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Über den Autor

Christa Wolf wird am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe geboren. Nach der
Vertreibung 1945 lässt sich ihre Familie in Mecklenburg-Vorpommern nieder. Wolf arbeitet
zunächst als Schreibkraft und macht 1949 ihr Abitur. Im selben Jahr tritt sie der SED
(Sozialistische Einheitspartei) bei. Während des Germanistikstudiums lernt sie ihren
späteren Mann, den Schriftsteller Gerhard Wolf, kennen. Nach dem Studium arbeitet
Christa Wolf zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin für den Deutschen
Schriftstellerverband, dann als Verlagslektorin und als Redakteurin einer Literaturzeitschrift.
Ab 1962 ist sie freie Schriftstellerin. Ein Jahr darauf erscheint der Roman Der geteilte
Himmel, eine Auseinandersetzung mit dem Mauerbau und mit unterschiedlichen
Lebensentwürfen in beiden Teilen Deutschlands. Christa Wolf gilt als Vorzeigeintellektuelle
der jungen DDR, doch schon bald gerät sie wegen ihres subjektiven Stils und der
Behandlung kontroverser Themen in Konflikt mit dem Machtapparat. Ihr zweiter 2
Roman Nachdenken über Christa T.(1968) erscheint zunächst nur in kleiner Auflage. 1976
unterstützt die Autorin den Protest gegen die Zwangsausbürgerung des Liedermachers
Wolf Biermann. Bei aller Kritik bleibt sie der Idee des Sozialismus dennoch treu. Als
sogenannte „loyale Dissidentin“ darf sie reisen, hält Vorträge im Ausland und wird
zunehmend als gesamtdeutsche Schriftstellerin anerkannt. 1980 erhält sie den
renommierten westdeutschen Georg-Büchner-Preis. 1983 erscheint ihre
Erfolgserzählung Kassandra. Nach dem Fall der Mauer setzt Wolf sich für den „dritten Weg“
einer reformierten DDR und gegen die Wiedervereinigung ein. 1993 gibt sie zu, zwischen
1959 und 1962 als IM (inoffizielle Mitarbeiterin) für die Stasi gearbeitet zu haben, weist aber
auch darauf hin, dass sie ab 1969 permanent von der Spitzelbehörde überwacht wurde. In
den 90er-Jahren diffamieren westliche Kritiker die einst gefeierte Schriftstellerin als
„Staatsdichterin der DDR“. Sie stirbt am 1. Dezember 2011 in Berlin.

Entstehung

• Das Werk ist 1983 gleichzeitig in der BRD und in der DDR erschienen. Es ist ein
gesellschaftskritisches Werk, welches anhand der mythologischen Geschichte die
innergesellschaftlichen Bewusstseinsprozesse offenlegen will. 3

• Zum mythologischen Stoff kam Christa Wolf eher zufällig. Bei einer Reise verpasst sie einen Flug
nach Athen und sitzt ohne Literatur in Berlin fest, so dass sie sich dem Vorhandenen
zuwendet: Orestie von Aischylos. Von Kassandra fasziniert, forscht sie weiter.
Hintergründe
Der Trojanische und der Kalte Krieg
Als Kassandra 1983 erschien, traf Christa Wolf den Nerv der Zeit. Angesichts der atomaren
Bedrohung und des Wettrüstens zwischen den Großmächten machte sich in Deutschland
eine geradezu apokalyptische Stimmung breit. Die Erzählung führt auf mythologisch
verschlüsselte Weise die Absurdität eines jahrzehntelangen, kräftezehrenden und vor allem
sinnlosen Krieges vor Augen. Die schöne Helena – im antiken Mythos der Auslöser für den
Krieg zwischen Griechen und Trojanern – ist in dieser modernen Version der Geschichte 4
nur ein Phantom. Die Protagonisten des Kampfes um Macht und Herrschaft sind vor allem
Männer, die bei Christa Wolf abgesehen von wenigen Ausnahmen gar nicht gut
wegkommen. Kein Wunder, dass das Buch in der Frauen- und Friedensbewegung der 80er
Jahre mit Begeisterung aufgenommen wurde. Einzelne Kritiker bescheinigten ihm zwar ein
übersteigertes moralisches Pathos und einen Hang zum „Gutmenschentum“, doch tat dies
dem Erfolg keinen Abbruch: Bis heute ist Kassandra das meistgelesene Werk der
ostdeutschen Autorin.
 

