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Technische Mechanik Festigkeitslehre

Günther Holzmann • Heinz Meyer


Georg Schumpich

Technische Mechanik
Festigkeitslehre
10., überarb. Aufl. 2012

Mit 244 Abbildungen, 108 Aufgaben


und 135 Beispielen mit Lösungen
Prof. Dr.-Ing. Günther Holzmann Prof. Dr.-Ing. Hans-Joachim Dreyer
Esslingen Hamburg
Deutschland Deutschland

Prof. Dr. Holm Altenbach


Otto-von-Guericke-Universität
Magdeburg
Deutschland

ISBN 978-3-8348-0970-4 ISBN 978-3-8348-8101-4 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4

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Lektorat: Thomas Zipsner, Ellen Klabunde


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Vorwort zur 10. Auflage

Nach dem Wechsel der Herausgeberschaft von der 8. zur 9. Auflage hat es natürlich
eine große Anzahl von Rezensionen gegeben. Die Meinungen gingen teilweise weit
auseinander, wobei sich auch bei vielen Punkten keine deutlichen Mehrheiten erga-
ben. Dies lässt sich u. a. damit erklären, dass bezüglich des traditionellen Umfangs
der Festigkeitslehre Erweiterungen in Richtung Betriebsfestigkeit, Werkstoffkunde
etc. gefordert wurden. Hier hat die 10. Auflage nur wenig realisiert, da die Spe-
zialgebiete heute meistens von speziellen Lehrveranstaltungen mit entsprechender
Literatur abgedeckt werden.
Mit der neuen Auflage wird der Weg der schrittweisen und behutsamen Ak-
tualisierung des Lehrbuchklassikers weiter beschritten. Dies betrifft u. a. auch we-
sentliche Änderungen - das Kapitel zur Finite Elemente Methode wurde beispiels-
weise nicht mehr beibehalten, da es mittlerweile zahlreiche, auch deutschsprachige
Lehrbücher zu diesem Gebiet gibt [29; 34; 43]. Diese behandeln die Finite Elemente
Methode in einem notwendigen Umfang und mit hinreichender Tiefe, was innerhalb
eines Kapitels nicht machbar ist. Weniger deutliche Veränderungen gab es bei ein-
zelnen Elementen der Stoffauswahl, die hauptsächlich auf die kritischen Hinweise
der Leser zurückzuführen sind. Dabei muss aber angemerkt werden, das der Um-
fang des Buches limitiert ist, d. h. nicht alle Wünsche aus der Sicht der Kollegen der
Werkstoffkunde, der Konstruktionslehre usw. konnten berücksichtigt werden. Glei-
ches gilt für die grundsätzliche Strukturierung und die Stoffauswahl, die durch den
Rahmen der ursprünglichen Verfasser vorgegeben ist. Hier sind urheberrechtliche
Grenzen gesetzt.
Das neue Layout hat einige Gestaltungselemente, die in der aktuellen Auflage
versuchsweise genutzt wurden, um bestimmte Sachverhalte deutlicher zu machen.
Auch wurde die Anregung aufgenommen, jedes Kapitel mit den wichtigsten For-
meln zusammenzufassen.
Zahlreiche Quellen wurden auf einen aktuelleren Stand gebracht. Dies betrifft
neue Ausgaben der in der 9. Auflage zitierten Literaturreferenzen. Auch bei den
angeführten Normen etc. wurde der Versuch unternommen, aktuellen Tendenzen
zu integrieren. Es muss jedoch an dieser Stelle darauf verwiesen werden, dass bei
der Anwendung von Normen ein Besuch der entsprechenden Normenstellen unaus-

v
vi

weichlich ist, da hier ständig neue Entwicklungen eintreten, die dann auch zeitnah
zu beachten sind. Dem an weiteren Lehrbüchern interessierten Leser seien hier in
Ergänzung zur 9. Auflage noch die Referenzen [5; 6; 20; 24; 26; 30; 31; 39; 46; 47]
angegeben.
Neu ist, dass die im Buch aufgeführte Namen mit historischen Anmerkungen
versehen wurden. Dabei musste der Herausgeber feststellen, dass oftmals keine oder
keine gesicherten Quellen vorhanden sind. Dies unterstreicht die Notwendigkeit der-
artiger Fußnoten.
Neben den inhaltlichen Weiterentwicklungen gibt es erneut optische Verände-
rungen. Die 9. Auflage war erstmalig in LATEX erstellt worden, d. h. die traditionelle
Layout-Gestaltung wurde grundsätzlich gegenüber den vorhergehenden Auflagen
und den beiden anderen Bänden Statik“ und Kinematik und Kinetik“ verändert.
” ”
Diese optische Veränderung, die hauptsächlich durch die speziellen Gestaltungs-
elemente, die von Harald Harders entwickelt wurden, geprägt waren, sind erneut
geändert. Dies ist der Umgestaltung der Verlagslandschaft gestundet, in der ein
LATEX-Paket genutzt wurde. Es ist relativ einfach in der Nutzung und enthält weite-
re Elemente gegenüber der Vorgängerversion, so dass es zu hoffen bleibt, dass das
Layout auch beim Leser gut ankommt.
Das Buch entstand mit Unterstützung zahlreicher Helfer. Bei den Zeichnungen
und Korrekturen waren Frau Barbara Renner und Herr Andreas Kutschke hilf-
reich, meine Frau Natascha Altenbach versorgte mich mit aktueller Literatur und
historischen Quellen in gewohnter Qualität. Der Verlag gab alle notwendige Un-
terstützung, wobei stellvertretend Frau Ellen-Susanne Klabunde und Herr Thomas
Zipsner zu nennen sind. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch weiterhin auf Resonanz
bei den Studierenden und Lehrenden trifft. Für Hinweise zur Weiterentwicklung des
Buches ist der Herausgeber der 10. Auflage dankbar.

Magdeburg, Lublin März 2012 Holm Altenbach


Vorwort zur 9. Auflage

Die Technische Mechanik gliedert sich traditionell im deutschsprachigen Raum in


die Teilgebiete Statik, Elastostatik und Kinetik. Dabei werden für die Teilgebiete
auch andere Bezeichnungen gewählt - der Teil Elastostatik wird als Festigkeitsleh-
re, der Teil Kinetik als Dynamik bezeichnet. Die Argumente für oder gegen die eine
oder andere Bezeichnung sollen hier nicht ausgetauscht werden. Der Untertitel Fes-
tigkeitslehre für den vorliegenden Band entspricht den Intentionen der ursprüngli-
chen Autoren und soll daher hier beibehalten werden. Gleichzeitig muss angemerkt
werden, dass einige Teile des vorliegenden Bandes nicht zur Elastostatik gehören.
Somit ist auch aus dieser Sicht die Bezeichnung Festigkeitslehre im Untertitel ge-
rechtfertigt.
Die Einteilung in die o.g. Teilgebiete wird nicht in allen Ländern gleich akzep-
tiert. Besonders deutlich wird dies im osteuropäischen Raum, wo die Lehrveran-
staltungen Theoretische Mechanik und Festigkeitslehre separat angeboten werden
und das gemeinsame Dach Technische Mechanik oftmals ignoriert wird. Dies ist in
Teilen der französisch geprägten Ingenieurausbildung gleichfalls üblich. Aber auch
in der anglo-amerikanischen Bildungslandschaft wird mit dem Kurs Mechanics of
Materials ein vom deutschen Ausbildungsprogramm abweichender Weg beschrit-
ten, da bei einer formalen Übersetzung das Gebiet Werkstoffmechanik stehen würde,
welches hierzulande grundsätzlich anders eingeordnet ist (s. u. a. [1; 40]).
Fasst man die Argumente zusammen, die für einen speziellen Band Festigkeits-
lehre sprechen, erkennt man sehr schnell, dass in der Festigkeitslehre andere Pro-
bleme als die in Statik und Kinetik behandelten Fragestellungen diskutiert werden.
Ausgehend von den Überlegungen zum Gleichgewicht von Körpern wird erstmals
auch das Problem behandelt, wie Aufgaben zu lösen sind, die in den Gleichge-
wichtsbedingungen eine Anzahl von Unbekannten enthalten, die die Anzahl der
Gleichungen übersteigen. Die notwendigen zusätzlichen Gleichungen erhält man
durch Einbeziehung der individuellen Eigenschaften der Körper, wobei in der Fe-
stigkeitslehre überwiegend die elastischen Eigenschaften der Verformbarkeit von
Körpern als zusätzliche Gleichungen in das System der zu lösenden Gleichungen
integriert werden.

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viii

Mit dem Übergang vom traditionellen Ausbildungssystem in Deutschland mit


den Diplomabschlüssen an Fachhochschulen und Universitäten zu den neuen akade-
mischen Graden BSc/MSc sowie BEng/MEng entsprechend dem Bologna-Prozess
macht sich auch ein Umdenken in den Ausbildungselementen erforderlich. Unstrit-
tig ist bei allen der Wunsch, die Qualität der Ausbildung in den Universitäten und
Fachhochschulen auch in Zukunft beizubehalten. Damit kann man die Festigkeits-
lehre als ein Modul bzw. Teilmodul der Mechanikausbildung für Ingenieure anse-
hen, wobei sicher die Programme des Maschinenbaus, des Bauingenieurwesens und
der Verfahrenstechnik Hauptimpulsgeber bleiben. Zahlreiche neue Fachrichtungen
und Studiengänge wie das Bioingenieurwesen, das Werkstoffingenieurwesen, aber
auch die Umwelttechnik werden jedoch auch neue Akzente setzen. Daneben müssen
zusätzlich die Programme interdisziplinärer Studiengänge wie das Wirtschaftsinge-
nieurwesen berücksichtigt werden.
Ungeachtet des hohen Qualitätsanspruchs wird jedoch auch der verfügbare Zeit-
rahmen für eine solide Mechanikausbildung zukünftig hinterfragt werden. Dem
Trend zu weiteren Kürzungen kann man nur entgegenwirken, in dem man die Be-
deutung der Technischen Mechanik im Allgemeinen und der Festigkeitslehre im
Speziellen als Lehrgebiet zur Schulung von Denkweisen des Ingenieurs hervorhebt.
Die Verantwortung der Studierenden, sich Kenntnisse selbst anzueignen, muss zu-
nehmen, d. h. die Nachfrage nach Lehrbüchern, die eine eigenständige Einarbeitung
in die Teilgebiete der Technischen Mechanik ermöglichen, sollte gleichfalls wach-
sen.
Das vorliegende Lehrbuch stellt zunächst hauptsächlich eine Überarbeitung des
Klassikers von Holzmann, Meyer und Schumpich dar. Das Besondere dieses Lehr-
buchs ist die Orientierung auf Ausbildungselemente der Technischen Mechanik, die
für Studierende des Maschinenbaus wichtig sind. Gleichzeitig wird auf Belange an-
grenzender Gebiete wie Konstruktionstechnik und Maschinenelemente eingegan-
gen. Diese Grundlinie wurde beibehalten. Bei der Vorbereitung und den ersten Ak-
tivitäten im Zusammenhang mit der neuen Auflage hat sich Kollege Holzmann noch
aktiv eingebracht, gesundheitliche Gründe ließen die Begleitung bis zum Schluss
nicht zu. Hauptziel war es, Kapitel- und Abschnittsanordnungen neu sowie Aktuali-
sierungen des Schriftsatzes, des Bildmaterials und der Bezüge vorzunehmen. Daher
wurde auch die Zuordnung der Festigkeitslehre zu Band 3 beibehalten - in den meis-
ten Büchern zur Technischen Mechanik im deutschsprachigen Raum wird die Fes-
tigkeitslehre als zweites Teilgebiet angesehen. Eine Ausnahme bildet u.a. [41; 42].
Dabei ist jedoch anzumerken, dass diese Lehrbücher einen sehr speziellen Zugang
zur Technischen Mechanik haben, der den Traditionen der ETH Zürich entspricht.
Unter Beachtung der Stellungnahmen zu den vorhergehenden Auflagen wurde die
Vielzahl der zahlenmäßig durchgerechneten Beispiele beibehalten. Damit erhalten
die Studierenden das Gefühl für Zahlenwerte und Einheiten. Gestrichen wurden le-
diglich Aufgaben, deren theoretische Basis herausgenommen wurde. Offensichtli-
che Fehler wurden korrigiert.
Gegenüber der 8. Auflage wurden jedoch auch Veränderungen vorgenommen.
Zunächst wurden die Ausführungen zu Modellverfahren in der Festigkeitslehre
(z. B. Spannungsoptik) ersatzlos gestrichen. Ein Blick in die aktuelle Lehrbuchli-
ix

