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CH A R LOT T E BRON T Ë

JA N E EY R E
Roman

Aus dem Englischen übersetzt


von Paola Meister-Calvino

manesse bibliothek der weltliter atur


manesse bibliothek der weltliteratur
charlotte brontë

Jane Eyre

Roman

Aus dem Englischen übertragen


von Paola Meister-Calvino
Nachwort von Mary Hottinger

MANESSE VERLAG
ZÜRICH
1

Es war unmöglich, an jenem Tage spazierenzu-


gehen. Zwar hatten wir vormittags ein Stünd-
chen im kahlen Staudengarten zugebracht; aber
seit dem Mittagessen (das Mrs. Reed, wenn
keine Gäste da waren, sehr früh einzunehmen
pflegte) hatte der kalte Winterwind so finstere
Wolken und so durchdringenden Regen herauf-
gebracht, daß keine Rede mehr von einem Aus-
gehen sein konnte.
  Ich war froh darüber; ich mochte lange
Spaziergänge nicht, am wenigsten an so kalten
Nachmittagen; ich haßte das Nachhausekom-
men im Zwielicht, mit halberfrorenen Finger-
spitzen und Zehen; das ständige Genörgel des
Kindermädchens Bessie machte mir das Herz
schwer und brachte mir meine physische Unter-
legenheit Eliza, John und Georgiana Reed gegen-
über so recht zum Bewußtsein.
  Eliza, John und Georgiana waren nun im
Wohnzimmer um ihre Mama versammelt;
Mrs. Reed lag auf einem Ruhebett am Kamin
und schien restlos glücklich im Kreise ihrer
Lieben, die im Augenblick weder schrien noch
sich zankten. Mich hatte sie aus diesem Kreise
verbannt.

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  Es tue ihr leid, mich fernhalten zu müssen –
hatte sie gesagt –; aber solange ihr Bessie nicht
bestätigte und sie nicht selber feststellen könne,
daß ich mich ehrlich bemühe, freundlicher und
kindlicher zu sein, ein liebenswürdigeres und
offeneres Wesen zu zeigen, so lange müsse sie
mich eben von den Vorrechten, die nur guten,
zufriedenen und fröhlichen Kindern zuteil wer-
den, ausschließen.
  «Was soll ich denn getan haben?» fragte ich.
  «Jane, Kinder, die immer zu widersprechen
und zu fragen haben, kann ich nicht leiden; zu-
dem ist ein solcher Ton Erwachsenen gegenüber
ungehörig. Setz dich irgendwo hin, und wenn
du nicht freundlich reden kannst, so schweige.»
  Neben dem Wohnzimmer lag ein kleines
Frühstückszimmer; dorthin verzog ich mich. Es
enthielt einen Bücherschrank; rasch suchte ich
mir ein Buch mit möglichst vielen Bildern aus.
Dann kletterte ich auf den breiten Fenstersitz,
schlug die Beine nach Türkenart unter; nach-
dem ich noch den roten Moiré-Vorhang fast
ganz zugezogen hatte, war ich von aller Welt
abgeschlossen.
  Rechts von mir fiel in schweren Falten der
Vorhang nieder; zu meiner Linken schützten
mich die blanken Fensterscheiben vor dem trü-
ben Novembertag, wenn sie mich auch nicht von
ihm trennten. Hin und wieder, beim Umwenden
einer Seite, warf ich einen Blick auf die Winter-
landschaft draußen. In der Ferne zogen fahle
Nebel und Wolken dahin; im Vordergrund

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peitschten Wind und Regen das kahle Ge-
büsch.
  Ich kehrte zu meinem Buch zurück – Bewicks
Naturgeschichte der britischen Vogelwelt; das
Gedruckte interessierte mich im allgemeinen
wenig; doch einige Seiten der Einleitung fessel-
ten selbst mein noch kindliches Gemüt; es waren
die Seiten, die von den Gewohnheiten der See-
vögel handeln, von den «einsamen Felsen und
Klippen», die sie allein bewohnen; von Nor-
wegens inselumsäumter Küste. Auch packte
mich die Beschreibung der unermeßlichen Eis-
wüsten Lapplands, Spitzbergens, Grönlands und
Sibiriens, und mein kindlicher Sinn schuf sich
eine eigenartige Vorstellung von diesem Reiche
des Weißen Todes. Die Sätze der einleitenden
Seiten verbanden sich mit den nachfolgenden
Bildern und gaben jedem seine besondere Be-
deutung: dem einsam aus Wogen und Gischt
ragenden Felsen, dem an trostloser Küste ge-
strandeten Boot, dem sinkenden Schiff im kalten,
geisterhaften Mondenschein.
  Ich vermag die Empfindungen nicht auszu-
drücken, die der stille Friedhof mit seinen Grab-
steinen und Inschriften, seinem Tor und den
zwei Bäumen, seinem niederen Horizont mit der
zerbröckelnden Mauer und der abendlichen
Mondsichel in mir auslösten. Die beiden in
Windstille rastenden Boote hielt ich für See-
ungeheuer. Hastig überschlug ich den bösen
Geist und das gehörnte Untier, die mich mit
Schrecken erfüllten.

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  Jedes Bild erzählte eine Geschichte; oft ge-
heimnisvoll und mir noch unverständlich, jedoch
immer höchst interessant; mindestens ebenso
spannend wie das, was Bessie an Winterabenden
erzählte, wenn sie gut gelaunt war; wenn sie ihr
Bügelbrett an den Kamin im Kinderzimmer
rückte und uns erlaubte, drum herum zu sitzen;
und während sie Mrs. Reeds Spitzenrüschen und
Nachthäubchen plättete, unsere Aufmerksam-
keit in Spannung hielt mit Liebes- und Aben-
teuergeschichten aus alten Märchen und Bal-
laden.
  Mit Bewick auf dem Schoß war ich glücklich;
glücklich auf meine Art. Ich fürchtete nichts so
sehr, als unterbrochen zu werden; und das ge-
schah nur zu bald. Die Türe wurde aufgeris-
sen:
  «Puh, Jungfer Schmollerin!» rief die Stimme
John Reeds; dann einen Augenblick Stille: das
Zimmer schien ihm leer zu sein.
  «Wo zum Kuckuck mag sie stecken?» fuhr er
fort. «Lizzy! Georgy! Jane ist nicht hier; sagt
Mama, daß sie in den Regen hinausgelaufen ist,
das Biest!»
  Wie gut, daß ich den Vorhang zugezogen
habe, dachte ich und wünschte sehnlichst, er
möge mein Versteck nicht entdecken; von selbst
hätte er es auch gewiß nicht gefunden, dazu war
er viel zu denkfaul und träge; aber Eliza schaute
nur zur Türe herein und schon sagte sie:
  «Sie steckt sicher hinter dem Vorhang, Jack.»
Sofort kroch ich aus meinem Versteck hervor,

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aus Angst, besagter Jack könnte mich gewaltsam
herauszerren.
  «Was willst du?» fragte ich zögernd und miß-
trauisch.
  «Sag: ‹Was wünschen Sie, Master Reed?›», war
die Antwort. «Herkommen sollst du!» Er ließ
sich in einem Armstuhl nieder und gebot mir
mit einer Handbewegung, näherzutreten und
vor ihm stehenzubleiben.
  John Reed war vierzehn Jahre alt, volle vier
Jahre älter als ich. Er war groß und stark für sein
Alter; aber er hatte nichts Anziehendes, mit seiner
ungesunden Hautfarbe, den groben Zügen, den
plumpen Gliedmaßen. Bei Tisch stopfte er so
unheimlich viel in sich hinein, daß er wohl davon
solch ein galliges Aussehen, so trübe Augen und
so schlaffe Züge hatte. Eigentlich hätte er um
diese Zeit auf der Schule sein sollen; aber seine
Mama hatte ihn «seiner zarten Gesundheit we-
gen» für ein bis zwei Monate dispensieren lassen.
Mr. Miles, sein Lehrer, meinte zwar, er könne
kerngesund sein, wenn er nur weniger Kuchen
und Süßigkeiten von zu Hause bekäme; aber
das Mutterherz sträubte sich gegen so viel Lieb-
losigkeit und neigte eher dazu, Johns schlechtes
Aussehen der Überarbeitung oder sogar dem
Heimweh zuzuschreiben.
  John hatte nicht viel für Mutter und Schwe-
stern übrig; mich konnte er nicht ausstehen. Er
verfolgte und peinigte mich unablässig, Tag für
Tag, fast Stunde um Stunde; jede Fiber meines
Wesens fürchtete ihn, alles an mir zitterte, wenn

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er mir nur nahe kam. Manchmal lähmte mich
dieser namenlose Schrecken; denn ich hatte
keinerlei Schutz gegen seine Drohungen und
Grausamkeiten; die Dienstboten wollten es mit
dem jungen Herrn nicht verderben, und Mrs.
Reed stellte sich blind und taub, selbst wenn
mich John, was nicht selten der Fall war, in
ihrer Gegenwart schlug.
  Ich war gewohnt, John zu gehorchen, und
stand nun vor seinem Stuhl; er streckte mir
minutenlang die Zunge heraus, soweit er nur
konnte, ohne sich weh zu tun; ich wußte, daß er
mich gleich schlagen würde, aber trotz meiner
Angst empfand ich noch das Gemeine und Ab-
stoßende seines Anblicks. Las er meine Gedanken
in meinem Gesicht? Plötzlich schlug er mich,
wortlos und heftig. Ich wankte und wich zurück.
  «Das ist für die freche Antwort an Mama, vor-
hin», sagte er, «und für deine hinterhältige Ver-
steckerei und für den Blick in deinen Augen,
grad eben, du Ratte!»
  Auch an John Reeds Beschimpfungen war ich
derart gewöhnt, daß mir nie der Gedanke ge-
kommen wäre, etwas zu erwidern; meine einzige
Sorge war, wie ich den Schlag ertragen könnte,
der zweifellos folgen würde.
  «Was hast du hinter dem Vorhang gemacht?»
wollte er wissen.
  «Ich las.»
  «Zeig das Buch her!»
  Gehorsam holte ich es vom Fenstersims.
  «Was fällt dir ein, unsere Bücher zu lesen? Du

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lebst auf unsere Kosten, sagt Mama; dein Vater
hat dir nichts hinterlassen; betteln solltest du
und nicht mit vornehmen Kindern wie wir auf-
wachsen, an unserem Tisch essen und von Mama
gekleidet werden. Jetzt werde ich dich lehren,
dich an meinen Büchern zu vergreifen: denn sie
gehören mir, verstehst du? Das ganze Haus ge-
hört mir, oder wird in wenigen Jahren mir ge-
hören. Geh, stell dich an die Tür, weg von
Spiegel und Fenstern!»
  Ich gehorchte, ohne vorerst zu begreifen, was
er vorhatte; doch als ich ihn das Buch wurfbereit
erheben sah, schrie ich auf und versuchte in-
stinktiv auszuweichen; nicht rasch genug: das
Buch kam angesaust, traf mich, und ich fiel zu
Boden; beim Aufschlagen an die Türe verletzte
ich mich am Kopf. Die Wunde blutete und
schmerzte; meine Furcht hatte ihren Höhe-
punkt überschritten und machte anderen Ge-
fühlen Platz.
  «Du Teufel!» schrie es aus mir. «Du Mörder!
Du Sklavenhalter! Du … du … römischer
Kaiser!»
  Ich hatte Goldsmith’s Römische Geschichte
gelesen und mir meine Meinung über Nero,
Caligula und Genossen gebildet. Ich hatte sie
oft im stillen mit meinem Peiniger verglichen,
aber es war mir nicht bewußt, meine Gedanken
nun laut geäußert zu haben.
  «Was sagst du, was?» brüllte er. «Mir sagst du
so was? Habt ihr gehört, Eliza und Georgiana?
Das werde ich Mama sagen, aber erst …»

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  Mit einem Satz stürzte er sich auf mich,
packte mich an Haaren und Schultern; doch,
mich ergriff der Mut der Verzweiflung: ich sah
in ihm tatsächlich einen Tyrannen, einen Mör-
der. Blut rann von meinem Hinterkopf in den
Nacken und ein stechender Schmerz durch-
zuckte mich: dies alles war im Augenblick stär-
ker als jede Furcht, und ich wehrte mich wie
eine Wahnsinnige. Ich weiß nicht mehr, was ich
mit meinen Händen tat, aber er schrie auf:
«Ratte! Ratte!» und rief um Hilfe. Schon nahte
ihm Hilfe in Gestalt von Mrs. Reed, die Eliza
und Georgiana eilends herbeigeholt hatten; mit
ihr kamen auch Bessie und Abbott, die Zofe.
Man trennte uns; ich hörte jemand sagen:
«Lieber Gott, diese Furie! sich so auf Master
John zu stürzen!» Dann befahl Mrs. Reed:
  «Bringt sie ins Rote Zimmer und schließt sie
dort ein.»
  Vier Hände ergriffen mich und schleppten
mich die Treppe hinauf.

Ich leistete unentwegt Widerstand; das war et-


was ganz Ungewohntes und nicht dazu angetan,
Bessies und Miss Abbotts schlechte Meinung von
mir zu mildern. Tatsächlich war ich außer mir
geraten; ich fühlte, daß mich schon die erste
rebellische Geste strafbar gemacht hatte, und,
wie andere rebellierende Sklaven vor mir, war

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ich plötzlich entschlossen, bis ans bittere Ende
zu gehen.
  «Halten Sie ihre Arme fest, Miss Abbott; sie
ist wie eine wilde Katze!»
  «Pfui! Pfui!» schrie die Kammerzofe. «Wie be-
nehmen Sie sich, Miss Eyre! Pfui, einen jungen
Herrn zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohltäterin!
Ihren jungen Gebieter!»
  «Gebieter? Wieso Gebieter? Bin ich eine
Magd?»
  «Gott behüte! Weniger als eine Magd sind Sie;
denn Sie rühren keinen Finger für Ihren Lebens-
unterhalt. So. Setzen Sie sich und denken Sie
über Ihre Schlechtigkeit nach.»
  Inzwischen hatten sie mich in das von Mrs.
Reed bezeichnete Gemach geschleppt und auf
einen Stuhl geworfen; wie eine Sprungfeder
wollte ich emporschnellen, aber vier starke
Hände hielten mich fest.
  «Wenn Sie nicht stillesitzen, müssen wir Sie
anbinden», sagte Bessie. «Miss Abbott, leihen
Sie mir Ihre Strumpfbänder; meines würde sie
im Nu zerreißen.»
  Miss Abbott wandte sich ab, um eines ihrer
umfangreichen Beine von der notwendigen Bin-
dung zu entblößen. Diese Anstalten zu meiner
Fesselung und der Gedanke an die damit ver-
bundene Schmach kühlten mich etwas ab.
  «Nicht abnehmen!» schrie ich verzweifelt, «ich
will sicher ganz mäuschenstill sitzen!» und um
es zu beweisen, umklammerte ich selbst meinen
Sitz mit beiden Händen.

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  «Also mucksen Sie nicht», mahnte Bessie; und
als sie sich überzeugt hatte, daß ich wirklich
nachgab, lockerte sie den Zugriff ihrer Hände.
Mit verschränkten Armen standen nun Bessie
und Miss Abbott vor mir und betrachteten mich
finster und prüfend, als zweifelten sie an meinem
gesunden Verstand.
  «So war sie noch nie!» sagte Bessie schließlich.
  «Aber es hat immer in ihr gesteckt», war die
Antwort. «Ich habe Missis mehr als einmal
meine Meinung über das Kind gesagt, und
Missis stimmte mir bei: sie ist ein duckmäuseri-
sches Ding; noch nie sah ich ein so verstocktes
Kind.»
  Bessie antwortete nicht; doch zu mir gewandt
sagte sie gleich darauf: «Sie sollten sich klar
machen, Miss, daß Sie in Mrs. Reeds Schuld
stehen; sie erhält Sie; wenn sie Sie wegschickt,
kommen Sie ins Armenhaus.»
  Darauf hatte ich nichts zu erwidern; das war
mir nichts Neues: die allerersten Eindrücke
meines Lebens waren schon mit derlei Anspie-
lungen getrübt. Dieser ewige Vorwurf meiner
Abhängigkeit war mir zur kaum mehr gehörten
Litanei geworden; er tat weh und demütigte
mich, aber ich hatte ihn eigentlich nie recht
aufgefaßt. Nun setzte Miss Abbott fort:
  «Und bilden Sie sich ja nicht ein, auf gleichem
Fuß mit den jungen Damen zu stehen, nur weil
Mrs. Reed gnädigst gestattet, daß Sie mit ihnen
aufwachsen. Die jungen Herrschaften werden
einmal viel Geld haben und Sie gar keins.

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Demütig müssen Sie sein, und versuchen, sich
ihnen angenehm zu machen.»
  «Wir reden zu Ihrem Besten», fügte Bessie
sanfter hinzu. «Sie sollten versuchen, liebens-
würdiger zu sein und sich nützlich zu machen,
vielleicht würden Sie hier dann wie zu Hause
sein. Aber wenn Sie wild und unbändig sind,
wird Missis Sie sicher wegschicken.»
  «Und außerdem», fiel ihr Abbott ins Wort,
«wird Gott selbst Sie strafen; er könnte Sie ein-
mal mitten in Ihren Anfällen tot hinfallen lassen,
und wohin kämen Sie dann? Kommen Sie,
Bessie, wir wollen sie allein lassen; nicht um die
Welt möchte ich an ihrer Stelle sein. Beten Sie,
Miss Eyre, wenn Sie wieder vernünftig sind;
denn wenn Sie nicht bereuen, könnte plötzlich
etwas Schreckliches zum Kamin herunterkom-
men und Sie wegholen.»
  Darauf entfernten sich die beiden und schlos-
sen die Türe hinter sich ab.
  Das Rote Zimmer wurde selten benutzt;
eigentlich nur, wenn sehr viele Gäste in Gates-
head Hall waren, obwohl es eines der größten
und schönsten Zimmer war. Ein Bett, die schwe-
ren roten Damastvorhänge von vier Mahagoni-
pfosten getragen, stand in der Mitte, wie ein
Tabernakel; die beiden Fenster, deren Läden
fast immer verschlossen waren, waren von roten
Vorhängen verdeckt; der Teppich war rot, die
Tischdecke ebenfalls; die Wände waren hell-
braun mit roten Mustern tapeziert; Schrank,
Toilettentisch und Stühle waren aus dunkel-

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poliertem Mahagoni. Aus diesem dunklen Rah-
men erhoben sich, hoch aufgetürmt unter einer
blendendweißen französischen Steppdecke, die
Kissen und Polster des Bettes. Nicht weniger
eindrucksvoll stand zu Häupten des Bettes ein
ebenfalls weißbezogener Polstersessel mit einem
Schemel: er kam mir vor wie ein geisterhafter
Thron.
  Kalt war es in diesem Zimmer, da es kaum je
geheizt wurde; und still, denn es lag weit ent-
fernt von Küche und Kinderzimmer; und da es
so selten betreten wurde, erschien es mir un-
heimlich feierlich. Jeden Samstag wischte das
Zimmermädchen darin Staub; und in unregel-
mäßigen Abständen kam Mrs. Reed und kramte
in einer geheimnisvollen Schublade, in der sich,
außer ihren Juwelen und etlichen alten Perga-
menten, ein Miniaturbildnis ihres verstorbenen
Gatten befand. In diesem Wort liegt das Ge-
heimnis des Roten Zimmers – der Bann, der es,
trotz seiner Großartigkeit, zur Verlassenheit
verurteilte.
  Mr. Reed war nun schon neun Jahre tot; in
diesem Zimmer hatte er den letzten Atemzug
getan; hier war er aufgebahrt und eingesargt
worden. Seither erschien dieser traurige Raum
wie durch eine besondere Weihe abgeschieden.
  Der Sitz, auf den mich Bessie und Miss Abbott
gleichsam festgenagelt hatten, war eine niedere
Ottomane, in der Nähe des Marmorkamins;
vor mir ragte das Bett auf; zu meiner Rechten
der hohe dunkle Schrank, auf dessen Flächen das

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gedämpfte Licht sich brach; und zu meiner
Linken waren die verhangenen Fenster. In
einem großen Spiegel, der zwischen beiden hing,
wiederholte sich die hehre Trostlosigkeit des
weißen Bettes und des leeren Zimmers.
  Ich war nicht ganz sicher, ob die Türe ver-
schlossen war; sobald ich mich zu bewegen
wagte, schlich ich mich zu ihr hin, um nachzu-
sehen. Ach ja, kein Kerker war je so fest wie
meiner. Auf dem Rückweg zu meinem Platz
mußte ich an dem Spiegel vorbei, und mein
Blick versank wie gebannt in seine geheimnis-
volle Tiefe. Alles sah darin viel kälter und fin-
sterer aus, als es in Wirklichkeit war; und die
kleine blasse Gestalt, die mir daraus mit angst-
voll glänzenden Augen entgegenblickte, wirkte
fast wie ein Gespenst, wie eines jener winzigen
Geisterwesen, halb Elfe, halb Kobold, die, wie
Bessie zu sagen wußte, aus farnbestandenen
Mooren auftauchen, um nächtliche Wanderer
zu schrecken.
  In diesem Augenblick schon beschlich mich
abergläubische Furcht, aber noch war mein
Blut in Wallung, noch hatte die Empörung die
Oberhand; ich hatte noch zu stark mit dem
eben Erlebten zu ringen, um meine trostlose
Lage schon ganz zu begreifen.
  Alle tyrannischen Quälereien John Reeds, die
hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern,
die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit
der Dienstboten, alles stieg in meinem verstörten
Geist auf, wie aufgerührter Bodensatz in einem

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Brunnen. Warum mußte ich stets leiden? Warum
wurde ich immer angeherrscht, angeschuldigt
und stets verurteilt? Warum konnte ich nie-
mandem gefallen? Warum war es aussichtslos,
jemandes Gunst zu suchen? Eliza, halsstarrig
und selbstsüchtig, wie sie war, wurde geachtet;
Georgiana, mit ihrem zänkischen, tückischen
Charakter und ihrer Unverschämtheit, war alles
erlaubt. Ihre Schönheit, ihre roten Wangen und
goldenen Locken schienen jedermann zu be-
zaubern und für alle ihre Fehler zu entschädigen.
Und kein Mensch hätte jemals John einen Ver-
weis gegeben oder gar bestraft; mochte er den
Tauben den Hals umdrehen, die Pfauenküken
umbringen, die Hunde auf die Schafe hetzen,
die Weinstöcke im Treibhaus plündern und die
erlesensten Knospen knicken, ja selbst seiner
Mutter respektlos und ungehorsam begegnen,
deswegen war und blieb er doch «ihr Herzens-
junge». Ich aber durfte mir nicht das geringste
zuschulden kommen lassen; ich bemühte mich,
alle meine Pflichten zu erfüllen – es half nichts;
von früh bis spät hieß es nur, ich sei unnütz und
unartig, verdrießlich und hinterhältig.
  Noch schmerzte mein Kopf und blutete von
den Schlägen, für die niemand John zur Rechen-
schaft gezogen hatte; aber weil ich mich zur
Wehr gesetzt hatte, verfiel ich der allgemeinen
Ächtung.
  Das ist ungerecht, ungerecht! sagte meine
frühreife Vernunft, und wilde Entschlüsse flamm-
ten in mir auf, um meiner Not zu entrinnen:

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davonlaufen, oder, wenn das nicht möglich war,
nichts mehr essen und trinken, um endlich
Hungers zu sterben. Welche Seelenqualen mach-
te ich an jenem unheilvollen Nachmittage durch!
Wie aufgewühlt und empört waren Herz und
Sinne! Und in welch furchtbarer Finsternis und
Unsicherheit wurde dieser geistige Kampf aus-
getragen! Die Antwort auf die brennende Frage,
warum ich so litt, konnte ich nicht finden; heute,
nach so vielen Jahren, sehe ich sie klar.
  Hier in Gateshead Hall war ich ein Mißklang,
ein Nichts, ohne Zusammengehörigkeit, ohne
Übereinstimmung weder mit Mrs. Reed noch
mit ihren Kindern noch mit der Dienerschaft.
Sie liebten mich nicht, und ebensowenig liebte
ich sie. Man konnte nicht verlangen, daß sie
einem Wesen, das ihnen allen so zutiefst fremd
war, Wohlwollen und Verständnis entgegen-
brachten; in Temperament, Neigungen und
Fähigkeiten paßte ich zu keinem von ihnen;
wäre ich ein lebhaftes, strahlendes, sorgloses
schönes Kind gewesen, ja selbst anspruchsvoll
und wild, Mrs. Reed hätte mich leichter ertragen,
ihre Kinder wären mir kameradschaftlicher be-
gegnet, und die Dienstboten hätten mich nicht
so leicht zum Sündenbock für alle gemacht.
  Dämmerung erfüllte das Rote Zimmer mehr
und mehr; ich hörte den Regen an die Treppen-
fenster schlagen, den Wind ums Haus fegen; und
mir wurde kalt und ängstlich zumute. Die alt-
gewohnte Demut, Zweifel und Niedergeschla-
genheit begannen meinen Zorn zu ersticken.

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Wenn schon alle sagten, ich sei böse – vielleicht
war ich es wirklich. Was hatte ich mir da eben
ausgedacht von zu Tode verhungern lassen?
Das war ja Sünde! War ich überhaupt zum
Sterben vorbereitet? War die Gruft in der Ka-
pelle zu Gateshead so verlockend? Man hatte
mir gesagt, Mr. Reed liege in einem solchen
Gewölbe begraben – und der Gedanke löste
neue Schrecken in mir aus. Ich konnte mich nicht
an ihn erinnern, aber ich wußte, daß er der Bru-
der meiner Mutter gewesen war, daß er mich
nach dem Tode meiner Eltern zu sich genommen
hatte; und daß er in seiner letzten Stunde Mrs.
Reed das Versprechen abgenommen hatte, mich
wie ein eigenes Kind zu halten und aufzuziehen.
Mrs. Reed fand vermutlich, sie sei diesem Ver-
sprechen nachgekommen, und das war sie wohl
auch, soweit es ihrem Wesen möglich war; aber
wie hätte sie einen fremden Eindringling lieben
können, mit dem sie nach dem Tod ihres Mannes
nichts mehr verband? Es mußte ihr sehr schwer
gefallen sein, sich durch ein Versprechen an ein
Kind gebunden zu sehen, das sie nicht lieben
konnte, und dieses fremde Wesen täglich im
Familienkreise zu dulden.
  Sonderbare Erkenntnisse dämmerten in mir
auf. Ich zweifelte nicht daran, hatte nie daran
gezweifelt, daß mich mein Onkel, wäre er am
Leben geblieben, gut und liebevoll behandelt
haben würde. Und wie ich nun dasaß und das
weiße Bett betrachtete, die im Schatten liegen-
den Wände, den mattleuchtenden Spiegel, der

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mich geheimnisvoll anzog – da kam mir alles
wieder in den Sinn, was ich über Verstorbene
hatte sagen hören, die im Grab keine Ruhe fin-
den, wenn ihre letzten Wünsche nicht beachtet
werden; und die wiederkehren, die Treulosen
zu strafen und die Bedrückten zu rächen; und
ich dachte mir aus, daß Mr. Reed, durch das
Unrecht, das seinem Schwesterkind zugefügt
wurde, beunruhigt, wohl seine Stätte – in der
Gruft oder im unbekannten Jenseits – verlassen
und in diesem Gemach plötzlich erscheinen
könne. Hastig trocknete ich meine Tränen und
unterdrückte mein Schluchzen, aus Furcht,
mein Schmerz könne eine übernatürliche Stim-
me zu meinem Trost herbeirufen, oder ein
geisterhaftes Antlitz könne sich in Mitleid über
mich neigen. Dieser scheinbar tröstliche Ge-
danke war in Wirklichkeit furchterregend; ich
gab mir alle Mühe, ihn von mir zu weisen. Ich
schüttelte die Haare aus der Stirne, erhob die
Augen und versuchte, mich tapfer im dunklen
Zimmer umzusehen.
  In diesem Augenblick schimmerte ein Licht-
strahl an der Wand. Konnte es ein Mondstrahl
sein, der durch eine Ritze des Ladens drang?
Nein – Mondlicht war unbeweglich –, doch
dieses bewegte sich vor meinen Augen; es huschte
die Wand hinauf und an der Decke entlang.
Heute nehme ich an, daß es wohl von einer
Laterne herrührte, die jemand draußen vorbei-
trug. Aber damals! In meiner Erwartung von
etwas Grauenvollem, in meiner Aufregung und

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Nervenüberreizung hielt ich diesen Lichtschim-
mer für den Vorboten einer Erscheinung aus
einer anderen Welt. Mein Herz begann wild zu
schlagen, mein Kopf glühte; es brauste in meinen
Ohren wie Flügelrauschen; etwas schien sich mir
zu nähern, mich zu erdrücken, zu ersticken; ich
konnte es nicht mehr aushalten: mit letzter Kraft
rannte ich zur Türe und rüttelte in verzweifelter
Anstrengung daran. Draußen nahten eilige
Schritte, der Schlüssel wurde umgedreht, Bessie
und Abbott drängten herein.
  «Sind Sie krank, Miss Eyre?» fragte Bessie,
während Abbott rief:
  «Was für ein Lärm! Es ging mir durch Mark
und Bein!»
  «Laßt mich heraus! Laßt mich ins Kinder-
zimmer!» schrie ich in heller Verzweiflung.
  «Warum das? Haben Sie sich weh getan? Ha-
ben Sie etwas – gesehen?»
  «Oh, ich sah ein Licht – ich dachte – es sei ein
Geist!» Ich hatte endlich Bessies Hand ergriffen,
und sie entzog sie mir nicht.
  «Sie hat absichtlich geschrien», warf Abbott
verächtlich dazwischen. «Und wie sie geschrien
hat! Man könnte es noch verstehen, wenn sie in
großer Not gewesen wäre, aber sie tat es ja nur,
um uns herzusprengen. Ich kenne ihre nichts-
nutzigen Schwindeleien.»
  «Was geht hier vor?» ließ sich eine gebieterische
Stimme vernehmen, und Mrs. Reed tauchte mit
wehenden Röcken und Haubenbändern im
Korridor auf. «Abbott und Bessie, ich gab euch

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doch Weisung, Miss Eyre im Roten Zimmer zu
lassen, bis ich sie selbst holen käme.»
  «Miss Jane hat so entsetzlich geschrien», ent-
schuldigte sich Bessie.
  «Lassen Sie sie los», war die einzige Antwort.
«Laß Bessies Hand los, Kind; bilde dir nicht ein,
auf diese Art herauszukommen. Ich hasse Falsch-
heit und Verstellung, besonders bei Kindern –
es ist meine Pflicht, dir beizubringen, daß man
mit solchen Kniffen nichts ausrichtet. Du wirst
jetzt noch eine Stunde länger hierbleiben, und
nur wenn du mäuschenstill und gehorsam bist,
werde ich dich dann freilassen.»
  «Ach, Tante! Haben Sie Mitleid! Verzeihen Sie
mir! Ich kann es nicht ertragen! Strafen Sie mich
sonstwie! Ich sterbe, wenn …»
  «Ruhe! Deine Heftigkeit ist widerlich!» Und
so empfand sie es wohl auch. In ihren Augen war
ich eine frühreife Schauspielerin: sie sah in mir
ein Gemisch von wilden Leidenschaften, Durch-
triebenheit und Heuchelei.
  Bessie und Abbott hatten sich zurückgezogen;
Mrs. Reed, die den Anblick meiner wahnsinni-
gen Angst und mein fassungsloses Schluchzen
nicht mehr ertragen mochte, stieß mich plötzlich
zurück und schloß mich, ohne ein weiteres Wort,
wieder ein. Ich hörte, wie sie sich entfernte, und
gleich darauf verlor ich das Bewußtsein.

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3

Als ich wieder zu mir kam, war mir, als erwache


ich aus einem schrecklichen Albtraum; hinter
dicken, roten Stäben sah ich etwas Rotes glühen;
auch hörte ich Stimmen, hohlklingend, als seien
sie durch Wasser- oder Windesrauschen ge-
dämpft: Aufregung, Unsicherheit und über
allem ein Gefühl namenlosen Schreckens ver-
wirrte meine Sinne. Bald darauf wurde mir
bewußt, daß jemand sich mit mir zu schaffen
machte, mich aufrichtete und stützte, und dies
so liebevoll, wie ich noch nie zuvor aufgerichtet
und gestützt worden war. Ich lehnte den Kopf
an ein Kissen oder an einen Arm und fühlte
mich behaglich.
  Langsam kehrte das klare Bewußtsein zurück,
und ich erkannte, daß ich in meinem eigenen
Bette lag und daß der rote Schein vom Kamin-
feuer des Kinderzimmers kam. Es war Nacht:
eine Kerze brannte auf dem Tisch; Bessie stand
am Fußende des Bettes, mit einem Becken in der
Hand, und auf einem Stuhl neben mir saß ein
Herr und beugte sich über mich.
  Ich empfand unaussprechliche Erleichterung,
ein beruhigendes Gefühl der Geborgenheit, als
ich erkannte, daß ein Fremder im Zimmer war,
ein Mensch, der nicht zu Gateshead und Mrs.
Reed gehörte. Ich wandte mich dem Herrn zu
und betrachtete ihn aufmerksam; ich kannte
ihn: es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs.
Reed manchmal rief, wenn den Dienstboten

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etwas fehlte; für sich und die Kinder ließ sie
einen Arzt kommen.
  «Nun, wer bin ich?» fragte er.
  Ich nannte seinen Namen und streckte ihm
die Hand entgegen. Er nahm sie lächelnd und
meinte: «Bald sind wir wieder ganz gesund.»
Dann legte er mich hin und beauftragte Bessie,
dafür zu sorgen, daß ich während der Nacht
nicht gestört würde. Er gab noch einige weitere
Anweisungen, versprach, am nächsten Tag wie-
derzukommen und verabschiedete sich. Zu mei-
nem großen Leidwesen: ich war mir so beschützt
und umsorgt vorgekommen, solange er neben
mir saß; als er die Türe hinter sich schloß, ver-
dunkelte sich das ganze Zimmer, und mein Herz
wurde wieder schwer; unbeschreibliche Trau-
rigkeit drückte es nieder.
  «Glauben Sie, daß Sie schlafen könnten, Miss?»
fragte Bessie ungewohnt sanft.
  Ich getraute mich kaum, ihr zu antworten, aus
Angst, der nächste Satz könnte wieder grob sein.
«Ich will’s versuchen.»
  «Möchten Sie gerne etwas essen oder trinken?»
  «Nein, danke, Bessie.»
  «Dann werde ich zu Bett gehen; es ist Mitter-
nacht vorbei; aber Sie können mich rufen, wenn
Sie während der Nacht irgend etwas brau-
chen.»
  Wie erstaunlich liebenswürdig! Ich fand den
Mut zu einer Frage:
  «Bessie, was ist los mit mir? Bin ich krank?»
  «Es ist Ihnen im Roten Zimmer schlecht ge-

25
worden, durch das Schreien wahrscheinlich; es
wird sicher bald besser gehen.»
  Bessie ging ins nahe Mädchenzimmer hinüber.
Ich hörte sie sagen: «Sarah, schlafen Sie mit mir
im Kinderzimmer; ich fürchte mich, mit der
armen Kleinen heute nacht allein zu sein: sie
könnte ja sterben. Merkwürdig, dieser Anfall!
Ich möchte wissen, ob sie etwas gesehen hat,
Missis war wirklich zu hart.»
  Sarah kam mit ihr zurück, und beide gingen
zu Bett. Sie flüsterten noch eine Weile zusammen,
ehe sie einschliefen. Aus den Brocken, die ich von
ihrem Gespräch auffing, konnte ich nur allzugut
schließen, wovon die Rede war. «Etwas ging an
ihr vorüber … und verschwand … Ein großer
schwarzer Hund hinter ihm … Drei laute Schläge
an die Tür … Ein Licht auf dem Friedhof, gerade
über seinem Grab …»
  Endlich schliefen beide ein: Feuer und Kerze
erloschen. Mir aber zogen sich die Stunden die-
ser langen Nacht in entsetzlicher Schlaflosigkeit
hin. Ohr, Auge und Geist waren gleichermaßen
überreizt von einer Angst, wie sie nur Kinder
empfinden können.
  Auf diesen Zwischenfall im Roten Zimmer
folgte keine ernstliche oder längere Erkran-
kung, nur hatten meine Nerven eine Erschüt-
terung erlitten, deren Nachwehen ich noch heute
fühle.
  Am folgenden Tag um die Mittagszeit war ich
auf und angekleidet; in Decken eingehüllt, saß
ich am Kamin des Kinderzimmers. Ich fühlte

26
mich körperlich schwach und erschöpft; aber
weit schlimmer war meine unsagbar klägliche
Gemütsverfassung; Träne um Träne rann über
meine Wangen; ich war unfähig, ihnen Halt zu
gebieten. Eigentlich hätte ich fröhlich sein müs-
sen; denn die ganze Familie Reed war aus-
gefahren. Auch Abbott war im anderen Zimmer
und nähte, während Bessie, die hin und her ging,
Spielsachen versorgte und Schubladen auf-
räumte und mir dabei von Zeit zu Zeit ein
ungewohnt freundliches Wort gönnte. Ich war
derart an ständiges Schelten gewöhnt, daß mir
dieser Zustand als Paradies des Friedens hätte
vorkommen sollen; aber meine Nerven waren
jetzt so zerrüttet, daß nichts mich besänftigen
oder beglücken konnte.
  Bessie brachte mir auf einem buntbemalten
Kuchenteller ein Stück Kuchen; auf dem chine-
sischen Teller, der je und je meine Bewunderung
erregt hatte, prangte ein gemalter Paradiesvogel
in einem Kranz von Winden und Rosenknospen.
Oft hatte ich gebeten, diesen Teller in die Hand
nehmen zu dürfen, um ihn genauer zu betrach-
ten, aber bis jetzt war ich einer solchen Gunst
immer für unwürdig befunden worden. Nun
ruhte dieses kostbare Geschirr auf meinen Knien,
und ich wurde herzlich eingeladen, mir den
feinen Kuchen schmecken zu lassen. Vergebliche
Gunst! Sie kam, wie die meisten lang hinaus-
geschobenen und oft ersehnten Erfüllungen, zu
spät! Ich vermochte den Kuchen nicht zu essen;
auch das Gefieder des Vogels und die Farben der

27
Blumen schienen seltsam verblichen. Ich stellte
den Teller mitsamt dem Kuchen beiseite.
  Bessie fragte, ob ich ein Buch wolle. Für kurze
Zeit belebte mich das Wort «Buch», und ich bat
sie, mir «Gullivers Reisen» aus der Bibliothek zu
bringen. Dieses Buch hatte ich immer und immer
wieder mit Entzücken gelesen. Ich hielt es für
eine auf Wahrheit beruhende Erzählung und
fand darin ein tieferes Interesse als an Märchen:
denn nachdem ich die Elfen vergeblich in Finger-
hut, unter Pilzen und im Efeu des alten Ge-
mäuers gesucht hatte, hatte ich mich schließlich
mit der traurigen Wahrheit abgefunden, daß sie
alle aus England fort in ein wildes Land gezogen
seien, wo die Wälder undurchdringlicher, die
Menschen dünner gesät sind. Dagegen waren
Liliput und Brobdignag in meiner Vorstellung
wirklich vorhanden, und ich zweifelte nicht, daß
ich nur weit genug zu reisen brauchte, um eines
Tages mit eigenen Augen die kleinen Felder,
Häuser, Bäume, das Zwergenvolk, die winzigen
Kühe, Schafe und Vögel des einen Reiches zu
sehen und die baumhohen Ähren, die mäch-
tigen Doggen, die Riesenkatzen und die turm-
gleichen Männer und Frauen des anderen. Und
doch, als ich nun das geliebte Buch in Händen
hielt, da war alles fremd und freudlos: die Riesen
waren gespenstische Ungetüme, die Liliputaner
bösartige Kobolde, Gulliver ein trostloser Wan-
derer in öden und gefährlichen Gegenden. Ich
klappte das Buch zu und legte es auf den Tisch,
neben den unangetasteten Kuchen.

28
  Bessie war inzwischen mit Staubwischen und
Aufräumen fertig geworden, und nachdem sie
sich die Hände gewaschen hatte, ging sie an eine
bestimmte Schublade, die voller Seiden und
Atlasresten war, und begann ein neues Häub-
chen für Georgianas Puppe zu nähen. Sie sang
dabei ein Lied, das ich schon oft und gerne gehört
hatte:
«Als wir noch Zigeuner waren –
Lang, lang ist’s her …»

Bessie, so schien mir wenigstens, hatte eine wohl-


tönende Stimme; ich war immer froh, wenn sie
sang; heute aber erfüllte mich die Melodie mit
unbeschreiblicher Traurigkeit. Völlig in ihre
Arbeit versunken, sang Bessie den Kehrreim
ganz leise, ganz gedehnt: «Lang, lang ist’s her»
– und es klang wie die traurigste Kadenz einer
Totenklage.
  Dann ging sie zu einer geradezu herzerschüt-
ternden Ballade über, in deren Kehrreim immer
wieder von einem auf einsamer Heide verlasse-
nen Waisenkind die Rede war.
  «Aber, aber, Miss Jane!» rief Bessie, als sie ge-
endet hatte, «nicht weinen, Miss Jane!»
  Sie hätte geradesogut zum Feuer sagen können
«nicht brennen». Wie hätte sie die krankhafte
Qual ahnen können, die mich erfüllte?
  Im Laufe des Vormittags kam Mr. Lloyd wie-
der, um nach mir zu sehen.
  «Ei, ei, schon auf!» sagte er eintretend. «Nun,
Fräulein Bessie, wie geht es?»

29
  Bessie meinte, es gehe mir gut.
  «Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen. Kom-
men Sie mal her, Miss Jane; Sie heißen doch
Jane, nicht wahr?»
  «Ja, Herr Doktor, Jane Eyre.»
  «Na schön. Aber Sie haben geweint, Miss Jane
Eyre. Können Sie mir sagen, weshalb? Tut Ihnen
etwas weh?»
  «Nein, Herr Doktor.»
  «Ich», fiel Bessie ein, «ich vermute, sie weint,
weil sie nicht mit Missis und den Kindern aus-
fahren durfte.»
  «Wohl kaum, für so kindisch halte ich sie nicht.»
  Der Ansicht war ich auch, und mein gekränk-
tes Selbstgefühl setzte sich zur Wehr.
  «Nie im Leben habe ich wegen so etwas geweint;
ich hasse Spazierfahrten … Ich weine, weil ich
unglücklich bin.»
  «Pfui, Miss Jane!» rief Bessie aus.
  Der gute Apotheker schien nicht wenig ver-
legen. Er musterte mich aufmerksam aus kleinen,
grauen, nicht sehr hellen, aber klugen Augen.
Nachdem er mich so eingehend betrachtet hatte,
fragte er:
  «Was hat Sie gestern eigentlich krank ge-
macht?»
  «Sie ist gefallen», mischte sich Bessie wieder ein.
  «Gefallen? wie ein kleines Kind? Kann sie
nicht ordentlich laufen, so groß wie sie ist? Sie
muß doch acht oder neun Jahre alt sein.»
  «Ich wurde zu Boden geschlagen», erklärte ich
unverblümt, um meinen wiederum gekränkten

30
Stolz zu retten. «Aber das war es nicht, was mich
krank machte», fügte ich hinzu.
  Mr. Lloyd nahm eine Prise Schnupftabak.
Während er die Dose wieder in die Westentasche
verstaute, ertönte die Essensglocke für die Die-
nerschaft; das Zeichen war ihm bekannt.
  «Das gilt Ihnen, Fräulein», sagte er zu Bessie.
«Gehen Sie ruhig, ich werde Miss Jane die
Leviten lesen, bis Sie zurückkommen.»
  Bessie wäre lieber dageblieben; aber das ging
nicht, denn in Gateshead Hall wurde streng auf
Pünktlichkeit gehalten.
  «Also der Sturz ist nicht die Ursache Ihrer
Erkrankung», fuhr Mr. Lloyd fort, nachdem
Bessie gegangen war. «Was war es denn?»
  «Ich wurde bis in die Nacht hinein in ein Zim-
mer eingeschlossen, in dem ein Geist ist.»
  Mr. Lloyd lächelte kaum merklich und ward
gleich wieder ernst.
  «Ein Geist! Dann sind Sie ja doch noch ein
kleines Kind! Sie fürchten sich vor Gei-
stern?»
  «Vor Mr. Reeds Geist, ja. Er starb in jenem
Zimmer und wurde dort aufgebahrt. Weder
Bessie noch sonst jemand mag das Zimmer nachts
betreten; und es war grausam, mich dort ein-
zusperren, ohne Kerze, ganz allein, so grausam,
daß ich es nie, nie vergessen werde.»
  «Unsinn! Und darum sind Sie unglücklich?
Fürchten Sie sich jetzt auch noch, am hellichten
Tage?»
  «Nein, aber bald wird es Nacht; und außerdem

31
– ich bin unglücklich, sehr unglücklich, aus
anderen Gründen.»
  «Warum denn? Können Sie es mir nicht sagen?»
  Ach, wie gerne hätte ich die Frage offen
beantwortet. Kinder empfinden tief; aber sie
vermögen ihre Gefühle nicht zu zergliedern; und
selbst, wenn sie es in Gedanken bis zu einem
gewissen Grade können, so fällt es ihnen doch
schwer, sie in Worten auszudrücken. Aus Angst
jedoch, diese erste und einzige Möglichkeit zu
versäumen, meine Not durch eine Aussprache
zu lindern, zwang ich mich, nach angestrengtem
Nachdenken, zu einer möglichst wahrheitsge-
treuen Antwort.
  «Erstens habe ich weder Vater noch Mutter
noch Geschwister.»
  «Sie haben eine gute Tante und Vettern.»
  Ich schwieg wieder; dann platzte ich heraus:
  «Aber John Reed hat mich zu Boden geschla-
gen, und meine Tante hat mich in das Rote
Zimmer gesperrt …»
  Wieder nahm Mr. Lloyd seine Zuflucht zur
Tabaksdose.
  «Finden Sie Gateshead nicht wunderschön?»
fragte er. «Sind Sie nicht glücklich, an einem so
herrlichen Ort leben zu dürfen?»
  «Es ist ja nicht mein Haus, Herr Doktor; und
Abbott sagt, ich hätte weniger Anrecht, hier zu
sein, als irgendeiner der Dienstboten.»
  «Unsinn! Sie sind doch nicht so dumm, sich
von so einem schönen Ort wegzuwünschen?»
  «Wenn ich wüßte, wohin, wäre ich glücklich,

32
wegzugehen; aber ich werde nie von Gateshead
loskommen, nicht eher, als bis ich erwachsen
bin.»
  «Nun, vielleicht doch, wer weiß? Haben
Sie außer Mrs. Reed noch irgendwelche Ver-
wandte?»
  «Ich glaube nicht, Herr Doktor.»
  «Niemand auf Vaters Seite?»
  «Ich weiß es nicht; ich habe Tante Reed ein-
mal danach gefragt, und sie meinte, vielleicht
wären da noch arme, heruntergekommene Ver-
wandte namens Eyre; aber sie wisse nichts von
ihnen.»
  «Möchten Sie zu solchen Verwandten gehen,
wenn es sie gäbe?»
  Ich überlegte. Armut erscheint Erwachsenen
schon als etwas Schreckliches, wieviel mehr
einem Kinde, das keine Ahnung von tüchtiger,
fleißiger, ehrlicher Armut hat, sondern das Wort
nur mit zerlumpten Kleidern, kärglichem Essen,
schlechten Manieren und Lastern in Verbindung
bringt. Für mich war Armut gleichbedeutend
mit Erniedrigung.
  «Nein, zu armen Leuten möchte ich nicht»,
antwortete ich schließlich.
  «Auch nicht, wenn sie gut zu Ihnen wären?»
  Ich schüttelte den Kopf; ich sah nicht recht,
wie arme Leute es sich leisten könnten, gut zu
sein; und dann, sollte ich ihre Sprache lernen,
ihre Manieren annehmen, ungebildet sein, auf-
wachsen wie die armen Weiber, die ich im Dorf
ihre Kinder stillen und ihre Kleider waschen

33
sah? Nein, ich hatte nicht den Mut, meine Frei-
heit um solchen Preis zu erkaufen.
  «Aber sind denn Ihre Verwandten so sehr arm?
Sind es Arbeiter?»
  «Ich weiß es nicht; Tante Reed sagt, wenn ich
überhaupt welche habe, könne es nur Bettelvolk
sein; ich möchte nicht betteln gehen!»
  «Möchten Sie zur Schule gehen?»
  Wieder mußte ich überlegen. Ich wußte kaum,
was eine Schule ist. Bessie hatte sie hin und wie-
der als einen Ort beschrieben, wo junge Mäd-
chen an langen Tischen, auf harten Bänken mit
steifen Lehnen sitzen und schrecklich anständig
und pünktlich sein müssen; John Reed haßte die
Schule und verspottete seine Lehrer; aber John
Reed war für mich ja nicht maßgebend; Bessies
Kenntnisse über das Schulwesen stammten von
der Familie, in der sie früher gedient hatte und
deren Töchter im Pensionat gewesen waren;
einerseits etwas beängstigend, hatten diese Mit-
teilungen doch auch viel Verlockendes: die jun-
gen Damen hatten malen und singen, hand-
arbeiten und Französisch gelernt; wenn ich dar-
an dachte, beneidete ich sie. Für mich würde die
Schule außerdem eine willkommene Verände-
rung bedeuten, Abschied von Gateshead, eine
lange Reise, ein völlig neues Leben.
  «Ich möchte sehr gerne zur Schule gehen»,
sagte ich als Abschluß dieser Überlegungen.
  «Gut, gut. Wer weiß, was alles geschehen kann»,
sagte Mr. Lloyd und erhob sich. «Das Kind sollte
in andere Umgebung und andere Luft», sagte er

34
wie zu sich selbst, «seine Nerven sind sehr an-
gegriffen.»
  Im gleichen Augenblick trat Bessie wieder ein,
und man hörte den Wagen den Kiesweg herauf-
fahren.
  «Ist das Mrs. Reed?» fragte Mr. Lloyd. «Ich
möchte sie sprechen, bevor ich gehe.»
  Bessie führte ihn ins Frühstückszimmer hin-
unter.
  Aus den folgenden Ereignissen entnahm ich,
daß er in dieser Unterredung den Vorschlag
gemacht hatte, man solle mich zur Schule
schicken, und daß Mrs. Reed bereitwilligst dar-
auf eingegangen war. Denn, wie Abbott abends,
als sie mich schlafend wähnte, zu Bessie sagte:
«Mrs. Reed war wohl nur zu froh, ein so un-
angenehmes, ungeratenes Kind loszuwerden, das
immer aussieht, als führe es etwas Böses im
Schilde.»
  Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich noch, daß
mein Vater ein armer Pfarrer gewesen war, den
meine Mutter gegen den Willen der Ihren ge-
heiratet hatte; daß mein Großvater Reed, der
diese Heirat als eine Mesalliance betrachtete,
meine Mutter enterbt hatte und daß bald nach
meiner Geburt meine Eltern kurz nacheinander
einer Typhusepidemie zum Opfer gefallen wa-
ren, die damals in der Fabrikstadt, wo mein
Vater die Seelsorge führte, wütete.
  Als Bessie dies anvertraut wurde, seufzte sie
und meinte: «Die arme Miss Jane kann einem
auch leid tun, Abbott.»

35
  «Ja, wenn es ein nettes, hübsches Kind wäre,
könnte man Mitleid mit seiner Verlassenheit
haben; aber mit so einer kleinen Kröte – nein.»
  «Natürlich nicht viel», pflichtete Bessie bei,
«jedenfalls würde eine Schönheit wie Miss Geor-
giana unter den gleichen Umständen ungleich
viel rührender wirken.»
  «Oja, ich bete Miss Georgiana an!» rief Abbott
aus. «Das süße Geschöpf, mit den langen Locken
und den blauen Augen und den rosigen Wangen:
wie gemalt! – Übrigens, Bessie, ich könnte mir
Käseschnitten zum Nachtessen denken!»
  «Ich auch – und gebackene Zwiebeln dazu.
Gehen wir essen.»

Aus meiner Unterredung mit Mr. Lloyd und den


erlauschten Gesprächen zwischen Bessie und
Abbott schöpfte ich neue Hoffnung und den
Willen, gesund zu werden: eine Veränderung
schien bevorzustehen; ich ersehnte und erwar-
tete sie schweigend. Jedoch sie ließ lange auf sich
warten, Tage und Wochen vergingen; ich war
wieder ganz hergestellt, aber nie wurde der
Gegenstand meiner geheimen Wünsche auch nur
angedeutet. Mrs. Reed beobachtete mich oft mit
strengen Blicken, richtete aber kaum je das Wort
an mich; seit meiner Krankheit hatte sie eine
noch schärfere Trennungslinie zwischen mir und
ihren Kindern gezogen; ich bekam ein kleines

36
Zimmerchen zum Schlafen angewiesen, ich
mußte allein die Mahlzeiten einnehmen und
stets im Kinderzimmer bleiben, während die
anderen sich ständig im Wohnzimmer aufhiel-
ten. Nie ließ sie eine Andeutung über die Schul-
frage fallen, aber ich fühlte, daß sie mich nicht
mehr lange unter ihrem Dache dulden werde,
so voll unzweideutiger Abneigung waren ihre
Blicke.
  Eliza und Georgiana – augenscheinlich ge-
nauen Weisungen folgend – sprachen sowenig als
möglich mit mir; John schnitt mir Fratzen, wenn
er mich traf, und einmal versuchte er, mich zu
schlagen. Aber ich setzte mich sofort derart zor-
nig und verzweifelt zur Wehr, daß er es für
klüger hielt, schreiend und schimpfend davon-
zulaufen und zu behaupten, ich hätte ihm die
Nase eingeschlagen. Tatsächlich hatte ich ihn
mit dem Knöchel meiner Hand hart getroffen,
und als ich den Erfolg meines Gegenangriffs sah,
hätte ich gute Lust gehabt, ihm weiter zuzu-
setzen; aber da war John bereits unter Mamas
Fittichen. Ich hörte ihn in kläglichem Ton er-
zählen, «die abscheuliche Jane Eyre» habe ihn
wie eine wilde Katze angesprungen – doch wurde
er ziemlich barsch unterbrochen.
  «Sprich nicht von ihr, John, ich habe dir gesagt,
du sollst ihr nicht nahe kommen; sie ist es nicht
wert, daß du oder deine Schwestern euch über-
haupt mit ihr einlaßt.»
  Als ich das vernahm, schrie ich, über das
Treppengeländer gebeugt und ohne meine

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Worte auch nur einen Augenblick lang zu er-
wägen:
  «Sie sind es nicht wert, daß ich mich mit ihnen
abgebe!»
  Mrs. Reed war eine ziemlich korpulente
Dame; doch bei diesen Worten kam sie, ehe ich
mich’s versah, die Treppe heraufgerannt, fegte
mich wie ein Wirbelwind ins Kinderzimmer,
drückte mich auf die Kante meines Bettes nieder
und gebot mir mit erregter Stimme, mich nicht
mehr von der Stelle zu rühren und den ganzen
Tag kein weiteres Wort mehr zu sprechen.
  «Was würde Onkel Reed sagen, wenn er noch
lebte?» fragte ich fast ungewollt. Fast ungewollt;
denn meine Zunge schien unabhängig von mei-
nem Willen diese Worte zu formen; es war, als
spräche etwas aus mir, worüber ich keine Macht
hatte.
  «Was?» stieß Mrs. Reed hervor; ihre sonst so
kalten grauen Augen schienen angsterfüllt; sie
ließ meinen Arm los und starrte mich an, als
müsse sie ergründen, ob ich ein Kind sei oder
ein Teufel. Aber ich war nicht mehr aufzuhalten.
  «Mein Onkel Reed ist im Himmel und kann
alles sehen, was Sie tun und denken; und Papa
und Mama auch; sie wissen, wie Sie mich einen
ganzen Tag eingesperrt haben und daß Sie mir
den Tod wünschen.»
  Mrs. Reed fand ihr Gleichgewicht bald wie-
der; sie schüttelte mich unsanft, gab mir zwei
Ohrfeigen und verließ mich ohne ein weiteres
Wort. Bessie füllte die nächste Stunde mit einer

38
Predigt aus, worin sie mir bewies, daß ich das
schlechteste und verworfenste Kind sei, das je
unter einem Dach gelebt habe. Ich war fast
geneigt, ihr zu glauben, denn ich fühlte nur noch
böse Regungen in meiner Brust.
  Mehrere Monate vergingen. Weihnachten
und Neujahr waren wie immer mit Geschenken
und Festlichkeiten begangen worden, von denen
ich selbstverständlich ausgeschlossen blieb. Mein
Anteil an der Fröhlichkeit bestand darin, täglich
Elizas und Georgianas Vorbereitungen mitan-
zusehen, bevor sie in ihren Musselinkleidchen,
roten Schärpen und kunstvoll gedrehten Ringel-
locken in den Salon gingen. Vom Treppenabsatz
lauschte ich auf alle Geräusche unter mir: das
Hin und Her der Diener, Gläserklirren, Lachen,
Musik. Wenn ich des Lauschens müde war, zog
ich mich in das stille Kinderzimmer zurück,
wohl ein wenig traurig, aber nicht unglücklich.
Offengestanden, ich hatte nicht den leisesten
Wunsch, in Gesellschaft zu gehen, wo man mich
doch nicht beachtete. Und wenn Bessie nur ein
bißchen freundlicher und zutunlicher gewesen
wäre, hätte ich mich glücklich geschätzt, die
Abende stillvergnügt in ihrer Gesellschaft zuzu-
bringen, fern von Mrs. Reeds schrecklichem
Blick. Aber Bessie pflegte, kaum daß die jungen
Damen fertig waren, in die Gesindestube zu ver-
schwinden; und die Kerze nahm sie meistens mit
sich. Da saß ich denn, mein Püppchen auf dem
Schoß, bis das Feuer ganz heruntergebrannt war.
  Nur zuweilen blickte ich mich scheu um, ob

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auch nichts Gefährliches den dämmrigen Raum
beträte; und wenn die Glut ganz zu Asche zer-
fallen war, zog ich mich hastig im Dunkeln aus,
riß ungeduldig an Bändern und Knöpfen und
suchte in meinem Bettchen Schutz vor Kälte und
Finsternis. Meine Puppe nahm ich immer mit
ins Bett; etwas muß jeder Mensch liebhaben
können, und in Ermangelung eines Besseren
überschüttete ich diese armselige Vogelscheuche
mit meiner ganzen Zärtlichkeit. Ich konnte nicht
schlafen, ohne sie in meinem Arm zu halten, und
wenn sie warm und geborgen bei mir lag, fühlte
ich mich glücklich und dachte, meine Puppe
müsse es auch sein.
  Endlos schienen die Stunden, in denen ich auf
das Weggehen der Gäste wartete oder auf Bessies
Schritt im Korridor; manchmal kam sie zwi-
schendurch, um ihren Fingerhut oder die Schere
zu holen, oder auch, um mir einen Imbiß zu
bringen; dann saß sie wohl auf meinem Bettrand,
bis ich fertig gegessen hatte, und stopfte dann
meine Decke ein, bevor sie ging; zweimal küßte
sie mich sogar und sagte: «Gute Nacht, Miss
Jane.» Wenn sie so lieb zu mir war, erschien mir
Bessie als das beste, hübscheste und freundlichste
Geschöpf auf der Welt; und ich wünschte sehn-
lichst, sie möchte immer so liebenswürdig und
gütig sein und mich nie mehr herumstoßen,
schelten und unvernünftig zurechtweisen, wie
sie es allzuoft tat. Wenn ich zurückdenke, glaube
ich, daß Bessie Lee ein natürlich begabtes Mäd-
chen war; denn sie war geschickt in allen Dingen

40
und hatte, wie mir scheint, ein wahres Erzähler-
talent. Falls mich die Erinnerung nicht trügt,
war sie auch hübsch, schlank, mit schwarzem
Haar, dunklen Augen und freundlichen, klaren
Zügen; aber sie konnte launisch und heftig sein,
und was Grundsätze und Gerechtigkeit an-
belangten, war sie absolut unzuverlässig; trotz
alledem war sie mir bei weitem der liebste
Mensch in ganz Gateshead Hall.
  Es war am fünfzehnten Januar, etwa neun
Uhr morgens; Bessie war zum Frühstück hin-
untergegangen; meine Kusinen waren noch
nicht zu ihrer Mama gerufen worden; Eliza
machte sich fertig, um nach ihren Hühnern zu
sehen, die sie liebevoll pflegte, nicht zuletzt, weil
sie deren Eier an die Wirtschafterin verkaufte
und sich damit ein hübsches Sümmchen zusam-
mensparte. Sie war überhaupt sehr geschäfts-
tüchtig und geldgierig; sie würde ihr Haar ver-
kauft haben, wenn sie dabei ein gutes Geschäft
hätte machen können; der Gärtner hatte Wei-
sung, ihr alles abzukaufen, was sie an Samen,
Setzlingen und Pflanzen aus ihrem Garten ab-
zugeben hatte. Über ihr Geld, das sie zuerst, in
alte Lappen oder Lockenwickel gehüllt, in allen
möglichen Ecken versteckt hatte, nun aber
sicherheitshalber ihrer Mama zu fünfzig und
sechzig Prozent Zinsen übergab, führte sie eben-
so genau Buch, wie sie auch die Zinsen regel-
mäßig eintrieb.
  Georgiana saß auf einem hohen Schemel vor
dem Spiegel und schmückte ihre Locken mit

41
verblaßten Blumen und Federn, die sie in einer
alten Kommode auf dem Estrich gefunden hatte.
Ich selbst machte, Bessies striktem Befehl nach-
kommend, mein Bett (denn Bessie zog mich in
letzter Zeit öfters als Hilfsmädchen heran). Nach-
dem ich die Steppdecke glattgestrichen und mein
Nachthemd gefaltet hatte, ging ich in den Erker,
um dort verstreute Bilderbücher und Puppen-
möbel aufzuräumen; aber ein barscher Befehl
Georgianas, ihre Sachen in Ruhe zu lassen, hielt
mich davon ab; denn, ach, diese Stühlchen und
Spieglein, die Tellerchen und Täßchen waren
ihr Eigentum. So ging ich denn, da ich nichts
Gescheiteres zu tun wußte, an die mit Eisblumen
bedeckten Fenster und begann mit meinem
Atem ein Fleckchen freizulegen, durch das ich
auf den in Frost erstarrten Garten blicken könnte.
  Vom Fenster aus konnte man das Pförtner-
häuschen und die Auffahrt sehen, und gerade
als ich genug Silberblumen weggewischt hatte,
um hinausblicken zu können, sah ich das große
Tor sich öffnen und einen Wagen hereinfahren.
Gleichgültig sah ich ihn vorfahren: es kamen so
viele Wagen nach Gateshead, doch keiner der
Gäste interessierte mich. Der Wagen hielt vor
dem Haupteingang; die Glocke läutete; der
Ankömmling wurde eingelassen. Das alles ging
mir weniger nah als der Anblick eines hungrigen
Rotkehlchens, das auf den kahlen Zweigen vor
dem Fenster herumhüpfte und piepste. Die
Überreste meines Frühstücks standen noch auf
dem Tisch; ich zerkrümelte ein Stückchen Brot

42
und mühte mich gerade ab, das Fenster hoch-
zuschieben, um die Brosamen hinauszustreuen,
als Bessie atemlos ins Kinderzimmer gerannt
kam.
  «Miss Jane, ziehen Sie schnell die Schürze aus;
was tun Sie da? Haben Sie sich heute morgen
Gesicht und Hände gewaschen?» Ich zerrte erst
noch einmal an dem Fenster, bevor ich antwor-
tete; denn ich wollte dem Vöglein sein Futter
sichern; das Fenster gab auch nach, und ich be-
eilte mich, die Krumen hinauszustreuen; dann
erst antwortete ich, während ich das Fenster
schloß:
  «Nein, Bessie, ich bin eben erst mit Abstauben
fertig geworden.»
  «Ach, Sie gräßliches Kind! Und was tun Sie
jetzt? Ganz rot sind Sie, als ob Sie Unfug ge-
trieben hätten. Wozu brauchten Sie das Fenster
zu öffnen?»
  Ich wurde der Antwort enthoben; denn Bessie
hatte es viel zu eilig, um zuzuhören; sie zerrte
mich zum Waschtisch, unterzog mich einer hefti-
gen, aber zum Glück kurzen Prozedur mit
Wasser, Seife und Handtuch; glättete mein
Haar mit einer harten Bürste, zog mir die
Schürze aus und rannte mit mir zur Treppe:
ich solle sofort hinuntergehen, man erwarte
mich im Frühstückszimmer.
  Ich wollte fragen, wer mich erwarte; ich hätte
gerne gewußt, ob Mrs. Reed dort sei, aber Bessie
war schon wieder weg und hatte die Kinder-
zimmertür hinter sich geschlossen. Langsam

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stieg ich die Stufen hinunter. Während nahezu
drei Monaten war ich nicht mehr zu Mrs. Reed
gerufen worden: nach so langer Verbannung
waren alle unteren Räume des Hauses mir
fremd und beängstigend geworden.
  Nun stand ich in der leeren Diele; vor mir die
Tür zum Frühstückszimmer; zitternd und ein-
geschüchtert zögerte ich. Was für ein armseliger
kleiner Feigling war ich geworden! Ich wagte
nicht, ins Kinderzimmer zurückzugehen, und
fürchtete mich, in das Zimmer vor mir einzu-
treten; wohl zehn Minuten verharrte ich so
angstvoll zögernd; das laute Klingeln der Eß-
zimmerglocke brachte mich zum Entschluß:
ich mußte eintreten.
  Wer konnte nach mir verlangen? fragte ich
mich im stillen, während ich mit beiden Händen
die harte Türklinke zu drehen versuchte, die
ein, zwei Sekunden widerstand. Wen würde ich
außer Tante Reed zu sehen bekommen? Einen
Mann oder eine Frau?
  Die Klinke gab nach, die Türe öffnete sich,
ich trat ein, machte einen tiefen Knicks und sah
dann an – einer schwarzen Säule hoch. So er-
schien mir wenigstens die schmale, gerade, dun-
kelgekleidete Gestalt, die vor dem Kamin stand;
das strenge Gesicht, weit oben, sah aus wie eine
geschnitzte Maske, die der Säule als Kapital
aufgesetzt wäre.
  Mrs. Reed saß auf ihrem gewohnten Platz am
Kamin; sie winkte mir, näher zu treten; ich
gehorchte, und sie stellte mich dem steinernen

44
Gast mit den Worten vor: «Dies ist das kleine
Mädchen, dessentwegen ich mich an Sie ge-
wandt hatte.»
  Er – denn es war ein Mann – wandte langsam
den Kopf nach mir; zwei forschende graue
Augen, unter buschigen Augenbrauen, betrach-
teten mich prüfend.
  «Sie ist nicht groß, wie alt ist sie?» sagte er
dann.
  «Zehn Jahre.»
  «So alt schon?» war die zweifelnde Antwort;
und er sah mich weiter prüfend an. Doch dann
sprach er mich an:
  «Wie heißt du, kleines Mädchen?»
  «Jane Eyre, Sir.»
  Ich sah zu ihm auf, während ich antwortete;
er schien mir außerordentlich groß; aber ich
war ja auch noch sehr klein; er hatte breite Züge,
und alles an seiner Gestalt war gleich hart und
eckig.
  «Nun, und, Jane Eyre, bist du ein braves
Kind?»
  Unmöglich, darauf mit Ja zu antworten; in
meiner kleinen Welt war man gegenteiliger An-
sicht: ich schwieg. Mrs. Reed antwortete statt
meiner mit vielsagendem Kopfschütteln und
fügte hinzu: «Je weniger wir darüber sagen,
desto besser ist es wohl, Mr. Brocklehurst.»
  «Das tut mir aber leid! Ich muß mit der Klei-
nen sprechen.» Er ließ sich von der Höhe herab
und nahm Platz in einem Sessel, Mrs. Reed
gegenüber. «Komm her», sagte er zu mir.

45
  Ich gehorchte, und er stellte mich gerade vor
sich hin. Welch ein Gesicht, nun es auf gleicher
Höhe mit meinem war! Welch große Nase!
Welch ein Mund! Und was für hervorstehende
Zähne!
  «Nichts ist trauriger als der Anblick eines un-
artigen Kindes», begann er, «besonders eines
unartigen Mädchens. Weißt du, wohin die
bösen Menschen nach dem Tode kommen?»
  «Sie kommen in die Hölle», war meine
prompte, sachliche Antwort.
  «Und was ist die Hölle? Kannst du mir das
sagen?»
  «Eine Grube voller Feuer.»
  «Und möchtest du in diese Grube fallen und
dort immer und ewig brennen?»
  «Nein, Sir.»
  «Was mußt du tun, um das zu vermeiden?»
  Ich überlegte einen Augenblick; über die Ant-
wort, die ich schließlich gab, ließ sich streiten:
«Ich muß versuchen, gesund zu bleiben und
nicht zu sterben.»
  «Wie kannst du bei guter Gesundheit bleiben?
Es sterben täglich Kinder, die jünger sind als
du. Erst vor ein paar Tagen habe ich ein fünf-
jähriges Kind begraben – ein gutes Kindlein,
dessen Seele nun im Himmel ist. Ich fürchte,
das könnte man von dir nicht sagen, wenn du
abberufen würdest.»
  Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel
zu zerstreuen, senkte ich nur die Augen und
heftete sie auf seine beiden großen Füße; dabei

46
seufzte ich tief und wünschte mich möglichst
weit weg.
  «Ich hoffe, der Seufzer kommt von Herzen,
und du bereust, daß du deiner Wohltäterin so
viel Kummer bereitet hast.»
  Wohltäterin? Wohltäterin? sagte ich zu mir
selbst. Alle nennen Mrs. Reed meine Wohl-
täterin; wenn das stimmt, muß das etwas sehr
Unangenehmes sein.
  «Sagst du morgens und abends dein Gebet?»
forschte er weiter.
  «Ja, Sir.»
  «Liesest du deine Bibel?»
  «Manchmal.»
  «Gerne? Macht es dir Freude?»
  «Ich habe die Offenbarung gerne und das
Buch Daniel und die Schöpfungsgeschichte und
Samuel und ein bißchen vom Auszug aus
Ägypten und die Könige und die Chroniken
und Hiob und Jonas.»
  «Und die Psalmen? Ich hoffe, du liebst die
Psalmen?»
  «Nein, Sir.»
  «Nein? Wie abscheulich! Ich habe einen klei-
nen Jungen, jünger als du, der kann sechs Psal-
men auswendig; und wenn man ihn fragt, was
er lieber möchte, eine Pfeffernuß essen oder
einen Psalmvers lernen, sagt er: ‹Oh, den Vers
lernen! Engel singen Psalmen! Ich möchte
schon hienieden ein kleiner Engel sein!› Dann
bekommt er zwei Pfeffernüsse als Belohnung für
seine kindliche Frömmigkeit.»

47
  «Psalmen sind nicht interessant», bemerkte ich.
  «Das beweist, daß du ein böses Herz hast, und
du mußt Gott bitten, es zu ändern; dir ein neues,
reines Herz zu geben, ein Herz aus Fleisch statt
deines steinernen Herzens.»
  Ich war im Begriff, mich zu erkundigen, wie
denn wohl ein solcher Austausch vollzogen
werden könne, als Mrs. Reed eingriff, mir be-
fahl, mich zu setzen, und die Unterhaltung an
sich riß.
  «Mr. Brocklehurst, ich glaube, ich deutete be-
reits in meinem Brief an, daß dieses kleine Mäd-
chen nicht ganz den Charakter und die Anlagen
hat, die ich wünschen möchte; sollten Sie sie in
Lowood aufnehmen, so wäre ich dankbar, wenn
die Leiterin und die Lehrerinnen ein strenges
Auge auf sie hätten, vor allem in bezug auf ihren
größten Fehler: einen Hang zur Unwahrhaftig-
keit. Ich sage das absichtlich in deinem Beisein,
Jane, damit du nicht versuchst, Mr. Brocklehurst
hinters Licht zu führen.»
  Hatte ich nicht alle Ursache, Mrs. Reed zu
fürchten und nicht ausstehen zu können? Denn
sie war immer darauf bedacht, mich möglichst
grausam zu verletzen; in ihrer Gegenwart konnte
ich niemals glücklich sein: mochte ich noch so
gehorsam sein, mich noch so sehr bemühen, es
ihr recht zu machen, immer wurden meine Be-
mühungen verkannt und mit solchen Aussprü-
chen zunichte gemacht. Im Beisein eines Frem-
den geäußert, traf mich die Anklage doppelt
schmerzlich: ich fühlte unbewußt, daß sie nun

48
auch schon aus der neuen, mir von ihr bestimm-
ten Lebensphase jegliche Hoffnung verbannte;
ich hätte es nicht in Worten ausdrücken können,
aber ich spürte, daß sie Abneigung und Un-
freundlichkeit auf meinen Weg säte, und sah
mich in Mr. Brocklehursts Augen als unauf-
richtiges, schlecht veranlagtes Kind gebrand-
markt; und was hätte ich dagegen tun können?
  Nichts, rein gar nichts! dachte ich und ver-
suchte ein Schluchzen zu unterdrücken, wäh-
rend ich verstohlen ein paar Tränen wegwischte.
  «Falschheit ist wirklich ein schlimmer Fehler,
an einem Kinde ganz besonders», sagte Mr.
Brocklehurst. «Sie ist der Lüge nah verwandt,
und alle Lügner werden in dem Pfuhl, da Feuer
und Schwefel brennt, vergehen. Sie wird jeden-
falls besonders überwacht werden, Mrs. Reed;
ich werde Miss Temple und den Lehrerinnen
das Nötige sagen.»
  «Ich wünsche, daß sie ihren zukünftigen Ver-
hältnissen entsprechend erzogen wird», fuhr
meine Wohltäterin fort; «sie soll in Demut und
zur Nützlichkeit erzogen werden; und ihre
Ferien soll sie, wenn Sie gestatten, stets in Lo-
wood zubringen.»
  «Ihre Anordnungen sind durchaus einsichts-
voll», antwortete Mr. Brocklehurst. «Demut ist
eine christliche Gnade, die ganz besonders den
Schülerinnen von Lowood ansteht; ich wache
selbst darüber, daß diese Tugend dort stets ge-
übt und gepflegt wird. Ich habe lange darüber
nachgedacht, wie das weltliche Gefühl des Stol-

49
zes am besten zu ertöten sei; und kürzlich erst
hatte ich einen erfreulichen Beweis meines Er-
folges. Meine zweite Tochter, Augusta, sagte
mir nach einem Besuch, den sie der Schule in
Begleitung ihrer Mama abgestattet hatte: ‹O
lieber Papa, wie ruhig und sittsam sehen alle
diese Mädchen in Lowood aus; mit ihren straff
nach hinten gezogenen Haaren, ihren langen
Schürzen, den kleinen Täschchen auf dem Kleid
sehen sie fast aus wie armer Leute Kinder. Und›,
fügte sie hinzu, ‹sie bestaunten meine und
Mamas Kleider, als hätten sie noch nie einen
seidenen Rock gesehen.›»
  «Diese Einstellung billige ich vollkommen»,
pflichtete Mrs. Reed bei, «in ganz England hätte
ich kaum eine bessere Anstalt für ein Kind wie
Jane Eyre finden können, konsequent sein,
lieber Mr. Brocklehurst, ich bin in allen Dingen
für Konsequenz.»
  «Konsequenz, Mrs. Reed, ist die erste Christen-
pflicht. Nach ihr richtet sich alles und jedes in
der gesamten Anstalt zu Lowood: einfache Kost,
einfache Kleidung, nüchterne Unterkunfts-
räume, Abhärtung, eiserner Fleiß – das ist die
Lebensregel im ganzen Hause.»
  «Ganz richtig. Ich kann mich also darauf ver-
lassen, daß dieses Kind in Lowood aufgenom-
men wird, um dort, seinem Stand und seiner
Zukunft gemäß, erzogen und ausgebildet zu
werden?»
  «Das können Sie, Mrs. Reed: sie soll in dieses
Treibhaus auserwählter Pflanzen versetzt wer-

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den, und ich hoffe, daß sie sich dankbar erweisen
wird für den unermeßlichen Vorzug, der ihr
damit zuteil wird.»
  «Dann werde ich sie also baldmöglichst schik-
ken, Mr. Brocklehurst; denn ich muß sagen, ich
sehne mich danach, von einer Verantwortung
befreit zu werden, die mir nachgerade zur Last
wurde.»
  «Gewiß, gewiß, Mrs. Reed. Ich selbst werde
zwar noch einige Zeit abwesend sein, aber ich
werde Miss Temple von der Ankunft des Mäd-
chens benachrichtigen. Hier», sagte er, zu mir
gewandt, «für dich habe ich noch ein passendes
Büchlein, ‹Des Kindes Führer›. Lies es im Gebet,
besonders die Seite, die vom schrecklichen Ende
der Martha G. einem lügenhaften Mädchen,
handelt.»
  Damit übergab er mir ein Traktätchen, ver-
abschiedete sich von Mrs. Reed, ließ seinen Wa-
gen vorfahren und ging.
  Mrs. Reed und ich blieben allein; sie nähte
wortlos, und ich beobachtete sie schweigend.
Mrs. Reed mochte damals sechs- oder sieben-
unddreißig Jahre alt sein; sie war breitschultrig
und kräftig gebaut, nicht groß, rundlich, ohne
dick zu sein; ihr Gesicht war etwas breit, der
Unterkiefer stark und derb; die Stirne niedrig,
Mund und Nase ziemlich regelmäßig; sie hatte
matte Haut und helles Haar; alles in allem ein
Bild der Gesundheit, eine imposante Erschei-
nung. Sie war eine tüchtige und gewissenhafte
Hausfrau, die gesamte Wirtschaft lag in ihrer

51
straffen Hand; einzig ihre Kinder nahmen es
sich manchmal heraus, ihrer Autorität zu spot-
ten.
  Wie ich dasaß, das Büchlein mit dem jähen
Ende der Lügnerin in meinem Schoß, überfiel
mich alles, was ich soeben gehört und erlebt,
alles, was mein Innerstes verwundet hatte, er-
neut mit solcher Wucht, daß leidenschaftliche
Rachegedanken in mir zu gären begannen.
  Fühlte Mrs. Reed, was in mir vorging? Sie
hob plötzlich die Augen, sah mich prüfend an
und ließ die Arbeit sinken.
  «Geh hinaus, geh ins Kinderzimmer», stieß sie
heftig hervor. Gehorsam ging ich bis zur Türe,
doch, einem plötzlichen Entschluß folgend,
machte ich kehrt und stand vor Mrs. Reed.
  Ich mußte endlich sprechen; ich war zu tief
verletzt worden, ich mußte mich endlich weh-
ren. Aber woher die Kraft nehmen, meiner
Feindin ebenbürtig zu begegnen? Ich nahm
allen Mut zusammen und platzte heraus:
  «Ich bin nicht falsch und verlogen; wenn ich
das wäre, hätte es mir nichts ausgemacht, zu
behaupten, ich liebe Sie; aber ich liebe Sie kein
bißchen; ich hasse Sie mehr als irgend jemanden
sonst, ausgenommen John Reed; und die Ge-
schichte von der Lügnerin können Sie Ihrer
Tochter Georgiana geben; denn sie ist eine
Lügnerin, nicht ich!»
  Mrs. Reeds eisiger Blick maß mich von Kopf
zu Fuß.
  «Und was hast du sonst noch zu sagen?» fragte

52
sie mich in einem Ton, als spreche sie zu einem
erwachsenen Gegner und nicht zu einem Kind.
  Ihr Blick, ihre Stimme wühlten alles in mir
auf; ich zitterte am ganzen Leib vor Aufregung.
  «Ich bin froh, daß Sie nicht mit mir verwandt
sind», fuhr ich fort. «Ich will Sie nie mehr Tante
nennen, solang ich lebe. Nie werde ich Sie be-
suchen, wenn ich groß bin; und wenn mich
jemand fragt, ob ich Sie gern habe, werde ich
schon sagen, wie Sie mich behandelt haben, und
wie ich gar nicht an Sie denken mag, und wie
grausam Sie waren!»
  «Wie wagst du es, so etwas zu behaupten,
Jane Eyre?»
  «Wagen? Mrs. Reed, wagen? Weil es die Wahr-
heit ist. Sie denken, ich sei gefühllos und könne
ohne ein bißchen Liebe und Güte auskommen;
aber ich kann so nicht leben; und Sie haben
kein Erbarmen. Solange ich lebe, werde ich
nicht vergessen, wie hart und unbarmherzig Sie
mich in das Rote Zimmer zurückgestoßen und
eingeschlossen haben, obwohl ich in Todesangst
war, obwohl ich um Erbarmen schrie! Erbarmen,
Tante Reed! Und warum? Weil mich Ihr böser
Bengel geschlagen hatte, um nichts und wieder
nichts zu Boden geschlagen! Allen, die mich
fragen, werde ich das haargenau berichten. Die
Leute meinen, Sie seien eine gute Frau, aber
das stimmt nicht. Hartherzig sind Sie! Und Sie
sind falsch!»
  Noch während ich all das hervorsprudelte,
bemächtigte sich meiner ein wachsendes Gefühl

53
der Erleichterung, ein niegekanntes Gefühl der
Freude, der Befreiung, des Triumphes. Mir war,
als hätte ich meine unsichtbaren Ketten ge-
sprengt und unverhofft meine Freiheit erlangt.
Tief erschrocken starrte Mrs. Reed mich an,
ihre Arbeit war zu Boden geglitten; ihre Züge
waren so verzerrt, daß ich dachte, sie würde
jeden Augenblick zu weinen anfangen.
  «Du irrst dich, Jane! Was ist in dich gefahren?
Was zitterst du so? Willst du etwas trinken?»
  «Nein.»
  «Hast du irgendeinen anderen Wunsch? Ich
versichere dir, ich will deine Freundin sein.»
  «Das ist nicht wahr! Sie haben Mr.Brockle-
hurst gesagt, ich sei ein böses Kind und verlogen;
aber ich will es schon allen Leuten in Lowood
sagen, wer Sie sind und was Sie getan haben.»
  «Jane, du verstehst das nicht; Kinder müssen
erzogen und für ihre Fehler gestraft werden.»
  «Aber ich bin nicht verlogen!» schrie ich in
heller Empörung.
  «Aber leidenschaftlich bist du, Jane, hemmungs-
los, das mußt du zugeben. Und nun geh in dein
Zimmer, mein gutes Kind, und leg dich ein
wenig hin.»
  «Ich bin nicht Ihr gutes Kind! Und ich kann
mich nicht hinlegen! Schicken Sie mich bald zur
Schule, Mrs. Reed, denn das Leben hier ist mir
verhaßt!»
  «Und ob ich sie bald wegschicken werde!»
murmelte Mrs. Reed vor sich hin; sie raffte ihre
Arbeit zusammen und verließ hastig das Zimmer.

54
  Ich hatte meine erste, harte Schlacht gewon-
nen und blieb in gehobener Stimmung als Siege-
rin zurück; ich genoß meine Einsamkeit; ich
fühlte mich erleichtert und lächelte triumphie-
rend; aber dieses Hochgefühl hielt nur so lange
an, als die Erregung meine Pulse schneller
schlagen ließ. Ein Kind kann nicht mit Erwach-
senen streiten und rechten, wie ich es getan hatte,
ohne bald darauf Angst und Reue zu empfinden.
Mein Zorn war wie ein loderndes Strohfeuer ge-
wesen; was übrigblieb, war ein Häufchen Asche;
die Einsamkeit brachte mir die ganze Verwegen-
heit meines Unterfangens, die Trostlosigkeit
meines hassenden und gehaßten Wesens zum
Bewußtsein.
  Zum erstenmal hatte ich geschmeckt, was
Rache ist; wie würziger Wein berauschend hatte
sie im ersten Augenblick geschienen, aber der
Nachgeschmack war bitter und vergiftet. Gerne
hätte ich jetzt Mrs. Reed um Verzeihung ge-
beten, allein ich wußte aus Erfahrung und auch
instinktmäßig, daß sie mich mit verdoppelter
Verachtung zurückweisen und dadurch die
Flamme meiner Empörung von neuem anfachen
würde.
  Gerne wollte ich über meine wilden Regungen
Herr werden, gerne sanfteren Gefühlen Raum
geben. Ich griff nach einem Buch, es waren
arabische Märchen, setzte mich und versuchte
zu lesen. Aber das sonst so bezaubernde Buch
vermochte mich heute nicht zu fesseln; meine
Gedanken glitten ständig ab. Ich öffnete die

55
Glastüre, die in den winterstarren Garten führte;
alles war kahl und von der Sonne unberührt.
Ich schlug mein Oberröckchen über Kopf und
Arme und lief hinaus, in den abgelegensten Teil
des Parks. Aber die stummen Bäume, die abge-
fallenen Tannenzapfen, die Haufen welker Blät-
ter stimmten mich nur noch trauriger; ich
blickte durch ein Gitter über öde Felder, auf
denen keine Schafe weideten; der Himmel war
grau und schwer, einzelne Schneeflocken fielen
langsam zu Boden; ein Gefühl grenzenloser
Traurigkeit überkam mich.
  Was soll ich tun? Was soll ich nur tun?
schluchzte es in mir.
  Da rief eine helle Stimme von weitem: «Miss
Jane! Wo sind Sie? Kommen Sie zu Tisch!»
  Das war Bessie, ich wußte es wohl, rührte mich
aber nicht; ihre leichten Schritte kamen näher.
  «Sie unartiges Kind!» schalt sie. «Warum kom-
men Sie nicht, wenn man Sie ruft?»
  In meiner Gemütsverfassung war Bessies Er-
scheinen, obwohl sie, wie gewohnt, etwas ver-
ärgert tat, eine wahre Erlösung. Nach meinem
Kampf und meinem Sieg über Mrs. Reed ver-
mochte mich Bessies Laune nicht mehr zu er-
schrecken; voller Zutrauen warf ich ihr die
Arme um den Hals: «Laß gut sein, Bessie,
schimpf nicht!»
  Noch nie war ich so frei und furchtlos gewesen:
und das gefiel ihr.
  «Ein seltsames Kind sind Sie, Miss Jane!»
sagte sie kopfschüttelnd. «Ein scheues, einsames,

56
kleines Ding! Und jetzt geht’s wohl bald zur
Schule?»
  Ich nickte.
  «Und tut es Ihnen kein bißchen leid, Ihre arme
Bessie zu verlassen?»
  «Was wird das Bessie schon ausmachen? Sie
schilt mich ja andauernd.»
  «Weil Sie so ein wunderliches, ängstliches Ge-
schöpf sind; Sie sollten viel kecker sein!»
  «Kecker? Damit ich noch mehr Schläge be-
komme?»
  «Unsinn! Aber sehr gut haben Sie es nicht, das
ist wahr. Meine Mutter sagte bei ihrem letzten
Besuch, von ihren Kleinen möchte sie keines an
Ihrer Stelle haben. – Und nun kommen Sie, ich
habe gute Nachrichten für Sie.»
  «Ach, Bessie, das glaube ich nicht.»
  «Aber Kind, wieso nicht? Was schauen Sie
mich so angstvoll an? Also, passen Sie auf:
Missis und die jungen Damen und Mr. John
gehen heute nachmittag aus, und wir beide, wir
trinken zusammen Tee. Die Köchin soll uns
einen kleinen Kuchen backen, und nachher hel-
fen Sie mir Ihre Schubladen ausräumen; denn
jetzt geht’s ans Packen. Missis meint, in ein,
zwei Tagen sollen Sie abreisen, und da dürfen
Sie aussuchen, welche Spielsachen Sie mitneh-
men wollen.»
  «Bessie, du mußt mir versprechen, mich nicht
mehr zu schelten, solange ich noch hier bin!»
  «Schön, ich will’s versuchen, aber passen Sie
auf: Sie müssen ganz artig sein und keine Angst

57
vor mir haben. Auch nicht, wenn ich doch wieder
anfangen sollte, zu schimpfen. Das ist nämlich
aufreizend.»
  «Ach, ich glaube nicht, daß ich jemals wieder
Angst vor dir haben werde, Bessie. Ich kenne
dich jetzt. Und bald werde ich ganz andere
Leute zu fürchten haben!»
  «Wenn die merken, daß Sie Angst vor ihnen
haben, werden sie Sie nicht mögen.»
  «Wie du, Bessie?»
  «Das stimmt nicht, kleines Fräulein; ich glaube,
ich mag Sie lieber als alle andern.»
  «Man merkt nicht viel davon!»
  «Oh, Sie bissige kleine Person! So haben Sie
noch nie gesprochen. Was macht Sie heute so
keck und unternehmungslustig?»
  «Ach, jetzt gehe ich ja doch bald fort, und über-
dies …» Ich wollte erwähnen, was zwischen Mrs.
Reed und mir vorgefallen war, hielt es dann
aber doch für geraten, darüber zu schweigen.
  «Dann freuen Sie sich also, mich zu verlassen?»
  «Ganz und gar nicht, Bessie, im Gegenteil. In
diesem Moment bin ich sogar fast traurig.»
  «‹In diesem Moment› und ‹fast›! Wie kühl die
junge Dame das sagt! Wenn ich Sie um einen
Kuß bäte, würden Sie womöglich sagen, Sie
möchten mich in diesem Moment fast lieber
nicht küssen, wie?»
  «Und ob ich dich küssen will! Bück’ dich!»
  So umarmten wir uns herzlich, und ich folgte
ihr, völlig getröstet, ins Haus zurück. Der Nach-
mittag verlief friedlich und harmonisch; und

58
als es Abend wurde, erzählte mir Bessie ihre
schönsten Geschichten und sang ihre süßesten
Lieder. Das Leben hatte selbst für mich hin und
wieder einen Lichtblick.

Dann kam der Morgen des neunzehnten Januar;


es hatte kaum fünf Uhr geschlagen, als Bessie
mit einer Kerze leise in mein Zimmerchen trat
und mich schon außer Bett und fast fertig an-
gezogen fand. Ich war schon seit einer halben
Stunde auf; der Halbmond schien hell genug
zum Fenster herein, bis an mein Bett, und in
seinem Licht hatte ich mich gewaschen und an-
gezogen. Ich sollte Gateshead mit der Post-
kutsche, die um sechs Uhr am Parktor vorbei-
fuhr, verlassen. Außer Bessie war noch niemand
auf; sie hatte im Kinderzimmer Feuer angezün-
det und bereitete mir mein Frühstück. Wenn man
Reisefieber hat, kann man aber nicht essen; alles
Drängen war umsonst, ich war zu aufgeregt, um
auch nur ein Bröckchen zu schlucken; so wickelte
Bessie ein paar Biskuits in Papier und steckte sie
in meine Manteltasche; dann zog sie mir Mantel
und Hut an, warf selbst einen Shawl um die
Schultern, und wir verließen das Kinderzimmer.
Als wir an Mrs. Reeds Türe vorbeikamen, meinte
Bessie, ob ich mich verabschieden wolle?
  «Nein, Bessie; Mrs. Reed kam gestern nacht
noch an mein Bett, als du schon unten warst,

59
und sagte, ich brauche weder sie noch meine
Kusinen heute früh zu stören; und sie sagte, ich
solle nicht vergessen, daß sie stets meine beste
Freundin gewesen sei, und ich solle daher gut
von ihr sprechen und dankbar an sie denken.»
  «Und was haben Sie geantwortet, Miss Jane?»
  «Nichts: ich habe das Bettuch übers Gesicht
gezogen und mich nach der Wand gedreht.»
  «Das war nicht recht, Miss Jane.»
  «Doch, Bessie, das war ganz richtig. Deine
Missis ist nie meine Freundin gewesen, sondern
mein Feind.»
  «Ach, Miss Jane, das dürfen Sie nicht sagen!»
  «Adieu, Gateshead!» rief ich laut, als wir durch
die Halle hinausgingen.
  Der Mond war untergegangen, und es war
sehr finster; der Schein von Bessies Laterne
tanzte vor uns her auf taunassen Stufen und
Kieswegen. Der Wintermorgen war bitter kalt;
meine Zähne klapperten, während wir den Fahr-
weg entlang eilten. Im Pförtnerhaus brannte
Licht; als wir ankamen, schürte gerade die
Pförtnersfrau das Feuer; an der Tür stand mein
verschnürter Koffer, den man abends zuvor her-
untergebracht hatte. Es war fast sechs Uhr, und
kaum hatte es geschlagen, als man auch schon
fernes Wagenrollen hörte; ich ging zur Türe und
sah die tanzenden Lichter immer rascher aus der
Finsternis auftauchen.
  «Reisen Sie allein?» fragte die Pförtnersfrau
leise.
  «Ja, ganz allein.»

60
  «Und wie weit ist es?»
  «Wohl fünfzig Meilen.»
  «So weit! Wie kann man so ein Kind allein auf
solch weite Reise schicken!»
  Die Postkutsche fuhr vor. Da stand sie, vor
dem Hauptportal, mit vier Pferden bespannt
und mit ihrem vollbesetzten Verdeck; der Kut-
scher mahnte zur Eile; mein Koffer wurde auf-
geladen; mich mußte man von Bessie losreißen,
die ich im letzten Augenblick fest umklammert
hielt und mit Küssen überschüttete.
  «Paßt gut auf sie auf!» rief Bessie dem Postillon
zu.
  «Nur keine Sorge!» antwortete eine Stimme.
Der Schlag fiel zu, und die Pferde zogen an. So
wurde ich von Bessie und Gateshead getrennt
und in eine unbekannte und, wie mir schien,
geheimnisvolle, ferne Welt hinausgestoßen.
  Von der Reise weiß ich nicht viel; der Tag
schien endlos, und mir war, als durchführen wir
Hunderte von Meilen. Wir kamen durch manche
Ortschaft; in einer sehr großen wurden die
Pferde gewechselt, und die Reisenden benutzten
den Aufenthalt, um zu Mittag zu essen; auch
ich wurde aus der Kutsche gehoben und in einen
Gasthof geführt, wo mir der Postillon gut zu-
redete, ich solle etwas essen; aber ich hatte
keinen Hunger. So ließ er mich denn allein in
einem riesigen Saal, wo zwei Kaminfeuer brann-
ten und von dessen Decke ein Kronleuchter
hing; an der Wand hoch oben lief eine kleine
rote Galerie entlang, auf der lauter Musik-

61
Instrumente standen. Lange wanderte ich in dem
Saal auf und ab, fühlte mich fremd und verlassen
und hatte schreckliche Angst, es könne mich
jemand rauben, denn ich glaubte an Kindes-
räuber, die in Bessies Geschichten oft eine große
Rolle spielten. Endlich wurde ich wieder in die
Kutsche verstaut, mein Beschützer bestieg den
Bock, und weiter rollte der Wagen über das
holprige Pflaster.
  Ein feuchter, nebliger Nachmittag verging,
und als der Abend sank, wurde mir klar, wie
weit entfernt wir jetzt schon von Gateshead
waren. Wir kamen durch keine Ortschaften
mehr, die Gegend veränderte sich; ringsum er-
hoben sich graue Hügel; als es dunkel war,
fuhren wir in ein Tal hinab und hörten den Wind
in den Baumkronen rauschen. Das Rauschen
schläferte mich ein. Ich hatte nicht lange ge-
schlafen, als mich das plötzliche Aufhören des
Räderrollens weckte; der Kutschenschlag war
geöffnet, eine Magd stand im Licht der Laternen
und fragte: «Ist da ein kleines Mädchen namens
Jane Eyre?»
  Ich bejahte. Man hob mich hinaus, holte den
Koffer herunter, und schon hatte die Dunkelheit
den davonrollenden Wagen verschluckt. Meine
Glieder waren steif vom langen Sitzen, mein
Geist benommen; ich mußte mich zusammen-
reißen und Umschau halten.
  Es war regnerisch, windig und dunkel; den-
noch vermochte ich bald eine Mauer und in der
Mauer eine offene Türe zu unterscheiden. Nach-

62
dem wir eingetreten waren, schloß das Mädchen
die Türe hinter uns zu. Ich erkannte die Umrisse
mehrerer Gebäude und lange Fensterreihen; in
einigen brannte noch Licht. Wir gingen über
einen nassen Kiesweg und wurden in eines der
Häuser eingelassen. Das Mädchen führte mich
in ein Zimmer, in dem ein helles Feuer brannte,
und ließ mich dort allein.
  Im flackernden Feuerschein vermochte ich
nach und nach die Einrichtung dieses Empfangs-
zimmers zu erkennen, und ich war gerade in die
Betrachtung eines Gemäldes versunken, als die
Türe sich auftat und zwei Damen eintraten; die
erste, eine schöne, schlanke Gestalt, mit dunk-
lem Haar, schwarzen Augen und blasser, hoher
Stirne, trug ein Licht; sie musterte mich einen
Augenblick und stellte dann den Leuchter auf
den Tisch.
  «Wie kann man ein so junges Kind allein reisen
lassen!» meinte sie: «Es wäre besser, sie gleich
zu Bett zu bringen, sie sieht müde aus.» Und zu
mir gewandt: «Bist du sehr müde?», mir dabei
die Hand auf meine Schulter legend.
  «Ein wenig schon, Miss.»
  «Und sicher auch hungrig. Lassen Sie ihr etwas
zu essen geben, bevor sie zu Bett geht, Miss
Miller. Ist es das erste Mal, daß du deine Eltern
verläßt, mein Kind?»
  Ich erklärte ihr, daß ich keine Eltern habe.
Sie fragte mich, wie lange sie schon tot seien, wie
ich heiße, ob ich lesen, schreiben und etwas
nähen könne, dann strich sie mir sanft über die

63
Wange und sagte: «Hoffentlich bist du ein artiges
kleines Mädchen!» und entließ mich in Miss
Millers Obhut.
  Die Dame, die mit mir gesprochen hatte,
mochte etwa neunundzwanzig Jahre alt sein.
Ihre Stimme, ihr Aussehen, ihre ganze Haltung
machten mir tiefen Eindruck. Miss Miller war
jünger und weit weniger ansprechend, trotz ihren
frischen roten Wangen wirkte sie müde und ab-
gehetzt, als habe sie immer zuviel zu tun. Sie
führte mich nun durch viele Gänge des weit-
läufigen Gebäudes, auf und ab, bis uns endlich
Stimmengewirr entgegenschlug und wir in ein
großes Schulzimmer eintraten. An beiden Enden
des Zimmers standen Tische mit Kerzen, und
eine Anzahl junger Mädchen, zwischen zehn
und zwanzig Jahren, saß auf Bänken um sie
herum. Es mochten etwa achtzig Mädchen sein,
doch in der schwachen Beleuchtung erschien mir
ihre Zahl weit größer. Sie trugen alle die glei-
chen, eigenartig zugeschnittenen braunen Kleid-
chen und lange Schürzen. Sie lernten und repe-
tierten halblaut ihre Aufgaben für den nächsten
Tag.
  Miss Miller wies mir einen Platz, nah bei der
Türe; dann ging sie an das eine Ende des langen
Saales und rief:
  «Achtung! wer die Aufsicht hat, sammelt die
Bücher und tut sie an ihren Platz.»
  Von verschiedenen Tischen erhoben sich vier
große Mädchen und führten den Befehl aus.
  «Nun holt das Nachtessen!» rief Miss Miller so-

64
dann. Die vier Mädchen verschwanden und
kehrten bald darauf jede mit einem Tablett zu-
rück. Sie verteilten die darauf angerichteten
Portionen, es war, wie ich nachher feststellen
konnte, ein dünner, in Scheiben geschnittener
Haferkuchen, und reichten eine für alle gemein-
same Wasserkanne herum; gierig trank ich, als
die Reihe an mich kam, denn ich war durstig,
aber zu essen vermochte ich nichts.
  Nach beendeter Mahlzeit sprach Miss Miller
das Abendgebet. Dann stellten sich die Mädchen
in Zweierreihen auf und gingen nach oben. Ich
war so müde, daß mir Miss Miller beim Aus-
ziehen behilflich war und mich zu sich in ihr
Bett nahm. Bald lagen zwei Mädchen in jedem
der unzähligen Betten, und zehn Minuten später
wurde die einzige Kerze gelöscht. Schweigen
und Finsternis erfüllten den großen Saal, und ich
schlief ein.
  Die Nacht verging rasch und traumlos. Ich
erwachte nur ein einziges Mal, hörte Wind und
Regen rauschen, spürte, daß Miss Miller neben
mir lag und schlief gleich wieder weiter.
  Als ich die Augen wieder aufmachte, hörte ich
einen lauten Glockenton. Die Mädchen waren
bereits auf und zogen sich an; es war noch vor
Tag; ein paar Talglichter brannten im Saal.
Auch ich stand auf, obgleich widerwillig. Ich
zitterte vor Kälte und zog mich an, so gut ich
konnte; waschen konnte ich mich erst, als end-
lich eines der Waschbecken frei wurde, die auf
eisernen Gestellen im Mittelgang standen; ich

65
mußte lange warten, denn auf je sechs Mädchen
kam nur ein Waschbecken.
  Dann läutete die Glocke wieder, man stellte
sich in Reih und Glied, zwei und zwei, und zog
die Treppen und Gänge hinunter, bis zum
schwach beleuchteten Schulzimmer; hier sprach
Miss Miller das Morgengebet. «In Klassen ab-
teilen!» rief sie dann.
  Es gab ein großes Durcheinander und viel
Lärm. Miss Miller rief ein ums andere Mal:
«Ruhe! Ordnung!» Als sich die Aufregung ge-
legt hatte, sah ich alle Mädchen in vier Halb-
kreisen um die Tische aufgestellt; jede hatte ein
Buch in der Hand, und auf jedem Tisch lag noch
ein großes Buch, anscheinend eine Bibel. Wieder
läutete die ferne Glocke; darauf kamen drei
Damen zur Tür herein, gingen jede zu einem der
Tische und setzten sich auf den Stuhl dahinter.
Miss Miller versammelte beim vierten Tisch,
nächst der Tür, die kleinsten Mädchen um sich,
zu denen auch ich gehörte. Ich wurde ganz unten
angestellt.
  Und das Tagewerk begann: die Losung wurde
wiederholt, Bibelstellen wurden aufgesagt, dann
wurden etliche Kapitel gelesen; diese Morgen-
andacht dauerte eine Stunde. Inzwischen war es
Tag geworden. Die unermüdliche Glocke läutete
ein viertes Mal, klassenweise begab man sich in
einen anderen Saal zum Frühstück. Ich freute
mich darauf, endlich etwas zu essen, denn mir
war fast schwach vor Hunger.
  Der Speisesaal war ein trüber, niedriger

66
Raum. Auf zwei langen Tischen dampften
Schüsseln mit etwas Heißem; aber der Duft ent-
sprach meinen Hoffnungen nicht; schon wurde
gemurmelt: «Abscheulich! Wieder angebranntes
Hafermus!» und energisch Ruhe geboten. Die
Lehrerinnen nahmen an den Tischenden Platz,
es wurde ein langes Gebet gesprochen und ein
Lied gesungen; den Lehrerinnen wurde Tee
gebracht, und das Essen begann. Heißhungrig
wie ich war, schlang ich die ersten paar Löffel
hinunter, ohne auch nur zu wissen, was ich aß;
doch bald widerte mich das abscheuliche Zeug
an, und ich ließ den Löffel sinken, wie meine
Gefährtinnen alle, nach dem ersten Versuch, den
Brei hinunterzuwürgen. Das Frühstück war vor-
bei, ohne daß wir gefrühstückt hätten, und das
folgende Dankgebet dankte für eine Gabe, die
wir nicht genossen hatten. Während wir hinaus-
zogen, ich als letzte, sah ich eine der Lehrerinnen
unser Mus kosten und mit allen Zeichen des
Abscheus von sich stoßen. «Eine Schande, so
etwas!» hörte ich sie murmeln.
  Wir hatten eine Viertelstunde Pause, während
der es im Schulzimmer laut herging; es wurde
über das Frühstück geschimpft, die einzige Ge-
nugtuung, die einem blieb. Größere Mädchen
redeten mit ausdrucksvollen Gebärden auf Miss
Miller ein, und ich hörte den Namen Mr. Brock-
lehursts erwähnen, worauf Miss Miller den Kopf
schüttelte, ohne der allgemeinen Empörung viel
entgegenzusetzen; vermutlich teilte sie unsere
Gefühle.

67
  Als es neun Uhr schlug, rief Miss Miller zur
Ordnung und wies uns an unsere Plätze. Die
Lehrerinnen waren auch wieder zur Stelle, und
alle schienen auf etwas zu warten. Prüfend be-
trachtete ich die langen Reihen meiner Genos-
sinnen. Alle waren gleich gekleidet: hochschlie-
ßende braune Kleider mit schmalen Halsstreifen,
leinene Arbeitsbeutel, vorne angebunden, wol-
lene Strümpfe, grobe Schuhe mit Messing-
schnallen; und alle trugen straff nach hinten
gekämmte Haare. Etwa zwanzig von den achtzig
Schülerinnen waren bereits erwachsene Mäd-
chen; die Tracht stand ihnen schlecht und ließ
auch die hübschesten plump und häßlich er-
scheinen.
  Von den Lehrerinnen gefiel mir eigentlich
keine. Die Dicke war etwas ordinär; die Dunkle
schien mir hochmütig; die Französin barsch und
grotesk, und Miss Miller, das arme Ding, sah
erhitzt und überarbeitet aus. Vergebens hatte ich
nach der schönen Erscheinung ausgeschaut, die
mich am Abend zuvor empfangen hatte.
  Während ich meine Beobachtungen anstellte,
erhob sich plötzlich die ganze Schule, wie von
einer einzigen Sprungfeder emporgeschnellt.
Was war los? Ich hatte keinen Befehl gehört,
und ehe ich etwas begriffen hatte, saßen alle
Mädchen wieder auf ihrem Platz, und aller
Augen waren in eine Richtung gewandt. Ich
folgte ihnen und erblickte die Dame, die mich
begrüßt hatte. Sie stand an einem der beiden
Kamine und musterte die langen Reihen junger

68
Gesichter; Miss Miller trat zu ihr und fragte
etwas, dann kehrte sie an ihren Platz zurück und
rief: «Aufsicht, erste Klasse, Globus holen!»
  Während der Befehl ausgeführt wurde, durch-
schritt die Dame langsam den Saal. Ich muß
wohl eine besondere Fähigkeit der Verehrung
haben; denn noch heute verspüre ich etwas von
der bewundernden Ehrfurcht, mit der ich jeden
ihrer Schritte verfolgte. Im Tageslicht erschien
sie groß, hell und stattlich; ihre braunen Augen
strahlten wohlwollend, die dunklen Wimpern
unterstrichen die hohe, weiße Stirn, das dunkle
Haar war, der damaligen Mode entsprechend,
an den Schläfen in Locken gelegt. Ihr tiefrotes
Tuchkleid war mit schwarzem, spanischem
Sammetbesatz verziert, und an ihrem Gürtel
glänzte – damals eine Seltenheit – eine goldene
Uhr. Zarte Hände, ungewöhnlich feine Züge,
vornehme Haltung und Bewegungen, das alles
mag ein unvollkommenes Bild geben von dieser
Miss Temple, Maria Temple, wie ich später aus
ihrem Gebetbuch ersah, als sie es mir zum Kirch-
gang anvertraute. An Hand des Globus unter-
richtete nun die Leiterin von Lowood – denn
das war Miss Temple – die erste Klasse in Geo-
graphie, während andere Gruppen Grammatik
und Geschichte durchnahmen. Pünktlich auf
die Stunde lösten sich die verschiedenen Fächer
ab; einige der älteren Mädchen hatten bei Miss
Temple sogar Musikunterricht. Endlich schlug es
Mittag. Miss Temple erhob sich und wandte sich
an die ganze, schon im Aufbruch begriffene Schar.

