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Gesellschaft+Psychologie

Wie unser Gehirn Schrift


verarbeitet
22. Januar 2021

Wie lernte unser Gehirn lesen? (Bild: Talaj/


iStock)

Vorlesen

Die Herausforderung, Schrift zu lesen, ist


evolutionsgeschichtlich zu jung, als dass sich
dafür spezifische Hirnbereiche hätten
entwickeln können. Doch wie schaffen wir es,
Regelmäßigkeiten in Buchstabenkombinationen
zu erkennen und aus ihnen einen Sinn
abzuleiten? Eine neue Studie zeigt, dass die
Grundlage dafür ein evolutionär alter
Mechanismus ist, der darauf beruht, dass wir
wiederkehrende Muster erkennen und als

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bekannt wahrnehmen. Dabei spielte es im


Experiment keine Rolle, ob es sich um
buchstabenähnliche Zeichen, geometrische
Gebilde oder variierende Gitterformen
handelte.

Lesen ist für das Gehirn eine anspruchsvolle


Aufgabe: Es muss Formen als Buchstaben
erkennen, die in bestimmten Kombinationen
spezifische Laute repräsentieren und einen Sinn
ergeben. Erste menschliche Schriftsprachen
haben sich erst vor rund 5.000 Jahren entwickelt.
Dieser Zeitraum ist jedoch evolutionsgeschichtlich
gesehen zu kurz, als dass sich unser Gehirn
eigens an die neue Herausforderung hätte
anpassen können. Anders als beispielsweise für
das Tasten oder Riechen gibt es im Gehirn daher
kein eigens dafür entwickeltes Lesezentrum.
Offenbar nutzt es also ältere Mechanismen.

Wörter aus Formen

Um welche Mechanismen es sich dabei handelt,


hat nun ein Team um Yamil Vidal von der
International School for Advanced Studies (SISSA)
in Italien untersucht. Dafür testeten die Forscher
bei ihren Probanden, wie gut sie wiederkehrende
Muster in Buchstabenkombinationen erkennen –
eine Fähigkeit, die beim Lesen als grundlegend
gilt. Anders als in klassischen Studien
verwendeten Vidal und Kollegen als Stimuli aber
nicht nur buchstabenartige Zeichen, sondern
auch Gebilde, die mit Buchstaben wenig
gemeinsam haben. Die Annahme dahinter:
„Wenn das Lesen auf allgemeinen visuellen

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Mechanismen beruht, sollten einige Effekte, die


auftreten, wenn wir mit orthografischen Zeichen
konfrontiert werden, auch auftreten, wenn wir
nicht-orthografischen Stimuli ausgesetzt sind“, so
die Forscher. „Und genau das hat diese Studie
gezeigt.“

Für die Untersuchung sollten sich die Probanden


zunächst mit kurzen „Wörtern“ vertraut machen,
die jeweils aus drei buchstabenähnlichen Zeichen
bestanden. Um zu verhindern, dass die
Teilnehmer durch ihr Vorwissen beeinflusst
wurden, ähnelten die Zeichen zwar einer Schrift,
hatten jedoch keine Bedeutung. Im nächsten
Schritt sahen die Teilnehmer bekannte und neue
Kombinationen dieser Pseudobuchstaben und
sollten identifizieren, welche der Wörter „richtig“
und welche „falsch“ waren. „Wir fanden heraus,
dass die Teilnehmer lernten, Wörter in dieser
erfundenen
Nachrichten Sprache daran
+ Themen Bilderzu+ erkennen, wie
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häufig bestimmte Teile zusammen auftraten:
Magazin
Wörter,Weitere Angebote Paaren von
die aus häufigeren
Pseudobuchstaben bestanden, wurden leichter
identifiziert“, berichten die Autoren.

Das gleiche Experiment wiederholten sie mit


dreidimensionalen Objekten mit drei Armen,
deren Enden jeweils unterschiedlich geformt
waren – analog zu den drei „Buchstaben“ im
ersten Experiment. In einem weiteren Test
nutzten die Forscher verschiedene Gitterformen,
die sich durch Abstand, Dicke, Kontrast und
Neigung der Gitterlinien unterschieden. Von
Versuch zu Versuch wurden die Stimuli dabei

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abstrakter und unähnlicher zu echten


Buchstaben. Dennoch waren die Probanden auch
in diesen Experimenten in der Lage, passende
und unpassende Stimuli zu unterscheiden.

Regelmäßigkeiten in Wörtern und Gesichtern

„Was aus dieser Untersuchung hervorging“,


erklären die Autoren, „unterstützt nicht nur
unsere Hypothese, sondern sagt uns auch etwas
mehr über die Art und Weise, wie wir lernen. Es
deutet darauf hin, dass ein grundlegender Teil
davon das Erkennen von statistischen
Regelmäßigkeiten in den visuellen Reizen ist, die
wir um uns herum wahrnehmen“. Demnach
beobachten wir, was uns umgibt, zerlegen es
unbewusst in Elemente und analysieren intuitiv
deren Häufigkeit. Verantwortlich dafür ist im
Gehirn der linke fusiforme Gyrus, ein Teil der
Großhirnrinde.

Frühere Studien haben gezeigt, dass diese Region


sowohl beim Lesen aktiv ist als auch beim
Erkennen von Objekten, insbesondere
Gesichtern. Diese evolutionär alte Fähigkeit wird
den Forschern zufolge „recycelt“, wenn Menschen
des Lesens fähig werden. In allen Fällen ist es
entscheidend, Regelmäßigkeiten zu erkennen und
ihnen eine Bedeutung zu verleihen. „Es gibt, kurz
gesagt, eine adaptive Einstellung auf Reize, die
regelmäßig auftreten. Diese Erkenntnis ist nicht
nur wichtig, um zu verstehen, wie unser Gehirn
funktioniert, sondern auch, um Systeme der
künstlichen Intelligenz zu verbessern, die ihr
Lernen auf dieselben statistischen Prinzipien

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stützen“, so die Forscher.

Quelle: Yamil Vidal (International School for


Advanced Studies, Italien), Current Biology, doi:
10.1016/j.cub.2020.12.017

22. Januar 2021

© wissenschaft.de - Elena Bernard

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