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Ziegelmauerwerk

in den deutschen
Erdbebengebieten
Impressum

Herausgeber:
Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel
im Bundesverband der Deutschen
Ziegelindustrie e.V.
Schaumburg-Lippe-Straße 4
53113 Bonn

Verfasser:
Dr.-Ing. Udo Meyer

1. Ausgabe, Februar 2007

Alle Rechte vorbehalten.


Nachdruck, auch auszugsweise nur
mit ausdrücklicher Genehmigung von
© Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel
Bonn, 2007

Gestaltung und Satz:


Eva Weeger

Druck:
M. Brimberg
Druck und Verlag GmbH
Dresdener Straße 1
52068 Aachen
Inhalt

Seite

1 Einführung 3

2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten


in den deutschen Erdbebengebieten 4

3 Beispiel eines Nachweises der


Erdbebensicherheit eines 3-geschossigen
Mehrfamilienhauses in der Erdbebenzone 2
mit konstruktiven Regeln 10

4 Weitere Konstruktionsempfehlungen für


Mauerwerksbauten in den deutschen
Erdbebengebieten 15

5 Literatur 16

1
1 Einführung

Erdbeben sind in der Bundesrepublik Deutsch- Diese konstruktiven Regeln wurden durch Ver-
land eine sehr seltene Naturkatastrophe. Obwohl gleichsrechnungen mit nichtlinearen Berechnungs-
es in den letzten 100 Jahren keine Erdbeben mit methoden abgeleitet und ermöglichen daher in
nennenswerten Personenschäden gab, sind Erd- einigen Fällen wirtschaftlichere Bemessungsergeb-
beben dennoch auch in Deutschland ein nicht zu nisse als Berechnungen mit den in DIN 4149 zuge-
vernachlässigendes Risiko. In einigen Regionen lassenen linear-elastischen Methoden.
müssen Erdbeben daher bei der Auslegung von
baulichen Anlagen berücksichtigt werden. Diese Nachweismethode erfolgt am Beispiel eines
6-Familienhauses in der Erdbebenzone 2.
Für übliche Hochbauten sind die Regeln für die
Erdbebenbemessung in Deutschland in der DIN Ein Software-Tool zur vereinfachten Durchführung
4149:2005-04 [1] enthalten. Diese Norm wurde in dieses Nachweises wurde unter Mitarbeit der
den letzten Jahren überarbeitet und auf den neu- Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel am Lehrstuhl
esten Stand der Erkenntnisse gebracht. Sie liegt für Baustatik und Baudynamik der RWTH Aachen
seit April 2005 als Weißdruck vor. erarbeitet. Dieses Tool steht unter www.ziegel.de
sowie auf den Internetseiten der Mitglieder der
In Baden-Württemberg wurde die DIN 4149:2005-04 Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel e.V. zum Down-
im Dezember 2005 als technische Baubestimmung load zur Verfügung.
bekannt gemacht und ist dort seitdem baurechtlich
verbindlich. In Nordrhein-Westfalen wird dies 2007
erfolgen.

Die Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel informiert


über die wesentlichen Regelungen der DIN 4149
für Hochbauten aus Mauerwerk. Dabei werden

● die Erdbeben- und Untergrundzonen,


● grundlegende Konstruktionsempfehlungen,
● die Anforderungen an die Mauerwerkbaustoffe,
● die Voraussetzungen für das Entfallen des
rechnerischen Erdbebennachweises und
● die besonderen konstruktiven Regeln für
Mauerwerkbauten

erläutert.

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten
in den deutschen Erdbebengebieten