69
  «Ihr hattet heute morgen ein Frühstück, das
ihr nicht essen konntet. Ihr müßt hungrig sein.
Ich habe Weisung gegeben, daß heute allen als
zweites Frühstück Brot und Käse ausgeteilt
wird.» Und auf die fragenden Blicke der Lehre-
rinnen antwortend, fügte sie leiser hinzu: «Auf
meine Verantwortung.»
  Brot und Käse waren hochwillkommen und
wurden rasch verzehrt. Dann hieß es: in den
Garten! – jede band sich einen Strohhut um und
zog einen grauen Friesmantel an, um hinaus-
zugehen.
  Der Garten war groß und von hohen Mauern
umschlossen, die jegliche Aussicht versperrten;
eine gedeckte Veranda zog sich an einer Seite
hin, breite Wege liefen um eine Anzahl kleiner
Beete, die wohl im Sommer, von den Mädchen
gepflegt, fröhlich und schön aussehen mußten,
an diesem grauen, kalten Januartag jedoch
braun und verödet dalagen. Einige Mädchen,
die kräftigeren, sprangen umher und spielten;
die meisten aber drängten sich, Schutz und
Wärme suchend, auf der Veranda zusammen.
Nicht selten hörte man einen tiefen, hohlen
Husten aus den vor Kälte zitternden Grup-
pen.
  Noch hatte ich mit keinem der Mädchen ge-
sprochen; einsam wie immer stand ich an einen
Pfeiler gelehnt, zog meinen Mantel fester um
mich und versuchte, die Kälte und den nagenden
Hunger zu vergessen. Meine Gedanken waren
undeutlich und verworren, ich konnte mich noch

70
nicht zurechtfinden. Gateshead und mein ver-
gangenes Leben waren in grauer Ferne zer-
flossen; die Gegenwart war unklar, und von der
Zukunft ahnte ich noch nichts. Ich sah mich in
diesem klösterlichen Garten um und blickte
hinüber zu den großen Gebäuden, von denen
ein Teil bedeutend jüngeren Datums zu sein
schien. Der neuere Teil mit Schlafsaal und
Schule wies Gitterfenster auf, und über der Türe
stand, in Stein gemeißelt, die Inschrift: «Lo-
wood-Stift. Dieser Teil wurde A. D. – neu er-
baut durch Naomi Brocklehurst von Brockle-
hurst Hall, in dieser Grafschaft. Lasset euer Licht
leuchten vor den Leuten, auf daß sie eure guten
Werke sehen und euren Vater im Himmel prei-
sen. Matth. V, 16.»
  Wieder und wieder las ich die Worte; mir
fehlte die Erklärung dazu; ich sann über das
Wort «Stift» nach und versuchte, mir über den
Zusammenhang zwischen den ersten Worten
und dem Bibelvers klar zu werden, als ich dicht
hinter mir husten hörte. Ich wandte mich um
und sah ein Mädchen auf einer Steinbank sitzen;
sie schien in ein Buch vertieft; ich konnte den
Titel lesen, «Rasselas», und fand das Wort selt-
sam und anziehend zugleich. Zufällig blickte
sie beim Wenden einer Seite zu mir auf, und
ohne zu zögern, redete ich sie an:
  «Ist dein Buch interessant?» Ich nahm mir
vor, sie zu bitten, es mir zu leihen.
  «Ich habe es gern», antwortete sie nach einer
Pause und betrachtete mich prüfend.

71
  «Wovon handelt es?» wollte ich wissen. Ich
weiß heute noch nicht, woher ich die Keckheit
nahm, eine Unbekannte einfach so anzureden;
das lag ganz und gar nicht in meiner Art. Viel-
leicht rührte ihre Beschäftigung an eine ver-
wandte Saite in meinem Innersten, denn auch
ich las für mein Leben gern, obwohl noch recht
kindische und kindliche Dinge. Für ernstere,
schwerere Lektüre fehlte mir noch das Ver-
ständnis.
  «Du kannst es dir anschauen», antwortete das
Mädchen und reichte mir das Buch.
  Ich nahm es. Ein flüchtiger Blick überzeugte
mich, daß der Inhalt weniger anziehend war als
der Titel; «Rasselas» enthielt nichts von Elfen
und Geistern, nichts Märchenhaftes strahlte aus
den engbedruckten Seiten. Wortlos gab ich es
zurück; wortlos nahm sie es wieder und schickte
sich an, weiterzulesen, als ich neuerdings einen
Vorstoß wagte.
  «Kannst du mir sagen, was die Inschrift über
der Türe bedeuten soll? Was ist das, Lowood-
Stift?»
  «Das ist das Haus, in dem du jetzt lebst.»
  «Und warum nennt man es Stift? Ist es denn
anders als die übrigen Schulen?»
  «Es ist zum Teil eine Freischule. Du und ich
und all die anderen sind Freischülerinnen. Ver-
mutlich bist du Waise. Ist dein Vater oder deine
Mutter tot?»
  «Beide. Und ich kann mich nicht an sie er-
innern.»

72
  «Siehst du, alle Mädchen hier haben jemand
verloren, und dies ist ein Stift zur Erziehung der
Waisen.»
  «Dann zahlen wir also nichts? Wir werden
umsonst erhalten?»
  «Wir oder unsere Freunde zahlen fünfzehn
Pfund jährlich.»
  «Warum nennen sie uns dann Freischülerin-
nen?»
  «Weil fünfzehn Pfund nicht ausreichen, um
Unterhalt und Unterricht zu bestreiten; und
der fehlende Betrag wird aus Beiträgen zuge-
schossen.»
  «Wer gibt denn die Beiträge?»
  «Verschiedene wohltätige Damen und Herren
in der Nachbarschaft und in London.»
  «Wer war Naomi Brocklehurst?»
  «Die Dame, die den Neubau errichtet hat, und
deren Sohn hier alles leitet und überwacht.»
  «Warum?»
  «Weil er der Schatzmeister und Verwalter des
Stifts ist.»
  «Dann gehört das Haus nicht der schlanken
Dame, die eine Uhr trägt und uns Brot und Käse
gegeben hat?»
  «Miss Temple? O nein! Ich wollte, es gehörte
ihr. Aber sie muß Mr. Brocklehurst von allem
Rechenschaft ablegen; denn er ist es, der unsere
Nahrung und Kleidung einkauft.»
  «Lebt er auch hier?»
  «Nein, aber in der Nähe in einem großen
Schloß.»

73
  «Ist er ein guter Mensch?»
  «Er ist ein Geistlicher, und man sagt, er tue
sehr viel Gutes.»
  «Du sagtest, die schlanke Dame heiße Miss
Temple?»
  «Ja.»
  «Und wie heißen die anderen Lehrerinnen?»
  «Die mit den roten Backen heißt Miss Smith.
Sie überwacht die Arbeit und schneidet zu, denn
wir machen alle unsere Kleider selber. Die kleine
mit den schwarzen Haaren ist Miss Scatcherd.
Sie unterrichtet in Geschichte und Grammatik
und kontrolliert die Aufgaben der zweiten Klasse.
Und die mit dem Shawl, die ihr Taschentuch
auf der Seite mit einem roten Bändel festgemacht
hat, das ist Madame Pierrot. Sie kommt aus
Lille in Frankreich und lehrt Französisch.»
  «Magst du die Lehrerinnen?»
  «Ganz gut.»
  «Magst du die kleine Schwarze und die Ma-
dame …? Ich kann ihren Namen nicht so aus-
sprechen wie du.»
  «Miss Scatcherd ist hitzig, und du mußt auf-
passen, sie nicht zu reizen. Madame Pierrot ist
nicht übel.»
  «Aber Miss Temple ist die beste, nicht wahr?»
  «Miss Temple ist sehr gut und sehr klug. Sie
steht über den anderen, weil sie viel mehr weiß.»
  «Bist du schon lange hier?»
  «Zwei Jahre.»
  «Bist du Waise?»
  «Meine Mutter ist tot.»

74
  «Bist du glücklich hier?»
  «Du fragst wirklich zu viel. Für jetzt habe ich
dir genug gesagt, ich will lesen.»
  Doch nun ertönte die Essensglocke, und alles
kehrte ins Haus zurück. Das Essen, leidlich gute
Kartoffeln mit Fleischstückchen zusammenge-
kocht, roch zwar ranzig, schmeckte aber
nicht schlecht; und die Portionen waren reich-
lich.
  Nach Tisch wurde bis fünf Uhr weiter gelernt.
Das einzige Ereignis dieses Nachmittags war,
daß meine Gefährtin von der Veranda bei Miss
Scatcherd in Ungnade fiel und zur Strafe mitten
im Schulzimmer gewissermaßen am Pranger
stehen mußte. Mir erschien die Strafe im höch-
sten Grade beschämend für ein so großes Mäd-
chen – sie mochte dreizehn Jahre alt sein oder
mehr –, aber sie selbst schien völlig unberührt
davon. Still und ernst stand sie da, als Zielscheibe
aller Blicke. Wie kann sie das so ruhig ertragen?
dachte ich. In die Erde müßte ich versinken,
wenn mir das passierte. Aber sie sieht aus, als
dächte sie an etwas ganz anderes, ganz Fernes.
Wachträume – gibt es das? Ist sie in einem
Wachtraum? Sie blickt zu Boden, aber sie
scheint ganz in sich selbst versunken, in Erinne-
rungen wahrscheinlich, und merkt überhaupt
nicht, was um sie herum vorgeht. Was ist das
wohl für ein Mädchen, brav oder unartig?
  Bald nach fünf Uhr nachmittags bekamen
wir eine kleine Tasse Kaffee und eine halbe
Scheibe braunes Brot. Ich verschlang meinen

75
Teil mit Heißhunger und hätte gerne noch ein-
mal soviel gegessen, ich hatte immer noch Hun-
ger. Darauf folgte eine halbstündige Pause,
dann wieder Aufgaben; endlich das Glas Was-
ser, das Stück Haferkuchen, Abendsegen und
Bett. Das war mein erster Tag in Lowood.

Die Nacht war eisig gewesen; durch alle Fugen


war der Nordwind eingedrungen und hatte uns
in unseren Betten völlig erstarren lassen. In den
Waschschüsseln war das Wasser gefroren; so
durften wir auf die übliche Morgentoilette ver-
zichten. Während der langen Bibelstunde glaubte
ich vor Kälte vergehen zu müssen. Endlich kam
die Frühstückszeit, und der Haferbrei war nicht
angebrannt! Nur viel zuwenig gab es für meinen
Hunger.
  War ich am Vortag nur Zuschauer gewesen,
so wurde ich jetzt der vierten Klasse zugeteilt
und hatte Mühe, mich in die langen, schwierigen
Lektionen zu finden, und in den Übergang von
einer zur andern. Ich war froh, als ich im Laufe
des Nachmittags ein Stück Stoff, Nadel und
Faden in die Hand bekam, mit der Weisung, den
Stoff zu säumen. Die meisten Mädchen nähten
um diese Zeit, nur eine Klasse war noch um
Miss Scatcherd versammelt und befaßte sich
mit englischer Geschichte. Meine Bekannte von
der Veranda war auch dabei, sie schien sich

76
einen Tadel nach dem anderen zuzuziehen.
«Burns», hieß es immer wieder; denn hier wur-
den alle Mädchen beim Nachnamen gerufen.
«Burns, steh nicht so einwärts! Burns, streck das
Kinn nicht so vor! Burns, du sollst dich gerade
halten!» Burns! Burns! und kein Ende. Nach
dem Lesen wurde die Lektion repetiert, und die
wenigsten Mädchen konnten befriedigende Ant-
worten geben. Nur Burns wußte alle Einzel-
heiten über die Regierung Karls I. nahezu aus-
wendig. Nun, dachte ich, wird Miss Scatcherd
endlich zufrieden sein. Aber weit gefehlt.
  «Burns», erklang es jetzt unerbittlich, «du
Schmutzfink! Was hast du für Fingernägel! Hast
sie heute wieder nicht geputzt, wie?»
  Burns antwortete nicht. Warum sagt sie nicht,
daß man sich mit gefrorenem Wasser nicht
waschen kann? dachte ich.
  Leider wurde ich in diesem Augenblick zu
Miss Smith gerufen, mußte ihr Garn wickeln
helfen und Rede und Antwort stehen, was ich
bisher getrieben habe, ob ich nähen und stricken
könne und so weiter; so entging mir, was in-
zwischen mit Burns geschah. Als ich mich ihr
wieder zuwenden konnte, hatte Miss Scatcherd
gerade einen Befehl erteilt, dessen Tragweite ich
nicht erfassen konnte. Burns verließ das Klassen-
zimmer und kehrte gleich darauf mit einer Rute
zurück, die sie der Lehrerin mit einem Knicks
übergab. Dann nahm sie, ohne weitere Befehle
abzuwarten, ihre Schürze ab und beugte den
Nacken, auf den rasch hintereinander wohl ein

77
Dutzend Schläge fielen. Burns weinte nicht.
Während ich vor Zorn und Erregung nicht
weiternähen konnte, veränderte sich kein Zug
in ihrem ruhigen, nachdenklichen Gesicht.
  «Du verstocktes Ding!» rief Miss Scatcherd
aus, «nichts kann dich von deiner Schlamperei
kurieren! Tu die Rute an ihren Platz.» Burns
gehorchte, und ich beobachtete sie scharf. Als
sie zurückkam, steckte sie hastig ihr Taschen-
tuch ein, eine Tränenspur war auf der Wange
zu erkennen.
  Die Abendpausen waren der schönste Augen-
blick des Tages. Der Schluck Kaffee und das
Stückchen Brot hatten uns, wenn nicht gesättigt,
so immerhin etwas belebt; die lange, schwere
Disziplin war gelockert; man durfte plaudern
und lachen. Das Feuer war, auch als Ersatz für
die fehlenden Kerzen, stärker angefacht, der
ganze Saal wohlig durchwärmt.
  Am Abend dieses Tages irrte ich, wie ge-
wohnt, allein, aber nicht unglücklich, zwischen
den lachenden und schwatzenden Mädchen
herum, hob hin und wieder einen Vorhang und
schaute nach draußen, wo der Schnee bereits
die untersten Fensterscheiben zu verdecken be-
gann. Wenn ich das Ohr an die Ritzen legte,
konnte ich über den Lärm im Zimmer hinweg
den eisigen Wind draußen klagen hören.
  Es wäre die richtige Heimwehstunde gewesen,
wenn ich aus einem liebevollen Elternhaus ge-
kommen wäre. So wie die Dinge lagen, hätte
ich den Wind wilder, die Dunkelheit noch

78
tiefer, die Unruhe um mich noch lauter haben
wollen.
  Über Bänke und Tische hinweg kletterte und
schlüpfte ich bis zu einem der Kamine. Dort
kauerte Burns, dicht am Gitter, um noch den
letzten Lichtschimmer der verlöschenden Koh-
len zu erhaschen, und las.
  «Immer noch ‹Rasselas›?» fragte ich über ihre
Schulter.
  «Ja, ich bin gleich zu Ende damit.» Bald klappte
sie das Buch zu, worüber ich von Herzen froh
war. Vielleicht kann ich sie jetzt zum Sprechen
bringen, dachte ich und kauerte neben sie auf
den Boden nieder.
  «Wie heißt du mit Vornamen, Burns?»
  «Helen.»
  «Bist du weit von hier daheim?»
  «Weit im Norden, an der Grenze Schottlands.»
  «Gehst du wieder dorthin zurück?»
  «Ich hoffe; aber kein Mensch weiß, was die
Zukunft bringt.»
  «Du sehnst dich doch sicher fort von Lowood?»
  «Nein, weshalb? Man hat mich für meine Aus-
bildung nach Lowood geschickt; es wäre sinn-
los, wegzugehen, bevor ich damit fertig bin.»
  «Aber die Lehrerin, die Miss Scatcherd, ist so
grausam zu dir.»
«Grausam? Nicht im geringsten! Streng ist
sie; sie haßt meine Fehler!»
  «Wenn ich an deiner Stelle wäre, ich könnte
sie nicht ausstehen; und ich würde ihr Wider-
stand leisten; und wenn sie mich mit der Rute

79
strafen wollte, würde ich sie ihr entreißen und
sie ihr vor der Nase entzweibrechen.»
  «Wahrscheinlich würdest du das alles schön
bleiben lassen; und wenn du es doch tätest,
würde Mr. Brocklehurst dich von der Schule
wegjagen; das wäre deinen Verwandten ein
schwerer Kummer. Besser, man erträgt ein
bißchen eigenen Schmerz, als daß man anderen
weh tut. Das sagt auch die Bibel: Man soll Böses
mit Gutem vergelten.»
  «Aber das ist doch gräßlich, geschlagen zu
werden und gestraft, so vor allen Leuten! Du
bist doch schon so groß, und ich bin viel jünger;
aber ich, ich könnte es nicht ertragen.»
  «Und doch müßtest du es ertragen, da du es
nun einmal nicht vermeiden kannst. Es hat gar
keinen Sinn, ‹ich kann nicht› zu sagen, wenn
man doch muß!»
  Das ging über mein Fassungsvermögen. So
viel Unterwürfigkeit und so große Nachsicht mit
ihrer Peinigerin! Aber ich spürte, daß Helen die
Dinge in einem Lichte sah, das mir fremd war.
Ich begann zu ahnen, daß sie vielleicht im Recht
und ich im Unrecht sei; aber darüber nachzu-
denken, verschob ich auf gelegenere Zeit.
  «Du sprichst immer von deinen Fehlern, Helen.
Welche Fehler denn? Mir scheinst du so gut zu
sein!»
  «Na, dann lern du von mir, daß der Schein
trügt; ich bin schlampig, wie Miss Scatcherd
ganz richtig sagte; ich kann meine Sachen nicht
in Ordnung halten; ich bin flüchtig und ge-

80
dankenlos; ich verstoße gegen die Regeln; ich
lese, wenn ich lernen sollte; und oft geht es mir
wie dir: ich meine, ich könne mich nicht in die
starren Vorschriften fügen. Und das alles muß
ja Miss Scatcherd, die so peinlich ordentlich und
pünktlich ist, ärgern.»
  «Ja, und bös und grausam ist sie auch», fügte
ich hinzu. Aber Helen beachtete meinen Ein-
wurf nicht.
  «Und ist Miss Temple auch so streng mit dir?»
fuhr ich fort.
  Als ich diesen Namen nannte, flog ein Leuch-
ten über Helens Züge.
  «Miss Temple ist die Güte selber; es tut ihr
richtig weh, wenn sie streng sein oder strafen
muß. Sie kennt meine Fehler, aber sie ermahnt
mich liebevoll und freut sich, wenn ich ein Lob
verdiene. Das ist ja der beste Beweis für meine
Schlechtigkeit, daß mich nicht einmal ihre Er-
mahnungen zu bessern vermögen; selbst ihr
Lob, das mir über alles geht, kann mich nicht
zu dauernden Leistungen anspornen!»
  «Das wundert mich», sagte ich. «Es ist doch
nicht schwer, sorgfältig und ordentlich zu sein?»
  «Für dich anscheinend nicht. Ich hab’ schon
beobachtet, wie du an deiner Arbeit sitzest, so
aufmerksam und fleißig. Aber ich kann nichts
dafür, meine Gedanken schweifen ständig um-
her. Oft höre ich überhaupt nicht mehr, daß
jemand spricht; ich bin wie in einem Traum.
Manchmal wähne ich, ich sei in Northumber-
land, und was ich rauschen höre, sei der kleine

81
Bach vor unserem Haus – und wenn ich dann
aufgerufen werde, muß man mich erst wecken;
und dann weiß ich natürlich nicht, was gefragt
wurde.»
  «Aber heute nachmittag hast du doch ausge-
zeichnet geantwortet!»
  «Das war nur Zufall. Was wir lasen, interessierte
mich; anstatt von zu Hause zu träumen, dachte
ich darüber nach, weshalb wohl ein Mensch, der
doch das Gute wollte, oft so ungerecht und tö-
richt handeln konnte wie Karl I. Und ich dachte,
wie schade es sei, daß er bei all seiner Gewissen-
haftigkeit und Ehrlichkeit nicht weiter zu sehen
vermochte als nur, was die Vorrechte der Krone
betraf. Hätte er nur ein bißchen mehr Weitblick
gehabt und den sogenannten Geist der Zeit er-
kannt! Und doch liebe ich Karl I.; ich achte ihn
hoch, und er tut mir leid, der arme, ermordete
König! Seine Feinde waren schlechter als er!
Wie konnten sie es wagen, sein Blut zu ver-
gießen!»
  Helen sprach zu sich selbst. Sie hatte vergessen,
daß ich sie ja noch gar nicht zu verstehen ver-
mochte. Ich rief sie aus ihren Höhen herunter
zu mir.
  «Und wenn Miss Temple unterrichtet, schwei-
fen dann deine Gedanken auch ab?»
  «Nein. Oder doch nur selten. Denn Miss
Temple hat uns meistens Dinge zu sagen, die
neuartiger sind als meine eigenen Gedanken.
Ich höre ihr gerne zu, und oft sagt sie genau das,
was ich zu hören hoffte, was ich suchte.»

82
  «Also, dann bist du artig, wenn du bei Miss
Temple bist.»
  «Ja. Das heißt, ich tue nichts dazu; ich lasse
mich treiben; ich brauche nur meiner Neigung
zu folgen; das ist kein Verdienst.»
  «Aber das ist doch klar: du bist gut, wenn man
gut zu dir ist. Mehr wünschte ich mir auch
nicht. Wenn man immer gut und gehorsam
wäre zu denen, die grausam und ungerecht sind,
dann könnten ja die bösen Menschen alles tun,
was ihnen paßt; sie brauchten nichts zu fürchten
und würden nur immer schlimmer und schlim-
mer. Wenn wir zu Unrecht geschlagen werden,
sollten wir zurückschlagen, und zwar kräftig.
Das ist meine Meinung: zurückschlagen, und
zwar so fest, daß dem anderen die Lust vergeht,
es wieder zu tun.»
  «Du wirst hoffentlich noch umlernen, wenn
du älter wirst. Aber du bist ja erst ein kleines,
unwissendes Kind!»
  «Aber, Helen, versteh doch. Ich kann die Leute
nicht gern haben, die mich einfach nicht mögen,
wenn ich mich auch noch so sehr bemühe, ihnen
zu gefallen. Und wenn ich zu Unrecht bestraft
werde, muß ich mich wehren. Aber genau so gut
liebe ich die, die gut zu mir sind, und füge mich,
wenn ich eine Strafe verdient habe.»
  «Das können die Heiden auch, aber Christen
denken anders.»
  «Wieso? Das begreife ich nicht!»
  «Gewalttat kann nicht über Haß siegen, und
Rache kein Unrecht wiedergutmachen.»

83
  «Was denn?»
  «Lies das Neue Testament und schau nach,
was Christus sagt und wie er handelt. Mach dir
seine Lehren zu eigen und folge seinem Beispiel.»
  «Was sagt er denn?»
  «Liebet eure Feinde, segnet, die euch Böses
tun, tut Gutes denen, die euch hassen.»
  «Dann müßte ich ja Mrs. Reed lieben! Das
kann ich nicht! Und John sollte ich segnen –
unmöglich!»
  Helen Burns sah mich fragend an, und nun
erzählte ich ihr die ganze Geschichte meiner
Leiden und meines Hasses. In meiner wachsen-
den Erregung sprudelte ich alle Bitterkeit heraus,
ohne meine Worte abzuwägen oder etwas zu
beschönigen.
  Helen hörte mich geduldig an, und ich wartete
auf eine Bemerkung, aber sie sprach kein Wort.
  «Und», sagte ich ungeduldig, «ist Mrs. Reed
nicht ein böses, hartherziges Weib?»
  «Sie ist sicher hart mit dir gewesen, weil ihr
dein Charakter zuwider ist wie Miss Scatcherd
meiner. Aber wie genau du alles behalten hast!
Wie schrecklich tief hat sich ihre Ungerechtig-
keit in dein Herz eingegraben! Auf mich macht
schlechte Behandlung gar keinen Eindruck.
Wärst du nicht glücklicher, wenn du versuchtest,
das alles zu vergessen? Das Leben scheint mir
zu kurz, um es mit dauerndem Haß zu ver-
zetteln. Wir haben alle, alle eine Menge Fehler;
aber die legen wir ab, wenn wir sterben. Was
bleibt, ist die Seele. Die kann nur zu Gott zu-

84
rückkehren oder in ein höheres Wesen eingehen,
niemals aber zum Teufel hinabsinken. Das
wenigstens ist mein Glaube, den mich niemand
gelehrt hat. Aber er beglückt mich, auch wenn
ich nicht viel davon spreche. Er gibt mir Hoff-
nung. Ich kann so klar den Unterschied zwischen
Verbrecher und Verbrechen erkennen; das Böse
verabscheue ich, aber mit den Menschen, die
Böses tun, habe ich Mitleid. So kenne ich keine
Rachsucht und keinen Haß und sehe dem Ende
ruhig entgegen.»
  Während Helen sprach, war ihr Kopf tiefer
und tiefer gesunken. Als sie verstummte, sah ich
an ihrer Haltung, daß sie nun nicht mehr reden,
sondern ihren eigenen Gedanken nachhängen
wollte. Aber viel Zeit ließ man ihr nicht für ihre
Betrachtungen; eine ältere Schülerin, ein großes,
grobschlächtiges Mädchen, näherte sich und
fuhr sie an:
  «Helen Burns, wenn du nicht auf der Stelle
deine Schublade in Ordnung bringst und deine
Arbeit zusammenlegst, sag ich es Miss Scatcherd.»
  Helen seufzte, als sie so rauh gestört wurde,
erhob sich aber und leistete dem Befehl unver-
züglich Folge.

Mein erstes Quartal in Lowood schien endlos


und war mit unzähligen Schwierigkeiten erfüllt.
Ich hatte Mühe, mich an die neuen Lebens-
regeln und ungewohnten Aufgaben zu gewöh-

85
nen. Die beständige Angst, irgend etwas falsch
zu machen, setzte mir mehr zu als die physischen
Härten und Entbehrungen. In den ersten Mo-
naten konnten wir außer dem Gang zur Kirche
keine weiteren Spaziergänge machen; aber
innerhalb unserer Gartenmauern mußten wir
täglich eine Stunde frische Luft genießen. Un-
sere Kleidung bot uns nur ungenügenden Schutz
gegen die strenge Kälte. Wir hatten keine Stiefel,
der Schnee drang in unsere Schuhe und schmolz;
unsere Hände, nicht von Handschuhen ge-
schützt, wurden gefühllos und voller Frostbeulen,
und die Füße ebenso. Ich erinnere mich an die
Qualen nur zu gut, die mir das Jucken meiner
entzündeten Füße jeden Abend bereitete, und
die Schmerzen, bis ich jeden Morgen meine ge-
schwollenen, steifen Zehen wieder in die Schuhe
gezwängt hatte. Und das Essen, das kaum einem
Kranken genügt hätte, war für unseren Hunger
gänzlich unzureichend. Besonders die jüngeren
unter uns hatten sehr zu leiden; denn einige der
großen Mädchen mißbrauchten ihre Kraft, um
die Kleinen auch noch der geringen Portion zu
berauben, die ihnen zukam. Manches liebe Mal
mußte ich mein Stück Brot und meinen Kaffee
teilen und konnte den Rest, der mir verblieb,
nur noch unter Tränen hinunterwürgen, so sehr
quälte mich der Hunger.
  Die Wintersonntage waren ganz besonders
trübe. Zur Kirche von Brocklebridge, in der der
Vorstand und Schirmherr der Anstalt den Got-
tesdienst abhielt, hatten wir zwei Meilen Wegs.

86
Wir waren schon beim Weggehen halb erfroren;
bis wir zur Kirche kamen und vollends während
des Morgengottesdienstes wurden wir langsam
gelähmt vor Kälte. Da es zu weit war, um über
Mittag nach Lowood zurückzukehren, bekamen
wir zwischen den beiden Gottesdiensten eine
magere Portion kaltes Fleisch und Brot. Nach
dem Nachmittagsgottesdienst kehrten wir auf
einer holprigen und allen Winden ausgesetzten
Straße, wo die Kälte uns förmlich ins Gesicht
schnitt, nach Hause zurück.
  Noch erinnere ich mich, wie Miß Temple,
den Plaidmantel fest um sich gepreßt, leichten
Schritts an unseren matt dahintrottenden Rei-
hen entlang ging und versuchte, uns durch Wort
und Beispiel aufzumuntern. Die anderen Lehre-
rinnen, die Ärmsten, waren meistens selber zu
unglücklich, um auch nur noch den Versuch
machen zu können, anderen weiterzuhelfen.
  Wie sehnten wir uns nach Licht und Wärme,
wenn wir endlich in Lowood ankamen! Aber
die Kleinen kamen auch hier wieder zu kurz;
denn sofort wurden die beiden Kamine des
Schulzimmers von den Großen dicht umlagert,
während hinter ihnen die Kleinen kauerten und
die erfrorenen Ärmchen in die Schürzen gewik-
kelt hielten. Eine kleine Freude wurde uns zur
Teezeit gegönnt, da wir statt einer halben eine
ganze Scheibe braunes Brot bekamen, auf das
hauchdünn Butter gestrichen war. Das war der
Höhepunkt der ganzen Woche, den wir von
Sonntag zu Sonntag ersehnten. Meistens gelang

87
es mir sogar, die Hälfte dieser Herrlichkeit
höherem Zugriff zu entziehen.
  Der Sonntagabend verging mit geistlichen
Übungen, Aufsagen von Katechismus und Berg-
predigt und schließlich mit Anhören einer end-
losen Predigt, die Miss Miller, selbst gelang-
weilt, unter häufigem Gähnen vorlas. Daß die
Kleinsten dabei vor Müdigkeit umfielen, ist
nicht erstaunlich; zur Strafe mußten sie dann
in der Mitte des Raumes den Rest der Predigt
stehend, höchstens durch einen Hocker gestützt,
auf den sie sich jedoch nicht setzen durften,
mitanhören.
  Noch habe ich Mr. Brocklehurst nicht er-
wähnt, dessen längere Abwesenheit zu Beginn
meines Lowooder Aufenthaltes mir eine rechte
Erleichterung gewesen war; ich hatte ja nicht
viel Gutes von ihm zu erwarten. Doch eines
Nachmittags – ich saß gerade mit meiner
Schiefertafel auf den Knien und mühte mich
mit einer langen Addition ab – sah ich seine
hagere Gestalt draußen vor dem Fenster vorbei-
gehen. Als er gleich darauf eintrat, wie mir
schien größer und finsterer denn je, fand ich
meine Ahnung bestätigt. Ich hatte allen Grund,
vor seinem Erscheinen verängstigt zu sein;
denn ich hatte Mrs. Reeds Anspielung und
Mr. Brocklehursts Versprechen, Miss Temple
über meinen schlechten Charakter aufzuklären,
nicht vergessen. Als er nun leise zu Miss Temple
zu sprechen begann, zweifelte ich nicht daran,
daß er ihr alle meine Untaten mitteilte, und ich

88
war darauf gefaßt, jeden Augenblick von Miss
Temple mit Widerwillen und Abscheu ange-
sehen zu werden. Allein die Worte, die ich zu
erhaschen vermochte, handelten vorerst höchst
harmlos von Nadel- und Fadeneinkäufen und
deren sparsamster Verteilung. Auch über die
Löcher in den Strümpfen, die Mr. Brocklehurst
zum Trocknen aufgehängt gesehen hatte, hielt
er sich auf. Miss Temple versprach, sich darum
kümmern zu wollen.
  «Ach, daß ich es nicht vergesse», sagte er noch,
«die Waschfrau sagt mir, daß einige Mädchen
zwei reine Kragen pro Woche haben; das ist
zuviel, einer genügt.»
  «Es handelt sich wohl um Agnes und Catherine
Johnstone. Sie waren vorige Woche zum Tee zu
Freunden eingeladen, und ich gestattete ihnen,
zu der Gelegenheit saubere Kragen anzuzie-
hen.»
  «Für einmal mag es hingehen, aber daß es mir
nicht wieder vorkommt. Und noch etwas hat
mich überrascht: in der Haushaltrechnung steht
ein nicht vorgesehenes Frühstück von Käse und
Brot. Was hat das zu bedeuten? Wer hat diese
Neuerung eingeführt?»
  «Dafür bin ich verantwortlich, Sir», entgegnete
Miss Temple; «das Frühstück war so schlecht
zubereitet, daß die Mädchen es unmöglich essen
konnten; und ich konnte nicht zugeben, daß sie
bis zum Mittagessen nüchtern blieben.»
  «Einen Augenblick, bitte. Sie machen sich
doch wohl klar, daß ich nicht die Absicht habe,

89
die Mädchen zu verweichlichen, sondern daß
sie abgehärtet und zu Geduld und Selbstver-
leugnung erzogen werden sollen. Wird ihr Appe-
tit einmal durch ein verdorbenes Mahl ent-
täuscht, nun gut, dann sollen sie daraus die
Kräfte der Entsagung schöpfen und nicht durch
Leckerbissen dafür entschädigt werden. Ein
guter Erzieher muß solche Gelegenheiten wahr-
nehmen, um in wohlgesetzter Rede auf die
Leiden der ersten Christen und der Märtyrer
hinzuweisen und auf die Worte unseres Heilands
selbst, der seine Jünger auffordert, ihr Kreuz
auf sich zu nehmen und ihm nachzufolgen.
Auch lebt der Mensch nicht von Brot allein,
sondern von jeglichem Worte, das aus Seinem
Munde kommt. Oh, Miss Temple! Wenn Sie
den Kindern Brot und Käse in den Mund
stopfen statt eines verbrannten Breis, legen Sie
sich nicht Rechenschaft davon ab, daß Sie ihre
unsterblichen Seelen schädigen?»
  Mr. Brocklehurst hielt inne, vermutlich von
seinen eigenen Worten überwältigt. Bleich und
unbeweglich hatte Miss Temple seiner langen
Rede zugehört; ihre Lippen waren fest zusam-
mengepreßt. Mr. Brocklehurst ließ nun die
Augen prüfend über die ganze Mädchenschar
gleiten; plötzlich weitete sich sein Blick, als
habe ihn etwas entsetzt, und weit weniger
salbungsvoll als vorher fragte er:
  «Miss Temple, Miss Temple, was – was ist das
für ein Mädchen, mit Locken? Rote Haare,
Miss Temple, und gelockt, ganz gelockt!» Mit

90
der Spitze seines Spazierstockes wies er auf den
Gegenstand seines Abscheus hin.
  «Das ist Julia Severn», gab Miss Temple sehr
ruhig zur Antwort.
  «Julia Severn, so! Und warum trägt sie Locken?
Warum tritt sie so offenkundig weltlich auf, ent-
gegen allen Grundsätzen und Vorschriften dieses
Hauses? Hier, in einem evangelischen Wohl-
tätigkeitsinstitut – Locken!»
  «Julias Haare locken sich natürlich», ant-
wortete Miss Temple wenn möglich noch ruhi-
ger.
  «Natürlich! Ha! Wir haben uns nicht nach der
Natur zu richten, diese Mädchen sollen Kinder
der Gnade sein. Und habe ich nicht immer
wieder gesagt, daß die Mädchen ganz glatt,
straff und züchtig gekämmt sein sollen? Miss
Temple, dem Mädchen müssen die Haare voll-
kommen geschoren werden. Ich werde morgen
den Barbier herschicken; es hat da noch andere
mit viel zuviel Haar auf dem Kopf; die Große
dort, sagen Sie ihr, sie solle sich umkehren. Las-
sen Sie die ganze erste Reihe mit dem Gesicht
zur Wand stehen.»
  Miss Temple fuhr sich mit dem Taschentuch
über die Lippen, wie um ein Lächeln zu ver-
bergen, und gab den Befehl. Als er ausgeführt
wurde, hätte Mr. Brocklehurst die Blicke und
Fratzen sehen sollen, die das Manöver begleite-
ten! Vielleicht wäre ihm dann klar geworden,
daß er dem Kern doch niemals beikommen
würde, mochte er die Hülle noch so sehr ver-

91
ändern. Er prüfte die Kehrseite dieser lebenden
Medaillen eingehend, dann fällte er sein Urteil,
das wie das Jüngste Gericht einschlug:
  «Alle diese Haarknoten müssen abgeschnitten
werden.»
  Miss Temple schien etwas zu erwidern.
  «Madame», fiel er ihr ins Wort, «ich habe einem
Herrn zu dienen, dessen Reich nicht von dieser
Welt ist. Meine Mission ist, in diesen Mädchen
die Fleischeslust abzutöten, sie zu züchtiger
Kleidung zu erziehen, nicht mit Zöpfen und
Firlefanz; und jedes dieser Mädchen hat einen
Haarkranz aus Flechten, der nur von Eitelkeit
zeugt. Ich wiederhole: Das muß fallen. Denken
Sie an den Zeitverlust – »
  Hier wurde Mr. Brocklehurst unterbrochen
durch das Eintreten von drei Damen, die füglich
früher hätten kommen sollen, um seine Predigt
mitanzuhören. Denn sie waren köstlich in
Sammet, Seide und Spitzen gekleidet; die beiden
jungen Mädchen trugen unter ihren Federhüten
kunstvoll gelocktes Haar, und der alten Dame
hingen gar falsche Simpelfransen in die Stirn.
Es waren die Damen Brocklehurst, Mutter und
Töchter. Sie hatten augenscheinlich in der gan-
zen Wirtschaft herumgeschnüffelt und brachten
jetzt ihre scharfen Kritiken an.
  Während der ganzen Zeit hatte ich mich be-
müht, Mr. Brocklehursts Aufmerksamkeit zu
entgehen, indem ich mich möglichst verborgen
hielt und tat, als sei ich in meine Rechnungen
vertieft. Es wäre mir auch sicher gelungen, wäre

92
mir nicht die Schiefertafel plötzlich aus der Hand
geglitten und mit lautem Krach zu Boden ge-
fallen. Während ich mich bückte, um die Scher-
ben aufzulesen, machte ich mich auf das
Schlimmste gefaßt. Es ließ nicht auf sich warten.
  «Ein unachtsames Mädchen!» bemerkte Mr.
Brocklehurst, und gleich darauf: «Das ist ja die
neue Schülerin, wie ich sehe.» Und ehe ich auch
nur zu Atem kommen konnte: «Ich darf nicht
vergessen, daß ich noch etwas über sie zu sagen
habe». Und laut – ach wie schrecklich laut
schien es mir: «Lassen Sie das Kind, das seine
Schiefertafel zerbrach, vortreten!»
  Ich hätte aus eigener Kraft keinen Schritt tun
können, ich war wie gelähmt. Aber die beiden
großen Mädchen, die neben mir saßen, stellten
mich auf die Beine und schoben mich meinem
gefürchteten Richter entgegen. Miss Temple
kam mir zu Hilfe und flüsterte mir noch rasch
zu: «Hab’ keine Angst, Jane, ich weiß, du hast es
nicht absichtlich getan. Du wirst nicht gestraft.»
  Wie ein Dolchstoß trafen mich ihre guten
Worte mitten ins Herz. Ach, gleich wird sie mich
als Heuchlerin verachten, dachte ich, und maß-
loser Zorn gegen Reed, Brocklehurst und Kon-
sorten stiegen in mir auf. Ich war nicht Helen
Burns. Mr. Brocklehurst ließ einen hohen Stuhl
holen, und irgend jemand erhielt den Befehl,
mich hinaufzuheben. Ich war nun auf gleicher
Höhe mit Mr. Brocklehurst, unmittelbar vor ihm,
und unter mir wogten Pelze, Federn und Seide.
  Mr. Brocklehurst räusperte sich.

93
  «Meine Damen», sagte er zu seiner Familie ge-
wandt, «Miss Temple, Lehrerinnen und Kinder,
seht ihr alle dieses Mädchen?»
  Ich war nicht zu übersehen, aller Blicke
brannten auf mir.
  «Ihr seht, sie ist noch jung. Beachtet, daß sie
aussieht, wie jedes andere Kind auch. Gott hat
sie gnädig gebildet, wie uns alle. Keine Miß-
gestaltung weist darauf hin, daß sie bereits ge-
zeichnet ist. Wer könnte ahnen, daß sie bereits
Magd und Dienerin des Bösen ist? Und doch,
so leid es mir tut, es sagen zu müssen, es ist so!»
  Eine Pause – während der ich langsam wieder
Herr über meine zitternden Nerven wurde und
fühlte, daß der Rubikon überschritten sei, daß
es nun gelte, die unabwendbare Prüfung tapfer
durchzustehen.
  «Meine lieben Kinder», fuhr der steinern-
schwarze Gottesmann fort, «dies ist ein äußerst
trauriger Anlaß; denn es ist meine Pflicht, euch
zu warnen. Dieses Kind, das ein Lamm Gottes
sein sollte, ist in Wirklichkeit ein räudiges Schaf.
Ihr müßt vor ihm auf der Hut sein, sein Beispiel
fliehen, wenn nötig seine Gesellschaft meiden,
es von euren Spielen ausschließen, nicht mit ihm
sprechen. Lehrerinnen, Sie müssen es über-
wachen. Haben Sie ein Auge auf jede seiner Be-
wegungen, wägen Sie jedes seiner Worte, er-
forschen Sie seine Taten, strafen Sie seinen Leib,
um seine Seele zu retten, wenn diese Seele noch
zu retten ist; denn – meine Zunge sträubt sich,
es zu sagen – dieses Mädchen, dieses Kind, in

94
einem christlichen Lande geboren, ist schlimmer
als manches Heidenkind, das zu Brahma betet
oder vor dem Juggernaut in die Knie fällt –
dieses Kind ist – eine Lügnerin!»
  Ich war inzwischen so ruhig geworden, daß
ich meine Umgebung während der nun folgen-
den Pause kühl zu beobachten vermochte. Die
Damen Brocklehurst wischten sich die Augen
und flüsterten halblaut: «Wie entsetzlich!»
  Mr. Brocklehurst fuhr fort:
  «Ich habe dies alles von ihrer Wohltäterin er-
fahren, von der frommen, gütigen Dame, die
das Waisenkind an Kindes Statt aufgenommen
und wie eine eigene Tochter gehalten hat, und
deren Großmut und Liebe von diesem unseligen
Mädchen durch so schwarzen Undank erwidert
wurde, daß sie es von ihren eigenen Kindern
trennen mußte, aus Sorge, das schlechte Beispiel
könnte die reinen Seelen beflecken; sie hat das
Mädchen zu seiner Heilung hierher gesandt,
so wie die alten Juden ihre Kranken zum Teich
Bethesda führten, und ich mahne euch, Lehre-
rinnen und Leiterin, lasset die Wasser um sie
nicht stille werden!»
  Mit dieser erhabenen Schlußwendung knöpfte
Mr. Brocklehurst den obersten Knopf seines
Überrockes zu, murmelte etwas zu seiner Fa-
milie, die sich erhob, Miss Temple mit einer
knappen Verbeugung grüßte und in schönster
Ordnung hinaussegelte. An der Tür wandte sich
mein Richter nochmals um:
  «Lassen Sie sie noch eine halbe Stunde auf dem

95
Stuhl sitzen, und kein Mensch soll für den Rest
des Tages mit ihr sprechen.»
  Da saß ich nun auf dem Pranger; ausgerechnet
ich, die behauptet hatte, die Schande einer sol-
chen Strafe nicht ertragen zu können! Es ist un-
möglich, meine Gefühle zu beschreiben; doch
gerade als mich der innere Aufruhr zu über-
wältigen drohte, kam ein Mädchen an mir vor-
bei und strahlte mich mit ihren schönen Augen
an. Welche Kraft strömte aus diesem Blick! Ich
fühlte mich von neuem Mut beseelt! Es war, als
hätte ein Märtyrer einem Sklaven im Vorbei-
gehen etwas von seiner eigenen Kraft eingeflößt.
Ich beherrschte meine aufsteigende Rührung,
hob den Kopf und setzte mich aufrecht auf
meinen Schandpfahl. Helen Burns hatte irgend-
eine belanglose Frage an Miß Smith zu stellen,
wurde deswegen gescholten und kehrte, mir
wiederum zulächelnd, an ihren Platz zurück.
Welch ein Lächeln! Heute weiß ich, daß es der
Ausdruck einer hochgemuten, tapferen Seele
war; es erhellte ihre Züge, ihre eingefallenen
Wangen, ihre tiefen grauen Augen wie ein himm-
lischer Widerschein. Und doch trug Helen Burns
die «Unordentlichkeits»-Armbinde und war vor
kaum einer Stunde wegen eines Tintenfleckens
zu Wasser und Brot verurteilt worden. Auch die
hellsten Planeten weisen kleine Flecken auf, und
Augen wie die Miss Scatcherds vermögen nur
die Flecken zu sehen und sind blind für den
herrlichen Glanz des Gestirns.

96
8

Es schlug fünf Uhr, ehe noch die Hälfte der


Stunde vorbei war; die Schülerinnen verschwan-
den alle in den Speisesaal zum Tee. Ich wagte
es, von meinem hohen Stuhl herunterzuklettern
und verkroch mich in eine dunkle Ecke, wo ich,
das Gesicht auf die Erde gepreßt, zu Boden sank
und fassungslos weinte. Die Betäubung, die mich
bisher aufrecht gehalten hatte, fiel von mir ab.
Helen Burns war nicht da, nichts und niemand,
um mich zu stützen; mir selbst überlassen, konnte
ich der Verzweiflung nicht mehr Herr werden.
Ich hatte in Lowood so brav sein wollen, so
fleißig und gut, daß mich alle achten und lieben
sollten; ich hatte schon Fortschritte gemacht
und war gerade an jenem Morgen zur Klassen-
ersten aufgerückt; Miss Miller hatte mich gelobt,
Miss Temple hatte mir zugelächelt und mir ver-
sprochen, ich dürfe Zeichnen und Französisch
lernen, wenn ich noch zwei Monate so weiter
mache; meine Kameradinnen mochten mich
gut leiden und behandelten mich als ihresglei-
chen, niemand quälte mich. Ach! und nun lag
ich da, zertreten und zerschlagen. Würde ich
mich je wieder aufrichten können?
  Niemals, dachte ich und wünschte sehnlichst,
zu sterben. Mitten in meinem verzweifelten
Schluchzen hörte ich jemand kommen. Ich
schrak auf: Helen Burns stand vor mir; sie
brachte mir Kaffee und Brot.
  «Komm, du mußt etwas essen», sagte sie, aber

97
ich wies beides von mir, ich wäre an jedem
Schluck oder Bissen erstickt. Helen sah mich
erstaunt an. So sehr ich mich auch bemühte, ich
konnte und konnte mich nicht beruhigen, son-
dern fuhr fort, laut zu weinen. Sie ließ sich neben
mich gleiten, umschlang ihre beiden Knie mit
den Händen und legte den Kopf darauf. In dieser
Stellung blieb sie sitzen, schweigsam wie ein
Indianer. Ich sprach zuerst wieder:
  «Helen, warum kommst du zu einem Mäd-
chen, das alle für eine Lügnerin halten?»
  «Alle, Jane? Es sind höchstens achtzig Mäd-
chen, die das gehört haben, dabei ist die Welt
voll von Millionen und Millionen Menschen.»
  «Was gehen mich die Millionen an? Die acht-
zig, die ich kenne, verachten mich!»
  «Jane, du irrst dich: wahrscheinlich verachtet
dich keine einzige von der ganzen Schule, und
ganz bestimmt bedauern dich viele.»
  «Wie können sie Mitleid mit mir haben, nach
allem, was Mr. Brocklehurst von mir gesagt
hat?»
  «Mr. Brocklehurst ist kein Gott, er ist noch
nicht einmal ein großer und bewundernswerter
Mann. Man mag ihn hier nicht besonders, und
er tut auch nichts, um sich beliebt zu machen.
Hätte er dich in irgendeiner Weise bevorzugt,
ja dann würdest du hier offen oder heimlich
angefeindet. So aber möchten die meisten dir
ihre Teilnahme zeigen, wenn sie es nur wagten.
Lehrerinnen und Schülerinnen werden dich
vielleicht ein paar Tage lang scheinbar kühl

98
behandeln, aber nur scheinbar. Im Herzen sind
sie dir gut, und wenn du nicht müde wirst, dir
Mühe zu geben, dann werden sie es dir nachher
um so deutlicher zeigen. Und dann, Jane …»
  Helen hielt inne.
  «Was, Helen?» fragte ich und legte meine
Hand in die ihre. Sie streichelte sie sanft, um
sie zu wärmen, und fuhr fort:
  «Die ganze Welt kann dich hassen und für
schlecht halten, du bist dennoch nicht allein,
wenn dein eigenes Gewissen dich freispricht.»
  «Nein, ich weiß; aber daß ich gut von mir selbst
denke, genügt mir nicht. Wenn mich niemand
liebt, will ich lieber sterben, ich kann nicht ein-
sam und ausgestoßen leben, Helen! Schau, um
von dir oder Miss Temple oder sonst jemandem
wirklich geliebt zu werden, würde ich gerne alles
auf mich nehmen, meinen Arm brechen oder
von einem Stier umgerannt werden oder von
einem Pferdehuf an die Brust getroffen …»
  «Still, Jane! Du denkst zuviel an menschliche
Liebe; du bist zu impulsiv, zu leidenschaftlich.
Gott, der dir das Leben gab, hat dir noch viel
mehr gegeben als dein schwaches Selbst. Warum
sich so niederschlagen lassen, wenn Gott doch
über uns ist und alles sieht und gerecht urteilt!
Das Leben ist so schnell vorbei; und durch den
Tod gehen wir ein in die Herrlichkeit.»
  Ich schwieg. Helens Stimme hatte mich be-
ruhigt; aber gleichzeitig erfüllte mich eine
andere, ahnungsvolle Traurigkeit. Und da Helen
schwer atmete und bald wieder zu husten be-

99
gann, vergaß ich meinen eigenen Kummer in
Sorge um sie. Ich umschlang sie mit meinen
Armen und legte meinen Kopf auf ihre Schulter.
Wir hatten nicht lange so gesessen, als eine Ge-
stalt durch das mondhelle Zimmer auf uns zu-
kam. Es war Miss Temple.
  «Dich suchte ich gerade, Jane Eyre», sagte sie,
«komm mit mir in mein Zimmer, und da Helen
Burns bei dir ist, kann sie auch mitkommen.»
  Wir folgten ihr durch mehrere Gänge und Trep-
pen und kamen in ihr wohnlich eingerichtetes
Zimmer, darin ein herrliches Feuer brannte.
Miss Temple hieß Helen in einem niederen
Armstuhl am Kamin Platz nehmen, setzte sich
ihr gegenüber und zog mich an ihre Seite.
  «Ist’s nun wieder gut?» fragte sie, mich an-
blickend. «Hast du deinen Kummer ausge-
weint?»
  «Das kann ich sicher nie!»
  «Warum nicht?»
  «Weil ich zu Unrecht angeklagt worden bin;
und Sie und alle anderen denken jetzt schlecht
von mir.»
  «Nein, Jane, du mußt uns eben zeigen, wie du
wirklich bist, und danach werden wir dich be-
urteilen. Wenn du weiter so fleißig bist wie bisher,
bin ich mit dir zufrieden.»
  «Wirklich, Miss Temple?»
  «Ganz gewiß», sagte sie und legte den Arm um
meine Schulter. «Und jetzt erzähle mir mal, wer
die Dame ist, die Mr. Brocklehurst deine Wohl-
täterin nannte.»

100
  «Mrs. Reed, die Frau meines verstorbenen
Onkels. Er hatte mich ihr anvertraut.»
  «Dann hat sie dich nicht von sich aus aufge-
nommen?»
  «Nein, sie tat es gar nicht gerne; mein Onkel
ließ sie versprechen, daß sie mich immer bei sich
behalten und gut erziehen werde; das hörte ich
von den Dienstboten.»
  «Nun, Jane, du weißt, oder ich sage es dir jetzt,
daß jeder Angeklagte das Recht hat, sich zu
verteidigen. Man hat dich der Verlogenheit
geziehen; nun verteidige dich vor mir, so gut
du kannst. Sag alles, was dir in Erinnerung
kommt, ohne etwas hinzuzufügen oder zu über-
treiben.»
  Ich nahm mir vor, ganz gewissenhaft und
ordentlich zu berichten, und nach kurzem Nach-
denken begann ich ihr die ganze Geschichte
meiner traurigen Kindheit zu erzählen. Ich war
so erschöpft von meinem großen Kummer, daß
ich viel verhaltener sprach als gewöhnlich, und
Helens Mahnung eingedenk, drückte ich in
meinem Bericht weit weniger Haß und Zorn aus
als sonst. So sachlich vorgetragen erschien das
Ganze weit glaubhafter, und je länger ich sprach,
desto deutlicher wurde mir, daß Miss Temple
mir wirklich Glauben schenkte.
  Im Zusammenhang mit der entsetzlichsten,
jener mir unvergeßlichen Episode des Roten
Zimmers hatte ich auch Mr. Lloyd erwähnt.
Als ich geendet hatte, sah mich Miss Temple
eine Weile schweigend an.

101
  «Ich habe schon von Mr. Lloyd gehört», sagte
sie dann. «Ich werde ihm schreiben, und wenn
seine Aussage die deine bestätigt, so werde ich
dich öffentlich von jeder Beschuldigung frei-
sprechen; in meinen Augen bist du schon jetzt
gerechtfertigt, Jane.»
  Sie umarmte mich und behielt mich an ihrer
Seite. Wie gerne verharrte ich dort, da mich der
Anblick ihrer Gestalt, ihrer schönen Kleidung
und vor allem ihres lieblichen Gesichts entzückte.
  «Und wie geht es dir heute abend, Helen
Burns?» wandte sie sich an meine Gefährtin.
«Hast du heute viel gehustet?»
  «Nicht so sehr viel, Miss Temple.»
  «Und die Schmerzen in der Brust?»
  «Sind etwas besser.»
  Miss Temple erhob sich, nahm ihre Hand und
fühlte den Puls; dann nahm sie ihren Platz
wieder ein, ich hörte sie seufzen. Sie versank
eine Weile in tiefes Sinnen, raffte sich dann auf
und sagte fröhlich: «Ihr beide seid heute abend
meine Gäste, das muß gefeiert werden.» Sie
klingelte.
  «Barbara», sagte sie zu dem Mädchen, das
daraufhin erschien, «ich habe noch keinen Tee
getrunken, bringen Sie auch zwei Tassen für
diese beiden jungen Damen.»
  Bald wurde der Tee angerichtet. Wie hübsch
nahmen sich die Porzellantassen und der schim-
mernde Teetopf auf dem kleinen Tisch vor dem
Kamin aus! Wie duftete das Getränk, wie gut
roch das Röstbrot! Es schien mir nur etwas

102
wenig, denn ich hatte Hunger bekommen. Miss
Temple merkte es auch.
  «Barbara», sagte sie, «können Sie noch etwas
mehr Brot bringen? Es ist nicht genug für
drei.»
  Barbara ging und kam sogleich wieder mit
dem Bescheid, Mrs. Harden habe das gewohnte
Quantum hinaufgeschickt. Mrs. Harden war
eine Haushälterin nach Mr. Brocklehursts Her-
zen, hart und unnachgiebig.
  «Gut, gut», meinte Miss Temple, «dann muß
es eben so gehen, nicht wahr, Barbara. Zum
Glück habe ich noch etwas in Reserve für solche
Fälle», fügte sie lächelnd hinzu, nachdem das
Mädchen gegangen war. Und während wir
schon vor unserer duftenden Tasse Tee saßen,
holte sie aus einer Schublade ein geheimnisvolles
Paket, aus dem sie vor unseren Augen einen ver-
lockenden Kuchen wickelte.
  «Ich wollte jeder von euch etwas davon mit-
geben, aber nun so wenig Toast da ist, müßt ihr
es zum Tee essen.»
  Das war ein Schmaus! Eitel Nektar und
Ambrosia! Miss Temple lächelte beglückt über
den ansehnlichen Appetit, den wir bei der Ver-
tilgung ihres herrlichen Kuchens entwickelten.
  Nachdem unser Hunger gestillt und das Tee-
brett entfernt worden war, setzten wir uns wieder
ans Feuer, zu beiden Seiten von Miss Temple,
und nun entwickelte sich zwischen ihr und Helen
eine Unterhaltung, die mir unvergeßlich ge-
blieben ist. Miss Temple zuzuhören, war ein

103
Genuß, und ich konnte sie nur immer mehr
bewundern, aber Helen setzte mich in Erstau-
nen.
  Die gute Mahlzeit, das lustig knisternde
Feuer im Kamin, die Anwesenheit ihrer ver-
ehrten und geliebten Lehrerin und, mehr als
das, vielleicht etwas, das nur in ihr selbst be-
gründet war, hatte sie belebt und alle Fähig-
keiten geweckt. Ihre sonst so blassen Wangen
waren sanft gerötet, ihre Augen strahlten schöner
denn je und waren ausdrucksvoller als selbst die
von Miss Temple. Die Seele schien ihr auf den
Lippen zu liegen, die Worte flossen wie aus einer
wunderbaren Quelle. So viel Kraft, so viel Tiefe
und Erkenntnis lagen in ihrem ganzen Gehaben;
es war, als beeile sich der Geist dieser Vierzehn-
jährigen, in einer kurzen Spanne Zeit so viel zu
erleben wie andere in einem vollen, langen
Leben. Sie sprachen über Dinge, von denen ich
keine Ahnung hatte. Von fernen Ländern und
Völkern, von Entdeckungen, von den Wundern
der Natur, von Büchern. Was hatten sie nicht
alles gelesen! Wie viel wußten sie! Sie waren in
der französischen Literatur genau so bewandert
wie in der englischen, und mein Erstaunen
kannte keine Grenzen, als Miss Temple Helen
fragte, ob sie manchmal Zeit finde, das Latein
aufzufrischen, das ihr Vater sie gelehrt hatte.
Sie nahm einen Band Virgil vom Bücherbrett
und hieß sie eine Seite übersetzen. Helen tat es
ohne Zögern, und meine Verehrung für sie
wuchs von Zeile zu Zeile. Sie war kaum damit

104
fertig, als die Glocke Schlafenszeit läutete. Da
war kein Aufschub mehr möglich, Miss Temple
umarmte uns beide, drückte uns an ihr Herz
und sagte:
  «Gott segne euch, meine lieben Kinder!»
  Helen hielt sie etwas länger im Arm als mich;
sie ließ sie auch nur zögernd von sich; ihr galt
der letzte Blick, ein tiefer Seufzer und eine
heimliche Träne.
  Als wir zum Schlafraum kamen, hörten wir
Miss Scatcherds Stimme. Sie revidierte die
Schubladen und war gerade bei der Helens an-
gelangt, als wir eintraten. Unverzüglich wurde
Helen mit heftigen Vorwürfen überschüttet.
Sie sollte am anderen Tag ein halbes Dutzend
unordentlich gefaltete Wäschestücke an ihre
Schürze gesteckt bekommen. «Meine Sachen
waren wirklich furchtbar in Unordnung»,
murmelte mir Helen ins Ohr, «ich hatte auf-
räumen wollen, aber dann vergaß ich es.»
  Am nächsten Morgen schrieb Miss Scatcherd
in großen Druckbuchstaben «Schlampe» auf
einen Streifen Papier und band ihn um Helens
schöne, klare Stirne. Ruhig und geduldig trug
Helen das Schandmal bis zum Abend als eine
wohlverdiente Strafe. Im Augenblick, da Miss
Scatcherd nach Schulschluß das Zimmer verließ,
rannte ich zu Helen, riß den Streifen herunter
und warf ihn ins Feuer. Die Rebellion, deren
sie unfähig war, hatte den ganzen Tag in mir
gekocht. Weinend und zähneknirschend hatte
ich den Anblick von Helens trauriger Er-

105
gebenheit ertragen, der mir so tief ins Herz
schnitt.
  Etwa eine Woche später erhielt Miss Temple
Antwort auf ihre Anfrage bei Mr. Lloyd; er be-
stätigte alles, was ich gesagt hatte. Miss Temple
beeilte sich, der versammelten Schule davon
Mitteilung zu machen und mich in aller Form
zu rechtfertigen, worauf mich die Lehrerinnen
umarmten und ein freudiges Gemurmel durch
die Reihen der Schülerinnen lief.
  So von einer schweren Last befreit, begann
ich mit neuem Mut zu arbeiten und zu lernen.
Nach wenigen Wochen wurde ich in eine höhere
Klasse versetzt, bald durfte ich mit Zeichnen
und Französisch beginnen. An ein und dem-
selben Tag lernte ich die ersten Formen des
Verbs être und zeichnete mein erstes Haus, dessen
Mauern, nebenbei gesagt, den berühmten Turm
zu Pisa an Schiefheit übertrafen. An jenem
Abend vergaß ich vor dem Schlafengehen, in
meiner Phantasie ein eingebildetes Mahl zu
bereiten, womit ich meinen Hunger zu stillen
pflegte. Statt dessen sättigte ich mich am Anblick
wunderbarer Zeichnungen, die mir im Dunkeln
vorschwebten: ich malte Häuser und Land-
schaften, Tiere und Vögel, Blumen und Schmet-
terlinge. Auch überlegte ich, ob ich wohl jemals
imstande sein würde, ein französisches Mär-
chenbuch zu übersetzen, das Madame Pierrot
mir an jenem Tage gezeigt hatte. Ich war mir
darüber noch nicht klar, als ich bereits selig
einschlief.

106
  Mit Recht sagt Salomo: Besser ein Mahl von
Kräutern, wo Liebe ist, denn ein gemästeter
Ochse mit Haß.
  Ich hätte Lowood mit all seinen Entbeh-
rungen nicht mehr gegen Gateshead und seinen
Luxus eintauschen mögen.

Doch auch mit den Entbehrungen wurde es


besser, je weiter die Jahreszeit vorschritt und
sanfte Frühlingslüfte die Härte des Winters
ablösten. Unsere verfrorenen, geschwollenen
Hände und Füße heilten langsam zu; der Auf-
enthalt im Garten war an sonnigen Tagen
schon ein Vergnügen; grün sproßte es aus den
kleinen Beeten, und jeden Morgen schien es, als
liege neue Hoffnung über ihnen. Bald gab es
Schneeglöckchen, Krokus und Stiefmütterchen,
und an den freien Donnerstagnachmittagen
fanden wir auf unseren langen Spaziergängen
die schönsten Blumen an Wegen und Hecken.
Wie unendlich viel anziehender erschien die
ganze Umgebung, die Berge, Wälder und Hügel,
nun der Frühling sie aus der Starre von Schnee
und Eis erlöst hatte. Der Monat Mai war voller
Sonne und blauem Himmel, in Lowood grünte
und blühte alles, und ich hatte Muße, dies alles
in ungewohnter Freiheit zu genießen; denn
etwas war vorgefallen, das unser Leben völlig
veränderte.

107
  Das malerische Tal von Lowood war mit
seiner Feuchtigkeit und seinen Nebeln ein un-
gesunder Boden. Als der Frühling kam, brach
im Waisenhaus Typhus aus und verwandelte es
bald in ein Krankenhaus.
  Die Epidemie griff um so leichter um sich,
als unsere halbverhungerten und von häufigen
Erkältungen geschwächten Körper keinerlei
Widerstand zu leisten vermochten. Von achtzig
Mädchen erkrankten fünfundvierzig gleich-
zeitig; der Unterricht hörte auf, es gab keine
Hausordnung mehr. Der Arzt verordnete den
noch nicht erkrankten viel Bewegung an der
frischen Luft, und so genossen wir eine ziemlich
uneingeschränkte Freiheit. Miss Temple wid-
mete sich ausschließlich den Kranken. Die
Lehrerinnen hatten genug zu tun mit Packen für
die bevorzugten Schülerinnen, die zu Eltern
oder Freunden flüchten konnten. Einige von
ihnen trugen den Krankheitskeim schon in sich
und kamen nur nach Hause, um dort zu sterben;
andere starben in der Schule und wurden still
und hastig begraben.
  Lowood war ein Ort des Leidens und Sterbens
geworden; es roch nach Krankenhaus, und kein
Mittel konnte der Epidemie Einhalt gebieten.
  Und draußen blühte unterdessen ein wolken-
loser Mai, dufteten Rosen, Lilien und Tulpen
für die wenigen, welche die Krankheit verschont
hatte, und wurden hin und wieder als letzter
Gruß in einen Sarg gelegt.
  Wir, die wir nicht erkrankt waren, genossen

108
unsere Freiheit und die Schönheit der Wälder
und Felder. Wie Zigeuner streiften wir von früh
bis spät herum, auch lebten wir bedeutend
besser als zuvor. Mr. Brocklehurst und seine
Familie hüteten sich, in die Nähe von Lowood
zu kommen. Niemand schnüffelte im Haushalt
herum; die böse Haushälterin hatte sich in
Sicherheit gebracht. Ihre Nachfolgerin wußte
weit weniger Bescheid und war bedeutend groß-
zügiger; sie hatte auch für weniger Esser zu
sorgen; denn die Kranken aßen nichts. Oft kam
sie nicht dazu, richtig zu kochen; dann verteilte
sie einfach große Stücke kalter Pastete oder
Käse und Brot, die wir mit uns in den Wald
nahmen und dort verspeisten, wo es uns am
besten gefiel. Mein Lieblingsplatz war ein großer,
glatter Stein, mitten im Bach. Ich konnte ihn
nur barfuß, durchs Wasser watend, erreichen,
er bot gerade genug Platz für zwei. Meine
Busenfreundin war damals Mary-Ann Wilson;
ich liebte ihre Gesellschaft, sie war eine feine
Beobachterin, witzig und lebhaft; da sie einige
Jahre älter war als ich, kannte sie die Welt besser
und konnte auf meine unzähligen Fragen ant-
worten und meine Neugierde stillen.
  Und Helen Burns? Wo war sie in diesen Ta-
gen? Warum teilte sie die goldene Freiheit nicht
mit mir? Wohl schätzte ich Mary-Ann Wilson,
aber sie konnte Helen nicht das Wasser reichen.
So unzuverlässig und wandelbar ich auch sein
mochte, niemand und nichts hätte Helen aus
meinem Herzen verdrängen können. Aber Helen

109
war krank. Seit Wochen hielt man sie von uns
fern in irgendeinem abseitigen Raum. Sie lag
nicht mit den anderen in der Krankenabteilung;
denn sie hatte nicht Typhus, sondern Schwind-
sucht. Ich wußte, daß sie schon lange litt, aber
ich lebte in dem Wahn, ihr Leiden sei heilbar.
Manchmal, wenn das Wetter sehr mild war,
hatte man sie ins Freie getragen, das bestätigte
meine Hoffnungen. Ich durfte nicht zu ihr ge-
hen, ich sah sie nur vom Schulzimmerfenster
aus; sie war ganz in Decken eingehüllt und
kaum zu erkennen.
  An einem Juniabend war ich mit Mary-Ann
sehr spät noch draußen; wir waren sehr weit
gewandert, hatten uns verlaufen und einen
Schweinehirten nach dem Weg fragen müssen.
Als wir nach Hause kamen, stand der Mond
schon hoch; am Gartentor sahen wir das Pferd
des Arztes angebunden. Jemand müsse wohl
sehr schwer krank sein, meinte Mary-Ann, wenn
der Doktor zu so später Stunde noch gerufen
werde. Sie ging ins Haus, während ich noch
zurückblieb, um in meinem Beet rasch ein paar
mitgebrachte Wurzeln einzugraben. Der Abend
war so schön, so klar und mild, die Blumen
dufteten so süß, daß ich nach getaner Arbeit
noch ein wenig verweilte. Wolkenlos war der
mondhelle Himmel, und ein allerletzter roter
Schimmer zeigte einen weiteren schönen Tag
an. Ich genoß das alles, wie ein Kind genießen
kann, als mich plötzlich der Gedanke überfiel:
Wie traurig, jetzt auf dem Krankenbett zu liegen

110
und vielleicht sterben zu müssen! Die Welt ist
so schön – wie schrecklich, abberufen zu werden
und nicht zu wissen, wohin!
  Zum ersten Male versuchte ich ernstlich zu
verstehen, was man mir von Himmel und Hölle
erzählt hatte, und ich schrak vor einem Rätsel
zurück. Ich schaute mich um und sah rings um
mich nichts als einen einzigen Abgrund. Fest
war nur das eine: die Gegenwart. Alles andere
war verschwommen und leer. Ich schauderte in
meiner Hilflosigkeit diesem Chaos gegenüber.
  Während ich noch gedankenversunken da-
stand, kam Dr. Bates aus dem Hause, von einer
Pflegerin begleitet. Er bestieg sein Pferd und ritt
davon. Die Pflegerin kehrte ins Haus zurück und
wollte gerade die Türe schließen, als ich zu ihr
gerannt kam.
  «Wie geht es Helen Burns?»
  «Sehr schlecht», war die Antwort.
  «Ist Dr. Bates bei ihr gewesen?»
  «Ja.»
  «Und was sagt er?»
  «Er sagt, sie wird nicht mehr lange hier sein.»
  Hätte man mir das gestern gesagt, so hätte
ich mir vorgestellt, Helen reise nach Hause.
Ich wäre nicht auf den Gedanken gekommen,
daß sie bald sterben könnte. Heute aber sah ich
plötzlich klar und erkannte, daß Helen Burns
ihre letzten Tage auf dieser Erde lebte. Schrecken
erfaßte mich, dann ein wilder Schmerz und der
Wunsch, ja geradezu ein Zwang, sie zu sehen. Ich
erkundigte mich, in welchem Zimmer sie liege.

111
  «In Miss Temples Zimmer.»
  «Darf ich zu ihr gehen?»
  «Wo denkst du hin, Kind! Und du mußt über-
haupt hereinkommen, sonst wirst du auch noch
krank.»
  Sie schloß den Haupteingang, und ich
schlüpfte durch eine Seitentüre ins Schulzimmer.
Gerade zur rechten Zeit; es war neun Uhr,
und Miss Miller rief, es sei nun Zeit, ins Bett zu
gehen.
  Etwa zwei Stunden später – ich konnte nicht
schlafen, und rings um mich schien alles in tief-
sten Schlaf versunken – erhob ich mich leise,
zog mein Kleid über das Nachthemd an und
schlich barfuß hinaus, um Miss Temples Zimmer
zu suchen. Es lag am anderen Ende des Hauses;
aber der Mond schien hell genug, daß ich mich
zurechtfinden konnte. Als ich in die Nähe des
Krankensaals kam, traf mich ein scharfer
Kampfer- und Essiggeruch. Ich beeilte mich,
weiterzukommen, aus Angst, die Nachtschwester
könne mich bemerken und zurückschicken.
Denn ich mußte Helen sehen, ich mußte sie um-
armen, bevor sie starb, ich mußte sie ein letztes
Mal küssen, ein letztes Wort mit ihr wechseln.
  Durch Gänge und über Treppen gelangte ich
endlich an Miss Temples Türe. Unter der Tür
drang ein schwacher Lichtschimmer hervor,
ringsum war alles still. Die Türe war nur ange-
lehnt, wohl um etwas frische Luft einzulassen.
Ungeduldig und von wachsender Angst ergrif-
fen, stieß ich die Türe auf und blickte hinein;

112
meine Augen suchten Helen und fürchteten,
dem Tod zu begegnen.
  Neben Miss Temples Bett und halb von dessen
weißen Vorhängen verdeckt, stand ein Kinder-
bett. Unter der Decke zeichnete sich die Form
eines Körpers ab, aber das Gesicht war von den
Vorhängen verborgen. Die Pflegerin, mit der
ich im Garten gesprochen hatte, saß in einem
Sessel und schlief. Auf dem Tisch brannte trübe
eine ungeputzte Kerze. Miss Temple war nicht
da; ich erfuhr später, daß man sie zu einem
schweren Fall im Krankensaal geholt hatte. Ich
trat näher, bis an das Bettchen. Meine Hand
faßte nach dem Vorhang, aber ich wollte erst
ein Wort hören, bevor ich ihn zurückzog: ich
fürchtete, eine Leiche zu finden.
  «Helen», flüsterte ich, «bist du wach?»
  Sie bewegte sich und zog den Vorhang bei-
seite. Ich sah in ihr blasses, abgemagertes Ge-
sicht. Sie hatte sich so wenig verändert, daß
meine Besorgnis sich sogleich zerstreute.
  «Bist du es, Jane?» fragte die geliebte Stimme.
  Oh, dachte ich, sie muß nicht sterben; sie
irren sich, sonst könnte sie nicht so ruhig aus-
sehen und sprechen.
  Ich beugte mich über sie und küßte sie. Ihre
Stirn war kühl, ihre Wangen abgezehrt, wie die
Hände und Handgelenke, aber sie lächelte wie
früher.
  «Warum bist du gekommen, Jane? Es ist elf
Uhr vorbei, ich hörte es eben schlagen.»
  «Ich wollte dich sehen, Helen. Ich hörte, du

113
seiest sehr krank, und da konnte ich nicht schla-
fen, bevor ich mit dir gesprochen hatte.»
  «Du kamst, um Abschied zu nehmen; du
kamst wohl gerade noch zur Zeit.»
  «Gehst du fort, Helen? Gehst du nach Hause?»
  «Ja, nach Hause, in meine letzte Heimat.»
  «Nein, nein, Helen!» Ich hielt entsetzt inne.
Während ich mit meinen Tränen kämpfte, hatte
Helen einen schweren Hustenanfall, der jedoch
die Pflegerin nicht zu wecken vermochte. Als er
vorüber war, lag sie eine Weile erschöpft in den
Kissen, dann flüsterte sie:
  «Jane, deine Füße werden kalt. Leg dich zu
mir und deck dich zu.»
  Ich gehorchte; sie legte den Arm um mich,
und ich preßte mich ganz an ihre Seite. Nach
langem Schweigen flüsterte sie wieder:
  «Ich bin sehr glücklich, Jane. Und wenn du
hörst, daß ich gestorben bin, dann mußt du
ganz ruhig sein und nicht trauern. Das ist nichts
Trauriges. Wir müssen alle sterben, und meine
Krankheit ist nicht schmerzhaft; sie schreitet
sanft und unmerklich vor. Mein Geist ist völlig
ruhig. Ich hinterlasse keine große Lücke; mein
Vater hat sich kürzlich wieder verheiratet, ihm
werde ich nicht fehlen. Wer jung stirbt, dem
bleibt viel Leid erspart. Ich hatte weder Talent
noch Fähigkeiten, um in dieser Welt gut vor-
wärtszukommen.»
  «Aber wohin gehst du, Helen? Kannst du es
sehen? Weißt du es?»
  «Ich glaube; ich weiß, daß ich zu Gott gehe.»

114
  «Wo ist Gott? Was ist Gott?»
  «Mein Schöpfer und deiner; er läßt sein Werk
nicht untergehen; an ihn glaube ich, auf seine
Güte vertraue ich.»
  «Bist du sicher, Helen, daß es einen Himmel
gibt? Daß unsere Seelen dorthin kommen,
wenn wir sterben?»
  «Ich bin gewiß, daß es ein Jenseits gibt; ich
glaube an die Güte Gottes und übergebe mich
ihm ohne Furcht. Gott ist mein Vater und mein
Freund; ich liebe ihn und glaube, daß er mich
liebt.»
  «Und werden wir uns wiedersehen, Helen,
wenn ich sterbe?»
  «Ja, Liebes, du wirst bestimmt auch in die
Seligkeit eingehen.»
  Gibt es das? Wo ist das Land? so fragte ich
mich im stillen. Ich schlang meine Arme fester
um Helen, die mir in dieser Stunde teurer war
als je zuvor. Es war mir, als müsse ich sie fest-
halten; ich vergrub mein Gesicht an ihrem Hals.
Ganz leise sagte sie:
  «Mir ist so wohl! Der letzte Hustenanfall hat
mich angestrengt; ich glaube, ich kann jetzt
schlafen. Aber geh nicht weg, Jane. Ich habe
dich gerne so nah bei mir.»
  «Ich bleibe bei dir, liebe, liebe Helen; kein
Mensch darf mich von dir trennen.»
  «Hast du warm, Liebling?»
  «Ja.»
  «Gute Nacht, Jane.»
  «Gute Nacht, Helen.»

115
  Wir küßten uns, und bald schliefen wir beide.
  Als ich aufwachte, war es Tag. Ich sah mich
um und erkannte, daß ich im Arm der Pflegerin
lag. Sie trug mich durch die Gänge zurück in den
Schlafsaal. Kein Mensch machte mir Vorwürfe;
sie hatten anderes zu tun, und kein Mensch gab
mir Antwort auf meine vielen Fragen. Erst
zwei Tage später erfuhr ich, daß mich Miss
Temple, als sie im Morgengrauen zu Bett gehen
wollte, in Helens Bettchen fand, mein Gesicht
auf Helens Schulter, meine Arme um ihren
Hals. Ich schlief, und Helen – war für immer
entschlummert.
  Ihr Grab ist im Friedhof zu Brocklebridge;
fünfzehn Jahre lang bedeckte es nur ein gras-
bewachsener Hügel, doch heute steht auf grauem
Marmor dort ihr Name und das eine Wort:
«Resurgam».

10

Die nächsten sieben oder acht Jahre verliefen


ziemlich ereignislos. Als die Typhusepidemie
in Lowood lang genug gewütet hatte, ebbte sie
langsam ab. Immerhin hatte ihre Heftigkeit
und die Zahl der Opfer doch die allgemeine
Aufmerksamkeit auf die Schule gezogen. Es
wurden Nachforschungen über die Ursachen
einer so verheerenden Epidemie angestellt, die
nach und nach so haarsträubende Dinge an den
Tag brachten, daß die Empörung darüber nicht
mehr zu beruhigen war. Die ungesunde Lage,

116
die ungenügende Ernährung, das abgestandene
Wasser, das zum Kochen verwendet wurde, die
unzulängliche Bekleidung und die mangelhafte
Unterbringung der Kinder, das alles kam jetzt
ans Licht. Das Ergebnis war für Mr. Brockle-
hurst entschieden weniger erfreulich als für die
Anstalt selbst.
  Einige reiche und wohltätige Personen in der
Grafschaft stifteten die nötigen Summen für
die Errichtung eines anständigen Gebäudes in
besserer Lage, eine neue Hausordnung wurde
aufgestellt. Kleidung und Ernährung wurden
verbessert, das Kapital einem Komitee zur Ver-
waltung anvertraut. Mr. Brocklehurst, der seines
Reichtums und seiner sozialen Stellung wegen
nicht gut übergangen werden konnte, behielt
zwar sein Amt als Schatzmeister, allein, darin
und in der Oberaufsicht standen ihm andere,
weniger engherzige Männer zur Seite, Männer,
die Vernunft mit Strenge, Behaglichkeit mit
Sparsamkeit, Mitleid mit Gerechtigkeit zu
paaren verstanden. Also verbessert, entwickelte
sich die Schule bald zu einer nützlichen und
segensreichen Anstalt. Acht Jahre verblieb ich
noch in ihren Mauern, sechs als Schülerin und
zwei als Lehrerin. So lernte ich ihren Wert und
ihre Wichtigkeit von beiden Standpunkten aus
schätzen.
  Mein Leben in diesen acht Jahren verlief
eintönig, doch nicht unglücklich, weil ich nie
untätig war. Ich genoß eine gute Erziehung,
ich lernte gern; ich beeiferte mich, mich hervor-

117
zutun und meinen Lehrerinnen Ehre zu machen;
so nützte ich wirklich alle mir gebotenen Mög-
lichkeiten aus. Ich wurde schließlich Klassen-
erste der ersten Klasse; dann wurde ich mit
einem Lehramt betraut, das ich zwei Jahre lang
innehatte. Am Ende dieser Zeit jedoch hatte
auch ich mich verändert.
  Durch allen Wechsel hindurch war Miss
Temple stets Leiterin der Schule geblieben. Ihr
verdankte ich die beste Seite meines Wissens und
Könnens; ihre Zuneigung, ihre Gesellschaft
waren mir eine stete Stärkung und Stütze. Sie
war für mich Mutter, Erzieherin und in der
letzten Zeit auch Freundin gewesen. Jetzt hei-
ratete sie einen Pfarrer, einen vortrefflichen und
ihrer durchaus würdigen Mann; sie zog fort von
Lowood und war für mich verloren.
  Von dem Tage an war ich nicht mehr die
gleiche; mit ihr verließ mich die innere Ruhe,
das Gefühl, in Lowood gewissermaßen zu Hause
zu sein. Unbewußt hatte ich viel von ihrem
eigenen Wesen angenommen, meine Gedanken
und Äußerungen waren ausgeglichener, Ord-
nung und Pflichterfüllung waren mir selbstver-
ständlich geworden; ich war ruhig und glaubte,
zufrieden zu sein. Man hielt mich, ja ich selbst
hielt mich meistenteils für einen disziplinierten
und harmonischen Charakter. Doch das Schick-
sal in Gestalt von Reverend Nasmyth trat zwi-
schen mich und Miss Temple. Nach der Trau-
ung sah ich sie in ihrem Reisekleid die Post-
kutsche besteigen und blickte der Kutsche nach,

118
bis sie hinter dem Hügelkamm verschwand.
Dann kehrte ich in mein Zimmer zurück und
verbrachte dort in Einsamkeit den ganzen freien
Nachmittag.
  Ruhelos wanderte ich in meinem Zimmer auf
und ab. Ich dachte, daß ich meinen Verlust
beweine und mich nach Trost sehne; doch als
der Abend sank, dämmerte in mir eine andere
Erkenntnis, nämlich, daß ich mich in dieser
Stunde verwandelt hatte, daß ich alles, was ich
von Miss Temple angenommen hatte, ablegte;
oder besser gesagt, daß sie die klare, heitere
Luft, die ich in ihrer Nähe geatmet, mit sich fort-
genommen und mich in meinem ureigensten
Element zurückgelassen hatte. Nicht die Kraft,
ruhig und gleichmütig zu sein, hatte mich ver-
lassen, sondern die Ruhe selber war fortgezogen.
  Seit Jahren war Lowood meine Welt, außer
ihr hatte ich keinerlei Erfahrungen. Nun erin-
nerte ich mich, daß die wirkliche Welt groß und
weit sei, daß sie Raum für Hoffnungen, Kämpfe
und Erlebnisse biete, daß man nur den Mut
haben müsse, hinauszuziehen und den Kampf
aufzunehmen.
  Von meinem Fenster aus schweiften meine
Blicke über das Schulgebäude hinweg zu den
Hügeln; sie folgten der Straße, die sich am
Berg hinzog und über den Kamm verschwand;
die Straße, auf der ich vor acht Jahren gekom-
men war. Nie hatte ich Lowood seither verlassen.
Meine Ferien hatte ich dort zugebracht; keine
Botschaft, kein Brief war mir jemals von der

119
Außenwelt zugekommen. Schulregeln, Schul-
pflichten, Schulfreundschaften und Schulfeind-
schaften – mehr wußte ich nicht vom Leben.
Und nun wurde ich mir plötzlich bewußt, daß
das nicht genüge. In einem einzigen Nach-
mittag wurde ich alles dessen überdrüssig, was
acht Jahre lang mein tägliches Leben gewesen
war. Ich sehnte mich nach Freiheit, doch der
Wind schien mein Gebet zu verwehen. «Ach!»
rief ich endlich in Verzweiflung aus, «so gib mir
doch wenigstens einen neuen Dienst!»
  Einen neuen Dienst – darin liegt etwas, dachte
ich in meinem Innersten. Es klingt nicht allzu
süß, es klingt nicht so herrlich wie Freiheit, Er-
lebnis, Genuß. Aber dafür ist es etwas Wirkliches:
ein Dienst. Jeder kann dienen. Jetzt heißt es nur
Mittel und Wege finden, um meinen Wunsch zu
erfüllen.
  Nachts saß ich aufrecht in meinem Bett und
bemühte mich, meine Gedanken zu ordnen.
Was brauche ich? Eine neue Stelle, andere Ge-
sichter, andere Verhältnisse. Wie packt man es
an, um eine neue Stelle zu finden? Man wendet
sich an seine Freunde: ich habe keine Freunde.
Es gibt noch mehr Leute, die keine Freunde
haben, wie machen es die?
  Ich mühte mich ab, eine Antwort auf meine
Fragen zu finden, umsonst. Ungeduldig stand
ich auf und durchmaß ruhelos das Zimmer. Als
ich nach langem Hin- und Hergehen völlig
durchkältet wieder ins Bett kroch, hatte wohl
eine gute Fee die Antwort auf mein Kissen ge-

120
legt, denn ich wußte plötzlich: wer eine Stelle
sucht, der gibt eine Anzeige in einer Zeitung
auf. Aber wie macht man das? Die Antworten
kamen nun von selbst: Die Anzeige und das
Geld dafür muß man an eine Zeitung schicken,
sobald sich eine Gelegenheit bietet, nach Lowton
zur Post zu gehen. Antworten sind an J. E. post-
lagernd zu richten, und etwa eine Woche später
kann man nachfragen und dann …
  Ich überlegte mir den Plan genau, bis ich
alles klar vor mir sah, dann schlief ich beruhigt
ein. Vor Tagesgrauen erhob ich mich, und als
die Glocke zur Schule rief, hatte ich die Anzeige
bereits postfertig:
  «Eine im Unterricht bewanderte junge Dame»
(hatte ich mich nicht schon zwei Jahre als
Lehrerin betätigt?) «sucht Stellung in Privat-
familie, zu Kindern unter vierzehn Jahren» (ich
dachte, mit meinen knapp achtzehn Jahren
kann ich nicht gut ältere Schüler übernehmen).
«Sie ist befähigt, in den üblichen Fächern einer
guten englischen Erziehung zu unterrichten,
sowie in Französisch, Zeichnen und Musik.
Antworten sind zu richten an J. E., Postlagernd,
Lowton.»
  Erst abends nach dem Tee konnte ich mich
unter dem Vorwand einiger Besorgungen frei
machen und ins Dorf gehen. Ich machte die
zwei Meilen Wegs in der Abenddämmerung,
besuchte ein oder zwei Geschäfte und ließ im
Vorbeigehen den Brief in den Kasten fallen. Bei
strömendem Regen, mit durchweichten Klei-

121
dern, aber erleichtertem Herzen kehrte ich
zurück.
  Die folgende Woche schien mir endlos lang,
doch auch sie ging einmal zu Ende wie alles auf
der Welt. Und wiederum war ich auf dem Wege
nach Lowton. Es war ein schöner, klarer Herbst-
abend, und der Weg schlängelte sich dem Bach
entlang, aber meine Gedanken eilten ungeduldig
voraus und hatten nicht Zeit für die Schönheit
des Abends. Als Vorwand diente mir diesmal
der Besuch beim Schuhmacher, wo ich mir ein
Paar Schuhe anmessen lassen wollte. Nachdem
dies erledigt war, ging ich klopfenden Herzens
zum Postamt hinüber; eine alte Jungfer mit
großer Hornbrille und schwarzen Halbhand-
schuhen verwaltete das Amt.
  «Sind Briefe für J. E. da?» fragte ich.
  Sie sah mich über den Rand ihrer Brille hin-
weg an und öffnete eine Schublade, in der sie
längere Zeit herumstöberte, so lange, daß meine
Hoffnung sank. Schließlich schien sie ein Schrift-
stück gefunden zu haben, das sie mehrmals genau
prüfen mußte, bevor sie es mir mit einem letzten,
mißtrauischen Blick über den Tisch reichte. Es
war für J. E.
  «Nur einer?» fragte ich.
  «Mehr sind nicht da», erwiderte sie kurz. Ich
steckte ihn in meine Tasche und machte mich
eilends auf den Heimweg, denn es war spät ge-
worden. Der Abend war angefüllt mit Pflichten,
und als wir endlich zu Bett gingen, hatten wir
einen so winzigen Kerzenstummel, daß ich be-

122
fürchtete, meine Schlafgenossin könnte wieder
so lange schwatzen, bis er gänzlich herunter-
gebrannt wäre. Zum Glück hatte sie so gut
gegessen, daß sie davon müde genug war, um
sofort einzuschlafen. Endlich konnte ich meinen
Brief hervorholen. Das Siegel trug den Buch-
staben F; ich erbrach es und las:
  «Wenn J. E. laut ihrer Anzeige im Tagblatt
vom letzten Donnerstag die erwähnten Fähig-
keiten besitzt und in der Lage ist, befriedigende
Referenzen anzugeben, kann ihr eine Stellung
bei nur einer Schülerin unter zehn Jahren ge-
boten werden. Gehalt dreißig Pfund im Jahr.
J. E. wird ersucht, Referenzen, Name, Adresse
und nähere Angaben zu senden an Mrs. Fairfax,
Thornfield bei Millcote.»
  Lange prüfte ich das Schriftstück. Die Hand-
schrift war altmodisch und unsicher wie die
einer alten Dame; das beruhigte mich. Ich hatte
befürchtet, durch mein selbständiges Handeln
in irgendwelche Unannehmlichkeiten zu ge-
raten. Ich wollte vor allem, daß mein ganzes
Unterfangen einwandfrei, anständig und «en
règle» sei. Eine ältere Dame war keine schlechte
Zugabe: Mrs. Fairfax. Ich malte sie mir aus, in
schwarzem Kleid und Witwenhaube, kühl viel-
leicht, doch nicht unhöflich. Thornfield! Das
war ohne Zweifel der Name ihres Hauses, be-
stimmt ein sauberer und ordentlicher Aufent-
halt. Und Millcote – ich suchte im Geiste die
Landkarte Englands ab und fand sowohl die
Grafschaft als die Stadt. Siebenzig Meilen näher

123
bei London als mein jetziger Aufenthaltsort;
das tröstete mich. Ich sehnte mich nach Leben
und Bewegung; Millcote war eine große Fabrik-
stadt, sicher war dort viel Betrieb; um so besser,
das wäre einmal etwas ganz anderes. Nicht daß
ich besonders auf Fabrikschlote und Rauch-
wolken erpicht gewesen wäre; aber, dachte ich,
Thornfield wird wohl außerhalb der Stadt liegen.
Anderntags konnte ich meine Pläne nicht
mehr für mich behalten, es mußten Schritte
unternommen werden, um meine Stellung in
Lowood zu lösen, um von Mr. Brocklehurst oder
sonst einem Mitglied des Komitees die Erlaub-
nis zu erhalten, sie als Referenz anzugeben. Die
Anstaltsleiterin unterzog sich auf meine Bitte
der Aufgabe, Mr. Brocklehurst dafür zu gewin-
nen. Dieser wandte sich zunächst an Mrs. Reed
als meinen immer noch maßgebenden Vormund,
erhielt aber zur Antwort, ich könne tun, was
ich wolle, sie mische sich nicht in meine Ange-
legenheiten. Endlich bekam ich denn auch die
gewünschten Zeugnisse von Lowood, als Schü-
lerin wie als Lehrerin; bald darauf erklärte
Mrs. Fairfax, sie sei damit zufrieden, und ich
solle in vierzehn Tagen meine Stelle als Er-
zieherin in ihrem Hause antreten. Nun hatte
ich viel zu tun, um meine bescheidene Garde-
robe in Ordnung zu bringen. Die Zeit verflog
im Nu. Am letzten Tag packte ich meinen
Koffer – den gleichen, den ich vor acht Jahren
aus Gateshead mitgebracht hatte.
  Der Koffer stand verschnürt. Die Karte war

124
aufgenagelt. Gleich sollte er abgeholt und nach
Lowton gebracht werden, wo ich selbst am
nächsten Morgen früh die Post nehmen wollte.
Ich hatte mein Reisekleid aus schwarzem Taft
gebürstet, Haube, Handschuhe und Muff zu-
rechtgelegt, alle Schubladen durchsucht, ob ich
auch nichts vergessen hätte; und da nichts mehr
zu tun übrigblieb, versuchte ich noch etwas zu
ruhen. Aber ich war zu aufgeregt: ein Kapitel
meines Lebens schloß ab, ein neues sollte be-
ginnen. Unmöglich, den Übergang von einem
ins andere zu verschlafen.
  «Jemand wünscht Sie zu sprechen, Miss»,
meldete mir ein Dienstmädchen.
  Ich ging mit ihr hinunter, die Türe zum Salon
war angelehnt.
  «Das ist sie!» rief eine Stimme, und schon
faßte jemand meine Hand. «Ich würde sie über-
all erkennen!»
  Ich sah mich einer hübschen, rotwangigen,
behäbigen Frau gegenüber, die wie ein besseres
Dienstmädchen angezogen war.
  «Nun, wer bin ich, Miss Jane? Sie haben mich
doch nicht ganz vergessen? »Im nächsten Augen-
blick flog ich ihr an den Hals und umarmte sie
leidenschaftlich. «Bessie! Bessie! Bessie!» mehr
brachte ich nicht heraus. Wir lachten und wein-
ten durcheinander. Schließlich gingen wir in
das Wohnzimmer, wo ein kleiner Junge von
drei Jahren stand.
  «Das ist mein Bübchen», erklärte Bessie stolz.
  «Bist du denn verheiratet, Bessie?»

125
  «Ja, schon fast fünf Jahre. Mit Robert Leaven,
dem Kutscher, und außer Bobby habe ich noch
ein kleines Mädchen, das ich Jane getauft habe.»
  «Lebst du nicht mehr in Gateshead?»
  «Doch, in der Wohnung des alten Pförtners;
der ist fort.»
  «Erzähl mir, wie es allen geht, Bessie. Aber
setz dich, bitte. Und du, Bobby, komm auf
meinen Schoß.» Aber Bobby zog es vor, bei sei-
ner Mutter zu bleiben.
  «Sie sind nicht sehr groß geworden, Miss Jane,
und stark sehen Sie auch nicht gerade aus, man
hat offenbar nicht besonders gut für Sie gesorgt.
Miss Eliza ist einen Kopf größer als Sie und
Miss Georgiana gut doppelt so breit,»
  «Georgiana ist wohl sehr hübsch, Bessie?»
  «Sehr. Letzten Winter war sie mit Mrs. Reed
in London, alle bewunderten sie, und ein junger
Adliger verliebte sich in sie. Aber seine Ange-
hörigen waren gegen diese Verbindung, und –
was meinen Sie – die beiden sind einfach zu-
sammen durchgebrannt. Aber sie wurden ent-
deckt und zurückgebracht. Miss Eliza hat sie
ausfindig gemacht; ich glaube, sie war eifer-
süchtig. Jedenfalls sind die Schwestern jetzt wie
Hund und Katze und streiten sich dauernd.»
  «Und was ist aus John geworden?»
  «Oh, der bereitet seiner Mutter gar keine
Freude. Er ist beim Examen durchgefallen. Sein
Onkel wollte ihn Jurisprudenz studieren lassen,
einen Anwalt aus ihm machen; aber er ist so
liederlich, daß er sicher nie etwas Rechtes wird.»

126
  «Wie sieht er aus?»
  «Er ist sehr groß. Es gibt Leute, die ihn schön
finden, aber er hat viel zu dicke Lippen.»
  «Und Mrs. Reed?»
  «Sie sieht ganz gut aus, aber sie ist sehr nervös.
John bereitet ihr schwere Sorgen, er gibt zu viel
Geld aus.»
  «Hat sie dich hergeschickt, Bessie?»
  «Nein, nein! Ich wollte Sie doch schon lange
gern wiedersehen, und als ich hörte, daß Sie in
eine andere Gegend ziehen, fand ich es bes-
ser, schnell zu kommen, bevor Sie zu weit weg
sind.»
  «Es tut mir leid, daß du enttäuscht bist, Bessie»,
sagte ich lachend, denn ich hatte schon be-
merkt, daß Bessies Blick zwar Achtung, aber
keinerlei Bewunderung enthielt.
  «Nein, Miss Jane, nicht eigentlich enttäuscht.
Sie sehen sehr fein aus, wie eine Dame, und ich
hatte auch nichts anderes erwartet. Sie waren
nicht schön als Kind.»
  Ich lächelte über Bessies Freimütigkeit. Ich
wußte, daß sie recht hatte, und doch war mir
ihr Urteil nicht gleichgültig. Jedes achtzehn-
jährige junge Mädchen möchte gefallen, und das
Bewußtsein, äußerlich nichts Anziehendes zu
haben, bereitet alles andere als Vergnügen.
  «Jedenfalls sind Sie sehr intelligent», fuhr
Bessie tröstend fort. «Was können Sie eigentlich
alles? Können Sie Klavier spielen?»
  «Ja, ein wenig.»
  Bessie öffnete das Klavier, das im Zimmer

127
stand, und bat mich, ihr etwas vorzuspielen. Ich
spielte einen Walzer, und sie war entzückt.
  «Die jungen Damen Reed spielen nicht so gut!»
rief sie triumphierend. «Ich habe immer gesagt,
daß Sie sie weit überflügeln würden. Können
Sie auch zeichnen?»
  Ich zeigte ihr ein Landschaftsbild über dem
Kamin, das ich der Leiterin geschenkt hatte,
um ihr für ihre Vermittlung beim Komitee zu
danken.
  «Das ist ja wunderbar, Miss Jane! Der Lehrer
von Miss Eliza und Georgiana kann es selbst
nicht besser; sicher können Sie auch Franzö-
sisch?»
  «Ja, Bessie, ich lese und spreche französisch.»
  «Können Sie denn auch Handarbeiten ma-
chen?»
  «Gewiß.»
  «Dann sind Sie ja eine vollkommene Dame,
Miss Jane! Ich habe es ja gewußt! Sie werden
immer durchkommen, ob Ihre Verwandten sich
um Sie kümmern oder nicht. Haben Sie nie
etwas gehört von den Angehörigen Ihres Vaters,
den Eyres?»
  «Nein, nie.»
  «Sie wissen doch, daß Mrs. Reed sie immer
als arm und minderwertig hinstellte; aber ich
glaube, daß sie gerade so vornehm sind wie die
Reeds. Denn vor sieben Jahren kam einmal ein
Herr Eyre nach Gateshead und erkundigte sich
nach Ihnen. Missis sagte ihm, daß Sie hier in
der Schule seien, das schien ihn sehr zu betrüben,

128
denn er konnte sich nicht länger aufhalten. Er
mußte weit weg reisen, und sein Schiff fuhr zwei
Tage später von London fort. Er sah so vornehm
aus; ich glaube, es war der Bruder Ihres Vaters.»
  «In welches ferne Land ging er denn?»
  «Es soll eine Insel sein, Tausende von Meilen
entfernt, und man baue dort Wein, sagt der
Butler wenigstens.»
  «War es vielleicht Madeira?»
  «Ja, ganz genau das.»
  «Er ist also abgefahren?»
  «Ja, er blieb nur ganz kurz. Mrs. Reed be-
handelte ihn sehr von oben herab, nachher
nannte sie ihn einen ‹gemeinen Krämer›. Mein
Robert meint, er sei Weinhändler.»
  «Sehr wahrscheinlich, vielleicht auch Reisen-
der eines Weinhändlers.»
  Wir unterhielten uns noch eine Stunde, dann
mußte Bessie gehen. Am nächsten Morgen sah
ich sie noch kurz in Lowton vor dem Gasthaus
«zur Stadt Brocklehurst»; dann trennten sich
unsere Wege. Bessie kehrte nach Gateshead
zurück, und mich führte die Postkutsche nach
Millcote, neuen Pflichten und neuem, unbe-
kanntem Leben entgegen.

11

Mein Zimmer im «Gasthof zum König Georg»


in Millcote hatte eine großgemusterte Tapete.
Der Teppich, die Möbel, die Nippsachen auf

129
dem Kaminsims und die Bilder, worunter eines
von König Georg III. sowie eines, das den Tod
General Wolfes darstellte, alles war wie in jedem
Gasthauszimmer. Von der Decke hing eine Öl-
lampe herunter, ein großes Feuer brannte im
Kamin, an den ich mich in Hut und Mantel
gesetzt hatte. Muff und Schirm hatte ich auf den
Tisch gelegt und versuchte nun, meine von der
sechzehnstündigen Reise durchfrorenen, ja fast
erstarrten Glieder zu erwärmen.
  War ich so auch ganz gut untergebracht, so
fand ich doch keine rechte Ruhe. Ich hatte ge-
hofft, es werde mich jemand abholen, es werde
mich gleich beim Aussteigen jemand begrüßen
und ein Wagen werde bereitstehen zur Weiter-
fahrt nach Thornfield. Aber niemand erwartete
mich, niemand hatte nach mir gefragt. So hatte
ich mich gezwungen gesehen, ein Zimmer zu
nehmen, und wartete nun, von Zweifeln und
Befürchtungen gequält.
  Es war ein seltsames Gefühl für einen jungen
Menschen ohne Lebenserfahrung, zum ersten-
mal ganz allein, von allen bisherigen Bindungen
losgelöst, ohne die Möglichkeit der Rückkehr
in die früheren Verhältnisse, vor einer unge-
wissen Zukunft zu stehen. Furcht gewann immer
mehr die Oberhand über den Reiz des Aben-
teuers. Ich entschloß mich, zu läuten.
  «Gibt es hier in der Nähe ein Gut, das Thorn-
field heißt?» fragte ich den eintretenden Diener.
  «Thornfield? Ich weiß nicht, Madame, ich
will nachfragen.»

