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Andorra (Drama)

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Plakat der Aufführung unter der Regie von Urs Odermatt in Halle 1993

Andorra ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, das den Abschluss seiner Periode des
„engagierten Theaters“ bildet. In Form einer Parabel thematisiert Frisch am Beispiel des
Antisemitismus die Auswirkung von Vorurteilen, die Schuld der Mitläufer und die Frage nach der
Identität eines Menschen gegenüber dem Bild, das sich andere von ihm machen.

Das Drama handelt von Andri, einem jungen Mann, der von seinem Vater unehelich mit einer
Ausländerin gezeugt wurde und deshalb von diesem als jüdischer Pflegesohn ausgegeben wird. Die
Bewohner Andorras begegnen Andri permanent mit Vorurteilen, so dass er, selbst nachdem er seine
wahre Herkunft erfahren hat, an der ihm zugewiesenen jüdischen Identität festhält. Es folgt seine
Ermordung durch ein rassistisches Nachbarvolk. Nachdem die Andorraner alles geschehen ließen,
rechtfertigen sie ihr Fehlverhalten und ihre Feigheit vor dem Publikum und leugnen ihre Schuld.

Andorra wurde am 2. November 1961 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Kurt Hirschfeld
uraufgeführt und als eines der wichtigsten Theaterstücke nach dem Zweiten Weltkrieg gefeiert. Das
Drama wurde aber auch Gegenstand von Kontroversen, die sich daran entzündeten, dass Frisch den
Antisemitismus als Modell wählte, wodurch dessen spezielle Problematik entschärft und die
historische Wirklichkeit verharmlost werde. Als Vorbild für das von Frisch als „Modell“ bezeichnete
Andorra, mit dem nicht der reale Kleinstaat Andorra gemeint sei, wurden oft die Schweiz oder
Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus verstanden. Während das Drama in Amerika
am Broadway scheiterte, ist es im deutschen Sprachraum bis heute ein an vielen Bühnen gespieltes
und in den Schulkanon aufgenommenes Werk. Gemeinsam mit Biedermann und die Brandstifter ist
Andorra das bekannteste Theaterstück Max Frischs.

Inhaltsverzeichnis

1 Handlung

2 Personenverzeichnis

3 Szenenverzeichnis

4 Themen des Stücks

5 Entstehungsgeschichte

6 Rezeption

7 Literatur

8 Film

9 Einzelnachweise
Handlung

Die Einwohner Andorras fürchten den Angriff der „Schwarzen“, eines mächtigen Nachbarvolks, das
Juden verfolgt und ermordet. Auch die patriotischen Andorraner haben eine Vielzahl antisemitischer
Vorurteile. Unter diesen Vorurteilen leidet Andri, die Hauptperson des Dramas, der seit seiner
Kindheit vom Lehrer Can als jüdisches Pflegekind ausgegeben wurde. Erst später kommt ans
Tageslicht, dass Andri der Sohn Cans aus einer außerehelichen Beziehung mit einer „Schwarzen“ ist.
Um seine Vaterschaft geheim zu halten, behauptete der Lehrer, er habe Andri als jüdisches Kind vor
den „Schwarzen“ gerettet.

Das Stück beginnt am Vortag des Sanktgeorgstags. Barblin, die Tochter des Lehrers, weißelt das Haus
ihres Vaters, wie alle Mädchen an diesem Tag. Dabei wird sie vom Soldaten beobachtet und mit
anzüglichen Witzen belästigt. Der Pater drückt das Selbstverständnis der Andorraner aus, sie seien
ein friedliches, schwaches und frommes Land. Doch verschiedene Vorzeichen weisen bereits auf eine
kommende Katastrophe hin.

Andri selbst arbeitet zu dieser Zeit als Küchenjunge in einer Kneipe. Er liebt Barblin, ohne zu wissen,
dass sie in Wahrheit seine Halbschwester ist. Andri möchte sie heiraten, traut sich jedoch nicht, beim
Lehrer um ihre Hand anzuhalten. Die Tochter seines vermeintlichen Pflegevaters zu verführen, käme
ihm undankbar vor; das Gefühl, seinem „Retter“ ständig dankbar sein zu müssen, bedrückt ihn. Andri
gibt sich sehr zurückhaltend und ist auf die öffentliche Meinung bedacht. Um nicht die
allgegenwärtigen antisemitischen Vorurteile der Andorraner auf sich zu ziehen, passt er sich ihnen so
gut wie möglich an und bemüht sich, seine Loyalität zu beweisen.

