyman Jo-
sef. Nach einer bewegenden Schilderung seiner ärmlichen Verhältnisse schreibt er
über einen höchst unangenehmen Vorfall wie folgt:
Der Pope, [der] russische Geistliche in diesem Dorfe war ein dummer, unwissender
Einfaltspinsel, der kaum schreiben und lesen gelernt hatte. Dieser saß geständig im
Wirtshause, soff mit seinen Pfarrkindern, den Bauern, Branntwein und ließ immer seine
Zeche anschreiben, ohne je an Bezahlung der Rechnung zu denken. Mein Großvater war
dies endlich müde und beschloss, ihm nichts mehr auf Borg zu geben. Dies nahm jener,
wie natürlich, sehr übel, und war daher auf Rache bedacht.  Er fand endlich ein Mit-
tel dazu, wovor die Menschheit freilich zurückschaudert, wovon aber die katholischen
Christen in Polen zu damaliger Zeit sehr häufig Gebrauch zu machen pflegten, nämlich
meinen Großvater eines Christenmordes wegen anzuklagen und ihm ein Halsgericht
zuzuziehen. Dies geschah auf folgende Weise2.
Es folgt darauf die ausführliche Schilderung eines nächtlichen Besuchs durch
einen Biberfänger, der dem Heyman einen Sack überbrachte, in dem sich angeblich
ein gefangener Biber befand. Über den wollte er, wie er vorgab, mit dem Schank-
wirt ins Geschäft kommen; denn da der Biberfang ein königliches Regal war, sollte
der Handel heimlich von statten gehen. Ohne argwöhnisch zu werden, stellte Hey-

1
Ich bedanke mich für wertvolle Hinweise und Anmerkungen vor allem bei Frau Dr. Saskia
Rohde aus Hamburg.
2
Salomon Maimons Lebensgeschichte. Von ihm selbst geschrieben, hrsg. von O. Winkler, Ber-
lin 1988, S. 24–27, hier: S. 25.
12 J. Friedrich Battenberg

man den Sack in seinem Haus beiseite, um sich schnell wieder zur Ruhe begeben
zu können. Maimon fährt mit seiner Erzählung fort:
Kaum war er aber wieder eingeschlafen, so wurde er zum zweiten Male mit großem
Lärm herausgeklopft. Es war der gedachte Geistliche mit einigen 23 Dorfbauern, die
sogleich anfingen, im Hause überall Untersuchungen anzustellen. Sie fanden den Sack,
und mein Großvater zitterte schon für den Ausgang, weil er nichts anderes glaubte, als
dass er, des heimlichen Biberhandels wegen, am Hofe verraten worden sei und er es nun
nicht leugnen konnte. Wie groß war aber sein Entsetzen, als man den Sack aufmachte
und anstatt des Bibers einen toten Leichnam darin fand. Man band meinem Großvater
gleich die Hände auf den Rücken, schlug die Füße in Klötze, warf ihn auf einen Wagen
und brachte ihn nach der Stadt Mirz, wo man ihn dem Kriminalrichter übergab. Er wur-
de in Ketten geschmiedet und in ein finsteres Gefängnis gebracht. Beim Verhöre bestand
mein Großvater auf seiner Unschuld, erzählte die Begebenheiten genau, wie sie vorge-
fallen, und forderte, wie billig, dass man auch den Biberfänger verhören sollte. Dieser
aber war nirgends zu finden und schon über alle Berge. Man ließ ihn überall suchen. Der
blutgierige Kriminalrichter aber, dem unterdessen die Zeit zu lang wurde, ließ meinen
Großvater dreimal nacheinander auf die Tortur bringen. Er blieb aber immer dabei, dass
er in Ansehung des toten Körpers unschuldig sei3.

Schließlich fand man den Biberfänger, der nach anfänglicher Leugnung die Aus-
sage Heymans bestätigte. Er fügte jedoch hinzu, dass er das von ihm aufgefundene
tote Kind dem Pfarrer zur Beerdigung habe übergeben wollen:
Der Pfarrer aber habe zu ihm gesagt, mit dem Begraben hat es noch Zeit, Du weißt, dass
die Juden verstockt und daher in alle Ewigkeit verdammt sind. Sie haben unsern Herrn
Jesum Christum gekreuzigt, und noch bis jetzt suchen sie christlich Blut, wenn sie es
nur habhaft werden können, zu ihrem Osterfest, welches zum Zeichen dieses Triumphs
eingesetzt ist. Sie brauchen es zu ihrem Osterkuchen. Du wirst also ein verdienstliches
Werk tun, wenn du diesen toten Körper dem verdammten Juden von Pächter ins Haus
praktizieren kannst. Du musst dich freilich aus dem Staube machen, allein dein Gewer-
be kannst du überall treiben4.

Immerhin wurde Heyman daraufhin freigelassen und der Täter wurde ausge-
peitscht. Unbehelligt aber blieb der Geistliche.
Diese Geschichte, die sich wohl um die Mitte des 18. Jahrhunderts ereignet
hatte und in der Familientradition der Vorfahren Salomon Maimons weitergege-
ben worden war, wurde an die Spitze dieses Beitrags gestellt, um damit deutlich
machen zu können, dass noch in der beginnenden Aufklärungszeit die Ritual-
mordlegende in der Region Polen-Litauen durchaus lebendig war und auch von

3
Ibidem, S. 25 f.
4
Ibidem, S. 26.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 13
der Geistlichkeit weiterhin zur Drangsalierung der Juden eingesetzt wurde5. Als
Salomon Maimon seine Lebenserinnerungen publizierte, lebte er längst nicht
mehr in Litauen, sondern wandte sich an ein deutsches Publikum, dem er in auf-
geklärtem Geist über die christlich-jüdischen Beziehungen in Polen und Litauen
berichten wollte6. Er, der sich selbst vom traditionellen Judentum entfernt hat-
te, konnte dies tun, weil er seiner Leserschaft damit vor Augen halten wollte,
welchen Gefahren Juden ausgesetzt waren, wenn sie an ihrem Religionsgesetz
festhielten und damit zum Feindbild für die christliche Umwelt wurden. Maimon
beschrieb – nach dem Urteil Hillel Levines7 – die traditionale Gesellschaft des
östlichen Judentums, in der Heyman Josef lebte. In ihr wurden zwar profitable
Geschäfte mit den Juden getätigt; es herrschte dabei aber nicht wirklich ein unter-
nehmerischer Geist, der den jüdischen Geschäftspartnern Schutz geboten hätte.
Folgt man den klassischen Darstellungen des großen jüdischen Historiographen
Simon Dubnow, so war selbst die Blütezeit des polnisch-litauischen Judentums
eine Zeit wiederkehrender Verfolgungen und Drangsalierungen, die durch eine nur
selten unterbrochene, lang andauernde Folge von Vorwürfen des Ritualmordes und
des Hostienfrevels geprägt war8. Nach ihm war Polen schon in den dreißiger Jahren
des 17. Jahrhunderts, also noch vor der Katastrophe des Chmelniecki-Aufstands,
„von dem Blutaberglauben wie verseucht“9. Für die Mitte des 18. Jahrhunderts
sprach er sogar von einem Triumph der Blutlüge10. Es scheint fast so, als habe er
sich ein jüdisches Trauergebet zu eigen gemacht, das er als eine zeitgenössische
Kommentierung der Blutlegenden interpretierte:
Wie lange noch wirst du Gott dich in Schweigen hüllen und mit denen, die das unschul-
dige Blut der Gerechten vergießen, Nachsicht üben? Hallen doch Städte und Fluren
von dem Schrei des Herzblutes wider, das unsere gemarterten und zerfleischten Brüder
haben hergeben müssen [...]11.