130
  Nach wenigen Augenblicken kam er zurück.
  «Sind Sie Miss Eyre?»
  «Ja.»
  «Es erwartet Sie jemand.»
  Ich sprang auf, nahm Muff und Schirm und
eilte hinunter. Ein Mann stand in der offenen
Türe, und draußen erkannte ich die Umrisse
eines Einspänners.
  «Ist das Ihr Gepäck?» fragte der Mann ohne
Umstände, als er mich erblickte, und deutete
nach meinem Koffer.
  «Ja.»
  Er verstaute ihn im Wagen. Bevor ich selbst
einstieg, fragte ich, wie weit es nach Thornfield
sei.
  «Sechs Meilen.»
  «Wie lange dauert die Fahrt?»
  «Ungefähr eineinhalb Stunden.»
  Er schloß den Schlag, kletterte auf den Bock
und fuhr ab. Ich war froh, bald anzukommen,
lehnte mich in den bequemen Wagen zurück
und überließ mich meinen Gedanken.
  Dem einfachen Aussehen des Wagens und des
Dieners nach zu urteilen, war Mrs. Fairfax keine
prunksüchtige Frau. Um so besser. Ich hatte ein
einziges Mal bei vornehmen Leuten gewohnt
und schlechte Erfahrungen gemacht. Ich war
sicher, gut mit ihr auszukommen, wenn sie nur
ein klein wenig liebenswürdig war; hatte ich
doch so viel guten Willen. Und der mußte zum
Erfolg führen, wenn Mrs. Fairfax keine zweite
Mrs. Reed war. Wenn es schließlich nicht ging,

131
konnte ich ja wieder fortgehen, eine neue An-
zeige machen.
  Ich schaute aus dem Fenster. Millcote lag
hinter uns, und über das offene Land, das wir
jetzt durchfuhren, waren lauter Einzelhöfe ver-
streut. Die Gegend schien dichter besiedelt als
Lowood, aber weniger malerisch und romantisch.
  Die Wege waren aufgeweicht und der Abend
neblig. Der Kutscher ließ das Pferd im Schritt
gehen, aus den anderthalb Stunden wurden
zwei. Endlich drehte er sich nach mir um und
sagte:
  «Jetzt ist’s nimmer weit bis Thornfield.»
  Wir fuhren an einer Kirche mit niederem,
breitem Turm vorbei, die Uhr schlug die Viertel-
stunde. Die Lichter eines Dorfes tauchten auf,
und kurz darauf fuhren wir durch ein Tor zu
einem langgestreckten Gebäude. Kerzenschein
drang aus einem verhängten Fenster, ein Dienst-
mädchen öffnete die Tür und bat mich, ihr zu
folgen.
  Durch eine große, viereckige Halle mit vielen,
hohen Türen führte sie mich in ein schmales
Zimmer, das Kerzen und Feuer so hell erleuch-
teten, daß ich geblendet wurde. Am Tisch neben
dem Feuer, in einem hohen, altmodischen Lehn-
stuhl, saß eine ältere Dame in Witwenhäubchen,
schwarzem Seidenkleid und schneeweißer Mus-
selinschürze. Genau so hatte ich mir Mrs. Fair-
fax vorgestellt, nur daß sie etwas freundlicher
aussah. Sie strickte; eine große Katze lag zu-
sammengerollt zu ihren Füßen, das ganze Bild

132
verkörperte den Inbegriff der Behaglichkeit. So
war der erste Eindruck äußerst ermutigend und
beruhigend. Bei meinem Eintritt erhob sich die
alte Dame und begrüßte mich freundlich.
  «Wie geht es Ihnen, meine Liebe? Sie müssen
eine langweilige Fahrt hinter sich haben; John
fährt so schrecklich langsam. Sicher sind Sie
ganz verfroren. Kommen Sie ans Feuer.»
  «Sind Sie Mrs. Fairfax?»
  «Ganz richtig. Nehmen Sie bitte Platz.»
  Sie setzte mich in ihren eigenen Sessel und
nahm mir Hut und Shawl ab. Ich bat sie, sich
nicht so viel Mühe zu machen; aber sie wehrte
ab.
  «Es ist gar keine Mühe. Ihre Finger sind ja
ganz steif vor Kälte. Leah, bring Glühwein und
ein paar Sandwiches, hier sind die Schlüssel zur
Speisekammer.»
  Sie gab dem Mädchen den Schlüsselbund und
fuhr dann fort:
  «Rücken Sie näher ans Feuer, so. Sie haben
Ihr Gepäck bei sich, nicht wahr?»
  «Ja.»
  «Ich lasse es auf Ihr Zimmer bringen», sagte
sie und eilte hinaus.
  Sie behandelte mich wie einen Besuch. Einen
solchen Empfang hatte ich nicht erwartet. Nie
hatte ich gehört, daß Erzieherinnen so aufge-
nommen würden. Aber man soll den Tag nicht
vor dem Abend loben, ich wollte nicht zu früh
frohlocken.
  Mrs. Fairfax kam zurück und räumte eigen-

133
händig Strickzeug und Bücher weg, um Platz
zu machen für Leah, die mir den Imbiß brachte.
So viel Rücksicht verwirrte mich, aber Mrs.
Fairfax besorgte alles so natürlich, daß ich mich
ohne Widerspruch verwöhnen ließ. Nachdem
ich gegessen hatte, fragte ich:
  «Werde ich Miss Fairfax heute abend noch
sehen?»
  «Was sagten Sie, meine Liebe? Ich bin ein
wenig schwerhörig.»
  Ich wiederholte meine Frage.
  «Miss Fairfax? Oh, Sie meinen Miss Varens!
Varens heißt Ihre zukünftige Schülerin.»
  «Dann ist sie nicht Ihre Tochter?»
  «Nein, ich habe keine Angehörigen.»
  Gerne hätte ich gewußt, wie denn ihr Ver-
hältnis zu Miss Varens sei, wollte aber nicht un-
höflich sein. Ich war sicher, es mit der Zeit zu
erfahren.
  Mrs. Fairfax setzte sich mir gegenüber, nahm
die Katze auf den Schoß und fuhr fort:
  «Ich bin so froh, daß Sie da sind, daß ich jetzt
Gesellschaft habe. Sie werden sich hier wohl
fühlen. Thornfield ist ein altes Anwesen, viel-
leicht ein wenig vernachlässigt, aber immer noch
recht ansehnlich. Nur – im Winter fühlt man sich
immer und überall ziemlich einsam, trotz Leah
und John und seiner Familie. Sie sind ja sehr
nett und liebenswürdig; aber eben doch nur
Dienstboten, mit denen man sich nicht richtig
unterhalten kann; denen gegenüber man immer
Distanz wahren muß. Als der letzte Winter so

134
außergewöhnlich streng war, hat vom November
bis im Februar keine Menschenseele hier vor-
gesprochen, außer dem Metzger und dem Post-
boten. Ich wurde geradezu schwermütig, ob-
wohl Leah mir von Zeit zu Zeit etwas vorlas.
Ihr gefiel es auch gar nicht. Sobald die Tage
wieder länger wurden, ging es wieder besser.
Als dann im Herbst die kleine Adèle Varens
kam, wurde es lebendig im Haus, und nun Sie
da sind, wird es für mich heiterer werden.»
  Das Herz wurde mir warm bei diesen freund-
lichen Worten; unwillkürlich rückte ich ein
wenig näher zu der alten Dame und gab mei-
nem innigen Wunsch Ausdruck, sie möchte von
meiner Gesellschaft nicht enttäuscht werden.
«Aber heute abend wollen wir nicht zu lange
aufbleiben», sagte sie, «es ist gleich Mitternacht,
und Sie haben eine lange Reise hinter sich.
Wenn Ihnen wärmer geworden ist, will ich
Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Es liegt neben mei-
nem und ist nur klein; ich dachte jedoch, Sie
zögen es den großen Vorderzimmern vor, die
zwar besser eingerichtet, aber so düster und
einsam sind. Ich selbst schlafe nie dort.»
  Ich dankte ihr für ihre Aufmerksamkeit und
folgte ihr gerne nach oben; denn ich war wirk-
lich sehr müde. Nachdem sie sich vergewissert
hatte, daß die Haustüre verschlossen war, führte
sie mich eine schöne Treppe aus Eichenholz
hinauf, an einem hohen, vergitterten Gang-
fenster vorbei, in mein Zimmer. Im Gang roch
es wie in einem unterirdischen Gewölbe, und

135
alles erweckte viel eher den Eindruck einer
Kirche als den eines Hauses. Ich war froh, in
mein kleines, modern eingerichtetes Zimmer zu
kommen. Mrs. Fairfax wünschte mir freundlich
eine gute Nacht, dann verschloß ich meine Türe.
Ich fühlte mich zufrieden und geborgen und
verfiel bald in tiefen, traumlosen Schlaf.
  Als ich erwachte, war es schon heller Tag.
Mein Zimmer sah mit seinen fröhlichen blauen
Chintzvorhängen, seiner Tapete und seinem
Teppich so heiter und freundlich aus, so ganz
anders als die kahlen Wände und Steinböden
in Lowood, daß ich mich unsagbar wohl fühlte.
Ein neuer Abschnitt meines Lebens begann, ich
sah ihm mit hoffnungsvoller Erwartung ent-
gegen und spürte meine Kräfte wachsen. Ich
weiß nicht, was ich eigentlich erwartete; aber
ich wußte damals, daß mir etwas Schönes, Glück-
haftes bevorstand; vielleicht nicht heute oder
morgen, aber eines Tages.
  Ich kleidete mich um so sorgfältiger an, als
mir nur einfache Mittel zur Verfügung standen.
Ich hatte mich immer bemüht, möglichst gut
auszusehen und angezogen zu sein; denn es war
mir nicht gleichgültig, ob ich gefiel oder nicht.
Oft hatte ich gewünscht, nicht so schmal und
bleich zu sein, sondern größer, mit regelmäßigen
Zügen, roten Wangen, einer geraden Nase und
einem kleinen Mund. Als ich aber jetzt mein
Haar glattgebürstet und mein Kleid zurecht-
gezogen hatte, glaubte ich, Mrs. Fairfax ent-
gegentreten zu dürfen und auch meine Schülerin

136
nicht gleich abzuschrecken. Ich öffnete mein
Fenster weit, ordnete meine Toilettensachen und
ging durch den teppichbelegten Gang hinunter
in die Halle. Dort betrachtete ich die Bilder an
den Wänden, die Bronzelampe, die von der
Decke herunterhing, die große Uhr in ihrem
vom Alter geschwärzten, seltsam geschnitzten
Eichengehäuse; dann trat ich durch die offene
Glastüre ins Freie. Ein strahlender Tag stand
über den herbstlich gefärbten Wäldern und den
noch grünen Wiesen. Ich betrachtete das drei-
stöckige Haus, das herrschaftlich und behäbig
aussah. In der Ferne erhoben sich Hügel, nicht
so hoch und schroff wie bei Lowood, nicht so
gleich Schranken, die die Außenwelt abschlos-
sen, sondern sanfter, aber doch ganz einsam.
Sie umgaben Thornfield jedoch so eng, daß man
niemals geglaubt hätte, in der Nähe einer Stadt
wie Millcote zu sein. Die Kirche war nahe beim
Haus und überragte mit ihrem Turm eine kleine
Anhöhe, an deren Hang ein kleiner, baum-
beschatteter Weiler sich hinaufzog.
  In vollen Zügen atmete ich die frische Luft
ein und genoß die Ruhe. Als ich die mächtige
Front des Landsitzes betrachtete und gerade
dachte, wie groß und weiträumig alles sei für
eine einsame Frau wie Mrs. Fairfax, erschien
sie selbst unter der Türe.
  «Sind Sie schon auf? Sie sind offenbar eine
Frühaufsteherin.» Sie gab mir die Hand und
küßte mich. «Wie gefällt Ihnen Thornfield?»
  «Sehr gut!»

137
  «Ja, es ist schön hier; aber ich fürchte, daß
alles verkommen wird, wenn Mr. Rochester sich
nicht entschließt, ständig hier zu wohnen oder
wenigstens öfter herzukommen. Große Häuser
und schöne Besitzungen erfordern die Anwesen-
heit des Herrn.»
  «Wer ist Mr. Rochester?»
  «Der Besitzer von Thornfield. Wußten Sie sei-
nen Namen nicht?»
  «Nein. Ich dachte, es gehöre Ihnen.»
  «Mir? Wo denken Sie hin, Kind! Ich bin bloß
die Haushälterin; ich bin mit den Rochesters
entfernt verwandt durch meinen verstorbenen
Gatten, der der Pfarrer der Kirche da drüben
war; aber ich poche nicht auf diese Verwandt-
schaft; Mr. Rochester ist immer sehr liebens-
würdig mit mir; mehr verlange ich nicht.»
  «Und meine kleine Schülerin?»
  «Sie ist Mr. Rochesters Mündel. Er beauftragte
mich, eine Erzieherin zu suchen, da er sie hier
aufwachsen lassen will. Da kommt sie gerade
mit ihrer ‹bonne›, wie sie das Kinderfräulein
nennt.»
  Das also war des Rätsels Lösung. Mrs. Fairfax
war keine vornehme Dame, sondern selbst eine
Angestellte wie ich. Ich hatte sie deswegen nicht
weniger gern; denn jetzt war ich wirklich ihres-
gleichen und in meiner Stellung nur um so
freier.
  Ich dachte noch über diese Entdeckung nach,
als ein kleines Mädchen über den Rasen auf uns
zu gerannt kam. Ihr folgte das Kindermädchen.

138
Ich betrachtete meine Schülerin, die mich zu-
nächst gar nicht zu bemerken schien. Sie war
ein rechtes Kind, vielleicht sieben oder acht
Jahre alt, zart gebaut, mit einem bleichen,
schmalen Gesicht und langen, auf die Schulter
fallenden Locken.
  «Guten Morgen, Miss Adèle», sagte Mrs. Fair-
fax, «komm und sag der Dame guten Tag, die
dich von heute an unterrichten wird, um einmal
eine gescheite Frau aus dir zu machen.»
  Die Kleine trat näher und fragte das Kinder-
fräulein:
  «C’ est là ma gouvernante?» und erhielt zur Ant-
wort:
  «Mais oui, certainement.»
  «Sind Sie Ausländerin?» fragte ich, höchst er-
staunt, französisch sprechen zu hören.
  «Das Fräulein ist Ausländerin, und Adèle ist
auf dem Kontinent zur Welt gekommen. Als sie
vor sechs Monaten herüberkam, konnte sie kein
Wort Englisch. Jetzt kann sie sich schon ganz
gut verständlich machen. Sie schwatzt zwar
beide Sprachen noch so durcheinander, daß ich
sie oft kaum verstehe, aber Sie werden schon
herausfinden, was sie sagen will.»
  Glücklicherweise war ich von einer Französin
in ihrer Sprache unterrichtet worden. Ich hatte
mir immer große Mühe gegeben und während
sieben Jahren die Sprache erlernt, die ich jetzt
so fließend beherrschte, daß ich mit Adèle kaum
in Verlegenheit kommen konnte. Die Kleine
gab mir die Hand, und als wir zum Frühstück

139
gingen, richtete ich ein paar französische Fragen
an sie, die sie zuerst nur kurz und zögernd be-
antwortete. Aber bei Tisch begann sie munter
zu plaudern und rief plötzlich:
  «Ach, Sie sprechen geradeso gut französisch
wie Mr. Rochester. Sophie wird auch froh sein;
denn kein Mensch versteht sie hier. Sie ist mein
Fräulein und mit mir übers Meer gekommen,
in einem großen Schiff mit einem Schornstein,
der rauchte – ganz schrecklich fest rauchte er –,
und mir war so schlecht, und Sophie auch, und
Mr. Rochester auch. Er lag auf einem Sofa im
Salon, und Sophie und ich, wir hatten kleine,
schmale Betten, und aus meinem wäre ich fast
herausgefallen. Und – Mademoiselle, wie heißen
Sie eigentlich?»
  «Eyre, Jane Eyre.»
  «Aer? Bah, das kann ich nicht aussprechen.
Nun, unser Schiff hielt am Morgen früh, als
es noch nicht einmal hell war, in einer großen
Stadt mit schwarzen, verrußten Häusern. Die
hübsche, saubere Stadt, aus der ich kam, war
viel schöner. Und Mr. Rochester trug mich über
einen Steg ans Land, und Sophie kam hinten-
drein, und dann fuhren wir in einer Kutsche in
ein wunderbares, großes Haus, viel größer als
dies hier, das nannten sie ein Hotel. Dort blieben
wir eine Woche; Sophie ging jeden Tag mit mir
spazieren an einem Ort, der voller Bäume und
Büsche war und den man den Park nannte, und
es hatte viele Kinder und einen Teich mit wun-
derbaren Vögeln, die ich mit Brot fütterte.»

140
  «Verstehen Sie die Kleine, wenn sie so schnell
spricht?» fragte Mrs. Fairfax.
  Ich verstand sie sehr gut; denn ich war an
Madame Pierrots rasches Sprechen gewöhnt.
  «Fragen Sie sie doch, bitte, ob sie sich an ihre
Eltern erinnert», bat Mrs. Fairfax.
  «Adèle», fragte ich, «mit wem hast du in der
hübschen, sauberen Stadt gelebt?»
  «Ich habe vor langer Zeit mit Mama gelebt,
aber dann ist sie zum lieben Gott gegangen.
Mama lehrte mich tanzen und singen und Verse
aufsagen. Viele Damen und Herren kamen im-
mer zu ihr, und ich tanzte vor ihnen, oder sie
nahmen mich auf die Knie und ich sang etwas,
das machte ich gern. Soll ich Ihnen etwas vor-
singen?»
  Sie hatte fertig gefrühstückt, so erlaubte ich
ihr, zu zeigen, was sie konnte. Sie rutschte vom
Stuhl herunter, kletterte auf meine Knie, faltete
züchtig die Hände im Schoß, warf die Locken
zurück, schlug die Augen auf und begann eine
Opernarie zu singen. Sie sang von einer ver-
lassenen Schönen, die ihren treulosen Liebhaber
beweint hat und nun in gekränktem Stolz ihrer
Dienerin befiehlt, ihr die prachtvollsten Ge-
wänder und kostbarsten Juwelen anzulegen,
damit sie des Nachts an einem Ball dem Treu-
losen zeigen könne, wie wenig sein Verrat sie
betrübe.
  Seltsam klangen die Worte im Munde dieses
Kindes; aber Adèle sang richtig und mit der
Naivität ihres Alters. Als sie fertig war, sprang

141
sie herunter, um ein Gedicht aufzusagen. Sie
stellte sich in Positur und begann: «‹La Ligue des
Rats›, fable de La Fontaine.» Sie achtete aufmerk-
sam auf die Betonung und deklamierte mit
Emphase, mit geschmeidiger Stimme und mit
Gebärden, wie sie in dieser dem Sinn angemes-
senen Art in ihrem Alter ganz ungewöhnlich
ist und auf sorgfältige Schulung schließen ließ.
  «Hat deine Mama dich das Stück gelehrt?»
fragte ich.
  «Ja. Soll ich jetzt tanzen?»
  «Nein, nicht jetzt. Aber sag, bei wem lebtest du
denn, nachdem deine Mama zum lieben Gott
gegangen war?»
  «Bei Madame Frederic und ihrem Mann.
Aber sie ist nicht verwandt mit mir. Ich glaube,
sie ist arm; denn ihr Haus war nicht so schön
wie das von Mama. Ich war auch nicht lange
dort. Mr. Rochester kam und fragte mich, ob
ich mit ihm nach England kommen wolle, und
da sagte ich ja; denn ich kannte ihn lange vor
Madame Frederic, und er war immer nett zu
mir und gab mir schöne Kleider und Spiel-
sachen. Aber er hat sein Wort nicht gehalten.
Er hat mich nur nach England gebracht und
ist selbst wieder zurückgegangen, und ich sehe
ihn nie.»
  Nach dem Frühstück zogen wir uns in die
Bibliothek zurück, die Mr. Rochester als Schul-
zimmer bestimmt hatte. Fast alle Bücher waren
in Schränken mit Glastüren eingeschlossen; nur
ein offener Schrank enthielt alle Schulbücher

142
für die Anfangsgründe sowie einige Bände leich-
ter Literatur, Gedichte, Lebensbeschreibungen,
Reiseerzählungen und ein paar Romane. Wahr-
scheinlich hatte er gedacht, die Lehrerin werde
für ihren eigenen Gebrauch nicht mehr benöti-
gen. Es war auch mehr, als mir in Lowood
jemals zur Verfügung gestanden hatte. Außer
diesem Schatz an Lehr- und Unterhaltungs-
büchern befand sich in dem Zimmer ein neues,
sehr gutes Klavier, eine Staffelei und ein Globus.
  Meine Schülerin war ziemlich gelehrig, wenn
auch nicht übermäßig aufmerksam. Sie war an
keine geregelte Arbeit gewöhnt, deshalb zog ich
es vor, sie nicht gleich zu überlasten. Erst er-
zählte ich ihr lange, dann ließ ich sie ein wenig
lernen, und als die Mittagszeit heranrückte,
erlaubte ich ihr, zu ihrem Kindermädchen zu
gehen. Ich selbst wollte die Zeit bis zum Mittag-
essen benützen, um ein paar Skizzen für sie zu
zeichnen.
  Als ich hinaufgehen wollte, um Zeichenblock
und Bleistift zu holen, rief mich Mrs. Fairfax an:
  «Der Unterricht ist wohl fertig, für heute vor-
mittag?»
  Ich ging zu ihr; sie war in einem Zimmer,
das ich noch nicht gesehen hatte, und staubte
ein paar kostbare Vasen ab. Es war ein pracht-
voll eingerichteter Raum, mit purpurroten Vor-
hängen und Sesseln, die mit dem gleichen Stoff
überzogen waren.
  «Was für ein wunderbares Zimmer!» rief ich
begeistert aus.

143
  «Nicht wahr. Es ist das Speisezimmer. Ich will
ein bißchen Luft und Sonne hereinlassen, es
wird alles so feucht in den Räumen, die nur
selten benützt werden. Das Gesellschaftszimmer
drüben ist wie ein Grab.»
  Zwei Stufen führten durch eine gewölbte, mit
Vorhängen verkleidete Türe in das Gesellschafts-
zimmer, dessen Aussehen mich märchenhaft
anmutete. Dabei war es weniger großartig ein-
gerichtet als der anschließende Salon. Der hatte
einen weißen Teppich, einen Fries schneeweißer
Girlanden von Trauben und Weinlaub, die mit
den karminroten Ottomanen ebenso wunderbar
kontrastierten wie der weiße Marmorkamin mit
dem kostbaren, rubinroten Kristall auf dem
Kaminsims.
  «Sie halten diese Räume fabelhaft in Ordnung,
Mrs. Fairfax; kein Stäubchen ist zu sehen. Wenn
die Luft nicht ein wenig muffig wäre, könnte man
glauben, sie seien ständig bewohnt.»
  «Das ist nicht verwunderlich, Miss Eyre; denn
Mr. Rochester kommt zwar selten, aber immer
unerwartet, und er schätzt es gar nicht, wenn
man bei seiner Ankunft erst alles in Ordnung
bringen muß; deshalb sorge ich dafür, daß die
Zimmer immer bereit und wohnlich sind.»
  «Ist Mr. Rochester sehr anspruchsvoll?»
  «Nicht besonders, aber er liebt Bequemlich-
keit, hat seine Gewohnheiten und wünscht, daß
man darauf Rücksicht nimmt.»
  «Ist er beliebt?»
  «Ja, sehr. Seine Familie stand immer in hohem

144
Ansehen. Alle Ländereien ringsum haben seit
undenklichen Zeiten den Rochesters gehört.»
  «Aber abgesehen von seinem Besitz, mögen Sie
ihn persönlich gut leiden?»
  «Ich habe keinen Grund, ihn nicht gern zu
haben, und ich glaube, daß alle seine Unter-
gebenen ihn gerecht und großzügig finden. Nur
hat er nie lang mit ihnen gelebt.»
  «Was hat er für einen Charakter?»
  «Oh, der ist untadelig, wenn sein Benehmen
auch manchmal etwas sonderbar anmutet. Er
ist weit gereist und hat viel von der Welt gesehen,
ich glaube auch, daß er sehr gescheit ist, aber
ich habe nie viel mit ihm gesprochen.»
  «Was hat er denn für Eigenheiten?»
  «Das ist schwer zu sagen. Es ist nichts Greif-
bares, aber man spürt es, wenn man mit ihm
spricht. Man ist nie ganz sicher, ob er ernst ist
oder scherzt, ob er zufrieden ist oder nicht. Oft
verstehe ich ihn nicht recht, aber jedenfalls ist
er ein sehr guter Herr.»
  Mehr konnte ich von Mrs. Fairfax nicht er-
fahren. Sie gehörte zu den Leuten, die keinen
Charakter beschreiben können, weil ihnen die
Gabe der Beobachtung und Schilderung hervor-
stechender Merkmale abgeht. Sie wurde durch
meine Fragen nur verwirrt. Mr. Rochester war
für sie einfach Mr. Rochester, Herr und Besitzer
des Gutes, mehr verlangte sie nicht zu wissen
und war offensichtlich verwundert, daß ich mir
ein genaueres Bild von ihm machen wollte.
Mrs. Fairfax schlug vor, mir das Haus zu zei-

145
gen, so folgte ich ihr treppauf, treppab und be-
wunderte die gediegene Einrichtung. Die großen
Vorderzimmer schienen mir besonders schön,
und einige Räume des dritten Stockwerks wirk-
ten durch ihr altertümliches Aussehen anzie-
hend, obschon sie dunkel und niedrig waren.
Die Möbel waren im Laufe der Zeit aus den
unteren Stockwerken hinaufgeschafft worden,
je nachdem die Mode wechselte. Seltsame Dinge
sah man da im Halbdunkel herumstehen, hun-
dertjährige Betten, eichene Truhen mit selt-
samen Schnitzereien von Palmblättern und
Cherubinen, ehrwürdige Lehnstühle, altertüm-
liche Schemel, Himmelbetten mit verblichenen
Stickereien von Blumen, Vögeln und seltsamen,
menschenartigen Wesen, die ganze Atmosphäre
war die eines der Vergangenheit geweihten
Heiligtums. Des Nachts im bleichen Mond-
schein mußte das alles seltsam fremd und un-
heimlich wirken.
  «Schlafen die Dienstboten hier?» fragte ich.
  «Nein, die haben ihre Zimmer nach hinten.
Hier schläft nie jemand. Wenn es in Thornfield
Hall einen Hausgeist gäbe, wäre dies ganz sicher
sein Schlupfwinkel.»
  «Das glaube ich auch. Es gibt also keinen
Geist hier?»
  «Nicht daß ich wüßte.» Mrs. Fairfax lächelte.
  «Auch in der Überlieferung nicht? In keiner
alten Sage?»
  «Ich glaube nicht, obwohl man erzählt, die
Rochesters seien hitzige, gewalttätige Menschen

146
gewesen. Vielleicht verhalten sie sich gerade
deshalb so ruhig im Grab.»
  «Ja, ‹nach des Lebens wildem Fieber ruh’n die
Toten gut›», murmelte ich. Inzwischen ent-
fernte sich Mrs. Fairfax.
  «Wo gehen Sie jetzt hin?» rief ich ihr nach.
  «Aufs Dach. Wollen Sie mitkommen und die
Aussicht sehen?»
  Ich folgte ihr über eine schmale Stiege in die
Mansarden und von dort durch eine Falltüre
auf das Dach. Rings um mich lag das Land aus-
gebreitet wie auf einer Landkarte. Der sammet-
grüne Rasen um das Haus, der alte Park, die
dürren, braunschwarzen, von bemoosten Wegen
durchzogenen Wälder, die Kirche draußen, die
Landstraße, die Hügel in der Ruhe der Herbst-
sonne, der bis an den fernen Horizont tiefblaue
Himmel. Als ich wieder durch die Falltüre hin-
unterstieg, war ich so geblendet, daß ich die
Sprossen der Leiter fast nicht fand. Nach der
strahlenden Helle schien der Dachstock schwarz
wie ein Grab.
  Während Mrs. Fairfax abschloß, tastete ich
mich nach der Treppe durch und gelangte in
den schmalen, düsteren Gang des dritten Stocks,
der mit seinem winzigen Fenster und der Reihe
schwarzer Türen zu beiden Seiten wie ein Flur
in Blaubarts Schloß wirkte.
  Plötzlich zerriß ein unheimliches Lachen die
Totenstille. Ich hielt inne, das Lachen ver-
stummte und begann dann von neuem, wurde
immer lauter und artete in ein gellendes Ge-

147
lächter aus, das mit vielfachem Echo aus allen
Räumen zurückgeworfen wurde. Und doch
hätte ich genau sagen können, aus welcher Türe
es gekommen war. Jetzt hörte ich Mrs. Fairfax
auf der Treppe und rief angstvoll:
  «Haben Sie dies Lachen gehört? Wer ist das?»
  «Wahrscheinlich eine der Dienstboten, viel-
leicht Grace Poole.»
  «Haben Sie es wirklich gehört?» fragte ich
noch einmal.
  «Ja gewiß. Ich höre sie oft. Sie näht in einem
dieser Zimmer. Manchmal ist Leah bei ihr. Die
beiden machen immer so viel Lärm, wenn sie
zusammen sind.»
  Noch einmal ertönte das Lachen, aber leiser,
dann verlor es sich in einem seltsamen, dumpfen
Gemurmel.
  «Grace!» rief Mrs. Fairfax.
  Ich erwartete keine Antwort. Es war das
tragischste und unnatürlichste Lachen gewesen,
das ich je gehört hatte. Obwohl es mitten am
Tag war und sich sonst gar nichts Geisterhaftes
ereignet hatte, wurde ich von abergläubischer
Furcht ergriffen. Aber zu meinem Erstaunen
öffnete sich die mir zunächstliegende Türe, und
eine vierschrötige Frau erschien, die an die
vierzig Jahre alt sein mochte. Sie hatte ein
hartes, gewöhnliches Gesicht und rote Haare,
man hätte sich kaum etwas weniger Romanti-
sches oder Geisterhaftes vorstellen können.
  «Sie machen zu viel Lärm, Grace», sagte Mrs.
Fairfax, «denken Sie an die Vorschriften.»

148
  Grace knixte und verschwand.
  «Wir haben diese Frau zum Nähen und um
Leah bei der Hausarbeit zu helfen», fuhr die
Witwe fort, «sie hat ihre Fehler, aber ihre Arbeit
macht sie recht. Wie sind Sie eigentlich mit Ihrer
Schülerin zufrieden gewesen, heute morgen?»
  Das Gespräch drehte sich nun um Adèle, die
uns unten in der hellen Halle entgegengelaufen
kam und rief:
  «Mesdames, vous êtes servies! J’ ai bien faim, moi!»
  Das Mittagessen stand in Mrs. Fairfax’ Zim-
mer bereit.

12

Der erste Eindruck, den mir Thornfield Hall


und seine Bewohner machten, bestätigte sich
bei näherer Bekanntschaft. Mrs. Fairfax war tat-
sächlich friedfertig, gutherzig und nicht beson-
ders intelligent. Meine Schülerin war ein leb-
haftes Kind, verwöhnt und manchmal launisch;
aber da mir niemand in ihre Erziehung drein-
redete, wurde sie bald nachgiebig und folgsam.
Sie besaß keine besondern Fähigkeiten, keinen
ausgeprägten Charakterzug, nichts, was sie über
ein Durchschnittskind erhoben hätte, aber sie
hatte auch keine besonderen Fehler. Sie machte
ganz normale Fortschritte und hatte eine leb-
hafte, wenn auch nicht gerade sehr tiefe Liebe
zu mir gefaßt. Ich mochte ihre Ungezwungen-
heit, ihr fröhliches Geplauder, und wir waren
beide zufrieden, wenn wir beisammen waren.

149
Ihre Erziehung lag mir wirklich am Herzen, und
ich hatte sie gern. Mrs. Fairfax war ich dankbar
für ihre Freundlichkeit, die sie so gut zum Aus-
druck brachte, wie es ihrem maßvollen Wesen
entsprach.
  Aber wenn ich allein im Park spazierenging
oder durchs Tor die Straße entlang schaute oder
vom Estrichfensterchen aus weit über Felder
und Hügel blickte, packte mich manchmal ein
wildes Verlangen nach dem Leben, von dem ich
immer nur hatte erzählen hören; nach der Groß-
stadt, vielen Menschen, wirklichem Erleben.
Ich sah wohl das Gute an Mrs. Fairfax und an
Adèle, aber mir schien, es gäbe andere, leben-
digere Arten von Güte, und die hätte ich kennen-
lernen mögen. Ich konnte nichts für diese Un-
zufriedenheit; die Rastlosigkeit lag in meiner
Natur. Manchmal trieb sie mich so um, daß ich
ruhelos im dritten Stock oben im Gang hin und
her ging und mich den Wunschbildern überließ,
die meine Phantasie mir vorgaukelte, Bildern
voll Abenteuer, Leben und Leidenschaft.
  Dort oben hörte ich oft das Lachen von Grace
Poole, jenes schallende, langsame Haha, das
mich beim erstenmal so erschreckt hatte. Ich
hörte sie auch Laute von sich geben, die ich mir
nicht erklären konnte. Manchmal sah ich sie
auch: sie trug ein Becken, einen Teller, ein
Servierbrett in die Küche und kam zurück mit
einem Krug Bier. Ihr Anblick dämpfte dann
immer die Neugier, die sie erweckt hatte, sie sah
so ganz uninteressant aus. Wenn ich versuchte,

150
ein Gespräch mit ihr anzuknüpfen, schnitt sie
immer mit ein paar kurzen Worten die Unter-
haltung ab.
  Die übrigen Hausbewohner, John und seine
Frau, das Hausmädchen Leah und das franzö-
sische Kindermädchen Sophie, waren nett, aber
durchaus nicht außergewöhnlich. Mit Sophie
sprach ich meistens französisch und fragte sie
manchmal aus über Frankreich; aber ihre aus-
weichenden, verschwommenen Antworten nah-
men mir die Freude an dieser Unterhaltung.
  So vergingen Oktober, November und De-
zember. Im Januar bat mich Mrs. Fairfax eines
Nachmittags, Adèle freizugeben, da sie erkältet
war. Ich wußte noch, wie sehr ich als Kind einen
unerwarteten freien Nachmittag genossen hatte,
und so gab ich nach. Es war ein prächtiger kalter
Tag. Den ganzen Morgen hatte ich in der Biblio-
thek gesessen und sehnte mich nun nach Bewe-
gung. Mrs. Fairfax hatte einen Brief geschrieben,
der zur Post gebracht werden mußte; und so er-
bot ich mich, die zwei Meilen nach Hay zu
spazieren und ihn dort aufzugeben. Ich richtete
Adèle gemütlich in Mrs. Fairfax’ Zimmer ein,
gab ihr die schönste Puppe und ein Märchen-
buch heraus, küßte sie und machte mich dann
auf den Weg.
  Der Boden war hartgefroren, die Luft ganz
still, die Straße einsam. Zuerst holte ich gut aus,
bis mir warm wurde; dann spazierte ich ge-
mächlich, um in Ruhe den ganzen Reiz dieses
Winternachmittags in mich aufzunehmen. Die

151
bleiche Sonne stand bereits tief; es war drei Uhr;
man spürte schon die Dämmerung kommen.
Der Weg war im Sommer berühmt wegen seiner
Rosenhecken, im Herbst gesucht wegen der
Nüsse und Brombeeren; aber jetzt im Winter lag
sein größter Vorzug in seiner Einsamkeit und
Ruhe. Kein Stechpalmenblatt, kein Immergrün-
zweig zitterte im Wind; die Haselsträucher wa-
ren so unbeweglich wie die Steine auf dem Pfad.
Zu beiden Seiten erstreckten sich verlassene
Felder. Auf halbem Weg setzte ich mich auf
einen Zauntritt, der zu einem Feld führte. Ich
hüllte mich fest in meinen Mantel und steckte
die Hände tief in den Muff. So spürte ich die
Kälte nicht, so beißend sie auch war. Ein Bäch-
lein, das vor ein paar Tagen infolge plötzlichen
Tauwetters den Weg überschwemmt hatte, war
wieder fest zugefroren und bedeckte nun den
Weg mit einer glitzernden Eisschicht. Ich sah
auf Thornfield hinab, das graue Herrenhaus
beherrschte das Tälchen. Bis die Sonne dunkelrot
hinter den Bäumen unterging, blieb ich sitzen.
  Über dem Gipfel des Hügels tauchte der
Mond auf. Hay war noch eine Meile weit weg;
aber ich sah blauen Rauch aus seinen Kaminen
steigen und sich in den Bäumen verlieren, und
ich meinte, über die Entfernung hinweg die leise
Bewegung des Lebens in den paar Häusern zu
verspüren.
  Ein rauher Lärm übertönte diese fernen Ge-
räusche, ein deutliches Trapp-Trapp, ein metal-
lisches Klappern auf dem Weg; noch konnte ich

152
nichts sehen, aber offenbar war es der Hufschlag
eines Pferdes. Ich hatte eben weitergehen wollen,
aber da der Pfad schmal war, blieb ich sitzen,
bis es vorbei wäre. Immer noch spukten Geister-
geschichten aus der Kindheit in meinem Kopf,
und ich erinnerte mich an den nordenglischen
Geist, den Bessie «Gytrash» genannt hatte. Er
suchte in der Gestalt eines Pferdes oder Esels
oder großen Hundes verspätete Wanderer auf
einsamen Wegen heim, gerade so, wie jetzt dieses
Pferd auf mich zukam. Ich sah es immer noch
nicht, aber zu dem Trapp-Trapp gesellte sich
jetzt noch ein Rascheln in der Hecke: ein großer,
schwarz-weiß gefleckter Hund tauchte aus den
Haselstauden auf. Er lief ruhig an mir vorüber
und blieb, gegen meine Erwartung, nicht ein-
mal vor mir stehen, um mich aus Augen, die
gar nicht die eines Hundes waren, anzustarren.
Nun erschien auch das Pferd, mit einem Reiter
auf dem Rücken. Damit war der Bann gebro-
chen. Ein Gytrash kam immer allein, und Geister
nahmen nicht menschliche Gestalt an. Das war
einfach ein Reisender, der den Weg nach Mill-
cote abkürzen wollte. Er ritt vorüber, und ich
ging weiter. Nach ein paar Schritten aber ließen
ein Getöse und der Ausruf «Was, zum Teufel,
soll ich jetzt machen!» mich umdrehen. Mann
und Pferd lagen am Boden. Das Pferd war auf
der Eisschicht ausgeglitten. Der Hund rannte
herbei und fing an zu bellen, daß alle Hügel
das Echo zurückwarfen. Er beschnüffelte das
Knäuel, das da auf der Erde lag, und kam dann

153
zu mir gelaufen; das war alles, was er tun konnte.
Ich folgte ihm zu dem Reiter, der versuchte, sich
von seinem Roß zu befreien. Seine Bewegungen
waren so kräftig, daß ihm unmöglich etwas zu-
gestoßen sein konnte; trotzdem fragte ich ihn:
  «Sind Sie verletzt, Sir?»
  Ich glaube, er fluchte, auf jeden Fall bildete
das, was er sagte, keine Antwort auf meine Frage.
  «Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?»
fragte ich wieder.
  «Treten Sie bitte beiseite», sagte er und erhob
sich zuerst auf die Knie und dann auf die Füße.
Nun begann ein Aufrichten, Stampfen, Klap-
pern, dazu ein Gebell, das mich tatsächlich ein
paar Meter weit forttrieb. Aber ganz ließ ich
mich nicht verjagen, bis ich das Ergebnis sah.
Endlich stand das Pferd wieder, der Hund wurde
mit einem «Kusch, Pilot!» zur Ruhe gewiesen.
Nun bückte sich der Fremde und befühlte Fuß
und Bein, um zu spüren, ob sie noch ganz waren.
Offenbar tat ihm etwas weh; denn er hinkte zu
dem Zauntritt hin und setzte sich darauf.
  Nun konnte ich mich nützlich machen, des-
halb kam ich wieder näher. «Wenn Sie verletzt
sind und Hilfe brauchen, kann ich schnell nach
Thornfield Hall oder Hay laufen, Sir.»
  «Danke, es geht schon; es ist nichts gebrochen,
nur verstaucht.» Er stand auf und versuchte
seinen Fuß von neuem; aber unwillkürlich
stöhnte er auf.
  Es war hell genug, daß ich ihn ganz gut sehen
konnte. Er trug einen Reitmantel mit Pelz-

154
kragen und Stahlspangen, Der Mann war mittel-
groß und ziemlich breit. Sein Gesicht war dunkel
und scharf geschnitten. Die Augen und die
zusammengewachsenen Brauen hatten jetzt
einen zornigen Ausdruck. Er war nicht mehr
jung, etwa fünfunddreißig. Ich fürchtete mich
gar nicht und war auch nicht sehr eingeschüch-
tert. Wäre er schön und jung gewesen, hätte ich
mich nicht getraut, ihn einfach auszufragen und
ungebeten meine Hilfe aufzudrängen. Wenn er
gutgelaunt gelächelt hätte bei meiner Anrede,
wenn er mein Anerbieten fröhlich dankend ab-
gelehnt hätte, wäre ich meines Weges gegangen
und hätte nicht weiter fragen mögen. Aber der
Unmut und die Unhöflichkeit dieses Reiters
gaben mir eine gewisse Sicherheit. Ich blieb
ruhig stehen, als er mir mit einem Wink zu ver-
stehen gab, ich solle gehen, und erklärte:
  «Ich denke nicht dran, Sie so spät und auf
einem so einsamen Weg allein zu lassen, bis Sie
Ihr Pferd wieder besteigen können.»
  Nun schaute er mich an; vorher hatte er mich
kaum beachtet.
  «Mich dünkt, Sie sollten selber zu Hause sein
um diese Zeit, wenn Sie überhaupt ein Zuhause
haben hier in der Nähe. Woher kommen Sie?»
  «Von da unten, und ich habe kein bißchen
Angst, bei Mondschein spät draußen zu sein.
Wenn Sie wollen, will ich gern nach Hay hin-
überlaufen. Ich muß sowieso dorthin, um einen
Brief aufzugeben.»
  «Dort unten wohnen Sie? – In dem großen

155
grauen Gebäude?» Er deutete mit dem Fin-
ger auf Thornfield Hall, das sich im kalten
Mondlicht scharf von den dunkeln Wäldern
abhob.
  «Ja.»
  «Wem gehört es?»
  «Mr. Rochester.»
  «Kennen Sie ihn?»
  «Nein, ich habe ihn noch nie gesehen.»
  «Also wohnt er nicht dort?»
  «Nein.»
  «Wissen Sie, wo er ist?»
  «Nein.»
  «Sie sind dort natürlich kein Dienstbote. Sie
sind …» Er überflog meine Kleidung, die, wie
gewohnt, sehr einfach war: ein schwarzer Woll-
mantel, eine schwarze Pelzmütze, aber beides
viel zu ärmlich für eine Kammerzofe. Er wußte
nicht recht, was er aus mir machen sollte. Ich
kam ihm zu Hilfe:
  «Ich bin die Erzieherin.»
  «Aha, die Erzieherin!» wiederholte er, «das
hatte ich natürlich vergessen! Die Erzieherin!»
Und wieder betrachtete er mich kritisch. Dann
erhob er sich, aber sein Gesicht verzog sich vor
Schmerzen, als er versuchte, sich zu bewegen.
  «Ich kann nicht von Ihnen verlangen, Hilfe zu
holen», sagte er, «aber vielleicht sind Sie so gut
und helfen selber ein bißchen.»
  «Gern.»
  «Sie haben nicht zufällig einen Schirm, auf
den ich mich stützen könnte?»

156
  «Nein.»
  «So versuchen Sie, mein Pferd am Zügel zu
mir zu bringen: Sie haben doch keine Angst!»
  Natürlich hätte ich Angst gehabt, ein Pferd
anzurühren, wenn ich allein gewesen wäre;
aber da ich nun einmal geheißen wurde, ergab
es sich von selbst, daß ich gehorchte. Ich legte
den Muff auf den Zauntritt und trat auf das
Pferd zu. Dann versuchte ich, den Zügel zu er-
greifen; doch das Tier war aufgeregt und ließ
mich nicht an sich herankommen. Ich machte
wieder und wieder den Versuch dazu, aber ver-
geblich, und dabei hatte ich eine Todesangst
vor den ausschlagenden Vorderhufen. Der Rei-
ter sah eine Zeitlang zu und lachte dann.
  «Ich sehe schon, der Berg will nicht zu Mo-
hammed kommen, also müssen Sie Mohammed
helfen, zum Berg zu gehen. Kommen Sie bitte
hierher.»
  Ich ging zu ihm hin. «Sie müssen schon ent-
schuldigen, aber die Notwendigkeit zwingt mich,
Sie in Anspruch zu nehmen.» Er legte seine Hand
schwer auf meine Schulter, stützte sich auf mich
und hinkte zum Pferd hin. Er faßte den Zügel,
schwang sich in den Sattel, wobei er grimmig
das Gesicht verzog und sich auf die Lippen biß;
die Verstauchung tat offenbar sehr weh.
  «So», sagte er, «und nun geben Sie mir noch
meine Reitpeitsche; sie muß dort bei der Hecke
liegen.»
  Ich suchte und brachte sie ihm.
  «Danke, und jetzt beeilen Sie sich mit Ihrem

157
Brief und gehen Sie so schnell wie möglich nach
Hause.»
  Er gab dem Pferd leicht die Sporen; es flog
davon, der Hund raste hinterdrein, und alle
drei verschwanden.
  Ich nahm meinen Muff und ging weiter. Der
Zwischenfall war vorbei. Er war an und für sich
nicht romantisch und nicht interessant gewesen,
und doch hatte er einmal eine Abwechslung in
mein gleichförmiges Leben gebracht. Meine
Hilfe war gebraucht worden; ich war froh, etwas
getan zu haben, wenn es auch etwas Gleich-
gültiges war. Ich war des untätigen Lebens so
überdrüssig. Auch das neue Gesicht war eine
Errungenschaft; es war anders als die Gesichter,
die mich umgaben: erstens, weil es das eines
Mannes war, und zweitens war es dunkel, scharf
und streng. Auf dem Rückweg vom Postamt
blieb ich einen Augenblick bei dem Zauntritt
stehen und lauschte, ob nicht wieder ein Pferd,
ein Reiter und ein Neufundländer zu hören seien.
Aber vor mir erhob sich nur die Hecke im Mond-
schein, und unter mir erglänzte in einem Fenster
von Thornfield Hall ein helles Licht. Das er-
innerte mich daran, daß es spät war, und ich
eilte weiter.
  Unlustig betrat ich das Herrenhaus. Seine
Schwelle zu überschreiten, bedeutete wieder, zu
Leblosigkeit verurteilt zu sein. Ich würde die
stille Halle durchqueren, das dunkle Treppen-
haus emporsteigen, dann mit der ruhigen Mrs.
Fairfax den langen Winterabend verbringen –

158
und das alles mußte die immerhin gehobene
Stimmung niederdrücken, mein ganzer Schwung
würde in diesem eintönigen Dasein erlahmen.
Die Sicherheit und Behaglichkeit meines Lebens
wußte ich nicht mehr zu schätzen.
  Ich schlenderte zögernd über den Rasen; ich
schritt ein paarmal auf dem Vorplatz hin und
her. Auge und Geist zog es fort von dem trüben
Haus; sie wandten sich dem wolkenlosen Blau
des Himmels zu, dem feierlich darüber hin-
wandelnden Mond und den zahllosen zitternden
Sternen, die ihn gleichsam begleiteten auf seiner
Wanderung. Doch in der Diele schlug die Uhr.
Das genügte, um mich vom Mond und den
Sternen zurückzuholen, ich öffnete die Tür und
trat ein. Die Diele war nicht ganz dunkel. Aus
dem großen Speisezimmer, dessen Flügeltür
offen stand, drang der warme Schein des lo-
dernden Feuers, das im Kamin brannte und
Marmor und Teppiche und Möbel rot auf-
leuchten ließ. Es beleuchtete auch ein paar
Leute am Kamin; aber ich hatte kaum Zeit,
das fröhliche Durcheinander der Stimmen zu
hören, als die Tür sich schloß.
  Ich eilte in das Zimmer von Mrs. Fairfax.
Auch dort brannte ein Feuer; aber es war keine
Kerze angezündet und keine Mrs. Fairfax vor-
handen. Dafür aber saß ein großer schwarz-
weißer, langhaariger Hund wie der Gytrash
von unterwegs aufrecht vor dem Feuer und
schaute ernsthaft in die Flammen. Er glich dem
andern so, daß ich zu ihm hinging und «Pilot»

159
rief. Da stand das Tier auf, kam an mich heran
und beschnüffelte mich. Ich streichelte den
Hund; er wedelte mit dem langen Schwanz;
aber er war mir zu unheimlich, als daß ich lang
hätte mit ihm allein sein mögen; ich hatte ja
keine Ahnung, wo er herkam. Ich läutete; denn
ich wollte eine Kerze und mich zugleich erkun-
digen, was es mit diesem Besuch für eine Be-
wandtnis habe. Leah trat ein.
  «Was ist das für ein Hund?»
  «Er kam mit dem Herrn.»
  «Mit wem?»
«Mit dem Herrn – mit Mr. Rochester –, er ist
eben angekommen.»
  «Aber nein … Und ist Mrs. Fairfax bei ihm?»
  «Ja, und Miss Adèle auch; sie sind im Eß-
zimmer, und John mußte einen Arzt holen;
denn der Herr hat einen Unfall gehabt. Sein
Pferd ist gestürzt, und er hat sich den Knöchel
verstaucht.»
  «Ist das Pferd auf dem Pfad nach Hay gestürzt?»
  «Ja, als er herunterkam; es glitt aus auf dem Eis.»
  «Ach so! Bitte, bringen Sie mir eine Kerze,
Leah.»
  Als Leah zurückkam, war sie von Mrs. Fair-
fax begleitet, die mir die gleiche Geschichte noch
einmal erzählte. Neu war nur, daß der Arzt nun
bei Mr. Rochester war. Dann eilte sie wieder
davon, um den Tee vorzubereiten, und ich ging
nach oben, um meinen Mantel abzulegen.

160
13

Mr. Rochester ging an jenem Abend, wohl auf


Geheiß des Arztes, früh zu Bett und erhob sich
am folgenden Tage erst spät. Als er herunter-
kam, erwarteten ihn Geschäfte. Der Verwalter
und einige Pächter waren erschienen, um ihn
zu sprechen.
  Adèle und ich mußten die Bibliothek räumen,
da sie nun als Empfangszimmer benützt wurde,
und wir zogen uns in den oberen Stock zurück.
Thornfield Hall bekam ein neues Gesicht; es
verlor das klösterliche Schweigen; oft ertönte
die Hausglocke; Türen gingen, Schritte und
Stimmen belebten die Diele. Die Anwesenheit
des Hausherrn machte sich bemerkbar. Die
Veränderung gefiel mir.
  An diesem Morgen war Adèle kaum zum
Arbeiten zu bringen. Sie war unaufmerksam,
eilte ständig in den Gang und versuchte, Mr.
Rochester zu begegnen, erfand tausend Vor-
wände, um in die Bibliothek zu gehen, in der sie
doch ganz unerwünscht war. Als ich etwas un-
geduldig befahl, sich ruhig zu verhalten, er-
zählte sie unaufhörlich von ihrem «ami, Monsieur
Edouard Fairfax de Rochester», wie sie ihn betitelte,
und stellte Vermutungen an, was für Geschenke
er ihr wohl mitgebracht habe. Denn am Abend
hatte er angedeutet, daß sich in seinem Gepäck
ein kleines Kästchen befinde, dessen Inhalt Adèle
sehr interessieren dürfte.
  «Et cela doit signifier qu’il y aura là-dedans un

161
cadeau pour moi, et peut-être pour vous aussi, Made-
moiselle. Monsieur a parlé de vous: il m’ a demandé
le nom de ma Gouvernante, et si elle n’était pas une
peilte personne, assez mince et un peu pâle. J’ ai dit
que oui, car c’ est vrai, n’ est-ce pas, Mademoiselle?»
  Wir nahmen das Mittagessen wie gewohnt
in Mrs. Fairfax’ Wohnzimmer ein. Am Nach-
mittag war das Schneegestöber so stark, daß
wir im Schulzimmer bleiben mußten; aber als
es Abend wurde, erlaubte ich Adèle, zu Mr. Ro-
chester hinunterzugehen, dessen Besucher sich
offenbar entfernt hatten. Es dämmerte, der
Schnee fiel noch immer in dichten Flocken und
hüllte das ganze Land ein. Ich zog die Vor-
hänge zu, setzte mich ans Kamin und begann
eine Skizze zu zeichnen, als Mrs. Fairfax eintrat,
um mir mitzuteilen, Mr. Rochester wünsche
den Tee mit mir und meiner Schülerin im Salon
einzunehmen. Er sei den ganzen Tag so be-
schäftigt gewesen, daß er mich nicht eher habe
begrüßen können.
  «Wann?» fragte ich. «Wann pflegt er den Tee
zu trinken?»
  «Um sechs Uhr. Und jetzt kommen Sie, ziehen
Sie sich um.»
  «Muß das sein?»
  «Es ist jedenfalls besser. Ich ziehe mich am
Abend auch immer um, wenn Mr. Rochester
da ist.»
  Ich zog ein Kleid aus schwarzer Seide an,
das beste, das ich besaß. Dann steckte ich noch,
auf Mrs. Fairfax’ Veranlassung, eine kleine

162
Perlenbrosche an, Miss Temples Abschieds-
geschenk, und folgte Mrs. Fairfax klopfenden
Herzens in den Salon.
  Kerzen brannten auf dem Tisch und auf dem
Kaminsims, «Pilot» wärmte sich am Feuer, und
Adèle kniete neben ihm. Auf einem Sofa lehnte
mit hochgelegtem Fuß Mr. Rochester und sah
ihnen zu. Das Feuer beleuchtete sein Gesicht,
und ich erkannte meinen Reiter mit den buschi-
gen, pechschwarzen Augenbrauen und der vier-
eckigen Stirn, deren Form durch den Haarschnitt
noch unterstrichen wurde. Ich erkannte seine
eigenwillige Nase, die nicht schön war, aber auf
Willensstärke und einen ausgeprägten Charakter
mit einer Neigung zur Heftigkeit schließen ließ.
Er war von athletischer, aber wohlproportionier-
ter Gestalt, breitschultrig und mit schmalen
Hüften, doch war sein Wuchs nicht hoch und
auch ohne Vornehmheit. Obgleich er uns be-
merkt haben mußte, hob er nicht einmal den
Kopf, als wir eintraten.
  «Das ist Miß Eyre, Sir», sagte Mrs. Fairfax in
ihrer ruhigen Art. Er nickte, ohne seine Augen
von Kind und Hund abzuwenden, und sagte:
«Lassen Sie Miss Eyre Platz nehmen.» Sein Gruß
war steif und kalt, ja fast ungeduldig, als wolle
er sagen: Meinen Sie, daß mich die Anwesenheit
von Miss Eyre interessiert? Ich bin jetzt be-
schäftigt.
  Als ich mich setzte, fühlte ich meine Verlegen-
heit schwinden. Ein ausgesucht höflicher Emp-
fang hätte mich wohl verwirrt, weil ich ihm

163
nicht gewandt hätte begegnen können; aber der
barsche, launische Ton verpflichtete mich zu
nichts, gab mir vielmehr den Vorteil ruhiger
Bewegungsfreiheit. Sein Benehmen belustigte
mich, und ich war gespannt, zu sehen, wie es
jetzt weitergehen würde.
  Er blieb stumm und unbeweglich wie eine
Statue. So bestritt Mrs. Fairfax die Unterhal-
tung. Sie drückte in freundlichen Worten ihr Be-
dauern aus, daß er trotz seiner schmerzhaften
Verstauchung den ganzen Tag so viel Geschäfte
hatte erledigen müssen, und rühmte seine Ge-
duld und Zähigkeit.
  «Madame, ich möchte Tee haben.» Das war die
einzige Antwort, die sie erhielt. Sie läutete, nahm
das Teebrett in Empfang und richtete mit eifriger
Geschäftigkeit Teller und Tassen. Adèle und ich
setzten uns an den Tisch, Mr. Rochester blieb
liegen.
  «Reichen Sie bitte Mr. Rochester die Tasse»,
bat mich Mrs. Fairfax, «Adèle könnte sie fallen
lassen.»
  Als er mir die Tasse abnahm, hielt Adèle den
Augenblick für gekommen, etwas zu meinen
Gunsten zu sagen.
  «N’ est-ce pas, Monsieur. qu’il y a un cadeau pour
Mademoiselle Eyre dans votre petit coffre?»
  «Wer spricht von Geschenken?» erwiderte er
mürrisch. «Erwarten Sie ein Geschenk, Miss
Eyre? Haben Sie gern Geschenke?» Er blickte
mich mit seinen schwarzen Augen gereizt und
durchdringend an.

164
  «Ich habe keine Erfahrung damit, Sir, aber im
allgemeinen findet man sie wohl sehr angenehm.»
  «‹Im allgemeinen findet man›? Und was finden
denn Sie?»
  «Ich vermag Ihnen nicht so ohne weiteres zu
antworten, Sir, man kann ein Geschenk von
vielen Gesichtspunkten aus betrachten und muß
alle berücksichtigen, ehe man eine Ansicht
äußert.»
  «Sie nehmen es offenbar nicht so einfach wie
Adèle, die, sobald sie meiner ansichtig wird, ein-
fach ein ‹cadeau› verlangt, während Sie wie eine
Katze um den heißen Brei herumgehen.»
  «Weil ich nicht so überzeugt bin, ein Anrecht
darauf zu haben. Adèle kann sich auf das alte
Gewohnheitsrecht berufen, daß Sie ihr immer
Spielsachen geschenkt haben; aber ich bin hier
fremd und habe keinerlei Anspruch auf der-
gleichen.»
  «Oh, Sie müssen Ihr Licht nicht allzu beschei-
den unter den Scheffel stellen. Ich habe gesehen,
daß Sie sich mit Adèle sehr viel Mühe gegeben
haben. Denn obwohl sie nicht besonders begabt
ist, hat sie in der kurzen Zeit schon gute Fort-
schritte gemacht.»
  «Jetzt haben Sie mir mein ‹cadeau› gegeben,
Sir, ich danke Ihnen. Das ist des Lehrers be-
gehrtester Lohn, die Fortschritte seiner Schüler
loben zu hören.»
  Mr. Rochester räusperte sich und trank
schweigend seinen Tee. Als das Brett hinaus-
getragen war und Mrs. Fairfax sich mit ihrer

165
Strickarbeit in eine Ecke zurückgezogen hatte,
forderte er mich auf, mich ans Feuer zu setzen.
Adèle zeigte mir erst all die schönen Bücher
und Kunstgegenstände im Zimmer, dann wollte
sie sich auf meinem Schoß häuslich niederlassen,
aber Mr. Rochester befahl ihr, mit «Pilot» zu
spielen. Dann wandte er sich an mich:
  «Sie sind jetzt drei Monate in meinem Hause?»
  «Ja.»
  «Und wo waren Sie früher?»
  «In der Anstalt von Lowood.»
  «Ah, so eine wohltätige Angelegenheit, nicht
wahr? Und wie lange waren Sie dort?»
  «Acht Jahre.»
  «Acht Jahre! Da müssen Sie aber außerordent-
lich zäh sein. Ich dachte, die halbe Zeit in solcher
Umgebung genüge, um auch die stärkste Ge-
sundheit zu ruinieren. Jetzt verstehe ich, warum
sie so durchsichtig aussehen, als kämen Sie aus
dem Jenseits. Gestern nacht in Hay Lane mußte
ich unwillkürlich an Geistergeschichten denken
und war schon halb entschlossen, Sie zu fragen,
ob Sie mein Pferd behext hätten. Ich weiß es
auch jetzt noch nicht sicher. Wer sind Ihre
Eltern?»
  «Ich habe keine mehr.»
  «Wahrscheinlich haben Sie auch nie welche
gehabt. Erinnern Sie sich nicht an sie?»
  «Nein.»
  «Das kann ich mir denken. Sie warteten ver-
mutlich auf Ihre Angehörigen, als Sie dort auf
dem Zauntritt saßen?»

166
  «Auf wen?»
  «Auf die Wichtelmännchen. Der Mond schien
gerade richtig dafür. Habe ich einen Ihrer Kreise
gestört, daß Sie das verdammte Eis da auf den
Weg streuten?»
  Ich schüttelte den Kopf und ahmte seinen
ernsthaften Ton nach: «Die Wichtelmännchen
haben England schon vor hundert Jahren ver-
lassen, weit und breit ist keine Spur mehr
von ihnen zu finden. Ich glaube, der Voll-
mond bescheint keines ihrer nächtlichen Feste
mehr.»
  Mrs. Fairfax hatte zu stricken aufgehört und
schien über unser Gesprächsthema höchlichst
verwundert. Mr. Rochester kam auf seine erste
Frage zurück.
  «Sie haben doch sicher sonst noch Verwandte,
Onkel oder Tanten?»
  «Nicht daß ich wüßte.»
  «Wo sind Sie denn daheim?»
  «Nirgends.»
  «Keine Geschwister?»
  «Keine.»
  «Wie sind Sie denn hierhergekommen?»
  «Ich habe in der Zeitung eine Stelle gesucht
und von Mrs. Fairfax Antwort erhalten.»
  «Ja», fiel die alte Dame ein, nachdem sie das
Gesprächsthema erfaßt hatte, «ich danke der
Vorsehung alle Tage für Miss Eyre. Sie ist eine
wundervolle Gesellschafterin und eine gute,
pflichtbewußte Lehrerin.»
  «Bemühen Sie sich nicht, ihren Charakter zu

167
schildern», unterbrach Mr. Rochester, «fremdes
Lob beeinflußt mich nicht; ich bilde mir meine
Meinung selber. Jedenfalls hat sie zunächst ein-
mal mein Pferd zu Fall gebracht.»
  «Wie bitte?» fragte sie ganz entgeistert.
  «Ja, ihr verdanke ich meinen verstauchten
Fuß.»
  Mrs. Fairfax war sichtlich bestürzt.
  «Haben Sie jemals in einer Stadt gelebt, Miss
Eyre?»
  «Nein.»
  «Kennen Sie viele Leute?»
  «Nur die Schülerinnen und Lehrerinnen von
Lowood, und jetzt die Bewohner von Thorn-
field.»
  «Haben Sie viel gelesen?»
  «Was mir so in die Hände kam. Nicht sehr viel
und nichts sehr Gelehrtes.»
  «Sie haben offenbar ein Nonnendasein geführt,
Der Leiter von Lowood, Mr. Brocklehurst, ist
doch Pfarrer?»
  «Ja.»
  «Und ihr Schülerinnen habt ihn sicher ver-
ehrt, wie jedes Nonnenkloster seinen Abt?»
  «O nein!»
  «Wie kühl Sie sind. Was, nein! Eine Novize,
die ihren Beichtvater nicht anbetet; das ist ja
Gotteslästerung.»
  «Ich konnte Mr. Brocklehurst nicht leiden und
stand mit diesen Gefühlen nicht allein. Er ist
ein unangenehmer Mensch, aufgeblasen und
herrschsüchtig. Er ließ uns die Haare scheren

168
und kaufte uns aus Sparsamkeit minderwertiges
Nähzeug.»
  «Das war wirklich schlecht angebrachte Spar-
samkeit», fiel Mrs. Fairfax wieder ein.
  «Waren das seine schlimmsten Fehler?»
  «Als er Alleinherrscher war, ließ er uns hungern
und plagte uns mit stundenlangen Predigten und
Vorlesungen aus seinen eigenen Machwerken,
die von plötzlichem Tod und Jüngstem Gericht
handelten, daß wir Angst hatten, ins Bett zu
gehen.»
  «Wie alt waren Sie, als Sie nach Lowood
kamen?»
  «Zehn.»
  «Und acht Jahre dort, dann sind Sie jetzt acht-
zehn. Sie sehen, wie nützlich es ist, wenn man
rechnen kann. Ich hätte Ihr Alter niemals er-
raten können. Was haben Sie denn dort gelernt?
Spielen Sie Klavier?»
  «Ja, ein wenig.»
  «Natürlich, die altgewohnte Antwort. Gehen
Sie in die Bibliothek, bitte, nehmen Sie eine
Kerze mit, lassen Sie die Türe offen und spielen
Sie etwas. Sie müssen meinen Befehlston ent-
schuldigen, ich bin es so gewohnt und kann
nicht Ihretwegen umlernen.»
  Ich gehorchte. Schon nach ganz kurzer Zeit
rief er:
  «Halt! Das genügt. Sie spielen wirklich ‹ein
wenig›, gerade wie alle englischen Schülerinnen,
vielleicht ein bißchen besser, aber nicht viel.»
  Als ich zurückkam, fuhr Mr. Rochester fort:

169
  «Adèle hat mir ein paar Skizzen von Ihnen
gezeigt. Haben Sie sie allein gemacht, oder hat
Ihnen ein Lehrer geholfen?»
  «Nein, ich habe sie ganz allein gemacht!»
  «Aha! Sie fühlen sich in Ihrem Stolz verletzt.
Nun, wenn Sie mir Ihr Wort darauf geben kön-
nen, daß Sie wirklich ohne Hilfe arbeiten, so
zeigen Sie mir Ihr Skizzenbuch. Aber nehmen
Sie sich in acht, ich verstehe mich darauf.»
  «Ich werde Ihnen gar nichts sagen, Sie sollen
sich selbst überzeugen.»
  Ich holte mein Skizzenbuch und rückte den
Tisch an sein Lager. Mrs. Fairfax und Adèle
kamen näher, um die Bilder auch zu betrachten.
  «Kein Gedränge!» befahl Mr. Rochester. «Ihr
könnt die Bilder am anderen Tisch anschauen,
wenn ich sie gesehen habe.»
  Aufmerksam ging er Skizze um Skizze durch,
legte drei beiseite und gab die übrigen Mrs. Fair-
fax. Dann befahl er mir, meinen Stuhl näher-
zurücken, und begann:
  «Diese Bilder sind offensichtlich von der glei-
chen Hand. Von Ihrer?»
  «Ja.»
  «Aber diese Bilder haben viel Zeit und Nach-
denken erfordert. Wann haben Sie sie gemacht?»
  «In den letzten Ferien in Lowood; ich hatte
keine andere Beschäftigung.»
  «Woher nahmen Sie die Vorbilder?»
  «Aus meinem Kopf.»
  «Dem Kopf, den ich da vor mir sehe?»
  «Jawohl.»

170
  «Wachsen noch mehr Kräutlein dieser Art in
Ihrem Gärtlein?»
  «Ich glaube schon, und noch viel würzigere.»
  Er breitete die Bilder vor sich aus und be-
trachtete sie lange und eingehend. Plötzlich
fragte er:
  «Waren Sie glücklich, als Sie diese Bilder mal-
ten?»
  «Ja, ich war glücklich, ich dachte an nichts
anderes mehr. Malen war immer meine größte
Freude.»
  «Das will nicht viel heißen, Sie hatten da kaum
andere Vergnügungen. Sie waren einfach in
einem künstlerischen Traumland, als Sie diese
seltsamen Farbenmischungen zusammenstellten.
Haben Sie Tag für Tag daran gearbeitet?»
  «Ich hatte nichts anderes zu tun, als von mor-
gens bis abends die ganzen langen Sommertage
daran zu sitzen.»
  «Und waren Sie selbst mit dem Ergebnis zu-
frieden?»
  «Gar nicht. Der Unterschied zwischen meiner
Vorstellung und dem, was ich auf dem Papier
festhalten konnte, war allzu groß.»
  «Es ist nicht so schlimm. Zumindest den Schat-
ten Ihrer Träume haben Sie doch festgehalten.
Um sie ganz zum Leben zu erwecken, fehlte
Ihnen die künstlerische Ausbildung. Aber Ihre
Ideen sind märchenhaft. So, legen Sie die Bilder
weg.»
  Ich packte die Blätter ein, Mr. Rochester
schaute auf die Uhr und rief aus:

171
  «Es ist schon neun! Was fällt Ihnen ein, Miss
Eyre, Adèle so lange aufzulassen? Bringen Sie
sie sofort ins Bett.»
  Adèle umarmte ihn, aber er ließ ihre Zärtlich-
keit nur über sich ergehen, ohne sie zu erwidern,
wünschte uns allen eine gute Nacht und verab-
schiedete uns mit einer Handbewegung.
  «Sie behaupteten, Mr. Rochester habe keine
besonderen Eigenheiten», sagte ich draußen zu
Mrs. Fairfax.
  «Ja, stimmt das nicht?»
  «O nein! Er ist sprunghaft und brüsk.»
  «Das mag einem Außenstehenden so vorkom-
men. Ich bin so sehr daran gewöhnt, daß ich gar
nicht darüber nachdenke. Aber man muß nach-
sichtig sein.»
  «Warum?»
  «Einerseits, weil er nun einmal von Natur einen
solchen Charakter hat, und andererseits, weil
ihn schwere Sorgen bedrücken.»
  «Was für Sorgen?»
  «Schwierigkeiten in der Familie.»
  «Aber er hat doch keine Familie.»
  «Jetzt nicht mehr, aber früher. Oder doch
wenigstens Verwandte. Vor wenigen Jahren ver-
lor er seinen älteren Bruder.»
  «Seinen älteren Bruder?»
  «Ja, er selbst ist erst seit neun Jahren Besitzer
von Thornfield.»
  «Neun Jahre, das ist immerhin eine lange Zeit.
Hatte er seinen Bruder so lieb, daß er den Verlust
bis heute nicht verwinden konnte?»

172
  «Nein, das nicht. Aber es hatte Streit gegeben;
Rowland, der Bruder, war sehr ungerecht und
hetzte selbst seinen Vater gegen den Jüngeren,
Edward, auf. Der Vater war so habgierig, daß
er die Erbschaft nicht teilen wollte. Deshalb ent-
fernte er Mr. Edward und fügte ihm sehr viel
Unrecht zu. Als Edward volljährig war, brach
er mit der Familie und führte jahrelang ein
unstetes Leben. Er ist kaum je vierzehn Tage
hier geblieben, seit er Besitzer von Thornfield
ist, und das darf einen nicht verwundern.»
  «Warum meidet er den Erbsitz?»
  «Vielleicht findet er ihn zu düster.»
  Die Antwort war ausweichend, und Mrs. Fair-
fax konnte oder wollte keine weiteren Erklärun-
gen abgeben. Sie behauptete, die Prüfungen
seines Schicksals nicht näher zu kennen und
selbst auf Vermutungen angewiesen zu sein.
Offensichtlich wollte sie mich von diesem Thema
abbringen, und ich fragte nicht weiter.

14

In den folgenden Tagen sah ich Mr. Rochester


selten. Am Morgen war er immer sehr beschäf-
tigt, und am Nachmittag kamen Besucher aus
Millcote und Umgebung, die manchmal zum
Nachtessen blieben. Als er wieder reiten konnte,
war er viel außer Hause und kam meistens erst
spät abends zurück.
  Während dieser Zeit ließ er sogar Adèle wenig

173
zu sich kommen, und unser Verkehr beschränkte
sich auf zufällige Begegnungen im Treppenhaus
oder in der Diele. Manchmal grüßte er nur kalt
und abweisend mit einem Nicken, andere Male
lächelte er höflich und freundlich. Diese Launen-
haftigkeit berührte mich nicht, ich wußte, daß
sie nicht meiner Person galt und daß ich nicht
schuld daran war.
  Eines Tages hatte er zum Nachtessen Besuch
gehabt und mein Skizzenbuch verlangt, sicher,
um es seinen Gästen zu zeigen. Die Herren
brachen früh auf, und bald darauf ließ er Adèle
und mich herunterkommen. Ich kämmte Adèle,
vergewisserte mich rasch, daß meine gewohnte,
einfache Quäker-Tracht in Ordnung war, und
ging dann hinunter. Adèle wollte wissen, ob nun
wohl endlich ihr «petit coffre» gekommen sei.
Und wirklich, eine kleine Pappschachtel stand
auf dem Tisch im Eßzimmer.
  «Ma boîte! Ma boîte», rief sie und lief darauf
zu.
  «Ja, da ist sie nun endlich, deine ‹boîte›. Geh
in eine Ecke damit, du echte Pariserin, und ver-
gnüge dich.» Die tiefe sarkastische Stimme von
Mr. Rochester kam aus einem mächtigen Lehn-
stuhl am Kamin. «Aber sei so gut und verschone
mich mit Einzelheiten, seziere das Zeug in der
Stille, ich will nichts hören über den Verlauf der
Operation. Tiens-toi tranquille, enfant, comprends-
tu?»
  Adèle hatte diese Ermahnung gar nicht nötig.
Sie war mit ihrem Schatz auf ein Sofa geflüchtet

174
und löste jetzt eifrig die Umschnürung. Sei-
denpapier raschelte, und sie rief hingerissen
aus:
  «Oh ciel! Que c’ est beau!» Dann schwieg sie in
stummer Bewunderung.
  «Ist Miss Eyre auch da?» fragte Mr. Rochester
jetzt und erhob sich halb, um sich umzusehen.
  «Ausgezeichnet! Kommen Sie, setzen Sie sich
hierher.» Er zog einen Stuhl neben den seinen.
«Ich als alter Junggeselle habe Kindergeschwätz
nicht gern», fuhr er fort. «Ich würde es nicht
einen ganzen Abend mit einer Göre aushalten.
Ziehen Sie den Stuhl nicht weg, Miss Eyre:
setzen Sie sich genau dorthin, wo er steht, bitte.
Zum Teufel mit der Höflichkeit! Ich denke nie
daran. Auch alte, einfältige Frauen schätze ich
nicht besonders hoch. Ach, ich darf dabei ja
die zum Hause gehörige nicht vergessen. Sie
ist eine Fairfax, oder hat einen geheiratet, und
Blut ist bekanntlich dicker als Wasser.»
  Er läutete und ließ Mrs. Fairfax zu sich bitten.
Sie erschien mit ihrem Strickkorb.
  «Guten Abend, Madame. Ich möchte Sie gern
für einen wohltätigen Zweck beanspruchen. Ich
habe Adèle verboten, mir von ihren Geschenken
zu erzählen, und dabei platzt sie fast. Haben Sie
doch die Güte, ihr zuzuhören, Sie täten ein gutes
Werk damit.»
  Und wirklich rief Adèle Mrs. Fairfax auch
gleich zu sich und füllte ihren Schoß mit all dem
Porzellan-, Elfenbein- und Wachszeug, das die
Schachtel enthielt, dabei in ihrem gebrochenen

175
Englisch begeisterte Erklärungen hervorspru-
delnd.
  «So, jetzt habe ich als guter Hausherr für die
Unterhaltung meiner Gäste gesorgt und darf
jetzt wohl auch an mein Vergnügen denken.
Miss Eyre, kommen Sie noch ein bißchen näher
mit Ihrem Stuhl; ich müßte sonst meine behag-
liche Stellung in diesem bequemen Lehnstuhl
ändern, und das paßt mir gar nicht.»
  Ich gehorchte, obwohl ich viel lieber im Schat-
ten geblieben wäre; aber ich konnte seinen direk-
ten Befehlen nicht widersprechen.
  Wir saßen im Eßzimmer. Der große Lüster
füllte den Raum mit festlicher Helle. Das Feuer
loderte. Man hörte nur das leise Geschwätz von
Adèle und zwischenhinein den Regen, der an die
Scheiben peitschte.
  Mr. Rochester sah anders aus als sonst, nicht
so streng und düster. Er lächelte, und seine
Augen funkelten, wahrscheinlich, weil er ein
wenig getrunken hatte. Er war gelöster, fröhli-
cher und ein bißchen weicher als am Morgen.
Aber er sah immer noch grimmig genug aus;
das Feuer flackerte auf seinen wie in Stein ge-
meißelten Zügen und spiegelte sich in seinen
großen, dunkeln Augen. Sie waren schön, diese
Augen, und manchmal hatten sie fast einen
Schimmer von Weichheit.
  Er hatte ein paar Minuten lang ins Feuer
geschaut, und ich hatte ihn während dieser Zeit
betrachtet, als er sich plötzlich umwandte und
meinen Blick erhaschte.

176
  «Sie schauen mich prüfend an, Miss Eyre»,
sagte er, «finden Sie mich schön?»
  Wenn ich überlegt hätte, hätte ich ihm etwas
Höfliches und Unbestimmtes zur Antwort ge-
geben, aber so rutschte mir heraus: «Nein, Sir.»
  «Weiß Gott, es ist merkwürdig mit Ihnen»,
sagte er. «Sie schauen aus wie eine kleine Nonne,
ruhig, ernst, einfältig sitzen sie da, die Hände
im Schoß und die Augen auf den Boden geheftet
(wenn Sie nicht gerade auf mein Gesicht starren
natürlich). Aber wenn man Sie etwas fragt oder
Sie sonst etwas sagen müssen, werfen Sie einem
eine Antwort ins Gesicht, die, wenn auch nicht
gerade grob, doch schroff ist. Was meinen Sie
damit?»
  «Entschuldigen Sie, es war wirklich unüberlegt.
Ich hätte sagen sollen, daß die Geschmäcker
verschieden sind; daß Schönheit keinen großen
Wert hat oder etwas dergleichen.»
  «Und was noch alles! Schönheit keinen großen
Wert! Weiß der Kuckuck! Sie tun, als wollten
Sie abschwächen, die Beleidigung zurückneh-
men, und dabei versetzen Sie mir hinterlistig
einen neuen Hieb. Fahren Sie nur fort! Was
gefällt Ihnen nicht an mir, bitte? Ich sehe doch
aus wie jeder andere Mann auch?»
  «Bitte, Mr. Rochester, ich möchte meine erste
Antwort zurücknehmen. Ich wollte nicht ver-
letzen, es war bloß Ungeschicklichkeit.»
  «Jawohl, das glaube ich Ihnen, und deshalb
nehme ich Sie beim Wort. Kritisieren Sie mich:
Gefällt Ihnen meine Stirn nicht?»

177
  Er strich sich das Haar aus der Stirn, die wohl
viel Intelligenz verriet, aber kein Zeichen von
Gutmütigkeit aufwies.
  «So, bin ich vielleicht ein Dummkopf?»
  «Beileibe nicht, Sir. Aber vielleicht nehmen
Sie es übel, wenn ich dafür frage, ob Sie ein
großer Menschenfreund sind?»
  «Schon wieder ein Hieb! Und nur, weil ich ge-
sagt habe, ich habe die Gesellschaft von Kindern
und alten Weibern nicht gern (psst!). Nein,
meine junge Dame, ich bin kein Menschen-
freund, aber ich habe immerhin ein Gewissen.»
Damit deutete er auf die Schädelvorsprünge, wo
diese Eigenschaft ihren Sitz haben soll.
  «Und überhaupt, als ich so alt war wie Sie, war
ich auch noch recht empfindsam; ich half den
Armen und Unglücklichen; aber seither hat das
Schicksal mich gerüttelt und geschüttelt. Jetzt
bin ich gottlob so hart und zäh wie ein Gummi-
ball, aber immerhin noch mit ein oder zwei
weniger harten Stellen und ein bißchen Gefühl
in der Mitte. Berechtigt das noch zu ein wenig
Hoffnung?»
  «Hoffnung worauf?»
  «Daß der Gummi sich wieder in Fleisch und
Blut verwandelt?»
  Er hat ganz bestimmt getrunken, dachte ich
und wußte nicht, was ich ihm auf diese seltsame
Frage antworten sollte.
  «Sie sind ganz verwirrt, Miss Eyre. Wenn Sie
auch geradesowenig schön sind wie ich, steht
Ihnen diese Verwirrung doch gut; außerdem

178
bin ich froh darüber, weil Sie sich dann wenig-
stens mit den Teppichblumen beschäftigen statt
mit meinen Gesichtszügen. Also rätseln Sie ruhig
weiter. Ich bin heute abend zu Geselligkeit und
Mitteilsamkeit aufgelegt.»
  Damit stand er auf und lehnte sich an den
Kaminsims. Die meisten Leute hätten ihn wohl
häßlich gefunden; aber seine Haltung war
so stolz, sein Benehmen so ungezwungen, die
Gleichgültigkeit seinem Aussehen gegenüber, die
Überzeugtheit von seinen sonstigen Vorzügen
so imponierend, daß man gar nicht mehr merkte,
wie wenig anziehend er mit seiner übermäßig
breiten Gestalt eigentlich aussah. Man hatte un-
willkürlich das Gefühl, es seien Eigenschaften
vorhanden, welche die äußere Erscheinung un-
wichtig machten.
  «Ich bin heute abend gesellig und mitteilsam
aufgelegt», wiederholte er. «Deshalb habe ich
Sie kommen lassen. Feuer und Leuchter ge-
nügten mir nicht als Gesellschafter und Pilot
ebensowenig; denn sie können alle nicht
schwatzen. Adèle ist ein bißchen besser, aber
noch lang nicht das, was ich will, Mrs. Fairfax
auch nicht. Sie sind bestimmt das Richtige,
wenn Sie nur wollen. Schon gleich am ersten
Abend haben Sie mich interessiert. Inzwischen
habe ich kaum mehr an Sie gedacht; aber heute
abend will ich alles Unangenehme vergessen und
nur meinem Vergnügen nachleben. Und Ver-
gnügen macht es mir jetzt, Sie ein bißchen
kennenzulernen – also, erzählen Sie.»

178
  Doch ich lächelte nur. Und zwar nicht gerade
unterwürfig und diensteifrig.
  «Erzählen Sie, los!»
  «Was denn, Sir?»
  «Was Sie wollen. Was und wie es Ihnen be-
liebt.»
  Also saß ich da und sagte nichts. Wenn er
meint, ich schwatze jetzt einfach drauflos, nur
damit geschwatzt wird, so ist er an die Falsche
geraten, dachte ich.
  «Sie schweigen, Miss Eyre?»
  Ich schwieg ruhig weiter. Er beugte sich ein
wenig vor und sah mir rasch ins Gesicht.
  «Trotzig?» sagte er, «und ärgerlich? Ja, ja, das
paßt ganz gut dazu. Ich habe mein Ansinnen
sehr unhöflich vorgebracht. Verzeihen Sie, bitte,
Miss Eyre. Ich möchte es ein für allemal gesagt
haben, daß ich Sie nicht wie eine Untergebene
behandeln will; das heißt: nur mit dem Über-
legenheitsgefühl, das mir zwanzig Jahre Alters-
unterschied und hundert Jahre mehr Erfahrung
verliehen haben. Es ist ganz berechtigt, et j’ y
tiens, wie Adèle sagen würde. Und auf Grund
dieses Überlegenheitsgefühls bitte ich Sie nun,
ein Weilchen mit mir zu plaudern und mich ein
wenig von meinen bitteren Gedanken abzu-
lenken.»
  Da er sich so zu einer Erklärung, ja fast zu
einer Entschuldigung bequemt hatte, wollte ich
nicht unhöflich sein.
  «Ich bin durchaus bereit, Sie zu unterhalten,
Sir, aber ich weiß wirklich nicht, was Sie inter-

180
essiert. Stellen Sie mir Fragen, und ich werde so
gut als möglich antworten.»
  «Also gut: Sind Sie einverstanden mit dem,
was ich vorhin sagte? Nämlich, daß ich dem
Alter nach Ihr Vater sein könnte, daß ich die
halbe Welt gesehen, mich mit unendlich vielen
Menschen herumgeschlagen habe und deshalb
mit vollem Recht etwas herrisch sein darf.»
  «Ganz wie Sie wollen.»
  «Das ist keine Antwort, oder vielmehr eine
höchst aufreizende, weil sie so ausweichend ist,
Antworten Sie ohne Umschweife.»
  «Ich finde nicht, daß Sie ein Recht haben, mich
herumzubefehlen, nur weil Sie älter sind oder
die Welt besser kennen als ich. Ihr Anrecht auf
ein Gefühl der Überlegenheit hängt ganz davon
ab, wie Sie Zeit und Erfahrung angewendet
haben.»
  «Hm … eine klare Antwort. Aber ich kann sie
nicht annehmen, weil ich diese beiden Vorteile
gar nicht, oder gar nicht gut ausgenützt habe.
Lassen wir dieses Thema fallen. Sie dürfen trotz-
dem nicht böse sein, wenn ich Ihnen hie und da
einen etwas scharfen Befehl erteile.»
  Ich lächelte und dachte, Mr. Rochester sei
wirklich ein merkwürdiger Mensch. Er schien zu
vergessen, daß er mir dreißig Pfund im Jahr
zahlte dafür, daß ich seine Befehle entgegenzu-
nehmen hatte.
  «Das Lächeln ist gut», sagte er sogleich, «aber
nun reden Sie auch dazu.»
  «Ich dachte eben, daß es wohl nur wenigen

181
Herren einfällt, sich Gedanken darüber zu
machen, ob ihre bezahlten Untergebenen
durch ihre Befehle verärgert oder verletzt wer-
den.»
  «Bezahlte Untergebene! Was, sind Sie etwa
meine bezahlte Untergebene? Ach ja, ich vergaß
das Gehalt. Also gestatten Sie mir nun auf dieser
Basis, Sie ein bißchen zu tyrannisieren?»
  «Nein, Sir, nicht auf dieser Basis; aber weil Sie
das überhaupt vergessen hatten und weil es
Ihnen nicht gleichgültig ist, ob es Ihren Leuten
wohl ist in ihrer Stellung, bin ich gern einver-
standen.»
  «Und macht es Ihnen nichts aus, auf viele
konventionelle Höflichkeitsformeln zu verzich-
ten?»
  «Ich werde bestimmt nie Formlosigkeit mit
Grobheit verwechseln. Und während ich das
eine ganz gut mag, würde ich mich dem anderen
um keinen Preis beugen, wie jeder wirklich freie
Mensch.»
  «Unsinn! Selbst die meisten der ‹freien Men-
schen› geben sich um Bezahlung zu allem her.
Aber jedenfalls war es eine ehrliche Antwort.
Keine drei von dreitausend der üblichen Er-
zieherinnen hätten eine solche Antwort gegeben.
Aber ich will Ihnen keine Komplimente machen,
Sie können ja nichts dafür, daß die Natur Sie
anders geschaffen hat als die anderen. Und
überhaupt will ich nicht zu voreilig urteilen.
Wahrscheinlich haben Sie unleidliche Fehler,
die Ihre Vorzüge ausgleichen.»

182
  Und Sie wahrscheinlich auch, dachte ich.
Unsere Blicke trafen sich; er schien meine Ge-
danken lesen zu können; denn er sagte:
  «Ja, ja, Sie haben ganz recht», sagte er, «ich
weiß, daß ich selber eine Menge Fehler habe,
und ich will sie auch gar nicht beschönigen. So,
wie mein Leben war, habe ich genug vor meiner
eigenen Türe zu kehren. Mit einundzwanzig
Jahren bin ich in ein falsches Geleise geraten und
habe seither den rechten Weg nicht wieder ge-
funden. Ich hätte ein anderer Mensch werden
können, gut und rein wie Sie. Ich beneide Sie
um Ihren Frieden, Ihr sauberes Gewissen. Nicht
wahr, kleines Mädchen, unbefleckte Erinnerun-
gen sind ein köstlicher Schatz!»
  «Wie war es denn, als Sie so alt waren, wie ich
jetzt bin?»
  «Da war noch alles klar und sauber, von keinem
Stäubchen getrübt. Mit achtzehn war ich genau
wie Sie, ganz gleich. Von Natur war ich be-
stimmt, ein besserer Mensch zu sein, als ich es
jetzt bin. Sie glauben mir nicht, Miss Eyre, ich
sehe es Ihren Augen an, die immer verraten, was
Sie denken. Aber auf mein Wort, ich bin kein
böser Mensch, Sie dürfen mir keine Schlechtig-
keit zutrauen. Die äußeren Umstände haben
mein Leben überschattet, doch bin ich kein be-
sonders schlimmer Sünder: ich habe meine Aus-
schweifungen mit tausend reichen, wertlosen
Menschen gemein. Wundern Sie sich über das
Geständnis? Im Laufe Ihres Lebens werden
noch viele Menschen Sie ins Vertrauen ziehen,

183
Ihnen ihr Herz ausschütten, weil sie merken, daß
Sie es zwar nicht fertigbringen, von sich zu er-
zählen, um so besser aber verstehen, ohne bos-
haften Spott zuzuhören, mit der inneren Anteil-
nahme, die tröstet und Mut gibt, weil sie unauf-
dringlich ist.»
  «Wie können Sie das wissen?»
  «Ich weiß es einfach. Deshalb spreche ich so
offen, wie wenn ich in mein Tagebuch schriebe.
Sicher hätte ich stärker sein sollen als die äußern
Umstände, Sie haben recht; aber ich war es eben
nicht. Ich war nicht klug genug, um darüber zu
stehen; ich verzweifelte und versank. Wenn mich
jetzt irgendein lasterhaftes Individuum anekelt,
kann ich mir nicht einmal schmeicheln, besser
zu sein. Und doch, Gott weiß, wie ich wünsche,
ich wäre standhaft geblieben. Fürchten Sie sich
vor einem schlechten Gewissen, Miss Eyre, wenn
Sie jemals in Versuchung kommen sollten; Ge-
wissensbisse vergiften das Leben.»
  «Und das Heilmittel heißt Reue, Sir.»
  «Die ist kein Heilmittel. Man müßte ganz neu
beginnen, und ich hätte sogar die Kraft dazu;
aber es hat keinen Sinn. Ich bin gehemmt und
verdammt; das Glück ist mir auf immer versagt,
und doch habe auch ich ein Recht auf Freude,
die ich dem Leben abringen werde, koste es,
was es wolle.»
  «Dann werden Sie nur immer tiefer sinken.»
  «Vielleicht. Vielleicht auch nicht, wenn ich
eine frische, unbeschwerte Freude finde. Und
ich werde sie finden.»

184
  «Sie wird einen Stachel haben und bitter
schmecken.»
  «Wie wollen Sie das wissen? Sie kennen das
Leben ja nicht. Da können Sie so ernst und
feierlich dreinschauen, wie Sie wollen, Sie sind
doch unerfahren. Sie haben gar kein Recht, mir
Moral zu predigen, Sie Wickelkind, solange Sie
Ihre Nase nicht zum Nest hinausgestreckt haben
und eine Ahnung bekommen, was für Geheim-
nisse das Leben birgt.»
  «Ich erinnere Sie nur an Ihre eigenen Worte,
Sir, wonach Vergehen Gewissensbisse bringen,
die das Leben vergiften.»
  «Wer spricht jetzt von Vergehen? Ich glaube,
daß der Gedanke, den ich eben hatte, viel eher
eine Eingebung war als eine Versuchung. Sie
war wunderbar beruhigend, das weiß ich. Da
kommt sie wieder … Aber sie ist kein böser Geist,
sie trägt die Gewänder eines lichten Engels.
Einem solchen Gast muß ich mein Herz öffnen,
wenn er Einlaß begehrt.»
  «Mißtrauen Sie ihm, er ist kein wahrer En-
gel.»
  «Woher wollen Sie das wieder wissen? Wie
können Sie entscheiden, ob es der gefallene Erz-
engel oder ein wahrer Bote Gottes, ein Führer
oder Verführer ist?»
  «Ich urteile nach Ihrer Miene, Sir. Als Sie sag-
ten, die Eingebung komme wieder, wurden Sie
verwirrt. Wenn Sie ihr nachgeben, werden Sie
bestimmt nur noch unglücklicher.»
  «Keineswegs. Die Botschaft ist so lieblich. Aber

185
seien Sie unbesorgt, Sie sind ja nicht die Hüterin
meines Gewissens. Und du – tritt ein in mein
Herz, gütiger Wanderer!»
  Er schien zu einer nur ihm sichtbaren Er-
scheinung zu sprechen und breitete die Arme
aus, als wolle er den Unsichtbaren ans Herz
drücken.
  «Jetzt hat der Pilger seinen Einzug gehalten.
Er ist ein verkleideter Gott, dessen bin ich ganz
gewiß. Schon spüre ich seine wohltuende Wir-
kung.»
  «Der Wahrheit die Ehre, Sir, was Sie sagen,
übersteigt mein Verständnis. Ich weiß nur, daß
Sie bedauerten, nicht so gut zu sein, wie Sie
wünschten. Ihre Andeutung, daß eine befleckte
Erinnerung immer auf einem lastet, habe ich
verstanden. Ich bin überzeugt, daß Sie mit der
Zeit Ihr Ideal erreichen können, wenn Sie sich
ehrlich bemühen. Fangen Sie noch heute neu an,
dann dürfen Sie schon in wenigen Jahren froh
und ruhig auf einen geraden, makellosen Weg
zurückblicken.»
  «Was Sie sagen, ist ausgezeichnet, Miss Eyre,
und in diesem Augenblick schon pflastere ich
den Weg zur Hölle.»
  «Wie, bitte?»
  «Mit guten Vorsätzen, aber mit dauerhaften.
Jetzt kenne ich mein Ziel.»
  «Wird es auch besser sein?»
  «Gewiß. Sie scheinen an mir zu zweifeln. Ich
zweifle nicht. Meine Beweggründe berechtigen
mich dazu, nach meinen eigenen Gesetzen zu

186
leben. Veränderte Verhältnisse erfordern neue
Gesetze.»
  «Das ist ein gefährlicher Wahlspruch, der leicht
zu Mißbrauch führen kann.»
  «Da haben Sie recht, Sie salbungsvolle Weis-
heit; aber bei all meinen Göttern und Ahnen
schwöre ich, daß ich keinen Mißbrauch treiben
werde.»
  «Sie sind nur ein Mensch und nicht unfehl-
bar.»
  «Ja, wie Sie auch. Und was weiter?»
  «Der Mensch darf sich die Macht nicht an-
maßen, die allein Gott zusteht.»
  «Welche Macht?»
  «Die Macht, zu jeder neuen, ungesetzlichen
Handlungsweise zu sagen: ‹Sie ist recht.›»
  «‹Sie ist recht›, ganz genau das meine ich.»
  «Hoffentlich ist sie recht», sagte ich und erhob
mich, da ich die Nutzlosigkeit jeder weiteren
Diskussion erkannte, deren Sinn mir dunkel war
und mich darum nur verwirrte.
  «Wohin gehen Sie?»
  «Adèle muß zu Bett; es ist Schlafenszeit.»
  «Sie fürchten sich vor mir, weil ich wie eine
Sphinx spreche.»
  «Sie sprechen in Rätseln, Sir, die ich nicht be-
greife, die mir aber keine Furcht einflößen.»
  «Und doch haben Sie Angst, Ihre Eigenliebe
fürchtet, sich eine Blöße zu geben.»
  «Ja, in der Beziehung bin ich ängstlich. Ich
habe nicht das Bedürfnis, Unsinn zu schwatzen.»
  «Und wenn auch, Sie würden ihn so ernsthaft

187
vortragen, daß ich einen Sinn drin fände. La-
chen Sie eigentlich nie, Miss Eyre? Oh, selten,
das weiß ich schon; dabei können Sie so fröhlich
lachen. Sie sind von Natur aus genau so wenig
streng wie ich lasterhaft. Ihr ganzes Wesen ist
immer noch von Lowood beherrscht; aber mit
der Zeit werden Sie schon lernen, sich natürlich
zu geben, lebendiger und freier zu werden. Wol-
len Sie immer noch gehen?»
  «Die Uhr hat neun geschlagen.»
  «Das macht nichts; bleiben Sie noch einen
Augenblick. Ich habe Adèle die ganze Zeit über
beobachtet; sie ist noch nicht bereit. Adèle ist ein
interessantes Studienobjekt, ich werde Ihnen
einmal erzählen, warum. Eben hat sie in ihrem
Kästchen ein Seidenröckchen entdeckt und voll
begieriger Eitelkeit erklärt: ‹Il faut que je l’ essaie!
et à l’instant même!› Und weg war sie. Wenn sie
wieder hereinkommt, werden wir ein Miniatur-
bild von Céline Varens sehen. Ich fühle, daß es
mein Innerstes aufwühlen wird. Bleiben Sie da,
Miss Eyre, schauen Sie, ob meine Ahnung sich
bestätigt.»
  Kurz darauf kam Adèle ins Zimmer getrippelt.
Sie sah genau so aus, wie Mr. Rochester voraus-
gesagt hatte: in ganz kurzgeschürztem rosa
Atlasröckchen; ein Blumenkränzchen um die
Stirn, die Beinchen in Seidenstrümpfen und die
Füßchen in weißen Atlasschuhen.
  «Est-ce que ma robe va bien? et mes souliers? et mes
bas? Tenez, je crois que je vais danser!» Sie tanzte
durch den ganzen Raum auf Mr. Rochester zu,

188
wirbelte vor ihm auf den Zehenspitzen herum,
ließ sich auf ein Knie fallen und rief:
  «Monsieur, je vous remercie mille fois de votre bonté.»
  Dann erhob sie sich und fügte hinzu:
  «C’est comme cela que maman faisait, n’est-ce pas,
Monsieur?»
  «Ganz ge-nau!» erwiderte Mr. Rochester. «Ja,
ja, ‹comme cela› hat sie mir das Geld aus der
Tasche gelockt. Oh, ich bin auch einmal ein
grüner Junge gewesen, Miss Eyre, und wie grün!
Damals war mein Gesicht so frisch wie Ihres,
aber für mich ist der Frühling vorbei. Alles, was
blieb, ist dieses fremde Pflänzchen, das ich
manchmal fast lieber los wäre. Seit mir so recht
zum Bewußtsein kam, daß die Wurzel sich bloß
von Goldstaub nährte, habe ich die Blüte nur
noch halb so gern. Ich behalte sie eigentlich nur
nach dem Prinzip der katholischen Kirche, daß
ein gutes Werk viele Sünden aufwiegt. Ich er-
kläre Ihnen das später einmal. Gute Nacht!»

15

Einige Zeit später erhielt ich die Erklärung. Ich


war eines Nachmittags mit Adèle spazieren-
gegangen und hatte dabei zufällig Mr. Rochester
getroffen. Während Adèle mit Pilot spielte, er-
zählte er mir: «Sie ist die Tochter einer französi-
schen Tänzerin, Céline Varens, die ich brennend
geliebt habe. Sie schien meine Liebe womöglich
noch leidenschaftlicher zu erwidern, und es

189
schmeichelte mir, daß diese zarte Pariserin mich
trotz meiner Häßlichkeit allen anderen vorzog.
Ich schenkte ihr ein Haus, hielt ihr Dienerschaft,
kaufte ihr Wagen, Kleider, Schmuck und Spit-
zen, kurz, ich war auf dem besten Weg, mich für
sie zu ruinieren. Aber es erging mir wie allen
blind verliebten Tölpeln. Eines Abends besuchte
ich sie unerwartet; sie war ausgegangen. Da ich
müde war, ging ich in ihr Boudoir, öffnete die
Türe zur Terrasse und trat hinaus. Die Mond-
nacht war still und klar. Ich setzte mich auf einen
der Stühle und zündete mir eine Zigarre an.
Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich
jetzt auch eine rauchen.»
  Er zog eine Havanna aus der Tasche, zündete
sie an und tat ein paar tiefe Züge. Dann fuhr er
fort:
  «Endlich sah ich ihren Wagen auftauchen und
vor dem Haus halten. Céline stieg aus, schon
wollte ich ihr halblaut ‹mon ange› zurufen, als
eine zweite Gestalt in Hut und Mantel folgte.
Sie können nicht wissen, was Eifersucht ist, Miss
Eyre, denn Sie haben nie geliebt. Doch auch Sie
werden eines Tages in die Strudel des Lebens
geraten und auf immer hinabgezogen oder, so
wie ich, von einer starken Welle in ruhigeres
Wasser getragen werden. Ich liebe Thornfield,
seine zurückgezogene, geborgene Ruhe, Und
doch, wie lange habe ich es verabscheut, gemie-
den wie die Pest! Wie verabscheue ich noch
jetzt –»
  Er knirschte mit den Zähnen und blieb stehen.

190
Sein Blick glitt über sein Besitztum. Er drückte
Qual, Zorn, Haß, Ekel aus, dann wurde er hart,
fast zynisch. Er schien einen Entschluß gefaßt
zu haben, die Leidenschaft verschwand aus sei-
nen jetzt fast steinernen Zügen. Er fuhr fort:
  «In diesem Augenblick habe ich eine Frage mit
meinem Schicksal bereinigt, Miss Eyre. Da stand
es vor mir und fragte: ‹Liebst du Thornfield?
Liebe es, wenn du kannst, liebe es, wenn du es
wagst›. ‹Ich wage es, und ich kann›, habe ich
geantwortet, und ich werde mein Wort halten.»
  Adèle kam auf uns zugelaufen.
  «Weg mit dir!» fuhr er sie an, «geh zu Sophie!»
Dann ging er schweigend weiter.
  «Verließen Sie den Balkon, als Céline Varens
das Haus betrat?» erinnerte ich ihn an seine Er-
zählung.
  «Ach ja, ich vergaß. Ich blieb auf dem Balkon
stehen und belauschte das Pärchen. Ihr Gespräch
erfüllte mich mit Verachtung. Noch am selben
Abend brach ich mit Céline, und am folgenden
Morgen maß ich mich mit ihrem Liebhaber im
Duell. Sechs Monate vorher war Adèle zur Welt
gekommen, und Céline behauptete, sie sei meine
Tochter. Mag sein, obwohl sie mir weniger
gleicht als Pilot. Ein paar Jahre nach dem Bruch
verließ Céline ihr Kind und floh mit irgend-
einem Sänger oder Musiker nach Italien. Ob-
gleich ich die Vaterschaft nicht anerkenne, hatte
ich Erbarmen mit Adèle und brachte sie hierher,
um sie in gesunder, sauberer Umgebung auf-
wachsen zu lassen. Dann kamen Sie ins Haus,

191
Miss Eyre. Nun Sie wissen, daß Adèle das un-
eheliche Kind einer französischen Tänzerin ist,
werden Sie vielleicht nicht mehr gleich von ihr
denken und mir eines Tages mitteilen, Sie hätten
eine andere Stelle, ich möchte mich nach einer
neuen Erzieherin umsehen. Wer weiß.»
  «Nein, Mr. Rochester. Adèle trifft ja keine
Schuld. Ich habe sie gern, und weil sie doch
eigentlich elternlos ist, werde ich mich noch viel
mehr um sie kümmern. Glauben Sie denn, ich
zöge dieser verlassenen kleinen Waise, die sich an
mich anlehnt, das verzogene Kind einer reichen
Familie vor, das seine Erzieherin doch nur
haßt?»
  «Nun, wenn Sie es so ansehen … Gut. Jetzt
müssen wir gehen, es wird Nacht.»
  Ich spielte noch einen Augenblick mit Adèle
und Pilot, dann brachte ich das Kind ins Haus,
zog ihm Hut und Mantel aus, nahm es auf den
Schoß und ließ es eine Stunde lang nach Herzens-
lust schwatzen. Adèle hatte die Oberflächlichkeit
ihrer Mutter geerbt; ihr ganzes Wesen war un-
englisch. Aber sie besaß auch ihre Vorzüge, die
ich anerkannte und schätzte. Indessen suchte ich
vergeblich nach irgendeiner Ähnlichkeit mit
Mr. Rochester. Kein noch so geringer Zug ihres
Gesichts verriet auch nur eine Spur Verwandt-
schaft. Das war schade. Hätte sie Mr. Rochester
nur ein wenig geglichen, sie wäre ihm weniger
gleichgültig gewesen.
  Später, in meinem Zimmer, dachte ich lange
über Mr. Rochesters Erzählung nach. Die Lei-

192
denschaft eines reichen Engländers für eine treu-
lose französische Tänzerin war an sich nichts
Außergewöhnliches. Erstaunt hatte mich jedoch
die hochgradige Erregung, mit der er von seiner
wiedergewonnenen inneren Ruhe und von der
neuerwachten Freude an seinem Besitztum ge-
sprochen hatte. Ich konnte keine Erklärung fin-
den; meine Gedanken glitten weiter zu seinem
Benehmen mir gegenüber. Er hatte mir sein Ver-
trauen geschenkt, weil er mich verschwiegen
wußte. Seit einigen Wochen behandelte er mich
mit gleichmäßiger Freundlichkeit, seine An-
wandlungen frostiger Herablassung hatten auf-
gehört. Bei unerwarteten Begegnungen hatte er
immer ein Lächeln oder ein freundliches Wort
für mich. Offenbar verstand ich es, ihn abzu-
lenken; denn er schien unsere abendliche Plau-
derstunde zu suchen und zu schätzen.
  Seine ungezwungene, offene Freundlichkeit
löste mich aus meiner steifen Zurückhaltung und
zog mich zu ihm. Bald empfand ich ihn eher als
Freund denn als Herrn. Daß er zeitweise doch
noch den scharfen Befehlston annahm, machte
mir nichts mehr aus, es lag eben in seiner Art.
Ich war so glücklich und dankbar, meine Inter-
essen wachsen, mein Weltbild umfassender wer-
den zu sehen, daß ich mich nicht mehr nach An-
gehörigen sehnte. Alle Leere meines Daseins war
ausgefüllt, auch gesundheitlich ging es mir bes-
ser, ich nahm zu und wurde stark.
  In meinen Augen war Mr. Rochester nicht
häßlich. Meine Dankbarkeit ließ mir seine Züge

193
klug und anziehend erscheinen. Seine Gegen-
wart heiterte einen Raum mehr auf als das hellste
Feuer. Dabei vergaß ich seine Fehler nicht, die
häufig zum Vorschein kamen. Er war stolz,
spöttisch und schroff gegen jede Art von Unter-
legenheit; seiner großen Freundlichkeit mit mir
stand ungerechte Strenge mit vielen anderen
entgegen. Er war launisch und unberechenbar.
Wenn ich kam, um ihm vorzulesen, fand ich ihn
oft allein, fast böse vor sich hinstarrend. Er
schien an einem schweren Schicksal zu tragen.
Sein Leid bedrückte auch mich, und ich hätte
alles darum gegeben, ihm Erleichterung zu ver-
schaffen.
  Lange nachdem ich die Kerze gelöscht hatte,
lag ich noch schlaflos. Wie seltsam hatte er sich
benommen, als er von der Herausforderung
seines Schicksals sprach: Er solle es wagen, in
Thornfield glücklich zu werden. Vierzehn Tage
hatte er bleiben wollen; nun war er seit acht
Wochen da; und ich fürchtete sein Fortgehen.
  Ich weiß nicht, ob ich geschlafen hatte oder
nicht, als mich plötzlich ein unheimliches, ganz
eigenartiges Geräusch aufschreckte. Es schien
mir gerade über meinem Kopf zu sein. Ich rich-
tete mich in der Dunkelheit auf, um zu lauschen;
aber da ich nichts hören konnte, versuchte ich
wieder einzuschlafen. Vergebens. Angstvoll
klopfte mein Herz. Drunten in der Diele schlug
es gerade zwei Uhr, als ich wieder etwas hörte,
wie wenn Finger leise tastend über meine Türe
strichen.

194
  Auf mein «Wer ist da?» folgte nichts als Schwei-
gen. Kalte Angst ließ mich erstarren.
  Dann fiel mir ein, daß vielleicht Pilot, wie
schon oft, aus der Küche entwischt sei, um sich
auf die Schwelle des Zimmers seines Herrn zu
legen. Schon manchen Morgen hatte ich ihn
dort liegen gesehen. Der Gedanke beruhigte
mich; im Haus war wieder alles still. Ich legte
mich nieder; aber es war mir in dieser Nacht
nicht beschieden, zu schlafen. Ich war schon am
Einschlummern, als ich von einem teuflischen
Lachen aufgeschreckt wurde, das mir durch
Mark und Bein drang. Es klang tief, unterdrückt
und schien am Kopfende meines Bettes zu sein,
das sich gerade neben der Türe befand. Ich
stand auf und blickte umher, ohne jemand zu
sehen. Das übernatürliche Gelächter erscholl
von neuem hinter meiner Türe. Eilends stieß ich
den Riegel vor und rief wieder: «Wer ist da?».
Etwas gurgelte und stöhnte, dann verzog es sich
über Treppen und Gänge in den dritten Stock.
Die Türe, mit der das dritte Stockwerk erst vor
kurzem vom übrigen Haus abgeschlossen wor-
den war, wurde geöffnet, geschlossen, und alles
war wieder totenstill.
  War das Grace Poole? fragte ich mich. Ist sie
vom Teufel besessen? Ich kann nicht länger
allein bleiben, ich muß Mrs. Fairfax rufen. Ich
schlüpfte in mein Kleid, legte einen Shawl um
und schob mit zitternder Hand den Riegel zu-
rück. Eine brennende Kerze stand auf dem Läu-
fer vor der Türe; aber weit mehr verwunderte

195
mich, daß die Luft ganz dunstig war, wie von
Rauch erfüllt. Als ich der Ursache nachgehen
wollte, nahm ich einen durchdringenden Brand-
geruch wahr.
  Mr. Rochesters Türe war bloß angelehnt. In
Schwaden drang der Rauch hervor. Grace Poole,
Mrs. Fairfax, das Lachen, alles war mit einem
Schlag vergessen, und schon im nächsten Augen-
blick stürzte ich in sein Zimmer. Flammen zün-
gelten am Bett empor, die Vorhänge brannten
lichterloh. Mitten in Rauch und Flammen lag
regungslos im tiefsten Schlaf Mr. Rochester.
  «Auf! auf!» schrie ich und schüttelte ihn; aber
er murmelte nur etwas und drehte sich um. Der
Rauch hatte ihn betäubt. Keine Sekunde durfte
verloren werden: schon waren die Laken ange-
sengt. Ich ergriff das Waschbecken und den
Wasserkrug, die zum Glück beide gefüllt waren,
und schüttete sie über Bett und Schläfer aus.
Dann eilte ich in mein Zimmer, um meinen
Wasserkrug zu holen, und taufte das Bett ein
zweites Mal: die Flammen verlöschten. Das
Klirren eines zerbrechenden Kruges und vor
allem die kalte Dusche weckten Mr. Rochester
endlich auf. Trotz der finsteren Nacht merkte
ich, daß er wach war, denn ich hörte ihn die
seltsamsten Verwünschungen ausstoßen, als er
sich so plötzlich in ein kaltes Bad versetzt sah.
Erregt rief er aus:
  «Was ist das für eine Überschwemmung?»
  «Keine Überschwemmung, Sir», antwortete
ich, «aber es hat gebrannt. Stehen Sie jetzt auf,

196
kommen Sie, es ist schon gelöscht – ich bringe
Ihnen eine Kerze.»
  «Im Namen aller guten Geister, ist das Jane
Eyre? Was haben Sie mit mir angestellt, Sie
Hexe, Sie Zauberin? Wer ist außer Ihnen noch
da? Habt Ihr euch verschworen, um mich zu
ersäufen?»
  «Ich werde Ihnen eine Kerze bringen, Sir, so
stehen Sie doch in Gottes Namen auf. Irgend
jemand führt Böses gegen Sie im Schilde; Sie
können nicht früh genug herausfinden, wer und
was es ist.»
  «So, jetzt bin ich auf. Aber ich warne Sie davor,
schon Licht zu machen. Warten Sie, bis ich etwas
Trockenes angezogen habe, wenn überhaupt
noch etwas trocken ist – ja, da ist mein Schlaf-
rock. Also, los!»
  Ich lief hinaus und brachte die Kerze, die noch
immer im Gang brannte. Er nahm sie mir aus der
Hand und besah sich den Schaden: die halbver-
kohlte Bettstatt, die durchnäßten Leintücher,
die Wasserlache am Boden.
  «Was soll das bedeuten? Wer hat das getan?»
  Ich berichtete kurz, was geschehen war; das
seltsame Lachen im Gang, die Schritte auf der
Treppe zum dritten Stock, der Rauch, der
Brandgeruch in seinem Zimmer, das Feuer, und
wie ich es gelöscht hatte.
  Er hörte mir sehr ernst zu. Sein Gesicht
drückte mehr Beunruhigung als Erstaunen aus.
Auch nachdem ich alles erzählt hatte, blieb er
stumm.