Zusammenfassung
Die Gabe und der Fluch des Sehens
Nach dem verlorenen Kampf um ihre Heimatstadt Troja sitzt Kassandra, die Tochter des
Königs Priamos und seiner Frau Hekabe, auf dem Gefangenenwagen des siegreichen
griechischen Königs Agamemnon vor dessen Burg Mykene. Wegen ihrer seherischen
Fähigkeiten weiß sie, dass Agamemnons Gemahlin Klytaimnestra ihren Mann wie auch
sie selbst ermorden wird, sobald sich die Burgtore öffnen. Im Angesicht des Todes erinnert
sie sich an ihre Kindheit und Jugend, an den zärtlich geliebten Vater und die strenge Mutter,
die Herrscherin des Landes.

„Hier war es. Da stand sie. Diese steinernen Löwen, jetzt kopflos, haben
sie angeblickt. Diese Festung, einst uneinnehmbar, ein Steinhaufen jetzt, 5
war das Letzte, was sie sah.“ (S. 7)
Der Sonnengott Apollon verleiht der jungen Kassandra, einem unnahbaren Mädchen, das
sich immer schon als Außenseiterin gefühlt hat, die Gabe des Sehens. Als sie sich jedoch
weigert, mit ihm zu schlafen, bestraft er sie mit dem Fluch, dass niemand ihren
Prophezeiungen je Glauben schenken werde. Wie alle jungen trojanischen Mädchen soll
Kassandra entjungfert werden. Doch Aineias, der für diese rituelle Pflicht auserwählt ist,
versagt – vermutlich aus Liebe. Seit dieser Begegnung hat sich sein Name in ihr Herz
eingebrannt. Nachdem Aineias auf Reisen in ferne Länder verschwunden ist, wird
Kassandra Priesterin – u. a. aus Abneigung gegen andere Männer. Als solche wird sie vom
Ersten Priester Apollons entjungfert, dem zynischen und verhassten Griechen Panthoos,
der sie fortan nachts regelmäßig aufsucht. Immer wenn sie mit ihm und später auch mit
anderen Männern schläft, denkt sie nur an den geliebten Aineias. Nach außen hin verrichtet
sie ihr Priesteramt mit Hingabe und Würde, innerlich aber fühlt sie sich erstarrt und leblos.

Kassandras Entfremdung
Schon als Kind hat Kassandra gelernt, Gefühle wie Liebe und Angst mit ihren Gedanken zu
beherrschen. Ein einschneidendes Erlebnis ist die Entführung von Priamos’
Schwester Hesione durch den Spartaner Telamon, der diese zu seiner Frau macht. An
Bord des Schiffes, das zur Befreiung der Königsschwester ausgesandt wird, befindet sich
neben dem alten Seher Kalchas, Priamos’ engstem Ratgeber, auch Aineias’
Vater Anchises. Die Trojaner jubeln den Kriegern zu, doch hinter dem Siegeswillen spürt
Kassandra die Todesangst, hinter der glänzenden Fassade erkennt sie bereits das
Scheitern. Erstmals fühlt sie sich ihrem Volk und ihrer Familie entfremdet. Auf die Nachricht
hin, Kalchas sei bei den Griechen geblieben – aus Angst vor den wütenden Reaktionen der
Trojaner, die sich auf seine optimistische Prognose über den Ausgang des Krieges
verließen –, erleidet Kassandra einen Anfall, der sie lange ans Bett fesselt.
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„Die Sonne hat den Mittag überschritten. Was ich begreifen werde, bis es
Abend wird, das geht mit mir zugrund.“ (S. 10)
Eines Tages taucht ein schöner Fremder namens Paris auf, der sich als Kassandras
Bruder entpuppt. Von der Mutter ihres Halbbruders Aisakos, der Einsiedlerin Arisbe, die
ebenfalls seherische Fähigkeiten besitzt, erfährt Kassandra, warum Paris so lange
verschwunden war. Aisakos hatte erkannt, dass ein Fluch auf Paris lag und er Troja ins
Unglück stürzen würde. Ein Hirte wurde beauftragt, den Säugling zu töten, brachte es aber
nicht über sich, und so überlebte Paris, dem nun im Palast ein fürstlicher Empfang bereitet
wird. Kassandra aber fühlt sich getäuscht. Ihr Wunsch, in Zukunft mehr zu wissen und auf
diese Weise Macht über die anderen auszuüben, trägt dazu bei, dass sie Priesterin wird.

