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■ Originalbeiträge

Miriam Grapp, Elisabeth Hutter, Heike Argstatter, Hans Volker Bolay

Heidelberger Musiktherapie bei Tinnitus

Kurzzeittherapie mit Langzeitwirkung1

»Heidelberg Model of Music Therapy« for patients with tinnitus –


Short-term therapy with long-term effects

Summary
Ringing in the ears is a common symptom that leads to a high level of discomfort. There are few
satisfactory therapeutic options when tinnitus has become chronic, for which reason the Viktor
Dulger Research Center at the German Center for Music Therapy Research has developed a
music therapy manual. Numerous empirical findings document a highly effective, efficient and
long-term robust concept. Neuro-imaging displayed a curative reorganization of tinnitus-related
networks in the brain. An extra-occupational offering of advanced training will be extended.

Zusammenfassung
Ohrgeräusche stellen ein weit verbreitetes Phänomen dar, das häufig zu großem Leidensdruck
für die Patienten führt. Zufriedenstellende Behandlungsmöglichkeiten sind nach einer Chronifi-
zierung des Symptoms jedoch rar, weshalb das Viktor Dulger-Forschungsinstitut am Deutschen
Zentrum für Musiktherapieforschung in Heidelberg ein manualisiertes, musiktherapeutisches
Konzept entwickelt hat. In zahlreichen wissenschaftlichen Überprüfungen erwies sich das Kon-
zept als hoch wirksam, effizient und die Wirkung als zeitlich stabil. Bildgebende Verfahren zeigten
eine kurative Reorganisation in Tinnitus-relevanten neuronalen Netzwerken. Ein berufsbeglei-
tendes Weiterbildungsangebot soll ausgebaut werden.

Keywords
Tinnitus, music therapy, review of evidence base

1 Wir bedanken uns für die ausgesprochen kollegiale Zusammenarbeit besonders bei folgenden
Kollegen: Profs. Drs. Plinkert, Hoth HNO-Klinik der Universität Heidelberg, Prof. Dr. Reith,
Dr. Krick Universitätsklinikum für Interventionelle Neuroradiologie Homburg/Saar und
Prof. Dr. Strauß Computational Diagnostics & Biocybernetics Unit der Universität des Saar-
landes
Musiktherapeutische Umschau, 33, 1 (2011), S. 5–17
© Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011, ISSN 0172–5505

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Was ist Tinnitus?