5
J.  Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen und –prozesse in Polen-Litauen vom 16. bis 18.
Jahrhundert, in: Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, hrsg. von S. Butta-
roni, S. Musiał, Wien–Köln–Weimar 2003, S. 214–232.
6
S. dazu O. Winkler, Nachwort, in: Salomon Maimons Lebensgeschichte, S. 197 ff.
7
So das Urteil von: H. Levine, Economic Origins of Antisemitism. Poland and Its Jews in the
Early Modern Period, New Haven–London 1991, S. 8.
8
S.  Dubnow, Die Geschichte des jüdischen Volkes in der Neuzeit: Das XVI. und die erste
Hälfte des XVII. Jahrhunderts (= Ders., Weltgeschichte des jüdischen Volkes, von seinen Ur-
anfängen bis zur Gegenwart: Die Neuzeit, Bd. VI), Berlin 1927, S. 305 ff., 318 ff., 322 f.;
idem, Die Geschichte des jüdischen Volkes in der Neuzeit: Die zweite Hälfte des XII. und das
XVIII. Jahrhundert (= idem, Weltgeschichte des jüdischen Volkes. Von seinen Uranfängen bis
zur Gegenwart: Die Neuzeit, Bd. VII), Berlin 1928, S. 120 ff., 140 ff. und öfters.
9
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 329.
10
S. Dubnow, Weltgeschichte VII, S. 140 (so die Kapitalüberschrift).
11
Ibidem, S. 150.
14 J. Friedrich Battenberg

Obwohl nun die vielfältigen Vorkommnisse der Blutbeschuldigung und der da-
raus folgenden Verfolgung und Ermordung zahlreicher davon betroffener Juden
nicht bagatellisiert werden können, so sollten wir als Historiker doch vor diesem
Faktum nicht stehen bleiben. Die fortdauernde Erinnerung daran bleibt auch eine
Aufgabe der Geschichtswissenschaft; doch muss sie dazu den Ursachen nachge-
hen, Zusammenhänge erkennen und die in den Quellen ermittelten Vorgänge vor
dem Hintergrund der jüdischen und christlichen Lebenswelt deuten. Dies umso
mehr, als – nach den Worten von Marie-France Rouart12 – wir es hier mit einer
wiederkehrenden kollektiven Wahnvorstellung zu tun haben, der geradezu archety-
pischer Charakter zukommt.
Für das Großreich Polen-Litauen, das vor allem Gegenstand dieses Beitrags sein
soll, gilt zudem, dass sich zwar seit der Frühen Neuzeit eine eigenständige Ent-
wicklung angebahnt hatte; das Vorbild und die Impulse aus West- und Mitteleuro-
pa, vor allem aus dem Bereich des Heiligen Römischen Reiches, wirkten dennoch
weiter und blieb auch für manche Handlungszusammenhänge legitimierend, wenn
nicht gar ursächlich.
Im Folgenden soll unterschieden werden zwischen der Zeit vor dem Chmelnie-
cki-Aufstand Mitte des 17. Jahrhunderts, mit dem die Blütezeit der polnisch-litaui-
schen Judenheit, ihr „Goldenes Zeitalter“13, weitestgehend zu Ende ging14, und der
Zeit das späten 17. und des 18. Jahrhunderts, in der die ursprünglich starke Zen-
tralgewalt des Königs von regionalen Hegemonialgewalten des Hochadels abge-
löst wurde. Der erstgenannten Zeitspanne entspricht im christlichen Mitteleuropa
die Epoche der Konfessionalisierung, in der sich die beiden großen Konfessionen
verfestigten und gegeneinander abgrenzten. Es war dies aber auch die Epoche der
ausgedehnten Hexenverfolgungen, der Angst vor unbestimmbaren, dem Teufel und
seinen Helfern zugeschriebenen Naturkatastrophen15.
Für die jüdischen Gemeinden waren damit einerseits neue Chancen verbunden,
da sie nicht mehr einer einheitlichen christlichen Obrigkeit gegenüber standen,

12
M.-F. Rouart, Scheinbares Argumentarium, archetypische Realität: Die Ritualmordbeschul-
digungen im Abendland, in: Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, S. 21–40,
insb. S. 22 f.
13
Strauss datiert die „Goldene Epoche“ auf die Jahre 1580 bis 1648: H. A. Strauss, Juden und
Judenfeindschaft in der frühen Neuzeit, in: Antisemitismus.  Von der Judenfeindschaft zum
Holocaust, hrsg. von H. A.  Strauss, N. Kampe, Frankfurt–New York 1985, S.  66–87, hier
S. 75.
14
F.  Battenberg, Das Europäische Zeitalter der Juden. Zur Entwicklung einer Minderheit in
der nichtjüdischen Umwelt Europas I: Von den Anfängen bis 1650, 2. Aufl., Darmstadt 2000,
S. 219–233.
15
Aus der umfangreichen Literatur dazu sei hingewiesen auf: H. Pohl, Zauberglaube und He-
xenangst im Kurfürstentum Mainz. Ein Beitrag zur Hexenfrage im 16. und beginnenden 17.
Jahrhundert, Stuttgart 1998, insb. S. 205 ff.; B. P. Levack, Hexenjagd. Die Geschichte der
Hexenverfolgungen in Europa, München 1995.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 15
sondern konkurrierenden Herrschaften; andererseits kündigten sich für sie neue
Gefahren an, da die Verfestigung der Konfessionen Juden noch mehr als bisher
ausschloss, ja sogar zum Gegenbild der jeweiligen Konfession stilisierte.
Die latente Gefährdung der jüdischen Gemeinschaft wurde seit der zweiten Hälf-
te des 17. Jahrhunderts noch wesentlich erhöht, als die katholische Geistlichkeit
als Exponentin der ecclesia triumphans zum geistigen Motor einer schwächelnden
weltlichen Obrigkeit wurde. Anhand der Juden, die als Pächter und Schankwirte
mit Königtum und Hochadel fest verbunden waren, konnte nun immer wieder aufs
Neue die angebliche Überlegenheit der Kirche demonstriert werden. Die wesentlich
auf wirtschaftlichen Ursachen basierende antijüdische Stimmung der bäuerlichen
Bevölkerung ließ sich insoweit hervorragend instrumentalisieren. Die Vorwürfe des
Ritualmordes und des Hostienfrevels, die in Mitteleuropa längst der Vergangenheit
angehörten16 und von Kaiser Karl V. 1544 in einem umfassenden Privilegienbrief
für die Judenheit im Heiligen Römischen Reich verboten wurden17, erlebten jetzt
in der agrarischen Gesellschaft Polens eine Renaissance, die mindestens bis zum
Ende des Ancien Régime anhielt. Auffallend ist, dass anders als in Mittel- und
Westeuropa gerade in dieser Zeit in Ostmitteleuropa die Intensität der Hexenjagden
erheblich zunahm. Mehr als die Hälfte aller quellenmäßig bezeugten Hinrichtungen
fanden hier in den Jahren zwischen 1676 und 1725 statt18. War dies ein Zufall, oder
setzte in Polen aufgrund seiner agrarischen Strukturen das magische Denken erst
jetzt richtig ein? – magische Vorstellungswelten in dem Sinne nämlich, dass be-
stimmte rituelle Handlungen Wirkungen in der natürlichen Welt zeitigten, dass die
nichtmaterielle Welt innerhalb der profanen und materiellen Welt präsent sei und
durch sie erfahren werden könne19.
Auch darüber hinaus blieb unterschwellig die Vorstellung in der Landbevölke-
rung über magische Rituale der Juden zur Beschaffung. christlichen Blutes noch
lange lebendig. Erinnert sei nur an das Pogrom vom 4. Juli 1946 in Kielce, dem
nach einem Ritualmordvorwurf am Ende 42 Juden zum Opfer fielen20.

16
Allerdings lebten auch hier Ritualmordphantasien fort und konnten auch hier zu gewaltsamen
Ausbrüchen gegen die Juden führen, S. S. Rohrbacher, Ritualmord-Beschuldigungen am Nie-
derrhein. Christlicher Aberglaube und antijüdische Agitation im 19. Jahrhundert, „Menora.
Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte“ Jg. 1990, S. 299–326, hier insb. S. 300 f.
17
J.  F.  Battenberg, Die Ritualmordprozesse gegen Juden in Spätmittelalter und Frühneu-
zeit. Verfahren und Rechtsschutz, in: Die Legende vom Ritualmord. Zur Geschichte der Blut-
beschuldigung gegen Juden, hrsg. von R. Erb, Berlin 1993, S. 95–132, hier: S. 95 f.
18
B. P. Levack, Hexenjagd, S. 202; unter Verweis auf: B. Baranowski, Procesy czarownic w
Polsce w XVII i XVIII wieku, Łódź 1952, S. 179; so auch Levine, Economic Origins, S. 184 f.,
Anm. 121.
19
R. W. Scribner, Elemente des Volksglaubens, in: Ders., Religion und Kultur in Deutschland
1400–1800, hrsg. von L. Roper, Göttingen 2002, S. 66–99, hier: S. 71.
20
Dazu: J. Niewiadomski, Judenfeindschaft ohne Juden. Antisemitismus in Polen, in: Antisemi-
tismus. Erscheinungsformen der Judenfeindschaft gestern und heute, hrsg. von G. B. Ginzel,
16 J. Friedrich Battenberg