Verschwörung und Krieg


Fast unmerklich verändert sich die Stimmung in Troja. Im Palast herrscht Misstrauen gegen
die Griechen. Menelaos, dem König von Sparta, der einst als Gastfreund in Troja
empfangen wurde, werden ebenso wie Panthoos verschwörerische Absichten unterstellt.
Um den Offizier und Königsberater Eumelos sammeln sich Angehörige der Palastwache,
die plötzlich den Ton angeben. Auch Paris zählt zu seinen Anhängern. Bei einem Gastmahl
am Vorabend von Menelaos’ Abreise kommt es zum Eklat. Paris, dem die
Göttin Aphrodite angeblich Menelaos’ Frau Helena versprochen hat, stellt dem Spartaner
dreiste Fragen zu seiner Gattin. Von seiner Mutter Hekabe zurechtgewiesen, begehrt Paris
auf: Er lasse sich den Mund nicht länger verbieten. Er werde die entführte Königsschwester
Hesione zurückholen, und wenn man sie nicht herausgebe, werde er stattdessen Helena
nehmen. Kassandra, die den Untergang Trojas voraussieht, erleidet einen heftigen Anfall
und will die Ausfahrt des Schiffes verhindern. Sie wird von ihrer Familie für wahnsinnig
erklärt und weggesperrt. 7
„Das alte Lied: Nicht die Untat, ihre Ankündigung macht die Menschen
blass, auch wütend, ich kenn es von mir selbst. Und dass wir lieber den
bestrafen, der die Tat benennt, als den, der sie begeht: Da sind wir, wie in
allem Übrigen, alle gleich.“ (S. 21 f.)
Unterdessen gewinnt Eumelos mit seiner griechenfeindlichen Propaganda immer mehr
Anhänger. Das Schiff aus Sparta kehrt zurück, Paris aber fehlt. Er soll, als ihm die
Rückgabe der Königsschwester verweigert wurde, seine Drohung wahrgemacht und Helena 7
entführt haben. Das Volk jubelt, Paris wird bei seiner verspäteten Heimkehr als Held
gefeiert. Kassandras Ahnung, dass es sich bei der verschleierten Frau, die Paris mitbringt,
gar nicht um Helena handelt und die angeblich entführte Schöne nur ein Kriegsvorwand ist,
bewahrheitet sich. Die Seherin erleidet einen erneuten Anfall und weiß, dass Troja verloren
ist, doch ihrem Vater zuliebe behält sie ihr Wissen für sich: Das Heer müsse an das
Phantom glauben, sagt Priamos, nur so sei der Krieg zu gewinnen.

Feindin im eigenen Land


Der Krieg beginnt, aber nach offizieller Sprachregelung ist immer nur von einem Überfall die
Rede. Bereits am ersten Kriegstag stirbt Kassandras Lieblingsbruder Troilos vor ihren
Augen, auf sadistische Weise von dem grausamen Griechenkämpfer Achill ermordet.
Aineias, der für eine Nacht zurückgekehrt ist, tröstet sie zärtlich und weckt in ihr erneut die
alte Liebe und Sehnsucht. Troilos’ Geliebte Briseis verliert den Verstand und folgt mit
Erlaubnis des Königs ihrem Vater Kalchas, der aus schierer Überlebensangst die Fronten
gewechselt hat und zu den Griechen übergelaufen ist. Blutsbande, so verteidigt der König
seinen Entschluss, seien nun einmal stärker als Staatsbande.