2.1 Erdbebenzonen und Untergrundzonen In der Tabelle 1 sind die in den deutschen Erd-
bebenzonen in diesem Fall zu erwartenden Erd-
bebenintensitäten I mit einer Beschreibung der
Auf der Grundlage umfangreicher statistischer zu erwartenden Schäden und dem zugehörigen
Auswertungen historischen Datenmaterials wurde Bemessungswert der Bodenbeschleunigung
für die DIN 4149:2005-04 eine völlig neue Erd- zusammengestellt.
bebenzonenkarte erarbeitet, s. Bild 1. Diese Karte
unterscheidet sich deutlich von den bisherigen Diese Schäden sind im Vergleich mit Bildern aus
Festlegungen in DIN 4149-1:1981. stark erdbebengefährdeten Regionen der Welt
gering. Um mögliche Personen- und Gebäude-
Für die Definition des Bemessungserdbebens schäden zu begrenzen, sind entwurfstechnische
wurde, wie international üblich, eine 10prozentige Mindestanforderungen einzuhalten.
Überschreitenswahrscheinlichkeit in 50 Jahren als
Bemessungslastfall festgelegt. Dies bedeutet, dass In sehr seltenen Fällen können allerdings auch in
das Bemessungserdbeben statistisch einmal in Mitteleuropa extrem starke Erdbeben auftreten.
475 Jahren auftritt. Das Beben 1356 in Basel hatte nach den über-
lieferten Schadensberichten vermutlich eine ver-
Die Gebiete in Deutschland, in denen beim gleichbare Stärke wie das Beben von Kobe/Japan
Bemessungserdbeben mit nennenswerten Bemes- im Jahr 1995.
sungswerten der Bodenbeschleunigung zu rech-
nen ist, sind je nach Gefährdungsgrad in 3 Erd- Neben den erheblichen direkten Zerstörungen
bebenzonen eingeteilt. Die Regeln der DIN 4149 durch das Erdbeben, u. a. von Münster und Stadt-
müssen nur in den Erdbebenzonen 1 bis 3 beach- mauer, wurden die verheerendsten Zerstörungen
tet werden. Es ist jedoch grundsätzlich sinnvoll, die jedoch durch die nachfolgenden Brände im Stadt-
grundlegenden konstruktiven Empfehlungen auch zentrum ausgelöst.
bei Projekten in der Erdbebenzone 0 zu berück-
sichtigen.

Tabelle 1: Erdbebenzonen mit zugehörigem Intensitätsintervall, Beschreibung zu erwartender Schäden


und Bemessungswert der Bodenbeschleunigung
Bemessungswert der
Intensitätsintervall
Erdbebenzone Zu erwartende Schäden Bodenbeschleunigung
nach EMS-Skala
ag in m/s²
0 6 ≤ I < 6,5 Leichte Gebäudeschäden, Keine Berechnung erforderlich
vornehmlich an Häusern in
1 schlechterem Zustand, feine 0,4
6,5 ≤ I < 7
Risse im Putz
2 7 ≤ I < 7,5 Gebäudeschäden; die meis- 0,6
ten Personen erschrecken und
flüchten ins Freie; Risse im
3 7,5 ≤ I Putz, Spalten in Wänden und 0,8
Schornsteinen

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Bild 1: Erdbebenzonierungskarte für die DIN 4149 in der Fassung von 2005 [1, 2] auf der Grundlage der
Einschätzung der Erdbebengefährdung der Bundesrepublik Deutschland [3, 4]

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Neben der Erdbebenzone beeinflussen auch der Baugrundinformationen müssen durch Vor-Ort-
Untergrund und der Baugrund das Verhalten eines Untersuchungen gewonnen werden. Falls keine
Gebäudes bei einem Erdbeben. Diese beiden Baugrunduntersuchung vorliegt, ist für den Nach-
Parameter wurden für die Neufassung der DIN weis der ungünstigste Baugrund C nach DIN 4149,
4149 ausführlich untersucht und in die Norm mit Abschnitt 5.2 anzusetzen.
aufgenommen.
Bei genauer Kenntnis des Baugrunds/Untergrunds
Der geologische Untergrund (Bereich ab 20 m kann in vielen Fällen eine wirtschaftlichere Ausle-
unterhalb der Fundamentsohle) wird nach DIN gung von Gebäuden erfolgen.
4149 in die drei Klassen

● R (Gebiete mit felsartigem Gesteinsuntergrund), 2.2 Konstruktionsempfehlungen für Hoch-