Viele kennen das Phänomen, ein störendes Pfeifen oder unangenehmes Rauschen
in den Ohren wahrzunehmen, ohne dafür eine äußere Lärmquelle zu finden. Häu-
fig wird diese zum Teil äußerst beunruhigende Erfahrung nach lauten Konzerten
oder Diskothekbesuchen gemacht. Insgesamt erlebt etwa ein Viertel der Deutschen
zumindest ein Mal im Leben diese Ohrgeräusche ohne äußere Schallquelle, die als
»Tinnitus« (lat. »tinnitus aurium« = »Ohrenklingeln«) bezeichnet werden. Meistens
verstummen diese Geräusche nach wenigen Stunden wieder, jedoch nicht bei allen,
was zu enormem Leidensdruck für die Betroffenen führen kann. Diese Patienten
leiden häufig tinnitusbedingt an Schlafstörungen, Aufmerksamkeitsproblemen, De-
pressionen und Angststörungen. Angaben zur Prävalenz von Ohrgeräuschen lassen
auf eine weite Verbreitung des Symptoms schließen. Neumann (2001) spricht in
ihrem Überblick in der Musiktherapeutischen Umschau von 2,7 Millionen Betrof-
fenen, Pilgram et al. (1999) von 4 % der Deutschen, die an Tinnitus leiden, und
Streppel et al. (2006) von 1,5 Millionen behandlungsbedürftigen Patienten.
Eine Einteilung des Tinnitus erfolgt entsprechend den AWMF-Leitlinien Tinni-
tus (AWMF 2010) nach der Ätiologie, dem Ort der Verursachung, dem Zeitverlauf
und den Auswirkungen der Ohrgeräusche. Von akutem Tinnitus wird bei einer
Dauer von weniger als drei Monaten gesprochen, von chronischem Tinnitus ab
einer Dauer von drei oder sechs Monaten (Hesse 2008). Da sich die von den Pati-
enten wahrgenommenen Klänge, die häufig als »Pfeifen«, »Klingeln«, »Summen«,
»Zischen« oder »Brummen« beschrieben werden, individuell stark unterscheiden,
kann für eine Differenzierung der Ohrgeräusche auch die Geräuschqualität erfasst
werden. Bei »tonalem« Tinnitus liegt ein klarer Ton oder ein Schmalbandrauschen
mit eindeutiger Hauptfrequenz vor, wohingegen ein »nicht-tonaler« Tinnitus ein
Rauschen ohne klares tonales Zentrum ist. Etwa 40 % der Patienten beschreiben
ihren Tinnitus als »tonal« und etwa 60 % mit Wörtern, die nicht-tonalen Geräu-
schen entsprechen, wobei jedoch auch Überlappungen der beiden Tonqualitäten
auftreten (Kodama & Kitahara 1990; Lockwood et al. 2002).
So individuell verschieden die Klänge wahrgenommen werden, so unterschied-
lich können auch die Ursachen dafür sein. Beispielsweise können Funktionsstörun-
gen im Mittelohr (wie Infektionen oder Otosklerose), Hörstürze, Knalltraumata,
Herz-Kreislauf-Probleme oder auch orthopädische Probleme im Hals-Schulter-
Bereich Ohrgeräusche verursachen (Streppel et al. 2006). Trotz dieser vielfältigen
»peripheren« Faktoren liegen die Ursachen für einen chronifizierten Tinnitus bei
über 90 % aller Patienten auf Ebene des Gehirns. Neben Veränderungen in den
Hörarealen, sind hierbei vor allem Strukturen beteiligt, die nicht unmittelbar mit
dem Hören zu tun haben (Mühlau et al. 2006; Weisz et al. 2005). In bildgebenden
Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass die chronischen Ohrgeräusche
aus einem komplexen Zusammenspiel verschiedener neuronaler Zentren, unter
anderem das limbische System und Aufmerksamkeitsareale (vgl. Abb. 1), resultie-
ren (Argstatter et al. 2008; Schlee et al. 2008; Adjamjan et al. 2009). In der aktuellen
Diskussion um mögliche Entstehungshypothesen von Tinnitus spielen überdies

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fehlerhafte neuronale Filtermechanismen eine bedeutende Rolle (Rauschecker et


al. 2010).

Abb. 1: Schematische Darstellung der an der Tinnitus-Pathophysiologie beteiligten Gehirnareale

Therapieangebote gegen chronischen Tinnitus

Häufig sind Aussagen wie »Damit muss man leben« oder »Hören Sie einfach nicht
hin« alles, was Patienten mit chronischem Tinnitus geraten wird. Während bei
akutem Tinnitus eine medikamentenbasierte Therapie durchgeführt wird, heißt
es bei unveränderter Symptomatik nach Akut-Therapie, dass es nun keine zufrie-
denstellenden Behandlungsmöglichkeiten mehr gäbe. Bisherige therapeutische