197
  «Soll ich Mrs. Fairfax rufen?»
  «Mrs. Fairfax? Was zum Kuckuck wollen Sie
mit Mrs. Fairfax? Was kann die nützen? Nein,
lassen Sie sie in Frieden schlafen.»
  «Dann will ich Leah und John und seine Frau
holen.»
  «Nein. Verhalten Sie sich nur ruhig. Wenn Sie
mit Ihrem Shawl nicht warm genug haben,
können Sie noch meinen Mantel nehmen. Setzen
Sie sich in den Sessel – so. Legen Sie Ihre Füße
auf den Schemel, damit sie trocken bleiben. Ich
lasse Sie einen Augenblick allein und nehme die
Kerze mit. Bleiben Sie mucksmäuschenstill
sitzen, bis ich zurückkomme. Ich gehe eben ins
obere Stockwerk. Aber denken Sie daran: Nicht
bewegen, niemanden rufen!»
  Er ging. Ich hörte ihn so leise als möglich die
Flurtüre öffnen, dann wieder schließen; der
letzte Lichtschimmer verschwand. Lange mußte
ich in der stockfinsteren Nacht auf ihn warten;
ich wurde müde und fröstelte. Auf die Gefahr
hin, sein Mißfallen zu erregen, wollte ich schon
das sinnlose Warten aufgeben, als der tanzende
Lichtschimmer wieder im Gang auftauchte und
Mr. Rochester bleich und düster das Zimmer be-
trat.
  «Jetzt weiß ich alles», sagte er und stellte die
Kerze auf den Waschtisch, «es ist so, wie ich mir
gedacht habe.»
  «Wie denn, Sir?»
  Er stand mit verschränkten Armen da, die
Augen auf den Boden geheftet, und gab keine

198
Antwort. Als er das Schweigen brach, fragte er
in eigenartigem Ton:
  «Haben Sie eigentlich etwas gesehen, als Sie
die Türe öffneten?»
  «Nein, nur die Kerze auf dem Boden.»
  «Aber das sonderbare Lachen haben Sie gehört,
wie schon früher einmal, nicht wahr?»
  «Ja, eine Näherin hier lacht so. Sie heißt Grace
Poole und ist ein seltsames Wesen.»
  «Ganz richtig, Grace Poole. Sie haben es er-
raten. Eine seltsame, eine sehr seltsame Person.
Ich bin froh, daß außer Ihnen niemand etwas
weiß von dem nächtlichen Zwischenfall. Erzäh-
len Sie bitte keinem Menschen davon. Für diese
Bescherung» – er zeigte auf das Bett – «werde ich
schon eine Erklärung finden. Gehen Sie jetzt
wieder in Ihr Zimmer. Ich richte mich für den
Rest der Nacht in der Bibliothek ein. Es geht
schon gegen Morgen, in zwei Stunden stehen die
Dienstboten auf.»
  Ich erhob mich.
  «Dann gute Nacht, Sir», sagte ich.
  Überrascht rief er aus:
  «Wie! Sie wollen schon gehen?»
  «Sie haben mich entlassen, Sir.»
  «Gewiß, aber nicht, ohne sich zu verabschie-
den, nicht so kurz angebunden und trocken,
ohne ein Wort der Anerkennung. Sie haben mir
das Leben gerettet, mich vor einem fürchter-
lichen Tode bewahrt! Wir können uns nicht ein-
fach wie Fremde trennen! Geben Sie mir wenig-
stens die Hand zum Abschied.»

199
  Er ergriff meine Hand und hielt sie fest in der
seinen.
  «Sie haben mir das Leben gerettet; ich stehe
tief in Ihrer Schuld. Bei jedem anderen Men-
schen würde mir eine solche Schuld zur unerträg-
lichen Verpflichtung; aber Ihre Wohltat emp-
fange ich gerne, sie belastet mich nicht, Jane.»
  Er hielt inne, blickte mich an und suchte den
Worten Ausdruck zu geben, die ihm fast sicht-
bar auf den Lippen standen; aber seine Stimme
versagte.
  «Also nochmals: Gute Nacht, Sir. Von Wohl-
tat, Last oder Schuld kann gar keine Rede sein.»
  «Ich wußte, daß Sie mir irgendwann, irgend-
wie etwas Gutes erweisen würden; ich las das
schon am ersten Abend in Ihren Augen. Nicht
umsonst hat Ihr Blick mich so im Innersten be-
wegt. Man spricht von spontaner Sympathie und
von Schutzengeln – die unwahrscheinlichsten
Fabeln enthalten ein Körnchen Wahrheit. Gute
Nacht, mein guter Geist, mein Schutzengel.»
Eine seltsame Kraft lag in seiner Stimme, ein
seltsames Feuer brannte in seinem Blick.
  «Ich bin froh, daß ich wach war», sagte ich und
wandte mich zum Gehen.
  «Wollen Sie wirklich gehen?»
  «Mir ist kalt.»
  «Kalt? Natürlich, mit den Füßen im Wasser!
So gehen Sie, Jane, gehen Sie nur.»
  Er hielt meine Hand noch immer fest, und ich
konnte mich nicht befreien; deshalb sann ich
auf eine List.

200
  «Ich glaube, ich habe Mrs. Fairfax gehört, Sir.»
  Er ließ meine Hand los: «Dann müssen Sie
gehen.» Und ich ging. Ich kroch wieder ins Bett,
aber an Schlafen war nicht zu denken. Gedanken
und Bilder jagten mir durch das Hirn. Die Un-
ruhe trieb mich noch vor Morgengrauen aus dem
Bett.

16

Ich wünschte und fürchtete zugleich, Mr. Ro-


chester am nächsten Tag wiederzusehen. Ich
hätte seine Stimme hören mögen – und hatte
Angst vor seinem Blick. Ich war beinahe sicher,
daß er dem Schulzimmer einen kleinen Besuch
abstatten würde, wie er es hie und da tat. Aber
der Vormittag verlief so ruhig wie immer; der
Unterricht wurde durch nichts unterbrochen.
Nur kurz nach dem Frühstück hörte ich in der
Nähe von Mr. Rochesters Zimmer Stimmen-
gewirr. Die ganze Haushaltung war versammelt
und stieß Rufe aus wie: «Was für ein Glück, daß
der Herr nicht im Bett verbrannt ist!» oder:
«Es ist doch immer gefährlich, die Kerze nicht
auszulöschen!» oder: «Wie merkwürdig, daß nie-
mand etwas gehört hat!» usw. Solchem Gerede
folgte ein Möbelrücken und Aufräumen, und als
ich zum Mittagessen hinunterging, sah ich durch
die offene Tür, daß alles wieder in Ordnung ge-
bracht war. Nur die Bettvorhänge fehlten. Leah
stand auf dem Fensterbrett und putzte die rauch-
getrübten Scheiben. Gerade als ich sie anspre-

201
chen wollte, sah ich noch eine zweite Person im
Zimmer – eine Frau saß neben dem Bett und
nähte Ringe an die neuen Vorhänge. Und diese
Frau war Grace Poole.
  Sie war ganz auf ihre Arbeit konzentriert,
schweigsam und gesetzt wie immer, und nichts
in ihren gewöhnlichen, derben Zügen ließ darauf
schließen, daß sie einen Mordversuch unter-
nommen hatte und von dem, dem er galt – wie
ich annahm –, gestellt worden war. Ich war
fassungslos. Sie sah auf, während ich sie an-
starrte; aber sie zuckte mit keiner Wimper. Kurz
und gleichgültig wie immer tönte ihr «Guten
Tag, Miss», und ruhig nähte sie weiter.
  Ich wollte sie auf die Probe stellen, denn eine
solche Undurchdringlichkeit und Beherrschtheit
überstieg mein Verständnis.
  «Guten Morgen, Grace», sagte ich. «Ist etwas
geschehen? Mir schien, ich hörte die Dienst-
boten alle durcheinander reden.»
  «Der Herr hat heute nacht noch gelesen im
Bett und ist eingeschlafen, ohne die Kerze zu
löschen. Die Vorhänge haben Feuer gefangen,
aber zum Glück ist er noch rechtzeitig erwacht
und hat den Brand mit dem Waschwasser er-
sticken können.»
  «Seltsam», sagte ich leise, schaute sie scharf an
und fragte plötzlich:
  «Hat ihn denn niemand gehört? Ist niemand
erwacht?»
  Wieder blickte sie mich an, und zwar diesmal
mit wachen Augen. Dann sagte sie:

202
  «Die Dienerschaft hat ihre Zimmer ziemlich
weit weg; es ist verständlich, daß sie nichts ge-
hört hat. Ihr Zimmer und das von Mrs. Fairfax
sind am nächsten; aber Mrs. Fairfax hat nichts
gehört, ältere Leute schlafen oft tief.» Sie hielt
inne und fügte dann mit gespielter Gleichgültig-
keit, aber in bedeutungsvollem Ton hinzu: «Aber
Sie sind jung, Miss Eyre, und sicher haben Sie
einen leichten Schlaf. Vielleicht haben Sie Lärm
vernommen?»
  «Das hab’ ich auch», sagte ich so leise, daß
Leah mich nicht hören konnte. «Zuerst dachte
ich, es sei Pilot; aber Pilot kann nicht lachen,
und ich weiß ganz sicher, daß ich ein seltsames
Lachen hörte.»
  Sie nahm einen neuen Faden, zog ihn sorg-
fältig und mit ruhiger Hand durch das Öhr und
bemerkte dann vollständig gefaßt:
  «Es ist kaum anzunehmen, daß der Herr ge-
lacht hat, als er sich in solcher Gefahr sah. Sie
müssen geträumt haben.»
  «Ich habe nicht geträumt», sagte ich ziemlich
hitzig, denn ihre Unverfrorenheit regte mich
auf. Wieder sah sie mich forschend an.
  «Haben Sie dem Herrn gesagt, daß Sie ein
Lachen hörten?» fragte sie.
  «Ich habe ihn heute morgen noch nicht ge-
sprochen.»
  «Kam es Ihnen nicht in den Sinn, die Tür zu
öffnen und in den Gang hinauszuspähen?» fragte
sie weiter.
  Es war das reinste Kreuzverhör. Mir fiel plötz-

203
lich ein, daß sie mir einen bösen Streich spielen
mochte, wenn sie herausfand, daß ich sie ver-
dächtigte. Es schien mir ratsam, auf der Hut zu
sein.
  «Ganz im Gegenteil», sagte ich, «verriegelt
habe ich die Tür.»
  «Tun Sie denn das nicht jede Nacht?»
  Ei der Daus, sie will meine Gewohnheiten aus-
findig machen, damit sie ihre Pläne danach ein-
richten kann! Meine Empörung war stärker als
die Vorsicht; ich erwiderte scharf: «Bis jetzt habe
ich nicht gewußt, daß es nötig ist, daß Gefahren
oder Unannehmlichkeiten in diesem Haus dro-
hen, aber in Zukunft (das betonte ich ausdrück-
lich) werde ich sorgfältigst meine Vorkehrungen
treffen, bevor ich mich getraue, ins Bett zu ge-
hen.»
  «Daran werden Sie gut tun», antwortete sie.
«Ich habe zwar noch nie gehört, daß in Thorn-
field Hall eingebrochen worden wäre, obwohl
viele Wertsachen in den Schränken sind. Aber es
hat nur wenig Dienstboten, und mich dünkt es
besser, vorsichtig zu sein. Eine Tür ist schnell
verriegelt, und manchmal ist es ganz gut, einen
Riegel zwischen sich und dem Unheil zu wissen.
Es gibt Leute, die alles der Vorsehung überlassen,
aber ich finde, die Vorsehung braucht auch un-
sere Mitarbeit.»
  Ich stand noch immer wie vor den Kopf ge-
schlagen ob dieser wunderbaren Selbstbeherr-
schung und schamlosen Heuchelei, als die Kö-
chin Grace Poole zum Essen holte. Aber Grace

204
Poole wollte nicht hinuntergehen, sondern bat,
man möge ihr ihren Krug Bier und den Pudding
auf einem Brett herauf bringen; sie nehme es
dann mit nach oben. Weiter brauche sie nichts.
  Die Köchin richtete mir aus, Mrs. Fairfax
warte auf mich, und so ging ich.
  Während des ganzen Mittagessens zerbrach
ich mir den Kopf über Grace Poole und ihre
Stellung in Thornfield. Mr. Rochester hatte sie
ziemlich offen als Täterin bezeichnet, aber wa-
rum hatte er sie denn nicht verhaften lassen oder
zumindest weggejagt? Warum hatte er mich ge-
beten, zu schweigen? Er, der hochmütige, rach-
süchtige Herr war offenbar in der Gewalt einer
seiner niedrigsten Untergebenen; es war selt-
sam.
  Wenn Grace jung und hübsch gewesen wäre,
hätte ich mir wohl einen Grund für diese Rück-
sicht denken können. Aber bei ihrem Aussehen
war dieser Gedanke ganz abwegig. Gewiß, sie
war auch einmal jung gewesen; sie war etwa
gleichaltrig mit Mr. Rochester und lebte schon
viele Jahre in Thornfield. Dazu besaß sie wahr-
scheinlich Originalität und Charakterstärke,
Eigenschaften, die Mr. Rochester gern hatte,
vielleicht sogar äußerer Schönheit vorzog. Viel-
leicht hatte eine vorübergehende Schwäche ihn
in ihre Gewalt gebracht, die sie jetzt noch aus-
übte und die er nicht loswerden konnte. Aber
dann sah ich wieder ihr breites, vierschrötiges,
abstoßendes Gesicht vor mir, und alle diese Ver-
mutungen erschienen mir sinnlos. Doch die

205
innere Stimme, die mir diese Gedanken zu-
flüsterte, hielt mir vor, daß auch ich nicht hübsch
sei und daß doch Mr. Rochester mich gut leiden
möge, und ich dachte an die vergangene Nacht,
an seine Worte, seine Stimme, seine Blicke.
  Mit diesen Gedanken war ich ins Schulzimmer
gekommen; Adèle hatte Zeichenunterricht, und
ich beugte mich über sie und führte ihren Blei-
stift. Die Ereignisse der letzten Nacht standen
immer noch deutlich vor mir. Adèle fuhr er-
schreckt auf:
«Qu’avez-vous,Mademoiselle?» fragte sie; «vos doigts
tremblent comme la feuille, et vos joues sont rouges: mais,
rouges comme des cerises!»
  «Vom Bücken ist mir das Blut in den Kopf ge-
stiegen, Adèle», sagte ich. Sie fuhr fort, zu zeich-
nen, und ich dachte weiter nach.
  Ich wollte den häßlichen Gedanken über
Grace Poole schnell vergessen; das Ganze ekelte
mich an. Ich verglich mich mit ihr und fand, wir
seien sehr verschieden. Bessie hatte gesagt, ich
sei eine Dame; und jetzt sah ich noch viel besser
aus als damals; ich war auch lebhafter und tem-
peramentvoller, weil meine Freuden und Hoff-
nungen so viel größer waren.
  Nun wurde es Abend, und noch hatte ich
nichts von Mr. Rochester gesehen oder gehört.
So sehr ich am Morgen eine Begegnung gefürch-
tet hatte, so sehnlich wünschte ich sie jetzt herbei.
Ich lauschte hinunter, aber niemand brachte mir
die Aufforderung, ich solle zu ihm kommen. Ich
wollte ihn fragen, warum er Graces Schuld ge-

206
heimhielt, wenn er tatsächlich annahm, sie habe
ihm nach dem Leben getrachtet. Ich fürchtete
nicht, er könne sich ärgern, ich verstand es im-
mer wieder, ihn zu besänftigen, und wir beide
maßen uns gern in solchen Wortgefechten.
  Endlich krachte die Treppe – aber es war nur
Leah, die mir mitteilte, der Tee sei in Mrs. Fair-
fax’ Zimmer angerichtet. Doch ich war schon
froh, dorthin gehen zu können; mir war, ich
komme damit Mr. Rochester näher.
  «Sie haben den Tee nötig», sagte Mrs. Fairfax,
«Sie haben heute mittag zu wenig gegessen. Ich
glaube fast, es ist Ihnen nicht gut, Sie sehen aus,
wie wenn Sie Fieber hätten.»
  «Nein, nein, mir ist ganz wohl.»
  «Dann müssen Sie jetzt aber tüchtig essen.» Sie
erhob sich und schloß die Fensterläden, da es
schnell dunkel wurde.
  «Es ist ein schöner Abend», sagte sie, «obwohl
die Sterne nicht scheinen. Im großen und ganzen
hat Mr. Rochester doch einen angenehmen Tag
ausgesucht für seine Reise.»
  «Reise? Ist er fortgegangen? Ich wußte gar
nichts davon.»
  «Ja, er ist unmittelbar nach dem Frühstück fort.
Er ist zu einer Gesellschaft nach ‹The Leas›, dem
Gut von Mr. Eshton, gefahren. Lord Ingram, Sir
George Lynn und viele andere sind auch dort.»
  «Kommt er heute abend zurück?»
  «Nein, nein, wahrscheinlich bleibt er eine Wo-
che oder sogar länger. Wenn so reiche und ele-
gante Leute fröhlich beisammen sind, eilt es

207
ihnen nicht mit dem Aufbruch. Besonders Her-
ren sind bei solchen Gelegenheiten sehr er-
wünscht, und Mr. Rochester ist sehr beliebt bei
den Damen; er ist ein so guter Gesellschafter,
dazu reich und vornehm, daß ihm seine äußere
Erscheinung gern verziehen wird.»
  «Sind auch Damen in dieser Gesellschaft?»
  «O ja, Mrs. Eshton mit ihren drei Töchtern,
dann Blanche und Mary Ingram, wahre Schön-
heiten. Ich habe Blanche vor ein paar Jahren
gesehen, als Mr. Rochester hier eine Weihnachts-
gesellschaft gab. Sie war damals achtzehn und
die unbestrittene Ballkönigin, obwohl etwa fünf-
zig Leute aus den besten Kreisen der Grafschaft
da waren.»
  «Ach, Sie haben sie selber gesehen, Mrs. Fair-
fax? Wie sieht sie aus?»
  «Groß, gut gewachsen, mit dunklem Teint und
großen schwarzen Augen, ähnlich denen von
Mr. Rochester. Sie hat tiefschwarze Locken und
trug ein wunderbares weißes Gewand mit einer
bernsteingelben Schärpe und eine Blume in der
gleichen Farbe im Haar.»
  «Sie wurde natürlich heftig bewundert?»
  «Selbstverständlich. Sie ist nicht nur schön,
sondern auch sehr begabt. Mr. Rochester und
sie sangen ein Duett zusammen.»
  «Mr. Rochester? Ich wußte gar nicht, daß er
singen kann.»
  «O doch, er besitzt eine sehr gute Baßstimme
und versteht sehr viel von Musik.»
  «Was für eine Stimme hat denn Miss Ingram?»

208
  «Sie sang prächtig. Auch Klavier spielen kann
sie ausgezeichnet.»
  «Und eine so schöne Dame mit solchen Vor-
zügen ist noch ledig?»
  «Es scheint so. Wahrscheinlich hat sie nicht viel
Geld.»
  «Aber warum hat sich denn keiner der vor-
nehmen, reichen Herren in sie verliebt? Mr. Ro-
chester zum Beispiel ist doch reich?»
  «Und wie! Aber der Altersunterschied ist be-
trächtlich: er ist an vierzig und sie erst fünfund-
zwanzig.»
  «Das macht doch nichts! Es heiraten Leute, die
noch viel weniger zusammenpassen.»
  «Das stimmt, aber ich kann mir nicht vorstellen,
daß Mr. Rochester auf diese Idee kommen
könnte. Aber Sie essen ja gar nichts!»
  «Ich bin zu durstig, um essen zu können. Kann
ich noch eine Tasse Tee haben?»
  Dann wollte ich das Gespräch wieder auf
Mr. Rochester und die schöne Blanche bringen,
aber Adèle trat ein und lenkte uns ab.
  Als ich wieder allein war, überdachte ich
nochmals alles, was ich erfahren hatte, prüfte
meine Gedanken und Gefühle und gab mir dann
Mühe, sie aus dem Irrgarten der Phantasie wie-
der zurückzurufen und zur Vernunft zu bringen.
So hielt ich Gericht über mich selber, sah ein,
was für eine Törin ich gewesen war. Ich hatte
mir eingebildet, dem vornehmen, erfahrenen
Mr. Rochester zu gefallen, nur weil er mir ge-
legentlich ein paar freundliche Worte gönnte.

209
Ich hatte eine stille Liebe in mir emporwachsen
lassen, die doch zu nichts führen konnte. Zur
Strafe wollte ich mein eigenes Porträt zeichnen
mit der Überschrift «Bildnis einer Erzieherin,
ohne Verwandtschaft, arm, häßlich», dann das-
jenige von Blanche Ingram, in den zartesten
Farben, und darunter schreiben: «Blanche, eine
Dame mit allen Vorzügen». Wenn ich mir in
Zukunft einbilden sollte, Mr. Rochester habe
etwas für mich übrig, wollte ich die beiden Bilder
vergleichen. Mit diesem festen Entschluß schlief
ich ein.
  Ich hielt mein Wort. In vierzehn Tagen hatte
ich die beiden Bilder vollendet, mein Porträt
naturgetreu in Kreide und die imaginäre Blanche
auf Elfenbein. Der Unterschied war so groß, als
meine Selbsterziehung es nur wünschen konnte,
und der scharfen Selbstzucht verdankte ich es,
daß ich späteren Ereignissen mit einer gewissen
Gelassenheit begegnen konnte.

17

Eine Woche verging ohne Nachricht von Mr.


Rochester. Nach zehn Tagen war er noch nicht
zurück. Mrs. Fairfax sagte, es würde sie nicht
überraschen, wenn er von «The Leas» gerade-
wegs nach London und von dort auf den Konti-
nent ginge und sich ein Jahr lang nicht mehr auf
Thornfield blicken ließe. Er habe die Besitzung
schon oft so plötzlich und unerwartet verlassen.

210
Diese Worte schmerzten mich tief; ich nahm
mich jedoch zusammen, und es gelang mir,
meine Enttäuschung zu verwinden. Ich machte
mir klar, daß meine Beziehungen zu Mr. Ro-
chester sich darauf beschränkten, für den Unter-
richt seiner Protégée mein Gehalt zu beziehen,
dankbar zu sein für die freundliche, rücksichts-
volle Behandlung, die ich im Bewußtsein der
Pflichterfüllung auch von ihm erwarten durfte.
Mehr verband uns nicht, ich durfte keine tieferen
Gefühle hineindichten. Ich war ihm gesellschaft-
lich nicht gleichgestellt; meine Selbstachtung
mußte mich davor bewahren, meine hingebende
Liebe an einen Menschen zu verschwenden, der
sie nicht begehrte, vielleicht sogar verachtete.
  Ruhig ging ich meiner alltäglichen Beschäfti-
gung nach. Langsam keimte die Absicht in mir
auf, Thornfield zu verlassen; in Gedanken erfand
ich Gründe, setzte Anzeigen auf, schmiedete
Pläne. Ich fand es unnötig, diese Gedanken zu
meiden; mochten sie reifen, wenn sie stark genug
waren.
  Eines Morgens, etwa vierzehn Tage darauf,
lief ein Brief von Mr. Rochester an Mrs. Fairfax
ein. Während sie das Siegel erbrach und den
Brief las, trank ich meinen heißen Kaffee, der
meine schon glühenden Wangen noch mehr
rötete, und bemühte mich, meine Ruhe zu be-
wahren. Warum ich zitterte und die halbe Tasse
verschüttete, darüber wollte ich gar nicht erst
nachdenken.
  Endlich brach Mrs. Fairfax das Schweigen:

211
  «Manchmal finden wir es zu ruhig hier; aber
für die nächste Zeit werden wir vollauf be-
schäftigt sein.»
  «Mr. Rochester wird wohl nicht so bald zurück-
kehren?» wagte ich zu fragen, ohne Mrs. Fairfax
anzusehen.
  «Im Gegenteil, in drei Tagen will er hier sein.
Und zwar nicht allein, er bringt Gäste von ‹The
Leas› mit. Er ordnet an, die besten Schlafzimmer
herzurichten, Salon und Bibliothek auszufegen,
mehr Dienstboten einzustellen. Die Damen brin-
gen ihre Zofen mit, die Herren ihre Diener. Das
Haus wird voll sein.»
  Hastig verzehrte Mrs. Fairfax ihr Frühstück
und eilte, um gleich die ersten Anordnungen zu
treffen.
  Wie sie vorausgesagt hatte, waren die drei
Tage mit Arbeit überhäuft. Drei Frauen scheuer-
ten und putzten unablässig in den Räumen, die
mir schon immer durchaus rein und ordentlich
erschienen waren. Teppiche wurden geklopft,
Spiegel poliert, Feuer angezündet; alles war in
Bewegung. Adèle geriet vor Begeisterung über
die Vorbereitungen und die Aussicht auf nahen
Besuch völlig außer Rand und Band. Sophie
mußte alle ihre «toilettes» überprüfen, auswählen,
in Ordnung bringen. Mrs. Fairfax nahm auch
meine Hilfe in Anspruch; so war Adèle schulfrei
und vergnügte sich damit, in allen Zimmern
herumzutollen, auf die Betten zu klettern, sich
in den Kissen zu rollen, während ich in der
Küche lernte, wie man Creme, Torten und Ge-

212
bäck macht, Wild anrichtet und Nachspeisen
garniert.
  Bis die erwartete Gesellschaft kam, hatte ich
keine Zeit, Hirngespinsten nachzuhängen. Ich
war von fröhlicher Tätigkeit ganz in Anspruch
genommen. Aber meine Freude wurde gedämpft,
von Zweifeln und dunklen Vorahnungen ge-
trübt, als ich Grace Poole auftauchen sah, die
von Zimmer zu Zimmer glitt und den Frauen
Ratschläge erteilte. Einmal am Tag erschien sie
für eine Stunde in der Küche, um zu essen, um
am Kamin eine Pfeife zu rauchen und dann mit
ihrem Krug Bier wieder in ihren niederen, dü-
stern Schlupfwinkel im Dachstock zu verschwin-
den, wo sie nähte, finster vor sich hinlachte und
so einsam war wie ein Gefangener in seinem
Verlies.
  Niemand außer mir schien sie zu beachten
oder sich über ihr Benehmen aufzuhalten, nie-
mand bedauerte sie wegen ihrer abgeschiedenen
Einsamkeit. Nur einmal hörte ich Leah mit einer
der Scheuerfrauen über sie sprechen. Auf ein
Wort von Leah, das ich nicht verstanden hatte,
bemerkte die Frau:
  «Sie ist wohl gut bezahlt?»
  «Ja», erwiderte Leah, «ich wollte, ich verdiente
ebensoviel. Man wird gut bezahlt in Thornfield;
aber Grace Poole erhält mindestens fünfmal so
viel Lohn wie wir. Sie macht Ersparnisse, die sie
jedes Quartal nach Millcote zur Bank trägt.
Wahrscheinlich könnte sie davon leben; aber sie
ist an die Stelle gewöhnt und außerdem mit

213
ihren kaum vierzig Jahren noch zu jung, um
nicht mehr zu arbeiten.»
  «Wahrscheinlich ist sie eine gute Dienerin»,
sagte die Scheuerfrau.
  «Oh, niemand versteht sich auf ihre Arbeit
besser als sie», gab Leah bedeutungsvoll zur Ant-
wort. «Nicht jede könnte ihren Platz einnehmen,
und wäre es um noch so viel Geld.»
  «Ganz bestimmt nicht! Ich wundere mich nur,
daß ihr Herr …»
  Sie wollte fortfahren, aber Leah hatte mich
erblickt und gab ihr ein Zeichen.
  «Weiß sie es denn nicht?» flüsterte die Tag-
löhnerin.
  Leah schüttelte den Kopf; beide verstummten.
Jetzt hatte ich also bloß in Erfahrung gebracht,
daß es in Thornfield ein Geheimnis gab, über das
ich in Unwissenheit gehalten werden sollte.
  Die Ankunft der Gäste rückte heran. Schon
am Vorabend waren alle Vorbereitungen ge-
troffen; in jeder Vase blühten Blumen, alles
strahlte vor Sauberkeit und Frische. Am Nach-
mittag zog Mrs. Fairfax ihr bestes schwarzes
Seidenkleid und Handschuhe an, ja sie schmück-
te sich sogar mit einer goldenen Uhr, um die
Gäste zu empfangen und den Damen ihre Zim-
mer zu zeigen. Adèle verlangte, auch angekleidet
zu werden. Ich gab Sophie die Erlaubnis, ihr ein
Musselinkleidchen anzuziehen, obwohl ich
wußte, daß Mr. Rochester sie kaum schon am
ersten Abend der Gesellschaft vorstellen würde.
Ich selbst brauchte kein anderes Kleid. Ich fand

214
in meinem kleinen Heiligtum, dem Schulzim-
mer, Zuflucht und befürchtete nicht, gestört zu
werden.
  Wie ein Vorbote des Sommers erschien der
klare und milde Frühlingstag; ich saß im Schul-
zimmer am offenen Fenster und nähte.
  Mrs. Fairfax kam ins Zimmer hereingerauscht.
  «Es wird spät», sagte sie, «ich bin froh, daß ich
das Nachtessen auf eine Stunde später gerichtet
habe, als Mr. Rochester wollte. Ich habe John
auf die Straße geschickt, um die Ankunft der
Gäste rechtzeitig zu erfahren.» Sie trat ans Fen-
ster. «Da kommt er! Nun, John, etwas Neues?»
  «In zehn Minuten werden sie hier sein.»
  Adèle stürzte ans Fenster. Auch ich schaute
hinaus, verbarg mich aber hinter dem Vorhang,
um nicht gesehen zu werden. Die Minuten
schienen mir Stunden. Endlich vernahm man
Hufschlag und Räderrollen; zwei offene Wagen
fuhren vor. Flatternde Schleier wurden sichtbar.
Pilot trollte vor drei Herren herum, von denen
zwei jung und sehr elegant waren, im dritten er-
kannte ich Mr. Rochester. Er ritt an der Spitze
der Gesellschaft neben einer Dame im roten
Reitkleid. Durch ihren wehenden Schleier
schimmerten schwarze Locken.
  «Miss Ingram!» rief Mrs. Fairfax und eilte
hinunter.
  Die Ankommenden verschwanden um die
Ecke des Hauses. Nur mit Mühe beruhigte ich
Adèle, die unbedingt sofort in die Diele hinunter
wollte. Ich machte ihr klar, daß sie erst gehen

215
dürfe, wenn sie von Mr. Rochester gerufen
würde, weil er sonst sehr böse würde. Es gab
Tränen; aber als sie mein ernstes Gesicht sah,
fügte sie sich.
  Aus der Diele drang fröhliches Stimmenge-
wirr. Der Baß der Herren mischte sich mit den
silbernen Tönen der Damen; über alle vernehm-
lich aber die klangvolle Stimme des Hausherrn,
der seine Gäste willkommen hieß. Leichte
Schritte wurden auf der Treppe hörbar, fröhli-
ches Lachen, Türen, die sich öffneten und schlos-
sen; dann herrschte für eine Weile Ruhe.
  «Sie kleiden sich um», seufzte Adèle, die auf-
merksam jede kleinste Bewegung im Haus ver-
folgte. «Chez maman, quand il y avait du monde, je le
suivais partout, au salon et à leurs chambres; souvent je
regardais les femmes de chambre coiffer et habiller les
dames, et c’était si amusant: comme cela on apprend.»
  «Hast du keinen Hunger, Adèle?»
  «Mais oui, Mademoiselle: voilà cinq ou six heures
que nous n’avons pas mangé.»
  Während die Damen noch auf den Zimmern
waren, ging ich die Hintertreppe hinunter in die
Küche. Alles war in Aufregung. Suppe und Fisch
waren angerichtet; mit angespannter Aufmerk-
samkeit beugte sich die Köchin über Pfannen
und Töpfe. Im Zimmer der Dienstboten standen
und saßen ein paar Kutscher und Kammer-
diener ums Feuer. Ich nahm mir ein kaltes Hähn-
chen, Brot, etwas Kuchen, Messer und Gabel
und ging rasch wieder nach oben. Als ich an der
Treppe war, kamen die Damen aus ihren Zim-

216
mern. Da ich sie nicht kreuzen wollte, wartete
ich im Schatten, bis sie unten wären. Einen
Augenblick unterhielten sie sich fröhlich im
Gang, dann rauschten sie in ihren wunderbaren,
glänzenden Gewändern die Treppe hinunter.
Adèle, die ihre Türe einen Spalt weit geöffnet
hatte, rief mir entgegen:
  «Wunderschön sind die Damen! Ich möchte
sie so schrecklich gern begleiten! Ob Mr. Ro-
chester uns wohl nach dem Essen rufen wird?»
  «Ich glaube kaum. Er hat Wichtigeres zu tun.
Für heute abend mußt du darauf verzichten,
vielleicht darfst du sie morgen sehen. Jetzt wollen
wir essen.»
  Die Kleine war hungrig; Huhn und Kuchen
lenkten sie ab. Ich bat auch Sophie zum Essen,
da sie sonst nichts bekommen hätte, denn in der
Küche waren alle viel zu beschäftigt, um an uns
zu denken. Das Dessert wurde erst um neun Uhr
serviert, und noch um zehn eilten die Diener hin
und her, mit Servierbrett und Kaffee. Ich er-
laubte Adèle, länger aufzubleiben, erzählte ihr
Geschichten und nahm sie hinaus auf den Gang,
von wo aus wir das Kommen und Gehen der
Diener beobachten konnten. Nach dem Essen
hörte man aus dem Salon Musik, eine Frau sang
mit schöner, voller Stimme, dazwischen erfüllte
wieder fröhliches Gemurmel den Saal. Ich ver-
suchte, Mr. Rochesters Stimme zu erkennen –
was mir auch bald gelang – und aus den undeut-
lichen Lauten Worte zusammenzusetzen.
  Adèle war ruhig und müde geworden. Als es

217
elf Uhr schlug, nahm ich sie auf den Arm und
brachte sie zu Bett, Bis die Gäste sich zum Schla-
fen zurückzogen, wurde es fast eins.
  Der folgende Tag war wieder strahlend schön.
Die Gesellschaft machte einen Ausflug, teils zu
Pferde, teils in Wagen. Ich beobachtete ihre Ab-
fahrt und Rückkehr. Miss Ingram ritt als einzige
Dame; ihr zur Seite, wie am Vortage, Mr. Ro-
chester. Die beiden hielten sich ziemlich abseits
von den übrigen. Ich machte deswegen eine Be-
merkung zu Mrs. Fairfax.
  «Sie sagten, Mr. Rochester und Miss Ingram
dächten nicht daran, zu heiraten; aber wie Sie
sehen, zieht Mr. Rochester sie offenkundig allen
anderen vor.»
  «Ja, sicher bewundert er sie.»
  «Und sie ihn. Schauen Sie nur, wie vertraulich
sie sich zu ihm hinüberbeugt. Ich möchte einmal
ihr Gesicht sehen.»
  «Dazu werden Sie heute abend Gelegenheit
haben. In einem günstigen Augenblick konnte
ich Mr. Rochester mitteilen, wie sehr Adèle sich
danach sehnt, vorgestellt zu werden. Er hat ge-
antwortet: ‹Oh, lassen Sie sie nach dem Essen
in den Salon kommen, und bitten Sie Miss Eyre,
sie zu begleiten.›»
  «Das hat er nur aus Höflichkeit gesagt, ich
brauche sicher nicht zu gehen.»
  «Ich habe ihn schon darauf aufmerksam ge-
macht, daß Sie nicht gerne in eine so große,
fremde Gesellschaft kämen, aber er erwiderte
nur: ‹Blödsinn, sagen Sie ihr, daß es mein

218
spezieller Wunsch ist. Und wenn sie sich wehrt,
sagen Sie, daß ich sie selbst holen werde.›»
  «Ich will ihn nicht bemühen, ich füge mich,
wenn auch widerstrebend. Kommen Sie auch,
Mrs. Fairfax?»
  «Nein, ich habe mich verteidigt und meinen
Prozeß gewonnen. Um das unangenehme, for-
melle Vorstellen zu vermeiden, müssen Sie in
den Salon gehen, solange alles noch beim Essen
sitzt. Dann wählen Sie sich eine ruhige Ecke.
Wenn die Herren herübergekommen sind, brau-
chen Sie nicht lange zu bleiben. Mr. Rochester
muß Sie nur sehen, das genügt vollkommen.»
  «Bleiben diese Leute lange hier?»
  «Zwei oder drei Wochen, mehr sicher nicht.
Sir George Lynn ist Abgeordneter von Millcote
geworden, Mr. Rochester wird ihn begleiten,
nehme ich an. Ich wundere mich, daß er seinen
Aufenthalt in Thornfield überhaupt so lange
ausgedehnt hat.»
  Mit einigem Unbehagen sah ich den Augen-
blick näherrücken, da ich mich im Salon ein-
finden sollte. Adèle war den ganzen Tag in einer
Aufregung und beruhigte sich erst, als Sophie
sie ankleidete. Von dem Moment an saß sie
ruhig, um ihr Kleidchen und ihre Locken nicht
in Unordnung zu bringen. Ich selbst zog mein
bestes Kleid an, das silbergraue, das zu Miss
Temples Hochzeit angeschafft, aber seither nie
wieder getragen worden war. Als Schmuck be-
saß ich nur meine Perlbrosche.
  Der Salon war leer, als wir eintraten. Ein

219
großes Feuer loderte im Kamin, Kerzen brann-
ten in strahlender Einsamkeit inmitten der sel-
tenen Blumen, welche die Tische schmückten.
Der Durchgang zum Speisezimmer war mit
scharlachroten Teppichen verhängt. Nur ein
dumpfes Gemurmel drang herüber. Ich nahm
ein Buch, zog mich in eine Fensternische zurück
und gab vor, zu lesen. Adèle war von der Feier-
lichkeit des Augenblicks sichtlich beeindruckt;
wortlos setzte sie sich auf einen Schemel mir zu
Füßen. Nach einiger Zeit berührte sie mein Knie.
  «Was willst du, Adèle?»
  «Est-ce que je ne puis pas prendre um seule de ces
fleurs magnifiques, Mademoiselle? Seulement pour com-
pléter ma toilette.»
  «Du denkst viel zuviel an deine ‹toilette›, aber
du sollst trotzdem eine Blume haben.»
  Ich gab ihr eine Rose. Sie seufzte vor innerer
Befriedigung tief auf. Ich mußte über ihre ernst-
hafte, echt französische Eitelkeit lächeln.
  Kurz darauf wurde der Vorhang gelüftet und
gab den Blick frei auf die geschmückte, mit kost-
barem Kristall und glänzendem Silber beladene
Tafel. Eine Gruppe von Damen betrat den
Salon; der Vorhang fiel wieder zu. Zum Teil
waren sie sehr schön; einige waren weiß ge-
kleidet. Ich erhob mich und knickste; kaum
eine oder zwei erwiderten meinen Gruß. Wie
weiße Vögel schwebten sie durch den Raum,
lehnten sich in Sessel und Sofas oder standen um
das Feuer herum und unterhielten sich halblaut.
  Später erfuhr ich auch ihre Namen. Da waren

220
zunächst Mrs. Eshton mit ihren zwei Töchtern.
Sie war einmal schön gewesen und sah noch jetzt
gut aus. Ihre Töchter waren hübsch und elegant.
Dann Lady Lynn, an die vierzig, groß, aufrecht
und hochmütig. Mrs. Dent, die Frau eines Ober-
sten, war weniger auffällig, sah dafür wirklich
wie eine Dame aus, mit blondem Haar und
schwarzem Seidenkleid. Am meisten zogen die
Damen Ingram meine Aufmerksamkeit auf sich.
Alle drei waren groß gewachsen; die Mutter war
mit ihren fast fünfzig Jahren noch immer schön,
wurde aber von Mary und vor allem von Blanche
überstrahlt. Ich stellte fest, daß Mrs. Fairfax sie
richtig beschrieben hatte und daß mein Minia-
turbild ihr wirklich glich. Sie sah ihrer Mutter
außerordentlich ähnlich, die gleiche niedere
Stirn, der gleiche anmaßende Ausdruck, der
gleiche Stolz. Ihr Lachen und ihre Lippen drück-
ten spöttische Überheblichkeit aus.
  Man behauptet, das Genie sei selbstbewußt.
Ich weiß nicht, ob Miss Ingram ein Genie war,
aber selbstbewußt war sie in ungewöhnlichem
Maß. Sie unterhielt sich mit Mrs. Dent, die eine
große, aber nicht sehr gelehrte Blumenfreundin
war, über Botanik. Miss Ingram, die sich gut
auskannte, ließ ihr ganzes Wissen spielen; sie
«zog» Mrs. Dent «auf», wie die volkstümliche
Redensart lautet. Dann spielte Blanche Ingram
meisterhaft Klavier; sie sang mit sehr schöner
Stimme, und zuletzt unterhielt sie sich mit ihrer
Mutter französisch. Sie beherrschte es fließend,
und ihre Aussprache war gut.

221
  Mary war viel zarter und sanfter als Blanche,
ihr Gesicht war ausdruckslos, ihr Benehmen
ruhig und unauffällig; gegen den dunkeln, fast
spanischen Teint von Blanche wirkte der ihre
beinahe blaß und leblos!
  War Blanche Ingram eine Frau für Mr. Ro-
chester? Ich kannte seinen Geschmack zu wenig,
um das zu beurteilen. Wenn er majestätische
Frauen liebte, war sie mit ihrer junonischen Ge-
stalt wie für ihn geschaffen. Jedenfalls bewun-
derte er sie, aber um sicher zu sein, mußte ich
beide zusammen sehen.
  Adèle war natürlich nicht sitzengeblieben,
sondern den Damen entgegengegangen, hatte
sie mit ihrem schönsten Knicks begrüßt und dazu
feierlich «Bonjour, Mesdames» gesagt. Miss Ingram
betrachtete sie spöttisch von oben herab und rief:
«Oh, was für ein Püppchen!»
  «Sicher ist sie das kleine französische Mündel,
von dem Mr. Rochester uns sprach», bemerkte
Lady Lynn.
  Mrs. Dent nahm sie bei der Hand, und die
Damen Eshton riefen: «Ein entzückendes Kind!»
Dann zogen sie sie zu sich aufs Sofa und ver-
wöhnten sie. Adèle schwamm in Seligkeit.
  Als der Kaffee gebracht wurde, kamen die
Herren. Vom Vorhang halb verdeckt, beob-
achtete ich ihr feierliches Erscheinen. Sie waren
alle schwarz gekleidet, gut gewachsen und zum
Teil ziemlich jung. Henry und Frederick Lynn
waren weltmännische Stutzer, Oberst Dent er-
schien als eleganter Militär. Mr. Eshton war ein

222
vornehmer Herr; Lord Ingram glich auffallend
seiner etwas blut- und leblosen Schwester
Mary.
  Mr. Rochester ließ auf sich warten. Als er ein-
trat, hatte ich Mühe, mich auf meine Strickarbeit
zu konzentrieren. Unwiderstehlich bestürmten
mich die Gedanken an unsere letzte Begegnung.
Er hatte meine Hand gehalten, mich bewegt an-
geschaut und gesagt, ich habe ihm einen un-
schätzbaren Dienst erwiesen. Wie nahe war ich
ihm in jenem Augenblick gewesen! Was war nur
geschehen seither, das unsere Beziehungen ge-
trübt hatte? Jetzt war er so weit fort, so ent-
fremdet! Es überraschte mich kaum, als er, ohne
mich überhaupt zu beachten, am anderen Ende
des Saales Platz nahm und sich mit einigen Da-
men unterhielt. Sein Gesicht anzuschauen, be-
reitete mir schmerzliche Freude, wie sie ein dur-
stiger Wanderer empfinden mag, der den lang-
ersehnten Brunnen erreicht, ihn vergiftet findet
und sich doch bückt, um in tiefen Zügen zu
trinken. In meinen Augen war er schön, und
mehr als das, er beherrschte mein Denken und
Fühlen. Ich hatte mich bis zum äußersten gegen
meine Liebe gewehrt, sie im Keim zu ersticken
versucht, aber kaum erblickte ich ihn wieder,
brach sie mit erneuter, unwiderstehlicher Kraft
hervor. Auch wenn er mich nicht beachtete –
ich liebte ihn.
  Ich verglich ihn mit seinen Gästen. Aber was
war die Schönheit des jungen Lynn, die schwäch-
liche Eleganz Lord Ingrams, das soldatische Ge-

223
haben des Obersten Dent neben seiner ursprüng-
lichen Kraft? Ihr Aussehen und Benehmen be-
rührte mich nicht. Jedermann fand sie gewiß
anziehend und schön, Mr. Rochester dagegen
hart und düster. Aber ihr Lachen war leer und
nichtig. Wenn Mr. Rochester lächelte, glätteten
sich seine strengen Züge, in seine Augen kam ein
heller Glanz.
  Er sprach mit Louisa und Amy Eshton. Ich
wunderte mich, daß sie unter seinem durch-
dringenden Blick ruhig blieben, die Augen nicht
niederschlugen, nicht erröteten. Ich war froh,
sie so ungerührt zu sehen, und dachte: Er be-
deutet ihnen eben nicht so viel wie mir, er ist
ihnen in seinem Wesen viel weniger ähnlich als
mir. Mein Fühlen ist dem seinen verwandt, ich
verstehe jede seiner Bewegungen. Wenn Rang
und Reichtum auch eine unüberbrückbare Kluft
bilden, verspüre ich doch in Herz und Sinn, im
Blut, in jeder Faser meines Wesens etwas, das uns
geistig eint. Ich habe die Natur gelästert, als ich
mir weismachen wollte, einzig mein Gehalt sei
das Bindeglied zwischen uns, als ich versuchte,
in ihm nur den Herrn zu sehen, der mich für
meine Arbeit bezahlt. Alles in mir, das gut, wahr
und stark ist, drängt zu ihm. Ich weiß, daß ich
meine Liebe verbergen, meine Hoffnung er-
sticken muß. Ich weiß auch, daß er sich nichts
aus mir machen kann, daß unsere Gemeinschaft
sich auf Empfindungen, Ideen beschränkt, daß
wir auf immer getrennt sind, und doch werde
ich ihn lieben, solange ich lebe.

224
  Der Kaffee wurde herumgereicht. In Gruppen
plauderten die Gäste; nur Blanche Ingram stand
allein an einem Tisch, über ein Album gebeugt.
Sie wartete offenbar, daß man sie holte aber als
sie Mr. Rochester ebenso allein am Kamin leh-
nen sah, trat sie zu ihm.
  «Ich dachte, Sie liebten Kinder nicht, Mr. Ro-
chester.»
  «Das tue ich auch nicht.»
  «Warum haben Sie sich dann mit der kleinen
Puppe belastet? Wo haben Sie die aufgegabelt?»
  «Ich habe sie nicht aufgegabelt; ich hatte keine
andere Wahl.»
  «Sie hätten sie zur Schule schicken sollen.»
  «Das ging nicht, es kostet zuviel.»
  «Wieso? Sie haben doch eine Erzieherin ange-
stellt; jedenfalls sah ich vorhin jemand mit der
Kleinen – ist sie fort? – ah nein, da steht sie noch
hinter dem Vorhang. Eine Erzieherin müssen
Sie ebenfalls bezahlen und unterhalten; das
kommt doch eher noch teurer!»
  Ich fürchtete und hoffte zugleich, Mr. Ro-
chester würde bei dieser Bemerkung zu mir her-
überblicken, und zog mich noch mehr in den
Schatten zurück. Aber ohne sich umzuwenden,
erwiderte er:
  «Daran habe ich noch nicht gedacht», sagte er
gleichmütig.
  «Natürlich, Vernunft und Sparsamkeit waren
noch nie die starke Seite der Männer. Sie sollten
hören, wie Mama über Hauslehrerinnen denkt.
Mary und ich haben gut ein Dutzend gehabt.

225
Alle waren entweder unleidlich oder lächerlich,
nicht wahr, Mama?»
  «Sagtest du etwas, mein Herzblatt?»
  Blanche wiederholte ihre Frage ausführlich.
  «Sprich mir nicht von Erzieherinnen, mein
Liebling, das regt mich auf. Ich habe genug un-
ter ihrer Unfähigkeit und Anmaßung gelitten;
Gott sei Dank bin ich sie auf immer los.»
  Mrs. Dent beugte sich über die liebevolle
Dame und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Aus der
Antwort schloß ich, daß sie sie an die Gegen-
wart eines Exemplars dieser vermaledeiten Gat-
tung erinnerte.
  «Tant pis! Das wird ihr guttun!» Dann fügte
sie leiser, aber doch hörbar hinzu: «Ich habe sie
schon bemerkt. Ich verstehe mich auf Gesichter.
In ihrem finde ich alle Fehler ihrer Klasse bei-
sammen.»
  «Welcher Art sind denn diese Fehler, Madam?»
fragte Mr. Rochester ganz laut.
  «Das erzähle ich Ihnen einmal unter vier
Augen», gab sie zurück und wiegte vielsagend
den Kopf.
  «Aber meine Neugier möchte jetzt befriedigt
werden; man muß essen, wenn man hungrig
ist.»
  «So fragen Sie Blanche, sie ist näher bei Ihnen.»
  «Laß mich doch in Frieden, Mama! Ein Wort
charakterisiert die ganze Gattung: eine Plage
sind sie! Ich habe eigentlich nie unter ihnen ge-
litten, ich wußte ihnen immer alle möglichen
Streiche zu spielen. Wenn sie nicht zu blöd oder

226
plump waren, sondern empfindlich wie Madame
Joubert, bereitete es uns einen Heidenspaß. Ich
sehe noch ihre verzweifelte Wut, als wir unseren
Tee ausschütteten, unser Butterbrot zerkrümel-
ten, die Bücher im Zimmer herumwarfen, mit
dem Lineal auf das Pult und mit dem Schüreisen
auf das Kamingitter lostrommelten. Das waren
noch glückliche Tage, nicht wahr, Theodor?»
  «Äl-ler-dings», näselte Lord Ingram. «Wenn
sie schrie: ‹Oh, ihr böse Kind!› lasen wir ihr die
Leviten über die Unverfrorenheit, daß eine so
dämliche Ziege so gescheite Kinder wie uns zu
unterrichten wage.»
  «O ja, und als Mr. Vining sich in Miss Wilson
verliebte, machten wir sie zum allgemeinen Ge-
spött, und meine liebe Mama fand heraus, daß
das ganz unmoralisch war, nicht wahr, verehr-
teste Mama?»
  «Sicher, mein Liebchen, solche Beziehungen
dürfen keine Sekunde geduldet werden, dafür
gibt es tausend Gründe. Erstens …»
  «Erspare uns die Aufzählung, Mama, wir ken-
nen das. Vernachlässigung der Pflichten, schlech-
tes Beispiel, Verschwörungen und so weiter.
Stimmt’s, Baronin Ingram von Ingram Park?»
  «Ja, meine Lilienblüte, du hast recht wie im-
mer.»
  Amy Eshton fiel mit weicher, kindlicher
Stimme ein: «Wir plagten unsere Lehrerin auch;
aber sie war so gutmütig, daß sie sich alles ge-
fallen ließ und nie böse wurde. Sie versagte uns
keinen Wunsch.»

227
  Miss Ingram kräuselte höhnisch die Lippen
und erklärte: «Lassen wir diese Erinnerungen,
sprechen wir von etwas anderem. Ist es Ihnen
recht, Mr. Rochester?»
  «Gewiß, Madam, ich unterstütze Sie darin wie
in jedem anderen Vorschlag.»
  «In dem Fall, Signor Eduardo, sind Sie heute
abend bei Stimme?»
  «Auf Ihren Wunsch immer, Donna Bianca!»
  «Dann befiehlt Ihnen meine Hoheit, Ihre Lun-
gen zu füllen, Ihre Stimmbänder zu meinem
königlichen Dienst zu halten.»
  «Wer möchte nicht der Rizzio einer so gött-
lichen Maria sein?»
  «Zum Teufel mit Rizzio, dem faden Kerl! Da
gefällt mir der schwarze Bothwell besser. Meiner
Ansicht nach muß ein Mann etwas Dämonisches
an sich haben. So einen hitzigen, wilden Kerl
hätte ich heiraten mögen.»
  «Haben Sie gehört, meine Herren?» rief Mr.
Rochester. «Wer von uns sieht Bothwell am ähn-
lichsten?»
  «Diesen Vorzug haben Sie», entgegnete Co-
lonel Dent.
  «Auf mein Wort, dafür bin ich Ihnen sehr zu
Dank verpflichtet!»
  Inzwischen hatte Miss Ingram sich mit stol-
zer Anmut ans Klavier gesetzt. Sie schien heute
ganz auf dem hohen Roß zu sitzen und nicht nur
die allgemeine Bewunderung, sondern geradezu
Verblüffung herausfordern zu wollen.
  «Wenn ich heirate, darf mein Mann kein Rivale

228
sein, sondern nur eine Folie für mich. Ich dulde
keinen Konkurrenten an meinem Thron; ich
fordere ungeteilte Huldigung, unbedingte Er-
gebung. Ein Mann braucht nicht schön zu sein.
Seine Anbetung darf sich nicht teilen zwischen
mir und seinem Spiegelbild. Jetzt singen Sie,
Mr. Rochester, ich will für Sie spielen.»
  «Ich stehe Ihnen restlos zu Diensten.»
  «Hier ist ein Korsarenlied. Ich schwärme für
Korsaren, also ‹con spirito› bitte.»
  «Befehle von Miss Ingrams Lippen brächten
selbst in Wassersuppe Temperament.»
  «So geben Sie sich Mühe. Wenn Sie mir nicht
gefallen, werde ich Sie beschämen, indem ich
Ihnen zeige, wie man so etwas richtig macht.»
  «Das heißt eine Belohnung für Unfähigkeit aus-
setzen. Jetzt werde ich absichtlich versagen.»
  «Gardez-vous en bien! Sonst werde ich Sie ent-
sprechend bestrafen.»
  «Miss Ingram sollte nachsichtig sein, sie hat die
Macht, Strafen zu verhängen, die kein Sterb-
licher ertragen kann.»
  «Oha, das müssen Sie mir erklären!»
  «Mit Verlaub, meine Gnädigste, da braucht es
keine Erklärung. Ihr Feingefühl muß Ihnen sa-
gen, daß ein einziges Stirnrunzeln schon ein
Todesurteil bedeutet.»
  «Singen Sie!» Miss Ingram begann zu spielen.
  Jetzt ist der Augenblick günstig, um hinaus-
zuschlüpfen, dachte ich; aber der Gesang hielt
mich fest. Mrs. Fairfax hatte mit Recht Mr. Ro-
chesters schöne Baßstimme gelobt. Seine ganze

229
innere Kraft kam darin zum Ausdruck und ge-
wann Macht über die Seele der Zuhörer. Ich
wartete, bis der letzte Ton verklungen war. Als
alles wieder durcheinanderschwatzte, glitt ich
leise zur nahen Seitentüre hinaus in die Diele.
Während ich einen gelösten Schuhriemen be-
festigte, öffnete sich die Türe zum Speisezimmer.
Ein Herr trat heraus. Eilig wollte ich mich ent-
fernen, aber schon stand er vor mir: es war Mr.
Rochester.
  «Wie geht es Ihnen?»
  «Ausgezeichnet, Sir.»
  «Warum haben Sie mich im Salon nicht be-
grüßt?»
  Die gleiche Frage hätte ich ebensogut ihm
stellen können. Aber ich wollte nicht unhöflich
sein. Deshalb erwiderte ich nur:
  «Ich wollte Sie nicht stören, Sir; Sie waren so
in Anspruch genommen.»
  «Was haben Sie während meiner Abwesenheit
getrieben?»
  «Nichts Besonderes. Wie gewohnt Adèle unter-
richtet.»
  «Und bleich geworden sind Sie, das habe ich
auf den ersten Blick gesehen. Was ist los?»
  «Nichts, Sir.»
  «Sie haben sich doch nicht etwa erkältet in
jener Nacht, als Sie mich ertränken wollten?»
  «Kein bißchen.»
  «Kommen Sie zurück in den Salon; Sie sind zu
früh davongelaufen.»
  «Ich bin müde, Sir.»

230
  «Und bedrückt. Was haben Sie? Sagen Sie es
mir doch!»
  «Nichts, gar nichts. Ich bin nicht bedrückt.»
  «Und doch sind Sie so bedrückt, daß ein wei-
teres Wort Sie zum Weinen brächte. Ihre Augen
werden ja feucht. Wenn ich nicht fürchtete, ein
schwatzhafter Dienstbote könnte uns sehen, ich
wollte schon herausbringen, was das zu bedeuten
hat. Meinetwegen gehen Sie jetzt, aber kommen
Sie bitte jeden Abend in den Salon, solange die
Gäste hier sind. Ich wünsche es ausdrücklich,
vergessen Sie das nicht. Schicken Sie Sophie, sie
soll Adèle zu Bett bringen. Gute Nacht, mein –»
  Er unterbrach sich, biß sich auf die Lippen,
wandte sich jäh ab und ließ mich stehen.

18

Das waren fröhliche Tage in Thornfield Hall.


Das ganze düstere Haus lebte auf, in allen Zim-
mern, in allen Gängen war Bewegung. Als ein
Landregen kam, wurde die Fröhlichkeit nur
noch lauter und lebhafter.
  Eines Abends wurde beschlossen, Scharaden
aufzuführen. Die Diener mußten die Tische weg-
tragen, die Leuchter anders verteilen und die
Stühle im Halbkreis anordnen. Die Damen liefen
treppauf, treppab und riefen nach ihren Zofen.
Mrs. Fairfax mußte die Schränke des Hauses
plündern lassen, aus denen Stoffe, Tücher, Klei-
der aller Art hervorgezaubert wurden.

231
  Mr. Rochester stellte seine Partei zusammen.
«Miss Ingram gehört natürlich zu mir», sagte er.
Dann, nachdem er ein paar andere Damen auf-
gefordert hatte, fragte er mich, ob ich mitspielen
wolle. Ich verneinte, und zum Glück bestand er
nicht darauf. So zog ich mich an meinen ge-
wohnten Platz zurück und schaute zu. Mr. Esh-
ton wollte mich auffordern, teilzunehmen; aber
Lady Ingram wies die Zumutung entrüstet zu-
rück. «Nein», hörte ich sie sagen, «sie schaut zu
dumm aus, als daß sie bei einem solchen Spiel
mitmachen könnte.»
  Als der Vorhang sich das erste Mal hob, sah
man eine Szene, die ganz deutlich eine Trauung
darstellte. Die Braut war Miss Ingram, an ihrer
Seite natürlich Mr. Rochester.
  Die Gegenpartei erriet sofort, was gemeint
war, und der Vorhang fiel.
  Dann, nach einer ziemlich langen Pause, sah
man, als der Vorhang wiederum aufging, eine
sorgfältig hergerichtete Dekoration. Ein großes
schweres Marmorbecken war aus dem Winter-
garten hergebracht worden. Daneben saß auf
einem Teppich Mr. Rochester, mit Shawls und
einem Turban angetan. Das Kostüm paßte aus-
gezeichnet zu seinen dunklen Augen und exoti-
schen Zügen. Er sah aus wie ein echter Emir aus
dem Morgenlande. Dann trat Miss Ingram auf.
Auch sie war orientalisch gekleidet; ihre nackten
Arme schienen einen Krug auf dem Kopf zu
halten. Es war das gelungene Bild einer isra-
elitischen Prinzessin aus biblischer Zeit. Sie trat

232
zu dem Becken und schien ihren Krug zu füllen.
Der Wanderer bat sie um einen Trunk und gab
ihr zum Dank ein Kästchen mit Edelsteinen. Es
waren natürlich Elieser und Rebekka; nur die
Kamele fehlten.
  Die ratende Partei steckte die Köpfe zusam-
men, konnte sich jedoch nicht über den Sinn
dieses Bildes einigen, und darum verlangte ihr
Sprecher, Oberst Dent, daß auch noch das Bild
für das ganze Wort gezeigt werde.
  So tat sich der Vorhang zum drittenmal auf
und ließ Mr. Rochester in düsterer, kahler Um-
gebung sehen. Er saß an einem groben Tisch auf
einem Küchenstuhl; sein Gesicht war ge-
schwärzt, seine Kleidung hing unordentlich um
ihn herum, seine Haare waren zerzaust, und
wenn er sie in wilder Verzweiflung mit den Hän-
den durchwühlte, sah und hörte man klirrende
Ketten an seinen Knöcheln.
  Nun erriet Oberst Dent sogleich, was gemeint
war. Er rief: «Bridewell»; und damit war die
ganze Scharade gelöst *.
  Als die Darsteller wieder umgezogen in den
Speisesaal kamen, machte Miss Ingram dem
Partner Komplimente.
  «In der letzten Szene haben Sie mir am besten
gefallen», sagte sie. «Was für einen prächtigen

*  Bridewell ist der Name eines damals berüchtigten Londoner Ge-


fängnisses. Der – im Deutschen nicht wörtlich wiedergebbare – Witz
des Rätsels liegt in der Zusammensetzung des Ortsnamens aus den
beiden Begriffen «bride» = Braut und «well» = Brunnen, die eben
in den beiden ersten lebenden Bildern dargestellt werden.

233
Raubritter hätten Sie abgegeben, wenn Sie
ein bißchen früher zur Welt gekommen wä-
ren!»
  «Habe ich keinen Ruß mehr im Gesicht?»
fragte er.
  «Nein, leider nicht! Er stand Ihnen glänzend.»
  «Soso, Sie möchten also gerne einen Strauch-
dieb?»
  «Ein englischer Strauchdieb käme bei mir
gleich nach einem italienischen Banditen, und
den könnte höchstens ein levantinischer See-
räuber ausstechen.»
  «Nun, ich mag sein, was ich will, vergessen Sie
nicht, daß Sie meine Frau sind; vor einer Stunde
sind wir getraut worden, und die ganze Gesell-
schaft hier ist Zeuge.» Sie kicherte und wurde ein
wenig rot.
  Dann kam die Reihe an die andere Partei;
aber das Spiel interessierte mich nicht mehr.
Meine Aufmerksamkeit wurde vollständig von
Miss Ingram und ihrem Nachbarn gefesselt. Sie
wandten sich einander zu, tuschelten zusammen,
tauschten schnelle Blicke, kamen sich so nahe,
daß ihre schwarzen Locken beinahe seine Wan-
gen berührten.
  Ich hatte Mr. Rochester zu lieben angefangen,
und es war mir nicht möglich, ihn nun nicht
mehr zu lieben, weil er mich nicht beachtete,
weil ich sicher war, daß er bald die stolze Dame
heiraten würde, die zu vornehm war, um mich
auch nur mit ihrem Rocksaum zu berühren.
Eifersüchtig war ich kaum je; dazu war sie mir

234
nicht gut genug. Sie war auffällig; aber nicht
natürlich; ihr Gemüt war arm und unfruchtbar.
Sie war nicht gütig, nicht echt. Mitleid, Zunei-
gung, Aufrichtigkeit waren ihr fremd. Oft ver-
riet sie ihren Charakter durch die verächtliche
Art, mit der sie Adèle behandelte. Aber solche
Enthüllungen bemerkte nicht nur ich – Mr. Ro-
chester beobachtete seine Zukünftige kühl und
leidenschaftslos, und gerade seine klare Bewußt-
heit quälte mich.
  Er würde sie heiraten, vielleicht wegen ihrer
Familie, vielleicht aus politischen Gründen; ihre
gesellschaftliche Stellung und ihre Verbindun-
gen paßten ihm; aber ich fühlte, daß er ihr seine
Liebe nicht geschenkt hatte und daß sie wohl
kaum imstande war, sie jemals zu gewinnen.
Hier lag der Grund, warum ich nicht zur Ruhe
kommen konnte: sie konnte ihn nicht in ihren
Bann ziehen.
  Wenn sie ihn gleich und ganz erobert hätte,
wenn sie eine gute, edle Frau voll Kraft, Feuer
und Verstand gewesen wäre, so hätte ich einen
heftigen Kampf mit Eifersucht und Verzweif-
lung ausfechten müssen und hätte sie, wenn auch
von ihr aus dem Felde geschlagen, bewundert,
ihre Überlegenheit anerkannt und für den Rest
meiner Tage Ruhe gehabt. Aber zuzusehen, wie
sie sich alle Mühe gab, ihn einzufangen, und
nicht merkte, wie ihre mißglückten Versuche das
Opfer nur kopfscheu machten, das bedeutete
ständige Aufregung und krampfhafte Selbst-
beherrschung.

235
  Denn ich sah, wie sie ihr Ziel hätte erreichen
können. Ich fragte mich, warum sie ihn nicht
mehr zu beeinflussen vermochte, wenn sie doch
so viel und so nahe mit ihm zusammen sein
konnte. Bestimmt liebte sie ihn nicht aufrichtig,
sonst brauchte sie ihn nicht so unaufhörlich an-
zulächeln, immer wieder anzublitzen und stän-
dig neue, anmutige Posen zu erfinden. Mir
schien, daß sie seinem Herzen nähergekommen
wäre, wenn sie still bei ihm gesessen, weniger
geredet und weniger Blicke geworfen hätte. Sein
Gesicht hatte schon ganz anders ausgesehen als
jetzt, da es hart wurde ob ihrer Aufdringlichkeit.
Aber damals war er nicht durch kunstvolle Be-
rechnung herausgefordert worden, sondern alles
hatte sich natürlich ergeben. Man mußte nur
antworten, ohne sich aufzuspielen, mit ihm spre-
chen, ohne ständig das Gesicht zu verziehen;
dann wurde sein Ausdruck gütig und freundlich
und warm. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie
sie ihm in der Ehe gefallen wollte; aber vielleicht
war es doch möglich, und daß seine Gattin die
glücklichste Frau unter der Sonne sein müsse,
das war mein fester Glaube.
  Natürlich war ich überrascht, als ich merkte,
daß Mr. Rochester Miss Ingram aus Geld- und
Familienrücksichten heiraten wollte. Ich hatte
ihn solch gewöhnlicher Motive nicht für fähig
gehalten. Aber je länger ich darüber nachdachte,
desto verständlicher wurde mir die Einstellung
der beiden. Sie handelten nach Grundsätzen, die
ihnen von Kindheit an eingetrichtert worden

236
und ihrem Stand im allgemeinen eigen waren.
Also mußte doch etwas Wahres und Berechtigtes
daran sein. Mir schien allerdings, ich an seiner
Stelle würde eine Frau nur aus Liebe heiraten;
aber offenbar gab es gewichtige Gründe gegen
diese Auffassung, sonst müßte doch jedermann
handeln wie ich.
  Aber auch in anderer Beziehung wurde ich
sehr nachsichtig. Ich vergaß all die Fehler meines
Herrn, für die ich früher ein scharfes Auge ge-
habt hatte. Vorher hatte ich das Schlechte gegen
das Gute abwägen und so ein gerechtes Urteil
fällen wollen; aber jetzt sah ich nichts Schlechtes
mehr. Der Sarkasmus, der mich abgestoßen, die
Barschheit, die mich erschreckt hatte, waren nur
noch würzige Zutaten an einem auserlesenen
Gericht. Und das unbestimmbare, düstere Et-
was in seinen Augen, das einem aufmerksamen
Beobachter hie und da auffiel, dann aber so
schnell wieder verschwand, daß man seine Tiefe
nicht messen konnte, es blitzte von Zeit zu Zeit
immer noch auf. Aber anstatt es zu fürchten,
sehnte ich mich danach, es ergründen zu dürfen,
und ich beneidete Miss Ingram darum, daß sie
eines Tages in diesen Abgrund hineinsehen, seine
Geheimnisse enträtseln konnte.
  Während ich nur an meinen Herrn und seine
zukünftige Braut dachte, nur sie hörte und sah,
waren die übrigen Mitglieder der Gesellschaft
mit ihren eigenen Interessen und Vergnügungen
beschäftigt. Die Damen Lynn und Ingram hiel-
ten feierliche Konferenzen ab, nickten einander

237
mit ihrem Turban zu und hoben die Hände mit
beschwörenden Gebärden, die je nachdem Über-
raschung, Geheimnistuerei oder Entsetzen aus-
drückten. Mrs. Dent und Mrs. Eshton, die beide
gutmütig waren, gönnten mir hie und da ein
höfliches Lächeln oder Wort. Sir George Lynn,
Colonel Dent und Mr. Eshton politisierten und
besprachen Grafschaftsangelegenheiten. Lord
Ingram flirtete mit Amy Eshton; Louisa spielte
und sang mit einem der jungen Lynn, und Mary
Ingram hörte sich schmachtend die artigen Re-
den des andern an. Mr. Rochester und Miss
Ingram jedoch waren der Mittelpunkt, die Seele
der ganzen Gesellschaft, und manchmal schwie-
gen plötzlich alle wie auf Verabredung und hör-
ten ihnen zu. Wenn er nur eine Stunde nicht im
Zimmer war, schlich sich wahrnehmbar Lange-
weile ein, und erst bei seinem Wiedererscheinen
lebte das Gespräch von neuem auf.
  Eines Nachmittags, als er geschäftehalber
nach Millcote mußte, war seine Abwesenheit
besonders spürbar. Das Wetter war regnerisch,
und der Spaziergang, den man hatte unterneh-
men wollen, um in der Nähe ein Zigeunerlager
zu besichtigen, war verschoben worden. Ein paar
Herren waren in die Ställe gegangen, die jünge-
ren spielten mit den jüngeren Damen zusammen
Billard. Die älteren Damen Ingram und Lynn
suchten Trost in einem geruhigen Spielchen.
Nachdem Blanche Ingram ein paar Versuche der
Damen Eshton und Dent, sie in ein Gespräch zu
ziehen, durch hochmütiges Schweigen zunichte

238
gemacht hatte, klimperte sie einige sentimentale
Lieder; dann holte sie einen Roman aus der
Bibliothek und setzte sich in erhabener Gleich-
gültigkeit auf ein Sofa, um die langweiligen
Stunden seiner Abwesenheit mit Lesen totzu-
schlagen.
  Im Zimmer, im ganzen Haus war es still. Nur
hie und da hörte man oben die Billardspieler
fröhlich lachen.
  Die Dämmerung nahte, es war beinahe Essens-
zeit, als Adèle, die neben mir auf dem Fenster-
sims kniete, rief:
  «Voilà Monsieur Rochester qui revient!»
  Ich wandte mich um, und Miss Ingram
schnellte vom Sofa auf, auch die anderen wurden
aufmerksam, denn nun hörte man Räderknir-
schen und Hufschlag auf dem Kies. Eine Post-
kutsche näherte sich dem Haus.
  «Was ist in ihn gefahren, daß er auf diese Art
heimkommt?» fragte Miss Ingram. «Er ritt doch
seinen Rappen beim Weggehen, nicht?, und
Pilot war auch dabei – was hat er denn mit den
Tieren angefangen?»
  Sie trat so nahe ans Fenster, daß ich beinahe
mein Rückgrat brach, so sehr mußte ich mich
zurückbeugen. In ihrem Eifer bemerkte sie mich
zunächst gar nicht, dann aber kräuselte sie ver-
ächtlich die Lippen und rauschte an ein anderes
Fenster. Die Kutsche hielt. Der Kutscher läutete
die Hausglocke, und ein Herr in Reisekleidung
stieg aus dem Wagen; aber nicht Mr. Rochester.
Es war ein großer, eleganter Fremder.

239
  «Unerhört!» schrie Miss Ingram Adèle an.
«Du blöder Affe! Wer hat dich hier ans Fenster
gesetzt, damit du falschen Alarm gibst?» Dabei
schaute sie mich böse an, als wäre es mein Fehler.
  Man hörte Stimmen in der Halle, dann trat
der Ankömmling ein. Er verbeugte sich vor Lady
Ingram, da er annahm, sie sei die älteste der an-
wesenden Damen.
  «Ich komme scheint’s ungelegen, Madam»,
sagte er, «mein Freund, Mr. Rochester, ist nicht
zu Hause. Aber ich habe eine lange Reise hinter
mir, und ich glaube, unsere Bekanntschaft ist alt
und innig genug, daß ich hier auf ihn warten
darf.»
  Sein Benehmen war höflich. Sein Akzent war
etwas ungewöhnlich, nicht gerade fremdlän-
disch, aber doch nicht ganz englisch. Er mochte
etwa Mr. Rochesters Alter haben, zwischen drei-
ßig und vierzig. Er war sehr bleich, aber sonst
sympathisch, wenigstens auf den ersten Blick.
Als ich ihn näher betrachtete, entdeckte ich in
seinem Gesicht etwas, das mißfiel, oder besser
gesagt, das mir nicht gefiel. Seine Züge waren
regelmäßig, aber zu schlaff. Er hatte große
Augen; aber mir schien, es sprühe kein Leben
aus ihnen.
  Die Tischglocke zerstreute die Gesellschaft.
Erst nach dem Essen sah ich ihn wieder. Er
schien sich ganz wohl zu fühlen. Aber seine Züge
gefielen mir noch weniger als zuvor, sie wirkten
unstet und leblos zugleich. Seine Augen schweif-
ten umher, ohne jedoch etwas in sich aufzu-

240
nehmen; das gab ihnen einen Blick von einer
Seltsamkeit, wie ich sie noch nicht erlebt hatte.
Er stieß mich außerordentlich stark ab, obwohl
er ein gutaussehender Mann war. In diesem
glatten, ovalen Gesicht, in der Adlernase, dem
kleinen roten Mund war kein Zug von Kraft,
hinter der niederen Stirn saß kein Gedanke, von
den leeren braunen Augen ging nichts Gebieten-
des aus.
  Er saß in einem Lehnstuhl beim Feuer, an das
er immer noch näher heranrückte, als ob er
friere. Ich konnte ihn im hellen Licht der Leuch-
ter auf dem Kaminsims deutlich sehen und ver-
glich ihn mit Mr. Rochester. Es bestand zwischen
ihnen ein Unterschied wie etwa zwischen einem
sanften Schaf und seinem zottigen, scharf-
blickenden Wachhund.
  Er hatte gesagt, Mr. Rochester sei sein alter
Freund. Das mußte eine seltsame Freundschaft
sein, eine treffende Illustration zu dem Wort,
daß die Gegensätze sich anziehen.
  Zwei oder drei Herren saßen bei ihm; hie und
da konnte ich Bruchstücke ihrer Unterhaltung
auffangen. Allerdings störte mich zuerst das Ge-
spräch von Louisa Eshton und Mary Ingram,
die in meiner Nähe saßen. Sie unterhielten sich
über den Fremden, nannten ihn einen schönen
Mann, lobten seinen Mund, seine Nase, seine
glatte Stirn, seinen sanften Blick. Dann wurden
sie zum Glück ans andere Ende des Zimmers
gerufen, und ich konnte mich nun ganz mit der
Gruppe am Feuer beschäftigen.

241
  Der Fremde hieß Mr. Mason. Er war eben
erst nach England gekommen, und Namen wie
Jamaica, Kingston, Port-of-Spain deuteten an,
wo sein eigentlicher Wohnsitz lag. Dort hatte er
Mr. Rochester kennengelernt und erzählte nun
von dessen Abneigung gegen die tropische Hitze,
die Wirbelstürme und Monsunregen. Ich hatte
zwar von Mrs. Fairfax erfahren, daß Mr. Ro-
chester viel gereist war; aber ich hatte nie ge-
ahnt, daß seine Fahrten sich nicht auf Europa
beschränkt hatten.
  Ich sann über das Gehörte nach, als ein un-
erwarteter Zwischenfall meine Gedanken unter-
brach. Mr. Mason bat, man möchte noch Kohlen
nachlegen, da das Feuer am Niederbrennen war.
Der Diener, der sie brachte, machte beim Hin-
ausgehen Mr. Eshton leise eine Mitteilung, von
der ich nur die Worte «altes Weib» – «sehr auf-
dringlich» verstand.
  «Sagen Sie ihr, ich werde sie einsperren lassen,
wenn sie sich nicht davonmacht», antwortete
der Friedensrichter.
  «Halt!» unterbrach Colonel Dent. «Schicken
Sie sie nicht weg, Eshton, fragen Sie zuerst die
Damen.» Laut fuhr er fort: «Meine Damen, Sie
wollten das Zigeunerlager auf der Gemeinde-
wiese von Hay besichtigen. Sam da sagt, daß
eine der alten Vetteln in der Gesindestube ist
und um jeden Preis den ‹Hochwohlgeborenen›
wahrsagen will. Würde es Ihnen Spaß machen,
sie zu sehen?»
  «Ich bitte Sie, Colonel, es fällt Ihnen doch nicht

242
ein, eine solche Betrügerin zu unterstützen?»
rief Lady Ingram. «Schicken Sie sie fort!»
  «Ich kann sie nicht zum Weggehen bewegen,
Mylady», sagte der Diener. «Eben ist Mrs. Fair-
fax bei ihr und bittet sie inständig, fortzugehen;
aber sie sitzt auf einem Stuhl beim Kamin und
sagt, sie stehe nicht auf, bis sie hier hereinkom-
men dürfe.»
  «Was will sie denn?» fragte Mrs. Eshton.
  «Den Herrschaften wahrsagen, sagt sie, Ma-
dam, und sie schwört, sie müsse und werde es.»
«Wie sieht sie aus?» fragten die beiden Miss
Eshton gleichzeitig.
  «Ein scheußliches altes Weib, Miss, fast so
schwarz wie ein alter Kochtopf!»
  «Wunderbar, das ist eine richtige Hexe!» rief
Frederick Lynn. «Natürlich wollen wir sie sehen!»
  «Aber sicher», unterstützte ihn sein Bruder, «es
wäre ja jammerschade, ließe man sich einen sol-
chen Spaß entgehen.»
  «Aber meine lieben Jungen, wo denkt ihr bloß
hin!» entsetzte sich Mrs. Lynn.
  «Ich kann unmöglich ein so törichtes Vor-
haben zulassen!» mischte sich Mrs. Ingram ein.
«Selbstverständlich kannst – und wirst du das,
Mama», entschied die hochnäsige Stimme von
Blanche, die bis jetzt so getan hatte, als gehe sie
ein paar Musikstücke durch. «Ich bin neugierig
darauf, mein Schicksal zu erfahren. Sam, heißen
Sie die alte Hexe hereinkommen.»
  «Blanche, Liebling! Bedenke doch –»
  «Ja, ich bedenke alles, was du nur vorbringen

243
kannst, und ich will meinen Willen haben –
schnell, Sam!»
  «O ja ja!» riefen alle Jungen, die Damen und
die Herren, «sie soll kommen, das wird ein
Spaß!»
  Der Diener zögerte immer noch. «Sie sieht
aber wirklich schlimm aus», sagte er.
  «Gehen Sie», befahl Miss Ingram, und er ging.
  Die ganze Gesellschaft geriet in Erregung;
Scherz und Spott flammten auf. Sam kam zu-
rück.
  «Jetzt will sie nicht kommen», berichtete er.
«Sie sagte, es sei nicht ihr Amt, vor dem ‹ge-
meinen Volk› zu erscheinen (das sind ihre eige-
nen Worte). Ich soll sie allein in ein Zimmer
führen, und dann müssen die, welche sie befra-
gen wollen, einzeln zu ihr gehen.»
  «Da siehst du, meine gottvolle Blanche», be-
gann Lady Ingram, «sie wird schon frech. Sei
gescheit, mein Engel, und –»
  «Führen Sie sie in die Bibliothek», unterbrach
sie der Engel.« Es ist auch nicht mein Geschmack,
ihr vor dem ‹gemeinen Volk› zuhören zu müs-
sen. Ich will sie ganz für mich allein haben.
Brennt das Feuer in der Bibliothek?»
  «Ja, Madam; aber sie schaut tatsächlich aus
wie ein Kesselflicker.»
  «Hör auf mit dem Geschwätz, Dummkopf!
Tu, was ich dir sage!»
  Sam verschwand wiederum. Von neuem hob
sich die Bewegung, die Erwartung in der Ge-
sellschaft.

244
  «Jetzt ist sie bereit», sagte der Diener, als er von
neuem erschien. «Sie möchte wissen, wer ihr
erster Besucher ist.»
  «Es ist wahrscheinlich besser, wenn ich sie mir
einmal ansehe, bevor die Damen hineingehen»,
sagte Colonel Dent.
  «Melden Sie, daß ein Herr kommt, Sam.»
  Sam ging und kehrte zurück.
  «Sir, sie sagt, sie wolle keine Herren; die
brauchten sich gar nicht erst zu bemühen. Und
von den Damen will sie auch nur die jungen,
ledigen.» Er unterdrückte nur mit Mühe ein
Schmunzeln.
  «Weiß Gott, sie hat Geschmack!» rief Henry
Lynn.
  Miss Ingram erhob sich feierlich. «Ich gehe
zuerst», verkündete sie in einem Ton, der dem
Anführer einer todgeweihten Schar angestanden
hätte, wenn er seinen Leuten zum Sturm auf die
Bresche vorangeht.
  «O Liebste, Beste, warte – überlege!» war der
Angstschrei ihrer Mutter. Aber Blanche rauschte
schweigend an ihr vorbei, schritt durch die Tür,
die Colonel Dent für sie offen hielt, und wir hör-
ten sie die Bibliothek betreten.
  Nun wurde es ziemlich ruhig im Raum. Lady
Ingram fand es angebracht, die Hände zu ringen.
Miss Mary erklärte, sie würde sich nie getrauen.
Amy und Louisa Eshton kicherten leise und
sahen ein bißchen ängstlich aus.
  Langsam verstrichen die Minuten. Eine volle
Viertelstunde verging, ehe die Türe zur Biblio-

245
thek sich wieder öffnete. Miss Ingram kehrte zu
uns zurück.
  Würde sie lachen? Würde sie es als Scherz auf-
fassen? Alle schauten ihr neugierig entgegen;
doch sie beantwortete alle Blicke abweisend und
kalt. Sie sah weder verwirrt noch belustigt aus,
sie ging steif an ihren Platz und setzte sich
schweigend.
  «Nun, Blanche?» fragte Lord Ingram.
  «Was hat sie gesagt?» wollte Mary wissen.
  «Was glaubst du? Was meinst du? Ist sie eine
richtige Wahrsagerin?» erkundigten sich die
Schwestern Eshton.
  «Halt, halt, meine guten Leute», erwiderte
Miss Ingram, «nicht so stürmisch. Ihr seid von
unerhörter Neugier und Leichtgläubigkeit. Ihr
meßt der ganzen Sache so viel Wichtigkeit bei,
daß ihr sicher glaubt, es sei eine echte Hexe im
Haus, mit guten Verbindungen zu des Teufels
Großmutter. Ich habe eine Zigeunerin besucht,
welche mir die abgedroschenen Sprüche aus der
Hand gelesen hat, die solche Leute immer er-
zählen. Meine Laune ist befriedigt. Und nun
wird wohl Mr. Eshton gut daran tun, das Lum-
penweib einsperren zu lassen, wie er es ange-
droht hatte.»
  Miss Ingram nahm ein Buch, setzte sich be-
quem in ihren Sessel und lehnte so jede weitere
Unterhaltung ab. Ich beobachtete sie ungefähr
eine halbe Stunde lang. Die ganze Zeit über
schlug sie keine einzige Buchseite um; ihr Ge-
sicht aber wurde zusehends düsterer, unzufrie-

246
dener und drückte deutlich Enttäuschung aus.
Sie hatte offensichtlich nichts Günstiges über
sich gehört, und ich schloß aus ihrem langen,
unmutigen Schweigen, daß sie ungebührliches
Gewicht legte auf diese Enthüllungen, obwohl
sie ihre Gleichgültigkeit betont hatte.
  Unterdessen erklärten Mary Ingram, Amy
und Louisa Eshton, daß sie sich nicht getrauten,
allein zu gehen, und doch wollten sie alle ihr
Glück versuchen. Sam mußte eine Verhandlung
vermitteln, und nach vielem Hin- und Herlaufen
wurde der strengen Sibylle endlich die Erlaubnis
entlockt, daß die drei gemeinsam ihre Aufwar-
tung machen durften.
  Dieser Besuch verlief nicht so still wie der von
Miss Ingram. Man hörte hysterisches Gekicher
und kleine Schreie. Nach etwa zwanzig Minuten
stürzten sie aus dem Zimmer und rannten durch
die Diele, wie wenn sie vor Angst halb von Sinnen
wären.
  «Etwas geht sicher nicht mit rechten Dingen
zu!» riefen sie immer wieder, einzeln und im
Chor. «Sie hat mir Sachen gesagt!! Sie weiß
alles von uns!» und atemlos sanken sie in die ver-
schiedenen Sessel, die die Herren ihnen eifrigst
herbeitrugen.
  Als man sie weiter ausfragte, erklärten sie, das
Weib habe ihnen Dinge erzählt, die sie als Kinder
getan oder gesagt hätten; sie habe Bücher und
Nippsachen beschrieben, die sie zu Hause in
ihren Boudoirs hätten, Freundschaftsgeschenke,
die sie von Bekannten erhalten hatten. Sie ver-

247
sicherten, sogar ihre Gedanken habe sie erraten
und jeder den Namen desjenigen Menschen ins
Ohr geflüstert, der ihnen am liebsten sei, und sie
hatte auch den größten Wunsch jeder einzelnen
gewußt.
  Hier unterbrachen die Herren mit dem ernst-
haften Begehren, sie möchten über die beiden
letzten Punkte nähere Auskunft geben; aber sie
erhielten nur Erröten, Zittern und Gekicher zur
Antwort. Die Matronen boten unterdessen
Riechfläschchen an und setzten Fächer in Be-
wegung und wiederholten immer wieder, wie
leid es ihnen tue, daß man ihre Warnung nicht
zur Zeit beachtet habe. Die älteren Herren lach-
ten, und die jüngeren drängten den Schönen
ihre Dienste auf.
  Mitten in all dem Aufruhr, als meine Augen
und Ohren vollständig in der Szene vor mir auf-
gingen, hörte ich ein Räuspern neben mir. Ich
drehte mich um und sah Sam.
  «Bitte, Miss, die Zigeunerin erklärt, es sei noch
eine ledige junge Dame im Zimmer, die nicht
bei ihr gewesen sei, und sie schwört, sie werde
nicht gehen, bis sie alle gesehen habe. Ich glaube,
damit sind Sie gemeint, sonst ist keine mehr da.
Was soll ich ihr sagen?»
  «Oh, ich will auf jeden Fall gehen», antwortete
ich, froh über die unerwartete Gelegenheit,
meine Neugier stillen zu können. Ich schlüpfte
unbemerkt aus dem Zimmer und schloß die
Türe geräuschlos hinter mir.
  «Wenn Sie wollen, warte ich in der Halle auf

248
Sie, Miss», sagte Sam. «Wenn sie Sie erschreckt,
rufen Sie einfach, und ich komme herein.»
  «Nein, Sam, gehen Sie in die Küche zurück.
Ich habe kein bißchen Angst.»
  Das stimmte; aber ich war doch sehr erregt
und erwartungsvoll.

19

Still war es in der Bibliothek, als ich eintrat. Die


Sibylle, wenn sie wirklich eine war, saß behag-
lich und geborgen am Kamin. Sie trug einen
roten Mantel, einen schwarzen, breitrandigen
Hut, der mit einem gestreiften Taschentuch
unter dem Kinn befestigt war. Eine verlöschte
Kerze stand auf dem Tisch; sie selbst las, über
das Feuer gebeugt, in einem kleinen, schwarzen
Büchlein; dabei murmelte sie vor sich hin. Sie
las ruhig weiter, während ich näher trat, um
meine Hände zu wärmen. Ich war völlig gefaßt;
das Aussehen der Zigeunerin hatte gar nichts
Beunruhigendes. Sie schloß ihr Buch und blickte
bedächtig auf. Ihr von der Hutkrempe halb ver-
decktes Gesicht mutete eigenartig fremd an, es war
von schwarzbrauner Farbe und von wilden Lok-
ken umgeben. Sie blickte mir plötzlich gerade
und unverfroren ins Gesicht. Ihre Stimme war
so entschieden wie ihr Blick, so rauh wie ihre
Züge, als sie fragte:
  «Sie wollen sich also wahrsagen lassen?»
  «Daran liegt mir nicht viel, Mütterchen, aber

249
wie es Ihnen gefällt. Nur muß ich Sie darauf
aufmerksam machen, daß ich nicht an Ihre
Kunst glaube.»
  «Das paßt zu Ihrer Unverschämtheit. Ich habe
nichts anderes erwartet, sie war schon aus Ihrem
Schritt herauszuhören.»
  «Wirklich? Sie haben ein feines Gehör.»
  «O ja, und einen scharfen Blick und einen
wachen Verstand.»
  «Die haben Sie auch nötig in Ihrem Gewerbe.»
  «Ganz besonders, wenn ich es mit Ihresgleichen
zu tun habe. Warum zittern Sie nicht?»
  «Mir ist nicht kalt.»
  «Warum werden Sie nicht bleich?»
  «Ich bin nicht krank.»
  «Warum befragen Sie meine Kunst nicht?»
  «Ich bin nicht töricht.»
  Die Alte unterdrückte ein Lächeln, zog eine
kurze, schwarze Pfeife aus der Tasche, stopfte
sie und begann zu rauchen. Nach einer Weile
richtete sie sich auf und nahm die Pfeife aus dem
Mund. Während sie unbeweglich weiter ins Feuer
starrte, erklärte sie ganz entschieden:
  «Ihnen ist kalt; Sie sind krank; und Sie sind
töricht.»
  «Das müssen Sie erst beweisen.»
  «Nichts leichter als das! Ihnen ist kalt: denn
Sie sind allein. Keine Berührung schürt Ihre
innere Glut zur Flamme. Sie sind krank: denn
das schönste und höchste Gefühl, das dem Men-
schen verliehen ist, bleibt Ihnen fremd. Sie sind
töricht: denn Sie leiden und unternehmen doch

250
nichts, um dies Gefühl kennenzulernen; es er-
wartet Sie, und doch gehen Sie nicht zu ihm.»
  Die Alte rauchte weiter.
  «Das alles können Sie jeder sagen, von der Sie
wissen, daß sie allein und abhängig in einem
großen Hause lebt.»
  «Ich könnte es jeder sagen, aber würde es auf
jede zutreffen?»
  «In meinen Verhältnissen schon.»
  «Eben, in Ihren Verhältnissen. Suchen Sie
irgendeinen Menschen, der in genau der glei-
chen Lage ist wie Sie.»
  «Man könnte mit Leichtigkeit Tausende fin-
den.»
  «Sie fänden kaum eine. Ihre Lage ist einzig-
artig. Das Glück ist greifbar nahe. Alle Vor-
bedingungen sind erfüllt; eine Bewegung genügt,
um sie zu vereinigen. Sie sind ein bißchen aus-
einander gelegen; aber ihr Zusammentreffen
wird beglückend sein.»
  «Im Rätselraten war ich nie groß.»
  «Wenn ich mich erklären soll, müssen Sie mir
Ihre Hand geben.»
  «Vermutlich mit einem Silberstück!»
  «Natürlich.»
  Ich gab ihr einen Schilling, den sie im abge-
schnittenen Fuß eines alten Wollstrumpfes ver-
sorgte. Dann nahm sie meine offene Hand und
betrachtete sie eingehend.
  «Mit so einer Hand kann ich nichts anfangen,
sie hat ja fast keine Linien. Überhaupt steht das
Schicksal nicht in der Hand geschrieben, son-

251
dern im Gesicht, in Stirn und Augen, den Li-
nien um Augen und Mund. Knien Sie vor mich
hin.»
  «Jetzt fange ich an, Ihnen ein wenig zu ver-
trauen», sagte ich und gehorchte. Sie schürte das
Feuer, das mein Gesicht hell erleuchtete, wäh-
rend ihres im Schatten blieb.
  «Ich möchte wissen, was Sie empfinden, wenn
Sie stundenlang mit all den vornehmen Leuten
zusammen sind, mit denen Sie kein Schatten von
Sympathie verbindet.»
  «Ich finde es langweilig und ermüdend, bin
aber kaum je traurig.»
  «Dann hält sie eine geheime Hoffnung auf-
recht.»
  «Ich hoffe einzig, genügend ersparen zu kön-
nen, um später eine eigene kleine Schule zu er-
öffnen.»
  «Das sind nur Gedankenspielereien, während
Sie in Ihrer Fensternische sitzen. Wie Sie sehen,
kenne ich Ihre Gewohnheiten!»
  «Sie haben die Dienstboten ausgefragt.»
  «Sie kommen sich sicher sehr scharfsinnig vor!
Ich kenne nur eine Angestellte – Mrs. Poole.»
  Bei diesem Namen fuhr ich zusammen. Ich
hatte gleich gedacht, daß irgendeine Teufelei
im Spiele sei.
  «Sie brauchen sich nicht aufzuregen. Mrs. Poole
ist ein verschlossener, ruhiger und durchaus ver-
trauenswürdiger Mensch. Um aber auf die Fen-
sternische zurückzukommen; denken Sie wirk-
lich nur an Ihre Schule? Interessieren Sie sich

252
für keinen einzigen in dieser ganzen Gesellschaft?
  Fesselt Sie kein Gesicht?»
  «Ich liebe es, alle zu beobachten.»
  «Beschäftigen Sie sich nicht besonders mit einer
oder zwei Gestalten?»
  «Doch, wenn die Blicke und Bewegungen eines
Paares ganze Geschichten erzählen. Das be-
lustigt mich.»
  «Welche Geschichten hören Sie am liebsten?»
  «Die Auswahl ist gering, fast alle handeln von
Liebe und enden in der gleichen Katastrophe:
der Ehe.»
  «Gefällt Ihnen das Thema?»
  «Es läßt mich kalt.»
  «Kalt? Wenn eine schöne, lebenssprühende
junge Dame einen Herrn anlächelt, den Sie –»
  «Den ich was?»
  «Den Sie kennen und vielleicht gut mögen.»
  «Ich kenne die Herren nicht und habe kaum
ein Wort mit ihnen gewechselt. Es ist mir gleich-
gültig, wenn sie angelächelt werden.»
  «Wollen Sie das auch vom Hausherrn behaup-
ten?»
  «Der ist nicht zu Hause.»
  «Wie sinnig! Weil er heute früh nach Millcote
geritten ist, behaupten Sie, ihn nicht zu kennen?»
  «Was hat Mr. Rochester mit dem Lächeln der
Damen zu tun?»
  «Er ist doch mit freundlichem Lächeln förm-
lich überschüttet worden.»
  «Mr. Rochester hat das Recht, sich der Gesell-
schaft seiner Gäste zu erfreuen.»

253
  «Das Recht spielt gar keine Rolle. Haben Sie
nicht bemerkt, daß all diese Geschichten von
Liebe und Ehe sich vorzugsweise mit ihm be-
schäftigen?»
  «Die Begierde, zuzuhören, weckt die Lust, zu
erzählen.»
  «Ja, ‹die Begierde, zuzuhören›! Stundenlang
hat Mr. Rochester den Erzählungen bezaubern-
der Lippen gelauscht, und Sie haben sicher be-
achtet, wie dankbar er für den Zeitvertreib
war.»
  «Auch noch dankbar! Ich habe in seinem
Gesicht keine Spur von Dankbarkeit ent-
deckt.»
  «Entdeckt! Also haben Sie es genau untersucht.
Was entdeckten Sie denn sonst darin?»
  Ich schwieg.
  «Sicher haben Sie Liebe darin gelesen. Sie sa-
hen ihn verheiratet und seine Frau glücklich.»
  «Pah, nicht unbedingt! Ihre Hexenweisheit
läßt Sie hie und da im Stich.»
  «Was, zum Teufel, haben Sie denn gesehen?»
  «Das geht Sie nichts an. Ich wollte mir wahr-
sagen lassen, nicht beichten. Wissen Sie, ob Mr.
Rochester heiraten wird?»
  «Ja, und zwar die schöne Miss Ingram.»
  «Bald?»
  «Alles läßt darauf schließen. Es scheint, daß sie
sehr glücklich sein werden. Vielleicht liebt sie
ihn; jedenfalls liebt sie seinen Geldbeutel. Wenn
sie einen reicheren findet, ist es um Ihren Herrn
geschehen.»

254
  «Ich wollte etwas über meine Zukunft erfahren,
Mütterchen; dabei erzählen Sie mir nur von
Mr. Rochester.»
  «Ihr Schicksal ist noch ungewiß, voller Wider-
sprüche. Es ist Ihnen ein Glück beschieden, Sie
brauchen es nur zu ergreifen. Ihre Augen drük-
ken die Trauer der Einsamkeit aus, Ihr Mund
ist verschwiegen. Er sollte mehr sprechen und
lächeln. Mund und Augen sind gut, den glück-
lichen Ausgang hindert nur die Stirne, die etwa
sagen will: ‹Ich kann allein leben, wenn Selbst-
achtung und die Umstände es erfordern; ich ver-
kaufe meine Seele nicht um Glück. Ich kann von
meinem inneren Reichtum zehren, wenn mir
kein äußeres Glück beschieden ist. Gefühl und
Leidenschaft sind von der Vernunft beherrscht,
mein Gewissen gibt mir die Kraft, jeder Ver-
suchung zu widerstehen.› Ihre Stirn hat recht.
Mein Entschluß steht fest, mein Plan ist gut. Ich
will kein Opfer, keine Trauer, kein Unglück. Ich
will nicht zerstören, sondern auf bauen. Ich
möchte zärtliches Lächeln ernten, nicht blutige
Tränen. Ich möchte, dieser Augenblick dauerte
ewig. Ich habe meine Absicht ausgeführt. Ich
habe mich lange genug beherrscht, jetzt reicht
es. Stehen Sie auf, Miss Eyre, ‹das Spiel ist
aus›.»
  Ich glaubte zu träumen. Die Stimme des alten
Weibes hatte sich verändert. Sie kam mir selt-
sam bekannt vor. Ich schürte das Feuer hoch,
um ihr Gesicht deutlicher zu sehen, aber sie ver-
barg es und streckte nur die Hand leicht vor, an

255
der plötzlich ein Ring aufblitzte, den ich schon
hundertmal gesehen hatte.
  «Nun, Jane, erkennen Sie mich?»
  «Ziehen Sie den roten Mantel aus, Sir.»
  «So!» – Mr. Rochester zerriß die Schnur, mit
der er den Mantel umgegürtet hatte, und ent-
ledigte sich seiner Verkleidung.
  «Was für eine komische Idee!»
  «Aber meine Rolle habe ich gut gespielt, nicht
wahr?»
  «Vor den Damen vielleicht; aber vor mir stell-
ten Sie keine richtige Wahrsagerin dar.»
  «Was denn?»
  «Ich weiß nicht, Sie haben mich ausholen wol-
len, oder hineinlegen; das war nicht sehr an-
ständig.»
  «Verzeihen Sie mir, Jane?»
  «Das muß ich mir erst überlegen. Wenn ich
nicht zu albern war, will ich es versuchen.»
  «Sie waren sehr korrekt, vorsichtig und ver-
nünftig.»
  Ich fand, daß dies zutraf, denn ich war von
Anfang an auf der Hut gewesen, hatte aber
niemals an Mr. Rochester gedacht, sondern an
das wandelnde Rätsel Grace Poole.
  «Woran denken Sie?»
  «Ich bin erstaunt und beglückwünsche mich,
daß ich mir nichts vergeben habe. Jetzt darf ich
wohl gehen.»
  «Nein, bleiben Sie noch einen Augenblick und
sagen Sie mir, was im Salon vor sich geht.»
  «Man spricht von der Zigeunerin.»

256
  «Was sagt man denn von ihr?»
  «Ich will lieber gehen, Sir. Sie werden von
einem Fremden erwartet, der während Ihrer
Abwesenheit angekommen ist.»
  «Wer mag das sein? Ich erwarte niemanden.
Nannte er seinen Namen?»
  «Er heißt Mason und kommt aus West-
indien.»
  Mr. Rochester packte mich beim Handgelenk;
das Lächeln erstarb ihm auf den Lippen.
«Mason – Westindien, Mason – Westindien»,
wiederholte er mit tonloser Stimme und wurde
aschfahl.
  «Fühlen Sie sich nicht wohl?»
  «Jane, das war ein Schlag – das war ein Schlag,
Jane!» murmelte er.
  «Stützen Sie sich auf mich, Sir.»
  «Das ist das zweite Mal, daß Sie mir Ihre Hilfe
anbieten.»
  Mr. Rochester setzte sich, nahm meine Hand
in seine beiden und schaute mich verwirrt an.
  «Ich möchte mit Ihnen allein auf einer ein-
samen Insel sein, fern von allen drohenden Ge-
fahren und fürchterlichen Erinnerungen.»
  «Ich würde mein Leben darum geben, Ihnen
zu helfen, Sir.»
  «Wenn ich Hilfe brauche, werde ich sie bei
Ihnen suchen, Jane.»
  «Was kann ich für Sie tun?»
  «Bringen Sie mir ein Glas Wein, Jane, und be-
richten Sie mir, ob Mason bei den Gästen ist und
was er macht.»

257
  Im Speisezimmer stand die Gesellschaft fröh-
lich plaudernd und lachend beisammen. Mr.
Mason unterhielt sich nahe beim Feuer mit
Colonel Dent. Er schien so zufrieden wie alle
anderen Gäste. Als ich zu Mr. Rochester zurück-
kehrte, fand ich ihn gefaßter und weniger bleich.
Er nahm das Glas, sagte «Auf Ihr Wohl, mein
guter Geist!» und leerte es in einem Zug. Dann
fragte er:
  «Was treiben sie drüben?»
  «Sie lachen und schwatzen.»
  «Scheinen sie nicht ernst, als hätten sie etwas
Geheimnisvolles gehört?»
  «Im Gegenteil, es herrscht laute Fröhlichkeit.»
  «Und Mason?»
  «Lacht mit.»
  «Wenn alle diese Leute kämen und mich an-
speien wollten, was würden Sie tun, Jane?»
  «Die Leute hinauswerfen.»
  «Aber wenn ich zu ihnen ginge und alle sich
verächtlich von mir abwendeten, untereinander
tuschelten und mich verließen, gingen Sie auch?»
  «Nein, Sir, ich bliebe bei Ihnen.»
  «Um mich zu trösten?»
  «Ja, so gut als möglich.»
  «Und wenn sie Sie dafür in Acht und Bann er-
klärten?»
  «Das kümmerte mich nicht.»
  «Sie könnten ihre Verachtung um meinet-
willen ertragen?»
  «Ja, denn Sie verdienen meine unbedingte An-
hänglichkeit.»

258
  «Gehen Sie jetzt hinüber, Jane, teilen Sie
Mason leise mit, daß ich zurück bin und ihn zu
sehen wünsche. Dann führen Sie ihn hierher und
lassen uns allein.»
  «Gerne, Sir.»
  Ich zeigte Mr. Mason die Bibliothek, dann zog
ich mich in mein Zimmer zurück.
  Zu später Stunde hörte ich, wie Mr. Rochester
im Gang draußen sagte: «Hier durch, Mason,
dies ist dein Zimmer.»
  Der heitere Klang seiner Stimme beruhigte
mich, und bald schlief ich ein.

20

Ich hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen,


nicht einmal die Fensterläden waren geschlossen.
Die Folge davon war, daß der Vollmond mit sei-
nem hellen Licht mich mitten in der Nacht
weckte. Das silberne, kristallklare Gestirn schien
mir gerade ins Gesicht. Es war wunderbar, aber
zu feierlich. Ich erhob mich halb und wollte die
Vorhänge ziehen.
  Großer Gott! Was für ein Schrei!
  Ein wilder, schriller Ton, der durch das ganze
weitläufige Haus hallte, zerriß jäh die Stille der
Nacht.
  Mein Herz stand still; mein ausgestreckter
Arm war wie gelähmt. Der Schrei erstarb und
wiederholte sich nicht. Das war nur zu ver-
ständlich, denn das Wesen, das ihn ausgestoßen

259
hatte, mußte erst ausruhen, bevor es die An-
strengung ein zweites Mal machen konnte.
  Er war aus dem dritten Stock gekommen;
gerade über meinem Zimmer mußte es gewesen
sein. Und von dort hörte ich jetzt einen Kampf;
dem Lärm nach zu schließen ein Kampf auf
Tod und Leben. Eine Stimme schrie halberstickt
«Hilfe! Hilfe! Hilfe!» dreimal schnell hinter-
einander. «Kommt denn niemand?» Dann unter-
schied ich durch das wilde Stampfen und Stür-
zen von der Zimmerdecke die Worte:
  «Rochester! Rochester! Um Gottes willen,
komm!»
  Eine Zimmertür ging auf, jemand rannte
durch den Gang. Oben wurde ein neuer Schritt
hörbar, etwas fiel zu Boden, und dann war alles
still.
  Ich hatte mir rasch etwas übergeworfen; ob-
wohl ich wie Espenlaub zitterte, verließ ich
mein Zimmer. Das ganze Haus war wach: Aus-
rufe, erschrecktes Gemurmel drangen aus jedem
Raum; Tür nach Tür öffnete sich; Köpfe wur-
den herausgestreckt; der Gang füllte sich mit
Damen und Herren.
  «Was ist los?» – «Wer ist verwundet?» – «Was
ist geschehen?» – «Macht doch Licht!» –
«Brennt’s?» – «Ist eingebrochen worden?» –
«Wohin sollen wir fliehen?» wurde durchein-
ander gefragt.
  Wo das Mondlicht nicht hingelangte, war es
stockfinster. Die Gäste rannten hin und her, sie
bildeten Grüpplein, ein paar schluchzten, an-

260
dere stolperten. Die Verwirrung war unbe-
schreiblich.
  «Wo, zum Teufel, ist Rochester?» rief Colonel
Dent. «Er ist nicht in seinem Bett.»
  «Hier bin ich!» ertönte die Antwort. «Beruhigt
euch! Ich komme.»
  Die Türe zum dritten Stockwerk ging auf, und
Mr. Rochester erschien mit einer Kerze. Eine
Dame rannte auf ihn zu und ergriff seinen Arm:
es war Miss Ingram.
  «Was ist denn Schreckliches geschehen?»
fragte sie. «Sprechen Sie! Sagen Sie uns gleich
das Schlimmste.»
  «Aber bitte reißen Sie mich nicht zu Boden und
erwürgen Sie mich nicht», gab er zur Antwort;
denn die Töchter Eshton drängten sich nun auch
an ihn, und die beiden alten Damen in weißen
Morgenröcken steuerten mit geschwellten Se-
geln auf ihn zu.
  «Es ist alles in Ordnung!» rief er. «Das ist ja die
reinste Hauptprobe zu ‹Viel Lärm um Nichts›.
Weg, meine Damen, oder es wird gefährlich!»
  Und wirklich sah er gefährlich aus. Seine
schwarzen Augen sprühten. Er zwang sich zur
Ruhe und fuhr fort:
  «Eine Dienerin hat einen Alpdruck gehabt, das
ist alles. Sie ist eine leicht erregbare, nervöse
Person, sie hat einen Traum für eine Geister-
erscheinung gehalten. Dabei ist sie halb verrückt
geworden vor Angst. Und jetzt gehen Sie bitte
alle in Ihre Zimmer; denn bevor es nicht ruhig
ist im Haus, läßt sich nichts für sie tun. Meine

261
Herren, geben Sie den Damen ein gutes Beispiel.
Miss Ingram, ich bin sicher, daß Sie dem
grundlosen Schrecken mit Überlegenheit begeg-
nen.» Zu den alten Damen gewendet: «Und Sie,
Mesdames, werden sich zu Tode erkälten, wenn
Sie noch länger in diesem eisigen Gang bleiben.»
Und so gelang es ihm, mit Schmeicheln und
Befehlen alle wieder in ihre Gemächer zu brin-
gen. Ich wartete nicht, bis ich aufgefordert
wurde, sondern zog mich unauffällig zurück.
Allerdings ging ich nicht zu Bett. Ich zog mich
im Gegenteil vollständig an. Die Laute und
Worte, die ich nach dem Schrei gehört hatte,
waren wahrscheinlich nur mir vernehmlich ge-
wesen, da sie aus dem Zimmer über dem meinen
kamen; aber sie hatten mir deutlich gezeigt, daß
es nicht der Traum eines Dienstboten war, der
das Haus aufgeschreckt hatte. Die Erklärung
von Mr. Rochester war eine bloße Erfindung,
um die Gäste zu beruhigen. So kleidete ich mich
an, um im Notfall bereit zu sein. Dann saß ich
lange am Fenster, schaute über den stillen Park
und die silbrig schimmernden Felder und war-
tete auf … ich weiß nicht was. Mir war, dem selt-
samen Schrei, dem Kampf und dem Hilferuf
müsse noch etwas folgen.
  Aber alles blieb still. Nach ungefähr einer
Stunde war Thornfield Hall so ruhig wie zuvor.
Schlaf und Nacht schienen wieder zu herrschen.
Der Mond war am Untergehen. Ich saß nicht
gern in der Kälte und Finsternis am Fenster und
wollte mich angekleidet auf mein Bett legen. Ge-

262
rade als ich daran war, die Schuhe auszuziehen,
klopfte es leise und vorsichtig an die Tür.
  «Braucht man mich?» fragte ich.
  «Sind Sie auf?» fragte eine Stimme. Wie ich es
erwartet hatte, war es die meines Herrn.
  «Ja, Sir.»
  «Und angezogen?»
  «Ja.»
  «So kommen Sie, aber leise.»
  Ich gehorchte. Mr. Rochester stand im Gang
mit einem Licht.
  «Ich brauche Sie», sagte er. «Kommen Sie hier
durch, langsam und ganz ohne Lärm.»
  Meine Pantoffeln waren dünn, und ich konnte
auf dem Läufer so lautlos schleichen wie eine
Katze. Ich glitt neben ihm die Treppe hinauf.
Im dunklen, niedrigen Gang des unheilvollen
dritten Stockes stand er still.
  «Haben Sie einen Schwamm in Ihrem Zim-
mer?» flüsterte er.
  «Ja.»
  «Besitzen Sie irgendein Riechsalz?»
  «Ja.»
  «Gehen Sie zurück und holen Sie beides.»
  Als ich zurückkam, wartete er immer noch,
einen Schlüssel in der Hand. Er steckte ihn in
eine der kleinen schwarzen Türen, hielt inne und
wandte sich wieder zu mir:
  «Es wird Ihnen nicht schlecht, wenn Sie Blut
sehen?»
  «Ich glaube nicht, aber ich habe es noch nie
ausprobiert.»