teratur zeigt schnell, dass vor ca. 30 Jahren das letzte Lehrbuch zur Spannungsoptik
in deutscher Sprache erschienen ist. Das Thema wurde u.a. auch durch Entwicklun-
gen auf dem Gebiet der Methode der Finiten Elemente verdrängt. Die M OHR’schen
Spannungskreise haben heute auch an Bedeutung verloren, so dass sie durch das
Eigenwertproblem des Spannungstensors (Ermittlung der Hauptspannungen und -
richtungen) ersetzt wurden. Damit wurde der Tatsache Rechnung getragen, dass die
graphischen Methoden der Mechanik zunehmend durch analytische und/oder nu-
merische Methoden in der Praxis ersetzt werden. Die M OHR’sche Analogie ist auch
nicht mehr in allen Lehrprogrammen enthalten. Hier wurde daher gleichfalls eine
Kürzung vorgenommen. Im Kapitel 10 wurde das ω-Verfahren ersatzlos gestrichen,
da die das Verfahren begründete DIN entfallen ist. Wichtig erschien jedoch, dass das
Material um Ausführungen zur Differentialgleichung für die Biegelinie 4. Ordnung
sowie durch den zweiten Satz von C ASTIGLIANO ergänzt wird. Im Zusammenhang
mit den Ergänzungen wurde das bisherige Konzept von durchgerechneten Beispie-
laufgaben einschließlich Zahlenrechnung teilweise verlassen. Eine formelmäßige
Lösung scheint gewisse Vorteile zu haben, da sie die Aufmerksamkeit der Studie-
renden zunächst auf das Wesentliche konzentriert.
Das Kapitel über die Finite-Elemente-Methode wurde stark modifiziert, da hierzu
eine Vielzahl von eigenständigen Lehrbüchern in den letzten Jahren entwickelt wur-
de. Für den interessierten Leser sei für den Übergang von Technischer Mechanik zu
numerischen Verfahren nur auf die Bücher [15; 48] verwiesen, welche in besonders
einfacher Art in dieses Gebiet einführen. Der Leser, der sich mit der Methode der
Finiten Elemente vertieft beschäftigen möchte, kann das Kapitel 12 überspringen
und sofort die Spezialliteratur (z. B. [7; 8]) lesen.
Neue Tendenzen sind bisher nur partiell in das Buch eingegangen, insbesondere
die Verknüpfung mit der Werkstofftechnik/Werkstoffprüfung bzw. der Werkstoff-
mechanik lassen sich heute jedoch mit Hilfe [9; 40] finden. Weitergehende Vertie-
fungsmöglichkeiten kann der Leser u.a. in der kontinuumsmechanisch orientierten
Literatur des Teubner-Verlages (z. B. [2; 44]) erhalten.
Weiteren Auflagen wird es vorbehalten sein, die Verbindungen zu neuen Ausbil-
dungsprogrammen sowie Studieninhalten vorzunehmen. Es ist überflüssig zu strei-
ten, ob das vorliegende Buch mehr universitäts- oder fachhochschulorientiert auf-
gebaut ist - die breite Zielgruppe der klassischen und der neuen Studiengänge steht
im Mittelpunkt. Dabei ist sicher in Anlehnung an die bisherige Konzeption der Au-
toren die Lösung praktischer Probleme der Schwerpunkt. Ungeachtet dessen wird
auch versucht, die Theorie nicht völlig zu übergehen, da nur ein tiefes theoretisches
Verständnis hilft, neue Fragestellungen zu beantworten.
Eine Diskussion zu den Einheiten ist im Gegensatz zu anderen Büchern nicht auf-
genommen worden. Es wird davon ausgegangen, dass die Studierenden genügend
Informationen hierzu im Kurs Physik erhalten haben. Grundsätzlich basieren alle
Angaben im Buch auf den SI-Einheiten sowie die im Ingenieurbereich üblichen
Angaben. Neu ist, dass im Rahmen der Überarbeitung sämtliche Formel-, Bilder-
und Tabellennummern verändert wurden. Es bleibt zu hoffen, dass der Leser damit
zurechtkommt, dies akzeptiert und den Unterschied zu den Bänden 1 und 2 nicht als
störend empfinden.
x

Die Überarbeitung des Lehrbuchs wäre ohne meine Mitarbeiter nicht möglich ge-
wesen. Besonderer Dank gilt daher Frau Runkel (Schreibarbeiten) sowie Frau Ren-
ner und Frau Ullrich (Durchsehen der Aufgaben und Beispiele, Zeichenarbeiten),
Herrn Dyogtev und Herrn Pylypenko (Zeichenarbeiten) und Herrn Holweg (PC- und
Reprotechnik). Herrn Dr.-Ing. Feuchte sei für die Unterstützung bei den Verhand-
lungen zur Neubearbeitung und bei der verlagsseitigen Abwicklung des Projektes
gedankt. Ohne die spezielle Unterstützung von Herrn Harders wäre das Layout in
der vorliegenden Form nicht möglich gewesen - er hat zahlreiche Sonderwünsche
in den Teubner-LATEX-Style eingearbeitet. Erwähnt sollte abschließend Herr Kollege
Dreyer sein, der durch Korrekturlesen maßgeblich diesen Band geprägt hat und das
Projekt stets positiv begleitete.

Halle Januar 2006 Holm Altenbach

Nachsatz

Zahlreiche Autoren verschweigen heute, dass es neben ihrem eigenen Werk noch
weitere Bücher auf dem entsprechenden Gebiet, für das das eigene Buch geschrie-
ben wurde, gibt. Es sei daher erlaubt, dass folgende Bücher, die in den letzten Jahren
zur Begutachtung oder aus anderen Gründen bei mir eingingen, erwähnt werden sol-
len [10; 12; 13; 18; 23; 25; 28; 32; 33; 35; 48; 49]. Neben den bereits im Vorwort
erwähnten Büchern können diese allen Studierenden zum Lesen empfohlen werden.
Erst durch den Vergleich unterschiedlicher Darstellungen der gleichen Sachverhalte
wird das eigenständige Nachdenken angeregt. Um den Leser nicht zu beeinflussen,
habe ich bewusst keine Kommentare zu den einzelnen Werken gegeben. Daneben
sei noch darauf hingewiesen, dass man sich u.a. mit [14] oder dem Anhang in [48]
die englischen Fachtermini aneignen kann.
Sollte ich bei der Aufzählung das Werk eines Kollegen vergessen haben, kann
das verschiedene Gründe haben - der einfachste - das Übersehen einer aktuellen
Publikation beim Schreiben des Manuskripts - ist der wahrscheinlichste.
Inhaltsverzeichnis

1 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Aufgaben der Festigkeitslehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.2 Beanspruchungsarten - Grundbeanspruchungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2.1 Zugbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.2.2 Druckbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.2.3 Schub- oder Scherbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
1.2.4 Biegebeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.5 Torsionsbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2.6 Knickbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.2.7 Zusammengesetzte Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
1.3 Schnittmethode - Spannungen - Krafteinleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.4 Formänderungen - Zusammenhang mit den Spannungen . . . . . . . . . 11

2 Zug- und Druckbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13


2.1 Zug- und Druckspannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
2.2 Zugversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
2.2.1 Spannungs-Dehnungs-Diagramm - Hooke’sches Gesetz . . . . 17
2.2.2 Elastisches Verhalten - Formänderungsarbeit . . . . . . . . . . . . . 20
2.2.3 Werkstoffkennwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
2.3 Druckversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.3.1 Spannungs-Dehnungs-Diagramm - Hooke’sches Gesetz . . . . 27
2.3.2 Werkstoffkennwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung . . . . . . . . 29
2.4.1 Einfache Belastungsfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
2.4.2 Flächenpressung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
2.4.3 Spannungen in dünnwandigen zylindrischen Ringen . . . . . . . 38
2.4.3.1 Zugspannungen durch Fliehkräfte . . . . . . . . . . . . . . 38
2.4.3.2 Zug- und Druckspannungen in zylindrischen
Hohlkörpern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
2.4.4 Wärmespannungen - Schrumpfspannungen . . . . . . . . . . . . . . 42

xi
xii Inhaltsverzeichnis

2.4.5
Längs der Stabachse veränderliche Spannungen . . . . . . . . . . 45
2.4.5.1 Spannungen durch Eigengewicht . . . . . . . . . . . . . . . 47
2.4.5.2 Körper konstanter Zug- und
Druckbeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
2.4.5.3 Beanspruchung durch Fliehkräfte . . . . . . . . . . . . . . 50
2.5 Aufgaben zu Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
2.6 Formelzusammenfassung Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55

3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens 57


3.1 Ruhende oder statische Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
3.2.1 Grenzspannung bei dynamischer Beanspruchung . . . . . . . . . 59
3.2.1.1 Ermittlung der Dauerfestigkeit im Versuch . . . . . . . 59
3.2.2 Einflüsse, die durch die elementare Berechnung nicht
erfasst sind . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.2.2.1 Kerbwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
3.2.2.2 Versagen bei ruhender Beanspruchung unter
Kerbwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
3.2.2.3 Versagen bei schwingender Beanspruchung unter
Kerbwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68
3.4 Aufgaben zu Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76
3.5 Formelzusammenfassung Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77

4 Biegebeanspruchung gerader Balken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79


4.1 Flächenmomente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
4.1.1 Begriffsbestimmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
4.1.1.1 Flächenmomente 1. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
4.1.1.2 Flächenmomente 2. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
4.1.2 Flächenmomente 2. Ordnung für einfache Flächen . . . . . . . . 82
4.1.2.1 Rechteck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
4.1.2.2 Kreisring und Vollkreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84
4.1.2.3 Dreieck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
4.1.3 Abhängigkeit der Flächenmomente 2. Ordnung von der
Lage des Koordinatensystems . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
4.1.3.1 Parallelverschiebung des Koordinatensystems -
Satz von Steiner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
4.1.3.2 Flächenmomente 2. Ordnung zusammengesetzter
Flächen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
4.1.3.3 Drehung des Koordinatensystems um den
Schwerpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
4.2 Gerade Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
4.2.1 Reine Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
4.2.2 Biegung bei veränderlichem Biegemoment . . . . . . . . . . . . . . . 109
4.2.3 Träger und Wellen konstanter Biegebeanspruchung . . . . . . . . 114
Inhaltsverzeichnis xiii

4.3 Schiefe oder allgemeine Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119


4.3.1 Biegespannungen und Nulllinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
4.3.1.1 Biegespannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
4.3.1.2 Nulllinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
4.4.1 Grenzspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
4.4.2 Kerbwirkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
4.4.3 Versagen bei ruhender und schwingender Beanspruchung . . 127
4.4.4 Anwendung auf Biegebeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
4.5 Aufgaben zu Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.5.1 Aufgaben zu Abschnitt 4.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
4.5.2 Aufgaben zu Abschnitt 4.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
4.5.3 Aufgaben zu Abschnitt 4.3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
4.5.4 Aufgaben zu Abschnitt 4.4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
4.6 Formelzusammenfassung Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140

5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141


5.1 Krümmung der Biegelinie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie . . . . . . . . . . . 142
5.2.1 Differentialgleichung 2. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
5.2.2 Differentialgleichung 4. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
5.3 Formänderungsarbeit bei der Biegung - Biegefedern . . . . . . . . . . . . . 161
5.4 Vergleichende Beurteilung von Biegespannung und Durchbiegung . 165
5.5 Durchbiegung bei schiefer Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 168
5.6 Aufgaben zu Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
5.7 Formelzusammenfassung Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171

6 Statisch unbestimmte Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173


6.1 Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
6.2 Starre Lagerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
6.3 Satz von C ASTIGLIANO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179
6.3.1 Energetische Betrachtungen zu verformbaren Systemen . . . . 179
6.3.2 Rechenschema zur Anwendung des 2. Satzes von Castigliano181
6.4 Elastische Lagerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
6.5 Einfluss der statisch unbestimmten Lagerung bei Wellen und Trägern188
6.6 Geschlossene Rahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191
6.7 Aufgaben zu Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
6.8 Formelzusammenfassung Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196

7 Torsion prismatischer Stäbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197


7.1 Torsion gerader Stäbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
7.1.1 Schubspannung und Schubverformung - Hooke’sches
Gesetz - Formänderungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
xiv Inhaltsverzeichnis

7.1.2
Torsionsstäbe mit Vollkreisquerschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
7.1.2.1 Schubspannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202
7.1.2.2 Torsionswinkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203
7.1.3 Torsionsstäbe mit Kreisringquerschnitt . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
7.1.4 Torsionsstäbe mit beliebiger Querschnittform . . . . . . . . . . . . . 209
7.1.4.1 Dünnwandige Hohlquerschnitte . . . . . . . . . . . . . . . . 210
7.1.4.2 Rechteck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
7.1.4.3 Dünnwandige offene Profilquerschnitte . . . . . . . . . . 214
7.1.5 Kerbwirkung, Grenzspannungen und zulässige Spannung
bei Torsion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
7.1.6 Formänderungsarbeit bei Torsion - Drehstabfedern . . . . . . . . 219
7.1.7 Vergleichende Beurteilung von Schubspannung und
Torsionswinkel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
7.2 Torsionsbeanspruchung gekrümmter Stäbe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
7.2.1 Zylindrische Schraubenfedern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
7.3 Aufgaben zu Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
7.3.1 Aufgaben zu Abschnitt 7.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
7.3.2 Aufgaben zu Abschnitt 7.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
7.4 Formelzusammenfassung Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234