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Verfahren für chronischen Tinnitus gehen nicht von einem kurativen Ansatz aus
(AWMF 2010). Bei psychologisch orientierten Tinnitus-Therapien wie der kogni-
tiven Verhaltenstherapie (»cognitive behavioural therapy«) stehen Psychoeduka-
tion, Entspannung, kognitive Umstrukturierung und Habituation im Fokus der
Behandlung (Martinez Devesa et al. 2007).
Auch musiktherapeutische Ansätze spielen in der Tinnitus-Therapie eine bedeu-
tende Rolle. So beschreibt Spiegler (2000) sein Konzept der Therapie durch Tin-
nitus-Trance und Valentin (2001) ihr Konzept einer multimodalen Musiktherapie,
der Audio-Kommunikation, mit vorwiegend rezeptiven Elementen. Eine aktive
Musiktherapie wird von Neugebauer (2001) erläutert.
Neu entwickelte Verfahren setzen zunehmend auf akustisches Wahrnehmungs-
training und Neurostimulation (Hoare et al. 2010). Zu diesen Behandlungsmaß-
nahmen zählt die auditorische Stimulation des Gehirns mit breitem Frequenzband
durch sog. »Neuromonics« (Hanley & Davis 2008), das Hören von Musik, aus der
die Tinnitus-Frequenz herausgefiltert wurde, um somit den Cortex zu reorganisie-
ren (»tailor-made notched music«; Okamoto et al. 2010) oder auch Hörhilfen mit
speziellen Programmen der Verstärkung und Stimulation (Sweetow & Sabes 2010).
Studien liefern unterschiedliche Ergebnisse bezüglich der Wirksamkeit dieser Ver-
fahren, wobei eine Kombination mit einem Counselling oder psychologischen
Verfahren angeraten wird (Hobson et al. 2010; Sweetow & Sabes 2010).

Heidelberger Musiktherapie gegen chronischen Tinnitus

Seit 2004 hat sich das Viktor Dulger-Forschungsinstitut am Deutschen Zentrum


für Musiktherapieforschung in Heidelberg (DZM) mit der Behandlung von Tin-
nitus als einem Arbeitsschwerpunkt beschäftigt. Das federführend vom DZM in
einer interdisziplinären Forschergruppe2 entwickelte musiktherapeutische Behand-
lungskonzept für chronischen Tinnitus wurde inzwischen nach wissenschaftlichen
Kriterien auf seine Wirksamkeit überprüft (Argstatter 2009).
Das Heidelberger Musiktherapiemanual trägt mit seinem multimodalen Ansatz
den aktuellen Erkenntnissen der Neurophysiologie und -psychologie Rechnung.
Verschiedene (psycho-)therapeutische Basiskonzepte werden integriert und in
Form von fünf »Bausteinen« realisiert. Die Umsetzung der Therapie erfolgt in neun
Therapieeinheiten im Rahmen einer Kompaktwoche (Montag bis Freitag) mit je
zwei bis drei Terminen täglich.

Baustein 1: Counselling

2 Die Forschergruppe setzt sich zusammen aus: Prof. Dr. Bolay, Dr. Argstatter, Dipl.-Psych.
Grapp, Dipl.-Psych. Hutter (DZM), Profs. Drs. Plinkert, Hoth HNO-Uniklinik Heidelberg,
Prof. Dr. Reith, Dr. Krick Uniklinik für Interventionelle Neuroradiologie Homburg/Saar und
Prof. Dr. Strauß Computational Diagnostics & Biocybernetics Unit der Universität des Saar-
landes

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Im Rahmen der ersten Therapiesitzung erhalten die Patienten ein ausführliches


psychoedukatives »Counselling«. Hierin werden zunächst das dem musikthera-
peutischen Konzept zugrunde liegende neurowissenschaftliche Krankheitsmodell
vermittelt sowie die wesentlichen Bausteine der Therapie erläutert.
Anschließend wird ein sogenanntes Tinnitusäquivalent erstellt, indem bei
tonalem Tinnitus mit einem Sinusgenerator oder bei Tinnitusrauschen mit einer
speziell entwickelten Software der individuelle Tinnitus hinsichtlich Lautstärke
und Frequenz nachgebildet wird. Dieses Tinnitusäquivalent dient im weiteren
Therapieverlauf als Basis für die aktiven wie rezeptiven tinnitusspezifischen Inter-
ventionen. Die individuellen Ohrgeräusche werden somit für den therapeutischen
Prozess nutzbar gemacht.

