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Czasy Nowożytne

TOM 27 ROK 2014

Werner Bergmann
Berlin

Antijüdische Gewalt in Deutschland


in der Zwischenkriegszeit 1918–1939

Einleitung

Der Erste Weltkrieg, vor allem aber die Niederlage und deren unmittelbare Fol-
gen, also der revolutionäre Umbruch, die Abdankung der Monarchie, der Versailler
Vertrag und die Inflation, werden in der Forschung als Wendepunkt des Antisemitis-
mus in Deutschland gesehen: „If we are to date a change of gear in the Radical Right
and antisemitic politics of Germany, then it should be in the period 1917–1923“1. In
dieser Zeit schwerster sozialer Erschütterungen fand der Antisemitismus über den
Kreis der radikalen Antisemiten hinaus in der Bevölkerung Widerhall. Das Bündnis
des Besitz- und Bildungsbürgertums mit den radikalen kleinbürgerlichen Antisemi-
ten machte Antisemitismus gegen Ende des Krieges zu einem wichtigen politischen
Faktor. Aus ihrer Sicht war der Burgfrieden von Anfang an ein Fehler gewesen, da
er den „inneren Reichsfeinden“, worunter vor allem die Arbeiterbewegung, die Ju-
den und die Katholiken zählten, größeren Einfluss einräumte. Dies habe die natio-
nale Sache beschädigt. Die innere Einheit könne nur dadurch erreicht werden, dass
man diesen inneren Feind bekämpfte und ausschaltete. So ist es wahrscheinlich
kein Zufall, dass die antisemitische Kampagne mit der „Judenzählung“ im Jahre
1916 ihren ersten Höhepunkt erlebte, als die deutsche Gesellschaft die totale Mo-
bilisierung für den Krieg erlebte2. Mit der Besetzung der westlichen Gebiete des
Zarenreiches wurde die bereits in den 1880–1890er Jahren aufgeflammte Furcht

1
P. Pulzer, Between Hope and Fear: Jews in the Weimar Republik, in: Jüdisches Leben in der
Weimarer Republik, hrsg. von W. Benz, A. Paucker, P. Pulzer, Tübingen 1998, S. 277.
2
Ch. Hoffmann, Between Integration and Rejection: The Jewish Community in Germany,
1914–1918, in: State, Society and Mobilisation in Europe during the First World War, hrsg.
von J. Horne, Cambridge 1997, S. 89–104 (256–260), hier S. 89.
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vor der Zuwanderung osteuropäischer Juden neu belebt. Schon bei Kriegsausbruch


wurde nach einer rigorosen „Grenzsperre“ und einem umfassenden Reichseinwan-
derungsgesetz verlangt, obwohl bis dahin nur wenige Juden eingewandert waren.
Ihre Zahl erhöhte sich während des Krieges, als jüdische Arbeiter mit „mehr oder
weniger Zwang“ nach Deutschland gebracht wurden. Sie boten für die Antisemiten
ein ideales Ziel, da man sie als Ersatzobjekte angreifen konnte, ohne den „Burg-
frieden“ zu verletzen. Ein zweites Feld der Begegnung mit den „Ostjuden“ bot
sich in den besetzten Ostgebieten. Die Wahrnehmung der deutschen Offiziere und
Soldaten war häufig antisemitisch vorgeprägt, so dass ihnen die „Ostjuden“ als
„Parasiten“, Gesundheitsrisiko und Träger einer überlebten Wirtschaftsordnung er-
schienen: „The Ostjude was not figment of the overheated anti-Semitic imagination
but a stark reality“3. Ihr negatives Bild der „Ghetto-Juden“ vermittelten die Solda-
ten in Gesprächen, Briefen und Publikationen der Heimat, so dass dieses Bild in
die deutsche Gesellschaft diffundierte und die Entwicklung des Antisemitismus in
fundamentaler Weise bestärkte. Die Befürchtung der deutschen Juden, die Angriffe
könnten sich bald auch gegen sie richten, erwies sich als berechtigt.  Spätestens
1918 war vielen deutschen Juden klar, dass die Antisemiten nicht auf den Waf-
fenstillstand, die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik warten
mussten, um ihnen kollektiv die Schuld an der Katastrophe zuzuschieben. Die Zeit-
schrift Ost und West erwartete im Juli 1918, „dass wir uns auf einen Judenkrieg
nach dem Krieg gefasst machen müssen“4. Diese Prognose sollte für das Deutsche
Reich ebenso zutreffen, wie für die anderen Verliererstaaten des Krieges, Öster-
reich und Ungarn, aber auch für das neuentstandene Polen. Kriegsniederlage, Re-
volutionsfurcht, der ökonomische Kollaps und die Brutalisierung des politischen
Lebens führten in Deutschland zu einer bis dahin unbekannten Mobilisierung der
Antisemiten. Dabei begegnen uns die bereits im Krieg hervorgetretenen Themen:
die „Ostjudenfrage“ und die Juden als Kriegs- und Krisengewinnler, hinzu trat nun
ihre Verbindung mit der (Welt-) Revolution („Judenrevolution“) und die Schuldzu-
schreibung am militärischen Zusammenbruch Deutschlands („Dolchstoßlegende“).
Im Zuge der Novemberrevolution und der Münchener Räterepublik kam es 1918/19
zu einer bis dahin beispiellosen antisemitischen Agitation, die eine regelrechte Pog-
romstimmung erzeugte und die von tätlichen Angriffen gegen Juden begleitet war5.
Unter den liberalen, sozialdemokratischen und kommunistischen Führern waren
viele Juden, die in hohe Staatsämter gelangten oder die sich etwa in der Münchener
Räteregierung oder beim Spartakus hervortaten. Dies galt auch für die revolutio-

3
S. E. Aschheim, Brothers and Strangers. The East European Jews in German and German
Jewish Consciousness, 1800–1923, Madison 1982, S. 143.
4
Sein oder Nichtsein – IV, „Ost und West“ Jg. 17, 1918, H. 7, Juli, S. 199.
5
C.  Hecht, Deutsche Juden und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Bonn 2003,
S. 76 und 107.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 215
nären Bewegungen in Russland und Ungarn, was auf Seiten der Antisemiten, und
nicht nur dort, zur folgenreichen Fusion von Judentum und Bolschewismus zum
„jüdischen Bolschewismus“ führte, so dass antisemitische und antibolschewisti-
sche Einstellungen miteinander verschmolzen.

Weimarer Republik

Neuere Forschungen betonen, dass die deutsche Gesellschaft in den 1920er Jah-
ren als eine Nachkriegsgesellschaft verstanden werden muss, die durch ein hohes
Maß an Gewalttätigkeit charakterisiert war6. Zwar trifft die These von der Brutali-
sierung durch den Ersten Weltkrieg für die Mehrheit der Kriegsteilnehmer nicht zu,
doch hatte der Wandel der politischen Sprache mit ihren aggressiven Feindbildern
und Handlungsmustern in der Weimarer Republik ebenso gewaltfördernde Kon-
sequenzen, wie der sich radikalisierende „Kampf um die Straße“7. Diese Brutali-
sierung des politischen Kampfes und die politischen Umwälzungen radikalisierten
auch den Kampf gegen die Juden: 1) Der systemloyale Antisemitismus des Kaiser-
reichs machte einem Antisemitismus Platz, der sich zugleich gegen die Weimarer
(„Juden-)Republik“ insgesamt richtete und damit politisch radikalisierte. 2) Der bis
dahin primär verbale Antisemitismus wich einer aktionistischen und gewalttätigen
Form und wurde von paramilitärischen und äußerst aktiven nationalen und rechts-
extremen Organisationen getragen, die die Straße als Raum für politische Aktionen
begriffen („street politics“)8.
In der durch Existenznot, Zukunftsangst und Revolutionsfurcht geprägten Um-
bruchzeit der Jahre 1918–1923 steigerte sich die Anfälligkeit der Bevölkerung für
judenfeindliche Erklärungen. In der Formel „Die Juden sind an allem schuld“ sah
der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ 1919 die Quintes-
senz der antisemitischen Hetze9, die offen zu Gewalt und Pogromen aufrief10, ein
Ruf, der durchaus Gehör fand. Es kam zu Ausschreitungen in den Ostseebädern

6
B. Ziemann, Germany After the First World War – A Violent Society? Results and Implicat-
ions of Recent Research on Weimar Germany, „Journal of Modern European History“ 2003,
Vol. 1, S. 80–95, S. 81; R. Bessel, Germany After the First World War, Oxford 1993.
7
B. Ziemann, Germany, S. 84 ff.; B. Weisbrod, Die Politik der Repräsentation. Das Erbe des
Ersten Weltkriegs und der Formwandel in der Politik in Europa, in: Der Erste Weltkrieg
und die europäische Nachkriegsordnung. Sozialer Wandel und Formveränderung der Politik,
hrsg. von H. Mommsen, Köln 2000, S. 13–41.
8
B. Ziemann, Germany, S. 89, als Überblick: D. Schumann, Politische Gewalt in der Weima-
rer Republik. Kampf um die Straße und Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001.
9
Die „Schuld der Juden“, „Im deutschen Reich“ Jg. 25, 1919, Jan., S. 1.
10
Vgl. Die Regierung gegen die Pogromhetze, „Allgemeine Zeitung des Judentums“ Jg. 82,
1918, Nr. 48.
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Kolberg und Cranz, im schlesischen Bad Salzbrunn, Plünderungen von Geschäf-