Der Lehrer handelt eine Tischlerlehre für Andri aus, obwohl der Tischler seine Vorurteile immer
wieder mit der Floskel „… wenn’s einer nicht im Blut hat“ bekundet und eine übertrieben hohe
Summe für die Lehre verlangt. Andri ist stolz auf seine Lehrlingsprobe, einen fest verzapften Stuhl,
doch der Tischler ordnet Andri das misslungene Werk des Gesellen zu, dessen Beine sich einfach
herausreißen lassen. Der Geselle klärt den Irrtum nicht auf, und der Tischler ist aufgrund seiner
Vorurteile gerne bereit, Andris Arbeit abzuwerten. Er versetzt Andri in den Verkauf, für den er als
Jude, wie der Tischler meint, besser geeignet sei. Andri realisiert, dass seine Anpassung nicht alle
Vorurteilsschranken überwinden kann, und begehrt das erste Mal auf.

Nach einer Untersuchung durch den Doktor, den der Lehrer wegen antisemitischer Äußerungen aus
dem Haus wirft, hält Andri beim Lehrer um die Hand Barblins an. Er wird abgewiesen und schreibt die
Schuld seiner Identität als Jude zu. Je mehr Andri mit den Vorurteilen konfrontiert wird, desto
intensiver beobachtet er sich und nimmt ihm nachgesagte Eigenschaften an sich selbst wahr. So
eignet er, der bislang mit seinem Geld großzügig umgegangen ist, sich die „jüdische“ Geldgier erst an,
als er plant, mit Barblin auszuwandern.

Andri schläft nachts auf Barblins Türschwelle. Von ihm unbemerkt vergewaltigt der Soldat, der schon
vorher erfolglos „ein Aug auf Barblin“ geworfen hat, Barblin, die vergeblich versucht zu schreien.
Mehrfach weist Andri in dieser Nacht seinen Vater ab, der das Gespräch mit ihm sucht. Als der Lehrer
Andri als seinen „Sohn“ anspricht, verwahrt sich Andri davor, der Sohn des Lehrers zu sein.
Schließlich tritt der Soldat aus Barblins Kammer, und Andri verliert auch den Glauben an sie. Der
Pater bemüht sich um Andri, aber auch er äußert Vorurteile und bestärkt Andri in guter Absicht
darin, „sich selbst“ als Juden anzunehmen.

Andris Mutter, „die Senora“ genannt, kommt von den „Schwarzen“ nach Andorra, um ihren Sohn zu
sehen. Als sie dem Lehrer vorwirft, Andri als Juden ausgegeben zu haben, fasst dieser endlich den
Entschluss, die Wahrheit zu offenbaren. Der Pater eröffnet Andri dessen wahre Identität, stößt
jedoch auf Andris Weigerung, die Wahrheit anzunehmen. Er beharrt auf seiner Rolle als Jude und
Sündenbock, mit der er sich inzwischen abgefunden hat. Bei der Abreise fällt die von den
Andorranern als „Spitzelin“ angefeindete Senora einem Steinwurf zum Opfer. Das Attentat wird zu
Unrecht Andri zur Last gelegt, die spätere Angst des Wirtes verrät diesen als den wahren Steinwerfer.

Die „Schwarzen“ marschieren in Andorra ein, und vormals überzeugte Patrioten geben ihre Waffen
ab und biedern sich bei den neuen Machthabern an. Währenddessen kommt es zur letzten
Konfrontation zwischen Andri und seinem Vater, und Andri weist ein letztes Mal die Wahrheit ab. Er
identifiziert sich nun mit dem kollektiven Schicksal der Juden und ist bereit, die Märtyrerrolle
anzunehmen. Andri wendet sich auch von Barblin ab, die ihren Bruder zu retten versucht. Er weist die
Bruderrolle zurück und will von Barblin das, was sie in seinen Augen dem Soldaten und allen anderen
gewährt und nur ihm verweigert: mit ihr zu schlafen. Doch er wird vom Soldaten aufgegriffen, der
inzwischen in den Dienst der „Schwarzen“ übergelaufen ist.

Auf dem Platz von Andorra findet eine „Judenschau“ unter der Leitung eines „professionellen
Judenschauers“ der „Schwarzen“ statt, der angeblich Juden an äußeren Merkmalen erkennen kann.
Trotz Barblins Appellen zum Widerstand setzen sich die Andorraner gegen die Invasoren nicht zur
Wehr. Andri wird an seinem Gang als Jude „erkannt“ und abgeführt. Erst als dem Todgeweihten auch
noch der Finger abgehackt wird, um ihm den Ring der Senora abzunehmen, geht diese Tat sogar den
Andorranern zu weit. Am Ende des Stückes hat sich der Lehrer erhängt und Barblin den Verstand
verloren. Sie weißelt das Pflaster des großen Platzes und greift damit das Geschehen der
Anfangsszene auf.