8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235


8.1 Einfache Scherung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
8.2 Schubspannungen durch Querkräfte bei Biegung . . . . . . . . . . . . . . . . 238
8.3 Abschätzung der Größenordnung der Schubspannung . . . . . . . . . . . . 243
8.4 Schubspannungen in Profilträgern - Schubmittelpunkt . . . . . . . . . . . . 245
8.5 Berechnung von genieteten und geschweißten Trägern . . . . . . . . . . . 250
8.6 Schubverformung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
8.7 Aufgaben zu Kapitel 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254
8.8 Formelzusammenfassung Kapitel 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256

9 Zusammengesetzte Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257


9.1 Einteilung und Beispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
9.1.1 Zusammengesetzte Zug- oder Druck- und
Biegebeanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
9.1.2 Biegung stark gekrümmter Träger . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267
9.1.3 Zusammengesetzte Schub- und Torsionsbeanspruchung . . . . 274
9.2 Spannungszustand - Geometrie der Spannungen . . . . . . . . . . . . . . . . 275
9.2.1 Geschlossene dünnwandige zylindrische und kugelförmige
Behälter unter innerem und äußerem Überdruck . . . . . . . . . . 277
9.2.2 Ebener - zweiachsiger - Spannungszustand . . . . . . . . . . . . . . 279
9.2.2.1 Abhängigkeit der Spannung von der
Schnittrichtung - Hauptspannungen . . . . . . . . . . . . 281
9.2.2.2 Mohr’scher Spannungskreis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
9.2.2.3 Beziehungen zwischen den Spannungen am
Flächenelement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
Inhaltsverzeichnis xv

9.2.3 Räumlicher - dreiachsiger - Spannungszustand . . . . . . . . . . . . 287


9.3 Formänderungen des ebenen Spannungszustands . . . . . . . . . . . . . . . . 294
9.3.1 Allgemeines Hooke’sches Gesetz für den ebenen
Spannungszustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
9.3.2 Beziehungen zwischen den isotropen Werkstoffkennwerten . 297
9.3.3 Volumenänderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
9.3.4 Abschätzung der Größenordnung der Querkontraktionszahl . 299
9.3.5 Dehnungsmessungen - Berechnung der Spannungen . . . . . . . 300
9.4 Festigkeitshypothesen - Versagen bei mehrachsiger
Beanspruchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
9.4.1 Vergleichsspannung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
9.4.1.1 Hypothese der größten Hauptspannung . . . . . . . . . . 305
9.4.1.2 Hypothese der größten Schubspannung . . . . . . . . . . 305
9.4.1.3 Hypothese der größten Gestaltänderungsenergie . . 305
9.4.2 Berechnungsgleichungen - Korrekturzahl nach von Bach . . . 306
9.5 Aufgaben zu Kapitel 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
9.5.1 Aufgaben zu Abschnitt 9.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
9.5.2 Aufgaben zu Abschnitt 9.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
9.5.3 Aufgaben zu Abschnitt 9.3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
9.5.4 Aufgaben zu Abschnitt 9.4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
9.6 Formelzusammenfassung Kapitel 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317

10 Knicken und Beulen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319


10.1 Euler’sche Knickkraft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
10.1.1 Außermittiger Kraftangriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319
10.1.2 Mittiger Kraftangriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
10.1.3 Knicksicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
10.1.4 Andere Randbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
10.1.5 Knicken bei behinderter Wärmedehnung . . . . . . . . . . . . . . . . 329
10.2 Knickspannungsdiagramm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
10.3 Beulung dünnwandiger Hohlkörper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
10.3.1 Kreiszylinder unter Axialdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
10.3.2 Konstanter Außendruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336
10.4 Aufgaben zu Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337
10.5 Formelzusammenfassung Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339

11 Rotationssymmetrischer Spannungszustand in Scheiben . . . . . . . . . . . 341


11.1 Herleitung der Grundgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
11.1.1 Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342
11.1.2 Verträglichkeitsbedingung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
11.2 Dickwandige zylindrische Behälter unter Innen- und Außendruck . 344
11.2.1 Spannungsverteilung - Vergleichsspannung . . . . . . . . . . . . . . 345
11.2.1.1 Innendruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 345
11.2.1.2 Außendruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 346
11.2.2 Fließbeginn - vollplastischer Grenzzustand . . . . . . . . . . . . . . 351
xvi Inhaltsverzeichnis

11.2.3 Näherungsrechnung im teilplastischen Bereich -


Berechnungsvorschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
11.2.4 Mehrlagenbehälter - Schrumpfverbindungen . . . . . . . . . . . . . 357
11.3 Aufgaben zu Kapitel 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361

A Lösungen zu den Aufgaben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363


A.1 Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
A.2 Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
A.3 Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
A.3.1 Abschnitt 4.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
A.3.2 Abschnitt 4.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
A.3.3 Abschnitt 4.3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 370
A.3.4 Abschnitt 4.4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
A.4 Kapitel 5 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 371
A.5 Kapitel 6 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
A.6 Kapitel 7 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
A.6.1 Abschnitt 7.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
A.6.2 Abschnitt 7.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 374
A.7 Kapitel 8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
A.8 Kapitel 9 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
A.8.1 Abschnitt 9.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
A.8.2 Abschnitt 9.2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376
A.8.3 Abschnitt 9.3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
A.8.4 Abschnitt 9.4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
A.9 Kapitel 10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 378
A.10 Kapitel 11 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379

Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 381

Sachverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
Kapitel 1
Einführung

1.1 Aufgaben der Festigkeitslehre

Die Festigkeitslehre - als Teilgebiet der Technischen Mechanik - behandelt das Ver-
halten verformbarer fester Körper unter dem Einfluss von äußeren Kräften und Mo-
menten. In der Statik und der Kinetik werden diese Körper im Allgemeinen als starr
vorausgesetzt. Innerhalb der Statik befinden sich die betrachteten Körper im Zustand
der Ruhe oder der gleichförmigen Bewegung, und die Kräfte und die Momente sind
im Gleichgewicht. Während in der Statik die Gleichgewichtsbedingungen am star-
ren Körper hergeleitet und die resultierenden Schnittgrößen (Längs- und Querkräfte,
Biege- und Torsionsmomente) mit deren Hilfe berechnet werden, wird in der Festig-
keitslehre nach der Verteilung dieser Beanspruchungs- oder Schnittgrößen im Innern
der Körper und nach der Verformung gefragt.
Aufgabe der Festigkeitslehre ist es, Berechnungsverfahren zu entwickeln, da-
mit die Kraftwirkungen im Inneren von Körpern und die dadurch hervorgerufenen
Formänderungen der Körper berechnet werden können. Weiter müssen Regeln zur
Beurteilung des Versagens und besonders zur Vermeidung des Versagens der aus
verschiedenen Werkstoffen bestehenden Körper angegeben werden. Diese Körper
stellen in der Regel komplizierte Bauteile von bestimmter Form und Abmessung
dar. Ihre Form muss für eine Berechnung oft vereinfacht werden. In der elementaren
Festigkeitslehre bevorzugt man das Modell linienförmiger Träger für reale Bautei-
le. Diese sind prismatische Körper mit gerader oder gekrümmter Längsachse, deren
Abmessung in Achsenrichtung wesentlich größer als die Querschnittsabmessungen
ist. Aber auch andere Formen sind möglich: Scheibe, Platte usw. Die entsprechen-
den Berechnungsmodelle werden oftmals in Lehrbüchern zur Höheren Festigkeits-
lehre [19] bzw. der Spezialliteratur (z. B. [3]) behandelt, wobei dominant die Me-
thoden der Festigkeitslehre, wie sie auch in diesem Buch behandelt werden, zum
Einsatz kommen. Bei Überbeanspruchung im Betrieb können Bauteile verschieden-
artig versagen, durch Bruch, durch unzulässig große Verformungen oder aber auch
durch Instabilität.

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_1,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
2 1 Einführung

Die Berechnungsverfahren der Festigkeitslehre beruhen auf den Gesetzen der


Statik und setzen ihre Regeln voraus. Die Berechnungsgleichungen der Festigkeits-
lehre werden für ideale homogene und isotrope Körper hergeleitet. Ein Körper ist
homogen, wenn er aus überall gleichartigem Werkstoff besteht; er ist isotrop, wenn
die Werkstoffeigenschaften in allen Punkten richtungsunabhängig sind. Die Bautei-
le der Technik sind jedoch aus realen Werkstoffen (Metalle, Kunststoffe, Holz usw.)
gefertigt. Nur gleichmäßig feinkörnige Werkstoffe sind annähernd homogen und
verhalten sich quasi-isotrop, d. h. näherungsweise isotrop. Ist dies nicht gegeben,
müssen die Elemente der Festigkeitslehre erweitert werden, d. h. die das Werkstoff-
verhalten kennzeichnenden Gleichungen sind zu modifizieren. Elementare Erweite-
rungen können beispielsweise [4] entnommen werden.
In jedem Fall können reale Werkstoffe nur begrenzte Beanspruchungen ertragen,
so dass die errechneten inneren Kraftwirkungen und Verformungen von Bauteilen
zulässig sein, d. h. unter einem gewissen Grenzwert bleiben müssen, damit Versagen
vermieden wird. Voraussetzung für eine möglichst wirklichkeitsgetreue und wirt-
schaftliche Festigkeitsberechnung sind daher auch Kenntnisse über die in der Tech-
nik verwendeten Werkstoffe. Die Werkstoffkunde vermittelt die Kenntnisse über die
Struktur-Eigenschaftsbeziehungen und die technologischen Behandlungsmöglich-
keiten der Werkstoffe. Die Werkstoffprüfung untersucht das Verhalten der Werkstof-
fe unter den verschiedenen Beanspruchungsarten, besonders den Zusammenhang
zwischen Kräften und Verformungen, sowie die Grenzbeanspruchungen, die zum
Versagen führen können. Die Verknüpfung der Festigkeitslehre mit der Werkstoff-
kunde und der Werkstoffprüfung ist somit unerlässlich und gibt diesem Fachgebiet
eine Sonderstellung innerhalb der Technischen Mechanik.
Die Aufgaben und Ziele der Festigkeitslehre können nunmehr zusammengefasst
werden:

Berechnung der inneren Kraftwirkung (der Beanspruchung) und der Verfor-


mung von Bauteilen sowie ein Vergleich mit zulässigen Werten.

Dabei sind folgende Teilaufgaben denkbar:


– Berechnung der Tragfähigkeit (der zulässigen Belastung) von Bauteilen bei ge-
gebenen Abmessungen und gegebenem Material,
– Ermittlung der erforderlichen Abmessungen (Dimensionierung) von Bauteilen
bei gegebenen Kräften und gegebenem Material sowie
– Werkstoffauswahl bei gegebenen Beanspruchungen und gegebenen Abmessun-
gen.
In allen Fällen ist zu beachten, dass Beanspruchungen und Verformungen nur so
groß sein dürfen, dass ein Versagen der Bauteile mit Sicherheit verhindert wird. Die
durch Versuche ermittelten Grenzbeanspruchungen der Werkstoffe (Werkstoffkenn-
werte) dürfen in den Bauteilen nicht erreicht und überschritten werden. Der Begriff
der Sicherheit spielt in der Festigkeitslehre eine große Rolle.
1.2 Beanspruchungsarten - Grundbeanspruchungen 3

Definition 1.1 (Sicherheit). Mit Sicherheit wird allgemein das Verhältnis einer
Grenzbeanspruchung des Werkstoffs (Werkstoffkennwert) zur errechneten Bean-
spruchung im Bauteil bezeichnet.
Die Sicherheit (auch Sicherheitsbeiwert) ist also eine Verhältniszahl, die immer
größer als 1 sein muss. Die geforderten Mindestwerte sind anwendungsspezifisch
(im Maschinenbau höher als in der Luft- und Raumfahrt).

1.2 Beanspruchungsarten - Grundbeanspruchungen

Die vielfältige Beanspruchung von Bauteilen lassen sich oft auf einige Grundfälle
zurückführen, die je nach Richtung und Wirkung der äußeren Kräfte unterschieden
werden. Die Bauteile werden geometrisch vereinfacht, zumeist als linienförmige
Bauteile, dargestellt. Letztere sind wie folgt definiert.
Definition 1.2 (Linienförmiges Tragwerk). Sind zwei geometrische Abmaße we-
sentlich kleiner als das dritte Abmaß, spricht man von einem linienförmigen Trag-
werk.
Die beiden wesentlich kleineren Abmaße kennzeichnen den Querschnitt. Das drit-
te Maß entspricht der Längsachse, wobei diese gerade oder gekrümmt sein kann.
Weitere Unterscheidungsmöglichkeit sind mit der Beanspruchungsart gegeben.
Definition 1.3 (Stab). Ein Stab ist ein linienförmiges Tragwerk mit gerader Längs-
achse und Beanspruchung in Achsenrichtung. Dabei wird die Längsachse verlän-
gert, verkürzt oder verdreht.

Definition 1.4 (Balken). Ein Balken ist ein linienförmiges Tragwerk mit gerader
Längsachse und Beanspruchung in Achsenquerrichtung. Dabei wird die ursprung-
lich gerade Längsachse gekrümmt.

