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spe z i A l

A r c h ä o l o g i e · g e s c h i c h t e · K u lt u r

Das frühe rom


Aufstieg zur Weltmacht
spezial archäologie · geschichte · Kultur 2/14

EtRuskER
Die heiligen Bücher
der priester

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Rom
Aufstand der plebejer

HispaniEn
roms blutiger Kampf
gegen die Keltiberer
63547
02

4 198306 908901

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EDITORIAL

Klaus-DieterLinsmeier
RedakteurdieserAusgabe

Expansion als Staatsdoktrin

E  in  Brudermord  überschattet  die  Gründung 


Roms:  Romulus  erschlägt  seinen  Bruder  Re­
mus,  weil  der  Roms  erste  Mauer  –  wohl  eher  ein 
barn wurden Bundesgenossen – mal mehr, mal we­
niger  freiwillig.  Und  die  Expansion  nahm  Fahrt 
auf, wurde zum politischen Programm. In erbitter­
Mäuerchen  –  verspottet  und  darüber  springt.  Zu  ten  Kriegen  bezwangen  die  Römer  den  Erzfeind 
dieser Zeit waren sich die Geschwister längst nicht  Karthago, setzten sich in Spanien und im östlichen 
mehr grün, aus dem gemeinsamen Vorhaben war  Mittelmeerraum fest. Vielleicht fehlte es anderen 
ein Zwist entstanden, den zunächst die Götter via  Völkern  an  Ehrgeiz,  es  den  Römern  gleichzutun, 
Vogelflugorakel  zu  Gunsten  des  Romulus  ent­ vielleicht besaßen sie nicht ihr Geschick, zur rich­
schieden. tigen Zeit Allianzen zu bilden und ebenso zur rich­
Dass  Remus  sich  nicht  dreinschicken  will,  mit  tigen Zeit ihre Armee in Gang zu setzen. 
dem  bekannten,  schon  in  der  Antike  kontrovers  Freilich kosteten die Eroberungen einen hohen 
diskutierten Ende, hat für Althistoriker sein Gutes.  Blutzoll.  Diese  Verluste  wiederum  sollten  die  Ge­
Denn  die  überlieferten  Begleitumstände  bergen  sellschaft  verändern,  insbesondere  den  unteren 
Hinweise  auf  Roms  Anfänge  im  8.  Jahrhundert  v.  Schichten der Plebejer mehr politische Rechte ein­
Chr. Dass Romulus mit dem Pflug eine Furche um  räumen,  mussten  vor  allem  sie  doch  Leib  und 
das Baugebiet zog, schlägt beispielsweise eine Brü­  Leben  in  den  Dienst  Roms  stellen.  Als  schließlich 
cke zur benachbarten etruskischen Kultur, wo der­ das  Ende  der  Republik  in  der  Person  Gaius  Julius 
gleichen ein festes Ritual war. Den Willen der Göt­ Cäsars herannahte, erinnerte dessen Gegner Mar­
ter aus dem Auftauchen und Verhalten bestimm­ cus Tullius Cicero an den Gründervater Ro mulus: 
ter Vögel zu deuten war etruskisches Knowhow. So verhasst sei der Brudermörder und erste König 
Forscher, die in die Frühgeschichte der Stadt auf  gewesen,  dass  ihn  die  Senatoren  grausam  um­
den sieben Hügeln eintauchen, finden sich schnell  brachten. Falls Cäsar von diesen Anspielungen auf 
in  einem  Italien  wieder,  in  dem  diverse  Ethnien  seine Person erfuhr, schenkte er ihnen offenbar zu 
mal im friedlichen Austausch, mal im Krieg mitei­ wenig Beachtung.
nander  leben:  Etrusker,  Griechen,  Kelten,  Latiner, 
Lukaner, Picener und, und, und. Man tauschte Roh­ Spannende Lektüre wünscht
stoffe  und  Waffen,  Luxusgüter  und  Ideen  bis  hin 
zu religiösen Vorstellungen. 
Doch kaum hatten die Römer ihren letzten Kö­
nig vertrieben und eine Republik begründet, grif­
fen sie vermehrt in fremdes Gebiet aus. Aus Nach­

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I N H A LT

SZENEDERTOMBAFRANÇOIS:CAELIUSVIBENNAUNDSERVIUSMASTARNA/PUBLICDOMAIN AKGIMAGES/NIMATALLAH AKGIMAGES/DEAGOSTINIPICTURELIBRARY

6 14 32

Fremdherrscher Bauernopfer Tönerne Götter


Grabfresken, Riten und Geschich­ Wenn es der Staat befahl, verließen die Von den Dächern etruskischer Tempel
ten: Vieles deutet darauf hin, Bauern ihre Äcker und zogen in den Krieg. schützten Gottheiten das Land.
dass die Etrusker großen Einfluss Jede Eroberung machte Roms Elite Kein anderes Volk der Antike galt als
auf das frühe Rom hatten. reicher – auf Kosten der Unterschicht. so religiös wie die Etrusker.

ROMS ANFÄNGE FRÜHES ITALIEN LUKANER


38 Stolze Burgen
MYTHEN ETRUSKER für stolze Bürger
6 Brudermord 26 Die seltsamen Nachbarn Agnes Henning
und Fremdherrschaft Martin Bentz Für die Römer waren die Bewohner
Charlotte Schubert Grabungen in Heiligtümern und des süditalienischen Berglands
Haben die Legenden aus der Grün- einer Siedlung bestätigen heute, was nichts als unkultivierte Krieger. Doch
dungszeit einen historischen Kern? schon Griechen und Römer dachten: Archäologen und Bau forscher
Die Etrusker waren speziell! zeichnen neuerdings ein ganz
STÄNDEKÄMPFE anderes Bild.
14 Sieg der Verweigerer RELIGION
Theodor Kissel 32 Bücher der Offenbarung PICENER
Die Plebejer der römischen Republik Marta Scarrone 42 Das Volk des Spechtes
stellten zwar das Gros der Soldaten, Von allen Mittelmeerkulturen Alessandro Naso
waren aber lange rechtlos. kannten nur die Etrusker mythische Gefürchtete Krieger und erfolgreiche
Wesen, die Geheimwissen wie Fernhändler – die Picener waren
EROBERUNGSKRIEGE die Kunst der Weissagung oder die eines der bedeutendsten italischen
20 Der hellenistische Osten Lehre von den Zeitaltern offenbart Völker. Ihre Existenz, so heißt es in
Theodor Kissel hatten. In Schriften fixiert wurden ihrer Gründungslegende, verdankten
Rom kam als Ordnungshüter – und es von Priester zu Priester weiterge- sie allein der Entscheidung eines
blieb als Besatzer. geben. Vogels.

4 SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
GETTYIMAGES/DEAGOSTINIPICTURELIBRARY DREAMSTIME/NANISUB

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Antike Seemacht Wohnen wie ein Krieger


Die Phönizier waren Meister im Das Oppidum Numantia war eine Hochburg des hispanischen Widerstands
Handel zur See. Einzig die Kolo­ gegen die römischen Besatzer – und ist heutzutage eine Schatzkiste für
nie Karthago nutzte ihre Flotte die archäologische Erforschung der so genannten Keltiberer. Auf gut zu vertei­
auch als Kriegsmaschine. digenden Hügeln bauten sie mächtige Städte und wohnten in Steinhäusern.

NACHBARN IM MITTELMEERRAUM KARTHAGO ständig zu unterwerfen und einzu-


62 Das Reich des Bösen? gliedern. Immer wieder flackerten
GRIECHISCHE KOLONISATION Theodor Kissel Aufstände auf. Insbesondere das Volk
46 »Wie Frösche um einen Teich« In drei verheerenden Kriegen trafen der Keltiberer leistete Widerstand
Theodor Kissel Römer und Karthager aufeinander. und wurde erst nach drei langen
Der Handel florierte, die Gemein- Neben militärischen Konzepten Kriegen bezwungen.
wesen wuchsen, kurz: Griechenland setzte Rom auch auf Propaganda.
boomte im 8. Jahrhundert v. Chr.
Und dennoch brachen Kolonisten STRASSE VON SIZILIEN
zu neuen Gestaden auf – weil sie 70 Brückenkopf Pantelleria
Verlierer des Aufschwungs waren? Thomas Schäfer und
Klaus-Dieter Linsmeier 3 Editorial
FESTUNGSBAU Zwischen Sizilien und Afrika 69 Impressum
54 Verteidigung im Vorfeld rangen Karthager und Römer um
82 Vorschau
Oliver Hülden die Vorherrschaft im Mittelmeer.
Immer furchteinflößendere Belage-
rungsmaschinen bedrohten die KELTIBERER
Titelmotiv: Scala Florenz
Städte der griechisch geprägten 76 Der lange Kampf in Spanien Die »Kapitolinische Wölfin« stellt den Gründungsmyhtos
Roms bildlich dar: In der Wildnis ausgesetzt, werden
Welt im 4. Jahrhundert v. Chr. Neue Josef Fischer Ro mulus und Remus von ihr aufgezogen. Die lebensgroße
Wehranlagen sollten Feinde ab- 200 Jahre benötigte das Imperium, Bronzefigur gilt heutzutage als Sinnbild des Imperium
Romanum, wurde aber vermutlich erst Jahrhunderte nach
schrecken und auf Distanz halten. um die Iberische Halbinsel voll- dem Untergang des Reichs gefertigt.

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MYTHEN

Brudermord
und Fremdherrschaft
Glaubt man den Legenden, überschatteten Mord und Betrug die Gründung Roms.
Forscher gehen nun davon aus, dass die Stadt am Tiber noch eine weitere Leiche
im Keller hatte: Der hochverehrte König Servius Tullius kam wohl ebenfalls durch
einen Mord an die Macht – und war vielleicht Etrusker.
Von Charlotte Schubert

A
uch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, so Die Römer selbst sahen sich als Nachfahren des Äneas; der
lautet ein deutsches Sprichwort. Wie lange es bedeutende Dichter Publius Vergilius Maro (70 – 19 v. Chr.)
aber nun dauerte und ab wann die Siedlung am beschrieb die Ereignisse im 1. Jahrhundert v. Chr. in seinem
Tiber als Stadt in die Geschichte eintrat, darüber Epos »Aeneis«. Der Protagonist habe nicht nur seine Lands­
herrscht rege Diskussion unter Experten. War es ein langsa­ leute nach Italien gebracht, er rettete auch die Kultobjekte
mes Zusammenwachsen verschiedener Siedlungen, was die der Penaten. Diese Schutzgottheiten waren den Römern hei­
meisten von ihnen glauben? Oder stand doch ein regelrech­ lig, da sie nicht nur im privaten Raum Haus und Hof sicher­
ter Gründungsakt am Beginn, so wie ihn der Mythos von den ten, sondern auch in einer sozusagen öffentlichen Version
Zwillingen Romulus und Remus überliefert – und wie der den Staat insgesamt vor Schaden bewahrten. Vergil zufolge
italienische Archäologe Andrea Carandini neuerdings wieder nahm Äneas Lavinia zur Frau, die Tochter des Königs Latinus,
postuliert? gründete eine Stadt und benannte sie nach ihr. Der Ort ist ar­
Folgt man den Legenden, die sich um die Entstehung der chäologisch belegt: Lavinium, heute Practica di Mare, liegt
Römer ranken, so bleiben jene, die im griechischen Kultur­ etwa 30 Kilometer von Rom entfernt. Bei Grabungen in den
kreis kursierten, besonders vage. So notierte Dionysios von 1950er und 1960er Jahren kam ein Befestigungswerk aus
Halikarnassos im 1. Jahrhundert v. Chr., ein Grieche namens dem 7. Jahrhundert v. Chr. zu Tage, außerdem eine monu­
Euander habe lange vor dem Trojanischen Krieg mit seinen mentale Anlage mit 13 Altären; der älteste stammt aus dem
Gefährten am Palatin, einem der sieben Hügel der späteren 6. Jahrhundert v. Chr. Die Forscher gehen davon aus, dass die­
Metropole, gelebt. Das Gebiet gehörte laut Dionysios zum ses Monument auch der Verehrung des Äneas diente.
Herrschaftsgebiet der Aboriginer und ihres Königs Faunus. Dessen Sohn Ascanius soll einige Zeit später Alba Longa
Jahre später habe der Halbgott Herakles im Tal des Tiber den gegründet haben, wo von da an eine weitere Königsdynastie
Riesen Cacus besiegt, und nun hätten sich einige seiner Män­ regierte. Nach dem Mythos vergingen zwölf Generationen,
ner auf dem Kapitolinischen Hügel angesiedelt. Beide Legen­ dann gebar die Tochter des Königs Numitor die Zwillinge
den verdeutlichen, dass dieser Raum der sieben Hügel schon Romulus und Remus. Doch die Situation war nicht günstig:
lange vor den Römern mit Bedeutung aufgeladen war. Numitor war von seinem Bruder Amulius entmachtet wor­
Einige griechische Mythen erwähnen auch eine Stamm­ den und fürchtete Konkurrenz, zumal die junge Mutter den
mutter der Römer namens Rhome, was »Kraft« oder »Stärke« Kriegsgott Mars als Vater angab. Der Usurpator ließ die Neu­
bedeutet. Sie hat einen engen Bezug zu dem trojanischen geborenen in der Wildnis aussetzen. Aber eine Wölfin zog sie
Prinzen Äneas, der auf Geheiß Apollos viele Bewohner aus groß, bis sie als Jugendliche zurückkehrten und von dem wie­
dem brennenden Troja führte. Nach einer Irrfahrt über Thra­ der amtierenden Numitor aufgenommen wurden.
kien, Kreta und Karthago erreichten die Flüchtlinge Italien Am Ort ihrer Rettung wollten die Zwillinge eine Stadt
und schließlich die antike Landschaft Latium. Rhome wurde gründen, doch sie gerieten in Streit. Eine Vogelschau sollte
schon in der griechischen Literatur des 5. Jahrhunderts v. Chr. entscheiden: Wem die Götter das bessere Himmelszeichen
als jene Trojanerin genannt, die Äneas’ Flotte in Brand setzte, sendeten, dürfe den Namen aussuchen. Jeder bestieg einen
um eine Weiterfahrt unmöglich zu machen. In anderen My­ Hügel, beide sahen Geier fliegen. Remus gab sechs als Zahl
then war sie seine Frau oder die Gattin des Latinerkönigs. an, Romulus behauptete, zwölf gesehen zu haben – somit er­

6 SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
AUF EINEN BLICK

MYTHISCHEANFÄNGE

1 Verschiedene Legenden verankern Rom und das römische Volk


im Kontext mythischer Ereignisse wie dem Trojanischen Krieg
oder dem Schicksal von Romulus und Remus. Die Geschichtlichkeit
dieser Überlieferungen ist umstritten.

2 Insbesondere die Legende um die Stadtgründung durch


Romulus und die sich anschließende Königsherrschaft könnte
jedoch einen historischen Kern besitzen.

3 Zahlreiche Indizien lassen vermuten, dass die Tiberstadt


während der Königszeit unter etruskischem Einfluss stand.
Doch schweigen die meisten antiken Autoren.

In der Wildnis ausgesetzt seien Romulus und Remus von einer Wölfin aufgezogen worden. Ersterer
habe später Rom gegründet – und seinen Bruder erschlagen. Diese Gründungslegende beschäftigte
die Gelehrten schon in der Antike, zeigte sie doch den Stadtgründer in keinem günstigen Licht. Die
berühmte Bronzeskulptur der »Kapitolinischen Wölfin« entstand möglicherweise erst im Mittelalter.
FOTOLIA / KONSTANTIN KALISHKO

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / CHRISTINA HOF
Die Domus Regia
(hölzerner Königspalast)

Rauchabzug

Dach aus Schilf

Architrav
aus Holz Holzstützen zur
Verteilung des
Gewichts

Lehmputz

Holzsäule

Die »Domus Regia« war in der Zeit der Republik Sitz der höchsten römischen Priester. Antiken Autoren
zufolge war sie zuvor auch die Residenz der Könige gewesen. Ihr Aussehen in dieser Zeit rekonstruierte
der Archäologe Andrea Carandini anhand von Grabungen.

hielt er den Zuschlag. Nun zog er eine Furche um den Bau­ der Erde gerissen worden sein, um fortan als Kriegsgott Qui­
grund und errichtete eine Mauer. Aber Remus verspottete rinus über seine Stadt zu wachen. Möglicherweise mischen
deren geringe Höhe, sprang zum Hohn darüber – und wurde sich in dieser Legende verschiedene Religionen: Quirinus war
von Romulus erschlagen. vermutlich ein Gott der Sabiner, denn diese sollen auch auf
Nicht nur dieser Brudermord warf schon in der Antike dem später Quirinal genannten Hügel gesiedelt haben.
Schatten auf die Anfänge Roms, sondern auch der Verdacht, Weniger schmeichelhaft ist, was der Politiker und Redner
ihr Gründer habe über Art und Zahl der von ihm beobachte­ Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.) über den Tod des
ten Vögel gelogen. Auch dass er nun Bettler, Schuldner, Kri­ Gründervaters überlieferte: Von seinen Senatoren gehasst
minelle und entflohene Sklaven um sich scharte, gereichte sei Romulus nicht nur von ihnen getötet, sondern auch in
ihm nicht zur Ehre. Diese anrüchige Männergesellschaft Stück gerissen und verschlungen worden, auf dass der erste
musste sich sogar Frauen rauben: Sie luden die umliegenden König Roms spurlos verschwände. Allerdings gibt es keine äl­
Städte zu heiligen Spielen ein, fielen dann über ihre Gäste
her, zumeist vom Stamm der Sabiner, und entführten deren
unverheiratete Töchter. Als ein Heer anrückte, um dies zu Im 8. Jahrhundert v. Chr. begann der Aufstieg der Etrusker zur
sühnen, stellten sich die Frauen zwischen die Parteien, da auf Hochkultur, siedelten sich Griechen an den Küsten Italiens und
der einen Seite ihre Väter und Brüder standen, auf der ande­ Siziliens an und wurde – zumindest der Legende nach – die Stadt
ren inzwischen ihre Männer und Söhne. Die Geschichte Rom gegründet. Zu dieser Zeit lebten bereits zahlreiche Völker
nahm ein versöhnliches Ende: Romulus und der Sabiner­ in Italien, die Forscher heute auf Grund kultureller und – sofern
könig Titus Tatius teilten sich die Regierungsgewalt. anhand von erhaltenen Textfragmenten nachvollziehbar – sprach­
Nach fast vier Jahrzehnten soll Romulus während einer licher Gemeinsamkeiten als Italiker bezeichnen. Die Karte zeigt
Heerschau von seinem Vater Mars in einer Sturmwolke von die Verbreitungsgebiete im 5. Jahrhundert v. Chr.

8 SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

etruskischer Einfluss
Sik ule r
Picener von Griechen kontrollierte
Küsten Io nische s
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karthagischer Einfluss

Volksstamm

N
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0 200 km
trennt wurden. Carandini hat außerdem die Fundamente ei­
nes Gebäudes ausgegraben, das sich zu einem weiten Hof hin
Die sieben
öffnete. Der Archäologe erkannte darin einen repräsentati­
mythischen Könige Roms ven Charakter und hielt es für die Residenz des Romulus be­
(Datierung nach der überlieferten Chronologie) ziehungsweise der auf ihn laut Überlieferung folgenden
sechs Könige (siehe Tabelle links und Bild S. 8). In der repub­
1. Romulus 753 – 717 v. Chr. likanischen Zeit wirkte dort der »rex sacrorum«, der die sak­
2. Numa Pompilius 716 – 674 v. Chr. ralen Funktionen der Könige übernommen hatte.
3. Tullus Hostilius 673 – 642 v. Chr. Auch eines der ältesten Rituale Roms, das Lupercalienfest,
4. Ancus Marcius 641 – 617 v. Chr. bietet für Carandini Hinweise auf diese frühe Phase. Der Le­
5. Tarquinius Priscus 616 – 578 v. Chr. gende nach von Romulus selbst begründet und im 1. Jahrhun­
6. Servius Tullius 578 – 534 v. Chr. dert v. Chr. gut bezeugt durch Schriftquellen, sollte es Faunus,
7. Tarquinius Superbus 534 – 509 v. Chr. den Hüter der Herden, ehren, der auch als Lupercus, »Wolfsab­
wehrer«, angesprochen wurde. Das Fest wurde am 15. Februar,
also nahe dem Frühlingsanfang, begangen. Es begann am Fuß
teren Belege für dieses unrühmliche Ende, es diente Cicero des Palatins in einer Höhle, dem »Lupercal«. Dort sollte die
möglicherweise als verklausulierte Kritik an der Diktatur des Wölfin Romulus und Remus gesäugt haben. Junge Männer
Gaius Julius Cäsar. hielten sich Messer an der Stirn, an denen das Blut von Opfer­
Ungeachtet widersprüchlicher Versionen hegten die Ge­ tieren klebte; mit deren Fellen bekleidete Priester umrunde­
lehrten der Antike an der Geschichtlichkeit des Gründungs­ ten von dort aus in einer Prozession den Palatin.
akts keine Zweifel. Berechnungen des Gelehrten Marcus Te­ Verschiedene antike Autoren haben die Lage dieser Höhle
rentius Varro (116 – 27 v. Chr.) nach habe er  440 Jahre nach recht gut beschrieben, Carandini will sie 2008 entdeckt ha­
dem Fall Trojas stattgefunden; das entsprach in unseren Ka­ ben. Restaurierungsarbeiten am Palast des Kaisers Augustus
lender übertragen 753 v. Chr. Fortan nutzten die Römer unter boten ihm die Gelegenheit, eine Kamera in die unter dem
anderem auch die Jahresangabe »ab urbe condita«. Erdgeschoss liegenden Zisternen abzulassen. Er stieß auf ei­
Heutzutage fragen Forscher eher, ob eine dieser Mythen nen mit Fresken geschmückten Raum (siehe Bild rechts). Tat­
wenigstens einen historischen Kern besitzt. Für die Sagen von sächlich würde das gut passen, denn der erste Kaiser des Im­
Euander und Herakles lässt sich das ausschließen – selbst die periums stellte sich gern wie Romulus als Stadtgründer dar
Aboriginer waren nur ein mythisches Volk. Äneas gehört zwar und ließ wohl das »Lupercal« restaurieren. Alle Indizien sprä­
zum Überlieferungskreis des Trojanischen Kriegs, dessen Ge­ chen demnach für einen bewussten Gründungsakt in Über­
schichtlichkeit ist allerdings umstritten. Zwar identifizieren einstimmung mit der römischen Chronologie.
die meisten Archäologen das Troja Homers und Vergils mit
den bronzezeitlichen Siedlungsschichten des Ruinenhügel Gründungsakt oder
Hisarlik in der Türkei, doch keine von ihnen lieferte die zu er­ schrittweise Entwicklung?
wartenden Hinweise auf einen großen, die ganze Anlage zer­ Carandinis These hat viel Widerspruch unter den Experten
störenden Krieg, wie ihn Homer beschrieb. Was Romulus an­ hervorgerufen, die Rom frühestens seit der Mitte des 6. Jahr­
geht, so halten viele Historiker den Namen für ein Eponym, hunderts als voll entwickelte Stadt sehen, also mit ent­
also eine Konstruktion späterer Zeit, die schlicht »der Römer« sprechenden Ausmaßen und den zugehörigen politischen
bedeutete. Denn in der Antike ging es nun einmal nicht ohne Institutionen. So wurde um 625 v. Chr. das »Comitium« ge­
einen personalisierten Gründungsmythos. pflastert, ein Platz auf dem Forum, auf dem sich die Bürger
Allerdings kam Bewegung in die Diskussion, als der italie­ versammelten, um über wichtige Themen abzustimmen
nische Archäologe Andrea Carandini von der Università degli und Wahlen abzuhalten. Diese Maßnahme gilt als Ausdruck
Studi di Roma »La Sapienza« 1988 bei Grabungen am Nord­ eines öffentlichen Willens, die Volksversammlung als etab­
hang des Palatins Mauerreste entdeckte, die er auf Mitte des lierte Institution baulich zu repräsentieren, und markiert
8. Jahrhunderts v. Chr. datierte und als Teile der romulei­ demnach einen wichtigen Schritt in der Stadtentwicklung.
schen Befestigung deutete. Zudem stieß Carandini an die­ Gegen diese Annahme spricht aber, dass Rom im 6. Jahr­
sem Hang auch auf Pfostenlöcher, also Nachweise von Holz­ hundert schon eine Größe erreicht hatte, die eine längere
häusern, die um 725 v. Chr. errichtet worden seien. Weil zuvor Vorgeschichte voraussetzt. Dort lebten vermutlich 25 000 bis
schon auf anderen Hügeln der Stadt zeitgleiche Siedlungs­ 40 000 Menschen, die Stadtfläche betrug mindestens 285
reste gefunden wurden, konstatierte er eine protourbane Hektar. Das nämlich ist die vom »Pomerium« umschlossene
Phase Roms, eine stadtähnliche Struktur, in der sich Dörfer Fläche. Diese heilige Grenzlinie, die mit »cippi« genannten
in mehreren Phasen von den Hügeln aus in die Talsohlen Steinen markiert wurde, von denen einige ausgegraben wur­
ausdehnten, umschlossen von einer Mauer. In dieses Bild den, umfasste zunächst die Stadtviertel Suburana, Esquilina,
passt auch, dass Verstorbene immer näher zur Mauer hin Collina und Palatina. Auch die Städte der Etrusker und Grie­
beigesetzt und damit Nekropole und Siedlung räumlich ge­ chen in Mittel­ und Unteritalien waren nicht wesentlich grö­

10  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
ßer. Schon König Servius Tullius habe das Gebiet auf 426 mussten – Tarquinii war eine bedeutende etruskische Stadt.
Hektar erweitert – auf die Größenordnung Athens. Priscus, so erklärten es manche römischen Historiker, sollte
Die Bezeichnung »Pomerium« war eine Kurzform von von einem Griechen abstammen, der sich in Tarquinii nie­
»post moerium« und bedeutete einen hinter der Mauer ab­ dergelassen und dort eine Etruskerin geheiratet hatte. Es
gegrenzten Raum. Es unterschied aber nicht nur das Stadtge­ gäbe aber aus heutiger Sicht eine provokantere Deutung:
biet vom Umland, sondern trennte auch zivile und militäri­ eine etruskische Phase Roms. Dafür sprechen noch andere
sche Bereiche. Deshalb lag beispielsweise das Marsfeld, auf Ungereimtheiten. Nach der römischen Chronologie starb
dem sich das Heer versammelte, außerhalb des Pomerium Priscus 578 v. Chr., sein Sohn Superbus folgte ihm aber erst 44
und Soldaten durften es nicht bewaffnet überschreiten, Tri­ Jahre später – im Alter von 20 oder 30. Zwar fanden die anti­
umphzüge bildeten die einzige Ausnahme. Wurde das Pome­ ken Gelehrte eine Lösung: Er sei wohl eher ein Enkel des Pris­
rium erweitert, fand ein Ritual statt, das die Römer auch bei cus gewesen. Allerdings wäre dann der überlieferte Königs­
der Gründung einer Kolonie einsetzten: Ein Gespann aus ei­ stammbaum falsch.
nem außen laufenden Ochsen und einer innen gehenden
Kuh zog gegen den Uhrzeigersinn einen Pflug, der eine vor­ Wurde Rom von Etruskern regiert?
her ausgemessene Furche um das Gebiet aushob. Zwischen den beiden Tarquiniern herrschte Servius Tullius
Heute wissen wir, dass dies ein Ritual der Etrusker war (sie­ als sechster König. Er soll das Pomerium um die Hügel Qui­
he Beitrag S. 32). Welchen Einfluss hatte dieses Volk, das im rinal und Viminal erweitert und einen Schutzwall um das
8. Jahrhundert bereits auf dem Weg zur Hochkultur war? Bei Stadtgelände errichtet haben. Des Weiteren teilte er sein Volk
römischen Historikern finden sich zwar kaum Hinweise, doch je nach Besitz in Hundertschaften ein. In diesen »Centurien«
es gibt andere Indizien. So hatte die Tracht des römischen stimmten sie bei den Volksversammlungen auch ab. Sowohl
Königs, wie sie in der antiken Literatur beschrieben wurde, die Servianische Stadtmauer – in ihrer Funktion als sakrale
etruskische Vorbilder; Gleiches gilt für jene, die siegreiche Grenze – wie auch die Zenturienreform galten bis in die Spät­
Feldherren beim Triumphzug trugen – dafür gibt es bildliche zeit der Republik als Fundamente der politischen Struktur
Darstellungen. Ein weiterer Hinweis: Waren hohe Amtsträger und als Garanten der Stabilität.
unterwegs, wurden sie von so genannten Liktoren begleitet. Doch wer war dieser bemerkenswerte König – und hat er
Diese trugen Rutenbündel, außerhalb Roms aber auch eine wirklich gelebt? Kaiser Claudius, der von 41 bis 54 n. Chr. re­
Doppelaxt – eine typisch etruskische Waffe. Des Weiteren gierte und als Kenner etruskischer Geschichte gilt, hielt ihn
entstammte die rituelle Leberschau, die den Willen der Götter für den Gefolgsmann eines gewissen Caeles Vibenna, eines
erkunden sollte, der etruskischen Wahrsagerei. etruskischen Söldnerführers. Beide hätten sich auf einem
Unstrittig ist auch, dass die Könige Tarquinius Priscus und der sieben Hügel festgesetzt, der damals noch nicht zur Stadt
Tarquinius Superbus eine Verbindung zu Etrurien haben gehörte; später sei dieser nach dem Etrusker benannt wor­

Als die Ruine des Augustus­

GRAFIK LINKS: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT; FOTO RECHTS: DPA / ITALIAN CULTURAL ACTIVITY MINISTRY
palasts 2008 restauriert wurde,
ließen Forscher eine Kamera in
die darunterliegenden Zister­
nen ab. Sie entdeckten eine mit
Fresken geschmückte Höhle
(Bild rechts). Möglicherweise
handelt es sich um den »Luper­
cal«: Roms ältesten Kultort.

Aufschüttung
Sand
Gewölbe-
Felsschicht
decke
Lupercal

Boden

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Wandmalereien in einem Grab der etruskischen Stadt Vulci
geben Historikern Rätsel auf. Sie erzählen von der Ermordung
eines Römers (links), mutmaßlich des Gnaeus Tarquinius, und von
der Befreiung eines etruskischen Söldnerführers (unten). Eine
Lesart dieser Überlieferung legt die Vermutung nahe, dass Roms
sechster König Servius Tullius niemand anderes war als jener
Etrusker, der seinen Anführer befreite.
SZENE DER TOMBA FRANÇOIS: MARCE CAMITLNAS UND CNAEVE TARCHUNIES RUMACH / PUBLIC DOMAIN

SZENE DER TOMBA FRANÇOIS: CAELIUS VIBENNA UND SERVIUS MASTARNA / PUBLIC DOMAIN
den – Caelius. Tullius habe damals selbst noch einen etruski­ ge beziehungsweise einer von der Stadtgründung bis zur Re­
schen Namen getragen: Mastarna. Auch andere Gelehrte wie publik durchgehenden Zeit so nicht stimmen kann. Statt
etwa der Historiker Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. wussten Kontinuität ergibt sich eher das Bild einer Epoche der Aben­
noch von einer Besetzung Roms durch etruskische Söldner. teurer, in der Söldnertruppen und Exilanten aus verschiede­
Caeles Vibenna taucht in diesem Zusammenhang immer nen Regionen Italiens um die Macht in Rom kämpften. Erst
wieder auf, etwa in Inschriften Es gibt sogar Wandmalereien im Nachhinein wurde diese Phase bereinigt, um dem Selbst­
aus der Zeit um 300 v. Chr. zu den Ereignissen – in einem et­ verständnis der Großmacht den passenden geschichtlichen
ruskischen Grab. In der 1857 entdeckten »Tomba François« Hintergrund zu verleihen. Ÿ
bei Vulci, einem der Hauptorte dieser Kultur, zeigen sie einen
bewaffneten Konflikt zwischen dem Etrusker Marce Camitl­
DI E AUTORI N
nas und einem Cneve Tarchunies Rumach – etruskisch für
»Gnaeus Tarquinius aus Rom«. Zwei der Szenen erzählen von Die Historikerin Charlotte Schubert lehrt Alte
der Befreiung des Caeles Vibenna durch einen gewissen Geschichte an der Universität Leipzig.
Mastarna (Bild rechts), eine andere vom Tod des Römers
durch die Hand des Marce Camitlnas (Bild links).
Die Bedeutung und Historizität dieser Malereien ist um­
stritten: Zeigen sie zum Beispiel den Sieg Vulcis über Rom
oder den des Mastarna über König Tarquinius ? Die Deutung QUELLEN
erschwert auch, dass Mastarna die etruskische Entsprechung
des lateinischen »magister« ist, also offensichtlich keine Andreae, B.: Die Tomba François. Anspruch und historische Wirk-
lichkeit eines etruskischen Familiengrabs. In: Andreae, B. et al. (Hg.):
Person meinte, sondern eine Funktion. Das wiederum deu­
Die Etrusker. Luxus für das Jenseits. Bilder vom Diesseits – Bilder
ten manche Experten als Hinweis darauf, dass im Rom des vom Tod. Hirmer, München 2004, S. 176 – 207
6. Jahrhunderts ein »magister populi« an der Spitze der Re­ Carandini, A.: Die Geburt Roms. Artemis & Winkler, Düsseldorf
gierung stand und jener Mastarna niemand anderes als 2002
Cornell, T.: The Beginnings of Rome, Routledge, London 1995
Servius Tullius gewesen sei, der nach der Ermordung des Tar­ Kolb, F.: Rom: Die Geschichte der Stadt in der Antike. C.H.Beck,
quinius dieses hohe Amt übernahm. München 2002
Auch wenn die Beantwortung vieler Fragen offenbleibt, so
zeigt sich doch, dass die überlieferte Abfolge der sieben Köni­ Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1221325

12  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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STÄNDEKÄMPFE

Sieg der
Verweigerer
Nachdem sie den letzten König
vertrieben haben, liegt alle
Macht im Staat in den Händen
der Patrizier. Die breite Masse
der Plebejer indes bleibt unter-
privilegiert. Schließlich erheben
sich diese und kämpfen um ihre
Rechte – mit Erfolg.
Von Theodor Kissel

AUF EINEN BLICK

KAMPFDESEINFACHENVOLKES

1 Seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. gewannen


die römischen Adelsgeschlechter an Macht –
und schafften schließlich das Königtum ab. Der Griff eines Schmuckkäst-
chens aus dem 4. Jahrhundert
2 Bei der nachfolgenden Frühen Republik
(510 – 287 v. Chr.) handelte es sich um einen
Bürgerstaat, in dem jene Patrizier anfänglich
v. Chr. zeigt zwei schwer be-
waffnete Fußsoldaten aus
das Gewaltmonopol innehatten. der Frühzeit der Republik, die

3 In den Heeren der Adelsrepublik kämpften


indes zunehmend die rechtlosen Plebejer.
Sie nutzten diesen Umstand und rangen den
einen toten Kameraden
zu Grabe tragen.
Mächtigen im Zuge der Ständekämpfe zahlrei-
che Zugeständnisse ab.

14  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
D
ie Geschichte wird bis heute von vielen Forschern
diskutiert: Anno 494 v. Chr. – kaum haben die Rö­
mer das Joch der Königsherrschaft abgeschüt­
telt – verschärfen sich in der jungen Republik die
innenpolitischen Spannungen. Die Plebejer, von der politi­
schen Teilhabe am Gemeinwesen ausgeschlossen, aber zur
Zahlung von Steuern und zum Kriegsdienst verpflichtet,
proben den Aufstand. Mit einem Generalstreik, der Auswan­
derung (»secessio«) auf den heiligen Berg (»mons sacer«),
legen sie das Leben in Rom lahm, um so auf ihre Probleme
aufmerksam zu machen. Erst die Überzeugungskraft des
Menenius Agrippa – wiedergegeben im Gleichnis von den
Gliedern und dem Magen (siehe Kasten S. 18) – habe die
Streikenden zum Einlenken bewogen. So weit die Schilde­
rung des römischen Historikers Titus Livius (59 v. Chr. – 17 n.
Chr.) über den Beginn der so genannten Ständekämpfe, die
Rom fast zwei Jahrhunderte lang prägte.
Heute wird Livius’ Darstellung stark in Zweifel gezogen.
»Die Parabel von den Gliedern und dem Magen ist ebenso
wie die Gründung Roms durch Romulus ins Reich der Fabel
zu verweisen«, meint Kurt Raaflaub. Überhaupt, so der Base­
ler Althistoriker, sei die Überlieferung zu den Anfängen der
römischen Republik »von einem dichten Netz von Legenden
durchzogen, weshalb verlässliche Aussagen über diese Zeit
kaum möglich sind«. Erschwerend kommt hinzu, dass die rö­
mische Geschichtsschreibung erst um 200 v. Chr. einsetzte
und ausführliche Berichte über die Frühzeit erst aus den
letzten Jahrzehnten des 1. Jahrhunderts v. Chr. existieren.
Wann auch immer die Ständekämpfe in Rom aufflamm­
ten, fest steht, dass sich Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. in
der Siedlung am Tiber ein politischer Systemwechsel vollzo­
gen hatte, der zu einer Verschärfung der sozialen Spannun­
gen innerhalb des Gemeinwesens führte.
Seit dem 7. Jahrhundert, das belegt der siedlungsarchäo­
logische Befund, hat sich in Rom wie überall in Latium eine
neue Elite herausgebildet: Es sind Sippenführer, die jeweils
über eine Gruppe aus mehreren Familien herrschen und
dieses Vorrecht von Generation zu Generation weiterver­
erben. Diese alteingesessenen Adelsgeschlechter (lateinisch:
»patricii« von »patres« = Väter) haben mit der Zeit umfang­
reiche Ländereien in ihren Besitz gebracht und gebieten
über eine große Anhängerschaft von Klienten (lateinisch:
AKGIMAGES/NIMATALLAH

»cluere« = hören auf und »cliens« = der Hörende), die ihnen


in Abhängigkeit verbunden waren. Großes politisches Ge­
wicht verleiht den adligen Klanführern zudem, dass sie das
Kriegsheer stellen, dessen Hauptwaffe die Reiterei war.