Zwischen den Bildern treten einzelne in das Stück involvierte Andorraner in kurzen Passagen aus der
Handlung heraus in den Vordergrund. In Zeugenaussagen an einer Schranke rechtfertigen sie ihre
Taten und Unterlassungen und weisen die Schuld an Andris Tod von sich. Lediglich der Pater, der als
einziger im Gebet statt an der Zeugenschranke aussagt, bekennt, sich ein Bildnis von Andri gemacht
zu haben und übernimmt eine Mitschuld an seinem Tod.

Personenverzeichnis

Im Personenverzeichnis werden zwölf sprechende Personen aufgeführt, von denen nur zwei mit
Namen genannt werden: Andri und Barblin. Sie sind die einzigen Figuren, die einander lieben, und
damit kein Bildnis voneinander anfertigen (siehe das Thema der Bildnisproblematik).[1] Die anderen
werden mit einem Titel bzw. Beruf bezeichnet; der eigentliche Name wird allenfalls im Gespräch
erwähnt. Es handelt sich um Typen, die durch Familie, Beruf oder gesellschaftliche Stellung festgelegt
sind. Max Frischs Absicht, Andorra den Charakter eines Modells zu verleihen, zeigt sich bereits an den
typenhaften Rollennamen.

Viele Andorraner verkörpern zudem mindestens je eines der Vorurteile, mit denen man Andri
begegnet. Das der Feigheit, das einzige, das auch auf Andri anwendbar ist, trifft auf alle von ihnen zu.
Neben den Sprechrollen treten zwei stumme Einzelpersonen auf, der Idiot und der Judenschauer,
sowie zwei stumme Kollektive, das andorranische Volk und die Soldaten der „Schwarzen“.

Rollenbezeichnung Name Besonderes

Sprechende Rollen

Andri Andri ist, obwohl im Zentrum der Handlung, isoliert von den anderen Figuren. Laut Frisch
ist er „kein Musterknabe. Er soll uns auch manchmal schockieren wie jeder andere Mensch.“[2]

Barblin Barblin die einzige, die sich bis zum Schluss für Andri einsetzt. Zur Unklarheit vieler
Zuschauer über das Verhältnis zwischen Barblin und dem Soldaten äußerte sich Frisch, dies sei
„bedauerlich“, aber „eine nebensächliche Unklarheit“, und er deutete die Regieanweisung zum
sechsten Bild – „Barblin will schreien, aber der Mund wird ihr zugehalten“ – aus: „das kennzeichnet
ihn als Vergewaltiger“.[3]

Der Lehrer Can Vater von Andri und Barblin.

Die Mutter Frau des Lehrers und Mutter Barblins, versucht die Familie
zusammenzuhalten.

Die Senora Mutter Andris, eine „Schwarze“. Frisch nannte sie nachträglich „eine
schwache Figur. […] Wichtig ist nicht die Senora sondern das Problem Andri-Andorra.“[2]

Der Pater Benedikt legt sein Geständnis nicht an der Zeugenschranke ab und gesteht als
einziger seine Schuld ein; handelt zwar in guter Absicht, ist aber dennoch für Frisch „einer unter
anderen. Er vertritt die Kirche, mag sein, aber die Kirche vertritt nicht uns, nicht für mich.“[2] Zwar
schreibt er „den Juden“ (und mit ihnen Andri) positive Eigenschaften zu, legt aber damit ebenso wie
die anderen Andorraner Andri auf eine bestimmte von Vorurteilen determinierte Rolle fest.

Der Soldat Peider „hat ein Aug“ auf Barblin und entspricht durch die spätere Vergewaltigung
dem Vorurteil der Geilheit

Der Wirt mutmaßlicher Mörder der Senora; er entspricht dem gegenüber Andri
erhobenen Vorurteil der Geldgier

Der Tischler Prader besonders antisemitisch; entspricht ebenfalls dem Vorurteil der Geldgier

Der Geselle Fedri verrät Andris Freundschaft

Der Jemand erscheint als ironischer, distanzierter Beobachter, der zwar weiter denkt als
die anderen Andorraner, aber nicht ins Geschehen eingreift.