II. Zunächst soll es hier um die erste Phase der Judenfeindschaft in Ostmitteleu-


ropa bis zum Dreißigjährigen Krieg gehen. Es war dies eine Epoche der Expansion
jüdischer Gemeinden nach den großen Auswanderungsbewegungen nach den Aus-
weisungen von Juden aus den Reichsstädten und ganzen Regionen im Bereich des
Heiligen Römischen Reiches21. In diesen nahezu zweihundert Jahren stand Polen
zu einem guten Teil für verfolgte Juden West- und Mitteleuropas offen22, auch wenn
es damals schon – worauf Jacek Wijaczka aufmerksam gemacht hat – regionale
Verfolgungen und Vertreibungen in diesem Land gab23.
Trotz der raschen Ausbreitung reformatorischen Gedankenguts in Polen in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, namentlich unter dem toleranten Jagiellonen
König Sigismund II. August, wurde die Stellung der katholischen Kirche nicht
ernsthaft erschüttert24. Doch gerade das Gefühl einer beständigen Gefährdung des
wahren Glaubens führte dazu, Adel und Kirchenvolk so gut wie möglich der Füh-
rung einer nach dem Tridentinischen Konzil selbstbewusst gewordenen Geistlich-
keit zu unterwerfen. Die agitatorische Einsetzung von Ordensgemeinschaften wie
der der Jesuiten und Dominikaner schien dazu ein geeignetes Mittel zu sein, um
auf lange Sicht verlorenes Terrain wieder zu gewinnen. Vor allem in denjenigen
Städten, die kirchlicher Herrschaft unterstanden, wurden Juden seither kaum noch
geduldet25. Dabei spielte es keine Rolle, dass noch 1531 und 1532 König Sigis-
mund I. in verschiedenen Privilegien ausdrücklich die Erhebung von Ritualmord-
vorwürfen gegenüber Juden in Polen und Litauen verbot26.
Sichtbar wurde dies erstmals in einem Abschied des Petrikauer Sejms von 1538,
in dem die Geistlichkeit zusammen mit dem Adel und dem Bürgertum auf der Ba-
sis des kanonischen Kirchenrechts jede Gebotsgewalt von Juden über Christen
verbot. Es sei nämlich „dem göttlichen Recht zuwider, dass man dieser Art Leute
irgendwelche Ehren erweise und sie zur Ausübung öffentlicher Ämter in der Mit-
te der Christen zulasse“27. Auch wurden unterscheidende Kennzeichen für Juden
wieder eingeführt, „da – wie es im Abschied hieß – die Juden in Missachtung der

Köln 1991, S. 220–233, hier: S. 220–222.


21
Hierzu: M. J. Wenninger, Man bedarf keiner Juden mehr. Ursachen und Hintergründe ihrer
Vertreibung aus den deutschen Reichsstädten im 15. Jahrhundert, Wien–Köln–Graz 1981,
insb. S. 247 ff.
22
So J. Delumeau, Angst im Abendland. Die Geschichte kollektiver Ängste im Europa des 14.
bis 18. Jahrhundert, Bd. 2, Reinbek bei Hamburg 1985, S. 416 f.
23
J. Wijaczka, Die Einwanderung der Juden und antijüdische Exzesse in Polen im späten Mit-
telalter, in: Judenvertreibungen in Mittelalter und früher Neuzeit, Hannover 1999 (= For-
schungen zur Geschichte der Juden), hrsg. von F.  Burgard, A.  Haverkamp, G.  Mentgen,
S. 241–256, hier insb. zusammenfassend S. 256.
24
G. Rhode, Geschichte Polens. Ein Überblick, Darmstadt 1966, S. 207–210, hier insb. S. 210.
25
H. Haumann, Geschichte der Ostjuden, 6. Aufl., München 2008, S. 26.
26
J. Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 218.
27
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 296 f.; F. Battenberg, Das Europäische Zeitalter, S. 220 f.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 17
von alters her bestehenden Bestimmung die sie von den Christen unterscheidenden
Abzeichen abgelegt haben und sich ganz nach christlicher Art kleiden“28. Doch
bleibt unklar, inwieweit diese Bestimmungen umgesetzt und befolgt wurden. In
den Krongebieten des Königs jedenfalls wurden sie nicht anerkannt.
Hinzu kommt, dass die Juden Polens und Litauens in dieser Zeit noch in dem
Papst einen Beschützer hatten. Dies macht ein kurz nach dem Petrikauer Sejm von
Paul III. erlassener Privilegienbrief für die Juden aus Ungarn, Böhmen und Polen
deutlich, in dem unter Bezugnahme auf ein von Papst Martin V. erlassenes Aus-
schreiben die Geistlichkeit unter Hinweis auf die verbotenen Ritualmordvorwürfe
(quod parvulos infantes occidant, ut eorum sanguinem bibant) zum Schutz der ih-
nen unterstellten Juden aufgefordert wurde, weil diese nämlich zum Zeugnis des
christlichen Glaubens geduldet werden müssten29.
Dessen ungeachtet forderte eine 1542 nach Petrikau einberufene Synode in Re-
aktion auf die Einwanderung von Juden aus West- und Mitteleuropa die weite-
re Verschärfung der gegen die Juden gerichteten. Gesetzgebung30. Das Verbot der
Einstellung christlicher Dienstboten und die Erneuerung des Gebots zur Tragung
unterscheidender Kennzeichen gehörten zum gängigen kirchenrechtlichen Nor-
meninstrumentarium des Mittelalters. Neu war die von der Geistlichkeit geforder-
te Beschränkung mit dem damit verbundenen Verbot zum Synagogenneubau, mit
freilich alter Argumentation:
Weil – so heißt es hier – die Kirche die Juden nur zu dem Zwecke duldet, damit sie uns
durch ihre Gegenwart an den Martertod unseres Heilands gemahnen, darf ihre Zahl kei-
neswegs zunehmen, weshalb sie denn auch den Heiligen Canones gemäß lediglich alte
Synagogen reparieren, nicht aber neue errichten dürfen31.

Dass dieses Denken über die ganzen folgenden hundert Jahre anhielt, ergibt sich
aus einer 1641 anonym in Krakau erschienenen Streitschrift unter dem Titel De
stupendis erroribus Judaeorum, mit der vor allem die Beschränkung des den Juden
erlaubten Wohnrechts und die Zerstörung ihrer Synagogen gefordert wurde32.

28
Nachweise wie die vorhergehende Anm.
29
Privileg vom 12. Mai 1540, abgedruckt bei: S.  Simonsohn, The Apostolic See and the
Jews. Documents: 1539–1545, Toronto 1990, S. 2174–2176, Nr. 1973. Dazu auch: J. Wijacz-
ka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 218 f.; J. van Banning SJ, Der Vatikan und der Ritual-
mord, in: Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, S. 61–84, hier: S. 79 f.
30
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 299 f.; F. Battenberg, Das Europäische Zeitalter, S. 221 f.
31
Zu diesem Synodalbeschluss S. H. Schreckenberg, Die christlichen Adversus-Judaeos-Texte
und ihr literarisches und historisches Umfeld (13.–20. Jh.), Frankfurt a. M. u.a. 1994, S. 615 f.
Schreckenberg hebt hervor, dass die kanonische Duldungsvorschrift zur Begrenzung der An-
zahl der Juden „umfunktioniert“ worden sei.
32
S. Krauss, The Jewish-Christian Controversy from the Earliest Times to 1789, vol. 1: History,
ed. and revised by W. Horbury, 2. Aufl., Tübingen 2007, S. 125.
18 J. Friedrich Battenberg