WWW.SPEK TRUM .DE 15


Dieser Realität können sich auch Roms Könige nicht ent­ rüstung leisten – Schild, Panzer, Beinschienen, Helm, Lanze
ziehen, die etwa seit 650 v. Chr. die Macht im Stadtstaat an und Schwert.
den Ufern des Tibers innehatten. Sie machen Zugeständ­ Derart aufgestellt rücken die Fußtruppen in der schwer
nisse – und schaffen mit dem Senat (von »senex« = alter gepanzerten Formation der Hoplitenphalanx gegen den
Mann) einen Ältestenrat, in dem die Oberhäupter dieser Feind vor. Die um 500 v. Chr. eingeführte neue Kampftak­
einflussreichen Patriarchen sitzen, und der sich regelmäßig tik war notwendig geworden, weil sich die archaische Kriegs­
in der Curia Hostilia auf dem Forum Romanum versammelt. führung des berittenen Adels in den Feldzügen gegen Roms
Dieses Gremium darf die Könige bei ihren Entscheidungen Nachbarn, besonders gegen die mittelitalischen Berg­
beraten. stämme der Aequer und Volsker als unwirksam erwiesen
hatte.
Im Namen der Freiheit? Durch nun reichten die Aufgebote, welche der Adel selbst
Doch die bloße Mitbestimmung genügt den Patriziern schon stellte, nicht mehr aus. Um die Reihen der Phalanx auffül­
bald nicht mehr – und je mehr sie nach Einfluss und Macht len zu können, brauchte man die bäuerlichen Schichten
streben, desto stärker reift in ihnen der Entschluss, den Kö­ (»plebs«), die bisher keine Rolle gespielt hatten. »Mit der
nig loszuwerden. Wie genau es zum Sturz kommt, ist unge­ breiten Rekrutierung der Bürgerschaft konnte die Wehrkraft
wiss. In den Überlieferungen ist die Vertreibung des letzten der ›res publica‹ besser ausgeschöpft und die militärische
römischen Königs verklärt und als Befreiung von einem Ty­ Stärke des römischen Heeres verbessert werden«, so der
rannen beschrieben. Jüngste Untersuchungen gehen aber Militärhistoriker Leonhard Burckhardt von der Universität
davon aus, dass der »Tyrannensturz« höchstwahrscheinlich Basel.
ein »reaktionärer Umsturz« war und der von den Römern in Durch ihre Beteiligung als wehrfähige Bürger waren die
späterer Zeit als Freiheitsheld gefeierte Lucius Brutus – so es Plebejer zu einem unverzichtbaren Teil der römischen Streit­
ihn überhaupt gegeben hat – »als rückwärtsgewandter Lob­ kräfte geworden. Aus dieser »staatstragenden« Rolle leiteten
byist anzusehen ist, der die Handlungsspielräume seiner sie ihre Forderung nach politischer Teilhabe und rechtlicher
kleinen Schicht von Großgrundbesitzern unter völliger Ver­ Gleichstellung ab. Da die Patrizier aber keine Anstalten
nachlässigung der Interessen breiterer Bevölkerungsschich­ machten, diesem Verlangen nachzukommen, griff die Plebs
ten vergrößert hat«, so der Althistoriker Timothy Cornell von zu ihrem stärksten Druckmittel – der Verweigerung des
der University of Manchester. Kriegsdienstes. »Mit dem Verlassen der Stadt«, so der Erfur­
So markiert das Ende der Königsherrschaft den Beginn der ter Althistoriker Jörg Rüpke, »boykottierten die Plebejer die
»res publica« (wörtlich: öffentliche Sache) – heutzutage als jährlich auf dem Kapitol stattfindende Aushebung, um so ih­
Republik bezeichnet, die in Wirklichkeit aber ein aristokra­ ren Forderungen Nachdruck zu verleihen.«
tisch dominierter Bürgerstaat ist, in dem die Patrizier nach Zudem schaffen sich die Plebejer mit einer Volksver­
Gutsherrenart schalten und walten. Sie haben das alleinige sammlung (»concilium plebis«) sowie den von ihnen ge­
Machtmonopol im Staat inne, besetzen sämtliche politische wählten Volkstribunen (»tribuni plebis«) eigene politische
und religiöse Ämter, die sie alljährlich unter sich reihum ge­ Institutionen. Diese sollen die Interessen der Plebs vertreten
hen lassen (Prinzip der Annuität). Ob diese schon paarweise und sie gegen Willkürakte patrizischer Magistrate schützen.
besetzt wurden, wie es die traditionelle römische Geschichts­ »Die Volkstribune besaßen das Recht, einem römischen Bür­
schreibung für das Jahr 509 v. Chr. in Bezug auf das Konsul­ ger, der an sie appellierte, Hilfe zu gewähren«, berichtet der
amt überliefert, ist ungeklärt. Vielmehr tendieren Wissen­ Historiker Jean­Claude Richard von der Université de Paris IV.
schaftler wie der Bielefelder Althistoriker Uwe Walter dazu, In der Praxis sah dies so aus, dass ein Plebejer, den ein patri­
dass das oberste Staatsamt zunächst nur ein Mann ausfüllte zischer Magistrat kraft seiner Amtsgewalt (»imperium«) be­
und dessen Inhaber nicht Konsul genannt wurde, sondern strafen wollte, zu einem der anfänglich zwei Volkstribunen
den Titel »praetor«, Herzog (von »prae­itor« = der vor dem lief und ihn um Beistand bat. Dieser gewährte dann Hilfe
Heer zieht), trug und quasi als Ersatzkönig fungierte. (»auxilium ferre«), indem er sich einfach zwischen den Ple­
Fest steht, dass nach dem Sturz des Königtums eine exklu­ bejer und den Magistraten stellte (»intercedere«), diesen so
sive Minderheit aristokratischer Familien die Macht in ihren am Zugriff hinderte und gegen die Maßnahme des Magistra­
Händen hält. »Und damit niemand sonst in diesen elitären ten Einspruch sein »veto« (lateinisch: ich verbiete) einlegte.
Kreis von Adligen eindringt, halten sie – noblesse olige – die Und weil die plebejischen Vertreter nicht Bestandteil der
Reihen des Patriziats fest geschlossen«, resümiert Bernhard römischen Rechtsordnung waren (und daher keinerlei
Linke von der Universität Bochum. Rechtsschutz besaßen), umgaben die Plebejer ihre Volks­
Der Rest der Römer fühlt sich übergangen. Es ist die kei­ vertreter mit einem sakralen Nimbus (»sacrosanctitas«),
nesfalls homogene Gruppe der Plebejer (von »plebs« = die den sie mit einem heiligen Eid formell absicherten. Derje­
Menge): freie Bauern, Handwerker, Händler und Tagelöhner. nige Magistrat, der sich an einem Tribunen vergriff, sollte
Einige von ihnen müssen täglich um ihren Lebensunterhalt verflucht sein und der allgemeinen Ächtung verfallen,
kämpfen. Andere sind zu Wohlstand gekommen, besitzen schreibt der römische Grammatiker Festus im 2. Jahrhun­
Land und können sich die für den Kriegsdienst nötige Aus­ dert n. Chr.

16  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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eingebunden wurden.

Die Patrizier jedenfalls gaben schon bald nach dem Aus­ Einführung der neuen Kampftaktik wesentlich zur Verschul­
zug der Plebs klein bei, weil sie erkannten, dass ohne die Mit­ dung beigetragen habe; eine These, die einiges für sich hat,
wirkung der breiten Masse im republikanischen Rom kein zumal die Anschaffung einer Hoplitenrüstung, die der Träger
Staat mehr zu machen war, sprich: die Kampfkraft des römi­ aus der eigenen Tasche finanzieren musste, eine kostspielige
schen Heers entscheidend geschwächt war. »Nicht die Über­ Angelegenheit war. Was genau ein römischer Fußsoldat dafür
redungskunst eines Menenius Agrippa also war der Grund, ausgeben musste, darüber gibt es keine Angaben. In Athen je­
warum die Plebejer ihren Streik abbrachen«, erläutert Ri­ denfalls kostete eine komplette Ausrüstung 30 Drachmen, so
chard E. Mitchell von der University of Illinois, »sondern weil viel wie eine mittelgroße Schafherde.
ihnen die Patrizier zugestanden hatten, mit den Volkstribu­
nen jährlich zwei eigene Magistrate zu wählen.« Arm und rechtlos
Doch damit waren längst nicht alle Probleme gelöst, die Erschwerend kam hinzu, dass sich die militärischen Ausei­
den Plebejern unter den Nägeln brannten. Während die Ver­ nandersetzungen seit dem 4. Jahrhundert v. Chr. länger hin­
mögenden unter ihnen nach politischer Teilhabe strebten, zogen – mit der Konsequenz, dass ein Waffengang nicht mehr
forderten die breiten Schichten der kleinen Leuten eine Ver­ zwischen Aussaat und Ernte beendet werden konnte und die
besserung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse – römischen Bauernkrieger immer länger im Feld statt auf der
dabei ging es insbesondere um eine gerechte Beteiligung an heimischen Scholle standen. »Fest steht, dass die Schere zwi­
der Vergabe des im Zuge der Erweiterung des römischen schen Arm und Reich immer weiter auseinanderklaffte«, er­
Staatsgebietes (»ager publicus«) zu verteilenden Ackerlandes klärt der Trierer Althistoriker Christoph Schäfer, »und viele
sowie die Abschaffung der drückenden Schuldenlast. Letztere Kleinbauern durch die lange Abwesenheit im Krieg in die
führte dazu, dass viele Bauern ihre Existenzgrundlagen verlo­ Schuldenfalle gerieten, weil sie ihre Darlehen nicht rechtzei­
ren und in Schuldknechtschaft gerieten. Als Gründe dafür sa­ tig bei den Gläubigern zurückzahlen konnten, und die Schuld­
hen Forscher bisher zum einen eine Verknappung des Grund­ knechtschaft wie ein Damoklesschwert über ihnen hing.«
besitzes infolge eines zu raschen Bevölkerungswachstums; Die Aussichten, sich dagegen zu wehren, waren äußerst ge­
zum anderen aber auch eine Zersplitterung der bäuerlichen ring, da Justitia in der Frühzeit der Republik fest in patrizischer
Güter durch Erbteilung. Eine andere Deutung hat unlängst Hand war. Ihre Angehörigen allein besetzten die für die Ausle­
der an der University of St Andrews lehrende Althistoriker gung des Rechts, das damals noch formalistisches Spruchrecht
Christopher Smith ins Spiel gebracht. Er vermutet, dass die war, zuständigen Priesterämter der »pontifices«, so dass sich

WWW.SPEK TRUM .DE 17


Ohne das Kleine kann das Große nicht bestehen
Die Parabel von den Gliedern und dem Magen geht zurück auf
eine Erzählung bei Livius. Demnach hatte sie der Senator Me-
nenius Agrippa im Lager der Plebejer vorgetragen (rechts), um
diese zum Abbruch ihres Generalstreiks zu bewegen. Er erzähl-
te, wie die Glieder des Körpers ihre Tätigkeit eingestellt hätten,
um nicht immer nur dem faulen Magen dienen zu müssen. Die
Hände wollten keine Speise mehr zum Mund führen, der Mund
sie nicht mehr aufnehmen und die Zähne sie nicht zermahlen.

B. BARLOCCINI: SECESSIO PLEBIS, 1849 / PUBLIC DOMAIN


Dadurch hätten sie sich aber selbst geschwächt, da der Magen
die empfangene Speise verdaue und dadurch allen Gliedern
Leben und Kraft verleihe.
Daraufhin hätten die Plebejer eingesehen, dass es auch in
einem Staat, wie im eigenen Körper, darauf ankomme, dass der
Einzelne eine für das Ganze sinnvolle Funktion ausübe – und
ihren Aufstand beendet.

die Plebejer in Streitfällen weder auf bestehende Rechtsnor­ Auszug der Plebs gekommen sein soll, in dessen Folge die
men berufen noch auf ein faires Verfahren hoffen konnten. Zahl der Volkstribune auf zehn erhöht und das Heiratsverbot
Aus dieser unsicheren Rechtslage heraus erwuchs im Lauf zwischen Patriziern und den Plebejern aufgehoben wurde.
der Zeit das Bedürfnis, das geltende Recht schriftlich zu fi­ Damit war die privatrechtliche Grenze zwischen den Stän­
xieren. Ein Zehnmännerkollegium wurde eingesetzt, das um den beseitigt.
450 v. Chr. zwölf Tafeln mit Gesetzen schuf. »Lange Zeit sah
man in den Zwölftafelgesetzen eine Errungenschaft der ein­ Wer mehr leistete, hatte mehr Macht
fachen Bürger«, berichtet der Dresdener Althistoriker Martin Schritt für Schritt gelingt es den Plebejern in der Folgezeit,
Jehne. »Tatsächlich aber zementierte der Adel darin seine ei­ den Patriziern immer mehr Rechte abzutrotzen. Einen ersten
genen Vorrechte.« Zwar wurde mit dem Grundsatz, dass je­ Etappensieg können sie mit der Beteiligung an der Wahl des
der Bürger vor Gericht geladen werden konnte und dass je­ obersten Beamten verbuchen, der zugleich Befehlshaber der
der Bürger das Anrecht auf einen Verteidiger hatte, auch den römischen Armee ist und künftig von der »comitia centu­
Armen und Schwachen gesetzlicher Schutz zugesichert. riata« gewählt wird, einer aus der Heeresversammlung her­
Doch zog das Gesetzeswerk mit dem Verbot von Eheschlie­ vorgegangenen Volksversammlung, die nach militärischen
ßungen zwischen Angehörigen der beiden Stände weiterhin Hundertschaften (»centuriae«) organisiert war – nach Rei­
eine scharfe Trennung zwischen Patriziern und Plebejern. tern (»equites«), schwer bewaffneten Fußsoldaten (»pedi­
Zudem wurde die Schuldknechtschaft für rechtens erklärt, so tes«) und Leichtbewaffneten (»velites«). Das Stimmrecht der
dass auch künftig ein Schuldner mit seinem Körper haften Teilnehmer hängt dabei von ihrer Bewaffnung ab, das heißt
musste (»nexum«) und sich bei Zahlungsunfähigkeit dem von ihrem Vermögen. Das Votum eines adligen Reiters zählt
Gläubiger als »mancipium«, als Besitz zur Verfügung stellen mehr als das eines voll ausgerüsteten Fußsoldaten, der wie­
musste. derum mehr Einfluss hat als ein leicht bewaffneter Kämpfer.
Die einzige Errungenschaft der Plebejer bestand darin, Wer reich ist und im Krieg viel leistet, so der Grundgedanke
dass man das bis dahin nur mündlich überlieferte Recht auf­ dieses timokratischen Prinzips, dem steht ein größerer An­
zeichnete und öffentlich machte, so dass sie sich bei Rechts­ teil an der politischen Macht zu.
streitigkeiten auf in Stein gemeißelte Verhaltensvorschriften Dank dieser Regelung können nun auch die Plebejer, von
und somit rechtsverbindliche Strafbestimmungen beziehen denen viele als gepanzerte Infanteristen in den Kampf zie­
konnten. hen, über die Besetzung des höchsten Staatsamtes mitent­
»Überhaupt scheint den Plebejern erst nach der Publika­ scheiden. Und seit 367 v. Chr. dürfen sie sogar für diesen Pos­
tion des Rechts gewahr geworden zu sein, wie schlecht sie ei­ ten kandidieren – ein Zugeständnis, das die Volkstribune den
gentlich dastanden«, sagt Mark Toher, Althistoriker an der Patriziern in der »lex Liciniae Sextiae« abrangen. Künftig
Brown University, New Jersey. Und das erklärt auch, warum durfte einer der beiden Konsuln Plebejer sein, während der
es laut Überlieferung schon 449 v. Chr. zu einem erneuten andere Patrizier sein musste. Forscher wie der amerikanische

18  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Althistoriker Gary Forsythe von der Texas Tech University Im Lauf der Zeit wurde der vormals plebejische Wider­
gehen neuerdings davon aus, dass das Prinzip der Kollegiali­ stand durch sukzessive Konzessionen der Patrizier in das
tät (zwei ranggleiche Amtsinhaber mit gleicher Amtsgewalt) Gemeinwesen eingebaut. 339 v. Chr. modifizierte ein Gesetz
überhaupt aus der Teilnahme der Plebejer am Oberamt re­ das Verhältnis der politischen Institutionen zueinander zu
sultierte und die Doppelung des Konsulamts nicht schon 509 Gunsten der Plebejer, indem es das Recht des Senats ein­
v. Chr., wie von Livius behauptet, sondern wohl erst 367 v. schränkte, gegen Beschlüsse der Volksversammlung Ein­
Chr. im Zusammenhang mit der politischen Aufwertung der spruch zu erheben.
Plebs erfolgt sei. Ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum Ausgleich der
Stände war die juristische Gleichstellung der Plebejer. Um
Mit dem Zugang zum Priesteramt 300 v. Chr. billigte eine »lex Valeria« jedem römischen Bür­
hatten die Plebejer ihr Ziel erreicht ger, der von einem Magistrat verurteilt wurde, das Recht zu,
Für die plebejischen Familien jedenfalls war die Öffnung des die Volksversammlung anzurufen (»provocare«). »Damit
höchsten Staatsamtes und die damit verbundene Aufnahme wurde der usurpierte plebejische Anspruch auf kollektive
in den Senat ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu deren po­ Selbsthilfe zum Schutz vor magistratischer Willkür in ein of­
litischen Teilhabe. »Sie war wohl aber auch eine unmittelba­ fiziell anerkanntes Grundrecht umgewandelt«, sagt Nathan
re Konsequenz aus dem politischen Versagen des patrizi­ Rosenstein von der Ohio State University. Politisch motivier­
schen Führungszirkels bei der Eroberung Roms durch die te Strafverfahren in Rom wurden fortan der Zuständigkeit
Gallier im Jahr 387 v. Chr.«, vermutet der Wiener Althistori­ der Magistrate entzogen und der Volksversammlung über­
ker Herbert Heftner. Denn immer deutlicher zeigte sich, dass tragen. Dieses Provokationsrecht wurde zu einem Kernbe­
die Patrizier allein nicht mehr im Stande waren, die mannig­ standteil der Freiheit (»praesidium libertatis«), das fortan für
fachen Herausforderungen zu bewältigen, die das in Italien den Status eines römischen Bürgers konstitutiv war.
immer mächtiger werdende Rom seiner Führungsschicht Den Abschluss der Ständekämpfe markierte die »lex Hor­
abverlangte. tensia« des Jahres 287 v. Chr., die nach einem dritten Auszug
Dieser Erkenntnis war offenbar die weitere Entwicklung des Volkes erwirkt worden sein soll. Sie verfügte, dass die in
im Innern des römischen Stadtstaats geschuldet. Nach und der Plebsversammlung gefassten Beschlüsse (»plebiscita«)
nach erreichten die Plebejer auch den Zugang zu den ande­ Gesetzeskraft für das Gesamtvolk erlangen sollten. Abge­
ren politischen Ämtern: 364 v. Chr. Ädil, 356 v. Chr. Diktator, schlossen war damit auch der Prozess der Herausbildung ei­
351 v. Chr. Zensor, 337 v. Chr. Prätor. Und schließlich, im Jahr ner neuen politischen Führungsschicht, der Nobilität, die
300 v. Chr., wurden ihnen durch die »lex Ogulnia« auch die laut Uwe Walter von der Universität Bielefeld »kein aus­
Priesterkollegien der »pontifices« und »augures« zugäng­ schließlicher Geburtsadel mehr war, sondern sich durch das
lich. »Damit«, so der Kölner Althistoriker Karl­Joachim Höl­ völlige Aufgehen ihrer Vertreter im Dienst an der ›res publi­
keskamp, »war die Öffnung des politischen Systems für Ple­ ca‹ definierte«. Nicht mehr Herkunft allein, sondern Leis­
bejer im Wesentlichen abgeschlossen und der Weg zu einer tung gab den Ausschlag für sozialen Aufstieg. Künftig war es
aus beiden Ständen bestehenden politischen Führungs­ jedem Tüchtigen möglich, in den Kreis der politischen Elite
schicht geebnet.« aufzusteigen, denn seit der »lex Ovinia« 312 v. Chr., so heißt
Die fortschreitende Aufhebung des ständischen Gegen­ es bei Festus, konnten die »Zensoren … aus jedem Stand den
satzes verlagerte den Schwerpunkt des Ständekampfes zu­ jeweils Besten in den Senat wählen«.
nehmend von der politischen auf die wirtschaftliche und so­ Mit der faktischen Aufhebung des ständischen Gegensat­
ziale Ebene. Zwar brauchten die Tribunen nicht mehr um zes hat sich das politische System der Republik gravierend
Landzuteilungen an die Plebs zu kämpfen, seit das römische verändert. In Rom hatte sich eine Herrschaftsform unter Be­
Staatsgebiet durch stetige Eroberungen auf über 6000 Quad­ teiligung breiterer Volksschichten etabliert, die fortan in den
ratkilometer bis Ende des 4. Jahrhunderts angewachsen war vier Buchstaben SPQR (die Abkürzung für »senatus popu­
(zum Vergleich: Die heutige Stadt Rom erstreckt sich über lusque Romanus« = der Senat und das römische Volk) ihren
rund 1300 Quadratkilometer). Doch trat nun umso massiver Ausdruck fand. Ÿ
an sie die Frage der Verschuldung eben dieser Schicht von
kleineren Landbesitzern heran, die durch die fortwährenden
DER AUTOR
Kriege in den Teufelskreis von Kreditbedarf und Schulden­
last getrieben worden war. Theodor Kissel ist promovierter Althistoriker,
Es bedurfte vieler Anläufe, um dem Zins­ und Darlehens­ Sachbuchautor und Wissenschaftsjournalist;
er lebt in der Nähe von Mainz.
wesen auf gesetzlichem Weg beizukommen. Ihren Höhe­
punkt erreichten diese Versuche in der »lex Genucia« (342 v.
Chr.), die generell untersagte, Zinsen zu nehmen und der »lex
Poetelia Papiria de nexis« (326 v. Chr.), welche die Schuld­
knechtschaft ganz verbot. Nicht umsonst bezeichnete Livius
dieses Gesetz als »initium libertatis«: Beginn der Freiheit.

WWW.SPEK TRUM .DE 19


EROBERUNGSKRIEGE

Rom und der


hellenistische Osten
Vor gut 2200 Jahren flammten im östlichen Mittelmeerraum immer wieder
Kriege auf. Als sich Rom genötigt sah, gegen den Unruhestifter Philipp V.
vorzugehen, begann der Niedergang der Griechen. Um 30 v. Chr. waren die
hellenistischen Großreiche endgültig Geschichte.
Von Theodor Kissel

I
m Sommer des Jahres 201 v. Chr. – die Wunden des 2. Pu­ an bestehenden Masterplans gewesen, sondern lediglich
nischen Kriegs sind noch nicht verheilt – malen griechi­ ein Ad­hoc­Reagieren auf Probleme, welche die Sicherheits­
sche Gesandte im römischen Senat den Teufel an die interessen der Römer berührt hätten, so der englische Wis­
Wand. Sie erheben schwere Vorwürfe gegen den Ma­ senschaftler. Noch einen Schritt weiter geht Herbert Heft­
kedonenkönig Philipp V., der weite Teile des östlichen Mit­ ner: »Rom stürzte sich nicht blindlings in einen Krieg, es
telmeerraums mit Krieg überzieht. Zu allem Übel, so die musste dazu erst überredet werden«, so der Althistoriker
wortgewandten Emissäre, habe sich dieser mit dem Seleu­ von der Universität Wien.
kidenherrscher Antiochos III., ebenfalls ein hemmungsloser In der Tat hatte Rom anfänglich wenig Interesse gezeigt,
Eroberer, heimlich verbündet. militärisch im Osten zu intervenieren. Wenn sich im Senat
Nach langen und hitzigen Debatten beschließen die Se­ dann doch die Befürworter eines Angriffs durchsetzten,
natoren, dem Vordringen Philipps Einhalt zu gebieten. Als dann lag das vornehmlich daran, dass man die Allianz
diplomatische Bemühungen nicht fruchten, setzt Rom seine zwischen dem makedonischen und dem seleukidischen
Legionen in Marsch. Machtzentrum als ernsthafte Bedrohung des Gleichgewichts
Generationen von Historikern haben sich an der Frage in der hellenistischen Staatenwelt (siehe Kasten S. 22) ansah –
nach den Motiven für Roms Expansion in die hellenistische auch für Rom selbst konnte die sich am östlichen Horizont
Staatenwelt abgearbeitet. Die einen, wie etwa der Altphilo­ abzeichnende Machtverschiebung über kurz oder lang ge­
loge William Harris von der Columbia University in New fährlich werden. Das Trauma des Hannibal ante portas war
York, vertraten die These, dass Rom systematisch den Auf­ noch nicht vergessen.
bau eines »Weltreichs« verfolgte. Andere, wie John North Im Sommer 215 hatte Philipp V. von Makedonien ein for­
vom University College London, wandten sich gegen die so melles Bündnis mit Hannibal geschlossen, nach einem ver­
genannte Imperialismusthese. Was sich in scheinbarer geblichen Versuch, die mit Rom verbündeten Griechenstädte
Zwangsläufigkeit im Lauf der Zeit zu einem Imperium ge­ in den illyrischen Provinzen zu erobern. (Philipp hatte einen
formt hätte, sei keineswegs das Resultat eines von Anfang Flottenvorstoß gegen die unter dem Schutz der Römer
stehende Stadt Apollonia unternommen, wurde aber zu­
AUF EINEN BLICK rückgeschlagen.) Damit hatte der 2. Punische Krieg auch die
Osthälfte des Mittelmeers erreicht: Der 1. Makedonische
DIEUNTERWERFUNGGRIECHENLANDS Krieg hatte sich mit dem 2. Punischen Krieg verschränkt.
Roms Vorstoß in den Osten war kein leichtes Unterfangen,
1 Der 2. Makedonische Krieg endete 197 v. Chr. mit dem Sieg der
Römer über Griechenland. zumal die hellenistische Welt ein äußerst heterogenes und
hochkomplexes Geflecht von unterschiedlichen politischen
2 Rom begnügte sich zunächst mit der Rolle eines Protektors und
tolerierte eine unabhängige griechische Politik. Gebilden und Ethnien war, in dem man sich leicht verstri­
cken konnte. »Konfliktpotenzial barg diese Region vor allem
3 Als die Makedonier erneut an Einfluss gewannen, wurde aus
der römischen Hegemonialmacht eine totalitäre Herrschaft. deswegen«, so der emeritierte Freiburger Althistoriker Hans­
Joachim Gehrke, »weil Machtmenschen wie Philipp V. oder

20  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
BPK / THE METROPOLITAN MUSEUM OF ART (AUSSCHNITT)

Antiochos III. unablässig darauf aus waren, das eigene Reich Nach seinem Sieg über die Makedonier zieht der römische
auf Kosten anderer zu vergrößern.« »Pleonexia« – Mehr­ Feldherr Lucius Aemilius Paullus mit großem Pomp in die Stadt
habenwollen – nannten das die Griechen. Rom. In der Schlacht von Pydna am Fuß des Olymps hatten in dem
Überhaupt lastete auf hellenistischen Herrschern ein ge­ nur einstündigen Kampf Zehntausende von Soldaten ihr Leben
waltiger Erfolgsdruck. Um ihrer Herrschaft auf Dauer Akzep­ verloren (Ausschnitt aus einem Gemälde von Carle Vernet, 1789).
tanz zu verleihen, mussten sie sich stets als siegreiche Erobe­
rer beweisen. »Hellenistische Könige standen unter einem
permanenten Erfolgszwang, waren mithin zum Siegen ver­
dammt«, sagt John Ma von der University of Oxford – und spross Titus Quinctius Flamininus für den Kampf gegen Phi­
das war auch ein Grund, warum diese ständig miteinander lipp hatten, weil hier »mit gewinnenden Worten und freund­
über Kreuz lagen. Denn durch Krieg legitimierten Alexan­ lichem Wesen viel mehr auszurichten war als mit Krieg und
ders Nachfolger ihre Herrschaft. Gewalt«.
Flamininus, der ein über das römische Normalmaß hi­
Wendiger und schlagkräftiger nausgehendes Verständnis für die Mentalität der Griechen
War es im ersten Kampf mit Philipp nur darum gegangen, besaß, konnte beides: Krieg führen und die Griechen auf die
diesen von Italien fernzuhalten, musste Rom nun den Make­ Seite Roms ziehen. Ihm gelang es, Philipp im thessalischen
donenkönig fernab von Italien in einer strategisch schwieri­ Kynoskephalae (197 v. Chr.) zu besiegen. Das Novum dabei:
gen Region niederzwingen. Dafür genügte es nicht, Legionen Erstmals standen sich zwei unterschiedliche militärische
dorthin zu schicken. In der komplizierten Vielstaatenwelt Formationen gegenüber. Statt in der starren Aufstellung der
des Ostens war es nötig, das Unternehmen politisch vorzu­ Phalanx kämpften die Römer in kleineren und bewegliche­
bereiten, Koalitionen zu schmieden und Sympathisanten ren Manipeln – gestaffelt in drei Linien, von denen jede in
des Gegners zum Stillhalten zu bewegen. zehn Manipel (zu dieser Zeit meist 120 Mann) aufgeteilt
Vor diesem Hintergrund sei es ein »Glück für die Römer war – und rückten so gegen den Feind vor. Der taktische Vor­
gewesen«, schreibt der griechische Historiker Plutarch, dass teil: Brach diese Ordnung auseinander, konnten die kleine­
sie als kriegsführenden Konsul den erst 30­jährigen Adels­ ren Einheiten unabhängig voneinander weiterkämpfen. Ein

WWW.SPEK TRUM .DE 21


solches System erlaubte es, die Taktik dem jeweiligen Ge­ gionen von dort zurück, begnügte sich mit der Rolle eines
lände anzupassen – und der Kampfweise des Gegners. allmächtigen Protektors und Schiedsrichters und erklärte
Der 2. Makedonische Krieg (200 – 197 v. Chr.) endete mit die griechischen Städte für frei und autonom. »Man scheute
einem vollständigen römischen Sieg. Philipp musste alle damals noch eine Übernahme direkter Herrschaft, wollte
seine außermakedonischen Besitzungen aufgeben, 1000 Ta­ lieber kontrollieren als regieren«, so der Mainzer Althistori­
lente Kriegsentschädigung zahlen und die Flotte bis auf ker Gerhard Horsmann.
fünf Schiffe ausliefern. Doch der Sieg allein genügte nicht. Die militärische Zurückhaltung schloss jedoch Engage­
Um die Verhältnisse in Griechenland dauerhaft zu stabilisie­ ment anderer Art nicht aus. Rom wurde, nachdem es die
ren, musste man die Herzen seiner Bewohner gewinnen. griechischen Verhältnisse geregelt hatte, unvermeidlich zur
Deshalb hatte Rom den Krieg gegen Philipp im Namen der Garantiemacht für seine Regelungen – mit der notwendigen
griechischen Freiheit geführt – »und keiner verkörperte die­ Konsequenz, die verkündete Freiheit zu schützen, wenn sie
ses Programm besser als der römische Feldherr und Philhel­ bedroht wurde.
lene Flamininus«, erklärt der Marburger Emeritus Malcolm Obgleich die Freiheitserklärung des Flamininus den grie­
Errington. chischen Erwartungen weit gehend entsprochen hatte, erga­
Rom hatte seine Mission erfüllt, doch statt selbst die Herr­ ben sich schnell neue Probleme. Einerseits waren die Ätoler,
schaft über Griechenland zu übernehmen, zog es seine Le­ Roms Verbündete im Kampf gegen Philipp, enttäuscht darü­
ber, dass die Römer ihnen keine Vormachtstellung in Grie­
chenland einräumten. Andererseits kam es zu Spannungen
mit Antiochos III., der nun in das Machtvakuum hinein­
Die großen Drei des Hellenismus drängte, das das Zurechtstutzen Makedoniens und der Ab­
zug der Römer in Griechenland hinterlassen hatten. Von den
Aus der Erbmasse des Alexanderreichs gingen zu Beginn Ätolern ermuntert, landete Antiochos 192 v. Chr. in Hellas –
des 3. Jahrhunderts v. Chr. drei Teilreiche hervor, die von und drang damit in Roms Sicherheitszone vor.
Herrscherdynastien regiert wurden: Die Antigoniden, das Um die Stärke als Schutzmacht der Griechen zu unter­
Geschlecht des Heerführers Antigonos, herrschten über mauern, erklärt der Senat dem Seleukidenherrscher den
Makedonien, Teile Griechenlands und des Balkans; die Seleu- Krieg. 191 v. Chr. wird er aus Griechenland vertrieben, im Jahr
kiden, die Erben des Offiziers Seleukos, unterwarfen riesige darauf kommt es bei Magnesia im westlichen Kleinasien zur
Territorien zwischen der Ägäis und Indien; die Ptolemäer, Entscheidungsschlacht, in der das römische Milizheer die
die Dynastie des Alexander-Feldherrn Ptolemaios, rissen zahlenmäßig überlegenen Söldnertruppen des Antiochos
Ägypten sowie einige Teile Kleinasiens an sich. vernichtend schlägt. Im Frieden von Apameia muss dieser
Diese »großen Drei« waren die dominierenden Mächte sämtliche seleukidischen Besitzungen in Kleinasien westlich
im Zeitalter des Hellenismus, jener Epoche von Alexander des Taurus abtreten, seine Flotte zerstören und die Haltung
dem Großen bis zum Tod Kleopatras (336 – 30 v. Chr.), in der von Kriegselefanten aufgeben.
sich die Kultur der Griechen von der südlichen Adria bis zum
Indus verbreitete. Unruheherd Griechenland
Neben den hellenistischen Großreichen existierten in Innerhalb von zehn Jahren war es den Römern gelungen, sich
diesem Kulturraum noch eine Reihe von kleineren Dynas- gegen zwei führende hellenistische Königreiche durchzuset­
tien, wie das pergamenische Reich der Attaliden im Westen zen. Rom war die einzige verbliebene Großmacht, von ihr
Kleinasiens oder das Königreich von Bithynien an der Süd- hing nun alles ab. »Fast sämtliche Staaten und Städte des
küste des Schwarzen Meers. griechischen Ostens schickten fortan Gesandtschaften nach
Schließlich behaupteten sich neben der Monarchie auch Rom, da nun für alle die Erfüllung aller Wünsche für die
die Ideale von Autonomie und Demokratie – in der Insel- Zukunft in den Händen des Senats lag«, berichtet Polybios.
republik Rhodos oder den Städteunionen Griechenlands. Doch die Rolle als Schutzmacht hatte ihren Preis. Sie wurde
Unter Letzteren waren der Ätolische Bund im Nordwesten mit der Notwendigkeit erkauft, die hellenistische Staaten­
sowie der Achäische Bund auf dem Peloponnes die be- welt dauerhaft unter Kontrolle zu halten – selbst auf die Ge­
deutendsten. Diese »koina« (griechisch: das Gemeinsame) fahr hin, immer tiefer in innergriechische Konflikte hinein­
genannten Bundesrepubliken setzten sich aus mehreren gezogen zu werden.
vormals unabhängigen griechischen Stadtstaaten (»poleis«)
zusammen, die intern autonom waren, ihre außenpoliti-
schen und militärischen Befugnisse aber an übergeordnete
Instanzen abgegeben hatten. Denn nur unter dem schüt- Um 200 v. Chr. bestand die hellenistische Staatenwelt aus vielen
zenden Dach einer föderativen politischen Organisation Reichen, in denen es immer wieder zu Unruhen kam (oben).
glaubte man im Schatten der Großmächte dauerhaft be- Diese riefen die Römer auf den Plan, die ihren Machtbereich bis
stehen zu können. 30 v. Chr. über weite Teile des östlichen Mittelmeerraums
ausdehnten .

22  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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WWW.SPEK TRUM .DE 23


AKG IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / G. DAGLI ORTI
Der Fries vom Siegesmonument des römischen Feldherrn Lucius Aemilius Paullus stand einst im Tempel
des Apollo in Delphi. Er erinnert an die Schlacht von Pydna, in der Paullus 168 v. Chr. die Makedonier unter
der Führung von Perseus, dem Sohn Philipps V., besiegte.

Was die Griechen vorher unter sich ausmachten, oftmals neut verließen sie das Schlachtfeld als Sieger – dank ihres
in brutaler Form, regelte nun der römische Senat – stets un­ Feldherrn Lucius Aemilius Paullus, der 168 v. Chr. bei Pydna,
ter der Prämisse, dass in dem ewig unruhigen Staatengewirr am Fuß des Olymps, die makedonische Phalanx aufrieb. Auch
östlich von Italien stabile Verhältnisse einkehren sollten. jetzt wollte der Senat keine direkte Kontrolle übernehmen,
»Eine äußerst naive Vorstellung«, so der Althistoriker Paul andererseits sollte Makedonien als Gefahrenherd ausgeschal­
McKechnie von der Macquarie University in Sydney. Denn je tet werden. »Man verfiel auf eine Art von antikem Morgen­
mehr die Römer für alles und alle zuständig wurden, desto thau­Plan, eine Zerschlagung der gewachsenen Strukturen«,
stärker ließen sie die Griechen spüren, dass diese nicht mehr erzählt der Althistoriker Alan Bowman von der University of
Herr im eigenen Haus waren und der wachsende Einfluss der Oxford. Makedonien wurde in vier voneinander unabhän­
Römer Hellas zusehends in ein römisches Protektorat ver­ gige Gebiete geteilt, denen jeder Kontakt untereinander un­
wandelte. tersagt war; nicht einmal Eheschließungen waren erlaubt.
Ein Sachverhalt, der im politischen Minenfeld Griechen­ Damit verschwand der Staat endgültig von der Bildfläche.
lands leicht antirömische Ressentiments hervorrufen konn­ Kurzen Prozess machten die Römer auch mit den grie­
te und Wasser auf die Mühlen all derer war, die eine Auto­ chischen Anhängern der Makedonen. Viele wurden hinge­
nomie forderten. Diese sahen ihre Stunde gekommen, als richtet, andere teils versklavt, teils als Geiseln nach Rom de­
Makedonien unter seinem jungen und brennend ehrgeizi­ portiert – darunter etwa der spätere Historiker Polybios. Das
gen König Perseus wiedererstarkte und systematisch die Signal, das von diesem Strafgericht ausging, war eindeutig:
Unzufriedenheit in Griechenland für seine Zwecke zu nutzen Rom war nicht mehr länger gewillt, Unbotmäßigkeiten zu
begann. »Auf diese Weise kam es zu der paradoxen Situation, dulden.
dass ausgerechnet Makedonien, dessen Herrscher die Demo­
kratie in Hellas seit den Tagen Alexanders mit Füßen traten, Roms Machtworte, Roms Demütigungen
sich zum Vorkämpfer der Unabhängigkeit aufschwingen Schon zwei Tage nach der Schlacht bei Pydna erschien der
konnte«, so der Hellenismusexperte Eric Gruen von der Uni­ römische Konsul Gaius Popilius Laenas an der Spitze einer
versity of California in Berkeley. römischen Gesandtschaft in Ägypten. In Eleusis, einem Vor­
Zu allem Übel tat sich im Frühjahr 168 v. Chr. eine zweite ort von Alexandria, traf er auf Antiochos IV., der kurz davor­
Front in Ägypten auf: Der Seleukidenkönig Antiochos IV. stand, dem Ptolemäerreich den Garaus zu machen. Ohne
marschierte in das krisengeschüttelte Ptolemäerreich ein sich groß mit diplomatischen Formalitäten aufzuhalten, for­
und drohte auch hier, das ohnehin labile Mächtegleich­ derte Roms Emissär den Seleukidenherrscher ultimativ auf,
gewicht des östlichen Mittelmeerraums zu gefährden. Erneut die Kampfhandlungen sofort einzustellen und binnen Mo­
mussten die Römer ihre Legionen in Marsch setzen, und er­ natsfrist Ägypten mit seinen Truppen zu verlassen.