● T (Gebiete relativ flachgründiger Sediment- bauten in den deutschen Erdbeben-
becken sowie Übergangsgebiete zwischen R gebieten nach DIN 4149 – Abschnitt 4.2
und S) und
● S (Gebiete tiefer Beckenstrukturen mit mächti- Die DIN 4149 enthält in Abschnitt 4.2 grundlegen-
ger Sedimentbildung) de Empfehlungen für Gebäude in den deutschen
Erdbebenzonen. Bei Beachtung dieser Regeln
unterschieden. kann für alle Bauarten der rechnerische Erdbeben-
nachweis entfallen.
Beim Baugrund (Bereich zwischen 3 und 20 m
unter der Fundamentsohle) wird in DIN 4149 unter- Insbesondere werden empfohlen:
schieden zwischen unverwitterten (Klasse A),
mäßig (Klasse B) und stark (Klasse C) verwitterten ● Wahl eines einfachen Tragwerks mit eindeutigen
Festgesteinen. Wegen für die Übertragung von Erdbeben-
kräften,
Die zugeordneten Untergrundparameter S liegen ● Vermeidung von Steifigkeitssprüngen zwischen
zwischen S = 1,5 (Untergrund R mit Baugrund- Geschossen,
klasse C, z. B. in Tallagen der Mittelgebirge) und ● Sicherstellung einer ausreichenden Torsions-
S = 0,75 (Untergrund S mit Baugrundklasse C, steifigkeit im Grundriss,
z. B. in Bereichen der niederrheinischen Bucht und ● Vermeidung von „Halbgeschossen“
des Oberrheingrabens). (unterschiedliche Höhenlage von benachbarten
Geschossen),
Die detaillierte bauordnungsrechtlich verbindliche ● Ausbildung der Geschossdecken als Scheiben,
Zuordnung von Verwaltungsbezirken zu Erdbe- ● Sicherstellung einer einheitlichen Verschiebung
benzonen und Untergrundzonen erfolgt in Baden- der Gründung bei Erdbebenbeanspruchung,
Württemberg und Nordrhein-Westfalen über Kar- ● Vermeidung großer Massen in oberen
ten, die beim Geologischen Landesamt Baden- Geschossen.
Württemberg und beim Geologischen Dienst
Nordrhein-Westfalen bezogen werden können. Alle diese Regeln sind bei Wohngebäuden aus
Entsprechende Unterlagen werden in den übrigen Ziegelmauerwerk problemlos zu berücksichtigen.
betroffenen Bundesländern vorbereitet.

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Bilder 2/3: Beispiele für Hochlochziegel mit in Wandlängsrichtung durchgehenden Innenstegen für
einschalige Außenwände

2.3 Anforderungen an Mauerwerkbaustoffe Mauersteine der Festigkeitsklasse 2 dürfen ohne


für die Verwendung in den deutschen rechnerischen Nachweis der Erdbebensicherheit
Erdbebengebieten nur verwendet werden, wenn mindestens 50 %
der erforderlichen Schubwandquerschnittsflächen
Es dürfen grundsätzlich alle Mauersteine und nach Tabelle 5 dieser Broschüre aus Steinen der
Mauermörtel für Mauerwerk nach DIN 1053-1 in Festigkeitsklasse 4 bestehen.
den deutschen Erdbebengebieten verwendet wer-
den, also auch alle bauaufsichtlich zugelassenen Zusätzliche Anforderungen an die Ausführung der
Hochlochziegel. Stoßfugen bestehen nicht, da das Modell für die
Schubbemessung nach DIN 1053 keine Kraftüber-
In den Erdbebenzonen 2 und 3 müssen Mauer- tragung in den Stoßfugen berücksichtigt. In allen
steine entweder in Wandlängsrichtung durch- Erdbebenzonen darf daher auch Mauerwerk mit
gehende Stege haben, s. Bilder 2/3, oder eine unvermörtelten Stoßfugen verwendet werden, wenn
Längsdruckfestigkeit von mindestens 2,5 N/mm² die übrigen Randbedingungen der Norm eingehal-
aufweisen. ten werden.