ten in Berlin und Kassel11. Die völkisch-antisemitischen Gruppen erlebten einen
starken Zulauf, viele wurden neu gegründet, so dass in dieser Zeit über hundert
derartige Orden, Verbände und Zirkel existierten, die propagandistisch äußerst ak-
tiv waren. Die 1914 formierte antisemitische „Deutschvölkische Partei“ bildete die
Basis für die 1918 gegründete „Deutschnationale Volkspartei“ (DNVP) und den
„Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund“ (DSTB). Der DSTB vereinigte fast
alle bedeutenden antisemitischen Gruppierungen unter sich und besaß ein dichtes
Netz lokaler Organisationen, das von 1919 mit 85 aktiven Ortsgruppen auf 600 im
Jahre 1922 anwuchs12. Auch die Mitgliederentwicklung verlief ähnlich stürmisch:
von dreißigtausend im Jahre 1920 auf fast zweihunderttausend 1922. Der DSTB
war zwischen 1919 und seinem Verbot 1922 der primäre Träger des Radauantise-
mitismus und kämpfte mit z. T.  antikapitalistischer Stoßrichtung auch gegen die
neue Staatsordnung. Von seinen Trägerschichten her war er eine mittelständisch
geprägte Organisation, der nur wenige Bauern und Arbeiter angehörten. Die Füh-
rung rekrutierte sich aus dem gehobenen bis großbürgerlichen Mittelstand (Lehrer,
Ärzte, Kaufleute). Neben dem DSTB war es die bereits genannte DNVP (1919:
350.000 Mitglieder, 1923: ca. 950.000), in der die führenden Schichten des kai-
serlichen Deutschland repräsentiert waren (Adel, Beamtentum, Offiziere, Agrarier,
gewerblicher Mittelstand), die nicht nur für die Monarchie, Volksgemeinschaft, na-
tionale Ehre und autoritären Staat eintrat, sondern zum Sammelbecken im Kampf
gegen den Versailler Vertrag und die Weimarer Demokratie wurde. Dabei driftete
die zunächst gemäßigt antisemitische Partei in ihrem Kampf gegen Judentum und
Republik 1920/21 immer radikaler nach rechtsaußen13. Durch die Aktivitäten des
Schutz- und Trutzbundes, der DNVP und der NSDAP brach in den ersten Nach-
kriegsjahren eine „gewaltige antisemitische Sturmflut“ – so Albert Wiener 1919 –
über Deutschland herein, die besonders ab 1920 anschwoll. Sie bedienten sich neu-
er Aktionsformen, die vom Verteilen von riesigen Mengen an Propagandamaterial
(Flugblätter, Plakate, Klebemarken) über öffentliche Versammlungen und Terror
bis hin zu Mordanschlägen reichten. Die nationalen Gedenktage des Kaiserreichs,
Gautage, die „Deutschen Tage“ wurden zu Aufmärschen und Großkundgebungen
genutzt, bei denen völkische Agitatoren, aber auch prominente Generäle, Wirt-
schaftsführer und Theologen auftraten. Diese Massenveranstaltungen verliefen

11
C. Hecht, Deutsche Juden, S. 114.
12
Vgl. dazu U.  Lohalm, Völkischer Radikalismus.  Die Geschichte des Deutschvölkischen
Schutz- und Trutzbundes 1919–1923, Hamburg 1970.
13
Vgl. dazu J. Striesow, Die Deutschnationale Volkspartei und die Völkisch-Radikalen 1918–
1922, Frankfurt a. M. 1981; H.-D. Bernd, Die Beseitigung der Weimarer Republik auf „lega-
lem“ Weg: Die Funktion des Antisemitismus in der Agitation der Führungsschicht der DNVP,
Hagen 2004; S. Breuer, Die Völkischen in Deutschland. Kaiserreich und Weimarer Republik,
Darmstadt 2008; W. Liebe, Die Deutschnationale Volkspartei 1918–1924, Düsseldorf 1956.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 217
oft tumultuarisch, Redner hetzten gegen die Juden und es kam zu entsprechenden
Übergriffen14, wie etwa 1922 bei Veranstaltungen des berüchtigten deutschvölki-
schen Agitators „Knüppel-Kunze“ in Berlin.
Die judenfeindliche Hetze schlug sich zwischen 1919 und 1921 in öffentlichen
Drohungen gegen die osteuropäischen Juden nieder, die man gewaltsam aus dem
Land zu vertreiben oder gar totzuschlagen drohte. Es blieb jedoch nicht bei Dro-
hungen, sondern es kam zwischen 1920–1922 zu Ausschreitungen in Breslau und
im damals zwischen Deutschland und Polen umkämpften Oberschlesien, in dem
Selbstschutzverbände und Freikorps aktiv waren und auch gegen Juden vorgingen.
Im an Polen abgetretenen Teil Oberschlesiens kam es im August–September 1922
von polnischer Seite zu größeren Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Ge-
schäfte, die man für die Teuerung verantwortlich machte15. Ein weiteres Zentrum
der Gewalt bildete das rechtsextrem geprägte Bayern. In München begannen die
frühe NSDAP und die SA ab 1921 mit Kampagnen gegen jüdische Geschäftsleute
und prominente Juden. Funktionäre jüdischer Organisationen wurden auf offener
Straße angegriffen und Schändungen jüdischer Friedhöfe und Synagogen waren
zwischen 1921–1923 keine Einzelfälle16. Der DSTB drohte mit Gewalt und Mord,
rief zur Tat auf und veröffentlichte Listen mit den Namen von „Schädlingen“. Er
war zudem ein wichtiges Verbindungsglied zu den ebenfalls antisemitischen Frei-
korps, Wehr- und Heimatverbänden, Geheimorden (z. B. der „Germanenorden“)
und Terrorgruppen, wie der „Organisation Consul“. Die frühen Weimarer Jahre
waren gekennzeichnet durch Putschversuche, die z. T. wie der Kapp-Putsch vom
März 1920 von Pogromgerüchten und judenfeindlichen Demonstrationen beglei-
tet wurden, und durch Mord- und Terroranschläge, denen Juden, Kommunisten,
Anarchisten und Repräsentanten der Weimarer Republik zum Opfer fielen: Rosa
Luxemburg, Karl Liebknecht, Gustav Landauer und Kurt Eisner, alle 1919, Mat-
thias Erzberger 1921, Walther Rathenau 1922. Weitere Attentate wurden verübt
auf den radikal sozialistischen jüdischen Publizisten Maximilian Harden (1922),
den jüdischen Sexualforscher Magnus Hirschfeld, den Publizisten Theodor Wolff,
den Bankier Max Warburg. Der Mord an Außenminister Rathenau führte 1922 dann
wegen des Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz in den meisten deutschen
Ländern zum Verbot des DSTB.
Antijüdische Gewalt ging in dieser Phase jedoch nicht allein von antisemitischen
Organisationen oder Parteien aus, sie wurde auch aus der Bevölkerung heraus ver-

14
Vgl. zu Coburg: H. Fromm, Die Coburger Juden. Geschichte und Schicksal, Coburg 1990,
S. 12–21.
15
Dazu: T. Maurer, Ostjuden in Deutschland, Tübingen 1986, S. 327 f.; J. L. Wertheimer, Un-
welcome Strangers. East European Jews in Imperial Germany, New York 1987.
16
Dazu: D. Walter, Antisemitische Kriminalität und Gewalt. Judenfeindschaft in der Weimarer
Republik, Bonn 1999, S. 97 ff.
218 Werner Bergmann

übt. Die Inflation der Jahre 1921–1923 hatte zur Verarmung der Mittelschichten, zu
Arbeitslosigkeit und Not geführt, so dass es an verschiedenen Orten im Deutschen
Reich zu Nahrungsmittelunruhen und Plünderungen kam, die sich gegen Lebens-
mittelgeschäfte oder staatliche Stellen richteten. Die Menschen suchten aber häufig
im „jüdischen Spekulanten“ die „Blitzableiter“ für die eigene Misere, so wie be-
reits im Sommer 1919 vor allem jüdische Geschäfte in den Lebensmittelunruhen
zur Zielscheibe geworden waren17. Während die antisemitischen Ausschreitungen
in Bayern von der NSDAP ausgingen, in Oberschlesien häufig von Selbstschutz-
verbänden und deutschvölkischen Organisationen (wie im Herbst 1923 in Breslau,
wo 24 Angehörige einer solchen Organisation ein ostjüdisches Hotel überfielen und
die Gäste mit Gummiknüppeln vertrieben), kam es in vielen Gebieten zu antijüdi-
schen Ausschreitungen von Seiten der Bevölkerung. Im schwäbischen Memmin-
gen wurde 1921 ein jüdischer Milchhändler, der „Käsejude Rosenbaum“, den man
als „Schieber“ anschuldigte, von einer Menge von 2000–3000 Menschen durch die
Stadt getrieben, beschimpft, bespuckt und geschlagen, bevor ihn die Polizei vor
der Gewalt des Lynchmobs in „Schutzhaft“ nehmen konnte18. Angeheizt durch die
galoppierende Inflation und herumreisende völkische Agitatoren häuften sich zwi-
schen September und November 1923 die Ausschreitungen im gesamten Deutschen
Reich: in Neidenburg, Ortelsburg und Freystadt (alle in Ostpreußen), in Neusalz/
/Oder, in Erfurt, Nürnberg, Coburg, Bamberg, Leipzig, Bremen und Oldenburg19.
Im schlesischen Beuthen rotteten sich am 22. September nach einer Kette kleinerer
Zwischenfälle vierhundert meist jugendliche Personen zusammen und beraubten
und misshandelten Juden, am 5. Oktober gingen zweihundert ebenfalls junge Män-
ner mit Messern und Knüppeln gegen Juden vor und verletzten zwanzig von ihnen
schwer20. Den Hintergrund bildete auch hier die allgemeine Unruhe wegen der Teu-