24  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
nichts mehr, schlussfolgert der Althistoriker Michael Som­
mer von der Universität Oldenburg. So markiert das Jahr 168
v. Chr. eine Zäsur in den Beziehungen zwischen Rom und den
Mächten der hellenistischen Staatenwelt.
Mit der Vernichtung des Makedonenreichs und der De­
mütigung des Seleukiden Antiochos vor Alexandria war die
römische Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum
endgültig Fakt geworden. Zugleich hatten sich die Formen,
in denen Rom seine Machtstellung dort geltend machte,
deutlich zum Gewaltsamen hin gewandelt. Aus einer relativ
lockeren Hegemonie war eine drückende Zwangsherrschaft
geworden.
AKG IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / G. DAGLI ORTI

Dieser neue Geist der römischen Ostpolitik offenbart sich


nach Ansicht von Polybios nirgends deutlicher als in den
Instruktionen, die der Senat einer Gesandtschaft erteilte, die
anlässlich der Nachfolgeregelung für den 164 v. Chr. verstor­
benen Antiochos IV. ins Seleukidenreich entsendet wurde.
Die Emissäre sollten demnach »die Kriegsschiffe verbren­
nen, den Kriegselefanten die Sehnen durchtrennen lassen
und überhaupt die Macht des Reichs in jeglicher Weise be­
Philipp V. – hier sein Porträt auf einer Silbermünze – überzog schneiden«. Jetzt wurde wahr, was der Grieche Lycophron
weite Teile des östlichen Mittelmeerraums mit Krieg. Um 200 schon zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. orakelt hatte: »Sie
v. Chr. antworteten die Römer darauf mit einem Gegenschlag. ergreifen das Zepter über Land und Meer und die Alleinherr­
schaft.«
Jegliche Toleranz gegenüber einer unabhängigen griechi­
»Als der König erwiderte, sich darüber erst mit seinem schen Politik, die nicht mit den Positionen Roms überein­
Stab beraten zu wollen, zog Popilius Laenas mit einem Stock stimmte, war geschwunden; gleichzeitig verstärkte sich die
einen Kreis um Antiochos herum und befahl ihm, in diesem Neigung, politische Gegner hart zu bestrafen, gegebenenfalls
Kreis seine Antwort zu geben. Der König war befremdet über komplett auszuschalten. Als sich Anfang der 140er Jahre neu­
dieses anmaßende Vorgehen, erwiderte aber nach kurzem er Widerstand in Makedonien formierte, riss den Römern der
Zögern, er werde alles tun, was die Römer ihm auftrügen. Geduldsfaden: Makedonien wurde annektiert und 148 v. Chr.
Dem Druck der Umstände gehorchend, führte der Seleukide zur römischen Provinz erklärt. Auch mit den Achäern, die ge­
sein Heer nach Syrien zurück.« Diese Episode aus der Feder gen Rom aufbegehrten, machte man nun kurzen Prozess –
des griechischen Historikers Polybios macht deutlich, wie viel ihre Kapitale Korinth wurde 146 v. Chr. (wie kurz zuvor Kar­
Gewicht Roms Stimme zu diesem Zeitpunkt in der östlichen thago) dem Erdboden gleichgemacht, ihr Bund aufgelöst
Mittelmeerwelt besaß. Ein bloßes Machtwort eines römischen und Griechenland Teil der römischen Provinz Macedonia.
Amtsträgers hatte genügt, um eine autokratische Gewalt­ »Spätestens jetzt waren im Senat die Würfel dafür gefal­
natur wie Antiochos IV. zum Einlenken zu bewegen. »Selten len, von einer formellen Hegemonie zur direkten Herrschaft
ist ein hellenistischer König tiefer gedemütigt worden«, ur­ überzugehen«, urteilt der Althistoriker David Kennedy von
teilt der Bamberger Althistoriker Werner Huß, der in Laenas’ der University of Western Australia. Eine Region nach der
Vorgehen eine »eindrucksvolle Demonstration römischen anderen wurde in der Folgezeit gleich einer Reihe fallender
Hegemonieanspruchs im östlichen Mittelmeerraum« sieht. Dominosteine dem immer weiter nach Osten hineinwach­
Nicht minder aussagekräftig war die mehr als devote Art senden römischen Imperium einverleibt: Auf Macedonia
und Weise, wie die Ptolemäer nach dem »Tag von Eleusis« folgte 129 v. Chr. die Provinz Asia als Roms erster Brücken­
dem römischen Senat für die ihnen erwiesenen Wohltaten kopf in Vorderasien, 102 v. Chr. Cilicia und 74 v. Chr. Bithynia.
dankten sowie für dessen herablassende und versteckt dro­ Der römische Feldherr Pompeius liquidierte 63 v. Chr. das
hende Antwort, die Ptolemäer sollten in der Treue des römi­ Seleukidenreich und richtete auf dessen Trümmern die
schen Volks den auf Dauer gewährten, wichtigen Schutz ihrer Provinz Syria ein. Den Schlussstrich unter diese Entwicklung
Herrschaft sehen. Ägypten wurde damals der Stempel des zog 30 v. Chr. Oktavian, der spätere Kaiser Augustus, als er
römischen Vasallen und Schützlings aufgeprägt, den es nie­ Ägypten zur römischen Provinz machte.
mals wieder loswerden sollte. Damit waren alle drei hellenistischen Großreiche von der
Damit hatte sich die »Geometrie des mediterranen politischen Landkarte verschwunden. An ihre Stelle trat das
Machtgefüges« zu Gunsten der Römer verschoben. Rom dik­ Imperium Romanum, das, so der 2013 verstorbene Althisto­
tierte fortan das Gesetz des Handelns; ohne oder gar gegen riker Karl­Wilhelm Welwei, zur »politischen Hülle der grie­
die westliche Ordnungsmacht ging im griechischen Osten chischen Zivilisation« wurde.  Ÿ

WWW.SPEK TRUM .DE 25


ETRUSKER

Die seltsamen Nachbarn


Lange konnte die Kultur der Etrusker nur anhand ihrer Nekropolen
erforscht werden. Grabungen in Heiligtümern und einer
Siedlung bestätigen, was Griechen und Römer schon dachten:
Die Etrusker waren speziell!
Von Martin Bentz

Die »Chimäre von Arezzo«, ein Mischwesen aus Löwe,


Ziege und Schlange, gilt als Meisterwerk der etruskischen
SAILKO / CC-BY-SA-3.0 (CREATIVECOMMONS.ORG/
LICENSES/BY-SA/3.0/) Bronzegießer (Ende 5. , Anfang 4. Jahrhundert v. Chr.).

26  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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er heiligste Ort der Etrusker war das »Fanum Mitgliedern der bedeutenden Familien, den »gentes«, ausge-
Voltumnae«. Der römische Historiker Livius schil- übt wurden.
derte die jährlichen Treffen dort, die mit Jahr- Mag dieses System der gesellschaftlichen Organisation in
markt, Wettkämpfen und politischen Versamm- vielem auch den griechischen »poleis« ähneln, mutmaßte
lungen einhergingen. Schon im 14. Jahrhundert spekulierten der griechische Historiker Herodot im 5. Jahrhundert den-
Gelehrte über Lage und Aussehen, doch bis vor Kurzem wur- noch, die Etrusker stammten aus Lydien in Kleinasien, wo
den Etruskologen nicht fündig. Sie glaubten daher, es sei aus eine Hungersnot sie zur Auswanderung trieb. Ihrem An-
vergänglichen Materialien errichtet worden und deshalb führer Tyrrhenos verdanke sich die griechische Bezeichnung
nicht mehr nachweisbar. Simonetta Stopponi, Archäologin »Tyrrhenoi«. Dionysios von Halikarnassos, der um die Zeiten-
der Università degli Studi di Perugia, ließ jedoch nicht locker wende lebte, sah in ihnen zwar ein uritalisches Volk, andere
und hat nun in der Nähe der heutigen Stadt Orvieto einen antike Autoren verorteten ihre Abstammung aber nördlich
geeigneten Kandidaten entdeckt. Bislang wurden eine Pro- der Alpen. Einig waren sich dennoch alle darin, dass die Etrus-
zessionsstraße, vier Kultbauten, Altäre und große Mengen an ker hinsichtlich Sprache und Religion anders seien als ihre
Weihegeschenken freigelegt. Die etruskische Kultur bietet Nachbarn.
offenbar noch so manche Überraschung.
Die Etrusker selbst nannten sich »Rasna« beziehungsweise Viele Wurzeln der etruskischen Kultur
»Rasenna«. Als »Tyrrhenoi« wurden sie von den Griechen, als Aus heutiger Sicht enthalten diese drei Theorien zur Her-
»Tusci« beziehungsweise »Etrusci« von den Römern bezeich- kunft alle ein wenig Wahrheit, doch keine von ihnen kann al-
net. Sie prägten Italien vom 8. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr., lein Gültigkeit beanspruchen. Die archäologischen Zeugnis-
also bis sie im Römischen Reich aufgingen. Ihr Kernland um- se legen vielmehr einen Jahrhunderte dauernden Prozess
fasste die heutige Toskana sowie den nördlichen Teil Latiums nahe, in dem sich verschiedene Einflüsse vermischten, bis
und den Westen Umbriens (siehe Karte S. 28 links). Im Westen etwa ab 700 v. Chr. die Merkmale der etruskischen Kultur aus-
bildete das Tyrrhenische Meer eine natürliche Grenze, im Sü- gebildet waren. Massimo Pallottino von der Università degli
den und Osten floss der Tiber, im Norden der Arno, wo sich Studi di Roma »La Sapienza« hat dieses Modell maßgeblich
auch der Apennin erhob. Benachbart lebten etliche italische geprägt. Er verwies auf die kontinuierliche Besiedlung vieler
Völker: Im Süden die Latiner, Sabiner und Falisker, im Osten Orte von der Bronzezeit des 2. Jahrtausends v. Chr. über die
Umbrer und Picener, im Norden Ligurer und Veneter. Zur Zeit früheisenzeitliche Villanovakultur bis zu den Städten des
ihrer größten Macht und Blüte im 6. Jahrhundert erweiterten Zwölferbunds. Dies bestätigt die These des uritalischen Volks.
die Etrusker ihren Einflussbereich bis in die Poebene und Dem stehen jedoch Einflüsse von außen entgegen, wie etwa
Kampanien. Das sicherte einerseits den Handel mit den Kel- die Einführung der Brandbestattung in der späten Bronze-
ten im Norden und den freien Zugang zu den Adriahäfen, er- zeit aus dem nordalpinen Raum oder importierte Waren und
möglichte andererseits direkten Kontakt mit den griechischen handwerkliche Traditionen aus griechischen und vorderasia-
Koloniestädten Süditaliens. Darüber hinaus gab es etruski- tischen Regionen.
sche Präsenzen auf Korsika, in Südfrankreich und Nordafrika. Neuerdings unterfüttern die Anhänger der verschiedenen
Die Städte im Norden – wie etwa Volterra oder Chiusi – wa- Theorien ihre Modelle mit naturwissenschaftlichen Daten.
ren eher dem Binnenland zugewandt und lagen zumeist auf So ergaben DNA-Vergleiche 2007 eine genetische Verwandt-
der Spitze steiler Hügel, während die großen Städte des schaft zahlreicher Bewohner des toskanischen Dorfs Murlo,
Südens – zum Beispiel Vulci, Tarquinia und Caere – Seehan- das die Etrusker im 7. Jahrhundert v. Chr. gegründet hatten,
del betrieben und auf von tiefen Flusstälern begrenzten
Hochplateaus lagen. Bis auf Populonia lag keine einzige Stadt
AUF EINEN BLICK
unmittelbar an der Küste; sie unterhielten daher eigene Ha-
fenstädte.
Dieses Volk bildete keine einheitliche Nation, sondern or- IM-UNDEXPORTVONIDEEN
ganisierte sich in unabhängigen Stadtstaaten, die aber einen
losen »Zwölfstädtebund« bildeten. Das Verbindende waren 1 Anhand von Inschriften und ersten Siedlungsbefunden rekon-
struieren Forscher die Struktur und das Alltagsleben der etrus-
kischen Gesellschaft. So hatte sich offenbar im 6. Jahrhundert v. Chr.
vor allem die gemeinsame Sprache und die Religion. Geleitet eine Elite etabliert, die in den Stadtstaaten das Sagen hatte.
wurde der Bund von einem Beamten oder Priester, der ver-
mutlich »zilath mechl rasnal« hieß, was dem in römischen
Quellen genannten »praetor Etruriae« entspricht. Einmal im
2 Aktuelle Siedlungsfunde bestätigen griechische und römische
Überlieferungen, dass sich die etruskische Kultur in vielerlei
Hinsicht von der ihrer Nachbarn unterschied. Beispielsweise fand
Jahr versammelte man sich im erwähnten »Fanum Voltum- wohl das öffentliche Leben auf den Straßen, nicht auf einem
zentralen Marktplatz statt.
nae«. In den Stadtstaaten herrschte zunächst ein monarchi-
sches System mit Königen beziehungsweise »Lucumones«
an der Spitze. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts kam eine olig-
3 Die Etrusker hatten zahlreiche Elemente ihrer Kultur insbeson-
dere von Griechen und Römern übernommen. Doch es gab
auch einen Ideenexport: Das typisch römische Atriumhaus ging
archisch-republikanische Regierungsform auf, bei der die sehr wahrscheinlich auf etruskische Vorbilder zurück.
wichtigen religiösen und politischen Ämter im Wechsel von

WWW.SPEK TRUM .DE 27


BEIDE KARTEN: SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: MARTIN BENTZ
etruskische Gebiete
griechische Gebiete
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phönizische / karthargische Gebiete
NE etruskische Handelswege
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Naukratis

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ni Capua In ihrer Blütezeit (8. – 5. Jahrhundert v. Chr.) waren die Etrusker
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K A M PA Hauptakteure des internationalen Handels. Der vernetzte vor allem
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die Kulturen des Mittelmeerraums, schloss aber ebenso die kelti-


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etruskische Gebiete
schen Gruppen Mitteleuropas mit ein. In dieser Zeit beherrschten
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zeitweise Ausdehnung des Machtbereiches


die Etrusker auch Teile Norditaliens und Korsikas.
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mit Menschen des Nahen Ostens. 2013 verwies eine Gruppe sich zahlreiche Wortbedeutungen klären, zudem war sie ein
italienischer Genetiker um Silvia Ghirotto von der Università guter Beleg für die engen Beziehungen zwischen den Etrus-
degli Studi di Ferrara die damit untermauerte Migration kern und den Phöniziern, die mit Karthago eine wichtige Kolo-
aber anhand von 150 Genproben aus Anatolien in eine Zeit nie im westlichen Mittelmeer gegründet hatten.
vor 5000 Jahren. Gleichzeitig ermittelten sie durch Vergleich Inzwischen ist das Etruskische aus mehreren Tausend In-
von 30 etruskischen DNA-Proben mit 27 aus dem Mittelalter schriften vom späten 8. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. be-
und 370 aus der Gegenwart eine genetische Kontinuität zwi- kannt. Da sie in einem abgewandelten griechischen Alphabet
schen den antiken Bewohnern der Toskana und einem klei- verfasst wurden, lassen sie sich lesen, die meisten auch ver-
nen Teil der heutigen Bevölkerung. stehen. Ein Großteil stammt von Grabmälern und nennt die
Die Etrusker hätten sich laut Ghirotto demnach doch Namen der Verstorbenen, ihrer Väter und Mütter, Herkunft
lokal entwickelt. Eine enge, auf Zuwanderung hindeutende und Alter. Eine weitere große Gruppe bilden Weihinschriften
Beziehung bestehe allerdings zu mitteleuropäischen, insbe- wie die erwähnten Goldblättchen, die ein Objekt als Besitz ei-
sondere süddeutschen Bevölkerungsgruppen. Mögen die Na- nes Gotts auswiesen. Zudem erklärten sie, wer welchem Gott
turwissenschaften auch solide Zahlenwerke und Statistiken etwas für wen oder welchen Zweck geweiht hatte. Verständ-
liefern – offenbar geben sie nicht automatisch die histori- nisschwierigkeiten bereiten vor allem die wenigen längeren
sche Wirklichkeit wieder, sondern müssen im Kontext ar- Texte, in denen sich Worte und Formen finden, die nirgends
chäologischer Befunde gedeutet werden. sonst vorkommen und die sich daher mangels Vergleichs-
möglichkeit schwer deuten lassen.
Weihinschriften für die Götter Meist ist der Kontext klar: Es handelt sich entweder um Ri-
Im Jahr 1964 entdeckten Archäologen aus Rom im etruski- tualvorschriften, Festkalender oder Verträge. Berühmte Bei-
schen Heiligtum von Pyrgi, der Hafenstadt der Metropole Cae- spiele sind die »Mumienbinde von Zagreb« mit ihren etwa
re, drei dünne, mit Inschriften versehene Goldblättchen, die 1200 Wörtern, in der Regularien für Opferfeste in einer uns
vermutlich an die hölzernen Türen oder Säulen des Tempels unbekannten Stadt festgehalten sind, oder die bronzene »Ta-
angenagelt worden waren. Zwei davon waren in etruskischer bula Cortonensis«, die in etwa 200 Worten die Bedingungen
Sprache beschriftet, das dritte in phönizischer. Vor allem aber eines Landverkaufs dokumentiert. Eine etruskische Literatur
konnten die Forscher zeigen, dass der phönizische Text einem oder Geschichtsschreibung gab es aber offenbar nicht. Reli-
der etruskischen entsprach. Es war eine Weihinschrift des giöse Texte hingegen existierten reichlich, doch sie sind nur
Herrschers von Caere, welcher der Göttin Uni einen Tempel durch später entstandene römischen Berichte bekannt.
und eine Statue gestiftet hatte. Zwar war der Text zu kurz, um Auffällig ist, dass Etruskisch nicht zur indogermanischen
als »Stein von Rosette« bei der Erforschung der etruskischen Sprachfamilie gehörte, was erneut die Frage nach der Her-
Sprache zu dienen, sie gab jedoch wichtige Impulse. So ließen kunft dieser Kultur aufwirft. Kritische Sprachvergleiche von

28  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Linguisten, zeigen, dass scheinbare Verwandtschaften zu und Phöniziern in etruskischen Städten. Umgekehrt doku-
Sprachen der italischen Nachbarvölker oder dem Griechi- mentierten etruskische Eliten ihren daraus resultierenden
schen lediglich Lehnwörter betreffen, nicht aber die Struktur. Wohlstand durch den Import von Luxusprodukten.
Dass ein Ideen- und damit einhergehend Wortimport Wie weit dieses Handelsnetz reichte, zeigen von der Ost-
möglich war, bezeugen Ausgrabungen der Universitá degli see stammender Bernstein, Grabmalereien mit dem am Nil
Studi di Perugia in Gravisca, der Hafenstadt von Tarquinia. hergestellten Ägyptisch-Blau, Edelmetallgefäße und Elfen-
Sie brachten Produkte zu Tage, die aus Phönizien, Ägypten, beinschnitzereien von der Levante. Einheimische Werkstät-
Ostgriechenland, Sparta, Korinth und Athen stammten. Ein ten imitierten häufig solche teuren Waren, und wegen der
Steinanker, der laut Inschrift einem gewissen Sostratos von großen Nachfrage wanderten ausländische Handwerker in
der Insel Ägina vor Athen gehörte, sowie Weihschriften im Etrurien ein. Ein gutes Beispiel, wie im Zuge des Handels eine
Hafenheiligtum belegen die Präsenz von Griechen. gesellschaftliche Sitte übernommen wurde, ist das Essen
und Trinken bei festlichen Anlässen nicht im Sitzen, sondern
Bodenschätze brachten Wohlstand im Liegen. Es verbreitete sich aus Griechenland kommend
Demnach hatten die Etrusker großen Anteil an der vernetz- im 6. Jahrhundert v. Chr. schnell unter Aristokraten, wie ent-
ten Welt des Mittelmeerraum im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. sprechende Grabfunde und -bilder bezeugen. Der Züricher
Zusammen mit Phöniziern und Griechen betrieben sie, wie Archäologie Christoph Reusser wies zudem vor zehn Jahren
auch zahlreiche Darstellungen beweisen, einen intensiven nach, dass die griechische Keramik als Zeichen hellenischer
Fernhandel zur See, der nicht nur Waren, sondern auch Ideen Kultur und Sitten Einzug hielt, jedoch nicht auf die Ober-
von einem Land zum anderen beförderte. Etrurien war mit schicht beschränkt, sondern auch bei einfachen Menschen
seinen reichen Bodenschätzen, vor allem Eisenerz, ein be- und das in allen Teilen Etruriens.
gehrter Handelspartner. Funde und Inschriften belegen die Die Forscher interpretierten diese Beziehungen bis vor
Präsenz und Assimilierung von ausgewanderten Griechen wenigen Jahren als Phänomen reiner »Akkulturation«, also
der Übernahme von Kulturelementen einer höherstehenden
Gesellschaft durch eine einfachere. Heutzutage spricht man
neutraler von Kulturkontakten und deren Auswirkungen auf
lokale Identitäten. Denn eigene Traditionen wurden offen-
bar nicht unbedingt zu Gunsten der importierten aufgege-
ben, wie man beispielsweise bei der Bekleidung sieht. Zudem
wurden verschiedene Elemente kreativ miteinander verar-
beitet, was Stilanalysen etruskischer Keramik zeigen.
Wie in vielen Bereichen der Altertumsfor-
schung zählen das Alltagsleben und da-
mit zusammenhängende gesell-
schaftliche Fragen zu den
weißen Flecken der Et-
ruskologie. Denn die
MARTIN BENTZ

Ein nach oben offe-


ner Raum im Zentrum,
das Atrium, darum herum
weitere Zimmer des Hauses –
dergleichen kannten Archäologen vor
allem aus römischen Städten wie Pompeji.
Wie die Rekonstruktion zeigt, gab es das Atrium-
haus aber schon im älteren etruskischen Kainua.

WWW.SPEK TRUM .DE 29


Städte und Dörfer Etruriens wurden häufig in römischer Zeit, nachweisen, der 100 bis 150 Jahre später in römischen Sied-
im Mittelalter oder der Neuzeit überbaut, so dass sie sich lungen wieder auftrat: das Atriumhaus, wie man es aus Rom,
heute nur schwer erforschen lassen. Im Zusammenhang insbesondere aber aus Pompeji kennt, und das als römisches
können Archäologen vor allem die Nekropolen ausgraben, Haus schlechthin gilt. Charakteristisch ist die strenge Sym-
die außerhalb angelegt worden waren. Es gibt nur eine etrus- metrie mit einer zentralen Halle, dem »Atrium«, und direkt
kische Stadt, deren gesamte Struktur sie in den letzten zehn daran anstoßend der »Tablinum« genannte Raum. Er lag in
Jahre erforscht haben – das beim heutigen Bologna gelegene der Blickachse des Atriums und diente ebenso wie dieses
Marzabotto, das etruskische Kainua. dem Empfang von Besuchern. In seitlich gelegenen Flügel-
Die auf einem flachen Plateau liegende, von einem Wall räumen, den »Alae«, wurden zudem die Ahnenporträts aus-
geschützte Stadt wurde Mitte des 6. Jahrhunderts mit einem gestellt. Offenbar hatten die Etrusker diesen Haustypus vor-
rechtwinkligen Straßensystem angelegt und im Lauf der Zeit weggenommen.
nur innerhalb dieses Rasters umgestaltet. Die rationale Vor- Die etruskischen Exemplare belegten etwa doppelt so viel
gehensweise ist vermutlich stark von griechischen Kolonie- Fläche wie die übrigen Häuser Kainuas. Zudem lagen sie alle
städten in Süditalien beeinflusst. Nach nur 150 Jahren Blüte an der Hauptstraße in der Nähe des großen Tempels. Darin
wurde Kainua im Zuge der Kelteneinfälle wieder verlassen. wohnten also Angehörige der Elite, die solche Räume und
Raumfolgen benötigten, um Gefolgsleute zu empfangen,
Tempelsäulen aus Holz Geschäften nachzugehen und die Bedeutung ihrer Familie
Im Norden lagen offenbar die sakralen Bereiche: Insbeson- herauszustellen. Diese Funktion von Privathäusern kannten
dere überblickten fünf Tempel und Altarbezirke von der Ak- die Griechen nicht, die ihre öffentlichen Angelegenheiten
ropolis aus die Stadt. Vor wenigen Jahren kamen zudem bei auf dem Markt beziehungsweise in öffentlichen Gebäuden
Bauarbeiten in einem Gebiet, das außerhalb der antiken erledigten. Die Annahme liegt nahe, dass dies ein Wesenszug
Stadtbefestigung lag, dutzende profilierte Steinbasen ans etruskischer Kultur war, den die Römer mitsamt dem zuge-
Licht. Sie gehörten wohl zu einem Quellheiligtum, in dem hörigen materiellen Niederschlag später »importierten«.
Nymphen verehrt wurden. Eine unbeschädigte 30 Zentime- Wie in Kainua helfen neue Siedlungsbefunde, das Alltags-
ter große Statuette einer vornehm gewandeten etruskischen leben der Etrusker zu verstehen. Ausgrabungen von Heilig-
Frau wurde dort den Göttinnen geweiht. Sie hielt eine Blüte tümern bestätigen, was griechische und römische Autoren
in der Hand, ein bekanntes Fruchtbarkeitssymbol. Ein Team von ihnen sagten: Religion spielte in ihrem Leben eine zent-
um den Archäologen Giuseppe Sassatelli von der Universitá rale Rolle; Tempel bildeten daher wichtige öffentliche Räume
di Bologna hat inzwischen obendrein den zentralen städti- in den Städten. Von überregionaler Bedeutung freilich war
schen Tempel freigelegt, der dem obersten Gott Tinia ge- das »Fanum Voltumnae«, das eingangs erwähnte Bundes-
weiht war. Es handelt sich um einen Ringhallentempel mit heiligtum der Etrusker, an dem sich die Vertreter der Stadt-
Säulenreihen auf allen vier Seiten, auch das ein von den Grie- staaten jährlich trafen. Dieser Ort besaß eine ähnliche Be-
chen übernommenes Konzept. Die Säulen standen aber deutung wie Delphi oder Olympia für die Griechen. Obwohl
nicht, wie in Griechenland üblich, auf einer breiten, soliden die meisten etruskischen Heiligtümer in römischer Zeit auf-
Fundamentreihe, sondern besaßen einzelne runde Funda- gegeben wurden, konnte Simonetta Stopponi hier eine kul-
mente aus Flusskieseln. Auf diesen standen die Holzsäulen, tische Nutzung bis in die Spätantike nachweisen. Sogar eine
welche das Gebälk und ein Dach aus großen, teilweise bemal- christliche Kirche wurde später auf einem der alten Tempel
ten Tonziegeln trugen. errichtet. Ÿ
Die wirtschaftlichen Grundlagen der Stadt bildeten Han-
del und Handwerk, weniger die Landwirtschaft, die im engen
DER AUTOR
Flusstal nicht extensiv betrieben werden konnte. Ein eigenes
Handwerkerviertel, wie in antiken Städten üblich, hatte Kai- Martin Bentz, Archäologe an der Friedrich-Wil-
nua zwar nicht, doch sind Spuren einer florierenden Kera- helms-Universität Bonn, ist Spezialist für die
etruskische und griechische Kultur und deren
mik- und Bronzeproduktion über das ganze Stadtgebiet ver- Wechselbeziehungen. Zu diesem Themenbereich
teilt und finden sich zumeist in den Wohnhäusern. Was nach hat er hat mehrere Ausgrabungen durchgeführt
wie vor fehlt, ist ein Marktplatz, wie er zur Grundausstattung sowie Ausstellungen und Tagungen organisiert.

jeder griechischen und römischen Stadt gehörte. Weil der-


gleichen noch in keiner etruskischen Siedlung zu Tage kam,
wurde schon vermutet: Dort fungierten Wege als öffentli- QUELLEN
cher Raum. Dazu passt, dass die Hauptstraßen in Kainua mit
15 Meter überdurchschnittlich breit sind. Bentz, M., Reusser, C.: Marzabotto. Planstadt der Etrusker. Philipp
von Zabern, Mainz 2008
Neue Ausgrabungen in den Wohnbereichen durch den Camporeale, G.: Die Etrusker, Geschichte und Kultur. Artemis und
Autor und Christoph Reusser von der Universität Zürich zei- Winkler, Düsseldorf 2003
gen eine Übernahme kultureller Elemente auch in der Ge-
genrichtung. Denn in Kainua konnten sie einen Haustypus Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1286312

30  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
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RELIGION

Bücher der Offenbarung


Von allen Mittelmeerkulturen kannten nur die Etrusker mythische Wesen,
die geheime Lehren wie die Kunst der Weissagung offenbart hatten.
In Schriften fixiert wurden sie von Priester zu Priester weitergegeben.
Von Marta Scarrone

»E
in Volk, das mehr als alle anderen dem Reli­ Der Politiker, Philosoph und Schriftsteller Marcus Tullius
giösen ergeben ist«, so beschrieb der Histori­ Cicero (106 – 43 v. Chr.) erzählte die Tages­Legende und ließ
ker Titus Livius (59 v. – 17 n. Chr.) die Etrusker. ihn einem Bauern aus dem Volk der Tyrrhener erscheinen,
Deren Andersartigkeit in Glaubensdingen war was der Führungsrolle von Tarquinia im etruskischen Zwölf­
griechischen und römischen Autoren immer wieder eine Er­ städtebund entsprach. Dem byzantinischen Schriftsteller
wähnung wert. So notierte der Philosoph Seneca (4 v. Chr. – 65  Johannes Lydos (490 – 560 n. Chr.) zufolge handelte es sich
n. Chr.): »Wir meinen, es entstehen Blitze, weil die Wolken zu­ nicht um irgendeinen Bauern, sondern sogar um Tarchon
sammenstoßen; jene aber glauben, die Wolken stoßen zu­ selbst, den mythischen Gründer dieses Orts.
sammen, damit Blitze entstehen. Da sie nämlich alles auf die Bis zur Verbreitung der christlichen Lehre kannten Grie­
Gottheit zurückführen, halten sie an dieser Meinung fest, als chen oder Römer keine Offenbarung heiliger Lehren durch
ob die Blitze nicht, weil sie stattfinden, ein Zeichen geben, »Propheten«. Ihre Mythen berichteten von Kulturheroen wie
sondern stattfinden, weil sie Zeichen sein sollen.« Da die ori­ dem Titanen Prometheus, der den Menschen gegen den Wil­
ginale Literatur der Etrusker verloren gegangen ist, stellen len des Zeus das Feuer gebracht hatte, oder vom Jüngling
solche Schilderungen wichtige Quellen für die Rekonstruk­ Triptolemos, der die um ihre Tochter trauernde Fruchtbar­
tion der etruskischen Religion dar, hinzu kommen Inschrif­ keitsgöttin Demeter tröstete und im Gegenzug im Ackerbau
ten und bildliche Darstellungen. unterwiesen wurde.
Den Etruskern galten demnach natürliche Phänomene wie
der Vogelflug, insbesondere aber Aussehen und Beschaffen­ Handbücher für Wahrsager
heit der Leber eines Opfertiers und das Aufleuchten von Blit­ Die Offenbarung von Glaubenslehren bedingte den zweiten
zen als von den Göttern gesandte Hinweise. Sie zu deuten großen Unterschied: Die etruskische Religion wurde detail­
und die Zukunft vorherzusagen, war Aufgabe der Haruspizes, liert in Büchern fixiert und gelehrt. Wie wir von antiken Au­
wie diese Priester später bei den Römern genannt wurden. toren wissen, gab es bei den Etruskern Schriften über die
Es gibt aber noch zwei weitere und überraschende Unter­ Deutung von den Blitzen und der Leber, Bücher über die Or­
schiede zum griechisch­römischen Glauben: Wie aus der se­ ganisation der Stadt, des Landes und des Menschenlebens,
mitischen Welt vertraut waren Offenbarung und Heilige Kataloge der Wunderzeichen, Texte über die Kosmogonie
Schrift zentrale Elemente. Das zeigt die Legende von Tages, und das Schicksal der Menschen und schließlich Bücher über
dem weisen Kind. Als ein Bauer eine Furche etwas tief gezogen das Jenseits (siehe Kasten S. 37).
hatte, sei es plötzlich »aus der Erde getreten« – im Griechi­ Sie waren unverzichtbar, um die göttlichen Zeichen zu er­
schem »apo tês gês«, vielleicht daher der Name. Tages lehrte kennen und zu entziffern sowie um die Riten auszuüben, wie
den Erschreckten und in manchen Versionen das auf dessen die Götter zu verehren seien. Die zuständigen Experten wa­
Schreien hin herbeigeeilte Volk alles Religiöse, insbesondere ren Priester, die zwischen Gott und Mensch vermittelten. Ein
die Leberschau. Noch am gleichen Tag verschwand Tages wie­ Mitglied dieser privilegierten Kaste zeigt wohl ein berühm­
der, seine Worte aber wurden in Büchern niedergeschrieben. ter Spiegel aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. (siehe Bild S. 35),
Die Verbindung von Bodenbearbeitung und Offenbarung der schon 1897 in einem Grab in Tuscania entdeckt wurde.
unterstreicht die mythische Rolle der Erde als Urgrund aller Seine Rückseite zeigt einen Jungen, der, einen Fuß auf einem
Schöpfung. In seinen »Metamorphosen« schilderte der römi­ Stein, eine Leber hält. Vielfach wurde dies als Darstellung des
sche Dichter Ovid (43 v. – 17 n. Chr.) sogar, dass eine Erdschol­ Tages gedeutet. Doch eine Inschrift bezeichnet ihn als »Pava­
le die Form des Knaben annahm. Tatsächlich galt das Pflügen tarchies«. »Pav(a)« entspricht dem lateinischen »puer« für
in Etrurien generell als kreatives Prinzip und ritueller Akt. »Junge«, »tarchies« bedeutet »aus Tarquinia«. Der Knabe
Man gründete Städte, indem eine Furche gezogen und so das trägt eine Hirtenmütze und ein von einer Fibel über der
Stadtgebiet von seiner Umgebung getrennt wurde. Brust zusammengehaltenes Gewand – das war die Tracht ei­

32  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Aus Ton geformte und ge­
brannte Statuen der Götter
blickten einst von etruskischen
Tempeln über das Land. Dieses
Bildnis des Apollo stand auf
einem Tempel in Veji, Mitglied
des einflussreichen Zwölf­
städtebunds und Konkurrent
des nahe gelegenen Rom.

AUF EINEN BLICK

MONSTERUNDGEHEIMLEHREN

1 Die etruskische Religion war eine Offenbarungs-


religion: Mythische Wesen übermittelten ge-
heime Lehren, insbesondere lehrte ein Kind namens
Tages die Kunst der Leberschau, die Nymphe Lasa
Vecuvia das Deuten von Blitzen.
AKGIMAGES/DEAGOSTINIPICTURELIBRARY/A.DAGLIORTI

2 Diese Lehren wurden in Büchern niedergeschrie-


ben, über die wir von römischen Chronisten
wissen. Die darin enthaltenen Anweisungen waren
eingeweihten Priestern vorbehalten.

3 Ursprünglich war die etruskische Götterwelt of-


fenbar von monströsen Wesen bewohnt, doch
unter dem Einfluss der Nachbarvölker, insbesondere
der Griechen, übernahmen auch die Etrusker die Vor-
stellung anthropomorpher Gottheiten.

WWW.SPEK TRUM .DE 33


nes Schäfers und daher im Sinn der Betonung von Tradition ten. Dessen Inschrift gibt laut Mario Torelli von der Univer­
und archaischer Lebensweise auch die eines Haruspex. Den sità di Perugia sogar den Ort der heiligen Handlung an: das
Jungen als solch einen Priester zu deuten legt auch die rituel­ Heiligtum des Gottes Rath.
le Fußstellung nahe. Francesco Roncalli von der Università Um den Willen der Götter zu erkunden, unterteilten die
degli Studi di Napoli postuliert etwa, dass er durch den Stein Etrusker den Himmel in vier Hauptsegmente, die sie den
Kontakt mit den göttlichen Prinzipien der Natur aufnahm, Sphären des Himmels, des Meers, der Erde und der Unterwelt
um das Gefüge der kosmischen Regeln zu erkennen. zuordneten. Jede wurde noch einmal in vier Abschnitte ge­
Das Bild zeigt überdies einen älteren Mann, der die gleiche gliedert, insgesamt ergaben sich so 16 Regionen mit jeweils
Fußstellung einnimmt und dieselbe Tracht trägt, also eben­ zugeordneten Göttern. Jene der vier nordöstlichen Regionen
falls ein Haruspex ist. Doch hat er seine Kopfdeckung abge­ brachten der Lehre gemäß das höchste Glück, die vier nord­
nommen – vermutlich ein Indiz dafür, dass er keine aktive westlichen hingegen schlimmes Unglück; die je vier süd­
Rolle in der weissagenden Handlung spielt. Vielmehr ist er östlichen und südwestlichen Gegenden hatten die gleiche,
ein Lehrer, der einen Schüler unterweist. Sein Name lautet jedoch abgeschwächte Tendenz. Ein am südöstlichen Him­
Aule Tarchunus, also Aulos, Sohn des Tarchon, und damit je­ mel niedergehender Blitz kündete also eine schwach positive
nes mythischen Begründers von Tarquinia. Demnach ist das Entwicklung an. Anhand des Sektors beziehungsweise des
Thema des Bilds die Weitergabe der Lehre von der Leber­ zugehörigen Gottes sowie beispielsweise der Farbe des Blit­
schau an die dritte Generation: Pavatarchies lernt sie von Au­ zes gaben die Priester genauere Auskünfte. Die konkreten
los; ihm hatte sie sein Vater Tarchon beigebracht; diesem Fragen, die am Anfang standen, wurden nicht mit Ja oder
wurde sie wiederum von Tages selbst offenbart. Nein beantwortet, sondern mit komplexeren Prophezei­
Zahlreiche andere Elemente betten diese Szene theolo­ ungen. Eines der seltenen Beispiele bietet uns der römische
gisch weiter ein. So findet sie vor einer Sonne im Hinter­ Historiker Livius. Er erzählt uns, wie Tanaquilla, die Frau des
grund statt: Die Göttin der Morgenröte, im Etruskischen Lucumo, der später als Lucius Tarquinus Priscus König von
Thesan genannt, fährt mit ihrem Viergespann über den Him­ Rom werden sollte, als Wahrsagerin ein »ostentum« (Wun­
mel. Der Stab des Aule Tarchunus dringt in die Erde ein und der) interpretiert, das bei ihrer Ankunft in Rom stattfand:
nimmt so Kontakt mit einem Dämon der Unterwelt auf. Die »Gerade waren sie (Tanaquilla und Lucumo) bis zum Ianicu­
Einweihung erfolgt zudem unter dem Schutz wichtiger Gott­ lus gekommen, als ein Adler sich mit ausgebreiteten Flügeln
heiten, die durch Inschriften benannt sind: Tinia Voltumna, sanft herabließ und dem Lucumo, der neben seiner Frau auf
der höchste Gott des etruskischen Bunds, und Rath, wie die dem Wagen saß, die Mütze entführte. Dann flog er mit rau­
Etrusker den Orakel sprechenden griechischen Apollo nann­ schendem Flügelschlag über dem Wagen und setzte ihm die

SCALA FLORENZ

Die aus Bronze gefertigte »Leber von Piacenza« verzeichnete Himmelsregionen und Götternamen. Auffälligkeiten an der Leber eines
Opfertiers konnten so – ebenso wie bei der Blitze­ oder Vogelschau – räumlich bezogen und dann auf ihre Bedeutung analysiert
werden (siehe Grafik rechts; hier wurden auch literarische Quellen einbezogen; bei den »penates« handelte es sich um Hausgottheiten).