263
  Ein Schauder überlief mich, während ich ihm
antwortete; ich fühlte mich aber nicht schwach.
  «Geben Sie mir Ihre Hand», sagte er, «es hat
keinen Sinn, eine Ohnmacht zu riskieren.»
  Ich legte meine Hand in die seine. «Warm und
ruhig», bemerkte er. Er drehte den Schlüssel im
Schloß und öffnete.
  Ich sah in ein Zimmer, das mir Mrs. Fairfax
seinerzeit gezeigt hatte. Es war mit Teppichen
ausgekleidet, aber nun waren sie an einer Stelle
aufgehoben, und man gewahrte eine Türe, die
dahinter versteckt gewesen war. Sie stand offen,
Licht drang aus dem Zimmer, Ich hörte einen
kläffenden, knurrenden Laut, fast wie von einem
wütenden Hund, Mr. Rochester stellte die Kerze
nieder, befahl mir, zu warten, und ging in den
inneren Raum. Ein Gelächter gellte ihm ent-
gegen, zuerst laut, dann abnehmend bis zum
gespenstischen Ha-Ha von Grace Poole. Sie war
also dort drin. Er ordnete irgend etwas, wortlos,
obwohl ich hörte, wie eine leise Stimme ihn an-
sprach. Dann kam er heraus und schloß die Türe
hinter sich.
  «Hierhin, Jane!» sagte er und führte mich an
ein breites Bett, dessen Vorhänge zugezogen
waren. Neben dem Kopfende stand ein Lehn-
stuhl, in dem ein Mann saß. Er war hemdärmlig,
aber sonst völlig angekleidet. Er war ganz still,
lehnte den Kopf zurück, seine Augen waren ge-
schlossen. Mr. Rochester hielt die Kerze über
ihn. Da erkannte ich in dem bleichen, leblosen
Gesicht den Fremden, Mason. Ich sah auch, daß

264
auf der einen Seite seine Wäsche blutgetränkt
war.
  «Halten Sie die Kerze», sagte Mr. Rochester,
Er holte ein Becken mit Wasser vom Waschtisch.
«Und jetzt halten Sie das», befahl er, und ich
gehorchte. Er nahm den Schwamm, netzte ihn
und befeuchtete das leichenähnliche Gesicht.
Dann verlangte er mein Riechfläschchen und
streckte es ihm unter die Nase. Nach kurzer Zeit
schlug Mr. Mason die Augen auf; er stöhnte.
Mr. Rochester öffnete das Hemd des Verwunde-
ten, dessen Arm und Schulter verbunden waren.
Er wischte das niederrieselnde Blut weg.
  «Besteht unmittelbare Gefahr?» murmelte Mr.
Mason.
  «Pah! Es ist bloß ein Kratzer. Laß dich nicht
so gehen, Kerl, reiß dich zusammen! Ich gehe
jetzt selber einen Arzt holen. Bis zum Morgen
wird man dich fortbringen können. Jane», fuhr
er fort.
  «Sir?»
  «Ich muß Sie mit diesem Herrn hier für eine
oder zwei Stunden allein lassen. Sie müssen das
Blut abwischen, wenn es wieder zu fließen be-
ginnt, so, wie ich es getan habe. Wenn er ohn-
mächtig wird, geben Sie ihm ein Glas Wasser und
halten ihm Ihr Riechsalz unter die Nase. Sie dür-
fen unter keinen Umständen mit ihm sprechen –
und – Richard – dein Leben ist in Gefahr, wenn
du etwas zu ihr sagst. Öffnest du auch nur den
Mund, so lehne ich jede Verantwortung ab.»
  Wiederum stöhnte der arme Teufel. Er schien

265
sich nicht zu getrauen, eine Bewegung zu ma-
chen: Furcht vor dem Tod oder vor etwas ande-
rem lähmte ihn. Mr. Rochester reichte mir den
blutigen Schwamm, und ich brauchte ihn so
wie er. Er schaute mir einen Augenblick zu,
sagte dann: «Denken Sie daran! – Keine Unter-
haltung!» und verließ das Zimmer. Es wurde mir
seltsam zumute, als der Schlüssel sich im Schloß
drehte und ich seine Schritte verklingen hörte.
  Nun war ich also im dritten Stockwerk, einge-
schlossen in eine seiner geheimnisvollen Zellen.
Nacht umgab mich. Vor Augen hatte ich ein
bleiches, blutiges Gespenst. Eine Mörderin war
nur durch eine einzige Türe von mir getrennt.
Das war schrecklich, alles andere konnte ich er-
tragen. Aber beim Gedanken, Grace Poole
könnte sich auf mich stürzen, schauderte ich.
  Trotzdem mußte ich auf dem Posten bleiben.
Ich mußte dieses geisterhafte Gesicht beobach-
ten, die blauen Lippen, die sich nicht öffnen
durften, die Augen, die bald geschlossen, bald
offen waren, bald durchs Zimmer schweiften,
bald mich anstarrten und immer glasig waren
vor Entsetzen. Immer und immer wieder mußte
ich meine Hand in das blutige Wasser tauchen
und das rieselnde Blut wegwischen. Ich mußte
zusehen, wie die Kerze niederbrannte, die Schat-
ten auf den gewirkten, verblichenen Wand-
teppichen wuchsen, unter den Vorhängen des
alten Bettes schwarz wurden und seltsam über
die Türe huschten, die in ein anderes Zimmer
führte; ihre Füllung war in zwölf Nischen ein-

266
geteilt, die in grobem Schnitzwerk die Köpfe der
zwölf Apostel zeigten. Über ihnen erhob sich ein
schwarzes Kruzifix mit einem sterbenden Chri-
stus. Je nach dem Zucken des Lichts trat bald
der eine oder der andere der Jünger hervor,
die Stirne von Lukas, das wehende Haar des
Johannes oder das teuf lische Gesicht des
Judas.
  Aber ich mußte nicht nur schauen, sondern
auch lauschen: lauschen auf die Bewegungen
des wilden Tieres oder des Teufels auf der andern
Seite der Wand. Immerhin schien es seit Mr. Ro-
chesters Besuch gebannt, während der ganzen
Nacht hörte ich nur dreimal einen Laut: das
Knarren eines Schrittes, einen Augenblick lang
wieder das hundeartige Knurren und ein tiefes,
menschliches Stöhnen.
  Auch meine eigenen Gedanken bedrückten
mich. Was für ein fleischgewordenes Verbrechen
lebte in diesem Haus und konnte nicht ausge-
trieben oder unterworfen werden durch dessen
Besitzer? Was war das für ein Geheimnis, das
sich im tiefsten Schweigen der Nacht in Feuer
und Blut offenbarte? Was war das für ein Wesen,
das in der Gestalt einer gewöhnlichen Frau
Laute ausstieß wie ein höhnender Teufel oder
wie ein beutegieriger Aasgeier?
  Wie war dieser Fremde da, dieser ruhige
Durchschnittsmensch in das Schreckensnetz hin-
eingeraten? Warum hatte sich die Furie auf ihn
gestürzt? Was hatte ihn bewogen, zu einer Zeit,
da er hätte schlafen sollen, diesen Teil des Hauses

267
aufzusuchen? Mr. Rochester hatte ihm unten ein
Zimmer angewiesen; was führte ihn hierher?
Und warum war er jetzt so zahm? Warum
duldete er so ruhig die Heimlichkeit, die Mr. Ro-
chester ihm aufzwang? Und warum bestand
Mr. Rochester auf dieser Heimlichkeit? Sein
Gast war angefallen worden; das vorige Mal war
sein eigenes Leben in Gefahr gewesen; und beide
Male vertuschte er den Anschlag. Mr. Mason
war Mr. Rochester vollständig untertan; dieser
hielt den Schwächling deutlich in seiner Gewalt,
und doch – warum hatte ihn der bloße Name
dieses widerstandslosen Menschen wie ein Don-
nerschlag getroffen?
  Ich konnte sein Aussehen, seine Blässe nicht
vergessen bei seinem Wort: «Jane, das war ein
Schlag – das war ein Schlag, Jane.» Sein Arm
hatte gezittert, und es konnte nichts Gering-
fügiges sein, was die starke Gestalt und den ent-
schlossenen Willen eines Fairfax Rochester so zu
erschüttern vermochte.
  Wann kommt er? Wann kommt er nur? schrie
es in mir, als die Nacht nicht vergehen wollte –
als mein blutender Patient den Kopf hängen
ließ, stöhnte, beinahe ohnmächtig wurde – und
weder der Tag noch Hilfe kam. Immer und im-
mer wieder hatte ich Masons weiße Lippen mit
Wasser genetzt, immer und immer wieder ihm
das belebende Riechsalz hingehalten: meine
Mühe schien vergeblich. Körperliches oder seeli-
sches Leiden oder der Blutverlust, vielleicht alle
drei zusammen, erschöpften seine Kraft zu-

268
sehends. Er ächzte so heftig, schaute so schwach
und verloren aus, daß ich Angst hatte, er werde
sterben. Und ich durfte nicht einmal mit ihm
reden!
  Die Kerze war niedergebrannt und ging
schließlich ganz aus. Da merkte ich, daß ein
grauer Lichtschimmer sich zwischen den Vor-
hängen hindurchstahl. Der Morgen mußte däm-
mern. Gleich darauf hörte ich weit unten Pilot
in seinem Hundehaus bellen: meine Hoffnung
lebte wieder auf. Und sie wurde nicht enttäuscht.
Nach fünf Minuten knirschte der Schlüssel wie-
der, die Tür gab nach; meine Wache war zu
Ende. Sie hatte nicht länger als zwei Stunden
gedauert – manche Woche war mir schon kürzer
vorgekommen.
  Mr. Rochester und der Arzt traten ein.
  «Jetzt aber flink, Carter», sagte Mr. Roch-
ester. «Ich gebe Ihnen nur eine halbe Stunde
Zeit zum Behandeln der Wunde, Verbinden und
Hinabbringen des Patienten.»
  «Kann er sich überhaupt bewegen, Sir?»
  «Zweifellos. Es ist nichts Ernstes. Er hat Angst;
man muß ihm ein bißchen Mut machen. Und
jetzt an die Arbeit!»
  Mr. Rochester zog die Vorhänge zurück, öff-
nete den Fensterladen und ließ das Tageslicht
ins Zimmer dringen. Der Himmel begann sich
bereits zu röten. Dann trat Mr. Rochester zu
Mason heran, den der Arzt schon in Behandlung
hatte.
  «Nun, mein Lieber, wie geht’s?» fragte er.

269
  «Ich glaube, sie hat mich erledigt», war die
schwache Antwort.
  «Aber nicht die Spur! Nur Mut! In vierzehn
Tagen wirst du überhaupt nichts mehr merken.
Du hast ein bißchen Blut verloren, das ist alles.
Carter, sagen Sie ihm doch, daß keine Gefahr
besteht.»
  «Das kann ich mit gutem Gewissen», versi-
cherte Carter, der die Verbände abgenommen
hatte. «Es ist nur schade, daß ich nicht früher
hier sein konnte; er hätte dann nicht so stark ge-
blutet. Aber was ist das? Das Fleisch auf der
Schulter ist ja nicht nur geschnitten, sondern
auch zerrissen. Diese Wunde hat nicht ein Messer
beigebracht; da sind Zähne dabeigewesen!»
  «Sie hat mich gebissen», murmelte er. «Wie
eine Tigerin hat sie mich angefallen, als Roch-
ester ihr das Messer entrissen hatte.»
  «Du hättest nicht nachgeben, sondern sofort
mit ihr ringen sollen», sagte Mr. Rochester.
  «Aber was konnte ich unter solchen Umständen
tun?» gab Mason zurück. «Es war scheußlich!»
fügte er schaudernd dazu. «Und ich war nicht
darauf vorbereitet, sie sah anfangs so ruhig aus.»
  «Ich habe dich gewarnt», gab sein Freund zur
Antwort, «ich sagte dir, du sollest auf der Hut
sein, wenn du zu ihr gehst. Übrigens hättest du
bis morgen warten und mit mir zusammen gehen
können. Es war Wahnwitz, den Besuch heute
nacht und dazu noch allein zu unternehmen.»
  «Ich glaubte, es würde ihr guttun.»
  «Glauben, glauben! Es macht mich wild, wenn

270
ich dir zuhöre. Aber du hast gebüßt und bist
wahrscheinlich genug gestraft dafür, daß du
meinen Rat in den Wind geschlagen hast. Ich
sage also nichts mehr. Schnell, schnell, Carter!
Die Sonne geht bald auf, und er muß weg.»
  «Sofort, Sir. Die Schulter ist schon verbunden.
Nun muß ich noch den Arm anschauen, wahr-
scheinlich hat sie hier auch gebissen.»
  «Sie hat mein Blut ausgesogen: sie sagte, sie
wolle mir das Herz aus dem Leib saugen», sagte
Mason.
  Ich sah, wie Mr. Rochester erschauerte. Ekel
und Entsetzen verzogen sein Gesicht beinahe zu
einer Fratze, aber er sagte nur:
  «So schweig, Richard, und kümmere dich nicht
um ihr Geschwätz; wiederhole es nicht.»
  «Ich wollte, ich könnte es vergessen», war seine
Antwort.
  «Das wirst du auch, wenn du erst außer Landes
bist; wenn du wieder in Jamaica bist, denkst du
an sie wie an eine Tote im Grab, oder du denkst
gescheiter überhaupt nicht mehr an sie.»
  «Diese Nacht zu vergessen ist unmöglich!»
  «Ach woher, unmöglich! Reiß dich zusammen,
Mensch! Vor zwei Stunden glaubtest du noch,
du seiest mausetot, und jetzt bist du ganz leben-
dig und schwatzest. So, Carter ist fertig. Im
Handumdrehen werde ich dich nun anständig
herrichten.»
  Zum erstenmal seit seinem Wiederkommen
sprach er mich an: «Jane, nehmen Sie diesen
Schlüssel. Gehen Sie in mein Schlafzimmer und

271
geradeaus in meinen Ankleideraum, öffnen Sie
die oberste Schublade des Schrankes und neh-
men Sie ein sauberes Hemd und einen Kragen
heraus. Bringen Sie es hierher, aber ein bißchen
hurtig!»
  Ich ging, fand die Sachen und kehrte damit
zurück.
  «Und jetzt stellen Sie sich auf die andere Seite
des Bettes, während ich ihn anziehe. Aber gehen
Sie nicht hinaus, vielleicht brauche ich Sie noch.»
  Ich tat wie geheißen.
  «Hat sich etwas geregt, als Sie hinuntergingen,
Jane?» fragte Mr. Rochester.
  «Nein, Sir. Es war alles still.»
  «Wir werden dich heimlich wegbringen, Dick.
Es ist besser für dich und für die arme Kreatur
dort drinnen. Jetzt habe ich mich so lange be-
müht, sie nicht bloßzustellen, daß ich nicht
möchte, es sei alles vergeblich gewesen. Da,
Carter, helfen Sie ihm mit dem Rock. Wo hast
du deinen Pelzmantel? Ich weiß doch, daß du
in diesem verflucht kalten Klima keine Meile
weit ohne ihn auskommst. In deinem Zimmer? –
Jane, laufen Sie schnell in Mr. Masons Zimmer,
neben dem meinen, und holen Sie den Mantel,
der dort ist.»
  Wiederum lief ich hin und zurück und brachte
den schweren, pelzgefütterten Mantel.
  «Und jetzt habe ich noch einen Auftrag für Sie»,
sagte mein Herr, der offenbar keine Ermüdung
kannte. «Sie müssen noch einmal in mein Zim-
mer. Was für ein Glück, daß Sie auf Sammet-

272
pfoten gehen; ein Bauernlümmel mit Nagel-
schuhen wäre hier gar nicht am Platz! Sie müs-
sen die mittlere Schublade meines Toiletten-
tisches öffnen und ein Fläschchen und ein kleines
Glas herausnehmen – rasch!»
  Ich brachte die gewünschten Gefäße.
  «So ist’s gut. Und jetzt, Herr Doktor, gestatte
ich mir, selber eine Dosis zu verabreichen, auf
eigene Verantwortung. Ich habe diese Herz-
stärkung in Rom von einem italienischen Schar-
latan bekommen. Man darf es nicht so mir nichts,
dir nichts brauchen; aber gelegentlich ist es sehr
gut, so wie jetzt zum Beispiel. Jane, ein bißchen
Wasser!»
  Ich füllte das winzige Glas zur Hälfte mit
Wasser.
  «Das genügt: jetzt benetzen Sie den Rand des
Fläschchens.»
  Er zählte zwölf Tropfen einer roten Flüssigkeit
ab und reichte sie Mason.
  «Trink, Richard, das gibt dir für etwa eine
Stunde die Kraft, die dir fehlt.»
  «Schadet es auch nicht?»
  «Trink! Trink schon!»
  Mr. Mason gehorchte, weil er nicht anders
konnte. Er war, angekleidet, immer noch bleich,
aber nicht mehr mit Blut besudelt. Mr. Rochester
ließ ihn drei Minuten sitzen, dann nahm er ihn
am Arm.
  «Jetzt kannst du bestimmt auf den Beinen ste-
hen», sagte er. «Versuch’s!»
  Der Patient erhob sich.

273
  «Carter, stützen Sie ihn auf der andern Seite.
Nur Mut, Richard, versuch, zu gehen – so!»
  «Ich fühle mich wirklich besser», bemerkte
Mr. Mason.
  «Das glaub’ ich gern. Jane, schleichen Sie jetzt
vor uns her die Hintertreppe hinab. Öffnen Sie
die Seitentür und sagen Sie dem Kutscher des
Wagens, der draußen wartet, er solle sich bereit
halten. Wenn die Luft nicht rein ist, räuspern
Sie sich unten an der Treppe.»
  Es war halb sechs; die Sonne war am Auf-
gehen, aber in der Küche war alles noch still und
dunkel. Die Vorhänge der Gesindestuben waren
noch zugezogen. Die Vögel begannen in den
blühenden Obstbäumen zu zwitschern.
  Die Herren erschienen; sie halfen Mason in
den Wagen; Carter folgte. «Pflegen Sie ihn gut»,
sagte Mr. Rochester zu ihm, «behalten Sie ihn
bei sich, bis er wieder ganz hergestellt ist. In ein
oder zwei Tagen werde ich nachsehen, wie es
ihm geht. Wie fühlst du dich, Richard?»
  «Die frische Luft tut mir gut, Fairfax.»
  «Nun denn, lebe wohl, Dick.»
  «Fairfax!»
  «Was ist?»
  «Laß sie pflegen und so gut als möglich behan-
deln. Laß sie» – er hielt inne und brach in Trä-
nen aus.
  «Ich tue mein Bestes, habe es immer getan und
werde es auch weiter tun», war die Antwort.
Er schloß die Tür, der Wagen rollte davon.
  «Wollte Gott, es wäre zu Ende damit!» seufzte

274
Mr. Rochester, als er das schwere Parktor wieder
verschloß. Dann schritt er, in Gedanken ver-
sunken, dem Obstgarten zu. Ich nahm an, er
brauche mich nicht mehr, wandte mich zum
Gehen, aber er rief: «Jane! Kommen Sie einen
Moment an die frische Luft, dieses Haus ist ja
der reine Kerker. Finden Sie nicht auch?»
  «Ich finde es ein prächtiges, herrschaftliches
Haus, Sir.»
  «Ihre Unerfahrenheit vergoldet Ihnen alles»,
antwortete er. «Sie sehen nicht, daß die Ver-
goldung Dreck ist und die seidenen Tapeten
Spinnwebe, daß der Marmor aus Schiefer be-
steht und die polierten Hölzer aus schuppiger
Rinde. Aber hier (er deutete auf den Garten)
ist alles echt, sauber und schön.»
  Leuchtend und duftend in ihrer Frühlings-
pracht säumten die blühenden Bäume und Blu-
men die Gartenwege, auf die die Morgensonne
ihre Lichter streute.
  «Jane, möchten Sie eine Blume?»
  Er pflückte eine halberblühte Rose, die erste,
und reichte sie mir.
  «Danke, Sir.»
  «Sie haben eine seltsame Nacht verbracht, Jane.»
  «Ja, Sir.»
  «Sie sehen blaß aus … Hatten Sie Angst, als
ich Sie mit Mason allein ließ?»
  «Ich hatte Angst davor, daß jemand aus dem
andern Zimmer komme.»
  «Aber ich hatte doch die Tür verschlossen. Der
Schlüssel war in meiner Tasche. Ich wäre ein

275
trauriger Hirte, ließe ich mein Lamm, mein
liebstes Lamm, so nahe bei der Höhle des Wolfes,
ohne es zu schützen. Sie waren ganz sicher.»
  «Wird Grace Poole weiter hier leben, Sir?»
  «O ja, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf über
sie – denken Sie nicht mehr daran.»
  «Aber mir scheint, daß Sie Ihres Lebens nicht
sicher sind, solange sie hier ist.»
  «Keine Angst, ich passe schon auf.»
  «Ist die Gefahr jetzt vorbei, die Sie gestern
abend fürchteten?»
  «Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen,
bis Mason außer Landes ist, und nicht einmal
dann. Ich lebe beständig auf einem Vulkan, der
jeden Augenblick ausbrechen kann.»
  «Aber Mr. Mason scheint doch leicht lenkbar
zu sein. Offensichtlich beherrscht ihn Ihr Ein-
fluß. Er wird Ihnen nie Trotz bieten oder Ihnen
absichtlich etwas zuleide tun.»
  «Das nicht … Mason will mir nichts anhaben;
aber ganz unabsichtlich kann er mich mit einem
einzigen sorglosen Wort, wenn nicht des Lebens,
so doch meines Glückes berauben.»
  «Sagen Sie ihm, er solle vorsichtig sein, Sir.
Teilen Sie ihm mit, was Sie fürchten, und zeigen
Sie ihm, wie er die Gefahr abwenden kann.»
  Er lachte höhnisch auf, nahm hastig meine
Hand und schleuderte sie ebenso hastig wieder
von sich.
  «Wenn ich das könnte, Sie ahnungsloser Engel
Sie, wo bliebe dann die Gefahr? Seitdem ich
Mason kenne, mußte ich ihm immer nur sagen

276
‹Tu das!›, und er tat es. Aber in diesem Fall
kann ich nicht sagen ‹Gib acht, daß du mir
nichts Böses zufügst›; denn es ist unbedingt
nötig, daß er gar nicht weiß, daß er das kann.
Jetzt kommen Sie nicht mehr nach, aber es
kommt noch schöner. Sie sind doch meine kleine
Freundin, nicht?»
  «Ich diene Ihnen gern, Sir, und gehorche Ihnen
in allem, was recht ist.»
  «Eben; das sehe ich. Ich sehe die Zufriedenheit
aus Ihren Zügen strahlen, wenn Sie mir helfen
und etwas zu Gefallen tun können. Aber ich
weiß, wenn ich Sie etwas tun hieße, was Sie
als unrecht ansehen, dann würde die kleine
Freundin blaß werden, mich ruhig anschauen
und sagen: ‹Nein, Herr, das ist unmöglich. Ich
kann das nicht tun; denn es ist unrecht.› Und
dabei würden Sie bleiben. Nun, auch Sie haben
Macht über mich und können mir wehtun. Und
doch darf ich Ihnen meine verwundbare Stelle
nicht zeigen, sonst würden Sie mich mit Ihrer
ganzen Treue und Güte unverzüglich durch-
bohren.»
  «Wenn Sie von Mr. Mason nicht mehr zu fürch-
ten haben als von mir, dann können Sie ruhig
sein.»
  «Wollte Gott, es wäre so! Hier ist ein Ruhe-
platz, Jane. Setzen Sie sich.»
  Aber ich blieb vor ihm stehen.
  «Setzen Sie sich», sagte er, «die Bank hat Platz
für zwei. Scheuen Sie sich, sich neben mich zu
setzen, wie? Ist das unrecht, Jane?»

277
  Ich antwortete dadurch, daß ich mich setzte.
  «Und jetzt, meine kleine Freundin, in dieser
herrlichen Morgenstunde will ich Ihnen einen
Fall vorlegen, den Sie als Ihren eigenen betrach-
ten sollen. Aber zuerst schauen Sie mich an und
sagen mir, daß Sie sich wohl fühlen und nicht
meinen, ich täte unrecht daran, Sie zurückzu-
halten, und Sie täten unrecht daran, wenn Sie
bleiben.»
  «Nein, Sir, ich bin ruhig.»
  «Nun denn, Jane, stellen Sie sich vor, Sie seien
nicht ein wohlerzogenes Mädchen, sondern ein
wilder, verzogener Junge. Stellen Sie sich vor,
Sie seien in einem fremden Land, begingen dort
einen Riesenfehler, gleich welcher Art und aus
welchen Gründen, aber so, daß seine Folgen Ihr
ganzes Leben vergiften. Ich sage wohlgemerkt
nicht Verbrechen, sondern Fehler. Seine Aus-
wirkungen werden mit der Zeit vollständig un-
erträglich; Sie ergreifen Maßnahmen, um sich
Erleichterung zu verschaffen, ungewöhnliche
Maßnahmen, die aber weder ungesetzlich noch
strafbar sind. Sie sind aber immer noch elend;
denn an der Schwelle des eigentlichen Lebens
haben Sie schon keine Hoffnung mehr. Bittere
und gemeine Gedanken sind das einzige, wovon
die Erinnerung zehren kann. Sie wandern rastlos
hierhin und dorthin und suchen Vergessen, su-
chen Glück in herzlosem, sinnlichem Vergnü-
gen. Mit müdem Herzen und welker Seele keh-
ren Sie heim nach Jahren freiwilliger Verban-
nung; Sie machen eine neue Bekanntschaft,

278
gleichgültig wo und wie. Sie finden in dieser
Fremden die hellen und guten Eigenschaften,
die Sie seit zwanzig Jahren suchten und nicht
fanden. Solche Gesellschaft belebt; Sie fühlen
bessere Tage kommen, Ihre Gefühle werden
wieder rein; Sie möchten Ihr Leben neu an-
fangen und den Rest Ihrer Tage menschen-
würdiger verbringen. Um dieses Ziel zu errei-
chen, sind Sie berechtigt, ein Hindernis zu
überspringen, das die Sitte aufstellt, eine rein
konventionelle Schranke, die Ihr Gewissen
nicht anerkennt und Ihr Verstand nicht bil-
ligt?»
  Er wartete auf Antwort – aber was sollte ich
sagen?
  Wiederum heischte er:
  «Ist der rastlose und sündige Mensch, der Ruhe
sucht und bereut, berechtigt, der Meinung der
Welt Trotz zu bieten und diese anmutige, sanfte,
freundliche Fremde für immer an sich zu binden,
wenn er dadurch seinen Seelenfrieden und ein
neues Leben zurückgewinnt?»
  Ich antwortete: «Sir, die Ruhe eines Wande-
rers oder das neue Leben eines Sünders sollte nie
von einem Mitmenschen abhängen. Männer
und Frauen sterben; der sündige, leidende
Mensch soll einen Höheren um die Kraft der
Wiedergutmachung bitten.»
  «Aber das Werkzeug – das Werkzeug! Gott tut
das Werk, aber er braucht ein Werkzeug! Ich
will es Ihnen ohne Umschweife sagen: ich selber
bin ein sündiger, lasterhafter, ruheloser Mensch

279
gewesen, und ich glaube, ich habe das Werkzeug
zu meiner Besserung gefunden in …»
  Er hielt inne; die Vögel schmetterten ihr
Morgenlied, die Blätter rauschten leise. Ich
wunderte mich beinahe, daß sie nicht den Atem
anhielten, um kein Wort der Enthüllung zu ver-
lieren. Aber sie hätten lange warten müssen.
Schließlich schaute ich auf zu ihm, er blickte
mich begierig an.
  «Kleine Freundin», sagte er in ganz veränder-
tem Ton, und auch sein Gesicht wurde wieder
hart und spöttisch, «Sie haben meine zarte Nei-
gung für Miss Ingram bemerkt. Glauben Sie
nicht, eine Ehe mit ihr würde mein Leben ganz
gewaltig erneuern?»
  Damit stand er auf, spazierte bis ans andere
Ende des Gartens, und als er zurückkam, summte
er eine Melodie vor sich hin.
  «Jane, Jane», sagte er und stand still vor mir,
«Sie sind ganz blaß vor lauter Wachen. Ver-
wünschen Sie mich nicht, daß ich Sie um Ihre
Ruhe bringe?»
  «Verwünschen? Nein, Sir.»
  «Dann geben Sie mir Ihre Hand darauf. Wie
kalt sind Ihre Finger! Heute nacht, als ich sie
vor dem geheimnisvollen Zimmer berührte, wa-
ren sie wärmer. Jane, wann wollen Sie wieder
mit mir wachen?»
  «Sobald ich nützlich sein kann.»
  «Zum Beispiel in der Nacht vor meiner Heirat!
Ganz bestimmt werde ich nicht schlafen können.
Versprechen Sie, mir dann Gesellschaft zu lei-

280
sten? Ihnen kann ich von meiner schönen Lieb-
sten erzählen, Sie kennen sie ja jetzt.»
  «Ja, Sir.»
  «Sie ist ein einzigartiges Geschöpf, nicht, Jane?»
  «Ja, Sir.»
  «Ein Dragoner – ein richtiger Dragoner, Jane:
groß, gebräunt, stramm, mit Haaren, wie sie die
Frauen von Karthago gehabt haben müssen.
Ums Himmels willen! Dent und Lynn gehen in
den Stall! Gehen Sie durch den Staudengarten,
durch dieses Pförtchen hier.»
  Ich wandte mich auf die eine Seite, er auf die
andere, und ich hörte ihn im Hof munter sagen:
  «Mason ist euch allen heute zuvorgekommen;
er ist schon vor Sonnenaufgang weggefahren.
Um vier Uhr bin ich aufgestanden, um mich von
ihm zu verabschieden.»

21

Als ich klein war, hatte ich oft sagen hören, es


sei ein böses Vorzeichen, wenn man von kleinen
Kindern träume. Dieser Aberglaube kam mir
jetzt wieder in Erinnerung; denn eine Woche
lang träumte ich jede Nacht von einem Kind.
Bald beschwichtigte ich es in den Armen, bald
schaukelte ich es auf den Knien, bald sah ich es
auf dem Rasen spielen oder im Wasser plan-
schen. Es lachte und weinte, preßte sich im einen
Traum an mich, um mich im nächsten wieder zu
fliehen. Dieses Bild verfolgte mich so sehr, daß

281
ich erregt wurde, wenn die Schlafenszeit heran-
rückte. Aus einem solchen Traum hatte mich in
jener Mondnacht Mr. Masons Schrei aufge-
schreckt, und zwei Tage später wurde ich zu
einem fremden Besucher in Mrs. Fairfax’ Zim-
mer gerufen. Ich fand einen herrschaftlichen
Diener vor, der ganz in Schwarz gekleidet war
und um seinen Hut ein breites Trauerband ge-
wunden hatte. Bei meinem Eintritt erhob er sich:
  «Sie werden sich kaum an mich erinnern, Miss,
mein Name ist Leaven. Ich war Kutscher in
Gateshead, als Sie dort lebten, und diene noch
jetzt bei Mrs. Reed.»
  «Oh, Robert! Wie geht es Ihnen? Ich erinnere
mich sehr gut an Sie, Sie ließen mich manchmal
auf Miss Georgianas Pony reiten. Was macht
Ihre Frau, Bessie?»
  «Danke, Miss, es geht ihr gut. Vor zwei Mona-
ten hat sie unser drittes Kind geboren.»
  «Und Reeds? Wie geht es ihnen?»
  «Leider nicht so gut. Sie haben gegenwärtig
sehr viel Schweres durchzumachen.»
  «Hoffentlich ist niemand gestorben», sagte ich,
seine schwarze Kleidung musternd.
  Er schlug die Augen nieder und murmelte:
  «Mr. John starb vor acht Tagen in seiner Woh-
nung in London.»
  «Mr. John?»
  «Ja.»
  «Wie hat seine Mutter diesen Schlag ertragen?»
  «Sehen Sie, Miss Eyre, es ist kein alltägliches
Unglück. Sein Leben war ausschweifend, beson-

282
ders in den letzten drei Jahren. Sein Tod war
scheußlich und empörend.»
  «Bessie sagte mir schon, er tue nicht gut.»
  «Gut tun! Er hätte es nicht schlimmer treiben
können. Er hat seine Gesundheit ruiniert, sein
Vermögen in liederlicher Gesellschaft verjubelt.
Er hat Schulden gemacht und ist im Gefängnis
gewesen. Zweimal hat ihm seine Mutter aus der
Patsche geholfen; aber er war unverbesserlich.
Er war ein Schwächling; die Schelmen, mit de-
nen er verkehrte, betrogen ihn maßlos. Vor drei
Wochen kam er nach Gateshead und verlangte
von seiner Mutter das gesamte Familienver-
mögen. Mrs. Reed weigerte sich; er hatte ihr
schon allzuviel Geld abgeknöpft. So ging er nach
London zurück. Bald darauf erhielten wir die
Nachricht von seinem Tod. Es heißt, er habe
Selbstmord begangen.»
  Ich schwieg, von seinem Bericht erschüttert.
Robert fuhr fort:
  «Mrs. Reed war schon einige Zeit krank; die
Furcht vor der Armut ließ sie völlig zusammen-
brechen. Bei der Nachricht von Mr. Johns
schrecklichem Tode erlitt sie einen Schlaganfall.
Drei Tage lang konnte sie überhaupt nicht spre-
chen; doch letzten Dienstag schien eine Besse-
rung einzutreten. Sie versuchte, meiner Frau
etwas zu sagen; es dauerte jedoch lange, bis
Bessie die Worte verstehen konnte: ‹Jane rufen,
Jane Eyre holen, ich will sie sprechen.› Eliza
und Georgiana glaubten zuerst, sie habe falsch
verstanden und weigerten sich. Aber ihre Mutter

283
wurde unruhig und flüsterte immer wieder ‹Jane,
Jane›, bis sie einwilligten. Gestern bin ich von
Gateshead abgereist und bitte Sie, sich bereit-
zuhalten, um morgen früh mit mir zurückzu-
fahren.»
  «Ich werde bereit sein, Robert.»
  «Bessie war sicher, daß Sie kämen; aber ver-
mutlich müssen Sie erst um Urlaub bitten.»
  «Ja, ich will Mr. Rochester sofort fragen.»
  Ich zeigte ihm die Gesindestube, empfahl ihn
Leahs Fürsorge und machte mich auf die Suche
nach Mr. Rochester.
  In den unteren Räumen fand ich ihn nicht,
auch im Hof, in den Ställen, im Park suchte ich
ihn vergeblich. Von Mrs. Fairfax erfuhr ich, daß
er mit Miss Ingram Billard spiele. Schon von
weitem hörte man das Stimmengewirr und das
Anschlagen der Kugeln. Mr. Rochester, Miss
Ingram, die Schwestern Eshton und ihre Ver-
ehrer spielten so eifrig, daß ich sie fast nicht zu
stören wagte. Aber mein Anliegen duldete kei-
nen Aufschub. Ich trat zum Hausherrn und
sagte leise «Mr. Rochester!» Miss Ingram, die
an seiner Seite stand, musterte mich hochmütig,
dabei machte sie eine Bewegung, als wolle sie
mir die Türe weisen.
  «Will diese Person mit Ihnen sprechen?» fragte
sie Mr. Rochester, der sich umwandte, um zu
sehen, wer «diese Person» sei. Er verzog das Ge-
sicht zu einer seiner zweideutigen Grimassen,
legte das Queue hin und verließ mit mir den
Raum.

284
  «Was gibt’s, Jane?» fragte er, nachdem er die
Türe hinter sich geschlossen hatte.
  «Ich möchte um ein oder zwei Wochen Urlaub
bitten, Sir.»
  «Wozu? Wohin wollen Sie gehen?»
  «Um eine kranke Dame zu besuchen, die nach
mir geschickt hat.»
  «Was für eine kranke Dame? Wo wohnt sie?»
  «In Gateshead.»
  «Gateshead? Das ist ja gut hundert Meilen ent-
fernt! Wer mag das sein, daß sie die Leute von
so weit her holen läßt?»
  «Sie heißt Reed. Mrs. Reed, Sir.»
  «Reed von Gateshead? Ein Reed von Gates-
head war einmal Friedensrichter.»
  «Sie ist seine Witwe.»
  «Was haben Sie mit ihr zu tun? Woher kennen
Sie sie?»
  «Mr. Reed war mein Onkel, der Bruder meiner
Mutter.»
  «Zum Kuckuck! Das ist mir neu. Sie behaup-
teten doch immer, keine Verwandten zu haben.»
  «Keine, die mich anerkennen. Mr. Reed ist
tot, und seine Frau jagte mich fort.»
  «Warum?»
  «Weil ich arm war und eine Last, und weil sie
mich nicht ausstehen konnte.»
  «Aber Reed hatte Kinder, Sie müssen Vettern
haben. Erst gestern sprach Sir George Lynn von
einem gewissen Reed, der zu den nichtswürdig-
sten Schuften von London gehörte, und Ingram
erwähnte eine Georgiana Reed, die dort vor ein

285
oder zwei Jahren ihrer Schönheit wegen viel
bewundert wurde.»
  «John Reed ist tot, Sir. Er hat seine Familie
fast zugrunde gerichtet und soll dann Selbst-
mord begangen haben. Als seine Mutter das er-
fuhr, erlitt sie einen Schlaganfall.»
  «Was können Sie ihr nützen? Unsinn, Jane!
Was wollen Sie da hundert Meilen weit laufen,
um eine alte Frau zu sehen, die vielleicht schon
tot ist! Übrigens, sie hat Sie doch hinausgewor-
fen?»
  «Ja, aber das ist lange her. Die Umstände haben
sich verändert; ich hätte kein ruhiges Gewissen,
wenn ich ihrem Wunsch nicht nachkäme.»
  «Wie lange wollen Sie bleiben?»
  «Möglichst kurz.»
  «Nur eine Woche, versprechen Sie es mir.»
  «Lieber nicht. Ich könnte gezwungen sein,
mein Wort zu brechen.»
  «Jedenfalls kommen Sie zurück; lassen Sie sich
unter keinen Umständen dazu verleiten, ständig
dort zu leben!»
  «Sicher nicht! Ich komme wieder, wenn alles
gut geht.»
  «Wer begleitet Sie? Sie wollen doch die weite
Reise nicht allein unternehmen?»
  «Nein, sie hat ihren Kutscher geschickt.»
  «Ist er vertrauenswürdig?»
  «Ja, er dient seit zehn Jahren dort im Haus.»
  Mr. Rochester schien nachzudenken.
  «Wann wollen Sie fahren?»
  «Morgen bei Tagesanbruch.»

286
  «Schön. Aber Sie brauchen Geld. Sie können
nicht ohne Geld reisen, und wahrscheinlich
haben Sie so gut wie nichts. Ich habe Ihnen
Ihr Gehalt ja noch nicht bezahlt. Wie groß ist
Ihr irdischer Besitz, Jane?» Mr. Rochester lä-
chelte.
  Ich zog meinen Geldbeutel heraus, er war
sehr mager. «Fünf Schilling, Sir.» Mr. Rochester
schüttelte den Inhalt des Beutels in seine offene
Hand und betrachtete ihn schmunzelnd, als be-
lustige ihn seine Schäbigkeit. Dann zog er die
Brieftasche hervor und überreichte mir eine
Fünfzig-Pfund-Note. Er schuldete mir nur fünf-
zehn, ich sagte ihm, daß ich nicht wechseln
könne.
  «Sie brauchen mir nichts herauszugeben, das
wissen Sie. Es ist Ihr Gehalt.»
  Ich weigerte mich, mehr anzunehmen, als
mir zukam. Er grollte erst, dann besann er sich.
  «Richtig, richtig! Es ist besser, Ihnen nicht
alles auf einmal zu geben, sonst bleiben Sie mit
Ihren fünfzig Pfund gleich drei Monate weg.
Da sind zehn, genügt Ihnen das?»
  «Ja, aber jetzt schulden Sie mir fünf.»
  «Deretwegen müssen Sie halt zurückkommen.
Inzwischen bin ich der Verwalter für Ihre vier-
zig Pfund.»
  «Wenn wir schon dabei sind, Mr. Rochester,
möchte ich Ihnen gerade noch eine andere ge-
schäftliche Angelegenheit unterbreiten.»
  «Geschäftliche Angelegenheit? Da bin ich aber
gespannt!»

287
  «Sie haben mir zu verstehen gegeben, daß Sie
bald heiraten werden.»
  «Ja, und?»
  «In dem Fall ist es notwendig, Adèle zur Schule
zu schicken, das werden Sie doch wohl ein-
sehen.»
  «Damit sie meiner Frau aus dem Weg ist, die
sonst vielleicht allzu nachdrücklich über sie
hinwegginge. Doch, doch, das ist einleuchtend.
Adèle muß also zur Schule, und Sie, Sie müssen
natürlich abmarschieren, geradewegs – zum
Teufel?»
  «Das will ich nicht hoffen; aber eine andere
Stelle muß ich suchen.»
  «Das ist logisch!» rief er mit näselnder Stimme
und zog ein komisches Gesicht.
  «Und Sie werden die alte Madam Reed oder
ihre Töchter anflehen, Ihnen eine Stelle zu su-
chen, wie?»
  «Nein, Sir. Meine Beziehungen zu meinen Ver-
wandten sind nicht gut genug, um sie um einen
Gefallen zu bitten; aber ich werde eine Anzeige
aufgeben.»
  «Die Pyramiden Ägyptens sollen Sie hinauf-
klettern!» zürnte er, «wehe Ihnen, wenn Sie eine
Anzeige machen! Ich wollte, ich hätte Ihnen
nur einen Sovereign gegeben, statt zehn Pfund.
Geben Sie mir neun Pfund zurück, ich habe Ver-
wendung dafür.»
  «Ich auch!» gab ich zurück und verbarg meine
Hände mit dem Beutel hinter dem Rücken. «Ich
kann das Geld unmöglich entbehren.»

288
  «Kleiner Geizhals! Mir eine Bitte um Geld ab-
zuschlagen! Geben Sie mir fünf Pfund, Jane.»
  «Keine fünf Schilling, keine fünf Pence!»
  «Lassen Sie mich doch nur eben das Täschchen
sehen!»
  «Nein, Ihnen kann man nicht trauen.»
  «Jane!»
  «Sir?»
  «Etwas müssen Sie mir versprechen.»
  «Ich gebe Ihnen jedes Versprechen, das ich
halten kann.»
  «Keine Anzeige zu machen, diese Sorge mir
zu überlassen. Ich werde Ihnen zu gegebener
Zeit eine passende Stellung finden.»
  «Gerne, Sir; nur müssen Sie mir Ihrerseits ver-
sprechen, daß Adèle und ich aus dem Haus und
in Sicherheit sind, ehe Ihre Frau hier einzieht.»
  «Ausgezeichnet! Ausgezeichnet! Dafür ver-
pfände ich Ihnen mein Wort. Sie wollen also
morgen abfahren?»
  «Ja, in der Frühe.»
  «Kommen Sie heute abend in den Salon?»
  «Nein, ich muß packen.»
  «Dann müssen wir uns jetzt für ein Weilchen
Lebewohl sagen?»
  «Wahrscheinlich.»
  «Wie machen das die Leute, wenn sie Abschied
nehmen, Jane? Das müssen Sie mir beibringen,
ich bin darin nicht ganz auf der Höhe.»
  «Sie sagen (Leben Sie wohl› oder etwas Ähn-
liches.»
  «So sagen Sie es.»

289
  «Leben Sie wohl, Mr. Rochester, für die nächste
Zeit.»
  «Was muß ich sagen?»
  «Das gleiche, wenn Sie mögen.»
  «Leben Sie wohl, Miss Eyre, für die nächste
Zeit. Ist das alles?»
  «Ja.»
  «Für mein Gefühl ist das zu kurz angebunden,
zu trocken und unfreundlich. Ich hätte die
Zeremonie lieber ein wenig feierlicher. Zum
Beispiel einen Händedruck. Aber nein – das be-
friedigte mich auch nicht. Sie wollen also wirk-
lich nicht mehr sagen als ‹Leben Sie wohl›?»
  «Nein, man kann seine Sympathie sehr gut in
einem einzigen herzlichen Wort ausdrücken.»
  «Das mag stimmen, aber das ‹Leben Sie wohl›
klingt so kahl und kalt.»
  Ich fragte mich ungeduldig, ob er wohl noch
lange so an der Türe stehenbleiben werde; denn
ich wollte anfangen zu packen. Da ertönte die
Essensglocke, Mr. Rochester fuhr zusammen und
stürzte ohne ein weiteres Wort davon. Bis zu
meiner Abreise bekam ich ihn nicht mehr zu
Gesicht.
  Es war der erste Mai, nachmittags fünf Uhr,
als ich in Gateshead ankam. Ehe ich ins Herren-
haus ging, besuchte ich Bessie im Pförtner-
häuschen. Alles war hell und sauber; Bessie saß
am Kaminfeuer und wiegte ihren Jüngsten. Als
ich eintrat, rief sie mir entgegen:
  «Gott segne Sie! Ich wußte ja, daß Sie kommen
würden!»

290
  Ich umarmte sie.
  «Ja, Bessie, hoffentlich komme ich nicht zu
spät. Wie geht es Mrs. Reed? Lebt sie noch?»
  «Ja, sie scheint heute etwas klarer zu sein als
die letzten Tage. Der Arzt meint, es könne noch
eine Woche gehen, vielleicht vierzehn Tage;
aber gesund würde sie kaum mehr.»
  «Hat sie wieder nach mir verlangt?»
  «Heute morgen sagte sie mir, sie hoffe, Sie zu
sehen. Aber als ich vorhin bei ihr war, schlief sie.
Meistens liegt sie den ganzen Nachmittag apa-
thisch da und wird erst gegen Abend wieder
wach. Bleiben Sie ein Stündchen bei mir, Miss
Eyre, dann begleite ich Sie hinauf.»
  Robert trat ein. Bessie erhob sich, legte das
Kind in die Wiege und bereitete Tee; denn sie
fand, ich sehe bleich und müde aus. Sie nahm
mir fürsorglich den Mantel ab, und ich ließ es
mir gern gefallen, wie damals, als ich klein war.
Bessie war jung und frisch geblieben, jede ihrer
Bewegungen erinnerte mich an meine Kinder-
zeit. Sie richtete Tee, Butterbrot und Kuchen
an, alles auf ihrem besten Porzellan; dann er-
kundigte sie sich, ob ich mich in Thornfield
wohl fühle und ob ich eine gute Herrin habe.
Als sie erfuhr, daß diese Herrin ein Herr sei,
wollte sie wissen, ob ich ihn schön finde und
gern habe. Ich erzählte ihr, daß er kein schöner
Mann, aber sehr freundlich zu mir sei. Dann
beschrieb ich ihr die fröhliche Gesellschaft der
Gäste. Bessie lauschte gespannt und fand, das
sei ganz nach ihrem Geschmack.

291
  Bald war die Stunde um. Ich ging mit Bessie den
gleichen Weg hinauf, den sie mich neun Jahre
zuvor hinunter begleitet hatte, als ich an jenem
düsteren, rauhen Nebelmorgen verbittert und
niedergeschlagen das feindselige Haus verließ.
Wieviel mehr Selbstvertrauen hatte ich jetzt! Kein
Rachegefühl begleitete meine Erinnerungen.
  «Gehen Sie zuerst ins Frühstückszimmer»,
sagte Bessie, «die jungen Damen sind dort.»
  Seit jenem Morgen, als ich Mr. Brocklehurst
dort zum erstenmal entgegengetreten war, hatte
sich das Aussehen des Raumes unverändert er-
halten. Teppich, Möbel, Bücher, alles war am
alten Platz, nur die Menschen hatten sich ver-
ändert. Eliza war schmal und hoch aufgeschos-
sen, schwarz gekleidet mit nonnenhaft nach
hinten gekämmten Haaren. Georgianas Gesicht
war noch immer schön; aber sie war stark ge-
worden, fast dick, und ihr regelmäßiges Gesicht
hatte eine wächserne Farbe. Beide hatten nur
geringe Ähnlichkeit mit ihrer Mutter.
  Sie erhoben sich, als ich eintrat, und begrüß-
ten mich als «Miss Eyre». Wir wechselten ein
paar nichtssagende Worte über das Wetter und
meine Reise. Georgiana behandelte mich ziem-
lich von oben herab, während Eliza meine An-
wesenheit überhaupt nicht zu bemerken schien.
Aber das berührte mich nicht mehr, ich fühlte
mich weder befangen noch unterlegen.
  «Wie geht es Mrs. Reed?» fragte ich.
  Georgiana schien fast beleidigt, daß ich mich
getraute, das Wort an sie zu richten.

292
  «Mrs. Reed? Ach, Sie meinen Mama! Es geht
ihr sehr schlecht, ich glaube kaum, daß Sie sie
heute noch besuchen können.»
  «Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie ihr
eben sagen wollten, daß ich da bin.»
  Georgiana fuhr auf und starrte mich empört
an.
  «Ich weiß, daß sie ausdrücklich wünschte,
mich zu sehen», fügte ich hinzu, «ich möchte sie
nicht unnötig warten lassen.»
  «Mama liebt es nicht, abends gestört zu wer-
den», bemerkte Eliza.
  Ich erhob mich ruhig, zog unaufgefordert die
Handschuhe aus, nahm den Hut ab und machte
mich auf die Suche nach Bessie. Ich fand sie in
der Küche und bat sie, Mrs. Reed meine An-
kunft mitzuteilen. Nachdem ich die weite Reise
unternommen hatte, mußte ich Mrs. Reed se-
hen, gleichgültig, ob es ihren Töchtern paßte
oder nicht. Deshalb beauftragte ich die Haus-
hälterin, mir ein Zimmer herzurichten, und
teilte ihr mit, daß ich vielleicht zwei Wochen
dableiben würde.
  Auf der Treppe kam mir Bessie entgegen:
  «Missis ist wach. Kommen Sie mit, wir wollen
schauen, ob sie Sie erkennt.»
  Ich wußte den Weg zu dem mir wohlbekann-
ten Raum, in dem ich so oft hatte erscheinen
müssen, um mich tadeln oder strafen zu lassen.
Auch hier war alles unverändert; unwillkürlich
warf ich einen Blick nach der Ecke, wo die einst
so gefürchtete Rute zu hängen pflegte. Ich trat

293
an das Bett und zog die Vorhänge zurück. Da
lag Mrs. Reed in den hochgetürmten Kissen.
Bei diesem Wiedersehen nach so langer Abwesen-
heit war jedes Rachegefühl ausgelöscht. Ich
empfand keinen bitteren Haß mehr wie bei
meinem Fortgehen, sondern nur Mitleid und den
Wunsch, zu vergessen, zu vergeben und mich
mit ihr zu versöhnen.
  Ihr Gesicht war noch immer gleich streng und
unbarmherzig, ihr Auge hart, ihre Braue herrsch-
süchtig nach oben gezogen. Wie oft hatte dies
Gesicht haßerfüllt und drohend auf mich herab-
geschaut! Und doch beugte ich mich jetzt nieder
und umarmte sie.
  «Ist das Jane Eyre?» fragte sie.
  «Ja, Tante Reed. Wie geht es Ihnen, liebe
Tante?»
  Wohl hatte ich mir einst gelobt, sie nie wieder
Tante zu nennen; aber in diesem Augenblick
glaubte ich, das Gelöbnis brechen zu dürfen.
Ich nahm ihre Hand, aber sie zog sie weg, wandte
ihr Gesicht ab und bemerkte, die Nacht sei
warm. Dann blickte sie mich wieder so eisig an,
daß ich die Unveränderlichkeit ihrer Gefühle
einsah.
  Diese Erkenntnis bedrückte mich zuerst; dann
überkam mich Zorn. Nur mit Mühe drängte ich
die Tränen zurück, nahm einen Stuhl und setzte
mich an ihr Bett.
  «Sie haben nach mir geschickt», sagte ich,
«jetzt bin ich da und bleibe, bis es Ihnen besser
geht.»

294
  «Ach ja, natürlich. Hast du meine Töchter ge-
sehen?»
  «Ja.»
  «Sag ihnen, ich wünsche, daß du dableibst,
bis ich dir gesagt habe, was ich dir mitteilen
muß. Für heute ist es zu spät, und ich habe
Mühe, mich daran zu erinnern. Aber etwas
wollte ich doch … Was war es nur …»
  Sie wurde unruhig, zog die Leintücher fester
um sich und spürte meinen Arm auf einer Ecke
der Bettdecke.
  «Sitz richtig hin! Belästige mich nicht! Bist du
Jane Eyre?»
  «Ja, ich bin Jane Eyre.»
  «Es ist unglaublich, wieviel Unannehmlich-
keiten ich mit diesem Kind gehabt habe. So eine
Last! Sie hat mir entsetzlich viel Ärger bereitet,
täglich und stündlich, mit ihrem unberechen-
baren Charakter. Heimtückisch verfolgte sie
jede meiner Bewegungen. Einmal hat sie wie
eine Wahnsinnige mit mir gesprochen; nicht
wie ein Kind, viel eher wie ein Teufel. Ich war
froh, sie loszuwerden. Aber was hat man in
Lowood nur mit ihr gemacht? Die Epidemie
brach doch aus, und viele Schülerinnen starben;
nur sie nicht, obwohl ich es so sehnlich wünschte.»
  «Ein seltsamer Wunsch, Mrs. Reed; warum
hassen Sie sie so?»
  «Ich habe ihre Mutter nie ausstehen können;
mein Mann liebte sie zärtlich. Sie war seine ein-
zige Schwester. Er widersetzte sich der Familie,
die sie nach ihrer Mesalliance verließ. Als sie

295
starb, heulte der Einfaltspinsel. Er ließ das Kind
kommen und weigerte sich, es in ein Kinderheim
zugeben. Ich haßte das weinerliche, jämmerliche
Ding vom ersten Augenblick an. Mein Mann
pflegte es mehr als eines der unsrigen, die das
Bettelkind als Schwester aufnehmen sollten.
Aber meine Kleinen konnten es auch nicht lei-
den. Mein Mann wurde zornig, wenn sie ihre
Abneigung zeigten. Als er krank wurde, wollte
er sie ständig bei sich haben, und eine Stunde
vor seinem Tod ließ er mich geloben, das Ge-
schöpf zu behalten. Lieber hätte ich einen Balg
aus dem Armenhaus genommen; aber er war so
schwach. John gleicht ihm gar nicht, er ist ein
richtiger Gibson wie ich und meine Brüder.
Wenn er nur aufhören wollte, mich mit seinen
Briefen zu quälen; ich habe ja kein Geld mehr!
Ich muß die halbe Dienerschaft entlassen, einen
Teil des Hauses schließen oder vermieten. Zwei
Drittel meines Einkommens brauche ich nur,
um Hypotheken zu zahlen. John spielt und ver-
liert immerzu, der Ärmste! Er ist unter Gauner
geraten, gefallen und entehrt; sein Blick ist
grauenvoll – wenn ich ihn sehe, schäme ich mich
für ihn.»
  Sie regte sich immer mehr auf, deshalb sagte
ich zu Bessie: «Ich glaube, es ist besser, wenn ich
jetzt gehe.»
  «Wahrscheinlich schon, Miss, obwohl sie ge-
gen Abend oft so spricht. Morgens ist sie ru-
higer.»
  Als ich mich erhob, rief Mrs. Reed:

296
  «Halt, ich wollte noch etwas sagen! Er droht
mir unablässig, sich oder mich zu töten. Im
Traum sehe ich ihn manchmal daliegen, mit
schwarzem, verschwollenem Gesicht und durch-
schnittener Gurgel. Ich bin in schwerer Sorge.
Was soll geschehen? Wie kann man Geld be-
schaffen?»
  Bessie überredete sie schließlich dazu, ein
Schlafmittel zu nehmen. Mrs. Reed wurde ruhig
und fiel in tiefen Schlummer.
  Zehn Tage vergingen, bis ich wieder mit ihr
sprechen konnte. Sie war selten bei Bewußtsein,
und der Arzt verbot jede Aufregung. Unter-
dessen versuchte ich, schlecht und recht mit mei-
nen Kusinen auszukommen. Anfänglich waren
sie sehr kalt und abweisend. Eliza nähte, schrieb
oder las den ganzen Tag, ohne ein Wort zu spre-
chen. Georgiana unterhielt sich stundenlang mit
ihrem Kanarienvogel, ohne mich zu beachten.
Aber das kümmerte mich nicht. Ich hatte meine
Malsachen mitgebracht, setzte mich an ein
Fenster und malte, was mir gerade in den Sinn
kam. Einmal zeichnete ich ein Gesicht. Mit brei-
ten Strichen hielt ich die Umrisse fest, skizzierte
eine große, vorspringende Stirn, waagrechte
Augenbrauen, eine gerade Nase, ein eigenwilli-
ges Kinn. Ich fügte einen Schnurrbart hinzu,
und schwarzes, in die Stirne fallendes Haar. Die
Augen zeichnete ich zuletzt, breit, mit dunklen
Schatten, schwarzen Wimpern und funkelnden
Lichtern. Ich lächelte zufrieden, als ich die
sprechende Ähnlichkeit bemerkte.

297
  «Ist das ein Bekannter von Ihnen?» fragte
Eliza, die unbemerkt zu mir getreten war. Ich
antwortete, daß es nur ein Phantasiekopf sei,
und verbarg ihn schnell unter den anderen
Blättern. Ich log natürlich: es war in Wahrheit
ein sehr getreues Abbild von Mr. Rochester.
Aber was ging das die anderen an? Georgiana
kam auch herbei, und die übrigen Zeichnungen
gefielen ihr sehr, aber das Porträt nannte sie
«einen häßlichen Mann». Sie schienen beide
überrascht von meiner Kunstfertigkeit. Ich bot
ihnen an, ich wolle sie zeichnen, und beide saßen
mir für eine Bleistiftskizze. Georgiana versprach
ich ein Aquarell für ihr Album. Da wurde sie
plötzlich guter Laune und schlug mir vor, wir
wollten im Park Spazierengehen. Bevor zwei
Stunden verstrichen waren, steckten wir in einer
tiefvertraulichen Unterhaltung. Sie erzählte
mir von ihren Erfolgen in London, von ihren
Eroberungen, ihren verliebten Kümmernissen.
So ging es nun Tag für Tag, doch nie berührte
sie die Krankheit ihrer Mutter oder den Tod
ihres Bruders oder den düsteren Zustand der
Familienangelegenheiten. Sie verbrachte höch-
stens fünf Minuten im Tag am Krankenbett
ihrer Mutter.
  Eliza sprach selten; sie hatte keine Zeit dazu.
Den ganzen Tag, von morgens früh bis abends
spät, war sie voll beschäftigt, und doch ver-
mochte ich nie ein sichtbares Ergebnis festzu-
stellen. Sie hatte ihren Tag genau eingeteilt:
dreimal im Tag las sie im Gesangbuch; drei

298
Stunden lang stichelte sie an einer roten Altar-
decke, zwei Stunden widmete sie ihrem Tage-
buch, zwei arbeitete sie im Küchengarten, und
eine Stunde saß sie über ihrer Buchhaltung. Sie
hatte ihr Vermögen in Sicherheit gebracht, und
nach dem Tod ihrer Mutter wollte sie sich an
einen ruhigen Ort zurückziehen und Schranken
zwischen sich und der eitlen Welt aufrichten.
  Eines Tages ließ sie sich heftig gegen Geor-
giana aus, die den lieben langen Tag auf dem
Sofa lag, las oder schwatzte. Sie warf ihr vor,
das unnützeste, faulste und leichtsinnigste Ge-
schöpf der Welt zu sein, und machte ihr klar,
daß sie sie nach dem Tode der Mutter als eine
Fremde betrachten werde.
  Georgiana wiederum antwortete, sie habe
schon lange gewußt, daß ihre Schwester das
herzloseste, selbstsüchtigste Wesen sei, und sie
habe auch ihre Aussichten, einen Lord zu be-
kommen, durch ihre Ränke zunichte gemacht.
Dann begann sie zu weinen und schneuzte sich
noch eine Stunde lang. –
  Der Nachmittag war regnerisch. Georgiana
war über ihrem Buch eingeschlafen, Eliza hatte
sich zur Kirche begeben, und ich benützte die
Gelegenheit, wieder einmal nach oben zu gehen.
Die todkranke Frau war fast immer allein; selbst
die Pflegerin drückte sich, sooft sie konnte, aus
dem Krankenzimmer. Auch jetzt war es leer.
Lange stand ich am Fenster, schaute dem Regen
zu, der an die Scheiben klatschte, und dachte an
das große Geheimnis des Todes, an Helen Burns

299
und ihr Sterben. Da flüsterte eine schwache
Stimme vom Bett her:
  «Wer ist da?»
  Mrs. Reed hatte seit Tagen nicht mehr gespro-
chen. Ich ging zu ihr hin: «Ich bin’s, Tante Reed.»
  «Wer – ich?» war die Antwort. «Wer sind Sie?»
Sie schaute mich überrascht und ein bißchen
erschrocken an, aber nicht aufgeregt. «Sie sind
mir ganz fremd – wo ist Bessie?»
  «Sie ist im Pförtnerhaus, Tante.»
  «Tante», wiederholte sie. «Wer sagt denn
Tante zu mir? Sie gehören nicht zu den Gibsons,
und doch kenne ich Sie – das Gesicht, Augen und
Stirn kommen mir ganz bekannt vor: Sie glei-
chen – aber ja, Sie gleichen Jane Eyre!»
  Ich sagte nichts, ich hatte Angst, irgendeine
Erschütterung zu verursachen, wenn ich ihr
mitteilte, wer ich war.
  «Und doch habe ich vielleicht nicht recht; ich
kann nicht mehr klar denken. Ich wollte Jane
Eyre sprechen, und jetzt sehe ich eine Ähnlich-
keit, wo keine ist. Überhaupt muß sie sich doch
in acht Jahren sehr verändert haben.»
  Da versicherte ich ihr sanft, daß ich wirklich
Jane sei, und als ich merkte, daß sie mich ver-
stand, erklärte ich, wie Bessie ihren Mann nach
Thornfield geschickt hatte, um mich zu holen.
  «Ich weiß, ich bin sehr krank», sagte sie nach
kurzer Pause. «Ich kann mich nicht mehr be-
wegen. Ich möchte mein Herz erleichtern, bevor
ich sterbe. Ist die Schwester da, oder sonst je-
mand außer mir?»

300
  Ich versicherte, wir seien allein.
  «Nun, ich habe dir zweimal ein Unrecht zu-
gefügt, das ich jetzt bereue. Das eine bestand
darin, daß ich das Versprechen brach, dich wie
ein eigenes Kind aufzuziehen. Das andere» – sie
hielt inne. «Vielleicht ist es nicht so wichtig»,
murmelte sie zu sich selber, «und dann geht es
mir besser. Aber es ist schrecklich, sich vor ihr
so zu demütigen.»
  Ihr Ausdruck änderte sich, sie schien irgend-
einen Schmerz zu verspüren, vielleicht den Vor-
boten des Todeskampfes.
  «Nein, ich muß es auf mich nehmen. Vor mir
steht die Ewigkeit – es ist besser, ich sage es ihr. –
Geh zu meinem Toilettentischchen, nimm den
Brief heraus, den du dort siehst.»
  Ich gehorchte. «Lies den Brief», befahl sie.
  Er war kurz und lautete folgendermaßen:

  «Madam,
möchten Sie die Güte haben, mir die Adresse
meiner Nichte Jane Eyre mitzuteilen und mir
zu berichten, wie es ihr geht. Ich habe die Ab-
sicht, ihr zu schreiben und sie zu bitten, zu mir
nach Madeira zu kommen. Die Vorsehung hat
meine Geschäfte gesegnet, und da ich unver-
heiratet und kinderlos bin, wünsche ich, sie zu
adoptieren und ihr nach meinem Tod meinen
Besitz zu vermachen.
Empfangen Sie, Madam, etc. etc.
John Eyre, Madeira.»

301
Das Datum lag drei Jahre zurück. «Warum habe
ich davon nie etwas gehört?» fragte ich.
  «Weil meine Abneigung gegen dich viel zu
stark war, als daß ich zu deinem Wohlergehen
hätte beitragen wollen. Ich konnte dein Betragen
mir gegenüber nicht vergessen, Jane; die Wut,
mit der du mir einmal begegnet bist, den Tonfall,
in dem du mir erklärtest, du verabscheuest mich
am meisten auf der ganzen Welt, das unkindliche
Aussehen, als du sagtest, schon beim bloßen An-
mich-Denken werde dir übel, und ich behandle
dich mit elender Grausamkeit. Und ich konnte
auch nicht vergessen, daß ich mich damals
fürchtete, mich fürchtete, wie wenn ein Tier, das
ich mißhandelt hätte, mich plötzlich aus Men-
schenaugen angeschaut und mich mit Men-
schenstimme verflucht hätte, – Bring mir Wasser!
Rasch, rasch!»
  Als ich ihr den Trunk reichte, sagte ich zu ihr:
«Liebe Mrs. Reed, denken Sie nicht mehr daran;
vergessen Sie es. Vergeben Sie mir meine heftige
Sprache; ich war ja ein Kind, und es ist acht
oder neun Jahre her.»
  Sie achtete gar nicht auf meine Worte, sondern
fuhr fort:
  «Ich sage, ich konnte es nicht vergessen, und
ich habe mich gerächt. Ich konnte es nicht er-
tragen, daß du, von deinem Onkel adoptiert, zu
Wohlstand und Behaglichkeit gekommen wä-
rest. Ich schrieb ihm, es tue mir leid für ihn,
aber Jane Eyre sei gestorben, sie sei der Typhus-
epidemie in Lowood zum Opfer gefallen. Und

302
jetzt tu, was du willst: schreib und strafe mich
Lügen, sobald du willst. Du bist sicher auf die
Welt gekommen, um mich zu quälen. Mein
letztes Stündchen ist friedlos wegen der Erinne-
rung an eine Tat, die ich nie begangen hätte,
wärest du nicht gewesen.»
  «Wenn ich Sie nur dazu bringen könnte, sie
zu vergessen, Tante, und mich gütig und ver-
gebend zu – – –»
  «Du hast einen sehr schlechten Charakter»,
sagte sie, «und bis zu diesem Tag kann ich nicht
begreifen, wie du neun Jahre lang geduldig und
ruhig jede Behandlung hingenommen hast, um
dann im zehnten Jahr plötzlich mit so großer
Heftigkeit auszubrechen.»
  «Mein Charakter ist gar nicht so schlecht, wie
Sie glauben; ich bin heftig, aber nicht rach-
süchtig. Als kleines Kind hätte ich Sie gern lieb-
gehabt, aber Sie haben es nie zugelassen. Ich
möchte mich wirklich mit Ihnen versöhnen.
Küssen Sie mich, Tante.»
  Ich näherte meine Wange ihren Lippen, aber
sie berührte sie nicht. Sie beklagte sich, ich liege
schwer auf ihr, und verlangte wieder Wasser. Ich
stützte sie mit dem Arm, während sie trank, und
als ich sie niederlegte, bedeckte ich ihre eiskalte,
steife Hand mit der meinen: die schwachen
Finger zogen sich zurück, die glasigen Augen
vermieden meinen Blick.
  Da sagte ich schließlich:
  «So lieben Sie mich oder hassen Sie mich; ich
verzeihe Ihnen von ganzem Herzen. Nun bitten

303
Sie um die Vergebung Gottes und seinen Frie-
den.»
  Die Pflegerin trat mit Bessie ein. Ich verweilte
noch eine halbe Stunde und hoffte auf ein Zei-
chen von Freundlichkeit, aber umsonst. Sie ver-
sank wieder in Bewußtlosigkeit und erholte sich
nicht mehr.
  Um Mitternacht starb sie.
  Ich war nicht bei ihr, um ihr die Augen zu
schließen; auch ihre Töchter nicht.
  Erst am andern Morgen erzählte man uns, es
sei alles vorbei. Eliza und ich nahmen Abschied
von ihr; Georgiana getraute sich nicht. Die
stille, starre Leiche schien noch die unerbittliche
Kälte ihrer Seele zu spüren; nichts Weiches,
Mitleiderregendes, aber auch nichts Hoffnungs-
volles, Überwindendes ging von ihr aus. In die-
ser Form war der Tod fürchterlich und er-
schreckend.
  Eliza schaute die Tote schweigend an. Dann
sagte sie: «Mit ihrer Veranlagung hätte sie noch
recht alt werden können; Kummer hat ihr Leben
verkürzt.» Dann verzog sich ihr Mund einen
Augenblick lang schmerzhaft, sie wandte sich
zum Gehen, und wir verließen beide das Zimmer.
Keine von uns hatte eine Träne vergossen.

304
22

Mr. Rochester hatte mir nur eine Woche Urlaub


gewährt; trotzdem verstrich ein ganzer Monat,
bevor ich Gateshead verließ. Ich hatte unmittel-
bar nach dem Begräbnis wegfahren wollen; aber
Georgiana bat mich inständig, zu bleiben, bis
sie nach London abreiste. Ihr Onkel, Mr. Gib-
son, der zur Bestattung seiner Schwester und zur
Regelung der Familienangelegenheiten herge-
kommen war, hatte sie endlich zu sich einge-
laden. Georgiana sagte, sie habe Angst davor,
mit Eliza allein zu bleiben; sie habe weder
Trost noch Hilfe an ihr. So ließ ich ihr verzag-
tes Klagen über mich ergehen und gab mir
alle Mühe, für sie zu nähen und zu packen.
Sie faulenzte, während ich arbeitete, und ich
dachte: Wenn wir zwei immer zusammenleben
müßten, Kusinchen, würde ich mich nicht da-
zu hergeben, deine Magd zu sein, sondern dich
zwingen, deinen Teil Arbeit zu leisten. Deine
Klagen könntest du dir schenken. Aber da es
nicht lang dauert, will ich mit dir Geduld ha-
ben.
  Schließlich war es so weit, daß Georgiana ab-
fuhr. Aber jetzt war es Eliza, die mich bat, noch
eine Woche zu bleiben. Sie sagte, ihre Pläne
nähmen ihre ganze Zeit und Aufmerksamkeit
in Anspruch. Den ganzen Tag hindurch schloß
sie sich in ihrem Zimmer ein, füllte Koffer, leerte
Schubladen, verbrannte Papiere und verkehrte
mit niemandem. Ich sollte nach dem Haus sehen,

305
Besucher empfangen und Beileidschreiben be-
antworten.
  Eines Morgens erklärte sie mir, ich sei nun
frei. «Und», fügte sie hinzu, «ich danke dir für
deine wertvollen Dienste und deine Zurück-
haltung. Es ist eine ganz andere Sache, mit dir
zu leben als mit Georgiana: du bist ein selb-
ständiger Mensch und fällst niemandem zur
Last. Morgen verreise ich nach dem Kontinent.
Ich werde mich in eine Art Kloster in der Nähe
von Lille zurückziehen. Dort werde ich mich
ruhig und unbelästigt eine Zeitlang mit dem
katholischen Glauben befassen. Wenn er so voll-
kommen ist, wie ich erwarte, werde ich über-
treten und den Schleier nehmen.»
  Ich zeigte keine Überraschung und versuchte
auch nicht, sie davon abzubringen. Das paßt zu
dir! dachte ich, wohl bekomm’s! Als wir uns
trennten, sagte sie: «Leb wohl, Kusine Jane
Eyre; ich wünsche dir alles Gute; du bist ein
verständiger Mensch.»
  Da gab ich ihr zur Antwort: «Du bist auch
nicht ohne Verstand, Kusine Eliza; aber übers
Jahr wird er wohl in einem französischen Kloster
lebendig eingemauert sein. Doch was geht das
mich an; wenn es dir wohl ist – mir ist es gleich.»
  Eliza nahm dann später tatsächlich den
Schleier und ist heute Oberin in dem Kloster,
wo sie ihr Noviziat verbracht und dem sie auch
ihr Vermögen vermacht hat. Georgiana machte
eine gute Partie mit einem reichen alten Lebe-
mann.

306
  Ich wußte nicht, was ein Mensch empfindet,
wenn er nach längerer oder kürzerer Abwesen-
heit nach Hause zurückkehrt; ich hatte dieses
Gefühl nie erfahren. Ich hatte gewußt, was es
bedeutete, wenn ich als Kind von einem langen
Spaziergang nach Gateshead zurückkam: das
bedeutete Schelte, weil ich durchfroren oder ver-
drießlich aussah; und später, was es bedeutete,
von der Kirche nach Lowood zurückzukehren:
sich nach einem reichlichen Essen und einem
warmen Feuer zu sehnen – und keins von beiden
zu bekommen. Die Heimkehr war nie ange-
nehm oder wünschenswert gewesen. Die Rück-
kehr nach Thornfield stand mir noch bevor.
  Meine Reise schien langweilig, sehr langwei-
lig: fünfzig Meilen an einem Tag, eine Nacht in
einem Gasthaus, fünfzig Meilen am folgenden
Tag. Während der ersten zwölf Stunden dachte
ich über die Erlebnisse der letzten Wochen nach.
Am Abend aber zerstreute die Ankunft in einer
großen Stadt diese Gedanken; die Nacht gab
ihnen eine ganz andere Richtung: als ich in mei-
nem Bett lag, traten an die Stelle von Erinnerun-
gen Zukunftsbilder.
  Ich war auf dem Rückweg nach Thornfield:
aber wie lange würde ich dort bleiben? Ganz
bestimmt nicht lang. Während meiner Ab-
wesenheit hatte mir Mrs. Fairfax geschrieben,
daß die Gästeschar auseinandergegangen und
Mr. Rochester selbst für vierzehn Tage nach
London gefahren sei. Mrs. Fairfax vermutete, er
treffe dort Vorbereitungen für seine Hochzeit,

307
da er von der Anschaffung eines neuen Wagens
gesprochen hatte. Sie sagte, der Gedanke, daß
er Miss Ingram heirate, erscheine ihr immer noch
seltsam, aber nach dem, was alle sagten und was
sie selber gesehen habe, könne sie nicht mehr
länger daran zweifeln. Ich zweifle auch nicht
daran, ging es mir durch den Kopf. Aber was
sollte dann aus mir werden? Die ganze Nacht
träumte ich von Miss Ingram. Gegen Morgen
wurde der Traum immer lebhafter: sie warf mir
die Tore von Thornfield vor der Nase zu und be-
deutete mir, meiner Wege zu ziehen; Mr. Roch-
ester aber sah mit gekreuzten Armen zu und
schien für uns beide nur ein ironisches Lächeln
übrig zu haben.
  Ich hatte Mrs. Fairfax den genauen Tag mei-
ner Rückkehr nicht mitgeteilt, denn ich wollte
nicht von Millcote abgeholt werden. Ich hatte
vor, den Weg von dort aus allein und zu Fuß zu
machen. Mein Gepäck ließ ich im Gasthaus und
schlug, als es Abend wurde, den einsamen Weg
durch die Felder ein.
  Der Sommerabend war nicht klar und präch-
tig, doch angenehm und mild. Dem ganzen Weg
entlang waren die Heuer an der Arbeit; und
wenn der Himmel auch nicht wolkenlos war, so
versprach er doch Gutes: er war tiefblau, und
die Wolken standen hoch. Der Horizont leuchtete
in goldenem Rot.
  Ich fühlte mich glücklich, als ich so den Weg
zurücklegte, so glücklich, daß ich einmal stehen-
blieb und mich selber fragte, was diese Freude

308
bedeute; ich rief mir in Erinnerung, daß ich
nicht nach Hause ging und daß keine Freunde
besorgt auf mich warteten. Mrs. Fairfax wird dir
ein ruhiges Willkommen zulächeln, darauf
kannst du zählen, sagte ich mir, und die kleine
Adèle wird in die Hände klatschen und herbei-
laufen, um dich zu begrüßen; aber du weißt
ganz genau, daß du an jemand anders denkst,
und daß er nicht an dich denkt.
  Auch auf den Wiesen von Thornfield heuen
die Knechte, oder vielmehr, sie verlassen eben
ihre Arbeit und kehren nach Hause zurück,
ihren Rechen auf der Schulter. Nur noch ein
oder zwei Felder, dann bin ich am Tor des
Gutes. Wie voll von Rosen sind die Hecken!
Aber ich habe keine Zeit, ein paar zu pflücken,
ich will ins Haus. Ich gehe an einem großen
wilden Rosenstrauch vorbei, dessen Zweige voll
Blätter und Blüten über den Weg wuchern; ich
sehe den kleinen Zauntritt mit den Steinstufen;
und ich sehe – Mr. Rochester dort sitzen, ein
Buch und einen Bleistift in der Hand: er schreibt.
  Er ist doch kein Geist, und trotzdem zittert
jede Faser an mir; einen Augenblick lang habe
ich mich nicht in der Gewalt. Sobald ich mich
wieder bewegen kann, will ich zurück; es ist
nicht nötig, daß ich mich lächerlich mache. Ich
kenne einen andern Weg zum Hause. Aber ich
könnte zwanzig andere Wege kennen, es nützt
mir nichts mehr – er hat mich gesehen.
  «Hallo!» ruft er und legt Buch und Bleistift
beiseite. «Da sind Sie ja! Kommen Sie doch her!»

309
  Ich wußte kaum, was ich tat, und war nur
darauf bedacht, ruhig und beherrscht zu schei-
nen.
  «Ist das wirklich Jane Eyre? Kommen Sie zu
Fuß von Millcote? Jaja, das gleicht Ihnen wie-
der: Sie bestellen keinen Wagen und kommen
laut und sicher daher wie ein gewöhnlicher
Sterblicher; aber wenn Sie fast zu Hause sind,
stehlen Sie sich durch die Dämmerung, als
ob Sie ein Traumbild oder ein Schatten wä-
ren. Wo, zum Kuckuck, sind Sie letzten Monat
gewesen?»
  «Ich war bei meiner verstorbenen Tante,
Sir.»
  «Eine richtige Jane-Antwort! Der Himmel soll
mich bewahren! Sie kommt aus dem Jenseits –
von den Toten, und das erzählt sie mir, wenn sie
mich hier so allein im Dunkeln antrifft! Wenn
ich dürfte, würde ich Sie anrühren, um zu sehen,
ob Sie aus Fleisch und Blut oder ein Schatten
sind. Aber geradesogut könnte es mir einfallen,
ein blaues Irrlicht zu fangen. Sie Zigeunerin!
Einen ganzen Monat haben Sie mich allein ge-
lassen und mich sicher vollständig vergessen!»
  Seine letzten Worte waren tröstlich. Es war
ihm also nicht gleichgültig, ob ich ihn vergaß
oder nicht. Und Thornfield hatte er mein Zu-
hause genannt – wenn es nur mein Zuhause
wäre!
  Er gab den Weg noch nicht frei, und ich wollte
ihn nicht darum bitten. Ich fragte ihn, ob er
nicht in London gewesen sei.

310
  «Doch. Das hat Ihnen sicher Ihr kleiner Finger
gesagt?»
  «Mrs. Fairfax hat es mir geschrieben.»
  «Und sie hat Ihnen auch gesagt, was ich vor-
hatte?»
  «O ja, das wußten alle.»
  «Sie müssen sich den Wagen ansehen, Jane,
und mir dann sagen, ob er nicht ausgezeichnet
zu Mrs. Rochester passen wird, und ob sie in
diesen purpurnen Kissen nicht wie die Königin
Boadicea aussehen wird. Jane, ich wollte, ich
paßte äußerlich ein bißchen besser zu ihr. Sagen
Sie, könnten Sie mir nicht ein Zaubermittel ge-
ben, einen Trank oder so etwas, um mich schön
zu machen?»
  «Das vermag keine Zauberin», sagte ich und
dachte dabei: Es braucht nur ein liebendes Auge,
um Sie schön zu machen. Ihre strenge Männ-
lichkeit ist mehr als Schönheit.
  Oft hatte Mr. Rochester meine Gedanken le-
sen können. Auch jetzt nahm er keine Notiz von
meiner schroffen Antwort; er lächelte nur sein
eigenes, seltenes Lächeln.
  «So, Janet», sagte er und gab mir den Weg frei,
«gehen Sie hinein und ruhen Sie sich im Haus
eines Freundes aus.» Ich ging wortlos weiter,
aber irgendeine Gewalt hielt mich zurück – ich
mußte mich umdrehen. Etwas in mir sagte gegen
meinen Willen:
  «Ich danke Ihnen für Ihre große Güte, Mr. Ro-
chester. Ich bin froh, wieder da zu sein. Wo Sie
sind, ist mein Zuhause, mein einziges Zuhause.»

311
  Ich ging so schnell weiter, daß sogar er mich
kaum hätte einholen können, selbst wenn er es
versucht hätte. Die kleine Adèle war halb ver-
rückt vor Freude, als sie mich sah. Mrs. Fairfax
empfing mich mit gewohnter Freundlichkeit.
Leah lächelte mir zu, und sogar Sophie entbot
mir ein freudiges «Bon soir».
  An jenem Abend verschloß ich absichtlich die
Augen vor der Zukunft; ich wollte die Stimme,
die mich immerzu vor naher Trennung und
kommendem Kummer warnte, nicht hören.
Nach dem Tee nahm Mrs. Fairfax ihre Strick-
arbeit, ich setzte mich auf einen Schemel neben
sie, Adèle kniete auf dem Teppich und schmiegte
sich eng an mich. Als wir so beisammen saßen,
trat Mr. Rochester ein, schaute uns an und
schien sich an einem so friedlichen Anblick zu
freuen. Als er sagte, die alte Dame werde nun
wohl zufrieden sein, daß sie ihre neue Tochter
wieder habe, und fand, Adèle sei «prete à croquer
sa petite maman anglaise», da begann ich zu hoffen,
daß er uns auch nach seiner Heirat nicht trennen
und nicht ganz verlassen werde.

Zwei ruhige Wochen folgten meiner Rückkehr


nach Thornfield. Von der Hochzeit des Herrn
wurde nicht gesprochen, und ich bemerkte auch
keinerlei Vorbereitungen. Beinahe jeden Tag
fragte ich Mrs. Fairfax, ob sie irgend etwas ge-
hört habe – immer verneinte sie. Einmal habe
sie Mr. Rochester direkt gefragt, wann er nun
seine Braut heimführe, aber er habe ihr nur einen

312
Scherz und einen seiner seltsamen Blicke zur
Antwort gegeben, und sie werde nicht klug aus
ihm.
  Etwas überraschte mich ganz besonders: es
gab kein Hin- und Herfahren, keine Besuche in
Ingram Park. Wohl lag es zwanzig Meilen ent-
fernt, an der Grenze einer andern Grafschaft;
aber für einen so geübten und unermüdlichen
Reiter wie Mr. Rochester wäre das nur ein Mor-
genritt gewesen. Fast wagte ich zu hoffen, die
Verbindung sei gelöst. Ich suchte in seinen Zü-
gen nach Zeichen der Trauer; aber er hatte noch
nie so unbeschwert ausgesehen. Wenn ich nieder-
geschlagen war, zeigte er sich sogar fröhlich. Nie
hatte er mich häufiger zu sich gerufen, nie war
er gütiger zu mir gewesen – und nie hatte ich ihn
inniger geliebt.

23

Ein wunderbarer Hochsommer strahlte über


England. Ein Tag war schöner als der andere.
Das Heu war eingebracht; die Felder rings um
Thornfield waren gemäht, die Wege weiß vor
Staub. Die Bäume prangten im dunkelsten
Grün; die Hecken und Wälder waren voll be-
laubt und hoben sich dunkel ab vom Sonnen-
glast auf den hellen Wiesen.
  Am Abend vor Johannis war Adèle bei Son-
nenuntergang zu Bett gegangen, denn sie hatte
den halben Tag auf dem Pfad nach Hay Wald-

313
erdbeeren gepflückt. Ich blieb bei ihr, bis sie
schlief, und ging dann in den Garten. Die Hitze
hatte nachgelassen, es fiel kühler Tau. Abendrot
färbte den Himmel golden. Im Osten stand ein-
sam ein erster Stern; doch bald mußte der Mond
aufgehen. Eine Zeitlang ging ich auf der Terrasse
auf und ab; der feine, vertraute Duft einer Zi-
garre jedoch, der aus dem offenen Bibliothek-
fenster kam, trieb mich weiter, in den Obst-
garten, wo ich mich unbeobachtet wußte. Auf
dem ganzen Gut gab es keinen geschützteren
und paradiesischeren Winkel. Er stand voller
Bäume, schäumte über von Blumen. Eine hohe
Mauer schloß ihn gegen den Hof ab, und auf der
andern Seite beschirmte ihn eine Birkenallee.
Zu dem Zaun, der ihn gegen die einsamen Felder
abgrenzte, führte ein Lorbeergang. Er endete bei
einer mächtigen Roßkastanie, um deren Stamm
eine Bank lief. Hier konnte man sich ungesehen
ergehen. Ich hätte ewig in diesem Schatten blei-
ben mögen; aber wiederum wurde ich durch
einen Duft aufgeschreckt, der weder Blume noch
Busch entströmte. Ich kannte ihn: es war Mr.
Rochesters Zigarre. Ich schaute umher und
lauschte. Ich sah die fruchtbeladenen Bäume;
ich hörte im nahen Wald eine Nachtigall schla-
gen. Keine Bewegung war zu bemerken, kein
Schritt zu hören. Aber der Duft wurde stärker,
und gerade, als ich fortwollte, kam Mr. Rochester
herzu. Ich trat in die Efeulaube mit dem Gedan-
ken, er werde nicht lange bleiben und mich nicht
sehen, wenn ich mich still verhielte.

314
  Aber nein, der Abend gefiel ihm so gut wie
mir. Er bummelte weiter, hob hier einen Zweig
mit pflaumengroßen Stachelbeeren, pflückte
dort eine reife Kirsche, beugte sich über ein
Blumenbeet, um den Duft einzuatmen oder um
den Tau auf den Blütenblättern zu bewundern.
Ein großer Nachtfalter taumelte an mir vor-
über und ließ sich zu Mr. Rochesters Füßen
nieder.
  Jetzt steht er mit dem Rücken gegen mich,
dachte ich, und beschäftigt ist er auch. Wenn
ich ganz leise auftrete, kann ich vielleicht un-
bemerkt hinausschlüpfen.
  Ich trat auf ein Stückchen Rasen, um mich
nicht durch das Knirschen des Kieses zu ver-
raten. Er stand kaum zwei Meter vom Weg ent-
fernt. Der Falter beschäftigte ihn offensichtlich.
Aber als ich eben seinen Schatten überquerte,
den der tiefstehende Mond weit in den Garten
hinaus warf, sagte er ruhig, ohne sich umzudre-
hen: «Kommen Sie, Jane, schauen Sie den Kerl
da an.» Ich hatte keinen Lärm gemacht – konnte
denn sein Schatten fühlen? Ich trat zu ihm.
  «Schauen Sie seine Flügel an», sagte er, «er
erinnert mich geradezu an ein indisches Insekt;
so große und fröhliche Nachtschwärmer sieht
man nicht oft in England. So, jetzt ist er weg!»
  Der Falter flog davon. Ich zog mich ebenfalls
zurück; aber Mr. Rochester begleitete mich, und
als wir am Pförtchen waren, sagte er:
  «Kehren Sie doch um. Es wäre eine Schande,
jetzt im Haus zu sitzen. Es kann doch niemand

315
zu Bett gehen wollen in einer so wunderbaren
Mondnacht.»
  Es ist einer meiner Fehler, daß meine Zunge
zeitweise schmählich versagt, während sie zu
anderen Zeiten rasch genug mit der Antwort bei
der Hand ist. Und dieses Versagen tritt immer
in einem entscheidenden Moment ein, wenn ein
leicht hingeworfenes Wort oder eine glaubhafte
Entschuldigung ganz besonders nötig wäre, um
mich aus einer Verlegenheit zu ziehen. Es war
mir nicht recht, mit Mr. Rochester um diese Zeit
im dunklen Obstgarten allein spazierenzugehen;
aber ich fand einfach keine Ausrede, um mich zu
entfernen. Ich folgte ihm zögernd und bemühte
mich verzweifelt, einen Ausweg zu finden; aber
er sah so gesammelt, ja ernst aus, daß ich anfing,
mich ob meiner Verwirrung zu schämen. Das
Unrecht, wenn wirklich etwas Unrechtes daran
war oder noch daraus entstehen sollte, schien
ganz auf meiner Seite zu sein; er war unbe-
schwert und ruhig.
  «Jane», begann er, während wir weitergingen,
«ist Thornfield nicht ein schöner Ort im Som-
mer?»
  «Ja.»
  «Sie haben sicher das Haus liebgewonnen; Sie
besitzen doch sehr viel Sinn für Naturschön-
heiten und auch ein gut Teil Anhänglich-
keit!»
  «Ich habe es wirklich liebgewonnen.»
  «Ich verstehe zwar nicht ganz, wieso; aber ich
glaube doch, daß Sie auch das dumme kleine

316
Mädchen Adèle ein bißchen ins Herz geschlossen
haben und sogar die einfältige Dame Fairfax.»
  «Jawohl. Ich habe sie beide lieb, wenn auch
in verschiedener Weise.»
  «Und würden sich sehr ungern von ihnen
trennen?»
  «Ja.»
  «Schade!» seufzte er. «Das ist der Lauf der
Welt; kaum hat man sich an einem schönen Ort
ruhevoll niedergelassen, befiehlt einem schon
wieder eine Stimme, aufzustehen und weiterzu-
wandern; denn die Zeit der Rast ist abgelaufen.»
  «Muß ich weiterwandern, Sir?» fragte ich.
  «Muß ich Thornfield verlassen?»
  «Ich glaube ja, Jane. Es tut mir leid, Janet;
aber ich glaube wirklich: ja.»
  Das war ein Schlag; aber ich ließ mich nicht
niederschmettern.
  «Ich werde also bereit sein, wenn der Marsch-
befehl kommt.»
  «Er ist schon gekommen, heute abend muß ich
ihn erteilen.»
  «Sie heiraten also?»
  «So – ist – es … haargenau; mit Ihrem ge-
wohnten Scharfsinn haben Sie den Nagel auf
den Kopf getroffen.»
  «Bald?»
  «Sehr bald, mein –, eh … Miss Eyre. Und Sie
werden sich erinnern, Jane, daß das erste Mal,
da Sie durch mich oder durch – Klatsch erfuh-
ren, ich habe vor, meinen alten Junggesellenhals
in die herkömmliche Schlinge zu legen, will

317
sagen: in den heiligen Stand der Ehe zu treten,
kurz: Miss Ingram an mein Herz zu drücken
(es ist zwar ein bißchen viel für einen Arm; aber
das tut nichts zur Sache – man kann gar nicht
genug bekommen von einem so reizenden Ge-
genstand wie meine schöne Blanche), also, was
habe ich sagen wollen – hören Sie zu, Jane! Sie
drehen doch nicht etwa den Kopf weg, um noch
mehr Falter zu suchen, wie? Das war nur ein
Marienkäfer, Kind, ‹auf dem Weg nach Hause›.
Ich möchte Sie daran erinnern, daß Sie, mit der
Zurückhaltung, die ich an Ihnen so hoch schätze,
in der Voraussicht, Klugheit und Bescheiden-
heit, welche Ihrer verantwortungsvollen und
abhängigen Stellung zukommen, daß Sie mir
zuerst sagten, es sei wohl besser, Sie und Adèle
machten sich aus dem Staube, wenn ich Miss
Ingram heirate. Ich übergehe die Andeutung
von Tadel am Charakter meiner Liebsten, die
in dieser Bemerkung enthalten ist; ja, wenn Sie
weit fort sind, Janet, werde ich versuchen, die-
sen Vorwurf ganz zu vergessen. Ich will nur an
die Weisheit denken, die darin steckt und die so
groß ist, daß ich sie zur Richtschnur meines Vor-
gehens genommen habe. Adèle muß in die
Schule, und Sie, Miss Eyre, müssen in eine neue
Stellung.»
  «Ja, ich werde sofort eine Anzeige aufgeben,
und inzwischen kann ich wohl» – ich wollte
sagen ‹kann ich wohl hierbleiben, bis ich eine
andere Unterkunft gefunden habe› –; aber ich
schwieg, da ich meine Stimme nicht mehr genug

318
in der Gewalt hatte, um einen so langen Satz
zu wagen.
  «In etwa einem Monat hoffe ich zu heiraten»,
fuhr Mr. Rochester fort, «und in der Zwischen-
zeit werde ich selber eine Stellung und ein Ob-
dach für Sie suchen.»
  «Danke, es tut mir leid, wenn ich …»
  «Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen! Ich
finde, daß eine Angestellte, die ihre Pflicht so
gut erfüllt hat wie Sie, ein Recht darauf hat, daß
ihr Arbeitgeber ihr so weit als möglich beisteht.
Tatsächlich habe ich bereits durch meine zu-
künftige Schwiegermutter von einer Stelle ge-
hört, die Ihnen wahrscheinlich zusagen wird.
Sie müßten die Erziehung der fünf Töchter von
Mrs. Dionysius O’Gall übernehmen, auf Schloß
Bitternuß, in Connaught. Irland wird Ihnen be-
stimmt gefallen: man sagt, die Leute dort seien
so warmherzig.»
  «Es ist sehr weit weg.»
  «Das ist gleich. Ein Mädchen mit Ihrem Ver-
stand wird doch weder gegen die Reise noch ge-
gen die Entfernung etwas einzuwenden haben.»
  «Gegen die Reise nicht, aber gegen die Ent-
fernung, und dann liegt die See zwischen …»
  «Zwischen was, Jane?»
  «Zwischen England und Thornfield und –»
  «Und?»
  «Und Ihnen.»
  Das sagte ich fast gegen meinen Willen, und
ebenso unwillkürlich schossen auch meine Trä-
nen hervor. Immerhin weinte ich lautlos; ich

319
vermied es, zu schluchzen. Der Gedanke an Mrs.
O’Gall und Schloß Bitternuß jagte mir einen
kalten Schauer ein. Schlimmer war aber noch
der Gedanke an das viele Wasser, das zwischen
mir und meinem Herrn fließen sollte. Und auch
das war noch nichts gegen das Meer von Reich-
tum, Rang und Konvention, das mich von dem
Mann trennte, dem nun einmal unverbrüchlich
meine Liebe gehörte.
  «Es ist sehr weit weg», sagte ich wieder.
  «Bestimmt, und wenn Sie nach Schloß Bitter-
nuß in Connaught gehen, werde ich Sie sicher
nie wieder sehen, Jane. Ich komme nie nach
Irland; ich mag dieses Land nicht besonders.
Wir waren gute Freunde, nicht, Jane?»
  «Ja.»
  «Und wenn Freunde vor der Trennung stehen,
verbringen sie gern das bißchen Zeit, das ihnen
bleibt, nahe beisammen. Kommen Sie, wir wol-
len ruhig eine halbe Stunde die Reise und den
Abschied besprechen und zuschauen, wie die
Sterne aufgehen. Da, auf dieser Bank unter dem
alten Kastanienbaum, wollen wir heute abend
friedlich beieinandersitzen, als wäre es das letzte
Mal.»
  Wir setzten uns.
  «Es ist eine lange Reise nach Irland, Janet,
und es tut mir leid, daß ich meine kleine Freun-
din auf so beschwerliche Fahrten schicken muß.
Aber wie soll man dem abhelfen, wenn man es
nicht ändern kann? Was meinen Sie, Jane, sind
Sie mir irgendwie verwandt?»

320
  Ich konnte keine Antwort mehr wagen, mein
Herz war zu voll.
  «Ich habe nämlich manchmal ein seltsames
Gefühl», sagte er, «besonders, wenn Sie nahe bei
mir sind, so wie jetzt. Es ist mir, als verbinde uns
eine unsichtbare Saite. Und nun fürchte ich, daß
sie springen wird, wenn der stürmische Kanal
und ein paar hundert Meilen Land dazwischen-
kommen; ich habe das unangenehme Gefühl,
daß ich dann innerlich zu bluten anfange. Aber
Sie – Sie werden mich vergessen.»
  «Nein, nie, das wissen Sie» – es war mir un-
möglich, weiterzureden.
  «Jane, hören Sie die Nachtigall schlagen?»
  Aber nun schluchzte ich krampfhaft; es war
zu viel, ich konnte mich nicht länger beherr-
schen. Als ich endlich sprach, stieß ich nur den
heftigen Wunsch aus, nie auf die Welt oder doch
nie nach Thornfield gekommen zu sein.
  «Weil es Ihnen weh tut, es zu verlassen?»
  Meine Erregung und die Liebe gewannen die
Oberhand.
  «Es tut weh, Thornfield zu verlassen. Ich liebe
Thornfield – ich liebe es, weil ich hier wenigstens
zeitweise ein erfülltes und köstliches Leben leben
durfte. Man hat mich hier nicht als seelenloses
Ding betrachtet. Ich wurde nicht mit minder-
wertigen Leuten zusammengesperrt und von
jeder Gemeinschaft mit allem, was hell und
stark und hoch ist, ausgeschlossen. Ich habe von
Angesicht zu Angesicht mit dem gesprochen,
was ich verehre, was mich entzückt, einem selb-

321
ständigen, starken und weiten Geist. Ich habe
Sie kennengelernt, Mr. Rochester, und es erfüllt
mich mit Angst und Schrecken, daß ich auf
ewig von Ihnen fortgerissen werden muß. Ich
sehe die Notwendigkeit ein; aber es ist wie ein
Todesurteil.»
  «Wo sehen Sie die Notwendigkeit?» fragte er
plötzlich.
  «Wo? Sie selber haben sie mir vor Augen ge-
stellt.»
  «In welcher Form?»
  «In der Form von Miss Ingram, einer vor-
nehmen und schönen Frau – Ihrer Braut.»
  «Meine Braut! Was für eine Braut? Ich habe
doch keine Braut!»
  «Aber Sie werden eine haben.»
  «Jawohl, das werde ich, das werde ich!»
  «Dann muß ich gehen, Sie haben es ja selbst
gesagt.»
  «Nein, Sie müssen bleiben! Ich schwöre es –
und der Eid soll gehalten werden.»
  «Ich sage Ihnen doch, daß ich gehen muß!»
gab ich fast heftig zurück. «Glauben Sie, ich
könne bleiben und Ihnen nichts mehr bedeuten?
Meinen Sie eigentlich, ich sei ein Automat, eine
Maschine ohne Gefühle, bloß weil ich arm und
unbedeutend und häßlich bin? Da irren Sie sich
aber sehr! Ich habe so viel Seele wie Sie, und
geradesoviel Herz! Und wenn Gott mich mit ein
bißchen Schönheit und großem Reichtum be-
gabt hätte, so würde ich es Ihnen so schwer ge-
macht haben, mich zu verlassen, wie es jetzt mir

322
schwerfällt, von Ihnen fortzugehen. Ich rede
jetzt nicht mit Ihnen, wie meine Stellung es ver-
langte, es ist nicht einmal mein leiblicher Mund,
der zu Ihnen spricht, sondern mein Geist spricht
zu Ihrem Geist, wie wenn wir beide gestorben
wären und nun gleichberechtigt vor Gottes
Thron ständen.»
  «Gleichberechtigt», wiederholte Mr. Roche-
ster – «so», fügte er hinzu und schloß mich in
seine Arme. «So, Jane!»
  «Ja, so», erwiderte ich, «und doch nicht so;
denn Sie sind verheiratet oder doch beinahe, und
zwar mit einer, die unter Ihnen steht, mit einer,
für die Sie kein Verständnis haben, mit einer,
die Sie nicht wahrhaft lieben; denn ich habe
gehört und gesehen, wie Sie sich über sie lustig
machten. Ich würde eine solche Ehe verachten,
darum bin ich besser als Sie – lassen Sie mich
gehen!»
  «Wohin, Jane? Nach Irland?»
  «Ja, nach Irland. Ich habe gesagt, was ich auf
dem Herzen hatte, und jetzt kann ich überallhin
gehen.»
  «Jane, beruhigen Sie sich; wehren Sie sich
nicht so wie ein wilder, verängstigter Vo-
gel.»
  «Ich bin kein Vogel, und kein Netz umgarnt
mich. Ich bin ein freier Mensch mit einem un-
abhängigen Willen. Dem gehorche ich jetzt und
verlasse Sie.»
  Ich entwand mich ihm und stand aufrecht
vor ihm.

323
  «Und Ihr Wille soll Ihr Schicksal entscheiden»,
sagte er. «Ich biete Ihnen meine Hand, mein
Herz, meinen Besitz.»
  «Sie spielen eine Posse, über die ich nur lachen
kann.»
  «Ich bitte Sie, an meiner Seite durchs Leben
zu gehen, mein anderes Ich und mein bester Ge-
fährte auf Erden zu sein.»
  «Dazu haben Sie schon eine andere bestimmt;
dabei müssen Sie bleiben.»
  «Jane, kommen Sie für ein paar Augenblicke
zur Ruhe. Sie sind überreizt. Wir wollen beide
schweigen.»
  Ein Windstoß fuhr durch den Lorbeergang,
zitterte durch die Zweige der Kastanie, wan-
derte weiter – weiter – in die unendliche Ferne –
und verging. Die Stimme der Nachtigall war
nun der einzige Laut. Ich hörte ihr zu und
weinte wieder. Mr. Rochester saß ruhig da und
schaute mich liebevoll und eindringlich an. Es
verstrich einige Zeit, bevor er sprach. Schließ-
lich sagte er:
  «Kommen Sie an meine Seite, Jane, wir wollen
uns aussprechen.»
  «Ich komme nie mehr an Ihre Seite; ich kann
nicht mehr zurück.»
  «Aber Jane, ich begehre Sie zur Frau; nur Sie
will ich heiraten.»
  Ich schwieg; denn ich glaubte, er wolle sich
über mich lustig machen.
  «Kommen Sie, Jane, kommen Sie hierher.»
  «Ihre Braut steht zwischen uns.»

324
  Er stand auf und war mit einem Schritt neben
mir.
  «Meine Braut ist hier», sagte er und zog mich
wieder an sich, «weil sie mir ebenbürtig und
meinesgleichen ist. Jane, wollen Sie mich hei-
raten?»
  Immer noch antwortete ich nicht und suchte
mich aus seinem Griff zu befreien; denn ich
glaubte ihm immer noch nicht.
  «Zweifeln Sie an mir, Jane?»
  «Restlos.»
  «Sie haben kein Vertrauen zu mir?»
  «Nicht das geringste.»
  «Bin ich in Ihren Augen ein Lügner?» fragte
er heftig. «Kleine Skeptikerin Sie, ich werde Sie
schon überzeugen. Wie sehr liebe ich denn Miss
Ingram? Überhaupt nicht, das wissen Sie. Wie
sehr liebt sie mich? Überhaupt nicht, dafür habe
ich Beweise. Ich ließ ihr ein Gerücht zu Ohren
kommen, wonach mein Vermögen kaum einen
Drittel von dem betrage, was man so annehme.
Als ich mich danach wieder sehen ließ, wurde
ich von ihrer Mutter und ihr selbst kalt emp-
fangen. Ich wollte und könnte Miss Ingram
nicht heiraten. Sie, Sie seltsames, Sie geradezu
unirdisches Wesen, Sie liebe ich wie mein eigenes
Ich. Sie, so arm und unbedeutend und klein und
häßlich Sie sind, Sie flehe ich an, meine Frau
zu werden.»
  «Was, mich!?» stieß ich hervor; denn sein Ernst
und besonders seine Unhöflichkeit ließen mich
langsam an seine Aufrichtigkeit glauben. «Mich,

325
die auf der Welt keinen andern Freund hat als
Sie – wenn Sie mein Freund sind – und keinen
Schilling außer dem, was Sie mir gegeben ha-
ben?»
  «Sie, Jane. Ich muß Sie zu eigen haben, ganz
zu eigen. Wollen Sie mein sein? Sagen Sie ja,
schnell.»
  «Mr. Rochester, lassen Sie mich Ihr Gesicht
sehen. Drehen Sie es dem Mond zu.»
  «Warum?»
  «Weil ich Ihren Ausdruck sehen möchte. Dre-
hen Sie sich um!»
  «So, Sie werden kaum mehr darin lesen kön-
nen als auf einem zerknitterten, verkratzten
Blatt. Lesen Sie, nur machen Sie schnell, es
tut weh.»
  Sein Gesicht war sehr bewegt und aufge-
wühlt; in seinen Zügen arbeitete es, und seine
Augen leuchteten seltsam.
  «O Jane, Sie quälen mich!» rief er aus, «Sie
quälen mich mit diesem forschenden und doch
so vertrauensvollen, offenen Blick!»
  «Wie ist das möglich? Wenn Sie aufrichtig sind
und Ihr Antrag ehrlich ist, kann ich doch nur
Dankbarkeit und Ergebung fühlen für Sie – und
die können nicht quälen.»
  «Dankbarkeit!» rief er aus und fügte heftig
hinzu: «Jane, sag schnell ja. Nenn mich beim
Namen, sag Edward, Edward, ich will dich hei-
raten.»
  «Ist es Ihnen Ernst? – Lieben Sie mich wirk-
lich? – Wünschen Sie mich aufrichtig zur Frau?»