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Tabelle 2: Bedeutungskategorie und zulässige Anzahl der Vollgeschosse für Gebäude ohne
rechnerischen Standsicherheitsnachweis
Erdbebenzone Bedeutungskategorie Maximale Anzahl von Vollgeschossen
1 I bis III 4
2 I und II 3
3 I und II 2

Tabelle 3: Bedeutungskategorien und Bedeutungsbeiwerte der DIN 4149

Bedeutungskategorie Bauwerke Bedeutungsbeiwert γl


Bauwerke von geringer Bedeutung für die öffentliche
I 0,8
Sicherheit, z. B. landwirtschaftliche Bauten
Gewöhnliche Bauten, die nicht zu den anderen
II 1,0
Kategorien gehören, z. B. Wohngebäude
Bauwerke, deren Widerstandsfähigkeit gegen Erdbeben
im Hinblick auf die mit einem Einsturz verbundenen
III Folgen wichtig ist, z. B. große Wohnanlagen, Verwal- 1,2
tungsgebäude, Schulen, Versammlungshallen, kulturelle
Einrichtungen, Kaufhäuser usw.
Bauwerke, deren Unversehrtheit während des
Erdbebens von Bedeutung für den Schutz der
IV Allgemeinheit ist, z. B. Krankenhäuser, wichtige 1,4
Einrichtungen des Katastrophenschutzes und der
Sicherheitskräfte, Feuerwehrhäuser usw.

2.4 Voraussetzungen für das Entfallen des die zu berücksichtigenden Massen aus Eigen-
rechnerischen Nachweises im Grenz- gewicht und Verkehrslasten maximal 50 % der
zustand der Tragfähigkeit für den Last- Werte des darunter liegenden Geschosses
fall Erdbeben betragen.

Die DIN 4149 definiert im Abschnitt 7.1 Randbedin- Die Bedeutungskategorien (bisher Gebäude-
gungen, bei denen ein rechnerischer Nachweis der klassen) sind in Tabelle 3 zusammengestellt.
Standsicherheit für den Lastfall Erdbeben für alle
Bauarten entfallen kann. Diese Regeln sind nach- 2. Die Auslegungsregeln nach DIN 4149, Abschnitt
folgend zusammengestellt. 4.2 sind einzuhalten, s. Abschnitt 2.2 dieser
Broschüre.
1. Eine wesentliche Anforderung ist dabei die Be-
grenzung der Anzahl der Vollgeschosse, die nach 3. Die maximale Geschosshöhe beträgt 3,50 m.
Erdbebenzonen differenziert ist, s. Tabelle 2.
4. Für Mauerwerksbauten sind die in DIN 4149, Ab-
Das oberste Geschoss gilt nach DIN 4149, Ab- schnitt 11.6, angegebenen konstruktiven Regeln
schnitt 7.1 (4) dann nicht als Vollgeschoss, wenn zu beachten, s. Abschnitt 2.5 dieser Broschüre.

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2 DIN 4149 – Bemessung von Hochbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Tabelle 4: Mindestanforderungen an aussteifende Wände (Schubwände) aus Mauerwerk nach


DIN 4149
Wanddicke t Wandlänge l
Erdbebenzone Schlankheit hk /t
mm
1 Nach DIN 1053-1 ≥ 740
2 ≤ 18 ≥ 150 1) ≥ 980
3 ≤ 15 ≥ 175 ≥ 980
hk Knicklänge nach DIN 1053-1
1) Wände der Wanddicke ≥ 115 mm dürfen zusätzlich berücksichtigt werden, wenn die Schlankheit hk /t ≤ 15 ist

2.5 Konstruktive Regeln für Mauerwerks- 3. Das Gebäude muss in beiden Hauptrichtungen
bauten nach DIN 4149, Abschnitt 11.6 durch genügend lange Wände ausreichend aus-
gesteift werden. Die DIN 4149 enthält hierzu die
Abschnitt 11.6 der DIN 4149 enthält einige über Tabelle 15, in der auf die Grundrissfläche bezo-
Abschnitt 4.2 hinaus gehende Anforderungen, bei gene erforderliche Wandquerschnittsflächen an-
deren Einhaltung auf einen rechnerischen Erdbe- gegeben sind.
bennachweis verzichtet werden darf.
Für die Ermittlung dieser Wandquerschnittsflä-
1. Das Gebäude muss kompakt und annähernd chen dürfen nur solche Wände angesetzt wer-
rechteckig sein, das Verhältnis Gebäudebreite/ den, die den Anforderungen der Tabelle 4
Gebäudelänge muss größer als 0,25 sein. Dies bezüglich der Schlankheit, Mindestdicke und
gilt auch für durch erdbebengerechte Fugen -länge von Schubwänden genügen.
getrennte Gebäudeabschnitte.
Diese Tabellenwerte wurden im Zuge der Nor-
Bei Reihenhaustrennwänden gilt ein Abstand menarbeit durch Vergleichsrechnungen mit
von mindestens 40 mm nach DIN 4149, nichtlinearen Bemessungsverfahren abgeleitet.
Abschnitt 7.2.6 (3) als erdbebengerecht.
4. Zusätzlich müssen in jeder Gebäuderichtung
2. Aussteifende Wände müssen den überwiegen- mindestens zwei Schubwände mit mindestens
den Teil der vertikalen Lasten tragen und über 1,99 m Länge angeordnet werden, da dies eine
die gesamte Gebäudehöhe durchgehen. In der Randbedingungen für die Vergleichsrech-
Dachgeschossen darf die Aussteifung auch über nungen war.
andere geeignete Maßnahmen sichergestellt
werden.

