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Originalien

HNO 2010 · 58:1085–1093 H. Argstatter1, 4 · C. Krick2 · P. Plinkert3 · H.V. Bolay1, 4


DOI 10.1007/s00106-010-2113-y 1 Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung (Viktor Dulger Institut), Heidelberg
Online publiziert: 1. September 2010 2 Klinik für Diagnostische und Interventionelle Neuroradiologie
© Springer-Verlag 2010
der Universität des Saarlandes, Homburg/Saar
3 Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik Heidelberg
Redaktion 4 Fakultät für Musiktherapie, SRH Hochschule Heidelberg
P.K. Plinkert, Heidelberg

Musiktherapie bei
nichttonalem Tinnitus
(Tinnitusrauschen)
Konzeptentwicklung und
Behandlungsevaluation

Chronischer Tinnitus ist eine sehr häufige nalem Tinnitus organisch verursacht sind gen und wieder Vertrauen in ihr Gehör
Erkrankung. Laut Studien zur Prävalenz wie z. B. bei M. Menière oder Otosklerose. zurückzugewinnen. Psychische und psy-
von Tinnitus gibt es in Deutschland der- Bis zu 60% der Patienten mit subjektivem chosomatische Beschwerden spielen zwar
zeit mehr als eine Million potenziell be- Tinnitus geben (auch) ein „Rauschen“ an in Genese und Aufrechterhaltung der Tin-
handlungsbedürftige Tinnituspatienten [12, 15]. nitusproblematik eine entscheidende Rol-
[16]. Um eine optimale Behandlung si- Trotz der Erfassung der Klangquali- le, werden von den Patienten selbst aber
cherzustellen, wird im Rahmen der Evi- tät in der Anamnese wird in gängigen Be- i. d. R. nicht als wichtigster „Behand-
denzbasierung eine möglichst suffiziente handlungsmodellen des subjektiven, chro- lungsauftrag“ definiert.
Klassifikation der Symptomatik gefor- nischen Tinnitus keine Unterscheidung Für die Subgruppe der Patienten, die
dert. Üblicherweise erfolgen die Eintei- nach der Klangqualität gemacht [5, 18, unter tonalem Tinnitus mit eindeutiger
lungen dabei nach Ätiologie oder Entste- 19]. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Frequenz leiden, wurde in unserer in-
hungsmechanismen, Zeitverlauf (akut vs. Therapiefokus in medikamentösen Ver- terdisziplinären Arbeitsgruppe mit dem
chronisch) sowie der subjektiven Belas- fahren, wie der hämorheologischen Be- „Heidelberger Modell zur musikthera-
tung der Patienten (Definition verschie- handlung von akuten cochleären Funkti- peutischen Behandlung von chronisch-
dener „Schweregrade“; [11]). Die Dimen- onsstörungen unabhängig von der Klang- tonalem Tinnitus“ bereits ein symptom-
sion „Klangqualität“ ist derzeit nicht als qualität ist. In psychologischen Therapien spezifisches, effizientes und wirksames
Klassifikationskriterium in den ADANO- liegt der Behandlungsansatz eher auf der Therapiemanual entwickelt [1]. Bei rund
Leitlinien (ADANO: Arbeitsgemeinschaft Habituation an die Ohrgeräusche, und/ 80% der Patienten konnte einer deut-
Deutschsprachiger Audiologen und Neu- oder es werden psychosomatische/psy- liche Symptomverbesserung bzw. Symp-
rootologen) aufgeführt. Sie wird aller- chologische Beschwerden wie Depressi- tomauflösung erreicht werden [2]. Re-
dings im Rahmen der Anamnese übli- onen, Ängste oder Schlafprobleme be- sultate aus elektrophysiologischen Mes-
cherweise exploriert oder sogar audio- handelt. Deshalb besteht keine Notwen- sungen stützen die psychologischen Be-
metrisch (Sinuston, Schmal- oder Breit- digkeit, die Klangqualität in den Thera- funde, wonach die Patienten ihr Gehör
bandrauschen) bestimmt [7]. Bei der sub- pieprozess einzubeziehen. nach der Musiktherapie subjektiv bes-
jektiven Beschreibung können grob die Chronische Ohrgeräusche stellen für ser steuern können und ihren Tinnitus
Kategorien „tonal“ (z. B. Pfeifen, Klin- die Betroffenen allerdings primär ein deutlich weniger penetrant wahrnehmen
geln, Summen, Zirpen) und „nichttonal“ Problem der auditiven Wahrnehmung [13]. Mittels funktioneller Magnetreso-
(z. B. Rauschen, Brummen, Surren, Kna- und Aufmerksamkeit dar [6]. Die Pati- nanztomographie (fMRT) konnte zu-
cken, Knistern, Rumpeln) unterschieden enten kommen daher überwiegend mit dem ein neurologisches Netzwerk identi-
werden. Epidemiologische Studien zei- dem Wunsch in eine Therapie, den Tinni- fiziert werden, das an der Aufrechterhal-
gen, dass nur wenige Formen von nichtto- tus möglichst zum Verstummen zu brin- tung der Tinnitussymptomatik beteiligt

