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JSSEA 30 (2003) 11

DIE EINGEWEIDEKRÜGE ODER KRÜGE DES LEBENSKEIMENS!

Sanaa Abd El Azim El-Adly

Abstract
Beim Alten Ägypter wird der Tod als eine Abstufung zu einem neuen Status des Daseins
betrachtet. Um die Wende zur geschichtlichen Zeit hat der Ägypter sich an einer Mumifizierung
des Leichnames versucht . Durch einen Schnitt an der linken Bauchseite des Toten werden die
Eingeweide mit Ausnahme des Herzens herausgenommen und in vier Krügen beigesetzt. Die
Mumifizierung garantiert dem Toten ein ewiges Krug. In den betreffenden Körperteile finden
die ungründbaren Keimen des neuen Lebens im Jenseits statt.

Keywords
die Horuskinder, Amset, Hapi, Duemuetef, Kebehsenuef, Kanopengötter, Isis, Nephthys, Neith,
die Osirismysterien, das Totengericht, das Mundöffnungsritual

Beim Alten Ägypter wird die Begriffsbestimmung vom Tod als Nicht-mehr Sein eher
ausgeschieden zugunsten der Alternativdefinition vom Tod als Abstufung zu einem neuen Status
des Daseins1. Der Tod ist keine Endstation, sondern ein Durchgangsstadium, das archäologisch
seit der Vorgeschichte durch Bestattungsritten sowie Totenkult bezeugt ist. Seit den
Pyramidentexten finden sich auch ausdrüklich2 solche grundlegenden Formlierungen3:

“Du bist zwar weggegangen, aber nicht indem du Tot bist Indem du lebst, bist du
weggegangen”.

Da diese Vorstellung das systematische Denken des ägyptischen Totenglauben Theologen


weitgehend beeinflußten, ergaben sich bald, daß der Tod ein Tor zu einem gesteigerten Leben im
Jenseits war. Nur durch Nichtseiendes wird Schöpfung möglich. Der ägyptische Gläubige muß
vor dem Totengericht Rechenschaft über seine irdischen Taten ablegen. Diese Rechtfertigung
führte er in der Form verneinender Aussagen, in das berühmte Negative Bekenntnis des 125
Spruches im Totenbuch. Unter diesen verneinenden Mitteilungen ist der Satz: “Ich kenne das
Nichtseiende nicht”4.
Das Sein und Seiendes überhaupt! Ist nicht starre Dauer, sondern ständige Erneuerung.
“Tote” werden seit alter Zeit nur die Verdammten, die im Totengericht verurteilten5. Totsein ist
identisch mit Nichtsein. So hat Morenz darauf hingewiesen, daß für den Altägypter eine
andauernde sowie beständige Regeneration zur Dauer hinzugehörte6. Die seligen Verstorbenen
verjüngen sich durch ihren Tod, regnerieren sich an den Ursprüngen ihrer Existenz.
Um die Wende zur geschichtlichen Zeit hat der Ägypter sich an einer Mumifizierung
versucht. Durch einen Schnitt an der linken Bauchseite werden die Eingeweide mit Ausnahme
des Herzens herausgenommen und gesondert in vier Krügen den sog. Kanopen beigesetzt7. Dies
war gerade zu einem Sicherungsmittel gegen die Gefahr des Verschmachtens geworden.
Plutarch erzählt, daß man sie die Sonne gezeigt und dann als Träger und Verusacher alles
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sündigen Wesens in den Fluß geworfen habe. Prophyries schreibt noch die Worte zu, mit denen
der Balsamierer die Handlung führt, “wenn ich in meinem leben Unrecht tat, indem ich aß oder
trank, was nicht recht ist, so ist das nicht meine sondern dieses Schuld”8.
Die Mumifizierung gehört zu den Handlungen, die dem Toten dabei helfen, ihm zu
einem Seligen zu machen und damit ein ewiges Seiende garantieren. Dadurch daß die Mumie
im Grab ewig und unvergänglich bleibt9.
Statt dem Ausdruck “leib” oder Leichnam gebraucht man Bezeichnungen mit
Anspielungen auf höhere Sphäre. So spricht man von der Mumie als einem Sah, ein Wort, das
den Edlen bezeichnet und die auf den Verklärten bezogen wird und im Gefolge des Gottes
wandeln kann. Man nennt sie sogar einen Achom10. In einer mythologisierten Form des
Begräbnisrituals werden die Ausführenden mit Göttermasken-Priester als Horuskinder
angesprochen. In vier Krügen brachte man die Eingeweide, an deren jede man die Figur eines
der Horussöhne heftete11.
Die Aufbewahrungsbehälter für die Eingeweide, sind unter den Schutz von Osiris und
Anubis vor allen aber der Horuskinder und der Kanopenschutzgottheiten:

Isis ist Amset zugeordnet,


Nephthys wird Hapi,
Neith ist Duamutef und
Selket ist Kebehsenuef gestellt12.

