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Originalveröffentlichung in: Carola Wedel (Hrsg.), Das Pergamonmuseum. Menschen, Mythen Meisterwerke, Berlin, 2003, S.

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Assur - das Herz eines Weltreiches Stefan M. Maul

A
ssur« - dieser geheimnisvolle Name löste es den Franzosen und Engländern gleichzutun
dereinst in den Ländern des Alten Orients und sich ebenfalls einer bedeutenden assyri­
Angst und Schrecken aus. Im Namen ihres schen Stadt zuzuwenden. Die Wahl fiel auf Qal'at
Gottes hatten die Könige Assurs ihr Land mit bru­ Schirqat, das »Erdschloss«: die Ruine einer assy­
taler Gewalt über die Grenzen Vorderasiens hin­ rischen Stadt am Westufer des Tigris, 25 km nörd­
aus bis hin nach Ägypten ausgedehnt. Dank der lich der Mündung des Kleinen Zab gelegen; ein
biblischen Überlieferung blieb bis in die Gegen­ Schutthügel, den man zu Recht für die Reste der
wart in Erinnerung, dass Samaria durch assyri­ Stadt hielt, die Assyrien, dem »Assur-Land«, ihren
sche Hand fiel und Jerusalem es nur einer uner­ Namen gegeben hatte.
warteten göttlichen Fügungzu danken hatte, dass Hoch anstehende Erdwälle, unter denen sich
es demselben Schicksal entkam. Ninive (gelegen die Reste gewaltiger Festungswerke befinden
im Stadtgebiet des heutigen Mosul), der nie ver­ mussten, zeugten ebenso von der Bedeutung der
gessene Sitz der letzten assyrischen Könige, er­ Stadt wie der noch 30 Meter über das Stadtge­
wachte durch die spektakulären Ausgrabungen biet ragende Lehmberg, der sich dem geschulten
der Engländer in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu archäologischen Auge als Rest eines mesopota-
neuem Glanz. Europa staunte über die fremdarti­ mischen Stufenturms (Zikkurrat) zu erkennen
ge Schönheit der Reliefs, die aus dem assyrischen gab. Aus Keilschrifttexten wusste man bereits,
Königspalast ins British Museum gelangten. Im dass hier der kultisch-religiöse Mittelpunkt des
Wettstreit mit den Briten unternahmen auch die einst so mächtigen assyrischen Reiches gelegen
Franzosen erfolgreiche Ausgrabungen in Assyrien haben musste. Es war nicht unwahrscheinlich,
und brachten bedeutsame Funde nach Paris. Die dass bedeutsame Tontafelarchive und -biblio-
Keilschrift wurde entziffert, und erstmals eröffnete theken zu Tage kommen würden, die Auskunft
sich ein unmittelbarer Blick auf die altorientalische geben konnten über Religion, Geistes- und All­
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Hochkultur, der nicht von dem Filter biblischer tagsleben der Assyrer. Aber nicht nur Tempel,
Überlieferung bestimmt war. Paläste und Bibliotheken wollte man aufspüren,
Durch die Gründung der Deutschen Orient­ sondern - erstmals in der Geschichte der Vorder­
gesellschaft verlieh das spät geeinte Deutsche asiatischen Archäologie - das gesamte Gefüge
Reich seinem Willen Ausdruck, im Konzert der einer altorientalischen Stadt untersuchen. Die im
europäischen Nationen an der Erschließung der Vergleich zu den anderen assyrischen Metropo­
Kulturen des Alten Orients teilzuhaben, und 1898 len recht kleine Fläche des Stadtgebietes von nur
begannen Ausgrabungen in Babylon. 1,3 Q uadratkilometern ließ dieses reizvolle Un­
Wenige Jahre später eröffnete sich durch ternehmen nicht aussichtslos erscheinen.
Geldmittel, die die Preußische Staatsregierung Im Herbst 1903 begann die Unternehmung,
und Kaiser Wilhelm II. zur Verfügung stellten, die geleitet von dem erst 28-jährigen hochbegabten
Möglichkeit, neben Babylon eine zweite große Architekten und Archäologen Walter Andrae. Elf
altorientalische Ruine zu erforschen. Es lag nahe, Jahre lang erforschte Andrae mit 180 Arbeitern