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ist: Die zentrale „Steuerungsinstanz“ der Gegenüberstellung der nen Patienten mit Tinnitus häufiger unter
Tinnituswahrnehmung scheinen Areale Konzepte „tonaler Tinnitus“ Hypertonie zu leiden als alters- und ge-
im tertiären Assoziationskortex (Insula) vs. „Tinnitusrauschen“ schlechtsgleiche Kontrollprobanden [4].
zu sein, die mit einem Aufmerksamkeits- Zudem wurden Blutdruckschwankungen
netzwerk verbunden sind [1, 10]. Während in der Behandlung von „to- [3] in Zusammenhang mit der Entwick-
Mit diesem bestehenden Konzept für nalem“ Tinnitus die Frequenzen der Tin- lung von Ohrgeräuschen beobachtet. Der
tonalen Tinnitus konnte keine hinrei- nitustöne an einem Sinusgenerator be- Einsatz von Musiktherapie bei kardiolo-
chende Reduktion des nichttonalen Ge- stimmt und dann musikalisch direkt um- gischen Erkrankungen ist gut dokumen-
räuschs in Form eines „Tinnitusrau- gesetzt werden können, müssen bei „Tin- tiert und kann als effektive Möglichkeit
schens“ erreicht werden. Die Ursache nitusrauschen“ sowohl die Kernfrequenz zur Regulation hämodynamischer Pro-
hierfür ist vermutlich, dass subjektiver, als auch die Bandbreite des Rauschens er- zesse gelten [14].
nichttonaler Tinnitus durch andere neu- mittelt werden. Hierzu wurde an der Uni- In den Modulen „Aufmerksamkeits-
ronale Netzwerke im Gehirn hervorgeru- versität Homburg mittels des Programms training“ und „neuroauditive Kortex-
fen wird. „LabView“ (National Instruments) ein programmierung“ werden den Patienten
Somit scheint ein modifizierter musik- computergestützter Rauschgenerator durch aktive Hör- und Diskriminations-
therapeutischer Behandlungsansatz not- („Noise Estimator“) entwickelt. übungen – unter Einsatz von standardi-
wendig zu sein, um eine ähnliche Reduk- Dieses Tinnitusäquivalent findet dann sierten musikalischen Stimuli – Kontroll-
tion der Tinnitusbelastung zu erreichen. in der Behandlung insbesondere im Rah- möglichkeiten über auditive Prozesse ver-
Die Erforschung der neuronalen Zusam- men der „Tinnitusdekonditionierung“ mittelt. Da Tinnitus üblicherweise mit ei-
menhänge in der Tinnitusentstehung ist Anwendung. Hierzu erstellen die Pati- ner Hörminderung im Bereich der Tinni-
für die Weiterentwicklung eines ätiopa- enten eine individuelle „Tinnituslandkar- tusfrequenz einhergeht, treten bei Inter-
thogenetischen Tinnitusmodells von zen- te“, um tinnitusauslösende Situationen vallen im Spektrum der Tinnitusfrequenz
traler Bedeutung und bedarf verstärkter bzw. von Tinnitus freie Perioden zu identi- (und des oktavierten Tinnitusäquivalents)
Anstrengungen. Daher sollen in der vor- fizieren. Während der Entspannungspha- gehäuft Fehler auf. Ein gezieltes Training
liegenden Studie neben der Effektivitäts- se wird der Tinnituston intermittierend von fehlerhaft gesungenen Intervallen
kontrolle auf psychologischer Ebene auch vom Rauschgenerator eingespielt, um eine in diesem Spektrum soll zu einer neuro-
neurowissenschaftliche Erkenntnisse zur Entkopplung des Tinnitustons von aver- nalen Reorganisation der Tonotopie im
Wirksamkeit dieser Form der Therapie siven Assoziationen zu erreichen. Weiter- auditorischen Kortex sowie zu einer (sub-
erbracht werden. hin können zunehmend konkrete Situati- jektiven) Verbesserung des Hörvermö-
onen auf Basis der Tinnituslandkarte be- gens führen. Bei Patienten mit Tinnitus-
Aufbau des Heidelberger Modells arbeitet werden. Dazu imaginiert der Pati- rauschen zeigten sich vergleichbare Ein-
bei chronischem Tinnitus ent unter Anleitung des Therapeuten tin- schränkungen der Diskriminationsfähig-
nitusauslösende Situationen und erlernt keit wie bei tonalem Tinnitus. Der Grund
Die „Musiktherapie bei chronischem somit die Entkopplung von Tinnituser- hierfür ist vermutlich, dass die Kernfre-
Tinnitus nach dem Heidelberger Modell“ leben und psychophysiologischen Erre- quenz des Tinnitus auf der Läsionskante
strebt eine Integration von psychologisch- gungsmustern. Zur Verlaufsüberprüfung lokalisiert ist, unabhängig von der Klang-
aktivierenden Strategien zum unmittel- wurde ein unterstützendes Rückmeldesys- qualität der Ohrgeräusche.
baren Management des Tinnitustons und tem in Form von psychophysiologischen . Tab. 1 stellt die Techniken das Be-
kurativen, auf die organische Störung ge- Messungen während der Tinnitusdekon- handlungsmanual des Heidelberger Mo-
richteten Ansätzen an. ditionierung eingeführt. dells der Musiktherapie bei chronischem
Für das Therapiekonzept wurden spe- Die aktive „Resonanzübung“ basiert Tinnitus in den Formen „Tonal“ vs. „Rau-
zifische musiktherapeutische Interventi- bei tonalem Tinnitus auf der individuellen, schen“ im Überblick zusammen.
onen nach „Modulen“, „Techniken“ und oktavierten Tinnitusfrequenz. Da dies bei Alle Probanden erhalten die Musik-
„Wirkfaktoren“ zu einem Manual ge- nichttonalem Tinnitus aufgrund der „rau- therapie in Form einer Kompaktthera-
ordnet und zeitlich kategorisiert, um ei- schenden“ Klangqualität nicht möglich ist, pie (Therapiedauer eine Woche, 9 Sit-
nen replizierbaren Therapieverlauf mit wird die Stimulation der kraniozervikalen zungen Einzelmusiktherapie à 50 min und
gleich bleibender Therapiequalität zu er- Resonanzräume durch schleifenartiges 2 Gruppenberatungsveranstaltungen).
reichen. Umsingen der Kernfrequenz des Tin-
In der Musiktherapie spielen die psy- nitus mit Hilfe einer leicht erlernbaren, Methodik der Evaluation
choakustischen Eigenschaften der Ohrge- obertonreichen Singtechnik erreicht. Als
räusche eine zentrale Rolle. Daher müs- Grundmetrum dient die Herzfrequenz Im Rahmen einer interdisziplinären Ko-
sen die musiktherapeutischen Techniken der Patienten zu Beginn der jeweiligen operationsstudie der Fakultät für Musik-
in Bezug auf die Klangqualität des Tinni- Therapieeinheit. Der Grund hierfür ist, therapie an der SRH-Hochschule Heidel-
tus modifiziert werden. dass kardiovaskuläre Risikofaktoren an berg (SRH: Stiftung Rehabilitation Heidel-
Entstehung oder Aufrechterhaltung von berg), dem Deutschen Zentrum für Mu-
Tinnitus beteiligt sein könnten. So schei- siktherapieforschung, der Hals-Nasen-

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Zusammenfassung · Abstract

Ohren-Klinik der Universität Heidelberg HNO 2010 · 58:1085–1093  DOI 10.1007/s00106-010-2113-y