„Was ich lebendig nenne? Was nenne ich lebendig. Das Schwierigste nicht 8
scheuen, das Bild von sich selbst ändern.“ (S. 30)
Kassandra begleitet Briseis zu den Griechen. Dabei erfährt sie, dass auch Kalchas längst
informiert ist: Die schöne Helena ist gar nicht in den Händen der Trojaner. Wissen die
anderen Griechen, die da stehen und sie höhnisch anstarren, etwa auch Bescheid? Der
Hass auf die grobschlächtigen griechischen Männer und besonders auf Achill bestärkt
Kassandra in ihrer Liebe zu ihrer Heimat Troja, von der sie sich nach Kriegsausbruch
distanziert hat. Umso größer ist ihre Enttäuschung über die Behandlung, die ihr bei ihrer
Rückkehr aus dem feindlichen Lager zuteilwird. Vor den Toren der Stadt durchsuchen
Eumelos’ Leute sie gründlich und befragen sie nach dem Zweck ihrer Reise – als wäre sie
selbst der Feind.

Trojas Niedergang
Kassandra glaubt immer noch, dass sich der Krieg mit Mut und dem Willen zur Wahrheit,
was ja eigentlich der trojanischen Tradition entspricht, beenden ließe. Nur langsam begreift
sie, dass es ihr geliebtes, freiheitlich gesinntes Troja, in dem Frauen und Männer
gleichberechtigt leben, nicht mehr gibt. An seine Stelle ist eine Scheinwelt aus leeren
Worten, Gesten und Zeremonien getreten, in der sich die Bewohner vor allem wohlfühlen
sollen. Nach und nach richtet sich auch Kassandra in dieser neuen Wirklichkeit ein, bestärkt
von ihrem Hass auf Achill, der die Dörfer rings um Troja plündert und verwüstet. Eines
Nachts träumt Kassandra, sie sei zur Schiedsrichterin in einem Wettstreit zwischen Mond
und Sonne bestellt und solle bestimmen, wer von beiden heller strahle. Letztlich entscheidet

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sie sich für die Sonne, aber sie weiß, dass an der Frage grundsätzlich etwas falsch ist: Der
Mond ist gar nicht zum Strahlen bestimmt.

„Wohin ich blicke oder denke, kein Gott, kein Urteil, nur ich selbst.“ (S. 32)
Nach diesem Traum erwacht sie aus ihrer Erstarrung. Sie verbringt eine Liebesnacht mit
Aineias, doch schon am nächsten Morgen verlässt dieser Troja, da er sich dort nicht mehr
heimisch fühlt. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Menschen, vor allem Frauen,
wenden sich vom Staat ab. Die vormals so strenge Königin Hekabe verstummt in Angst um
ihren verzärtelten Lieblingssohn Hektor, der zum Helden aufgebaut und im Krieg verheizt
werden soll. Kurz darauf wird sie von den Ratssitzungen ausgeschlossen, mit der
Begründung, dass Besprechungen in Kriegszeiten nicht Frauensache seien. Um den alten,
weisen Anchises, der unbeirrbar an das Gute im Menschen glaubt und sogar um
Verständnis für Eumelos und dessen Truppe wirbt, sammeln sich immer mehr Enttäuschte
und Verfolgte.
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„Hervorbringen müssen, was einen vernichten wird: der Schrecken über
den Schrecken.“ (S. 80)
Während im Palast Jüngere das Kommando übernehmen, geht Kassandra ganz in ihrem
Priesteramt auf. Eifrig versieht sie ihren Dienst und bildet junge Priesterinnen aus, genießt
die Abgeschiedenheit von den Massen und die Ehrfurcht, die man ihr entgegenbringt. An
die Götter glaubt sie allerdings nicht mehr. Der Krieg ist inzwischen zum Dauerzustand
geworden. Obwohl Troja uneinnehmbar erscheint, hat Kassandra jede Hoffnung auf einen
Sieg verloren. Sie geht ihrer Pflicht ohne Freude nach, und wenn sie sich im scharf
überwachten Palast aufhält, fühlt sie sich wie eine Gefangene. Traurig beobachtet sie, wie
ihr Vater allmählich zu einer leeren Kultfigur verkommt.