Der Doktor Ferrer besonders antisemitisch und patriotisch, versuchte vergebens, im Ausland
Karriere zu machen und begründet seine Rückkehr nach Andorra scheinheilig mit seiner Liebe zum
„Vaterland“. Er beschuldigt den Ehrgeiz der Juden, ihm die Stellen vor der Nase weggeschnappt zu
haben und ist dabei selbst übertrieben ehrgeizig.
Stumme Einzelrollen

Der Idiot übernimmt die Funktion des Narren, dient zur Betonung bestimmter
Aussagen

Der Judenschauer stellt ein „verfremdendes Element“ dar, er ist kein Typus wie die
anderen Figuren, sondern das „Symbol für die Macht des Vorurteils und deren
Institutionalisierung.“[4]

Szenenverzeichnis

Das Stück Andorra ist in zwölf Bilder unterteilt, die sich ihrerseits zu zwei thematischen Komplexen
von jeweils sechs Bildern zusammenfassen lassen. Während in den ersten sechs Bildern die
wachsende Ausgrenzung Andris aus der Gemeinschaft der Andorraner gezeigt wird, thematisieren
die zweiten sechs Bilder Andris fortschreitende Identifikation mit dem Bild, das sich die Andorraner
von ihm machen, „seine zunehmende Bereitschaft auch, das alte Los ‚der‘ Juden zu erleiden und als
Sündenbock getötet zu werden.“[1]

Szene Inhalt Vordergrund Inhalt

Erstes Bild Ausgangsposition, Andeutung des Kommenden (Jemand: „Es liegt ein Gewitter in der
Luft“) 1. Geständnis Der Wirt an der Zeugenschranke

Zweites Bild Nächtliches Gespräch Andri–Barblin, Selbstzweifel Andris 2. Geständnis Der


Tischler an der Zeugenschranke

Drittes Bild Andri in der Tischlerwerkstatt, er darf kein Tischler werden (erster Schlag für Andri)
3. Geständnis Der Geselle an der Zeugenschranke

Viertes Bild Gespräch Andri–Doktor, Ablehnung der Heirat seiner Kinder durch den Lehrer

Fünftes Bild Gewissenskonflikt des Lehrers

Sechstes Bild Andri weist Erklärungsversuche des Lehrers ab, der Soldat vergewaltigt Barblin 4.
Geständnis Der Soldat an der Zeugenschranke

Siebtes Bild Pater redet auf Andri ein, „sich“ anzunehmen, auch er zeigt unterschwellige
Vorurteile 5. Geständnis Pater betet, erstes und einziges Geständnis, in dem jemand seine
Schuld zugibt

Achtes Bild Auftreten der Senora, Soldaten verprügeln Andri Gespräch Lehrer-Senora
Schuldzuweisung der Senora an den Lehrer

Neuntes Bild Abschied und Tod der Senora, erneutes Gespräch Andri–Pater, doch Andri hat
inzwischen das Bild der anderen als eigene „Identität“ angenommen 6. Geständnis Jemand an
der Zeugenschranke, Andri tat ihm leid, aber „man muss auch vergessen können“

Zehntes Bild Invasion der „Schwarzen“, Gespräch Andri–Lehrer, endgültige Identifizierung Andris
mit dem Schicksal der Juden Patrouille der Soldaten der „Schwarzen“

Elftes Bild Andri will mit Barblin gegen ihren Willen schlafen „wie die anderen“, langes Gespräch
Andri–Barblin, Verhaftung Andris 7. Geständnis Der Doktor an der Zeugenschranke

Zwölftes Bild Judenschau, Andri wird „geholt“, Barblin verfällt in Wahnsinn, der Lehrer erhängt sich
Themen des Stücks

Max Frisch bei Proben zu Andorra im Schauspielhaus Zürich 1961

Eines der Hauptthemen des Stücks ist die Bildnisproblematik, die im Zentrum von Frischs gesamtem
Werk steht: Wie kann sich der einzelne seine eigene Identität bewahren gegenüber dem Bild, das
sich die Umwelt von ihm macht? Frischs erste Prosaskizze zu Andorra endete mit dem Verweis auf
das Gebot: „Du sollst dir kein Bildnis machen, heißt es, von Gott. Es dürfte auch in diesem Sinne
gelten: Gott als das Lebendige in jedem Menschen, das, was nicht erfaßbar ist. Es ist eine
Versündigung, die wir, so wie sie an uns begangen wird, fast ohne Unterlaß wieder begehen –
Ausgenommen wenn wir lieben.“[5] In seinem Roman Stiller führte Frisch weiter aus: „Jedes Bildnis
ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe […] Wenn man einen Menschen liebt, so läßt
man ihm doch jede Möglichkeit offen und ist trotz allen Erinnerungen einfach bereit, zu staunen,
immer wieder zu staunen, wie anders er ist, wie verschiedenartig und nicht einfach so, nicht ein
fertiges Bildnis“.[6]