und der Klinik für Diagnostische und In- © Springer-Verlag 2010
terventionelle Neuroradiologie der Uni-
H. Argstatter · C. Krick · P. Plinkert · H.V. Bolay
versität des Saarlandes wurde die Wirk-
Musiktherapie bei nichttonalem Tinnitus (Tinnitusrauschen).
samkeit des musiktherapeutischen Kon-
Konzeptentwicklung und Behandlungsevaluation
zepts für Patienten mit rauschendem Tin-
nitus (Breitbandrauschen mit identifi- Zusammenfassung
zierbarer Kernfrequenz und Rauschbrei- Hintergrund.  Mit der „Musiktherapie bei zeigen neuroplastische Veränderungen in
te) überprüft. chronisch-tonalem Tinnitus nach dem Heidel- Putamen und Insula. Psychophysiologische
berger Modell“ liegt für den Bereich des to- Messungen geben Anhaltspunkte für kardio-
Von April bis Juli 2008 wurde über
nalen Tinnitus eine effektive und neurowis- vaskuläre Einflüsse auf das Tinnitusrauschen.
Pressemitteilungen und im persönlichen senschaftlich überprüfte Behandlungsme- Diskussion.  Eine effektive Tinnitustherapie
Kontakt in der HNO-Klinik Heidelberg thode vor. sollte die Klangqualität des Tinnitus berück-
über die Studie informiert. Für einen Erst- Material und Methodik.  Der musikthera- sichtigen, da eine Veränderung der Tinnitus-
kontakt konnten 51 Patienten gewonnen peutische Ansatz wurde nun unter Berück- symptomatik eindeutig von der Klangqualität
werden. sichtigung der Klangqualität und möglicher abhängt. Kardiovaskuläre Einflüsse spielen in-
kardiovaskulärer Einflussfaktoren spezifisch sofern eine Rolle, als die Regulation der Herz-
Vor Beginn der Therapie erfolgten aus-
auf den Bereich des „Tinnitusrauschens“ aus- frequenz ein Prädiktor für den Therapieerfolg 
führliche audiologische, internistische so- geweitet und mit psychologischen, physiolo- ist. Insgesamt erhärten die bildgebenden
wie psychologische Untersuchungen. Die gischen und bildgebenden Verfahren auf sei- Daten das Top-down-Modell der Tinnitusent­
audiologische Diagnostik entsprach den ne Wirksamkeit hin überprüft. stehung.
Leitlinienempfehlungen der ADANO [11] Ergebnisse.  In einer ersten Pilotstudie er-
und umfasste insbesondere eine Tonau- reichten 21 der 23 untersuchten Probanden Schlüsselwörter
(d. h. über 90%) eine zuverlässige Reduktion   Musiktherapie · Interdisziplinäres Therapie- 
diometrie inklusive der Bestimmung der der Symptome (Werte im Tinnitusfragebo- konzept · Nichttonaler Tinnitus ·  
Tinnituslautheit und der Frequenzcharak- gen: prä: 40,1±11,4, post: 27,9±12,8, 3-Mo- Kardiovaskuläre Einflüsse ·
teristik. Durch die internistische Unter- nats-Katamnese: 24,0±12,2). Die Resultate Neuroplastische Veränderungen
suchung sollten mögliche allgemeine so- der bildgebenden Verlaufsuntersuchungen
matische Komorbiditäten erfasst werden,
insbesondere Blutdruckauffälligkeiten.
Music therapy for noisiform tinnitus.
In der psychologischen Diagnostik wur-
Concept development and evaluation
de neben der allgemeinen psychischen
Konstitution die Tinnitusbelastung mit- Abstract
tels des Tinnitus-Fragebogens (TF; [8]) er- Background.  Music therapy in chronic tonal strated neuroplastic changes in the putamen
hoben. Insgesamt erfüllten 34 Probanden tinnitus according to the “Heidelberger mod- and insula. Psychophysiological measure-
el” presents an effective treatment, which is ments indicate cardiovascular influences on
die in . Tab. 2 aufgeführten Einschluss-
substantiated by neuroscientific and psycho- noisiform tinnitus.
kriterien. logical evaluation. Discussion.  Therapy success depends on the
Sieben Probanden wiesen keine kli- Method.  The music therapy approach was sound quality of the tinnitus; therefore, any
nisch relevanten Tinnitusbeschwerden specifically extended to include noisiform tin- treatment should take this into consideration.
auf (zu geringe Belastung im TF), bei nitus, taking sound quality and cardiovascu- Cardiovascular influences were important in-
3 Probanden war der Tinnitus nicht mu- lar influences into consideration. Outcome sofar as active control of the heart rate was
criteria were psychological tinnitus load, psy- an important predictor of long-term therapy
sikalisch darstellbar, 4 Probanden waren chophysiologic parameters and brain imag- outcome. Overall, brain imaging data confirm
so schwerhörig, dass keine Musiktherapie ing procedures. the top-down-model of tinnitus generation.
möglich war und 2 Probanden wiesen ei- Results.  Psychological outcomes of the pilot
ne extreme Belastung durch den Tinnitus study indicate that 21 of the 23 patients (i.e. Keywords
bzw. eine psychiatrische Erkrankung auf, more than 90%) achieved a reliable reduction Music therapy · Interdisciplinary therapy
of symptoms (TQ scores: pre: 40.1±11.4; post: ­concept · Noisiform tinnitus · Cardiovascular
sodass eine stationäre Behandlung ange-
27.9±12.8; at 3-month-follow-up: 24.0±12.2). ­influences · Neuroplastic changes
raten wurde. Ein Patient trat trotz Zusage Results of the imaging examinations demon-
seinen Therapieplatz ohne Begründung
nicht an.
Um die neurobiologischen Wirkungen
des musiktherapeutischen Konzepts in
Bezug auf neuronale Korrelate des Tinni-
tus zu untersuchen, wurden bildgebende
Untersuchungen (fMRT) eingesetzt. Das
Messparadigma kam bereits bei tonalem
Tinnitus zur Anwendung [1, 9]. Bei insge-
samt 23 Patienten mit rauschendem Tin-
nitus konnten komplette Datensätze (psy-

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Tab. 1  Heidelberger Modell der Musiktherapie bei chronischem Tinnitus – Behandlungsmanual