34  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Mütze wie ein vom Himmel gesandter Diener genau passend Die Rückseite dieses Bronzespiegels (Umzeichnung), der einer ver­
wieder auf; danach entschwand er nach oben. Fröhlich sagte storbenen Etruskerin in der Stadt Tuscania beigegeben worden
Tanaquilla, sie nehme das Zeichen an, denn sie war – wie die war, zeigt vermutlich die Unterweisung eines jungen Priesters in
Etrusker allgemein – eine in himmlischen Zeichen erfahrene der Leberschau. Wie sein Lehrmeister steht er über die Fußstel­
Frau. Sie umarmte ihren Mann und riet ihm, seine Hoffnun­ lung mit einem Dämon der Unterwelt in Verbindung.
gen ganz hoch zu setzen. Dieser Vogel, aus dieser bestimm­
8, S. 109-118
ten Himmelsrichtung und als Bote gerade dieses Gottes ge­ SIA,
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kommen, habe sein Zeichen ausdrücklich in Bezug auf das DIA
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Haupt des Mannes gegeben, indem er ihm den von Men­ CA
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schen gefertigten Kopfschmuck wegnahm, um ihn in göttli­

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chem Auftrag zurückzugeben.«

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Die Bedeutungen des Himmels

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Die Analyse der Tanaquilla folgt fünf hermeneutischen

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MIT
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Schritten: Bestimmung der zoologischen Art, der Himmels­

RINCIPES DISCIPLINAM DOCET


region, der Gottheit und des Zeichens, Entziffern seiner Be­
deutung. Welche Götter der etruskischen Vorstellung nach
welche Regionen bewohnten, verrät ein 1877 in der Nähe der
Stadt Piacenza entdecktes Artefakt: eine bronzene Leber (sie­
he Bild). Ihr Rand, der den Himmel darstellt, ist in 16 Felder URIA P
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eingeteilt und mit den Namen etruskischer Gottheiten ver­


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sehen. Offenbar diente sie auch didaktischen Zwecken oder


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als Gedächtnishilfe. Ihre Oberfläche ist ebenfalls in verschie­


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dene Felder eingeteilt und diese mit Götternamen beschrif­


tet. Sie zeigen, welcher Gottheit die jeweilige Zone der Leber
entsprach. Auffälligkeiten an dem einem Opfertier entnom­
menen Organ ließen sich somit ebenfalls interpretieren. Ne­
ben der reinen Zuordnung nach Zonen gehörten Farbe und
Beschaffenheit zu den deutbaren Zeichen.

Inschriften wie die auf der Bronzeleber von Piacenza oder


dem Spiegel von Tuscania überliefern die Namen der Bewoh­
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ner des etruskischen Pantheons. Die Entzifferung ist nicht
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LÜCK ON immer einfach und steht mitunter noch aus. Wo sie bereits
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gelungen ist, verweist die linguistische Analyse auf prägende
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Kulturkontakte. Beispielsweise verrät der Wortstamm von
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Tinia, Turms und Turan eindeutig lokale Ursprünge, sie wer­


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16 den aber den griechischen Göttern Zeus, Hermes und Aph­


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15 Cilens Cilens Tin(a)
rodite gleichgesetzt. Andere Namen wie Aplu und Artumes
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14
Tins IV verraten starke griechische Einflüsse – sie entsprachen tat­
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andere des Alp (…) thne 4
Quadranten Uni Iuno sächlich Apollo und Artemis. Auch die lateinischen Nach­
Penates Penates
XIII 13 Cel inferorum Iovis Mae
barn hinterließen ihre Spuren: Nethuns, Menerva und Uni
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Penates Penates 5 V
Tluscv mortalium Neptuni Tecvm waren die etruskische Form von Neptunus, Minerva (grie­
nominum
12
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Letham Lvs (?) 6 chisch Athena) und Juno (griechisch Hera).


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Selvans Nethuns Archäologische Objekte aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. zei­
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10 Fufluns Catha gen, dass der prägende Einfluss der Nachbarkulturen tiefer
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT

XI Veris ging. So zeigen verschiedene Urnen monströs wirkende We­


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KL e r S sen (siehe Bild S. 36). Den Etruskern galten sie vermutlich als
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HE IX s - göttliche Wesen der Erde und der Familie, die insbesondere
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standen.
S Durch die wichtigen Häfen des tyrrhenischen Meers
Frei nach einem Schema aus A. Maggiani, Gli Etruschi: Una nuova trat Etrurien in engen Kontakt mit der altorientalisch­phöni­
immagine, Florenz 1984 zischen, später dann der griechischen Kultur. Deren Mytho­

WWW.SPEK TRUM .DE 35


logie – etwa die Taten des Herkules, die Heroen der »Ilias«

SCALAFLORENZ/DEAGOSTINIPICTURELIBRARY≠
und der »Odyssee« – und damit die griechischen anthro­
pomorphen Götter wurden mit lokalen Geschichten und
Gottheiten verglichen, umgestaltet und angeeignet. Seine
endgültige Form erreichte der etruskische Pantheon im
6. Jahrhundert v. Chr. Darstellungen von Göttern und My­
then waren beliebte Motive für den Bildschmuck alltäglicher
Objekte wie Spiegel oder Vasen und zierten die Tempel: Als
fast lebensgroße Terrakottastatuen waren Gottheiten auf
Dachfirsten aufgestellt – eine eindrucksvolle Inszenierung
himmlischer Macht (siehe Bild S. 33).
Von anthropomorpher Gestalt, gleichwohl eine den Über­
lieferungen nach ursprüngliche Göttin war Lasa Vecuvia. Sie
gehörte zu den Naturgeistern und damit zu den niederen
Gottheiten. Bildliche Darstellungen zeigen sie mit Flügeln als
Zeichen ihrer Göttlichkeit sowie mit einer Ähre in der Hand.
Die literarische Überlieferung schreibt ihr eine dem Tages
vergleichbare Rolle zu: Sie offenbarte die Regeln der Blitz­
schau, erklärte die Entstehung der Welt und verwies dabei
auf eine weitere Eigentümlichkeit etruskischer Kosmologie –
die Einteilung der Zeit in zehn Epochen.
Die heiligen »Libri Vegoici« wurden zur Zeit des Kaisers
Augustus im Apollotempel auf dem Palatin aufbewahrt.
Demnach unterwies Lasa Vecuvia unter anderem einen ge­
wissen Arruns Veltymnus, dessen Name klar auf den Götter­
vater Tinia Voltumna, und so auf ganz Etrurien, anspielt. Mit
folgender, hier gekürzt wiedergegebener Prophezeiung: »Du
sollst wissen, dass das Meer von dem Himmel getrennt wur­
de. Als nun Jupiter das Land von Etrurien für sich in An­
spruch nahm, beschloss und verordnete er, dass das Acker­
land vermessen und die Felder begrenzt werden sollten. Da
er die Habsucht der Menschen und die Gier nach Boden
kannte, wollte er, dass alles durch Grenzsteine bekannt ge­
macht würde. Diese aber werden gegen Ende der achten aus
Habsucht die Menschen arglistig verletzen, aufbrechen und
entfernen. Wenn die Sklaven dies tun werden, werden sie un­
ter einen härteren Herrn kommen. Wenn es aber mit Wissen
des Herrn stattfindet, wird das Haus ausgerottet werden, und
das ganze Geschlecht wird zu Grunde gehen. Dann wird auch
die Erde von Stürmen oder Orkanen in Bewegung versetzt.
Viel Streit im Volk. Sei deshalb weder trügerisch noch dop­
pelzüngig. Bewahre die Lehre in deinem Herzen.«

Die Lehre vom Ende der Welt


Die Nymphe erzählt die Entstehung des Kosmos auf eine
Weise, die mit der semitischen Kosmogonie des Alten Testa­
ments vergleichbar ist. Sie gemahnt den Menschen an die
Verteilung der Landrechte als den Ursprung der politischen
und sozialen Ordnung. Damit spricht sie zwar für die Seite
der konservativen aristokratischen Klasse, die das umstürz­
lerische Potenzial der Unterschicht fürchtete. Sie stellt das
Monströse Wesen zierten etruskische Urnen. Experten sehen Ende der stabilen Strukturen aber letztlich als unvermeidlich
darin Darstellungen der ursprünglichen (monströs = körper­ dar. Mögen die Übeltäter auch ihrer Strafe nicht entgehen,
lich) Gottheiten dieses Volkes. Erst durch den Kontakt zu Griechen am Ende der »achten Ära« wartet eine dramatische Zäsur!
erhielten sie menschliche Gestalt. Diese Angabe entsprach der etruskischen Konzeption einer

36  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
in zehn aufeinander folgenden Saecula ablaufenden Zeit.
Auch wenn es die lateinische Bezeichnung nahelegt, dauer­
Im Totenreich
ten diese nicht streng 100 Jahre, sondern waren von variabler
Länge. Den Übergang von einem Saeculum zum anderen sig­ Laut den Büchern über das Jenseits, so überlieferten römische
nalisierten vielmehr Wunderzeichen. Autoren, konnten bestimmte Opfertiere die Seelen der Ver-
Unsere Kenntnis der etruskischen Zeitrechnung beruht storbenen in Götter verwandeln. Von bildlichen Darstellun-
auf den Texten römischer Gelehrter wie Marcus Terentius gen wissen wir, dass man sich die Unterwelt von Mischwesen
Varro (116 – 27 v. Chr.), denen die originalen Quellen noch zur und geflügelten Pferden bevölkert vorstellte. Die ersten ge-
Verfügung standen. Demnach dauerten die ersten vier Sae­ hörten entweder zum Jenseits oder zum Diesseits, die zwei-
cula je 400 Jahre. Es folgten eines zu 123 sowie zwei weitere zu ten sollten dank der Flügel zwischen beiden wechseln kön-
je 119 Jahren. Das achte Saeculum war noch im Gang, als die nen. Dem griechischen Unterweltherrscher Hades entsprach
»Libri Vegoici« niedergeschrieben wurden. Laut dem griechi­ der etruskische Aita und auch die Landschaft des Jenseits
schen Schriftsteller Plutarch (45 – 120 n.Chr.) endete es 88 v. wies Ähnlichkeiten zu Beschreibungen griechischer Autoren
Chr.: Der lang anhaltende, markerschütternde Klageton ei­ auf. Aber es gab keinen Fluss Acheron, über den Fährmann
ner Trompete sei in diesem Jahr aus heiterem Himmel er­ Charon die Toten übersetzte, sondern der Dämon Charun –
klungen und alle, die ihn hörten, seien verrückt geworden – mit hakenförmiger Nase, langen Ohren und großem Mund –
was etruskische Priester als Zeichen für den Wechsel zum öffnete und schloss mit seinem Hammer das Tor des Hades-
neunten Saeculum deuteten. Dieses dauerte bis 44 v. Chr., als Palastes. Weitere Bewohner der Unterwelt waren der vogel-
während der Bestattung des ermordeten Diktators Gaius Ju­ artige Tuchulka sowie die Göttinnen Vanth und Turms, die
lius Cäsar mitten am hellichten Tag ein Komet erschien. Für Verstorbene auf ihrer Reise voller Hindernisse begleiteten.
den etruskischen Wahrsager Vulcanius war dies indes kein Diese umfasste mehrere Etappen, vom Abschied von der Welt
Zeichen der Vergöttlichung Cäsars, sondern markierte den der Lebenden bis zur Schwelle des Jenseits; von dort bis zum
Übergang ins zehnte und letzte Zeitalter. Palast des Hades oder den elysischen Gefilden. Mitunter zei-
Alle Saecula zusammengenommen begann die etruski­ gen Bilder einen Verstorbenen nicht allein: Die Etrusker glaub-
sche Geschichte 968 v. Chr. Das entspricht den archäolo­ ten, das Ehepaare diesen letzten Weg gemeinsam gingen.
gischen Befunden überraschend gut: Die Wurzeln der etrus­

AUS GEORGE DENNIS: THE CITIES AND CEMETERIES OF ETRURIA, LONDON 1848
kischen Städte reichen nachweislich in das 10. Jahrhundert v.
Chr. zurück. Die etrusksiche Kultur endete mit der Romani­
sierung des Landes, die im Jahr 90 v. Chr. mit der Verleihung
des vollen Bürgerrechts an alle Bundesgenossen Roms in Ita­
lien besiegelt wurde. Ihre Religion aber lebte weiter. Nicht
nur der mythische Gründungsvater Romulus hatte der Le­
gende nach etruskische Haruspizes konsultiert. Römische
Gelehrte und Staatsmänner waren an der etruskischen Wahr­
sagekunst und ihren religiösen Auffassungen sehr interes­
siert. Die heiligen Bücher wurden übersetzt und diskutiert,
Harupizes hoch geschätzt und sogar in einer eigenen Pries­
Charun öffnete mit seinem Hammer das Tor zur Unterwelt,
terkaste institutionalisiert.
ein anderer Charun – mit Flügeln und Schlange – drängt die
Insbesondere seit dem Kaiser Claudius, dem Verfasser ei­
Verstorbenen ins Jenseits.
nes 20 Bücher starken Werks über die etruskische Geschichte,
galt die etruskische Lehre offiziell als älteste Lehre ganz Itali­
ens. Allerdings stand sie dem Kaiser im Kontext der von ihm DI E AUTORI N
beabsichtigen Restauration römischer Zucht und Ordnung
für eine vorbildliche Vergangenheit. Die Berufung auf etrus­ Marta Scarrone studierte Altertumswissenschaft und Klassische
Archäologie mit einem Schwerpunkt in Etruskologie an der Univer-
kische Lehren diente ihm in erster Linie dazu, die traditionell sità degli Studi di Pavia (Italien) und an der Ludwig-Maximilians-
römische Religion gegen die neuen, aus dem Orient impor­ Universität München. Sie hat an der Universität Bonn mit einer
tierten Kulte zu verteidigen. Es muss als Ironie der Geschich­ Arbeit über die etruskische Vasenmalerei promoviert.

te gelten, dass sich der letzte Versuch, die etruskische Diszip­


QUELLEN
lin wiederzubeleben, gegen eine andere, letztlich erfolgrei­
chere Offenbarungsreligion richtet: das Christentum. »Tages Bentz, M. (Hg.): Rasna – die Etrusker. Eine Ausstellung im Akade-
gegen Jesus«: Diese religiöse Konfrontation, wie der Etrusko­ mischen Kunstmuseum, Antikensammlung der Universität Bonn
loge Dominique Briquel von der École pratique des hautes 2009, Michael Imhof, Petersberg 2008
Maggiani, A.: Il pensiero scientifico e religioso, in: Etruschi. Una
ètudes in Paris es provokativ bezeichnet, markiert in den nuova immagine, Giunti Martello Editore, Florenz 1984, S. 136 – 151
späteren Jahrhunderten des Römischen Reichs das Ende des Pfiffig, A. J.: Religio etrusca, VMA-Verlag, Graz 1975
Heidentums. Ÿ

WWW.SPEK TRUM .DE 37


LUKANER

Stolze Burgen
für stolze Bürger
Für die Römer waren die Nachbarn im Bergland Süditaliens
nichts als unkultivierte Krieger. Archäologen und
Bauforscher gewinnen jedoch eine etwas anderes Bild.
Von Agnes Henning

W
affen, ein Brustpanzer und ein Helm aus sches Lesen solcher Darstellungen tut aber not. Denn Grie­
Bronze – was Archäologen bereits vor mehre­ chenland gehörte bereits seit dem Jahr 146 v. Chr. zum Im­
ren Jahrzehnten in der süditalienischen Küs­ perium Romanum, und Strabons Familie unterstützte seit
tenstadt Paestum aus einem Männergrab des mehreren Generationen dessen Politik. In seinen Schriften
4. Jahrhunderts v. Chr. bargen, bestätigte offenbar die Be­ vertrat er daher wenig überraschend die Überzeugung, die
richte römischer Autoren: Die Lukaner, italische Bewohner griechisch­römische Kultur sei die einzig wahre Lebensform
des Berglands zwischen der tyrrhenischen und der ionischen und jede Eroberung gereiche den Unterworfenen zum Vorteil.
Küste (siehe Karte S. 9), seien ein ausgesprochen kriegeri­ Laut Strabon stammten die Lukaner von den Samniten
sches Volk gewesen. Seit dieser Entdeckung sind etliche ab – eine aus seiner Sicht unschöne Zuschreibung. Denn im
Männergräber in der antiken Landschaft Lukanien zum so genannten Bundesgenossenkrieg (91 – 88 v. Chr.), einem
Vorschein gekommen, die dieses Bild scheinbar stützen: Aufstand italischer Völker gegen Rom, das ihnen das
Wer von Rang war, nahm offenbar Waffen mit ins Jenseits. römische Bürgerrecht verweigerte, kam den in Mittelitalien
Archäologen der Universität Heidelberg legen nun aber Fa­ ansässigen Samniten eine führende Rolle zu. Nach ihrer
cetten offen, die man dieser italischen Kultur bislang nicht vernichtenden Niederlage 82 v. Chr. hat man sie daher zu
zugetraut hat. Tausenden hingerichtet. Strabon wurde zwar erst ungefähr
Es sind vor allem Texte der römischen Zeit, aus denen His­ 20 Jahre nach Kriegsende geboren, die Erinnerung an die
toriker von den Lukanern erfuhren. Einer der heute promi­ blutigen Auseinandersetzungen dürften in der römischen
nentesten Autoren war der griechische Gelehrte Strabon Aristokratie jedoch noch sehr lebendig gewesen sein.
(etwa 63 v. Chr. – 23 n. Chr). Er berichtete beispielsweise von Entsprach Strabons These der Realität? Einige klassische
Überfällen auf griechische Küstenstädte, als seien die Luka­ Archäologen sehen zwar Parallelen bei samnitischen und
ner kulturlose, brandschatzende Barbaren gewesen. Ein kriti­ lukanischen Grabsitten, die für eine gemeinsame Abstam­
mung sprächen. Doch können sich Ideen auf vielerlei Weisen
verbreiten. Zudem scheint mir eine »Völkerwanderung« von
AUF EINEN BLICK
Mittel­ nach Süditalien fraglich: Die Immigranten hätten be­
KULTURUNDKRIEG reits ansässige Stämme vertreiben müssen und so eine Kette
von Ereignissen ausgelöst, für die es meines Erachtens bis­
1 Am italischen Volk der Lukaner ließen römische Autoren kein
gutes Haar. Sie seien aggressive Barbaren gewesen, denen der
Krieg alles galt.
lang keinerlei archäologischen Beweis gibt.
Allerdings scheinen nicht nur die Waffenbeigaben, son­
dern auch Vasenbilder des 4. Jahrhunderts v. Chr. die römi­
2 Die Funde von Waffen und militärischer Ausrüstung in luka-
nischen Gräbern, bildliche Darstellungen sowie die Wehr­
anlagen der Höhensiedlungen scheinen diese Einschätzung zu
schen Schilderungen zu bestätigen. Wandmalereien in den
Kammergräbern von Paestum lassen beispielsweise heim­
bestätigen.
kehrende Krieger samt ihren Gefangenen aufmarschieren

3 Ein Forschungsprojekt der Universität Heidelberg zeichnet aber


ein differenzierteres Bild der lukanischen Gesellschaft: Spä-
testens im 4. Jahrhundert v. Chr. pflegten sie eine urbane Kultur,
(siehe Bild rechts).
In die gleiche Richtung weisen auf den ersten Blick die
Militärobjekte symbolisierten dabei den sozialen Rang. Wehrmauern, mit denen die Lukaner zu Beginn des 4. bis in
die Mitte des 3. Jahrhunderts v. Chr. ihre Ortschaften umga­

38  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Immer den Blick nach unten

LUKANIEN-PROJEKT
gerichtet, suchen Archäologen
die Oberfläche eines Fund­
platzes auf dem Monte Croccia
ab. Auf diese Weise lassen
sich in kurzer Zeit relativ große
Areale erkunden, um zuver­
lässige Aussagen über einen
Ort und sein Umland zu er­
halten.

Ein um 360 v. Chr. gemaltes


Fresko aus einem lukanischen
Grab in Paestum zeigt die
Rückkehr eines Kriegers mit
Gefangenen. Dergleichen galt
bislang als Beleg für die
Aggressivität der Lukaner.

AKG IMAGES

WWW.SPEK TRUM .DE 39


ben. Belegen sie nicht, dass es ausgesprochen kriegerische Zahlreiche Archäologen und Bauforscher insbesondere des
Zeiten waren? deutschen Forschungsnetzwerks »Fokus Fortifikation« ha­
Diese auf gut zu verteidigenden Anhöhen errichtete Sied­ ben aber nachgewiesen, dass kriegerische Zustände nicht die
lungen besser zu verstehen, ist das Ziel unseres Forschungs­ einzige Erklärung dafür gewesen sein dürften.
projekts an der Universität Heidelberg. Im Fokus steht dabei Damit signalisierten Städte nämlich auch stolz ihre Macht
exemplarisch der Gipfel des Monte Croccia. Mit über 1000 über ein Territorium. Und dem wollten die lukanischen Ge­
Metern ist er der höchste eines weiten und dicht bewaldeten meinschaften im Binnenland nicht nachstehen. Immerhin
Bergmassivs oberhalb des Flusses Basento. Wie die Siedlung war der Bau einer solchen Anlage ein ehrgeiziges Projekt, das
einst ausgesehen hat, erkunden wir zum einen durch Sur­ erhebliche finanzielle Mittel für Steinmaterial und Arbeits­
veys: Wir gehen das Areal systematisch ab, die Augen auf den kräfte erforderte. Es musste eine lokale Führungsschicht ge­
Boden geheftet. Gefäßscherben, Dachziegel, Fragmente von geben haben, welche die Errichtung in Auftrag gab. Die Bau­
Tonfiguren und andere Kleinfunde werden gesammelt, ge­ historiker bestätigen, dass den Wehrmauern eine sorgfältige
zählt und statistisch ausgewertet. Stoßen wir auf Mauerreste, Planung zu Grunde lag und sie nicht in einer Notsituation ei­
werden diese in eine Karte eingetragen. So lässt sich die lig hochgezogen wurden. Dem entspricht der archäologische
Struktur eines Orts vergleichsweise schnell erschließen. Befund im Innern der umschlossenen Flächen: Man wohnte
nun in großzügigen Häusern. Die lukanischen Siedlungen
Rasterfahndung im Wald waren somit keine Fluchtburgen von Raubrittern, sondern
Architekten der Technischen Universität Berlin haben zu­ spiegeln auch gesellschaftliche Facetten, die nicht die Kriegs­
dem die Befestigungsbauten in maßstabsgetreuen Zeich­ führung zum Inhalt hatten.
nungen erfasst und analysieren die Bautechnik. Geodäten Auf dem Monte Croccia wie auf dem ebenfalls durch die
der Beuth­Hochschule für Technik Berlin vermaßen alle Universität Heidelberg untersuchten Monte Torretta und in
noch sichtbaren Gebäudereste sowie das Geländerelief, denn der durch die Université Paris 1 untersuchten Siedlung Cività
die örtlichen Gegebenheiten beeinflussten zwangsläufig die di Tricarico lässt sich innerhalb der Stadtumwehrung jeweils
Gestaltung der Siedlungen. Zusätzlich spürten Geophysiker noch ein zweiter, kleinerer Mauerring ausmachen. Er umgab
des Berliner Unternehmens Eastern Atlas mittels Radarwel­ den höchsten Punkt des Hügels. Ausgrabungen haben ge­
len und Magnetografie die unter der Erdoberfläche verborge­ zeigt, dass dort besonders prächtige Wohnhäuser und Tempel
nen Baureste auf. Alle Informationen werden derzeit in die standen; auch aufwändige Grablegen kamen zum Vorschein.
Datenbank ArchGate eingegeben, um in der Zusammen­ In diesem abgeschotteten Bereich lebten vermutlich die
schau beispielsweise die verschiedenen Siedlungsphasen zu Stammesführer mit ihren Familien. Dort opferten sie ihren
unterscheiden. Gottheiten und bestatteten Angehörige, vom Rest der Bevöl­
Die dichte Bewaldung erschwert die Arbeiten, doch mitt­ kerung bewusst getrennt.
lerweile können wir die Geschichte dieser und weiterer
Ortschaften mit vergleichbaren Strukturen und Keramik­
funden gut dokumentieren. So lassen sich die Anfänge der
Ansiedlungen mindestens bis in das 8. Jahrhundert v. Chr.
zurückverfolgen. Der Lehrmeinung nach entstanden die
Höhensiedlungen aber nahezu 400 Jahre später, also in helle­
nistischer Zeit.
Allerdings hatte sich während dieser Zeit viel in Lukanien
getan. Jahrhundertelang kannten Süditaliens Berge nur klein­
räumige Verbünde einzelner Weiler, in denen wohl jeweils
Großfamilien mit ihren eigenen Wohn­, Vorrats­ und Stallge­
bäuden sowie Bestattungsplätzen lebten. Jede verstand sich
offenkundig als Einheit und suchte die räumliche Abgren­
zung zu ihren Nachbarn. Eine dieser Familien stellte vermut­
lich die lokale Elite und lenkte die Geschicke des Verbunds. Ab
THE TRUSTEES OF THE BRITISH MUSEUM

dem 4. Jahrhundert v. Chr. jedoch folgten die lukanischen Ge­


meinschaften einem anderen Prinzip.
Sie umschlossen ihr Siedlungsgebiet fortan mit einer
Wehrmauer, wie es im gesamten Mittelmeerraum damals
Trend war. Mehrere Meter dicke Stadtmauern mit Türmen
und Bastionen umgaben nun beispielsweise die griechi­
schen Koloniestädte entlang der Küsten Süditaliens und Si­
ziliens. Deren Erbauer zogen dabei sicherlich die Konse­ Der »Reiter von Armentum« belegt den hohen Rang berittener
quenzen aus den immer effektiveren Belagerungstechniken. Krieger in Lukaniens Gesellschaft, nicht aber tatsächliche Kriege.

40  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Abendstimmung mit den für
Lukanien charakteristischen,
dicht bewaldeten Hügelketten,
vom Monte Croccia aus aufge­
nommen. Kleines Foto: Von der
Befestigung der Höhensied­
lung auf dem Monte Croccia
sind nur wenige Reste so gut
erhalten wie der hier gezeigte
Abschnitt der inneren Wehr­
mauer.
BEIDE FOTOS: LUKANIEN-PROJEKT

Die in Gräbern gefundenen Waffen und Rüstungen dien­ Sicher gab es auch damals bewaffnete Konflikte. So haben
ten also wohl eher als Kennzeichen für die Zugehörigkeit zu die drei Punischen Kriege zwischen Rom und Karthago das
dieser Elite. Kostbare Beifunde wie Geschirr für Trinkgelage, italische Bergland sicher nicht unberührt gelassen. Vor allem
aber auch monumentale Vasen, die auf Grund ihrer Größe der 2. Punische Krieg (218 – 201 v. Chr.) dürfte für Unruhen
reine Schaustücke gewesen sein müssen, zeugen vom hohen gesorgt haben, denn Hannibal umwarb die ansässigen Stäm­
Ansehen des Toten. me. Manche schlossen sich ihm an, wohl in der Hoffnung,
Inzwischen wissen Archäologen, dass diese Form der Be­ Roms Dominanz zu brechen. Mit schweren Folgen: Nach Kar­
stattung schon im 7. Jahrhundert v. Chr. in der Region Brauch thagos Niederlage in der Schlacht von Zama in Nordafrika
war. Und zweifelsohne stand ein Krieger damals in hohem 202 v. Chr. gehörte ganz Süditalien zum Imperium.
Ansehen, wie eine kleine Reiterskulptur verdeutlicht, die Auch die Lukaner verloren nun ihre Unabhängigkeit.
Raubgräber vermutlich in einer Nekropole bei Armento ge­ Doch wie verlief ihre Integration in das Römische Reich? Hat­
funden haben – sie wurde 1833 von einem Sammler in Nea­ ten sie sich Hannibal angeschlossen, oder handelte es sich
pel erworben und gelangte später über den Kunsthandel mehr um eine Art freundliche Übernahme, welche durch die
1904 in den Besitz des British Museum in London (siehe Bild beschriebene kulturelle Entwicklung längst vorbereitet war?
links unten). Der bronzene Krieger hielt einst wohl Speer und Immerhin bewahrten die Lukaner offenbar genug Eigenstän­
Zügel in Händen, beide aus Kupferdraht gefertigt. Seine Kör­ digkeit, um ein Jahrhundert später im Bundesgenossenkrieg
performen ebenso wie die des Pferdes sind so markant wie­ auf Seiten der Samniten für ihr Recht zu streiten. Doch recht­
dergegeben, dass sie an geometrische Ornamente erinnern. fertigte das den schlechten Ruf, den Strabons Berichte wie­
Dieser Stil verweist die Figur in die archaische Epoche des dergeben? Um diese Fragen zu beantworten, helfen die ten­
7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. Die außergewöhnliche Qualität denziösen antiken Überlieferungen nur bedingt. Doch viele
und detailreiche Darstellung lassen keinen anderen Schluss Orte Lukaniens sind bis heute unerforscht. Eine große Chan­
zu, als dass berittene Krieger in der lukanischen Gesellschaft ce für Archäologen und Historiker.  Ÿ
jener Phase einen hohen Rang bekleideten. Zur Zeit der Um­
gestaltung der Siedlungen, aus der auch die erwähnten Waf­
DI E AUTORI N
fenfunde stammen, bildete der Krieg keinen zentralen Le­
bensinhalt der Eliten mehr. Die Archäologin Agnes Henning ist Mitarbeiterin
Für diese These spricht insbesondere der archäologische am Institut für Klassische Archäologie der
Befund: Bis in das 3. Jahrhundert v. Chr. hinein verdichteten Universität Heidelberg. Sie leitet das seit dem
Jahr 2010 von der Fritz Thyssen Stiftung
sich die Ortschaften weiter. Innerhalb der Mauern standen geförderte Lukanien-Projekt auf dem Monte
die Gebäude enger beisammen; die Daten offenbaren Stra­ Croccia.
ßensysteme, die ohne gute Planung nicht denkbar gewesen
wären. Viele Menschen – auch außerhalb des inneren Be­
reichs – ließen ihre Häuser zu repräsentativen Anlagen mit QUELLEN
von Säulen umstandenen Innenhöfen und Speisesälen nach
Bourdin, S.: Les peuples de l’Italie préromaine: identités, territoires
griechischem Vorbild ausbauen. Für Landwirtschaft blieb in
et relations inter-ethniques en Italie centrale et septentrionale
den Orten kein Platz mehr, etliche Gehöfte entstanden im (VIIIe – Ier s. av. J.-C.). École française de Rome, 2013
weiteren Umkreis. Auch die Bestattungsplätze wurden vie­ Henning, A.: Lucania in the 4th and 3rd Century BC. Articulation of
lerorts außerhalb der Stadtmauern angelegt. Den Verstorbe­ a New Self-Awareness instead of a Migration Theory. In: Bollettino
di Archeologia online, Volume speciale: http://151.12.58.75/
nen gab man nicht nur Waffen, sondern zudem schön bemal­ archeologia/ bao_document/articoli/2_HENNING.pdf
te Keramikgefäße und kostbaren Schmuck mit auf die letzte Isayev, E.: Inside Ancient Lucania. Remous Limited, Dorset 2007
Reise. Die Lukaner pflegten also inzwischen bereits einen Le­
bensstil, der sich an der hellenistischen Kultur orientierte. Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1221330

WWW.SPEK TRUM .DE 41


PICENER

Das Volk des Spechtes


Gefürchtete Krieger und erfolgreiche Fernhändler: Die Picener
waren eines der bedeutendsten italischen Völker. Ihre Existenz, so
heißt es in ihrer Gründungslegende, verdanken sie allein der
Entscheidung eines Vogels.
Von Alessandro Naso

U
m das Jahr 1000 v. Chr. begann sich die Welt des Stämme entstanden durch erneute Teilung – was die Sam­
Mittelmeerraums neu zu konfigurieren. Die gro­ niten später nicht davon abhielt, gegen ihre Nachkommen
ßen Reiche der Bronzezeit waren längst zerfallen, Krieg zu führen.
doch hier nahm seinen Anfang, was im Lauf Ein italisches Volk, das in den letzten 40 Jahren vermehrt
weniger Jahrhunderte im Erblühen der griechischen und Eingang in die Forschung gefunden hat, waren die Picener.
später der römischen Kultur gipfeln sollte. In dieser Zeit bil­ Verschiedene Autoren schrieben ihre Ursprungslegende nie­
deten sich in Italien aus Einheimischen und Zuwanderern der, allerdings gibt es keine konsistente Gesamtdarstellung.
neue Volksgruppen, die Altertumswissenschaftler auf Grund So notierte Plinius der Ältere im 1. Jahrhundert n. Chr., der
sprachlicher Gemeinsamkeiten unter der Sammelbezeich­ »ver sacrum« habe Angehörige der in Mittelitalien lebenden
nung Italiker zusammenfassen. Sabiner auf Wanderschaft geschickt. Sein Zeitgenosse Mar­
Zu den kulturellen Gemeinsamkeiten dieser Völker zählte cus Verrius Flaccus nannte als deren Ziel das antike Asculum,
den griechischen und römischen Historikern zufolge ein heute Ascoli Piceno. Das Leittier war ein Specht, der sich dort
als »ver sacrum«, also »geheiligter Frühling« bezeichneter auf ihrem »vexillum«, einer Art Standarte, niedergelassen
Brauch: Dem Kriegsgott Mamars, der dem römischen Mars habe. Zu diesem Mythos passt der Name: Im Lateinischen
entsprach, weihte man alles, was im kommenden Frühling heißt der Vogel »picus«, »Picentes« wäre also das »Volk des
geboren würde, ob Pflanze, Tier oder Mensch. Wurde nun ein Spechts«. Allerdings bezeichneten sie sich in ihrer eigenen
Stamm für sein Gebiet zu groß, mussten junge Männer und Sprache, die durch etwa 25 Inschriften übermittelt ist, als
Frauen sozusagen als symbolisches Opfer an den Gott fort­ »Pupun«. Möglicherweise entwickelte sich die römische Be­
ziehen, um andernorts eine neue Existenz aufzubauen. Ein zeichnung also aus diesem Eigennamen, dessen Bedeutung
Tier sollte die Jugendlichen dabei geleiten. So erzählten die wir leider nicht kennen.
griechischen und römischen Quellen von den Samniten, Mit dem Specht hatte es aber durchaus seine Bewandtnis.
dass ein Stier sie geführt habe. Wo er sich schließlich nieder­ Nicht nur galt er auch in Rom als ein dem Kriegsgott Mars
ließ, siedelten sie sich an (siehe Karte S. 9). Etliche weitere heiliges Tier. Dem griechischen Historiker Dionysios von
Halikarnassos (54 v. Chr. – 8 n. Chr.) zufolge gab es im Land
der Sabiner zudem eine Orakelstätte des griechischen Kriegs­
AUF EINEN BLICK
gottes Ares. In diesem Heiligtum namens Tiora Matiena
MITTLERZWISCHENDENWELTEN habe ein auf einem Pfahl sitzender Specht den Menschen ge­
weissagt. Einige Historiker vermuten, dass aus Tiora Matiena
1 Das italische Volk der Picener besiedelte spätestens seit dem
9. Jahrhundert v. Chr. die gebirgige Region zwischen dem
etruskischen Kulturraum und der Adriaküste. 278 v. Chr. wurden sie
das heutige Abruzzendorf Teora hervorging. Träfe dies zu,
könnten Sabiner tatsächlich von dort aus zur Küste aufge­
gezwungenermaßen Bundesgenossen Roms. brochen sein und sich im Gebiet um das heutige Ascoli Pice­

2 Auf Anhöhen gelegene Siedlungen in den Verbindungstälern


waren vermutlich Ausgangspunkte für Raubzüge, dienten dann
aber mehr und mehr der Kontrolle von Handelswegen.
no angesiedelt haben.
Allerdings kamen weder in der Stadt noch in ihrem Um­
land bei Grabungen archäologische Zeugnisse der piceni­

3 Die Picener waren wichtige Akteure im Fernhandel zwischen


dem Mittelmeerraum und weiter nördlich gelegenen Regionen.
So verbreiteten sie Knowhow und kulturelle Errungenschaften,
schen Kultur in der Menge ans Licht, wie man es dann eigent­
lich erwarten müsste. Möglicherweise ist diese Ortsangabe
wie der Vergleich picenischer und keltischer Statuen zeigt. dem Mythos erst später hinzugefügt worden, um seiner Be­
deutung während des so genannten Bundesgenossenkriegs

42  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
LANDESMUSEUM WÜRTTEMBERG, STUTTGART / P. FRANKENSTEIN UND H. ZWIETASCH
SCALA FLORENZ / MINISTERO DEI BENI E DELLE ATTIVITÀ CULTURALI

Eine in Capestrano entdeckte lebensgroße Statue (links) gilt als Bildnis eines Angehörigen der pice­
nischen Elite. Der Mann trug mutmaßlich einen Hut, der Angehörigen des gehobenen Standes vorbe­
halten war. Auch bronzene Scheiben auf der Brust zeigen seinen Rang, da diese zur Ausrüstung eines
Kriegers gehörten. Im Stil vergleichbare Statuen kamen zudem andernorts zu Tage, sogar im keltischen
Norden wie die hier ebenfalls lebensgroße abgebildete Figur des Kriegers von Hirschlanden (rechts).