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3 Beispiel eines Nachweises der Erdbebensicherheit
eines 3-geschossigen Mehrfamilienhauses in der
Erdbebenzone 2 mit konstruktiven Regeln

OK. FIRST
+12.495

1.54
3.90
25°
OK. TRAUFE

1.54
+9,17

+8,415
DG

1.00
50
18
2.625

mittlere Gebäudehöhe 10.955


+5,61
2.OG
18
2.625

8.235
+2,85
1.OG
18
2.625

±0,00
EG
OK GEL. OK GEL.
18
2.50

KG

Bild 4: Schnitt durch das Mehrfamilienhaus

Nachfolgend wird der Nachweis der Erdbeben- Die Wandstöße werden in Stumpfstoßtechnik mit
sicherheit für ein ein dreigeschossiges unter- Flachblechankern ausgeführt.
kellertes Mehrfamilienhaus mit einem Walmdach
geführt. Die Trennwände zum Treppenhaus werden aus
Schallschutzziegeln erstellt. Dieses gilt ebenso
Die Dachkonstruktion wird in Holzbauweise erstellt. für die Trennwände zwischen den Wohneinheiten.
Alle Geschosse werden aus gemauerten Wänden
mit Stahlbetondecken erstellt. Die Stahlbeton- Die Stahlbetondecken weisen eine Dicke von
decken wirken als aussteifende Deckenscheiben. 180 mm auf. Diese Decken liegen mit einer Auf-
lagertiefe von 180 mm auf den Außenwänden auf,
Für die verputzten, einschaligen Außenwände wer- so dass eine Abmauerung auf der Wandaußen-
den wärmedämmende Hochlochziegel und Leicht- seite mit zusätzlicher Wärmedämmung eingebaut
mauermörtel verwendet. werden kann.

Als Wandbaustoffe für die Zwischenwände und Im Bereich der Deckenauflager wird auf der Unter-
nichttragenden Wände werden Hochlochziegel seite und auf der Oberseite eine besandete Bitu-
eingesetzt. Diese werden ebenso wie die Keller- mendachbahn nach DIN 52128-R500 verwendet.
außenwände mit Normalmauermörtel verarbeitet.

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3 Beispiel eines Nachweises der Erdbebensicherheit eines 3-geschossigen
Mehrfamilienhauses in der Erdbebenzone 2 mit konstruktiven Regeln

Bild 5: Grundriss des Mehrfamilienhauses

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3 Beispiel eines Nachweises der Erdbebensicherheit eines 3-geschossigen
Mehrfamilienhauses in der Erdbebenzone 2 mit konstruktiven Regeln

Tabelle 5: Mindestanforderungen an die auf die Geschossgrundrissfläche bezogene Querschnitts-


fläche von Schubwänden je Gebäuderichtung nach DIN 4149

ag . S . γl ag . S . γl ag . S . γl
Anzahl der ≤ 0,06 g . k 1) ≤ 0,09 g . k 1) ≤ 0,12 g . k 1)
Vollgeschosse
Steinfestigkeitsklasse nach DIN 1053-1 2),3)

