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Auswirkungen von Pandemien auf die Gesellschaft - wissenschaft.

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Gesellschaft+Psychologie

Auswirkungen von
Pandemien auf die
Gesellschaft

(Bild: stock.adobe.com, sdecoret)

Vorlesen

Die COVID-19-Pandemie stellt unsere heutige


Gesellschaft vor Aufgaben, Probleme und vor
Fragen. Für jeden persönlich – auch für
Virologen, Mediziner oder Historiker – handelt
es sich um eine Situation, für die es keinen
standardisierten Umgang gibt. Denn niemand
konnte ahnen oder damit rechnen, dass eine
Pandemie, die weltweit unzählige Todesopfer
forderte und weiterhin fordern wird, in so

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kurzer Zeit um sich greifen wird. Außerdem


kann niemand genau sagen, wie Politik und
Gesellschaft auf die sich verändernden
Umstände reagieren.

Allerdings hatte die Menschheit natürlich auch


schon mit anderen Pandemien zu kämpfen – der
Pest, den Pocken oder der Cholera etwa. So lässt
sich auch mit einem Blick auf Vergangenes und
Überstandenes doch einiges in Bezug auf
grundsätzliche Auswirkungen von Pandemien auf
die Gesellschaft ableiten.

Pandemien – Brenngläser für bestehende


Tendenzen in einer Gesellschaft

Jede Gesellschaft tendiert im sozialen, politischen


und ökonomischen Bereich in bestimmte
Richtungen. Diese Tendenzen machen sich häufig
aber erst bemerkbar, wenn es zu bestimmten
Ereignissen kommt oder wenn bestimmte
Probleme gelöst werden müssen. Ein solches
Problem kann eine Pandemie wie die derzeitige
COVID-19-Pandemie sein. Pandemien fungieren
dann auch als Brenngläser für die bestehenden
Tendenzen in einer Gesellschaft – sie heben
sowohl die positiven, als auch negativen
Entwicklungen und Trends hervor.

Jede Pandemie fördert in der Regel vor allem im


sozialen Bereich positive Eigenschaften in vielen
Menschen zutage. Sie ergreifen Eigeninitiative –
selbst, wenn sie zur Gefahrengruppe gehören. So
kennt fast jeder jemanden, dessen Oma
Schutzmasken näht; wenn es nicht sogar die

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eigenen Verwandten sind. Außerdem


solidarisieren Menschen sich in Krisenzeiten
stärker, als gewöhnlich. Und sie zeigen
Bereitschaft, gemeinsam aktiv zu werden, um die
Schwächeren in einer Gesellschaft zu schützen.

Doch auch negative Eigenschaften werden


während Pandemien verstärkt. Aktuell lässt sich
beobachten, dass rassistische Anfeindungen und
Übergriffe auf ausländisch aussehende Mitbürger
zunehmen. Man fürchtet sich vor
„Einschleppungen des Virus von außen“. US-
Präsident Trump nennt den Virus gar in
verachtender Weise „china virus“ – der Virus
komme eben aus China, kommentiert er.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass während


Pandemien fast immer auch derlei negative
Stereotype und Vorurteile verstärkt werden und
alles vermeintlich Fremde als Bedrohung
kategorisiert wird. In der Weimarer Republik
sowie im Dritten Reich schob man Osteuropäern
und Juden die Schuld für die Ausbreitung von
Fleckfieber und Pocken in die Schuhe. Als sich das
HIV-Virus mit Beginn der 1980er Jahre stärker
ausbreitete, nahm die Diskriminierung von
Homosexuellen noch weiter zu. Diese Vorfälle
sind keine Ausnahmen, sondern bestätigen die
Regel der Tendenzverstärkung unter der Last
einer Krise.

Die Bedeutung von Eingriffen durch den


Staat

Während Pandemien wie der derzeitigen muss

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der Staat zum Schutz aller bestimmte


Maßnahmen ergreifen. Kontaktverbote oder -
beschränkungen, sowie geschlossene
Restaurants, Cafés und Läden und Reiseverbote
sind heute typische Maßnahmen. Sie sollen
verhindern, dass sich mehr Leute anstecken und
sich Viren und Krankheiten verbreiten können.