Indem die Andorraner ein Bild entwerfen, wie Andri als Jude zu sein habe, legen sie ihn gemäß ihren
Vorurteilen fest. Um mit sich selbst ins Reine zu kommen, um mit dem Bild, das die anderen von ihm
haben, eins zu werden, bleibt Andri schließlich nichts anderes übrig, als dieses Bild anzunehmen, die
von ihm erwartete Rolle auszufüllen und die ihm entgegengebrachten Vorurteile zu bestätigen.[7]
Der Druck der sozialen Umwelt führt zu ständigen Selbstprüfungen und zur Anpassung an die
Erwartungen. In einem Interview mit Curt Riess erhob Frisch auf Grundlage seines Stücks die
Forderung: „Jeder Mensch ist verpflichtet, jeden seiner Mitmenschen ohne Vorurteil zu
betrachten.“[8]

Ein weiteres Thema des Stückes ist die Feigheit des Menschen. Die Andorraner sind feige, als sie,
obgleich „gegen Greuel“ eingestellt, nichts gegen die „Schwarzen“ tun. Auch der frei denkende
Jemand, der gütige Pater und Andris Vater sind feige. Andri selbst ist feige, als er sich nicht traut, um
die Hand Barblins anzuhalten und als er den anderen nacheifern muss. Seine Feigheit ist auch Folge
des Vorurteils, das ihm von den Andorranern entgegengebracht wird. Der Soldat, der Andri
gegenüber behauptet, ein Andorraner sei nicht feig, nur Juden seien feig, gehört zu den ersten
Überläufern, als die „Schwarzen“ einmarschieren.

Max Frisch bei Proben zu Andorra im Schauspielhaus Zürich 1961

Frisch legte großen Wert darauf, dass der Zuschauer sich nicht von den Andorranern distanzieren
könne. Es sei wesentlich am Stück, „daß die Andorraner ihren Jud nicht töteten, sie machen ihn nur
zum Jud in einer Welt, wo das ein Todesurteil ist.“ Dass ein anderer zum Henker werde, entlaste sie
nicht von ihrer Schuld: „ich möchte die Schuld zeigen, wo ich sie sehe, unsere Schuld, denn wenn ich
meinen Freund an den Henker ausliefere, übernimmt der Henker keine Oberschuld.“[9] Im Interview
mit Curt Riess führte er weiter aus: „Die Schuldigen sitzen ja im Parkett. Sie, die sagen, daß sie es
nicht gewollt haben. Sie, die schuldig wurden, sich aber nicht mitschuldig fühlen. Sie sollen
erschrecken […] sie sollen, wenn sie das Stück gesehen haben, nachts wach liegen. […] Die
Mitschuldigen sind überall.“[8]
Die Zeugenaussagen zeigen, dass die Menschheit unverbesserlich ist und die Andorraner aus alledem
nichts gelernt haben. Die meisten von ihnen geben zwar zu, dass ihr Vorgehen gegenüber Andri als
Nichtjuden unrecht war, sie reduzieren jedoch ihre Schuld auf das Unwissen um die wahre Identität
Andris und halten ihr Vorgehen einem wirklichen Juden gegenüber für gerechtfertigt. Sie nehmen nur
die geringste Schuld auf sich, jenen Teil, der für den Verlauf der Geschichte nicht von Bedeutung war.

Frisch selbst sah in seinem Stück „[d]ie Quintessenz: die Schuldigen sind sich keiner Schuld bewußt,
werden nicht bestraft, sie haben nichts Kriminelles getan. Ich möchte keinen Hoffnungsstrahl am
Ende, ich möchte vielmehr mit diesem Schrecken, ich möchte mit dem Schrei enden, wie skandalös
Menschen mit Menschen umgehen.“[8] Seine pessimistische Einschätzung erstreckte sich auch auf
die Frage nach der Wirkung seines Stücks: „Das ist ein Optimismus, den ich nicht habe.“ Nachdem in
Andorra der Rassismus thematisiert, das Stück sogar an Schulen gelesen worden war, waren für ihn
„die rassistischen Reflexe“ in der Gastarbeiterfrage „[d]er Gegenbeweis, daß da etwas gelehrt wurde,
das eine Wirkung gezeitigt und Früchte getragen hat“.[10]

Entstehungsgeschichte

Ein erster Entwurf zu Andorra entstand bereits 1946. Er findet sich in Frischs Tagebuch 1946–1949
unter dem Titel Der andorranische Jude und folgt auf eine Prosaskizze zum Gebot „Du sollst Dir kein
Bildnis machen“.[11] Im Unterschied zur späteren Theaterbearbeitung wird darin angedeutet, dass
der Jude von Tätern aus Andorra selbst grausam ermordet wird, und die Andorraner rechtfertigen
sich nicht im Zeugenstand: „Die Andorraner aber, sooft sie in den Spiegel blickten, sahen mit
Entsetzen, daß sie selber die Züge des Judas tragen, jeder von ihnen.“[5] Joachim Kaiser urteilte
später über die Unterschiede zwischen dem Entwurf und dem Theaterstück: „Das Stück erzählt die
Parabel anders. Nicht der Jude steht im Mittelpunkt, sondern – bereits der neu formulierte Titel
deutet es an – Andorra.“[12]