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das Stadtgebiet von Assur. Es gelang ihm, ein Assur: Tempel und Paläste fließt und so geeignet ist für das Anlegen von
sehr genaues Bild von der Akropolis der Stadt am Tabs Surinne (zeichne
­ Sc hiffen, sicherte die hoc h gelegene, steil abfal­
rische Rekonstruktion
mit ihren Tempeln, Palästen und Befestigungs­ lende Nordfront. Lediglich die Süd- und die West­
von Walter Andrae nach
werken zu zeic hnen. Das gesamte, von Mauern seite des Stadtgebietes bieten keinen natürlichen
Grabungsfunden)
umgebene Stadtgebiet überzog man mit zehn Schutz. Den Bewohnern der Stadt garantierte die
Meter breiten Suc hgräben, die im Abstand von außerordentlich fruc htbare Flussaue, die Assur
jeweils 100 Metern angelegt wurden. So konnten im Norden und Osten umgibt, die unmittelbare
auch die Wohngebiete der Stadt erfasst werden. Lebensgrundlage. Der Reic htum der Stadt hatte
In den späten 1980er Jahren und vom Jahre 2000 jedoc h eine andere Quelle. Im Schutz des kargen
an wurden die Ausgrabungen unter deutsc her Niemandslandes, das nac h Süden hin Assyrien
Leitung fortgeführt. von Babylonien trennt, konnten die Herren Assurs
Die Lage Assurs ist günstig. Die gesamte, 1,5 die Handelswege nach Babylonien, Syrien, Anato-
Kilometer lange Ostflanke des Stadtgebietes ist lien und in das iranische Hochland kontrollieren.
gesc hützt durc h den reißenden Tigris, der sic h So ist es nicht verwunderlich, dass bereits in
bei Hoc hwasser bis zu 1,5 Kilometer verbreitern der Mitte des 3. vorchristlichen Jahrtausends an
kann. Ein Seitenarm des Tigris, der jedoch ruhig diesem bevorzugten Ort ein nic ht unbedeuten-

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bestehenden zentralen Heiligtum, dem Tempel
des Stadtgottes Assur mit einer Grundfläche von
mehr als 130 mal 50 Meter, die Gestalt gab, die
fast unverändert bis zum Untergang der S tadt
beibehalten wurde. Die zugehörige, ursprünglich
60 Meter hohe Zikkurrat, der stufige Tempelturm
nach südmesopotamischem Vorbild, wurde in
seiner Zeit errichtet. Im Eindruck der Machtfülle
des Königs S chamschi-Adad erkannte man in
dem uralten S tadtgott von Assur das Wesen des
göttlichen »Herrn aller Länder« wieder. Dies war
eigentlich En Li l, das Oberhaupt des sumerisch-
babylonischen Pantheons, das man seit jeher im
babylonischen Nippur verehrt hatte. Im Reiche
S chamschi-Adads trat Enlil als Herr der S chöp­
fung und als Ursprung alles Göttlichen den Men­
schen nun in der Gestalt des Assur entgegen.
Damals entstand die folgenreiche Verknüpfung
des »Weltherrschaftsanspruchs« des Königs mit
dem Gott Assur und so auch mit der Stadt, die als
einziger Sitz des Gottes galt.
Das Zeitalter S chamschi-Adads währte aber
nur kurz. Erst im 14. Jahrhundert v. Chr. erlangte
Assur wieder größere Bedeutung. Die Stadt stieg
nun auf zur Hauptstadt eines Reiches, das im
beginnenden 13. Jahrhundert eine international
bedeutende Militärmacht geworden war, die sich
nicht nur Obermesopotamien, sondern auch wei­
te Teile S yriens im Namen ihres Gottes Assur
unterworfen hatte. Das Gesicht der Stadt, so wie
es sich uns durch die Ausgrabungen Walter An-
draes erschließt, wurde in dieser Zeit geprägt.
Tempel, Paläste und Befestigungsanlagen ließen
die Könige des so genannten Mittelassyrischen
Reiches prächtig ausbauen. Das für die Anforde­
rungen der Reichshauptstadt zu klein gewordene
Stadtgebiet wurde im Süden um eine »Neustadt«
erweitert.
der Stadtstaat blühte. Im ausgehenden 3. Jahr- Gipsstein-Relief mit der Beide S tadtteile trennte eine doppelte Reihe
tausend v. Chr. gelangte die S tadt erstmals zu Darstellung des Stadt- von grob behauenen S telen, die nicht nur vom
überregionaler Bedeutung. Kaufteute aus Assur, sattes von Assur, 7. Jh. S tolz der Assyrer, sondern auch von ihrem Ver­
die Handelskolonien in Anatolien gründeten, - ständnis derzeit berichten. Seit dem neuerlichen
brachten ihre S tadt zu großem Reichtum. Der Aufstieg Assurs stellte jeder König in der von
assyrische Herrscher S chamschi-Adad I. (1815- Osten nach Westen verlaufenden Reihe einen
1782 v. Chr.), der ein syrisch-obermesopotami- S tein mit seinem Namenszug auf. In einer zwei­
sches Reich begründet hatte und sich »König des ten südlichen Reihe durften die Eponymen - die
Alls« nannte, prägte ganz wesentlich das S tadt­ Beamten, nach denen die Assyrer die Jahre be­
bild Assurs. Er war es, der dem damals schon nannten - ihre menhirähnlichen Denkmäler,