4 6 ≥ 12 4 6 ≥ 12 4 6 ≥ 12
1 0,02 0,02 0,02 0,03 0,025 0,02 0,04 0,03 0,02
2 0,035 0,03 0,02 0,055 0,045 0,03 0,08 0,05 0,04
3 0,065 0,04 0,03 0,08 0,065 0,05
Kein vereinfachter Nach-
4 KvNz 0,05 0,04 KvNz weis zulässig (KvNz)

1) Für Gebäude, bei denen mindestens 70 % der betrachteten Schubwände in einer Richtung länger als 2 m sind, beträgt
der Beiwert k = 1 +(lay - 2)/4 ≤ 2. Dabei ist lay die mittlere Wandlänge der betrachteten Schubwände in m. In allen anderen
Fällen beträgt k = 1. γl nach Abschnitt 5.3.
2) Bei Verwendung unterschiedlicher Steinfestigkeitsklassen z. B. für Innen- und Außenwände sind die Anforderungswerte
im Verhältnis der Flächenanteile der jeweiligen Steinfestigkeitsklasse zu wichten.
3) Zwischenwerte dürfen linear interpoliert werden.

Das zu untersuchende dreigeschossige Mehrfami- Der Bemessungswert ag x S x γI beträgt somit


lienhaus, s. Bilder 4 und 5, wurde in [5] ausführlich
vorgestellt und nach DIN 1053-100 bemessen. 0,6 x 0,75 x 1,0 = 0,45 < 0,06 · g = 0,6.

Der Standort liegt in der Erdbebenzone 2 mit Die Anforderungen der DIN 4149 an die erforder-
Untergrundklasse S. In dieser Untergrundzone lichen Aussteifungsflächen sind in der Tabelle 5
kann nur die Baugrundklasse C vorkommen, so- zusammengestellt.
dass der Untergrundparameter S nach DIN 4149,
Abschnitt 5.4.2, Tabelle 4, S = 0,75 beträgt. Die Flächen der ansetzbaren aussteifenden
Wände sind in Tabelle 6 zusammengestellt.

Tabelle 6: Zusammenstellung der Aussteifungsflächen für den vereinfachten Nachweis nach


DIN 4149, Abschnitt 11.6

Wanddicke Gebäuderichtung x Gebäuderichtung y


Wandart
mm m²
2,81 4,64
Innenwände, 240
(u. a. 2 x 3,375 m) (u. a. 2 x 5,86 m)
Ziegelfestigkeitsklasse 12
175 — 1,57
Außenwände,
365 6,59 8,84
Ziegelfestigkeitsklasse 8

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3 Beispiel eines Nachweises der Erdbebensicherheit eines 3-geschossigen
Mehrfamilienhauses in der Erdbebenzone 2 mit konstruktiven Regeln

Die erforderlichen Aussteifungsflächen werden Die erforderliche Aussteifungsfläche erf. Ay in


nach DIN 4149 entsprechend der Flächenanteile y-Richtung beträgt damit:
der verwendeten Ziegel-Festigkeitsklassen für
beide Richtungen gewichtet. erf. Ay = 0,587 · 0,04 + 0,413 · 0,03 = 0,036 = 3,6 %

Gebäuderichtung x Die vorhandene Aussteifungsfläche in y-Richtung


von 7,2 % ist größer als die erforderliche Fläche
Die vorhandene Aussteifungsfläche in x-Richtung von 3,6 %.

vorh. A x = 2,81 + 6,59 = 9,4 m²


Das Kriterium für einen Verzicht auf den rech-
nerischen Nachweis der Erdbebensicherheit ist
entspricht 4,5 % der Geschossgrundfläche von
damit in Gebäuderichtung y eingehalten.
209,2 m².

Anteil Festigkeitsklasse 8 70 % In der Tabelle 7 sind die weiteren wesentlichen Kri-


erforderliche Querschnittsfläche 4 % terien der DIN 4149 zusammengestellt.
Anteil Festigkeitsklasse 12 30 %
erforderliche Querschnittsfläche 3 % Das Gebäude entspricht allen Anforderungen der
Die erforderliche Aussteifungsfläche erf. A x in DIN 4149 für einen Nachweis der Standsicherheit
x-Richtung beträgt damit: durch die Einhaltung konstruktiver Regeln.