In einem Werkstattgespräch mit Horst Bienek aus dem Jahr 1961 führte Frisch aus: „Erst nach Jahren,
nachdem ich die erwähnte Tagebuchskizze mehrere Male vorgelesen hatte, entdeckte ich, daß das
ein großer Stoff ist – so groß, daß er mir Angst machte, Lust und Angst zugleich – vor allem aber,
nachdem ich mich inzwischen aus meinen bisherigen Versuchen kennengelernt hatte, sah ich, daß
dieser Stoff mein Stoff ist. Gerade darum zögerte ich lang, wissend, daß man nicht jedes Jahr einen
Stoff findet. Ich habe das Stück fünfmal geschrieben, bevor ich es aus der Hand gab.“[13]

Altstadt von Ibiza, die Anregung für die Kulissen von Andorra

Frisch plante sein Theaterstück für das 20-jährige Jubiläum des Schauspielhaus Zürich in der Saison
1958/1959, zog aber zur Übung die beiden Einakter Biedermann und die Brandstifter und Die große
Wut des Philipp Hotz vor. Die Arbeiten begannen auf Ibiza, daher, so Frisch, „die weißen kahlen
Kulissen.“[14] Eine erste Fassung unter dem Titel Zeit für Andorra blieb wegen gleichzeitiger Arbeit
an dem Roman Mein Name sei Gantenbein unvollendet. Im Dezember 1960 legte Frisch dem
Suhrkamp Verlag eine Fassung unter dem Titel Modell Andorra vor. Doch bis zur Uraufführung am
Zürcher Schauspielhaus, die am 2., 3. und 4. November 1961 an drei Abenden gegeben wurde,
arbeitete Frisch intensiv an dem Drama, weitere Änderungen wurden noch bis zur deutschen
Erstaufführung am 20. Januar 1962 (zeitgleich in München, Düsseldorf und Frankfurt) vorgenommen.
[15]

Zum endgültigen Titel Andorra äußerte sich Frisch in den Anmerkungen zum Stück: „Gemeint ist
natürlich nicht der wirkliche Kleinstaat dieses Namens, nicht das Völklein in den Pyrenäen, das ich
nicht kenne, auch nicht ein anderer wirklicher Kleinstaat, den ich kenne [Anspielung auf die Schweiz];
Andorra ist der Name für ein Modell.“[14] Und er bedauerte gegenüber Horst Bienek: „Andorra ist
kein guter Titel. Der bessere fiel mir nicht ein. Schade! Was den Kleinstaat Andorra betrifft, tröste ich
mich mit dem Gedanken, daß er kein Heer hat, um die Länder, die das Stück spielen, aus
Mißverständnis überfallen zu können.“[13]

Einen starken Einfluss auf Andorra übte Bertolt Brecht aus. Frisch selbst vermerkte „das schlichte
Bewußtsein, daß ich von ihm gelernt habe.“ Andorra sei „[k]ein Versuch über Brecht hinauszugehen,
hingegen ein Versuch mit dem Epischen Theater, ohne die ideologische Position von Brecht zu
übernehmen“.[16] Ein Verfremdungseffekt im Stile Brechts sei „das Vortreten der Protagonisten, die
zwar keinen Song haben, aber Statements von sich geben – da ist ganz sicher, daß ich das von Brecht
übernommen habe.“[17]

Rezeption

Premierenfeier von Andorra 1961

Andorra gehört gemeinsam mit Biedermann und die Brandstifter zu Frischs bekanntesten und
erfolgreichsten Theaterstücken. Bereits die Uraufführung am Zürcher Schauspielhaus wurde wegen
des großen Publikumsinteresses auf drei Abende vom 2. bis 4. November 1961 verteilt und war ein
großer Theatererfolg. Siegfried Melchinger schrieb über Andorra: „Es ist in deutscher Sprache das
wichtigste [Stück] seit Jahren. […] Die überwältigende Zustimmung mit der es am Zürcher
Schauspielhaus […] aufgenommen wurde, galt sowohl der Wahrheit, die es ausspricht als auch dem
Mann, der den Mut hatte, sie auf die Bühne zu bringen.“[18] Auch Friedrich Luft zeigte sich
begeistert: „Das Interesse war enorm und der Erfolg auch. Wann hat man zuletzt bei einem
modernen Stück, verfaßt in deutscher Sprache, eine solche Raserei der Zustimmung erlebt, bei einem
Stoff zudem, der eher unerfreulich und heikel ist? […] Wir haben mit dieser Triplepremiere in Zürich
ein sehr ansehbares, ein wichtiges, ein höchst bühnengutes Stück in unserer eigenen Sprache endlich
wieder. Ein Exempelstück, ein überzeitliches Zeitstück“. Allerdings setzte er bereits hinzu: „Frisch
wurde endlos gefeiert. Wird man ihn ebenso verstehen wie bejubeln?“[19]