17
C. Hecht, Deutsche Juden, S. 112.
18
P. Hoser, Die Geschichte der Stadt Memmingen. Vom Neubeginn im Königreich Bayern bis
1945, Stuttgart 2001, S. 119 ff.; M. Thorns, Britisches und deutsches Judentum in der Krise,
Hannover 2004, S. 34.
19
Vgl. Die Ausschreitungen in Ostpreußen, „Die C.V.-Zeitung“ 1923, H. 43, S. 331; ibidem,
1923, Nr. 95, vom 6. November: Antisemitische Exzesse in Deutschland. Unter der Über-
schrift „Antisemitische Unruhen in der Provinz“ berichtete die „Jüdische Rundschau“ 1923,
Nr. 97, vom 20. November, über einen Tumult in Freystadt (Westpreußen) mit mehreren
hundert Teilnehmern und über Angriffe auf jüdische Läden in Neusalz/Oder. Auf derselben
Seite finden sich weitere Nachrichten über eine antisemitische Demonstration in Berlin-Char-
lottenburg und eine anhaltende antijüdische Stimmung in Nürnberg.
20
T. Mauerer, Ostjuden, S. 335; Ausschreitungen in Beuthen, „Die C.V.-Zeitung“ 1923, vom
11. Oktober, S. 315, stellte fest, dies sei ein „verabredetes Pogrom“ gewesen. Am 18. Okto-
ber 1923 meldete die „Die C.V.-Zeitung“ auf der Titelseite unter der Schlagzeile „Hennings
Drohungen und Kunzes Taten“, dass dort ein „förmlicher Ausnahmezustand“ herrsche, da
völkische Gruppen unter dem bekannten Knüppel-Kunze Juden auf offener Straße anhielten,
zusammenschlügen und ausraubten. Einen zusammenfassenden Bericht über Die Ausschrei-
Antijüdische Gewalt in Deutschland 219
erungskrise, doch waren in Beuthen antisemitische Selbstschutzverbände aktiv und
die Exzesse zeigten eine systematische Vorbereitung. Die Behörden reagierten in
Oberschlesien mit Versammlungsverboten und verstärkten Polizeipatrouillen. Es
mussten nicht immer größere Ausschreitungen sein. An vielen Orten, etwa im un-
terfränkischen Niederwerrn wird im Juli 1923 über „Roheiten gemeinster Art“ be-
richtet, d. h. über eingeworfene Fenster, Knüppelschläge gegen Zäune und Türen,
Hakenkreuzschmierereien21.
Kurz vor dem Hitlerputsch vom 9. November erlebte Berlin, das in dieser Zeit
von zahlreichen Lebensmittelkrawallen erschüttert wurde, am 5.–6. November
1923 das sog. „Scheunenviertelpogrom“22. Es waren vor allem Arbeitslose, die,
möglicherweise durch völkische Agitatoren aufgehetzt, über die osteuropäischen
Juden des Scheunenviertels herfielen, sie halbnackt durch die Straßen jagten, Dut-
zende von ihnen z. T. schwer verletzten und mehr als vierzig Läden plünderten und
verwüsteten. Ein jüdischer Metzger starb an seinen schweren Verletzungen, ein
Plünderer durch eine Polizeikugel. Der Polizei wurde vorgeworfen, zu spät und
nicht nachhaltig genug eingegriffen zu haben bzw. vor allem gegen den jüdischen
Selbstschutz, gebildet aus Mitgliedern des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten,
vorgegangen zu sein.
In Leipzig finden wir im Juni und wieder im Oktober 1923 eine ähnliche Situat-
ion, als während großer Aufmärsche, Demonstrationen und Nahrungsmittelunruhen
hungernde Massen Arbeitsloser, angestachelt durch antisemitische Agitatoren auf
dem Brühl jüdische Pelzhändler angriffen. Anders als in Berlin gelang es jedoch der
Polizei, die Unruhen zu unterbinden, so dass nur kleinere Übergriffe stattfanden23.
Griffen die preußische und die sächsische Polizei bei antijüdischen Unruhen
gewöhnlich ein, so bestand nach Dirk Walter für die Rechtsextremisten in Ba-
yern eine besonders günstige Gelegenheitsstruktur, da die Polizei sich ihnen gegen-
über sehr nachsichtig zeigte, so dass die Täter bis November 1923 in einem quasi
rechtsfreien Raum agieren konnten24. So kam es ab Mitte Oktober 1923 in Bayern
zu Überfällen örtlicher Rechtsradikaler auf jüdische Geschäftsleute und Passanten,

tungen in Beuthen im Oktober 1923 findet sich in der „Jüdischen Rundschau“ 1923, Nr. 91,
vom 23.10.

21
K.-H. Grossmann, Die Niederwerner Juden: 1871–1945, Würzburg 1990, S. 111.

22
Vgl. D. C. Large, „Out with the Ostjuden!“: The Scheunenviertel Riots in Berlin, November
1923, in: Exclusionary Violence. Antisemitic Riots in Modern German History, hrsg. von
Ch. Hoffmann, W. Bergmann, H. W. Smith, Ann Arbor 2002, S. 123–140; R. Zilkenat, Der
Pogrom am 5. und 6. November 1923, in: Das Scheunenviertel. Spuren eines verlorenen Ber-
lins, Berlin 1994, S. 95–101; vgl. auch den Bericht: Die judenfeindlichen Ausschreitungen in
Berlin, „Jüdische Rundschau“ 1923, Nr. 96, vom 9.11., S. 557 f.; Dunkle Tage. Schwere Aus-
schreitungen in Berlin und im Reiche, „Die C.V.-Zeitung“ 1923, H. 45, vom 23.11., S. 347 f.

23
J. G. Mølstre Simonson, Perfect Targets – Antisemitism and Eastern Jews in Leipzig, 1919–
1923, „Leo Baeck Institute Year Book“ 2006, Vol. 51, S. 79–101, 95 ff.

24
D. Walter, Antisemitische Kriminalität, S. 115 ff.
220 Werner Bergmann

etwa in München und Nürnberg seitens der SA und in den oberfränkischen Orten
Untermerzbach und Antenhausen von Mitgliedern des Jungdeutschen Ordens, die
in die Wohnungen mehrerer Juden eindrangen, diese verwüsteten und plünderten
sowie die Bewohner mit dem Tod bedrohten und misshandelten. Für den Hitler-
putsch war geplant, Juden, linke Politiker und Staatsbeamte als Geiseln zu nehmen,
und tatsächlich kam es auch zu gewaltsamen Geiselhaftaktionen. Aus Enttäuschung
über dessen Fehlschlagen kam es dann in einigen bayrischen und fränkischen Orten
zu einem, von Gewaltakten begleiteten Rachefeldzug gegen Juden.
Das Feindbild „Ostjuden“ bestimmte auch die Politik. Die ostjüdischen Zuwan-
derer, die ungefähr ein Viertel der 560.000 Juden in Deutschland ausmachten, besa-
ßen in der Regel die russische oder polnische Staatsbürgerschaft und wurden so zur
Zielscheibe staatlicher Ausweisungs- und Internierungspolitik.  Es war vor allem
die DNVP, die ab 1920 eine „Ostjudenkampagne“ lostrat, die paradoxerweise dazu
dienen sollte, den pogromistischen Radikalantisemiten das Wasser abzugraben. Die
„Ostjudenfrage“ wurde dann jedoch von allen Strömungen des rechten Lagers auf-
gegriffen. Im Zuge der rigiden Ausländer- und vor allem Ostjudenpolitik wurden
ab 1920 in Bayern aber auch in anderen Ländern des Reiches, etwa in Preußen,
Internierungslager eingerichtet, wo die Betroffenen oft lange auf ihre Abschiebung
warten mussten25. Die „Ostjudenaktion“ erreichte ihr Ziel nicht.  Sie ging zudem
den völkischen Rechtsextremisten nicht weit genug, da sie auch die eingebürgerten
osteuropäischen Juden abschieben wollten.
Mit der relativen Stabilisierung der politischen und ökonomischen Lage ging
Mitte der 1920er Jahre die antisemitische Agitation und Gewalt leicht zurück. Auch
in dieser Phase blieb jedoch das soziale und politische Klima rauh. Der Central-
verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) berichtete über einen ver-
breiteten, gewalttätigen Alltagsantisemitismus und schrieb von „kalten Pogromen“
auf dem Lande und in kleineren Städten. Auch der seit dem Kaiserreich gängige
„Bäderantisemitismus“, d. h., die Diskriminierung und Anpöbelung von Juden in
Kurorten radikalisierte sich in den zwanziger Jahren26. Vor allem die NSDAP blieb
in diesen Jahren nicht untätig, Juden wurden vor allem in Bayern, Pommern und
Schlesien immer wieder Opfer des „nationalsozialistischen Alltagsterrors“27. Der
neue Gauleiter Berlins, Joseph Goebbels, setzte ab 1926 auf brutalen Terror, vor al-
lem durch Übergriffe auf Kommunisten und Juden, um seine kleine Partei bekannt
machen: die Nazis organisierten 1927 mitten in Berlin Tumulte und Schlägereien

25
R. Pommerin, Die Ausweisung von „Ostjuden“ aus Bayern 1923. Ein Beitrag zum Krisenjahr
der Weimarer Republik, „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“ Jg. 34, 1986, S. 311–340.
26
F. Bajohr, „Unser Hotel ist judenfrei“. Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert,
Frankfurt a. M. 2003, S. 77.
27
Siehe Beispiele in C. Hecht, Deutsche Juden, S. 187 ff., doch gab es Überfälle und Ausschrei-
tungen auch in Sachsen (Plauen, Chemnitz), am Rhein (Köln), in Hessen, in der Pfalz und in
Berlin.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 221
an der Gedächtniskirche und auf dem Kurfürstendamm – eine Methode, die ab
1930 in Ostpreußen vom Gauleiter Erich Koch erfolgreich kopiert wurde.
Zwar hatten Übergriffe nationalsozialistischer Schlägertrupps bereits 1927–
1928 wieder zugenommen28, doch markierten die Wirtschaftskrise und der damit
verknüpfte Aufstieg der NSDAP einen Wendepunkt29. Die NSDAP verstärkte ab
1930 ihre antijüdischen Ausschreitungen vor allem an hohen jüdischen Feierta-
gen (so nach einem Chanukka-Ball 1930 in Saarbrücken), in oder vor Synagogen
(Frankfurt, Oktober 1928), ließ in Berlin Scheiben von Geschäften und Cafés ein-
schlagen. Im Januar 1930 gab es bei solchen Übergriffen acht Tote, am 1.–2. Sep-
tember wurden 78 Personen verletzt30. Juden konnten mitten in Berlin Opfer von
NS-Schlägerbanden werden, so wie ein Trupp jüdischer Pfadfinder, der am Abend
des 24. Juni 1931 auf dem belebten Viktoria-Luise Platz im westlichen Berlin von
30–40 Nationalsozialisten zusammengeschlagen wurde. Dies war, wie der Bericht
betonte, kein Einzelfall gewesen31.
Bereits ab 1925 kam es zu Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte, die vor
allem in den kleineren Orten zumeist nicht von der Parteiführung angeordnet, son-
dern von unteren Parteiaktivisten vor Ort initiiert wurden. Bereits 1932 erreichten
diese Boykottaktionen ihren Höhepunkt32.