WWW.SPEK TRUM .DE 43


Rechnung zu tragen: Zu Beginn des 1. Jahrhunderts v. Chr. südlichen Marken gehören, bis hinab zur mitteladriatischen
lieferten sich die Picener und andere italische Völker bei As­ Küste reichte. Viele Orte lagen in tief eingeschnittenen Fluss­
coli Piceno eine Schlacht mit römischen Truppen. In der Fol­ tälern, dabei jedoch strategisch gut auf Anhöhen platziert.
ge verlor der Ort zwar seine Unabhängigkeit, aber immerhin Denn diese fast parallel zueinander verlaufenden Täler boten
erhielten seine Einwohner das römische Bürgerrecht – des­ die einfachste Verbindung zwischen der Küste und den
sen Verweigerung überhaupt erst zum Aufstand gegen Rom fruchtbaren etruskischen Gebieten im Westen, also etwa der
geführt hatte. heutigen Toskana und dem nördlichen Latium. Diese Wege
zu kontrollieren, war sicher von strategischer wie ökonomi­
Kontrolle der Verbindungswege scher Bedeutung. Gut möglich, dass manche Pässe nur gegen
Anhand von Metallfunden wie Waffen und Schmuck für die eine Abgabe benutzt werden durften; das lässt sich heute
Frauen zeichnete Delia Giuliana Lollini, die ehemalige Leite­ nicht mehr nachweisen.
rin der Soprintendenza Archeologica delle Marche, das Sied­ In einem solchen Tal entwickelte eine Siedlung stets
lungsgebiet der Picener nach: Vom Beginn der Eisenzeit im Macht und Einfluss über alle anderen. Ein gutes Beispiel ist
9. Jahrhundert v. Chr. bis zur römischen Eroberung Anfang die archäologische Stätte Pitino di San Severino im Tal des
des 3. Jahrhunderts v. Chr. kontrollierten sie ein Gebiet, das Potenza. Die Grabbeigaben seiner Nekropole gehören zu den
von den Bergen, die heute zu den nördlichen Abruzzen und wertvollsten im ganzen Picenum. Allerdings blieb die Zahl

Ein ritueller Waffentanz um ein Totem zierte den Deckel einer Situla, eines für den etruskisch­italischen
Raum typischen Bronzegefäßes, das wohl auch kultischen Zwecken diente. Das Objekt kam in einem
Grab aus dem Ende des 7. bis Anfang des 6. Jahrhunderts v. Chr. in der Nekropole von Pitino ans Licht.
AKG IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY / A. DE GREGORIO

44  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
der Besitzenden im Vergleich etwa zur etruskischen Ebene Tage, in denen auch zwei Frauen beigesetzt worden waren.
beschränkt, denn das gebirgige Land erlaubte den Nieder­ Die eine war mit gut 350, die andere mit mehr als 500 Fibeln
lassungen kein nennenswertes Wachstum und so seinen bestattet worden. Derart geschmückt hätten sie zu Lebzeiten
Eliten keine Entwicklung städtischer Kultur. Das traf auf alle keinen Schritt tun können.
italischen Völker zu, weshalb sie der griechische Schriftsteller Die schiere Existenz all dieser Produkte bezeugt seiner­
Strabon meist als »komedon zontes«, als Dorfbewohner, be­ seits die Teilnahme des Picenums am Fernhandel. Denn dort
zeichnet hat. gab es kaum Erze; die erforderlichen Metalle kamen letztlich
Dennoch veränderten sich die gesellschaftlichen Verhält­ wohl aus den Gebieten des heutigen Frankreichs und Slo­
nisse offenbar, denn im 7. Jahrhundert v. Chr. verbreitete sich weniens.
in Mittelitalien und dann auch im Picenum die »orientalisie­ Ab der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. erschüt­
rende Kultur«: Durch die Anhäufung von Besitz hatten Eliten terten gesellschaftliche Konflikte das Picenum, vergleichbar
bei den Etruskern wie bei den Italikern ihren Rang gefestigt, den zeitgleichen Spannungen zwischen Patriziern und Ple­
nun wollten sie ihn nach außen zeigen. Dazu bedienten sie bejern in Rom. Obendrein drangen die italischen Völker der
sich zum einen kostbarer Importwaren, zum anderen imi­ Umbrer und Samniten in das Gebiet ein, vor allem aber die
tierten sie die Machtsymbole vorderorientalischer König­ aus Gallien stammenden und seit einiger Zeit in Norditalien
tümer. Daher ist es möglich, in einem picenischen Grab ansässigen Senonen. Unter ihrem Häuptling Brennos erober­
bronzene »Rippenschalen« zu finden, wie sie Verstorbenen ten diese 378 v. Chr. zwar auch Rom – bis auf die Festung auf
im nordsyrischen Assur mitgegeben worden waren. Wo diese dem Kapitol –, doch die Tiberstadt erholte sich rasch wieder
wertvollen Objekte hergestellt und wie sie verbreitet wur­ und expandierte. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. waren
den, ist noch Gegenstand der Forschung. Doch eines ist ge­ die italischen Völker freiwillig oder gezwungenermaßen
wiss: In all diesen Kulturen war es Angehörige der lokalen Eli­ Roms Bundesgenossen geworden. Manche behielten ein ge­
ten vorbehalten, aus solchen Gefäßen Wein zu trinken. Nicht wisses Maß an Selbstständigkeit; die kriegerischen Picener
zuletzt dank der Picener gelangte diese Mode weiter nach aber wurden 278 v. Chr. unterworfen und teilweise sogar zur
Norditalien und überquerte sogar die Alpen. Befriedung an den Golf von Paestum umgesiedelt.
Auch einige Steindenkmäler verdeutlichen, dass piceni­ Als sich der römische Senat weigerte, seinen italischen
sches Gebiet Ideen aus dem Mittelmeerraum weitervermit­ Partnern das römische Bürgerrecht zu verleihen, die Italiker
telt. So bildete der nach seinem Fundort in den Abruzzen be­ also den Bewohnern Roms rechtlich gleichzustellen, tobte
nannte »Krieger von Capestrano« das Vorbild für eine Reihe von 91 bis 88 v. Chr. der Bundesgenossenkrieg, an dem sich
weiterer Grabstatuen, darunter auch jene aus den keltischen die Picener beteiligten. Rom konnte den Aufstand nur da­
Grabhügeln Hirschlanden (siehe Bild S. 43) und Glauberg in durch für sich entscheiden, dass es letztlich der Forderung
Deutschland. nachkam. Was ihm zum Vorteil gereichte, denn die Stämme
integrierten sich und waren bald kaum noch von der römi­
Beliebte Exportwaren: Eiserne Militaria schen Bevölkerung zu unterscheiden. Der erste Kaiser Au­
Die Rolle der Picener im Fernhandel beschränkte sich aber gustus erklärte das Picenum im Zuge einer Verwaltungsre­
nicht auf die Weitergabe von Waren. Vielmehr entwickelten form zur »quinta regio«, also zur fünften Siedlungsregion
sie eigene Produkte, insbesondere militärische Ausrüstungs­ Italiens, beließ ihr aber den Namen, um an die vorrömische
teile. So fertigten einheimische Handwerker für die Reiterei Vergangenheit zu erinnern.  Ÿ
neuartige Formen von Trensen an, also Gebissstangen mit
seitlichen Ringen zum Einhängen des Zaumzeugs. Noch im
DER AUTOR
7. Jahrhundert v. Chr. folgten picenische Helme den Vorbil­
dern aus Mittelitalien, im Jahrhundert darauf brachten die Der in Rom geborene Alessandro Naso lehrt
Werkstätten einen neuen Typus heraus. Der »Negauer Helm«, Ur- und Frühgeschichte an der Leopold-Franzens-
benannt nach einem in einem 1811 in Negova im heutigen Universität Innsbruck. Die Kulturen der Italiker
und der Etrusker bilden einen seiner Forschungs-
Slowenien entdeckten Helmdepot, verfügte über eine metal­ schwerpunkte.
lene Krempe, die Schutz gegen die zur gleichen Zeit aufkom­
menden langen Schwerter bot. Am Ende des 6. Jahrhunderts
v. Chr. verlagerte sich die Herstellung der Negauer Helme je­
QUELLEN
doch aus unbekannten Gründen nach Etrurien.
Auch die weiblichen Mitglieder der Elite wussten ihren Franchi Dell’Orto, L. (Hg.): Die Picener. Ein Volk Europas. Ausstel-
Rang nach außen zu zeigen: mit ornamental verzierten Ge­ lungskatalog. De Luca, Rom 1999
wandspangen, Brustschmuck mit plastisch figürlicher Aus­ Naso, A.: I Piceni. Storia e archeologia delle Marche in epoca
preromana. Biblioteca di Archeologia 29. Longanesi, Mailand 2000
schmückung und Scheiben mit durchbrochenen Mustern. Torelli, M.: Tota Italia. Essays in The Cultural Formation of Roman
Die picenische Frauentracht war wohl die kostbarste auf der Italy. Clarendon Press, Oxford 1999
ganzen Apenninischen Halbinsel. In der Siedlung von Nu­
mana kamen zwei Gräber aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. zu Dieser Artikel im Internet: www.spektrum.de/artikel/1221328

WWW.SPEK TRUM .DE 45


GRIECHISCHEKOLONISATION

»Wie Frösche
um einen Teich«
Der Handel florierte, die Gemeinwesen wuchsen, kurz: Griechenland
boomte im 8. Jahrhundert v. Chr. Und dennoch brachen Kolonisten
zu neuen Gestaden auf – waren sie die Verlierer des Aufschwungs?
Von Theodor Kissel

DREAMSTIME / JEFF GRABERT

Mit sakralen Bauten wie dem Hera-Tempel von Poseidonia


(heute Paestum) setzten griechische Kolonisten in Italien und
Sizilien Maßstäbe.

46  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
D
ie zackigen Zähne der Anker fesseln die Schiffe; tung Hochkultur. Man erfand die Schrift, entdeckte das In-
den Strand bedecken sie Heck an Heck. Und mu- dividuum. Homer schrieb seine beiden Epen »Ilias« und
tig schwingt sich die Jugend, entflammt von hei- »Odyssee« über die Helden des legendären Trojanischen
ßer Begierde auf die hesperische Erde hinaus.« Kriegs und zum ersten Mal zeichneten Künstler ihre bemalte
So schilderte der römische Dichter Vergil (70 – 19 v. Chr.) in Keramik namentlich. Das alles vollzog sich im institutionel-
seiner »Aeneis« die Ankunft der ersten Griechen in Italien. len Rahmen der Polis, jenen Stadtstaaten, die sich zu Beginn
Scharenweise hatten Auswanderer zwischen 750 und 500 v. des 8. Jahrhunderts v. Chr. formierten und bald zur Wiege der
Chr., dem archaischen Zeitalter, Hellas verlassen, um in der Demokratie wurden.
Fremde eine neue Heimat zu finden. Fast 200 Siedlungen Überall blühte der Handel und brachte Wohlstand. Umso
entstanden rings um das Mittelmeer und das Schwarze Meer, unverständlicher also, dass Griechen gerade jetzt ihre Hei-
was den Athener Philosophen Sokrates (469 – 399 v. Chr.) mat verließen. Waren die Emigranten vielleicht – eine weite-
spotten ließ: »wie Frösche um einen Teich«. Ein bunter Fli- re Erklärung – Verlierer des Aufschwungs? Die wenigen erhal-
ckenteppich autonomer Gemeinwesen, unter denen die in tenen Schriftquellen berichten von heftigen Auseinander-
Italien und auf Sizilien eine besondere Rolle spielen sollten. setzungen zwischen rivalisierenden Adelsgruppen, später
Schon in der Antike nannte man diese Region deshalb Magna zwischen Aristokraten und unteren Schichten. Die griechi-
Graecia – Großgriechenland. schen Siedler, so vermutete der Frankfurter Althistoriker
Viel rätselten Altertumsforscher über die Gründe jener im Frank Bernstein 2004, suchten das Weite, um sozialen Kon-
8. Jahrhundert v. Chr. einsetzenden »Großen Griechischen flikten zu entgehen.
Kolonisation«. Handelsinteressen vermuteten die einen,
Landmangel durch Überbevölkerung die anderen. Tatsäch- Innere Distanz zur Mutterstadt
lich warnte der griechische Dichter Hesiod (geboren vor 700 Denn eine wachsende Bevölkerung verursachte Probleme, für
v. Chr.) vor steigenden Bevölkerungszahlen und forderte El- die jene früharchaische Gesellschaft Griechenlands keine Lö-
tern auf, sich auf ein Kind zu beschränken. Wieder andere sungen parat hatte. Es galt das Recht des Stärkeren und Kon-
Forscher führten Dürreperioden und Ressourcenknapp- flikte wurden mit dem Schwert ausgetragen. Migration als
heit ins Feld. Oder war es manchmal schlicht Abenteuerlust? Ventil für Bevölkerungsdruck und politischen Dissens? Eine
Der Kölner Althistoriker Karl Joachim Hölkeskamp betont, These, die vieles für sich hat. Denn die Griechen nannten ihre
neben einem Unbehagen am Hier und Jetzt sei immer auch Heimatstadt jeweils »metropolis«, Siedlungen außerhalb des
die Hoffnung mitgeschwungen, »jenseits der Enge und Be- Stammlands aber »apoikiai« (von griechisch: apo = weg und
grenztheit der Heimat sich neue Handlungsspielräume zu oikia = Siedlung), eine Terminologie, die laut Bernstein eine
erschließen und Reichtum und Einfluss zu gewinnen«. innere Distanz zur Mutterstadt zum Ausdruck brachte. Tat-
Dabei erlebte Hellas eigentlich einen wirtschaftlichen, po- sächlich bezeichnete Platon (um 427 – 347 v. Chr.) Jahrhunder-
litischen und kulturellen Aufschwung. Es trat, wie Christian te später die Gründung von Apoikien als »altbewährtes Mittel
Meier, emeritierter Professor der Universität München, es bei Überbevölkerung, inneren Konflikten und bei Enge des
formulierte, »aus dem Schatten des Dunklen Zeitalters he- Landes«. Allerdings gibt es hinsichtlich der Ursachen der Aus-
raus und erfand die Welt neu«. Aus jenem rund 400 Jahre wanderung neuerdings wieder Gelehrte, wie der Genfer Ar-
währenden Dunklen Zeitalter also, das um 1200 v. Chr. mit chäologe Jean-Paul Descoeudres, welche die Migration allge-
dem Brand der minoischen Paläste begann und in dem alle mein im Zusammenhang mit der Polisentstehung sehen.
Schriftlichkeit verschwunden schien. Es waren Siedler der Attika benachbarten Insel Euböa, na-
Auch wenn Archäologen inzwischen manchen Befund zu mentlich Bewohner von Chalkis und Eretria (siehe Karte
Tage förderten, der diese Zäsur weniger dramatisch erschei- nächste Seite), die sich als Erste gen Westen, nach Hesperia
nen lässt, machte Griechenland in der nun anbrechenden aufmachten – eine Reise ohne Rückfahrschein, nicht unge-
Epoche der Archaik doch einen gewaltigen Schritt in Rich- fährlich, doch kein Himmelfahrtskommando. Denn auch
ohne Kompass und GPS gelangten die Griechen an ihr Ziel.
Sie verstanden es, nach den Sternen zu navigieren, und sie
AUF EINEN BLICK
profitierten von den Erfahrungen eines anderen großen See-
fahrervolks, dessen Kapitäne bereits um 1000 v. Chr. durch
NEUANFANGINITALIEN
das Mittelmeer kreuzten, den Phöniziern. Die zeichneten

1 Im aufstrebenden Griechenland des 8. Jahrhunderts v. Chr. gab


es viele Gewinner des Wohlstands – aber auch Verlierer.
erste Seekarten, die »periploi«, und trugen darin Entfer-
nungsangaben und Küstenbeschreibungen ein, zudem In-

2 Denn mit dem Reichtum stieg die Zahl der Menschen. Viele zog
es aus den überbevölkerten Regionen in die Fremde.
formationen über Untiefen, Strömungen und signifikante
Landmarken, die vom Meer aus gut zu sehen waren. Be-

3 Bevorzugte Ziele der griechischen Kolonisten waren das südli-


che Italien und Sizilien. In den dünn besiedelten Regionen
trafen sie auf wenig Widerstand. Sie konnten sich nehmen, was sie
schwerlich aber war die Überfahrt allemal, denn die dama-
ligen Segelschiffe vermochten nicht gegen die im Mittel-
brauchten. meer vorherrschenden Nordwestwinde zu kreuzen und wa-
ren deshalb oftmals Wochen unterwegs.

WWW.SPEK TRUM .DE 47


Griechische Kolonien in der Magna Graecia
Vom 8. bis zum 6. Jahrhundert Kyme (Cumae)
Dikaiarcheia (Pozzuoli) 0 100 km Die koloniale Ausbreitung der Griechen
v. Chr. gründeten griechische Kyme im Mittelmeer im 8. bis 6. Jh. v. Chr.
Poseidonia
Siedler Kolonien im Mittel- Pithekussai (Ischia)
(Paestum)
Taras (Tarent) Mutterstadt in Griechenland
Neapolis (Neapel) Metapontion (Metapont)
meerraum und an der Schwarz- Hyele-Elea (Velia) Siris Mutterstadt der Magna Graecia
Pyxus (Policastro Bussentino)
meerküste. Die größte Dichte Laos
Sybaris Mutterstadt, sonstige
Sybaris (Sibari)
an Pflanzstädten wiesen Süd- Skydros Kolonie, primäre Gründung
Thurioi
Hipponion (Vibo Valentia)
italien und Sizilien auf, diese Re- Medma (Rosarno) Skylletion Kroton Kolonie, sekundäre Gründung
Rhegion (Reggio di Calabria) Kroton (Crotone)
gion hieß deshalb schon in der Zankle (Messina) Terina (Sant’Eufemia Vetere)
Kolonie, tertiäre Gründung
Antike Magna Graecia, »Groß- Lipara (Lipari) Kaulonia (Caulonia)

EN
Zankle Lokroi Epizephyrioi
griechenland«. Mylai (Milazzo)
I Tanais
TH
Lokroi Epizephyrioi (Locri)
Himera (Imera)
Naxos (Guardini Naxos) Y
SK
Leontinoi (Lentini) Olbia
Selinus (Selinunt) Katane (Catania)
Megara Hyblaia Tyras
Herakleia (Eraclea)
T E N Akragas (Agrigent)
Megara Hyblaia Phanagoreia

U R Gela Syrakusai Pantikapaion


EN LIG
Gela Syrakusai (Siracusa) Theodosia
Istros
T Kamarina (Camarina)
EL
Akrai (Acre) Tomis
Massalia
K Agathe IL Kasmenai (Casmene) S c h w a r z e s M e e r
Massalia LY Odessos
RI
EN Mesembria Sinope Phasis
Emporion Alalia THRAKIEN Apollonia Sinope

Byzantion Amisos Kerasos


Epidamnos Herakleia Pontike
Olbia Apollonia Chalkedon Kotyora Trapezus
Kyzikos
Korkyra
Saguntum Phokis Phokaia MYSIEN
Korinth Chalkis
Phokaia N
IE
Lokris Eretria
Böotien
Achaia Kolophon K
Megara PA M P H Y- LI
KI
Zakynthos Samos
Sparta
Athen Milet LIEN
Naxos

N
Knidos Phaselis

EN RIE
Megara Nisaia Thera Rhodos
Nagidos

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK


SY
Kreta
M i t
t e l m e e r

IKI
OIN
Kyrene

LIBYEN
PH
Naukratis
ÄGYPTEN

Die Exilanten aus Euböa gründeten um 770 v. Chr. die den sich oftmals nicht mehr als je zehn Ausreisewillige –
Siedlung Pithekussai auf der Insel Ischia im Golf von Neapel. oder Personen, die zum Exil verurteilt wurden wie jene Mes-
Gut 20 Jahre später – alle Datierungen beruhen auf archäolo- senier, denen die Vergewaltigung spartanischer Jungfrauen
gischen Befunden – folgte in Süditalien Kyme, nach weiteren in einem Heiligtum zur Last gelegt worden war.
zwei Jahrzehnten die Städte wie Naxos und Syrakus auf Sizi- Die Führer eines Siedlerzugs wurden Oikisten (vom Grie-
lien, zu den jüngsten Kolonien dieser ersten Phase gehörten chischen: »oikia« = Siedlung und »ktisein« = gründen) ge-
Kroton um 710 und Taras um 706 v. Chr. in Süditalien. In den nannt. Es waren vornehmlich Adlige, die die Initiative ergrif-
fruchtbaren Schwemmlandebenen Süditaliens und Siziliens fen, Schiffe und Material organisierten. Vor der Expedition
fanden die Griechen, woran es in der Heimat mangelte: weit- pilgerten sie zum Orakel von Delphi, dem wohl wichtigsten
läufige Anbauflächen. religiösen »Dienstleistungszentrum« der Antike, um dort
Meist waren es nicht mehr als 100 bis 300 Menschen, mit- den Rat des Gottes Apollo zu erbitten. Wie Irad Malkin, Pro-
unter sogar aus verschiedenen Herkunftsorten, die sich zu fessor für altgriechische Geschichte an der Universität Tel
einem Gemeinschaftsunternehmen zusammenschlossen Aviv, Anfang der 1990er Jahre herausfand, hatte diese Audi-
(siehe Tabelle rechts). Rhegion beispielsweise war ein Joint enz aber noch einen ganz anderen Grund: Man wollte sich
Venture von Einwohnern der Stadt Chalkis und der Region das Unternehmen von höchster Stelle absegnen lassen. Denn
Messenien auf dem Peloponnes. Solche Zusammenschlüsse ein derart heikler Akt wie die Inbesitznahme fremden Landes
hatten rein praktische Gründe: In Dörfern und Städten fan- bedurfte antiken Vorstellungen zufolge göttlicher Zustim-

48  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Kolonie (heutiger Name) Mutterstadt oder -landschaft Gründungsjahr v. Chr. um
Pithekussai (Ischia) Chalkis 770
Kyme (Cumae) Chalkis 750
Naxos (Guardini Naxos) Chalkis 734
Syrakus (Siracusa) Korinth 733
Zankle (Messina) Chalkis und Kyme 730
Katane (Catania) Naxos 729
Leontinoi (Lentini) Naxos 729
Megara Hyblaia Megara Nisaia 728
Rhegion (Reggio di Calabria) Chalkis und Messenien 730 – 720
Sybaris (Sibari) Achaia 720 oder 710
Mylai (Milazzo) Zankle 716
Kroton (Crotone) Achaia 708
Taras (Tarent) Sparta 706
Kaulonia (Caulonia) Achaia Ende 8. Jh. v. Chr.
Laos (bei Scalea) Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Pyxus (Policastro Bussentino) Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Skydros Sybaris Ende 8. Jh. v. Chr.
Siris Kolophon 690 – 680
Gela Rhodos und Kreta 688
Lokroi Epizephyrioi (Locri) Lokrien 675 – 650
Akrai (Acre) Syrakus 663
Himera (Imera) Zankle 649
Kasmenai (Casmene) Syrakus 643
Metapontion (Metapont) Achaia 640 – 630
Selinis (Selinunt) Megara Hyblaia 628
Poseidonia (Paestum) Sybaris 600
Hipponion (Vibo Valentia) Lokroi Epizephyrioi Anfang 6. Jh. v. Chr.
Kamarina (Camarina) Syrakus 598
Akragas (Agrigent) Gela 580
Lipara (Lipari) Knidos 580 – 576
Medma (Rosarno) Lokroi Epizephyrioi 575
Hyele-Elea (Velia) Phokaia 535
Dikaiarcheia (Pozzuoli) Samos 531 v. Chr.
Skylletion (Scolacium) Kroton 5. Jh. v. Chr.
Neapolis (Neapel) Kyme Anfang 5. Jh. v. Chr.
Terina (Sant’ Eufemia Vetere) Kroton 480 – 470
Thurioi Gemeingriechische Kolonie 444/443
Herakleia (Eraclea) Athen und Peloponnes 433

mung. Und die gewährte laut Malkin der pythische Apollo, völkerungsüberschuss schließen lässt. Verschärft wurde die
auch »archegetes«, Wegbereiter genannt. Situation möglicherweise durch eine Dürre, der Legende
Er spielt in den »ktiseis«, den Gründungslegenden, eine nach eine Strafe Apollos, dessen Weisung missachtet wor-
wichtige Rolle, die nach wie vor in der Forschung kontrovers den war. Schließlich gründeten die Auswanderer Kyrene, das
diskutiert werden. Während ihnen manche Gelehrte, wie der zur größten griechischen Kolonie Afrikas heranwachsen
Leiter der Scuola Archeologica Italiana di Atene in Rom, sollte. Trockenheit als göttliche Strafe trieb wohl auch Korin-
Emanuele Greco, durchaus einen historischen Kern zubil- ther Bürger außer Landes, laut Gründungsmythos verschul-
ligen, sieht der an der University of Chicago lehrende det durch einen Mord (siehe Kasten S. 50). Der Täter gründe-
Spezialist für griechische Geschichte, Jonathan Hall, die te Syrakus.
»ktiseis« als aus narrativen Versatzstücken nachträglich zu-
sammengesetzte Legenden zur Erklärung einer mythischen Die Griechen kamen – und bauten
Vergangenheit. Beispielsweise überlieferte der Historiker War ein geeigneter Siedlungsplatz gefunden, begann dessen
Herodot (um 484 – 424 v. Chr.), die Bewohner der Kykladen- Erschließung. Homer hat den Vorgang in seiner »Odyssee«
insel Thera hätten auf Geheiß des Gottes Haus und Hof ver- knapp umrissen: Als König Nausithoos im Land Scheria –
lassen und seien unter der Führung eines gewissen Battos manche Forscher lokalisieren es auf der Insel Korkyra, ande-
nach Libyen aufgebrochen. Dazu wurde »in allen Ortschaf- re auf Kreta – eine Kolonie gründete, »umgab er sie mit Mau-
ten aus jedem Haushalt ein Sohn ausgewählt«, was auf Be- ern, baute Häuser, für die Götter Tempel und teilte die länd-

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Gründungslegende von Syrakus
In seinen »Liebeserzählungen« schilderte Plutarch im 1. Jahrhundert n. Chr. sinngemäß:

Pheidon, König von Argos, suchte Korinth durch List zu unter- don und unterstrich seine Klage
werfen, wurde aber von Habron verraten. Aus Furcht vor Verfol- durch den Freitod.
gung zog dieser in das Dorf Melissos nahe Korinth. Dort zeugte Schon bald darauf wurde Ko-
er einen Sohn, den er nach seiner neuen Heimat benannte. rinth von Dürre und Seuche
Dem Melissos wurde Jahre später seinerseits ein Sohn geboren, heimgesucht, worauf sich die
der schöne und von allen geliebte Aktaion. Diesen begehrte Stadt an das Orakel von Delphi,
auch Archias, einer der reichsten und mächtigsten Männer Ko- an den Gott Apollo wandte. Die-
rinths. Da sein Werben erfolglos blieb, wollte er den Jüngling ser warnte vor dem Zorn des Po-
rauben. seidon, der nicht nachlassen Apollos Orakel wurde von
Begleitet von Freunden und Sklaven zog er zum Haus des würde, bis Aktaions Tod gerächt Siedlern befragt.
Melissos, der sich jedoch, seinerseits von seinen Freunden und sei. Es war Archias selbst gewe-
Nachbarn unterstützt, zur Wehr setzte. Bei diesen Kämpfen sen, den die Korinther nach Del-
kam Aktaion jedoch zu Tode. Melissos zog mit dem Leichnam phi geschickt hatten. Er kehrte erst gar nicht in seine Heimat-
auf die Agora von Korinth und forderte Rache. Die Bürger be- stadt zurück, sondern fuhr nach Sizilien, wo er Syrakus gründe-
zeugten zwar ihr Mitleid, unternahmen aber nichts, die Bluttat te, zwei Töchter zeugte, – und später von seinem Gefährten und
zu sühnen. Daraufhin wandte sich Melissos an den Gott Posei- Geliebten Telephos ermordet wurde.

lichen Fluren« in gleich große Flächen für den Ackerbau. Was ter Pindar (um 520 – 445 v. Chr.) in seinen Oden. Und tatsäch-
der Dichter in seinem Epos beschrieb, bestätigte ein Gra- lich stießen italienische Archäologen Anfang der 1980er Jah-
bungsbefund in Megara Hyblaia an der Westküste Siziliens. re auf der Agora von Poseidonia auf ein solches »Heroon«, in
Dort haben französische Archäologen in den 1980er Jahren dem sie mehrere, sogar unversehrte »Hydrien« entdeckten,
mittels geomagnetischer Prospektion ein jahrtausendealtes dreihenklige Vasen, die noch Reste von Trankopfern ent-
Grabensystem im Boden entdeckt, das einst die Äcker in Par- hielten.
zellen unterteilte. Ein siedlungsarchäologischer Befund, der Die gemeinsame Kraftanstrengung beim Aufbau einer
durch neuere Untersuchungen des Amsterdamer Archäolo- neuen Existenz, das tägliche Aufeinander-angewiesen-Sein
gen Jan Crielaard gestützt wird. in fremder Umgebung stärkten das Zusammengehörigkeits-
gefühl der Siedler. Die Mauer, die jede Siedlung nach außen
In der fremden Umgebung abgrenzte, signalisierte auch Einheit nach innen. Im Tempel
wuchs der Zusammenhalt der Siedler der Stadtgottheit erwies sich die Apoikie als Kult-, durch das
Gleichzeitig mit der Erschließung des Raums außerhalb der Wappen auf den städtischen Münzen zudem als Wirtschafts-
Stadt erfolgte die Ausgestaltung des durch eine Mauer abge- gemeinschaft. Das kommunale Bewusstsein war bei den Be-
grenzten innerstädtischen Bereichs. Jede griechische »polis« wohnern der Magna Graecia besonders stark ausgeprägt.
verfügte zum einen über eine Agora, jenen freien Platz in- Nach Ansicht des Erfurter Althistorikers Kai Brodersen ent-
mitten der Stadt, auf dem die Bürger politische Angelegen- wickelte sich eine regelrechte Siedleridentität, die gut an
heiten diskutierten, zum anderen über Heiligtümer für die Ortsnamen abzulesen sei: Während etwa die europäischen
Kommunikation mit den Göttern. Hinzu kamen kommunale Auswanderer der Neuzeit den Rückbezug zur Mutterstadt
Bauten wie etwa das Bouleuterion, die Tagungsstätte des suchten – das heutige Manhattan beispielsweise hieß ur-
Rats der Bürger; das Ekklesiasterion, Ort der Volksversamm- sprünglich Neu-Amsterdam – übernahmen die Griechen zu-
lung, oder das Prytaneion, Wirkungsstätte der Ratsherren weilen einheimische Bezeichnungen oder kreierten neue Na-
und der Ort, an dem Gesandtschaften empfangen wurden. men (siehe Tabelle S. 49).
Dort hütete man auch das heilige Feuer, das aus der Heimat Zankle, das spätere Messina, war das sikelische Wort für
mitgebracht und bei der Stadtgründung im Herd der Göttin »Sichel«, wie Thukydides zufolge den sichelförmigen Hafen
Hestia entzündet wurde. Eine Stätte von besonderer Bedeu- beschrieb; Rhegion leitete sich von »regnunai« ab, griechisch
tung war das Heroon, Grabstätte des Gründers. für abgebrochen, denn dort schien Sizilien von Unteritalien
Dank der von Apollo übertragenen Autorität genoss er abgespalten. Namen waren Programm und das lautete »Un-
kultische Verehrung: »Dort, auf dem Heck der Agora, liegt er abhängigkeit vom Mutterland«. Aus Korinthern wurden
abseits, tot. Glücklich wohnte er unter den Menschen, so- Syrakuser, aus Spartanern Tarentiner und im Fall der von
dann als Heros vom Volk geehrt«, sang der griechische Dich- Bewohnern der Insel Samos 531 v. Chr. gegründeten Apoikie

50  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Dikaiarcheia, dem späteren Puteoli, war der Name gar eine Sakralbau, dem Hellas an Monumentalität und Erhabenheit
direkte Erwiderung auf die politischen Verhältnisse daheim: nichts entgegenzusetzen hatte.
Eine »gerechte Herrschaft« wollten die vor dem samischen Griechische Apoikien waren souveräne Gemeinwesen, die
Tyrannen Polykrates Geflohenen errichten. lediglich »Pietätsbeziehungen zur Mutterstadt« unterhiel-
Neues schaffen, um das Alte zu überwinden, diese Maxi- ten, wie Adam Smith (1723 – 1790) befand, einer der geistigen
me lässt sich in Ansätzen auch im Bereich der Architektur er- Gründerväter der Vereinigten Staaten von Amerika. Von
kennen: »Diese war keine simple provinzielle Variante derje- ganz entscheidender Bedeutung, so der emeritierte Münch-
nigen des Mutterlands, sondern Ausdruck eigenständigen ner Althistoriker Jakob Seibert, sei die räumliche Entfernung
innovativen Wirkens«, betont Dieter Mertens, Bauhistoriker der Kolonie zur Mutterstadt gewesen. Dementsprechend war
am Deutschen Archäologischen Institut in Rom. Formale Ei- die Eigenständigkeit Magna Graecias im Vergleich zu den
genheiten aus Hellas vermischten sich so zu einer Art Kolo- Pflanzstädten an der kleinasiatischen Küste deutlich ausge-
nialstil, wie etwa in Megapont am Ionischen Meer, wo das Ek- prägter. Allenfalls ein Gefühl kultureller Zugehörigkeit zum
klesiasterion-Theater die Funktionen Versammlungs- und Heimatland manifestierte sich in Sprache, Kunst, Literatur,
Schauspielstätte miteinander kombinierte, eine Innovation, Religion und Lebensweise.
die den Gemeinschaftsgeist zum Ausdruck brachte. Am deutlichsten brachten dies Schatzhäuser und Weihge-
Fernab der bedrückenden Enge im Mutterland bot sich schenke in Heiligtümern wie Delphi zum Ausdruck, mit de-
ungewohnter Freiraum. Keine Agora in Hellas hätte Platz für nen die Kolonisten freilich der griechischen Welt demons-
ein Versammlungsgebäude geboten, das gut und gern 8000 trierten: Wir haben es geschafft! Eine weitere Gelegenheit,
Personen fassen konnte, in Megapont war dies möglich. Mit- den gemeinsamen kulturellen Hintergrund zu betonen und
te des 6. Jahrhunderts v. Chr., Athen wurde noch von Tyran- gleichzeitig in Wettstreit mit dem Mutterland zu treten, bot
nen regiert und auf der Akropolis stand noch kein Parthe- sich bei den Olympischen Spielen. Milon, der wohl erfolg-
non, errichtete die Stadt Poseidonia dem Meeresgott einen reichste Olympionike der Antike, trat dort explizit als Bürger

Kulturtransfer Griechenland – Etrurien und zurück: Die Abdeck-


platte eines als »Taucher« bezeichneten Steinkistengrabs aus der
Zeit um 480 v. Chr. gehört zu den bedeutendsten Zeugnissen
großgriechischer Kunst. Sie steht in der Tradition der etruskischen
Grabmalerei, die ihrerseits die griechische Technik der Freskoma-
lerei übernommen hatte.
BPK BERLIN / SCALA FLORENZ

WWW.SPEK TRUM .DE 51


AKG IMAGES / NIMATALLAH
die Korinther vielmehr gleich nach ihrer Ankunft die sikuli-
sche Siedlung auf der Insel Ortygia; wer blieb, musste den
Status des Hörigen akzeptieren, wie Herodot und Aristoteles
berichteten.
Allerdings gewinnen derzeit wieder stärker jene Gelehrte
an Gewicht, die einer friedlichen Koexistenz das Wort reden.
Im Zuge eines zunehmenden Interesses an den »Anderen«
rücken weniger graecozentrisch ausgerichtete Untersuchun-
gen in den Fokus, die – wie die des Madrider Archäologen
Adolfo Domínguez gestützt auf den archäologischen Be-
fund – die Interaktion zwischen Neuankömmlingen und Ein-
heimischen als durchaus einvernehmlicher erachten als bis-
lang angenommen. Allein, auf Grund eines nicht vorhande-
nen Zerstörungshorizonts auf ein friedliches Miteinander zu
schließen, hieße mit Gocha Tsetskhladze, Dozent an der Uni-
versity of Melbourne, die Augen vor der historischen Über-
lieferung verschließen. Schließlich seien fehlende Brandspu-
ren noch lange kein Indiz dafür, dass sich Neuankömmlinge
und Autochthone nicht feindlich gesinnt waren.
In der Tat, das zeigen aktuelle siedlungsarchäologische
Untersuchungen im antiken Lukanien, wich die dortige in-
digene Bevölkerung der Macht des Stärken. Grabungen der
Der Heroe Perseus schlich sich mit Hilfe der Göttin Athene in Heidelberger Archäologin Agnes Henning belegen, dass ein-
die Höhle der schlafenden Medusa und schlug dieser den heimische Italiker als Reaktion auf die Anfang des 3. Jahr-
Verderben bringenden Kopf ab. Im Augenblick ihres Todes gebar hunderts v. Chr. einsetzende römische Expansion in Südita-
Medusa das geflügelte Pferd Pegasos, das Perseus zu seinem lien ins Hinterland zurückwichen beziehungsweise abge-
nächsten Abenteuer trug. Das um 540 v. Chr. entstandene Relief drängt wurden und dort stark befestigte Höhensiedlungen
zierte die Ostfront eines Tempels in Selinunt auf Sizilien. anlegten.
Wo die Neuankömmlinge in der Minderzahl waren, be-
dienten sie sich List und Tücke. So geschehen im Fall der
Gründung von Lokroi Epizephyrioi, nahe dem heutigen Locri
seiner Heimatstadt Kroton auf. Solches Selbstvertrauen ba- in Kalabrien. Dem Historiker Polybios zufolge schworen die
sierte keineswegs nur auf dem Bewusstsein, den Boden urbar Siedler den Sikulern Freundschaft, »solange ihr Fuß die Erde
gemacht und in der Fremde überlebt zu haben. Koloniegrün- beträte und sie den Kopf auf den Schultern trügen«. Doch
dung und -entwicklung verliefen selten friedlich, denn die vor dem Eid hätten sie Erde auf die Sohlen ihrer Schuhe ge-
Griechen in Unteritalien und auf Sizilien betraten Mitte des streut und Knoblauchköpfe unter ihren Gewändern auf die
8. Jahrhunderts v. Chr. ja keinen menschenleeren Raum. Auf Schultern gelegt. Die formalen Bedingungen des Schwurs
Sizilien lebten Völker wie die Elymer, Sikaner und Sikuler, in waren also rasch beseitigt und die Sikuler wurden alsbald
Unteritalien die Oinotrer und Japyger (siehe Karte S. 9). Be- vertrieben.
schäftigten sich Forscher bis vor etwa zehn Jahren noch vor Für böses Blut sorgte zudem, dass die ersten Siedler, meist
allem mit der Chronologie der Großen Griechischen Koloni- junge Männer, ohne Frauen kamen. Denn in Hellas herrschte
sation und den Motiven der Siedler, konzentrieren sie sich vor allem Mädchenmangel. Weil die patriarchalische Gesell-
inzwischen vor allem auf den Zusammenprall der Kulturen schaft männliche Nachkommen bevorzugte, Mädchen zu-
und den dadurch ausgelösten Wandel in Magna Graecia. dem teuer wurden, weil schon zu Lebzeiten der Eltern ihr
Archäologische Grabungen beweisen, dass die Mehrzahl Erbteil als Mitgift fällig war, wurden weibliche Neugeboren
der Pflanzstädte auf den Trümmern bestehender Orte er- häufig in freier Natur ausgesetzt. Auch die gleichberechtigte
richtet wurde. Völkerverständigung gab es wohl nur selten, Erbteilung unter den Söhnen motivierte zur Auswanderung,
etwa in Megara Hyblaia, benannt nach dem einheimischen da längst viele Landgüter zu klein geworden waren, um Fami-
Sikulerkönig Hyblon, der den Siedlern aus Megara gestattete, lien zu ernähren. »So ergab sich ein Überschuss an jungen
sich auf seinem Gebiet niederzulassen. Männern«, konstatiert Kai Brodersen, »die in der Fremde
Meist aber erfolgte die Landnahme mit Gewalt. Die aus wohl zu Recht mehr Chancen für sich sahen als in der Hei-
Sparta stammenden Gründer von Taras – Spartas einzige mat.« Diese Singles nahmen sich nun einheimische Frauen,
Apoikie – lieferten sich mit den Japygern über Jahre hinweg und zwar meist mit Gewalt – in der Antike nicht unüblich:
erbitterte Kämpfe. Zu einem Dialog der Kulturen kam es Römer raubten die Sabinerinnen, die Karthager versorgten
auch bei der Gründung von Syrakus nicht. Dort zerstörten sich an Afrikas Küste und vom kleinasiatischen Milet über-

52  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
lieferte Herodot: »Die Ionier brachten keine Frauen mit in sich den Griechenstädten als Schutzmacht gegen die Luka-
ihre Neusiedlung, sondern nahmen karische Mädchen, de- ner, Bruttier und Osker. In Wahrheit freilich ging es um Ex-
ren Eltern sie zuvor erschlagen hatten.« pansion. Immer mehr gerieten die griechischen Poleis in den
Dass die Kolonisation Italiens und Siziliens dennoch ge- römischen Machtbereich: Mitte der 80er Jahre des 3. Jahr-
lang, muss jedoch nicht verwundern. Es gab keine zentrali- hunderts v. Chr. trat das schwer bedrängte Thurioi am Golf
sierten und mächtigen Staatsgebilde, das Land war dünn be- von Tarent einem Bund mit der Tiberstadt bei; Locroi, Rhe-
siedelt. Dementsprechend blieb der Widerstand lokal und gion und Kroton schlossen sich bald darauf an. Sie erhielten
begrenzt. römische Garnisonen und den Status von Verbündeten. Le-
Einige Generationen später waren die Wunden verheilt diglich Tarent, die reichste und mächtigste Griechenstadt
und man hatte sich arrangiert, wie der römische Historiker des italischen Festlands, stellte sich offen gegen Rom, ver-
Iustin schrieb: »Die Griechen haben die Einheimischen da- senkte dessen Schiffe und vertrieb die Legionäre aus Thurioi.
ran gewöhnt, nach Gesetzen und nicht bloß mit Waffenge- Zur Unterstützung versicherte man sich der Truppen des
walt zu leben, auch Reben zu beschneiden und Ölbäume an- Söldnerkönigs Pyrrhus von Epirus, doch der zog sich nach
zupflanzen.« Aus Italikern wurden Griechen. Grabbeigaben schwer erkämpften »Pyrrhussiegen« 275 v. Chr. aus Italien
an Kultplätzen der Urbevölkerung wie etwa Salbengefäße, zurück. Drei Jahre später musste sich Tarent als letzte freie
Kratere und Disken lassen darauf schließen, dass der Lebens- Griechenstadt Rom unterwerfen.
stil der Hellenen Anklang gefunden hatte. Man lag entspannt Der griechischen Kultur schadete das allerdings nicht.
beim Bankett oder maß seine Kräfte im sportlichen Wett- Roms Poet Horaz dichtete: »Das mit dem Schwert eroberte
kampf. Die Etrusker übernahmen die Sitte des gemeinschaft- Griechenland eroberte den rohen Sieger mit seinem Geist,
lichen Badens, von ihnen lernten es dann die Römer. Vom denn es brachte die Künste und Wissenschaften ins bäueri-
Nutzen der Münzprägung ließen sich die einheimischen sche Latium.« In der Tat: Römische Dichtung, Philosophie
Fürsten schnell überzeugen und wer von Stand war, demons- und Wissenschaft nahmen ihren Anfang mit der Überset-
trierte dies durch Feinsinn: Griechische Künstler verbreite- zung oder Bearbeitung griechischer Werke.
ten den Bronzeguss von Skulpturen und die Fertigkeiten der Der Begründer der römischen Literatur, Livius Andro-
Vasenmalerei. Deren Substrat, die dünnwandige Keramik, nicus (um 284 – 204 v. Chr.) war ein Kriegsgefangener aus Ta-
wurde dank der griechischen Töpferscheibe bald als Massen- rent; neben Dramen und Tragödien übertrug er die »Odys-
ware hergestellt. see« ins Lateinische. Plautus (um 254 – 184 v. Chr.) und Terenz
(um 190 – 159 v. Chr.) folgten der zeitgenössischen griechi-
Zusammen mit Rom gegen die Einheimischen schen Komödie. Cicero wandelte auf Platons Spuren, seine
Doch schon im 6. Jahrhundert v. Chr. holten die alten Proble- Schriften »Über den Staat« und »Über die Gesetze« orientier-
me die Kolonisten wieder ein. Stetiger Zustrom von Nach- ten sich an dessen Werken. Die erste Darstellung der römi-
züglern, vom Dichter Archilochos (um 680 – 645 v. Chr.) als schen Geschichte unternahm ein gewisser Quintus Fabius
»Abschaum der Menschheit« bezeichnet, führte zu Span- Pictor um 200 v. Chr. – in griechischer Sprache, denn er wollte
nungen, denn die alteingesessenen Familien billigten ihnen Rom der Welt vorstellen und die sprach noch nicht Latein.
politisch wie ökonomisch weniger Rechte zu. Sogleich brach Den mythischen Anschluss an die griechische Welt stifteten
denn die »alte Krankheit der Griechen« wieder auf, »ihre wieder die Dichter. Sie gaben Romulus, dem Stadtgründer,
heillose Zerstrittenheit«, wie Platon sich ausdrückte. Die den Trojaner Aeneas zum Ahnherrn. Wie Odysseus irrte die-
Apoikien Unteritaliens gründeten nun ihrerseits Kolonien, ser nach dem Fall Trojas jahrelang über die Meere, bis er in
um den sozialen Druck abzulassen: Sybaris gründete um 600 Italien eine neue Heimat fand.
v. Chr. Poseidonia, Kyme um 500 v. Chr. Neapel. Zudem okku- Selten hat ein historischer Prozess eine so nachhaltige
pierte man Ackerland von benachbarten Gemeinden. So Wirkung entfaltet wie die im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzen-
wurde das reiche Siris bald von seinen Nachbarn Kroton, de Migration der Griechen. Man denke nur an die weiträumi-
Sybaris und Megapont zerstört. 510 v. Chr. schluckte Kroton ge Verbreitung des Alphabets und der urbanen Zivilisation,
dann Sybaris. aber auch an die politischen Institutionen der Stadtstaaten.
Zwei Jahrhunderte später schlossen sich die einheimi- Und so paradox es klingen mag: In der »politischen Hülle des
schen Völker Süditaliens, Osker, Samniten, Lukaner und Brut- Römischen Reiches«, so der deutsche Althistoriker Alfred
tier, zu Stammesverbänden zusammen. Der Druck auf die Heuß (1909 – 1995), »gelangte die griechische Zivilisation zu
Griechenstädte wuchs und sie gingen eine Notgemeinschaft globaler Entfaltung und wurde somit zum Wegbereiter der
ein, den »archaischen Städtebund«. Als auch der nicht genü- abendländischen Kultur.« Ÿ
gend Gewicht auf die Waagschale der Macht brachte, riefen
sie Fremde zu Hilfe, wie etwa den Molosserkönig Alexander.
QUELLE
Das jedoch missfiel dem aufstrebenden Rom, das seit dem
4. Jahrhundert v. Chr. seine Macht immer weiter nach Süden Cerchiali, L., Jannelli, L., Longo, F.: Die Griechen in Süditalien. Konrad
ausdehnte. Nachdem es in einem verlustreichen Krieg Theiss, Stuttgart 2004
(343 – 290 v. Chr.) die Samniten bezwungen hatte, empfahl es

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Mit Belagerungstürmen und
Katapulten rückten Angreifer
den Städten in der Antike zu
Leibe (hier: Belagerung von
Gaza durch Alexander den
Großen 332 v. Chr.; Illustration
aus dem 19. Jahrhundert).