In der Schweiz wurde Andorra als Modell der Schweiz aufgefasst, und die Schweizer Kritik reagierte
„mit wenig Begeisterung“.[20] Frisch selbst bekannte: „Andorra hat das schweizerische Publikum
getroffen […] – und dies nicht unbeabsichtigt; eine Attacke gegen das pharisäerhafte Verhalten
gegenüber der deutschen Schuld: der tendenzielle Antisemitismus in der Schweiz.“[16] Vom
deutschen Publikum wurde das Stück hingegen begrüßt, „wurde darin doch gezeigt, daß nicht nur sie
zu Untaten befähigt seien“.[21] Doch auch von der deutschen Kritik wurde der Bezug zur eigenen
Geschichte und dem Nationalsozialismus thematisiert. So schrieb Rudolf Walter Leonhardt: „Das
historische Modell für Andorra ist Deutschland.“[22] Und Hellmuth Karasek erkannte in der
Schlussszene der Judenschau „für die KZ-Wirklichkeit der Selektionen eine grausige, schrecklich
treffende dramatische Entsprechung“.[23] Für Peter Pütz führte diese Aufnahme zu
Missverständnissen beim Zuschauer: „Die einen lehnten sich aufatmend in ihren Theatersesseln
zurück und sahen ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte – zumindest literarisch – bewältigt.
Andere zeigten sich empört; denn sie vermißten in dem Stück eine angemessene Darstellung und
Verarbeitung des unsagbaren Grauens“.[24]

Tatsächlich mischten sich in die anfängliche Begeisterung bald kritische Stimmen. Für Friedrich
Torberg hatte Frisch mit Andorra „ein eminent wichtiges Stück geschrieben, eines der wichtigsten,
die seit 1945 in deutscher Sprache geschrieben wurden. […] es müßte auf allen deutschen Bühnen
gespielt werden. So wichtig ist es.“ Doch seine Wurzel sei „das fundamentale Mißverständnis […]
Jude, Jude-Sein, Judentum mögen als Begriffe oder Tatbestände der Eindeutigkeit entraten […]: sie
sind keine Modelle, sie sind keine austauschbaren Objekte beliebiger (und ihrerseits austauschbarer)
Vorurteile, wie ja auch der Antisemitismus kein beliebiges (und seinerseits austauschbares) Vorurteil
ist.“[25] Noch weitergehende Vorwürfe gegen Andorra nahm Hans Bänziger wahr: „Man soll
mancherorts sogar eine antisemitische Tendenz entdeckt haben. Das ist kein Zufall. Weil das
Judenproblem im Stück auf seine allgemeinen Grundlagen reduziert wurde, ist das Judenproblem
entschärft.“[26] Hans Rudolf Hilty bemängelte: „Wenn der Verfolgte nur ein hypothetischer Jude ist,
erscheint die Verfolgung allzu leicht als ‚tragischer Irrtum‘ […] die Subsumtion des
Antisemitismusproblems unter die Forderung ‚Du sollst Dir kein Bildnis machen‘ hat wohl doch zu
einer Verharmlosung des historischen Tatbestandes geführt“.[27] Hans Weigel sprach sogar eine
„Warnung vor Andorra“ aus. Das Stück sei „zweitens nicht gut und erstens sehr gefährlich.“ Frisch
habe „das angestrebte Gleichnis nicht verwirklicht“ und lege dadurch die Ausflucht nahe, so wie im
Stück sei es in der Realität nie gewesen. Es sei „immer peinlich, wenn für eine gute Sache mit
fragwürdigen Mitteln geworben wird.“ Doch Österreich habe „die deutsche Herrschaft überlebt,
Österreich hat die zehnjährige vierfache Besatzung überdauert, Österreich wird auch mit Andorra
von Max Frisch fertig werden.“[28]

