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Ahamkara

Svami Sadananda Dasa

Anmerkungen in eckigen Klammern und Fußnoten von Katrin Stamm


© Katrin Stamm und Kid Samuelsson 2016

Der Atma im gebundenen Stadium vermag nichts, auch nicht sich selbst, ohne Hilfe des
Antahkaranam (= der Psyche) aufzufassen. Er bedarf der Hilfe des psychischen Apparates,
wenn er etwas erleben will. Im Tiefschlaf (traumlosen Tiefschlaf) setzen die Wirkweisen des
psychischen Organes aus. Die Inhalte der Psyche sind da, aber nicht wirksam. Man sagt, dass
das Tamas oder die vollkommene Trägheit die Wirkweisen in der Psyche verdeckt, oder dass
das Cittam „in die Höhle des Tamas“ gegangen ist.
Innerhalb dieser wirkweiselosen Dunkelheit vermag der Atma sich selbst nicht zu
erkennen, sondern nur dann, wenn überhaupt keine Wirkweisen in der Psyche mehr da sind,
während sie im Tiefschlaf da waren, aber nur gute [s.u.: „Ich habe gut geschlafen“.].
Die innere Hülle wird in Verbindung mit dem Atma scheinbar „geistig“ (cetanavat-
iva; cetana = Geist, Bewusstsein; iva = sozusagen; vat = habend), und der in Wirklichkeit
unbeteiligte und sich nicht verändernde Atma handelt scheinbar (karta-iva; karta = der Täter,
der Handelnde; iva = sozusagen), während in Wirklichkeit nur die Guna-s der Prakriti
handeln.
Die empirische Seele ist also nichts anderes als die Gesamtheit der Vorgänge im
Innenorgan (= antahkaranam), insofern das Licht des Bewusstseins (= des Atma’s) auf sie
fällt (prakasha, d.h. etwas, das wie Licht etwas anderes erhellt und sichtbar macht, was ohne
diesen Prakasha gar nicht Gegenstand des Erlebens werden könnte). Der Atma ist sva-
prakasha, d.h. seinem eigenen Wesen nach Erkenntnis- oder Bewusstseinslicht. Die Funktion
des Erleuchtens affiziert den Atma selbst in keiner Weise, er bleibt von den Vorgängen im
Innenorgan und noch weniger im Außenorgan, vollkommen unberührt.

Beispiel: Wie eine Blüte, die durch einen Kristall hindurchschimmert, oder Feuer, das Eisen durchglüht, oder ein
Sonnenstrahl, der ein Stäubchen beleuchtet, oder die Sonne, die die Erde bescheint.

Dass der Atma zu handeln und zu erleben scheint, beruht darauf, dass infolge seiner
Verbindung mit dem ungeistigen Innenorgan dieses Innenorgan scheinbar geistig wird und

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der untätige Atma, bei oberflächlicher Betrachtung, handelt. In Verbindung mit dem
Innenorgan gibt ihm Avidya (= Unwissen) die Illusion, er sei der innere Körper, und der
Ahamkara (Ich-Prinzip) sei sein eigenes Ich-Prinzip. Der Ahamkara oder das innere Tatorgan
wird dadurch lebendig, dass er vom Atma beleuchtet oder bewusst gemacht wird. Dann
erzeugt er die Wahnvorstellung (abhimana), dass der Atma selbst ein handelndes und
leidendes Subjekt sei.
In Wirklichkeit hat der Atma sein eigenes Ich-Prinzip. Man nennt das tvam-pada-artha
= tvam-padartha oder das, worauf das Wort (pada) tvam (Du) abzielt oder was es meint
(artha).
Im Tiefschlaf ruht der Ahamkara oder das psychische Ich-Organ. Das Ich-Prinzip des
Atma’s aber ist wie immer da, doch vermag der Atma in dem von Tamas bedeckten
Innenorgan sich nicht widerzuspiegeln und zu erkennen. Wenn der Mensch erwacht, so
erwacht der Ahamkara oder das psychische Ich-Prinzip wieder zur Tätigkeit, und der Atma,
der sich mit deren Innenorgan identifiziert, veranlasst durch seine Prakasha-Natur, dass das
scheinbar geistige Innenorgan formuliert: „Ich habe gut geschlafen“ oder: „Ich habe so tief
geschlafen – ich wusste von mir selber überhaupt nichts.“
Die Verbindung des Atma’s mit dem ungeistigen Innnenorgan beruht auf mangelndem
Viveka oder Unterscheidungskraft, d.h. die Wirkweise Nr. 2 der Buddhi, Viparyaya oder
Fehlschluss oder fundamentaler Irrtum (!), beherrscht das Denken des Menschen.

Viparyaya besteht aus den 5-fachen Klesha-s. Die Samskara-s und Vasana-s, die im Citta und Manas wirksam
sind, veranlassen die Buddhi, an dem Viparyaya festzuhalten, obgleich bereits verstanden wurde, dass Asmita
(sich selbst für die Einheit von Atma, physischem und psychischem Organ zu halten) die Ursache für die
Bindung des Atma’s ist.

Eine empirische Seele als eigenständige Wesenheit existiert eigentlich nicht. Die
Bestimmungen einer empirischen Seele widersprechen dem Wesen des reinen Atma’s.
Beschreibungen wie z.B. Bindung und Erlösung (mukti) sind bloß ein sprachlicher Ausdruck
(vak-matra), denn der Atma selbst ist weder gebunden noch frei. Er meint nur, gebunden oder
frei zu sein.

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Nachtrag zu Ahamkara

Ahambhava-aspatam = der Sitz des Ahambhava


Abhimantavya = das, was auf ein Ich bezogen wird; also alles, was erlebt und getan wird.