Verrat und Selbstzerstörung


Auf die Gefangennahme von Kassandras Bruder Lykaon durch die Griechen reagiert
Eumelos, der sich auf dem Gipfel seiner Macht befindet, mit einer Verschärfung der
Kontrollen. Die Sicherheitsmaßnahmen, die zuvor nur für Beamte und Angehörige der
Königsfamilie galten, werden nun auf die gesamte Bevölkerung ausgedehnt. Auf dem Markt
trifft man immer öfter auf Eumelos’ Leute, die als Verkäufer verkleidet sind. Kassandra ist
verzweifelt. Sie weiß: Mit solchen Taktiken schadet man sich selbst mehr als dem Feind.
Und eigentlich will sie doch dasselbe wie Eumelos und seine Leute, nämlich nicht so
werden wie Achill. Aber sollen sie sich dem Feind angleichen, nur um zu überleben?
Während die trojanischen Männer allmählich verrohen, ziehen sich die Frauen in die
Häuser zu ihren Kindern zurück.

„Wann Krieg beginnt, das kann man wissen, aber wann beginnt der
Vorkrieg. Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen. In Ton, in 10
Stein eingraben, überliefern. Was stünde da. Da stünde, unter andern
Sätzen: Lasst euch nicht von den Eignen täuschen.“ (S. 88)
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Eines Tages erblickt Achill im Apollon-Tempel, einem neutralen Ort, zu dem auch die
Griechen Zugang haben, Kassandras schöne Schwester Polyxena. In Achills gierigem
Blick liest Kassandra, dass ihre Schwester verloren ist. Während nach trojanischer Tradition
Frauen frei sind, dürfen griechische Männer über ihre Gattinnen, Schwestern und Töchter
verfügen. Als Achill Hektor bittet, ihm die Schwester auszuliefern, geht dieser zu der
Bedingung, dass Achill ihm dafür einen Plan des Griechenlagers gibt, auf den Wunsch ein.
Es ist das erste Mal, dass Troja einen Verrat begeht. Später tötet Achill Hektor in einem
brutalen Zweikampf und verspricht König Priamos, den geschundenen Leichnam des
Sohnes herauszugeben – im Tausch gegen Polyxena.

Frauenleben statt Heldenkampf


Aineias holt für die kriegerische Unterstützung die Amazonen unter der Führung
von Penthesilea nach Troja. Im Kampf tötet Achill Penthesilea und schändet ihren
Leichnam. Die rasende Wut der Frauen, Amazonen wie Trojanerinnen, entlädt sich,
Panthoos wird getötet, Kassandra selbst wird verletzt. In den Höhlen der Frauen am
Idaberg vor den Toren Trojas wird sie gesund gepflegt und schließt Freundschaft mit der
ebenfalls schwer verwundeten Amazone Myrine. Zum ersten Mal in ihrem Leben fühlt sie
sich in einer Gemeinschaft aufgehoben.

„Was wahr ist, wahr zu nennen, und was unwahr falsch: das mindeste, so
dachte ich, und hätte unsern Kampf weit besser unterstützt als jede Lüge
oder Halbwahrheit. Denn es ging doch nicht an, so dachte ich, den ganzen
Krieg und unser ganzes Leben (...) auf den Zufall einer Lüge aufzubaun.“
(S. 112)
Nach ihrer Genesung ruft man Kassandra in den Palast, wo der greise König Priamos einen
Plan ausgeheckt hat. Unter dem Vorwand einer Vermählung mit Polyxena soll Achill in den
Tempel gelockt werden, wo Paris ihn aus dem Hinterhalt töten soll. Als Kassandra ihre
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Zustimmung verweigert und mit der Enthüllung des Planes droht, lässt Priamos sie in ein
finsteres Verlies sperren. Dort erreicht sie die Nachricht, dass der Anschlag geglückt ist und
Achill getötet wurde, aber sie verspürt keinen Triumph. Wieder in Freiheit zieht sie sich in
die Höhlen am Idaberg zurück, wo die Frauen fernab der Festung Troja in Armut leben,
Früchte ernten, Stoffe weben, töpfern, singen und sich ihre Träume erzählen. Auf Wunsch
ihres Vaters heiratet Kassandra Eurypilos, einen Verbündeten, der bald darauf im Kampf
fällt. Kassandra bekommt Zwillinge, die sie gemeinsam mit den anderen Frauen am Idaberg
aufzieht.