Die israelische Inszenierung vom März 1962 im Stadttheater von Haifa wurde in einer Besprechung
der Jedioth Hajom als „ein gewisses Wagnis“ betrachtet, säßen hier doch die Ankläger im
Zuschauerraum und nicht die Angeklagten. Der Zuschauer in Israel könne sich nicht durch
„‚Doppeldenken‘ darüber hinwegsetzen“, dass nicht nur die Juden, sondern jede Minorität gemeint
sei, „der versuchte Beweis des Stückes, daß die Juden gar nicht ‚anders‘ sind, sondern zum
Anderssein gezwungen werden, kann in Israel naturgemäß nicht standhalten. Es gibt ja auch positiv
Jüdisches.“ Dennoch sei Andorra ein „aufwühlendes Drama. […] Trotz kleinen Einwänden kann man
es auch dem israelischen Publikum warm empfehlen.“[29] Die Aufführung am New Yorker Broadway
hingegen wurde bereits eine Woche nach der Premiere am 9. Februar 1963 als völliger Misserfolg
abgesetzt. Howard Taubman bemängelte in der New York Times unter anderem die Ironie Frischs,
die „bitter und unnachgiebig“ sei. „Sein Humor ist selten lustig oder spritzig, witzige Pointen kommen
kaum vor. Er trifft den Leser wie ein Gummiknüppel.“ Er verwies auf die Unterschiede von
amerikanischer und mitteleuropäischer Mentalität. „Was uns als ziemlich durchsichtige Ironie
erscheint, wird dort als tiefsinnig und subtil empfunden.“[30] Sabina Lietzmann urteilte über
fünfzehn ihr vorliegende amerikanische Kritiken, es hätten „nur fünf überhaupt begriffen, worum es
in Andorra geht“. Das Publikum nannte „das Stück plump, grob, taktlos […], peinlich, billig […]. Man
will sich von Andorra nicht treffen lassen und behauptet, unter Hinweis auf den europäischen Erfolg,
es möge ‚drüben‘ eine massentherapeutische Wirkung haben, hier aber renne es offene Türen ein.
Daß rassisches Vorurteil ein Übel sei, und wozu es führen könne, habe man hier längst und allgemein
begriffen, dazu brauche man Max Frisch nicht.“[31]

Premierenfeier von Andorra, links hinten Friedrich Dürrenmatt

Der amerikanische Misserfolg und die auch in Europa einsetzende Kritik zeitigten ihre Wirkung.
Während Andorra in der Spielzeit 1962/63 mit 963 Aufführungen nach Friedrich Dürrenmatts Die
Physiker das zweiterfolgreichste Stück an deutschsprachigen Bühnen war, wurde es in den
Folgejahren immer spärlicher aufgeführt und in erster Linie als Schullektüre eingesetzt. Seit Beginn
der 1980er Jahre stiegen die Inszenierungen wieder an, und Andorra wurde in seiner „Zeitlosigkeit“,
„der unverminderten Brisanz seiner Thematik“ und seiner „beklemmenden Aktualität“ neu
wahrgenommen.[32] Bis 1996 zählte Volker Hage rund 230 Inszenierungen an deutschsprachigen
Bühnen.[33] Laut Jürgen H. Petersen ist Andorra „bis auf den heutigen Tag umstritten“ und „[i]m
deutschsprachigen Raum als Kunstwerk gleichermaßen geschätzt wie verworfen“.[34]

Max Frisch selbst kommentierte die Missverständnisse, die die Aufnahme Andorras begleitet hatten,
1975 in einem Brief an Peter Pütz: „Das Stück ist ja selber nicht unschuldig daran; es gibt sich zu
einsinnig – aus einer Not, die mir viel Arbeit verursacht hat: die Fabel trägt sich selber nicht genug
(im Gegensatz zum Biedermann-Stück, das dadurch offener bleibt) und kommt daher ohne
penetrante ‚Sinngebung‘ nicht aus“.[21] Erst 1968 kehrte Frisch mit Biografie: Ein Spiel wieder ans
Theater zurück. Er wandte sich ausdrücklich von der Parabelform der Vorgängerstücke ab, die ihn
dazu nötige, „eine Botschaft zu verabreichen, die ich eigentlich nicht habe“,[21] erreichte aber auch
nicht mehr deren Publikumserfolg. In einem Interview mit Heinz Ludwig Arnold bekannte Frisch: „Ich
bin froh, daß ich [Andorra] geschrieben habe, ich bin froh, daß es sehr viel aufgeführt worden ist –
ich habe nicht allzu viele Aufführungen gesehen. Es ist nicht so, daß ich es mir jetzt noch sehr gerne
anschauen würde; es ist mir zu durchsichtig […]; aber dann [wenn es nicht durchsichtig wäre,] wäre
es vielleicht nicht mehr wirkungsvoll […] Es ist mir nicht geheimnisvoll genug für mich selber.“[35]