Baustein 2: Resonanzübung

Durch die schleifenartige Intonation der Silbe »ng«, innerhalb der Therapiesitzun-
gen am großen Gong ausgeführt, sollen die kraniozervikalen Resonanzräume ange-
regt werden. Mit dieser Resonanzübung soll sowohl eine gesteigerte Durchblutung
im gesamten Kopfbereich – und damit auch in Tinnitus relevanten Hirnarealen –
als auch die Stimulation der Hörbahn über somatosensorische Innervationen erzielt
werden. Die Resonanzerzeugung lässt sich an sogenannten »Triggerpunkten« an
der Nasenwurzel, der Stirn- und Nebenhöhle sowie am Rücken überprüfen. Bei
korrekter Ausführung der Übung ist an diesen Punkten, deren Einfluss auf die Tin-
nituswahrnehmung auch in anderen Studien (z. B. Reisshauer et al. 2006) genannt
wird, ein deutliches Vibrieren spürbar. Während der gesamten Dauer der Thera-
pie wird die Resonanzübung zwischen den Therapieeinheiten in regelmäßigen
Abständen eigenständig durchgeführt. Mit dieser Übung erlernen die Patienten
zum einen, ihren individuellen Tinnituston aktiv zu maskieren. Zum anderen soll
durch die kontinuierliche Durchblutungssteigerung und Sensibilisierung in den
genannten Bereichen die Reorganisation der Tonotopie im auditorischen Cortex
unterstützt werden (Baustein 3).

Baustein 3: Neuroauditive Cortexprogrammierung

Bei der neuroauditiven Cortexprogrammierung handelt es sich um ein musikali-


sches Hör-, Aufmerksamkeits- und Intonationstraining mit für den Patienten mög-
lichst unbekannten abstrakten Tonfolgen. Üblicherweise tritt in Zusammenhang
mit chronischem Tinnitus eine Hörminderung im Bereich der Tinnitusfrequenz
(und somit auch des oktavierten Tinnitusäquivalents) auf. Diese für die Patienten
individuell kritischen und fehlerhaften Tonbereiche sollen gezielt trainiert werden.
Dadurch wird neben einer Steigerung und gezielten Steuerung der Aufmerksamkeit
auch eine neuronale Reorganisation im Hörzentrum des Gehirns erreicht. Eine
direkte Folge dieses Trainings ist die Verbesserung des Hörvermögens und der
Diskriminationsfähigkeit, wodurch der Umgang in alltäglichen Situationen (z. B.
Richtungshören und Gespräche) erleichtert wird.

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Baustein 4: Tinnituslandkarte

Mit der Tinnituslandkarte arbeiten Patienten Situationen heraus, in denen sie ihren
Tinnitus lauter, präsenter und penetranter aber auch leiser, weniger präsent und
weniger penetrant wahrnehmen. Den Patienten wird dadurch die Abhängigkeit
ihres Tinnitus von bestimmten Situationen bewusst, die sie oft selbst steuern kön-
nen. Der Tinnitus verliert so seinen Bedrohlichkeitscharakter und die Selbstwirk-
samkeitsüberzeugung der Patienten wird gestärkt. Die Situationen, die den Tinni-
tus am stärksten negativ beeinflussen, werden in der Tinnitusdekonditionierung
(Baustein 5) bearbeitet.

Baustein 5: Tinnitusdekonditionierung

Mithilfe des »Entspannungstrainings nach musiktherapeutischen Gesichtspunkten«


nach Bolay & Selle (1982) und der Generierung eines »Wohlfühlbildes« aus einer
konkreten positiven Erinnerung der Patienten wird ein physiologischer Entspan-
nungszustand erreicht. Während der Entspannungsphase wird der individuelle Tin-
nituston mit dem Sinusgenerator intermittierend eingespielt, um eine Entkopplung
des Tinnitus von physiologischen Erregungszuständen und aversiven Assoziationen
zu erreichen. Zusätzlich werden konkrete Situationen aus der Tinnituslandkarte
imaginativ in die Dekonditionierung eingebaut und bearbeitet. Durch begleitende
psychophysiologische Messungen wird dieser Vorgang kontrolliert.