Bei vergangenen Pandemien – früher oft


verallgemeinert einfach als Pestilenzen
bezeichnet – wurden ähnliche Maßnahmen
ergriffen. Auch im Mittelalter etwa isolierte man
Kranke und mied soziale Kontakte in der
Bevölkerung so gut es ging. Auch damals wurden
schon Einrichtungen, wie Gasthäuser, Badehäuser
oder Schulen und Universitäten gesperrt, in
denen es zum Zusammentreffen besonders vieler
Menschen kommen konnte.

Parallelen zu heutigen Eingriffen des Staates


lassen sich auch was die Beratung durch
Fachwissenschaftler und Experten angeht,
beobachten. So erforschten auch zu Zeiten der
Pest im 16. Jahrhundert schon Universitäten
Ursachen für die Seuche und Möglichkeiten, ihr
zu begegnen. Heute sind es Virologen und
Epidemologen, aber auch Sozialwissenschaftler
oder Hirnforscher und Ethikräte, die dem Staat
unterstützend und beispielsweise in Form von
Orientierungshilfen zur Seite stehen.

Fest steht jedenfalls, dass der Staat seinen


Einfluss zur Eindämmung einer Pandemie
ausdehnt und in das Leben der Menschen

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eingreift. Im Jahr 1807 etwa führte das Königreich


Bayern die Impfpflicht gegen Pocken ein. Vor
allem in den digitalen Medien kursieren seit
Längerem auch Gerüchte von einer eventuellen
Impfpflicht gegen das Coronavirus. Mehr
Verschwörungstheorien denn je greifen um sich.
Die deutsche Politik betont allerdings, dass es
solch eine Impfpflicht nicht geben werde. Jeder
entscheide selbst, ob er sich, im Falle eines
erfolgreich entwickelten Impfstoffes, impfen wolle
oder nicht.

Pandemien und die Klassenfrage

Die Maßnahmen, die der Staat in Pandemiezeiten


einleitet, betreffen alle. Allerdings sind die
sozialen Milieus ohne Zweifel in unterschiedlicher
Weise betroffen. Mit der Zeit der Spätmoderne
(etwa ab den 1970ern/ 80ern) brach auch die Zeit
der Drei-Klassen-Gesellschaft an.

Der Kultursoziologe Andreas Reckwitz ist der


Überzeugung, dass diese sich heute in folgender
Form beobachten lässt: Eine neue Mittelklasse
besteht vor allem aus Menschen mit einem
hohen kulturellen Kapital und meist
akademischen Bildungsabschlüssen. Sie arbeitet
vorwiegend im Feld der Wissens- und
Kulturökonomie. Die zweite Klasse ist die
traditionelle Mittelklasse. Es handelt sich dabei
um eine alte, nicht-akademische Mittelklasse, die
sich aus dem alten Bürgertum sowie aus
aufgestiegenen Arbeiter*innen und kleinen
Angestellten zusammensetzt. Die dritte Klasse ist
eine neue geringqualifizierte

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Dienstleistungsklasse, in der sich ein Drittel der


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prekär oder nicht beschäftigten Menschen
befindet.
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In Zeiten von Pandemien, wie der derzeitigen


COVID-19-Pandemie ist interessant zu sehen, dass
bestimmte Subsegmente der jeweiligen Klassen
krisenfester sind, als andere. Natürlich steht der
gesamte deutsche Mittelstand vor einigen
Herausforderungen. Doch manch einer ist eben
deutlich stärker, als der andere betroffen. Wer
etwa aus der neuen deutschen Mittelschicht in
akademischen Berufen tätig ist, kann seine Arbeit
mitunter einfach an den heimischen Schreibtisch
verlagern. Künstler, Musiker und andere
Kulturschaffende hingegen haben es deutlich
schwerer – einige Existenzen stehen auf der
Kippe.

Innerhalb des Dienstleistungssektors findet


ebenfalls eine ähnliche Spaltung statt:
Infrastrukturberufe, also etwa alle
Dienstleistungen, bei denen es um die
Grundversorgung geht, kommen in der Regel
sicher durch die meisten Pandemien. Schließlich
werden Kassierer*innen und Liferant*innen
derzeit genauso von Balkons beklatscht, wie Ärzte
und Ärztinnen, Virolog*innen und
Krankenschwestern. Für diese Dienstleistungen
aus der Pflege, der Sicherheit, dem Reinigungs-
oder Transportsektor und der
Lebensmittelversorgung kann eine Pandemie
sogar zu einer ökonomischen und symbolischen
Aufwertung führen. Während „normaler“ Zeiten

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sind derlei Berufe gesellschaftlich oft unsichtbar.