AGK IMAGES

54  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
FESTUNGSBAU

Verteidigung im Vorfeld
Immer furchteinflößendere Belagerungsmaschinen bedrohten die Städte
der griechisch geprägten Welt im 4. Jahrhundert v. Chr. Neue Festungsanlagen
sollten den Feind abschrecken und auf Distanz halten.
Von Oliver Hülden

»H
immel, mit der Tapferkeit des Kriegers ist Geländebegehungen (Surveys) Daten für Befestigungen vor,
es nun vorbei!«, soll der spartanische Kö­ die zu abgelegenen Siedlungen gehörten. Flankiert werden
nig Archidamos III. einst beim Anblick ei­ solche Forschungen durch historische Studien zur Entste­
nes Pfeils ausgerufen haben, den ein Ka­ hung und Funktion kleiner und kleinster politischer Einhei­
tapult abgefeuert hatte. Seine Bestürzung ist verständlich, ten in der antiken Mittelmeerwelt.
galt doch gerade Spartanern der Mut im Kampf Mann gegen Leider lassen sich die meisten Wehrbauten nur schwer ge­
Mann als höchste Tugend. Mit Beginn des 4. Jahrhunderts v. nau datieren. Dabei ist gerade die zeitlich korrekte Einord­
Chr. aber kamen Kriegsmaschinen auf, die aus der Distanz nung eine Voraussetzung für jegliche Interpretation dessen,
töteten – und schon bald gehörten Katapulte aller Art neben was wir heute noch vorfinden. Die antiken Schriftquellen ent­
Belagerungstürmen und Rammböcken zur Standardausrüs­ halten selten Angaben zur Errichtung solcher Anlagen. Meist
tung griechischer Armeen. Als Gegenreaktion wurden die gestattet nur die genaue Analyse der Bauweise einen Rahmen
Stadtmauern verstärkt, Verteidigungsgräben gezogen und für die zeitliche Einordnung, angefangen bei der Mauertech­
neue Türme errichtet, um dort ebenfalls Katapulte aufzustel­ nik bis zum Gesamtbild mit allen Türmen, Toren und sonsti­
len. Und schließlich entstanden mitunter sogar vor den Städ­ gen architektonischen Eigenheiten. Mitunter erlauben auch
ten Befestigungsanlagen, um den Feind bereits im Vorfeld historische Ereignisse oder Rahmenbedingungen Rückschlüs­
abzufangen und zu verhindern, dass er eine für ihn günstige se auf die Datierung, die beispielsweise den Bau einer Burg be­
strategische Position einnehmen konnte. günstigt oder ihre Zerstörung begründet haben könnten.
Diese militärische Entwicklung in der griechischen Klas­ Anhand zweier Wehranlagen, wie sie unterschiedlicher
sik und im frühen Hellenismus (etwa 480 – 250 v. Chr.) hat kaum sein könnten, lässt sich dieser neue Forschungsansatz
Altertumsforscher zwar fasziniert, dennoch beachteten sie illustrieren. Die eine entstand nahe der kleinen lykischen
viele Befestigungsanlagen lange Zeit allenfalls gelegentlich. Stadt Phellos, die andere auf einer Hochebene vor dem
Und das, obwohl diese nicht nur zu den größten Bauwerken mächtigen Syrakus; trotz aller Verschiedenheit in ihren Di­
der Antike gehören, sondern häufig so gut erhalten sind, dass mensionen und baulichen Details dienten beide einer akti­
sich Erweiterungen und Umbauten – Hinweise auf die Ent­ ven Vorfeldverteidigung.
wicklung der jeweiligen Konstruktionen – schon ohne größe­ Wenige Kilometer nördlich des modernen türkischen
re Ausgrabungen erkennen lassen. Doch oft stand die Größe Touristenortes Kasch liegen die Ruinen des antiken Phellos
solcher Ruinen einer eingehenden Untersuchung entgegen –
der finanzielle und personelle Aufwand war zu hoch. Häufig
fielen die Befestigungen als mögliche Forschungsobjekte AUF EINEN BLICK
aber auch aus anderen Gründen schlicht unter den Tisch.
Beispielsweise herrscht in Deutschland eine gewisse Distanz MAUERNWIDERDENTOD
zu Themen der Militärgeschichte, während dies etwa im an­
gelsächsischen Raum nicht der Fall ist. 1 Im 4. Jahrhundert v. Chr. veränderten Katapulte und andere
Belagerungsmaschinen die Kriegsführung. Von nun an ließen
sich Städte aus der Entfernung sturmreif schießen.
Erst seit wenigen Jahren zeichnet sich eine Wende ab, die
nicht zuletzt den neuen Möglichkeiten der Kommunikati­
onstechnik geschuldet ist. So bietet das Wissenschaftsnetz­ 2 Als Konsequenz verstärkte man vorhandene Mauern, errich-
tete neue und ergänzte sie um Türme, von denen aus Angreifer
unter Beschuss genommen werden konnten.
werk »Fokus Fortifikation« jungen Forschern die Gelegen­
heit, Vergleiche zwischen Festungen über geografische und
zeitliche Grenzen hinweg zu ziehen und so bei verhältnismä­
3 Zusätzliche Forts in strategisch günstiger Lage sollten Heere
schon im Vorfeld abfangen. Ihre Dimensionen reichten von
kleineren Anlagen für eine Hand voll Soldaten bis zur waffenstar-
ßig geringem Aufwand wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen. renden Festung – so wie in Euryalos vor Syrakus.
Inzwischen liegen vor allem durch die wachsende Zahl von

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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: A. THOMSEN UND O. HÜLDEN
Die Festung auf dem Asas Dag

Turm Turm
1.124 m Zisterne?
Hof

Turm

Fels (unbearbeitet)
Fels mit Mauerbettungen
g

Mauer (Verlauf zweischalig erhalten)


e

f w
A u 4m Mauer (Verlauf einschalig erhalten)
1.12
Mauer (Verlauf gesichert)
Mauer (Verlauf hypothetisch)
Verfüllung / Steinversturz
0 m
1.12
0 20 m

Einst gedieh auf diesem Bergkamm die Stadt Phellos (Foto rechts), deren Dynasten durch Pakte und Verteidigungsbauten versuchten,
im Ringen um die Macht in 6m m
1.116 gelegenem Gelände (Standpunkt des Foto-
1.11Zentrallykien zu bestehen. So sollten Angriffe von höher
grafen) von einer Festung aus abgefangen werden, deren Überreste der Autor untersucht hat (siehe Grundriss oben). Heute verbirgt
dichter Bewuchs die letzten Ruinen der Stadt.

in den Bergen. Nur wenig zeugt dort heute noch von der Be­
deutung dieser Siedlung für den zentrallykischen Raum in
Leben in der Festung der archaischen und klassischen Zeit (7. – 4. Jahrhundert v.
Chr.). Vor wenigen Jahren fanden dort unter Leitung des
In den griechischen Poleis der archaischen und klassischen Münchner Althistorikers Martin Zimmermann und unter
Zeit oblag die Verteidigung für gewöhnlich den Bürgern. Die Beteiligung des Autors Feldforschungen statt. Die antiken
Wohlhabenderen, die eine eigene Rüstung finanzieren Ruinen wurden weit gehend vom dichten Bewuchs befreit,
konnten, stellten den Kern der Truppe: die schwer bewaffne- systematische Begehungen des Geländes unternommen
ten Hopliten. Lediglich im Kriegerstaat Sparta gab es ein re- und die erhaltenen Oberflächenbefunde dokumentiert. Die
gelrechtes Berufsheer. In Athen hatten die Epheben, also die folgende Analyse der Daten brachte Aufschluss über Datie­
jungen Männer am Übergang von der Kindheit zum Man- rung und Funktion einzelner Bauwerke und Monumente.
nesalter, einen zweijährigen Militärdienst abzuleisten, der
zumindest im 4. Jahrhundert v. Chr. auch eine Stationierung Konkurrierende Machtblöcke
in den attischen Grenzfestungen vorsah. Für ihre Versor- Westlich einer kleinen herrschaftlichen Nekropole, dem so
gung waren meist die Bauern des Umlands verantwortlich. genannten Heroon, steigt das Gelände zum Asas Dağ an, ei­
In hellenistischer Zeit engagierte man vornehmlich Söldner. nem knapp 1200 Meter hohen Berg, der das Siedlungsplateau
Solche Berufssoldaten waren kampferprobter, hatten ande- deutlich überragt. Nur wenig unterhalb des Gipfels erstreckt
rerseits aber keine wirkliche Bindung an ihre Auftraggeber. sich eine Geländestufe, auf der eine kleine Festung entdeckt
wurde. Obgleich nur ihre aus großen Blöcken bestehenden
Grundmauern erhalten sind, gelang es, den Grundriss zu re­

56  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
OLIVER HÜLDEN

konstruieren (siehe Bilder oben). Jeweils ein großer Turm an Die Konflikte spitzten sich zu, und Zentrallykien wurde ge­
den Schmalseiten und eine einfache Mauer – etwa 80 Zenti­ wissermaßen zum Frontgebiet. Städte wie Phellos versuchten
meter dick und übermannshoch – sowie ein weiterer Turm sich mit neuen Befestigungen zu wappnen. Vermutlich mit
fügten sich zu einer lang gestreckten, hofartigen Anlage zu­ Xanthos verbündet, unterlag es schließlich dem siegreichen
sammen. Vergleiche des Mauerwerks mit anderen, gut da­ Limyra. Insofern ist es nur grob möglich, die Datierung der
tierten Anlagen der Region ermöglichten eine Zuordnung Festung einzugrenzen: Entweder wurde sie zum Schutz ge­
zum späten 5. oder frühen 4. Jahrhundert v. Chr. gen ostlykische Truppen errichtet oder aber erst später durch
In den letzten Jahren rekonstruierten Wissenschaftler Ly­ die Siegermacht zur Sicherung des eroberten Gebiets.
kiens Geschichte jener Zeit anhand der spärlichen literari­ Ein Blick von der Festung auf die unterhalb gelegene, gut
schen und inschriftlichen Überlieferung, aber mehr noch einen halben Kilometer Luftlinie entfernte Siedlung verrät
auf Grundlage archäologischer Funde. Demnach gehörte die den grundsätzlichen Zweck der Anlage. Durch ihre erhöhte
zumindest kulturell griechisch geprägte Region damals zum und vorgelagerte Position sollte sie das westliche Vorfeld von
Perserreich, wurde aber von lokalen »Dynasten« regiert, de­ Phellos sichern, durch das einer der Hauptwege zur Stadt
ren Machtbereich sich mal auf eine Stadt beschränkte, mal führte. Ein Angreifer konnte sich aus dieser Richtung nun
größere Gebiete einschloss. Rivalität war an der Tagesord­ also nicht mehr ungestört nähern. Gleichzeitig gewährte das
nung, und häufig mündete diese auch in gewaltsame Ausei­ Plateau einen nahezu vollständigen Überblick über die Stadt,
nandersetzungen. Ab dem Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. wäre also für einen Feind eine ideale Position zur Koordinie­
kristallisierten sich zwei miteinander konkurrierende Macht­ rung seines Angriffs gewesen.
blöcke heraus – das westlykische Xanthos und Limyra in Ost­ Dass die Festung, deren Name nicht überliefert ist, nur 55
lykien. Meter lang und 15 Meter breit war und folglich mit kaum

WWW.SPEK TRUM .DE 57


mehr als einer Hand voll Soldaten besetzt werden konnte, dert aufkamen, war in den lykischen Bergen wenig zu sehen.
mindert nicht ihre Bedeutung: Die Truppen der rivalisieren­ Der Unterschied könnte kaum krasser dazu ausfallen, wie
den Dynasten dürften selten mehr als wenige hundert Mann sich Griechen annähernd zur selben Zeit im entfernten Sizi­
stark gewesen sein. Ob die Anlage jemals einem Angriff lien bekämpften.
standhalten musste, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheint sie Sommer 414 v. Chr. Der Peloponnesische Krieg zwischen
nicht allzu lange in Benutzung gewesen und schließlich ge­ Athen und Sparta ging in sein 18. Jahr. Ein athenisches Ex­
schleift worden zu sein. Darauf deutet zumindest die geringe peditionsheer war auf der Insel gelandet und setzte zum
Schuttmenge hin: Die Steine der Mauern wurden offenbar Angriff auf Syrakus an. Hatte diese mächtige Polis doch
abtransportiert. Für eine Wiederverwendung als Baumaterial Segesta bedroht, einen Bündnispartner Athens im Nordwes­
in der Stadt wäre das ein hoher Aufwand gewesen, und so ten Siziliens. Dem griechischen Historiker Thukydides (etwa
liegt der Schluss nahe, dass man die Anlage lediglich un­ 460 – 399/396 v. Chr.) verdanken wir eine Beschreibung der
brauchbar machen wollte. folgenden Geschehnisse.
Wie man sich eine Belagerung von Phellos vorzustellen
hätte, vermitteln Reliefdarstellungen auf dem Sockelfries Eine Mauer um die Mauer
des so genannten Nereidenmonuments von Xanthos (siehe Syrakus’ Kernbereich lag gut geschützt auf der Insel Ortygia,
S. 61), eines im Stil eines griechischen Tempels gestalteten doch der größte Teil der Stadt erstreckte sich zwischen Sumpf
Grabbaus eines Herrschers aus der Zeit um 380 v. Chr.: Mit und Meer auf dem südlichen Fuß der Epipolai, einem ausge­
Leitern versuchen Angreifer, die Zinnen der Stadt zu erklim­ dehnten Hochplateau (siehe Karte rechts unten). Zwar hatten
men, von denen die Verteidiger Steine herabwerfen. Vor den die Baumeister die Mauern der Stadt von unten bis an den
Mauern kämpft Mann gegen Mann, und tatsächlich scheint Rand der Epipolai geführt, die Athener konnten aber weit
man in Lykien noch eine archaisch anmutende, vergleichs­ gehend kampflos die höheren Lagen besetzen und errichte­
weise primitive Kampfweise praktiziert zu haben. Von den ten an einer Stelle mit Namen Syke ihr Hauptlager. Mit guter
neuen Mitteln der Militärtechnik, die im frühen 4. Jahrhun­ Sicht auf die Stadt waren sie von da an im Stande, ihre Trup­

Mit großem Bedacht war die Festung Euryalos an strategisch wichtiger Stelle oberhalb von Syrakus errichtet worden.

OLIVER HÜLDEN

58  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
pen zu formieren – ohne selbst beobachtet werden zu kön­ chen konkurriert. Ein erster Versuch, die Rivalen durch einen
nen. Zudem schafften sie Baumaterial aus den umliegenden Militärschlag aus dem Weg zu schaffen, hatte den karthagi­
Waldgebieten, Steinbrüchen und Lehmgruben herbei und schen Feldherrn Hamilkar 480 v. Chr. das Leben gekostet. Trotz
errichteten eine Belagerungsmauer, um Syrakus von seinem seines übermächtigen Heers wurde er bei der Stadt Himera
Hinterland abzuschneiden. Ein damals übliches Manöver, von einem Bündnis sizilischer Poleis vernichtend geschlagen.
wenn sich ein Gegner nicht der Feldschlacht stellte. Sein Enkel Hannibal, der wohlgemerkt nicht mit dem spä­
Im Gegenzug bauten die Belagerten zunächst zwei Quer­ teren Gegenspieler der Römer zu verwechseln ist, führte nun
mauern, die jedoch sofort von den Athenern zerstört wur­ sieben Jahrzehnte danach erneut ein Heer gegen die Insel.
den. Einem von dem Spartaner Gylippos herangeführten Und diesmal schien das Kriegsglück auf Seiten der Invasoren.
Entsatzheer gelang es allerdings, das strategisch wichtige Sie eroberten 409 v. Chr. das mächtige Selinus (Selinunt) und
athenische Fort Labdalon auf der Hochfläche unter seine machten es dem Erdboden gleich; kurz darauf fiel Himera.
Kontrolle zu bringen. In fieberhafter Eile zogen die Syrakuser Bis 405 v. Chr. folgten Akragas (Agrigent), Gela und Kamarina.
im Schutz des eroberten Forts eine dritte Mauer über die Ein direkter Angriff auf Syrakus unterblieb jedoch.
Hochfläche, wodurch die Belagerer nun selbst Gefahr liefen, Dort war den Karthagern inzwischen mit Dionysios I. (um
eingeschlossen und belagert zu werden. Ein Jahr später ende­ 430 – 367 v. Chr.) ein gefährlicher Gegner erwachsen. Ange­
te der Angriff tatsächlich mit einer katastrophalen Niederla­ sichts der Bedrohung überzeugte der geschickt mit und ge­
ge Athens, die für die Verantwortlichen ernste Konsequen­ gen die verschiedenen Parteiungen in Syrakus agierende
zen in der Heimat nach sich ziehen sollte. Syrakus blieb je­ Politiker die Volksversammlung, ihn zum Feldherrn mit
doch nur wenig Zeit, sich an seinem Sieg zu erfreuen. Denn uneingeschränkten Vollmachten zu ernennen. Anschließend
vier Jahre später schickte sich ein neuer und doch alter Feind baute Dionysios eine Art Privatarmee auf und schuf sich so
an, ganz Sizilien zu erobern: die Karthager. die Machtbasis seiner späteren Tyrannis.
Schon seit den frühen Tagen der griechischen Westkoloni­ Sein erster Gegenschlag war indes nicht allzu erfolgreich,
sation hatte dieses Seefahrer­ und Händlervolk mit den Grie­ und der folgende Friedensvertrag garantierte den Kartha­

Beinahe wäre es den Athenern


414 v. Chr. gelungen, Syrakus
Fort
mit Hilfe von Mauern von sei-

M
Labdalon Epipolai-
nem Hinterland abzuschnei-

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Plateau
den. Deshalb ließ Dionysios I. Euryalos

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das gesamte Epipolai-Plateau

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Fort Syke
später mit einer komplexen
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Wehranlage sichern.
I kleiner
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Hafen

I Ortygia
L Syrakus
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E Sumpf großer

IT N Hafen

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N Athenische Belagerung von Syrakus
athenische Belagerungsmauern
(gestrichelt: geplanter Verlauf)
erste Mauer der Syrakuser
Syrakus zweite Mauer der Syrakuser
dritte Mauer der Syrakuser
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

Stadtmauer von Syrakus


(Verlauf umstritten)
syrakusische Hafenpalisade
athenischer Rückzug
spätere Mauer des Dionysios I.
0 2 km (z. Zt. der athenischen Belagerung
noch nicht vorhanden)

WWW.SPEK TRUM .DE 59


Im Lauf der Zeit war die
Festung Euryalos zu einem »Störe meine Kreise nicht!«
nahezu uneinnehmbaren
System aus gestaffelten, mit Archimedes, 287 v. Chr. in Syrakus geboren, war einer der be-
Katapulten bestückten deutendsten Gelehrten des Altertums. Insbesondere seine
Mauern, Gräben und Ausfalls- praktischen Fähigkeiten bekamen die Römer bei der Belage-
toren erweitert worden. rung seiner Heimatstadt zu spüren. Archimedes soll, so be-
richteten antike Autoren, diverse Kriegsmaschinen entwi-
ckelt haben, die Angst und Schrecken verbreiteten. Darunter
waren Katapulte, die ungeheuer schwere Steine über große
Distanzen schleuderten. Ein Kran habe ferner über die Ha-
fenmauer hinausgeragt, der mittels eines Hakens und eines
Gegengewichts aus Blei ganze Schiffe aus dem Wasser rei-
ßen konnte. Schließlich wird dem Gelehrten auch die Erfin-

MIT FRDL. GEN. VON HEINZ-JÜRGEN BESTE, DAI ROM


dung eines Brennspiegels zugeschrieben, mit dem er einen
Teil der römischen Flotte in Flammen aufgehen ließ. Die
Bauweise der meisten Maschinen stellt freilich bis heute ein
Rätsel dar, und so manche geniale Konstruktion gehört si-
cherlich in den Bereich der Legende. Gleiches gilt für die ge-
schilderte Darstellung seines gewaltsamen Todes.

gern sogar faktisch die Kontrolle über ganz Sizilien mit Aus­ der Hochfläche bildet. Nördlich davon hatte Dionysios zu­
nahme von Syrakus. Doch die Waffenruhe ermöglichte, dort nächst eine große, leicht zurückgesetzte und von Türmen
ein Rüstungsprogramm aufzulegen, das die Polis zur stärks­ flankierte Toranlage in der Umfassungsmauer der Epipolai
ten Militärmonarchie der griechischen Welt machen sollte. errichten lassen. Vermutlich gleichzeitig wurde aber auch
Dem Historiker Diodor von Sizilien (1. Jahrhundert v. Chr.) schon die Festung angelegt, die anfangs wohl aus nicht mehr
zufolge ließ Dionysios um 401 v. Chr. in Syrakus zunächst die als einem besonders starken Turm und einem zumindest an
Epipolai mit einer Mauer abriegeln. Erklärtes Ziel war es, aus drei Seiten ummauerten Hof bestand. Welche Bedeutung
den Fehlern der jüngsten Vergangenheit zu lernen und ein man dem Ort beimaß, demonstriert der spätere Ausbau.
neuerliches Abschneiden der Stadt von ihrem Hinterland zu Wahrscheinlich unter Agathokles, einem ebenso machtbe­
verhindern. Darüber hinaus wollte der Tyrann zweifellos sessenen Nachfolger des Dionysios, der nach 306 v. Chr. ganz
auch seine Leistungsfähigkeit demonstrieren. In nur 20 Ta­ Sizilien unter seine Herrschaft brachte, gewann die Festung
gen soll nämlich die 5,7 Kilometer lange Mauer mit Türmen die Grundform ihrer heute sichtbaren Gestalt.
und Ausfallpforten an der nördlichen Geländekante ent­ Ihren Kern bildete jetzt der stark befestigte und im Süden
standen sein. Diese von Diodor genannte Bauzeit ist kaum um Magazinbauten und Mannschaftsunterkünfte erweiterte
realistisch, verdeutlicht jedoch immerhin, mit welchem Hof. Davor lag im Westen eine mächtige, so genannte Fünf­
Hochdruck die Arbeiten vonstattengegangen sein müssen. Turm­Batterie, die mit einem vorgelagerten dreieckigen
Die übrigen Mauerzüge folgten dann in den ersten Jahren Mauerzug, einem aus dem Fels geschlagenen Graben sowie
des 4. Jahrhunderts v. Chr., bis ein 20 Kilometer langes Boll­ diversen Ausfallpforten ihrerseits über ein ausgeklügeltes
werk jedem Angreifer entgegenstand. System zur Vorfeldverteidigung verfügte. In der letzten Aus­
bauphase, die vermutlich schon dem 3. Jahrhundert v. Chr.
Ein waffenstarrendes Monstrum zuzurechnen ist, entstanden weitere Gräben, unterirdische
Ein Großteil dieser gewaltigen Befestigungen lässt sich noch Gänge und Vormauern. Prägendes Merkmal der nunmehr
in mehr oder weniger gutem Erhaltungszustand auf der etwa 420 mal 180 Meter messenden Anlage dürften von da an
kaum bebauten Hochfläche im Norden des heutigen Siracu­ seine hinter­ und übereinandergestaffelte Bestückung mit
sa bewundern. Vor einigen Jahren hat ein Team unter Leitung Katapulten unterschiedlichen Kalibers gewesen sein – Eurya­
von Dieter Mertens, dem damaligen Direktor des Deutschen los war zu einem waffenstarrenden Monstrum geworden.
Archäologischen Instituts in Rom, die Anlagen eingehend Am Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. sollte die Festung ihre
untersucht. Im Zuge dieser Arbeiten konzentrierte sich der Tauglichkeit unter Beweis stellen. Im 2. Punischen Krieg hat­
Bauforscher Heinz­Jürgen Beste auf die Schlüsselstelle der te sich Syrakus auf die Seite der Karthager gestellt und war
Befestigung: die hervorragend erhaltende Festung Euryalos damit ins Visier der Römer geraten, die sich anschickten, zur
(Bild oben). Diese liegt auf dem dreieckigen Geländesporn neuen Großmacht im Mittelmeerraum aufzusteigen. Von
gleichen Namens, der im Westen gewissermaßen den Kopf 214 v. Chr. an versuchten römische Truppen unter dem

60  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
AKG IMAGES / ERICH LESSING

Mann gegen Mann: So versuchten lykische Truppen im 4. Jahrhundert v. Chr. eine Stadt zu erobern (Fries des Nereidenmonuments in
Xanthos).

Kommando des Feldherrn Marcus Claudius Marcellus (um Archimedes zum Opfer. Über ein mathematisches Problem
268 – 208 v. Chr.) Syrakus zu erobern. Nicht nur die spektaku­ nachsinnend, soll er der Legende nach einen Legionär er­
lären Kriegsmaschinen, die der griechische Mathematiker mahnt haben »Störe meine Kreise nicht!«, worauf der ihn an­
Archimedes entworfen haben soll (siehe Infokasten unten geblich mit dem Schwert niederschlug. Syrakus’ Souveränität
links), machten den Legionären das Leben schwer. Vielmehr fand mit dieser Niederlage ihr Ende, und die Stadt nahm
ging jetzt das strategische Verteidigungskonzept zum Schutz schließlich eine neue Rolle innerhalb der römischen Provinz­
der Epipolai auf, das Dionysios und seine Nachfolger konse­ verwaltung ein. In der Folge zerfielen die Befestigungsanla­
quent ausgebaut hatten. gen aus griechischer Zeit und gaben lediglich noch stummes
Zeugnis einer glorreichen Vergangenheit.
Untreue und Verrat Die gewaltige Festung Euryalos und das nahe dem lyki­
Nach einer ersten, vergeblichen Bestürmung und einer nutz­ schen Phellos gelegene kleine namenlose Fort markieren ge­
losen Blockade war es den Legionären zwar 212 v. Chr. gelun­ wissermaßen die Extrempunkte auf der Skala griechischer
gen, die nördliche Epipolai­Mauer beim so genannten Hexa­ Verteidigungsanlagen. Bei aller Verschiedenheit allein schon
pylon­Tor zu durchbrechen und auf die Hochfläche zu gelan­ ihrer räumlichen Dimensionen und der historischen Hinter­
gen. Dort aber sahen sie sich zwei Fronten gegenüber: dem gründe wegen war beiden eines gemeinsam: Sie sollten je­
uneinnehmbaren Euryalos im Rücken und der Stadt vor ih­ den Gegner im Vorfeld stoppen und einen direkten Angriff
nen; zudem eilte ein karthagisches Heer den Verbündeten zu auf die Stadt verhindern. Letztlich hat keine von ihnen diesen
Hilfe. Marcellus teilte seine Truppen und ließ sie Stellung be­ Zweck dauerhaft erfüllt. In Lykien aus unbekanntem Grund,
ziehen. Damit waren die Römer nun selbst in die Defensive auf Sizilien durch Verrat.  Ÿ
geraten.
Dass die Geschichte für ihn und seine Truppen einen güns­
DER AUTOR
tigen Ausgang nahm, verdankte Marcellus nicht zuletzt einer
gehörigen Portion Kriegsglück: So überzeugte er – mit wel­ Oliver Hülden ist Lehrbeauftragter am Institut für Klassische
chen Argumenten auch immer – Philodemos, den Komman­ Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität München und
Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung.
danten der Söldnertruppe des Euryalos, die Festung kampflos
zu räumen. Gegen Untreue und Verrat schützten nun mal kei­ QUELLEN
ne Mauern und Katapulte. Und gegen die zweite Gefahr im
Rücken, das karthagische Entsatzheer, kam ihm mit dem Aus­ Hülden, O.: Die Festung auf dem Asas Dağ nordwestlich von Phel-
los (Zentrallykien). In: Istanbuler Mitteilungen des Deutschen
bruch einer Seuche der Zufall zu Hilfe. Noch im selben Jahr er­
Archäologischen Instituts 59, S. 83 – 96. Wasmuth, Tübingen 2009
oberte Marcellus die Stadt, wobei es Livius und anderen anti­ Nunn, A. (Hg.): Mauern als Grenzen. Philipp von Zabern, Mainz
ken Autoren zufolge zu regelrechten Gewaltexzessen der rö­ 2009
mischen Soldateska gekommen sein muss. Diesen fiel selbst

WWW.SPEK TRUM .DE 61


 KARTHAGO

Das antike Reich des Bösen?


»Das große Karthago führte drei Kriege. Es war noch mächtig nach dem ersten,
noch bewohnbar nach dem zweiten. Es war nicht mehr auffindbar nach dem dritten«
Bertolt Brecht: »Offener Brief an die
deutschen Künstler und Schriftsteller«, 1951

Von Theodor Kissel

Eine solche »Luftaufnahme«


des karthagischen Hafens
wäre Rom wohl viel Geld wert
gewesen, bestätigte es doch
die Gerüchte, wonach sich an
den Handelsbereich ein gewal-
tiger kreisförmiger Kriegsha-
fen – der Kothon – anschloss
(Querschnitt Bild unten).

GETTY IMAGES / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY

Querschnitt durch den Kothon

62   SPEZIAL ARCHÄOLOGIE – GESCHICHTE – KULTUR 2/2014:  DAS FRÜHE ROM
H
och schlugen die Flammen, und über der Stadt AUF EINEN BLICK
lag Leichengeruch. Seit sechs Tagen eroberten
römische Legionäre nun schon das verhasste
Karthago Straße um Straße, plünderten und KARTHAGO – ERZFEIND DER RÖMER
töteten die Punier. Nun holten sie zum letzten Schlag aus
und erstürmten den Burgberg. Dort hatten sich 900 Krieger 1 Im 7. Jahrhundert v. Chr., als Rom noch jung war, herrschte
Karthago über weite Teile des westlichen Mittelmeers.

im Tempel Ešmu–ns verschanzt, des Schutzgottes der Stadt.


Gegen die römische Militärmaschinerie mit ihren Sturm­
2 264 v. Chr. geraten die junge und die alte Macht im 1. Punischen
Krieg erstmals aneinander.

leitern, Rammböcken und Katapulten waren diese Kämpfer


ohne Chance: Im April 146 v. Chr. steckten sie am siebten Tag
3 Mehr als 100 Jahre dauerte es, bis das Römische Reich die nord-
afrikanische Handelsmacht besiegte – und Karthago endgültig
von der Landkarte verschwand.
der Schlacht ihren Zufluchtsort selbst in Brand, um der
Schmach einer Gefangenschaft zu entgehen. Rom hatte ge­
siegt, tausende Einwohner und Soldaten waren gefallen oder Bucht von Tunis eine Siedlung. Der griechische Geschichts­
in die Sklaverei verschleppt worden. Der siegreiche Feldherr schreiber Herodot (etwa 484 – 430 v. Chr.) nannte seine Be­
Publius Cornelius Scipio Aemilianus, Oberkommandie­ wohner daher »Kinder der Tyrer«. Der Ort erhielt den Namen
render in diesem dritten und letzten Krieg gegen die Punier, Qrt Hdšt, »Neue Stadt«, von den Römern Karthago genannt.
soll beim Anblick der brennenden Stadt geweint haben. Unter den Neuankömmlingen aus dem Osten befand sich
Das berichtete der griechische Historiker Diodor von Sizilien der Legende nach auch Dido, die Tochter des tyrischen Kö­
(1. Jahrhundert v. Chr.). Doch nicht Mitgefühl mit den Besieg­ nigs Mutto. Der Bruder Pygmalion hatte ihren Mann aus
ten rührte den Konsul, sondern die Sorge, Rom könne eines Habgier erschlagen, woraufhin Dido mit ihren Reichtümern
Tages das gleiche Schicksal erleiden. nach Afrika geflohen war. Dort erhielt sie vom libyschen
Kein Stein blieb auf dem anderen, die gesamte Stadt wur­ König Hiarbas die Erlaubnis, so viel Land zu kaufen, wie eine
de dem Erdboden gleichgemacht. Sämtliches Schriftgut fiel Stierhaut umfasste. Dido schnitt das Fell in feine Streifen
der Vernichtung anheim, lediglich einige brauchbar erschei­ und umspannte ein Gelände, auf dem sie die Burg Byrsa
nende Werke zur Landwirtschaft wie die des Agrarexperten (griechisch für »Fell«) errichtete. Kurze Zeit später, so der
Mago fanden ihren Weg nach Rom – das Imperium tilgte jede römische Dichter Vergil (70 – 19 v. Chr.), soll dort auch der
Spur seines Kontrahenten. Mehr als 100 Jahre lang erinnerte mythische Aeneas nach seiner Flucht aus dem brennenden
nur ein Trümmerfeld an die einstige Metropole, dann ließ
Kaiser Augustus auch diese Erinnerung löschen: Auf dem
eingeebneten Gelände entstand die römische Siedlung Car­
thago Iulia Nova.
Was war der Grund für das rigorose Vorgehen der Römer?
Golf von Tunis
Und wer waren die Punier wirklich? Lange Zeit mussten His­
Sebkhet
toriker zwischen den Zeilen römischer Texte lesen, um die­ Er-Ariana
sen Fragen nachzugehen. Erst 1974 begannen Wissenschaft­
ler aus zehn Ländern unter dem Patronat der UNESCO die
antike Handelsmetropole auszugraben. In neun Meter Tiefe
r

fanden die Archäologen die Relikte einer Kultur, die führend


aue

Megara
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in der Metallverarbeitung gewesen war und neue Maßstäbe


mus

in der Navigation gesetzt hatte: eine Stadt der Seefahrer und


Isth

Händler.
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fach

Die Fürsten der Meere Byrsa Seemauer


drei

SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: RANGER-DESIGN


dt

vermutlic
sta

Karthagos Wurzeln lagen an der Küste der Levante, also im Mauerve her
Unter

rlauf Militärhafen
heutigen Libanon und in Teilen Israels. Als die damaligen Handelshafen
Tophet
Supermächte Ägypten und das Reich der Hethiter an Kraft Mole
und Einfluss verloren, nutzte eine Hand voll phönizischer See von Tunis
Stadtstaaten um 1000 v. Chr. die Gunst der Stunde zur Ex­
pansion ins westliche Mittelmeer (Punier ist die latinisierte Karthago
Form des Wortes Phönizier). Auf der Suche nach neuen Märk­
ten und Rohstoffen errichteten die »Fürsten des Meeres« N Tunis

(Altes Testament, Buch Ezechiel) dort ein engmaschiges Netz


von Handelsstützpunkten. Im Rahmen dieser Westkolonisa­
tion gründeten Händler der alten und mächtigen phönizi­ Eine dreifache Mauer schützte Karthago mit seiner Vorstadt
schen Stadt Tyros (heute: Sur) um 814 v. Chr. in der heutigen (Megara) und dem Burgberg (Byrsa) vor Angriffen von der Landseite.