Überprüfung und Weiterentwicklung der Therapie

Nach der Entwicklung des oben beschriebenen musiktherapeutischen Manuals


wurde zunächst eine Pilotstudie an 20 Patienten mit chronischem, tonalen Tinnitus
durchgeführt, um einen ersten Anhaltspunkt für die Wirksamkeit zu bekommen
(Argstatter et al. 2005; Argstatter, Plinkert & Bolay 2007). Die Patientengruppe
wurde in eine Therapie- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt und vor und nach der
Therapie sowie drei Monate nach Beendigung der Therapie mit dem Tinnitus-
Fragebogen über ihre Symptomatik und Belastung durch den Tinnitus befragt. Die
Patienten in der Therapiegruppe konnten mit 53 % Verbesserung der Symptomatik
durch die Therapie stark und nachhaltig profitieren. Die Kontrollgruppe, in der
nur eine Beratung stattfand, zeigte lediglich 5 % Verbesserung ihrer Symptomatik.
Aufgrund dieser bestätigenden Ergebnisse wurde ein umfangreiches Projekt
gestartet, das die Therapiewirkung auf psychologischer und klinischer Ebene, aber
auch auf neuronaler Ebene anhand einer größeren Patientenzahl darlegen sollte.
An 179 Patienten konnte eine über 6 Monate stabile, klinisch sehr bedeutsame Ver-
besserung der Tinnitus-Symptomatik gegenüber einer Kontrollgruppe festgestellt
werden (Argstatter et al. 2008). Insgesamt profitierten 82 % der Patienten von der
Therapie und verspürten eine deutliche Symptomlinderung oder -löschung. Auch
in einer objektiven audiometrischen Untersuchung, der CERA (cortical evoked

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response audiometry), spiegelte sich die in Fragebögen gemessene klinische Ver-


besserung der Hörfähigkeit wider (Argstatter, Bolay et al. 2007). Das Therapiever-
fahren übertraf den Wirksamkeitseffekt und die Stabilität der Verbesserung von
anderen, etablierten Therapieverfahren wie der Tinnitus-Retraining-Therapie, der
Tinnitus-Bewältigungstherapie und der kognitiven Bewältigungstherapie (Argstat-
ter et al. 2008).
Da das Ziel der Therapie ein kuratives Eingreifen in die verschiedenen Tinnitus-
relevanten Netzwerke im Gehirn ist, wurde die Wirksamkeit auch mithilfe bildge-
bender Verfahren überprüft. In zwei Kontrollerhebungen vor und nach der Thera-
pie wurde die Gehirnaktivität in einer funktionellen Kernspintomographie bei 40
Patienten gemessen (Argstatter et al. 2008). Hierbei zeigte sich nach der Therapie
eine vermehrte neuronale Aktivität in frontoparietalen Aufmerksamkeitsarealen,
was für eine bessere Aufmerksamkeitslenkung spricht. Weitere therapeutische
Effekte ergaben sich in der emotionalen Verarbeitung des zusätzlich eingespiel-
ten Tinnitustons, die sich in Abhängigkeit vom psychologischen Therapieerfolg
veränderte. Schließlich zeigte sich, dass die Therapie auch auf struktureller Ebene
mikroanatomische Veränderungen im Gehirn zur Folge hatte, wie auch in Abbil-
dung 2 ersichtlich wird (Krick et al. 2011). Dargestellt ist ein gruppenbasierter
statistischer Vergleich von 21 Patienten mit tonalem Tinnitus vor versus nach der
Musiktherapie.
Die Abbildung verdeutlicht einen Zuwachs an grauer Substanz des Gehirns wäh-
rend der Therapie in Arealen, die für die Aufmerksamkeitssteuerung von auditiven
Wahrnehmungen und für emotionale Regulationsmechanismen zuständig sind.

Die Gehirnregionen, in denen das


Volumen der grauen Substanz nach
der Therapie signifikant zugenom-
men hat, sind farblich gekennzeich-
net:
1 = Heschl’s gyrus
(Primärer Auditorischer Kortex),
2 = Cingulärer Kortex,
3 = inferiore frontale Kortexareale,
4 = Striatum (Nucleus Caudatus),
5 = Medio-temporaler Kortex
(insb. Hippocampus)
Die Skala repräsentiert die dazu
gehörigen T-Werte.