Dass ungeachtet päpstlicher und königlicher Verbote Prozesse wegen angebli-


chen Ritualmorden und Hostienfreveln weitergingen, erstaunt vor dem Hintergrund
der aufgeheizten konfessionellen Stimmung kaum. Schon 1547 wurden z. B. zwei
in Rawa in Masowien wohnende Juden namens Moses und Abraham der Entfüh-
rung des Sohnes des örtlichen Schneiders angeklagt, mit dem weiteren Vorwurf, die-
sen zwecks Blutentnahme ans Kreuz geschlagen zu haben33. Wegen vermeintlichen
Hostienfrevels wurden 1556 der Jude Benjasch, dessen christliche Dienstmagd und
weitere drei Juden in Sochaczew festgenommen, da man der Dienstmagd die Ent-
wendung einer Hostie aus der dortigen Dorfkirche vorwarf, während die Juden diese
solange bearbeitet hätten, bis sie zu bluten angefangen habe34. Zwar nahm König
Sigismund II. diesen und andere vergleichbare Vorfälle 1557 zum Anlass, alle gegen
Juden erhobenen Anklagen wegen Ritualmordes oder Hostienfrevels an den Sejm zu
ziehen, wo darüber nur in Gegenwart des Königs und Mitglieder des Hofes verhan-
delt werden solle35. Doch ob dem Folge geleistet wurde, scheint zweifelhaft.
Auf die Referierung weiterer Beispiele aus dieser Zeit soll hier verzichtet wer-
den, da sie immer wieder nach dem gleichen Schema abliefen. Die Blut-Ideologie
scheint gegen Ende des 16. Jahrhunderts im Zuge der jesuitischen Gegenreformati-
on in Polen rasche Verbreitung und auch am Königshof Widerhall gefunden zu ha-
ben. Die Geistlichkeit griff dabei auf den zweihundert Jahre früher stattgefundenen
Trienter Prozess um den angeblichen Ritualmord an dem jungen Simon von Trient
zurück36. Zu nennen ist hier vor allem der einflussreiche Jesuitenpater Piotr Skarga,
der nach seinen Studien in Italien hauptsächlich an der Jesuitenschule in Krakau
lehrte und es 1588 zum Hofprediger und Kommissar König Sigismunds III. Vasa
brachte37. In unserem Zusammenhang interessiert sein 1579 publiziertes populäres
Buch über das Leben der Heiligen (Żywoty Świętych), in dem es zentral um das
angebliche Martyrium des Simon Tridentinus geht. Seinen Lesern empfiehlt er, sich
nunmehr nach weiteren solchen Märtyrern umzusehen – eine deutliche Aufforde-
rung zur Inszenierung von Ritualmordprozessen. Als königlicher Kommissar hat er
selbst dafür gesorgt, dass in Pułtusk einige Juden nach Folterung eines angeblichen
Hostienfrevels überführt wurden38.

33
J. Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 218.
34
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 305 f.
35
Ibidem, S. 306.
36
Hierzu: R. Po-chia Hsia, Trent 1475. A Ritual Murder Trial, New Haven–London 1992 (in
deutscher Übersetzung: Trient 1475. Geschichte eines Ritualmordprozesses, Frankfurt am
Main 1997); W. Treue, Der Trienter Judenprozeß. Voraussetzungen – Abläufe – Auswirkun-
gen (1475–1588), Hannover 1996. Zur Frage des mittelalterlichen Ritualmordes allgemein:
R. Po-chia Hsia, The Myth of Ritual Murder. Jews and Magic in Reformation Germany, New
Haven–London 1988.
37
Vgl. Art. „Skarga, Piotr“, in: Wikipedia.
38
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 319.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 19
Einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung hatte auch eine knapp zwan-
zig Jahre später publizierte Schrift des Jesuitenpaters Przecław Mojecki. Unter dem
Titel Grausamkeit, Mordtaten und Aberglaube der Juden präsentierte er der pol-
nisch-litauischen Leserschaft eine Zusammenstellung aller ihm bekannt geworde-
nen Ritualmord- und Hostienschändungsfälle aus Mittel- und Westeuropa, denen er
auch die neueren polnischen Prozesse zuordnet39. Dass er hinter allen angeblichen
Ritualmorden geheime Zaubereipraktiken der Juden sehen will, hat vielleicht damit
zu tun, dass er die Hexenverfolgungen seiner Zeit im Auge hatte, die er auch mit
den Juden in Verbindung brachte. Dies lag auch nahe, da die den Hexen vorgewor-
fenen rituellen Handlungen zur Vergegenwärtigung des Dämonischen – repräsen-
tiert durch den sog. „Hexensabbat“ und durch eine satanische Verschwörung – in
gleicher Weise mit den Juden in Verbindung gebracht wurden40. Das „pathologi-
sche Modell“ der Hostienschändungs- und Ritualmordvorwürfe übte gerade des-
halb eine so große Anziehungskraft auf den katholischen Klerus aus, weil es das
selbstgefällige Gefühl der Überlegenheit gegenüber den Juden ermöglichte. Es ver-
half dazu, das Heilige vom Profanen, wenn nicht gar Dämonischen zu trennen, und
unter Beweis zu stellen, dass der Teufel eine aktive Kraft repräsentierte – der sich
der Magie und Zauberei bediente um damit in die irdische Welt einzugreifen41.
Dass Blutbeschuldigungen gegen Juden auch vorgebracht wurden, um diese als
wirtschaftliche Konkurrenten loszuwerden, lässt sich sehr gut anhand eines im Jah-
re 1604 gegen den Juden Jakob aus Bochnia bei Krakau vorgebrachten Vorwurfs
des Hostienfrevels ersehen. Als die jüdische Gemeinde dieser Stadt sich weigerte,
den Beschuldigten Jakob auszuliefern, ließ König Sigismund III. die Juden dieser
Stadt ausweisen. Gleichzeitig erteilte er mit einer im Folgejahr ausgefertigten Ur-
kunde der christlichen Bürgerschaft ein privilegium de non tolerandis iudaeis42.
Auf diese Weise konnten sich die Bürger der städtischen Salzbergwerke bemächti-
gen, die bisher meist von Juden gepachtet waren, die auch den Salzhandel weitge-
hend in ihrer Hand hatten.
Insgesamt ist für das späte 16. und das frühe 17. Jahrhundert festzuhalten, dass
die gegen die Juden geäußerten Vorwürfe des Ritualmordes und des Hostienfrevels
von den Jesuiten und der Geistlichkeit in Polen und Litauen bewusst zur Stabilisie-
rung und Reorganisation der kirchlichen Machtpositionen eingesetzt wurden. Mit der

39
Der polnische Titel des 1598 erschienenen Buches lautet „Żydowskie okrucieństwa“; s. dazu
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 321 f.
40
J. Richards, Sex, Dissidence and Damnation. Minority groups in the Middle Ages, London–
New York 1990, S. 74 ff., 88 ff.
41
So die Argumentation von R. W. Scribner, Hexerei und Gerichtspraxis in der Reformations-
zeit, in: Ders., Religion und Kultur, S. 290–302, hier: S. 302, hinsichtlich des gleichzeitigen
Hexenwahns.  Die dort feststellbare Vorstellungswelt kann ohne weiteres auf die magische
Welt des Blutaberglaubens im Hinblick auf die Juden übertragen werden.
42
S. Dubnow, Weltgeschichte VI, S. 322 f.
20 J. Friedrich Battenberg

Schaffung neuer Märtyrer konnten Blutideologien sichtbar im Volk verankert werden.


Und dort, wo man die Juden als wirtschaftliche Konkurrenten im Blick hatte, konnten
Blutbeschuldigungen zur Ausschaltung unliebsamer Konkurrenz instrumentalisiert
werden. Wirtschaftliche Motive spielten zwar bisweilen eine Rolle, hatten aber bei
Weitem noch nicht den Stellenwert, der ihnen später zukommen sollte.
Schon vor der Katastrophe von 1648 – in der sich letztlich eine verbreitete Stim-
mung gegen die Juden in gewaltsamen Ausbrüchen kondensierte – war damit der
Grund für eine lang andauernde Judenfeindschaft in der christlichen Bevölkerung
gelegt.