WWW.SPEK TRUM .DE  63


Troja angekommen sein. Dido verliebte sich in ihn, doch sei­ Auf den in der zeitgenössischen Literatur oft beschwore­
nem von den Göttern bestimmten Schicksal folgend brach nen »gewaltigen Mauern« (ingentia moenia) stand ein Groß­
der Held wieder auf und begründete das spätere Volk der teil der insgesamt 7000 Katapulte, die Karthago 146 v. Chr. bei
Römer. Die Verschmähte beging Selbstmord. Diese Fiktion den Römern abliefern musste. Außerdem patrouillierten
nahm die spätere Feindschaft zwischen Rom und Karthago dort Wachsoldaten. Die Archäologen fanden gewaltige, ab­
vorweg. Tatsächlich vermittelt der ausführlichste Bericht gerundete Zinnen, die Schutz vor feindlichen Bogenschützen
über die Gründung Karthagos, der des römischen Historikers boten.
Iustin (3. Jahrhundert v. Chr.), eine ganz andere Version. Da­ Derart gesichert lag im Innern der Wehranlage der Burg­
nach habe sich Dido der drohenden Heirat mit Hiarbas durch berg Byrsa, die weiträumige Vorstadt Megara und die Unter­
Selbstverbrennung entzogen, um – wie man interpretierend stadt, wo im 2. Jahrhundert v. Chr. der Kothon gebaut worden
folgern darf – mit diesem Opfer der von ihr gegründeten war, die Machtbasis des punischen Imperiums (siehe Rekon­
Stadt Segen und Wohlergehen zu sichern. struktion S. 62). Dieser Doppelhafen war eine meisterhafte
Ingenieurleistung: Vom Meer aus gelangten Schiffe durch
Wehrhafte Handelsmacht eine etwa 20 Meter breite Einfahrt, die durch eine eiserne
Die Stadt wuchs schnell zu einer bedeutenden Macht heran. Kette zu schließen war, zunächst in den lang gestreckten
Nach neuesten archäologischen Untersuchungen erstreckte Handelshafen. Dahinter, von hohen Mauern abgeschirmt,
sie sich zum Zeitpunkt ihrer größten Ausdehnung (3./2. Jahr­ lag der kreisförmige Kriegshafen, die Flottenbasis der puni­
hundert v. Chr.) auf einer Fläche von über 50 Hektar. Insge­ schen Armada und Karthagos bestgehütetes Geheimnis.
samt 700 000 Menschen sollen dem griechischen Geografen Griechische und römische Geschichtsschreiber wussten
Strabon (64 v. – 19 n. Chr.) zufolge dort gelebt haben. Kartha­ über ihn manch Wundersames zu berichten. Sie behaupte­
go lag strategisch günstig auf einer in den Golf von Tunis ten, dieser Kothon könne binnen kürzester Zeit ganze Flotten
hineinragenden Landzunge, die durch einen schmalen Isth­ ausspeien und wieder verschwinden lassen. Laut Appian la­
mus mit dem Festland verbunden war. Riesige Befestigungs­ gen in seinen Schiffshäusern bis zu 220 Penteren vor Anker,
mauern umgaben die Stadt, sowohl an den Seeseiten als Großkampfschiffe mit fünf Ruderreihen, die von Rampen
auch an der Landverbindung (siehe Karte S. 63). aus in Rekordzeit zu Wasser gelassen werden konnten. Bei
Dort schützten zusätzlich drei Mauergürtel von 15 Meter Grabungen auf der so genannten Admiralitätsinsel im Zen­
Höhe die Stadt. Alle 60 Meter reckte sich ein vierstöckiger trum des Kriegshafens fand man Spuren von Trockendocks
Turm in die Höhe, wusste überdies der griechische Histori­ und 30 Meter langen Rampen, auf denen die Karthager einst
ker Appian (geb. um 100 n. Chr.) zu berichten. Jede Mauer ihre Schiffe reparierten.
gliederte sich in zwei Stockwerke: Im unteren lagen Ställe für Auf diesen Galeeren, ihren trainierten Ruderern und den
300 Elefanten mitsamt den Lagerräumen für die Futtervor­ nautischen Fähigkeiten ihrer Kapitäne gründete Karthagos
räte, darüber dann die Ställe für insgesamt 4000 Pferde sowie beherrschende Stellung im Mittelmeer. Zeitgenossen rühm­
Magazine für Heu und Gerste. Ferner befanden sich in den ten Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit dieser Kriegs­
Mauern Unterkünfte für 20 000 Fußsoldaten und 4000 Reiter. schiffe. Damit stießen die wagemutigen Seefahrer in un­

Atlantik L I E R
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SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK, NACH: RANGER-DESIGN / JÜRGEN KAISER, UNIVERSITÄT KARLSRUHE
(Marseille)
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(Palermo)
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griechische Städte Leptis Kyrene


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römische Städte
sonstige Städte
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0 500 km Schiffswrack
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Von der Levanteküste aus gründeten die Phönizier ihre Städte und errichteten ein Handelsimperium.

64   SPEZIAL ARCHÄOLOGIE – GESCHICHTE – KULTUR 2/2014:  DAS FRÜHE ROM
bekannte Gewässer vor. Sehr wahrscheinlich erreichten sie

AKG IMAGES / ERICH LESSING


Britannien und die Küste des heutigen Kamerun. Dorthin
gelangte im 5. Jahrhundert v. Chr. ihr Admiral Hanno, der
mit einer Flotte von 60 Schiffen die westafrikanische Küste
umsegelte. Sein Reisebericht, in einer griechischen Abschrift
aus dem 3. Jahrhundert v. Chr., ist das einzige erhaltene
Schriftstück jener großen Kultur.
Um 700 v. Chr. begannen sich die phönizischen Nieder­
lassungen von der jeweiligen Mutterstadt zu emanzipieren.
Allen voran Karthago, wo ein merkantiler Adel an Stelle der
bislang regierenden tyrenischen Beamten die Herrschaft
übernahm. Aristokratisch­oligarchische Verfassungsstruktu­
ren bildeten sich heraus, ähnlich wie in Rom. An der Spitze
des Staats standen nun zwei von der Volksversammlung
auf Jahresfrist gewählte Oberbeamte (Sufeten), die die kar­
thagischen Belange nach außen hin vertraten. Wichtiger
für die Gestaltung der Politik war der aus 300 Mitgliedern
der herrschenden Klasse bestehende Rat oder Senat, in dem
wiederum ein »Rat der Dreißig« den Vorsitz führte. Daneben
gab es den »Staatsgerichtshof der Hundertvier«, der über die
Einhaltung der Verfassung wachte und vor dem die Beamten
Rechenschaft ablegen mussten.
Das souveräne Karthago gründete nun selbst Kolonien,
im 7. Jahrhundert v. Chr. die Apoikie (griechisch für »fern von
zu Hause«) Tharros an der Westküste Sardiniens und Ebusos Die Farbe Blau sollte vor Unglück schützen. Solche Glasamulette
auf Ibiza. Beide Pflanzstädte gaben die Stoßrichtung weiterer gehörten zu den Exportschlagern der Punierstadt Karthago.
Niederlassungen vor: In Spanien lockten reiche Gold­, Silber­
und Eisenvorkommen. Die »Kinder der Tyrer« knüpften im
Lauf der Zeit ein engmaschiges Netz küstennaher Handels­
niederlassungen, das den gesamten westlichen Mittelmeer­ Ebenfalls hoch im Kurs standen Elfenbeinarbeiten, wie
raum überzog – sie waren die ersten Global Player der Welt­ etwa Kämme, Statuetten oder Relief­Intarsien. Zudem ver­
geschichte. Ihr Aktionsradius reichte von der Großen Syrte standen sich die Karthager auf die Kunst der Glasherstellung.
im heutigen Libyen bis zu den Säulen des Herakles an der Einen exzellenten Ruf hatte ihre meisterhafte Verarbeitung
Meerenge von Gibraltar, von Gades (Cadíz) am Atlantik über von Metallen, ob Gold, Silber oder Eisen. Ein belgisch­tune­
die Balearen, Sardinien und Sizilien bis nach Anatolien. sisches Forscherteam unter der Leitung des am Institut für
Unterwasserarchäologen rekonstruierten die Handelsrouten Klassische Archäologie an der Universität Gent lehrenden
anhand von Wracks und Amphoren, den Standardtransport­ Dozenten Roald Docter förderte in einer riesigen Metall­
behältern für Wein, Öl und Getreide, die zu Tausenden auf verarbeitungsstätte Erstaunliches zu Tage Computertomo­
dem Meeresgrund liegen. grafien der jahrtausendealten Blasebälge verrieten, dass die
Einlassventile, die den Luftstrom in die Feuerstellen regulier­
Verschlagene Händler und geniale Erfinder ten, einen sehr hohen Anteil an Kalk enthielten. Die Fach­
Angesichts der Anzahl dieser Funde mag es nicht verwun­ leute vermuten, dass bei der Eisenverarbeitung Kalk zuge­
dern, dass die Karthager eine florierende Handelsmetropole mischt wurde, um Verunreinigungen aus Erz zu neutrali­
und ein hoch entwickeltes Wirtschaftsimperium errichteten. sieren. Ein derart ausgetüfteltes Verfahren zur Produktion
Als Kaufleute waren die Punier so geschickt, dass der römi­ hochwertigen Eisens wurde erst wieder im 19. Jahrhundert
sche Gelehrte Plinius (23 – 79 n. Chr.) ihnen gar die Erfindung entwickelt.
des Handels zuschrieb. Die mit allen Wassern gewaschenen In der jüngsten Grabungskampagne fanden Docters
Punier führten laut Homer sogar den listenreichen Odysseus Mitarbeiter dann auch die Quelle des Zusatzstoffs: Muschel­
hinters Licht. Überdies galten die Karthager auch als begna­ kalk aus den Gehäusen der Farbstoff liefernden Meeres­
dete Handwerker. Produkte aus Karthago waren in der Antike schnecke. Wie gut die Punier ihre Wertschöpfungsketten
heiß begehrt. Purpurstoffe, eingefärbt mit dem Farbstoff organisierten, unterstreicht die Ladung eines um 1970 bei
einer Meeresschnecke, gehörten schon in der alten Heimat an Rochelongues (nahe Marseille) vor der Küste gefundenen
der Levanteküste zu den Exportschlagern. Diesem begehrten Schiffswracks: Barren, Waffen und andere metallene Objekte
Färbemittel verdanken die Phönizier auch ihren Namen: sprechen für die systematische Verwertung von Altmetall
»Phoinikes« bedeutet im Griechischen »die roten Menschen«. am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. in Karthago.

WWW.SPEK TRUM .DE  65


ISTOCKPHOTO / WITOLD RYKA
Wie mahnende Finger ragen am Tophet von Karthago, einem heiligen Bezirk, Hunderte steinerner Votivstelen aus der Erde – Vermächt-
nisse einer rätselhaften Kultur, unter denen einst die sterblichen Reste der karthagischen Kinder in Urnen aus Ton beigesetzt wurden.

Wenige Jahrzehnte später wurde die Wirtschaftsmacht Südspitze Italiens ausgedehnt hatte. Rom und Karthago
mit einem neuen Konkurrenten konfrontiert: Um die Mitte waren sich bedrohlich nahe gekommen, nur ein schmaler
des 8. Jahrhunderts v. Chr. strömten Tausende von Siedlern Wasserstreifen, die Meerenge von Messana, trennte jetzt
aus den griechischen Stadtstaaten nach Westen – eine der noch beide Mächte.
größten Migrationsbewegungen der Antike. Ihr Motiv: Die Ein lokaler Konflikt löste schließlich den 1. Punischen
wachsende Bevölkerung im Mutterland konnte nicht mehr Krieg (264 – 241 v. Chr.) aus. Syrakus versuchte die Griechen­
ausreichend ernährt werden, neue Ressourcen waren erfor­ siedlung Messana von der Fremdherrschaft ehemaliger kam­
derlich. Der Wettlauf um die besten Siedlungsplätze des panischer Söldner zu befreien. Diese sich selbst hochtrabend
westlichen Mittelmeers konzentrierte sich auf Sizilien – die als Mamertiner, Söhne des Mars, bezeichnenden Lands­
Insel war nicht nur enorm fruchtbar, dort kreuzten sich knechte richteten sowohl an Karthago als auch an Rom ein
West­Ost­Verbindungen und Handelsrouten zwischen Afrika Hilfegesuch. Sie gaben damit den Startschuss für das histori­
und Europa. Anfänglich lebten karthagische und griechische sche Ringen zwischen Rom und Karthago, das die antike Welt
Siedler friedlich miteinander, da beide Kulturen unter­ mehr als 100 Jahre in Atem hielt. Denn beide sahen sich ge­
schiedliche Interessen verfolgten: Erstere begnügten sich nötigt, Truppen zu entsenden: Die Römer befürchteten, dass
meist mit einem schmalen Küstenstreifen, an dem sie zur bei einem Erfolg Syrakus’ über die Mamertiner die unter­
Sicherung der Schifffahrtswege Handelsstützpunkte anleg­ italischen Griechenstädte zu neuem Selbstbewusstsein fin­
ten, während bei den griechischen Kolonisten die Erschlie­ den und gegen die römische Vorherrschaft aufbegehren
ßung landwirtschaftlicher Nutzflächen im Vordergrund könnten. Karthago seinerseits war zunächst vor allem be­
stand. Doch dann, um die Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr., müht, das Vormachtstreben der Tyrannen von Syrakus zu
erreichten immer mehr griechische Siedler die Küsten Sizi­ bremsen, sah dann aber durch die römische Intervention
liens und beanspruchten Ackerland. seine eigenen Interessen auf Sizilien ernsthaft gefährdet.
Der Krieg entbrannte zwar auf und vor Sizilien, in Wirk­
Zwei Riesen messen ihre Kräfte lichkeit ging es aber um die Vorherrschaft im westlichen
Der Konflikt eskalierte, und aus Spannungen wurde Gewalt. Mittelmeer. Und da für beide Seiten der Bestand ihrer Macht
Pausanias (2. Jahrhundert v. Chr.), der Baedeker der Antike, auf dem Spiel stand, entbrannte ein langwieriger und ver­
berichtete von verheerenden Kriegen. An die Spitze der lustreicher Kampf, ein Kräftemessen mit wechselseitigem
Gegner Karthagos stellten sich die Tyrannen von Syrakus. Erfolg und überraschenden Wendungen. So waren die Römer
»Ekbarbarosis«, Vertreibung der Punier von der Insel, lautete erfahren im Kampf zu Lande, doch den Rammsporen der
ihre Parole, mit der sie vordergründig in die Rolle eines Vor­ punischen Galeeren hatten sie zunächst wenig entgegenzu­
kämpfers für die Sache der Griechen schlüpften. Doch die setzen.
fremdenfeindliche Politik vermochte Karthagos Position auf Umso überraschender war der Sieg Roms über die kartha­
Sizilien nicht zu erschüttern. Dies änderte sich jedoch schlag­ gische Flotte bei Mylae 260 v. Chr. Die Ingenieure der Tiber­
artig, als im 3. Jahrhundert v. Chr. die Militärmacht Rom auf stadt zeichneten sich jedoch schon damals durch große Lern­
den Plan trat, die gerade ihren Herrschaftsbereich bis zur fähigkeit und Pragmatismus aus. Eine vor der Küste Siziliens

66   SPEZIAL ARCHÄOLOGIE – GESCHICHTE – KULTUR 2/2014:  DAS FRÜHE ROM
Römer am Ende den längeren Atem. Durch die Kontingente
ihrer Bundesgenossen besaßen sie ein größeres Rekrutie­
rungspotenzial für militärisch einsatzfähige Menschen als
Karthago, das seine Verluste immer stärker mit Söldnern
ausgleichen musste. Diese waren zudem teuer und nur
begrenzt zuverlässig, während die römisch­italische Miliz
billig, diszipliniert und, von wenigen Ausnahmen abgesehen,
treu war.
Rom ging aus dem 1. Punischen Krieg als Sieger hervor,
weil es seine Verluste an Mensch und Material schneller aus­
zugleichen vermochte. Kineas, der Minister des epirotischen
Der »Sarkophag einer
Königs Pyrrhos, verglich Rom mit einer Hydra, der drei Köpfe
Priesterin« aus dem
nachwuchsen, wenn man ihr einen abschlug. Karthago muss­
4. Jahrhundert v. Chr.
bezeugt den kosmo- te 241 v. Chr. aufgeben. Die Bedingungen der Sieger waren
demütigend. In den nach dem erfolgreichen Feldherrn be­

AKG IMAGES / JEAN-LOUIS NOU


politischen Charakter
Karthagos: Kopf- und nannten Lutatius­Vertrag trat es Sizilien an Rom ab und ver­
Halsschmuck sind pflichtete sich zu Reparationen von fast 95 Tonnen Silber. Da­
ägyptisch, das Gewand mit war der Kampf um die Vorherrschaft über das westliche
griechisch. Mittelmeer vorerst beendet.
»Mit dem Verlust Siziliens, dem geostrategischen Brücken­
kopf zwischen Europa und Afrika, hatten sich die Gewichte
gestrandete punische Triere diente laut Polybios (etwa 200 – im westlichen Mittelmeerraum zu Gunsten Roms verscho­
120 v. Chr.) als Modell für die römischen Schiffe. Ein solches ben«, so das Resümee des Althistorikers Dexter Hoyos von
Fahrzeug entdeckte 1970 der britische Meeresarchäologe der University of Sydney zur Situation am Ende des 1. Puni­
Hugh Frost vor der sizilianischen Küste (in der Karte S. 64 schen Kriegs. Schonungslos nutzten die Sieger Karthagos
zwischen Selinus und Motye). Bei der Bergung des Wracks Schwäche aus und annektierten 238 v. Chr. Sardinien. Die
entdeckte er, dass die Planken durchnummeriert waren, was Empörung über diese rücksichtslose Politik führte in Kartha­
auf eine Serienproduktion mit vorfabrizierten Teilen hin­ go zu einem Kurswechsel. Militärs gewannen jetzt die Ober­
deutet. Karthago vermochte dadurch seinen Flottenbestand hand. Allen voran der Familienklan der Barkiden, an ihrer
schnell aufzubauen, aber Rom hielt nun einen kompletten Spitze Hamilkar mit dem Beinamen Barkas, »der Blitz«, der
Konstruktionsplan in der Hand, der den Nachbau ungemein von Rom im Feld unbesiegte General. An der Spitze seines
erleichterte. Auch wie die Punier ihr Holz bearbeiteten und Heers schiffte er sich im Frühjahr 237 v. Chr. zusammen mit
mit Zapfen zusammenfügten, fanden die Gegner anhand der seinem Schwiegersohn Hasdrubal und seinem ältesten Sohn
Anschauungsobjekte heraus. Hannibal nach Spanien ein. Vorrangiges Ziel seiner Mission
Doch die Römer übernahmen nicht nur fremdes Wissen, war die Schaffung einer neuen territorialen und materiellen
sie erwiesen sich darüber hinaus als innovative Baumeister Machtbasis. »Die Iberische Halbinsel bot beides, reiche Sil­
und statteten ihre Schiffe mit acht Meter langen Enterbrü­ berbergwerke und ein weites Land außerhalb des römischen
cken aus. Polybios beschrieb detailliert ihre Funktion: An ei­ Interessengebiets«, so der Potsdamer Althistoriker Pedro
nem Mast hochgezogen, konnten sie mit einer Seilvorrich­ Barceló in einem 2011 publizierten Aufsatz.
tung katapultartig auf ein feindliches Schiff geschleudert
werden. Dort bohrte sich ein eiserner Dorn in die Planken, Legendärer Überfall mit Elefanten
der einem Rabenschnabel glich (deshalb die Bezeichnung Dank ihrer selbstbewussten Politik gelang es den Barkiden,
»corvus«, lateinisch für Rabe). Nun stürmten die Legionäre Karthagos Einflussbereich in Spanien kontinuierlich auszu­
das Schiff und führten den bewährten Kampf Mann gegen bauen. Zum Zentrum ihrer Macht avancierte das »Neue Kar­
Mann. Das war ein Bruch mit der traditionellen Seekriegs­ thago« (lateinisch Carthago Nova), das heutige Cartagena.
strategie »Rammen, Abrasieren der Ruderstangen und Ver­ Wohlstand ermöglichte eine rasche Wiederaufrüstung, und
senken durch Feuerbrände«. An Bord der karthagischen Ga­ innerhalb weniger Jahre war Roms Kontrahent genesen. Das
leeren gab es kaum bewaffnete Kräfte, so dass die Römer bei Wetterleuchten des Kriegs kam näher, seit Hannibal, ein
Mylae obsiegten. Doch kriegsentscheidend war diese Ent­ ebenso energischer wie genialer Feldherr, 221 v. Chr. den
wicklung nicht, denn die schweren Enterbrücken hatten ei­ Oberbefehl über die karthagischen Truppen in Spanien über­
nen entscheidenden Nachteil: Bei unruhiger See rissen sie nommen hatte. Beherzt trat er den Feinden entgegen, die die
sich aus ihrer Verankerung und besiegelten ein ums andere karthagische Herrschaft in Spanien regional zu begrenzen
Mal das Schicksal ganzer Flotten. trachteten. Mit seinem Überfall auf die mit Rom verbündete
So kämpften Römer und Karthager 23 Jahre lang zu Lande Stadt Saguntum löste Hannibal den 2. Punischen Krieg
und zu Wasser. Dank ihrer immensen Wehrkraft hatten die (218 – 201 v. Chr.) aus.

WWW.SPEK TRUM .DE  67


Der »denkwürdigste aller Kriege«, so der römische Histo­

SCALA FLORENZ / DE AGOSTINI PICTURE LIBRARY


riker Titus Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.), begann mit einem
Paukenschlag. In nur 15 Tagen überschritt ein 34 000 Mann
starkes Heer mit Zugtieren, Pferden und Elefanten die Alpen
und erschien für die Römer völlig überraschend in der Po­
ebene. Hannibal hatte aus den Fehlern der Vergangenheit ge­
lernt und den Krieg nach Italien getragen. Trotz zahlenmäßi­
ger Unterlegenheit blieb er in mehreren Schlachten Sieger.
Bei Cannae brachte Hannibal seinem Gegner im Jahr 216
v. Chr. schließlich eine empfindliche Niederlage bei, die für
die Römer zum nationalen Trauma wurde. Einige Militärhis­
toriker meinen, dass vor allem die numidischen Reiter den
entscheidenden Vorteil brachten, denn auf ihren gedrunge­
nen Pferden konnten sie äußerst wendig agieren und die rö­
mischen Legionen in die Zange nehmen. Die Elefanten hin­
gegen werden heute nicht mehr als schlachtentscheidend
angesehen.

Hannibals taktischer Fehler


70 000 römische Soldaten fanden den Tod – die Legionen wa­
ren vernichtet, Rom stand wehrlos da. Doch statt die Haupt­
stadt des Gegners einzunehmen, führte der Punier sein Heer
nach Kampanien, um Roms Bundesgenossen auf seine Seite
zu bringen. »Zu siegen verstehst du, Hannibal, den Sieg aus­
zunutzen verstehst du nicht«, soll sein Reiterführer Mahar­
bal laut Livius ausgerufen haben. Doch das dürfte wohl Pro­
paganda sein. Tatsächlich gilt heute als wahrscheinlicher, Dieser Brustpanzer aus dem 4. oder 3. Jahrhundert v. Chr.
dass Hannibal niemals vorhatte, Rom zu erobern, so die The­ schmückte vermutlich einst einen Offizier in karthagischen Diens-
se des Münsteraner Althistorikers Klaus Zimmermann. Denn ten. Hergestellt wurde die prachtvolle Rüstung in Unteritalien.
dafür fehlten ihm die notwendigen Belagerungsmaschinen
und logistischen Mittel. Aus den Erfahrungen des 1. Puni­
schen Kriegs hatte er zudem richtig erkannt, dass Roms
Macht auf einem Bündnissystem beruhte. Es war aber ein macht mehr. Um seinen Stolz und seine Macht endgültig zu
fataler Irrtum zu glauben, dass er es nun aushebeln könnte. brechen, ließen die Römer die punische Flotte überdies in
Den Römern verschaffte diese Strategie Zeit, ihr Heer zu Flammen aufgehen.
reformieren. Die Legionen wurden in kleinere operative Ein­ Doch einigen Hardlinern ging das noch nicht weit genug,
heiten (manipulus) unterteilt, die selbstständiger agieren sie fürchteten ein Wiedererstarken der Stadt. Nicht ganz zu
konnten. Die Römer vermieden in der Folgezeit größere Unrecht, ist der eingangs geschilderte Kriegshafen doch den
Kampfhandlungen und igelten sich auf befestigten Plätzen archäologischen Befunden zufolge erst nach dem 2. Puni­
ein. Während Hannibal kaum Nachschub erhielt und Ver­ schen Krieg gebaut worden. Vor allem der wortgewaltige
luste nur schwer ausgleichen konnte, trieben die Römer den Cato plädierte im Senat für die vollständige Vernichtung.
Krieg wieder aus Italien hinaus: Der Konsul Publius Corne­
lius Scipio drängte die Punier ab 210 v. Chr. in Spanien zu­ Ceterum censeo …
rück, sechs Jahre später landete er in Nordafrika. Hannibal Als Mitglied einer römischen Gesandtschaft, die 153 v. Chr.
war gezwungen, Italien zu verlassen. In der Schlacht bei zur Schlichtung karthagisch­numidischer Streitigkeiten in
Zama, unweit des heutigen Sidi Jussef, verließ ihn 202 v. Chr. Karthago weilte, konnte er sich mit eigenen Augen von ih­
endgültig sein Feldherrnglück. Dank der Beweglichkeit der rer Wehrfähigkeit überzeugen. Fortan schloss er jede Rede,
reorganisierten Legionen konnte Scipio das karthagische zu welchem Thema auch immer, mit dem sprichwörtlich
Heer schlagen. gewordenen Diktum: »Ceterum censeo Carthaginem esse
Die Friedensbedingungen, die er den Puniern diktierte, delendam« (Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago
waren hart: Verzicht auf alle außerafrikanischen Besitzun­ zerstört werden muss). Um seinen Worten Nachdruck zu ver­
gen, 10 000 Talente (430 Tonnen Silber) Reparationen und – leihen, holte er Plutarch zufolge besonders große, frische
im Kriegsfall Waffenhilfe für Rom. Ferner durften sie außer­ afrikanische Feigen unter seiner Toga hervor – Symbol für
halb Afrikas überhaupt nicht, in Afrika nur mit Zustimmung die ungebrochene wirtschaftliche Potenz des Gegners, der
Roms Krieg führen. Karthago war keine souveräne Groß­ »nur drei Tage Seefahrt von Rom entfernt ist«.

68   SPEZIAL ARCHÄOLOGIE – GESCHICHTE – KULTUR 2/2014:  DAS FRÜHE ROM
Am Ende ging Catos Rechnung auf, 150 v. Chr. erklärte Waldherr zufolge ein geläufiges Schimpfwort. Ihr größter
Rom Karthago den Krieg. Den Vorwand hierzu hatten die Frevel aber sei laut Diodor von Sizilien, dass sie ihre Kinder
Punier selbst geliefert, als sie trotz des Verbots, in Afrika am Tophet, dem »Platz der Verbrennung«, dem Gott Baal
Krieg zu führen, eine militärische Offensive gegen den Hammon und dessen Stellvertreterin, der Fruchtbarkeits­
Numiderkönig Massinissa starteten, einen Günstling Roms. göttin Tanit, zu opfern pflegten.
Sie handelten zwar in Notwehr, verstießen damit aber gegen Auch heute halten einige Wissenschaftler diesen grausi­
den Friedensvertrag von 201 v. Chr. gen Brauch für möglich, mythisch begründet in der Selbst­
Der Krieg verlief zunächst sehr schleppend. Zwei Jahre verbrennung der Dido. Denn amerikanische Archäologen
lang rannten die römischen Belagerer vergebens gegen das entdeckten in den 1970er Jahren unter Votivstelen tatsäch­
karthagische Bollwerk an. Erst mit Scipio wendete sich das lich Bestattungsgefäße mit verkohlten Kinderknochen.
Blatt. Zunächst stellte er die Disziplin der Truppen wieder Zwischen 400 und 200 v. Chr. wurden am Tophet etwa 20 000
her. Zur Landseite ließ er dann die Stadt durch eine doppelte Heranwachsende beigesetzt. Doch ist dies schon ein Beweis
Befestigung abriegeln, ferner die Hafeneinfahrt durch einen für Menschenopfer? Der tunesische Archäologe Fethi Chelbi
Steindamm sperren, eine eilig aufgestellte Flotte der Kartha­ sieht darin eher das Resultat einer hohen Kindersterblich­
ger ausschalten und schließlich den Außenkai des Handels­ keit. Denn die Analyse der Asche aus den Urnen ergab, dass
hafens besetzen. Dann wandte sich Scipio gegen die letzten auch Föten und Totgeburten dort bestattet wurden, ebenso
Stützpunkte der Karthager im Landesinneren. Im Frühjahr Lämmer und Zicklein – tierische Ersatzopfer, die man an Stel­
146 v. Chr. setzten seine Truppen zum entscheidenden le der Allerliebsten zu opfern pflegte.
Sturm an. Eine wachsende Zahl von Forschern geht heute davon aus,
Die Katastrophe von Cannae und die langjährige Anwe­ dass Tophets heilige Bezirke waren, deren Kult möglicher­
senheit eines feindlichen Heers im eigenen Land hatten die weise den Gefahren von Schwangerschaft oder Kindheit galt.
Römer traumatisiert. Eine aus heutiger Sicht irrationale Dann wären die Gräuelgeschichten lediglich Ausdruck eines
Angst vor einer Wiederholung der Geschichte besiegelte den Unvermögens: Weder Griechen noch Römer verstanden, wie
Untergang Karthagos. Der Rauch über den Trümmern hatte ihre in weltlichen Dingen so erfolgreichen Konkurrenten mit
sich noch nicht verzogen, da begannen die Römer bereits an der Trauer um ein verstorbenes Kind umgingen.  Ÿ
einer Legende zu stricken. Um den politischen Gegner vor
der Nachwelt ins Unrecht zu setzen, scheuten sie sich nicht,
die Handelsmetropole an der Nordküste Afrikas als Reich des QUELLEN
Bösen darzustellen. Habgierig, hinterhältig, vor allem aber
Hoyos, D.: The Carthaginians. Routledge, New York 2010
treulos seien die Karthager gewesen, so notierten die Ge­ Zimmermann, K.: Karthago – Aufstieg und Fall einer Großmacht.
schichtsschreiber. »Poeni foedifragi«, die »vertragsbrüchi­ Konrad Theiss, Stuttgart 2010
gen Punier«, war dem Regensburger Althistoriker Gerhard

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WWW.SPEK TRUM .DE  69


STRASSEVONSIZILIEN

Brückenkopf Pantelleria
Auf der kleinen Insel zwischen Sizilien und Afrika tummeln sich heute Prominente.
Doch einst rangen dort Karthager und Römer um die Vorherrschaft im Mittelmeer.
Von Thomas Schäfer und Klaus-Dieter Linsmeier

W
  ie wäre es, den Sommerurlaub gemeinsam mit 
Gerard  Depardieu  zu  verbringen?  Beim  Es­
presso Madonna zu begegnen oder mit italie­

PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN; HÄUSER NACH: S. HELAS


nischen Abgeordneten einen guten Tropfen zu 
genießen? Auf Luxushotel und Sandstrand allerdings müss­
ten Sie verzichten, denn die Schönen und Reichen dieser Welt 
lieben  eine  schroffe  Vulkaninsel  abseits  des  Pauschaltouris­
mus: Pantelleria. Das Eiland in der Straße von Sizilien mit sei­
ner beeindruckenden Steilküste steht unter Naturschutz, die 
wenigen Hotels stammen aus den 1970er Jahren. Mit anderen 
Worten: Pantelleria liegt im Abseits dieser Welt.
Das war nicht immer so, im Gegenteil. Benito Mussolini 
nannte die Insel einen unsinkbaren Flugzeugträger und ließ 
sie  zur  Festung  ausbauen.  Der  Duce  schätzte  die  Lage  zwi­
schen Sizilien und der afrikanischen Küste nicht anders als 
Jahrhunderte  vor  ihm  die  Strategen  des  Römischen  Reichs,  Das römische Pantelleria erblühte nach den Punischen Kriegen.
in dessen Tradition er sich so gern sah. Und ebenso wie Roms  Oben: eine Computerdarstellung seiner Akropolis. Ein Tempel
verhasste Rivalen, die Karthager.  stand auf dem höchsten Punkt, das größere Gebäude hinter der
Doch von deren Aktivitäten auf der Insel wussten Histori­ Kuppe gehörte zum Forum der Stadt. Die Befestigungsmauer
ker bis vor wenigen Jahren nur so viel, wie einige wenige an­ entstand wohl erst im 1. Jahrhundert v. Chr.
tike  Schriftquellen  überlieferten.  Als  Kossyra  benennt  zum 
Beispiel ein griechisches »Segelhandbuch« die Insel und gibt 
seine Entfernung zur afrikanischen Küste an. Denn ein siche­ Im 11. Jahrhundert v. Chr. brachen die Phönizier von ihren 
rer Hafen in der Straße von Sizilien konnte Leben und Fracht  Städten an der Levanteküste nach Westen auf. Ihr Interesse 
retten. Die Inseln Malta, Gozo und eben auch Pantelleria bo­ galt aber nicht der Gründung von Kolonien nach dem Muster 
ten sich als Zwischenstationen auf den Handelsrouten an.  der Griechen. Während diese von Landnot, Überbevölkerung 
und politischen Zwistigkeiten in die Fremde getrieben wur­
den, suchten die Phönizier vielmehr ihre Bedeutung als Han­
AUF EINEN BLICK delsmacht zu stärken. Im Mittelmeerraum lockten vor allem 
Erzregionen. Zum Beispiel bot Zypern Kupfer, Italien Eisen, 
SCHÄTZEAUSDERZISTERNE Spanien Silber. Um diese Interessen wahrzunehmen, erbau­
ten  die  Seefahrer  der  Levante  Handelsniederlassungen  an 
1 Zwischen Sizilien und Karthago gelegen war die Insel Pantelle-
ria und ihr Hauptort Cossura während der Punischen Kriege
heiß umkämpft. Auch die internen Machtkämpfe der römischen
den mediterranen Küsten. 
Karthago war die große Ausnahme. An der afrikanischen 
Republik hinterließen ihre Spuren.
Küste im 9. Jahrhundert v. Chr. gegründet, entwickelte es sich 

2 Die moderne Bebauung lässt Archäologen wenig Spielraum,


doch glücklicherweise liegt gerade der Hügel der antiken
Akropolis heute wenig beachtet am Stadtrand.
zum Machtzentrum, das seinerseits Städte und Handelspos­
ten  im  westlichen  Mittelmeerraum  gründete.  Den  Römern 
galten  seine  Bürger,  Punier  genannt,  als  Erzfeinde.  In  drei 
3 Vor allem einstige Zisternen, die schon im Altertum mit nicht
mehr Benötigtem verfüllt wurden, bergen aufschlussreiche
Funde, seien es Architekturelemente oder gar Statuenteile.
furchtbaren  Kriegen  rangen  beide  Völker  um  die  Vorherr­
schaft,  bis  die  Tiberstadt  obsiegte  und  Karthago  in  Trüm­
mern lag.