Die lebendige Koordination von Sinnesorgan, Sinn, Buddhi und Manas erfolgt durch die
sogenannten Deva-s, die die Funktionen der Nervenzellen überwachen. (Deva von √div,
scheinen oder spielen, ordnen)
Es sind also geistige Kräfte, deren der Mensch sich nicht bewusst werden kann, denn
Bewusstwerdung bedarf der Funktion der Buddhi, die auf einer tieferen Stufe als die Deva-s
steht. Diese 10 Deva-s sind untergeordnete Teilaspekte selbstständiger Deva-s, die ihre eigene
Existenz als Personen in Svarga haben.
Unter Svarga versteht man den Raum, der jenseits der Atmosphäre der Erde liegt und
der sich bis einschließlich der Sonne erstreckt. Diese Deva-s in Svarga besitzen eine
physische und eine psychische Hülle, die der Struktur nach der des Menschen entsprechen,
aber da die Hüllen der Deva-s subtiler sind als die menschlichen, können sie nicht durch die
Menschen wahrgenommen werden. Sie besitzen aber die Kraft, sich sichtbar zu machen, aber
im Kaliyuga machen sie von dieser Kraft keinen Gebrauch.

Das Kaliyuga beginnt ca. 3102 v. Ch. und dauert 432.000 Jahre (nach astronomischen Kalkulationen). Seit der
Formung unserer gegenwärtigen Erde sind bisher ungefähr 1.955.585.065 Jahre vergangen, aber der Beginn der
Formung unserer gegenwärtigen Erde liegt 1.972.000.065 Jahre zurück. Vgl. Vishnu-Purana und Mahabharatam!

Shankara, im 8. Jahrhundert nach Christi Geburt, sagt in seinen Kommentaren, dass die
Tatsache, dass wir die Deva-s auf Erden nicht wahrnehmen, kein Beweis gegen ihre Existenz
ist. In diesem Zusammenhang weist er auch darauf hin, dass die alten Berichte über große
Herrscher der Vorzeit, besondere astronomische Ereignisse usw. nicht abgelehnt werden
dürfen als einfach Produkte der Phantasie, nur weil wir uns in der gegenwärtigen Geographie
und Astronomie in einem anderen Zustand befinden als früher.
Der Atma im Embryo entspricht dem Brahma in der kosmischen Urmaterie eines
Weltensystems. Wenn sich die Urmaterie zusammenballt, dann nennt man die sich zuerst
bildende Form Hiranya-Garbha, wörtlich „goldener Embryo“. Der Atma in diesem Embryo
ist der Brahma. Brahma hat aber noch eine andere Form, die nicht kosmisch ist, und das ist
der Brahma, der die Strukturen aller organischen und unorganischen Formen aus der

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Urmaterie gestaltet. Diese Ideen werden Brahma zusammen mit der Mitteilung der Veda-s
von Narayana, d.i. Gott mitgeteilt. Brahma ist ein außergewöhnlicher, auf Grund seines
Karma’s für diese Aufgabe befähigter Atma. Es heißt aber, dass Narayana als Avatara Selbst
die Form und die Aufgaben des Brahma übernimmt, wenn zu Beginn einer kosmischen
Entfaltung kein würdiger Atma da ist.
Normalerweise ist Brahma also nicht mit Gott als dem Schöpfer der Welt
gleichzusetzen. Jedem Universum entsprechend wird der Brahma eines Universums
symbolisch als 4-armig, 8-armig, 16-armig usw. dargestellt.

Ein Universum im indischen Sinn = ein Sonnensystem.


Brahma heißt das, was unendlich groß ist und macht, dass Anderes groß wird.
√brh = groß sein, sich steigern, Größe verursachen, Steigerung veranlassen.

Gott ist dynamisch, kann Sich Selbst nicht zu Ende erleben oder wahrnehmen.
Innere Verwandtschaft zwischen Gott und Welt besteht darin, dass beide dynamisch
sind. Stillstand bedeutet Tod, auch beim Menschen. Ein Leben ohne Hindernisse und
Schwierigkeiten macht nicht an sich glücklich.
Schwierigkeiten und Hindernisse bedeuten, dass der Mensch streben muss, sich
bewegen muss und Fortschritte machen muss. Die veränderte Haltung gegen die Verhältnisse
macht glücklich.

Der Ahambhava = das Ich-Bewusstsein wird nach seinem Organ im physischen Leib
Ahamkara genannt. Dieses Ich-Prinzip ermöglicht, die Funktionen und die Wirkweisen der
Sinnesorgane, der Sinne und der ersten drei Schichten des Antahkaranam (Cittam, Manas und
Buddhi) auf ein Erleben des Ichs zu beziehen.
Jede geistige oder physische, bewusste oder unbewusste Tätigkeit ist ohne Beziehung
auf ein Ich unmöglich. Im Tiefschlaf und im Samadhi setzt die Funktion des Ahamkara
temporär aus.
Der Inhalt des Ahamkara verändert sich im Traumzustand und kann durch psychische
oder biochemische Intoxikation verändert oder erweitert werden, bis zu einer Spaltung des
Ichs (Schizophrenie).

Durch LSD und andere Drogen kann eine künstliche Bewusstseinserweiterung erfolgen, bei der der
inhibitionsartige Schutz, der die Vorgänge im Bewusstsein, Unterbewusstsein, Vorbewusstsein etc. abschirmt –
nicht nur einem Beobachter, sondern auch dem eigenen Selbst gegenüber – ganz oder teilweise eliminiert wird.