Bausteine Module Techniken
Tonaler Tinnitus Tinnitusrauschen
Counselling Neurowissenschaftlich Visuell gestützte Aufklärung über Tinnitusentste- Wie tonaler Tinnitus;
fundiertes Krankheits- hung im ZNS (Vermittlung eines Krankheitsmodells) ergänzend: Informationen über kardiovaskuläre
modell Zusammenhänge
Erstellung des Tinnitus- Nachbildung des individuellen Tinnitus am Sinus- Nachbildung des individuellen Tinnitus am
äquivalents generator Rauschgenerator (Kernfrequenz und Bandbreite)
Umsetzung in heptatonische Tonleiter
Erfassung somatischer und Aufklärung über HNO-Befunde Wie tonaler Tinnitus;
psychologischer Beson- Anamnese psychologischer und somatischer Komor- ergänzend: internistische Untersuchung (v. a. Blut-
derheiten biditäten, Vortherapien druckmessung)
Akut- und Dauermedikation
Resonanz- Resonanzübung Stimulation von kraniozervikalen Resonanzräumen Stimulation von kraniozervikalen Resonanzräu-
übung durch stimmliche Intonation der (oktavierten) Tinni- men durch schleifenartiges Umsingen der Kern-
tusfrequenz (Obertonsingen) frequenz des Tinnitus wie beim tonalen Tinnitus;
ergänzend: Tempo der Übung basiert auf der ak-
tuellen Pulsfrequenz der Probanden (Taktell)
Musikalisches Aufmerksamkeitstraining Nachsingen vorgegebener, unbekannter, standardi- Wie tonaler Tinnitus;
Hörtraining sierter Tonfolgen ergänzend: Tempo der Übung basiert auf der aktu-
ellen Pulsfrequenz der Probanden (Taktell)
Neuroauditive Kortex-  Intonationsübung fehlerhafter Intervalle im Bereich Wie tonaler Tinnitus;
programmierung des Tinnitus ergänzend: Tempo der Übung basiert auf der aktu-
ellen Pulsfrequenz der Probanden (Taktell)
Tinnitusland- Erstellen einer zeitlichen Zusammenstellung von tinnitusauslösenden/  Wie tonaler Tinnitus
karte T-Landkarte -verstärkenden und -abschwächenden Faktoren und
Situationen
Auswertung der T-Land- Hierarchisierung der T-Landkarten-Situationen als Wie tonaler Tinnitus
karte Grundlage für das Desensibilisierungstraining
Tinnitusdekon- Körperliche Entspannung Musiktherapeutisches Entspannungstraining Wie tonaler Tinnitus
ditionierung Aktivierung von „erin- Erstellung eines Wohfühlbildes und Training der Wie tonaler Tinnitus
nertem Wohlbefinden“ Wohlfühlbildimagination als Auslöser (Ankerreiz) für
physiologische Entspannung
Desensibilisierung Einspielen des Tinnitustons vom Sinusgenerator in Einspielen des Tinnitustons vom Rauschgenerator
T-Landkarten-Situationen in T-Landkarten-Situationen
Psychophysiologische Erfassung von „Stress-Parametern“, Kontrolle der Wie tonaler Tinnitus;
Messung psychophysischen Reaktion des Patienten durch ergänzend: optionale Blutdruckmessungen
Wohlfühlbildimagination
Weiterführen- Wohlfühlbild Basistraining: dauerhafte Etablierung des Wohlfühl- Wie tonaler Tinnitus
de Übungen bildes als konditionierender Reiz für Entspannungs-
reaktion
Anwendungstraining: gezielte Kontrolle der Tinni-
tuswahrnehmung in „Akutsituationen“
Resonanzübung Anfänglich regelmäßiges Training, dann als dauer- Wie tonaler Tinnitus
haftes „Notfallmedikament“
T-Landkarte Tinnituslandkarte.

Tab. 2  Einschluss- und Ausschlusskriterien


Einschlusskriterien Ausschlusskriterien
– Chronischer Tinnitus (>6 Monate) – akuter Tinnitus (<6Monate)
– Score im Tinnitus-Fragebogen nach Goebel u. Hiller (1998) – Score im Tinnitus-Fragebogen (Goebel u. Hiller, 1998) <30 (keine subjektive Belas- 
≥30 und ≤64 (deutliche Belastung, aber nicht völlig dekom-     tung) bzw. >64 (völlige Dekompensation)
pensiert) – Tinnitus hat verschiedene Klangkomponenten oder ist musikalisch nicht darstellbar
– Musikalische Darstellbarkeit des Tinnitus: – Objektive Ursache für Tinnitus z. B. Akustikusneurinom, Otosklerose o. Ä.
     tonaler Tinnitus: Tinnitus ist tonhaltig, Frequenz bestimmbar – Primäre psychiatrische Erkrankung
     nichttonaler Tinnitus: Kernfrequenz und Rauschbandbreite  – Ausgeprägte Hyperakusis
     sind bestimmbar – Hörminderung (>40 dB im Bereich des Tinnitus oder Hörgeräteversorgung, da dann 
– Teilnahme an MRT-Untersuchung möglich     keine auswertbare MRT-Messung möglich ist)

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chologische Daten und fMRT-Ergebnisse) Tab. 3  Soziodemographische und audiometrische Charakteristika der Patienten und
gewonnen werden. Bei den übrigen Pro- des Tinnitus
banden war keine fMRT-Messung mög- Variable Kategorie Tonal (n=24) Rauscher (n=34)
lich, da die Messungen auf Wunsch der Anzahl n (Anteil in %) Anzahl n (Anteil in %)
Probanden vorzeitig abgebrochen wurden Geschlecht   14 (58,3) männlich 21 (61,8) männlich
(„Platzangst“, n=7), sich Metallgegenstän- 10 (41,7) weiblich 13 (38,2) weiblich
de im Körper befanden (n=2) oder aus Alter   47,7±13,2 Jahre 51,1±11,9 Jahre
technischen Gründen keine auswertbare Höchster Schul-  Hauptschule 3 (12,5) 5 (14,7)
Messung zustande kam (n=2). abschluss Realschule 8 (33,3) 10 (29,4)
Als Referenzdaten für die Wirksam- Abitur 3 (12,5) 2 (5,9)
keit des Behandlungskonzepts auf psy- Studium/Ausbildung 9 (37,5) 17 (50,0)
chologischer Ebene sowie als Vergleichs- Sonstiges 1 (4,2) −
werte der bildgebenden Untersuchungen Berufstätigkeit Berufstätig 15 (62,5) 22 (64,7)
dienen die Messwerte einer bereits ab- Hausfrau/Hausmann 2 (8,3) 1 (2,9)
geschlossenen Studie zur Wirkung von Ausbildung 1 (4,2) −
Musiktherapie (Kompakttherapieform) Ruhestand/Rentner 3 (12,5) 11 (32,4)
bei chronisch-tonalem Tinnitus [2]. Da- Arbeitslos 2 (8,3) −
bei wurden die Daten von 24 Probanden Ohne Beruf 1 (4,2) −
aus der Gruppe „Kompakttherapie“ so be- Wo hören Sie Ihren Rechts 5 (20,8) 7 (20,6)
rücksichtigt, dass Alter, Geschlecht, Tin- Tinnitus primär? Links 6 (25,0) 9 (26,5)
nitusbelastung sowie Behandlungsum- Beide Seiten 13 (54,2) 18 (52,9)
fang und -intensität der beiden Behand- Art des Tinnitus Sinuston 20 (83,3) −
lungsgruppen identisch waren. Schmalbandrauschen 4 (16,7) 14 (41,2)
Breitbandrauschen − 20 (58,8)
Probanden Audiometrische Verdeckungsschwelle 45,6±23,4 dB 48,1±16,3 Db
Charakteristika Tonhöhe (Kernfrequenz) 5398±2726 Hz 5796±2607 Hz
Die Patientencharakteristika sind in Bandbreite − 1000±600Hz
. Tab. 3 zusammengefasst. Dauer der Erkrankung 5,4±4,2 Jahre 7,0±6,5 Jahre
Die audiometrischen Charakteristika Schwerhörigkeit Hochtonschwerhörigkeit 15 (62,5) 22 (61,8)
der Patienten mit Tinnitusrauschen wa-
Schwerhörigkeit im 9 (37,5) 13 (38,2)
ren mit Ausnahme der Klangqualität der Sprachbereich
Ohrgeräusche vergleichbar mit denjeni- Wie laut ist Ihr Tin- Nur in Stille hörbar 3 (12,5) 7 (21,7)
gen von Patienten mit tonalem Tinnitus. nitus, verglichen Maskierbar durch Lärm 18 (75,0) 23 (65,2)
In beiden Gruppen wird der Tinnitus von mit Umgebungs-
Übertönt alle Geräusche 3 (12,5) 4 (13,0)
rund der Hälfte der Patienten beidseitig geräuschen?
gehört, von der anderen Hälfte einseitig Empfinden Sie Nein 1 (4,2) 1 (4,3)
(eher links als rechts). Die Kernfrequenz Ihren Tinnitus als Ja 20 (83,3) 30 (87,0)
lästig?
des Tinnitusrauschens liegt bei 5796 Hz Teilweise/manchmal 3 (12,5) 3 (8,7)
(tonale Vergleichsgruppe: 5398 Hz, Krus- Empfinden Sie Nein 5 (20,8) 13 (39,1)
kall-Wallis-Test: p>0,05) mit einer durch- Ihren Tinnitus als Ja 15 (62,5) 9 (26,1)
quälend?
schnittlichen Rauschbreite von 1000 Hz. Teilweise/manchmal 4 (16,7) 12 (34,8)
Dementsprechend geben knapp 60% der
Patienten in der audiometrischen Un-
tersuchung ein Breitbandrauschen als Test: p>0,700), entsprechen war auch die In der psychologischen Anamnese hat-
Tinnitusäquivalent an und gut 40% ein Verdeckungsschwelle des Tinnitus nahe- ten alle untersuchten Patienten ein unauf-
Schmalbandrauschen (Vergleich: über zu identisch bei rund 48 dB („Rauschen“) fälliges psychologisches Profil ohne psych-
80% der Patienten mit tonalem Tinnitus bzw. 46 dB („Tonal“). iatrische Komorbiditäten.
haben ein „Sinustonäquivalent“; χ2-Test: Mit mehr als 90% empfindet die Mehr- Die Bestimmung des Blutdrucks durch
p<0,001). heit der Patienten den Tinnitus ständig einen Internisten ergab bei 15 der Proban-
Rund zwei Drittel der Patienten mit oder teilweise/manchmal als „lästig“ (kein den mit Tinnitusrauschen (43%) einen er-
Tinnitusrauschen wies im Tonaudio- Gruppenunterschied). Allerdings empfin- höhten systolischen Wert (>130 mmHg),
gramm eine Hochtonschwerhörigkeit auf, den nur rund 26% der Patienten mit Tin- bei 9 Patienten (26%) waren zusätzlich
etwa ein Drittel auch im Sprachbereich. nitusrauschen ihre Symptome dauerhaft auch die diastolischen Blutdruckwerte er-
Im Vergleich der beiden Symptomgrup- als „quälend“, wohingegen 62,5% der Pa- höht (>90 mmHg).
pen konnte somit eine ähnlich Verteilung tienten mit tonalem Tinnitus dauerhaft Die Daten der 23 Probanden, für die
der Hörminderung festgestellt werden (χ2- „gequält“ sind (χ2-Test: p<0,001). zusätzliche MRT-Daten vorliegen, un-