70  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN

Bei gutem Wetter liegt Pantelleria in Sichtweite der afrika­ Pantelleria liegt wie Malta und Gozo in der Straße von
nischen Küste, nur etwa 70 Kilometer entfernt. Kein Wunder  Sizilien (siehe Karte). Bei gutem Wetter ist von hier aus mit
also, dass die Insel für Wagemutige schon vor sechs Jahrtau­ bloßem Auge die afrikanische Küste sichtbar. Cossura,
senden auf der Suche nach Obsidian für Steinwerkzeuge er­ heute die größte Stadt dort, war wohl die erste Siedlungs-
reichbar war. Im 2. Jahrtausend v. Chr. kamen die ersten Sied­ gründung der Karthager überhaupt. Sie diente ihnen
ler,  deren  Megalithgräber  Archäologen  schon  im  19.  Jahr­ als Zwischenstation auf dem Weg nach Sizilien. Auf dem
hundert auf das Eiland lockten. Doch dessen punische und  Doppelhügel im Bildvordergrund (Foto oben) graben Ar-
römische Vergangenheit interessierte sie kaum. Welche Rolle  chäologen die antike Akropolis aus – sofern dies die moder-
spielte die Insel in dem Ringen dieser beiden antiken Super­ ne Bebauung zulässt.
mächte?  Seit  dem  Sommer  2000  geht  Thomas  Schäfer  von 
der Universität Tübingen gemeinsam mit italienischen Kol­
Cossura N
ROM
legen  wie  Massimo  Osanna  von  der  Università  degli  Studi  I T
PA 0 2 km
A
della Basilicata in Matera der Frage nach.  N L I
TE E N
Im Hafen von Cossura, der größten Stadt Pantellerias, lie­ LL
gen immer noch steinerne Reste der punischen Mole. Doch  ER
IA
wo vor mehr als 2000 Jahren geschäftiges Treiben herrschte, 
Händler und Handwerker wohnten, entziehen heute Asphalt 
und Beton die antiken Stätten dem Zugriff der Forscher. Am 
r
Stadtrand aber erhebt sich ein Hügel mit zwei Kuppen. Dort  mee
t tel
war nach allen Regeln des antiken Städtebaus die Akropolis  i
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

M Palermo
zu erwarten: ein sakraler Bereich, ein Verwaltungszentrum,  Mozia N
Selinunt S I Z
eine Burg, Wohnhäuser der Eliten. Eine der beiden Kuppen ist  ILI
EN 0 100 km
leider bebaut, doch der meerseitige Hügel liegt brach. 
Karthago
Schon  eine  erste  Begehung  bestätigte,  dass  Grabungen  TU
NE TUNIS PANTELLERIA
dort Erfolg haben würden. Der gesamte Hügel ist heute ter­ SI
EN GOZO MALTA
rassiert und einigen der bis zu vier Meter hohen Stützmau­

WWW.SPEK TRUM .DE 71


PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Frischwasser lieferten vor
PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN

allem ovale Zisternen, die den


Regen sammelten. Wurden sie
nicht mehr gebraucht, ent-
sorgte man darin Schutt – so
auch dieses Fragment eines
Stuckfrieses.

ern sahen die Forscher eine antike Vergangenheit direkt an.  mindest die punische Bebauung auf der Hügelspitze bis zum 
Mitunter  starrten  Bruchstücke  von  Säulen  und  Kapitellen  Niveau der Fußböden zerstört ist.
aus den von Bauern angelegten, neuzeitlichen Mauern.  Dafür  erwiesen  sich  die  Zisternen  als  wahre  Schatzkam­
Bemerkenswert  waren  zahlreiche  Zisternen  aus  antiker  mern. Denn in ihnen steckte der Schutt von Jahrhunderten. 
Zeit, einige so gut erhalten, dass sie noch heute als Wasser­ Die größte befand sich auf dem Scheitel des Hügels; sie ist 
speicher dienen. Süßwasserquellen gab und gibt es kaum auf  5,60 Meter tief und fasste einst etwa 100 Kubikmeter. Sie aus­
Pantelleria, doch seine Bewohner wussten sich zu helfen. Sie  zuheben war Schwerarbeit, wurde aber reich belohnt. Unter 
schlugen  Höhlen  in  den  Fels  oder  vermauerten  natürliche  anderem stießen die Archäologen auf Elemente einer offen­
Felsspalten, verkleideten die Wände mit einem wasserfesten  bar  monumentalen  Architektur  aus  Trachyt,  dem  Gestein 
Putz und verschlossen die Zisternen mit einem Kragsteinge­ Pantellerias.  Dazu  zählten  Säulentrommeln  und  zahlreiche 
wölbe.  Im  Längsschnitt  erinnern  sie  an  eine  Flasche.  Ver­ Fragmente  italisch­ionischer  Kapitelle,  die  teilweise  noch 
gleichbare Wasserspeicher in Karthago und auf Sardinien be­  ihren  farbigen  Stucküberzug  bewahrt  hatten.  Ein  zentner­
legen die punische Herkunft dieser Technik.  schwerer Block zeigte Reste eines Wasserspeiers in Form ei­
Auf der ganzen Insel findet man derartige Zeugnisse einer  nes  Löwenkopfes.  All  dies  konnte  inzwischen  dem  Haupt­
gut  funktionierenden  Wasserwirtschaft.  Die  Befüllung  der  heiligtum  Cossuras  zugewiesen  werden.  Den  Formen  nach 
Speicher erfolgte in der Antike auf dieselbe Weise wie vieler­ thronte es im 2. Jahrhundert v. Chr. auf dem Hügel, war also 
orts noch heute: über die Dächer der Gebäude. Auch deren  ein römischer, kein punischer Tempel.
Architektur  verweist  nach  Afrika:  Eine  flache  Kuppel  deckt  Doch  nichts  währt  ewig,  zumindest  die  Akropolis  wurde 
das würfelartige Dammuso. Von ihr fließen Regenwasser und  vermutlich im 3. Jahrhundert n. Chr. durch ein Erdbeben stark 
Tau  über  Rinnen  in  die  Zisternen.  Berechnungen  zufolge  beschädigt  und  in  der  Folgezeit  aufgegeben.  Ihre  Bewohner 
kommen bei einer typischen Grundfläche von fünf mal fünf  zogen in die Nähe des Hafens. Irgendwann lag das Heiligtum 
Metern  jährlich  etwa  10 000  Liter  Wasser  zusammen  –  der  wohl  in  Trümmern  und  wurde  schließlich  in  die  offenbar 
Jahresbedarf von neun Menschen.  ebenfalls  sinnlos  gewordenen  Wasserspeicher  entsorgt,  um 
die frei werdende Fläche für die Landwirtschaft zu nutzen. 
Antikes in der Zisterne Nur wenige Meter unterhalb der Hügelspitze stießen die 
Die Antike liegt auf Pantelleria selten mehr als einen halben  Archäologen  auf  erste  Fundamente.  Auf  engstem  Raum 
Meter tief unter der Erde. Zu Tage kamen bei ersten Grabun­ drängten  sich  dort  einst  mehrere  Wohnhäuser.  Und  auch 
gen die Strukturen eines Heiligtums – und noch mehr Zister­ diese verweisen auf das afrikanische Festland: Fußböden aus 
nen.  Mittlerweile  sind  es  etwa  50,  und  einige  waren  einst  einem roten, glatt gestrichenen Estrich, in den unregelmäßig 
durch  Wasserkanäle  untereinander  verbunden.  Der  verglei­ weiße Mosaiksteinchen und andere Steinsplitter eingestreut 
chende  Blick  auf  die  Byrsa,  den  Wohnhügel  von  Karthago,  waren, entsprechen einem Typus im Karthago des 3. und 2. 
zeigt, dass die Speicher dort unter Freiflächen oder Baustruk­ Jahrhunderts v. Chr.
turen  lagen.  Auf  der  Akropolis  von  Pantelleria  dürfte  dies  Westlich davon kam zudem eine 2,5 Meter breite Rampe 
nicht anders gewesen sein. Das bedeutet allerdings, dass zu­ zum Vorschein. Sie war in den Felsen eingeschnitten und, wo 

72  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
Welche Gefahr drohte den
Bewohnern Cossuras, dass sie
offenbar in großer Eile eine
Wehrmauer um die Akropolis
errichteten? Die Mauer stand
auf einer zur Küste führenden
Straße, die damit ihre Funk-
tion verlor. Die unbearbeiteten

PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN


Flächen mancher Quader
deuten zudem darauf hin, dass
diese Steine schon einmal
verbaut waren – normalerwei-
se wendete man derart un-
schöne Partien nach innen.

der  Fels  fehlte,  durch  Pflastersteine  befestigt.  Zur  Glättung  und Karthagos auf die Silbererzvorkommen in Südspanien. 


der Oberfläche hatten ihre Erbauer einen Belag aus fest ge­ Im Jahr 255 v. Chr. war es den Puniern gelungen, nahe Kartha­
stapftem  Lehm  aufgebracht.  Seitlich  verlief  ein  sorgfältig  go ein römisches Expeditionsheer einzuschließen. Zu seiner 
eingehauener  Kanal,  der  ursprünglich  mit  schwarzen  Qua­ Rettung  entsandte  die  Tiberstadt  eine  Flotte  von  350  Schif­
dersteinen penibel abgedeckt war: Offensichtlich sollte kein  fen. Vermutlich weil es einen guten Brückenkopf abgab, er­
Schmutz eindringen, es handelte sich also um einen Frisch­ oberten  die  Legionäre  en  passant  auch  Pantelleria.  Für  das 
wasserkanal.  Jahr  253  verzeichnen  antike  Quellen  den  Triumphzug  der 
Sicherlich handelte es sich um ein Stück jenes Straßensys­ siegreichen Konsuln über die Insel. 
tems, das einst die Akropolis mit dem Hafen verbunden ha­
ben  musste  (das  Wegenetz  ist  inzwischen  vollständig  er­ Das Rätsel
schlossen).  Natürlich  haben  die  Baumeister  damals  nicht  der Befestigungsmauer
 anders gedacht als ein Straßeningenieur heute – die direkte  Doch kaum waren die Römer wieder abgezogen, holten sich 
Verbindung ist die kürzeste, nur wo es zu steil wird, folgt man  die  Punier  die  Insel  zurück.  Erst  der  zweite  Krieg  sollte  die 
der Geländetopografie. Dieser Überlegung vertrauend spür­ Lage  endgültig  ändern.  Karthagos  Feldherr  Hannibal  hatte 
ten die Forscher die Trasse ein Stück tiefer wieder auf. Über  die römische Militärführung völlig überrascht, indem er sei­
eine  Serpentine  führte  sie  hinunter  auf  eine  Terrasse  am  ne Truppen über die Alpen nach Italien führte. Aber von der 
Westrand des Hügels.  Niederlage bei Cannae erholten sich die Römer rasch. Noch 
Doch dort wartete eine Überraschung. Mitten auf der Stra­ während Hannibal in Italien nach Bündnispartnern suchte, 
ße erhob sich auf etwa 13 Meter Länge eine mehrere Meter  wurde Sizilien zusammen mit Cossura um 217 v. Chr. römi­
hohe  Mauer.  Einige  Quader  zeigen  Unebenheiten  und  Vor­ sche  Provinz.  Ein  besserer  Brückenkopf  gegen  die  Feindes­
sprünge, die Steinmetze normalerweise nur auf den Innen­ stadt war kaum denkbar und so erhielt Pantelleria eine römi­
seiten von Mauern stehen ließen (siehe Bild oben). Die Ver­ sche Garnison. 
mutung liegt nahe, dass dort Blöcke aus abgerissenen Gebäu­ Wer also erbaute die große Befestigungsmauer: die Puni­
den  wieder  verwendet  worden  waren.  Diese  Mauer  schloss  er, um die römische Invasion abzuwehren, oder die Römer, 
die Hügelspitze komplett ein. Auch die Fundamente von Tür­ die  einer  erneute  Rückeroberung  vorbeugen  wollten?  Oder 
men wurden ergraben.  gibt es eine dritte Möglichkeit? 
Offenbar  schien  es  den  Bürgern  Cossuras  zu  einer  be­ Denn auch nach dem Krieg blieben die römischen Solda­
stimmten Zeit geboten, die Akropolis durch ein Bollwerk ge­ ten vor Ort. Zwar war Karthago besiegt, doch nicht geschla­
gen Angriffe zu schützen. Doch wer attackierte damals wen?  gen,  wie  Cato  der  Ältere  eindringlich  warnte.  In  keiner  Se­
Anhand  von  Keramikscherben  und  anderen  Beifunden  da­ natssitzung vergaß der Hardliner die endgültige Zerstörung 
tierte Schäfer und sein Team den Mauerring zunächst in das  zu  fordern:  »Carthaginem  esse  delendam.«  Im  Jahre  146  v. 
3. Jahrhundert v. Chr., also etwa die Zeit, in der das Heiligtum  Chr.  ging  sein  Wunsch  in  Erfüllung.  Rom  erklärte  unter  ei­
aufgegeben  wurde.  Das  schien  passend,  denn  damals  tobte  nem Vorwand den 3. Punischen Krieg. Karthago wurde dem 
der 1. Punische Krieg, ausgelöst durch die Ansprüche Roms  Erdboden gleichgemacht. 

WWW.SPEK TRUM .DE 73


PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN
Der Bau der Verteidigungsanlage aber geht nach heutiger  Anhand der ausgegrabenen Architekturelemente rekonstruier-
Kenntnis auf eine andere, dramatische und mit militärischer  ten die Tübinger Archäologen das Gebälk des Heiligtums auf
Gewalt ausgetragene Krise des Imperiums zurück: dem Rin­ der Akropolis. Es bestand aus Stuck und lief einst ganz um das
gen um die Macht nach der Ermordung des Diktators Gaius  Gebäude herum. Anhand der Reste blauer, roter und schwarzer
Julius Cäsar 44 v. Chr. Der Feldherr Sextus Pompeius (67 – 35  Pigmente ließ sich die ursprüngliche Farbfassung ermitteln.
v. Chr.) leistete von Sizilien aus Widerstand gegen die »Caesa­
rianer«  und  blockierte  Italien  mit  seiner  Flotte.  Ähnliche 
Bollwerke ließ er auch auf Lipari und im sizilianischen Lily­ eine Stadt eine neue Skulptur, wurde sie in der Hauptstadt 
baeum  anlegen.  Er  unterlag  nach  wechselvollen  Kämpfen,  angefordert und nach Vorbildern gefertigt. 
wurde gefangen genommen und ermordet. Die Identifizierung eines marmornen Männerkopfes, der 
Mit dem Aufstieg Octavians (63 v. Chr.  – 14 n. Chr.), des Ad­ 2003 in einer Zisterne geborgen wurde, überraschte die For­
optivsohns Cäsar zum ersten Kaiser Augustus im Jahr 30 v.  scher:  Es  handelte  sich  offenbar  um  Gaius  Julius  Cäsar 
Chr. brach eine Zeit des Friedens im Reich an. Nun verlor die  (100 –  44 v. Chr.). Gemeinhin eröffnete erst Augustus den Rei­
Festung  auf  Pantelleria  ihre  militärische  Funktion.  Die  Be­ gen der Kaiser. Doch schon in der Antike diskutierten die Ge­
wohner bauten ihre Häuser direkt an die Mauern und nutz­ lehrten, ob nicht auch sein Adoptivvater dazu zu rechnen sei. 
ten diese als Rückwand. Aus dieser Zeit stammen die Funda­ Jedenfalls war Cossura dieser Meinung! Die Anordnung von 
mente eines typisch römischen Atriumhauses mit einem In­ Stirn­ sowie Schläfenhaar, eine leicht asymmetrische Schlä­
nenhof, zu dem sich verschiedene Räume öffnen.  fenpartie und andere Merkmale folgen dem Cäsarpor trät des 
Die Senke zwischen Akropolis und der benachbarten Kup­ »Typus  Tusculum«,  der  bereits  zu  seinen  Lebzeiten  aufge­
pe  barg  unter  ihrer  Krume  einen  großen  Platz:  das  Forum  kommen war. Nach diesem Typus wurden noch 80 Jahre spä­
Cossuras. Zunächst kamen Zugänge zu drei miteinander ver­ ter  Köpfe  hergestellt,  wie  der  Neufund  aus  Pantelleria  be­
bundenen  Zisternen  enormer  Größe  zum  Vorschein  –  eine  weist:  Die  Frisur  des  Nackenhaars  und  andere  stilistische 
öffentliche  Anlage.  Inzwischen  vollständig  ausgegraben  er­ Merkmale  entsprechen  dem  Zeitgeschmack  der  40er  Jahre 
weist sich das Forum als etwa 20 mal 35 Meter groß, einge­ des 1. Jahrhunderts n. Chr. 
fasst  von  einer  Säulenhalle.  Ehrenstatuen  erhoben  sich  auf  Ein  weiterer,  weiblicher  Kopf  aus  derselben  Zisterne  er­
Postamenten, hinter der Säulenhalle lagen die Verwaltungs­ wies sich als Bildnis der Antonia minor, Nichte des Augustus 
gebäude. sowie Mutter und Großmutter der späteren Kaiser Claudius 
und  Caligula.  Die  hohe  Qualität  der  Arbeit  ist  auch  heute 
Statuen für den Kaiserkult noch  erkennbar.  Bei  ultraviolettem  Licht  zeigen  sich  sogar 
Zu jedem römischen Stadtbild gehörten auch Kaiserstatuen.  Reste  der  ursprünglichen  Bemalung  der  Augen  mit  allen 
Das Imperium ließ nämlich den Gemeinden viel Freiheit in  Wimpern (siehe Bild oben rechts). 
der Selbstverwaltung, die Anbindung an Rom geschah in ho­ Nur einen Monat später kam in einem benachbarten Was­
hem  Maß  durch  die  Verehrung  des  Herrschers  und  seiner  serspeicher ein ebenso ausgezeichnet erhaltenes Bildnis des 
 Familie, die in Form von Statuen allgegenwärtig waren. Die  Kaisers Titus (39 – 81 n. Chr.) ans Licht. Es entspricht dem für 
Nachfrage  nach  Bildnissen  war  demgemäß  groß.  Benötigte  den Regierungsantritt 79 n. Chr. entwickelten Typus. Im Un­

74  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN
PANTELLERIA-PROJEKT, UNIVERSITÄT TÜBINGEN

Titus, Caesar, Antonia – drei Büsten aus einer sicher größeren


Statuengruppe, wie sie zum Kaiserkult der römischen Städte
gehörte. Dass die Büste der Antonia minor einst farbig gefasst
war, offenbart das Ultraviolettlicht: Die Augenpartie lässt noch
Spuren aufgemalter Wimpern erkennen.

terschied zu den anderen Porträts entstand dieser Kopf also  Längst  herrschte  Weltuntergangsstimmung  im  Imperium. 


noch zu Lebzeiten des Kaisers.  Das große Reich war in zwei Hälften gespalten, und fremde 
Alle Köpfe haben unter dem Hals einen Zapfen, um sie in  Völker berannten die Grenzen. Im Jahr 439 eroberten die Van­
Statuen  einzusetzen.  In  der  Nähe  des  Fundorts  dürfte  sich  dalen  unter  König  Geiserich,  über  Spanien  und  Marokko 
einst ein Raum für den Kaiserkult befunden haben – die mar­ kommend, das römische Karthago. Dabei fiel ihnen eine Flot­
mornen Köpfe gehörten zu einer Figurengruppe. In den Zis­ te  in  die  Hände,  und  sie  setzten  nach  Sizilien  und  Italien 
ternen  fanden  sich  überdies  Hände,  Arme  und  Beine  aus  über.  Im  Jahr  455  plünderten  sie  Rom  (daher  der  Begriff 
Marmor.  Nach  archäometrischen  Untersuchungen  besteht  »Vandalismus«). Auf ihrem Weg haben die Vandalen vermut­
Cäsar aus Carraramarmor, Antonia und Titus aus der beson­ lich die letzten Reste antiker Zivilisation auf Pantelleria aus­
ders wertvollen Sorte aus Paros. Allerdings ist der unmittel­ gelöscht. Der Brückenkopf zwischen Afrika und Italien exis­
bar anpassende Hinterkopf der Antonia aus Carraramarmor  tierte nicht mehr.
gefertigt worden, und auch die übrigen Körperfragmente be­ Auch Benito Mussolini hatte kein Glück mit seinem Vor­
stehen  aus  diversen  Sorten.  Erstmalig  können  die  Forscher  haben.  Sein  »unsinkbarer  Flugzeugträger«  wurde  1943  von 
zeigen, dass römische Steinmetze offenbar selbst kleine Bro­ Briten  und  Amerikanern  mit  einem  Bombenhagel  belegt, 
cken verwerteten, statt sie als Abfall zu entsorgen. Flugfeld und Stadt zerstört. Damit geriet die Insel schließlich 
ins Abseits der Weltgeschichte. Ihre Bewohner konnten sich 
Akribische Detektivarbeit auf das konzentrieren, was sie seit alters her machen: Kapern 
Und noch einen Fund verdankt sich den Zisternen: Vier klei­ anbauen und köstlichen Wein keltern. Ÿ,
ne Bruchstücke einer Inschrift, die der Heidelberger Althisto­
riker Géza Alföldy (1935 – 2011) in akribischer Detektivarbeit 
durch den Vergleich mit bekannten Texten rekonstruiert hat.  DI E AUTOREN
Es handelte sich um die Grabinschrift eines Bewohners von 
Cossura, der weit herumgekommen war und im Dienst des  Thomas Schäfer (links) ist
Professor für Klassische
Imperiums  hohes  Ansehen  erworben  hatte:  Nach  der  Of­ Archäologie an der Universität
fizierslaufbahn  hatte  ihn  Kaiser  Trajan  (53 – 117  n.  Chr.)  auf  Tübingen und Grabungsleiter
Grund  seiner  Verdienste  im  Krieg  gegen  die  Daker  ausge­ in Pantelleria. Klaus-Dieter
Linsmeier ist Redakteur bei
zeichnet, dann war er für die Getreidelieferungen nach Rom 
»Spektrum der Wissenschaft«.
im  Hafen  von  Pozzuoli  verantwortlich  und  bekleidete 
schließlich  einen  Posten  in  der  Reichsverwaltung,  vermut­
lich als Flottenpräfekt von Ägypten. Angesichts der wenigen  QUELLE
Fragmente der Inschrift, erscheint diese Rekonstruktion als 
wahrhaft herkulische Leistung. Schäfer, T., Schmidt, K., Osanna, M. (Hg.): Cossyra I. Die Ergebnisse
der Grabungen der Kampagnen 2000 bis 2011 auf der Akropolis
Die  jüngsten  Funde  des  Hügels  von  Cossura  lassen  sich  von Pantelleria, Tübinger archäologische Forschungen 10. Leidorf,
auf das 6. Jahrhundert n. Chr. datieren. Dann bricht die Chro­ Rahden/Westfalen 2014
nologie  der  Akropolis­Zisternen  ab.  Was  war  geschehen? 

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DREAMSTIME/NANISUB

76  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
KELTIBERER

Der lange Kampf in Spanien


200 Jahre benötigte Rom, um die Iberische Halbinsel vollständig zu unterwerfen
und dem Reich einzugliedern. Insbesondere das Volk der Keltiberer
leistete Widerstand und wurde erst nach drei schweren Kriegen bezwungen.
Von Josef Fischer

Die Keltiberer siedelten zunächst in kleinen, auf gut zu verteidi-


genden Anhöhen gelegenen Weilern. Ab dem 3. Jahrhundert v.
Chr. erbauten sie stadtartige Siedlungen wie Numantia, das eine
Hochburg des Widerstands gegen die Römer wurde. Das Foto
zeigt die Rekonstruktion eines der dortigen Häuser.

WWW.SPEK TRUM .DE 77


D
as römische Interesse an der Iberischen Halbin­ betont, sind die Keltiberer aber zweifellos nicht als bloßes
sel erwachte im Vorfeld des 2. Punischen Kriegs Konstrukt, sondern als eigenständige ethnische Gruppe zu
(218 – 201 v. Chr.) gegen Karthago. Denn der Erz­ betrachten, die im archäologischen Befund spätestens ab
feind hatte sich auf der Pyrenäenhalbinsel fest­ dem 6. Jahrhundert v. Chr. sichtbar wird.
gesetzt und damit die an Rom verlorenen Gebiete auf Sizi­ Sich selbst begriffen sie allerdings – so wie die Bewohner
lien und Sardinien kompensiert. Als der punische Feldherr Galliens auch – als Mitglieder unabhängiger Stämme. Den­
Hannibal die von Iberern bewohnte Stadt Saguntum angriff, noch gab es ein starkes verbindendes Element: die gemeinsa­
nahm der römische Senat dies zum Anlass, Karthago erneut me Sprache. Dabei handelte es sich um einen altkeltischen
den Krieg zu erklären. Während Hannibal mit seinem Heer Dialekt mit Elementen, die in anderen keltischen Sprachen
über die Pyrenäen und die Alpen nach Italien zog, landete nicht auftauchen. Entsprechende Texte sind ab dem 2. Jahr­
eine Armee unter Gnaeus Cornelius Scipio im September 218 hundert v. Chr. sowohl in der – seit dem 4. Jahrhundert v. Chr.
v. Chr. bei der griechischen Kolonie Emporion (heute Ampu­ von den Iberern verwendeten und auf das phönizische Al­
rias) an der spanischen Küste. Zwölf Jahre später waren die phabet zurückgehenden – iberischen Schrift als auch im la­
Punier von der Halbinsel vertrieben, doch die Legionäre blie­ teinischen Alphabet erhalten. Inzwischen umfasst das Kon­
ben, denn es lockten reiche Silber­ und Eisenvorkommen. volut gut 200 Grab­, Weihe­ und Gedenkinschriften, Herstel­
Nun aber begann ein 200 Jahre währendes Ringen gegen ler­ und Besitzerangaben, Gastfreundschaftsurkunden sowie
die kriegerischen Stämme, die im Hinterland siedelten: Ibe­ sonstige Verwaltungstexte.
rer wie die Turdetani, die Carpetani oder die Bastetani, die Die Keltiberer lebten zunächst vor allem in kleinen An­
eine nichtindogermanische Sprache sprachen, auch kelti­ siedlungen auf gut zu verteidigenden Anhöhen (heute als
sche Gruppen wie die Vettones oder die Astures sowie Stäm­ »Castros« bezeichnet), manchmal durch Umfassungsmau­
me, deren Zuordnung noch nicht geklärt ist, wie die »Ahnen ern geschützt. Ihre Häuser waren rechteckig (siehe Bild
der Portugiesen«, die möglicherweise keltischen Lusitani. Als S. 76/77) und verfügten meist über einen Vorraum, einen
die hartnäckigsten Gegner erwiesen sich die keltiberischen großen Wohnraum mit Herd sowie einen rückwärtigen Ab­
Stämme, die in Zentralspanien – in der östlichen Meseta und stell­ oder Vorratsraum. In der Spätphase dieser Kultur, also
im mittleren Ebrobecken – siedelten. Zu ihnen zählten etwa von Ende des 3. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr., änderte sich
die Arevaci, die Belli, die Titti und die Lusones. die Lebenswelt grundlegend. Wie in rein keltischen Gebieten
Die Bezeichnung Keltiberer war schon in der Antike ge­ kamen stadtähnliche »Oppida« auf, die als politische Zen­
bräuchlich, da sie, wie der Historiker Appian im 2. Jahrhun­ tren ein größeres Territorium dominierten und in denen
dert n. Chr. schrieb, aus einer Vermischung von eingewan­ Münzen geprägt wurden. Nach 133 v. Chr. wandelten sich die
derten Kelten mit bereits einheimischen Iberern entstanden Siedlungen erneut und ähnelten nun römischen Vorbildern.
seien. Das entspricht auch der heutigen Vorstellung, wobei Ein weiteres Zeichen der kulturellen Angleichung waren die
linguistische, namenkundliche, archäologische und histori­ großen Landgüter, mit denen einheimische Aristokraten ih­
sche Analysen zeigen, dass der keltische Kulturanteil über­ ren Status zur Schau stellten. Außerhalb der Siedlungen la­
wog. Wie Alberto­José Lorrio von der Universidad de Alicante gen weitläufige Nekropolen, in denen die Toten verbrannt

AUF EINEN BLICK

DREIVERLUSTREICHEKRIEGE

1 Das Volk der Keltiberer entstand aus den in Spanien bereits


ansässigen Iberern und den ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. ein-
wandernden Kelten. Sie bildeten keinen einheitlichen Staat,
Als Rom Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. Truppen ent-
sandte, um die Karthager aus Spanien zu vertreiben und
sondern waren in unabhängige Stämme gegliedert. Zu den heute sich selbst dort Rohstoffvorkommen zu sichern, war die
bekanntesten zählen die Arevaci, Belli, Titti und Lusones. Halbinsel vor allem von Stämmen dreier Ethnien besiedelt:
Kelten, Iberer und Keltiberer. Insbesondere Letztere und die
2 Antiken Berichten zufolge verstanden sich die Keltiberer sowohl
auf den Angriff zu Pferde als auch auf den Kampf Mann ge-
gen Mann. Die gefürchteten Krieger dienten schon in der Armee
Lusitani begehrten immer wieder gegen die Besatzer auf.
Erst 19 v. Chr. war das Land befriedet und ganz Spanien Teil
Hannibals, später verlangte Rom von den besiegten Stämmen,
Hilfstruppen aufzustellen. des Imperiums.

3 Gemeinsam mit iberischen und keltischen Stämmen rebellier-


ten die Keltiberer immer wieder gegen die Besatzer. In drei
»keltiberischen Kriegen« verschlissen sie ab 181 v. Chr. Roms beste
Feldherren und brachten seiner Armee empfindliche Verluste bei.
Erst Publius Cornelius Scipio Aemilianus, unter dessen Oberbefehl
zuvor Karthago endgültig besiegt worden war, gelang es 133 v. Chr.,
den letzten großen Aufruhr zu brechen.

78  SPEZIALARCHÄOLOGIE–GESCHICHTE–KULTUR2/2014: DASFRÜHEROM
und mit reichem Schmuck, Waffen oder Werkzeugen sowie lem auf Grund der ihm zugeschriebenen Forderung, Karthago
allerlei Speisen beigesetzt wurden. zu zerstören, in Erinnerung ist. Ihm gelang es, alle aufständi­
Die archäologischen Funde verraten auch viel über die Le­ schen Volksgruppen niederzuringen und darüber hinaus wei­
bensgrundlage der Keltiberer. Sie betrieben Ackerbau und tere Gebiete zu erobern. Doch noch im selben Jahr rebellierten
züchteten Rinder, Schafe und Ziegen. Zudem verstanden sie die Lusitani, und im darauf folgenden erhoben sich die iberi­
sich auf die Salzgewinnung, die Keramikproduktion und – schen Stämme der Oretani und der Carpetani. Der Feldherr
dank der reichen Bodenschätze Spaniens – auf das Verhütten Lucius Aemilius Paullus besiegte sie zwar 186 v. Chr. in der
von Erzen und das Verarbeiten der Metalle. Schlacht von Calagurris, dem heutigen Calahorra in Nordspa­
nien, doch hielt die Waffenruhe gerade mal fünf Jahre.
»Ceterum censeo ...« Dann war es an den keltiberischen Lusones, Belli und Titti,
Gegen eine Vorherrschaft der Römer regte sich bald Wider­ Rom herauszufordern. Tiberius Sempronius Gracchus der
stand, der jedoch immer nur für kurze Zeit niedergerungen Ältere, Mitglied der Führungsriege im Senat, erzwang 179 v.
wurde. So erhoben sich beispielsweise in den Jahren 197/6 v. Chr. einen Friedensvertrag, der den Besiegten nicht nur re­
Chr. die iberischen Fürsten Culchas und Luxinius in Südspani­ gelmäßige Tributzahlungen, sondern auch die Entsendung
en. Das Imperium entsandte daraufhin einen der berühmtes­ von Hilfstruppen in Krisengebiete abverlangte. Nur mit den
ten Politiker seiner Zeit: Marcus Porcius Cato, der heute vor al­ Arevaci schloss er einen Freundschaftsvertrag, der weit ge­

Spanien in
augusteischer Zeit
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H I S PA N I A U LT E R I O R Carthago Nova Ke l t e n
SPEKTRUM DER WISSENSCHAFT / EMDE-GRAFIK

(Cartagena) Ke l t i b e re r
Gades (Cádiz) Vo r f a h r e n d e r B a s k e n
Zuordnung unsicher
Stadt (heutiger Name)
RÖMISCHE PROVINZEN
(197 v.Chr.)

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In den Nekropolen keltiberischer
Stämme entdecken Archäolo-
gen in Männergräbern oft Ge-
wandspangen mit militärischen
Motiven. Diese Darstellung
eines Reiterkriegers bestätigt
antike Berichte über die Kampf-
technik der Keltiberer.

AKG IMAGES / ALBUM / ASF

hende Freiheiten gewährte – sie hatten sich in diesem »Ers­ nen, die Spitzen von Speeren und Lanzen sowie Dolche und
ten keltiberischen Krieg« neutral verhalten. Schwerter zum Vorschein. Die herausragende Qualität und
Aus Keltiberern rekrutierte Auxiliar­Einheiten waren für Machart keltiberischen Schwerter, die auch besondere Pres­
die römische Armee attraktiv, denn sie galten als hervor­ tigeobjekte darstellten, wurde in der Antike vielfach geprie­
ragende Kämpfer. Dem im 1. Jahrhundert v. Chr. lebenden sen. Deshalb übernahm das römische Heer seit dem 2. Puni­
griechischen Historiker Diodor zufolge trugen sie schwarze schen Krieg diese Waffe als »gladius hispaniensis«.
Wollmäntel, die ebenso wie ihre Schienbeingamaschen aus Für besonders erwähnenswert erachtete Diodor auch den
Ziegenhaar geflochten wurden. Zu ihrem Schutz besaßen sie spezifischen Kampfstil: »Haben sie im Reiterkampf gesiegt,
verschiedene Arten von Schilden. Auf dem Kopf trugen sie dann springen sie von ihren Pferden, übernehmen die Auf­
Bronzehelme, »die mit purpurroten Büschen versehen sind. gabe von Fußsoldaten und tragen bewundernswerte Gefech­
Die Schwerter, die sie führen, haben eine doppelte Schneide te aus.«
und sind aus vorzüglichem Eisen geschmiedet, dazu kom­ So nimmt es freilich auch nicht wunder, dass immer wie­
men noch spannenlange Dolche, deren sie sich im Nah­ der lokale Aufstände aufflackerten, bis sich 154 v. Chr. die Lu­
kampf bedienen.« sitani und die Keltiberer gleichzeitig erhoben. Diese Ausei­
Archäologen können solche Schilderungen bestätigen nandersetzungen wurden auf beiden Seiten derart erbittert
und ergänzen, nicht zuletzt anhand der entsprechenden und unbarmherzig geführt, dass der griechische Geschichts­
Grabbeigaben. Dort kamen metallene Helme und Beinschie­ schreiber Polybios von einem »Krieg wie Feuer« sprach. Als

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sogar die bisher neutralen Arevaci in diesem »Zweiten kelt­ Belli angestiftet, sich wieder gegen die Besatzer zu erheben,
iberischen Krieg« (154 – 150 v. Chr.) gegen Rom rebellierten, und ihre Revolte löste einen Flächenbrand aus: den »Dritten
entsandte der Senat den designierten Konsul Quintus Ful­ keltiberischen Krieg« (143 – 133 v. Chr.). Wieder schickte Rom
vius Nobilior an der Spitze einer 30 000 Mann starken Armee. einen Konsul: Quintus Caecilius Metellus Macedonicus.
Um ihm schnell seine volle Amtsgewalt zu verleihen – die Doch weder ihm noch seinen Nachfolgern gelang es, Numan­
beiden Konsuln waren die mächtigsten Männer der römi­ tia, die Hauptstadt der Arevaci und Hochburg des Aufstands,
schen Republik –, wurde sein Amtsantritt sogar vom 1. März einzunehmen. Der Feldherr Caius Hostilius Mancinus muss­
auf den 1. Januar vorverlegt. te sogar kapitulieren und einen schmählichen Friedens­
Zur ersten großen Kraftprobe kam es am 23. August 154 v. schluss eingehen. Der wurde von Rom nicht nur abgelehnt –
Chr., als die Legionäre nördlich der keltiberischen Stadt Nu­ der in Ungnade gefallene Kommandeur wurde sogar zur
mantia angegriffen wurden. Zahlreiche Römer fielen, und Strafe den Numantinern ausgeliefert.
fortan galt dieses Datum als schwarzer Tag im römischen Ka­ Schließlich gelang Publius Cornelius Scipio Aemilianus
lender. Erst Nobiliors Nachfolger Marcus Claudius Marcellus der entscheidende Schlag gegen die Aufständischen. Bereits
gelang es, einen Frieden auszuhandeln, doch der ihn ablö­ 167 v. Chr. hatte er sein strategisches Können im Kampf ge­
sende Lucius Licinius Lucullus brach aus Ruhmsucht und gen den Makedonenkönig Perseus bewiesen, 146 v. Chr. be­
Habgier erneut einen Krieg vom Zaun und griff den Stamm zwang er als Oberbefehlshaber Karthago. Geschickt wich er
der Vaccaei an. Sein beschämendes Verhalten bei der Erobe­ nun jeder offenen Feldschlacht aus und belagerte Numantia
rung der Stadt Cauca – er schloss zunächst einen Frieden, ließ stattdessen, bis es 133 v. Chr. kapitulierte. Darüber berichtete
dann aber fast alle Erwachsenen ermorden und verkaufte die Appian (Zitat gekürzt): »Sie hatten weder mehr Getreide
Überlebenden in die Sklaverei – schadete den ohnehin schon noch Vieh noch Gras und begannen an gekochten Tierhäu­
schlechten Ruf der Römer in Spanien. Ebenso schändlich ver­ ten zu lecken. Als nun auch diese ihnen ausgingen, kochten
hielt sich Servilius Sulpicius Galba, der Statthalter der Pro­ und verzehrten sie menschliche Körper, zuerst solche von
vinz »Hispania ulterior«, als er lusitanischen Unterhändlern Verstorbenen, darauf das Fleisch Kranker, und die Stärkeren
in einen Hinterhalt lockte. legten Hand an die Schwächeren. Das Fressen verrohte ihre
Sinne, und Hunger, Seuche, langes Haar und die Länge der
Roms neuer Angstgegner Zeit machte ihre Körper denen wilder Tiere ähnlich. In sol­
Ein Mann, der diesem Massaker entkam, wurde zum größten cher Verfassung ergaben sie sich Scipio. Der befahl ihnen,
Gegner Roms: der Lusitanier Viriatus. 147 v. Chr. stellte ein noch am gleichen Tag die Waffen an einen von ihm bestimm­
römisches Heer unter Caius Vetilius eine Falle. Vetilius, der ten Platz zu bringen und tags darauf sich anderswo einzufin­
als Prätor eines der höchsten Ämter des Imperiums inne­ den. Doch die Numantiner ließen den Tag mit der Erklärung
hatte, fand zusammen mit gut 4000 Soldaten den Tod. Auch verstreichen, dass noch viele an ihrer Freiheit hingen und
der neue Statthalter von »Hispania ulterior«, Caius Plautius sich das Leben nehmen wollten. Deshalb erbaten sie sich den
Hypsaeus, musste etliche Niederlagen hinnehmen. Noch Tag, um sich für den Tod bereit zu machen. Denn obwohl sie
schlimmer erging es seinem Nachfolger Claudius Unimanus, im Frieden nur etwa 8000 Wehrfähige zählten, wie viele
der 145 v. Chr. nicht nur fast seine gesamte Armee, sondern furchtbare Schläge versetzten sie den Römern!«
auch deren Feldzeichen verlor – für einen Römer eine kaum Die römische Herrschaft war von nun an nicht mehr ge­
zu ertragende Schande. fährdet, gelegentlichen lokalen Aufständen zum Trotz. Erst
Rom zog daraus die Konsequenzen und schickte abermals unter Kaiser Augustus war die Eroberung der Iberischen
einen amtierenden Konsul, Quintus Fabius Maximus Aemili­ Halbinsel abgeschlossen, als um das Jahr 19 v. Chr. die letzten
anus, dem es tatsächlich gelang, Viriatus empfindlich zu tref­ nichtrömischen Gebiete im Norden Spaniens dem Imperi­
fen. 140 v. Chr. gelang es diesem jedoch abermals, ein römi­ um Romanum einverleibt wurden. Ÿ
sches Heer einzukesseln. Mit diesem Druckmittel handelte
er einen Friedensvertrag aus, der den Römern freien Abzug
DER AUTOR
zusicherte, Viriatus jedoch die von ihm besetzten Gebiete so­
wie den Ehrentitel eines Freundes des römischen Volkes zu­ Josef Fischer ist Althistoriker und unterrichtet an der Uni-
sprach. Zwar wurde dieser unrühmliche Vertrag zunächst versität Salzburg.
vom Senat anerkannt, doch der nächste Statthalter der be­
treffenden Provinz, Quintus Servilius Caepio, setzte alle He­ QUELLEN
bel in Bewegung, ihn annullieren zu lassen. Er erhielt schließ­
Lorrio, A.-J.: Los Celtíberos, Universidad de Alicante 1997,
lich sogar freie Hand gegen Viriatus. Zwar errang er auch http://rua.ua.es/dspace/bitstream/10045/19629/6/2.pdf
militärische Erfolge, doch den Durchbruch brachte die Beste­ Luik, M.: Der schwierige Weg zur Weltmacht. Roms Eroberung
chung von Vertrauten des Lusitaniers – Viriatus wurde im der Iberischen Halbinsel 218 – 19 v. Chr. Philipp von Zabern,
Mainz 2005
Schlaf ermordet. Simon, H.: Roms Kriege in Spanien 154 – 133 v. Chr. Vittorio
Doch damit kehrte keineswegs Ruhe ein, denn Viriatus Klostermann, Frankfurt 1962
hatte längst die keltiberischen Stämme der Arevaci, Titti und

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VORSCHAU SPEZIAL Archäologie – Geschichte – Kultur 3/2014 ab 26. 9. 2014 im Handel

DREAMSTIME / KATE DUFFELL


Schrift und Sprache
Werbung schreit in großen Lettern von Plakatwänden, Zeitungen und Newsletter informieren
uns über das aktuelle Weltgeschehen, Bücher in gedruckter oder elektronischer Form bieten mal
geballtes Wissen, mal gute Unterhaltung, und wo wir gehen und stehen sind wir per Textnach-
richt erreichbar. Dabei mag der Blick dafür verloren gehen, wie einzigartig die menschliche Spra-
che ist und welch außerordentliche Kulturleistung die Erfindung der Schrift bedeutete. In unserer
nächsten Ausgabe begleiten wir Archäologen, Historiker und Linguisten daher auf ihrer Reise zu
den Ursprüngen aller Kommunikation.

Tönerne Archive Neolithische Revolution Viele Wörter für Schnee


Die Keilschrift Mesopotamiens war Zwar werden heute Tausende von Sprachen Alle Menschen denken und sprechen,
das erste Schriftsystem der Mensch- gesprochen, die meisten gehören jedoch doch wie hängt das eine mit dem
heit und im alten Orient über Jahr- zu nur fünf großen Familien wie dem Indo- anderen zusammen? Wenn die Inuit
tausende hinweg in Gebrauch. Aller- europäischen. Hat dieses Phänomen seinen dutzende Wörter für Schnee kennen,
dings diente sie nicht der allgemei- Ursprung in der Jungsteinzeit, wie manche leben sie dann in einer anderen Welt
nen Verständigung, sondern war gut Prähistoriker vermuten? Vieles spricht da- als der Leser dieser Zeilen? Gerade
ausgebildeten Eliten vorbehalten. für, dass die ersten Bauern nicht nur Acker- die Sprachen von Jäger- und Sammler-
Inzwischen vermögen Forscher die bau und Viehzucht in die Welt hinaustru- völkern zeigen Forschern, dass die Art
erhaltenen Texte nicht nur zu lesen – gen, sondern auch ihre jeweilige Sprache. und Weise, wie Menschen ihre Um-
sie können sogar den Klang der Doch die Entwicklung der »Big Five« verlief welt wahrnehmen und in Worte fassen,
Worte rekonstruieren. wohl noch weit komplizierter. überraschend variabel ist.

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