Abb. 2: Zuwachs an grauer Substanz durch Musiktherapie (Krick et al. 2011)

Insgesamt zeigten die umfangreichen Untersuchungen sowohl auf psychologischer


als auch auf neuronaler Ebene, dass durch die Heidelberger Musiktherapie eine

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effektive Verbesserung der Symptomatik und ein heilendes Eingreifen in die Ent-
stehung des chronischen Tinnitus im Gehirn erreicht werden kann.
Nach diesen vielversprechenden Ergebnissen in der Musiktherapie bei tonalem
Tinnitus wagte sich die Forschergruppe ab 2009 an die Entwicklung einer manua-
lisierten Musiktherapie für nicht-tonalen Tinnitus, also Ohrgeräusche in Form von
Rauschen ohne klares tonales Zentrum (Argstatter et al. 2010). An 34 Patienten
mit nicht-tonalem Tinnitus zeigte sich die Heidelberger Musiktherapie genauso
wirksam wie bei einer vergleichbaren Gruppe an Patienten mit tonalem Tinnitus:
Die Belastung durch die Symptomatik nahm bei 91 % der Patienten deutlich um
durchschnittlich 48 % ab, wobei diese Verbesserung über sechs Monate stabil war.
In bildgebenden Verfahren konnten diese Befunde unterstützt werden, da sich
durch die Therapie neuronale Veränderungen in Arealen wie der Insula, die für
die emotionale Verarbeitung von Eindrücken zuständig sind, ergaben und wie bei
Patienten mit tonalem Tinnitus insbesondere nicht-auditive Strukturen Regulati-
onsinstanzen darstellten.
Schließlich konnte die Forschergruppe 2010/2011 in einer Langzeitstudie
(n=189) nachweisen, dass die Behandlungseffekte durchschnittlich 2,65 Jahren
nach Abschluss der musiktherapeutischen Behandlung stabil sind (Argstatter et al.
2011). Einen Überblick über die beschriebenen Untersuchungen gibt die Tabelle 1.
Tabelle 1: Projekte zur Musiktherapie des chronischen Tinnitus
Zeitraum Ziel
Projekt 1: 2004/2005 Entwicklung einer Musiktherapie für chronisch-tonalen Tin-
nitus (N = 20)
Projekt 2: 2005/2006 Effektivitätsüberprüfung der Musiktherapie bei chronisch-
tonalem Tinnitus (N = 179)
Projekt 3: 2006/2007 Überprüfung der Wirksamkeit mit bildgebenden Verfahren
(N = 40)
Projekt 4: 2008 Erweiterung auf »Tinnitus-Rauschen« (N = 34)
Projekt 5: 2009 Wirkfaktorenanalyse à welche Anteile an der Therapie machen
den Effekt aus? (N = 15)
Projekt 6: 2010/2011 Übertragung in die Regelversorgung (N = 879)
Projekt 7: 2011 Langzeiteffekte (N = 189)

Neben den insgesamt hohen Erfolgsquoten der musikbasierten Intervention hat


das Heidelberger Modell einige entscheidende Vorteile gegenüber anderen wirk-
samen akustischen Therapien wie den Neuromonics (Hanley & Davis 2008) oder
der Neurostimulation (Okamoto et al. 2010):
− Im Gegensatz zu rein passiven Verfahren werden die aktive Einflussnahme
und die Stärkung der Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Patienten gegen-
über ihrer Symptomatik betont.
− Die Heidelberger Musiktherapie vereinigt sowohl aktive als auch rezeptive An-

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sätze in einer Therapieform. Damit ist eine multifaktorielle Therapie auf ver-
schiedenen Ebenen möglich.
− Die Heidelberger Musiktherapie ist bio-psycho-sozial ausgerichtet und kann
sich dadurch viel stärker an den individuellen Bedürfnissen der Patienten ori-
entieren.
− Die Heidelberger Musiktherapie dauert nur fünf Tage (»Neurostimulator«
oder auch »Neuromonics« dauern Monate bis Jahre).