„Mit diesem Schweigen, an dem mehrere beteiligt sind, so lernte ich,


beginnt Protest.“ (S. 119)
Eines Tages taucht ein hölzernes Pferd vor den Toren Trojas auf. Allen Warnungen
Kassandras zum Trotz wird die Skulptur, in der sich griechische Krieger befinden, in die
Stadtmauern geholt. Wie der Krieg begann, so endet er auch: durch Betrug. Aineias Bitte,
Kassandra möge mit ihm und den Kindern vor dem schrecklichen Blutvergießen fliehen und
irgendwo ein neues Troja gründen, weist sie zurück. Lieber geht sie freiwillig in den
Untergang, als mitzuerleben, wie ihr Geliebter in einer Zeit, die nun einmal Helden braucht,
notgedrungen selbst zum Helden wird. Denn einen Helden kann sie niemals lieben.
Aufbau und Stil// Christa Wolfs Erzählung Kassandra ist aus einem Guss, sie verzichtet
vollständig auf Kapiteleinteilungen oder voneinander abgegrenzte Abschnitte. Der Text
besteht aus dem inneren Monolog der Titelfigur, die angesichts des bevorstehenden Todes
auf ihr Leben zurückblickt. Der chronologische Hauptstrang der Erinnerungen wird immer
wieder von Rückblenden und Vorausdeutungen durchbrochen. Nicht selten reißt die
Erzählerin eine Episode kurz an, um sie gleich wieder fallen zu lassen und erst später
darauf zurückzukommen. Diese sprunghafte, assoziative Erzählweise fordert dem Leser ein 12
hohes Maß an Konzentration ab, ebenso wie die Fülle von Figuren, die eher beiläufig
eingeführt als ausführlich vorgestellt werden. Auch stilistisch lebt Kassandra //vom raschen
Wechsel und scharfen Kontrasten. Die oft archaisch anmutende Sprache ist von modernen,
alltagssprachlichen Wendungen durchsetzt, antiken Figuren werden mitunter fast
schnoddrige Äußerungen in den Mund gelegt, was für einen anachronistischen Effekt sorgt.
Oftmals sind die Sätze unvollständig und abgehackt. Je näher Kassandras Tod rückt, desto
atemloser und gehetzter wird ihre Erzählung.
Interpretationsansätze
 Kassandra beruht auf der Geschichte der trojanischen Königstocher, von der
Aischylos in der Orestie berichtet. Mit dem antiken Stoff ist die DDR-Gegenwart der
Autorin Christa Wolf verflochten: Ob es um den Aufbau eines Spitzelsystems, um
das Wettrüsten oder um Kriegspropaganda geht, stets schimmert der Ost-West-
Konflikt durch. Um im ideologischen Wettstreit mit den Griechen (BRD) zu
bestehen, nimmt das einst idealistische Troja (DDR) immer mehr die Züge des
Feindes an und verkommt schließlich selbst zum imperialistischen
Überwachungsstaat.
 Wolf betreibt bewusst die Entheroisierung der antiken Helden. Achill, der tapfere,
schöne Kämpfer aus Homers Ilias, wird zu einem blutrünstigen Lüstling, der den
Beinamen „das Vieh“ trägt. Und Agamemnon, der mutige Flottenführer, erscheint als
feiger „Trottel“ und machtgieriger „Hohlkopf“.