erf. A x = 0,70 · 0,04 + 0,30 · 0,03 = 0,037 = 3,7 %


Für das untersuchte Gebäude in der Erdbeben-
zone 2 ist kein rechnerischer Nachweis der Erd-
Die vorhandene Aussteifungsfläche in x-Richtung
bebensicherheit erforderlich.
von 4,5 % ist größer als die erforderliche Fläche
von 3,7 %.
Die Arbeitsgemeinschaft Mauerziegel hat in Zu-
sammenarbeit mit weiteren Verbänden der Mau-
Das Kriterium für einen Verzicht auf den rech-
erstein-Industrie den Lehrstuhl für Baustatik und
nerischen Nachweis der Erdbebensicherheit ist
Baudynamik der RWTH Aachen beauftragt, eine
damit in Gebäuderichtung x eingehalten.
Softwarelösung für den Nachweis von Mauerwerk-
bauten mit konstruktiven Regeln zu erarbeiten.
Gebäuderichtung y
Dieses Tool steht unter www.ziegel.de sowie auf
Die vorhandene Aussteifungsfläche in y-Richtung den Internetseiten der Mitglieder der Arbeitsge-
meinschaft Mauerziegel zum Download zur Ver-
vorh. Ay = 4,64 +1,57 + 8,84 = 15,1 m² fügung. Es enthält auch eine Routine, mit der der
Gebäudestandort einer Erdbebenzone und Unter-
entspricht 7,2 % der Geschossgrundfläche von grundklasse zugeordnet werden kann.
209,2 m².
Diese Zuordnung basiert auf einer Auswertung des
Anteil Festigkeitsklasse 8 58,7 % Geologischen Landesamtes Baden-Württemberg.
erforderliche Querschnittsfläche 4 % Sie liefert sehr gute Anhaltswerte, muss aber im
Anteil Festigkeitsklasse 12 41,3 % Einzelfall mit den maßgebenden Festlegungen der
erforderliche Querschnittsfläche 3 % einzelnen Bundesländer (z. B. Erdbebenkarten)
abgeglichen werden.

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3 Beispiel eines Nachweises der Erdbebensicherheit eines 3-geschossigen
Mehrfamilienhauses in der Erdbebenzone 2 mit konstruktiven Regeln

Tabelle 7: Checkliste für den Nachweis der Erdbebensicherheit nach DIN 4149 ohne
expliziten rechnerischen Nachweis für das Gebäude aus Bild 4 in Erdbebenzone 2
Anforderung Bewertung/
Kriterium Ist-Zustand
Zone 2 Lösung

Gebäudeform kompakt kompakt o. k.


B/L = 0,5 B/L ≥ 0,25
Grundriss o. k.
rechteckig annähernd rechteckig
keine sprunghaften keine sprunghaften
Regelmäßigkeit o. k.
Masseänderungen Masseänderungen
Wohngebäude
Bedeutungskategorie Kategorie ≤ II o. k.
(Kategorie II)
Anzahl der Vollgeschosse 3 ≤3 o. k.

Geschosshöhe 2,625 m ≤ 3,5 m o. k.

Geschossdecken Stahlbeton mit Scheibenwirkung o. k.


Ausreichende Aussteifungs- 4,5 % bezogen auf
3,7 % o. k.
fläche x-Richtung die Geschossfläche
Ausreichende Aussteifungs- 7,2 % bezogen auf
3,6 % o. k.
fläche y-Richtung die Geschossfläche
gehen über die gehen über die
Aussteifungswände o. k.
Gebäudehöhe durch Gebäudehöhe durch
Ausreichende Anzahl Zwischenwände in jede Richtung
von langen Aussteifungs- 2 x 3,375 m mindestens o. k.
wänden x-Richtung 1 x 2,865 m 2 x 1,99 m
Treppenhauswände
Ausreichende Anzahl in jede Richtung
2 x 5,86 m
von langen Aussteifungs- mindestens o. k.
Wohnungstrennwand
wänden y-Richtung 2 x 1,99 m
7,63 m
Mindestwanddicke der
175 mm 150 mm o. k.
Aussteifungswände
Mindestens 50 % der Aus-
alle Ziegel
steifungswände aus Stein- >2 o. k.
≥ HLz 8
festigkeitsklasse ≥ 4

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4 Weitere Konstruktionsempfehlungen für Mauer-
werksbauten in den deutschen Erdbebengebieten

Mauerwerksbauten in den Erdbebengebieten soll-


ten so ausgelegt werden, dass ein rechnerischer
Nachweis der Erdbebensicherheit möglichst ent-
behrlich ist.