28
Ludwig Holländer kam in seiner Chronik des Antisemitismus der Jahre 1918–1928 zu dem
Ergebnis, dass man über eine „wahrhaft erschreckende Fülle von Vorkommnissen nachden-
ken“ müsse (Chronika, „Die CV-Zeitung“ Jg. 8, 1929, Nr. 1); vgl. die Fülle von Beispie-
len für diese organisierter Straßengewalt: ab 1927 D.  Walter, Antisemitische Kriminalität,
Kap. VIII.
29
Siehe als Beispiel den Fall des rheinhessischen Dorfes Dolgesheim, wo die Gründung einer
NSDAP-Ortsgruppe im Jahre 1930 von Terror und Übergriffen gegen einen Juden und sei-
ne Familie begleitet wurde, der die örtliche Gruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold
als Verteidigung gegen die neue NSDAP-Organisation aufgebaut hatte. Die jüdische Fami-
lie musste das Dorf verlassen, doch wurde die Ortsgruppe in Dolgesheim aufgelöst und der
Hauptaktivist wurde bestraft. Vgl. C. Hecht, Deutsche Juden, S. 211 ff. „Die C.V.-Zeitung“
erkannte den Fall als ein schlechtes Vorzeichen für die Zukunft: Das Drama von Dolgesheim.
Heute ein Einzelfall – aber im Dritten Reich...?, „C.V.-Zeitung“ Jg. 9, 1930, Nr. 34, vom
22. August; zu Boykotten und Übergriffen auf jüdische Bürger ab 1929 siehe die Situation
in Coburg, einer frühen Nazi-Hochburg: H.  Fromm, Die Coburger Juden, S.  46 ff., oder
die Anpöbelung von Juden in dem katholischen Dorf Gersfeld im Bezirk Fulda und in an-
deren hessischen Dörfern, die Hochburgen des Nationalsozialismus schon vor 1933 waren:
M. Kaufman, The Daily Life of the Village and Country Jews in Hessen from Hitler’s Ascent
to Power to November 1938, „Yad Vashem Studies“ 1992, Vol. 22, S. 147–198, 157 f. Kauf-
man behauptet, dass „overall, it seems that persecutions of Jews in the country side commen-
ced earlier than in the towns“ (S. 161).
30
T. Maurer, Ostjuden, S. 345 f.
31
„C.V.-Zeitung“ 1931, H. 27, S. 345.
32
H. Ahlheim, „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Antisemitismus und politischer Boykott in
Deutschland 1925–1935, Göttingen 2011.
222 Werner Bergmann

Vor allem an den höheren Schulen und Universitäten waren NS-Schülerschaft


bzw. NS-Studentenschaft aktiv und drangsalierten ihre jüdischen Kommilitonen33.
So waren es vor allem NS-Studenten, die 1930 in Würzburg anlässlich eines Gast-
spiels des aus Palästina kommenden Hebräischen Theaters Habima antisemiti-
sche Flugblätter verteilten, die Besucher bedrohten und insgesamt vierzehn Juden
schwer verletzten34. Die Polizei griff nicht ein, da sie offenbar nur von einer „Stö-
rung“ der Theateraufführung ausging. Der Fraktionsführer der NSDAP im Würz-
burger Stadtrat verurteilte diese Ausschreitungen, sah aber die Schuld auch bei den
Juden, da eine solche Veranstaltung im Stadttheater gegen das nationale deutsche
Interesse verstoße. Am Tag der Reichstagseröffnung am 13. Oktober 1932 hatte
sich auf Initiative der bei den Wahlen überraschend erfolgreichen NSDAP (18,3%)
vor dem Reichstag eine riesige Menschenmenge versammelt. Als die Polizei gegen
Nationalsozialisten eingeschritten war, die „Deutschland erwache“ gesungen hat-
ten, attackierte die Menge die Polizisten mit Steinen, wurde aber vom Reichstag
abgedrängt und begann nun im Innenstadtbereich am Potsdamer Platz systema-
tisch die Schaufenster jüdischer Geschäfte einzuwerfen. Die Polizei, die hinter der
Gewaltaktion ein planmäßiges Vorgehen „nationalsozialistischer Elemente“ sah,
verhaftete 103 Personen, darunter überwiegend NSDAP-Mitglieder oder Sympa-
thisanten, von denen einige zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden35.
Eine der spektakulärsten Aktionen der Nationalsozialisten ereignete sich am
Abend des 12. September 1931, am Jüdischen Neujahrsfest in Berlin: der „Kur-
fürstendammkrawall“, wo auf Kommando ca. 1000 in Zivil gekleidete SA-Männer
über „jüdisch aussehende“ Passanten herfielen36. Die SA-Schläger drangen in Ca-
féhäuser ein und schlugen dort alles kurz und klein. Dieser organisierte Übergriff
folgte einer „Blitzkriegstrategie“: schnell zuschlagen, sich wieder zerstreuen und
an einem anderen Ort wieder zuschlagen. Die Polizei musste sich öffentlich Kritik
wegen ihrer Untätigkeit vorwerfen lassen – weil es gegen „rechts“ ging, wie linke
Kritiker unterstellten, doch nahm die C.V.-Zeitung die Polizei in Schutz und hielt
den Vorwurf eines „völligen Versagens“ seitens republikanischer Blätter für unge-
rechtfertigt.  Es kam anschließend zu Prozessen gegen die Festgenommenen, die
z. T. zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden. Auch die Berliner SA-Führung wurde

33
Vgl. Studentenrebellen, „Die C.V-Zeitung“ 1931, H. 28, vom 10. Juli; Studenten als Unruhe-
stifter, ibidem, 1931, H. 31, vom 31.7., S. 388.
34
R. Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Würz-
burg 1987, S. 249–151.
35
D. Walter, Antisemtische Kriminalität, S. 209. Spätere Untersuchungen ergeben jedoch keine
zentrale Planung, sondern Gruppen junger Männer handelten auf Verabredung parallel, ohne
direkte Kommandos vor Ort. 
36
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„C.V.-Zeitung“ 1931, Jg. 10, Nr. 38, vom 18.9., S. 457; dort ist von 1000 Nationalsoziali-
sten die Rede; C. Hecht, Deutsche Juden, S. 236 ff.; D. Walter, Antisemitische Kriminalität,
S. 209 ff.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 223
wegen „Rädelsführerschaft“ angeklagt und trotz nationalsozialistischer Gegenpro-
paganda zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Im Revisionsprozess,
den die Nationalsozialisten zur Verhöhnung des Gerichts und zur Beleidigung der
Zeugen nutzten, wurde die SA-Führung allerdings dann freigesprochen.
Als es am Vorabend des zweiten Tages des Neujahrsfestes zu einer Blockade der
Synagoge in der Fasanenstraße kam, wobei elf Personen verletzt wurden, und es
auch am nächsten Tag vor einer anderen Synagoge weiterging, griff die Polizei nun
hart durch. Doch zeigt die überwiegende Zahl der Fälle, dass sich Polizisten und
Soldaten an Übergriffen beteiligten, dass Polizeiführungen mit den Gewalttätern
sympathisierten und somit ihre Kräfte gar nicht oder zu spät einsetzten. Dies lag
daran, dass die bürgerlich-nationalistische Öffentlichkeit „was increasingly able
to accept the violence of the SA, or at least tolerate it, because they perceived the
Communist (and Jewish) victims as being in opposition to or as not being part of
the Volksgemeinschaft“37.
Im Frühjahr 1932 setzte im Vorfeld der Reichstagswahlen eine öffentliche De-
batte über die „Judenfrage“ ein und Sprecher der NSDAP, wie Hermann Göring
und Gregor Strasser, verkündeten ganz unverblümt ein Bündel von Maßnahmen,
sollten sie an die Macht kommen: Entfernung aller Juden aus leitenden Stellungen,
Juden sollten unter Fremdenrecht gestellt werden, Ausweisung der „Ostjuden“ usw.
Die Absetzung vom Radauantisemitismus zu Gunsten eines politischen Maßnah-
menkatalogs bedeutete allerdings kein Ende der offenen Gewalt38. Vielmehr waren
in der politisch instabilen Phase des Sommers 1932 terroristische Anschläge, Aus-
schreitungen und Übergriffe von Seiten der Nationalsozialisten an der Tagesord-
nung, die sich zwar primär gegen die politischen Gegner aus der SPD und KPD
richteten, aber auch Juden zum Ziel hatten, die zusammengeschlagen und deren
Geschäfte geplündert wurden. Wobei, wie Dirk Walter zeigen konnte, die Auswahl
der Ziele häufig nicht spontan erfolgte, sondern die SA zumeist diejenigen Juden
angriff, die sich als Gegner der NSDAP exponiert hatten39. Es gab jedoch auch
Bombenanschläge auf Häuser und Kaufhäuser politisch nicht exponierter Juden,
wohingegen Anschläge auf jüdische Einrichtungen, wie die Synagoge in Kiel, eher
die Ausnahme bildeten und auf öffentliche Ablehnung stießen.
Der dynamische Prozess, in dem sich der pogromartige Radauantisemitismus
„von unten“ und die Pläne rechtsextremer Vordenker über die legale Ausschaltung

37
B. Ziemann, Germany, S. 92.
38
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Zu einem Bericht über den merklichen Anstieg der Schändungen jüdischer Friedhöfe im er-
sten Halbjahr 1932 siehe die Statistik in der „Die C.V.-Zeitung“ Jg. 11, 1932, Nr. 28, S. 288.
39
D.  Walter, Antisemitische Kriminalität, S.  206 ff. vgl. als Beispiel die Angriffe auf Kurt
Sabatzky, den Anwalt des CV in Königsberg/Ostpreußen, dessen aktiver Kampf gegen die
NSDAP bekannt war: S. Schüler-Springorum, Die Jüdische Gemeinde in Königsberg 1871–
1945, in: Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, hrsg. von M. Bro-
cke, M. Heitmann, H. Lordick, Hildesheim 2000, S. 177.
224 Werner Bergmann

der Juden gegenseitig radikalisierten, zeigt bereits das Grundmuster, das von den
Nationalsozialisten nach 1933 weitergeführt und in unvorstellbarer Weise radikali-
siert werden sollte.