1.2.1 Zugbeanspruchung

Zugbeanspruchung tritt in Bauteilen auf, die unter dem Einfluss äußerer Zugkräfte F
stehen. Derartige Bauteile werden Zugstäbe genannt (Abb. 1.1). Die Wirkungslinie
der Kräfte (s. Abschnitt 2.1 Kraft und ihre Darstellung in [17]) liegt in Richtung
der Stabachse. Beispiele für Zugstäbe sind Zugstangen, Fachwerkstäbe, Hängeseile,
Ketten, Schrauben sowie dünne umlaufende Ringe.

Abb. 1.1 Zugbeanspruchung


F F
(Zugstab)
4 1 Einführung

1.2.2 Druckbeanspruchung

In Bauteilen herrscht Druckbeanspruchung, wenn die äußeren Kräfte Druckkräfte


sind, also den Zugkräften entgegengesetzt gerichtet sind (Abb.1.2 a). Für die Be-
rechnung von Druckstäben wird eine Einschränkung bezüglich der Länge gemacht.
Sie sind auf Knicken zu berechnen (s. Abb. 1.6 und Kapitel 10), wenn ihre Länge
um ein Mehrfaches größer ist als die Querschnittsabmessungen.

Abb. 1.2 Druckbeanspruchung a) b) F


a) Druckstab
b) Flächenpressung F F

Zug- und Druckstäbe unterscheiden sich nur in der Richtung der wirkenden äuße-
ren Kräfte. Druckbeanspruchung ergibt sich aber auch bei der Berührung zwei-
er Bauteile unter einer Kraftwirkung (Flächenpressung, Abb. 1.2 b). Beispiele für
Druckstäbe sind kurze Säulen und Druckstempel; für Flächenpressung Fundamente,
Lager, Gelenke, Bolzen- und Nietverbindungen (Lochleibungsdruck) .

1.2.3 Schub- oder Scherbeanspruchung

Schub- oder Scherbeanspruchung tritt auf, wenn die äußeren Kräfte senkrecht zur
Längsachse der Bauteile gerichtet sind und auf der gleichen Wirkungslinie liegen
oder die Wirkungslinien nicht sehr weit voneinander entfernt sind. Beispiele sind
Niete (Abb. 1.3 a), Scherstifte (Abb. 1.3 b), kurze Zapfen (Abb. 1.3 c) sowie hohe
Stege von Kastenträgern und I-Profilen. Scherbeanspruchung ergibt sich auch beim
Blechschneiden oder beim Stanzen von Blechteilen (Abb. 1.3 d).

a) b)

F F
F
F
c) F d) F

Abb. 1.3 Schubbeanspruchung


a) Niet
b) Scherstift
c) kurzer Zapfen
d) Abscheren eines Bleches beim Stanzen
1.2 Beanspruchungsarten - Grundbeanspruchungen 5

1.2.4 Biegebeanspruchung

Wird ein Bauteil durch eine Kraft oder mehrere Kräfte senkrecht zu seiner Achse
oder durch Momente um Achsen quer zur Längsachse belastet und ist seine Länge
um mindestens eine Größenordnung größer als sein Querschnitt, wird es überwie-
gend auf Biegung beansprucht. Linienförmige Bauteile, die so belastet werden,
heißen Balken. Beispiele sind Wellen, Achsen, Konsolen, Decken- und Brücken-
träger (Abb. 1.4). Biegestäbe erfahren aber auch eine zusätzliche Schubbeanspru-
chung.Biegebeanspruchungen erzeugen in den betreffenden Bauteilen Verformun-
gen, die als Durchbiegung bezeichnet werden.

Abb. 1.4 Biegebeanspruchung a)


a) Freiträger F
b) zweifach gelagerte Welle
c) Belastungsschema einer
Achse
b)
F1 F2

F3

c)
F a a F

F F

1.2.5 Torsionsbeanspruchung

Wird ein Bauteil durch Kräftepaare in einer zu seiner Längsachse senkrechten Ebe-
nen belastet, erfährt es eine Torsions- oder auch Verdrehbeanspruchung (Abb. 1.5).
Beispiele sind Wellen, Drehstabfedern, zylindrische Schraubenfedern, Schrauben
beim Anziehen sowie Drehmomentschlüssel. Torsionsbeanspruchungen führen zu
Winkeländerungen bei Verdrehung.

2a
F

Abb. 1.5 Torsionsbeanspruchung


(Verdrehbeanspruchung) F
6 1 Einführung

1.2.6 Knickbeanspruchung

Bei einer Druckbeanspruchung schlanker Stäbe tritt Versagen durch seitliches Aus-
biegen (Knicken) ein, obgleich keine äußere Kraft senkrecht zur Stabachse wirkt
(Abb. 1.6). Die rechnerische Behandlung der Knickbeanspruchung stellt ein Sta-
bilitätsproblem dar. Ähnliche Probleme treten auch bei der Druckbeanspruchung
dünner Rohre und Schalen sowie bei Biege- und Verdrehbeanspruchung sehr dünner
Stäbe auf (Beulen, Biegeknicken, Drillknicken). Zu den Besonderheiten der Auf-
gaben zum Knicken gehört, dass die Gleichgewichtsbeziehungen am verformten
Bauteil aufzustellen sind. Die übrigen Aufgaben der Festigkeitslehre beruhen auf
Gleichgewichtsaussagen am unverformten Element.

Abb. 1.6 Knickbeanspruchung a) b)


F < Fkr
a) gerader Stab unter Längs- F  Fkr
kraftbelastung unterhalb der
kritischen Knicklast Fkr
b) Ausknicken in Folge
Längskraft nach Erreichen
der kritischen Knickkraft

Jede dieser bisher ausgeführten Beanspruchungsarten erzeugt in den betreffen-


den Bauteilen Verformungen, die für sie charakteristisch sind: Verlängerung bei
Zugstäben, Verkürzung und Ausbiegen bei Druckstäben, Winkeländerung bei Ver-
drehung, Durchbiegung bei Biegebeanspruchung.

1.2.7 Zusammengesetzte Beanspruchung

Sind zwei oder mehr Beanspruchungsarten in einem Bauteil gleichzeitig vorhan-


den, liegt zusammengesetzte Beanspruchung vor. Beispiele sind: Wellen (Biegung
und Verdrehung), Schrauben (Zug und Verdrehung), Rahmen (Biegung, Zug oder
Druck und Verdrehung), dünn- und dickwandige Rohre sowie Druckbehälter (Zug,
Druck und eventuell Biegung). Die Bewertung derartiger Zustände ist keine trivia-
le Aufgabe, da als Maß für die Beanspruchung nicht die Einzelbeanspruchungen
herangezogen werden können. Erst die Definition einer geeigneten Vergleichsbean-
spruchung, die unter anderem von den Werkstoffeigenschaften abhängig ist, lässt
eine Bewertung im Sinne der Grundaufgaben der Festigkeitslehre zu.
1.3 Schnittmethode - Spannungen - Krafteinleitung 7

1.3 Schnittmethode - Spannungen - Krafteinleitung

Die in der Statik verwendete Schnittmethode (s. [17], Kapitel 2 - Grundbegriffe und
Axiome der Statik starrer Körper) wird auch zur Lösung von Festigkeitsaufgaben
herangezogen. In der Statik werden mit dieser Methode die resultierenden Schnitt-
oder Beanspruchungsgrößen (Längs- und Querkräfte, Biege- und Verdrehmomente)
ermittelt.
Für die Festigkeitslehre wird die Schnittmethode wie folgt formuliert.
Definition 1.5 (Schnittmethode). Ein beliebig gestaltetes Bauteil, das unter der
Wirkung äußerer Kräfte und/oder Momente steht, wird geeignet geschnitten (Abb.
1.7 a). Ein Teilstück mit den daran angreifenden Beanspruchungen wird entfernt und
die Wirkungen der mit dem abgeschnittenen Teil entfernten äußeren Beanspruchun-
gen auf die Schnittfläche des stehengebliebenen Teils sind dann zu berücksichtigen
(Abb. 1.7 b).
Die resultierenden Schnittgrößen verteilen sich über die gesamte Schnittfläche als
innere Schnittkräfte, die mit den äußeren Kräften im Gleichgewicht stehen müssen.
Definition 1.6 (Spannung). Die inneren Schnittkräfte, bezogen auf die Schnitt-
fläche oder ein Teilstück derselben (Schnittflächenelement dA), definiert man als
Spannungen.
Die Spannung wird im Allgemeinen in der Einheit N/mm2 angegeben.
Definition 1.7 (Spannungsvektor). Unter einem Spannungsvektor1 σ versteht man
den Quotienten aus dem Vektor der Schnittkraft dFF und der zugehörigen Schnitt-
fläche dA
dFF
σ= .
dA
Spannungen sind wie Kräfte gerichtete Größen, also Vektoren2, und im Allgemei-
nen beliebig im Raum gerichtet. Befinden sich alle äußeren Kräfte in einer Ebene,

a) b)
F3
D
Abb. 1.7 Schnittmethode
F1
a) beliebig gestaltetes Bauteil F1
mit einem Schnitt von D nach dFi
E
b) linkes Teilstück mit den F4 dAi
inneren Kräften dFi in der
E
Schnittfläche, dAi Schnitt-
element F2 F2

1 Folgt man der Statik, kann man in Analogie auch Momentenspannungen einführen. Diese werden

jedoch in der Festigkeitslehre vernachlässigt.


2 Für Vektoren und Tensoren werden die Symbole fett gedruckt. Von anderen Darstellungen (Un-

terstreichungen, Pfeilsymbole) wird hier abgesehen.


8 1 Einführung

Abb. 1.8 Zerlegung des σ σn


Spannungsvektors σ in einen
normal gerichteten Vektor σn
und einen tangential gerichte-
ten Vektor τt

τt dA

dann liegen auch die Spannungsvektoren in der gleichen oder dazu parallelen Ebe-
ne. Für die Festigkeitsrechnung ist es zweckmäßig, den Spannungsvektor in zwei
Komponenten normal und tangential zur Schnittfläche zu zerlegen (Abb. 1.8).
Definition 1.8 (Normalspannung). Die Komponente des Spannungsvektors normal
zur Fläche heißt Normalspannung σ.

Definition 1.9 (Schubspannung). Die Komponente des Spannungsvektors tangen-


tial zur Fläche heißt Tangentialspannung (Schubspannung) τ.

Durch Multiplikation einer Spannung mit der zugehörigen Schnittfläche erhält man
umgekehrt die in dieser Fläche wirkende Normalkraft σ dA = dFn bzw. Tangential-
oder Schubkraft τ dA = dFt . Normalspannungen können Zug- oder Druckspannun-
gen sein, je nachdem, ob die Spannung an der Fläche zieht“ oder drückt“. Zur
” ”
Unterscheidung der Zug- und Druckspannungen können Indizes an die Formelzei-
chen geschrieben werden, σz (Zugspannung) oder σd (Druckspannung). Häufiger
jedoch ist die Unterscheidung durch ein Vorzeichen (+ für Zug-, − für Druckspan-
nungen). In Zeichnungen werden die Spannungen manchmal symbolisch angegeben
(Abb. 1.9). Eine Vorzeichenregelung für Schubspannungen hat nur für die Richtung
bezüglich der Schnittfläche Bedeutung (Abb. 1.10).
Die Schnittfläche dA wurde beliebig gewählt. Ihre Richtung bzw. Orientierung
im Raum ist durch die Flächennormale n gegeben. Diese muss nicht unbedingt mit

a) b)
+σ −σ

Abb. 1.9 Symbolische Dar-


stellung der Normalspannun-
gen zur Schnittfläche
a) Zug
b) Druck Schnittflächen

a) b)

Abb. 1.10 Symbolische Dar- +τ −τ


stellung der Schubspannun-
gen zur Schnittfläche
a) positiv
b) negativ Schnittflächen
1.3 Schnittmethode - Spannungen - Krafteinleitung 9

Abb. 1.11 Schnittfläche mit


Orientierung (Flächennorma-
le n ) und beliebig orientierter dA
Belastung dFF n

F
dF

der Richtung der beanspruchenden Kraft dFF übereinstimmen (Abb 1.11). Daher wird
zur Beschreibung der Spannungen in einem Körper eine neue Größe benötigt - der
Spannungstensor Σ . Es gilt das C AUCHY’sche3 Lemma [2]

σ = Σ ·n
n

mit · als Skalarprodukt. Für das C ARTESI’sche4 Koordinatensystem mit den Ein-
heitsvektoren e i (i = 1, 2, 3) folgt aus σ = σie i , n = nje j und Σ = Σije ie j

σi = Σij nj .

Für i = j folgen die Normalspannungen, für i = j - Schubspannungen.