Einige Hauptgesichtspunkte lassen sich bei Horuskinder und dem Toten absondern:

1. bei Horus haben wir die weitverbreitete Mythos des vaterlosen gefährdeten
Kindgottes13,
2. das Horuskind ist zugleich einsam und doch unter dem göttlichen Schirm behüttet
sowie beschützet nicht nur von Isis auch vom Sonnengott und Thot14.

Seine Wirkung ist vor allem die eines Retters, nach dem es selbst aus den durch Seth
oder wilde Tiere drohenden Gefahren errettet worden ist15. Die ägyptische Verbindung zwischen
Gott und Menschen gipfelnd in der Verkündigung des Antrittes des Verstorbenen im Totenreich
durch vier angekleidet Götterboten, d.h. die Horuskinder nach den vier Himmelsrichtungen16.
Durch die Horuskinder findet die förmliche Verkündigung des vorübergehenden Status
sog. Sterbens eines Menschen nach den vier Himmelsrichtungen statt. Ebenfalls übernehmen sie
den Schutz des Toten17.
Als Erstes behandeln wir den Amsty–Krug, bzw. imÑ.tj18. Der menschenköpfige
Schutzgott des Toten ist mit imÑ.t “Der med. Dill” verwechselt worden. Der Dill ist auf Grund
seiner bekannten konservierenden Wirkung aufgenommen und bei der Mumfizierung Schutz und
Erhaltung des Magens der Eingeweide anvertraut worden.
Amset ist mit der leber anvertraut und mit Isis als Schutzgöttin des Sarges verbunden19.
Als Mutter and Amme des Toten ruft Isis seine Wiedergeburt hervor20. In der
Balsamierungsstätte hat Isis zusammen mit Nephtyes folgende Handlungen auszuführen: Klage
Verklärungen, jede Wiederherstellungsaktion (Aufrichten des Toten, Zufächeln von Luft,
Belebungsakte des Gesichtssinnes sowie des Ba, Libation zusammen mit Schlachtung bei der
Mundöffnung21 und Begrüßung am Grab.
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Die beiden angeblichen Horuskinder Amset und Hapi sind eigentlich dualische
Paarbegriffe. Der aus der Beobachtung einer Geschlechterspaltung als Grundform natürlichen
Daseins abgeleitete Dualismus fand in Ägypten eine Wirkungsvolle Unterstutzung auch in den
dualischen Paarbegriffen Amset und Hapi. Dazu kommt die angeborene Vorliebe des Ägyptens
für den gegenstädigen Aufbau aller religiöses Elemente.
Hapi ist dualisch gebildet. Nach dem Schriftbild soll er ein Entenpaar bezichnet22.
Recht früh trägt er einen menschengestaltigen Kopf. Seit Senofru zur Zeit des AR hat
Hapi ein affengestaltiges Wesen23. Als Schutzgott der Eingeweide ist Hapi der Milz
zugeordnet24, und Nephthyes ist ihm der anthropomorph weibliche Partner25. Sie verkörpert das
Gefäß, Hapi jedoch den Inhalt. Seit dem NR ist Hapi oft paviangestaltig dargestellt. Er ist auch
einer der Himmelsrichtungsvertreter, bzw. Norden26. Augenscheinlich hat Hapi eine so
bedeutende Rolle in Spätzeit gespielet, als man ihn mit dem Herzen als einem der wesentlichen
Bestandteile des Menschen knüpft27. Das Herz eines Mannes ist sein Gott selbst vgl. mit dem
heutigen Ausdruck “Herz sprechen lassen” arabisch : [}aža ¢ª]¦ .

Notes
1. E. Hornung, Der Eine und die Vielen, Wiesbeden 1973, S. 153, 171; J. Assmann, Zeit und
Ewigkeit im Alten Ägypten, AHAW ,1975,1, Anm 2, S. 19. Pyr. 1208 C, 1236, H. Buchberger,
in: LÄ VI, S. 1246ff., s.v. Wiedergeburt; W. Helck, Der Text des Nilthymnus, KÄT, Wiesbaden
1972, S. 27; U. Rößler–Köhler, in: LÄ III, S. 252ff., s.v. Jenseitsvortellungen.

2. Z.B. H. Altenmüller, in: LÄ I, S. 744ff., s.v. Bestattung.

3. Vgl. M.Gilula, Enclitic Particles in Middle Egyptian, Diss. Jerusalem 1968, S. 78ff, 83ff.; Pyr.
350 a-b, Pyr. 810 a, 833 a, 1385b, Pyr.134 a, Pyr.1975; CT.I 187 d-e, 190 a-b, 233 e, 286 j, CT IV,
380 e-f, CT VII 341 m. Vgl. auch J. Zandee, Death as an enemy, Studies in the History of
Religions, (Supplements to Numern) 5, Leiden 1960, S. 46; siehe auch U. Rößler – Köhler, in: LÄ
III, S. 252ff., s.v. Jenseitsvorstellungen.