III. Man sollte nun meinen, dass im späten 17. und erst recht im 18. Jahrhundert,
als sich die machtpolitische Stellung der katholischen Kirche stabilisiert hatte, auch
die von den Blutlegenden gespeiste Judenfeindschaft rasch an Bedeutung verlor.
Folgt man jedoch der Einschätzung Simon Dubnows über die Fortdauer der gegen
die Juden vorgebrachten Beschuldigungen wegen Ritualmordes und Hostienfre-
vels, so wurde „in Polen im Morgengrauen des ‚Jahrhunderts der Vernunft‘ die
Saat dunkelsten Aberglaubens und blinden Menschenhasses ausgestreut“43. Ob nun
magische Vorstellungswelten in Ostmitteleuropa ein stärkeres Gewicht hatten als
in Mittel- und Westeuropa, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist aber, dass sich
die Inhaber vor allem geistlicher Herrschaft die verbreitete Welt der Magie zunutze
machten, ähnlich wie dies im Heiligen Römischen Reich lange Zeit im Hinblick auf
das angebliche Hexenunwesen geschah.
Ablesbar ist dies etwa in den judenfeindlichen Werken des um die Wende zum
18. Jahrhundert agierenden Stefan Żuchowski, Doktor beider Rechte, Erzdiakon
und geistlicher Offizial zu Sandomierz. Sein erstmals im Jahre 1700 publiziertes
und 1713 in einer neuen Version veröffentlichtes Buch unter dem Titel Strafprozes-
se gegen Juden aufgrund verschiedener Ausschreitungen, darunter Kindesmord44
geht vor allem auf einen 1698 in Sandomierz Ritualmordprozesse ein.
Folgendes war passiert45. Kurz vor dem Pessachfest wurde in der Totenkapelle
dieser Stadt die Leiche eines Kindes aufgefunden, das als Tochter der christlichen
Dienstmagd Katharina identifiziert werden konnte, die zum Hausgesinde des jüdi-
schen Gemeindeältesten Alexander Berek gehörte. Die Mutter, die der Tötung ihres
Kindes beschuldigt wurde, gab an, das Kind sei eines natürlichen Todes gestorben
und nur deshalb in die Kapelle gebracht worden, weil sie die Kosten der Beerdigung
nicht tragen konnte. Nachdem Katharina sich im städtischen Gericht vom Tötungs-

43
S. Dubnow, Weltgeschichte VII, S. 127.
44
J. Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 220. Dort wird der ausführliche polnische Titel
wiedergegeben.
45
Darstellung nach S. Dubnow, Weltgeschichte VII, S. 120 ff.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 21
vorwurf durch Reinigungseid befreien konnte, wurde sie nach einigen Tagen Ker-
kerhaft wieder entlassen. Der Offizial Stefan Żuchowski veranlasste jedoch jetzt
den Bischof von Krakau, dem Urteilsspruch zu widersprechen und das Stadtgericht
anzuweisen, in einem neuen Inquisitionsverfahren der Sache intensiver wegen des
Verdachts eines Ritualmordes nachzugehen. Unter Folter bekannte nun Katharina,
sie habe die Leiche des Kindes dem Judenältesten Alexander Berek übergeben und
von ihm verstümmelt zurück erhalten. Obwohl sie später ihr erpresstes Geständnis
widerrief und auch Berek die ihm zur Last gelegte Tat empört zurückwies, gab
sich das Gericht damit nicht zufrieden. Als man auf Anweisung des Stadtgerichts
die Kindesleiche zum Rathaus brachte und Berek zeigte, begann eine der Wunden
plötzlich zu bluten. Der Verdacht bestand, dass Żuchowski, der das Verfahren in
diese Richtung vorangetrieben hatte, mit eigener Hand nachgeholfen hatte.
Der Fall wurde nun, da es nun um die Vorwürfe gegen einen Juden ging, an
das Wojwodschaftsgericht abgegeben. Der Krakauer Bischof griff nun ein weiteres
Mal ein und verlangte vom Gericht wörtlich, „sich für den heiligen Glauben ein-
zusetzen, das unschuldige Blut zu rächen“ und die Kirche gegen die „zahlreichen
Beschützer des heimtückischen Stammes [der Juden]“ in Schutz zu nehmen. Doch
weder vor dem Wojwodschaftsgericht noch vor dem Obertribunal in Lublin, an
das am Ende das Verfahren verwiesen wurde, konnte Berek zu einem Geständnis
gezwungen werden. Dennoch wurde er mit der Begründung, er habe sich vor der Fol-
ter durch eine Zaubersalbe geschützt und stehe damit mit dem Teufel in Verbindung,
zum Tode verurteilt. Zwar erreichten die jüdischen Gemeindeältesten bei König Au-
gust II., dass dieser einen Aufschub der Hinrichtung bis zu seiner Ankunft verlangte.
Doch selbst dieser Befehl wurde auf Betreiben der Geistlichkeit vom Lubliner Ge-
richt missachtet, so dass Berek enthauptet und anschließend gevierteilt wurde.
Auf den Offizial Stefan Żuchowski geht es auch zurück, dass in den Jahren 1710
bis 1713 neue Ritualmordprozesse gegen die Juden von Sandomierz geführt wur-
den, die mit der Verurteilung und Hinrichtung der Beschuldigten endeten und die
Ausweisung aller überlebenden Juden aus der Stadt durch ein königliches Reskript
zur Folge hatten46. Żuchowski seinerseits wurde auf einer Synode der Krakauer
Diözese zum Kommissar in jüdischen Angelegenheiten ernannt, mit der Aufgabe
u. a., Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden aufzuklären47.
Dieser Fall einer Ritualmordbeschuldigung wurde vor allem deswegen so aus-
führlich wiedergegeben, weil damit deutlich gemacht werden kann, dass der ka-
tholische Klerus auch jetzt noch die Blutbeschuldigung dazu nutzte, die Juden zu
Feinden des christlichen Glaubens und zu Gegnern der Kirche zu erklären. Die
Wahrheit der katholischen Lehre sollte durch das magische und zugleich symbo-
lische Handeln der Juden erwiesen werden. Das Leiden Christi, dessen die Juden

J. Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 221.


46

Ibidem, S. 220 f.
47
22 J. Friedrich Battenberg

beschuldigt wurden, wurde perpetuiert, indem die Juden ihren Anteil daran durch
wiederkehrende und ihnen zugeschriebene Bluttaten wie Hostienfrevel und Ritu-
almorde immer wieder neu unter Beweis zu stellen hatten. Verwiesen wurde dabei
von Stefan Żuchowski wie von anderen immer wieder auf den angeblichen Märty-
rer Simon von Trient, dessen Schicksal zum Prototyp aller vermeintlichen Blutbe-
schuldigungen gegen Juden wurde48.
Die Agitationen nahmen im 18. Jahrhundert derart zu, dass sich 1763 auf Bit-
ten jüdischer Abgesandter in Rom sogar Papst Clemens XIII. und König August
III. von Polen gleichermaßen veranlasst sahen, Blutbeschuldigungen gegen Juden
generell zu verbieten49. Letzterer tat dies in Form einer Bestätigung der Privilegien
König Sigismunds, ersterer in Form eines Handschreibens an den am Hofe ein-
flussreichen leitenden königlichen Minister Heinrich Graf Brühl50. Interessant ist
die dort gewählte Formulierung, aus der kurz zitiert werden soll:
Seine Heiligkeit [Papst Clemens XIII.] möchte nämlich zur allgemeinen Kenntnis brin-
gen, dass der Heilige Stuhl alle Gründe zugunsten jener Ansicht in Erwägung gezogen
habe, der zufolge die Juden für die Zubereitung des Osterbrots Menschenblut benötigten,
weshalb man sie auch der Ermordung christlicher Kinder bezichtigt. Die Nachforschung
ergab indes, dass die Beweise [für diese Behauptung] nicht stichhaltig genug sind, um
das Vorurteil zu bestätigen und Veranlassung zu geben, die Juden solcher Verbrechen
weiterhin zu verdächtigen. Im Falle des Bekanntwerdens solcher Anschuldigungen gilt
es daher, sich bei der gerichtlichen Untersuchung nicht durch die erwähnten Gründe
leiten zu lassen, sondern sich an konkrete Beweisstücke zu halten, die unmittelbar den
vorliegenden Fall betreffen und das den Juden zur Last gelegte Verbrechen klarzustellen
vermögen51.