Die errechnete Spannungsverteilung über eine Schnittfläche wird meist in ei-
nem Diagramm in Abhängigkeit von einer Querschnittskoordinate (in Richtung der
Breite oder der Höhe der Schnittfläche) dargestellt. Die Spannungen werden als Or-
dinaten abgelesen (Abb. 1.12).
Der Spannungsvektor σ (und mit ihm auch seine Komponenten σ und τ) ändert
sich, wenn man der Schnittfläche in Abb. 1.7 eine andere Richtung gibt. Geeig-
net oder vernünftig durchgeschnitten bedeutet, dass der Schnitt z. B. in Symmetrie-

σ τ
τ(z)
σ(y)

y z
dAi dAi

Abb. 1.12 Beispiel für die zeichnerische Darstellung des Spannungsverlaufs in Abhängigkeit von
den Querschnittskoordinaten y und z

3 AUGUSTIN L OUIS C AUCHY (∗ 21. August 1789 in Paris; † 23. Mai 1857 in Sceaux), Mathema-
tiker, Begründer der Elastizitätstheorie
4 R EN É D ESCARTES (latinisiert R ENATUS C ARTESIUS ; ∗ 31. März 1596 in La Haye en Touraine;

† 11. Februar 1650 in Stockholm), Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler


10 1 Einführung

a) a F F a b)
F F

a
h
l F l F
F F
Abb. 1.13 Auf Biegung beanspruchte Balken, gleichwertiger Spannungszustand im Abschnitt l
a) Belastung durch Kräfte senkrecht zur Längsachse
b) Belastung durch Kräfte in Richtung der Längsachse

richtungen des Bauteils (senkrecht zur Längsachse) oder senkrecht und parallel zur
Richtung der äußeren Kräfte geführt wird. Unter diesen Voraussetzungen ist der
rechnerische Aufwand für die Spannungsverteilung bei den verschiedenen Bean-
spruchungsarten verhältnismäßig gering, bei schiefen beliebigen Schnittrichtungen
ist er deutlich größer. Bedeutung haben die Spannungen in beliebigen Schnitten erst,
wenn die zusammengesetzte Beanspruchung behandelt wird. Dort wird auch der all-
gemeine Spannungszustand behandelt. Unter Spannungszustand versteht man die
Gesamtheit aller Spannungen in einem oder allen Punkten eines belasteten Körpers
in allen möglichen Richtungen.
Spannungen sind in Körpern nur möglich durch Bindungskräfte und Wechselwir-
kungen, die zwischen ihren Atomen wirksam sind. Im idealen Atomgitter der Me-
talle z. B. liegen die theoretischen Festigkeiten um ein Vielfaches über dem Wert,
den man im Zugversuch an einem Probestab feststellt. Metalle und andere in der
Technik verwendete Werkstoffe sind nicht ideal homogen und isotrop, sondern in
ihrem Atomaufbau sind immer Störstellen zu finden (Gitterfehler, Versetzungen,
Korngrenzen und nichtmetallische Einschlüsse in Metallen).
Bei den üblichen Berechnungsverfahren der Festigkeitslehre beschränkt man sich
im Gegensatz zur Elastizitätstheorie im Allgemeinen auf die Spannungsverteilung
in solchen Bereichen der Bauteile, in denen keine äußeren Kräfte angreifen. In
unmittelbarer Nähe dieser Kräfte weichen die wirklichen Spannungen oft erheb-
lich von den berechneten ab, und ihre Verteilung hängt sehr stark von der Art der
Krafteinleitung in das Bauteil ab. Bei der praktischen Festigkeitsberechnung im Ma-
schinenbau oder Bauwesen wird der Einfluss der Krafteinleitung vernachlässigt.
Dieses ist insofern zulässig, als diese örtlichen Spannungen sehr rasch abklingen
(Prinzip von DE S T. V ENANT5 ). In einem schlanken Biegebalken z. B. ist das Ab-
klingen etwa in einem Abstand von der Krafteinleitungsstelle erfolgt, der der halben
Höhe des Stabes entspricht. In den Abbildungen 1.13 a) und b) liegt der ungestörte
Spannungszustand in der angegebenen Strecke l vor. Trotz verschiedenen Lastan-
griffs sind bei gleichem Biegemoment Mb = Fa beide Spannungszustände gleich.

5A DH ÉMAR J EAN C LAUDE BARR É DE S AINT-V ENANT (∗ 23. August 1797 in Villiers-en-Bière,
Seine-et-Marne; † 6. Januar 1886 in St. Ouen, Loir-et-Cher), Ingenieur, Mathematiker und Physi-
ker, Professor an der École des Ponts et Chaussées in Paris, korrekte Herleitung der Navier-Stokes-
Gleichungen (1843, zwei Jahre vor Stokes), Kompatibilitätsbedingungen für die Verzerrungen,
Torsion, 1868 wurde er Mitglied der Académie des Sciences in der Sektion Mechanik
1.4 Formänderungen - Zusammenhang mit den Spannungen 11

a F F a

Abb. 1.14 Spannungsoptische Aufnahme des in Abb. 1.13 a) gezeigten Belastungsfalls

In gedrungenen Bauteilen kann bei konzentriertem Lastangriff ein beträchtlicher


Unterschied zwischen vereinfacht errechneter und tatsächlicher Spannungsvertei-
lung auftreten. Die Spannungsoptik ist ein Hilfsmittel, um Spannungszustände sicht-
bar zu machen. Mit ihrer Hilfe kann man das Abklingen der Krafteinleitungsspan-
nungen zeigen (Abb. 1.14).

1.4 Formänderungen - Zusammenhang mit den Spannungen

Wird ein Bauteil äußeren Kräften und Momenten ausgesetzt, machen sich diese im
Inneren in jedem Punkt als Spannungen bemerkbar. Unter dem Einfluss dieser Span-
nungen werden die Atome voneinander entfernt oder einander genähert. Kehren die
Atome nach Entfernung der äußeren Belastung wieder in ihre Ausgangslage zurück,
nennt man die mit der Lageänderung unter Last verbundene Verformung elastisch.
Diese elastische Verformung geht im Allgemeinen nur bis zu einem bestimmten
Grenzwert der äußeren Belastung. Werden bei darüber hinaus gehender Belastung
die Atome in ihrer gegenseitigen Lage bleibend verändert, spricht man von plasti-
scher oder bleibender Verformung. Werkstoffe, die nach elastischer noch zu plasti-
scher Verformung fähig sind, nennt man duktil (z. B. Eisen, Kupfer, Aluminium).
Werkstoffe, bei denen der Zusammenhalt der Atome untereinander bei Belastung
ohne bleibende Verformung getrennt wird, bezeichnet man als spröde (z. B. gehärte-
ter Stahl, Grauguss GG).
Elastische Verformungen sind im Allgemeinen klein im Vergleich zu plasti-
schen (Ausnahmen bei Gummi und thermoelastischen Kunststoffen), können aber
beim Biegen von dünnem Draht oder Band aus Metall auch große Werte anneh-
men. Bleibende Formänderungen können sehr groß werden, bei Stahl 30. . . 80%,
bei Kunststoffen über 100% der ursprünglichen Länge. Der Zusammenhang zwi-
schen äußerer Last und der Formänderung lässt sich nur versuchsmäßig erfas-
sen, er dient der Festigkeitsberechnung als Grundlage. Üblicherweise werden nur
elastische Verformungen vorausgesetzt. Da diese im Verhältnis zu den Abmessun-
gen der Bauteile fast immer sehr gering sind, werden die in die Festigkeitslehre
übernommenen Gleichgewichtsbedingungen der Statik ebenfalls am unverformten
12 1 Einführung

Körper aufgestellt (Ausnahme: Knicken und andere Stabilitätsprobleme, bei denen


die Verformung wesentlich ist und das Gleichgewicht für den verformten Zustand
aufgestellt wird). Hierbei ergibt sich oft die Situation, dass sich aus den Gleichge-
wichtsbedingungen nicht genügen Gleichungen ableiten lassen, um die Spannun-
gen zu berechnen. Die fehlenden Gleichungen gewinnt man aus den geometrisch
möglichen Formänderungen, die mit den Spannungen über versuchsmäßig ermit-
telte Gesetzmäßigkeiten (Stoff- oder Konstitutivgesetze) verknüpft werden. Diese
fehlenden Gleichungen heißen Verträglichkeitsbedingungen“ und bedeuten, dass

die elastischen Formänderungen mit den geometrisch möglichen verträglich sind.
Die Formänderungen dürfen den Zusammenhalt des Bauteils nicht stören, es dürfen
z. B. keine Klaffungen oder Überdeckungen auftreten.
Die exakte Lösung solcher Gleichungssysteme ist die Aufgabe der mathemati-
schen Elastizitätstheorie, in der technischen Festigkeitslehre trifft man häufig ein-
schränkende Annahmen und begnügt sich mit Näherungslösungen. Weitere Nähe-
rungslösungen lassen sich mit Hilfe der Methoden der numerischen Mechanik fin-
den.
Heute wird des öfteren auch das Verhalten bei plastischer Verformung mit in die
Festigkeitsberechnung einbezogen. Besonders bei ungleichmäßiger Spannungsver-
teilung (z. B. bei Biegung, an Kerben oder in dickwandigen Druckbehältern) führen
diese Überlegungen zu einer besseren Ausnutzung des Werkstoffs und zu einer wirt-
schaftlicheren Bauweise im Vergleich zu einer Auslegung mit rein elastischem Ma-
terialverhalten.
Kapitel 2
Zug- und Druckbeanspruchung

2.1 Zug- und Druckspannungen

Zur Berechnung der Spannungen in einem prismatischen Zugstab wendet man die
Schnittmethode (s. Abschnitt 1.3) an. Da die äußeren Kräfte F in Richtung der Stab-
achse zeigen, ist ein Schnitt senkrecht zur Stabachse als geeignet anzusehen. In
dieser Querschnittsfläche können nur Normalspannungen auftreten (Abb. 2.1), weil
Schubspannungen äußere Kräfte senkrecht zur Stabachse erfordern. Die Gleichge-
wichtsbedingung der Kräfte in Stablängsrichtung ergibt mit


n  
lim σi dAi = σ dA ⇒ σ dA − F = 0 . (2.1)
dA→0
n→∞ i=1

Geht man von der Annahme aus, dass die Spannungen gleichmäßig über die Quer-
schnittsfläche verteilt sind, dann ist σ = const. und aus Gl. (2.1) folgt

σ dA = σA = F . (2.2)

Damit lautet die Gleichung für die Zugspannung


F
σ= . (2.3)
A

a)
F F
Abb. 2.1 Zugstab
a) Schnitt
b) Geschnittener Zugstab mit
Normalspannungen σ in der b) σ c)
Schnittfläche F A σi
c) durch σi beanspruchte dAi
Elementarfläche A

13

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_2,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
14 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Die Annahme gleichmäßiger Spannungsverteilung ist zutreffend, wenn sich die


Querschnittsflächen entlang der Stabachse nicht oder nur wenig ändern und wenn
man den Bereich in der Nähe der Krafteinleitung außer Acht lässt. Die letzte Aus-
sage folgt aus dem Prinzip von DE S T. V ENANT:

An Stellen, an denen eine Krafteinleitung erfolgt, können örtlich un-


gleichmäßige Spannungsverteilungen auftreten, die aber in der Berechnung
vernachlässigt werden, da diese sehr schnell abklingen.

Bei plötzlichem Querschnittssprung ist die Spannungsverteilung ungleichmäßig (s.


Abschnitt 3.2.2).
Druckbeanspruchung erhält man durch Richtungsumkehr der äußeren Last F.
Aus Gl. (2.3) folgt somit die Gleichung für die Druckspannung in einem Druck-
stab
F
σ=− . (2.4)
A
Die Spannungen in Zug- und Druckstäben müssen zulässig sein. Der maximale Wert
der Spannung, der zulässig ist, folgt aus der Festigkeitsbedingung mit der zulässigen
Spannung σzul (s. Kapitel 3)
|F|
|σ| =  σzul . (2.5)
A
Aus Gl. (2.5) folgt für die Tragfähigkeit

|Fzul |  Aσzul (2.6)

und für die Dimensionierung


|F|
Azul  . (2.7)
σzul
Die Gln. (2.5) bis (2.7) entsprechen den Grundaufgaben der Festigkeitslehre (Ab-
schnitt 1.1) und gelten auch für Druckstäbe, sofern diese gedrungen sind und die
zulässigen Spannungen für Zug und Druck gleich sind. Für schlanke Stäbe ist ei-
ne Berechnung auf Knicken erforderlich (s. Kapitel 10). Die Vorzeichen + oder −
werden im Allgemeinen nicht angegeben, wenn eindeutig zu erkennen ist, ob es
sich um Zug- oder Druckstäbe handelt. Die Berechnung der zulässigen Spannung
σzul bei Zug- und Druckbeanspruchung wird im Kapitel 3 behandelt.
Beispiel 2.1 (Zugspannung in einer Stahlstange).
Eine Stahlstange, Durchmesser d = 50 mm, wird mit F = 300 kN auf Zug bean-
sprucht. Man berechne die Zugspannung σ.
Lösung 2.1
Für d = 50 mm ist A = (π/4)d2 = 1 963,5 mm2 ≈ 1 964 mm2 . Gleichung (2.3) ergibt dann die
Zugspannung
F 3 · 105 N N
σ= = = 152,8 ≈ 153 MPa .
A 1 964 mm2 mm2
2.1 Zug- und Druckspannungen 15

Beispiel 2.2 (Tragfähigkeit eines Zugstabes).