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jeweils denen ihrer königlichen Herren zugeord­ Durch einen gewaltigen Kraftakt sollte Assur
net, errichten. Bis in die letzten Tage Assurs nun uneinnehmbar werden: Der auch in seinem
haben Könige und Beamte diese Tradition fort­ politischen Wirken grenzenlose König Tukulti-
geführt. Ninurta I. (1244-1208 v. Chr.) ließ vom Haupttor
Die flache, von der Natur nicht geschützte der Stadt im Nordwesten bis zum Ansatz der Neu­
Westfront Assurs sicherte eine hohe Mauer mit stadt auf der Länge von nahezu einem Kilometer
so gewaltigen, in die Landschaft vorragenden vor der neu gestalteten Außenmauer einen Gra­
Bastionen, dass sich ein angreifendes Heer not­ ben in den Felsen schlagen, der fast senkrecht
gedrungen in den Nischen der Bastionen auftei­ 15 Meter in die Tiefe ging und eine Breite von
len und aufreiben würde. Die Stadt zu schützen 20 Metern hatte. 160 000 Quadratmeter Felsen
war ein dringenderes Anliegen geworden als je wurden bewegt! Bis zum Untergang Assurs bot
zuvor. Denn Assur unterjochte durch jährliche dieser Graben der Stadt tatsächlich Schutz.
Kriegs- und Beutezüge den gesamten vorder­ Als nach einer gewissen Schwächeperiode
asiatischen R aum. Jeder Widerstand wurde als das assyrische R eich unter Assurnasirpal II. im
Sünde gegen den höchsten Gott verstanden und 9. Jahrhundert v. Chr. wieder aufblühte und zu
von Assurs Königen oft gnadenlos mit Zerstörung höchster Machtentfaltung kam, konnte die Stadt
Tabira-Tor von Assur
und Deportation geahndet. Mit Einfluss und Assur die geopolitischen und logistischen An­
(Bucheinband von
R eichtum der Stadt wuchs so auch der Hass der sprüche, denen der Königssitz eines Weltreiches
Walter Andrae: Das wieder­
benachbarten Völkerschaften. erstandene Assur) Genüge zu leisten hatte, nicht mehr erfüllen.