 Der trojanische Krieg markiert in Christa Wolfs Darstellung das Ende


der matriarchalischen Welt. Die neue, patriarchalische Ordnung ist von Leistungs-
und Herrschaftsdenken, Konkurrenz und Effizienz bestimmt. Frauen werden
zunehmend von der Politik ausgeschlossen und als reine Objekte betrachtet.
 Das herrschaftslose, naturnahe und künstlerisch-kreative Leben der Frauen in den 13
Höhlen vor Troja stellt einen feministisch-utopischen Gegenentwurf zu der
männerdominierten, aggressiven und rationalen Politik dar. Bei allen feministischen
Tendenzen hütet sich Wolf jedoch vor einer naiven Idealisierung des Matriarchats:
Die Figur der Penthesilea etwa verkörpert übersteigerten Männerhass und
Weiblichkeitswahn.
 Kassandras Sehergabe muss nicht unbedingt als gottgegeben verstanden werden:
Sie beruht auch auf der genauen Wahrnehmung ihrer Umgebung. Allein aus der
mutigen, unvoreingenommen Beobachtung der realen Verhältnisse schließt
Kassandra auf Künftiges und durchschaut so die Lügen und Intrigen.
 Kassandra betrachtet ihre Rolle im Staat durchaus selbstkritisch – und spiegelt damit
Christa Wolfs zwiespältige Haltung zur DDR wider. Die Liebe zum Vater macht die
Seherin anfangs blind. Erst ihre Gefangennahme und Inhaftierung öffnen der
Königstochter endgültig die Augen für die korrupten Machenschaften ihrer Familie.

Historischer Hintergrund
Wettrüsten und Widerstand
Nach der Entspannungspolitik der 1970er Jahre trat der Rüstungswettlauf zwischen den
USA und der Sowjetunion am Ende des Jahrzehnts in eine neue Phase. Als Reaktion auf
die verstärkte Aufrüstung in den Ländern des Warschauer Pakts bot die NATO 1979 im so
genannten NATO-Doppelbeschluss der UdSSR Verhandlungen mit dem Ziel eines
beidseitigen Verzichts auf nukleare Waffen in Europa an. Sollte man sich jedoch nicht
einigen, würden die Amerikaner in absehbarer Zeit atomar bestückte Mittelstreckenraketen
in Europa, u. a. auf dem Boden der Bundesrepublik Deutschland, stationieren – was sie
auch taten. Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan am 24. Dezember
1979 spitzte sich die Lage weiter zu.
Die Pläne zur Stationierung von Raketen mit Atomsprengköpfen stießen in der BRD auf
scharfe Proteste. Anfang der 1980er Jahre organisierte die Friedensbewegung zahlreiche
Großdemonstrationen, an denen Hunderttausende teilnahmen. Zeitweise herrschte eine
regelrecht apokalyptische Stimmung. Auch in der DDR gab es verschiedene, vor allem von
der Kirche getragene Friedensinitiativen, die die Keimzelle der Opposition bildeten.
Intellektuelle, die bis dahin an die Möglichkeit eines humanen Sozialismus geglaubt hatten,
wandten sich nun zunehmend von ihrem Staat ab. Ein einschneidendes Ereignis stellte die
Ausbürgerung des Dichters und Liedermachers Wolf Biermann im November 1976 dar.
Die Hoffnungen auf eine Liberalisierung, die mit dem Regierungsantritt Erich 14
Honeckers 1971 aufgekeimt waren, wurden mit einem Schlag zerstört.