Wie groß ist die Tragfähigkeit eines Zugstabes (Stahl S235JR, σzul = 140 N/mm2 )?
Für den Stab ist warmgewalzter gleichschenkliger rundkantiger Winkelstahl 60 × 6
nach DIN EN 10 056-1 vorgesehen.
Lösung 2.2
Einer Profiltabelle in [22] entnimmt man A = 6,91 cm2 . Die Tragfähigkeit wird nun aus Gl. (2.6)
berechnet
N
Fzul = Aσzul = 691 mm2 · 140 = 96,7 · 103 N .
mm2
Die Zugkraft in dem Winkelstahl darf somit rund 96.7 kN nicht überschreiten.

Beispiel 2.3 (Dimensionierung einer Schraube).


Eine Stahlschraube mit metrischem ISO-Gewinde nach DIN 13 wird mit einer Zug-
kraft F = 125 kN beansprucht. Welche Schraubengröße ist zu wählen, wenn die
zulässige Spannung σzul = 120 N/mm2 beträgt?
Lösung 2.3
Für die Berechnung denkt man sich die Schraube durch einen zylindrischen Stab mit dem Durch-
messer des Gewindekernquerschnitts ersetzt. Aus Gl. (2.7) erhält man

F 1,25 · 105 N
A = = 1 042 mm2 .
σzul 120 N/mm2

Einer Gewindetabelle [22] entnimmt man das Gewinde M42 mit Kernquerschnitt A3 = 10,45 cm2 .
Der Spannungsnachweis erfolgt mit Gl. (2.3)

F 1,25 · 105 N N
σ= = = 120 .
A3 1 045 mm2 mm2

Mit dem Spannungsquerschnitt AS = 11,21 cm2 [22] ergibt sich die Spannung zu 111,5 N/mm2 .

Beispiel 2.4 (Zugstab mit schwach veränderlichem Querschnitt).


Für einen einseitig eingespannten, schlanken Zugstab mit schwach linear veränder-
lichem Querschnitt, der am freien Ende mit einer Zugkraft F beansprucht wird
(Abb. 2.2), sind die Verschiebungen zu ermitteln. Gegeben sei der Elastizitätsmo-
dul E, die Stablänge l sowie die Funktion für den Querschnitt in Abhängigkeit der
Stabachsenkoordinate x  x 
A(x) = A0 1 − .
20l
Dabei ist A0 der Querschnitt an der Einspannstelle.

A0
F
x
19
A0
20
l

Abb. 2.2 Zugstab mit schwach veränderlichem Querschnitt


16 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Lösung 2.4
Für Referenzzwecke soll zunächst die analytische Lösung abgeleitet werden, die man in diesem
Fall exakt angeben kann. Mit der konstanten Längskraft F erhält man die Normalspannung zu

F
σ(x) = ,
A(x)

welche dann zunächst in eine Bestimmungsgleichung für die Verschiebungen eingeht

σ(x) F
du = dx = dx .
E EA(x)

Die Integration führt dann auf


x
F dx̃ 20Fl  x 
u(x) − u(0) = =− ln 1 − .
EA0 x̃ EA0 20l
0 1−
20l
Die Verschiebung des freien Endes folgt damit zu
 
20Fl l Fl Fl
u(l) = − ln 1 − = 1, 02586 ≈ 1, 026 .
EA0 20l EA0 EA0

Der Zugstab mit konstantem Querschnitt führt im Falle des Querschnittsmaßes A0 an der Ein-
spannstelle auf
Fl
u(l) =
EA0
bzw. im Falle des Querschnittsmaßes 19A0 /20 am freien Ende

20Fl Fl
u(l) = = 1, 053 .
19EA0 EA0

Nimmt man das Querschnittsmaß 39A0 /40 in der Mitte, folgt

40Fl Fl
u(l) = = 1, 026 .
39EA0 EA0
Man erkennt, dass die exakte Lösung von einem oberen Wert (entsprechend dem kleineren Quer-
schnitt) und einem unteren Wert (entsprechend dem größeren Wert) eingeschränkt wird. Der dritte
Wert stimmt in den ersten vier Ziffern (1, 02564 gegen 1, 02587) mit der exakten Lösung überein.
Nimmt man jedoch weitere Kommastellen hinzu, erkennt man auch hier eine Abweichung. Die
Ursache hierfür ist, dass die Theorie der Zugstäbe zunächst nur exakt ist für Zugstäbe konstanter
Querschnittsabmaße. Die erste Lösung entspricht dem Fall veränderlichen Stabquerschnittes.

2.2 Zugversuch

Der Zugversuch gehört zu den Grundversuchen der Werkstoffprüfung. Gleichzeitig


ist die Analyse des Zugversuchs vom Standpunkt der Technischen Mechanik von
besonderem Interesse. Daher wird nachfolgend der Zugversuch aus unterschiedli-
chen Blickwinkeln analysiert. Dabei wird ein Grundbeanspruchungsfall der Festig-
keitslehre betrachtet. Daneben werden wichtige Werkstoffkennwerte eingeführt.
2.2 Zugversuch 17

2.2.1 Spannungs-Dehnungs-Diagramm - Hooke’sches Gesetz

Das Verhalten von Werkstoffproben bei Zugbeanspruchung prüft man im Zugver-


such entsprechend DIN EN 10 0021. Ein genormter Zugstab (Abb. 2.3), z. B. aus
Stahl (DIN 50 125) mit zylindrischem Prüfquerschnitt (Durchmesser d0 ), wird in
einer Prüfmaschine bis zum Zerreißen belastet. Dabei wird die Kraftzunahme ver-

d0
Abb. 2.3 Genormter Propor-
tionalstab für Zugversuche

L0

folgt. An einer vorbereiteten Anfangsmesslänge L0 misst man die mit der Kraft
F zunehmende Verlängerung ΔL, d. h. die Differenz aus aktueller Länge L und L0 .
Der Durchmesser nimmt um Δd ab (Abb. 2.4), da sich Δd aus der Differenz von ak-
tuellem Durchmesser d und Anfangsdurchmesser d0 ergibt. Um von den absoluten
Maßen des Zugstabs unabhängige Größen zu erhalten, bezieht man die Längenände-
rung ΔL auf die Anfangsmesslänge L0 sowie die Durchmesseränderung Δd auf den
Durchmesser d0 . Dabei sind die Vorzeichen von ΔL und Δd von Bedeutung, da sie
eine eindeutige Interpretation der Ergebnisse zulassen.
Definition 2.1 (Technische Dehnung). Als technische Dehnung bzw. Ingenieurdeh-
nung ε wird der Quotient aus Längenänderung zu Anfangsmesslänge bezeichnet

ΔL
ε= .
L0
Bei Zug wird die Länge L in Folge der Beanspruchung größer als die Anfangs-
messlänge L0 , daher sind die Verlängerung ΔL und die Dehnung ε positiv.
Definition 2.2 (Querkontraktion). Als Querkontraktion (Querdehnung) εq wird
der Quotient aus Durchmesseränderung zu Anfangsdurchmesser bezeichnet
Δd/2
d0

Abb. 2.4 Elastische Ver-


formung der zylindrischen L0 ΔL
Messstrecke eines Zugstabes

1Die nach DIN EN 10 002 ermittelten Kennwerte mit der Dimension Spannung werden mit dem
Buchstaben R statt σ, die mit der Dimension Dehnung mit dem Buchstaben A statt ε bezeichnet.
Dem wird auch hier Rechnung getragen.
18 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Δd
εq = .
d0
Dabei ist zu beachten, dass der Anfangsdurchmesser d0 größer als der Durchmesser
in Folge der Beanspruchung d ist, d. h. Δd und die Querdehnung εq sind negativ.
Unabhängig von der Verjüngung des Stabes ist die Zugspannung im Zugversuch
als das Verhältnis der Zugkraft F zum Ausgangsquerschnitt A0 definiert.
Definition 2.3 (Technische Spannung). Als technische Spannung bzw. Ingenieur-
spannung bei Zugbeanspruchung wird der Quotient aus Zugspannung zu Ausgangs-
querschnitt bezeichnet
F
σ= .
A0
Ein anschauliches Bild über das Verhalten einer Probe unter Zugbeanspruchung
erhält man, wenn man die Spannung σ über die Dehnung ε aufträgt. Man gelangt
so zum Spannungs-Dehnungs-Diagramm für die technischen Spannungen und Deh-
nungen. Abbildung 2.5 zeigt ein für zähen Baustahl typisches Diagramm. Man er-
kennt daraus, dass bei kleiner Dehnung zunächst bis zum Punkt P die Dehnung
proportional zur Spannung zunimmt. Bei Entlastung geht die Dehnung ebenfalls
proportional zurück. In Abschnitt 1.4 wurde dieses Verhalten als elastisch bezeich-

a) F
σ=
A0 b)
Ag Ae

c)
E
P
Rm

σZ
Re
σE

σP

0 A (A5 oder A10 ) ΔL


ε=
L0
Abb. 2.5 Verhalten einer Probe bei Zugbeanspruchung (Erklärung der Symbole in Abschnitt 2.2.3)
a) Spannungs-Dehnungs-Diagramm eines Baustahls
b) gleichmäßige Verjüngung der Messstrecke bis zum Erreichen der Höchstlast
c) Einschnürung nach Überschreitung der Höchstlast
2.2 Zugversuch 19

net, es wurde erstmalig von H OOKE (1678)2 untersucht. Der Anstieg der so genann-
ten H OOKE’schen Geraden 0P ist für jeden Werkstoff eine spezifische Größe. Die
Proportionalität zwischen Spannung und Dehnung lässt sich durch die Gleichung

σ = Eε . (2.8)

ausdrücken. Der Proportionalitätsfaktor E wird Elastizitätsmodul genannt und ist


das Maß für den Anstieg der Geraden 0P. Er ist konstant, wenn die Prüfbedingun-
gen konstant sind. Gleichung (2.8) wird als H OOKE’sches Gesetz bezeichnet. Es
dient als Grundlage zur Ermittlung der Spannungen in Bauteilen bei elastischen
Formänderungen.
Zahlenwerte für E-Moduln können z. B. [9; 22] entnommen werden, für aus-
gewählte Werkstoffe sind diese in Tabelle 2.1 angegeben. Durch Versuche hat man
auch festgestellt, dass im Bereich der H OOKE’schen Geraden das Verhältnis der
Dehnung ε zur Querkontraktion εq konstant ist (P OISSON’sches3 Gesetz)
ε
  = m.
εq 

Die P OISSON’sche Konstante4 m ist ebenfalls eine werkstoffabhängige Zahl und


liegt für Metalle im Allgemeinen zwischen 3 und 4. Häufiger wird jedoch das
Verhältnis von Querkontraktion zu Längsdehnung angegeben

Tabelle 2.1 Elastizitätsmodul (in N/mm2 ), Querkontraktionszahl (dimensionslos) und Wärmeaus-


dehnungskoeffizient (in 10−6 K−1 ) für ausgewählte Werkstoffe
Werkstoff Elastizitätsmodul Querkontraktionszahl Wärmeausdehnungskoeffizient

Stahl 1, 9 . . .2,14 · 105 0, 28 . . . 0, 33 12 . . . 15


Eisen, rein 2,12 · 105 0, 27 12
Grauguss 0, 63 . . . 1,3 · 105 0, 25 9
Aluminium 0, 69 . . . 0,72 · 105 0, 31 . . . 0, 34 20 . . . 24
Blei 0, 16 . . . 0,2 · 105 0, 45 28 . . . 29, 3
Kupfer 1,24 · 105 0, 33 16
Wolfram 3,55 · 105 0, 35 4, 5
Glas 0, 4 . . .0,9 · 105 0, 2 . . .0, 29 2, 5 . . .10
Polystyren 4 · 103 0, 32 30
Epoxidharz 3,5 · 103 0, 36 60 . . . 70

2 ROBERT H OOKE (∗ 18. Juli (jul.)/ 28. Juli 1635 (greg.) in Freshwater, Isle of Wight; † 3. März

1702 (jul.)/ 14. März 1703 (greg.) in London), Universalgelehrter (hauptsächlich auf den Gebie-
ten Physik, Mathematik und Biologie), Elastizitätsgesetz (als Anagramm ceiiinosssttuu“, d. h. ut

tensio sic uis bzw. wie die Dehnung, so die Kraft), Kurator und Sekretär der Royal Society
3 S IM ÉON D ENIS P OISSON (∗ 21. Juni 1781 in Pithiviers, Département Loiret; † 25. April 1840

in Paris), Physiker und Mathematiker, Professor an der École Polytechnique, Poisson-Verteilung,


adiabatische Zustandsänderung, Poisson-Zahl
4 Korrekterweise müsste hier der Begriff Parameter stehen, da alle Werkstoffkennwerte nicht kon-

stant sind, sondern z. B. von der Temperatur abhängen.