Das Dritte Reich 1933–1939

Konnten sich die jüdischen Opfer von Gewalt bis 1933 auf staatlichen Schutz
und bisweilen auch auf nachbarschaftliche Solidarität berufen, auch wenn sie diese
nicht immer in ausreichendem Maße bekamen, so fiel dies mit der Machtergreifung
der Nationalsozialisten fort. Kaum an der Macht, setzte nach den Reichstagswah-
len vom 5. März der antisemitische Straßenterror der SA und anderer NSDAP-
-Gliederungen ein. Zeitgenössische Beobachter wie Victor Klemperer40, Ortsgrup-
pen des CV, das vom Comité des Delegations Juives in Paris 1934 veröffentlich-
te „Schwarzbuch“41 zur Lage der Juden in Deutschland sowie zahlreiche heutige
Ortsgeschichten berichten aus vielen Städten des Deutschen Reiches von brutalen
Misshandlungen, Entführungen, von Lynchaktionen und Morden an jüdischen Bür-
gern42, von Einbrüchen in und Brandanschlägen auf Synagogen und Geschäfte und
von Überfällen auf Hotels, die jüdische Gäste beherbergten. Nach Armin Nolzen
spielten sich die antijüdischen Ausschreitungen im März 1933, die im Ruhrgebiet
begannen und sich sofort über das ganze Reich ausbreiteten, überall fast nach dem-
selben Muster ab:

40
V. Klemperer, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933–1941, hrsg. von
W. Nowojski, Bd. 1, Berlin 1995.
41
Das Schwarzbuch. Tatsachen und Dokumente. Die Lage der Juden in Deutschland 1933,
Paris 1934, S. 495–499.
42
Der Halbmonatsbericht des Regierungspräsidenten von Niederbayern und der Oberpfalz vom
30.3.1933 schildert einen solchen Mordfall: Am 15.3. seien morgens um 6 Uhr mehrere Män-
ner in dunklen Uniformen in einem PKW vorgefahren und hätten den jüdischen Güterhändler
Otto Selz in Straubing in seinen Nachtkleidern aus der Wohnung geholt und entführt. Um
9.30 Uhr habe man Selz im Wald bei Weng erschossen aufgefunden. Zeugen hatten einen
PKW mit sechs Uniformierten, einige Zeugen wollten Hakenkreuzbinden bemerkt haben,
beobachtet, der aus Richtung München-Landshut gekommen und wieder dahin zurückgefah-
ren sei (Bayern in der NS-Zeit. Soziale Lage und politisches Verhalten der Bevölkerung im
Spiegel vertraulicher Berichte, hrsg. von M. Broszat, E. Fröhlich, F. Wiesemann, München–
Wien 1977, „Dokumente“, S. 432 – dort auch weitere Berichte über ähnliche Überfälle und
Verschleppungen); vgl. auch zu Ausschreitungen und Misshandlungen politischer Gegner,
aber auch unpolitischer Bürger, darunter zahlreiche jüdische Kaufleute, in München seitens
der losgelassenen SA am 9./10 März 1933 den Tagebucheintrag des Journalisten Walter Gys-
sling vom 10.3.1933, abgedruckt in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden
durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 1: Deutsches Reich 1933–1937,
bearb. von W. Gruner, München 2008, Dok. S. 76–78.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 225
Parteiaktivisten und -formationen marschierten vor Geschäften und Unternehmen von
Juden auf und verteilten Handzettel mit dem Slogan „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“
und fotografierten „arische“ Kunden. SA-Aktivisten brachen in jüdische Wohnungen
ein, führten Hausdurchsuchungen durch, misshandelten Juden und nahmen sie fest. Es
kam dabei auch zu Tötungen43.

Am 6. März sah man auf dem Berliner Kurfürstendamm regelrechte Menschen-


jagden, bei denen Juden von Braunhemden zusammengeschlagen und auf der Stra-
ße liegengelassen wurden, wie der „Manchester Guardian“ am 10. März 1933 be-
richtete. Eines der Ziele dieser Gewalt und der Boykotte seitens der NSDAP war
es, der Bevölkerung eine Art Beispiel zu geben, um sie ebenfalls zur Gewaltakten
gegen Juden zu mobilisieren. D. h., Gewalt diente als ein Mittel der Propaganda,
doch erwies es sich zunächst noch als nicht besonders erfolgreich44.
Dennoch hat Michael Wildt der These Robert Gellatelys von der „stillen Juden-
verfolgung der Jahre 1933–1934“ zu Recht widersprochen, denn die Berichte aus
den Orts- und Landesgruppen des CV lassen erkennen, dass die Bewohner kleiner
Orte und Kleinstädte in den Jahren 1933 bis 1938 zunehmend gewalttätig gegen
ihre jüdischen Mitbürger vorgingen45. Er interpretiert dies als Strategie der Natio-
nalsozialisten zur Herstellung der „Volksgemeinschaft“ über die handgreifliche
Ausgrenzung der Juden als Volksfeinde sowie über die öffentliche Brandmarkung
und Bedrohung derjenigen Nicht-Juden als „Volksverräter“, die weiterhin Kontakt

43
A. Nolzen, The Nazi Party and Its Violence Against Jews, 1933–1939: Violence as a Historio-
graphical Concept, „Yad Vashem Studies“ 2003, Vol. 31, S. 245–285, hier S. 246 f. Siehe zu
der Brutalität dieser Aktionen, in denen die SA, manchmal in Zusammenarbeit mit der Polizei
und ermutigt von einen Teil der Bevölkerung Juden zu Tode prügelten: H. Behr, Der 25. März
1933 – Judenpogrom in Creglingen, in: Vom Leben und Sterben: Juden in Creglingen, hrsg.
von H. Behr, H. Rupp, Würzburg 2001, S. 135–151.
44
A. Nolzen, The Nazi Party, S. 253. Zu Reaktionen von Abscheu und Widerstand gegen die
Boykotte von 1933 und gegen die antijüdische Gewalt im Jahre 1936, siehe A. Sommerfeld,
Juden im Ermland, in: Zur Geschichte und Kultur der Juden in Ost- und Westpreußen, S. 41–
66, 55 f.; Einen Bericht des Völkischen Beobachters (Süddeutsche Ausgabe vom 3.4.1933)
über den Boykott in München, Passau und Nürnberg kommentieren die Herausgeber dahin-
gehend, dass durch die propagandistischen Phrasen durchscheine, „dass der Großteil der Be-
völkerung meist nur reserviert oder neugierig, selten jedoch teilnehmend aktiv reagierte, und
das vereinzelt sogar offen gegen die Aktion Stellung bezogen wurde“ (Bayern in der NS-Zeit,
hrsg. von M. Broszat, E. Fröhlich, F. Wiesemann, S. 433 f.). In Bad Tölz in Oberbayern etwa
wurde das einzige jüdische Geschäft nicht boykottiert (ibidem, S. 435).
45
M. Wildt, Gewaltpolitik. Volksgemeinschaft und Judenverfolgung in der deutschen Provinz
1932 bis 1935, „WerkstattGeschichte“ Jg. 25, 2004, S. 23–43; vgl. auch M. Wildt, Volksge-
meinschaft als Selbstermächtigung. Gewalt gegen Juden in der deutschen Provinz 1919 bis
1939, Hamburg 2007, S. 31; vgl. auch Nolzen, der davon spricht, dass die NSDAP bald nach
dem Aprilboykott eine neue Welle antijüdischer Gewalt auslöste (A. Nolzen, The Nazi Party,
S. 254).
226 Werner Bergmann

zu Juden hielten46. D. h., die Ausgrenzung erfolgte nicht allein über Gesetze und
Verordnungen, sondern war begleitet von einem Strom von Gewaltakten, mit dem
die bürgerliche Ordnung radikal verändert und die Orte bereits vor dem Krieg „ju-
denfrei“ gemacht werden sollten. Deshalb wanderten viele Juden in die größeren
Städte ab, die aufgrund der Anonymität besseren Schutz boten.
Blickt man also nur auf die reichsweit angeordneten und zeitlich begrenzten Ak-
tionen, wie die Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte und Praxen vom 1. April
1933, auf die gesteuerten Gewaltaktionen in allen Teilen des Reiches im Sommer
193547 oder auf die Novemberpogrome von 1938, so ergibt sich ein falsches Bild,
das die permanenten Übergriffe ausblendet, die von örtlichen SA, SS und HJ-For-
mationen und von der Bevölkerung ausgingen. Überall im Reich finden wir über
die Jahre hinweg lokale Boykottaktionen von NS-Formationen gegen jüdische Ge-
schäfte, Wohnungen oder einzelne Personen, die bisweilen pogromartige Ausmaße
annahmen48.
Aus dem Strom der Gewalt seien hier exemplarisch einige Aktionsformen her-
ausgegriffen49:
1) Eine frühe und weit verbreitete Form der Gewalt, die sich seit den frühen
1930er Jahren zunächst auf lokaler Ebene abspielte, war der Boykott jüdischer Ge-
schäfte und Firmen. Diese „wilden Boykotte“ breiteten sich im März 1933 auf ganz
Deutschland aus. Solche Aktionen wurden im März vom Reichsinnenminister ver-
boten, doch bereits Ende März wieder aufgenommen. Jetzt entschied Hitler sich für