Offenkundig wurde hier das Verbrechen eines Ritualmord für theoretisch mög-
lich gehalten; es wurde lediglich eine strengere Beweisführung verlangt – vielleicht
in Erkenntnis dessen, dass ein stichhaltiger Beweis kaum zu führen sei. Doch hatte
auch dies keine nennenswerten Auswirkungen. Der eingangs zitierte Bericht Salo-
mon Maimons über die Schicksale seines Großvaters ist ein Beleg dafür.
Dass sich diese magische Form der Judenfeindschaft, die im Heiligen Römi-
schen Reich ihre Parallelen in den Hexenprozessen des 16. und 17. Jahrhunderts
hat, im Übrigen aber in Europa einzigartig dasteht, solange halten konnte, hat vor

48
S. Dubnow, Weltgeschichte VII, S. 121.
49
H. Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 65.
50
S. Dubnow, Weltgeschichte VII, S. 156 f. Vorausgegangen war ein aufgrund der jüdischen
Beschwerden in Rom verfasster Bericht des Franziskaners Lorenzo Ganganelli, des späteren
Papstes Clemens XIV., dazu: D. Tollet, Der Bericht von Lorenzo Ganganelli über den Ritual-
mord, in: Ritualmord. Legenden in der europäischen Geschichte, S. 233–246.
51
Zitat in deutscher Übersetzung der französisch-sprachigen Vorlage bei S. Dubnow, Weltge-
schichte VII, S. 156 f.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 23
allem mit den Lebensverhältnissen und dem Alltag der Juden in Ostmitteleuropa
zu tun. Obwohl die Juden Polens und Litauens überwiegend im abgeschlossenen
Schtetl lebten52, gab es vielfältige Beziehungen zur christlichen Bevölkerung. Auf
dem Land standen die jüdischen Pächter und Verwalter adeligen Landbesitzes per-
sönlich, mehr noch durch ihre Beauftragten in dörflichem Handel und Gewerbe, in
ständigen wirtschaftlichen Kontakten zu der ländlichen Bevölkerung. Vergleichbar
waren sie mit den mitteleuropäischen Hofjuden53, auch wenn sie mit diesen ansons-
ten nur wenig Gemeinsames aufwiesen54.
Für die christliche Landbevölkerung waren die Juden vor allem als kleine Hau-
sierer und Händler, daneben als Schankwirte präsent. Die jüdischen Hausierer boten
nicht nur ihre Waren feil, sondern sie wickelten auch Geschäfte ihrer Kunden in den
Städten ab, berichteten vom dortigen Leben oder von neuen Errungenschaften in
der Landwirtschaft und im Haushalt. Sie wurden so zu Kulturvermittlern zwischen
Stadt und Land55. Die typischsten Vertreter dieser Vermittlungsdienste wurden die
vielen jüdischen Schankwirte, und man schätzt, dass im 18. Jahrhundert über ein
Viertel der jüdischen Bevölkerung diese oder vergleichbare Funktionen ausübte.
Nach dem Urteil Heiko Haumanns56 wird an den Schankwirten, die zu einem festen
Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses wurden57, die ambivalente Stellung der
Juden in der polnischen Gesellschaft deutlich: Sie waren einerseits ihren christlich-
bäuerlichen Gästen vertraut und vertrauenswürdig, erledigten für sie Aufträge bei
Behörden und in der Stadt, besprachen mit diesen deren familiäre Probleme. Die
jüdische Schenke wurde geradezu zu einem festen Bestandteil des bäuerlichen Le-
bens, in der ein Gutteil aller Geschäfte angebahnt und abgewickelt wurde58. Auf der
anderen Seite wurden sie misstrauisch beobachtet, weil sie im Auftrag jüdischer
Landpächter die agrarischen Produkte der Adelsgüter verkauften – vor allem dann,
wenn Zahlungen eines Adeligen an die Bauern von diesen nur in dessen Schenke
eingelöst werden konnten.
Viele Bauern sahen jetzt, noch weit mehr als früher, in den Juden Vertreter einer
fremden Welt, auch der für sie unsichtbaren Welt des grundbesitzenden Adels59, die

52
M. Zborowski, E. Herzog, Das Schtetl. Die untergegangene Welt der osteuropäischen Juden,
München 1991, insb. S. 326 ff.
53
So. Levine, Economic Origins, S. 136 f.
54
G. D. Hundert, Was There an East European Analogue to Court Jews?, in: The Jews in Po-
land, hrsg. von A. K. Paluch, Krakau 1992, S. 67–75, hier insb. S. 75.
55
H. Haumann, Polen und Litauen, in: (Hgg.), Handbuch zur Geschichte der Juden in Europa,
Bd. 1, hrsg. von E.-V. Kotowski, J. H. Schoeps, H. Wallenborn, Darmstadt 2001, S. 228–274,
hier: S. 239 f.; ebenso H. Levine, Economic Origins, S. 10.
56
H. Haumann, Polen und Litauen, S. 239.
57
I. Bartal, Geschichte der Juden im östlichen Europa 1772–1881, Göttingen 2010, S. 52.
58
H. Levine, Economic Origins, S. 143.
59
Ibidem, S. 10.
24 J. Friedrich Battenberg

vor allem in Zeiten sozialer und ökonomischer Umbrüche als bedrohlich empfun-
den wurde60. So war auch der Verdacht des Zinswuchers schnell bei der Hand. Und
waren die betroffenen Bauern erst einmal bei den Juden verschuldet, so mussten die
von der katholischen Geistlichkeit vorgebrachten Beschuldigungen bei ihnen auf
fruchtbaren Boden fallen. Der als Schankwirt tätige Großvater Salomon Maimons,
auf dessen Schicksal zu Beginn dieses Beitrags aufmerksam gemacht wurde, ist
nicht das einzige Opfer der katholischen Agitation.
Instruktiv zum Verständnis der Situation ist ein 1753 in Zitomir in der Ukraine
von der Geistlichkeit inszenierter Ritualmordprozess, über den in der älteren und
jüngeren Forschungsliteratur ausführlich berichtet wurde61. Es ging um Folgen-
des: Kurz vor dem Pessachfest wurde die Leiche eines dreijährigen Knaben, eines
Sohnes des Adeligen Studziński, aufgefunden. Der Bistumsadministrator Kajetan
Sołtyk zu Kiew, der davon erfuhr, veranlasste die Verstümmelung der Leiche und
ließ sie zu einem jüdischen Wirtshaus in der Nähe des Fundortes bringen. Mithilfe
der Folter wurden der Schankwirt und seine Angehörigen vor dem Konsistorialge-
richt gezwungen, die jüdischen Pächter als Täter eines Ritualmordes zu beschuldi-
gen. Vierzehn Tage später berichtete Sołtyk dem Erzbischof von Lemberg:
Ich habe hier [nämlich in Zitomir] im Gefängnis bereits 31 Juden und 2 Jüdinnen zu-
sammen, darunter die namhaftesten und wohlhabendsten Pächter dieser Gegend [...].
Seit gestern gebe ich mich mit der Vernehmung ab, nach deren Abschluss ich die Sache
an das hiesige Schlossgericht weiterleiten werde. Das Volk zeigt einen so großen Eifer,
dass es sogar bereit wäre, alle Juden niederzumetzeln. Zwei von den Angeklagten sind
denn auch übel zugerichtet worden, doch traf ich die Verfügung, sie sorgsamst zu pfle-
gen, da ich sie zur weiteren Klärung der Sache benötige62.

Gleichzeitig trug er Sorge dafür, dass die Leiche vor Verwesung geschützt und
als wertvolle Reliquie aufbewahrt wurde. Obwohl der jüdische Schankwirt später
sein erzwungenes Geständnis widerrief, wurden einige der festgenommenen Juden
vom Schlossgericht in Zitomir zum Tode verurteilt und auf grausame Weise hin-
gerichtet.
Es fällt auf, dass dieser Ritualmordprozess zwar von der Geistlichkeit inszeniert
und vor einem kirchlichen Gericht vorbereitet wurde, dass er sich aber gezielt ge-
gen jüdische Schankwirte und Gutspächter richtete – die sichtbaren Repräsentanten
einer unsichtbaren grundherrlichen Obrigkeit. Der Verdacht besteht, dass die nach
jahrzehntelanger Agitation jesuitischer und dominikanischer in der christlichen