Um die Anforderungen an die Mindestaussteifung


möglichst sicher einzuhalten wird zusätzlich zu
den Regeln der DIN 4149 empfohlen, für ausstei-
fende Außenwände mindestens Ziegel der Festig-
keitsklasse 6 und für Innenwände Ziegel der
Festigkeitsklasse 12 zu verwenden.

Bei Reihenhäusern mit kurzen aussteifenden


Wänden in Gebäudequerrichtung wird empfohlen,
diese Wände mit Füll- oder Schalungsziegeln
auszuführen.

Untersuchungen der Universität Dortmund [6,7]


haben gezeigt, dass damit die erforderlichen
Wandlängen bei gleicher Aussteifungswirkung
deutlich reduziert werden können.

In kritischen Fällen kann der Einsatz einer kon-


struktiven Vertikalbewehrung in den Füllkanälen
am Wandende die Tragfähigkeit nochmals deutlich
verbessern.

In Vergleichsrechnungen mit der Kapazitätsspek-


trummethode [8] wurde gezeigt, dass derartige
Gebäude in den deutschen Erdbebengebieten
hohe Tragfähigkeitsreserven aufweisen.
Bild 6: Prüfkörper mit Schubwänden aus Hoch-
lochziegeln und Füllziegeln

15
5 Literatur

[1] DIN 4149: 2005-04:


Bauten in deutschen Erdbebengebieten. Lastannahmen, Bemessung und Ausführung üblicher
Hochbauten.
Ersatz für DIN 4149-1:1981-04 und DIN 4149-1/A1:1992-12.
Normenausschuss im Bauwesen (NABau) im DIN Deutsches Institut für Normung e. V., Berlin, 2005.
[2] Grünthal, G.:
Die Erdbebenzonenkarte als Bestandteil der neuen DIN 4149.
In: Tagungsband der DGEB/DIN-Gemeinschaftstagung „Auslegung von Bauwerken gegen Erdbeben -
die neue DIN 4149“, Beuth Verlag, Berlin [u. a.], Leinfelden-Echterdingen/Germany, 3-24, 2005.
[3] Grünthal, G. and Bosse, C.:
Probabilistische Karte der Erdbebengefährdung der Bundesrepublik Deutschland - Erdbeben-
zonierungskarte für das Nationale Anwendungsdokument zum Eurocode 8: Forschungsbericht.
Report STR 96/10, GeoForschungsZentrum Potsdam, 24 pp., Potsdam, 1996.
[4] Grünthal, G., Mayer-Rosa, D. and Lenhardt, W.:
Abschätzung der Erdbebengefährdung für die D-A-CH-Staaten - Deutschland, Österreich, Schweiz.
Bautechnik 75 (10), 753-767, 1998.
[5] Brauer, N.; Ehmke, J.; Figge, D.; Meyer, U.:
Bemessung von Ziegelmauerwerk - Ziegelmauerwerk nach DIN 1053-100 - vereinfachtes Verfahren.
Bonn, 2006.
[6] Ötes, A.; Löring, S.:
Tastversuche zur Identifizierung des Verhaltensfaktors von Mauerwerksbauten für den Erdbeben-
nachweis. Abschlussbericht.
Lehrstuhl für Tragkonstruktionen, Universität Dortmund, 2003.
[7] Ötes, A.; Löring, S.; Elsche, B.:
Tastversuche an Wänden aus Planfüllziegeln unter simulierter Erdbebeneinwirkung. Ergebnisbericht.
Lehrstuhl für Tragkonstruktionen, Universität Dortmund, 2004.
[8] Meskouris, K.; Mistler, M.; Butenweg, C.:
Vergleichende Untersuchungen an einem Reihenmittelhaus aus Planfüllziegeln auf Grundlage der
Kapazitätsspektrummethode.
Lehrstuhl für Baustatik und Baudynamik, RWTH Aachen, 2005.

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