Weitere Projekte und Ausblick

− Basierend auf den bisherigen Erkenntnissen und therapeutischen Erfolgen bei


chronischem Tinnitus wurde nun das Therapieangebot auf Tinnituspatienten
mit einseitigem Cochlea-Implantat erweitert. Diese elektrischen Innenohrpro-
thesen können bei Gehörlosigkeit aufgrund einer Schädigung des Innenohres,
die häufig mit Tinnitus verbunden ist, ein neues Hören ermöglichen.
− Zudem wird derzeit ein Behandlungsmodell entwickelt für Menschen mit aku-
tem Tinnitus, bei denen die klassische Akuttherapie (Infusionstherapie etc.)
keinen Erfolg brachte. In Zusammenarbeit mit der HNO-Klinik der Universi-
tät Heidelberg und der Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuro-
radiologie des Universitätsklinikums des Saarlandes soll dieses Projekt durch
eine Kombination von bildgebenden, audiologischen und psychologischen
Verfahren evaluiert werden.
− Die gegenwärtig in der Revision befindliche Therapie-Leitlinien für Tinnitus
in der HNO-Medizin (S3 Leitlinie) wird die Heidelberger Musiktherapie be-
rücksichtigen und somit den Weg dieser musiktherapeutischen Behandlung
zu einer kassenpflichtigen Leistung abschließend ebnen.
− Vor diesem Hintergrund hat der Vorstand des DZM Anfang 2011 beschlossen,
ein berufsbegleitendes Weiterbildungsangebot vorzubereiten, das den Start-
schuss geben soll für ein weiteres »Familienmitglied im DZM«, einem Institut
für berufsbegleitende Weiterbildung. In diesem Institut sollen die bisherigen
Bildungsangebote wie z. B. die Ärztefortbildungsmaßnahmen zusammenge-
fasst und weiter ausgebaut werden.

Fallvignette einer Kompakttherapie

Anamnese

Die Patientin W. ist 51 Jahre alt und leidet seit einer Nebenhöhlenentzündung
vor zehn Jahren an chronischem Tinnitus, der in beiden Ohren, vor allem aber
rechtsseitig zu hören ist. Die Patientin beschreibt ihren Tinnitus als »hohes Pfeifen,
wie bei einer Rückkopplung«. Es handelt sich hier also um einen tonalen Tinnitus,
dessen Frequenz vor Therapiebeginn bei 4.811 Hz gemessen werden konnte. Der

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Tinnitus zeigt sich bei der Patientin mit einigen tageszeitlichen Schwankungen, vor
allem unmittelbar nach dem Aufwachen und abends sei er sehr laut.
Der mit dem Tinnitusfragebogen (TF; Goebel & Hiller 1998) ermittelte Schwe-
regrad der psychosozialen Tinnitusbelastung liegt für die Patientin zum Zeitpunkt
der Eingangsuntersuchung bei einem TF-Score von TF = 46, was einem Prozent-
wert von 78 % und einer mittel- bis schwergradigen Belastung entspricht. In der
musiktherapeutischen Anamnese gibt die Patientin an, dass sie nicht aktiv musi-
ziere, jedoch gerne Musik höre und ihr Musik generell wichtig sei.

Therapieverlauf

Die Therapie beginnt mit einem ausgiebigen Counselling. Darin wird neben der
Vermittlung eines neurowissenschaftlichen Krankheitsmodells herausgearbeitet,
dass die Patientin vor allem beim konzentrierten Arbeiten sowie beim ein Ein- und
Durchschlafen erheblich unter ihrem Tinnitus leidet. Die daran anschließende
Generierung eines Tinnitusäquivalents am Sinusgenerator ist problemlos möglich,
der Ton wird als »d« identifiziert.
Im aktiven Teil der Musiktherapie wird die Patientin zunächst behutsam an die
Resonanzübung herangeführt. Mit Unterstützung des Gongs kann bei ihr durch
die schleifenartige Intonation der Silbe »ng« eine sehr eindrückliche Resonanz-
wirkung erreicht werden. Diese regt die Durchblutung im gesamten Kopfbereich
stark an und führt bei der Patientin zudem zu einer zeitweiligen Maskierung der
Ohrgeräusche. Die Aufmerksamkeits- und Intonationsübungen im Rahmen der