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Tab. 4  Entwicklung der Werte im Tinnitus-Fragebogen (Prozentrangwerte) ßen (. Abb. 1). Zwischen der Messung
  Anamnese Post Follow-up (3 Monate) unmittelbar nach der Therapie (Post)
Tonal Rauscher Tonal Rauscher Tonal Rauscher und dem 6-Monats-Follow-up (FU) be-
(n=24) (n=34) (n=24) (n=34) (n=24) (n=34) stand für keine Subskala des TF ein signi-
E 47,7±18,8 45,0±26,2 22,1±9,8 23,6±22,8 28,0±19,6 23,0±15,8 fikanter Unterschied (alle p>0,300). Der
C 57,2±22,0 50,4±25,5 32,8±17,5 33,9±24,3 36,5±23,5 34,5±22,9 Vergleich mit den Werten der tonalen
EC 50,3±18,7 46,4±25,4 24,9±11,6 25,7±23,0 27,8±19,6 26,1±18,1 Therapie ergibt keinen signifikanten Un-
I 61,8±19,2 52,3±20,6 38,4±17,7 29,7±20,7 38,0±26,5 29,5±24,5 terschied (ANOVA: p=0,941). Die ge-
A 35,7±20,9 42,3±24,1 29,6±18,8 32,5±21,1 33,0±23,3 33,8±20,5 nauen Werte im TF sind in . Tab. 4 zu-
SL 63,9±26,7 56,8±24,8 50,9±23,2 45,8±25,2 54,5±27,2 48,3±26,5 sammengefasst.
SO 45,4±29,0 55,4±25,9 33,1±21,3 44,1±27,6 34,8±19,3 44,3±25,8 Neben der statistischen Signifikanz
TF 48,1±15,6 45,7±18,6 24,2±12,7 23,8±17,8 26,8±20,4 24,6±15,6 sollte in der klinischen Anwendung der
Post Unmittelbar nach Therapie, E Emotionale Belastung, C kognitive Belastung, EC psychische Belastung Therapie die tatsächlich spürbare Ver-
(Summe aus E+C), I Penetranz des Tinnitus, A Hörprobleme, Sl Schlafstörungen, So somatische Beschwerden, änderung berücksichtigt werden. Hier-
TF Tinnitus-Fragebogen – Gesamtscore (Summe aus E+C+I+A+Sl+So) zu bieten sich individuelle Auswertungen
entsprechend dem Konzept der „klinisch
Tab. 5  Anteil der Patienten nach dem Konzept der klinisch bedeutsamen Veränderung bedeutsamen Veränderung“ an [9]. Mit
[9] Hilfe dieses Vorgehens können indivi-
  Prä – Post Prä – Follow-up duelle Veränderungen und nicht nur die
Tinnitus Tinnitus Veränderung der gesamten Gruppe be-
Rauschen Tonal Rauschen Tonal urteilt werden. Zudem kann eine Verän-
Anteil in % Anteil in % Anteil in % Anteil in % derung nur dann als zuverlässig (reliabel)
(Anzahl n) (Anzahl n) (Anzahl n) (Anzahl n) eingestuft werden, wenn sie größer ist,
„Responder“ 91 (31) 88 (21) 87 (30) 71 (17) als durch zufällige Messfehler (z. B., weil
  =reliable Verbesserung um mehr als 5,8  die Fragen schon bekannt sind) zu erwar-
  Punkte im TF ten wäre. Die kritische Differenz als Aus-
„Nonresponder“ 9 (3) 8 (2) 9 (3) 21 (5) druck für eine reliable Veränderung (Reli-
  =Veränderung um weniger als ±5,8  able Change Index) wird für den Gesamt-
  Punkte im TF
wert des TF aus den im Testmanual ange-
Negative Responder 0 (0) 4 (1) 4 (1) 8 (2)
gebenen Werten bestimmt [8]. Sie beträgt
  =reliable Verschlechterung um mehr als 
  5,8 Punkte im TF 5,8 Rohwertpunkte. Die Verteilung der
Probanden in die Gruppen „Responder“
(reliable Verbesserung), „Nonresponder“
terscheiden sich in keiner Variable signi- (ANOVA: p=0,053) der Ohrgeräusche, (keine Veränderung) und „Negative Re-
fikant von der Gesamtgruppe der „Rau- aber über verstärkte „somatische Be- sponder“ (reliable Verschlechterung) ist
scher“, daher können diese Probanden als schwerden“ (ANOVA: p=0,018). in . Tab. 5 zusammengefasst.
repräsentativ für die hier untersuchte Po- Im Verlauf der Therapie konnte für die Eine wichtige Einflussgröße in der The-
pulation von Patienten mit Tinnitusrau- Gruppe der Patienten mit Tinnitusrau- rapie stellt das Tinnitusäquivalent dar. Da-
schen gelten (Mann-Whitney-U-Test: al- schen eine hochsignifikante Abnahme der her wurde für die Gruppe der Patienten
le p>0,250). Tinnitusbelastung um 47,9% (Basiswert: mit Tinnitusrauschen überprüft, welchen
TF-Prozentwerte) nachgewiesen werden Einfluss die Klangqualität auf das Thera-
Ergebnisse auf (ANOVA: p<0,001). Im Vergleich hierzu pieergebnis hat (. Abb. 2). Als Kenngrö-
psychologischer Ebene erzielten die Probanden mit tonalem Tin- ße für die Klangqualität dient dabei die
nitus eine Reduktion um 49,6%. Die Re- Rauschbreite. Zwischen dem Therapieer-
Im TF [5] erreichen die Patienten mit duktion der TF-Prozentwerte ist somit na- folg (relative Reduktion im TF) und der
„rauschendem Tinnitus“ eine mittelgra- hezu identisch, es konnte kein Gruppen- Rauschbreite des Tinnitusäquivalents be-
dige Belastung mit einen Punktwert von unterschied gefunden werden (ANOVA: steht dabei eine signifikante, positive Kor-
42,0±10,9 Punkten und somit eine sehr p=0,893). relation von r=0,59 (p<0,005, Bestimmt-
ähnliche Belastung wie die Vergleichs- Auch in den einzelnen Subskalen des heitsmaß R2=0,35).
probanden mit tonalem Tinnitus mit TF konnte bei den Patienten mit Tinni-
44,3±8,7 Punkten (ANOVA: p=0,444). tusrauschen im Vergleich vor der Thera- Überprüfung der Wirksamkeit
Patienten mit rauschendem Tinnitus be- pie (Prä) zu unmittelbar nach der The- mit bildgebenden Verfahren
richten im Vergleich zu Patienten mit to- rapie (Post) eine signifikante Redukti-
nalem Tinnitus über signifikant geringere on erzielt werden, eine Ausnahme stellt Die Überprüfung der neurobiologischen
Schlafprobleme (ANOVA: p=0,028) und die Skala „Hörprobleme“ dar, die sich Wirkungen konnte eindeutige Hinweise
eine tendenziell geringere „Penetranz“ durch die Therapie nicht verändern lie- auf neuronale Korrelate des Tinnitus er-