60
H. Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 64.
61
S.  Dubnow, Weltgeschichte VII, S.  147–150; H.  Levine, Economic Origins, S.  183–185;
J. Wijaczka, Ritualmordbeschuldigungen, S. 221 f.
62
Das ursprünglich lateinische Zitat aus einem am 26. Mai 1753 formulierten Schreiben bei:
S.  Dubnow, Weltgeschichte VII, S.  147 f, paraphrasiert bei H.  Levine, Economic Origins,
S. 183 f.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 25
Landbevölkerung gefestigte Vorstellung schädlicher magischer Praktiken der Juden
nun zum Hebel dafür wurde, sich unliebsamer, mit der Herrschaft in Verbindung
gebrachten Konkurrenten zu entledigen. Hinzu kommt, was vor allem Hillel Le-
vine hervorgehoben hat63, dass aufgrund der starken Bevölkerungsvermehrung im
18. Jahrhundert und der in Polen-Litauen sich rapide verschlechternden wirtschaft-
lichen Situation in der Landwirtschaft es dazu kam, dass namentlich den Juden die
Schuld an der Misere zugeschoben wurde. Die anfängliche Blütezeit des Landes
unter König August III. war nicht ausreichend zu Reformen genutzt worden64, so
dass schließlich die drangsalierte ländliche Bevölkerung zur Selbsthilfe griff, auf
Kosten der Juden natürlich.
So verwundert es nicht, dass jede sich bietende Gelegenheit ergriffen wurde, die
als Nachbarn täglich kontaktierten Juden unter Hinweis auf ihre angebliche Schuld
am Tode Christi unter Druck zu setzen. Dass dies bei nachlassendem Schutz durch
die Gutsbesitzer auch Zwangsbekehrungen einschloss, beweist ein Tagebuchein-
trag eines adeligen Gutsbesitzers in Wolhynien aus dem Jahre 1774. Es sei daraus
der folgende Text zitiert:
Der [jüdische] Pächter Herschko ist mir 91 Taler schuldig geblieben, und ich sah mich
veranlasst, zur Zwangsbeitreibung zu schreiten. Einer Vertragsbestimmung zufolge
steht mir im Falle des Zahlungsversäumnisses das Recht zu, ihn mit Frau und Kindern
solange in Haft zu halten, bis seine Schuld beglichen sein würde. So befahl ich denn
gestern, ihn in Fesseln zu legen und in einen Schweinestall zu stecken, wohingegen ich
seiner Frau und den bachurim die erlaubte, im Wirtshaus zu bleiben. Nur den jüngsten
Sohn Leiser ließ ich auf den Gutshof bringen und gebot, ihn im Katechismus und in
unseren Gebeten zu unterweisen [...]. Zunächst war Leiser nicht bereit, sich zu bekreu-
zigen und unsere Gebeten auswendig zu lernen [...] Der Geistliche unserer Kirche, der
Franziskaner Bonifazius, musste sich im Schweiße seines Angesichts darum bemühen,
den Starrsinn des Kindes zu überwinden und es für unseren Glauben zu gewinnen65.

Auch hier taucht wieder die typische Verbindung zwischen dem adeligen Guts-
herrn, seinem jüdischen Pächter und dem von einem Juden betriebenen Wirtshaus
auf. Nur dass hier der bisherige Druck der bäuerlichen Bevölkerung durch eine
Lockerung der früher gepflegten symbiotischen Beziehung zum Grundadel ergänzt
wurde, die Juden also auch von dieser Seite aus bedroht wurden66. Gewinner war
aber auch hier die katholische Kirche, die damit die Früchte ihrer seit über 200
Jahren ausgeübten Agitation in Polen-Litauen ernten konnte.

63
H. Levine, Economic Origins, S. 184 f.
64
G. Rhode, Geschichte Polens, S. 302 ff.
65
Übersetzung des Textes (Tagebucheintrag zum 8. Januar) bei: S.  Dubnow, Geschichte des
Chassidismus in zwei Bänden, erster Band, aus dem Hebräischen übersetzt von A. Steinberg,
Berlin 1931 (ND Königstein 1982), S. 32 f.; danach auch: H. Haumann, Geschichte der Ost-
juden, S. 66 f. Vorliegend wurde der Text leicht verändert und gekürzt.
66
So H. Haumann, Geschichte der Ostjuden, S. 66.
26 J. Friedrich Battenberg

IV. Am Ende dieses Beitrags soll nochmals verschärft der Frage nach den mög-
lichen Besonderheiten der ostmitteleuropäischen Judenfeindschaft der Frühen
Neuzeit, wie sie sich vor allem im „Blutaberglauben“ manifestierte, nachgegangen
werden.
Es sind zwei Charakteristika, die gegenüber der Situation in Mittel- und West-
europa besonders herausstechen; auf diese soll hier nochmals kurz eingegangen
werden.
Hinzuweisen ist erstens auf die ungewöhnlich große Rolle, die die seit dem
späteren 16. Jahrhundert unter dem Einfluss namentlich der Jesuiten gegenrefor-
matorisch agierende katholische Kirche und viele ihrer geistlichen Repräsentanten
bei der Konzipierung und Umsetzung des Konzepts der Blutlüge spielte. Natürlich
soll nicht in Zweifel gezogen werden, dass aufgrund der fortbestehenden magisch-
rituellen Sinnkonzepte auch in der neuen lutherischen Kirche die seit dem Spät-
mittelalter in ihren Konturen deutlicher etablierte Blutlegende weite Verbreitung
fand67. Doch gab es unter den Protestanten – beginnend mit Andreas Osiander –
immer prominente Gegenstimmen, wie sie bei den Altgläubigen eher seltener anzu-
treffen waren68. Entscheidend waren diese Stimmen freilich nicht. Es konnte sogar
beobachtet werden, dass die Transsubstantiation der geweihten Hostie zwar abge-
lehnt wurde, man aber dennoch eine Hostienschändung durch Juden und die damit
verbundenen Wundererscheinungen für möglich hielt; diese Handlungen wurden
dem Wirken des Teufels zugeschrieben und sollten dazu dienen, die Juden von ih-
rem vermeintlichen Irrglauben abzubringen69. Ausschlaggebend war vielmehr die
gegenreformatorische Stoßrichtung, die „politische Benutzung der Wunder“70 und
Instrumentalisierung der Magie zur Stabilisierung politisch-geistlicher Machtpo-
sitionen. Betroffen waren in erster Linie die ostmitteleuropäischen Territorien. Es
galt in besonderer Weise – als allgemeines Mittel zur Bekämpfung der Häresie – für
das „Delikt“ des Hostienfrevels, das seit 1676 durch päpstliche Bullen in unge-
wöhnlicher Härte von der Kirche verfolgt wurde71.
Während es der alten Kirche hier bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem
um die Etablierung der durch reformatorische Bewegungen gefährdeten Einheits-

67
R. Po-chia Hsia, The Myth of Ritual Murder, S. 194.
68
H.  L.  Strack, Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit, München 1900,
S. 190 ff.; W. Treue, Der Trienter Judenprozeß, S. 437 ff.
69
W. Treue, Der Trienter Judenprozeß, S. 444.
70
So nach einer Formulierung von E.  Gothein, Reformation und Gegen-Reformation, Mün-
chen–Leipzig 1924, S. 72 ff.
71
R. Decker, Die Päpste und die Hexen. Aus den geheimen Akten der Inquisition, Darmstadt
2003, S. 149 ff. Zwar wurde schon 1559 durch Papst Paul IV. der Missbrauch konsekrierter
Hostien mit der Androhung der Todesstrafe sanktioniert; doch erst die am 22. Oktober 1676
durch den neugewählten Papst Innozenz XI. verkündete Bulle gegen den Hostienfrevel er-
reichte eine nachhaltige Wirkung, wie sich anhand von Fällen in Venedig nachweisen ließ.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 27
konfession ging, die man gegenüber der jüdischen Bevölkerung abzugrenzen ver-
suchte, war in der späteren Zeit eher der von der christlichen Bevölkerung bereit-
willig aufgegriffene magische Argumentationszusammenhang probates Mittel zum
Zweck, das für diese die Chance bot, Juden als Konkurrenten und Repräsentanten
einer ungeliebten adeligen Grundherrschaft zurückzudrängen. So verstanden, gab
es in Polen-Litauen in der Frühen Neuzeit tatsächlich eine gewisse Kontinuität des
Ritualmordvorwurfs, wie sie von William Nicholls allgemein behauptet wurde72.
Nur dass dieser in der ersten Phase der Entwicklung aus Mitteleuropa rezipiert und
als Agitationsmittel zur Stärkung der Kirche eingesetzt wurde, in der zweiten Phase
jedoch „nur“ noch als eines unter mehreren „Argumenten“ eingesetzt wurde, um
der vermeintlichen wirtschaftlichen Übermacht der Juden Herr zu werden. Die ei-
gentlichen Ursachen des nun erkennbar werdenden Judenhasses waren regelmäßig
ökonomischer Natur, während Ritualmord- und Hostienfrevelbeschuldigungen nur
noch unterstützend genutzt wurden73.
Zweitens fällt für Polen-Litauen die große Rolle magischer Vorstellungen auf,
die in der bäuerlichen Bevölkerung allem Anschein nach unausrottbar vorhanden
war. Da der Mythos des Gottesmordes durch die Juden immer neu bestätigt und
bewiesen werden musste74, blieb die mit den Juden in Verbindung gebrachte Blutle-
gende fester Bestandteil volkstümlicher Vorstellungswelten. Ritualmord und Hos-
tienfrevel wurden als gedankliche Konstruktc aus dem Heiligen Römischen Reich
importiert und vor allem durch die weit verbreitete Legende des Märtyrers Simon
von Trient als beweiskräftiges Zeugnis untermauert75. Beide „Delikte“ wurden auf
diese Weise zu festen und offenbar unausrottbaren Bestandteilen der antijüdischen
Agitation. Im Gegensatz zur mitteleuropäischen Entwicklung, wo es eine Paralle-
le zwischen Hexenverfolgung und magisch begründeter Verfolgung der Juden nur
im 16. und frühen 17. Jahrhundert gab, ist in Polen-Litauen diese Parallele auch
und vor allem im späten 17. und im 18. Jahrhundert zu beobachten. Die Konti-
nuität magischer Ideen, die sich im vormodernen Europa auch in der Theorie in
den Unterrichts-und Vorlesungsprogrammen der Universitäten, in magiologischen
Traktaten und Dissertationen niederschlug76, ist möglicherweise in Ostmitteleuropa
eine Folge der stärker agrarisch organisierten Gesellschaft. Auch hier – im Umgang
mit der Magie – kommt der konfessionellen Differenz zwischen der alten und neu-
en Kirche eine wichtige Rolle zu. Während im Protestantismus der Kampf gegen