Doch in Krisenzeiten zeigt sich, dass wir alle auf
sie angewiesen sind.

Der Verkehrsbereich oder auch die Gastronomie


und Hotellerie sowie das Wellness- oder
Beautygewerbe dagegen leiden enorm unter
Pandemien. Viele Menschen, die in Berufen tätig
sind, bei denen es auf engen Kundenkontakt
ankommt oder die auf kurzfristige Nachfrage
angewiesen sind, stehen auf derzeit vor dem
Nichts.

Führen Pandemien zu medizinischem


Fortschritt?

Bevor die Cholera-Epidemien in den 1830er


Jahren um sich griffen, gab es verschiedene Arten
von Ausbildungen für Mediziner, die einem heute
als deutlich überholt vorkommen. Die einen
absolvierten Handwerkerlehren an Patienten,
lernten, wie man operiert und Patienten akut
behandelt und erhielten damit den Namen
„Wundärzte“. Die zweite Gruppe wiederum
bildete sich aus akademischen Medizinern. Sie
erhielten an Universitäten lateinischen Unterricht
und hatten während ihrer gesamten Ausbildung
eigentlich kaum mit Menschen zu tun.

Im Zuge der Cholera-Pandemien änderte sich


dieser Zustand. Um die Bevölkerung gesund
halten zu können, beschloss man, dass alle Ärzte
auch am Patienten zu unterrichten waren. So
sollte jeder Arzt jeden Kranken auch praktisch
behandeln können.

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Auch die Spanische Grippe führte zu


medizinischem Fortschritt. Als sie im Jahr 1918
unzählige Menschen das Leben kostete, brachte
die Pandemie doch immerhin die Virologie voran.
Viruskrankheiten, wie etwa das Gelbfieber und
die Pocken waren zwar vor der Verbreitung der
Spanischen Grippe bereits in der Medizin
bekannt. Allerdings begann man erst im Zuge
ebenjener Viren selbst genauer zu erforschen und
zu untersuchen. Kaum mehr als zehn Jahre nach
dem Ausbruch der Spanischen Grippe ließen sich
Viren mit dem Elektronenmikroskop sichtbar
machen. Und in den 1940er Jahren wurden
schließlich auch schon Menschen gegen die
Grippe geimpft.

Von Polarisierung zu Verschwörung

Pandemien sorgen auch immer zu


Polarisierungen in einer Gesellschaft. Während
sich häufig der Großteil der Menschen
solidarisiert und gemeinsam stark macht, um
auch mit Unterstützung und Umsetzung der
staatlichen, schnell die Zustände zu ändern,
werden auch andere Stimmen laut. Kritik an zu
strengen Regulierungen, Verboten und
Einschränkungen greift um sich. Nicht immer,
aber natürlich auch von beruflich Betroffenen, die
unter den staatlichen Einschränkungen teils
massiv leiden.

Diverse Meinungen führen zu gesellschaftlichen


Diskursen, die gerade in Krisenzeiten von großer
Relevanz sind. Sie erwirken unter Umständen
soziale oder gar medizinische Veränderungen und

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Entwicklungen ins Positive. Das hat die


Geschichte gezeigt. Doch Pandemien sind auch
immer ein ganz besonders fruchtbarer
Nährboden für Verschwörungstheorien.

Wie bereits erwähnt wurden zu Zeiten der Pest im


Mittelalter Juden hinter der Ausbreitung der
tödlichen Infektionskrankheit vermutet. Auch der
Nationalsozialismus konnte nur über ähnliche
Verschwörungstheorien so funktionieren, wie er
stattfand. In der frühen Neuzeit bezichtigte man
auch Hexen der Schuld, für die Entstehung und
Verbreitung diverser Krankheiten verantwortlich
zu sein. Und auch zu Zeiten des Zikavirus oder
der Aids-Welle blühten diverse
Verschwörungstheorien auf. Menschen, die Angst
haben, die verzweifelt sind oder das Gefühl
haben, die Kontrolle zu verlieren, tendieren häufig
dazu, Muster zu sehen, wo keine Muster sind.
Pandemie-Zeiten sind deshalb natürlich
besonders betroffen.

15.06.20220

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