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Assurnasirpal verließ die alte Hauptstadt, um Ort Assur gebunden, dass eine Verlagerung des
weiter im Norden in Kalchu (Nimrud) eine neue Kultes in die neuen Königsresidenzen ebenso
Residenz zu gründen. Das neuassyrische Reich, wenig in Erwägung gezogen wurde wie eine
das auf seinem Höhepunkt im 7. Jahrhundert zusätzliche Verehrung Assurs an einem anderen
v. Chr. nicht nur Mesopotamien, Syrien, Palästina Ort. Assur war einzigartig. Es galt als das unver­
und Ägypten umfasste, sondern auch Südarabi­ rückbare Zentrum des Kosmos. Alle bedeutenden
en sowie Teile Anatoliens und des Irans, wurde neuassyrischen Könige haben die Stadt Assur
nicht mehr von Assur, sondern von Kalchu und daher mit ihren Heiligtümern weiterhin mit
später von Ninive aus regiert. großem Aufwand gepflegt und ausgebaut. Den
Kultsockel aus dem Ischtar-
Dennoch blieb Assur unangefochten der ein­ überirdischen Mächten, die den Assyrern als die
Tempel mit der Darstellung
zige Sitz des Gottes Assur und somit religiöser Gottheiten erschienen, die das Schicksal der
des Königs Tukulti-Ninurta I.
und kultischer Mittelpunkt Assyriens. Denn die (Regierungszeit 1243-3207
W elt in ihren Händen hielten, hatte man in Assur
Verehrung des Reichsgottes war so fest an den v. Chr.) Wohnsitze errichtet, die sich wie »Ständige Ver­
tretungen« um den alten Königspalast gruppier­
ten. Den Assyrern galten sie als hier beheimatet.
Ischtar, die Göttin des Krieges und der Liebe, der
Himmels- und der Wettergott, der Mond- und der
Sonnengott regierten so in Assur in ihren Paläs­
ten neben und mit dem KönigAssyriens, derauch
dann noch seine kultischen Aufgaben als Priester
des Assur in der Stadt des Gottes wahrzunehmen
hatte, als Assur längst nicht mehr als ständige
Königsresidenz diente.
In Assur sahen auch die neuassyrischen Köni­
ge, wie sie in ihren Inschriften immer wieder
betonten, den Ursprung ihrer Dynastie. Die Herr­
scher, die Assur als Königssitz aufgegeben hat­
ten, kehrten im Tode wieder zu ihrem Gott und in
das Haus ihrer Väter, den alten Königspalast,
zurück. Unter dem »Alten Palast« stieß man auf
die Grablege der assyrischen Könige. In über­
wölbten, aus Ziegeln gemauerten Grüften -
beeindruckend in ihrer majestätischen Schlicht­
heit - hatten gewaltige Steinsarkophage gestan­
den, die die Ausgräber nur noch in kleinste Bruch­
stücke zerschlagen vorfanden. Denn die Eroberer
Assurs wollten wohl nicht nur die reichen Grab­
beigaben erbeuten, sondern auch das assyrische
Königtum samt seiner W urzeln vernichten. In
mühevoller Arbeit konnte die Gruft Assurnasir-
pals II. rekonstruiert werden. Sie ist heute im Ber­
liner Vorderasiatischen Museum zu bewundern.
Als Assyrien auf dem Höhepunkt seiner
Macht zu stehen schien, gelang es 614 v. Chr. den
Medern, mit heimlicher Unterstützung durch die
von den Assyrern geknebelten Babylonier, Assur
einzunehmen. Die näheren Umstände kennen wir
nicht. Minen, tief in den südlichen Außenwall der

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Neustadt gegraben, und zahlreiche medische Rekonstruktion des Kult­
Pfeilspitzen zeugen jedoch von heftigem Kampf. raum
s im sI chtar-Tempel
Assur mit seinen Heiligtümern, das Herz assyri­
Eingang zur Gruft des Kö­
sc her Macht, wurde geplündert und dem Erdbo­
nigs Ass urnas irpal II. (Re­
den gleichgemacht. Im theistischen Weltbild der gierungs zeit 883-859 v. Chr.)
damaligen Zeit gab es nur eine Deutung dieses
weltpolitisc hen Ereignisses: Der mäc htige Gott
Assur hatte sic h von seinem Lande abgewandt.
Der Jubel der Völkerschaften Vorderasiens über mehr als 16 000 Tontafeln, die die Ausgräber in
den Sturz Assurs, der auch in dem Buc h des Pro­ den Ruinen derTempel, Paläste und Privathäuser
pheten Nahum nac hhallt, war wohl ebenso groß fanden, tiefe Einblic ke in die Gesc hic hte, Politik
wie die lähmende psyc hologisc he Wirkung die­ und Religion, aber auc h in das Alltagsleben der
ser Katastrophe auf den letzten assyrisc hen Assyrer. Nur der Assyriologe weiß, dass die Erin­
König, seine Generäle und sein Heer. Dem Fall nerung an die eitlen Mäc htigen unserer Zeit, die
Assurs folgte nur zwei Jahre später die Einnahme -wie dereinst die Assyrer-die Welt mit Krieg und
Ninives. Im Sturm der Meder und Babylonier zer­ Schrecken überziehen, gänzlich verblassen wird.
brach das assyrische Reic h. Denn Papier, Zelluloid und Magnetstreifen wider­
Zweieinhalb Jahrtausende nac hdem Assur stehen nic ht dem Zahn der Zeit wie die zerbrech­
unter seinen Trümmern versank, gestatten die lichen, aber unverwüstlichen Tontafeln.

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