20 2 Zug- und Druckbeanspruchung
εq
ν=− . (2.9)
ε
Dabei wird der Reziprokwert von m, die P OISSONzahl oder die Querkontraktions-
zahl ν = 1/m, verwendet. Sie beträgt im Durchschnitt für Metalle im geschmiede-
ten oder gewalzten Zustand 0, 25 . . .0, 35. Beispiele können Tabelle 2.1 entnommen
werden.
Bei weiterer Steigerung der Kraft über P hinaus (Abb. 2.5) weicht die Spannungs-
Dehnungs-Kurve von der Geraden ab. Die Dehnungen nehmen bei gleicher Kraft-
steigerung stärker zu als im elastischen Bereich. Nach Überschreiten eines Höchst-
wertes der Kraft FB = Fm reißt der Stab bei FZ auseinander (s. Abschnitt 2.2.3).
Da der Zugstab nach Überschreiten des Höchstwertes FB eine signifikante Ein-
schnürung erfährt, ist die Angabe der Spannung bezogen auf den Ausgangsquer-
schnitt nicht mehr zulässig. Bei Angabe der wahren Spannungen, die auf den aktu-
ellen Querschnitt bezogen werden, würde das Spannungs-Dehnungs-Diagramm im
letzten Teil ansteigen. Weitere Ausführungen zum Spannungs-Dehnungs-Diagramm
des Zugversuches kann man z. B. [9; 22] entnehmen.

2.2.2 Elastisches Verhalten - Formänderungsarbeit

Das elastische Verhalten eines Werkstoffs ist von grundlegender Bedeutung für die
Festigkeitslehre, da die überwiegende Anzahl von Problemen der Praxis unter der
Voraussetzung linear-elastischen Verhaltens gelöst wird. Aus dem H OOKE’schen
Gesetz können eine Reihe von Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Gl. (2.8)
sagt z. B. aus, dass in einem Bauteil unter Zugbelastung bei bekanntem E-Modul
aus einer unter Kraft F gemessenen Dehnung ε die Spannung σ berechnet werden
kann. Ist F nicht bekannt, was häufig vorkommt, kann die Kraft bestimmt werden

F = σA = EεA .

Löst man Gl. (2.8) nach E auf, dann folgt


σ
E= . (2.10)
ε
Mit Hilfe dieser Gleichung kann an einem Probestab aus der Kraft F und der gemes-
senen Dehnung ε der E-Modul eines Werkstoffs ermittelt werden.
Löst man schließlich Gl. (2.8) nach ε auf, dann ist
σ
ε= . (2.11)
E
Hieraus kann man die Dehnung in einem Zugstab bei gegebener Kraft F und be-
kanntem Elastizitätsmodul vorausberechnen. Für eine bestimmte Länge l des Stabes
folgt aus Gl. (2.11) mit ε = Δl/l und σ = F/A die Verlängerung
2.2 Zugversuch 21

Fl
Δl = . (2.12)
EA
Mit dieser Gleichung kann man die zu erwartende Verlängerung eines Zugstabes
von gegebener Länge ermitteln. Das Produkt EA wird auch als Dehnsteifigkeit be-
zeichnet.
Beispiel 2.5 (Zugkraft und Verlängerung in einer Stange).
Eine Stange (d = 10 mm, l = 1000 mm) wird mit der Spannung σ = 105 N/mm2
beansprucht. Wie groß sind die Zugkraft F und die Verlängerung Δl, wenn die Stan-
ge aus Stahl bzw. aus der Legierung AlMgSi nach DIN 1 725 gefertigt ist?
Lösung 2.5
Gleichung (2.3) ergibt
N
F = σA = 105 · 78, 5 mm2 ≈ 8 250 N = 8, 25 kN.
mm2

Für Stahl mit E = 2,1 · 105 N/mm2 wird nach Gl. (2.12)

Fl 8 250 N · 1 000 mm
Δl = = = 0, 5 mm.
EA 2,1 · 105 (N/mm2 ) · 78, 5 mm2

Mit E = 0,7 · 105 N/mm2 für AlMgSi wird die Verlängerung Δl = 1, 5 mm, also dreimal so groß
wie die der Stahlstange bei gleicher Zugkraft F.

Die Eigenschaft eines Körpers, nach Entlasten seine ursprüngliche Form wieder an-
zunehmen, nutzt man bei elastischen Federn aus. Auch ein Zugstab kann als Feder
mit sehr kleinem Federweg angesehen werden (rheologisches Analogiemodell). Das
Verhältnis Federkraft F zum Federweg, hier Verlängerung Δl, nennt man Federkon-
stante5 c
F
c= . (2.13)
Δl
Aus Gl. (2.12) erhält man dann für den Zugstab

A
c=E . (2.14)
l
Die Federkonstante des Zugstabes ist also dem Elastizitätsmodul und dem Verhält-
nis Querschnitt zur Länge proportional. Praktische Anwendung finden Zugstabfe-
dern z. B. als Dehnschrauben und Zuganker.
Wird eine Zugfeder belastet, ist die dazu aufgewendete Arbeit der äußeren Kräfte
in ihr als Formänderungsarbeit gespeichert. Nimmt die Verlängerung Δl proportio-
nal mit der Kraft F zu, ist die Arbeit (s. [16], Abschnitt 2.2.1 Arbeit einer Kraft)
1
W = F Δl . (2.15)
2
Mit F = σA und Δl = ε l erhält man aus Gl. (2.15)

5 Diese Größe ist wie die Werkstoffkennwerte gleichfalls nicht konstant.


22 2 Zug- und Druckbeanspruchung

1
W = σεAl. (2.16)
2
Ersetzt man noch die Dehnung ε aus Gl. (2.11) und Al = V, ergibt sich

σ2
W= V. (2.17)
2E
In Gl. (2.17) ist V das wirksame Federvolumen. Für die Formänderungsarbeit eines
elastisch verformten Körpers kann man die allgemeine Beziehung

W = ηF ΔW V (2.18)

angegeben. In dieser Gleichung bedeuten ηF die Raumzahl (Ausnutzungsgrad) und

σ2
ΔW = (2.19)
2E
die spezifische (auf die Volumeneinheit bezogene) Formänderungsarbeit. Die Ar-
beit der äußeren Kräfte ist gleich der Formänderungsarbeit; durch Vergleich der
Gl. (2.17) mit Gl. (2.18) erkennt man, dass für einen Zugstab mit gleichmäßiger
Spannungsverteilung ηF = 1 ist, das Volumen des Zugstabes wird zu 100% ausge-
nutzt. In Federn mit ungleichmäßiger Spannungsverteilung ist ηF < 1, das Volumen
wird somit unvollständig ausgenutzt.
Beispiel 2.6 (Formänderungsarbeit und Federkonstante einer Zugstange).
Für die Zugstange mit gleichmäßiger Spannungsverteilung (ηF = 1) aus Beispiel
2.5 berechne man die spezifische und die gesamte Formänderungsarbeit sowie die
Federkonstante.
Lösung 2.6
Nach Gl. (2.19) ist
 
σ2 (1,05 · 102 N/mm2 )2 Nmm Arbeit
ΔW = = = 0,026 = .
2E 2 · 2,1 · 105 N/mm2 mm3 Volumen

Mit V = Al = 78, 5 mm2 · 1000 mm = 7, 85 · 104 mm3 ergibt sich nach Gl. (2.18) die insgesamt
aufgespeicherte Formänderungsarbeit

Nmm
W = ηF ΔWV = 1 · 0,026 · 7,85 · 104 mm3 = 2 041 Nmm ≈ 2,041 Nm .
mm3
Das gleiche Ergebnis erhält man auch aus Gl. (2.15)

1
W= FΔl = 0, 5 · 8 250 N · 0, 5 mm = 2 062,5 Nmm ≈ 2, 062 Nm .
2
Diese Zahlenergebnisse gelten für den Stahlstab, für den legierten Aluminiumstab sind die Beträge
wegen der dreifachen Verlängerung dreimal so groß. Die Federkonstante für den Stahlstab ist nach
Gl. (2.13)
F 8 250 N N
c= = = 16 500 .
Δl 0, 5 mm mm
Für den Aluminiumstab ergibt sich c = 5 500 N/mm.
2.2 Zugversuch 23

2.2.3 Werkstoffkennwerte

Das Spannungs-Dehnungs-Diagramm für zähen Baustahl (Abb. 2.5) weist eine Rei-
he von typischen Merkmalen auf. Oberhalb vom Punkt P weicht die Kurve von der
H OOKE’schen Geraden ab. Dies bedeutet zunehmende plastische (bleibende) Ver-
formung, d. h. nach Entlasten auf σ = 0 geht die Kurve parallel zur H OOKE’schen
Geraden um den Betrag εe zurück, die Messstrecke hat eine bleibende Dehnung er-
fahren (Abb. 2.6). Dem Diagramm werden eine Reihe wichtiger Werkstoffkennwerte
entnommen, die im Folgenden kurz zusammengestellt und erläutert werden sollen6 .
Die Spannungen in den Punkten P und E (Abb. 2.5) heißen

FP
Spannung an der Proportionalitätsgrenze σP = ,
A0

FE
Spannung an der Elastizitätsgrenze σE = .
A0

Bis zur Spannung σP sind Spannung σ und Dehnung ε einander proportional. Die
bis zur Spannung σE nach Entlasten auftretenden geringen bleibenden Formände-
rungen sind messtechnisch schwer erfassbar. Deshalb wird als technische Spannung
an der Elastizitätsgrenze die Dehngrenze bei nichtproportionaler Dehnung Rp ver-
wendet. Beispielsweise ist Rp0,01 (0,01%-Dehngrenze) als diejenige Spannung defi-
niert, die nach Entlasten eine bleibende Dehnung εp = 0,01% hervorruft (Abb. 2.6).
Der Beginn größerer bleibender Verformungen wird bei Baustahl durch ein aus-
geprägtes Fließen bei im Mittel konstanter Kraft gekennzeichnet. Die Spannung
während des Fließens heißt Fließgrenze oder

Abb. 2.6 Spannungs-


Dehnungs-Diagramm zur
Erläuterung der bleibenden
Dehnung εp nach Überschrei-
ten der Proportionalitätsgren- εp εe ε
ze im Zugversuch

6 Abweichend von den in der Technischen Mechanik üblichen Bezeichnungsweisen werden hier
die Bezeichnungen entsprechend DIN EN 10 002 verwendet.
24 2 Zug- und Druckbeanspruchung

FE
Streckgrenze Re = .
A0

Nach beendigtem Fließen ist eine weitere Verformung nur bei weiterer Kraftstei-
gerung möglich bis zum Punkt B. Den Maximalwert der Zugkraft FB = Fm , bezogen
auf den Ausgangsquerschnitt A0 definiert man als

Fm
Zugfestigkeit Rm = .
A0

Die Zugfestigkeit ist, wie die anderen Kennwerte auch, eine von den Abmessungen
in weiten Grenzen unabhängige vergleichbare Werkstoffgröße, die u.a. vielfach als
Qualitätsbezeichnung verwendet wird (s. DIN 17 006 Werkstoffbenennung). Nach
Überschreiten der Spannung σP verjüngt sich der Zugstab gleichmäßig (Abb. 2.5
b) bis zum Punkt B in Abb. 2.5 a. Dann aber schnürt er sich örtlich mit erhebli-
cher Dehnung an dieser Stelle ein (Abb. 2.5 c), die Zugkraft F fällt ab, und der Stab
reißt dort bei Erreichen des Punktes Z auseinander. Der Wert σZ = FZ /A0 hat keine
praktische Bedeutung. Als Kennwerte für ein mögliches plastisches Verformungs-
verhalten eines Zugstabes werden die Bruchdehnung und die Brucheinschnürung
definiert.
Definition 2.4 (Bruchdehnung). Die Bruchdehnung ist

Lu − L0
A5 (oder A10 ) = · 100%
L0
je nachdem, ob die Messlänge L0 = 5 d0 (kurzer) oder L0 = 10 d0 (langer Propor-
tionalstab) beträgt. Dabei wird die Größenlänge Lu der ursprünglichen Messstrecke
nach dem Bruch ausgemessen.

Definition 2.5 (Brucheinschnürung). Die Brucheinschnürung ist


A0 − Au
Z= 100% .
A0
Dabei wird der Querschnitt Au aus dem kleinsten Durchmesser der Bruchfläche
berechnet.