46
Vgl. die Aktion „Das Judenbier von Holzhausen“, wo die SA ein Fass Bier, das eine Gruppe
von jungen Dorfburschen für ihr Ständchen bei einer jüdischen Hochzeit bekommen hatte,
beschlagnahmte und vor den Burschen in den Sand goss. Anschließend mussten diese durch
ein Spalier der Dorfbevölkerung „spießrutenlaufen“; in: „Oberhessische Zeitung“ 1833, vom
5.8., abgedruckt in: B. Händler-Lachmann, H. Händler, U. Schütt, Purim, Purim, ihr liebe
Leut, wisst ihr was Purim bedeut? Jüdisches Leben im Landkreis Marburg im 20. Jahrhun-
dert, Marburg 1995, S. 147 ff. Die Namen der Personen, die weiterhin in jüdischen Geschäf-
ten einkauften, wurden öffentlich stigmatisiert, indem man sie auf „Prangerlisten“ setzte und
als Landesverräter hinstellte (H. Fromm, Die Coburger Juden, S. 68 ff). Vgl. auch A. Dia-
mant, Chronik der Juden in Chemnitz. Aufstieg und Untergang einer jüdischen Gemeinde in
Sachsen, Frankfurt a. M. 1970, S. 124 ff.
47
Vgl. etwa die überfallartigen Aktionen auf dem Berliner Kurfürstendamm: M. Gottlieb, The
Berlin Riots and Their Repercussions in America, „American Jewish Historical Review“ Jg.
59, 1970, S. 302–328.
48
Zahlreiche Beispiele werden erwähnt in: S.  Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden,
Bd.1: Die Jahre der Verfolgung, 1933–1939, München 1997.
49
Nolzen unterscheidet, anders als ich, folgende vier Formen antijüdischer Gewalt: direkte
physische Angriffe (Morde, Totschlag, Vergewaltigung, Pogrome, öffentliche Demütigungen,
Anspucken), die Zerstörung jüdischen Eigentums Vandalismus in Synagogen und auf Fried-
höfen, Brandstiftung, Einwerfen von Fenstern, antisemitische Graffiti), den Boykott jüdi-
scher Geschäfte und die Aneignung jüdischen Besitzes (erzwungene Arisierung, Plünderung,
Diebstahl, Konfiszierungen); A. Nolzen, The Nazi Party, S. 275.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 227
einen von der NSDAP organisierten reichsweiten Boykott gegen jüdische Geschäf-
te und die Praxen von jüdischen Ärzten und Rechtsanwälten50. „Aktionskomitees“
mobilisierten auf verschiedenen Ebenen die gesamte NSDAP-Anhängerschaft zur
Teilnahme an den Boykotten51. Trotz der Anordnungen dieser Komitees, keine Ge-
walt anzuwenden, sondern der Welt friedlich zu demonstrieren, dass die Deutschen
auf legale Weise gegen die Juden vorgingen, gab es viele Gewaltaktionen gegen
Juden und ihren Besitz: Juden wurden misshandelt, die Fenster jüdischer Geschäfte
und Wohnungen wurden eingeworfen oder beschmiert.  Die Polizei hatte Befehl
nicht einzugreifen. Auch dieser organisierte Boykott wurde schließlich am 4. April
1933 abgebrochen, doch hörten die Boykottpropaganda und die örtlichen Boykotte
nach Armin Nolzen niemals ganz auf52. Im Frühjahr 1935 gab es eine neue Welle
antijüdischer Boykotte im gesamten Reich, die von der antijüdischen Propaganda
in Goebbels Kampfblatt „Der Angriff“ angeheizt wurde und eine regelrechte Po-
gromstimmung erzeugte53. Diese Aktionen von SA-Gruppen, radikalen antisemiti-
schen Parteimitgliedern und Mitgliedern des nationalsozialistischen „Kampfbun-
des des gewerblichen Mittelstandes“ gegen jüdische Geschäftsleute waren oft von
wirtschaftlichen Interessen motiviert. Ralf Prior berichtet für die Ruhrgebietsstädte
Herne und Wanne-Eickel, dass es schon im März 1933 gewalttätige Aktionen und
Boykotte gegen jüdische Läden gab, die durch „eigennützige Volksgenossen“ orga-
nisiert wurden54. Diese Gewaltaktionen zielten auf die Ausgrenzung der Juden aus

50
Vgl. den Aufruf der Partei im Völkischen Beobachter vom 29. März 1933.
51
In einer Anweisung der Gauleitung der NSDAP in Sachsen zum Boykott gegen die Juden
wurde eine lange Liste von Pflichten der Komitees zum Boykott gegen die Juden, zu des-
sen Durchführung, zur Zusammensetzung der Komitees und der Ziele des Boykotts publi-
ziert. Die Zeitung „Chemnitzer Neueste Nachrichten“ 1933, Nr. 77, vom 31. März, berichtete
über die Bildung des Chemnitzer Aktions-Komitees; in: A. Diamant, Chronik, S. 116 ff.
52
In Hannover wurde eine große Zahl jüdischer Geschäfte im Mai 1933 von Nazi-Aktivisten
boykottiert und demoliert, ebenso im Jahre 1934. Insbesondere in der Weihnachtszeit nahmen
dort die Angriffe auf jüdische Geschäfte zu (es gab sogar Tränengasangriffe in jüdischen
Kaufhäusern), aber auch sonst überall im Reich: R. Fleiter, Stadtverwaltung im Dritten Reich.
Verfolgungspolitik auf kommunaler Ebene am Beispiel Hannovers, Hannover 2006, S. 123 f.,
137; vgl. für Würzburg: R. Flade, Die Würzburger Juden, S. 275 f.
53
Vgl. zu Berichten über diese Aktionen durch die Sopade: Deutschland-Berichte der Sozial-
demokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940, Vol. II, hrsg. von K.  Behnken,
S. 755–892; vgl. auch S. Friedländer, Das Dritte Reich, S. 154 ff.
54
„Nahtstellen, fühlbar, hier“: zur Geschichte der Juden in Herne und Wanne-Eickel, hrsg.
von R.  Prior, Essen 2002, S.  38. Diese Aktionen waren oft sehr brutal. In Wanne prügel-
ten SA-Männer einen Juden fast zu Tode und hängten im anschließend ein Schild mit der
Aufschrift „Ich bin ein perverser Rassenschänder“ um. Die Boykottpropaganda und die Ak-
tionen wurden häufig von der NS-Hago (Nationalsozialistische Handwerks-, Handels- und
Gewerbe-Organisation) getragen, die oft mit der lokalen SA und SS kooperierte. Solche Boy-
kotte fanden statt, obwohl sie offiziell von Hitler verboten worden waren (A. Nolzen, The
Nazi Party, S. 256 f.). Für Nolzen bildeten die Kreisleiter und ihre Mitarbeiter den Kern der
228 Werner Bergmann

dem deutschen Wirtschaftsleben und auf deren Isolierung von der nicht-jüdischen
deutschen Bevölkerung, indem man die Kunden belästigte und sie drängte, nicht
bei Juden zu kaufen. Man stellte Fotos von diesen Kunden in den Schaukästen der
NSDAP oder des „Stürmer“ unter der Überschrift „Judenknechte“ aus55.
2) Schon vor 1933 waren nicht-jüdische Frauen, die eine Beziehung zu einem
Juden unterhielten, von Aktivisten der NSDAP wegen „Rassenschande“ bedroht
worden. Lange vor dem Erlass der Nürnberger Rassegesetze Ende 1935 setzten im
Frühjahr und Sommer 1933 neben Boykottaktionen auch Aktionen ein, in denen
Liebesbeziehungen zwischen Juden und Nicht-Juden als „Rassenschande“ öffent-
lich angeprangert wurden56. In den meisten Fällen waren die Paare denunziert wor-
den. Diese Aktionen nahmen ältere Formen von „Prangerumzügen“ auf, in dem die
beschuldigten Personen, z. T.  mit geschorenem Kopf, barfuß oder mit obszönen
Plakaten behängt, gewaltsam und von Marschmusik begleitet durch die Straßen
getrieben und dabei unter Schmährufen aus der Menge heraus bespuckt, geschla-
gen und beleidigt wurden, d. h., es gab durchaus eine Beteiligung der örtlichen
Bevölkerung57. Dies wurde begleitet mit Flugblättern und öffentlichen Anschul-
digungen in der örtlichen Zeitung. 1935 veranstaltete etwa die Breslauer SA re-
gelmäßig jeden Sonntag um die Mittagszeit solche Prangerumzüge, nachdem die
Presse schon vorher Hetzartikel veröffentlicht und Namen und Adressen nicht-
jüdischer Frauen, die angeblich Liebesbeziehungen zu Juden hatten, abgedruckt
hatte. Die Reaktion der Breslauer Bevölkerung war aber offenbar eher verhalten
bis ablehnend, zumal ja hier nicht-jüdische Frauen öffentlich bloßgestellt wurden58.
Vor Publikum wurden hier Menschen am helllichten Tag Opfer einer dehumanisie-
renden Gewalt, wie es Alexandra Przyrembel in ihrem Buch zur „Rassenschande“

NSDAP-Gewalt gegen Juden. Sie unternahmen zwischen 1936 und 1939 andauernde Versu-
che, mit Kampagnen in der Lokalpresse und mit Aufrufen an alle Parteiorganisationen, denen
sie einen genauen Zeitplan für die Gewaltaktionen vorgab, die „Volkswut“ gegen die Juden
anzustacheln (ibidem, S. 261 und 254).
55
Vgl. A. Kossert, Geschichte der jüdischen Gemeinde zu Johannisburg/Ostpreußen, in:
M. Brocke et al., Zur Geschichte, S. 79. In einigen Fällen wurden Kunden, die die von SA-
-Männern kontrollierten jüdischen Läden betreten wollten, sogar geschlagen; A. Kossert, Die
jüdische Gemeinde zu Ortelsburg, in: M. Brocke et al., Zur Geschichte, S. 123.