1090 |  HNO 11 · 2010


100
bringen. Die funktionellen MRT-Daten 90 Tonal
Rauscher
der 23 Patienten mit rauschendem Tinni- 80
tus wurden mittels Conjunction-Analyse 70
ausgewertet, um ein Verfahren für klei- 60
ne Stichproben anzuwenden. Die Signi- 50
fikanzschwelle war hierbei p<0,001. Auf 40
diesem Signifikanzniveau war im Nach- 30
her-vorher-Vergleich eine stärkere Ak- 20
tivierung in der anterioren Insula (beid- 10
seits) sowie im linken superioren Tempo- 0

Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
Prä
Post
FU
rallappen in der Nähe des Heschl-Gyrus
zu verzeichnen. Bezüglich der Inselakti- E C EC I A SL SO TF
vierung zeigt sich hier also eine Wieder-
holung des Effekts der Heidelberger Mu- Abb. 1 8 Subskalen im Tinnitus-Fragebogen [8] in den beiden Untersuchungsgruppen tonaler Tinni-
siktherapie analog zum Resultat beim to- tus (Tonal) und nichttonaler Tinnitus (Rauscher). Prä Vor der Therapie, Post unmittelbar nach der Thera-
pie, FU Follow-up nach 3 Monaten
nalen Tinnitus [2]. Die . Abb. 3a zeigt
ein Bild der verstärkten Inselaktivierung
3000
nach der Therapie. Außerdem wurden bei
„rauschendem Tinnitus“ nach Abschluss
der Therapie anatomische Veränderungen 2500
y = 17427x + 152
in der Insula und im Putamen beobachtet R2 = 0,35
(. Abb. 3b).
2000
Breite des Rauschens

Diskussion
1500
Die Effektivität der Musiktherapie für Pa-
tienten mit Tinnitusrauschen konnte auf
psychologischer Ebene insofern nachge- 1000
wiesen werden, als die absolute und re-
lative Reduktion der Tinnitusbelastung
in beiden Behandlungsgruppen nahezu 500

identisch war. Auch bei Tinnitusrauschen


können über 90% der untersuchten Pro- 0
banden als „Responder“ bezeichnet wer- 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
den (tonaler Tinnitus: 88%), bei keinem TF-Symptomverbesserung (%)