Abb. 4: Symptomveränderung: TF-Wert

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neuroauditiven Cortexprogrammierung fallen ihr zu Beginn der Therapie schwer,


vor allem im Tonbereich um das Tinnitusäquivalent »d« herum. Hier ist jedoch im
Therapieverlauf eine deutliche Verbesserung erkennbar, die Patienten registriert
ihre »falschen Töne« immer zuverlässiger und wird in der Intonation zunehmend
sicherer.
Die Tinnitussymptomatik beginnt bereits am zweiten Therapietag stark auf diese
Interventionen zu reagieren: der Tinnitus wird sehr variabel hinsichtlich Lautstärke
und Frequenz, teilweise setzt er sogar ganz aus.
Im rezeptiven Teil der Behandlung ist die Patientin während der musik-
therapeutischen Entspannung zunächst emotional sehr erregt, da sie an einen
Urlaub mit ihrem kürzlich verstorbenen Vater erinnert wird und daraufhin mit
zuviel Druck und Ehrgeiz zu ihrem Wohlfühlbild durchdringen will. Doch es
gelingt ihr schnell, ein stabiles Wohlfühlbild herzustellen, vor allem wenn sie mit
Ruhe und Gelassenheit an diese Übung herangeht. Die kontinuierlich besser wer-
dende Entspannungsfähigkeit ist nicht nur für die Patientin subjektiv spürbar,
sondern sie lässt sich auch in den begleitenden psychophysiologischen Messungen
nachvollziehen. Mit Hilfe der Tinnituslandkarte werden Alltagssituationen iden-
tifiziert, die den Tinnitus positiv bzw. negativ beeinflussen. Bei Frau W. zeigt sich,
dass sich z. B. die Situation »Personalgespräche mit Mitarbeitern« stark symptom-
verstärkend auswirkt. In der Tinnitusdekonditionierung werden diese Stressoren
zusammen mit der zusätzlich eingespielten eigenen Tinnitusfrequenz in die Ent-
spannungsübung eingebaut. Der Patientin gelingt es dabei zunehmend, das Wohl-
fühlbild effizient einzusetzen und damit den Stressoren aktiv entgegen zu steuern.

Therapieergebnis

Im Laufe der fünftägigen Kompaktwoche konnte die Tinnitusfrequenz bei Frau


W. deutlich flexibilisiert und von 4811 Hz auf 938 Hz reduziert werden. Der Fre-
quenzverlauf während der Therapiewoche ist in Abbildung 3 dargestellt.

Abb. 3: Symptomveränderung: Frequenz

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Die psychosoziale Tinnitusbelastung sinkt von dem eingangs gemessenen TF-


Prozentwert von 78 % (mittel- bis schwergradige Belastung) auf einen Wert von
30 % (leichtgradige Belastung) am Ende der Therapiewoche. Dieser Therapieerfolgt
erweist sich – wie in Abbildung 4 ersichtlich – auch in einer Nachuntersuchung
vier Monate nach Therapieende als stabil.

Auch im subjektiven Erleben der Patientin spiegeln sich der Therapieerfolg und
die Zufriedenheit mit der Therapie wider. Die Patientin berichtet, dass die Ohr-
geräusche nur noch sehr leise und selten wahrnehmbar seien. Einschränkungen
beim Schlafen und konzentriertem Arbeiten müsse sie nicht mehr in Kauf nehmen.

Literatur
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Argstatter, H. (2009): Heidelberger Musiktherapiemanual: Chronisch-tonaler Tinnitus. Berlin:
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Argstatter, H., Bolay, H.V., Hoth, S., Plinkert, P. (2007): Musiktherapie bei Tinnitus – Elektrophy-
siologischer Wirkungsnachweis (CERA). Klinische Neurophysiologie 1, 67.
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