56
Vgl. die Halbmonatsberichte des Regierungspräsidenten von Ober- und Mittelfranken vom
19.8.1933 bzw. des Stadtrates von Bayreuth vom 2.7.1934, in: Bayern in der NS-Zeit, hrsg.
von M. Broszat et al., S. 436 und 438.
57
Zahlreiche Beispiele schon aus den Jahren 1933 und 1934 finden sich bei M. Wildt, Volksge-
meinschaft, S. 225 ff. Nach den NS-Stimmungsberichten bezogen sich von den 215 Berichten
von 1933 bis 1939 zur „Rassenschande“ 106 auf die Jahre 1933–1935, und 96 allein auf das
Jahr 1935, wo diese Umzüge ihren Höhepunkt erlebten, bis nach den „Nürnberger Gesetzen“
sexuelle Beziehungen zwischen Juden und „Ariern“ ohnehin offiziell strafbar waren (ibidem,
S. 226).
58
Ibidem, S. 232.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 229
dargestellt hat59. Angriffe wegen (angeblicher) sexueller Beziehungen zwischen
verheirateten Juden und nicht-jüdischen Frauen konnten auch zu gewaltsamen An-
griffen nationalsozialistischer Aktivisten auf die Wohnungen der jüdischen Fami-
lien führen, zumal wenn sich die Männer durch Flucht entzogen hatten. Die Täter
warfen die Fenster ein, drangen in die Häuser ein, legten sogar Feuer. Oft rettete nur
die „Schutzhaft“ die bedrohten Familien60.
Solche Prangerumzüge konnten auch andere Ursachen haben61. In Osterode,
einem Ort in Ostpreußen von 70.000 Einwohnern, darunter 156 Juden, war der
Auslöser ein Konflikt zwischen einer Gruppe von Kindern und einem jüdischen
Geschäftsinhaber, der die Jungen zur Rede stellen wollte, als sie sein Schaufenster
mit Zetteln wie „Du bist ein Judenknecht“ beklebten. Ältere Hitlerjungen behaup-
teten, er habe einen Jungen geschlagen, drohten ihm mit dem Tode und warfen ihn
zu Boden. Als der jüdische Geschäftsinhaber Osterode daraufhin eilig verlassen
wollte, wurde er von den Jugendlichen daran gehindert und von diesen unter Füh-
rung eines SA-Mannes und eines Zivilisten eine Stunde lang unter Fußtritten und
mit einem Plakat um den Hals, „Der dreckige Jude hat einen deutschen Jungen
geschlagen“ durch die Stadt geführt, bis ihn schließlich Polizeibeamte in „Schutz-
haft“ nahmen62.
3) An vielen Orten finden wir, z. T. in unregelmäßigen Abständen wiederholt,
eine Form der Alltagsgewalt, in der Fenster eingeschlagen, Steine in die Wohnungen
geworfen, Häuser beschmiert und ortsansässige Juden angepöbelt oder geschlagen
wurden63. Diese Alltagsgewalt ging von Unbekannten, von Nachbarn, NS-Formati-
onen oder häufig auch von Kindern und der HJ aus, z. B. 1933 in Treuchtlingen, wo
sie Scheiben einwarfen, die Wohnungseinrichtung eines älteren Mannes zerstörten
und ihn durch Messerstiche verletzten, oder 1936, als Jugendliche ein jüdisches
Begräbnis durch Steinwürfe und lautes Singen störten64. Beschwerden oder An-

59
A.  Przyrembel, „Rassenschande“. Reinheitsmythos und Vernichtungslegitimation im Na-
tionalsozialismus, Göttingen 2003; zu fotografischen Aufnahmen dieser Umzüge siehe
K. Hesse, Sichtbarer Terror – öffentliche Gewalt gegen deutsche Juden 1933–1936 im Spie-
gel fotografischer Quellen, „WerkstattGeschichte“ Jg. 35, 2003, S. 44–56; siehe zu weiteren
Beispielen dieser „Prangerumzüge“ in den Jahren 1934–1935; M. Wildt, Volksgemeinschaft,
S. 165, 207 f., 232 ff.
60
M. Wildt, Volksgemeinschaft, S. 228 ff. Die Täter solcher Übergriffe konnten, vor allem wenn
sie nicht der Partei angehörten, dafür aber noch vor Gericht gezogen und wegen Landfrie-
densbruch zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt werden (S. 232).
61
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In Franken wurden Bauern, die Hopfen an jüdische Händler verkauft hatten, mit umgehäng-
ten Plakaten als Volksverräter durch die Ortschaften geführt (Lagebericht des Regierungsprä-
sidenten von Ober- und Mittelfranken, in: Bayern in der NS-Zeit, S. 456).
62
M. Wildt, Gewaltpolitik, S. 24.
63
Vgl. für Niederwerrn, K.-H. Grossmann, Niederwerrner Juden, S. 150.
64
M. Wildt, Gewalt gegen Juden, S. 61 f.
230 Werner Bergmann

zeigen bei der Polizei führten bisweilen noch zu einem zeitweiligen Rückgang der
Übergriffe am Ort.
4) Bereits vor der „Reichskristallnacht“ 1938 gab es einzelne lokale Pogro-
me. Am Palmsonntag, dem 25. März 1934, gab es in der mittelfränkischen Stadt
Gunzenhausen ein Pogrom, an dem sich mit ca. 1500 Personen ein Drittel der
Ortsbevölkerung beteiligte65. Bereits seit Januar 1933 waren antijüdische Über-
griffe der lokalen SA in Gunzenhausen häufig vorgekommen. Allein für die Zeit
zwischen März 1933 und Januar 1934 lassen sich sechs größere Ausschreitungen
nachweisen, hinzu kamen Überfälle auf Gunzenhausener Juden, öffentliche An-
prangerungen und Sachbeschädigungen oft unter Beifall der Bevölkerung. Am 25.
März 1934 hielt nach von ihm provozierten Konflikten mit zwei einheimischen Ju-
den, bei denen der jüdische Gastwirt Strauss bewusstlos geschlagen worden war,
der örtliche 21-jährige SA-Führer vor der jüdischen Gastwirtschaft vor ca. 200
gewaltbereiten Zuhörern eine Brandrede, in der er zur Selbsthilfe gegen die Juden
aufrief und die Menge zur Gewalt ermunterte. Diese fiel nach der Zerstörung der
Gastwirtschaft dann in die anderen jüdischen Wohnungen ein und trieb 42 Juden
ins örtliche Gefängnis, wo sie misshandelt und schließlich in „Schutzhaft“ genom-
men wurden66. Es gab zwei Todesfälle, die als Selbstmorde hingestellt wurden.
In Gunzenhausen hielt sich wochenlang eine antijüdische Stimmung und es kam
zu erneuten Übergriffen, so dass die eingesetzte Polizeiverstärkung erst im Mai
wieder abgezogen werden konnte. Es fand ein Prozess gegen den SA-Führer und
20 weitere SA-Männer wegen Landfriedensbruch und anderer Delikte statt und sie
wurden zu Gefängnisstrafen zwischen drei und zehn Monaten verurteilt und aus
der SA ausgeschlossen. Noch bevor der örtliche SA-Führer in Haft ging, erschoss
er im Juli den jüdischen Gastwirt und verletzte dessen Sohn schwer. Im Revi-
sionsverfahren wurden alle SA-Männer freigesprochen, nur der SA-Führer erhielt
wegen Mordes bzw. Mordversuchs eine lebenslange Strafe (er fiel 1941 an der
Ostfront). Auch an anderen Orten, wie in Berlin, wo es im Sommer 1935 zu Aus-
schreitungen der SA- und der HJ gegen Eisdielen jüdischer Besitzer kam, schritt
die Polizei ein und schützte mit Posten gefährdete Objekte, was zu Protesten aus
dem Publikum führte67. Auch wenn also die Initiative zu Gewaltaktionen zumeist
bei der SA oder der HJ lag, so beteiligten sich doch Teile der Bevölkerung daran

65
Dok. 113 vom 5. April 1934, erschienen in der Wiener Wochenzeitung „Die Neue Welt“ 1934,
Nr. 354, vom 5.4., S. 1, abgedruckt in: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Ju-
den durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945, Bd. 1, S. 321–323; H. Scharf,
„Ich hatte nur die Absicht, die Ruhe und die Ordnung aufrecht zu erhalten“. Das Palmsonn-
tagspogrom am 25. März 1934 in Gunzenhausen, „Nurinst 2004. Jahrbuch des Nürnberger
Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts“ Jg. 3, 2004, S. 55.
66
Eine andere Quelle spricht von elf in Schutzhaft genommenen, zuvor misshandelten Juden,
vgl. Dok. 113, S. 321.
67
M. Wildt, Gewalt gegen Juden, S. 64.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 231
oder billigten zumindest die Gewalt gegen Juden als passives oder gar applau-
dierendes Publikum. Auch wenn viele diese pogromartige Gewalt missbilligten,
tolerierten sie diese und fühlten sich vom antijüdischen Terror nicht betroffen. So
legitimierten sie indirekt die Gewalt und damit vertiefte sich die Kluft zwischen
Juden und Nichtjuden68.
5) Die Novemberpogrome 1938 bildeten den Höhepunkt der antijüdischen Ge-
walt vor dem Krieg, obwohl die antijüdische Gewalt seitens der NSDAP bereits
im März 1938 drastisch zugenommen hatte, als eine Welle körperlicher Angriffe,
Erniedrigungen, Verhaftungen und Konfiszierungen die Juden Österreichs, insbe-
sonderein Wien getroffen hatte69. Diese Pogrome, die damals richtigerweise unter
dem Begriff „Judenaktionen“ liefen, waren von ganz oben, d. h. von Goebbels mit
Billigung Hitlers für das gesamte Reich angeordnet worden und keineswegs der
Ausdruck einer spontanen „Volkswut“ über die Ermordung des Diplomaten vom
Rath, wie es von Seiten der Nationalsozialisten behauptet wurde. Der Ermordung
vom Raths vorausgegangen war die plötzliche Verhaftung und Abschiebung von
17.000 polnischen Juden in der sogenannten „Polenaktion“, darunter die Familie
des Attentäters Herschel Grünspan, über die Grenze nach Polen, die dort z. T. von
den polnischen Grenztruppen zurückgewiesen, von den deutschen Truppen aber
wieder Richtung Polen getrieben wurden. Hintergrund war die Ankündigung der
polnischen Regierung, dass die Pässe von Auslandspolen nach dem 30. Oktober
1938 ihre Gültigkeit für die Einreise nach Polen verlieren würden, wenn sie nicht
mit einem Vermerk des polnischen Konsulates versehen wären. Daraufhin hatte
die deutsche Seite mit einer kollektiven Abschiebung vor dem 30. Oktober ge-
droht70.