Patienten kam es zu einer Verschlechte-


Abb. 2 8 Zusammenhang zwischen Klangqualität des Tinnitusäquivalents (Breite des Rauschens) und
rung der Symptomatik (tonaler Tinni- Verbesserung der Symptomatik (relative Reduktion im Tinnitus-Fragebogen [8])
tus: ein „negativer Responder“). Auch die
Langzeitwirkung der Therapie scheint bei
Tinnitusrauschen sehr stabil zu sein: Zum Tinnitus – im TF ein ähnliches Beschwer- schender“ Tinnitus. Patienten mit Tin-
Follow-up-Zeitpunkt nach 6 Monaten be- deprofil an. Patienten mit Tinnitusrau- nitusrauschen finden in der natürlichen
richten immer noch 87% der Probanden schen sind insgesamt weniger durch ihren Umgebung häufiger Geräusche mit ähn-
über eine zuverlässige Verbesserung der Tinnitus „gequält“ und stufen auch die Pe- lichem Klangcharakter (z. B. Rauschen
Symptomatik (tonaler Tinnitus: 71%). netranz der Ohrgeräusche geringer ein. Im von Ventilatoren oder Heizungsrohren).
Die Veränderung der Tinnitussympto- Alltag könnte sich dies in den signifikant Daher könnte es für die Patienten, trotz
matik hängt eindeutig von Klangqualität geringeren Schlafproblemen niederschla- vergleichbarer Verdeckungsschwelle und
des Tinnitusäquivalents (Breite des Rau- gen. Bislang existieren nur wenige Refe- damit „objektiver“ Lautstärke der Ohrge-
schens) ab: Je breiter das Rauschen, des- renzuntersuchungen zur subjektiven Ein- räusche, leichter möglich sein, das Tinni-
to ausgeprägter die relative Reduktion der schätzung der Belastung in Abhängigkeit tusrauschen mit Umgebungsgeräuschen
Tinnitusbelastung laut Tinnitus-Fragebo- von der Klangqualität, allerdings scheinen zu überlagern oder in die normale akus-
gen-Wert. Dies bestätigt die Hypothese, Patienten mit atonalem Tinnitus geringe- tische Umwelt zu integrieren.
dass in der Therapie des chronischen Tin- re Beschwerden anzugeben als Patienten Andererseits berichten Patienten mit
nitus die Klangqualität der Ohrgeräusche mit tonalem Tinnitus [17]. Eine mögliche Tinnitusrauschen über signifikant grö-
Berücksichtigung finden muss. Ursache hierfür könnte sein, dass tonaler ßere somatische Beschwerden. In der in-
Die untersuchten Probanden geben – Tinnitus insbesondere in Ruhesituati- ternistischen Eingangsuntersuchung er-
unabhängig von der Klangqualität ihres onen weniger kontrollierbar ist als „rau- gaben sich bei der Mehrzahl der Proban-

HNO 11 · 2010  | 1091


Originalien

0,8
6
5 Abb. 3 9 Auswertung der
0,6
4
MRT-Daten. a Funktionelle
0,4 Veränderung: verstärkte In-
3
selaktivität nach der Thera-
2 pie bei Patienten mit rau-
0,2
1 schendem Tinnitus. b Ana-
a 0
b 0 tomische Veränderung:  
Putamen und Insula

den mit Tinnitusrauschen Auffälligkeiten nitusmodell, wonach die „Ohrgeräusche“ Korrespondenzadresse


des Blutdrucks. Zwar gibt es noch keine nicht nur das Symptom einer veränderten Prof. Dr. H. Argstatter
gesicherten Erkenntnisse, dass Bluthoch- Hörorganisation (sog. Bottom-up-Theo- Deutsches Zentrum für Musiktherapieforschung
druck die Tinnitusbelastung unmittelbar rie) sind, sondern dass bei Tinnitus der (Viktor Dulger Institut)
Heidelberg
verstärkt [15], allerdings wurden mehr- Top-down-Mechanismus, der in vielfäl- heike.argstatter@fh-heidelberg.de
fach kardiovaskuläre Auffälligkeiten im tiger Weise auch nichtauditive Gehirn-
Zusammenhang mit Tinnitus beschrie- strukturen beinhaltet, eine zentrale Rol- Danksagung.  Wir bedanken uns für die außeror-
ben [3, 4] – ohne dabei die Klangquali- le spielt. Als zentrale „Steuerungsinstanz“ dentlich konstruktive und kollegiale Zusammenar-
beit im Rahmen der Projektdurchführung bei Prof. Dr.
tät der Ohrgeräusche zu berücksichtigen. der Tinnituswahrnehmung – unabhängig Wolfgang Reith, Direktor der Klinik für Diagnostische
Die vorliegenden Daten könnten dar- von der Klangqualität – erhärten sich Are- und Interventionelle Neuroradiologie der Universi-
auf hinweisen, dass möglicherweise v. a. ale im tertiären Assoziationskortex (d. h. tät des Saarlandes, für die Unterstützung bei der Be-
reitstellung der MRT-Messzeiten, bei den Musikthera-
rauschende Ohrgeräusche durch Blut- in der Insula). peuten Judith Keydel und Julian Koenig für die Mitar-
druckabnormalitäten mitbedingt sein Insgesamt ist die Musiktherapie auch beit in den Therapien, Dr. Steffen Geberth für die inter-
könnten. Welchen direkten Einfluss kar- bei rauschendem Tinnitus eine schnell nistische Betreuung der Patienten sowie unseren Kol-
legen Prof. Dr. Hillecke, Prof. Dr. Wilker für deren fach-
diovaskuläre Faktoren auf die Entstehung wirksame und lang andauernde Behand- liche Beratung.
oder Aufrechterhaltung von Tinnitus ha- lungsalternative. Die Ergebnisse der rela-
ben oder in welcher Weise die subjektive tiv kleinen Pilotstudie sollten in weiter-
Belastung der Patienten dadurch verän- gehenden Studien repliziert werden. Ins- Literatur
dert wird, sollte in weiterführenden Un- besondere sind der Einsatz einer musik-
tersuchungen mit Kontrollgruppendesign therapeutischen „Placebobedingung“ so-   1. Argstatter H (2009) Heidelberger Musiktherapie-
manual: Chronisch-tonaler Tinnitus. In: Bolay H,
noch genauer evaluiert werden. wie Therapievergleichsstudien unerläss- Dulger A, Plinkert PK (Hrsg) Evidenzbasierte Mu-
Durch die Daten der fMRT wird die lich, um die Wirksamkeit des Heidelber- siktherapie, Bd 3. uni-edition, Berlin
Hypothese bestätigt, dass der extern ap- ger Modells nachzuweisen.   2. Argstatter H, Krick C, Bolay HV (2008) Musikthera-
pie bei chronisch-tonalem Tinnitus – ­Heidelberger
plizierte Tinnitusreiz nach der Therapie Modell evidenzbasierter Musiktherapie. HNO
stärker wahrgenommen wird. Man kann Fazit für die Praxis 56(7):678–685
daraus interpretieren, dass das endogen   3. Borghi C, Modugno GC, Brandolini C, Pirodda A
(2006) Is tinnitus useful in early detection of in­
erzeugte Rauschen nach der Therapie ob- Mit der „Musiktherapie nach dem Hei- coming heart decompensation? Med Hypotheses
jektivierbar weniger dominant einwirkt. delberger Modell“ liegt nun auch für den 67(3):473–479
Dieser Befund wird durch die reduzierten Bereich des nichttonalen Tinnitus (Tin-   4. Datzov E, Danev S, Haralanov H et al (1999) Tinni-
tus, heart tare variability, and some biochemical
Tinnitus-Fragebogen-Werte bestätigt. Ak- nitusrauschen) eine effektive und neu- indicators. Int Tinnitus J 5(1):20–23
tuelle Studien zur emotionalen Verarbei- rowissenschaftlich überprüfte Behand-   5. Delb W, D’Amelio R, Boisten CJ, Plinkert PK (2002)
tung von Reizen zeigen, dass Insula und lungsmethode vor. Weiterhin geben psy- Kombinierte Anwendung von Tinnitusretraining-
therapie (TRT) und Gruppenverhaltenstherapie.
Putamen eine Art „Hasszirkel“ zu bilden chophysiologische Messungen Anhalts- HNO 50(11):997–1004
scheinen [20]. Es mag also durchaus na- punkte für kardiovaskuläre Einflüsse auf   6. Eysel-Gosepath K, Gehards F, Schicketanz KH et al
he liegen, dass eine Auseinandersetzung das Tinnitusrauschen. Eine effektive Tin- (2004) Aufmerksamkeitslenkung in der Tinnitus-
therapie. HNO 52(5):431–438
mit dem missliebigen Ohrgeräusch bzw. nitustherapie sollte somit die Klangqua-   7. Feldmann H (1992) Spezielle audiologische Di-
das Arbeiten entgegen dem „Hasszirkel“ lität des Tinnitus berücksichtigen, da die agnostik. In: Feldmann H, Lenarz T, Wedel H von
eine neuroplastische Veränderung in die- Veränderung der Tinnitussymptoma- (Hrsg) Tinnitus. Thieme, Stuttgart, S 84–92
  8. Goebel G, Hiller W (1998) Tinnitus-Fragebogen
sen Strukturen mit sich bringt. Insgesamt tik eindeutig von der Klangqualität ab- (TF), 1. Aufl. Hogrefe, Göttingen
erhärten die vorliegenden Daten das Tin- hängt.