326
  «Ja, und wenn du einen Eid brauchst, so will
ich ihn schwören.»
  «Dann, Sir, will ich Sie heiraten.»
  «Edward! – meine kleine Frau!»
  «Lieber Edward!»
  «Komm zu mir – komm jetzt ganz zu mir»,
sagte er. Mit dem tiefsten Klang seiner Stimme
raunte er mir ins Ohr: «Mach mich glücklich –
so, wie ich dich glücklich machen will.»
  «Gott möge mir verzeihen!» begann er wieder
nach kurzer Pause, «und die Menschen sollen
sich nicht einmischen. Ich habe sie und werde
sie festhalten.»
  «Es ist niemand da, der sich einmischen könnte.
Ich habe keine Verwandtschaft.»
  «Nein, und das ist noch das Beste daran», sagte
er. Wenn ich ihn weniger geliebt hätte, sein Ton
und sein Ausdruck hätten mir zu denken ge-
geben. Aber als ich so neben ihm saß, befreit
vom Alpdruck des Abschieds, im Paradies des
Zusammengehörens, da dachte ich nur an das
Glück, von dem ich in so vollen Zügen trinken
durfte. Immer und immer wieder fragte er:
«Bist du glücklich, Jane? »Und immer und immer
wieder antwortete ich: «Ja!» Darauf murmelte
er: «Das wird alles aufwiegen. Habe ich sie nicht
allein und verlassen aufgenommen? Will ich sie
nicht behüten und hegen und pflegen? Ist mein
Herz nicht voll Liebe und Treue? Gott wird es
mir anrechnen. Ich weiß, daß mein Schöpfer
meine Tat gutheißt. Das Urteil der Welt kümmert
mich nicht. Mit den Menschen nehme ich es auf.»

327
  Aber was war um uns geschehen? Der Mond
war noch nicht untergegangen, und doch waren
wir ganz im Dunkeln. Und was war mit der
Kastanie? Sie krümmte sich und ächzte, wäh-
rend der Wind durchs Gebüsch und über uns
hinwegfuhr.
  «Wir müssen ins Haus», sagte Mr. Rochester.
«Das Wetter schlägt um. Ich hätte bis zum Mor-
gen so mit dir sitzen können, Jane.»
  Ich auch, dachte ich. Vielleicht hätte ich es
gesagt, aber ein fahler, helleuchtender Strahl
fuhr aus einer Wolke, die ich eben ansah, ein
Krachen, ein Getöse, ein nahes, donnerndes
Rollen setzte ein, so daß ich keinen andern Ge-
danken hatte, als meine geblendeten Augen an
Mr. Rochesters Schulter zu bergen.
  Der Regen strömte nieder. Mr. Rochester
eilte mit mir den Weg hinauf, durch den Park
und ins Haus; aber wir waren schon ganz durch-
näßt, bevor wir noch die Schwelle erreichten.
In der Diele nahm er mir das Halstuch ab und
schüttelte das Wasser aus meinem gelösten Haar,
als Mrs. Fairfax aus ihrem Zimmer auftauchte.
Zuerst bemerkte ich sie nicht. Die Lampe war
angezündet. Die Uhr schlug gerade zwölf.
  «Geh schnell und zieh deine nassen Kleider
aus», sagte er. «Aber bevor du gehst, gute Nacht,
mein Liebes, gute Nacht!» Er küßte mich lang.
Als ich mich aus seiner Umarmung löste und
aufsah, erblickte ich die Witwe, bleich, ernst,
verblüfft. Ich lächelte ihr nur zu und rannte
hinauf. Erklären kann ich es ihr ein anderes

328
Mal, dachte ich. Als ich jedoch in meinem Zim-
mer war, fühlte ich einen Stich beim Gedanken,
sie könnte auch nur kurze Zeit das Gesehene
falsch auslegen. Aber bald übertönte die Freude
jedes andere Gefühl. So laut der Wind auch
heulte, so nahe und tief der Donner krachte, so
grell und häufig die Blitze aufleuchteten, so
sturzbachartig der Regen fiel während dieses
zweistündigen Unwetters, ich empfand keine
Angst. Dreimal kam Mr. Rochester an meine
Tür, um zu fragen, ob ich mich sicher und ruhig
fühle. Das gab Trost und Kraft für alles.
  Bevor ich am nächsten Morgen aufstand, kam
die kleine Adèle gelaufen und erzählte mir, der
Blitz habe in die große Roßkastanie am Ende
des Gartens eingeschlagen und sie entzweige-
spalten.

24

Als ich aufstand und mich ankleidete, dachte


ich über das Geschehene nach und fragte mich,
ob ich geträumt habe. Ich konnte nicht an die
Wirklichkeit glauben, bevor ich Mr. Rochester
wiedergesehen und ihn seine Liebe von neuem
beteuern gehört hatte. Während ich mich
kämmte, betrachtete ich mein Gesicht im Spie-
gel und fand, daß es nicht mehr häßlich war;
es strahlte Hoffnung und Leben aus. Oft hatte
ich meinen Herrn nur widerstrebend angeblickt,
aus Furcht, mein Gesicht könnte ihm mißfallen;
jetzt aber durfte er mich ruhig anschauen. Ich

329
wählte ein einfaches, leichtes Sommerkleid und
hatte das Gefühl, besser angezogen zu sein denn
je; ich war auch noch nie so glücklich gewesen.
  Als ich die Diele betrat, war ich gar nicht er-
staunt, daß der Junimorgen nach dem nächt-
lichen Gewitter so strahlend war. Durch die
offene Glastüre strömte ein frischer, dufterfüllter
Lufthauch. Eine blasse Bettlerin kam mit ihrem
abgezehrten Jungen des Weges – ich rannte ihr
entgegen und gab ihr die drei oder vier Schilling,
die ich gerade in der Tasche hatte, um sie auch
an meinem Glück teilhaben zu lassen.
  Mrs. Fairfax schaute zum Fenster hinaus und
fragte mich sehr ernst, ob ich zum Frühstück
kommen wolle. Während des Essens war sie
kühl und wortkarg; aber ich konnte ihr noch
nichts sagen. Wir mußten beide darauf warten,
daß unser Herr alles erkläre. Ich aß nur ganz
wenig und eilte dann hinauf. Droben traf ich auf
Adèle, die gerade zum Schulzimmer herauskam.
  «Wohin gehst du? Es ist Schulzeit.»
  «Mr. Rochester hat mich ins Kinderzimmer
geschickt.»
  «Wo ist er?»
  «Da drinnen.»
  Als ich den Raum betrat, rief er mir entgegen:
«Komm und sag mir guten Morgen!»
  Freudig eilte ich auf ihn zu. Jetzt gab er mir
nicht mehr ein paar höfliche Worte oder einen
Händedruck, sondern er umarmte und küßte
mich. Es schien natürlich und war wundervoll,
so von ihm geliebt zu werden.

330
  «Wie blühend und frisch du aussiehst, Jane»,
sagte er, «du bist richtig schön heute morgen.
Ist das meine bleiche kleine Fee? Dies strahlende
Antlitz, diese geröteten Wangen, diese blühen-
den Lippen! Und die Augen sind genau so
braun wie die Haare.»
  Meine Augen waren zwar grün, aber vielleicht
hatten sie für ihn eine neue Farbe erhalten.
  «Es ist Jane Eyre, Sir.»
  «Und bald Jane Rochester, in vier Wochen,
Janet, und keinen Tag später, hörst du?»
  Ich hörte es wohl, aber ich konnte es noch
nicht fassen. Das Glücksgefühl war so überwälti-
gend, daß ich fast taumelte und mich etwas wie
Schreck durchfuhr.
  «Du wirst rot und blaß, Jane, was ist los?»
  «Sie haben mich Jane Rochester genannt, das
klingt so neu, so seltsam.»
  «Ja», sagte er, «die junge Frau Rochester, Fair-
fax Rochesters junge Braut.»
  «Es scheint unmöglich, Sir. Den Menschen ist
nie ein vollkommenes Glück beschieden. Warum
sollte es mir besser gehen als allen anderen?
Wenn ich mir dieses Glück vorstelle, scheint es
mir ein Wachtraum zu sein oder ein Märchen.»
  «Aber ein wahres Märchen! Heute schon fängt
es an. Heute morgen habe ich an meinen Bankier
in London geschrieben und die Schmuckstücke
verlangt, die er in Verwahrung hat; die Erb-
stücke der Damen von Thornfield. In ein, zwei
Tagen hoffe ich, sie dir überreichen zu können.
Du sollst mit der gleichen Sorgfalt und Zuvor-

331
kommenheit umgeben sein wie die Tochter eines
Lords.»
  «Ach, Sir, denken Sie nicht an Juwelen! Ich
mag davon nichts hören. Juwelen für Jane Eyre,
das tönt so widernatürlich; ich möchte lieber
keine.»
  «Ich werde dich mit Gold und Edelsteinen
schmücken.»
  «Nein, nein, Sir! Vergessen Sie das, und spre-
chen Sie nicht mit mir, als wäre ich eine Schön-
heit. Ich bin nur eine unbedeutende Erzieherin!»
  «In meinen Augen bist du schön. Du hast die
zarte Schönheit, die ich liebe.»
  «Unbedeutend sollten Sie sagen. Sie träumen
oder scherzen. Um Gottes willen, spotten Sie
nicht!»
  «Ich will, daß die ganze Welt dich schön findet.»
  Seine Sprache verwirrte mich immer mehr.
Er schien sich oder mich täuschen zu wollen.
  «Ich will meine Jane ganz in Atlas und Spitzen
kleiden, und Rosen soll sie im Haar tragen
und einen kostbaren Schleier um ihr geliebtes
Haupt.»
  «Und dann werden Sie selbst mich nicht wieder-
erkennen! Dann werde ich nicht mehr Ihre Jane
Eyre sein, sondern höchstens ein Äffchen im
Narrenkleid, mit fremden Federn geschmückt.
Geradesogut könnte ich Sie als Schauspieler ver-
kleidet sehen, wie Sie mich als Hofdame. Und
ich kann Sie nicht schön finden; aber ich liebe
Sie viel zu heiß, um Sie anzulügen, darum lassen
Sie doch bitte die Schmeicheleien.»

332
  Aber ohne meinen Einwand zu beachten,
sprach er im gleichen Tone weiter.
  «Noch heute fahre ich mit dir nach Millcote,
und dort sollst du dir Kleider aussuchen. Ich
habe dir gesagt, daß wir in vier Wochen heiraten.
Die Trauung soll in aller Stille in der Kirche
drüben stattfinden; dann gehen wir sofort nach
London. Dort bleiben wir nur kurz, denn ich
will meinen Schatz in sonnigere Gegenden brin-
gen, in die Weinberge Frankreichs und die
Ebenen Italiens. Du sollst alles sehen, was die
Geschichte berühmt gemacht hat. Du sollst das
Leben in den Städten kennenlernen und dich
allen anderen Frauen ebenbürtig fühlen.»
  «Ich soll reisen? Und mit Ihnen, Sir?»
  «Natürlich. Wir gehen nach Paris, Rom, Nea-
pel, nach Florenz, Venedig und Wien –. Alle Län-
der, die ich durchstreift habe, sollst du mit mir
sehen, überall, wo ich gewesen bin, sollst auch
du hinkommen. Vor zehn Jahren bin ich durch
Europa gerast, halb wahnsinnig vor Haß, Wut
und Ekel. Jetzt werde ich es geheilt und geläutert
wiedersehen, zusammen mit dem Engel meines
Lebens.»
  «Ich bin kein Engel», lachte ich ihn aus, «und
ich werde keiner sein, bevor ich tot bin. Ich will
ich selber bleiben, Mr. Rochester, und Sie dür-
fen nichts Himmlisches in mir suchen. Sie wären
so enttäuscht wie ich, wenn ich etwas Göttliches
in Ihnen finden wollte.»
  «Und was erwartest du denn zu finden?»
  «Für eine Weile werden Sie vielleicht sein wie

333
jetzt, aber nur kurze Zeit. Dann werden Sie
kühler sein, und dann launenhaft und düster,
und ich werde alle Mühe haben, Ihnen zu ge-
fallen. Und wenn Sie ganz an mich gewöhnt
sind, werden Sie mich wohl wieder gern haben,
gern, aber nicht mehr lieb. Ich denke, Ihre
Liebe wird sechs Monate dauern, vielleicht auch
weniger. Aus Büchern, die von Männern ge-
schrieben sind, weiß ich, daß die Glut der Liebe
eines Ehemannes nie länger anhält. Aber als
Freundin und Gefährtin hoffe ich meinem lieben
Herrn nie ganz zuwider zu werden.»
  «Zuwider! Und wiedergernhaben! Ich denke,
ich werde dich immer und immer gern haben,
und ich will dir verraten, daß ich dich nicht nur
gern habe, sondern liebe, von Herzen und bren-
nend und unwandelbar.»
  «Sind Sie etwa nicht launisch?»
  «Für Frauen, die mir nur durch ihr Gesicht ge-
fallen, bin ich wie der Teufel, wenn ich sie ohne
Herz und ohne Seele finde, gemein, dumm und
bösartig. Aber für den klaren Blick, die reine
Seele, für den Charakter, der sich biegt, aber
nicht bricht, der zugleich nachgiebig und fest
ist, bin ich immer zärtlich und treu.»
  «Kennen Sie schon einen solchen Charakter,
Sir? Haben Sie schon einen geliebt?»
  «Ich liebe ihn jetzt.»
  «Aber ich werde Ihr Ideal nie erreichen.»
  «Nie habe ich eine Frau gesehen, die dir glich,
Jane. Du gefällst mir und beherrschest mich.
Du scheinst nachgiebig zu sein, und ich liebe

334
deine Fügsamkeit, aber in Wirklichkeit bin ich
der Besiegte. Und das ist schöner für mich
als der größte Triumph. Warum lächelst du,
Jane?»
  «Ich dachte an Herkules und Simson, Sir.»
  «Und du, du warst …»
  «Schweigen Sie, Ihre Worte sind nicht klüger
als die Taten der Männer, an die ich eben dachte.
Hätten sie geheiratet, so hätte bestimmt die
Strenge des Ehegatten die Zärtlichkeit des Ge-
liebten wettgemacht. Und das befürchte ich
auch bei Ihnen. Ich möchte Ihre Antwort wis-
sen, wenn ich Sie in einem Jahr um einen Ge-
fallen bäte, den Sie mir nicht erweisen wollten.»
  «Wünsch dir etwas, Janet, gerade jetzt und was
du willst. Ich lasse mich gern bitten.»
  «Ich habe schon einen Wunsch.»
  «So sprich! Aber wenn du mich mit diesem
Blick anschaust, muß ich dir unbesehen ge-
währen, was es auch sei, und das würde mich
zum Narren machen.»
  «Gar nicht, Sir; ich bitte Sie nur, die Juwelen
nicht kommen zu lassen, mich nicht mit Rosen
zu schmücken. Sie könnten ebensogut das ein-
fache Taschentuch, das Sie da in der Hand hal-
ten, mit goldenen Spitzen einfassen lassen.»
  «Ich könnte auch reines Gold vergolden lassen,
das weiß ich. Drum werde ich diese Bitte ge-
währen, wenigstens für den Augenblick. Ich
werde meinem Bankier abschreiben. Aber du
hast mich noch um kein Geschenk gebeten, Jane,
versuche es noch einmal.»

335
  «Gern, ich möchte, daß Sie meine Neugier be-
friedigen.»
  «Was denn, was?» antwortete er hastig. «Neu-
gier erzeugt gefährliche Wünsche. Gut, daß ich
nicht versprochen habe, jede Bitte zu gewähren.»
  «Es ist gar keine Gefahr dabei, diese zu er-
füllen.»
  «Also frag, Jane. Aber ich wollte lieber, du
bätest mich um mein halbes Vermögen, anstatt
mich vielleicht nach einem Geheimnis zu fragen.»
  «Was soll ich mit Ihrem Geld und Gut? Ich
wünsche mir ja nichts als Ihr volles Vertrauen.
Ich hoffe, daß Sie mir das nicht versagen werden,
nachdem Sie mir Ihre Liebe geschenkt haben.»
  «Du sollst alle Geheimnisse wissen, die wissens-
wert sind, Jane. Verlange nur ums Himmels
willen nicht, ohne Not dir eine Last aufzulegen.
Sehne dich nicht danach, am Vergifteten teil-
zuhaben.»
  «Warum nicht, Sir? Sie haben mir doch eben
gesagt, daß Sie sich gern erobern und überreden
ließen. Finden Sie nicht auch, ich sollte mir Ihr
Geständnis zunutze machen und jetzt schmollen
oder sogar weinen, nur gerade um meine Macht
zu erproben?»
  «Ich glaube nicht, daß du das fertigbrächtest.»
  «Wie düster Sie jetzt dreinschauen! Ihre Augen-
brauen sind so dick wie mein Finger. So werden
Sie aussehen, wenn wir verheiratet sind, nicht,
das ist wohl Ihr Ehemannsblick?»
  «Wenn dies dein Ehefrauenblick ist, bleibt mir
als Christenmenschen nichts anderes übrig, als

336
mich des Gedankens zu entschlagen, mit einem
Kobold oder einer Nixe zusammenleben zu
wollen. Aber was wolltest du mich fragen, du
kleiner Teufel?»
  «Da sehen Sie, nicht einmal mehr höflich sind
Sie jetzt, und Ihre Grobheit gefällt mir viel besser
als Ihre Schmeicheleien. Ich bin überhaupt
lieber ein kleiner Teufel als ein Engel. Und was
ich Sie fragen wollte, war folgendes: Warum
haben Sie sich so viel Mühe gegeben, mich glau-
ben zu machen, Sie wollten Miss Ingram hei-
raten?»
  «Das ist alles? Gott sei Dank nichts Schlim-
meres!» Seine Stirn glättete sich, er blickte mich
lächelnd an, fuhr mir durchs Haar und schien
so froh, als wäre er einer Gefahr entronnen.
  «Ich muß dir wohl alles beichten, Jane, selbst
wenn es dich ein wenig empören sollte. Dabei
weiß ich doch, wie hitzig du bist, wenn du
zürnst. Du kochtest gestern in der kühlen Mond-
nacht, als du dich gegen das Schicksal wehrtest
und erklärtest, meinesgleichen zu sein. Und
überhaupt hast du mir den Antrag gemacht,
Janet.»
  «Das stimmt. Aber zur Sache, bitte. Wie war
das mit Miss Ingram?»
  «Nun, ich habe ihr den Hof gemacht, weil ich
dich so verliebt machen wollte, wie ich es war.
Ich wußte, daß Eifersucht zu diesem Zweck
meine beste Verbündete sei.»
  «Ausgezeichnet! Jetzt sind Sie ganz klein, nicht
größer als die Spitze meines kleinen Fingers.

337
Eine Schande und eine Schmach war es, so zu
handeln. Haben Sie überhaupt nicht an Miss
Ingrams Gefühle gedacht?»
  «Ihre Gefühle beschränken sich auf ein einzi-
ges: Hochmut. Und der muß gedemütigt werden.
Warst du eifersüchtig, Jane?»
  «Das tut nichts zur Sache, Mr. Rochester, das
braucht Sie nicht zu kümmern. Antworten Sie
mir lieber wahrheitsgemäß: Glauben Sie, daß
Miss Ingram nicht unter Ihrem unehrlichen
Spiel leidet? Muß sie sich nicht verraten und
verlassen fühlen?»
  «Niemals! Ich habe dir doch gesagt, daß sie
mich im Stich gelassen hat, daß sich ihre Leiden-
schaft sofort abkühlte und ihre Liebe erlosch,
sobald sie erfuhr, daß ich nicht sehr reich sei.»
  «Sie haben ein seltsam berechnendes Wesen,
Mr. Rochester. Ihre Prinzipien sind in mehreren
Punkten exzentrisch.»
  «Meine Prinzipien sind eben nie geschult wor-
den; sie sind ein bißchen wild gewachsen, weil
die Pflege fehlte.»
  «Aber noch einmal: darf ich das ungeheure
Glück, das sich mir bietet, einfach genießen,
ohne daß eine andere Frau darunter zu leiden
hat?»
  «Das darfst du, mein Gutes. Es gibt auf der
ganzen Welt keinen Menschen, der mich selbst-
loser liebte als du; denn ich glaube an deine
Liebe, Jane.»
  Ja, ich liebte ihn mehr, als ich selbst wußte,
mehr, als mit Worten auszudrücken war.

338
  «Frag mich weiter», sagte er mir, «ich lasse
mich gerne bitten und gewähre gerne.»
  Wieder hatte ich einen Wunsch bereit. «Teilen
Sie Mrs. Fairfax Ihre Absichten mit, Sir. Sie sah
mich gestern abend mit Ihnen in der Diele und
war entsetzt. Klären Sie sie auf, bevor ich sie
wiedersehe, ich möchte von dieser trefflichen
Frau nicht falsch beurteilt werden.»
  «Geh in dein Zimmer und mach dich fertig.
Ich möchte, daß du mich heute vormittag nach
Millcote begleitest. Unterdessen werde ich die
alte Dame aufklären. Ob sie wohl glaubte, du
verlierest dich an eine hoffnungslose Liebe?»
  «Ich vermute, daß sie geglaubt hat, ich habe
meine und Ihre Stellung vergessen.»
  «Stellung! Stellung! – Deine Stellung ist in
meinem Herzen, und ich möchte es niemandem
raten, dich zu beleidigen. Aber jetzt geh.»
  Bald war ich angezogen, und als ich Mr. Ro-
chester aus Mrs. Fairfax’ Zimmer kommen hörte,
eilte ich hinunter. Die alte Dame hatte, wie
jeden Morgen, ihren Abschnitt aus der Bibel ge-
lesen, die Losung für den Tag. Auf der offenen
Bibel lag ihre Brille. Sie schien ihre Beschäfti-
gung vergessen zu haben. Ihre Augen waren
starr auf die glatte, gegenüberliegende Wand
gerichtet und drückten die Überraschung ihres
aufgestörten Gemütes aus. Als sie mich sah, er-
hob sie sich und murmelte mit erzwungenem
Lächeln ein paar Glückwünsche. Aber das
Lächeln erstarb, der angefangene Satz blieb
unvollendet. Sie setzte ihre Brille auf, schloß

339
die Bibel und rückte ihren Stuhl vom Tisch
ab.
  «Ich bin so überrascht», begann sie, «daß ich
kaum weiß, was ich Ihnen sagen soll, Miss Eyre.
Ich habe doch nicht geträumt, wie? Manchmal
falle ich in Halbschlummer, wenn ich ganz allein
dasitze, und dann sehe ich Dinge, die überhaupt
nie geschehen sind. Können Sie mir sagen, ob
das jetzt wirklich wahr ist, daß Mr. Rochester
Sie gebeten hat, seine Frau zu werden? Lachen
Sie mich nicht aus, ich dachte tatsächlich, er sei
eben hereingekommen und habe gesagt, in einem
Monat wären Sie seine Frau.»
  «Das hat er mir auch gesagt.»
  «Also doch! Glauben Sie ihm? Haben Sie ja
gesagt?»
  «Ja.»
  Sie sah mich bestürzt an.
  «Das hätte ich niemals erwartet. Er ist stolz;
alle Rochesters waren stolz, und zumindest sein
Vater liebte das Geld. Er selbst war auch immer
als sparsam bekannt. Will er Sie wirklich hei-
raten?»
  «Er behauptet es.»
  Sie betrachtete mich von oben bis unten. Ich
las in ihren Augen, daß sie fand, ich sei nicht
schön genug, um einen solchen Entschluß zu
rechtfertigen.
  «Es übersteigt mein Verständnis», fuhr sie fort,
«aber wenn Sie es sagen, ist es sicher wahr. Ich
kann mir nicht vorstellen, wie das ausgehen soll.
In solchen Fällen wären wenigstens gleiche

340
Stellung und gleiches Vermögen ratsam; und
dann ist er zwanzig Jahre älter als Sie, er könnte
ja Ihr Vater sein.»
  «Nein, Mrs. Fairfax, wirklich nicht», rief ich
heftig aus. «Kein Mensch, der uns zusammen
sieht, könnte das auch nur einen Augenblick
glauben. Mr. Rochester ist seinem Wesen und
Aussehen nach nicht älter als mancher Fünfund-
zwanzigjährige.»
  «Sind Sie ganz sicher, daß er Sie aus Liebe
heiratet?»
  Ihre Kälte und Ungläubigkeit verletzten mich
so sehr, daß ich in Tränen ausbrach.
  «Es tut mir leid, wenn ich Ihnen Kummer
mache», fuhr sie fort; «aber Sie sind sehr jung
und nicht gewohnt, mit Männern umzugehen.
Ich wollte Sie nur zur Vorsicht mahnen. ‹Es ist
nicht alles Gold, was glänzt›, das ist ein altes
Sprichwort, und ich befürchte, daß da etwas da-
hintersteckt, was weder Sie noch ich erwarten.»
  «Aber warum? Bin ich denn ein Ungeheuer?
Ist es denn unmöglich, daß Mr. Rochesters Zu-
neigung echt ist?»
  «Nein; Sie sind gut und recht, und Mr. Ro-
chester mag Sie sicher sehr gern. Ich habe immer
bemerkt, daß er Sie bevorzugte. Zeitweise war
ich auch Ihretwegen besorgt, wenn ich seine
Vorliebe sah. Ich hätte Sie warnen mögen, aber
ich wollte auch nicht den Schatten eines Ver-
dachtes in Ihnen wecken. Sie waren immer so
zurückhaltend, so feinfühlig und bescheiden,
daß ich hoffte, Sie würden sich selbst schützen

341
können. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich
vergangene Nacht ausgestanden habe. Im gan-
zen Haus habe ich Sie vergeblich gesucht. Mr.
Rochester konnte ich auch nicht finden, und
dann, um Mitternacht, sah ich Sie mit ihm
hereinkommen.»
  «Das ist ja jetzt gleichgültig», unterbrach ich
ungeduldig, «es genügt, daß alles mit rechten
Dingen zugegangen ist.»
  «Hoffentlich wird auch alles gut ausgehen;
aber glauben Sie mir, Sie können nicht vorsich-
tig genug sein. Versuchen Sie, Mr. Rochester in
gebührender Entfernung zu halten, mißtrauen
Sie sich und ihm. Herren in seiner Stellung
pflegen nicht die Erzieherinnen ihrer Kinder zu
heiraten.»
  Nun wurde ich richtig böse. Glücklicher-
weise kam Adèle angerannt: «Nehmen Sie mich
mit, lassen Sie mich auch nach Millcote fahren!
Mr. Rochester will nicht, aber es ist doch so viel
Platz im neuen Wagen, Bitten Sie ihn, mich mit-
zunehmen, Mademoiselle.»
  «Das will ich, Adèle»; ich eilte hinaus, froh, von
der düsteren Mahnerin loszukommen. Der Wa-
gen war bereit, und als er vorfuhr, kam, von
Pilot begleitet, auch mein Herr über den Weg.
  «Adèle darf uns begleiten, nicht wahr, Sir?»
  «Ich habe ihr nein gesagt. Ich will das Wurm
nicht, ich will mit Ihnen allein sein.»
  «Lassen Sie sie mit, Mr. Rochester, bitte; es
wäre besser.»
  «Nein, sie wird uns hinderlich sein.»

342
  Sein Blick und sein Ton waren gebieterisch.
Wie eisiger Nebel lasteten Mrs. Fairfax’ War-
nungen und Zweifel auf mir; selbst meine Hoff-
nungen wurden wesenlos und gerieten ins Wan-
ken. Ich hatte das Gefühl, ihm nicht mehr
gewachsen zu sein. Schon wollte ich wortlos
gehorchen. Aber als er mir in den Wagen half,
schaute er mir ins Gesicht und fragte:
  «Was ist los? Alles Leuchten ist verflogen. Willst
du die Kleine wirklich mitnehmen? Bist du
traurig, wenn sie dableibt?»
  «Ja, Sir, es wäre mir viel lieber, sie käme mit.»
  «So lauf und hol deinen Hut, Adèle, aber
schnell.»
  Sie stob davon.
  «Schließlich macht ein gestörter Morgen nicht
so viel aus», sagte er, «wenn ich dich, deine Ge-
danken und Worte, doch bald für immer be-
sitzen werde.»
  Als Adèle zurückkam, umarmte sie mich stür-
misch, um mir zu danken. Aber sofort wies er sie
in eine Ecke auf seiner anderen Seite. Da schaute
sie mich ganz verschüchtert an.
  «Lassen Sie sie zu mir kommen», bat ich, «sie
stört Sie nur, Sir. Und auf meiner Seite ist Platz
genug.»
  Er reichte sie mir herüber wie ein Schoß-
hündchen.
  «Bald werde ich sie zur Schule schicken», er-
klärte er, aber jetzt lächelte er doch.
  Adèle erkundigte sich, ob sie ohne Mademoi-
selle gehen müsse.

343
  «Ja, ganz und gar ohne. Denn ich werde Made-
moiselle mit mir auf den Mond nehmen. Ich
suche ihr dort eine Höhle in einem weißen Tal
zwischen den feuerspeienden Bergen, und dort
wird Mademoiselle mit mir leben, mit mir allein.»
  «Sie wird nichts zu essen haben, Sie werden
sie verhungern lassen.»
  «Ich werde ihr morgens und abends Manna
bringen, denn auf dem Mond sind Hügel und
Ebenen voller Manna.»
  «Und wenn sie sich wärmen will, wo soll sie
das Feuer hernehmen?»
  «Das Feuer kommt doch aus den Mondbergen.
Wenn ihr kalt ist, werde ich sie an einen Krater-
rand setzen.»
  «Ah, comme elle y sera mal et peu comfortable! Und
wenn ihre Kleider zerschlissen sind, woher soll
sie neue bekommen?»
  Mr. Rochester tat verlegen. «Hm, was wür-
dest du in diesem Falle machen, Adèle? Was
meinst du, würde sich eine weiße oder rosarote
Wolke nicht für einen Rock eignen? Und aus
einem Regenbogen könnte man ein wunder-
bares Halstuch schneidern.»
  «Hier hat sie es viel besser», fand Adèle nach
einigem Überlegen,«und es würde ihr überhaupt
zu langweilig werden, nur gerade mit Ihnen
allein auf dem Mond zu leben. Wenn ich Made-
moiselle wäre, ich ginge niemals mit Ihnen.»
  «Aber sie ist einverstanden; sie hat mir ihr
Wort gegeben.»
  «Sie können sie gar nicht dorthin bringen; es

344
führt keine Straße zum Mond. Es ist ja alles nur
Luft, und ihr könnt beide nicht fliegen.»
  Wir fuhren jetzt den sattgrünen Hecken und
den vom Gewitterregen erfrischten Feldern ent-
lang.
  «Schau das Feld an, Adèle. Da saß ich vor vier-
zehn Tagen am Abend auf einem Zauntritt und
schrieb etwas in ein kleines Büchlein. Ich schrieb
emsig von einem Unglück, das mich vor langer
Zeit betroffen hat, und von glücklicherer Zeit,
die ich ersehne. Es dämmerte, als ein kleines
Wesen mit einem Schleier von Spinnweben über
den Weg gegangen kam. Ich ließ es ganz nahe
an mich herankommen und redete mit ihm.
Nicht mit Worten, sondern mit den Augen. Sie
sei eine Fee aus dem Elfenreich, sprachen ihre
Augen, und sie sei gekommen, mich glücklich
zu machen, fern von der Welt, etwa auf dem
Mond. Und sie deutete mit dem Kopf nach seiner
Sichel. Und als ich den gleichen Einwand mach-
te wie du vorhin, nämlich, daß ich nicht fliegen
könne, erwiderte sie: ‹Das hat keine Bedeutung.
Dieser goldene Ring hier ist mein Talisman und
überwindet alle Schwierigkeiten. Steck ihn an
den vierten Finger der linken Hand, so bin ich
dein und du bist mein, und wir verlassen die
Erde und schaffen uns unseren eigenen Himmel.›
Dabei deutete sie wieder nach dem Mond. Ja,
und den Ring, Adèle, den habe ich in der Ta-
sche. Er ist zwar jetzt ein Goldstück, aber bald
werde ich wieder den Ring dafür eintauschen.»
  «Aber was hat denn Mademoiselle damit zu

345
tun? Die Fee ist mir gleich; Sie haben nur ge-
sagt, Sie wollten mit Mademoiselle auf den
Mond gehen.»
  «Mademoiselle ist eine Fee», flüsterte er ge-
heimnisvoll.
  Darauf sagte ich der Kleinen, sie solle nicht
auf ihn achten. Sie aber mit ihrer angeborenen
französischen Skepsis bezeichnete Mr. Rochester
als «un vrai menteur», versicherte, daß sie sich
nichts aus seinen «contes de fées» mache, und daß
«du reste il n’y a pas de fées et quand-même s’ily en
avait» sie überzeugt sei, daß ihm keine erscheinen
werde, geschweige, daß ihm eine einen Ring gebe
oder gar mit ihm auf dem Mond leben wolle.
  Die Stunde, die wir in Millcote verbrachten,
war recht peinlich für mich.
  Mr. Rochester schleppte mich in einen Stoff-
laden, wo ich ein halbes Dutzend Kleider aus-
suchen sollte. Umsonst bat ich, all das aufzu-
schieben; nach viel erregtem Geflüster erreichte
ich nur, daß ihre Zahl auf zwei beschränkt
wurde. Diese zwei aber wollte er unbedingt
selbst aussuchen. Ängstlich folgte ich seinem
wählerischen Blick. Endlich entschloß er sich
für ein Kleid aus glänzender blauer Seide und
eines aus prächtigem rosa Atlas. Wieder mußte
ich mit heftigem Geflüster ihm klarmachen, daß
er mir ebensogut einen goldenen Rock und
einen silbernen Hut kaufen könne; denn ich
würde sie genauso wenig tragen wie diese Klei-
der. Trotz seiner Hartnäckigkeit brachte ich ihn
schließlich dazu, auf seine Wahl zu verzichten

346
und statt dessen einfachen, schwarzen Atlas und
perlgraue Seide zu nehmen.
  «Für jetzt mag es so hingehen», sagte er, «aber
bald will ich dich im glänzendsten Staat sehen.»
Ich war froh, fortzukommen, erst aus diesem
Laden, nachher vom Juwelier. Je mehr er mir
kaufte, desto beschämter und bedrückter wurde
ich. Als wir wieder in den Wagen stiegen und
ich mich müde und erhitzt zurücklehnte, fiel
mir ein, daß ich bei all diesen Ereignissen völlig
vergessen hatte, daß mein Onkel John Eyre an
Mrs. Reed geschrieben hatte, er habe die Ab-
sicht, mich zu adoptieren und zur Erbin einzu-
setzen. Es wäre allerdings eine große Erleichte-
rung, dachte ich, wenn ich nur ein klein wenig
unabhängig wäre. Ich halte es nicht aus, wie
eine Puppe von Mr. Rochester angekleidet zu
werden. Noch heute werde ich nach Madeira
schreiben und Onkel John mitteilen, daß ich
heirate. Wenn ich nur einen Schimmer von Hoff-
nung hätte, Mr. Rochester einmal etwas Ver-
mögen zu bringen, fiele es mir nicht so schwer,
jetzt alles von ihm anzunehmen. Dieser Ge-
danke, den ich noch am selben Abend in die Tat
umsetzte, erleichterte mich ein wenig, und ich
getraute mich wieder, meinem Herrn und Ge-
liebten in die Augen zu schauen. Er lächelte wie
ein Sultan, der in einer guten Laune seine Skla-
vin mit Gold und Edelsteinen beschenkt hat.
Ganz fest drückte ich seine Hand, die immer
nach meiner suchte, dann schob ich sie zurück.
  «Sie brauchen mich gar nicht so anzusehen»,

347
sagte ich, «sonst trage ich bis zur Hochzeit nur
noch meine alten Kleider von Lowood. Dann
heirate ich in diesem lila Baumwollkleidchen,
und Sie können sich meinetwegen einen Frack
aus der perlgrauen Seide schneidern lassen, und
eine Unzahl Westen aus dem schwarzen Atlas.»
  Er lachte vergnügt, rieb sich die Hände und
rief: «Großartig … eine Augen- und Ohren-
weide! Wie originell und geistvoll sie ist! Ich
möchte diese kleine Engländerin nicht gegen das
ganze Serail des Großtürken tauschen, für all
die Gazellenaugen und Hourigestalten und das
ganze Drum und Dran!»
  «Ich habe nicht die Absicht, Ihnen ein Serail
zu ersetzen», warf ich ein, «also betrachten Sie
mich auch nicht als Ersatz. Wenn Sie dafür etwas
übrig haben, dann machen Sie, daß Sie schleu-
nigst nach Istambul kommen. Dort können Sie
in den Basars für teure Sklavinnen etwas von
dem Geld ausgeben, das Sie hier offenbar nicht
loswerden.»
  «Und was machst du, Jane, wenn ich mir so-
undsoviel Tonnen Fleisch und eine Musterkarte
schwarzer Augen anschaffe?»
  «Ich gehe als Missionarin und predige allen,
die versklavt sind, die Freiheit. Auch denen in
Ihrem Harem. Ich werde schon hineinkommen
und alle aufwiegeln. Und Sie, großmächtiger
Pascha, Sie werden ganz plötzlich in unserer
Gewalt sein. Aber ich werde Sie nicht freilassen,
bevor Sie den liberalsten Freibrief unterzeichnet
haben, der je einem Tyrannen abgetrotzt wurde.»

348
  «Ich würde mich dir auf Gnade und Ungnade
ausliefern, Jane.»
  «Ich hätte keine Gnade, Mr. Rochester, wenn
Sie mit solchen Blicken darum flehten. In Ihren
Augen lese ich, daß Sie jeden erzwungenen Frei-
brief sofort brechen würden, sobald Sie wieder
losgelassen wären.»
  «Was willst du denn, Jane? Ich fürchte, du
willst außer Standesamt und Kirche noch einen
privaten Ehevertrag mit mir abschließen. Ich
sehe schon, daß du noch ganz besondere Bedin-
gungen stellen wirst, aber welche eigentlich?»
  «Ich will nur nicht von so vielen Verpflichtun-
gen bedrückt werden, Sir. Erinnern Sie sich, was
Sie mir von Céline Varens sagten? Von den
Diamanten und Gewändern, die Sie ihr schenk-
ten? Ich habe nicht im Sinn, Ihre englische
Céline Varens zu werden; ich will Adèles Er-
zieherin bleiben und damit Kost und Unter-
kunft und meine dreißig Pfund jährlich ver-
dienen. Davon will ich meine Garderobe be-
streiten, und Sie sollen mir nichts schenken,
außer …»
  «Nun, außer was?»
  «Außer Ihrer Zuneigung. Und wenn ich Ihnen
meine auch schenke, sind wir wohl quitt.»
  «An kalter Unverschämtheit und schierem
Hochmut findet man jedenfalls nicht deines-
gleichen!»
  Wir kamen nach Thornfield.
  «Würde es Ihnen vielleicht zusagen, heute abend
mit mir zu speisen?» fragte er, als wir einfuhren.

349
  «Nein danke, Sir.»
  «Und warum ‹nein danke›, wenn man fragen
darf?»
  «Ich habe nie mit Ihnen gespeist, Sir, und sehe
nicht ein, warum ich es tun sollte, bis …»
  «Bis was? Du gefällst dir in unfertigen Sät-
zen.»
  «Bis ich es nicht mehr vermeiden kann.»
  «Glaubst du vielleicht, ich esse wie ein Men-
schenfresser, daß du dich davor fürchtest, mir
beim Essen Gesellschaft zu leisten?»
  «Ich glaube gar nichts, aber ich möchte diesen
Monat genau weiterleben wie bisher.»
  «Du wirst dein Lehrerinnendasein sofort auf-
geben.»
  «Mit Verlaub, das werde ich nicht tun. Ich
werde weitermachen wie immer, mich den gan-
zen Tag von Ihnen fernhalten, wie ich es ge-
wohnt bin. Wenn Sie Lust haben, mich zu
sehen, können Sie mich abends rufen lassen,
sonst nicht.»
  «Schade, daß ich weder Zigarren noch Tabaks-
dose bei mir habe, jetzt möchte ich rauchen oder
schnupfen, um mich zu erholen, ‹pour me donner
uns contenance›, wie Adèle sagen würde. Aber hör
mich an, kleine Tyrannin, wenn auch du gegen-
wärtig an der Reihe bist, so komme doch bald
ich dran, und wenn ich dich erst habe, werde ich
dich halten und – bildlich gesprochen – an die
Kette legen wie meine Uhr. Dich am Herzen
tragen, mein Liebchen, um dich sicher nicht zu
verlieren.»

350
  Bei diesen Worten half er mir aus dem Wagen,
und während er Adèle heraushob, zog ich mich
auf mein Zimmer zurück. Am Abend ließ er
mich zu sich kommen. Ich hatte mir eine Be-
schäftigung ausgedacht; denn ich war entschlos-
sen, nicht die ganze Zeit mit intimem Plaudern
zu verbringen. Er hatte ja eine gute Stimme, und
ich wußte, daß er gerne sang. Ich hatte zwar
selbst keine Stimme, hörte aber mit Freuden zu,
wenn gut gesungen wurde.
  Er fragte mich, ob ich seine Stimme gerne
habe, «Sehr gerne», antwortete ich und schmei-
chelte absichtlich dieser Einbildung.
  «Dann mußt du mich aber begleiten, Jane.»
  «Ich will es versuchen.»
  Aber ich spielte ihm nicht gut genug, und so
schob er mich beiseite, setzte sich an meinen
Platz – denn er spielte so gut, wie er sang – und
begleitete sich selbst. Das war es gerade, was ich
beabsichtigt hatte. Ich zog mich zufrieden in die
Fensternische zurück und genoß das Zuhören,
während ich auf die Bäume und den Rasen
hinausschaute.
  Um seiner Zärtlichkeit zu entgehen, gab ich
mich hart und gefühllos, selbst wenn ich ihn
dadurch verletzte. Mochte er zürnen und be-
trübt sein, es war gewiß die beste Art, mit ihm
umzugehen. Ich liebte ihn mehr, als ich sagen
konnte, doch wollte ich mich nicht in Gefühlen
verlieren und bewahrte ihn mit meinen Stiche-
leien auch davor. Dadurch blieb zu unser beider
Vorteil stets die nötige Distanz gewahrt.

351
  Wenn er sich dann verärgert in die andere
Ecke des Zimmers zurückzog, erhob ich mich,
sagte in meinem üblichen respektvollen Ton:
«Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Sir» und
verschwand durch die Seitentüre.
  Dieses System befolgte ich während der gan-
zen Probezeit mit bestem Erfolg. Er war zwar
eher verdrießlich und reizbar; dennoch sah ich,
daß er sich aufs beste unterhielt, besser als mit
lammfrommer Unterwürfigkeit, obwohl sie sei-
ner Herrschsucht geschmeichelt hätte.
  Waren Dritte zugegen, verhielt ich mich im-
mer zurückhaltend und ruhig; jedes andere
Benehmen wäre unangebracht gewesen. Nur
abends, wenn wir allein waren, behandelte ich
ihn so. Er ließ mich stets pünktlich um sieben
Uhr kommen, gab mir aber keine Kosenamen
mehr und schnitt mir Grimassen, statt zärtlich
zu sein. Doch fand ich das ganz in der Ordnung,
und es paßte mir im Augenblick viel besser als
alle Zärtlichkeit. Zudem fühlte ich, daß Mrs.
Fairfax mich restlos unterstützte und sich zu-
sehends beruhigte. Das bestätigte mir, daß ich
richtig handelte. Mr. Rochester behauptete
zwar, meinetwegen magere er bis auf die Kno-
chen ab, und drohte mit baldiger Rache, doch
lachte ich nur und dachte: Wenn ich dich jetzt
vernünftig in Schach halten kann, wird es mir
auch in Zukunft gelingen. Immerhin war meine
Aufgabe nicht einfach, und oft hätte ich ihm viel
lieber Freude gemacht, anstatt ihn zu quälen.
Er war meine Welt, meine ganze und einzige

352
Hoffnung geworden; er stand zwischen Gott
und mir, wie etwa eine Finsternis über die Sonne
gleitet – ich hatte ihn zu meinem Gott gemacht.

25

Der Verlobungsmonat ging seinem Ende zu; alle


Vorbereitungen für den Hochzeitstag waren be-
endet. Ich wenigstens hatte nichts mehr zu tun:
meine Koffer standen gepackt, verschlossen und
verschnürt in Reih und Glied in meinem Zim-
merchen. Am nächsten Tag um diese Zeit wür-
den sie auf der Reise nach London sein und ich
mit ihnen – nein, nicht ich, sondern eine ge-
wisse Jane Rochester, die ich vorläufig noch
nicht kannte. Nur die Anhängeadressen, die
Mr. Rochester eigenhändig beschrieben hatte,
mußten noch befestigt werden; aber ich konnte
mich nicht dazu entschließen. «Mrs. Rochester,
Palace-Hotel, London», existierte ja noch gar
nicht. Erst morgen früh nach acht Uhr sollte sie
zur Welt kommen, und ich wollte dieses Ereignis
lieber erst abwarten. Es war schon genug, daß
im Schrank ihre Kleider das schwarze Röckchen
und den Strohhut Lowooder Angedenkens ver-
trieben hatten. Nun hingen dort ein perlweißes
Brautkleid und ein durchsichtiger Schleier, die
jetzt, um neun Uhr abends, geisterhaft im Schat-
ten schimmerten. Ich schloß den Schrank, ich
fieberte. Der Wind heulte; es drängte mich, ins
Freie zu gehen, um mich ihm auszusetzen.

353
  Nicht nur die Eile der letzten Vorbereitungen
oder die Aufregung vor dem großen Wende-
punkt in meinem Leben war schuld an meiner
rastlosen, erregten Gemütsverfassung, die mich
jetzt so spät noch in den dunklen Park hinaus-
trieb. Etwas anderes, das sogar noch stärker war,
kam hinzu.
  Ein seltsames Ereignis bedrückte mich. Nur
ich hatte es gesehen, und ich hatte niemandem
etwas davon gesagt. Es war vergangene Nacht
geschehen. Mr. Rochester war wegen Geschäf-
ten, die er noch vor seiner Abreise erledigen
mußte, seit gestern von zu Hause fort. Nur ihm
wollte ich das rätselhafte Vorkommnis erzählen
und wartete nun ungeduldig auf seine Rückkehr.
  Ich ging in den Obstgarten. Den ganzen Juli-
tag hindurch hatte ein heftiger Südwind ge-
weht, aber keinen Tropfen Regen gebracht.
Nun heulte er noch lauter und bog die Kronen
der Bäume alle nach Norden. Wolken türmten
sich am Himmel und hatten seit dem Morgen
kein Fleckchen Blau freigegeben.
  Mit einer Art wilder Freude ließ ich mich
vom Sturmwind treiben. Vor dem zersplitterten
Kastanienstrunk blieb ich stehen. Die beiden
Hälften waren nicht auseinandergebrochen;
denn die starken Wurzeln hielten sie zusammen.
Aber es war kein Saft mehr in ihnen; die großen
Äste waren tot und würden den Winterstürmen
zum Opfer fallen.
  So streifte ich durch den Garten, las die Äpfel
zusammen, schied die reifen von den unreifen,

354
trug sie ins Haus und versorgte sie. Dann ging
ich in die Bibliothek, um nachzusehen, ob das
Feuer angezündet sei. Denn, wenn es auch Som-
mer war, ich wußte, Mr. Rochester liebte es, an
solch düsterem Abend von einem gemütlichen
Kaminfeuer empfangen zu werden. Es brannte
gut. Ich stellte den Armstuhl an den Kamin, den
Tisch daneben, zog die Vorhänge zu und ließ
die Kerzen bringen. Aber ich wurde nicht ruhi-
ger dabei, es hielt mich nicht mehr im Haus.
Die Uhr schlug zehn.
  Da beschloß ich, ihm bis zum Tor entgegen-
zugehen, um ein paar Minuten eher bei ihm
zu sein.
  Der Wind brauste in den großen Bäumen.
Die Straße lag still und verlassen, so weit ich se-
hen konnte. Ich weinte fast vor Enttäuschung
und Ungeduld; ich wartete weiter; der Mond
verschwand wieder, die Nacht wurde dunkel,
der Sturm brachte Regen.
  Wenn er nur käme! Ich hatte plötzlich Angst.
Ich hatte ihn zum Tee zurückerwartet; jetzt war
es Nacht, warum kam er nicht? War ihm etwas
zugestoßen? Das Ereignis der letzten Nacht kam
mir wieder in den Sinn, es bedeutete sicher Un-
heil. Meine Hoffnungen waren wohl zu strah-
lend, als daß sie Wirklichkeit werden konnten,
und ich hatte in der letzten Zeit so viel Glück
genossen, daß es jetzt unweigerlich abwärts-
gehen mußte. Ins Haus zurück kann ich nicht,
überlegte ich. Ich kann nicht behaglich am
Kamin sitzen, während er im Unwetter draußen

355
ist. Es ist gescheiter, ich rühre meine Glieder ein
bißchen, statt meinem Herzen so viel zuzumu-
ten. Ich will ihm entgegengehen.
  Schnell schritt ich aus, aber ich kam nicht
weit: ein Reiter kam mir in vollem Galopp ent-
gegen. Fort mit den Vorahnungen! Er war es,
auf seinem Rappen; Pilot rannte nebenher. Als
der Reiter mich erblickte, schwenkte er den Hut.
Ich eilte auf ihn zu.
  «So!» rief er und streckte die Hand nach mir
aus, «jetzt ist es ganz klar: du kannst einfach
nicht mehr sein ohne mich! Komm, gib mir
beide Hände, tritt auf meine Stiefelspitze und
steig auf!»
  Die Freude machte mich gelenkig; ich sprang
zu ihm aufs Pferd und erhielt einen herzlichen
Kuß zum Willkomm. Allerdings mußte ich auch
ein paar triumphierende Worte mitschlucken.
Dann fragte er aber doch, ob etwas vorgefallen
sei, daß ich ihm so spät noch entgegenkam.
  «Nein; aber mir schien, Sie kämen überhaupt
nicht mehr. Ich konnte einfach nicht drinnen
auf Sie warten, besonders bei dem Regen und
Wind.»
  «Regen und Wind kann man wohl sagen! Du
bist ja tropfnaß! Komm, leg meinen Mantel
um. Aber du hast ja Fieber, Jane! Dein Gesicht
und deine Hände glühen. Sag doch, ist etwas
los?»
  «Jetzt nicht mehr. Jetzt habe ich keine Angst
mehr und bin auch nicht unglücklich.»
  «Dann bist du’s also gewesen?»

356
  «Ja, ziemlich. Aber das werde ich Ihnen so
nach und nach erzählen, Sir, und ich glaube
fast, Sie werden mich nur auslachen.»
  «Wenn der morgige Tag vorbei ist, will ich dich
herzlich auslachen; aber vorher getraue ich mich
nicht. Der Preis ist mir noch nicht sicher. Das
bist du. Glatt wie ein Aal bist du gewesen diesen
Monat und stachlig wie eine Heckenrose. Immer
und überall hast du gestochen, und jetzt scheine
ich geradezu ein verirrtes Lämmlein in meinem
Arm zu halten. Du bist wohl aus dem Stall ge-
laufen, um den Hirten zu suchen?»
  «Ich hatte Sehnsucht nach Ihnen; aber prahlen
Sie jetzt nicht deswegen. Da ist Thornfield,
lassen Sie mich absteigen.»
  John führte das Pferd weg; ich zog schnell
etwas Trockenes an und kam dann zu ihm in die
Bibliothek, wo er beim Nachtessen saß. Ich
leistete ihm Gesellschaft, konnte aber nichts
essen.
  «Hast du Reisefieber, Jane? Ist es die Vorfreude
auf die Reise oder die Angst vor London, was dir
den Appetit nimmt?»
  «Ich kann heute abend überhaupt nichts
denken, Sir. Das ganze Leben scheint mir un-
wirklich.»
  «Außer mir! Ich bin doch wahrhaftig aus
Fleisch und Blut – rühr mich nur an!»
  «Sie sind das Allerunwirklichste. Sie sind über-
haupt nur ein Traum.»
  Er legte mir lachend die Hand auf die Augen:
«Ist das ein Traum?»

357
  «Ja, obgleich ich sie anrühren kann», damit
schob ich seine Hand zurück. «Sir, haben Sie
fertig gegessen?»
  Er bejahte. Ich ließ abräumen, legte Holz
aufs Feuer, nahm einen Schemel und setzte mich
zu ihm.
  «Es ist beinahe Mitternacht», sagte ich.
  «Ja, aber denk daran, Jane, daß du mir ver-
sprochen hast, die Nacht vor meinem Hoch-
zeitstag mit mir wachzubleiben.»
  «Dieses Versprechen werde ich auch halten,
wenigstens für eine oder zwei Stunden. Ich mag
nicht zu Bett gehen.»
  «Bist du mit allem fertig?»
  «Ja.»
  «Ich auch, es ist alles geregelt, und morgen,
eine halbe Stunde nach der Trauung, verlassen
wir Thornfield.»
  «Ausgezeichnet, Sir.»
  «Wie sonderbar hast du gelächelt bei diesem
‹ausgezeichnet›, Jane! Du hast so merkwürdige
Flecken auf den Wangen! Und deine Augen
leuchten so seltsam. Ist dir nicht gut?»
  «Doch, doch, ich glaube schon.»
  «Glaube! Was ist los? Sag mir, was du hast.»
  «Ich wüßte nicht, wie ich das sagen könnte.
Ich wollte, diese Stunde ginge nie zu Ende. Wer
weiß denn, was der kommende Tag bringt?»
  «Du bist übererregt und übermüdet.»
  «Sind Sie ruhig und glücklich?»
  «Ruhig? – nein; aber glücklich … tief, tief
glücklich.»

358
  Ich schaute ihn an, um dieses Glück in seinem
Gesicht zu lesen; es glühte.
  «Hab Vertrauen zu mir, Jane», sagte er. «Sag
mir, was dich bedrückt. Wovor hast du Angst? –
daß ich nicht ein guter Ehemann werde?»
  «Daran hätte ich wirklich zuletzt gedacht.»
  «Fürchtest du dich vor der neuen Umgebung,
dem neuen Leben?»
  «Nein.»
  «Ich werde nicht klug aus dir, Jane. Ich möchte
eine Erklärung.»
  «Also … Heute nacht waren Sie nicht hier.»
  «Ja, das weiß ich. Aber du hast schon ange-
deutet, daß während meiner Abwesenheit etwas
vorgefallen sei. Es ist sicher nichts Wichtiges,
aber es hat dich beunruhigt; also, erzähle. Hat
vielleicht Mrs. Fairfax etwas gesagt? Hast du die
Dienerschaft schwatzen gehört? Hat dich etwas
verletzt?»
  «Nein, Sir.» Die Uhr schlug; ich wartete, bis
die zwölf Schläge verhallt waren, und fuhr dann
fort:
  «Ich hatte gestern den ganzen Tag sehr viel
zu tun und war glücklich dabei. Denn vor der
neuen Umgebung habe ich wirklich keine Angst.
Es ist herrlich, auf ein Leben mit Ihnen hoffen
zu dürfen, weil ich Sie liebe. Nein, nein, werden
Sie jetzt nicht zärtlich, lassen Sie mich ungestört
reden. Gestern war ich voll Vertrauen in die Zu-
kunft; ich glaubte, daß alles zu unserem Besten
zusammenwirke, und dachte so fest an Sie, daß
Ihre Abwesenheit fast nicht schmerzte. Gegen

359
Abend zeigte mir Sophie mein Brautkleid, das
eben gekommen war; und in der Schachtel fand
ich den Schleier, den Sie so verschwenderisch in
London bestellt haben. Als ich ihn auseinander-
faltete, lächelte ich schon beim Gedanken, wie
ich Sie necken würde wegen Ihres aristokrati-
schen Geschmacks und wegen Ihres Bestrebens,
der kleinbürgerlichen Braut das Aussehen einer
adligen Dame zu verleihen. Ich sah schon Ihr
Gesicht, wenn ich dann mit dem einfachen, un-
bestickten Tüchlein erscheinen würde, das so
viel besser zu mir paßt. Und ich hörte auch
Ihren entrüsteten Protest.»
  «Aber was war denn an dem Schleier Beson-
deres außer der Stickerei? War ein Dolch oder
Gift darin versteckt, daß du jetzt so todtraurig
dreinblickst?»
  «Nein, nein, außer der Köstlichkeit des Ge-
webes wurde ich nur Fairfax Rochesters Stolz
inne; dieser Hochmutsteufel macht mir nicht
mehr angst; dazu habe ich mich zu sehr daran
gewöhnt. Doch als es dunkel wurde, kam der
Wind; er heulte nicht laut wie heute abend,
sondern langgezogen, viel unheimlicher. Ich
hätte Sie dahaben mögen. Der leere Stuhl und
der unbenutzte Kamin ließen mich frösteln.
Schließlich ging ich zu Bett; aber ich konnte
nicht einschlafen. Der Sturm nahm immer noch
zu; durch sein Toben hindurch wurde ein kla-
gender Ton vernehmlich. Kam er aus dem
Hause? Oder von draußen? Es war wohl ein in
der Ferne heulender Hund. Aber ich war froh,

360
als das Klagen aufhörte. Dann schlief ich end-
lich ein und träumte weiter von einer dunklen,
stürmischen Nacht. Und dabei hatte ich solche
Sehnsucht nach Ihnen und empfand doch mit
seltsamer Gewißheit, daß etwas zwischen uns
stand. Ich mußte in völliger Finsternis und
peitschendem Regen auf einer fremden Straße
wandern. Dazu mußte ich ein kleines Kind tra-
gen, das nicht gehen konnte und vor sich hin-
weinte. Ich wußte, daß Sie mir auf der gleichen
Straße weit voraus waren, und strengte mich
übermenschlich an, um Sie einzuholen. Ich
wollte Sie rufen und anflehen, auf mich zu war-
ten – aber ich konnte mich nicht bewegen, und
die Worte erstarben auf meinen Lippen. Und
indes entfernten Sie sich mit jedem Augenblick
immer mehr von mir, immer weiter …»
  «Und solche Träume bedrücken dich jetzt
noch, Jane, obwohl ich so ganz nahe bei dir bin?
Vergiß doch das eingebildete Leid und denk nur
an das wirkliche Glück! Du hast gesagt, du
liebst mich; ich will es nicht vergessen, und du
kannst es nicht mehr abstreiten. Ich hörte es
klar und deutlich, etwas zu schwermütig viel-
leicht, aber einschmeichelnd wie Musik: ‹Es ist
so herrlich, auf ein Leben mit Ihnen hoffen zu
dürfen, weil ich Sie liebe.› Liebst du mich, Jane?
Sag es noch einmal.»
  «Ja, von ganzem Herzen.»
  Er schwieg ein paar Minuten. Dann sagte er:
«Es ist seltsam, wie schmerzlich mich dieser Satz
berührt hat. Du hast ihn so ernst, so tief über-

361
zeugt und überzeugend gesagt; und nun schaust
du so treu und aufrichtig zu mir auf. Schau wie-
der bös drein, Jane! Du kannst es ja so gut; necke
mich; ärgere mich; aber bitte rühre mich nicht.
Ich will lieber wütend werden als traurig.»
  «Ich will Sie necken und ärgern, bis Sie genug
haben; aber erst, wenn ich fertig erzählt habe.»
  «Ich habe geglaubt, das sei alles; ein Traum
sei schuld an deiner Schwermut.»
  Als ich den Kopf schüttelte, bat er mich, fort-
zufahren, betonte aber, er sei sehr ungläubig auf-
gelegt. Ich war überrascht, daß er so unruhig
und ungeduldig war; aber ich fuhr fort:
  «Ich hatte noch einen andern Traum: Thorn-
field Hall war eine Ruine, in der Eulen und
Fledermäuse hausten. Von der ganzen Fassade
stand nur noch eine hohe, aber auch schon ge-
borstene Mauer, und überall lagen Steinbrocken
herum. Im Mondschein stolperte ich zwischen
den Trümmern umher; immer noch hielt ich
das kleine Kind im Arm; ich war müde, und
doch durfte ich es nicht niederlegen. Da hörte
ich den Hufschlag eines Pferdes und wußte, daß
Sie es waren und daß Sie von mir fortritten, in
ein fernes Land. Ich wollte Sie noch einmal
sehen und kletterte die brüchige Mauer empor.
Die Steine zerbröckelten unter mir, die Efeu-
zweige brachen, das Kind erwürgte mich fast,
und als ich endlich oben war, sah ich Sie in der
Ferne kleiner und kleiner werden. Ich beugte
mich vor, um besser zu sehen, da wankte die
Mauer unter mir, das Kind glitt mir aus den

362
Armen, ich verlor das Gleichgewicht, fiel – und
erwachte.»
  «So, aber das ist jetzt alles, nicht?»
  «Nur das Vorspiel; die eigentliche Geschichte
kommt erst. Beim Erwachen blendete mich ein
Licht; aber es war noch nicht die Helle des Ta-
ges, sondern Kerzenschein. Ich nahm an, Sophie
sei hereingekommen. Die Kerze stand auf dem
Tisch; die Türe zum Schrank, in dem mein
Hochzeitskleid und der Schleier hingen, stand
offen, und ich hörte eine Bewegung aus dieser
Richtung. Ich fragte: ‹Was machst du da,
Sophie?› Keine Antwort; dafür tauchte eine
Gestalt auf, nahm die Kerze und betrachtete die
Kleider. Wieder rief ich ‹Sophie, Sophie!› und
wieder blieb alles still. Ich hatte mich im Bett
aufgerichtet und beugte mich vor, zuerst über-
rascht, dann bestürzt, schließlich überlief es
mich kalt. Mr. Rochester, es war nicht Sophie
und nicht Mrs. Fairfax, es war nicht einmal die
seltsame Grace Poole, dessen bin ich sicher.»
  «Es muß aber doch eine von ihnen gewesen
sein», unterbrach er mich.
  «Nein, ich bin ganz sicher. Ich hatte diese Ge-
stalt noch nie in Thornfield Hall gesehen.»
  «Beschreibe sie, Jane.»
  «Es schien eine Frau zu sein, eine große, dicke
Frau; langes schwarzes Haar hing ihr in den
Rücken. Ihr Gewand war weiß und faltenlos;
aber ob es ein Kleid, ein Bettlaken oder ein
Leichentuch war, kann ich nicht sagen.»
  «Hast du ihr Gesicht gesehen?»

363
  «Zunächst nicht. Aber dann nahm sie den
Brautschleier auf, hob ihn in die Höhe, be-
trachtete ihn lange, schlang ihn um den Kopf
und schaute in den Spiegel. Nun sah ich ihre
Züge ganz deutlich im Glas.»
  «Und wie waren die?»
  «Schrecklich, grausig! – O Sir, ich habe noch
nie ein solches Gesicht gesehen! Wild war es,
entstellt. Ich kann die rollenden roten Augen
und die aufgedunsenen Züge nicht vergessen.»
  «Gespenster sind gewöhnlich bleich, Jane!»
  «Dieses Gesicht aber war puterrot, mit ge-
schwollenen Lippen, gerunzelter Stirn, hochge-
zogenen Augenbrauen über blutunterlaufenen
Augen. Wissen Sie, woran es mich erinnerte?»
  «Nein.»
  «An einen Vampir.»
  «Was stellte sie denn an?»
  «Sie nahm den Schleier wieder von ihrem
schaurigen Haupt, zerriß ihn in zwei Stücke,
warf ihn auf den Boden und trampelte darauf
herum.»
  «Und dann?»
  «Dann schaute sie zum Fenster hinaus und sah
den Morgen grauen. Sie nahm die Kerze und
wandte sich zur Tür. Vor meinem Bett stand sie
still, hielt die Kerze unter meine Nase und blies
sie aus. Ich sah noch das rote Gesicht ganz nahe
über dem meinen, dann verlor ich, zum zweiten-
mal in meinem Leben, vor Schreck die Besin-
nung.»
  «Wer war bei dir, als du erwachtest?»

364
  «Niemand. Es war hellichter Tag. Ich wusch
mich gründlich und trank einen tiefen Schluck
kaltes Wasser. Krank war ich nicht, nur schwach.
Ich nahm mir vor, nur Ihnen von dieser Er-
scheinung zu erzählen. Und jetzt sagen Sie mir,
Sir, wer und was war diese Frau?»
  «Ganz einfach die Ausgeburt eines überreizten
Gehirns. Das zeigt nur, daß ich gut für dich sor-
gen muß, mein Schatz; deine Nerven vertragen
keine Überanstrengung.»
  «Sir, meine Nerven waren ganz in Ordnung,
darauf können Sie sich verlassen. Alles war Wirk-
lichkeit; all das hat sich tatsächlich zugetragen.»
  «Und deine Träume? Waren die etwa auch
Wirklichkeit? Ist Thornfield Hall etwa ein Trüm-
merhaufen? Stehen unüberwindbare Hinder-
nisse zwischen uns? Verlasse ich dich vielleicht
ohne Kuß, ohne Abschied, ohne ein Wort?»
  «Bis jetzt noch nicht.»
  «Habe ich es etwa im Sinn? Nachdem der Tag
schon angebrochen ist, der uns unlöslich zusam-
mengeben soll? Und das verspreche ich dir,
wenn wir erst beieinander sind, gibt es keine
solchen Alpträume mehr.»
  «Alpträume? Wie gerne möchte ich, es wäre
einer gewesen! Besonders jetzt, da nicht einmal
Sie das Rätsel lösen können.»
  «Eben weil ich es nicht kann, muß es ein Traum
gewesen sein, Jane.»
  «Das wollte ich mir auch einreden, heute mor-
gen, als im Tageslicht jedes Ding in meinem
Zimmer mich so vertraut anschaute. Aber da

365
lag der Schleier, von oben bis unten entzweigeris-
sen!»
  Mr. Rochester schauderte zusammen und
nahm mich fest in den Arm. «Gott sei Dank hat
das Ungeheuer, wenn tatsächlich so etwas in
deinem Zimmer war, sich mit dem Schleier zu-
friedengegeben. Wenn ich daran denke, was
hätte geschehen können!»
  Er drückte mich so fest an sich, daß mir fast
der Atem verging.
  Er schwieg ein paar Minuten und sagte dann
fröhlich: «Und jetzt will ich dir alles erklären,
Janet. Es war halb Traum, halb Wirklichkeit.
Bestimmt ist eine Frau in deinem Zimmer ge-
wesen, und es muß Grace Poole gewesen sein.
Du hast selber gesagt, sie sei ein seltsames Ge-
schöpf, und du hast auch alles Recht, sie so zu
bezeichnen; denn du weißt ja, wie sie Mason
und mich behandelt hat. Im Halbschlaf hast du
bemerkt, was sie tat; aber im Fieber ist sie dir
ganz anders vorgekommen, als sie ist. Ihr auf-
gelöstes Haar, das aufgedunsene Gesicht, die
Körpergröße, das hat dir deine Fieberphantasie
vorgespiegelt. Das Zerreißen des Schleiers je-
doch war Wirklichkeit, und es gleicht ihr auch.
Du möchtest gerne wissen, warum ich eine solche
Frau im Hause behalte, nicht wahr? Ich werde
es dir sagen, wenn wir ein Jahr und einen Tag
verheiratet sind, nicht vorher. Zufrieden jetzt?
Leuchtet dir diese Lösung des Geheimnisses ein?»
  Sie schien mir tatsächlich die einzig mögliche.
Ganz befriedigt war ich zwar nicht; aber ihm zu

366
Gefallen lächelte ich erleichtert, wie ich es auch
bis zu einem gewissen Grade war.
  Es war spät geworden – ein Uhr vorbei –, und
ich wollte zu Bett gehen.
  «Sophie schläft doch bei Adèle im Kinder-
zimmer, nicht?» fragte er mich, als ich meine
Kerze anzündete.
  «Ja.»
  «In Adèles Bett ist noch Platz für dich. Das
Ereignis der letzten Nacht hat dich erregt, ich
möchte lieber nicht, daß du allein schläfst heute
abend. Bitte, versprich mir, daß du ins Kinder-
zimmer gehst.»
  «Sehr gern sogar.»
  «Und verriegle die Türe sorgfältig. Aber jetzt
keine traurigen Gedanken mehr! Hörst du, wie
der Wind still geworden ist? Und auch der Re-
gen hat aufgehört.»
  Er hob den Vorhang: «Schau, welch schöne
Nacht!»
  Die wenigen Wolken, die noch am Himmel
waren, wurden vom Wind nach Westen getrie-
ben. Der Mond schien friedlich.
  «So», sagte Mr. Rochester und schaute mir
forschend in die Augen, «wie ist dir jetzt, Janet,
Geliebte?»
  «Die Nacht ist klar, und ich bin ruhig.»
  «Und heute nacht träumst du nicht von Tren-
nung und Kummer, sondern von Liebe und
Glück.»
  Die Prophezeiung erfüllte sich nur zur Hälfte.
Ich träumte zwar nicht von Kummer, aber

367
ebensowenig von Glück; denn ich schlief über-
haupt nicht. Ich hielt Adèle im Arm und be-
wachte ihren ruhigen Schlummer. So erwartete
ich den Morgen, den unbekannten, gefürchteten
und ersehnten Tag.

26

Um sieben Uhr kam Sophie, um mich anzu-


kleiden. Sie brauchte aber so lange dazu, daß
Mr. Rochester ungeduldig wurde und fragen
ließ, warum ich nicht komme. Sie befestigte noch
meinen Schleier, dann wollte ich davoneilen.
  «Halt», rief sie mir zu, «schauen Sie sich doch
wenigstens einmal im Spiegel an!»
  Also kehrte ich mich nochmals um und sah im
Spiegel eine verschleierte Gestalt, die mir so
wenig glich, daß sie mich wie eine Fremde an-
mutete.
  «Jane!» rief eine Stimme; ich eilte zu Mr. Roch-
ester, der mich unten an der Treppe erwartete
und mir entgegenrief:
  «Ich vergehe vor Ungeduld, und du trödelst
so lange!»
  Er führte mich ins Speisezimmer, betrachtete
mich aufmerksam von oben bis unten; dann
sagte er: «Du bist schön wie eine Lilie, der Stolz
meines Lebens und die Freude meiner Augen.
Du hast zehn Minuten Zeit zum Frühstücken.»
  Er läutete und fragte den eintretenden Diener:
«Macht John den Wagen bereit?»

368
  «Ja, Sir.»
  «Ist das Gepäck unten?»
  «Man bringt es gerade herunter.»
  «Gehen Sie in die Kirche und schauen Sie nach,
ob Mr. Wood, der Pfarrer, bereit ist, und geben
Sie mir Bescheid.»
  Da die Kirche sehr nahe war, kehrte der Die-
ner rasch zurück.
  «Mr. Wood ist in der Sakristei und macht sich
fertig, Sir.»
  «Und der Wagen?»
  «Es wird gerade angespannt.»
  «Wir brauchen ihn jetzt nicht. Aber wenn wir
von der Kirche zurückkommen, muß er bereit-
stehen, das Gepäck aufgeschnallt und der Kut-
scher auf dem Bock sein.»
  «Ja, Sir.»
  «Bist du fertig, Jane?»
  Ich erhob mich. Niemand begleitete uns,
keine Brautjungfern, keine Freunde, keine Ver-
wandten. Wir waren ganz allein, Mr. Rochester
und ich, Mrs. Fairfax stand in der Halle, als wir
vorbeigingen, und ich hätte gern mit ihr ge-
sprochen; aber Mr. Rochester umklammerte
eisern meine Hand und zog mich so rasch mit
sich fort, daß ich kaum folgen konnte. In seiner
Miene konnte ich lesen, daß er um keinen Preis
auch nur eine Sekunde Aufschub dulden wollte.
Ob je ein Bräutigam so ausgesehen haben mag
wie er, so grimmig entschlossen?
  Ich weiß nicht, ob das Wetter schön oder
schlecht war; denn ich sah weder Himmel noch

369
Erde. Mein Herz und meine Augen waren einzig
auf Mr. Rochester konzentriert. Ich wollte die
unsichtbare Erscheinung sehen, auf die sein
starrer Blick gerichtet zu sein, die Gedanken
erkennen, gegen die er sich zu wehren und auf-
zulehnen schien.
  Beim Kirchhof bemerkte er, daß ich ganz
außer Atem war, und hielt inne. «Bin ich grau-
sam in meiner Liebe?» fragte er. «Lehne dich
an mich, Jane, und ruh einen Augenblick aus.»
  Noch sehe ich die alte, graue Kirche deutlich
vor mir. Ein Rabe umkreiste den Turm, über
dem sich der rötliche Morgenhimmel wölbte.
Deutlich erinnere ich mich an die grünen Grab-
hügel und die zwei fremden Gestalten, die auf
den bemoosten Steinen die Inschriften zu ent-
ziffern suchten. Sie fielen mir auf, weil sie sich
sofort hinter die Kirche zurückzogen, sobald sie
uns erblickten. Ich dachte, sie gingen wohl hin-
ein, um der Trauung beizuwohnen. Mr. Roch-
ester hatte sie nicht gesehen; denn er be-
trachtete besorgt mein blasses Gesicht. Meine
Stirn war feucht, meine Wangen und Lippen
eiskalt; aber ich erholte mich rasch wieder, und
dann führte er mich behutsam in die ruhige,
schlichte Kirche. Der Priester und sein Mini-
strant standen am Altar; alles war still, die zwei
Fremden betrachteten im Hintergrund, mit dem
Rücken gegen uns, die Familiengruft der Roch-
esters.
  Wir stellten uns am Altargitter auf. Ich hörte
einen leisen Schritt hinter mir und sah über die

370
Schulter den einen Fremden auf die Kanzel zu-
gehen. Der Gottesdienst begann. Nachdem der
Priester den Sinn der Ehe erklärt hatte, trat er
weiter vor und sprach: «Ich frage euch und er-
mahne euch beide, wahrheitsgemäß zu sagen,
ob einem von euch irgendein Ehehindernis be-
kannt ist. Bedenket, daß ihr am Tage des Jüng-
sten Gerichts Rechenschaft ablegen müßt, und
daß jede Ehe, die nicht in Gottes Wort geschlos-
sen wird, nicht von Gott zusammengefügt und
vor der Welt gesetzlos ist.»
  Er hielt inne, wie es Brauch ist – nur einen
Augenblick; denn die Stille dieser Pause wird
wohl kaum einmal in einem Jahrhundert von
einer Antwort gebrochen. Schon wollte er seine
Hand nach Mr. Rochester ausstrecken und fra-
gen: Willst du dieses Mädchen zur Frau neh-
men?, als eine klare Stimme ganz deutlich sagte:
  «Die Ehe kann nicht geschlossen werden, ich
mache ein Ehehindernis geltend.»
  Priester und Ministrant schauten den Spre-
chenden an und verstummten. Mr. Rochester
fuhr leicht zusammen, als hätte die Erde unter
seinen Füßen gebebt. Ohne sich umzuwenden,
sagte er einfach zum Priester:
  «Wollen Sie fortfahren.»
  Das tiefe Schweigen wurde durch den Geist-
lichen unterbrochen.
  «Ich kann erst weiterfahren, wenn festgestellt
ist, ob der Einspruch berechtigt ist oder nicht.»
  «Die Trauung muß abgebrochen werden», fuhr
die Stimme hinter uns fort, «ich kann meine Be-

371
hauptung beweisen. Es besteht ein unüberwind-
liches Hindernis.»
  Mr. Rochester hörte es, beachtete es aber
nicht. Reglos und steif stand er da und bewegte
sich nur, um meine Hand zu ergreifen. Wie heiß
und fest er sie umklammerte! Seine bleiche,
breite Stirn schien von Stein, seine Augen hatten
einen harten Glanz. Der Geistliche war be-
stürzt.
  «Was für ein Hindernis meinen Sie?» fragte er.
«Kann es nicht beseitigt, aufgeklärt werden?»
  «Kaum; ich habe es unüberwindlich genannt
und weiß, was ich sage.»
  Der Fremde trat noch näher und sprach ruhig
und gleichmäßig, nicht laut, aber jedes Wort
einzeln betonend:
  «Das Hindernis besteht einfach darin, daß
Mr. Rochester schon verheiratet ist und daß
seine Frau noch lebt.»
  Wie vom Donner gerührt, stand ich da; meine
Pulse flogen, mein Blut wurde durch diese halb-
lauten Worte so in Wallung gebracht, daß ich
nicht mehr wußte, ob mir heiß oder kalt war;
aber ich blieb gefaßt. Ich zwang Mr. Rochester,
mich anzusehen. Sein Gesicht war aschfahl, seine
Augen glänzten wie Stahl. Er stritt nichts ab und
schien der ganzen Welt Hohn zu sprechen.
Wortlos, ohne zu lächeln, und scheinbar, ohne
überhaupt ein menschliches Wesen in mir zu
sehen, legte er seinen Arm um mich und zog
mich an seine Seite.
  «Wer sind Sie?» fragte er den Eindringling.

372
  «Mein Name ist Briggs. Ich bin Anwalt in
London.»
  «Und Sie möchten mir gerne eine Frau an-
hängen?»
  «Ich wollte sie Ihnen nur in Erinnerung brin-
gen; denn das Gesetz anerkennt sie, auch wenn
Sie es nicht tun.»
  «Teilen Sie mir bitte Einzelheiten mit, ihren
Namen, ihren Wohnsitz, ihre Familie.»
  «Gern.»
  Mr. Briggs zog ein Blatt aus der Tasche und
las in amtlichem, näselndem Ton: «Ich erkläre
und kann beweisen, daß am 20. Oktober A. D.
(das Datum lag fünfzehn Jahre zurück) Edward
Fairfax Rochester, von Thornfield Hall und
Ferndean Manor, in England, mit meiner
Schwester Bertha Antoinetta Mason, Tochter
des Kaufmanns Jonas Mason und seiner Frau
Antoinetta, einer Kreolin, in Spanish Town,
Jamaica, getraut worden ist. Die Eintragung
kann im dortigen Kirchenbuch nachgeprüft
werden; eine Abschrift befindet sich in meinem
Besitz.  Gezeichnet Richard Mason.»
  «Wenn diese Urkunde echt ist, kann sie be-
weisen, daß ich einmal verheiratet war. Sie be-
weist aber nicht, daß die Frau, die als meine
Gattin bezeichnet wird, noch lebt.»
  «Vor drei Monaten lebte sie jedenfalls noch»,
erwiderte der Anwalt.
  «Wie können Sie das wissen?»
  «Ich habe einen Zeugen, dem wohl nicht ein-
mal Sie widersprechen können, Sir.»

373
  «Stellen Sie den Zeugen oder scheren Sie sich
zum Teufel.»
  «Erst will ich ihn vorstellen, er ist hier anwe-
send. Mr. Mason, wollen Sie bitte näher treten.»
  Als Mr. Rochester diesen Namen hörte,
knirschte er mit den Zähnen. Ein konvulsivi-
sches Zucken schüttelte ihn. Ich war so nahe
bei ihm, daß ich ihn vor Wut oder Verzweiflung
beben spürte. Der zweite Fremde, der sich bis
jetzt im Hintergrund gehalten hatte, schob sich
vor. Ein bleiches Gesicht blickte über die Schul-
ter des Anwalts. Ja, es war Mason. Mr. Roch-
ester drehte sich um und starrte ihn an. Seine
sonst schwarzen Augen bekamen einen wilden,
fast blutroten Glanz. Das Blut schoß ihm ins
Gesicht, rötete seine bleichen Wangen, seine
farblose Stirn. Er hob seine Faust, um Mason
niederzuschlagen. Aber der schrie auf und wich
zurück. Verachtung brachte Mr. Rochester wie-
der zu sich.
  «Was hast du zu sagen, du!?»
  Masons blutleere Lippen bewegten sich un-
hörbar.
  «Zum Teufel mit dir, wenn du nicht einmal
deutlich antworten kannst. Ich frage noch ein-
mal: Was hast du zu sagen?»
  «Sir, Sir!» unterbrach der Priester, «vergessen
Sie nicht, daß wir in einem Gotteshause sind.»
  Und zu Mason gewendet, sagte er ruhigeren
Tones: «Wissen Sie sicher, Sir, daß Mr. Roch-
esters Gattin noch lebt?»
  «Sie lebt gegenwärtig in Thornfield Hall», er-

374
klärte Mason, «dort sah ich sie im April. Ich bin
ihr Bruder.»
  «In Thornfield Hall?» entfuhr es dem Priester.
«Unmöglich! Ich lebe seit vielen Jahren ganz
in der Nähe, habe aber niemals von einer Mrs.
Rochester gehört.»
  Mr. Rochester verzog seinen Mund zu einem
grimmigen Lächeln und murmelte: «Sicher
nicht! Ich habe dafür gesorgt, daß niemand von
ihr erfuhr, zumindest nicht unter diesem Na-
men.» Dann versank er in Gedanken.
  Nach mehreren Minuten schien er einen Ent-
schluß gefaßt zu haben.
  «Gut, ich werde Ihnen allen die Wahrheit sagen.
Schließen Sie Ihr Buch und legen Sie Ihr Meß-
gewand ab», sagte er zu dem Priester, und dann
zu dem Ministranten: «Sie können gehen. Die
Hochzeit wird heute nicht stattfinden.»
  Nachdem der Mann gegangen war, fuhr Mr.
Rochester trotzig und rücksichtslos fort: «Biga-
mie ist ein häßliches Wort! Und doch hatte ich
die Absicht, in Doppelehe zu leben. Aber das
Schicksal hat es anders beschlossen. In diesem
Augenblick bin ich kaum besser als ein Teufel,
und» – zum Geistlichen – «Sie finden sicher, ich
verdiene Gottes strengstes Gericht, selbst die
ewige Verdammnis. Meine Herren, meine Pläne
sind durchkreuzt; was dieser Anwalt und sein
Klient sagen, ist wahr. Ich war verheiratet, und
die Frau lebt noch! Sie sagen, Sie hätten drüben
nie von einer Mrs. Rochester gehört; aber ganz
bestimmt sind Ihnen schon Gerüchte zu Ohren

375
gekommen über die geheimnisvolle Irre, die
dort unter Bewachung lebt. Einzelne sagen, sie
sei meine Halbschwester; andere, eine ehemali-
ge Maitresse. Jetzt teile ich Ihnen mit, daß sie
die Frau ist, die ich vor fünfzehn Jahren hei-
ratete. Sie heißt Bertha Mason und ist die Schwe-
ster dieses tapferen Herrn hier, der jetzt schlot-
ternd vor Ihnen steht. Keine Angst, Dick, ich tue
dir nichts! Eher würde ich eine Frau schlagen
als dich. Bertha Mason ist irrsinnig und stammt
aus einer erblich belasteten Familie, die seit drei
Generationen Idioten und Wahnsinnige hervor-
bringt! Ihre kreolische Mutter war nicht nur
wahnsinnig, sondern auch eine Trinkerin. Aber
das entdeckte ich erst, nachdem ich die Tochter
geheiratet hatte. Denn bis zur Hochzeit hatten
sie mir ihre Familiengeheimnisse verschwiegen.
Bertha schlug ihrer Mutter getreulich nach; sie
war eine ganz reizende Gefährtin – Sie können
sich vorstellen, wie glücklich ich war! Wenn Sie
nur wüßten, was für großartige Auftritte ich
erlebte, wie himmlisch meine Ehe mit ihr war!
Aber wozu weiter reden. Ich bitte Sie alle, mit
mir zu kommen und sich Mrs. Pooles Patientin
anzusehen, meine Frau! Sie sollen sehen, zu was
für einer Ehe man mich gezwungen hat, und
dann urteilen, ob ich ein Recht hatte, sie zu
brechen und eine neue mit einem menschlichen
Wesen einzugehen.»
  Er blickte mich an und fuhr fort: «Dieses
junge Mädchen kannte mein Geheimnis auch
nicht. Sie glaubte, alles sei schön und in Ord-

376
nung. Sie hat es sich niemals träumen lassen,
daß sie fast eine Scheinehe eingegangen wäre
mit einem Betrüger, der schon an eine bösartige,
wahnsinnige und vertierte Gefährtin gekettet
ist. Kommen Sie bitte alle mit!»
  Er hielt mich noch immer fest, als er die
Kirche verließ. Die drei Herren folgten nach.
Beim Hauptportal stand der Wagen.
  «Du kannst abspannen, John», sagte Mr. Roch-
ester kalt, «der Wagen wird heute nicht ge-
braucht.»
  Im Eingang kamen uns Mrs. Fairfax, Adèle,
Sophie und Leah entgegen, um uns zu beglück-
wünschen.
  «Verschwindet alle miteinander!» schrie ihr
Herr sie an, «fort mit euren Glückwünschen!
Kein Mensch will sie; sie kommen fünfzehn
Jahre zu spät!»
  Er ging an ihnen vorbei die Treppe hinauf,
hielt mich noch immer bei der Hand und for-
derte die Herren von neuem auf, ihm zu folgen.
Im dritten Stock öffnete er die niedere, schwarze
Türe mit seinem Hauptschlüssel und ließ uns
in den mit Wandteppichen ausgekleideten
Raum ein. «Du kennst dieses Zimmer, Mason,
hier hat sie dich angefallen und gebissen.»
  Er hob die Teppiche hoch, hinter denen eine
zweite Türe sichtbar wurde, die er ebenfalls
öffnete. Am Kamin dieses fensterlosen Gema-
ches brannte ein Feuer, von einem hohen Gitter
umgeben; eine Lampe hing an einer Kette von
der Decke herab. Grace Poole war über das

377
Feuer gebeugt und offensichtlich dabei, etwas
zu kochen. In der dunkelsten Ecke des Raumes
bewegte sich ein Wesen, von dem man auf den
ersten Blick nicht hätte sagen können, ob es ein
Mensch sei oder ein Tier. Es schien auf allen
vieren zu kriechen, es schnappte und knurrte
wie ein wildes Tier; aber es war richtig beklei-
det, und schwarzes, leicht angegrautes Haar
fiel ihm wie eine Mähne über Kopf und Gesicht.
  «Guten Morgen, Mrs. Poole», sagte Mr. Roch-
ester, «wie geht es Ihnen? Was macht Ihre
Schutzbefohlene heute?»
  «Es geht uns ordentlich, danke, Sir, ein bißchen
erregt, aber nicht wild.»
  Ein gellender Schrei strafte diesen guten Be-
richt Lügen. Das hyänenartige Wesen stellte sich
auf die Hinterbeine.
  «O Sir, sie erkennt Sie!» schrie Grace, «es ist
besser, Sie gehen.»
  «Nur ein paar Augenblicke, Grace, die müssen
Sie mir gestatten!»
  «Dann passen Sie aber auf, Sir. Um Gottes
willen, passen Sie auf!»
  Die Wahnsinnige brüllte auf. Sie strich ihre
zerzausten Locken aus dem Gesicht und starrte
die Besucher wild an. Ich erkannte das puterrote
Gesicht, die aufgedunsenen Züge. Mrs. Poole
trat vor.
  «Gehen Sie aus dem Weg», sagte Mr. Rochester
und schob sie beiseite, «sie hat doch kein Messer
jetzt, oder doch? Aber ich bin schon auf der
Hut.»

378
  «Man weiß nie, was sie hat, sie ist so verschla-
gen, daß man sie nicht durchschauen kann.»
  «Es wäre besser, wir gingen», flüsterte Mason.
  «Geh zum Teufel», fuhr ihn sein Schwager an.
  «Achtung!» schrie Grace. Die drei Herren
wichen zurück. Mr. Rochester deckte mich mit
dem Rücken. Die Irrsinnige sprang ihn an, um-
klammerte seine Kehle und schlug ihm die
Zähne ins Gesicht. Sie kämpften miteinander.
Sie war fast so groß wie er, dazu ziemlich dick
und fast gleich stark. Er hätte sie zu Boden
schlagen können, aber er wollte sie nur nieder-
ringen. Schließlich konnte er ihre Arme fassen;
Grace Poole gab ihm einen Strick, mit dem er
sie an einen Stuhl fesselte. Sie schrie dabei und
schlug um sich. Dann wandte sich Mr. Rochester
mit einem bitteren und verzweifelten Lächeln
an seine Zuschauer.
  «Das ist meine Frau», sagte er, «so sieht die ein-
zige Umarmung aus, die ich je erleben darf, das
sind die Liebkosungen, die mich in meinen
Mußestunden erwarten.» Er legte seine Hand
auf meine Schulter: «Dieses junge Mädchen
wollte ich zur Frau. Sie steht so ruhig und ernst
vor den teuflischen Spielen dieses Dämons. Er-
kennt ihr den Unterschied, ihr Herren? Ver-
gleicht diese klaren Augen mit jenen roten Ku-
geln, hier ein menschliches Gesicht, dort eine
Fratze. Vergleicht, und dann richtet: Diener
Gottes und Diener des Gesetzes! Jetzt aber hin-
aus mit euch. Ich muß meinen kostbaren Besitz
wieder einschließen.»

379
  Wir zogen uns alle zurück, Mr. Rochester
blieb noch einen Augenblick, um mit Grace
Poole die nötigen Anordnungen zu treffen. Als
wir die Treppe hinuntergingen, wendete sich
der Anwalt an mich.
  «Sie sind jedenfalls völlig unschuldig, Madam.
Ihr Onkel wird sich darüber freuen, falls er noch
am Leben sein sollte, wenn Mr. Mason nach
Madeira zurückkehrt.»
  «Mein Onkel? Kennen Sie ihn?»
  «Mr. Mason kennt ihn; sie haben in der glei-
chen Firma gearbeitet. Mr. Eyre erwähnte ihm
gegenüber Ihre bevorstehende Heirat; Mr. Ma-
son war höchst bestürzt und deckte den Sach-
verhalt auf. Ihr Onkel war schon zu krank, um
selbst nach England zu kommen, und bat Mr.
Mason, an seiner Stelle mit mir gemeinsam
möglichst schnell die nötigen Schritte zu unter-
nehmen. Ich bin froh, daß wir nicht zu spät
kamen, und Sie sicher auch. Haben wir hier
noch irgend etwas zu tun, Mr. Mason?»
  «Nein, nein – nur fort!» Und ohne sich von
Mr. Rochester zu verabschieden, verschwanden
sie durch die Halle. Der Priester richtete noch
ein paar vorwurfsvolle oder ermahnende Worte
an Mr. Rochester und verabschiedete sich dann
mit dem Gefühl, seine Pflicht getan zu haben.
  Ich zog mich in mein Zimmer zurück und
verriegelte die Türe. Ich weinte und klagte
nicht; ich war wie gelähmt. Mechanisch legte
ich meinen Hochzeitsstaat ab und schlüpfte
wieder in das alte Kleid, das ich nie mehr hatte

380
anziehen wollen. Dann setzte ich mich müde
und erschöpft an den Tisch und ließ den Kopf
auf die Arme sinken. Ich begann nachzudenken.
Bisher hatte ich mich nur treiben lassen, willen-
los zugehört und zugesehen, wie die Ereignisse
sich überstürzten; aber jetzt fing ich an, nach-
zudenken.
  Außer der kurzen Szene mit der Irren hatte
sich alles in gedämpftem Ton abgespielt, ohne
leidenschaftliche Ausbrüche, ohne lauten Wort-
wechsel, ohne Tränen. Nur wenig Worte waren
gesprochen worden: ein kühl vorgebrachter
Einspruch gegen die Heirat; ein paar scharfe,
knappe Fragen von Mr. Rochester; Erklärun-
gen, Beweise; das offene Eingeständnis meines
Herrn; der Augenschein. Die Ruhestörer waren
fort, alles war vorüber.
  Ich war in meinem Zimmer wie sonst auch.
Nichts schien verändert. Und doch, wo war die
Jane von gestern? Wo waren ihre Hoffnungen
geblieben?
  Jane Eyre war wieder so einsam wie zuvor.
All meine Hoffnungen waren vernichtet. Die
Liebe, die mein Herr in mir geweckt hatte, war
heimatlos geworden. Mein Glaube an ihn war
erschüttert. Wenn er mich auch nicht verraten
hatte, war doch mein blindes Vertrauen dahin.
Ich wußte genau, daß ich von ihm fort mußte;
aber wie, wann und wohin konnte ich noch nicht
sagen. Seine Liebe war gewiß nicht echt gewe-
sen, sondern nur zufällige, vorübergehende Lei-
denschaft. Weil sie nun nicht erfüllt werden

381
konnte, mußte er mich von Thornfield weg-
wünschen. Fast fürchtete ich mich, ihm zu be-
gegnen. Wie blind und dumm war ich ge-
wesen!
  Ein Meer von Dunkelheit umgab mich; ich
hatte nicht mehr die Kraft, zu kämpfen, und
wünschte den Tod herbei. In dieser bitteren
Stunde versank ich in der hoffnungslosen Er-
kenntnis, daß ich Glaube und Liebe verloren
hatte, daß mein Leben zerstört war.

27

Irgendwann, im Laufe des Nachmittags, hob


ich den Kopf und sah den Widerschein der sin-
kenden Sonne die Wand vergolden. Was soll ich
tun? fragte ich mich ein ums andere Mal. Doch
die Antwort aus meinem Inneren war so prompt,
so entsetzlich, daß ich mir die Ohren zuhielt,
um sie nicht zu hören. Daß ich nicht Edward
Rochesters Braut bin, ist das wenigste, dachte
ich. Daß ich aus den wunderschönen Träumen
erwacht bin und alles leer und trostlos geworden
ist, das könnte ich noch ertragen; aber daß ich
ihn verlassen muß, sofort, endgültig und für
immer, das ist unerträglich. Ich kann es nicht.
Aber eine innere Stimme sagte mir, ich könne
und werde es tun. Ich rang mit meinem Ent-
schluß; ich hätte schwach werden und dem har-
ten Weg ausweichen mögen; doch mein Gewis-
sen überwältigte mein Gefühl: Du mußt dich

382
losreißen; niemand hilft dir; ganz allein mußt
du das Opfer deines Herzens bringen.
  Entsetzt vor so grenzenloser Verlassenheit
sprang ich auf; mir schwindelte; ich fürchtete,
ohnmächtig zu werden; ich war erschöpft von
den Aufregungen des Tages, und die Tatsache,
daß ich noch keinen Bissen zu mir genommen
hatte, vertiefte noch mein Schwächegefühl. Mit
seltsamer Bangigkeit wurde mir klar, daß, so-
lange ich auch schon in meinem Zimmer ein-
geschlossen war, keine Botschaft von draußen
zu mir gedrungen war; nicht einmal die kleine
Adèle hatte an meine Türe geklopft; nicht ein-
mal Mrs. Fairfax hatte mich aufgesucht.
  So verlassen einen die besten Freunde in der
Not, dachte ich bitter, während ich den Riegel
zurückschob und die Türe öffnete. Ich stolperte
über ein Hindernis; mein Kopf war noch be-
nommen, mein Blick getrübt, meine Glieder wie
zerschlagen. Ich fiel; aber nicht zu Boden, son-
dern ein ausgestreckter Arm fing mich auf: es
war Mr. Rochester, der seinen Stuhl quer vor
meine Türe gestellt hatte.
  «Bist du endlich herausgekommen?» sagte er
besorgt. «Lang genug habe ich gewartet, aber
keinen Laut habe ich vernommen, kein Schluch-
zen; noch fünf Minuten dieser Grabesstille, und
ich hätte die Türe eingeschlagen. So weichst du
mir aus? Du schließest dich ein und willst allein
sein mit deinem Kummer! Wärst du doch lieber
gekommen und hättest mich mit Vorwürfen
überhäuft. Du bist leidenschaftlich; ich war auf

383
Tränen gefaßt, aber sie sollten an meiner Brust
vergossen werden. Aber nein, du hast überhaupt
nicht geweint! Deine Wangen sind blaß, deine
Augen matt, aber keine Spur von Tränen. Jane!
Jane! Kein Wort des Vorwurfs? Keine Ver-
zweiflung? Du bleibst ruhig sitzen und siehst
mich mit müden, leidenden Augen an. O Jane,
ich wollte dich doch nicht so tief verletzen!
Wirst du mir jemals verzeihen?»
  Ach, ich vergab ihm auf der Stelle. Aus sei-
nem Blick sprach so tiefe Reue, aus seiner Stimme
so aufrichtiges Mitleid, aus seinem ganzen We-
sen so viel Festigkeit und unverändert tiefe
Liebe, daß ich alles auf der Stelle verzieh, aber
nicht in Worten, sondern nur in meinem inner-
sten Herzen.
  «Du weißt, daß ich ein Lump bin, Jane?»
fragte er bedrückt und wahrscheinlich erschreckt
über mein Schweigen und meine beängstigende
Ruhe, die mehr meiner körperlichen Schwäche
als meinem Willen zuzuschreiben war.
  «Ja.»
  «Dann sage es rund heraus, erspare mir nichts.»
  «Ich kann nicht, ich bin müde und krank. Ich
möchte etwas Wasser.»
  Er seufzte tief auf; dann nahm er mich in seine
Arme und trug mich hinunter. Ich wußte erst
nicht, wohin er mich trug, so verwirrt war mein
Geist; doch bald spürte ich die belebende Wärme
des Feuers, denn ich war in meinem Zimmer,
trotz dem Sommer, wie zu Eis erstarrt. Er flößte
mir etwas Wein ein. Ich fühlte mich neu belebt.

384
Als ich etwas gegessen hatte, kehrten auch meine
Kräfte zurück. Ich saß in der Bibliothek, in sei-
nem Sessel, er war mir ganz nahe.
  Könnte ich doch jetzt aus dem Leben gehen,
ohne noch mehr zu leiden, ohne mein Herz ge-
waltsam von seinem reißen zu müssen. Ach, ich
muß ihn ja verlassen, und ich möchte doch nicht
von ihm gehen, ich kann nicht! schrie es in mir.
  «Wie fühlst du dich, Jane?»
  «Viel besser; bald wird alles wieder gut sein.»
  «Nimm noch einen Schluck Wein, Jane!»
  Ich gehorchte; dann stellte er das Glas auf
den Tisch, stand vor mir und betrachtete mich
aufmerksam. Plötzlich wandte er sich mit einem
unterdrückten, leidenschaftlichen Ausruf ab und
durchmaß das Zimmer in sichtlicher Erregung;
er machte kehrt, beugte sich über mich, als
wolle er mich küssen. Doch mir fiel ein, daß
Zärtlichkeiten jetzt verboten seien; ich wandte
das Gesicht ab und stieß ihn zurück.
  «Was! wie kannst du?» rief er hastig aus.
  «Für mich ist kein Platz mehr bei Ihnen, und
ich habe kein Anrecht mehr darauf, Sir.»
  «Warum, Jane? Ich erspare dir die Antwort
und gebe sie selber: weil ich schon verheiratet
bin, meinst du? Habe ich recht?»
  «Ja.»
  «Du hältst mich wohl für einen durchtriebenen
Lüstling, der dich vorsätzlich in die Schlinge
gelockt hat, um dich deiner Unschuld und
Selbstachtung zu berauben? Was hast du darauf
zu erwidern? Nichts, nicht wahr? Erstens bist

385
du so erschöpft, daß du kaum atmen kannst;
zweitens kannst du dich noch nicht daran ge-
wöhnen, mich anzuklagen und zu beschimpfen;
und schließlich sind dir die Tränen sehr nahe,
so nahe, daß sie beim ersten Wort hervorbrechen
würden; und du willst auch gar nicht anklagen
oder eine Szene machen; du denkst nur daran,
wie du jetzt handeln sollst: reden erscheint dir
sinnlos. Ich kenne dich: ich bin auf der Hut.»
  «Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas ge-
gen Sie zu unternehmen, Sir»; meine Stimme
war unsicher; ich wagte nicht, weiterzusprechen.
  «Dennoch drohst du, mich zu vernichten;
nicht in deinem Sinn, aber in meinem. Du hast
festgestellt, daß ich verheiratet bin; und einen
verheirateten Mann willst du meiden, ja fliehen;
eben hast du dich geweigert, mich zu küssen.
Du willst dich mir vollkommen entfremden, nur
als Adèles Erzieherin unter meinem Dache wei-
len; wenn ich je wieder ein freundliches Wort
an dich richte oder wenn je ein gutes Gefühl für
mich in dir aufsteigt, gleich würdest du wieder
sagen: dieser Mann hätte mich beinahe zu seiner
Mätresse gemacht, ich muß ihm gegenüber von
Eis und Stein sein – und so wirst du zu Eis wer-
den.»
  Ich versuchte, meiner Stimme etwas Festig-
keit zu geben, um ihm antworten zu können.
«Es hat sich alles so verändert um mich her, Sir –
ich muß mich eben auch ändern –, das läßt sich
nicht vermeiden. Und um dem Auf und Ab der
Gefühle, dem Ansturm der Erinnerungen zu

386
entrinnen, gibt es nur einen Ausweg: Adèle muß
eine neue Erzieherin bekommen, Sir,»
  «Ach, Adèle kommt zur Schule, das ist bereits
abgemacht. Und ich beabsichtige auch nicht,
dich mit den entsetzlichen Erinnerungen von
Thornfield Hall, diesem gottverfluchten Ort,
zu belasten. Nein, Jane, du sollst nicht hier-
bleiben, genauso wenig wie ich. Ich hätte dich
nie nach Thornfield Hall bringen dürfen, da ich
doch nur zu gut wußte, welch böse Geister in
ihm umgehen. Als ich, noch bevor ich dich
überhaupt kannte, allen Leuten befahl, den
Fluch dieses Hauses sorgsam vor dir geheimzu-
halten, geschah es, weil ich fürchtete, niemals
eine Erzieherin für Adèle zu finden, die gewillt
wäre, mit einer Irrsinnigen unter einem Dach
zu leben. Und ich konnte die Verrückte nicht
in meinem anderen Landhaus, Ferndean Manor,
unterbringen, wie ich sicherheitshalber gerne
gewollt hätte, weil es dort sumpfig und unge-
sund ist. Vermutlich hätten mich die feuchten
Mauern bald von dieser schweren Last befreit;
aber ich konnte es mit meinem Gewissen nicht
vereinbaren. Dir das Vorhandensein dieser Irr-
sinnigen zu verbergen, war allerdings nicht viel
klüger, als etwa ein Kind mit einem Mantel zu-
gedeckt unter einem Giftbaum schlafen zu legen;
die Luft um diese Teufelin mußte ja verpestet
werden. Aber ich werde Thornfield Hall schlie-
ßen; ich werde das Portal und die unteren Fen-
ster zunageln lassen; Grace Poole soll zweihun-
dert Pfund im Jahr bekommen, um hier zu leben

387
mit ‹meiner Frau›, wie du dieses Hexenweib
nennst; für Geld wird Grace alles tun; ihr Sohn
soll zu ihr ziehen, damit sie jemand bei sich hat,
wenn der böse Geist dieses Weib wieder einmal
zu einem Verbrechen treibt.»
  «Sir», unterbrach ich ihn, «Sie sprechen so haß-
erfüllt über die Arme; das ist grausam; sie kann
doch nichts für ihren Wahnsinn.»
  «Jane, mein kleiner Liebling (so will ich dich
nennen, denn das bist du) – du weißt nicht,
wovon du sprichst; nicht, weil sie irrsinnig ist,
hasse ich sie. Glaubst du, ich könnte dich hassen,
wenn du von Sinnen wärest?»
  «Ja, das glaube ich allerdings.»
  «Dann irrst du dich vollkommen und weißt
nichts von mir und von der Liebe, die ich zu
geben vermag. Jede Faser deines Leibes ist mir
wertvoll, als sei es mein eigener, und ich würde
ihn noch in Krankheit und Verstümmelung
lieben. Dein Geist ist mein größter Schatz, und
wäre er gebrochen, würde er nicht aufhören,
mir teuer zu sein; niemand dürfte dich betreuen
außer mir, selbst wenn du kein Lächeln, keinen
erkennenden Blick mehr für mich hättest. Aber
wozu derartige Gedanken spinnen? Ich sprach
davon, dich von Thornfield wegzubringen. Es
ist ja alles zu deiner Abreise bereit; morgen wirst
du verreisen. Ich flehe dich an, nur noch eine
Nacht unter diesem Dache zu ertragen, Jane.
Und dann verlassest du sein Grauen und seine
Geheimnisse für immer. Ich weiß einen Ort, wo
wir geborgen und vor allen gräßlichen Erinne-

388
rungen geschützt sein werden, fern von aller
Falschheit und Verleumdung.»
  «Und nehmen Sie Adèle mit, Sir», unterbrach
ich ihn, «sie wird Ihnen Gesellschaft leisten.»
  «Was soll das heißen, Jane? Ich sagte dir doch,
daß ich Adèle zur Schule schicken werde; was
soll mir ein Kind zur Gesellschaft? Das nicht
einmal mein eigenes ist! Warum schiebst du im-
mer wieder das Kind vor? Sprich, warum sagst
du, Adèle solle mir Gesellschaft leisten?»
  «Sie sprachen davon, sich zurückzuziehen, Sir;
und Einsamkeit ist schwer zu ertragen; für Sie
jedenfalls.»
  «Einsamkeit! Einsamkeit!» wiederholte er,
sichtlich gereizt. «Ich sehe, ich muß deutlicher
werden. Hast du nicht begriffen, daß du die
Einsamkeit mit mir teilen sollst?»
  Ich schüttelte den Kopf; es brauchte viel Mut
dazu, erregt, wie er war. Mitten in seinem
raschen Hin- und Herrennen blieb er wie an-
gewurzelt stehen. Er sah mich lange starr an;
ich senkte den Blick und versuchte, mir eine
ruhige, gesammelte Haltung zu geben.
  «Aha, das also ist Jane! Ich wußte ja, daß nicht
alles so glatt gehen würde. Da haben wir’s.
Nichts als Unruhe und Verwirrung. Ich wollte,
ich wäre Simson und könnte das ganze Netz mit
einem Mal zerreißen.»
  Er nahm seine rastlose Wanderung wieder
auf, machte aber gleich drauf wieder Halt.
  «Jane, willst du Vernunft annehmen?» er
bückte sich und sprach mir fast ins Ohr. «Denn

289
sonst, Jane – sonst gebrauche ich Gewalt.» Seine
Stimme klang heiser, als beherrsche er sich nur
noch mit äußerster Mühe; ich spürte, wie sich
seine Erregung und sein Zorn steigerten und
bald nicht mehr einzudämmen sein würden.
Die Krise war gefährlich; ein Fluchtversuch,
eine Zurechtweisung oder auch nur ein Anzei-
chen der Furcht meinerseits konnte zum Ver-
hängnis werden. Aber ich hatte keine Angst.
Mir war zumut wie einem Indianer, der in sei-
nem Kanoe über die Stromschnellen dahin-
schießt; ich fühlte in mir die Kraft, die Gefahr
zu besiegen. Sachte ergriff ich seine geballte
Faust und löste die verkrampften Finger, wäh-
rend ich besänftigend auf ihn einsprach.
  «Setzen Sie sich doch; ich werde Sie anhören,
solange Sie wollen und was immer Sie mir zu
sagen haben.»
  Er setzte sich; doch konnte er nicht sogleich
zu sprechen anfangen; meine lange und müh-
sam zurückgedrängten Tränen brachen nun un-
aufhaltsam hervor, und ich hielt es für gut,
ihnen endlich freien Lauf zu lassen. Es konnte
nichts schaden, wenn ihm mein Weinen peinlich
war.
  Nach wenigen Augenblicken schon bat er
mich inständig, mich doch zusammenzunehmen.
Ich schluchzte, das sei mir unmöglich, solange
er so zornig sei. «Ich bin ja gar nicht zornig,
Jane. Ich liebe dich nur zu sehr, und du hattest
dein blasses Gesichtchen mit einem so eisigen
Blick gewappnet, daß ich es nicht mehr er-

390
tragen konnte. Sei nun still und trockne deine
Tränen.»
  Seinem sanfteren Ton war anzuhören, daß er
überwältigt war, und das beruhigte mich. Nun
versuchte er, seinen Kopf an meine Schulter zu
legen, doch ich ließ es nicht zu; auch als er mich
dann an sich ziehen wollte, entzog ich mich ihm.
  «Jane, Jane!» flehte er in so unendlich trauri-
gem Ton, daß es mir durch und durch ging.
«Dann liebst du mich also nicht? Hat dich nur
mein Stand und die Aussicht, meine Frau zu
werden, bestochen? Jetzt, da du mich nicht mehr
für geeignet hältst, dein Gatte zu werden, weichst
du vor meiner Berührung zurück, als sei ich ein
unreines Tier!?»
  Wie schnitten mir diese Worte in die Seele!
Aber was sollte ich tun oder sagen? Am besten
wohl gar nichts. Aber es quälte mich entsetzlich,
ihn so tief verletzt zu haben, daß es mich drängte,
auch wieder Balsam in die von mir geschlagenen
Wunden zu gießen.
  «Doch, ich liebe Sie. Mehr denn je; aber ich
darf dem Gefühl nicht nachgeben, und dies soll
das letzte Mal sein, daß ich es ausspreche.»
  «Das letzte Mal, Jane? Wie? Meinst du, du
könnest mit mir leben, mich täglich sehen und
doch, obwohl du mich liebst, kalt und abweisend
sein?»
  «Nein, Sir, ich weiß, daß ich das nicht könnte,
und darum sehe ich nur einen Ausweg; aber Sie
werden ja so maßlos böse, wenn ich davon
spreche.»

