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Wie unser Gehirn Bewegungen verfolgt - wissenschaft.

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Gesundheit+Medizin

Wie unser Gehirn


Bewegungen verfolgt
30. Dezember 2020

Ob wir selbst uns bewegen oder ob wir


einen anderen dabei beobachten – beides
löst im Gehirn ähnliche Reaktionen aus.
(Bild: UCLA/ Suthana lab)

Vorlesen

Wenn wir uns fortbewegen, entsteht in unserem


Gehirn eine Karte der Umgebung, in der
Hindernisse und Grenzen verzeichnet sind.
Gleichzeitig müssen wir in der Lage sein, auch
die Bewegungen anderer Personen in unserer
Nähe zu registrieren und kognitiv zu
verarbeiten. Doch wie werden diese Signale
codiert? Forscher haben nun gezeigt, dass im
mittleren Temporallappen, dem

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Navigationssystem des Gehirns, spezifische


Aktivitätsmuster auftreten, wenn wir uns
Wänden nähern. Erstaunlicherweise entsteht
die gleiche Aktivität, wenn wir eine andere
Person bei ihrer Erkundung des Raums
beobachten. Der Mechanismus könnte dabei
helfen, unsere eigene Umgebung sowie die
Bewegungen anderer Personen einzuschätzen.

Wollten Forscher bisher untersuchen, wie sich


unser Gehirn bei Bewegungs- und
Navigationsaufgaben verhält, standen sie vor
einem Problem: Die meisten Techniken, mit
denen sich die Hirnaktivität beobachten lässt,
funktionieren nur, wenn der Proband dabei in
einer Röhre liegt oder zumindest seinen Kopf
während der Hirnstrommessung stillhält. Echte
Bewegungen waren also nicht möglich, als Behelf
diente virtuelle Realität. Diese Studien sowie
Untersuchungen an Nagetieren deuten darauf
hin, dass der mittlere Temporallappen im Gehirn
eine wichtige Rolle bei der Navigation spielt. „Aber
das weiter zu testen, war technisch schwierig“,
sagt Matthias Stangl von der University of
California Los Angeles.

Neue Technik zur mobilen


Hirnstrommessung

Stangl und seine Kollegen haben das Problem


deshalb auf neue Weise gelöst. Als Probanden
rekrutierten sie Menschen, die aufgrund von nicht
medikamentös behandelbaren epileptischen
Anfällen Elektroden ins Gehirn implantiert
bekommen hatten. Diese messen die Hirnaktivität

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und geben im Bedarfsfall Impulse ab, die einen


Krampfanfall verhindern. Stangl und Kollegen
entwickelten ein Gerät, das die Daten dieser
Elektroden empfängt und das die Probanden als
Rucksack mit sich tragen können.

„Der Rucksack ermöglicht uns zu beobachten, wie


das Gehirn bei natürlichen Bewegungen
funktioniert“, erklärt Stangls Kollege Uros
Topalovic. Nanthia Suthana, die die
Forschungsgruppe leitet, ergänzt: „Wir konnten
zum ersten Mal direkt untersuchen, wie das
Gehirn einer Person durch einen tatsächlichen
physischen Raum navigiert, der mit anderen
geteilt wird. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin,
dass unsere Gehirne einen gemeinsamen Code
verwenden, um zu wissen, wo wir und andere
sich in sozialen Umgebungen befinden.“

Hirnströme zeigen räumliche Grenzen

In ihrem Experiment baten die Forscher ihre


Probanden zunächst, durch einen Raum zu
gehen, während der Rucksack ihre Hirnströme
empfing und ein am Kopf angebrachtes Gerät die
Augenbewegungen verfolgte. Dabei zeigte sich:
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Immer wenn sich die Probanden einer Wand
näherten, verstärkten sich bestimmte Hirnströme,
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sogenannte Theta-Wellen, im Temporallappen der
Probanden. Per Lautsprecher erhielten die
Probanden nun Anweisungen, sich zu einem gut
sichtbar an der Wand angebrachten Schild zu
begeben oder ein verstecktes Ziel auf dem Boden
des Raumes zu suchen. Auch die zielgerichtete
Bewegung spiegelte sich in einer spezifischen

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Theta-Aktivität.

Damit bestätigt das Experiment Hinweise aus


früheren Studien an Nagern sowie an Menschen
in virtueller Realität. Auch darin hatte sich bereits
angedeutet, dass das Gehirn eine mentale Karte
erstellt, in der Wände oder andere Grenzen
andere Aktivitätsmuster auslösen als freie
Flächen. „Diese Ergebnisse unterstützen die Idee,
dass unter bestimmten mentalen Zuständen
Theta-Rhythmen dem Gehirn helfen können zu
wissen, wo sich Grenzen befinden. In diesem Fall
sind wir fokussiert und suchen nach etwas“, so
Stangl. Anhand weiterer Analysen konnten die
Forscher ausschließen, dass andere Faktoren wie
Augen- oder Kopfbewegungen das Ergebnis
verzerrt hatten.

Gleiches Aktivitätsmuster für eigene und


fremde Bewegungen

Zur Überraschung der Forscher zeigte sich das


gleiche Aktivitätsmuster, wenn sich der Proband
nicht selbst durch den Raum bewegte, sondern
einen Experimentator dabei beobachtete. Der
Proband saß währenddessen in einer Ecke des
Raumes. Als Motivation, die Bewegungen
aufmerksam zu verfolgen, sollte er einen Knopf
drücken, sobald der Experimentator das
versteckte Ziel – das dem Probanden nun bekannt
war – erreichte. „Unsere Ergebnisse unterstützen
die Idee, dass unsere Gehirne eine universelle
Signatur nutzen, damit wir uns in die Situation
anderer hineinversetzen können“, sagt Suthana.

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Diese Fähigkeit ist im Alltag regelmäßig von


Bedeutung. „Alltägliche Aktivitäten erfordern
ständig von uns, im Verhältnis zu anderen
Menschen am gleichen Ort zu navigieren“, erklärt
Suthana. „Sei es, dass wir die kürzeste Schlange
beim Security Check am Flughafen wählen wollen,
auf einem überfüllten Parkplatz einen Ort suchen,
um unser Auto abzustellen, oder dass wir auf der
Tanzfläche nicht mit anderen Personen
zusammenstoßen wollen.“ Solche komplexeren
sozialen Situationen wollen die Forscher in
zukünftigen Studien untersuchen. Ihre neue
Technik stellen sie zudem anderen
Forschungsgruppen zur Verfügung, um weitere
Fortschritte bei der Erforschung des
menschlichen Gehirns zu ermöglichen.

Quelle: Matthias Stangl (University of California


Los Angeles) et al., Nature, doi: 10.1038/s41586-
020-03073-y

30. Dezember 2020

© wissenschaft.de - Elena Bernard

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