1092 |  HNO 11 · 2010


Service

Termine
  9. Kordy H, Hannover W (2000) Die Evaluation von Möchten Sie eine Veranstaltung ankündigen?  
Psychotherapie und das Konzept der klinisch be- Bitte tragen Sie Ihre Termine auf der Kongress-Seite von  
deutsamen Veranderung. In: Laireiter AR (Hrsg) www.HNO.springer.de ein. 
­Diagnostik in der Psychotherapie. Springer, Wien,   Wir freuen uns auf Ihre Veranstaltungshinweise!
S 477–495
10. Krick C, Argstatter H, Schwarz E et al (2009) Effects
of music therapy in patients with chronic tinnitus.
I: Structural grey matter changes. Eingereicht bei
2010 Dresden 03.-04.12.2010

MEDUPDATE
BMC Neuroscience
11. Lenarz T (1998) Leitlinie Tinnitus der deutschen Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft
Mainz, 26.–27.11.2010 Olfaktologie/Gustologie
Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde,
HNO Update 2010 Auskunft: Frau Jana Gursinsky, HNO-
Kopf- und Halschirurgie. Laryngorhinootologie Universitätsklinik, Fetscherstr. 74, 01307 Dresden, 
4. HNO-Update-Seminar 
77(9):531–535 Fon: 03514582224, 
Wiss. Leitung:
12. Lockwood AH, Salvi RJ, Burkard RF (2002). Tinnitus. Prof. Dr. H. Iro Fax: 03514584326, 
N Engl J Med 347(12):904–910 Prof. Dr. J. A. Werner jana.gursinsky@uniklinikum-dresden.de, 
13. Low YF, Argstatter H, Bolay HV, Strauss DJ (2008) www.hno-update.com www.orl-dresden.de
Evaluation of a compact tinnitus therapy by elec­
tro­physiological tinnitus decompensation mea­su­ Auskunft für alle Update- Magdeburg 03.-04.12.2010
res. Conf Proc IEEE Eng Med Biol Soc 5132–5135 Seminare: Magdeburger Endoskopie-Kurs 2010
14. Pešek U (2007) Musiktherapiewirkung – eine med update GmbH Endoskopie des oberen Aerodigestivtraktes
Tel.: 0611 - 73 65 80 Auskunft: Frau Katja Trefflich,  
Meta-Analyse. Musiktherapeutische Umschau
Fax: 0611 - 73 65 810 Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg,
28(2):110–135 info@med-update.com Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik,  
15. Pilgramm M (2004) Tinnitus und Herzrhythmus­ Leipziger Straße 44, 39120 Magdeburg, 
störungen. HNO 52(9):844 Fon: 0391 6713832, 
16. Pilgramm M, Rychlik R, Lebisch H et al (1999) Fax: 0391 6713806, 
­Tinnitus in der Bundesrepublik Deutschland – eine katja.trefflich@med.ovgu.de, 
repräsentative epidemiologische Studie. HNO ak- www.med.uni-magdeburg.de/khno.html
tuell 7:261–265
17. Scott B, Lindberg P, Melin L, Lyttkens L (1990) Pre- Dresden 11.12.2010
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jective loudness. Br J Audiol 24(1):51–62 Auskunft: Frau Jana Gursinsky,  
18. Wedel H von, Wedel UC von (2000) Eine Bestands- HNO-Universitätsklinik,  
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Fon: 03514582224, 
48(12):887–901
Fax: 03514584326, 
19. Wilhelm T, Agababov V, Lenarz T (2001) Rheolo- November 2010 jana.gursinsky@uniklinikum-dresden.de, 
gische Infusionstherapie, Neurotransmitterappli- www.orl-dresden.de
kation und Lidocain-Injektion bei Tinnitus. HNO Köln 25.-27.11.2010
49(2):90–101 13. Kehlkopf-Kurs-Köln Dresden 11.12.2010
20. Zeki S, Romaya JP (2008) Neural correlates of hate. (Kurssprache: deutsch) 16. Interdisziplinäres Allergiesymposium
PLoS ONE 3(10):e3556 Themen: Vielseitiges Vortragsprogramm,   Themen: Evidenzbasierte Therapie der  
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Dezember 2010 16-IAS@uniklinikum-dresden.de, 
www.tu-dresden.de/med.kindh/aktuelles.htm
Lübeck 02.-04.12.2010
2nd Interdisciplinary Head and Neck
Brachytherapy Congress Januar 2011
Themen: Organ and Function Preservation
in Tumour Surgery, possibilities of Surgical Erlangen 13.-14.01.2011
Reconstructions, Overview on Head and Neck 11. Erlanger Kurs für Felsenbein-
Imaging, Basics and Possibilities of External und Laterobasischirurgie
Beam Radiotherapy? Critical Analys Themen: Präparation von Felsenbeinen, Mastoid­
Auskunft: Frau Petra Schuhr, chirurgie, Tympanoplastik, Cochlear Implant,  
Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, laterale Schädelbasischirurgie
Campus Lübeck,   Auskunft: Frau Birgit Lenz,  
Ratzeburger Allee 160, 23562 Lübeck,  Universitätsklinikum Erlangen,  
Fon: +49 (0) 451 500 2022,  Waldstr. 1, 91054 Erlangen, 
Fax: +49 (0) 451 500 4192,  Fon: 0049(0)9131-85-33631, 
petra.schuhr@uk-sh.de,  Fax: 0049(0)9131-85-33349, 
petra.schuhr@uk-sh.de birgit.lenz@uk-erlangen.de, 
www.hno-klinik.uk-erlangen.de

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