391
  «Ach, sprich nur davon! Wenn ich rase, kannst
du ja deine Tränen spielen lassen.»
  «Mr. Rochester: ich muß Sie verlassen.»
  «Für wie lange, Jane? für ein paar Minuten,
um dein Haar in Ordnung zu bringen und dein
erhitztes Gesicht zu erfrischen?»
  «Ich muß Adèle und Thornfield verlassen. Ich
muß mich für immer von Ihnen trennen; ich
muß mir ein neues Leben unter fremden Men-
schen und in fremder Umgebung aufbauen.»
  «Selbstverständlich, das sagte ich dir ja schon.
Den Unsinn von einer Trennung will ich nicht
gehört haben. Unzertrennlich von mir willst du
werden. Und das neue Leben, das stimmt. Du
sollst dennoch meine Frau werden: ich bin nicht
verheiratet. Du sollst Mrs. Rochester sein – dem
Namen und der Tat nach. Dir allein werde ich
angehören, solange ich lebe. Du wirst auf ein
Gut gehen, das ich in Südfrankreich besitze, eine
weiße Villa am Meer. Dort wirst du glücklich
und sicher leben. Fürchte nicht, daß ich dich
täusche, ich werde dich nicht zu meiner Gelieb-
ten machen. Warum schüttelst du den Kopf?
Jane – sei vernünftig, oder ich werde rasend.»
  Stimme und Hand zitterten ihm; seine Augen
sprühten; dennoch wagte ich zu sprechen.
  «Sir, Ihre Frau lebt noch; das haben Sie heute
früh selbst zugegeben; wollte ich mit Ihnen le-
ben, wie Sie sagen, so wäre ich Ihre Geliebte;
es hat keinen Sinn, sich selbst zu betrügen.»
  «Jane, ich bin nicht sanftmütig; vergiß das
nicht! Meine Geduld ist am Ende. Fühle einmal

392
meinen Puls, fühle, wie er rast! Nimm dich in
acht.»
  Seine furchtbare Erregung war nicht zu ver-
kennen: ich wußte nicht mehr aus noch ein und
flehte den Himmel um Hilfe an.
  «Narr, der ich bin!» brach Mr. Rochester
plötzlich aus. «Da rede ich und rede und be-
haupte, ich sei nicht verheiratet, und erkläre dir
nicht, wieso. Ich vergesse, daß du ja nichts weißt,
weder von diesem Weibe noch von den Um-
ständen, die meine verhaßte Verbindung mit
ihr begleitet haben. Oh, Jane! wenn du alles
weißt, wirst du begreifen und mir beipflichten.
Leg doch nur deine Hand in meine, daß ich dich
nahe fühle; dann will ich dir in großen Zügen
den Sachverhalt erklären. Kannst du mir zu-
hören?»
  «Solange Sie wollen, Sir.»
  «Nur wenige Minuten. Jane, hast du jemals
sagen hören, daß ich nicht der älteste Sohn des
Hauses war, sondern daß ich einen älteren Bru-
der hatte?»
  «Mrs. Fairfax sprach einmal davon.»
  «Und hast du auch erfahren, daß mein Vater
ein geiziger, habgieriger Mann war?»
  «Etwas Ähnliches habe ich allerdings sagen
hören.»
  «Ja, und so wollte er den ganzen Besitz bei-
sammenhalten; er konnte sich nicht mit dem
Gedanken abfinden, mir den mir zukommenden
Teil zu geben. Es sollte alles an seinen ältesten
Sohn gehen. Aber andererseits konnte er auch

393
nicht zulassen, daß einer seiner Söhne als armer
Mann dastehe; dem mußte durch eine reiche
Heirat abgeholfen werden. Er suchte mir bei-
zeiten die reiche Erbin. Mr. Mason, der große
Plantagen in Westindien hatte, war ein alter Be-
kannter von ihm; mein Vater wußte, daß er sehr
reich sei; er zog Erkundigungen ein und erfuhr,
daß Mr. Mason einen Sohn und eine Tochter
habe, und daß er dieser eine große Mitgift zu
geben beabsichtigte. Das genügte. Ich wurde
vom College weg nach Jamaica geschickt, wo
die vorbestimmte Braut bereits meiner harrte.
Zwar erwähnte mein Vater das Geld mit keiner
Silbe. Um so mehr rühmte er die Schönheit des
jungen Mädchens, und das war keine Erfindung:
sie war groß, dunkel, majestätisch; eine schöne
Frau; in der Art wie Blanche Ingram. Ihre Fa-
milie legte Wert auf unsere Verbindung, weil
ich von guter Herkunft war. In großen Gesell-
schaften pflegte man die Tochter in herrlichen
Toiletten zur Schau zu stellen; aber ich bekam
sie selten allein zu sehen oder gar zu sprechen.
Alle Männer beneideten mich; sie ließ ihre
Reize spielen, so daß ich unerfahrener junger
Mensch bald von ihr bezaubert war und wirk-
lich glaubte, sie zu lieben. Ehe ich es mich ver-
sah, war die Vermählung zur Tatsache gewor-
den. Oh, wenn ich daran denke, übermannt
mich Scham und Zorn. Ich liebte sie ja nie; ich
hatte keinerlei Achtung vor ihr, ich kannte sie
ja gar nicht. Und doch heiratete ich sie in meiner
unsinnigen Verblendung!

394
  Die Mutter meiner Braut hatte ich nie zu Ge-
sicht bekommen; ich glaubte, sie sei gestorben.
Aber nach den Flitterwochen wurde mir die
Wahrheit bekannt: sie war nicht tot, sondern
irrsinnig und in einer Anstalt untergebracht.
Auch ein jüngerer Bruder war da, ein vollkom-
mener Idiot. Der Ältere, den du hier gesehen
hast, wird wohl eines Tages das gleiche Ende
nehmen. Mein Vater und mein Bruder hatten
das alles gewußt; aber sie dachten nur an das
viele Geld und besiegelten damit mein Schicksal.
  Furchtbare Entdeckungen waren das! Und
doch, wenn es nicht wegen des gemeinen Ver-
rats gewesen wäre, ich hätte es meiner Frau
verziehen. Selbst als ich merkte, wie hoffnungs-
los fremd wir einander waren und bleiben muß-
ten; wie niedrig und gemein ihre Gesinnung
war; wie unmöglich die einfachste freundliche
Unterhaltung war; wie undenkbar ein ruhiges,
friedliches Zusammenleben mit ihr sein würde.
Sie war so gehässig und zanksüchtig, so böse und
dumm, daß es auch kein Dienstbote bei uns
auszuhalten vermochte. Und doch nahm ich
mich zusammen, versuchte, meine Abneigung
zu unterdrücken und meine Reue zu verbergen.
  Ach, Jane, ich will dir die schrecklichen Ein-
zelheiten ersparen. Vier Jahre habe ich mit dem
Weib da droben zugebracht, und Gott weiß,
wie schwer sie es mir machte; ihre Laster wuch-
sen ins Unermeßliche, ihre Bosheit und Ver-
schlagenheit machten rasche Fortschritte. Man
hätte sie nur mit Grausamkeit zähmen können,

395
und ich brachte es nicht über mich, grausam zu
sein. Inzwischen war mein Bruder gestorben;
und am Ende der furchtbaren vier Jahre starb
auch mein Vater. Nun war ich reich genug –
und doch der Ärmste der Armen: gefesselt an
die niedrigste, gemeinste Kreatur, die mir je-
mals begegnet ist, die jedoch Gesetz und Gesell-
schaft als unlöslich mit mir verbunden erachte-
ten. Ich konnte mich auf keine Art von ihr los-
machen, und nun entdeckten die Ärzte noch gar,
daß sie tatsächlich irrsinnig sei … Ach, Jane, ich
sehe es dir an, wie peinlich dir meine Erzählung
ist: du siehst ganz krank aus; soll ich den Schluß
auf ein andermal verschieben?»
  «Nein, Sir; fahren Sie fort: Sie tun mir leid –
so schrecklich leid!»
  «Dein Mitleid tut mir wohl, Jane; denn ich
sehe, dein Herz leidet wahrhaft mit dem meinen.»
  «Erzählen Sie weiter, Sir: was taten Sie, als
Sie erfuhren, daß sie wahnsinnig sei?»
  «Jane – meine Verzweiflung kannte keine
Grenzen; nur ein letzter Rest von Selbstachtung
bewahrte mich vor dem Schlimmsten. In den
Augen der Welt war ich entehrt. Aber ich wollte
wenigstens vor mir selber rein dastehen. Ich
wollte mich von ihr und ihren Untaten lossagen;
aber die Gesellschaft machte keinen Unter-
schied zwischen ihr und mir; noch mußte ich
sie täglich um mich haben, die gleiche Luft mit
ihr atmen und daran erinnert werden, daß dies
einst meine Gattin gewesen war. Und dabei
wußte ich, daß ich, so lange sie lebte, nicht mehr

396
würde heiraten können, kein reineres Glück
finden würde. Obwohl sie fünf Jahre älter war
als ich (selbst darüber hatten mich mein Vater
und ihre Familie getäuscht), würde sie wohl so
lange leben wie ich; denn ihr Körper war so
stark und gesund, wie ihr Geist krank war. Und
so war ich denn als kaum Sechsundzwanzig-
jähriger ein Mann ohne jegliche Hoffnung.
  Eines Nachts wurde ich durch ihr furchtbares
Schreien geweckt; seit die Ärzte sie für krank
erklärt hatten, hatte man sie abgesondert. Es
war eine glühend heiße Tropennacht; ich öff-
nete mein Fenster, Schwärme von Stechmücken
strömten herein; das Meer tobte, der Sturm
brauste; doch all das wurde übertönt von den
grauenhaften Schreien der Irrsinnigen. Immer
wieder kam mein Name in ihren Verwünschun-
gen vor; Schmutz und Haß ihrer Ausdrücke
waren unvorstellbar. Zwei Zimmer lagen zwi-
schen uns, dennoch hörte ich jedes Wort: In
Westindien sind die Wände nur dünn. ‹Dieses
Leben ist eine Hölle!› schrie ich in höchster Ver-
zweiflung. ‹So schreien die Verdammten im Ab-
grund! Ich habe doch das Recht, mich davon
zu befreien, wenn ich es vermag. Kann ich nicht
mit meinem Leib alles Leiden von mir werfen
und meine Seele befreien? Vor der ewigen Ver-
dammnis fürchte ich mich nicht – schlimmer als
diese Gegenwart kann keine noch so dunkle Zu-
kunft sein. Ich mache ein Ende!› sagte ich,
während ich niederkniete, um aus einer Truhe
meine geladene Waffe zu holen. Die Krise dau-

397
erte nur einen Augenblick, dann gewann mein
gesunder Geist wieder die Oberhand über mei-
nen Willen zur Selbstvernichtung.»
  Zum offenen Fenster strömte ein frischer
Windhauch herein, der Sturm war gebrochen,
und mich umwehten linde Lüfte, die von Europa
herkommen mochten. Im gleichen Augenblick
war mein Entschluß gefaßt, und neue Hoffnung
lebte in mir auf. Ich wollte zurückkehren nach
Europa. Dort kannte niemand meine Schmach.
Ich konnte die Irrsinnige mit nach Thornfield
nehmen und dort in guter Obhut zurücklassen,
während mir selbst die Welt wieder offen stünde.
Ich hatte genug gelitten unter diesem Weib; sie
hatte meinen Ruf zerstört, meine Ehre besudelt,
meine Jugend verdorben; sie war nicht mehr
meine Frau, ich nicht mehr ihr Gatte. Ich wollte
ihre Existenz geheimhalten, sie gut pflegen lassen
und im übrigen nichts mehr von ihr wissen.
  Mein Vater und mein Bruder hatten sich
wohl gehütet, meine Ehe bekanntzugeben; denn
ich hatte ihnen schon in meinem ersten Brief
gebührend meine Meinung gesagt und sie drin-
gend ersucht, wenigstens das Geheimnis zu
wahren. Bald genug hatte übrigens mein Vater
genügend Ursache, über das Betragen seiner
selbstgewählten Schwiegertochter zu erröten,
und hegte keinerlei Wunsch, seine Schmach
offenkundig werden zu lassen.
  Ich brachte sie also nach England: eine ent-
setzliche Reise mit einem solchen Scheusal. Wie
froh war ich, sie endlich in Thornfield unter-

398
gebracht zu sehen; das Zimmer im dritten Stock
ist seit zehn Jahren nicht viel mehr als ein Raub-
tierkäfig. Es war nicht ganz leicht, eine Person
zu finden, die verschwiegen, zugleich aber auch
fähig und vor allem kräftig genug war, um mit
der Irrsinnigen fertig zu werden. Endlich fand
ich Grace Poole, die Wärterin in der Anstalt zu
Grimsby gewesen war. Sie und Dr. Carter, der
Arzt, der in jener Nacht Masons Wunden ver-
band, sind die einzigen Menschen, die das ganze
Geheimnis kennen. Mrs. Fairfax mag manches
erraten haben, hat aber sicher keine genaue
Kenntnis der Tatsachen. Im großen und ganzen
war Grace Poole zuverlässig; nur wenn sie
periodisch ihrem unheilbaren Laster huldigte
und trank, gelang es der Irren, ihre Wachsamkeit
zu täuschen; denn sie ist ebenso schlau wie bös-
artig.
  «Und als Sie sie hier untergebracht hatten, was
unternahmen Sie dann selbst?»
  «Ach, Jane! Dann bin ich immer unterwegs
gewesen, immer auf Reisen, meist auf dem Kon-
tinent. Immer auf der Suche nach einem gütigen
und klugen Geschöpf, das ich lieben könnte.»
  «Aber Sie hätten doch nicht heiraten können,
Sir.»
  «Ich war entschlossen, es doch zu tun, und war
von meinem Recht dazu überzeugt. Ich ge-
dachte, mit offenen Karten zu spielen und meine
Werbung dementsprechend zu halten; mein
Recht zu haben, nach freiem Willen zu lieben
und geliebt zu werden, erschien mir so unbe-

399
streitbar, daß ich nie daran zweifelte, eine Frau
zu finden, die gewillt und fähig wäre, meine
Gründe zu verstehen und mich, trotz dem Fluch,
der auf mir ruht, zu erhören!»
  «Und was geschah dann?»
  «Was willst du genau wissen?»
  «Ob Sie jemand gefunden haben, den Sie lieb-
ten, ob Sie um sie angehalten und welche Ant-
wort Sie erhalten haben.»
  «Zehn lange Jahre hindurch jagte ich durch
ganz Europa, von Petersburg nach Paris, nach
Neapel, nach Florenz, nach Rom. Überall
suchte ich nach der Frau meiner Träume; ich
konnte sie nirgends finden. Für einen flüchtigen
Augenblick wähnte ich manchmal, sie gefunden
zu haben, doch ließ die Ernüchterung nie lange
auf sich warten. Danach versuchte ich es mit
Zerstreuung, jedoch niemals mit Ausschweifun-
gen, die ich haßte und noch hasse. Doch ganz
allein konnte ich auch nicht leben. So versuchte
ich es mit der Gesellschaft einer Geliebten. Die
erste war Céline Varens – auch einer jener
Schritte, deren man sich später nicht ohne
Scham erinnern mag. Céline hatte noch zwei
Nachfolgerinnen, eine Italienerin, Giacinta,
dann eine Deutsche namens Clara, beide außer-
ordentlich schön; doch nach wenigen Wochen
bedeutete mir ihre Schönheit nichts mehr. Ich
war froh, mich von der einen wie der anderen
durch eine hübsche Abfindungssumme loskaufen
zu können.
  Doch, Jane, ich sehe es dir an, daß du jetzt

400
schlecht von mir denkst. Du findest mich gefühl-
los und leichtfertig, nicht wahr?»
  «Kam es Ihnen gar nicht unrecht vor, bald
mit dieser, bald mit jener Geliebten zu leben?
Sie sprechen mit solcher Selbstverständlichkeit
davon.»
  «An sich gefiel mir dieses gemeine Leben auch
nicht. Eine Geliebte auszuhalten ist fast so übel,
wie eine Sklavin zu kaufen, beide sind oft von
Natur und immer gesellschaftlich unter uns
stehend, und der vertraute Umgang mit unter
sich Stehenden würdigt immer herab. Heute
ist mir die Erinnerung an Céline, Giacinta und
Clara zuwider.»
  Ich spürte, wie ernst es ihm damit war; aber
ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren,
daß er mich, sollte ich je der Versuchung, seine
Geliebte zu werden, nachgeben, eines Tages
mit den gleichen Augen betrachten würde wie
diese armen Mädchen. Ich sprach meine Über-
zeugung nicht aus; es genügte, sie zu fühlen.
Und ich machte sie innerlich zu einem Schutz-
wall gegen alle kommenden Versuchungen.
  «Du forderst mich nicht auf, weiter zu erzählen:
Ich bin ja noch nicht am Ende. Nun – vergange-
nen Januar kehrte ich nach England zurück.
Zwar aller Bindungen entledigt, aber verbittert,
enttäuscht, verhärtet wie nie zuvor. Ich wollte
nichts mehr wissen von den Menschen im all-
gemeinen und am wenigsten von den Frauen.
  So ritt ich an einem eisigen Winternachmittag
auf Thornfield Hall zu, diesen mir so verhaßten

401
Ort! Ich erwartete dort, weder Frieden noch
Freude zu finden. An einem Zaun auf dem Pfad
nach Hay sah ich eine zarte kleine Gestalt sitzen;
ich achtete ihrer nicht mehr als der Hecken am
Wegrand. Nichts ließ mich ahnen, was hier mei-
ner harrte; keine innere Stimme sagte mir, daß
hier die Entscheidung meines Lebens unschein-
bar am Wegrand wartete. Ich erkannte sie nicht.
Ich war abweisend, selbst noch, als mir das kind-
lich zarte Wesen, nach dem Sturz vom Pferd,
seine Hilfe anbot.
  Aber als meine Hand erst die zarte Schulter
berührte, war es, als strömte neue Kraft durch
meine Glieder. Und es war gut, daß ich sogleich
erfuhr, daß sie zu meinem Hause gehörte und
ich sie dort wiederfinden würde, sonst hätte ich
sie nicht so leicht von mir gehen und hinter der
Hecke verschwinden lassen. Ich hörte dich an
jenem Abend heimkommen, weißt du, Jane,
obwohl du vermutlich keine Ahnung hattest,
daß ich überhaupt an dich dachte oder dich
beobachtete. Auch am nächsten Tage sah ich
dir heimlich zu, wie du auf der Altane mit Adèle
spieltest. Deine Gedanken schienen nicht ganz
bei dem Spiel zu sein; trotzdem warst du sehr
geduldig, meine kleine Jane. Als Adèle dich end-
lich verließ, versankst du ins Träumen und gingst
langsam auf und ab. Mrs. Fairfax’ Stimme riß
dich aus diesen Träumereien; du ranntest hin-
unter zu irgendwelcher Hausarbeit. Kaum konn-
te ich den Abend erwarten, an dem ich dich rufen
ließ, um dich genauer kennenzulernen. Als du

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ins Zimmer tratest, so einfach gekleidet wie jetzt,
sahst du zugleich zaghaft und selbstbewußt aus.
Ich brachte dich zum Sprechen und fand dich
voll der erstaunlichsten Widersprüche. Deinem
äußeren Wesen war durch die Erziehung größte
Zurückhaltung aufgeprägt; du erschienst von
Natur aus taktvoll und feinfühlig, aber gesell-
schaftlichen Umgangs völlig ungewohnt und
ängstlich darauf bedacht, nicht durch irgend et-
was Unpassendes aufzufallen. Und doch, wenn
man das Wort an dich richtete, erhobst du den
Blick, frei und ohne Scheu, und es war ein kluger,
durchdringender Blick. Auch deine Antworten
waren jeweils klar und sachlich. Bald gewöhn-
test du dich an mich: du spürtest wohl, daß Sym-
pathie uns bereits verband, so schroff und gries-
grämig dein Herr auch scheinen mochte. Es war
erstaunlich, wie schnell dein ganzes Gehaben
ruhiger und sicherer wurde. Dennoch zog ich
mich absichtlich von dir zurück: ich wollte sehen,
ob du mich suchen würdest, wenn ich dich mied.
Doch du bliebst ruhig im Schulzimmer, und
wenn wir uns zufällig trafen, hattest du nur ein
kleines, respektvolles Kopfnicken. Ich fragte
mich, was du wohl von mir dächtest, falls deine
Gedanken sich überhaupt mit mir befaßten.
Darum nahm ich unsere Unterhaltungen wieder
auf. Ich begegnete dir mit größerer Freundlich-
keit, und jedes gute Wort erweckte Dankbarkeit
und ein freudiges Aufleuchten in dir. Wenn wir
uns trafen, warfst du mir erst einen verstohlenen
Blick zu, als wolltest du erforschen, ob ich gnädig

403
oder mißgestimmt sei. Aber streckte ich dir die
Hand entgegen, dann strahlte dein ganzes junges
Wesen so viel Freude aus, daß ich mich nur müh-
sam zurückhalten konnte, dich auf der Stelle an
mein Herz zu ziehen.»
  «Sprechen Sie nicht mehr von vergangenen
Tagen, Sir», unterbrach ich ihn endlich, und
wischte rasch ein paar Tränen fort, denn seine
Worte marterten mich: Ich wußte ja, was ich zu
tun hatte, was ich schon bald würde tun müssen,
und diese Enthüllung seiner Gefühle machte es
mir nur noch schwerer.
  «Nein, Jane, wozu bei der Vergangenheit ver-
weilen, wenn die Gegenwart so viel sicherer, die
Zukunft so unendlich viel schöner ist?»
  Diese voreilige Feststellung erschütterte mich.
  «Du siehst nun, wie die Dinge liegen, nicht
wahr?» fuhr er fort. «Nach einer trostlosen Ju-
gend, nach vergeudeten Mannesjahren bin ich
zum erstenmal einem Wesen begegnet, das ich
wirklich lieben kann – und das bist du. Du bist
meine Liebe, mein besseres Ich; mein Herz ge-
hört dir, es sehnt sich nach dir, mein Wesen und
deines gehören zusammen. Ich wußte das alles
schon längst, und darum wollte ich dich heiraten.
Ich hätte dich nicht täuschen sollen, aber ich
fürchtete den stolzen Trotz, der in dir ist. Ich
wagte nicht, dir etwas zu sagen, bevor du an mich
gebunden wärest. Ich hätte es anders anfangen
sollen; deinen Edelmut, deine Güte anrufen, dir
mein trostloses Leben erzählen, dir meine Sehn-
sucht nach einem besseren Leben, meinen Willen

404
zu hingebender Liebe und Treue bekennen sol-
len. Dann hätte ich dich angefleht, meinen
Treueschwur anzunehmen und mir deinen dafür
zu geben: Jane, gib ihn mir jetzt.»
  Ich blieb still.
  «Warum schweigst du, Jane?» fragte er angst-
voll.
  Welch entsetzliche Qual! Welch harte Prü-
fung! Niemand konnte sich eine bessere, tiefere
Liebe wünschen, als die mir zuteil wurde; ich
aber mußte den, der mich liebte und den ich an-
betete, zurückweisen. Ein einziges Wort um-
faßte meine ganze schwere Pflicht: Trennung.
  «Jane, du begreifst doch, was ich von dir er-
bitte? Nur dieses Versprechen: ‹Ich werde Ihnen
angehören, Mr. Rochester.›»
  «Mr. Rochester, ich werde Ihnen nicht ange-
hören.»
  Wiederum langes Schweigen.
  «Jane!» begann er wieder, und seine Stimme
war so sanft, daß mein Schmerz keine Grenzen
mehr kannte und mich zugleich eisige Angst
überfiel: «Jane, willst du damit sagen, daß un-
sere Wege sich trennen sollen?»
  «Ja, Sir.»
  «Jane –»; er beugte sich über mich und um-
armte mich, «auch jetzt noch?»
  «Ja, Sir.»
  «Und jetzt?» sanft küßte er mich auf Stirn und
Wangen.
  «Ja, ja.» Ich versuchte, mich aus seiner Um-
armung zu lösen.

405
  «Oh, Jane, das ist bitter! Das ist unrecht. Es
wäre kein Unrecht, mich zu lieben.»
  «Ihnen zu gehorchen, wäre unrecht.»
  Entgeistert sah er mich an; aber noch nahm er
sich zusammen. Ich stützte mich auf eine Stuhl-
lehne, so sehr zitterte ich; doch mein Entschluß
war gefaßt.
  «Einen Augenblick, Jane. Bedenke doch, wie
trostlos mein Leben sein würde, ohne dich. Was
bleibt mir? Was soll aus mir werden, Jane?»
  «Tun Sie wie ich, Sir, vertrauen Sie auf Gott
und sich selbst. Und lassen Sie uns hoffen, daß
wir uns im Himmel wiederfinden.»
  «Du willst nicht nachgeben?»
  «Nein.»
  «Dann verurteilst du mich dazu, unglücklich
zu leben und verdammt zu sterben?» Seine
Stimme wurde lauter.
  «Nein, ich wünsche Ihnen, ohne Sünde zu le-
ben und dann ruhig sterben zu können.»
  «Indem du mir Reinheit und Unschuld raubst
und mich in Sünde und Elend zurückstößt?»
  «Mr. Rochester! Wir sind zum Kämpfen und
Ausharren geboren, Sie sowohl wie ich: handeln
Sie danach. Sie werden mich rascher vergessen
als ich Sie.»
  «Mit einer solchen Behauptung strafst du mich
Lügen und kränkst meine Ehre. Ich sagte dir, daß
meine Liebe unwandelbar ist, und du sagst mir
ins Gesicht, ich werde dich bald vergessen haben!
Merkwürdig verkehrt sind deine Ansichten! Was
meinst du, ist es besser, einen Mitmenschen zur

406
Verzweif lung zu treiben, als ein sinnloses
menschliches Gesetz zu übertreten – womit nie-
mand geschädigt wird? Denn du hast ja keine
Verwandten, die dein Zusammenleben mit mir
verletzen könnte.»
  Er hatte ja recht, und während er auf mich
einsprach, schrien mein Gewissen und mein Ver-
stand gegen mich und trieben mich, gleich mei-
nem Gefühl, an, ihm nachzugeben. ‹Tröste ihn,
rette ihn!› riefen sie mir zu. ‹Du liebst ihn, eile in
seine Arme. Wer sorgt sich um dich? Wen kränkst
du damit?›
  Doch immer wieder stellte sich die Antwort
ein: Ich sorge mich um mich! Je verlassener und
schutzloser ich bin, desto strenger muß ich meine
Selbstachtung bewahren. Gottes Gesetze sind
nicht umsonst gegeben; was wären sie wert,
könnte jeder sie nach Gutdünken ungestraft bre-
chen? Und wenn auch mein Herz im Augenblick
wilder schlägt und vor Schmerz vergehen will,
ich muß dazu stehen, sonst bin ich verloren.
  Mr. Rochester sah wohl, was in mir vorging.
Seine Erregung war so groß, daß er einen Augen-
blick lang seine ganze Selbstbeherrschung zu ver-
lieren drohte; er stand auf, trat auf mich zu und
umklammerte mich mit beiden Armen. Seine
flammenden Blicke schienen mich verbrennen
zu wollen; meiner körperlichen Machtlosigkeit
wurde ich mir angstvoll bewußt, allein meine
Seele war stark und würde den Kampf gewinnen.
Meine Seele sprach aus meinen Augen, die ich
nun zu ihm erhob; meine Kräfte waren fast er-

407
schöpft, und ein tiefer Seufzer entrang sich mei-
ner Brust.
  «Hat man je etwas so Zerbrechliches und so
Unbeugsames gesehen?» murmelte er zwischen
den Zähnen.
  «Ach, deine Hülle könnte ich besiegen – aber
was dann? Deinen Geist will ich, deine Kraft,
deine Reinheit! Aber du selbst mußt es wollen!
O Jane, komm, Jane, komm doch zu mir!»
  Er ließ mich los und sah mich nur bittend
und verzweifelt an. Diesem Blick war schwerer
zu widerstehen als seinem wilden Griff. Aber
auch dieser letzten Versuchung mußte ich ent-
rinnen. Ich näherte mich der Türe.
  «Gehst du fort, Jane?»
  «Ja, Sir, ich gehe.»
  «Verlassest du mich?»
  «Ja.»
  «Wirst du nicht zurückkehren, du, meine einzige
Rettung, mein einziger Trost? Meine Liebe,
meine Bitten, meine Verzweiflung vermögen
dich nicht zu halten?»
  Seine Stimme bebte; es war unendlich schwer,
die harten Worte zu wiederholen: «Ich gehe.»
  «Jane?»
  «Mr. Rochester?»
  «Dann geh, Jane, geh. Aber vergiß nicht, daß
du mich hier in Qualen zurücklassest. Geh hin-
auf in dein Zimmer; überlege dir alles, was ich
dir gesagt habe und, Jane, denke daran, wie sehr
ich leide!»
  Er warf sich auf das Sofa und schluchzte:

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«Ach, Jane, meine Hoffnung – meine Liebe –
mein Leben!»
  Ich stand schon an der Türe; doch nun konnte
ich nicht anders: ich kehrte zu ihm zurück, ich
kniete neben ihm nieder, ich hob sein Antlitz
vom Kissen, küßte seine Wangen, streichelte
sein Haar.
  «Gott segne Sie, geliebter Herr! Gott beschütze
Sie vor allem Übel und lohne Ihnen alles, was
Sie mir Gutes getan haben.»
  «Mein bester Lohn wäre deine Liebe gewesen,
kleine Jane. Ohne sie ist mein Herz gebrochen.
Aber Jane wird mir ihre Liebe schenken: das
wird sie, edel und freimütig!»
  Er sprang auf und wollte mich in seine Arme
schließen. Doch ich wich ihm aus, und im näch-
sten Augenblick war ich aus dem Zimmer ge-
laufen.
  Leb wohl, schluchzte mein Herz, leb wohl für
immer.

Aus wirren und unruhigen Träumen erwachte


ich noch im Morgengrauen. Mein Entschluß
war fester denn je. Ich hatte mich am Abend
angekleidet aufs Bett geworfen. So brauchte ich
nur meine Schuhe anzuziehen. Den Schubladen
entnahm ich etwas Wäsche und die notwendig-
sten Gegenstände. Alles, was Mr. Rochester mir
gegeben hatte, auch die Perlenkette, die der
Braut seiner Träume, doch nicht mir gegolten
hatte, ließ ich zurück. Aus meiner kargen Habe
machte ich ein Bündel, steckte meine kleine Bar-

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schaft von zwanzig Schilling ein und schlich
mich dann leise aus meinem Zimmer und an den
Türen vorbei, hinter denen mir liebe Menschen
ahnungslos schliefen. Lebe wohl, Mrs. Fairfax,
du Gute! Lebe wohl, mein Liebling, Adèle!
  Vor Mr. Rochesters Türe setzte mein Herz
aus und zwang mich, stehenzubleiben und zu
lauschen. Ruhelos hörte man ihn das Zimmer
durchwandern, ruhelos, ruhelos. Ach, ich
brauchte nur einzutreten, nur zu sagen: «Hier
bin ich, dein bis zum Tode.» Und der Himmel
stand mir offen.
  Wie würde mein geliebter Herr mich rufen,
wenn der Tag käme, wie würde er nach mir
fahnden und mich nirgends mehr finden. Welche
Verzweiflung, welch namenloses Leid! Meine
Hand streckte sich nach der Türklinke aus, dann
zog ich sie zurück und – schlich weiter. Erst die
Hintertreppe hinunter zur Küche; dort trank
ich ein Glas Wasser und nahm ein Stück Brot.
Dann fettete ich den Schlüssel ein, drehte ihn
leise im Schloß und trat in den dämmernden
Morgen hinaus.
  Bald lag Thornfield hinter mir. Ich wagte
weder zurück- noch vorwärtszuschauen. Planlos
ging ich durch die Felder und auf Wegen, die
von Millcote wegführten; ich wußte nicht wo-
hin.
  In meinem Herzen tobte der Kampf von
neuem; Sehnsucht und Reue, Angst um meinen
Liebsten in seiner Verzweiflung, Angst um mich
selbst in meiner Schwäche, es riß mich hin und

410
her, und mehr als einmal war ich versucht, um-
zukehren. Doch Gott führte mich weiter.
  Weinend und von immer größerer Schwäche
befallen, wankte ich vorwärts, fiel hin und erhob
mich wieder. Als ich endlich eine Landstraße
erreichte, setzte ich mich an den Straßenrand,
um Atem zu schöpfen. Bald hörte ich Räder-
rollen und sah eine Postkutsche rasch heran-
fahren; ich gab ihr ein Zeichen, der Postillon
hielt an und gab mir Auskunft, wohin die Kut-
sche fahre; er nannte einen Ort, wo Mr. Roche-
ster keine Bekannten haben konnte. Ich fragte,
was die Fahrt bis dorthin kosten solle, und da
meine Barschaft nicht ausreichte, erklärte sich
der Kutscher bereit, mich für zwanzig Schilling
so weit wie möglich mitzunehmen. Die Kutsche
war leer, ich stieg ein, und bald rollte ich einer
Ungewissen Zukunft entgegen.

28

Zwei Tage waren vergangen seit dem Sommer-


abend, da mich die Postkutsche in Whitcross
abgesetzt hatte, weil mein Fahrgeld nicht weiter
reichte. Mein Bündel hatte ich im Wagen ver-
gessen, und so war ich denn restlos von jedem
Besitz entblößt.
  Whitcross ist keine Stadt, nicht einmal ein
Dorf; es ist nichts als ein Wegkreuz inmitten einer
weiten Ebene. An Hand der vier Wegweiser
konnte ich feststellen, wo ich mich befand; die

411
nächste Stadt war etwa zehn Meilen entfernt.
Um mich her nichts als Felder, Moor, Heide bis
zu den bewaldeten Hügeln am Horizont. Eine
nur spärlich bevölkerte Gegend; kein Mensch
auf den großen Straßen, die das Auge weithin
verfolgen konnte. Dennoch fürchtete ich, einem
Wanderer zu begegnen, der sich mit Recht fra-
gen würde, was eine einsame Frau an dieser
Wegkreuzung zu suchen habe. Ich hätte auf eine
Frage keine befriedigende Antwort zu geben ver-
mocht und zweifellos Argwohn erweckt. Nichts
band mich mehr an die menschliche Gesell-
schaft; keine Hoffnung hielt mich aufrecht;
kein Mensch würde mir auch nur einen freund-
lichen Blick gönnen, so arm und verlassen sah
ich aus.
  So bahnte ich mir denn einen Weg querfeld-
ein; knietief versank ich im Heidekraut. Bald
stieß ich auf einen moosbewachsenen Felsen, der
mir Schutz zu bieten schien. Ich ließ mich an
ihm nieder, lehnte meinen Kopf an das Moos-
kissen und schaute hinauf in den klaren Himmel.
Lange Zeit verging, bevor ich mich wirklich in
Sicherheit fühlte: ich fürchtete, es könne mich
ein Jäger oder ein Vagabund aufspüren, oder
weidendes Vieh könnte mir nahekommen. Doch
nach und nach beruhigte mich die tiefe Stille,
und nun konnte ich auch langsam wieder über
meine Lage nachdenken.
  Was sollte ich tun? Wohin gehen? Quälende
Fragen, die keine Antwort fanden. Ich hatte die
Kraft nicht mehr, mich bis zu bewohnten Ge-

412
genden zu schleppen, und wenn ich dort wäre,
wie würde man mich aufnehmen, was würde
man auf meine Bitten antworten, wenn jemand
überhaupt meine Geschichte anhören wollte?
  Die Erde war von der Sonne durchwärmt,
die Heide dicht und weich; auch der Himmel
war klar, und erste Sterne winkten: die Natur
schien mir wohlgesinnt und gütig; das Nacht-
lager war, für heute wenigstens, bereit. Ich aß
mein Brot und ein paar wilde Beeren, sprach
mein Nachtgebet und legte mich zum Schlafen
nieder. Mein Shawl und das hohe Heidekraut
hüllten mich warm ein, und die Ruhe wäre
Wohltat gewesen, wenn die Wunden in meinem
Innern nicht wieder aufgebrochen wären. Ich
zitterte für Mr. Rochester in seiner Verzweif-
lung; ich sehnte mich nach ihm. Lange betete
ich für ihn, zum Sternenhimmel emporblickend,
bis endlich himmlischer Friede und die Gewiß-
heit von Gottes Nähe mich erfüllten und ich im
Schlaf Erlösung fand von allem Kummer.
  Am nächsten Morgen jedoch stand die Not
nackt und unabwendbar vor mir. Längst flogen
die Vögel auf Futtersuche, längst summten die
Bienen emsig im Heidekraut, als ich mich erhob
und mich umsah. Ein warmer, wunderbarer
Tag! Sonne überall. Ich hätte eine Eidechse
oder eine Biene sein mögen und so sorglos dahin-
leben wie sie. Aber ich war ein menschliches
Wesen mit menschlichen Bedürfnissen; ich muß-
te mich aufmachen, um meine Nahrung zu su-
chen. Ungern verließ ich das weiche, duftende

413
Lager und wünschte nur, Gott hätte mich in
dieser Nacht zu sich genommen und meiner
Not ein Ende bereitet. Nun mußte ich meine
Last wieder auf mich nehmen und weiterwan-
dern.
  Ich kehrte nach Whitcross zurück und wählte
einen Weg, der mir die Sonne im Rücken ließ;
nichts anderes bestimmte meine Wahl als nur
dieser Umstand; denn der Tag drohte heiß zu
werden, und alle Wege schienen mir gleicher-
maßen im Ungewissen zu enden. Ich wanderte
stundenlang, und als ich endlich erschöpft
irgendwo rasten wollte, hörte ich ganz unver-
hofft den Klang einer Kirchenglocke.
  Ich ging ihm nach und kam zu einem kleinen
Dorf, das inmitten sanfter Hügel verborgen lag.
Durch das ganze Tal zu meiner Rechten zogen
sich Felder, Äcker und Wald. Ein hochbeladener
Wagen strebte den Hügel empor, und nicht weit
von mir führte ein Bauer sein Ochsengespann.
Leben und Arbeit waren mir wieder nahe; auch
ich mußte nun weiterleben und weiterkämpfen
wie alle anderen Menschen.
  Gegen zwei Uhr des Nachmittags kam ich in
das Dorf. Am Ende der einzigen Dorfstraße sah
ich einen Bäckerladen, dessen Auslage einige
Brotlaibe darbot. Wie sehnlichst wünschte ich
mir ein Stück Brot! Besaß ich nichts, das ich für
ein Brötchen hätte hingeben können? Ich über-
legte: ich hatte ein schmales, rotseidenes Hals-
tuch; ich hatte meine Handschuhe. Aber ich
hatte keine Ahnung, wie bettelarme Menschen

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sich benehmen; ich wußte nicht, ob diese Dinge
überhaupt angenommen würden. Immerhin,
ich mußte es versuchen.
  Als ich den Laden betrat, kam mir die In-
haberin freundlich entgegen, sie nahm mich
wohl wegen meiner Kleidung für eine Dame.
Womit sie dienen könne? Plötzlich schämte ich
mich meines Begehrens: wie konnte ich meine
halbzerschlissenen Handschuhe, mein zerknüll-
tes Halstuch anbieten? Ich fühlte, wie sinnlos
das wäre, und bat daher nur schüchtern, einen
Augenblick rasten zu dürfen, da ich sehr müde
sei. Sichtlich enttäuscht, bot sie mir einen Stuhl
an, auf den ich mich erschöpft fallen ließ. Am
liebsten hätte ich meinen Tränen freien Lauf
gelassen; aber das ging nicht an. Ob im Dorfe
wohl eine Schneiderin oder Weißnäherin sei,
fragte ich.
  «Ja, zwei oder drei», war die Antwort, «für
mehr ist keine Arbeit da.»
  Es gab keine Möglichkeit mehr, der Wirklich-
keit auszuweichen; ohne jegliche Mittel stand
ich da, ich mußte etwas finden. Aber was? Wohin
sollte ich mich wenden?
  Ob vielleicht irgend jemand in der Nachbar-
schaft eine Magd brauche?
  Das wisse sie nicht, ihr sei nichts bekannt.
Welches denn das Hauptgewerbe an diesem
Ort sei?
  Nun, einige seien Bauern oder Landarbeiter,
und viele arbeiteten in Mr. Olivers Nadelfabrik
und Gießerei.

415
  Ob Mr. Oliver auch Frauen beschäftige?
  Nein, das sei Männerarbeit.
  «Und was treiben die Frauen?»
  «Weiß ich nicht», war die schroffe Antwort.
«Man tut halt, was man kann.»
  Sie hatte augenscheinlich genug von meiner
Fragerei; auch kam Kundschaft in den Laden,
und ich hielt es daher für besser, mich zu verab-
schieden.
  Langsam ging ich die Dorfstraße entlang und
betrachtete jedes Haus aufmerksam; aber ich
konnte keinen Anlaß und keine Ausrede erfin-
den, eines davon zu betreten. Am Ende des
Dorfes angelangt, schlug ich einen Heckenweg
ein, der mich bald vor ein hübsches kleines Haus
in einem blühenden Garten führte. Was veran-
laßte mich, dieses Häuschen aufzusuchen, und
was gab mir den Mut, nach dem glänzenden
Türklopfer zu greifen? Auf mein Klopfen öff-
nete eine freundliche junge Frau. Ob hier viel-
leicht eine Magd gebraucht würde, fragte ich
mit zitternder Stimme.
  «Nein, wir halten keine Dienstboten.»
  «Wissen Sie nicht, wo ich sonst Arbeit finden
könnte? Ich bin hier fremd und suche Arbeit,
ganz gleich welcher Art.»
  Sie schüttelte verneinend den Kopf. Was
mochte sie von mir und meinem Begehren den-
ken? «Ich bedaure, Ihnen nicht helfen zu kön-
nen.» Damit schloß sich die Türe, ganz sachte
und höflich; aber sie schloß sich vor mir. Wäre
sie noch einen Augenblick geöffnet geblieben,

416
ich glaube, ich hätte den Mut gefunden, um ein
Stück Brot zu bitten.
  Am liebsten wäre ich nun vom Dorfe fort und
in den nahen Wald geflüchtet; aber ich war so
schwach vor Hunger, daß mich der Instinkt der
Selbsterhaltung doch wieder in die Nähe der
Häuser trieb. Planlos irrte ich umher wie ein
hungriger Hund; es wurde Nachmittag, und ich
hatte noch nichts gefunden. Während ich ein
kleines Feld überquerte, erblickte ich nicht weit
davon die Kirche und neben ihr das bescheidene
Pfarrhaus. Mir fiel ein, daß Fremde in einem
Ort, in dem sie niemanden kennen, sich immer
an den Pfarrer um Hilfe wenden. Von neuem
Mut beseelt, eilte ich auf das Haus zu und
klopfte an die Küchentüre. Eine alte Frau trat
heraus. Ob dies das Pfarrhaus sei, fragte ich.
  «Ja.»
  «Ist der Herr Pfarrer zu sprechen?»
  «Er ist nicht da.»
  «Wird er bald wiederkommen?»
  «Nein, er ist über Land gegangen.»
  «Weit weg?»
  «Nicht gar so weit; drei Meilen etwa, nach
Marsh-End. Sein Vater ist plötzlich gestorben.
Er wird wohl vierzehn Tage wegbleiben.»
  «Ist vielleicht eine Pfarrfrau da?»
  «Nein. Außer mir ist niemand hier. Ich bin die
Haushälterin.»
  Ich fand nicht den Mut, ihr meine Not zu
klagen. Ich konnte noch nicht betteln und schlich
mich davon. Ich mußte wieder an die Brötchen

417
in der Bäckerei denken. Hätte ich nur eine alte
Brotkruste bekommen können! Ich betrachtete
noch einmal mein Halstuch, meine Handschuhe
und ging schließlich wieder zu dem kleinen
Bäckerladen. Es waren noch andere Leute drin;
aber ich wagte es trotzdem, hineinzugehen und
meine Bitte vorzubringen. Ob ich wohl für das
Tuch ein Brötchen haben könnte?
  Mißtrauisch musterte mich die Bäckerin von
oben bis unten. Solche Geschäfte habe sie noch
nie gemacht, und sie könne ja nicht wissen, wo-
her ich das Tuch habe. Mit den Handschuhen
erging es mir nicht besser.
  Völlig niedergeschlagen nahm ich meine trost-
lose Wanderung wieder auf. Als der Abend sank,
kam ich an einem Bauernhause vorbei, in dessen
offener Türe der Bauer saß und sein Nachtmahl,
Käse und Brot, verzehrte.
  Ich blieb stehen und bat:
  «Würden Sie mir ein Stückchen Brot geben?
denn ich bin sehr hungrig.»
Er maß mich mit einem erstaunten Blick;
dann, ohne ein Wort zu sagen, schnitt er eine
dicke Scheibe von seinem Laib ab und reichte
sie mir. Vielleicht hielt er mich nicht für eine
Bettlerin, sondern eher für eine etwas über-
spannte Dame, die plötzlich Lust auf sein
Schwarzbrot bekommen hatte. Sobald ich außer
Sicht war, setzte ich mich nieder und stillte mei-
nen Hunger.
  Mein Nachtlager suchte ich mir im Walde.
Aber es wurde eine schlimme Nacht; ich fand

418
keinen Schlaf. Der Boden war feucht, die Luft
empfindlich kühl; immer wieder schreckten
mich Geräusche auf, und gegen Morgen fing es
gar an zu regnen.
  Den ganzen regnerischen Tag hindurch suchte
ich Arbeit; immer wieder wurde ich abgewiesen.
Ein einziges Mal bekam ich etwas zu essen, als
ich es wagte, ein kleines Mädchen, das seinen
dicken Haferbrei in den Schweinetrog schütten
wollte, zu bitten, ihn doch lieber mir zu geben.
  «Mutter!» schrie das Kind ängstlich, «da ist
eine Frau, die will meinen Haferbrei haben.»
  «Gut Kind», antwortete eine Stimme vom
Hause her, «gib ihn ihr nur, wenn sie eine Bett-
lerin ist. Das Schwein hat ja genug!»
  Das Kind leerte den steifgewordenen kalten
Brei in meine geöffneten Hände, und ich schlang
ihn heißhungrig hinunter.
  Dann, ohne recht zu wissen wie, war ich
über Felder und Nebenwege so weit vom Dorfe
abgekommen, daß es ganz außer Sicht war.
Selbst die bestellten Äcker waren verschwunden.
Sollte ich auch diese Nacht wieder im Freien
schlafen, in Regen und Kälte? Oder sollte ich
nun kläglich zugrunde gehen, irgendwo mich
hinlegen und sterben? Wenn ich schon sterben
sollte, dann nicht an der Landstraße, wo man
mich bald finden und in einem Armengrab ver-
scharren würde. Lieber wollte ich mich im Wald
auf dem Hügel verkriechen und wie ein Tier
unter Tieren verenden.
  Als ich den Hügel erreicht hatte und mich

419
nach einer schützenden Mulde umsah, erblickte
ich fern einen unbestimmten Lichtschimmer,
Ein Irrlicht? dachte ich. Doch es verhuschte
nicht. Vielleicht ein Reisigfeuerchen? Doch sein
Schein war ruhig. Also wohl eine Kerze in einem
Hause. Aber was nützte mir das? Nie würde ich
die Kraft haben, bis dorthin zu gelangen. Ent-
mutigt ließ ich mich zu Boden sinken. Doch bald
war ich vom Regen derart durchnäßt, daß ich
es nicht länger aushalten konnte. Ich richtete
mich wieder auf und suchte den Lichtschimmer.
Er blinkte noch immer freundlich herüber, als
wollte er mich leiten.
  Mühsam raffte ich mich auf und schleppte
mich durch Buschwerk und Moor langsam im-
mer weiter, dem Licht entgegen. Oft fiel ich hin
und blieb erschöpft eine Weile liegen; aber im-
mer wieder winkte das Licht und gab mir Kraft.
Endlich sah ich einen ausgetretenen Pfad weiß
durch das Moor schimmern, der gerade auf das
Licht zuführte. Das war die Rettung. Denn als
das Licht plötzlich meinen Blicken entschwand,
wußte ich, daß sich nur eine Hecke davorge-
schoben hatte und daß ich jetzt einer mensch-
lichen Behausung nahe war. Bald ertasteten
meine Hände im Dunkel dorniges Gesträuch;
ich tastete mich daran entlang bis zu einem
niederen Gartentor. Es war nur angelehnt; ich
stieß es auf und suchte meinen Weg durch niede-
res Gebüsch bis zu dem Hause, dessen Umrisse
ich im Finstern undeutlich erkennen konnte.
Mein Leitstern, das freundliche Licht, war ver-

420
schwunden. An der Hauswand entlangschlei-
chend, suchte ich die Türe; ich mußte lange
suchen; aber als ich um die Ecke bog, leuchtete
plötzlich das Licht wieder auf, greifbar nahe.
Es fiel aus einem schmalen Fenster, das ganz
von Grün überwuchert war. Ich bog die Zweige
auseinander und konnte das ganze Zimmer über-
blicken: es war ein sauberer, freundlicher Raum,
der Boden war mit hellem Sand bestreut; an der
Wand stand ein Nußbaumschrank mit Reihen
von schönen Zinntellern darauf, in denen sich
der Widerschein des Kaminfeuers brach; ich sah
noch eine Wanduhr, und, auf dem Tisch, die
Kerze, deren freundliches Licht mich bis hierher
geleitet hatte. An dem Tische saß eine saubere
alte Frau und strickte.
  Aber was meine Aufmerksamkeit besonders
fesselte, war eine Gruppe neben dem Kamin;
zwei liebliche junge Mädchen, in Trauerklei-
dung, saßen, die eine auf einem Hocker, die an-
dere in einem Schaukelstuhl, und zwischen ihnen
lag schlafend ein großer, schöner Hund, wäh-
rend ein Kätzchen es sich auf dem Schoß der
einen jungen Dame wohl sein ließ. Der Kontrast
zwischen der alten Frau und den jungen Mäd-
chen war so groß, daß ich nicht umhin konnte,
mich zu fragen, wie sie wohl zusammengehörten
und wie derart feine Damen in eine solch einfache
Küche geraten waren. Zwischen ihnen auf einem
Tischchen stand eine weitere Kerze, neben zwei
großen Büchern, in denen sie hin und wieder
etwas nachschlugen und mit dem Text des klei-

421
nen Buches, das sie in Händen hielten, vergli-
chen. Es war so still im Zimmer, daß man das
feine Klappern der Stricknadeln hören konnte.
«Hör nur, Diana!» rief eines der jungen Mäd-
chen plötzlich aus, «Franz und der alte Daniel
sind eines Nachts beisammen, und Franz erzählt
einen Traum …» Mit leiser Stimme las sie etwas
vor, das ich nicht verstehen konnte; denn es war
weder Französisch noch Latein; vielleicht war
es Griechisch oder Deutsch?
  «Das ist kraftvoll, groß! Hör zu!» rief das Mäd-
chen aus. Dann las sie: «Da trat hervor einer,
anzusehen wie die Sternennacht … Ich wäge die
Gedanken in der Schale meines Zornes und die
Werke mit dem Gewicht meines Grimms.» –
  «Herrlich!»
  «Gibt es ein Land, wo so gesprochen wird?»
wollte die alte Frau wissen.
  «O ja, Hannah, ein Land, viel größer als Eng-
land, wo sie nichts anderes sprechen.»
  «Die Armen! Wie in aller Welt können sie sich
denn verständigen? Und ihr beide würdet sie
auch nicht verstehen, wie?»
  «Etwas würden wir schon verstehen, wenn auch
nicht alles. Wir lernen erst Deutsch.»
  «Na, und wozu?»
  «Wir wollen später darin unterrichten und et-
was mehr verdienen als jetzt.»
  «Schön, aber jetzt macht Schluß; ihr seid sicher
müde.»
  «Schrecklich müde, ja. Wo nur St. John so lange
bleibt?»

422
  «Er wird wohl bald kommen. Es regnet in Strö-
men, er wird naß und durchfroren sein. Hannah,
sieh doch mal nach dem Feuer im Wohnzimmer.»
  Die alte Frau erhob sich; als sie die Türe
öffnete, sah ich einen langen Gang im Halb-
dunkel des Hauses. Ich tastete mich, so rasch
ich konnte, weiter, bis an die Haustüre, und
klopfte leise an.
  Hannah öffnete.
  «Was wollen Sie?» fragte sie barsch und hob
die Kerze, um den Eindringling besser zu sehen.
  «Kann ich mit Ihren Herrinnen sprechen?»
  «Sagen Sie lieber mir, was Sie zu sagen haben.
Woher kommen Sie?»
  «Ich bin hier fremd.»
  «Und was haben Sie bei nachtschlafener Zeit
hier zu suchen?»
  «Ich suche ein Obdach für die Nacht, sei’s auch
nur in einer Scheune, und ein Stückchen Brot.»
  Was ich befürchtete, geschah; Hannah mu-
sterte mich mißtrauisch.
  «Ein Stück Brot will ich Ihnen geben», sagte
sie nach einer Weile. «Aber einlassen kann ich
Sie nicht.»
  «Lassen Sie mich doch bitte mit den Damen
sprechen.»
  «Nein. Ausgeschlossen. Was könnten die schon
für Sie tun! Überhaupt, zu dieser Stunde hier
herumzustreichen! Das ist recht verdächtig!»
  «Aber wohin soll ich gehen, wenn Sie mich
wegjagen?»
  «Sie werden schon wissen, wohin. Passen Sie

423
nur auf, daß Sie nichts Unrechtes tun. Da, neh-
men Sie den Penny und machen Sie, daß Sie
weiterkommen.»
  «Geld kann ich nicht essen, und ich habe keine
Kraft mehr, weiterzugehen. Machen Sie die
Türe nicht zu – bitte nicht, um Gottes willen!»
  Aber die unerbittliche Alte ließ sich nicht er-
weichen – die Türe fiel ins Schloß.
  Völlig mutlos und entkräftet sank ich auf der
Türschwelle nieder.
  «Dann bleibt mir nichts übrig, als zu sterben.
Mag Gott sich meiner erbarmen.»
  «Alle Menschen müssen sterben», sagte eine
Stimme dicht neben mir; «aber nicht alle müs-
sen vorzeitig und elend zugrunde gehen, wie Sie
es müßten, wenn Sie hier liegenblieben.»
  Ich konnte nur die Umrisse eines Menschen er-
kennen, der nun laut an die Haustüre klopfte.
  «Sind Sie das, Mr. St. John?» rief Hannah von
drinnen.
  «Ja – ja; rasch, mach auf!»
  «Ach, Sie müssen ganz durchnäßt sein, armer
Herr. Ihre Schwestern sorgen sich schon so um
Sie, und ich glaube, es lungert Gesindel hier
herum. Da war vorhin eine Bettlerin – ach, du
lieber Gott, da liegt sie ja! Pfui! Stehen Sie
auf! Machen Sie, daß Sie weiterkommen, sage
ich!»
  «Still, Hannah! Ich möchte mit dieser Frau
reden. Laß sie jetzt ein. Ich habe eure Unter-
redung mitangehört; der Fall scheint doch nicht
so einfach zu sein. Ich will sie zumindest anhö-

424
ren. Stehen Sie auf, junge Frau, und treten Sie
ein.»
  Nur mit Mühe vermochte ich ihm zu folgen.
Ich wurde in die helle, warme Küche geführt
und muß wohl erschreckend verwahrlost ausge-
sehen haben; denn die jungen Damen, Mr. St.
John und Hannah starrten mich entgeistert an.
  Ich konnte mich kaum mehr aufrecht halten;
mir schwindelte, und ich sank willenlos in den
Stuhl, den man mir rasch zugeschoben hatte.
  «Sie ist ausgehungert! Hannah, ist das Milch?
Gib sie mir, schnell, auch ein Stück Brot.»
  Diana (ich erkannte sie an den langen Locken)
beugte sich über mich und flößte mir etwas Milch
ein. Ihr Gesicht zeigte tiefes Mitgefühl; aus ihrer
Stimme sprach liebevolle Besorgnis:
  «Versuchen Sie, etwas zu essen.»
  «Ja, versuchen Sie’s», wiederholte Mary, wäh-
rend sie mir den völlig durchnäßten Hut vom
Kopf nahm. Ich trank und aß; erst zaghaft,
dann immer gieriger.
  «Nicht zu viel auf einmal», mahnte der Bruder.
«Es ist genug fürs erste.» Er nahm seiner Schwe-
ster das Brot und die Milch aus den Händen
und fragte mich dann, wie ich heiße.
  «Jane Elliott.» Längst hatte ich mir diesen
Decknamen ausgedacht, um meine Spur zu ver-
wischen.
  «Und wo wohnen Sie? Wer sind Ihre Freunde?
Können wir jemand benachrichtigen?»
  Ich schüttelte den Kopf.
  «Aber was haben Sie selbst dazu zu sagen?»

425
  Seit ich die Schwelle dieses Hauses überschrit-
ten hatte, fühlte ich mich nicht mehr heimatlos
und verlassen. Etwas von meinem wahren We-
sen kehrte in mich zurück; ich wagte nach kur-
zem Schweigen einfach zu antworten:
  «Sir, ich kann Ihnen heute abend nicht viel
mehr berichten.»
  «Aber was erwarten Sie von uns?»
  «Nichts.» Meine Kraft reichte nur für ganz
kurze Antworten aus.
  «Denken Sie, wir haben alles getan, was zu tun
war?» fiel Diana ein, «Glauben Sie, wir könnten
Sie jetzt einfach in die stürmische Nacht hinaus-
lassen?»
  Ich sah sie an; ihre Haltung, die zugleich Güte
und Vornehmheit ausdrückte, ihr mitfühlender
Blick gaben mir Mut. «Ich habe Vertrauen zu
Ihnen», sagte ich leise. «Ich fürchte mich nicht.
Tun Sie mit mir, was Sie für gut halten. Ich kann
nur nicht viel sprechen, es tut so weh, es fällt mir
schwer …»
  Schweigend betrachteten mich alle drei. Dann
berieten sie leise, was zu tun sei, während ich in
eine Art Halbschlaf zu versinken begann. Etwas
später führte mich Hannah eine Treppe hinauf,
zog mir meine nassen Kleider aus und half mir
in ein warmes, trockenes Bett, wo ich unverzüg-
lich in tiefen Schlaf fiel.

426
29

An die darauffolgenden drei Tage erinnere ich


mich nur noch dunkel. Ich lag in einem schma-
len Bett, in einem kleinen Zimmer. Mir war,
als sei ich mit dem Bett verwachsen, so unbe-
weglich und erschöpft lag ich darin. Den Wandel
der Zeit, von morgens bis abends, nahm ich nicht
wahr, doch erkannte ich jeden Menschen, der
mein Zimmer betrat, hörte die Leute sprechen,
verstand, was sie sagten, und hätte doch meine
Lippen nicht zu bewegen vermocht. Hannah,
die alte Magd, kam am häufigsten. Ich hatte
das Gefühl, daß sie mich lieber fortgeschickt
hätte; sie hatte wohl kein Verständnis für meine
Lage und hegte Vorurteile gegen mich. Ein-
oder zweimal am Tage besuchten mich auch
Mary und Diana. Flüsternd tauschten sie ihre
Eindrücke und Vermutungen aus.
  «Wie gut, daß wir sie aufgenommen haben.
Sie wäre sicher gestorben, wenn sie die Nacht
draußen geblieben wäre. Wer weiß, was sie alles
durchgemacht hat. Ihrer Sprechweise und ihren
Kleidern nach zu schließen, gehört sie den ge-
bildeten Ständen an. Sie hat ein eigenartiges
Gesicht: es ist anziehend, so verfallen und blaß
es jetzt auch aussieht. Ich glaube, wenn es wie-
der frisch und belebt ist, wirkt es sehr sympa-
thisch.»
  Nie fiel ein Wort des Zweifels, des Mißtrauens
oder der Abneigung. Das trug sehr zu meiner
Beruhigung bei.

427
  Mr. St. John kam nur ein einziges Mal; er be-
trachtete mich und meinte, mein lethargischer
Zustand sei der schweren Erschöpfung zuzu-
schreiben. Er hielt es für überflüssig, einen Arzt
kommen zu lassen; die Natur werde sich selber
am besten helfen; meine Nerven seien vollkom-
men überanstrengt aus irgendeinem Grunde,
und das Beste sei Schlaf. Krank sei ich nicht, und
ich würde mich rasch erholen, wenn die erste Er-
schöpfung überwunden sei. Alle diese Ansichten
gab er in trockenem, sachlichem Ton von sich,
wie jemand, der nicht gewohnt ist, seine Gefühle
zu zeigen.
  «Merkwürdige Physiognomie», fügte er dann
hinzu, «macht keinen vulgären oder herunter-
gekommenen Eindruck.»
  «Im Gegenteil», fiel Diana ein. «Ich kann dir
sagen, St. John, ich habe das arme kleine Wesen
schon richtig liebgewonnen. Ich wollte, wir
könnten ihr wirklich dauernd helfen.»
  «Das wird kaum möglich sein. Es wird sich
schon herausstellen, daß sie eine junge Dame
ist, die aus irgendeinem Grund, einer Meinungs-
verschiedenheit oder dergleichen, ohne viel
Nachdenken von zu Hause fortgelaufen ist. Wenn
wir Glück haben, können wir sie nach ein paar
Tagen ihren Angehörigen zurückbringen. Vor-
ausgesetzt, daß sie nicht allzu dickköpfig ist; ihr
Gesicht zeigt gewisse Züge von Härte. Klug sieht
sie aus, aber nicht gerade hübsch.»
  «Sie ist ja so krank, St. John.»
  «Krank oder nicht, schön wird sie nie werden.

428
Ihren Zügen fehlt jede Lieblichkeit und Ausge-
glichenheit.»
  Am dritten Tage fühlte ich mich etwas besser;
am vierten konnte ich schon etwas sprechen, ich
konnte mich bewegen, mich aufsetzen und um-
drehen. Hannah hatte mir das Mittagessen ge-
bracht, Hafersuppe und Toast, die ich zum
erstenmal mit richtigem Appetit verschlang.
Nachdem Hannah gegangen war und das herr-
liche Mahl seine Wirkung getan hatte, erwach-
ten in mir neue Lebensgeister, und ich fühlte den
Wunsch, aufzustehen und mich anzukleiden.
Aber was sollte ich anziehen? Ich hatte ja keine
anderen Kleider als die beschmutzten, durch-
näßten, mit denen ich zwei Nächte auf der Heide
und im Wald zugebracht hatte. Ich wagte nicht,
mich darin meinen Wohltäterinnen zu zeigen.
Wie erstaunt war ich, als ich beim Umher-
sehen in meinem Zimmer alle meine Kleider
fein säuberlich gewaschen und geglättet auf
einem Stuhl bereitliegen sah. Selbst meine
Schuhe und Strümpfe waren in präsentablem
Zustand. Auch Waschzeug sowie Kamm und
Bürste lagen bereit. Nun konnte mich nichts
mehr im Bett zurückhalten. Mühsam und mit
vielen Unterbrechungen, um mich ein bißchen
auszuruhen, kleidete ich mich an. Ich war so
jammervoll abgemagert, daß meine Kleider lose
um mich hingen; aber ich verdeckte alles mit
einem großen, sauberen Shawl. So ordentlich
und sauber gekleidet, fühlte ich mich wieder mir
selbst zurückgegeben und wagte es, mich krampf-

429
haft an den Geländern haltend, mich die stei-
nerne Treppe hinunter und dann durch einen
kleinen Gang zur Küche hinzuschleppen.
  Die Küche war schön durchwärmt und duf-
tete nach frischem Brot; Hannah war am Backen.
Schon in letzter Zeit hatte ihre Abneigung gegen
mich etwas nachgelassen; nun sie mich plötzlich
frisch und adrett gekleidet in ihrer Küche auf-
tauchen sah, erhellte ein fast wohlwollendes
Lächeln ihr Gesicht.
  «Was, Sie sind aufgestanden? Setzen Sie sich
schnell an den Kamin.»
  Sie wies auf einen Schaukelstuhl, und ich
setzte mich.
  Während sie weiterarbeitete, warf sie mir ab
und zu einen prüfenden Blick zu. Unvermittelt
stellte sie die Frage:
  «Haben Sie schon früher gebettelt, bevor Sie
zu uns kamen?»
  Ihre Frage empörte mich tief; ich bedachte
jedoch, daß Empörung hier fehl am Platze sei,
da sie mich ja wirklich nur als Bettlerin gekannt
hatte, und ich antwortete freundlich, doch nicht
ohne betonte Würde:
  «Sie irren sich, wenn Sie mich für eine Bettlerin
halten. Ich bin keine Bettlerin; ebensowenig wie
Sie oder die jungen Damen.»
  «Versteh’ ich nicht», sagte sie nach einer Weile.
«Sie haben doch kein Haus und keinen Gro-
schen!»
  «Ohne Haus und Geld ist man doch noch nicht
unbedingt ein Bettler.»

430
  «Haben Sie Bücher studiert?» fragte sie wieder
unvermittelt.
  «Sehr viele sogar.»
  «Aber im Pensionat waren Sie doch bestimmt
nicht?»
  «Acht Jahre war ich im Pensionat.»
  «Und dann können Sie sich nicht selber durch-
bringen?»
  «Das habe ich lange getan und werde es wieder
tun.»
  Sie versuchte, mehr aus mir herauszubringen;
aber ich lenkte sie ab, indem ich ihr beim Beeren-
verlesen half und nun meinerseits Fragen stellte.
So erfuhr ich, daß das Anwesen Marsh End oder
auch Moor House hieß, und daß sein Besitzer,
Mr. St. John, Pfarrer von Morton war, des Dor-
fes, das ich durchwandert hatte. Er wohnte für
gewöhnlich nicht bei seinen Schwestern Diana
und Mary Rivers; die alte Hannah, die seit
dreißig Jahren im Hause diente, fühlte sich für
die verwaisten Mädchen verantwortlich. Darum
hatte sie mich auch so barsch abgewiesen, als ich
in Nacht und Regen an die Türe klopfte.
  «Ich glaub’, ich habe mich in Ihnen geirrt»,
sagte sie schließlich entschuldigend, «aber wie
konnte ich wissen …»
  «Schon gut, ich bin Ihnen nicht mehr böse,
geben Sie mir die Hand.»
  Nach unserem versöhnenden Händedruck
wurde sie noch gesprächiger und weihte mich in
alle Einzelheiten der Familie Rivers, die altem
Adel entstammte, ein.

431
  Jetzt seien die jungen Damen, sagte sie dann
auf meine Frage, mit ihrem Bruder nach Mor-
ton gegangen, aber sie würden in einer halben
Stunde zurück sein. Richtig kamen sie alle drei
bald zur Küchentüre herein. Als Mr. St. John
mich sah, machte er nur eine kurze Verbeugung
und ging weiter. Mary äußerte in ein paar
freundlichen Worten ihre Freude, mich wieder-
hergestellt zu sehen; Diana aber nahm meine
Hand, sah mich prüfend an und schüttelte den
Kopf:
  «Sie hätten warten sollen, bis ich Ihnen er-
laubte, aufzustehen», sagte sie. «Armes Kind,
Sie sehen noch so blaß aus, und so dünn!»
  Ihre Stimme war unendlich sanft und wohl-
tuend, ihre Augen waren bezaubernd. Die ru-
hige Überlegenheit ihres Wesens gefiel mir
außerordentlich und gewann mich vollkom-
men.
  «Sie dürfen nicht hier sitzenbleiben; die Küche
ist kein Aufenthalt für einen Gast, und es ist hier
auch zu heiß für Sie. Kommen Sie mit ins Wohn-
zimmer.»
  Ich mußte mich fügen, und bald fand ich
mich allein mit Mr. St. John im Wohnzimmer,
während die jungen Damen den Tee bereiten
gingen. Er saß lesend in einem Sessel, und ich
hatte alle Muße, sowohl ihn selbst als auch das
Zimmer eingehend zu betrachten.
  Das Zimmer war klein und sehr einfach
möbliert, aber äußerst gemütlich. Die Möbel
glänzten wie Spiegel; in einem Glasschrank wa-

432
ren Bücher und feines Porzellan aufgestellt; an
den Wänden hingen Familienporträts, und alles
sah ordentlich und gepflegt aus.
  Mr. St. John, der unbeweglich wie eine Statue
dasaß und las, war ein etwa dreißigjähriger,
schöner Mann, dessen Züge von so klassischer
Regelmäßigkeit waren, daß er wohl alle Berech-
tigung hatte, mir jede Schönheit abzusprechen.
Solange wir allein im Zimmer waren, würdigte
er mich keines Blickes und keines Wortes. Erst
als die jungen Damen den Tee gebracht hatten
und mich eifrig ermunterten, zuzugreifen, was
ich auch sehr gerne tat, bequemte er sich dazu,
sein Buch zu schließen und an unserer Unter-
haltung teilzunehmen.
  «Sie sind sehr hungrig», stellte er in sachlichem
Ton fest.
  «Das bin ich.» Ich habe von jeher kurze An-
reden mit kurzen Antworten erwidert.
  «Es ist gut, daß etwas Fieber Sie diese paar
Tage zur Mäßigkeit gezwungen hat. Nun kön-
nen Sie ohne Gefahr essen, natürlich nicht über-
mäßig, aber doch ordentlich.»
  «Ich hoffe, Ihnen nicht lange zur Last zu fallen,
Sir.»
  «Nein», meinte er kühl, «sobald Sie uns die
Adresse Ihrer Angehörigen angeben, werden
wir diese benachrichtigen, und Sie können heim-
kehren.»
  «Ich bedaure, Ihnen sagen zu müssen, daß da-
von keine Rede sein kann: ich habe weder ein
Heim noch irgendwelche Angehörige.»

433
  Alle drei blickten mich erstaunt und fragend,
aber keineswegs mißtrauisch, an.
  «Wollen Sie damit sagen, daß Sie vollkommen
allein auf der Welt stehen?»
  «Jawohl. Ich habe tatsächlich keinerlei Ver-
bindungen und kein Dach in ganz England, das
ich zu Recht als meines beanspruchen könnte.»
  «Merkwürdige Lage für ein so junges Mäd-
chen! Sie sind doch nicht verheiratet oder ver-
heiratet gewesen?»
  «Aber St. John!» unterbrach ihn Diana la-
chend, «sie kann doch kaum siebzehn oder acht-
zehn Jahre alt sein!»
  «Ich werde neunzehn. Nein, verheiratet war
ich nicht.»
  Erinnerungen bestürmten mich bei diesen
Worten, und eine heiße Welle stieg mir ins Ge-
sicht. Unter Mr. St. Johns prüfenden Blicken
wuchs meine Verlegenheit ins Unerträgliche,
und Tränen traten mir in die Augen. Diana und
Mary wandten ihre Blicke taktvoll von meinem
erregten Gesicht ab, doch St. John fuhr uner-
bittlich zu fragen fort:
  «Wo haben Sie zuletzt gewohnt?»
  «Quäle sie doch nicht mit so vielen Fragen»,
flüsterte Mary ihm zu; aber sein Blick forderte
eine Antwort.
  «Ich möchte den Namen des Ortes und der
Menschen, bei denen ich zuletzt lebte, für mich
behalten», sagte ich bestimmt.
  «Das ist Ihr gutes Recht und geht niemand
etwas an», griff Diana hilfreich ein.

434
  «Wenn ich aber nichts von Ihnen weiß, kann
ich Ihnen nicht helfen. Und Sie brauchen doch
Hilfe, nicht wahr?»
  «Hilfe brauche ich allerdings in dem Sinne,
daß mir jemand zu Arbeit verhelfen sollte, ganz
gleich welcher Art, damit ich meinen beschei-
denen Lebensunterhalt verdienen kann.»
  «Dabei will ich Ihnen gerne behilflich sein,
wenn es in meiner Macht liegt. Sagen Sie mir,
bitte, was Sie bisher getan haben und was Sie
können.»
  Inzwischen hatte ich meinen Tee getrunken,
und derart gestärkt, fühlte ich mich dem Verhör
des jugendlichen Richters besser gewachsen.
  «Mr. Rivers, Sie und Ihre Schwestern haben
mir den größten Dienst erwiesen, den ein Mensch
einem anderen überhaupt leisten kann; Sie ha-
ben mir das Leben gerettet. Ich will Ihnen gerne
jede Auskunft geben, die meinen Frieden und
meine Sicherheit nicht gefährdet; Sie haben ein
Anrecht darauf.
  Mein Vater war Pfarrer, aber meine Eltern
starben sehr früh, und ich wurde im Waisenhaus
zu Lowood erzogen, dessen Leiter, Mr. Brockle-
hurst, Sie jedenfalls dem Namen nach kennen.»
  St. John nickte.
  «Von Lowood aus kam ich vor etwa einem Jahr
als Erzieherin in eine Familie, wo ich es sehr gut
hatte und sehr glücklich war. Vier Tage bevor
ich zu Ihnen kam, mußte ich diese Stelle ver-
lassen. Ich kann Ihnen die Gründe nicht näher
auseinandersetzen; ich kann Ihnen nur ver-

435
sichern, daß mich kein Tadel trifft: ich mußte
das Haus verlassen, in dem ich so glücklich war,
und ich mußte es rasch und heimlich verlassen.
So ließ ich alles hinter mir, mit Ausnahme eines
kleinen Bündels, das ich dann in meiner Auf-
regung in der Postkutsche liegen ließ. So kam
ich denn völlig verarmt von Whitcross in diese
Gegend und wäre ohne Ihre Hilfe jämmerlich
zugrunde gegangen. Ich weiß, was Sie und Ihre
Schwestern für mich getan haben, ich schulde
Ihnen tiefste Dankbarkeit.»
  «Genug, genug», mahnte Diana, «kommen Sie
aufs Sofa und ruhen Sie sich aus, Miss Elliott.»
  Unwillkürlich zuckte ich bei diesem Namen
zusammen; Mr. Rivers, dem nichts entging, be-
merkte auch das sofort.
  «Sie heißen Jane Elliott?»
  «Das ist der Name, unter dem ich mich ver-
bergen möchte; er klingt mir noch ungewohnt.
Meinen wahren Namen möchte ich nicht an-
geben; es liegt mir daran, alles zu vermeiden,
was zu meiner Entdeckung führen könnte.»
  «Sie haben sicher gute Gründe dafür», griff
Diana wiederum ein, «und nun laß sie endlich
in Ruhe, St. John.»
  Aber nach kurzem Nachdenken nahm St. John
den Faden wieder auf.
  «Ich habe den Eindruck, daß Sie sich so schnell
wie möglich auf eigene Füße stellen möchten,
frei von unserer ‹Wohltätigkeit›, stimmt das?»
  «Ja, Sir. Verschaffen Sie mir irgendeine Arbeit,
so bescheiden sie auch sein mag; mir soll alles

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recht sein. Doch bis dahin, bitte, behalten Sie
mich hier: mir graut vor neuen Erfahrungen.»
Diana legte ihre weiße Hand auf meinen
Scheitel:
  «Sie soll hierbleiben», sagte sie mit Nachdruck,
und Mary wiederholte sanft: «Das soll sie.»
  «Meine Schwestern möchten Sie am liebsten
hier behalten und pflegen, wie man ein halb er-
frorenes Vögelchen pflegt, das der Sturm einem
ans Fenster geworfen hat. Ich selbst möchte Sie
lieber bald in die Lage versetzen, für sich selbst
zu sorgen, und werde mich bemühen, etwas zu
finden. Doch ich bin nur der Seelsorger einer
armen kleinen Landgemeinde; meine Hilfe wird
nur sehr bescheiden sein.»
  «Sie hat ja schon gesagt, daß sie mit jeder Ar-
beit zufrieden ist, sei sie noch so bescheiden»,
antwortete Diana statt meiner, «und du weißt
ja, St. John, daß sie keine Wahl hat: sie muß sich
schon mit einem so bärbeißigen Helfer wie dir
abfinden.»
  «Ich nehme jede Stelle an: als Näherin, Kinder-
mädchen, ja Putzfrau, wenn es sein muß.»
  «Gut, Miss Elliott. Wenn das Ihre Absichten
sind, dann verspreche ich, Ihnen zu helfen; zu
meiner Zeit und auf meine Art.»
  Nach diesen kühlen Worten wandte er sich
wieder seinem Buche zu, und ich begab mich
bald zurück in mein Zimmerchen; denn die lan-
ge Unterredung hatte mich erschöpft.

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30

Je näher ich die Bewohner von Moor House


kennenlernte, desto lieber gewann ich sie. In
wenigen Tagen war ich so weit wiederhergestellt,
daß ich den ganzen Tag aufsein und sogar ein
wenig Spazierengehen durfte. Ich konnte mich
an Dianas und Marys Arbeiten beteiligen, nach
Herzenslust mit ihnen plaudern und ihnen hel-
fen, wann immer sie es mir gestatteten. Es lag
ein mir ganz neuer, tiefer Genuß in diesem Zu-
sammenleben, ein Genuß, wie er nur aus der
Übereinstimmung in Neigungen, Empfindungen
und Ansichten erwachsen kann.
  Vor allem liebten sie ihr abgeschiedenes Heim;
auch ich fand einen eigenen Reiz an diesem klei-
nen, grauen, altertümlichen Bau mit der niede-
ren Decke, den vergitterten Fenstern, den ver-
witterten Mauern; an diesen Alleen gekrümmter
Kiefern, an dem kargen Garten, in dem, zwi-
schen dunklem Buchs und Stechpalmenlaub,
nur die zähesten Blumen zu blühen vermochten.
Sie liebten das rote Moor ringsum, das kleine
Tal, zu dem ein gewundener Weg hinabführte,
erst durch eine Wildnis von Farnkräutern, dann
über kleine, abgelegene Weiden, wo grauwollige
Heideschafe mit ihren Lämmern grasten. Mit
heißer Liebe hingen Diana und Mary an ihrer
Heimat, und auch mich nahm der Zauber der
Landschaft restlos gefangen; ich empfand die
Größe ihrer Einsamkeit; mein Blick trank sich
satt an den Umrissen der sanft hinziehenden

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Hügel und weidete sich an der mannigfachen
Färbung von Tal und Hügeln, Moor, Heide-
kraut und Farnen. In unseren vier Wänden ver-
standen wir uns ebensogut wie draußen; die
beiden Mädchen waren gebildeter und belesener
als ich: aber ich bemühte mich eifrig, ihnen zu
folgen. Ich verschlang die Bücher, die sie mir
liehen, und abends war es uns ein besonderes
Vergnügen, über das, was ich tagsüber gelesen
hatte, zu diskutieren. Unsere Gedanken trafen
sich, unsere Ansichten stimmten überein; kurz,
wir harmonierten vollkommen.
  Vielleicht war Diana tonangebend und füh-
rend in unserem Trio. Körperlich war sie mir
bei weitem überlegen; sie war schön, sie war
kräftig. Ihre außerordentliche Lebendigkeit er-
regte meine Bewunderung und versetzte mich
in Erstaunen. Ich konnte zu Beginn des Abends
wohl eine Zeitlang sprechen; doch rasch erlahm-
te meine anfängliche Lebhaftigkeit; und ich
mochte nur noch still zu Dianas Füßen sitzen,
meinen Kopf an ihre Knie lehnen und ihr und
Mary abwechselnd zuhören, während sie das
Thema, das ich nur oberflächlich gestreift hatte,
ausgiebig besprachen. Diana erbot sich, mich
Deutsch zu lehren. Ich arbeitete gern mit ihr.
Die Rolle der Lehrerin paßte zu ihr und gefiel
ihr nicht minder als mir die Rolle der Schülerin.
Unsere Naturen ergänzten sich so vollkommen,
daß zwischen uns eine tiefe, gegenseitige Zunei-
gung entstand. Als sie entdeckten, daß ich Talent
zum Zeichnen hatte, stellten sie mir ihre Stifte

439
und Malkästen zur Verfügung. Meine Begabung,
in diesem einen Punkt nur die ihre übertreffend,
erstaunte und entzückte sie. Mary konnte mir
stundenlang zuschauen, schließlich mußte ich
ihr Unterricht geben, und sie war die eifrigste,
gelehrigste und fleißigste Schülerin, die man sich
wünschen kann. So verflogen die Tage wie Stun-
den, die Wochen wie Tage.
  Das unmittelbare, natürliche Einvernehmen,
das mich mit seinen Schwestern verband, er-
streckte sich nicht auf Mr. St. John. Das lag zum
Teil wohl daran, daß er verhältnismäßig wenig
zu Hause war. Den größten Teil seiner Zeit
schien er dem Besuch der Armen und Kranken
in seiner weitverstreuten Gemeinde zu widmen.
Keine Witterung konnte ihn von seinen seel-
sorgerischen Ausflügen abhalten. Bei Regen oder
Sonnenschein zog er, sobald die Stunden seines
Morgenstudiums vorbei waren, von seines Va-
ters altem Jagdhund «Carlo» gefolgt, auf seinen
Missionsgang aus. Manchmal, wenn das Wetter
gar zu ungünstig war, wagten seine Schwestern
etwas einzuwenden. Mit einem ganz besonderen,
eher feierlichen als heiteren Lächeln entgegnete
er dann:
  «Und wenn ich mich von ein bißchen Regen
oder Wind schon von dieser leichten Pflicht ab-
bringen ließe, was wäre das wohl für eine Vor-
bereitung für die Zukunft, die ich mir gewählt
habe?»
  Diana und Mary pf legten darauf hin nur
schwer zu seufzen und verfielen in trauriges Sin-

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nen. Doch außer seiner häufigen Abwesenheit
stand einer Freundschaft zwischen uns noch an-
deres im Wege. Er schien sehr zurückhaltend,
in sich gekehrt, ja grüblerisch. In der Erfüllung
seiner Amtspflichten eifrig, untadelig in Lebens-
wandel und Gewohnheiten, schien er doch nicht
die geistige Heiterkeit, die innere Freudigkeit
eines wahren Christen und Menschenfreundes
zu genießen. Des Abends, wenn er an seinem
Pult beim Fenster saß, hörte er oft zu schreiben
auf und blickte, das Kinn auf die Hand gestützt,
ins Weite. Welcher Art seine Gedanken sein
mochten, konnte man nicht erraten, doch sprach
sein wechselnder Ausdruck dafür, daß sie oft be-
unruhigend und stürmisch waren.
  Auch die Natur beglückte ihn nicht so lebhaft
wie seine Schwestern. Ein einziges Mal hörte ich
aus seinem Munde etwas wie eine verhaltene,
tiefe Liebe zur heimatlichen Landschaft und
dem verwitterten väterlichen Dach. Es lag mehr
Kummer als Freude in seinem Ton, und nie
durchstreifte er das Moor, um in der Natur
Freude und Beruhigung zu finden.
  Da er so wenig mitteilsam war, verging ge-
raume Zeit, bevor ich sein wahres Wesen zu er-
gründen vermochte. Die erste Ahnung von sei-
nem Geist bekam ich, als ich ihn in seiner Kirche
zu Morton predigen hörte. Diese Predigt zu be-
schreiben, übersteigt leider mein Vermögen;
kaum kann ich den Eindruck, den sie auf mich
machte, getreulich wiedergeben.
  Äußerlich gleichmäßig im Vortrag, verriet

441
der Gang der Rede doch eine verhaltene Kraft,
einen strengen Eifer, der den Hörer ergriff und
in Staunen versetzte; doch alles klang bitter,
hart und unversöhnlich. Als er geendet hatte,
fühlte ich mich nicht etwa besser, getröstet und
erhoben, sondern tieftraurig; denn, so schien
es wenigstens mir, diese Beredsamkeit, die mich
so gefesselt hatte, entströmte aufgewühlten Tie-
fen unerfüllbarer Sehnsüchte, unersättlicher
Vorstellungen. Ich wußte nun, daß St. John
Rivers – untadelig, gewissenhaft und eifrig, wie
er war – den Frieden Gottes, welcher höher ist
denn alle Vernunft, noch nicht gefunden hatte;
ebensowenig wie ich selber in meiner verborge-
nen, aber unstillbaren Qual um mein verlorenes
Glück.
  Inzwischen war ein Monat verflossen. Diana
und Mary sollten Moor House bald verlassen
und zu ihrem ganz anderen Leben als Erziehe-
rinnen in eine große, südenglische Stadt zurück-
kehren; dort, in den reichen, hochmütigen Fa-
milien, fragte niemand nach ihren seelischen und
geistigen Werten. Sie waren einfach Unterge-
bene, deren Leistungen nicht mehr und nicht
weniger geschätzt wurden als die Tüchtigkeit
des Kochs oder der Geschmack der Zofe. Mr.
St. John hatte sich noch nie über die mir ver-
sprochene Anstellung geäußert, und doch wurde
es allmählich dringend notwendig, daß ich wie-
der irgendeine Arbeit fand. Eines Morgens, als
ich ein Weilchen mit ihm allein im Wohnzimmer
geblieben war, dessen kleiner Erker seine Studier-

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stube bildete, faßte ich mir ein Herz und trat auf
ihn zu. Ich wußte noch nicht, wie ich das Eis
brechen und mein Anliegen vorbringen sollte;
da kam er mir, mein zögerndes Näherkommen
bemerkend, zuvor:
  «Haben Sie etwas zu fragen?»
  «Ja, ich möchte wissen, ob Sie etwas von einer
passenden Stelle für mich gehört haben?»
  «Ich habe bereits vor drei Wochen etwas für
Sie gefunden oder ausgedacht; aber Sie schienen
mir hier so glücklich und so nützlich zu sein, und
meine Schwestern waren Ihnen so offenkundig
zugetan, daß ich die allgemeine Zufriedenheit
nicht stören mochte, bevor die Abreise meiner
Schwestern es notwendig machte.»
  «Und sie werden nun dieser Tage abreisen?»
  «Ja. Und wenn sie gegangen sind, kehre ich in
meine Gemeinde, nach Morton, zurück. Han-
nah wird mich begleiten, und dieses alte Haus
wird geschlossen.» Seine Gedanken schienen ab-
zuirren; ich wartete, aber er schien mich gänz-
lich vergessen zu haben.
  «Was für eine Anstellung hatten Sie für mich
im Auge, Mr. Rivers? Hoffentlich hat diese Ver-
zögerung keine Schwierigkeiten zur Folge.»
  «O nein, denn die Stelle hängt nur von mir und
von Ihnen ab.»
  Wieder zögerte er, und meine Ungeduld
wuchs und kam wortlos in Blicken und Bewe-
gungen zum Ausdruck.
  «Sie brauchen gar nicht so ungeduldig zu sein»,
fuhr er fort, «ich muß Ihnen gleich sagen, daß

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ich Ihnen nichts besonders Angenehmes oder
Günstiges vorzuschlagen habe. Erinnern Sie sich
bitte daran, daß ich Ihnen bereits sagte, ich
könne Ihnen höchstens helfen, wie der Blinde
dem Lahmen hilft. Ich bin arm; bis ich meines
Vaters Schulden abgetragen habe, wird mein
ganzer Reichtum in dieser baufälligen Hütte,
den paar krummen Kiefern, dem bißchen Moor
und Weideland bestehen. Die Welt weiß nichts
von mir, Rivers ist ein alter Name; doch von den
drei Nachkommen dieses Stammes müssen zwei
das Brot fremder Leute essen, und der dritte
fühlt sich als Fremdling im eigenen Land – nicht
nur im Leben, sondern auch im Tode. Ja, und
er rechnet es sich zur Ehre an und sehnt sich
nach dem Tage, da er von allen fleischlichen
Banden erlöst, das Kreuz auf sich nehmen wird
und das Haupt der streitbaren Kirche zu ihm
sagen wird: ‹Stehe auf und folge mir nach –›»
St. John sprach diese Worte mit ruhiger, tiefer
Stimme, wie er seine Predigten sprach.
  «Und da ich selbst arm und unbekannt bin»,
fuhr er fort, «kann ich Ihnen nur einen Dienst
in Armut und Verborgenheit bieten. Sie mögen
ihn sogar erniedrigend empfinden; denn ich
sehe, daß Sie, wie das die Welt nennt, verfeinerte
Gewohnheiten haben. Ihr Geschmack neigt zum
Idealen, und Sie sind in Gesellschaft gebildeter
Leute aufgewachsen. Ich selbst bin zwar der An-
sicht, daß keine Arbeit erniedrigend sein kann,
die dazu angetan ist, unsere Mitmenschen zu
bessern. Je dürrer und wilder der Boden, je spär-

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licher der Lohn, desto größer auch die Ehre für
den christlichen Kämpfer. Er ist wie ein Pionier,
und die ersten Pioniere des Evangeliums waren
die Apostel; ihr Anführer aber der Heiland
selbst.»
  «Und?» warf ich ein, als er wiederum schwieg,
«fahren Sie fort.»
  Er sah mich lange prüfend an und meinte
dann abschließend:
  «Ich glaube, Sie werden den Posten annehmen
und ihn eine Zeitlang ausfüllen; nicht für immer,
genau so wenig, wie ich auf die Dauer das ver-
borgene, enge und beengende Amt eines engli-
schen Landpfarrers aushalten könnte; denn in
Ihrer Natur liegt ebensoviel Unrast wie in
meiner, nur aus anderen Gründen.»
  «Erklären Sie doch …» drängte ich.
  «Das will ich tun, und Sie werden gleich sehen,
wie wenig glänzend und verlockend mein Vor-
schlag ist. Ich selbst werde nun, nachdem mein
Vater tot ist, nicht mehr lange in Morton blei-
ben, kaum noch ein Jahr; so lange aber werde ich
mein möglichstes tun, um Gutes zu wirken. Als
ich herkam, vor zwei Jahren, besaß Morton
keine Schule, die Kinder armer Leute waren von
jedem Fortschritt ausgeschlossen. Ich eröffnete
eine Knabenschule und will nun eine für Mäd-
chen auftun. Zu dem Zweck habe ich ein kleines
Haus mit zwei Zimmern für die Lehrerin ge-
mietet. Sie wird etwa dreißig Pfund im Jahr be-
kommen. Das Häuschen ist, wenn auch sehr ein-
fach, bereits eingerichtet; durch die Freundlich-

445
keit einer Dame, Miss Oliver, der einzigen Toch-
ter des einzigen reichen Mannes in meiner Ge-
meinde. Mr. Oliver ist der Inhaber der Nadel-
fabrik und Eisengießerei des Tales. Die Dame
bestreitet auch die Erziehungskosten eines
Waisenkindes unter der Bedingung, daß es der
Lehrerin die kleinen Hausgeschäfte abnimmt.
Eine Lehrerin hat genug anderes zu tun. Wollen
Sie die Lehrerin sein?»
  Er brachte die Frage ziemlich plötzlich vor,
und es war, als erwarte er eine empörte oder zu-
mindest verächtliche Absage. Da er meine Ge-
danken und Gefühle nicht kannte, höchstens
zum Teil erriet, konnte er ja nicht wissen, in
welchem Lichte mir sein Anerbieten erscheinen
würde. Gewiß, es war eine bescheidene Stellung;
aber sie bot mir Schutz, und das war mir fürs
erste das Wichtigste. Leicht war sie auch nicht,
aber verglichen mit der Stellung einer Erzieherin
in reichem Hause zumindest unabhängig; nichts
fürchtete ich mehr, als bei Fremden dienen zu
müssen. Was sich mir bot, war weder entehrend
noch geistig erniedrigend. Ich faßte meinen Ent-
schluß.
  «Ich danke Ihnen für Ihren Vorschlag, Mr.
Rivers; ich nehme ihn von ganzem Herzen
an.»
  «Aber Sie haben mich recht verstanden?» fragte
er, «es handelt sich um eine Dorfschule. Ihre
Schülerinnen werden nur arme Mädchen sein,
Kinder von Taglöhnern, bestenfalls Pächters-
kinder. Stricken, Nähen, Lesen, Schreiben,

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Rechnen, mehr können Sie ihnen nicht bei-
bringen. Was wird aus all Ihren Fähigkeiten?
Was wird aus Ihrem Geist? Ihren Gefühlen,
Ihren Neigungen?»
  «Die spare ich für später auf; sie halten sich.»
  «Dann machen Sie sich also klar, was Sie unter-
nehmen?»
  «Vollkommen.»
  Nun lächelte er, nicht bitter oder traurig wie
sonst, sondern erfreut und zufrieden.
  «Und wann werden Sie Ihr Amt antreten?»
fragte ich.
  «Morgen kehre ich in mein Haus zurück. Wenn
es Ihnen recht ist, können wir nächste Woche die
Schule eröffnen.»
  «Gut; es soll mir recht sein.»
  Er wanderte im Zimmer auf und ab. Plötzlich
blieb er stehen, sah mich aufmerksam an und
schüttelte den Kopf.
  «Was gibt’s, Mr. Rivers?»
  «Sie werden nicht lange in Morton bleiben,
nein, nein!»
  «Warum nicht? Wie kommen Sie darauf?»
  «Ich lese es in Ihren Augen; die sehen nicht
so aus, als ob sie sich lange mit einem so ein-
tönigen Leben zufriedengeben könnten.»
  «Ich bin nicht ehrgeizig.»
  Bei dem Wort «ehrgeizig» zuckte er zusam-
men. «Nein, wie kommen Sie auf Ehrgeiz? Wer
ist ehrgeizig? Ich weiß, daß ich es bin; aber wie
haben Sie das herausgefunden?»
  «Ich sprach von mir.»

447
  «Nun, wenn Sie nicht ehrgeizig sind, dann sind
Sie –», er hielt inne.
  «Was?»
  «Ich wollte sagen: leidenschaftlich; aber das
würden Sie vielleicht mißverstehen und sich
gekränkt fühlen. Ich meine, daß menschliche
Sympathien und Bindungen bei Ihnen eine große
Rolle spielen. Sie können sich bestimmt nicht
lange damit abfinden, Ihre Mußestunden in
Einsamkeit zu verbringen und ihre Kraft in ein-
töniger Arbeit auszugeben – ebensowenig», fügte
er sich ereifernd hinzu, «wie ich es ertrage, in
diesem Moor begraben zu leben, gegen meine
Natur und in der Unmöglichkeit, meine gott-
gegebenen Fähigkeiten zu verwerten. Merken
Sie, wie ich mir selbst widerspreche? Ich predige
Zufriedenheit auch in der demütigsten Arbeit
im Dienste Gottes, und ich, sein geweihter Die-
ner, komme fast um vor Unrast. Ja, irgendwie
muß man Neigungen und Grundsätze in Ein-
klang zu bringen versuchen.»
  Er ging aus dem Zimmer. In dieser kurzen
Stunde hatte ich mehr über ihn erfahren als im
ganzen vorangegangenen Monat; dennoch blieb
er mir ein Rätsel.
  Je näher der Tag des Abschieds kam, desto
trauriger wurden Diana und Mary. Sie versuch-
ten, sich zusammenzunehmen; aber es fiel ihnen
schwer. Noch nie war ihnen die Trennung so
bitter gewesen; denn was St. John anbetraf, wür-
den sie sich wohl für lange Jahre Lebewohl sagen
müssen, wenn nicht für immer.

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  «Er wird seinen langgehegten Plänen alles
opfern», klagte Diana, «unsere Liebe und ande-
res. Weißt du, Jane, St. John scheint nur so
ruhig; aber in ihm brennt ein geheimes Feuer.
Er scheint fast sanft; aber in gewissen Dingen ist
er unerbittlicher als der Tod. Das Schlimmste
ist, daß ich nicht wage, ihn von seinem Vorhaben
abzubringen. Ich kann seinen Entschluß nicht
mißbilligen, er ist groß, edel, christlich; aber es
bricht mir das Herz.» Tränen stürzten ihr aus
den Augen, und auch Mary beugte sich tiefer
über ihre Arbeit.
  «Wir haben schon keinen Vater mehr; bald
werden wir ohne Bruder und heimatlos sein.»
  Ein Unglück kommt selten allein, sagt das
Sprichwort. St. John trat, einen Brief lesend, zu
uns ins Zimmer.
  «Unser alter Onkel John ist gestorben», sagte
er.
  Die Schwestern blickten betroffen auf. Die
Nachricht schien mehr wichtig als betrüblich.
  «Gestorben?» wiederholte Diana.
  «Ja.»
  Fragend heftete sie den Blick auf des Bruders
Gesicht. «Und?» fragte sie leise.
  «Was ‹und›, Diana?» gab er unbeweglich zu-
rück. «Und? – Nichts. Lies!»
  Er warf ihr den Brief in den Schoß. Sie über-
flog ihn und reichte ihn Mary. Auch Mary las
ihn schweigend und gab ihn ihrem Bruder zu-
rück. Sie sahen sich alle drei traurig und ge-
dankenvoll lächelnd an.

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  «Amen! Wir können doch leben», sagte Diana
schließlich.
  «Jedenfalls sind wir nicht schlimmer dran als
vorher», bemerkte Mary.
  «Nein, man kann nur nicht umhin, sich aus-
zumalen, was hätte sein können.»
  St. John verschloß den Brief in seinem Pult
und ging hinaus. Wir verharrten lange Zeit in
Schweigen, endlich wandte sich Diana an
mich.
  «Sie werden sich über unsere Geheimnistuerei
wundern, Jane, und uns womöglich für gefühllos
halten, daß uns der Tod eines Onkels nicht näher
zu Herzen geht. Aber wir haben ihn nie gekannt.
Es war der Bruder meiner Mutter. Er und mein
Vater bekamen vor vielen Jahren Streit mitein-
ander; mein Vater hatte, seinem Rat folgend,
den größten Teil seines Vermögens in eine Speku-
lation gesteckt, die fehlschlug und ihn ruinierte.
Es gab böse Worte, und sie schieden unversöhnt.
Mein Onkel hatte später mehr Glück. Er scheint
ein Vermögen von etwa zwanzigtausend Pfund
erworben zu haben. Er blieb unverheiratet, und
wir waren seine nächsten Verwandten, wir und
noch jemand, der auch nicht näher mit ihm ver-
wandt ist. Mein Vater hatte immer gehofft, er
werde seinen Fehler wieder gutmachen, indem
er uns sein Vermögen hinterließe; nun teilt der
Brief uns mit, daß er diesem anderen Verwand-
ten sein gesamtes Vermögen vererbt hat; mit
Ausnahme von dreißig Guineen für John, Mary
und mich, womit wir drei Gedenkringe kaufen

450
sollen. Es stand ihm natürlich frei, über sein
Eigentum zu verfügen; aber im ersten Augen-
blick bedrückt einen eine solche Nachricht doch.
Mary und ich wären uns schon reich vorgekom-
men, wenn wir jede auch nur tausend Pfund
erhalten hätten; und St. John hätte mit einer
solchen Summe unendlich viel Gutes tun kön-
nen.»
  Wir kamen nach diesen Erklärungen nicht
mehr auf die Angelegenheit zurück. Anderntags
zog ich nach Morton; Diana und Mary reisten
wieder nach der fernen Stadt. Eine Woche später
kehrten auch Mr. Rivers und Hannah ins Pfarr-
haus zurück, und das alte, liebe Haus stand ver-
lassen.

31

Mein Heim war nun also ein Häuschen, be-


stehend aus einem kleinen Zimmer zu ebener
Erde mit weißgetünchten Wänden und sand-
bestreutem Boden, vier gestrichenen Stühlen,
einem Tisch, einer Wanduhr, einem Speise-
schrank mit einigen Tellern und Schüsseln und
einfachem Teegeschirr. Im Stockwerk darüber
war ein ebenso großer Raum mit einem Bett-
gestell und einer Kommode aus Tannenholz,
welche, so klein sie war, mit meinen kargen
Habseligkeiten nicht annähernd gefüllt werden
konnte, obwohl meine guten, großzügigen
Freunde mir manches Stück zur Ergänzung ge-
geben hatten.