4. C. Maystre, Les declarations de l’innocence, RAPH 8, 1937, S. 56.

5. E. Hornung, Altägypt. Höllenvorstellungen, ASAW 59, Heft 3, 1968, S. 53.

6. S. Morenz, Asiatica, Festschrift Weller, 1954, S. 420.

7. K. Martin, in: LÄ III, S. 315, s.v. Kanopen.

8. G. Möller, Pap. Rhind, S. 17.

9. H. Bonnet, Reallexikon der Altägyptischen Religion, Berlin, 1971, s.v. Mumifizierung, S. 482.

10. Bonnet, Reallexikon, S. 4f., s.v. Achom.

11. G. Smith & W. Dawson, Eg. Mummies, fig. 39.

12. K. Martin, in: LÄ III, S. 319, s.v. Kanopenkasten, und S. 315, s.v. Kanopen.
14 JSSEA 30 (2003)

13. C. Jung & K. Kerenyi, Einführung in das Wesen der Mythologie, Zürich, 1951, S. 39-104. H.
Brunner, in: LÄ II, S. 648 ff., s.v. Götterkinder.

14. C. Sander- Hansen, Meternichstele, Z. 168-251.

15. Bonnet, Reallexikon, S. 351, s.v. Horuskinder.

16. A. Erman, Religion der Ägypter, Berlin, 1934, S. 375 f; H. Kees, Der Götterglaube im Alten
Ägypten, Darmstadt, 1980, S. 35; H. Kees, Horus und Seth I, in: MVÄG 28-29, 1923-24, S. 35ff.

17. Pyr. 160; vgl. Sethe, Kommentar zur Stelle. Zur Teilung der Kanopen in drei männliche und eins
weibliche im Mrs, G. Reisner, ZÄS 37, 1899, S. 62; Sethe, Sb. Berl. Akad. 1934, S. 14.

18. A. Eggebrecht, in: LÄ I, S.226f, s.v Amset; WB I, 88. zum Dill; s. L. Keimer, Gartenpflanzen
im Alten Ägypten, I, Hamburg, 1924, S. 147, 100, 38. A.T. Sandison, in: LÄ I, s.v. Balsamierung;
Bonnet, Reallexikon, S. 26, s.v Amset; Sethe, SPAW 1934, S. 222/3; vgl. auch: A. Gardiner, AEO
II, S.2 45-249; W. Westendorf, in: LÄ III, S. 952, s.v. Leber; WB II, 44; Erichsen, Demotisches
Glossar, S.157; W. Westendorf, Koptisches Handwörterbuch, S. 107; J. Osing, Die
Nominalbildung des Ägyptischen, Mainz, 1976, S. 695; als Speise wird die Leber für Menschen
durch die Opferliste ausgewiesen, WB II, S. 44, 14; W. Barta, in: MÄS 32, 1975, Opferliste, S. 171;
Gardiner, AEO II, S. 245-249.

19. Nach TB 112, Sargbuch 157, gilt Isis als Mutter der Horussöhne, s. Sethe, in: ZÄS 58, 1923, 1ff.

20. M. Münster, Isis, in: MÄS 11, 1968, S.71-79; J. Bergman, in: LÄ III, S. 186 ff., s.v. Isis; seit
dem MR vergaß man das weibliche Geschlecht des Amsets; s. H. Kees, Götterglaube, S. 167.
Reisner, in: ZÄS 37, 1899, S. 61ff.; Erman, in: SPAW, 1961, S. 1151; Anm. 3, Tb Kap. 17.
Neugebauer & Parker, EAT III, PL. 3; L. Keimer in: H. von Deines und H. Grapow, Wb der ägypt.
Drogennamen, Berlin, 1959, 34f.

21. J. Settgast, Untersuchungen zur alt äg. Bestattungsdarstellungen, 1963, S.105 ff.

22. WB III, S. 70; Sethe, SPAW, S. 13f, 221, Pyr. 2078ff.

23. G. Bénédite, Mon Piot 18, 1911, S. 31; Bonnet, Reallexikon, S. 268, s.v. Hapi.

24. A. Eggebrecht, in: LÄ II, s.v. Hapi; Sethe, SPAW 1934, 27f.

25. P. Munro, in: Fs ägyptisches Museum Berlin, 1974, S.196ff; Sethe, in: SPAW, 1934, CT Spell
521.

26. Sethe, in: SPAW, 1934, S. 9f.; LD III, S.163.

27. Bonnet, Reallexikon, S. 316.