Entstehung
Wie viele Intellektuelle in der DDR sah sich Christa Wolf durch die Ausbürgerung
Biermanns in ihrem Selbstverständnis als sozialistische Künstlerin erschüttert. Zusammen
mit anderen Schriftstellern und Künstlern unterzeichnete sie einen öffentlichen Protestbrief,
in dem sie die Parteiführung bat, die Maßnahme zu überdenken. Als SED-Mitglied sagte
sich die Autorin zwar nicht radikal von der Partei los, doch ihr Blick auf den eigenen Staat,
für den sie sich engagiert hatte, war nüchterner geworden. In ihrer
Poetikvorlesung Voraussetzungen einer Erzählung: Kassandra, die Wolf 1982 in Frankfurt
am Main hielt, sprach die ostdeutsche Autorin offen über ihre Enttäuschung und diesen
neuen Blick – nicht nur auf die DDR, sondern auf die gesamte abendländische Kultur, die
ihr zum Untergang verurteilt erschien.
Den ersten Anstoß zur Beschäftigung mit dem Kassandra-Mythos erhielt Wolf anlässlich
einer Griechenlandreise im Mai 1980: Sie las Aischylos’ Orestie, und die Geschichte der
Seherin Kassandra faszinierte sie so, dass sie begann, sich intensiv mit literarischen und
archäologischen Studien zum Trojanischen Krieg zu befassen. Als Hauptquellen dienten ihr
neben Homers Ilias vor allem Euripides’ Troerinnen und Robert von Ranke-
Graves’ Griechische Mythologie. 1981 begann sie mit der Arbeit an ihrer eigenen
Kassandra-Version.
Wirkungsgeschichte
Kassandra ist bis heute Christa Wolfs erfolgreichstes Buch. Die Startauflage von 20 000
Exemplaren, die im Frühjahr 1983 erschien, war binnen weniger Tage vergriffen. Das Werk
wurde in viele Sprachen übersetzt. In den 80er Jahren avancierte Kassandra zu einem
wahren Kultbuch der Friedens- wie auch der Frauenbewegung und erreichte zu Beginn der
90er eine Auflage von 700 000. Auch in der DDR, wo die Erzählung zusammen mit den um
60 Zeilen gekürzten Frankfurter Poetikvorlesungen im Winter 1983/84 erschien, erhielt das
Buch gewaltigen Zuspruch: Zwischen 1983 und 1990 wurden nicht weniger als acht
Auflagen gedruckt.
In der Literaturkritik löste Kassandra eine emotional geführte Debatte aus. Ostdeutsche
Kritiker wie Wilhelm Girnus nahmen Anstoß an Wolfs pazifistischer Haltung, ihrem 14
Subjektivismus und dem mangelnden Klassenbewusstsein. Die westdeutsche Kritik
dagegen reagierte überwiegend positiv. Fritz J. Raddatz verfasste für Die Zeit eine
Lobeshymne auf das Werk, das er nicht nur wegen seiner sprachlichen Qualitäten, sondern
auch aufgrund seiner moralischen Haltung in den höchsten Tönen pries. Nur vereinzelt war
in Rezensionen von Pathos und moralischer Überfrachtung die Rede.
Nach dem Fall der Mauer 1990 geriet Christa Wolf erneut ins Kreuzfeuer der Kritik. Der
Autorin wurde unterstellt, sie habe als privilegierte Person Kritik üben dürfen und
mit Kassandra indirekt zum Verbleib in der DDR aufgerufen. Aus ihrem Werk spreche
„Gesinnungsästhetik“ sowie ein sentimentaler Hang zum „Gutmenschentum“ – ein Vorwurf,
vor dem Günter Grass seine Schriftstellerkollegin in Schutz nahm.

Schlussfolgerungen

Christa Wolfs Kassandra ist die moderne Neuerzählung eines antiken Mythos.

 Inhalt: Entgegen allen Warnungen der Seherin Kassandra beginnt Troja einen Krieg
mit Griechenland, der Jahrzehnte dauert und zum Untergang der Stadt führt. Im
Wettkampf mit den Griechen gleicht sich das einst idealistische Troja immer mehr
dem Feind an, um schließlich selbst zu einem Überwachungsstaat zu verkommen.
 Christa Wolf nutzt den antiken Mythos, um verschlüsselt vom DDR-Alltag, vom
Wettrüsten und von der atomaren Bedrohung zu erzählen.

 Am Beispiel Trojas schildert Wolf den Übergang vom Matriarchat zu einem


patriarchalischen System.
 Kritisiert werden Rationalismus und Herrschaftsdenken in einer von Männern 15
dominierten Gesellschaft – egal ob kapitalistisch oder sozialistisch.
 Wolf entheroisiert die klassischen antiken Helden: Achill wird zum „Vieh“,
Agamemnon zum „Trottel“ und „Hohlkopf“.
 Stilistisch wechselt Kassandra zwischen altertümelndem Pathos und
alltagssprachlicher Schnoddrigkeit.
 Das Werk wurde zu einem Kultbuch der Friedens- und Frauenbewegung.
 Kritiker warfen Wolf vor, sie habe indirekt zum Verbleib in der DDR aufgerufen.
 Zitat: „Was ich lebendig nenne? Was nenne ich lebendig. Das Schwierigste nicht
scheuen, das Bild von sich selbst ändern.“