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  Es war Abend. Meine kleine Hilfe, das Wai-
senkind, hatte ich mit einer Orange als Beloh-
nung entlassen, und nun saß ich allein am Ka-
min. Die Dorfschule war am Morgen eröffnet
worden: zwanzig Schülerinnen, wovon nur drei
lesen konnten, keine einzige schreiben oder rech-
nen; mehrere wußten mit Stricknadeln, ein paar
auch mit Nähnadeln umzugehen. Ihr breiter
Dialekt erschwerte die Verständigung. Manche
von ihnen waren unmanierlich, grob und völlig
unwissend, andere dagegen brav und sichtbar
bestrebt, etwas zu lernen. Ich wollte nicht ver-
gessen, daß diese schlechtgekleideten Landkin-
der aus dem gleichen Fleisch und Blut waren wie
die Sprößlinge altadliger Häuser, und daß die
Keime des Guten und Schönen in ihren Herzen
ebenso vorhanden sein konnten wie in denen von
Kindern der vornehmsten Geburt. Diese Keime
aufzuspüren und zu entwickeln, sollte meine
Aufgabe sein, eine Aufgabe, die mir gewiß Be-
friedigung bringen würde. Sehr viel Freude er-
wartete ich allerdings nicht von dem bevor-
stehenden Leben; aber bei einiger Selbstdiszi-
plin sollte mir daraus doch genügend Kraft
erwachsen, um einen Tag nach dem anderen
davon zu leben.
  Ich hatte mich aber während der Schulstun-
den an jenem ersten Tage alles andere als heiter
und zuversichtlich gefühlt; mir wollte törichter-
weise scheinen, ich habe mich erniedrigt. Die
Unwissenheit, Armut und Roheit, die mir aus
allem entgegentrat, bedrückte und entsetzte

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mich; doch machte ich mir die Ungerechtigkeit
meiner Empfindungen klar und nahm mir vor,
mit aller Kraft dagegen anzukämpfen und sie,
vielleicht schon in wenigen Wochen, ganz zu
überwinden. In einigen Monaten würde viel-
leicht die Freude über die Fortschritte meiner
Schutzbefohlenen schon überwiegen und aller
Widerwille endgültig niedergekämpft sein.
  Ich konnte nicht umhin, mir die Frage vor-
zulegen, was besser sei: der Versuchung nach-
gegeben zu haben und als Mr. Rochesters Ge-
liebte, von seiner Liebe berauscht, jetzt irgend-
wo im Süden Frankreichs ein herrliches und
doch wieder von Scham und Reue getrübtes Le-
ben zu führen, oder in einem windüberwehten
Bergnest im Herzen Englands als einfache Dorf-
schullehrerin frei und ehrlich mein Dasein zu
fristen. Und ich gab mir selbst die Antwort, daß
es gut war, so, wie es war, und daß ich der Vor-
sehung trotz allem dankbar sein mußte.
  Aus diesen abendlichen Betrachtungen raffte
ich mich auf und trat vor meine Türe, um den
Frieden des Sonnenuntergangs über den ernte-
reifen Feldern in mich aufzunehmen. Die Vögel
sangen ihre letzten Lieder, ich wähnte mich
glücklich und war überrascht, als ich merkte,
daß Tränen mir über die Wangen liefen. Warum?
Ach, weil mich das Schicksal von meinem ge-
liebten Herrn losgerissen, den ich nun nie mehr
sehen würde, der mir nun zürnte und in seiner
Verzweiflung vielleicht längst auf böse Wege ge-
raten war. Bei diesem Gedanken wandte ich

453
mich ab vom lieblichen Abendhimmel und dem
einsamen Tale von Morton – einsam, weil die
Schule weitab vom Dorfe lag –, ich bedeckte
meine Augen mit der Hand und lehnte meinen
Kopf an den steinernen Türpfosten. Doch bald
ließ mich ein leises Geräusch am Gartenzaun
aufblicken. Carlo, Mr. Rivers Jagdhund, stieß
das Pförtchen mit der Schnauze auf und drängte
sich herein, während St. John selbst am Gitter
lehnte, seinen Blick besorgt, fast unwillig auf
mich geheftet. Ich bat ihn, einzutreten.
  «Nein, ich kann mich nicht aufhalten, ich brin-
ge Ihnen nur ein Päckchen, das meine Schwe-
stern für Sie hinterlassen haben; ich glaube, es
enthält Zeichenpapier, Stifte und Farben.»
  Ich ging ihm entgegen, um die willkommene
Gabe in Empfang zu nehmen. Er schien mich
fast streng zu mustern; noch waren wohl die
Spuren meiner Tränen sichtbar.
  «Ist Ihnen der erste Tag schwerer gefallen, als
Sie dachten?» fragte er.
  «O nein, im Gegenteil; ich glaube, mit der Zeit
werde ich mit meinen Schülerinnen ganz gut
auskommen.»
  «Aber vielleicht hat Sie das Häuschen und seine
Einrichtung enttäuscht? Es ist ja tatsächlich alles
recht ärmlich; aber –»
  Ich unterbrach ihn: «Das Häuschen ist sauber
und wasserdicht, die Einrichtung zulänglich und
bequem. Ich bin für alles dankbar und keines-
wegs enttäuscht. So töricht bin ich denn doch
nicht, daß ich Teppiche, Sofa oder Silberzeug

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vermissen würde; außerdem besaß ich ja vor
knapp fünf Wochen überhaupt nichts – da war
ich eine Bettlerin, eine Landstreicherin. Heute
habe ich befreundete Menschen, ein Heim, eine
Tätigkeit. Ich kann nur staunen über Gottes
Güte, die Freigebigkeit meiner Freunde und
mein glückliches Los. Ich habe keinen Grund,
zu klagen.»
  «Aber Sie fühlen sich einsam, bedrückt? Das
kleine Haus da ist leer und dunkel.»
  «Ich habe noch gar keine Zeit gehabt, meine
Ruhe recht zu genießen, geschweige denn Ein-
samkeit zu verspüren.»
  «Um so besser; ich hoffe, Sie sind wirklich zu-
frieden, wie Sie sagen. Jedenfalls wird Ihr Ver-
stand Sie davor bewahren, es Lots Weib gleich-
zutun. Ich weiß nicht, was Sie hinter sich gelas-
sen hatten, als ich Sie traf; aber ich rate Ihnen,
jeder Versuchung, zurückzublicken, zu wider-
stehen. Gehen Sie auf dem eingeschlagenen Weg
vorwärts, wenigstens ein paar Monate lang.»
  «Das habe ich auch vor», warf ich ein.
  «Es fällt uns nicht leicht, unsere natürlichen
Neigungen zu beherrschen; aber ich weiß aus
Erfahrung, daß es möglich ist. Gott hat uns die
Freiheit gegeben, bis zu einem gewissen Grade
unser Schicksal selbst zu bestimmen, und wenn
wir zuzeiten Dinge wünschen, die wir nicht be-
kommen können, oder Wege gehen möchten, die
uns verboten sind, dann brauchen wir weder zu
verhungern noch zu verzweifeln; wir müssen nur
unseren Geist anderen Dingen zuwenden, stär-

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keren, reineren als die, welche uns versagt sind,
und uns einen anderen, geraderen, vielleicht
schwereren Weg bahnen als den, der uns verlockt.
  Vor einem Jahr war ich selbst todunglücklich,
weil ich glaubte, mich in der Wahl meines Beru-
fes getäuscht zu haben; die eintönigen Pflichten
der Seelsorge drückten mich zu Boden. Ich sehn-
te mich nach Leben, nach Tätigkeit – ich hätte
Schriftsteller, Redner, Künstler sein mögen,
alles, nur nicht Geistlicher. In mir war, tief ver-
borgen, ein großes Verlangen nach Glanz und
Ruhm, mein Leben schien mir so elend; mich
dünkte, wenn es sich nicht ändere, müsse ich zu-
grunde gehen. Nach einer langen Zeit der Fin-
sternis und des Kampfes siegte das Licht, und
die Erlösung kam. Mein enges Dasein weitete
sich plötzlich ins Unermeßliche, und ich er-
kannte, daß Gott eine Sendung für mich hatte,
die zu ihrer Erfüllung alles von mir verlangte,
was ungenützt in mir lag: Kraft und Mut, Ge-
schicklichkeit und Beredsamkeit, alle Gaben
eines Soldaten, eines Staatsmannes, eines Red-
ners – denn dies alles muß in einem guten Mis-
sionar zusammenwirken. Und ich beschloß,
Missionar zu werden. Von Stund’ an war mein
Wesen von allen Fesseln befreit; die Wunden,
die sie mir schlugen, wird die Zeit heilen. Mein
Vater widersetzte sich zwar meinem Entschluß;
aber nun er tot ist, ist kein berechtigtes Hinder-
nis mehr vorhanden. Sobald ich meine Angele-
genheiten geregelt, einen Nachfolger eingeführt
und einige gefühlsmäßige Bindungen gelöst ha-

456
be, werde ich Europa verlassen und mich nach
dem Osten aufmachen.»
  Er sagte dies alles in dem ihm eigenen, be-
herrschten und doch so eindringlichen Ton, und
als er geendet hatte, sah er nicht mich an, son-
dern blickte hinaus in die sinkende Sonne. Wir
wandten beide dem kleinen Feldweg den Rük-
ken, wir hörten keine Schritte herankommen;
das Murmeln des nahen Baches allein erfüllte
die abendliche Stille. Wir schraken daher zu-
sammen, als eine silberhelle Stimme plötzlich
rief:
  «Guten Abend, Mr. Rivers, und guten Abend,
mein guter, alter Carlo, Ihr Hund erkennt seine
Freunde schneller als Sie! Er spitzte schon die
Ohren und wackelte mit dem Schwanz, als ich
noch am anderen Ende des Feldes war, und Sie
drehen mir jetzt noch den Rücken zu!»
  Tatsächlich war Mr. Rivers beim ersten Ton
dieser Stimme wie vom Donner gerührt zusam-
mengefahren, dann aber verharrte er unbeweg-
lich, den Blick nach Westen gerichtet. Nun
wandte er sich gemessen um, und mir war, als
sei eine Erscheinung neben ihm aufgetaucht, so
anmutig war die zarte, weißgekleidete Gestalt,
die ich erblickte. Sie hatte sich gebückt, um
Carlo zu streicheln, und als sie sich aufrichtete
und ihren langen Schleier zurückwarf, wurde
ein Antlitz von reinster, klarster Schönheit sicht-
bar. Über dem ganzen begnadeten Geschöpf lag
ein unbeschreiblicher Adel.
  Was dachte wohl St. John Rivers von diesem

457
auf Erden wandelnden Engel? Er hatte seinen
Blick schon von dem schönen Mädchen abge-
wandt und schien in den Anblick einiger beschei-
dener Gänseblümchen vertieft, die zu seinen
Füßen blühten. «Ein schöner Abend; aber reich-
lich spät für Sie, um allein draußen zu sein»,
sagte er, und dabei zertrat sein schwerer Fuß die
weißen Blümchen.
  «Ach, ich bin erst heute nachmittag aus der
Stadt zurückgekommen. Papa erzählte mir, daß
Sie die Schule eröffnet haben und daß die neue
Lehrerin gekommen ist, und da bin ich nach
dem Tee schnell hergelaufen, um sie zu begrü-
ßen. Ist sie das?»
  «Ja, das ist sie.»
  «Glauben Sie, daß Ihnen Morton gefallen
wird?» wandte sie sich direkt und fast kindlich
fragend an mich.
  «Ich glaube wohl!»
  «Haben Sie Ihre Schülerinnen so aufmerksam
gefunden, wie Sie erwarteten?»
  «Ja.»
  «Gefällt Ihnen Ihr Haus?»
  «Sehr.»
  «Habe ich es nett eingerichtet?»
  «Ganz reizend.»
  «Und Alice Wood als kleines Hausmädchen
gut gewählt?»
  «Das haben Sie; die Kleine ist gelehrig und
geschickt.»
  Das ist also Miss Oliver, die reiche Erbin,
dachte ich. Alle Gaben des Reichtums und der

458
Schönheit schienen in ihr vereint; sie mußte
unter einem guten Stern geboren sein.
  «Ich werde manchmal kommen und Ihnen im
Unterricht helfen, das wird mir ein wenig Ab-
wechslung verschaffen. Ach, Mr. Rivers, ich
habe mich so gut amüsiert in der Stadt. Vergan-
gene Nacht habe ich bis zwei Uhr getanzt. Die
Offiziere von der Garnison sind die nettesten
Menschen von der Welt; sie stellen alle Ihre
Scherenschleifer und Messerschmiede in den
Schatten.»
  Mr. St. John preßte die Lippen fest zusammen.
Der Blick, den er von den zertretenen Gänse-
blümchen hob und ihr zuwandte, war ernst, for-
schend und fragend. Sie antwortete wieder mit
ihrem fröhlichen Lachen. Als er in Schweigen
verharrte, beugte sie sich wieder zu dem Hund
nieder und streichelte ihn. «Der gute Carlo liebt
mich», sagte sie, «er ist nicht so streng und fremd
mit seinen Freunden; er würde nicht schweigen,
wenn er sprechen könnte.»
  St. John errötete bei diesen Worten, und in
seinen Augen flammte es auf. Die Erregung ver-
schönte ihn so, daß er als Mann kaum weniger
anziehend war als das bezaubernde Mädchen.
Er atmete tief, etwas in ihm schien sich aufzu-
bäumen; doch im nächsten Augenblick hatte er
sich wieder in der Gewalt. Mit keinem Wort,
mit keiner Bewegung ging er auf ihre Anspielun-
gen ein.
  «Vater beklagte sich, daß Sie uns nie besuchen
kommen», fuhr Miss Oliver zu ihm aufblickend

459
fort. «Sie sind fast ein Fremder in Vale Hall. Er
ist heute abend nicht wohl und ganz allein, wol-
len Sie mit mir heimkommen und ihn besuchen?»
  «Die Stunde ist nicht geeignet für einen Besuch.»
  «Nicht geeignet?, ich finde doch. Es ist genau
die Zeit, da Papa am allerliebsten Gesellschaft
hat, nach Geschäftsschluß. Kommen Sie doch,
Mr. Rivers, warum sind Sie so zurückhaltend
und finster?» Und da er nicht antwortete, fügte
sie rasch hinzu:
  «Verzeihen Sie, ich bin zu gedankenlos! Ich
vergaß, daß Sie ja allen Grund haben, still und
traurig zu sein: Diana und Mary sind abgereist,
Moor House ist verschlossen, und Sie sind so ein-
sam. Ich bedaure Sie unendlich. Bitte, kommen
Sie Papa besuchen!»
  «Nicht heute abend, Miss Rosamond, nicht
heute abend!»
  Mr. St. John sprach wie ein Automat. Er allein
mochte wissen, wieviel Mühe es ihn kostete.
  «Nun, wenn Sie so dickköpfig sind, werde ich
gehen. Guten Abend.» Sie streckte ihm ihre Hand
entgegen, die er nur leicht berührte. «Guten
Abend», wiederholte er leiser, wie ein Echo. Sie
wandte sich zum Gehen; doch kehrte sie gleich
wieder um.
  «Fehlt Ihnen etwas?» fragte sie. Sie hatte wohl
Grund, so zu fragen: sein Gesicht war so weiß
wie ihr Kleid.
  «Mir fehlt nichts», antwortete er, verbeugte
sich und verließ das Gartentor. Sie nahm den
einen Weg, er den anderen. Zweimal hemmte sie

460
ihren leichten Gang durch die Felder, um sich
nach ihm umzusehen, aber er ging unbeirrbar
seines Weges.
  Was ich hier an fremden Leiden und Opfern
miterlebte, lenkte mich von meinem eigenen
Kummer ab. «Unerbittlicher als der Tod», hatte
Diana Rivers einmal von ihrem Bruder gesagt;
sie hatte nicht übertrieben.

32

So gewissenhaft und pünktlich wie möglich


setzte ich meine Tätigkeit als Dorfschullehrerin
fort. Im Anfang war es nicht leicht; geraume
Zeit verging, ehe ich meine Schülerinnen und
ihre Eigenart besser verstehen lernte. Ich hatte
die Mädchen, die alle gleich unwissend waren,
auch alle für gleich dumm gehalten; darin aber
hatte ich mich geirrt. Nachdem das erste Be-
fremden über mich, meine Sprache und meine
Anforderungen gewichen war, entwickelten sich
einige dieser Mädchen als ganz gewitzte, einige
sogar als liebenswerte und vielfach begabte Ge-
schöpfe. Sie machten in jeder Beziehung rasche
Fortschritte; einige der älteren kamen so weit,
daß ich ihnen auch Grammatik, Geographie und
Geschichte geben konnte. Es entspannen sich
fast freundschaftliche Beziehungen; manchmal
verbrachte ich den Abend bei diesen oder jenen
Eltern, Pächtersleuten, die mir mit freundlicher
Achtung begegneten. Dankbarkeit und Freude

461
bekamen in mir die Oberhand über die anfäng-
liche Verzagtheit, und ich genoß mein ruhiges
und nützliches Dasein. Dennoch wurde ich häu-
fig des Nachts von Träumen heimgesucht, die
voller Aufregung und romantischer Abenteuer
waren; immer wieder wähnte ich mich an Mr.
Rochesters Seite und kostete die Wonne seiner
Liebe und Zärtlichkeit, hörte seine Stimme,
fühlte seine Hand in meiner, seine Wange an
meiner, und die Hoffnung, mein Leben in seiner
Nähe zu verbringen, erfüllte mich mit alter
Kraft und Glut. Wenn ich dann erwachte, über-
fiel mich die Wirklichkeit doppelt unbarmherzig.
Zitternd richtete ich mich in meinem Bette auf,
und die stille Nacht war Zeuge meiner wilden
Verzweiflung und Leidenschaft. Am nächsten
Morgen aber war ich wieder pünktlich um neun
Uhr im Klassenzimmer und nahm die Pflichten
des Tages auf mich.
  Rosamond Oliver hielt Wort und kam oft auf
ihrem Morgenritt zu Besuch in die Schule. Mei-
stens kam sie zu der Stunde, da Mr. Rivers Reli-
gionsunterricht gab. Er schien ihr Kommen
schon von weitem zu ahnen; noch bevor sie die
Schwelle überschritten hatte, stieg tiefe Röte in
sein Gesicht, und seine strengen Züge drückten
die heftigste Gemütsbewegung aus. Miss Oliver
durchschaute ihn und kannte ihre Macht. Auch
in meinem Häuschen beehrte sie mich hin und
wieder mit ihren Besuchen; sie hatte augen-
scheinlich eine gewisse Zuneigung zu mir gefaßt,
und auch ich liebte dieses etwas oberflächliche,

462
aber keineswegs herzlose, offene und heitere Ge-
schöpf. Sie war klug und bildete sich auf den
Reichtum ihres Vaters nichts ein.
  Sie fand, ich gleiche Mr. Rivers, obwohl ich
nicht «ein Zehntel» so hübsch sei wie er, aber ich
sei doch eine gute kleine Seele; Mr. Rivers aber
sei ein Engel. Auch war sie überzeugt, daß ich
nicht zur Dorfschullehrerin geboren und daß
meine Vergangenheit bestimmt sehr romantisch
gewesen sei.
  Eines Abends, als sie in ihrer gewohnten un-
gezwungenen Art in meinen Schubladen herum-
stöberte, entdeckte sie zwei französische Bücher,
einen Band Schiller, eine deutsche Grammatik
und schließlich auch meine Stifte und einige
Skizzen, darunter die Kreidezeichnung eines
Mädchenkopfes. Zuerst war sie ganz starr, doch
bald brach sie in helles Entzücken aus. Sie wollte
wissen, ob ich Deutsch könne, ob die Zeichnun-
gen von mir seien, und fand mich wunderbar.
Schließlich bat sie mich, ihr Porträt zu zeichnen
für ihren Vater.
  Gern sagte ich zu, beglückt, ein solch bezau-
berndes Modell vor mir zu haben; ich skizzierte
unverzüglich die Umrisse; aber da es schon zu
spät war und ich das Blatt kolorieren und sorg-
fältig ausarbeiten wollte, bat ich sie, mir noch
ein anderes Mal zu sitzen.
  Anderntags brachte sie ihren Vater mit, dem
sie in den wärmsten Worten von mir berichtet
hatte und der wohl stolz und wortkarg, aber
sehr freundlich zu mir war; die Skizze zu Rosa-

463
monds Porträt gefiel ihm ausnehmend, und er
wünschte, daß ich sie ausarbeite. Er lud mich
zum nächsten Abend nach Vale Hall ein.
  Ich leistete der Einladung Folge; Rosamond
war den ganzen Abend in heiterster Laune. Ihr
Vater unterhielt sich auf liebenswürdigste Weise
mit mir und meinte, nach allem, was er sehe,
erscheine ich ihm doch zu gut für meine jetzige
Stellung, und ich würde sie wohl bald mit einer
besseren vertauschen. Aber Rosamonds Ansicht,
ich sei klug und gebildet genug, um in einem
großen Hause Erzieherin zu sein, vermochte
mich nicht zu begeistern.
  Mr. Oliver sprach mit großer Achtung von
Mr. Rivers und der Familie Rivers, die eine der
ältesten im Lande sei; ihren Vorfahren habe
ganz Morton gehört, der Name zähle auch heute
noch, da sie verarmt waren, zu den besten, und
sein Träger könne, wann immer er wolle, eine
Verbindung mit jedem noch so guten Hause ein-
gehen. Er fand es sehr bedauerlich, daß ein so
feiner und geistvoller Mensch als Missionar aus-
ziehen wolle; das hieße ein wertvolles Leben
wegwerfen. Es war klar, daß Rosamonds Vater
einer Verbindung seiner Tochter mit St. John
kein Hindernis in den Weg legen würde.
  Es war der fünfte November und ein freier
Tag. Ich hatte mit meiner kleinen Magd das
Häuschen blitzblank geputzt und, nachdem sie
mit einem Penny als Belohnung beglückt ab-
gezogen war, auch mich selbst frisch angezogen,
um den freien Nachmittag festtäglich zu be-

464
gehen. Nach einer deutschen Übersetzung, die
mich etwa eine Stunde in Anspruch nahm, griff
ich zu Pinsel und Palette, um Rosamonds Por-
trät zu beenden. Der Kopf war bereits soweit
fertig; es blieben nur noch ein paar kleine Ver-
besserungen zu machen, etwas Rot auf die reifen
Lippen, ein leichtes Licht ins Haar, ein tieferer
Schatten um die Augenlider. Ich war mit der
liebevollen Behandlung dieser Einzelheiten be-
schäftigt, als sich, nach kurzem Klopfen, die Tür
auftat und St. John Rivers eintrat.
  «Ich komme nachsehen, wie Sie Ihren freien
Nachmittag zubringen», sagte er. «Hoffentlich
nicht mit Grübeln? Nein? Das ist gut; solange
Sie zeichnen, werden Sie sich nicht vereinsamt
vorkommen. Wissen Sie, ich mißtraue Ihnen
noch ein wenig, obwohl Sie sich bisher wunder-
voll gehalten haben. Ich habe Ihnen auch ein
Buch zur Unterhaltung mitgebracht.»
  Während ich es eifrig durchblätterte, beugte
sich St. John über meine Malerei; einen Augen-
blick nur; dann richtete er sich mit einem Ruck
auf. Er sprach kein Wort. Ich suchte seinen Blick,
aber er wich mir aus. Ich wußte, was er dachte,
und konnte in seinem Herzen lesen, und da ich
in jenem Augenblick ruhiger und kühler war als
er, fühlte ich mich ihm überlegen; ich wünschte,
ihm irgendwie helfen zu können.
  Er mutet sich mit all seiner Selbstbeherr-
schung zu viel zu, dachte ich; es würde ihm
sicher guttun, einmal über diese süße Rosamond
zu sprechen, die zu heiraten er sich versagt.

465
  «Setzen Sie sich doch, Mr. Rivers», bat ich;
aber er lehnte ab, wie immer. «Finden Sie dieses
Porträt ähnlich?» fragte ich daraufhin ohne
Umschweife und fest entschlossen, ihn zum
Reden zu bringen.
  «Ähnlich? Wem? Ich habe es nicht näher be-
trachtet.»
  «Doch, doch haben Sie das, Mr. Rivers.»
  Er sah mich erstaunt an, aber so leichten
Kaufs wollte ich ihn nicht freigeben. «Sie haben
es ganz genau betrachtet; aber bitte, sehen Sie
es nochmals näher an», sagte ich und reichte ihm
das Blatt.
  «Sehr gut ausgeführt», gab er zu, «sehr weiche,
klare Farben, graziös und korrekt gezeichnet.»
  «Ja, ja, das weiß ich alles. Aber die Ähnlich-
keit? Wen stellt es dar?»
  «Miss Oliver, nehme ich an.» Die Antwort kam
zögernd, fast widerwillig.
  «So ist es. Und zur Belohnung dafür, daß Sie
es so schön erraten haben, verspreche ich Ihnen
eine naturgetreue Kopie von diesem Bilde, so-
fern Ihnen die Gabe angenehm ist. Ich möchte
meine Zeit nicht an etwas vergeuden, das dann
möglicherweise nicht geschätzt wird.»
  Sein Blick war auf das Bild geheftet; je länger
er es betrachtete, desto fester hielt er es in der
Hand, als sei er mehr und mehr davon gefesselt.
  «Es ist ähnlich», murmelte er, «das Auge ist gut
getroffen: Farbe, Licht, Ausdruck sind voll-
kommen; es lächelt!»
  «Wäre es Ihnen tröstlich oder schmerzlich, eine

466
Kopie davon zu haben? Sagen Sie mir das.
Wenn Sie dann in Madagaskar oder am Kap
oder in Indien sind, würde es Ihnen einen Trost
bedeuten, diese Erinnerung zu besitzen, oder
würde dieser Anblick zu schmerzliche Gefühle in
Ihnen wachrufen?»
  Er warf mir einen raschen, unsicheren Blick
zu und vertiefte sich wieder in die Betrachtung
des Bildes.
  «Daß ich es gern besitzen möchte, steht außer
Zweifel; ob das allerdings klug wäre, ist eine
andere Frage.»
  Seit ich Rosamonds und Mr. Olivers Gefühle
und Ansichten kannte, hatte ich den Wunsch,
meinerseits alles zu tun, damit diese Verbindung
zustande käme. Meine Ansichten waren weniger
überspannt als die von Mr. Rivers; mir wollte
scheinen, er werde, wenn er in Besitz des großen
Oliverschen Vermögens käme, mindestens eben-
soviel Gutes tun können, als wenn er seinen Geist
und seine Kräfte unter tropischer Sonne ver-
dorren ließ. Von dieser Überzeugung erfüllt,
wagte ich ihm zu entgegnen:
  «So wie ich die Dinge beurteile, wäre das
klügste allerdings, daß Sie ganz einfach das
Original an sich nähmen.»
  Mr. St. John hatte sich inzwischen doch hin-
gesetzt; er legte nun das Bild vor sich auf den
Tisch, stützte seine Stirne auf beide Hände und
betrachtete es liebevoll. Ich bemerkte, daß er
weder böse noch gekränkt war von meiner
Kühnheit. Vielleicht kam ihm aus der unerwar-

467
teten Offenheit des Gesprächs sogar eine gewisse
Erleichterung; verschlossene Naturen bedürfen
der Aussprache oft viel dringender als mitteil-
same.
  «Sie hat Sie sehr gern», fuhr ich, hinter seinem
Stuhl stehend, fort, «und ihr Vater schätzt Sie
sehr. Und sie ist ein liebes Mädchen, vielleicht
ein wenig gedankenlos; aber Vernunft haben Sie
ja für zwei. Sie sollten sie heiraten.»
  «Hat sie mich wirklich gern?»
  «Bestimmt, mehr als irgend jemanden sonst.
Sie spricht ständig von Ihnen, wann immer wir
uns sehen.»
  «Das ist angenehm zu hören, sehr angenehm;
fahren Sie noch eine Viertelstunde fort», sagte
er, und als wolle er die Zeit wirklich messen,
legte er seine Uhr vor sich auf den Tisch.
  «Wozu soll ich weiterreden, wenn Sie von vorne-
herein entschlossen sind, Widerstand zu leisten
oder Ihr Herz stets fester zu panzern?»
  «Denken Sie nicht so hart von mir. Nehmen
wir an, ich öffne mein Herz und lasse die ganze
Süße menschlicher Liebe über mich kommen;
neue Quellen erschließen sich in mir und über-
fluten alles, was ich so sorgsam vorbereitet habe,
die ganze Saat meiner guten Vorsätze, meiner
Selbstentäußerung – ich bin beglückt und be-
seligt in der Nähe meiner Braut, sie ist mein, ich
gehöre ihr, ich finde Genüge an diesem irdischen
Leben, an dieser vergänglichen Welt. Still – spre-
chen Sie nicht – lassen Sie mich diese Zeitspanne
voll auskosten.»

468
Unermüdlich tickte die Uhr; St. Johns Atem
ging tief und schwer; ich verharrte in Schweigen.
So verstrich diese Viertelstunde; er steckte die
Uhr wieder ein, legte das Bild nieder, erhob sich
und trat an den Kamin.
  «Genug», sagte er, «ich habe der Illusion diese
kurze Spanne Zeit gewährt, ich habe die Ver-
suchung voll ausgekostet; aber ich weiß, daß
alles nur Trug ist. Es ist eigentümlich: obwohl
ich Rosamond Oliver mit der ganzen Glut einer
ersten Leidenschaft liebe, weiß ich doch, daß sie
nicht die richtige Frau für mich sein könnte; das
würde ich nach einem Jahr schon erfahren und
so nach zwölf Monaten Seligkeit ein ganzes
Leben der Reue hinschleppen. Ich weiß das!»
  «Das ist wahrlich eigentümlich!» konnte ich
mich nicht enthalten auszurufen.
  «Während etwas in mir ihren Reizen beglückt
unterliegt», fuhr er fort, «erkenne ich andrer-
seits ihre Fehler mit unerbittlicher Klarheit; sie
sind derart, daß sie kein Verständnis für das, was
ich erstrebe, keinerlei Möglichkeit, daran mit-
zuarbeiten, aufbrächte. Rosamond als Kämpfe-
rin, als hart und schmerzhaft arbeitende Frau,
als die Frau eines Missionars? Undenkbar!»
  «Aber Sie brauchen doch nicht Missionar zu
werden. Sie könnten den Plan aufgeben.»
  «Aufgeben? Meine Berufung? Mein großes
Werk? Meine Hoffnungen, den Grundstein zum
Bau meines himmlischen Hauses? Danach allein
trachte ich, dafür nur kann und will ich leben.»
  Nach einer ziemlich langen Pause wagte ich

469
den Einwand: «Und Miss Oliver? Bedeutet ihre
Enttäuschung, ihr Kummer Ihnen nichts?»
  «Miss Oliver ist von Bewunderern und Bewer-
bern umgeben; in weniger denn einem Monat
wird sie mich vergessen haben und mit einem
anderen Mann weit glücklicher werden.»
  «Sie reden so kühl darüber; aber Sie reiben sich
auf in diesem Kampf.»
  «Nein. Was mir zusetzt, ist die Ungewißheit:
meine Abreise verzögert sich immer wieder, es
kann sechs Monate dauern, bis ich endlich frei
werde.»
  «Sie zittern und erröten, sobald Miss Oliver nur
auftaucht.»
  Er konnte seine Überraschung nicht ver-
bergen; daß eine Frau es wagte, so offen zu
einem Mann zu sprechen, war ihm neu. Mir aber
war es unmöglich, längere Zeit mit einem gebil-
deten, geistvollen Menschen zu verkehren, ohne
die konventionellen Schranken zu durchbrechen
und sein Vertrauen zu suchen.
  «Sie sind wirklich originell», meinte er, «und
schüchtern sind Sie nicht. Sie sind tapfer und
hellsichtig; dennoch gestatten Sie, daß ich Ihnen
sage, daß Sie manches an mir mißdeuten. Die
Gefühle, die Sie aus meinem Zittern und Erröten
schließen, verachte ich als Schwächezustände,
Fieberanfälle des Fleisches; sie sind keine Re-
gungen der Seele. Meine Seele ist fest und ruhig
wie ein Fels im Meer. Lernen Sie mich als das
erkennen, was ich wirklich bin: ein harter, kalter
Mann.»

470
  Ich lächelte ungläubig.
  «Ja, von Natur bin ich ein kalter, harter, ehr-
geiziger Mann. Einzig die natürlichen Bande
haben dauernd Macht über mich; im übrigen
regiert mich die Vernunft und nicht das Gefühl;
mein Ehrgeiz ist unbegrenzt; mein Wunsch,
immer höher zu steigen, mehr zu leisten als
andere, ist unersättlich; Ausdauer, Fleiß, Be-
gabung: das führt zu großen Taten; darum achte
und ehre ich solche Eigenschaften. Ihre eigene
Entwicklung verfolge ich mit Interesse, weil ich
Sie für eine strebsame, fleißige, energische Frau
halte; nicht weil ich Sie vergangener oder gegen-
wärtiger Leiden wegen bemitleide.»
  «Sie stellen sich damit als eine Art heidnischen
Philosophen hin!» warf ich ein.
  «Nein, zwischen mir und den deistischen Philo-
sophen besteht ein Unterschied. Ich glaube –
und zwar an das Evangelium. Ich bin ein Jünger
Jesu; der Glaube an Ihn hat meine selbstsicheren
ursprünglichen Anlagen verwandelt und ihnen
eine höhere Richtung gegeben; die Natur selbst
wird er nie ganz ausrotten können, bis dieses
Sterbliche in Unsterblichkeit eingehen wird.»
  Mit diesen Worten griff er nach seinem Hut,
der auf dem Tisch neben der Palette lag; noch
einmal glitt sein Blick über das Bildnis.
  «Sie ist lieblich!» murmelte er. «Wohl mag sie
die ‹Rose der Welt› genannt werden!»
  «Und soll ich für Sie kein Bild davon malen?»
  «Cui bono? – Nein.»
  Er zog das dünne Blatt Papier, das ich beim

471
Malen als Unterlage benutzte, über das Bild.
Was er dabei erblickte, konnte ich nicht ergrün-
den, doch etwas mußte ihm aufgefallen sein. Er
riß es an sich, untersuchte den Rand, warf einen
ganz eigentümlichen, unerklärlichen Blick auf
mich, einen Blick, der jede Einzelheit meiner
Gestalt, meines Gesichts und meiner Kleidung
aufzunehmen schien; er öffnete den Mund, als
wolle er etwas sagen, besann sich dann aber
eines anderen.
  «Was gibt’s?» fragte ich.
  «Nichts, gar nichts», erwiderte er verlegen,
legte das Papier wieder an seinen Platz; doch sah
ich ihn dabei einen schmalen Streifen vom Rand
abreißen und in seinen Handschuh schieben.
Noch ein kurzes Nicken und «Guten Abend»,
und fort war er.
  «Ei, da soll doch …!»
  Ich untersuchte nun meinerseits das Papier,
konnte aber außer ein paar Farbflecken nichts
finden. Da mir des Rätsels Lösung dunkel blieb,
gab ich es auf, und bald hatte ich es vergessen.

33

Als Mr. St. John fortging, begann es zu schneien;


die ganze Nacht hindurch und den folgenden
Tag wirbelten die Flocken so dicht, daß bald das
ganze Tal schneeverweht und fast ungangbar
war.
  Ich hatte meine Fensterläden geschlossen, eine

472
Matte vor die Türe gelegt, damit der Schnee
nicht hereingeweht würde, und mein Feuer
hochgeschürt; lange saß ich davor und hörte den
Sturmwind heulen. Schließlich entzündete ich
eine Kerze und vertiefte mich in den Gedicht-
band, den St. John mir mitgebracht hatte. Dar-
über vergaß ich Schnee und Sturm, bis mich das
Geräusch der sich öffnenden Türe aus meiner
Entrückung riß. Es war St. Johns hohe, schnee-
bedeckte Gestalt, die da aus dem Dunkel der
Sturmnacht auftauchte. Ich erschrak fast dar-
über, so wenig hatte ich in solch einer Nacht
noch einen Gast erwartet.
  «Ist etwas passiert?» fragte ich angstvoll.
  «Nein. Wie leicht Sie beunruhigt sind!»
  Er entledigte sich seines Mantels, schob die
Matte wieder an die Türe und stampfte sich den
Schnee von den Stiefeln.
  «Ich mache Ihren sauberen Boden schmutzig;
aber für einmal müssen Sie mich entschuldigen»,
sagte er, ans Feuer tretend. «Es war nicht leicht,
bis hierher zu kommen, man versinkt immer
wieder im Schnee.»
  «Aber warum sind Sie denn gekommen?»
konnte ich mich nicht enthalten zu fragen.
  «Keine sehr gastfreundliche Frage; aber wenn
Sie es schon wissen wollen: nur um ein wenig
mit Ihnen zu plaudern; ich war meiner Bücher
und meiner leeren Stuben überdrüssig. Und
dann – mir ist seit gestern wie einem, der mit
Spannung die Fortsetzung einer Geschichte er-
wartet.»

473
  Er setzte sich. Ich dachte an sein merkwür-
diges Benehmen tags zuvor und fürchtete für
seinen Verstand. Aber noch nie war er mir so
ruhig und schön vorgekommen wie an diesem
Abend, da der Widerschein des Feuers auf seiner
hohen Stirn spielte, aus der er die nassen Haare
gestrichen hatte; er war sehr blaß, und eine tiefe
Furche des Kummers oder der Sorge trat deut-
licher denn je zutage. Stumm wartete ich, daß
er endlich etwas Verständliches sagen würde;
aber er schien in Nachdenken versunken. Was
mir auffiel, war, daß seine Hände ebenso ab-
gezehrt aussahen wie sein Gesicht.
  «Ich wollte, Diana oder Mary könnten bei
Ihnen wohnen und für Sie sorgen», konnte ich,
in plötzlich aufwallendem Mitleid, mich nicht
enthalten zu sagen. «Sie achten überhaupt nicht
auf Ihre Gesundheit!»
  «Wieso denn? Ich sorge schon für mich, wenn
es not tut; es geht mir gut.»
  Er sagte das mit solcher Gleichgültigkeit, daß
ich fühlte, meine Sorge war, in seinen Augen
wenigstens, überflüssig. Ich schwieg also, und da
er nicht zu reden anfangen wollte, überließ ich
ihn seinen Gedanken und nahm mein Buch wie-
der auf. Bald bemerkte ich, wie er seine Brief-
tasche zog, ihr einen Brief entnahm, den er
schweigend las, dann wieder zusammenfaltete
und wegsteckte. Es war nicht mehr zum Aus-
halten, dieses Schweigen! Ich mußte sprechen,
mochte er mir böse werden.
  «Haben Sie von Diana und Mary gehört?»

474
  «Nicht seit dem Brief, den ich Ihnen vorige
Woche zeigte.»
  «Hat sich in Ihren Dispositionen irgend etwas
geändert? Sie müssen doch nicht früher aus-
reisen als geplant?»
  «Ich fürchte nein. Es wäre zu schön.»
  Da ich auf diesem Wege nicht weiterkam,
begann ich von der Schule und alltäglichen Be-
gebenheiten zu sprechen. Er gab nur einsilbige
Antworten, so daß auch dieses Geplauder bald
wieder erstarb.
  Als es acht Uhr schlug, schien Mr. St. John
aus seiner Träumerei aufzuwachen; er fuhr auf
und sagte unvermittelt:
  «Legen Sie Ihr Buch beiseite und kommen Sie
näher ans Feuer.»
  Ich gehorchte; meine Verwunderung kannte
keine Grenzen.
  «Ich sagte Ihnen vorhin, ich sei ungeduldig, die
Fortsetzung einer Geschichte zu vernehmen. Nun
will vorerst ich die Rolle des Erzählers über-
nehmen. Die Geschichte wird Ihnen abgedro-
schen vorkommen; aber selbst Altbekanntes er-
scheint ja oft neu, wenn es von anderen Lippen
kommt. Im übrigen ist meine Geschichte kurz.
  Vor zwanzig Jahren verliebte sich ein armer
Landpfarrer in die Tochter eines reichen Man-
nes; auch sie liebte ihn, und so heirateten sie,
gegen den Willen aller Verwandten, die sie als-
bald enterbten. Nach kaum zwei Jahren lag das
unbesonnene Paar unter dem gleichen Grab-
stein in der Erde. (Ich habe ihn gesehen!) Sie

475
hinterließen eine Tochter, die auf die Wohltätig-
keit angewiesen war, jene Wohltätigkeit, die
kälter ist als der Schnee, in dem ich heute fast
steckengeblieben bin. Kaum geboren, kam das
Kind zu reichen Verwandten mütterlicherseits;
es wurde von einer Tante des Namens – ich muß
ihn wohl jetzt nennen – also, namens Mrs. Reed,
in Gateshead aufgezogen. Sie brauchen nicht
hochzufahren! Das Geräusch, das Sie anschei-
nend ängstet, ist nur eine Ratte in der Scheune
neben dem Schulzimmer … Zehn Jahre also
verbrachte das Kind in jenem Hause, ob glück-
lich oder nicht, vermag ich nicht zu sagen; nach
diesen zehn Jahren wurde es nach Lowood in
die Schule geschickt, die Sie ja kennen. Es scheint
sich dort gut gehalten zu haben, es war erst
Schülerin, dann Lehrerin – wie Sie, merkwür-
diges Zusammentreffen! – und nahm dann eine
Stelle als Erzieherin an; auch hier die gleiche
Ähnlichkeit. Sie übernahm die Erziehung eines
kleinen Mädchens im Hause eines gewissen Mr.
Rochester.»
  «Mr. Rivers!» unterbrach ich ihn.
  «Ich kann erraten, was Sie fühlen; aber gedul-
den Sie sich noch ein wenig und hören Sie mich
zu Ende. Über Mr. Rochester weiß ich nicht viel
mehr, als daß er der jungen Dame seine Hand
anbot und daß sich am Altar plötzlich heraus-
stellte, daß er bereits verheiratet sei; seine Frau
lebte noch, allerdings in geistiger Umnachtung.
Was sich daraufhin zutrug, ist ungewiß; Tat-
sache ist nur, daß, als eines Tages wegen einer

476
anderen Angelegenheit nach der jungen Dame
geforscht wurde, es sich herausstellte, daß sie
verschwunden war und niemand sagen konnte,
wie oder wann. Sie hatte Thornfield Hall eines
Nachts verlassen; alle Nachforschungen blieben
ergebnislos; sie war wie vom Erdboden ver-
schwunden. Und doch ist es nun dringend not-
wendig, daß sie gefunden wird; in allen Zei-
tungen sind Aufrufe erschienen; ich selbst habe
einen Brief von einem gewissen Mr. Briggs,
einem Anwalt, erhalten, der mir all diese Ein-
zelheiten mitteilt. Ist das nicht eine merkwürdige
Geschichte?»
  «Sagen Sie mir nur eins», rief ich aus, «und
wenn Sie schon so viel wissen, können Sie mir
das bestimmt auch sagen: Was ist mit Mr. Ro-
chester? Wo ist er? Wie geht es ihm? Was
macht er?»
  «Ich weiß rein gar nichts über Mr. Rochester.
In dem Brief wird er nur im Zusammenhang mit
dem gesetzwidrigen Heiratsversuch erwähnt. Sie
sollten lieber nach dem Namen der Erzieherin
fragen und weswegen sie gesucht wird.»
  «Dann war also niemand in Thornfield Hall?
Hat niemand mit Mr. Rochester gesprochen?»
  «Vermutlich nicht.»
  «Aber man hat ihm geschrieben?»
  «Selbstverständlich.»
  «Und was sagte er? Wer besitzt seine Brie-
fe?»
  «Mr. Briggs teilt mit, daß die Antwort auf seine
Anfrage nicht von Mr. Rochester, sondern von

477
einer Dame, namens Alice Fairfax, unterschrie-
ben ist.»
  Bei dieser Nachricht wurde mir angst und
bange; also waren meine Befürchtungen wahr
geworden, Mr. Rochester hatte England ver-
lassen und irrte verzweifelt durch fremde Län-
der. Was würde aus dem Leben des Mannes, den
ich liebte, der fast mein Gatte war?
  «Ein schlechter Mensch muß er gewesen sein!»
bemerkte Mr. Rivers.
  «Sie kennen ihn nicht – urteilen Sie nicht!» gab
ich leidenschaftlich zurück.
  «Gut, gut», meinte er ruhig, «ich muß ja auch
meine Geschichte zu Ende erzählen. Und wenn
Sie schon nicht nach dem Namen der Erzieherin
fragen, hier, lesen Sie ihn schwarz auf weiß.»
Und er zog aus seiner Brieftasche das Streifchen
Papier, das er tags zuvor von meinem Bild ab-
gerissen hatte, darauf stand in meiner eigenen
Handschrift «Jane Eyre», wohl in einem Augen-
blick der Geistesabwesenheit geschrieben.
  «Briggs schrieb mir von einer Jane Eyre;
die Anzeigen fahndeten nach einer Jane
Eyre. Ich kannte eine Jane Elliott; hatte
allerdings meine Zweifel, die erst gestern nach-
mittag zur Gewißheit wurden; Sie sind Jane
Eyre!»
  «Ja – ja, aber wo ist Mr. Briggs? Vielleicht weiß
er mehr über Mr. Rochester als Sie.»
  «Briggs ist in London. Ich bezweifle, daß er
mehr weiß; denn sein Interesse gilt ja nicht
Mr. Rochester. Und die Hauptsache übersehen

478
Sie einfach: die Frage, weshalb Mr. Briggs Sie
sucht.»
  «Also, was will er?»
  «Nichts weiter, als Ihnen mitteilen, daß Ihr
Onkel Eyre auf Madeira gestorben ist, daß er
Ihnen sein ganzes Vermögen hinterlassen hat,
daß Sie nun reich sind – sonst nichts.»
  «Ich reich?»
  «Ja, Sie sind reich – Sie sind eine reiche Erbin.»
  Wir schwiegen.
  «Sie werden natürlich Ihre Identität nach-
weisen müssen», nahm St. John das Gespräch
wieder auf. «Was im übrigen keine Schwierig-
keiten machen dürfte; und dann können Sie die
Erbschaft sofort antreten. Ihr Vermögen ist in
englischen Staatspapieren angelegt; Briggs hat
das Testament und die Dokumente.»
  Das Blatt hatte sich gewendet; zu plötzlich,
als daß ich in laute Freude hätte ausbrechen
können. Erben ist ja immer verknüpft mit Ster-
ben, und dieser Onkel war ja mein einziger Ver-
wandter. Aber mir wurde langsam bewußt, daß
ich nun frei und unabhängig war, und dieser
Gedanke beglückte mich doch.
  «Nun, endlich sehen Sie weniger finster drein!
Ich dachte schon, Sie seien vor Schreck zu Stein
geworden! Möchten Sie jetzt nicht vielleicht
fragen, wieviel Sie wert sind?»
  «Und? Wieviel bin ich wert?»
  «Oh, eine Kleinigkeit, nicht der Rede wert –
etwa zwanzigtausend Pfund heißt es; aber was
ist das schon?»

479
  «Zwanzig – Tausend – Pfund?»
  Es verschlug mir den Atem; ich hatte mit vier-
oder fünftausend gerechnet. Mr. St. John, den
ich noch nie hatte lachen hören, brach in schal-
lendes Gelächter aus.
  «Entgeisterter könnten Sie nicht dreinschauen,
wenn Sie einen Mord begangen hätten und ich
Sie entlarvt hätte.»
  «Es ist schrecklich viel Geld – denken Sie nicht,
es könnte ein Irrtum sein?»
  «Irrtum ausgeschlossen!»
  «Vielleicht haben Sie die Zahlen falsch gelesen,
es könnte zweitausend heißen.»
  «Es ist in vollen Buchstaben, nicht in Zahlen
geschrieben: zwanzigtausend.»
  Ich kam mir vor wie ein einzelner Tischgast,
der sich plötzlich allein an einer Tafel sitzen
sieht, die für hundert gedeckt ist. Mr. Rivers
erhob sich und zog seinen Mantel an.
  «Wenn nicht so entsetzliches Wetter wäre,
würde ich Ihnen Hannah zur Gesellschaft
schicken; aber Hannah kommt da nicht durch;
so muß ich Sie leider Ihren Sorgen überlassen.
Gute Nacht.»
  Schon öffnete er die Tür, als mir plötzlich ein
Gedanke aufblitzte. «Einen Augenblick!» schrie
ich.
  «Nun?»
  «Ich möchte nur wissen, wie Mr. Briggs dazu
kommt, sich an Sie zu wenden. Wie konnte er
wissen, daß ausgerechnet Sie ihm helfen würden,
mich ausfindig zu machen?»

480
  «Ich bin doch Pfarrer», meinte er ausweichend,
«an uns gelangt man mit den absonderlichsten
Fragen.»
  «Das überzeugt mich nicht; es ist zu merk-
würdig, ich muß mehr darüber erfahren.»
  «Ein anderes Mal.»
  «Nein, jetzt. Heute abend noch!», und ich
versperrte ihm den Weg zur Türe. «Ich
lasse Sie nicht gehen, ehe Sie mir alles gesagt
haben.»
  «Lieber nicht heute abend.»
  «Doch, Sie müssen.»
  «Ich möchte es lieber Diana und Mary über-
lassen.»
  Diese Bemerkung trieb meine Neugierde aufs
äußerste; ich mußte wissen, um jeden Preis.
Nochmals drang ich in ihn.
  «Ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich bin ein
harter Mann, schwer zu überreden.»
  «Und ich eine hartnäckige Frau: noch schwe-
rer abzuschütteln.»
  «Und dann – ich bin kühl, mich vermag keine
Leidenschaft zu erhitzen.»
  «Dafür bin ich glühend, und Feuer schmelzt
das Eis. Beweis: Ihr Mantel, der so schön auf-
getaut ist, daß mein Fußboden wie eine zer-
trampelte Straße aussieht. Wenn Sie je Ver-
gebung für dieses Verbrechen wider die Sauber-
keit meines Fußbodens erlangen wollen, sagen
Sie sofort, was ich wissen will.»
  «Ja, da bleibt mir wohl nichts anderes übrig!
Steter Tropfen höhlt den Stein; und schließlich

481
müssen Sie es ja doch erfahren. Ihr Name ist also
Jane Eyre?»
  «Ja, das wissen Sie doch.»
  «Aber vielleicht ist Ihnen nicht bekannt, daß
ich St. John Eyre Rivers getauft wurde?»
  «Nein, das ahnte ich nicht. Ich sah wohl in
Ihren Büchern hin und wieder ein E bei Ihrem
Namen, beachtete es aber nicht weiter. Aber
dann – dann –»
  Ich hielt inne: ein wunderbarer Gedanke war
in mir aufgestiegen und nahm Gestalt an; wie
eine Kette, die bisher formlos auf einem Haufen
gelegen, nun aber gestrafft, Glied um Glied in
höchster Vollkommenheit sich darbot, so reihten
sich mir bisher unbeachtete Umstände anein-
ander und bildeten ein lückenloses Ganzes. Noch
ehe St. John es mir bestätigte, wußte ich Bescheid.
  «Meine Mutter hieß Eyre», sagte St. John. «Sie
hatte zwei Brüder; der eine war Pfarrer und
heiratete Miss Jane Reed von Gateshead; der
andere, John Eyre, war Kaufmann und starb
kürzlich in Funchal auf Madeira; Mr. Briggs
teilte uns seinerzeit mit, daß er sein gesamtes
Vermögen der Waise seines Bruders vererbt
habe und uns, infolge eines Zerwürfnisses zwi-
schen ihm und meinem Vater, übergangen habe.
Vor wenigen Wochen schrieb Mr. Briggs wieder,
die Erbin sei unauffindbar, ob wir etwas von ihr
wüßten. Ein Fetzchen Papier ermöglichte es mir,
sie zu finden. Den Rest wissen Sie.»
  Wieder wandte er sich zum Gehen, wieder
vertrat ich ihm den Weg.

482
  «Warten Sie, lassen Sie mich zur Besinnung
kommen. Dann war also Ihre Mutter die Schwe-
ster meines Vaters?»
  «Ja.»
  «Meine Tante?»
  Er nickte.
  «Mein Onkel John war Ihr Onkel John? Sie
und Diana und Mary die Kinder seiner Schwe-
ster, wie ich das Kind seines Bruders?»
  «Unzweifelhaft.»
  «Dann seid ihr drei meine Vettern! Gleiches
Blut fließt in unseren Adern?»
  «Wir sind Geschwisterkinder, ja.»
  Ich sah ihn voll an: also hatte ich einen Bruder
gefunden, auf den ich stolz sein konnte, und
zwei Schwestern, die ich schon liebte, als sie mir
noch Fremde waren. Welch hinreißende Ent-
deckung für ein so einsames Wesen! Welch ein
Reichtum für ein Herz, größer als der Reichtum
des Goldes. Von plötzlicher Freude überwältigt,
klatschte ich in die Hände.
  «Ich bin ja so froh, so glücklich!» rief ich ein
ums andere Mal.
  St. John lächelte: «Sagte ich nicht, daß Sie
sich mit Kleinigkeiten aufhalten und das Wich-
tige vernachlässigen? Als ich Ihnen sagte, daß
Sie ein Vermögen geerbt haben, wurden Sie
ernst, und nun geraten Sie ob solch einer Nichtig-
keit in Verzückung!»
  «Nichtigkeit? Ihnen kann das unwichtig er-
scheinen! Sie haben Schwestern und brauchen
keine Kusine; aber ich! ich hatte auf der ganzen

483
Welt keinen Menschen, und nun werden mir
drei Verwandte – oder zwei, wenn Sie nicht
dazugezählt sein wollen – plötzlich geschenkt!
Oh! ich bin ja so überglücklich!»
  Erregt schritt ich im Zimmer auf und ab; die
Gedanken und Pläne überstürzten sich; ich sah,
was vor mir lag, was ich ausrichten konnte; die
Menschen, die mir das Leben gerettet hatten und
die ich liebte – ich konnte sie befreien; sie waren
getrennt voneinander, ich konnte sie wieder ver-
einigen; meine Unabhängigkeit, meinen Reich-
tum konnte ich mit ihnen teilen. Zwanzigtausend
Pfund in vier geteilt, das gab fünftausend Pfund
für jeden; das war genug, das war Gerechtigkeit
und Glück. Nun war der Reichtum keine Last
mehr für mich, sondern neues Leben, neue Hoff-
nung, neue Freude.
  Was sich in meinem Ausdruck widerspiegeln
mochte, während mich diese Gedanken bestürm-
ten, ich weiß es nicht; jedenfalls schob Mr. Rivers
mir einen Stuhl zu und versuchte sanft, mich
darauf niederzuziehen. Ich machte mich los und
nahm meine Wanderung wieder auf.
  «Schreiben Sie an Diana und Mary, gleich
morgen früh. Sagen Sie ihnen, sie sollen sofort
heimkommen; Diana meinte, mit tausend Pfund
würden sie sich reich schätzen, dann werden sie
mit fünftausend übergenug haben.»
  «Wo kann ich Ihnen ein Glas Wasser holen»,
warf St. John dazwischen. «Sie müssen sich wirk-
lich beruhigen.»
  «Unsinn! Und Sie, was denken Sie bei der

484
Erbschaft? Werden Sie in England bleiben und
Miss Oliver heiraten? und sich hier niederlassen
wie ein gewöhnlicher Sterblicher?»
  «Sie phantasieren! Die Nachricht hat Sie zu
unvorbereitet getroffen und hat Sie über Gebühr
aufgeregt.»
  «Mr. Rivers! Sie regen mich auf. Ich bin absolut
bei klarem Verstand. Sie wollen mich mißver-
stehen.»
  «Vielleicht erklären Sie sich deutlicher?»
  «Erklären? Was gibt’s da zu erklären? Sie müs-
sen doch einsehen, daß zwanzigtausend Pfund,
unter einem Neffen und drei Nichten unseres
Onkels verteilt, fünftausend für jeden aus-
machen? Ich wünsche, daß Sie Ihren Schwestern
schreiben und ihnen mitteilen, was sie geerbt
haben.»
  «Was Sie geerbt haben!»
  «Meinen Standpunkt habe ich Ihnen erklärt,
und dabei bleibt es. Ich bin weder selbstsüchtig
noch ungerecht noch undankbar. Und außer-
dem will ich ein Heim und eine Familie haben.
Ich liebe Moor House, ich liebe Diana und
Mary, ich will mit Diana und Mary in Moor
House leben. Mit fünftausend Pfund werde ich
mir reich und glücklich vorkommen, zwanzig-
tausend würden mich bedrücken, ganz abge-
sehen davon, daß sie mir wohl nach Recht und
Gesetz, nicht aber nach Recht und Billigkeit zu-
kommen. Keine Widerrede! Wir wollen uns ver-
ständigen und die Sache unter uns abmachen.»
  St. John ließ sich nicht davon abhalten, einen

485
Einwand nach dem anderen vorzubringen. «Sie
können nicht ermessen, was zwanzigtausend
Pfund für Sie bedeuten können», sagte er schließ-
lich, «welche Stellung, welche Möglichkeiten –»
  «Und Sie», unterbrach ich ihn, «können nicht
ermessen, wie ich mich nach einem Heim, nach
geschwisterlicher Liebe gesehnt habe all die
Jahre! Oder wollen Sie mich nicht als Schwester
annehmen?»
  «Jane, ich will Ihr Bruder sein, meine Schwe-
stern werden Ihre Schwestern sein, auch ohne
Preisgabe Ihres verbrieften Rechtes.»
  «Bruder? Ja, auf tausend Meilen Entfernung.
Schwestern? Ja, bei fremden Leuten dienend,
während ich im Gold ersticke. Schöne Gleichheit
und Brüderlichkeit!»
  «Aber, Jane, Ihre Sehnsucht nach einem Heim
und einer Familie kann auf andere Weise erfüllt
werden: vielleicht heiraten Sie.»
  «Unsinn! Heiraten? Niemals!»
  «Wie können Sie das sagen? Das beweist nur,
wie übererregt Sie sind!»
  «Ich weiß genau, was ich sage. Ich denke nicht
daran, zu heiraten. Niemand würde mich um
meiner selbst willen lieben; und ich will nicht
als Spekulationsobjekt dienen. Und einen Frem-
den will ich überhaupt nicht; ich will meine
eigenen Leute, verwandte Seelen, die mit mir
fühlen und denken. Sagen Sie mir noch einmal,
daß Sie mein Bruder sein wollen, wiederholen
Sie es aufrichtig.»
  «Das kann ich mit gutem Gewissen. Ich habe

486
meine Schwestern immer geliebt, ihren Wert
geachtet, ihre Talente geschätzt; Sie gleichen
Diana und Mary; Ihre Gegenwart ist mir lieb;
in letzter Zeit habe ich oft Trost in Ihrer Nähe
gefunden. Ich fühle, daß ich Ihnen in meinem
Herzen ohne Mühe einen Platz als meiner dritten
und jüngsten Schwester einräumen kann.»
  «Danke, danke, danke. Das genügt mir für den
Augenblick.»
  «Und die Schule, Miss Eyre? Die müssen wir
wohl schließen?»
  «Nein; ich bleibe auf meinem Posten, bis Sie
eine Nachfolgerin haben.»
  Er lächelte zustimmend, drückte mir die Hand
und verabschiedete sich.
  Die Erbschaft nach meinem Sinne zu regeln,
ging nicht ganz ohne Schwierigkeiten, doch
schließlich unterbreiteten wir die Angelegenheit
dem Urteil eines Schiedsgerichts in Gestalt von
Mr. Oliver und einem erfahrenen Anwalt; es
wurde meinem Vorschlag zugestimmt, und die
Teilung der Erbschaft setzte uns alle vier in
den Besitz eines auskömmlichen Vermögens.

34

Als alles geordnet war, stand Weihnachten vor


der Tür. Ich schloß die Schule in Morton und
hatte beim Abschied die große und innige
Freude, festzustellen, daß ich von vielen meiner
Schülerinnen mit aufrichtiger Liebe verehrt

487
wurde. Während ich noch, den Schlüssel in der
Hand, mich an der Türe von meinen liebsten
Schülerinnen verabschiedete, trat St. John Ri-
vers hinzu.
  «Haben Sie den Eindruck, für Ihre Mühe be-
lohnt worden zu sein?» fragte er, als die Mäd-
chen sich entfernt hatten. «Ist Ihnen das Bewußt-
sein, in Ihrer Zeit und Ihrer Generation wirklich
Gutes gewirkt zu haben, nicht eine große
Freude?»
  «Bestimmt.»
  «Und dabei haben Sie nur wenige Monate
gewirkt! Wäre es nicht herrlich, ein ganzes Leben
der Hebung des weiblichen Geschlechts zu wid-
men?»
  «Ja, das wohl; aber ich könnte es nicht. Ich
möchte meine eigenen Fähigkeiten auch noch
entwickeln, mich ihrer freuen; reden Sie mir
nicht von der Schule; jetzt will ich restlos meine
Ferien genießen.»
  Er sah sehr ernst aus. «Was nun? Woher dieser
plötzliche Eifer? Was haben Sie vor?»
  «Arbeiten! Arbeiten! Aber zuerst muß ich Sie
bitten, Hannah freizugeben und jemand anderen
zu suchen, der für Sie sorgt.»
  «Benötigen Sie Hannah?»
  «Ja. Sie soll mit mir nach Moor House kom-
men; in einer Woche kehren Mary und Diana
zurück, da muß alles zu ihrem Empfang bereit
sein.»
  «Ich verstehe. Ich fürchtete schon, Sie wollten
verreisen. Besser so. Hannah soll Sie begleiten.»

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  «Sie soll sich für morgen bereithalten. Und hier
ist der Schulschlüssel; den zu meiner Wohnung
gebe ich Ihnen morgen.»
  «Merkwürdig leicht geben Sie ihn her», meinte
er, indem er den Schlüssel in Empfang nahm.
«Ich verstehe Ihre Fröhlichkeit nicht ganz, denn
ich sehe noch nicht recht, was Sie als Ersatz da-
für unternehmen wollen, welche Pläne, welches
Ziel Sie verfolgen.»
  «Pläne? Ziel? Zunächst will ich einmal gründ-
lich Hausputz halten in Moor House. Ist Ihnen
das ein Begriff: Hausputz? vom Keller bis unters
Dach? Alles und jedes herausnehmen, sauber-
machen, bis es glänzt, und wieder einräumen?
Und dann werde ich Ihre Vorräte von Kohlen
und Torf plündern, um in jedem Zimmer Rie-
senfeuer zu machen. Schließlich werde ich die
zwei letzten Tage, ehe Diana und Mary kom-
men, Berge von Mehl und Zucker und Wein-
beeren und Eiern und Gewürzen verarbeiten
und kochen und backen, daß Ihnen die Augen
übergehen werden. Kurz, es muß alles fertig und
vollkommen sein, um Diana und Mary würdig
zu empfangen.»
  St. John lächelte ein wenig, schien aber noch
nicht befriedigt. «Das ist für den Augenblick
alles ganz schön und gut; aber ich hoffe doch,
daß Sie nach dem ersten Enthusiasmus etwas
Höheres erstreben werden als Hausarbeit und
Hausfrauenfreuden?»
  «Das Schönste, was es überhaupt gibt!» unter-
brach ich ihn.

489
  «Nein, Jane, nein! Wie sind nicht nur zum
Genießen auf der Welt! Versinken Sie nicht in
Trägheit!»
  «Im Gegenteil, ich will sehr fleißig sein.»
  «Jane, ich will Sie für jetzt entschuldigen; ich
gebe Ihnen zwei Monate, um Ihre neue Stellung,
die Häuslichkeit, die Familie zu genießen; aber
dann, Jane, dann hoffe ich bestimmt, Sie werden
wieder über Moor House und Morton hinaus-
blicken, und Ihre Kräfte werden Sie zu neuen
Taten antreiben.»
  Ich blickte ihn erstaunt an. «St. John», sagte
ich, «es ist unrecht, so zu mir zu sprechen. Ich
gedenke still zufrieden zu leben, und Sie fordern
mich geradezu zur Unrast auf! Wozu das?»
  «Weil Sie die Talente, die Gott Ihnen gegeben
hat und worüber Er Rechenschaft fordern wird,
besser nützen müssen. Ich werde Sie genau be-
obachten, Jane, ich warne Sie und werde zu ver-
hindern suchen, daß Sie sich in den wohlfeilen
Freuden der Alltäglichkeit verlieren. Klammern
Sie sich nicht an die Bande des Fleisches, Jane,
hören Sie? Es gibt höhere Dinge! Verstehen Sie
mich?»
  «Ja, ungefähr, wie wenn Sie griechisch redeten.
Ich fühle, daß ich Grund habe, glücklich zu sein,
und ich will glücklich sein. Auf Wiedersehen!»
Und wie glücklich war ich dann in Moor
House! Hannah und ich stellten alles auf den
Kopf; wir putzten, fegten und kochten. Es war
wundervoll, wie aus dem Chaos allmählich eine
neue Ordnung entstand, wie die Zimmer, in

490
denen ich hier und dort eine Neuerung an-
brachte, ein anderes, frisches Aussehen bekamen;
wie ganz Moor House sich als ein Muster an
Sauberkeit, Bequemlichkeit und Gemütlichkeit
aus der Trostlosigkeit der winterlichen Moor-
landschaft heraushob.
  Endlich kam der langersehnte Dienstag, und
alles war bereit, die Heimkehrenden, die gegen
Abend ankommen sollten, zu empfangen.
  Als erster kam St. John. Ich hatte ihn gebeten,
nicht zu kommen, bevor alles in Ordnung sei,
und der bloße Gedanke an die Unruhe des Haus-
putzes hatte auch genügt, um ihn fernzuhalten.
Er traf mich in der Küche beim Backen an und
fragte, ob ich nun bald genug hätte von der
Hausarbeit. Als Antwort forderte ich ihn auf,
mich auf einem Gang durch das Haus zu beglei-
ten, was er, obgleich widerstrebend, dann auch
tat; er warf kaum einen Blick in die geputzten
Räume, meinte, ich habe mir da wohl schreck-
lich viel Mühe gemacht, hatte aber im übrigen
kein Wort der Anerkennung oder der Freude.
Das bedrückte mich ein wenig; ich fürchtete,
meine eigenmächtigen Veränderungen könnten
ihn verstimmt haben; auf meine etwas kleinlaute
Frage in dieser Hinsicht antwortete er: im Ge-
genteil, er habe bemerkt, wie peinlich ich jede
Erinnerung geschont habe, und es wolle ihm
scheinen, ich habe nur zu viel Zeit auf all diese
Kleinigkeiten verschwendet. Ob ich übrigens
wisse, wo ein bestimmtes Buch hingekommen sei?
Und als ich es ihm von dem Bücherbord reichte, ver-

491
zog er sich damit in seinen Erkersitz und begann
zu lesen. Das gefiel mir gar nicht. St. John war
bestimmt ein guter Mensch; aber er hatte recht,
wenn er sich selbst kalt und hart nannte. Er
hatte keinen Sinn für die leichten und schönen
Seiten des Lebens; er lebte nur, um ruhelos
weiterzustreben, und duldete auch bei anderen
kein Rasten.
  Wie ich ihn so betrachtete, still und abgeson-
dert in sein Studium vertieft, da begriff ich mit
einem Mal, daß eine Frau es schwer haben
würde mit ihm, daß er kein guter Ehemann sein
könnte.
  Dieses Herrenzimmer, dachte ich, ist nicht
seine Sphäre; er paßt viel eher in den Himalaja,
ins Kaffernland oder sogar in die verpesteten
Sümpfe Guineas. Nicht Ruhe und Abgeschie-
denheit braucht er zu seiner Entfaltung, sondern
Kampf und Gefahren – ich sehe ein, daß er den
richtigen Weg gewählt hat.
  «Sie kommen, sie kommen!» rief Hannah zur
Türe herein. Gleichzeitig begann Carlo fröhlich
zu bellen. Ich rannte hinaus. Es war dunkel;
Räderrollen wurde hörbar. Hannah hielt eine
Laterne hoch. Als Diana und Mary dem Wagen
entstiegen, fielen wir uns in die Arme und küßten
und herzten einander. Auch Hannah wurde
begrüßt, Carlo gestreichelt, und dann eilten wir
ins Haus.
  Die Mädchen waren halb erfroren von der
langen Fahrt, doch an der heimeligen Wärme
des Kaminfeuers wurden sie bald wieder munter.

492
Als St. John eintrat, warfen sie ihm die Arme um
den Hals; er küßte sie ruhig und gemessen und
hieß sie willkommen; nach wenigen Augen-
blicken zog er sich in das Herrenzimmer zurück.
  Ich hatte Kerzen angezündet, und nachdem
Diana noch hausfraulich für den Kutscher ge-
sorgt hatte, folgten mir beide hinauf und nahmen
mit hellem Entzücken alle Veränderungen wahr:
die neuen Teppiche, die frischen Vorhänge, die
bunten Kissen. Ich fühlte, daß ich in allem ihren
Geschmack getroffen und ihre fröhliche Heim-
kehr noch reicher gestaltet hatte.
  Der Abend war heiter und schön; Diana und
Mary plauderten, unbekümmert um St. Johns
Schweigsamkeit; er freute sich ihrer Anwesen-
heit, vermochte aber nicht, an der lebhaften
Unterhaltung teilzunehmen; ja, er sehnte sich
wohl schon nach dem ruhigen morgigen Alltag.
Mitten in unsere Freude kam Hannah mit der
Meldung, ein armer Bursche sei draußen und
wolle Mr. Rivers zu seiner sterbenden Mutter
holen, mindestens vier Meilen weg, durch Heide
und Moor.
  «Ich komme sofort.»
  «Sie sollten lieber nicht gehen, Sir», sagte Han-
nah, «der Weg ist fast ungangbar bei Nacht, und
der Wind weht so kalt und –»
  Aber St. John war schon im Vorplatz und zog
seinen Mantel an; ohne ein weiteres Wort ging
er hinaus. Es war neun Uhr; gegen Mitternacht
kehrte er heim, todmüde und hungrig; aber er
sah glücklicher aus als beim Fortgehen. Er hatte

493
seine Pflicht getan, seine Kraft gespürt und war
zufrieden.
  Die folgende Woche stellte seine Geduld auf
eine harte Probe; es war die Weihnachtswoche,
und wir verbrachten sie in fröhlichem Nichtstun;
Diana und Mary waren überschäumend von
Leben und Witz; ich mochte nichts anderes tun,
als ihnen zuzuhören und mit ihnen zu lachen,
St. John dämpfte ihre Lebhaftigkeit nicht; er
wich ihr nur aus; seine Gemeinde war verstreut,
und er fand genug zu tun mit Krankenbesuchen.
Eines Morgens nach dem Frühstück wagte
Diana ihn zu fragen, ob seine Pläne unverändert
festlägen?
  «Unverändert und unveränderlich», war die
Antwort; seine Ausreise sollte nun bestimmt im
kommenden Jahr erfolgen.
  «Und Rosamond Oliver?» warf Mary un-
bedacht ein.
  «Rosamond Oliver», gab er, sein Buch schlie-
ßend, zurück, «steht im Begriff zu heiraten, wie
mir gestern mitgeteilt wurde.» Wir blickten ihn
erstaunt an; kein Zug seines Gesichtes verriet
irgendwelche Bewegung.
  «Das ist aber schnell gegangen», meinte Diana.
  «Zwei Monate; eine Ballbekanntschaft. Eine
sehr gute und angemessene Partie. Wo keine
Hindernisse sind, braucht man nichts zu ver-
schieben.»
  Das erste Mal, da ich St. John nach dieser
Nachricht allein traf, war ich in Versuchung, ihn
zu fragen, ob ihn das Ereignis schmerze; aber

494
er schien so wenig der Sympathie zu bedürfen,
daß ich mich eher meiner früheren Keckheit
schämte. Außerdem war zwischen uns doch
nie eine wirkliche geschwisterliche Herzlichkeit
aufgekommen; im Gegenteil, mir schien, als
sei der Abstand zwischen uns größer denn je.
Um so erstaunter war ich, als er den Kopf
von seinem Pult hob und mich unvermittelt
anredete.
  «Sie sehen, Jane, die Schlacht ist geschlagen
und der Sieg errungen.»
  «Sind Sie sicher», wagte ich nach kurzer Pause
zu erwidern, «daß der Sieg nicht zu teuer bezahlt
ist? Würde ein weiterer solcher Sieg Sie nicht
zugrunde richten?»
  «Ich glaube nicht. Mein Weg liegt jetzt klar
vor mir, Gott sei Dank.» Damit wandte er sich
wieder seinen Büchern zu.
  Nachdem sich unsere laute Fröhlichkeit etwas
gelegt hatte und wir Mädchen ebenfalls unsere
alten Gewohnheiten und Studien wieder auf-
nahmen, blieb auch St. John mehr zu Hause; oft
saß er stundenlang bei uns; während Mary
zeichnete, Diana las oder ich mich mit dem
Studium der deutschen Sprache plagte, war er
in die Erlernung irgendeiner orientalischen
Sprache vertieft. Oft glitt sein Blick prüfend und
forschend über uns hin; ich fragte mich, was er
sich dabei wohl für Gedanken mache. Auch
wunderte ich mich darüber, mit welcher Genug-
tuung er jeweils meinen allwöchentlichen Besuch
in der Schule zu Morton aufnahm, besonders

495
wenn das Wetter schlecht war und seine Schwe-
stern mich gern zurückgehalten hätten.
  «Jane ist kein Schwächling», wehrte er dann
gerne ihrer Besorgnis, «sie erträgt Sturm und
Schnee ebenso gut wie wir. Sie ist von Natur
kräftig und anpassungsfähig.»
  Und wenn ich manchmal todmüde heim-
kehrte, wagte ich doch keine Klage, aus Furcht,
ihm zu mißfallen.
  Eines Nachmittags jedoch wurde mir gestattet,
zu Hause zu bleiben, weil ich erkältet war; seine
Schwestern gingen statt meiner nach Morton.
Ich saß über einen Band Schiller gebeugt, wäh-
rend St. John seine orientalischen Hieroglyphen
entzifferte. Als ich einmal aufschaute, traf mich
der forschende Blick seiner blauen Augen, der
wer weiß wie lange schon auf mir geruht haben
mochte; er war so scharf und so kalt, daß mir
unheimlich wurde.
  «Jane, was tun Sie?»
  «Ich lerne Deutsch.»
  «Sie müssen Ihr Deutsch aufgeben und Hin-
dostanisch lernen.»
  «Doch nicht im Ernst?»
  «Durchaus im Ernst; und ich will Ihnen sagen,
warum.»
  Nun erklärte er mir, daß er selbst Hindosta-
nisch lerne und Gefahr laufe, je weiter er komme,
die Anfangsgründe wieder zu vergessen; es könne
ihm daher nützlich sein, mit einer Schülerin alles
noch einmal durchzunehmen und gleichsam zu
festigen; er habe von uns dreien mich dazu aus-

496
ersehen, weil er beobachtet habe, daß ich am
längsten stillsitzen könne; ob ich ihm den Gefal-
len erweisen wolle.
  Man konnte St. John nicht leicht etwas ab-
schlagen, und so willigte ich ein. Er war ein
geduldiger, doch anspruchsvoller Lehrer; er ver-
langte viel von mir, kargte aber auch nicht mit
seiner Anerkennung, wenn ich seine Erwartun-
gen erfüllte. Unmerklich gewann er einen ge-
wissen Einfluß auf mich, der meine Freiheit
hemmte; ich konnte in seiner Gegenwart nicht
mehr frei lachen oder sprechen, weil ich wußte,
daß ihm Lebhaftigkeit zuwider war; nach und
nach geriet ich wie unter einen erstarrenden
Bann. Ich gehorchte ihm blindlings, doch war es
keine freudige Ergebenheit; manchmal wünschte
ich, er hätte mich weiter unbeachtet gelassen.
  Eines Abends, beim Gutenachtsagen, küßte er
wie gewohnt seine Schwestern und drückte mir
die Hand. Diana, die nicht unter seinem quälen-
den Druck zu leiden hatte und daher in aus-
gelassenster Laune war, rief plötzlich: «St. John!
Du sagst, Jane sei deine Schwester, aber du
behandelst sie nicht danach; du mußt ihr auch
einen Gutenachtkuß geben.»
  Sie schob mich ihm zu. Ich fand Diana heraus-
fordernd und war sehr verwirrt; aber schon
beugte St. John sich über mich, sah mir durch-
dringend und fragend in die Augen und küßte
mich. Es gibt keine Eis- oder Marmorküsse, sonst
müßte man den Kuß meines geistlichen Vetters
in diese Kategorie einreihen; aber es kann Ex-

497
perimentier-Küsse geben, und das war unzwei-
felhaft ein Experimentier-Kuß. St. John sah mich
an, als wolle er das Resultat prüfen; es war nicht
überwältigend; errötet war ich bestimmt nicht,
vielleicht war ich eher etwas blaß geworden;
denn mir war, als sei dieser Kuß ein Siegel auf
meine Ketten. Von jenem Abend an unterließ
er diesen Gutenachtkuß nie, und die ernsthafte
Unterwürfigkeit, mit der ich ihn hinnahm,
schien für ihn einen gewissen Reiz zu haben.
  Was mich betrifft, so wünschte ich von Tag
zu Tag mehr, ihm zu gefallen; aber um das zu
erreichen, mußte ich mein wahres Wesen immer
mehr verleugnen, meine Fähigkeiten unter-
drücken, meinen Geschmack in eine Richtung
biegen, die mir gar nicht lag. Er wollte mich zu
einer Höhe bringen, die mir unerreichbar war,
und dieses ständige Bemühen wurde mir immer
mehr zur Qual.
  Aber nicht nur seine geistige Überlegenheit
und seine Anforderungen drückten mich nieder;
ein zehrender Schmerz lebte in meinem Inneren
und erstickte alle Freude in mir: die Ungewiß-
heit.
  Trotz den mannigfachen Geschehnissen der
letzten Wochen hatte ich Mr. Rochester keinen
Augenblick lang vergessen; der Gedanke an ihn
ließ sich nicht zerstreuen wie Nebel an der
Sonne; sein Bild war nicht in Sand gezeichnet,
der schnell verweht; es war unauslöschlich in
Marmor gegraben. Wie in Morton, so suchte ich
auch in Moor House jeden Abend mein Käm-

498
merchen auf, um in Ruhe an ihn denken zu
können.
  Im Laufe meiner Korrespondenz mit Mr.
Briggs hatte ich mich natürlich nach Mr. Roche-
ster erkundigt; doch, wie St. John richtig ver-
mutet hatte, wußte auch Briggs nichts von ihm.
Daraufhin schrieb ich an Mrs. Fairfax und hatte
bestimmt angenommen, in nicht allzulanger Zeit
Nachricht zu erhalten; aber als nicht nur Wo-
chen, sondern Monate ohne Antwort vergingen,
bemächtigte sich meiner die größte Unruhe. Ich
schrieb abermals, wartete; aber wieder umsonst.
Als ein halbes Jahr so verflossen war, erstarb
meine Hoffnung, und in mir wurde es dunkel.
  Um mich her blühte der Frühling, der mich
nicht zu erfreuen vermochte. Der Sommer stellte
sich ein; Diana, die sich um mich sorgte und
mich vergeblich aufzumuntern versuchte, wollte
mit mir ans Meer fahren. Aber dem widersetzte
sich St. John; er meinte, nicht Zerstreuung, son-
dern ernsthaftere Beschäftigung tue mir not;
mein geistiges Leben sei zu leer und ziellos. Wohl
um dem abzuhelfen, verlängerte er die hindo-
stanischen Sprachstunden immer mehr und
stellte immer höhere Ansprüche; ich war töricht
genug, mich ihm nicht zu widersetzen.
  Eines Morgens – die neuerliche Enttäuschung
eines von Hannah angekündigten Briefs, der
aber nur eine Abrechnung von Mr. Briggs ent-
hielt, hatte mich besonders niedergedrückt – saß
ich über die wunderlichen Schriftzüge eines
indischen Buches gebeugt, und meine Augen

499
füllten sich mit Tränen. St. John rief mich zu
einer Leseübung zu sich; doch bald zitterte
meine Stimme und verlor sich in Schluchzen.
Wir waren allein im Zimmer; Diana übte neben-
an Klavier, und Mary war im Garten – es war
ein herrlich sonniger Tag im Mai. Mein Vetter
zeigte weder Verwunderung noch Neugierde bei
meinem Benehmen; er meinte nur:
  «Wir wollen ein Weilchen warten, Jane, bis du
ruhiger bist.»
  Während ich mich bemühte, meine Ruhe wie-
der zu erlangen, lehnte er ruhig abwartend im
Sessel, wie ein Arzt, der die erwartete Krise im
Befinden seines Patienten beobachtet. Als ich
mich wieder in der Gewalt hatte, trocknete ich
meine Augen, murmelte ein paar Worte der
Entschuldigung und führte meine Aufgabe gut
zu Ende. St. John legte seine und meine Bücher
beiseite, schloß seinen Schreibtisch und sagte:
  «Nun, Jane, sollst du einen Spaziergang ma-
chen, und zwar mit mir.»
  «Ich will Diana und Mary rufen.»
  «Nein; ich wünsche heute morgen nur eine
Begleiterin, und die sollst du sein; mach dich
fertig, geh zur Küchentüre hinaus gegen Marsh
Glen zu; ich komme dir gleich nach.»
  Ich kenne keinen Mittelweg; ich habe nie
einen Mittelweg gefunden zwischen absoluter
Unterwerfung und offener Auflehnung, wenn
ich es mit einem mir entgegengesetzten, starken
Charakter zu tun hatte. Oft schlug ich ganz
unvermittelt vom einen zum anderen um. Da ich

500
an jenem Morgen in meiner damaligen Stim-
mung nicht zum Widerstand geneigt war, ge-
horchte ich St. Johns Weisungen wortlos, und
bald schritt ich an seiner Seite auf dem wilden
Pfad durch die Schlucht dahin.
  Sanft wehte der Wind von Westen über die
Hügel und trug uns den warmen Duft von Gin-
ster und Heidekraut zu; klarblau war der Him-
mel, wildschäumend in der Sonne glitzerte der
Bach. Bald mündete der Fußweg in eine sanfte
Mulde, wo smaragdgrünes Moos, mit tausend
Blumensternchen gesprenkelt, von Hügeln um-
schlossen lag.
  «Hier wollen wir rasten», sagte St. John.
  Ich setzte mich; St. John blieb barhaupt neben
mir stehen; der Wind wehte durch sein Haar,
und sein Blick wanderte den Hohlweg hinauf
und das Tal hinab, als nehme er Abschied von
der geliebten Heimat.
  Lange verharrten wir in Schweigen.
  «Jane», brach er endlich die Stille, «in sechs
Wochen gehe ich; ich habe meinen Platz auf
dem Ostindienfahrer belegt, der am 20.Juli ab-
segelt.»
  «Gott wird dich beschützen, denn du hast Sein
Werk unternommen.»
  «Ja, und das ist meine Stärke. Ich gehe als
Diener eines unfehlbaren, vollkommenen Herrn.
Es scheint mir unbegreiflich, daß nicht alle um
mich her, gleich mir, vor Sehnsucht glühen,
unter Seinem Banner zu streiten.»
  «Nicht allen ist deine Kraft gegeben; es wäre

501
töricht, wollten die Schwachen sich mit den
Starken messen.»
  «Ich denke nicht an die Schwachen und
spreche nicht zu ihnen, sondern zu denen, die
würdig und fähig sind, das Werk zu unter-
nehmen.»
  «Deren gibt es wenige, und sie sind schwer zu
finden.»
  «Du hast recht; doch wenn man sie entdeckt
hat, dann muß man sie aufrütteln, ihnen zeigen,
wozu sie ihre Gaben erhielten, und sie aufbieten
in die Reihen der auserwählten Streiter.»
  «Wenn sie wirklich für jene Aufgaben befähigt
sind, wird ihr Herz es ihnen nicht von selbst
sagen?»
  Mir war, als umschlösse mich ein Bann immer
enger und enger; ich zitterte, ein verhängnisvol-
les Wort zu hören, das mein Schicksal besiegelte.
  «Und was sagt dein Herz, Jane?» fragte St. John.
  «Mein Herz», antwortete ich erregt und er-
schreckt, «mein Herz ist stumm, ganz stumm.»
  «Dann muß ich statt seiner sprechen», fuhr die
tiefe, unerbittliche Stimme fort. «Jane, komm
mit mir nach Indien, komm mit, als meine Ge-
hilfin und Mitarbeiterin.»
  Mir wurde schwindlig; mir war, als habe ich
einen Ruf des Himmels vernommen, als sei mir
ein Bote, wie der aus Mazedonien, im Traum er-
schienen und fordere mich auf: ‹Komm herüber
und hilf uns.› Aber ich war kein Apostel; ich
konnte den Boten nicht sehen, seinem Ruf nicht
folgen.

502
  «Oh, St. John!» rief ich gepeinigt aus. «Hab
doch Mitleid!»
  Als ob er, wenn es um seine Pflicht ging, Mit-
leid oder Reue empfinden könnte!
  «Du bist von Natur zur Missionarsfrau be-
stimmt; nicht Gaben des Leibes, aber die des
Geistes hast du erhalten; du bist nicht zur Liebe,
sondern zur Arbeit geschaffen. Du sollst – du
mußt die Frau eines Missionars werden. Meine
Frau sollst du werden, nicht zu meinem Ver-
gnügen, sondern im Dienste meines Herrn.»
  «Ich bin nicht geeignet dazu! Ich fühle keiner-
lei Berufung!»
  Er hatte mit Einwänden gerechnet und war,
seines Sieges gewiß, mit Geduld gewappnet.
  «Demut ist die erste der christlichen Tugenden,
Jane, und wohl magst du an deinem Können
zweifeln. Auch ich weiß, daß ich unwert bin;
aber das Gefühl drückt mich nicht nieder; denn
Gott wählt schwache Werkzeuge, um sie mit sei-
ner Kraft auszurüsten. Habe Vertrauen, Jane,
wie ich.»
  «Ich verstehe das Leben eines Missionars nicht;
ich habe mich nie mit Missionsgeschichte befaßt.»
  «Darin kann ich dir, unwürdig, wie ich bin, hel-
fen, ich kann dir deine Arbeit Stunde um Stunde
zuweisen, dir zur Seite stehen im Anfang; bald
würdest du – ich kenne deine Kraft – so stark
und fähig sein wie ich und keiner Hilfe mehr
bedürfen.»
  «Aber wo sind denn meine Kräfte? Ich spüre
sie nicht. Nichts spricht in mir, nichts ermuntert

503
mich. Ich wollte, du begriffest, daß ich nur eine
einzige Angst habe: du könntest mich über-
reden, etwas zu versuchen, das ich nicht voll-
bringen kann.»
  «Ich kenne dich besser, ich beobachte dich seit
Monaten. In der Dorfschule habe ich dich eine
Arbeit, die dir nicht lag, treu und gewissenhaft
verrichten sehen; du zügeltest dein Herz und
gewannst alle Herzen. Die Ruhe, mit der du dei-
nen plötzlichen Reichtum aufnahmst, bewies
mir, daß du nicht habsüchtig bist: Geld und Be-
sitz haben keine Macht über dich. In der Teilung
deines Vermögens, einer abstrakten Gerechtig-
keit zuliebe, erkannte ich deine Opferwilligkeit;
in der Art, wie du dein geliebtes Studium auf-
gabst, um ein anderes, das mich interessierte, zu
unternehmen und mit unendlichem Fleiß durch-
zuführen, sehe ich die Vervollständigung dessen,
was ich suche. Jane, du bist gelehrig, fleißig,
selbstlos, treu, ausdauernd und tapfer; und sehr
sanft, und heldenhaft zugleich; hör auf, an dir
zu zweifeln, ich vertraue dir restlos. Als Leiterin
indischer Schulen, als Helferin bei indischen
Frauen wird deine Mitarbeit für mich von un-
schätzbarem Wert sein.»
  Der eiserne Ring schien sich zu schließen; ich
mochte mich noch wehren, diese letzten Worte
drangen in mein Innerstes ein. Meine Arbeit,
die so unbestimmt und verschwommen schien,
zeichnete sich unter seinen Worten immer fester
umrissen ab. Er wartete auf Antwort. Ich erbat
mir eine Viertelstunde zur Überlegung.

504
  St. John erhob sich und legte sich etwas weiter
oben am Weg ins Heidekraut.
  Ich kann tun, was er verlangt, dachte ich, vor-
ausgesetzt, daß ich am Leben bleibe; aber ich
glaube nicht, daß ich die indische Sonne lang
aushalten würde. Doch das ficht ihn nicht an;
wenn meine Stunde kommt, wird er mich ruhig
und gelassen meinem Schöpfer zurückgeben.
Es ist mir klar: ich kann England verlassen;
Mr. Rochester ist ja nicht mehr da; und wenn er
noch da wäre, was hülfe es mir? Ich muß lernen,
ohne ihn zu leben. Ich darf mich nicht durch die
Tage schleppen, als warte ich noch auf ein Wun-
der. St. John hat recht, wenn er behauptet, ich
müsse ein anderes Interesse im Leben suchen,
und gehört nicht die Arbeit, die er mir bietet,
zum Herrlichsten, was ein Mensch unternehmen
kann? Ach, ich weiß, er hat recht – und doch,
mir schaudert. Wenn ich mit St. John gehe, gebe
ich mich auf; und in Indien erwartet mich ein
früher Tod. Was wird zwischen meinem Weg-
gang aus England und meinem Grabe liegen?
Ich werde meine Kräfte aufs äußerste anspan-
nen, ich werde alles opfern. St. John wird mich
nie lieben; aber er wird mit mir zufrieden sein.
  Ich könnte also seiner Forderung entsprechen,
wenn das eine nicht wäre! Er will, daß ich seine
Frau werde, und hat nicht mehr Herz als jener
drohende Felsen dort oben! Er schätzt mich wie
der Soldat die gute Waffe; das ist alles. Solange
ich nicht mit ihm verheiratet bin, macht mir das
keine Sorge; aber wie kann ich ihn die Hochzeit

505
bereiten lassen, das Eheversprechen eingehen,
die Ringe wechseln, alle Formen der Liebe er-
tragen (denn auch diese Pflicht würde er ge-
wissenhaft erfüllen) und wissen, daß es nicht im
Geiste wahrer Liebe geschieht? Es wäre ein un-
erträgliches Martyrium. Ich kann es nicht auf
mich nehmen. Als seine Schwester könnte ich
ihn begleiten, nicht als seine Frau. Das werde ich
ihm sagen.
  Ich hielt nach ihm Ausschau. Dort lag er, un-
beweglich wie eine gestürzte Säule, und sah un-
verwandt auf mich herab. Er sprang auf und
kam näher.
  «Ich bin bereit, nach Indien zu gehen, wenn
ich frei sein kann.»
  «Drück dich deutlicher aus»
  «Du warst bisher mein Adoptivbruder, ich
deine Adoptivschwester: laß uns so weiterleben;
wir beide sollten lieber nicht heiraten.»
  Er schüttelte den Kopf. «In diesem Falle geht
das nicht; ja, wenn du wirklich meine Schwester
wärest, dann würde ich dich mitnehmen und
keine Frau suchen. Aber so, wie die Dinge liegen,
muß unsere Verbindung in der Ehe beschlossen
sein, oder sie ist unmöglich. Siehst du das nicht
ein? Überlege es dir, deine Vernunft wird dir die
Antwort geben.»
  Ich überlegte es wohl, allein, die Vernunft
sagte mir, daß wir uns nicht heiraten sollten, da
zwischen uns nicht die Liebe war, die Mann und
Frau bewegen sollte.
  «St. John, ich betrachte dich als meinen Bru-

506
der, du betrachtest mich als deine Schwester;
laß es dabei bleiben.»
  «Das geht nicht, das geht nicht. Du hast gesagt,
du würdest mit mir nach Indien kommen; denk
daran, du hast es gesagt.»
  «Bedingt.»
  «Schon gut, aber gegen die Hauptsache: unsere
Abreise, unsere Zusammenarbeit, hast du nichts
einzuwenden; du hast die Hand schon an den
Pflug gelegt; du bist zu standhaft, um sie zurück-
zuziehen. Du mußt nur das Werk im Auge be-
halten. Alle deine Gefühle, Wünsche, Hoffnun-
gen mußt du dem unterordnen. Um die Sen-
dung, die du erhalten hast, zu erfüllen, bedarfst
du eines Helfers, nicht eines Bruders: das ist ein
zu loses Band. Ich wünsche auch nicht, eine
Schwester neben mir zu haben; eine Schwester
kann mir jederzeit genommen werden; ich brau-
che eine Ehefrau: die einzige Helferin, die ich
wirklich beeinflussen und bis ans Lebensende an
mich fesseln kann.»
  Ich schauderte bei diesen Worten, ich spürte,
wie mich sein Einfluß bis ins Mark durchdrang,
meine Glieder lähmte.
  «Suche dir eine andere Frau, St. John; such
eine, die zu dir paßt!»
  «Zu meinem Vorhaben paßt, willst du sagen.
Ich kann dir nur wiederholen, nicht für den un-
wichtigen, selbstsüchtigen Mann, sondern für
den Missionar suche ich eine Gefährtin.»
  «Ich bin bereit, dem Missionar meine Kraft zu
geben, aber nicht mich selbst.»

507
  «Das kannst du nicht. Denkst du, Gott begnügt
sich mit einem halben Opfer?»
  «Ich will Gott ja gerne mein ganzes Herz ge-
ben! Aber du, du brauchst es ja nicht!»
  Vielleicht schwang etwas Sarkasmus in mei-
nem Tone mit. Bisher hatte ich St. John nur ge-
fürchtet, weil ich ihn nicht verstand. Ich wußte
nicht, inwieweit er ein Heiliger, inwieweit er
bloß ein irdischer Mensch sei. Aber im Verlaufe
dieser Unterredung ging mir manche Erkennt-
nis auf. Ich sah seine Schwächen; ich begriff sie.
Ich erkannte, daß ich da, im Heidekraut sitzend,
den großen, schönen Menschen vor mir, zu
Füßen eines Mannes saß, der irrte wie ich. Ein
Schleier fiel und enthüllte mir des Mannes Härte
und Herrschsucht. Ich spürte seine Unvollkom-
menheit und faßte Mut. Ich stand vor meines-
gleichen; ich konnte mit ihm rechten, ich konnte
ihm widerstehen, wenn ich wollte.
  Der erstaunte, forschende Blick, den er nach
meinen letzten Worten auf mich heftete, schien
zu fragen: Spottet sie? Was hat das zu bedeuten?
  «Laß uns den Ernst der Angelegenheit nicht
mißachten», sagte er endlich. «Ich will glauben,
daß du Gott dein Herz wirklich geben willst;
mehr verlange ich nicht. Bist du erst einmal be-
reit, für das Kommen des Reiches Gottes zu
arbeiten, dann wirst du auch zu allem bereit
sein, was diesem Ziele dient. Du wirst sehen,
welche Kraft uns aus unserer leiblichen und gei-
stigen Verbindung in der Ehe erwachsen wird;
über alle Kleinlichkeiten, über alle menschlichen

508
Bedenken, Wünsche und Gefühle hinweg wirst
du selbst dazu drängen, diese Verbindung sofort
einzugehen.»
  «Werde ich das?» gab ich schroff zurück. Ich
sah zu ihm auf: schön waren seine Züge, aber
von erschreckender Strenge, herrisch seine Stir-
ne, aber nicht offen; glänzend und forschend
seine Augen, aber ohne Sanftheit – und ich stellte
mir einen Augenblick vor, ich sei seine Frau. Nie-
mals! Alles, alles wollte ich auf mich nehmen,
Fremde, Arbeit, Entbehrungen, aber frei blei-
ben in mir selbst; in meinen Gefühlen und Ge-
danken, in meinem ureigensten Wesen. Neben
ihm leben als seine Frau, immer geduckt, immer
beherrscht, immer gezwungen, anders zu er-
scheinen als ich wirklich war: unmöglich!
  «St. John!» rief ich aus, als ich in meinem Ge-
dankengang zu diesem Punkt gekommen war.
  «Was ist?» gab er eisig zurück.
  «Ich wiederhole: ich will dich freiwillig als
Missionsgehilfin begleiten; aber nicht als deine
Frau; ich kann dich nicht heiraten und ein Teil
von dir werden.»
  «Du mußt ein Teil von mir werden, sonst ist
alles umsonst. Wie kann ich, ein Mann von noch
nicht dreißig Jahren, ein neunzehnjähriges Mäd-
chen mit mir nach Indien nehmen, es sei denn,
sie wäre mit mir verheiratet? Wie könnten wir,
unverheiratet, immer zusammenleben, bald in
der Einsamkeit, bald unter wilden Stämmen?»
  «Sehr gut», gab ich zurück, «so wie die Dinge
liegen, genauso gut, als wenn ich deine Schwe-

509
ster wäre oder ein Mann und ein Geistlicher
wie du.»
  «Es geht nicht. Man weiß, daß du nicht meine
Schwester bist; zudem, wenn du auch den Ver-
stand eines Mannes hast, so hast du doch das
Herz einer Frau.»
  «Gewiß», sagte ich, etwas geringschätzig, «ich
habe wohl das Herz einer Frau, aber nicht mit
Bezug auf dich; für dich habe ich nur die Treue
eines Kameraden, die Offenheit und Zuneigung
eines Mitkämpfers, die Achtung eines Jüngers
für seinen Meister, mehr nicht – hab keine
Angst.»
  «Das ist ja gerade, was ich brauche», sagte er,
wie zu sich selbst. «Hindernisse müssen beseitigt
werden, Jane, du würdest es nicht bereuen. Wir
müssen heiraten, ich wiederhole es. Und sicher
würde genügend Liebe daraus entstehen, um
unsere Verbindung in deinen Augen zu recht-
fertigen.»
  «Ich will nichts von deiner Auffassung der
Liebe wissen!» rief ich, aufspringend, aus. «Ich
hasse diese unechten Gefühle; ja, St. John, ich
verachte dich, wenn du sie mir anbietest!»
  Er sah mich mit zusammengepreßten Lippen
unverwandt an; seine beherrschten Züge ver-
rieten weder Zorn noch Überraschung.
  «Ein solches Wort hätte ich von dir nicht er-
wartet», sagte er endlich, «ich glaube, nichts ge-
sagt zu haben, was deine Verachtung verdient.»
  Seine Gelassenheit dämpfte meine Empörung.
  «Verzeih das rasche Wort, St. John. Aber über

510
Liebe können wir beide nicht reden. Gib diesen
Heiratsplan auf, lieber Vetter, vergiß ihn.»
  «Nein. Es ist ein langgehegter Plan, der einzige,
der mir zu meinem Ziel dienen kann. Aber ich
will nicht weiter in dich dringen. Morgen fahre
ich nach Cambridge, um mich von meinen
dortigen Freunden zu verabschieden. Ich bleibe
vierzehn Tage; bis dahin kannst du dir meinen
Antrag überlegen; aber vergiß nicht, daß du
Gott verleugnest, wenn du mich ablehnst. Durch
mich, als meine Frau, eröffnet er dir eine edle
Laufbahn. Schlägst du sie aus, dann bleibst du
dein Leben lang in Selbstsucht und Finsternis
befangen.»
  Ohne ein weiteres Wort kehrten wir heim.
An jenem Abend gab er mir zur «Guten
Nacht» nicht einmal die Hand, sondern verließ
schweigend das Zimmer. Tief verletzt in meinen
ehrlichen, freundschaftlichen Gefühlen für ihn,
vermochte ich die Tränen nicht zurückzuhalten.
  «Ihr habt euch gezankt, Jane, wie?» fragte
Diana. «Geh ihm nach, er steht sicher im Gang
und wartet; dann wird alles wieder gut.»
  In solchen Dingen habe ich nicht viel Stolz;
Glück ist mir wichtiger als Haltung; ich lief da-
her hinaus. St. John stand am Fuß der Treppe.
  «Gute Nacht, St. John.»
  «Gute Nacht, Jane», gab er ruhig zurück.
  «Die Hand können wir uns doch wenigstens
reichen?»
  Welch kalter, flüchtiger Händedruck! Keine
Spur von Herzlichkeit, keine wohltuende Ver-

511
söhnung, kein gutes Wort. Auf meine Frage, ob
er mir verzeihe, antwortete er in christlicher Ge-
lassenheit, er habe nichts zu verzeihen, da ich
ihn nicht beleidigt habe.
  Damit ging er. Mir wäre lieber gewesen, er
hätte mich geschlagen.

35

Er ging am nächsten Tage noch nicht nach


Cambridge, sondern verschob seine Abreise um
eine volle Woche. Während dieser Tage ließ er
mich fühlen, wie hart ein zwar guter, aber ge-
strenger, ein gewissenhafter, dabei aber uner-
bittlicher Mensch jemanden zu strafen vermag,
der ihn beleidigt hat. Ohne eine feindliche Ge-
bärde, ohne ein unfreundliches Wort brachte er
es doch fertig, mich fühlen zu lassen, daß ich
seine Gunst verwirkt habe. Nicht, daß St. John
unchristlichen Rachegefühlen Raum gegeben
hätte; darüber war er erhaben; aber wenn er
mir auch die Mißachtung seiner Liebe verzieh,
vergessen würde er die Kränkung niemals mehr.
  Jeden Morgen rief er mich zwar zur gewohn-
ten gemeinsamen Arbeit; allein, ich fürchte, der
sündige Mensch in ihm machte sich ein Vergnü-
gen daraus, gerade in dieser Zusammenarbeit
jede persönliche Teilnahme, die früher ihren
Reiz ausmachte, zu vermeiden. Seine vollkom-
mene kalte Beherrschtheit war eine raffinierte
Folterqual für mich. Gegen seine Schwestern

512
war er, als wolle er mich den Unterschied noch
schmerzlicher empfinden lassen, freundlicher
denn je.
  Am Vorabend seiner Abreise sah ich ihn vom
Fenster aus zufällig im Garten auf und ab gehen;
da überfiel mich erneut die Erinnerung daran,
daß dieser selbe Mann, der mir nun so entfrem-
det schien, mir einst das Leben gerettet hatte.
Ich mußte einen letzten Versuch machen, seine
verlorene Freundschaft wieder zu gewinnen.
  Rasch entschlossen trat ich vor das Haus und
ging auf ihn zu.
  «St. John», begann ich ohne Umschweife, «ich
bin unglücklich, weil du mir immer noch böse
bist. Bitte, laß uns Freunde sein!»
  «Ich hoffe, wir sind Freunde», gab er kühl zu-
rück, ohne sich auch nur nach mir umzuwenden.
  «Nein, St. John, wir sind nicht mehr Freunde
wie früher; das weißt du.»
  «Sind wir es nicht mehr? Das ist nicht recht.
Ich für meinen Teil wünsche dir alles Gute und
nichts Böses.»
  «Ich glaube dir das gern, St. John; denn du bist
sicher nicht der Mann, irgend jemandem etwas
Übles zu wünschen. Aber als deine Verwandte
möchte ich doch etwas mehr als diese allgemeine
Menschenliebe, die du jedem Wildfremden ent-
gegenbringst.»
  «Da hast du ganz recht. Ich betrachte dich
auch keineswegs als Fremde.»
  Ich empfand diese sachliche, kühle Feststel-
lung als so kränkend, daß ich am liebsten mei-

513
nem Zorn nachgegeben und St. John ohne wei-
teres den Rücken gekehrt hätte. Aber andere Ge-
fühle herrschten dennoch in mir vor: ich verehrte
die Gaben und die Grundsätze meines Vetters;
ich legte Wert auf seine Freundschaft. So leich-
ten Kaufs mochte ich sie nicht aufgeben.
  «Müssen wir so voneinander scheiden, St. John?
Willst du mich ohne ein freundliches Wort zu-
rücklassen, wenn du nach Indien gehst?»
  Er wandte sich unvermittelt mir zu und sah
mich an.
  «Zurücklassen – wenn ich nach Indien gehe?
Jane! Gehst du nicht mit nach Indien?»
  «Du hast doch selbst gesagt, es sei unmöglich,
wenn ich dich nicht heirate.»
  «Und das willst du nicht? Du bleibst dabei?»
Eisig, lähmend klangen die Worte.
  «Nein, St. John, ich heirate dich nicht. Ich
bleibe dabei.»
  «Und warum nicht?» kam es mühsam beherrscht.
  «Früher war es, weil du mich nicht liebtest;
jetzt – jetzt hassest du mich beinahe. Du würdest
mich umbringen, wenn ich deine Frau wäre.
Du bringst mich jetzt schon um.»
  Er wurde aschfahl.
  «Umbringen? Ich würde dich umbringen? Ich
bringe dich jetzt schon um? Du gebrauchst un-
ziemliche Worte, heftige, unweibliche, unwahre
Worte! Das verrät eine traurige Gemütsverfas-
sung – das verdient strenge Rüge. Aber es ist
Menschenpflicht, seinem Nächsten zu vergeben,
und wären es siebenzig mal sieben Mal.»

514
  Jetzt war alles aus; während ich eine Beleidi-
gung tilgen wollte, hatte ich eine weit schlim-
mere unauslöschlich eingebrannt.
  «Nun wirst du mich unversöhnlich hassen»,
sagte ich. «Es ist nutzlos, daß ich es zu ändern
versuche. Du bist jetzt für immer mein Feind.»
  Diese Worte verwundeten ihn aufs neue, und
zwar um so tiefer, als sie der Wahrheit nahe-
kamen; ich sah es um seine blutleeren Lippen
zucken; ich wußte, welchen Zorn ich auf mich
geladen hatte, und war trostlos.
  «Ach, du mißverstehst mich ganz und gar!»
rief ich, seine Hände ergreifend, aus. «Ich wollte
dich ja gar nicht kränken, wirklich nicht!»
  «Ich habe dir schon einmal erklärt, daß es un-
möglich ist, daß ein junges Mädchen wie du
einen unverheirateten Mann wie mich in die
Fremde begleitet. Ich habe dir das so unzwei-
deutig klargemacht, daß ich um deinetwillen nur
bedauern kann, daß du überhaupt darauf zu-
rückkommst.»
  Ich unterbrach ihn. Sein Vorwurf gab mir
Mut. «Sei vernünftig, St. John; was du sagst,
grenzt an Unsinn; du tust, als entsetzten dich
meine Worte; in Wirklichkeit bist du viel zu klug,
um meine Worte mißverstanden zu haben. Ich
wiederhole, daß ich bereit bin, deine Gehilfin,
aber nicht deine Frau zu werden.»
  Wieder erblaßte er; aber er beherrschte sich,
obwohl seine Worte leicht erregt klangen.
  «Mit einer Gehilfin, die nicht meine Frau ist,
kann ich nichts anfangen. Mit mir kannst du

515
also, allem Anschein nach, nicht gehen. Aber
wenn dein Angebot ernst gemeint war, will ich
in der Stadt mit einem verheirateten Missionar
sprechen, dessen Frau eine Gehilfin braucht.
Dein Vermögen gestattet dir, unabhängig von
der Missionsgesellschaft zu leben, und so bliebe
dir die Schande erspart, dein Wort gebrochen zu
haben.»
  Nun hatte ich aber weder mein Wort gegeben
noch eine Verpflichtung übernommen; diese
Worte trafen mich darum hart, und ich fand sie
geradezu despotisch.
  «Von Schande kann da gar keine Rede sein»,
gab ich heftig zurück. «Ich habe niemandem
mein Wort gegeben. Nichts verpflichtet mich,
nach Indien zu gehen; am allerwenigsten mit
Fremden. Mit dir hätte ich viel gewagt; weil ich
dich bewundere und dir vertraue und weil ich
dich wie eine Schwester liebe; aber ich bin über-
zeugt, daß ich, mit wem immer ich auch gehen
würde, in dem Klima dort nicht lange zu leben
hätte.»
  «Aha, du fürchtest für dein Leben!» sagte er
spöttisch.
  «Jawohl! Gott hat mir dieses Leben nicht ge-
geben, damit ich es wegwerfe; und wenn ich tue,
was du verlangst, so ist das einfach Selbstmord.
Und außerdem, bevor ich überhaupt einen Ent-
schluß fasse, muß ich mit Bestimmtheit wissen,
ob ich nicht weit nützlicher sein kann, wenn ich
in England bleibe, als wenn ich es verlasse.»
  «Was meinst du damit?»

516
  «Es wäre nutzlos, dir das erklären zu wollen;
aber an mir nagt seit Monaten ein Zweifel, und
ehe der nicht bereinigt ist, kann ich nicht fort.»
  «Ich weiß, wohin dich dein Herz zieht. Aber
was du wünschest, ist unerlaubt und sündhaft.
Längst solltest du den Gedanken daran ausge-
merzt haben; und schämen solltest du dich,
überhaupt darüber zu sprechen. Du denkst an
Mr. Rochester!»
  Ich schwieg. Mein Schweigen war deutlich
genug.
  «Wirst du Mr. Rochester suchen?»
  «Ich muß erfahren, was aus ihm geworden ist.»
  «Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als für
dich zu beten und Gott inständig zu bitten, daß
du nicht verlorengehst. Ich wähnte, in dir eine
Auserwählte zu sehen; aber Gott sieht nicht, wie
Menschen sehen. Sein Wille geschehe.»
  Er öffnete das Gartenpförtchen und entfernte
sich in Richtung der Schlucht. Bald war er mei-
nen Blicken entschwunden.
  Als ich wieder ins Wohnzimmer trat, fand ich
Diana gedankenvoll am Fenster stehen; sie kam
auf mich zu, legte eine Hand auf meine Schulter
und blickte mich prüfend an.
  «Jane, du bist jetzt immer so blaß und aufge-
regt. Was ist los? Was ist zwischen dir und St.
John? Ich habe euch vom Fenster aus beob-
achtet; verzeih, aber ich mache mir so viele
Gedanken. St. John ist so merkwürdig.»
  Da ich schwieg, fuhr sie nach kurzer Pause
fort:

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  «Mein Bruder hat irgend etwas mit dir vor,
Jane; er hat dir mehr Interesse gezeigt als sonst
jemals für einen Menschen, warum? Ich wollte,
er liebte dich, Jane – ist es das?»
  «Nein, Dia», sagte ich und legte ihre kühle
Hand auf meine brennende Stirn, «er liebt mich
kein bißchen.»
  «Warum folgt er dir dann so mit den Augen
und will dich immer um sich haben? Mary
und ich schlossen daraus, daß er dich heiraten
will.»
  «Das will er allerdings. Er bat mich, seine Frau
zu werden!»
  Diana klatschte in die Hände. «Das hofften
wir ja gerade! Und du, Jane? nicht wahr, du
hast ja gesagt? Und dann bleibt er in England!»
  «Weit gefehlt, Diana! Sein einziger Gedanke
bei dem Antrag ist, sich einen geeigneten Ge-
hilfen für sein Werk in Indien zu sichern.»
  «Was? Du sollst nach Indien gehen?»
  «Ja.»
  «Wahnsinn! Keine drei Monate würdest du es
dort aushalten, das weiß ich. Niemals darfst du
nach Indien. Du hast doch nicht zugestimmt,
Jane?»
  «Ich habe mich geweigert, ihn zu heiraten.»
  «Und das hat ihn gekränkt?»
  «Tief; ich fürchte, er wird es mir nie ver-
zeihen; ich schlug ihm vor, ihn als seine Schwe-
ster zu begleiten.»
  «Verrückt, Jane, vollkommen verrückt! Denk
doch nur an die furchtbaren Anstrengungen

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und Entbehrungen, denen die kräftigsten Na-
turen kaum standhalten, und du bist so zart!
Und St. John, du kennst ihn ja, würde dich nicht
schonen; und je mehr er von dir verlangt, desto
mehr mühst du dich ab, es ihm recht zu machen;
das habe ich wohl bemerkt. Ich wundere mich,
daß du den Mut gefunden hast, ihm nein zu
sagen, Jane. Demnach liebst du ihn nicht?»
  «Nicht als Gatten.»
  «Und doch ist er ein schöner Mann.»
  «Und ich so häßlich, Dia, … du siehst, wir
würden nicht zueinander passen.»
  «Häßlich, du? Kein bißchen! Du bist viel zu
hübsch und zu gut, um in Kalkutta lebendig
verbrannt zu werden!» Und noch einmal bat
sie mich inständig, jeden Gedanken an Indien
aufzugeben.
  «Das muß ich wohl», entgegnete ich, «denn als
ich ihm eben den Vorschlag wieder