72
W. Nicholls, Christian Antisemitism. A History of Hate, Northvale–New Jersey–London
1993, S. 238 f.
73
M. Horn, Die Juden in Polen bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, in: Polnische Juden, Ge-
schichte und Kultur, hrsg. von M. Fuks, Z. Hoffman, M. Horn, J. Tomaszewski, o. J. und
o. O. [ca. 2003], S. 9–20, hier: S. 18.
74
W. Nicholls, Christian Antisemitism, S. 259.
75
W. Treue, Der Trienter Judenprozeß, S. 437 ff.
76
Ch. Daxelmüller, Zauberpraktiken. Die Ideengeschichte der Magie, Düsseldorf 2001, S. 43.
28 J. Friedrich Battenberg

die Magie einen hohen Stellenwert hatte, versuchte die katholische Kirche, das
magische Denken umzuformen und in die eigene Religionspraxis zu integrieren77.
Es ist beobachtet worden, dass die katholische Geistlichkeit, namentlich die Mit-
glieder der großen religiösen Orden, sich sehr viel häufiger als der protestantische
Klerus an magischen Ritualen beteiligte und ihnen einen größeren Raum im Alltag
zuwies78.
Anders als im Heiligen Römischen Reich, in dem sich mit der juristischen
Etablierung der Landeshoheit und der institutionellen Verfestigung der Obrigkei-
ten79 tendenziell wirksamere Kontrollmechanismen zur Eindämmung von die öf-
fentliche Ordnung gefährdenden magischen Strukturen herausbildeten, fehlte im
Bereich von Polen-Litauen weitgehend eine solche staatliche Ordnung. Folglich
gas es auch keinen geeigneten Kontrollapparat zur Überwachung der von magi-
schen Vorstellungen besetzten Kultur der ländlichen Bevölkerung80. Dies gilt in
besonderer Weise für die Zeit nach dem ukrainischen Chmielnicki-Aufstand, als
die königliche Zentralgewalt erodierte und durch die Herrschaft des grundbesit-
zenden Hochadels verdrängt wurde. Auch die katholische Kirche konnte innerhalb
dieses Machtvakuums eine neue Rolle spielen – vor allem als Ordnungsmacht mit
hohem Einflusspotential über die christliche Bevölkerung traditionell hoheitliche
Funktionen übernehmen. Die Nähe der alten Kirche zur Magie, besonders auch die
zentrale Bedeutung des „Delikts“ des Hostienfrevels zur Bekämpfung häretischer
Bewegungen, hat dazu geführt, dass sie in Polen-Litauen ganz offensichtlich lange
Zeit wenig dagegen unternahm, um die Vorwürfe des Ritualmords und des Hosti-
enfrevels gegenüber den Juden zu unterbinden. Der Versuch Papst Clemens‘ XIII.
von 1763, Blutbeschuldigungen gegen Juden prozessual zu erschweren und auf
eine dem kanonischen Beweisrecht entsprechende Basis zu stellen, blieb halbher-
zig und auch in der Zeit der Aufklärung eher rückwärtsgewandt.
Natürlich gab es in Polen-Litauen der Frühneuzeit auch andere Formen des Pro-
to-Antisemitismus. Die christlich-katholischen und zugleich magischen Prägungen
der antijüdischen Diskriminierungen und Verfolgungen in Ostmitteleuropa waren
jedoch nach Ausweis der Quellen durchgehende und vorherrschende Kennzeichen,
durch die der dortige Antijudaismus gegenüber den mittel- und westeuropäischen
Formaten seine bis mindestens zur Aufklärungszeit besondere Prägung erhalten
hatte.

77
P. Herrsche, Muße und Verschwendung. Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeit-
alter, Bd. 2, Freiburg–Basel–Wien 2006, S. 873, 876 ff.
78
Ibidem, S. 876.
79
Hierzu D. Willoweit, Rechtsgrundlagen der Territorialgewalt, Köln–Wien 1975, insb. S. 286
ff.
80
R. Po-chia Hsia, The Myth of Ritual Murder, S. 158 f.
Ritualmord- und Hostienfrevelvorwürfe gegen Juden 29
Im Rahmen dieses Beitrags konnten die allgemein zugänglichen Quellen ei-
nen ersten Eindruck vermitteln81. Insofern bedürften die hier vorgetragenen Thesen
noch einer intensiveren Überprüfung. Die Unterschiede des polnisch-litauischen
Antijudaismus zur religiös motivierten Judenfeindschaft in Mitteleuropa dürften
aber deutlich geworden sein.

J. Friedrich Battenberg
Blood libel and host desecration accusations against Jews
in premodern Poland-Lithuania

S u mm a r y
The appearances of anti-Semitic and anti-Jewish emotions in middle-eastern Europe,
especially in Poland-Lithunia, had been very different from the outbreaks of anti-Semitic
riots and pursuits in middle Europe, especially in the territories of the Holy Roman Empire.
Here, the popular belief, that Jews had actually murdered Christian children (myth of ritual
murder) and that they desecrated the consecrated wafers as if that could murder the body
of Jesus over and over (host desecration) almost disappeared in the second half of the 16th
century – a time, that represented a turning point in the history of German Jews. In Poland-
Lithunia on the contrary the blood libel grew up in this time, and many false accusations and
mistrials were brought forward - often by the lower catholic clergy, sometimes even by the
upper clergy. The popular belief expended more and more, and the Jews seemed to be magi-
cians and child murderers – what became an archetype and a derogative ethnic slur, as to the
Jews as well as to the witches und heretics.  The Jews supposedly obtained the consecrated
host from the mass, with the assistance of a Christian who retained it from the administra-
tion of communion, took it to their synagogue or homes und subjected it to every indignity,
including trampling on it and sticking pins into it. Many tales and chronicles told about this
myth. It seems, that such accusation appeared until the middle of the 17th century, the end
of the Thirty-Years-War, only in isolated cases; but afterwards, since the Chmelniecky-riots
against the Jews the slanders increased and were instrumentalized by the leading catholic
classes and the rural population to marginalize and even eliminate an undesirable economic
concurrent and supposed suppressor. Meanwhile the Jews had become a preponderant class
in the Polish-Lithunian regions. The key institution fixing the economic nexus between Pol-
ish Jewry and the landowners of Polands’s eastern territories was the rural lease (arenda),
often connected with occupations like distilling spirits or similar activities. Jews were thus
the main agents of the mostly invisible aristocracy of the landowners. In spite of their im-

Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Quellen polnischer Sprache nur benutzt werden
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konnten, soweit sie in deutscher bzw. englischer Übersetzung zugänglich waren. Das hier
allgemein gezeichnete Bild könnte also durch Detailstudien noch ergänzt oder korrigiert wer-
den.
30 J. Friedrich Battenberg

portant economic role the Jews in the eyes of the poor rural population became the main
enemies, who intended to threaten and harm the Christians. The Jew’s political powerless-
ness and their exclusive forcedly focus on economic activities made them suspicious in
the eyes of the clergy, and therefore, the priests rediscovered the old blood libels and the
myth of host desecration, that in middle Europe nearly had been forgotten and by imperial
decrees forbidden.