68
P.  Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialistischen
Judenverfolgung, München 1998, S. 93, S. 109; vgl. zu Hannover: R. Fleiter, Stadtverwal-
tung, S. 137 ff.
69
D. Rabinovici, Instanzen der Ohnmacht. Wien 1938–1945. Der Weg zum Judenrat, Frank-
furt a. M.  2000; wie Longerich gezeigt hat, folgte dieser Welle pogromartiger Gewalt in
Österreich eine ähnliche Welle im „Altreich“ zwischen Juni und Oktober 1938, die eine Po-
gromstimmung unter den Nationalsozialisten erzeugte, die dann in der „Reichskristallnacht“
kulminierte (P. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 172–195).
70
Aufgrund des grassierenden Antisemitismus in Polen waren nach 1933 nur wenige Juden
dorthin zurückkehrt. Da die polnische Regierung jedoch befürchtete, der wachsende Druck
des NS-Regimes würde viele polnische Juden zur Rückkehr in ihr Heimatland motivieren,
gab sie im März 1938 bekannt, dass polnischen Staatsbürgern ihre Staatsangehörigkeit ent-
zogen werden könnte, wenn sie länger als fünf Jahre im Ausland lebten, was für viele „Ost-
juden“ in Deutschland zutraf. Die gewaltsame Abschiebungsaktion sollte verhindern, dass
die polnischen Juden, die damit staatenlos geworden wären, nicht mehr hätten abgeschoben
werden können T. Brinkmann, Migration und Transnationalität, Paderborn 2012, S. 128 f.;
J. Tomaszewski, Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung der polnischen Juden aus Deutsch-
land 1938, Osnabrück 2002.
232 Werner Bergmann

Träger der Gewalt in der „Reichskristallnacht“ waren vor allem Angehörige der
SA und der NSDAP71, zumeist gestandene Männer zwischen 30 und 50 Jahren,
doch zeigen neuere Lokalstudien, dass sich durchaus Teile der Bevölkerung den
Aktionen spontan anschlossen und sich an den Übergriffen gegen ihre Nachbarn
und an Plünderungen beteiligten, dies galt auch für Frauen und Kinder72. Man muss
zudem bedenken, dass bereits seit dem Frühsommer 1938 eine Gewaltwelle über
das Land gegangen war, in der Geschäfte von Juden beschmiert und zerstört, Syn-
agogen beschädigt, Friedhöfe geschändet und jüdische Nachbarn aus den Häusern
gezerrt (Leutershausen 14.10.1938), geschlagen und durch den Ort getrieben wor-
den waren. Bereits vor der am 9. November gestarteten „Reichskristallnacht“
waren einige regionale und lokale NS-Führer vorgeprescht und hatten am 7. No-
vember Pogrome organisiert (vor allem in Kurhessen)73. Die Bilanz der Novem-
berpogrome stellte alle früheren Gewaltaktionen in den Schatten: rund hundert
Juden waren ermordet worden, und es war zu Vergewaltigungen gekommen.
8000 Geschäfte und zahlreiche Synagogen waren zerstört oder demoliert worden.
Der Schaden belief sich auf mehrere hundert Millionen Reichsmark. Erstmalig
waren auch auf einen Schlag 30.000 jüdische Männer für einige Wochen ins KZ
verschleppt und nur unter der Auflage wieder freigelassen worden, Deutschland
zu verlassen. Die Reaktion der Bevölkerung auf die Gewaltorgie war gespalten: es
gab Mittäter und Bystander, die das Geschehen billigten, aber mehrheitlich hat die
deutsche Bevölkerung das Pogrom nicht gebilligt74. Es wird von ablehnenden Re-
aktionen berichtet, die sich zum Teil eher auf die materielle Zerstörung bezogen als
auf die jüdischen Opfer, doch auch von Schweigen und Scham. Kritische Stimmen
kamen auch von lokalen NS-Funktionären und von Teilen der NS-Führungselite,

71
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Die Literatur zu den Novemberpogromen ist inzwischen unüberschaubar. Immer noch wich-
tig ist das bereits erstmals 1954 erschienene Buch von H. Graml, Reichskristallnacht. Anti-
semitismus und Judenverfolgung im Dritten Reich, München 1988; D. Obst, „Reichskristall-
nacht“. Ursachen und Verlauf des antisemitischen Pogroms vom November 1938, Frankfurt
a. M. 1991.
72
Vgl. W.  Benz, The November Pogrom of 1938: Participation, Applause, Disapproval, in:
Exclusionary Violence. Antisemitic Riots in Modern German History, S. 141–160; M. Wildt,
Selbstermächtigung, S.  344, verweist auf den Fall der Stadt Treuchtlingen, wo in einem
Nachkriegsgerichtsverfahren 52 Männer und Frauen angeklagt waren, die nicht Angehörige
von SA und SS waren.
73
W.-A. Kropat, Kristallnacht in Hessen. Der Judenpogrom vom November 1938, Wiesbaden
1988.
74
I. Kershaw, Antisemitismus und Volksmeinung. Reaktionen auf die Judenverfolgung, in: Ba-
yern in der NS-Zeit, Bd. 2, hrsg. von M. Broszat, E. Fröhlich, München 1979, S. 281–348;
D. Bankier, Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die „Endlösung“ und die Deutschen.
Eine Berichtigung, Berlin 1995, S.  118–122; D. Obst, „Reichskristallnacht“, S.  319–348;
neuerdings: N. Deusing, Die Reaktionen der Bevölkerung auf die Judenverfolgungen in der
Reichspogromnacht, „Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte“ 2008, Bd. 10, S. 77–106.
Antijüdische Gewalt in Deutschland 233
die wie die SS-Führung den Radauantisemitismus ablehnten und auf forcierte Emi-
gration setzten. In der Tat lösten die Novemberpogrome und die Verhaftungswelle
Ende 1938 und 1939 eine neue Auswanderungswelle aus.

Zusammenfassung

Betrachten wir im Rückblick die Weimarer Republik und die Vorkriegsjahre


des NS-Regimes, dann wird sichtbar, dass sowohl offene Aufrufe zu Gewalt und
Pogromen („Ausrottung des Judenpacks“)75 sowie Akte individueller wie kollekti-
ver Gewalt gegen Juden nicht selten waren – auch wenn wir nicht über Statistiken
verfügen. Es wird auch deutlich, dass die NS-Bewegung, insbesondere die SA, die
als „Kampfbund eine neue Form politischer Organisation bildete“76, der Hauptträ-
ger dieser Gewalt seit der frühen Weimarer Republik war. Seit 1930 wird sie dann
dominant. Dabei mussten Gewaltaktionen keineswegs immer „von oben“ befohlen
werden, sondern es gab immer wieder spontane lokale Übergriffe. In vielen Fällen
lässt sich erkennen, dass sich durchaus auch die nicht-organisierte lokale Bevölke-
rung beteiligte. Gewalt wurde auch als Mittel der sozialen Kontrolle gegen solche
nichtjüdischen Personen angewandt, die weiterhin Kontakt mit Juden pflegten, um
letztere völlig von den „Ariern“ abzusondern.
Ziel dieser „exclusionary violence“, die von antisemitischer Hetze und Verhöh-
nung begleitet wurde, war also die gesellschaftliche Isolierung der Juden, die letzt-
lich den Ort bzw. das Land verlassen und damit „judenfrei“ werden sollten.
Inwiefern lässt sich sagen, dass damit auch der Boden für den Holocaust berei-
tet wurde? Gewalt zielte zwischen 1933–1939 nur selten auf die Ermordung von
Juden, sie sollte aber die Opfer etwa in den Prangerumzügen „dehumanisieren“,
sozial isolieren, deklassieren und als quasi „vogelfrei“ erscheinen lassen, zumal die
Übergriffe nicht oder nur sehr milde strafrechtlich geahndet wurden, obwohl sie bis
1945 strafbar waren. Damit trug die Gewalt dazu bei, Juden aus dem „universe of
moral obligation“ auszuschließen, eine Bedingung, die Helen Fein zu den wichti-
gen Voraussetzungen für den Übergang zum Genozid rechnet77. Armin Nolzen hat
auf drei weitere Funktionen der öffentlichen Gewalt gegen Juden hingewiesen:

75
4. Flugblatt des Deutschen Volksrates, 1919/20; zit. nach M. Thorns, Britisches und deutsches
Judentum, S. 32.
76
Vgl. S.  Reichardt, Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen
Faschismus und in der deutschen SA, Köln 2002.
77
H. Fein, Genocide. A Sociological Perspective, London 1993. Als Beispiel für dieses Fehlen
von Solidarität und für die Abwendung der Mehrheit von der jüdischen Minderheit siehe:
Jüdisches Leben in Deutschland, Vol. 3: Selbstzeugnisse zur Sozialgeschichte 1918–1945,
hrsg. von M. Richarz, Stuttgart 1982, S. 56.
234 Werner Bergmann

1) die Gewalt war integraler Bestandteil der propagandistischen Mobilisierung


der deutschen Bevölkerung und ihrer Motivierung, sich an der Gewalt gegen Juden
zu beteiligen;
2) sollte Druck auf die Ministerialbürokratie und die staatliche Verwaltung aus-
geübt werden, die Juden rechtlich auszugrenzen;
3) die Transformation von Parteimitgliedern, vor allem derjenigen, die nach
1933 beigetreten waren, in eine verschworene Gemeinschaft, da Gewalt als Mittel
der Gruppenintegration und Mobilisierung dienen kann78.
Darin steckt die Hypothese, dass die Bevölkerung sich nicht an antijüdischen
Ausschreitungen beteiligt hat, sondern diesen kritisch gegenüberstand und deshalb
die „legalen“ Diskriminierungen seitens des Staates vorzog. Auf der anderen Sei-
te stellt Nolzen aber richtig fest, dass „violence against Jews was not a marginal
phenomenon of some ,Nazi party radicals‘[...], but that it was a mass phenomenon
mainly put into practice by the party functionaries and members“79. Wenn man die
hohe Zahl der NSDAP-Mitglieder (ca. 8,5 Millionen im Jahre 1945) und die in ih-
ren Unterorganisationen in Rechnung stellt, ist es etwas irreführend, eine zu scharfe
Trennung zwischen der Partei und der Bevölkerung vorzunehmen80. Sicherlich war
die Unterstellung, die Gewalt gegen Juden sei ein Ausdruck der „Volkswut“, zu-
nächst eine unzutreffende Vorspiegelung, doch sie wurde in den Jahren nach 1933
immer mehr zu einer zutreffenden Beschreibung, als eine wachsende Zahl von Bür-
gern bereit war, an diesen Gewaltaktionen teilzunehmen81. Auf diese Weise wurden
viele Männer daran gewöhnt, Gewalt gegen hilflose jüdische Opfer anzuwenden.

78
Siehe A. Nolzen, The Nazi Party, S. 276 ff.
79
Ibidem, S. 281.
80
Dieses Argument gebraucht Nolzen selbst in seiner „Conclusion“: „Since we are speaking
about a mass movement that included all social groups and all conceivable material interests,
we should not make too sharp a distinction between ‘German society’ and ‘Nazi party’“ (ibi-
dem, S. 282).
81
Ibidem, S. 283. Vgl. auch W. Benz, The November Pogrom.

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