Die gesamte Dehnung beim Bruch A7 setzt sich aus der Gleichmaßdehnung Ag
und der Einschnürdehnung Ae , vermindert um die elastische Dehnung in Folge der
Spannung σZ zusammen (Abb. 2.5)

7 An dieser Stelle wird das in der Werkstoffprüfung übliche Formelzeichen A für die Dehnung
verwendet. Dieses ist nicht zu verwechseln mit der Bezeichnung für den Querschnitt.
2.2 Zugversuch 25
σZ
A = Ag + Ae − .
E
Die Gleichmaßdehnung ist der bei gleichmäßiger Verjüngung auftretende Anteil
der Bruchdehnung, die Einschnürdehnung der Anteil während der örtlichen Ein-
schnürung. Um bei Überlastung eines Zugstabes genügend Verformungsreserve zu
bekommen, wird Ag > Ae angestrebt. Man kann das durch Wärmebehandlung, z.
B. bei Stahl, erreichen.
Nur kohlenstoffarme niedriglegierte geglühte Stähle weisen das in Abb. 2.5 ge-
zeigte Spannungs-Dehnungs-Diagramm auf. Vergütete und gehärtete Stähle, Guss-
eisen, Leicht- und Buntmetalle zeigen davon abweichendes Verhalten im Zugver-
such und dementsprechend andere Kurven im Diagramm. In Abb. 2.7 sind die
Diagramme für einige metallische Werkstoffe aufgezeichnet. Das ausgeprägte Flie-
ßen mit konstanter Spannung fehlt bei allen. Gehärteter Stahl und Gusseisen GG
versagen sogar ohne eine messbare bleibende Formänderung (Trennbruch). Für
Werkstoffe ohne ausgeprägtes Fließen wird eine Ersatzstreckgrenze, die 0,2%-
Dehngrenze Rp0,2 definiert. Darunter versteht man diejenige Spannung, bei der nach
Entlasten eine bleibende Dehnung εp = 0,2% gemessen wird.
Der geradlinige Verlauf des Spannungs-Dehnungs-Diagramms kann ganz fehlen,
wie z. B. bei manchen Gusswerkstoffen und bei Kunststoffen (Abb. 2.8). Als Maß
für den Elastizitätsmodul wird entweder der Anfangsanstieg oder der der Ableitung
entsprechende Anstieg dσ/dε der Kurve angegeben.
Je nach dem Verhalten im Zugversuch lassen sich zwei verschiedene Werkstoff-
gruppen unterscheiden.
Definition 2.6 (Duktiler Werkstoff). Diejenigen Werkstoffe, deren Versagen durch
größere bleibende Formänderungen vor dem Zerreißen eingeleitet wird, nennt man
duktil.
In diese Gruppe fallen fast alle gewalzten, geschmiedeten oder ähnlich behandelten
Metalle und viele Kunststoffe.
Definition 2.7 (Spröder Werkstoff). Werkstoffe, deren Versagen ohne bleibende
Formänderung durch Trennen erfolgt, nennt man spröde.

σ 1
2

Abb. 2.7 Spannungs-


Dehnungs-Diagramme 3
4
verschiedener Werkstoffe
1 gehärteter Stahl 5
2 vergüteter Stahl
3 Gusseisen GG
4 Aluminiumlegierung
AlCuMg
5 reines Kupfer ε
26 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.8 Gekrümmter σ


Verlauf des Spannungs-
Dehnungs-Diagramms (z. B.
Gusseisen oder Kunststoffe)

≈ arctan E

Hierzu gehören gehärtete und hartvergütete Stähle (Federn) und gegossene Metal-
legierungen (z. B. GG).
Die Werkstoffkennwerte werden durch die Behandlung der Werkstoffe beein-
flusst, eine große Rolle spielt aber auch die Prüftemperatur. Viele Bauteile werden
im Betrieb hohen Temperaturen ausgesetzt, so dass die Kenntnis des Temperatu-
reinflusses wichtig ist. Allgemein kann man feststellen, dass Festigkeit und Härte
mit fallender Temperatur, allerdings bei zunehmender Versprödung, steigen und
mit wachsender Temperatur abnehmen. Der Elastizitätsmodul von Metallen nimmt
mit steigender Temperatur ab [22]. Deshalb sind bei höheren Temperaturen über
150 . . .250 ◦ C die elastischen Formänderungen größer als bei Raumtemperatur.
Die bei Baustählen beobachtete ausgeprägte Streckgrenze im Zugversuch ver-
schwindet mit zunehmender Temperatur. Metalle zeigen bei höheren Temperatu-
ren eine bei normaler Temperatur nur bei Kunststoffen beobachtetes Veralten, das
man als Kriechen (bleibende Formänderung bei konstanter Spannung) bezeichnet.
Stähle z. B. beginnen bei 400 . . .450 ◦ C zu kriechen. Für die Verwendung von Stahl
bei Temperaturen über 450 ◦ C (0,3 - 0,5 der Schmelztemperatur in Kelvin) müssen
deswegen neue Kennwerte (DIN 50 119) definiert werden, die diesem Materialver-
halten gerecht werden:

Zeitdehngrenze Rp 1/105 ,

Zeitbruchgrenze Rm/105 .

Man versteht darunter diejenigen (konstanten) Spannungen, die nach 105 Stunden
Belastungszeit 1% bleibende (Kriech-)Dehnung aufweisen oder noch zum Bruch
führen. Aus praktischen Gründen werden diese Kennwerte meist in Kurzzeitversu-
chen (z. B. 103 Stunden) ermittelt und auf längere Zeiten extrapoliert.
Nähere Einzelheiten entnimmt man den entsprechenden Normblättern und Nach-
schlagewerken, z. B. [22]. Bei der Berechnung von zulässigen Spannungen zieht
2.3 Druckversuch 27

man zusätzlich das Verhalten bei möglichem Versagen neben der Art der Bean-
spruchung zur Beurteilung heran. In der Praxis zeigt sich, dass die zügige (sta-
tische) Beanspruchung hierfür nicht ausreicht, sondern dass das dynamische Ver-
halten (Ermüdung des Werkstoffs) eine besondere Rolle spielt (s. Kapitel 3). Un-
terschiedliche Modelle des Werkstoffkriechens und strukturmechanische Analysen
können beispielsweise [36] entnommen werden.

2.3 Druckversuch

2.3.1 Spannungs-Dehnungs-Diagramm - Hooke’sches Gesetz

Druckversuche dienen zur Prüfung des Werkstoffverhaltens unter Druckbeanspru-


chung und werden vor allem in der Baustoffprüfung (Steine, Beton usw.) durch-
geführt. Aber auch für Metalle und Kunststoffe gewinnt man aus ihnen wert-
volle Erkenntnisse (DIN 50 106). Im Allgemeinen werden zylindrische Proben
(h0 = 1 . . . 2d0 ) zwischen ebenen starren Druckplatten zügig bis zum Versagen be-
ansprucht und die Kraftzunahme sowie die Höhenabnahme Δh (stets negativ) der
Höhe h0 verfolgt. Aus beiden ergeben sich mit der Druckspannung σ = −F/A0
und der Stauchung ε = Δh/h0 Spannungs-Dehnungs-Diagramme, von denen in
Abb. 2.9 zwei typische Beispiele wiedergegeben sind. Bei Stahl (Abb. 2.9 a) ist
wieder der geradlinige Anstieg bis zum Punkt P zu erkennen. Der Anstieg der
H OOKE’schen Geraden ist im Zug- und Druckbereich gleich, damit auch der Elas-

a) σ B b) σ
Rm

E
Re

Rm

ε ε
σdF
σdP

P
σdB

Abb. 2.9 Spannungs-Dehnungs-Diagramme bei Zug und Druckbeanspruchung


a) Stahl
b) Grauguss GG
28 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.10 Verformung eines

Δh
zylindrischen Druckkörpers

h0
Δd
d0 2

tizitätsmodul. Sinngemäß tritt an Stelle der Verlängerung bei Zug eine Verkürzung,
an Stelle der Querkontraktion eine Querdehnung. Man definiert sinngemäß wie bei
Zugbeanspruchung (Abb. 2.10)

Δh
Stauchung ε= ,
h0

Δd
Querdehnung εq = .
d0

Im Bereich der H OOKE’schen Geraden gilt zwischen Stauchung und Querdeh-


nung das P OISSON’sche Gesetz (Gl. 2.9). Mit entsprechender Vorzeichenumkeh-
rung können die Gln. (2.10) bis (2.12) und (2.13) bis (2.19) bei Druckbeanspru-
chungen angewendet werden, in ihnen ist lediglich Δl durch Δh und l durch h0 zu
ersetzen.

2.3.2 Werkstoffkennwerte

Entsprechend den Kennwerten bei Zugbeanspruchung werden definiert8

FP
Spannung an der Proportionalitätsgrenze σdP = ,
A0

8 Nach DIN 1 340 und 1 350 dienen die kleinen Buchstabenindizes an den Formelzeichen σ und

τ zur Kennzeichnung der Art der Kraftwirkung, z. B. σd Druckspannung, σb Biegespannung,


dagegen große Buchstaben zur Kennzeichnung der Werkstoffkennwerte, z. B. σzdD Zug-Druck-
Dauerfestigkeit, τtF Torsionsfließgrenze. Kleine Indizes brauchen nur da gesetzt zu werden, wo
aus dem Zusammenhang nicht ohne Weiteres klar ist, um welche Spannungsart es sich handelt.
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 29

Abb. 2.11 Stauchung von a) b)


Druckproben
a) Stahl oder Aluminium
b) Grauguss GG

FS
Spannung an der Quetschgrenze σdF = .
A0

Bei Werkstoffen mit nicht ausgeprägtem Fließverhalten wird statt der Stauchgrenze
die 0, 2-Dehngrenze bestimmt

FdB
Druckfestigkeit σdB = .
A0

Bei im Zugversuch duktilen Werkstoffen (z. B. Stahl) ist eine Druckfestigkeit


nicht feststellbar, die Proben werden unter starker Ausbauchung (Dehnungsbehin-
derung durch Reibung an den Druckplatten) flach gedrückt (Abb. 2.11 a). Häufig
bezeichnet man als Druckfestigkeit diejenige Spannung, bei der erstmalig Risse an
der Oberfläche auftreten. Bei gewalzten und geschmiedeten Metallen sind Streck-
grenze und Stauchgrenze annähernd gleich groß, d. h. σdF ≈ Re .
Im Zugversuch spröde Werkstoffe (z. B. Grauguss GG) zeigen im Druckver-
such Versagen durch Abgleiten unter 45◦ zur Druckrichtung (Abb. 2.11 b), eine
Obergrenze ist im Allgemeinen nicht erkennbar. Bedingt durch die Besonderheit
des Gefügeaufbaus bei Gusseisen GG (in stahlähnlichem Grundgefüge eingelager-
te spröde Graphitlamellen niederer Festigkeit) ist die Druckfestigkeit wesentlich
größer als die Zugfestigkeit (Abb. 2.9 b)

σdB = 2.5 . . .4Rm .

2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung

2.4.1 Einfache Belastungsfälle

Einfache Belastungsfälle sind Zug- und Druckstäbe in statisch bestimmten oder


unbestimmten Konstruktionen, wobei wobei diese als Modelle für Ketten, Seile,
Schrauben usw. dienen. Wenn die Wirkungslinie der Kräfte mit der Stabachse zu-
sammenfällt und die Querschnittsänderungen geringfügig sind, wird mit gleichmäßi-
30 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.12 Kettenglied einer

∅20
Rundstahlkette

ger Spannungsverteilung gerechnet (Kerbwirkung s. Kapitel 3). Druckstäbe sind


zusätzlich auf Knicken nachzurechnen, sofern ihre Länge im Verhältnis zu den
Querschnittsabmessungen groß ist.
Beispiel 2.7 (Dimensionierung und Verlängerung einer Zugstange).
Eine 6 m lange Zugstange aus Stahl mit Kreisquerschnitt ist durch eine Kraft
F = 360 kN beansprucht. Gegeben sind σzul = 90 N/mm2 , E = 2,1 · 105 N/mm2 .
Zu berechnen sind der erforderliche Durchmesser d und die Verlängerung Δl der
Stange.
Lösung 2.7
Für die Dimensionierung wird die Gl. (2.7) benötigt

F 3,6 · 105 N
A = = 4 000 mm2 .
σzul 90 N/mm2

Damit erhält man d = 71,4 mm, gewählt wird 72 mm mit der Querschnittsfläche 4 070 mm2 . Der
Spannungsnachweis lautet

F 3,6 · 105 N N
σ= = = 88, 4 < σzul .
A 4 070 mm2 mm2
Die elastische Verlängerung folgt aus Gl. (2.12)

Fl 3,6 · 105 N · 6 000 mm


Δl = = = 2,52 mm .
EA 2,1 · 105 N/mm2 · 4 070 mm2

Beispiel 2.8 (Zulässige Kraft in einer Gliederkette).


Die Gliederkette eines Kranes hat den Drahtdurchmesser d = 20 mm (Abb. 2.12).
Mit welcher Kraft Fzul darf die Kette beansprucht werden, wenn die zulässige Span-
nung σzul = 75 N/mm2 vorgeschrieben ist und das Eigengewicht der Kette ver-
nachlässigt wird?
Lösung 2.8
πd2
Der auf Zug beanspruchte Querschnitt ist A = 2 . Aus Gl. (2.6) folgt
4
π N
Fzul = Aσzul = · 400 mm2 · 75 = 4,71 · 104 N = 47,1 kN .
2 mm2
Beispiel 2.9 (Analyse einer Aufhängung).
Ein Gerät mit der Gewichtskraft FG = 10 kN) wird im Gelenkpunkt P zweier
Stangen aufgehängt (Abb. 2.13). Werkstoff der Stange 1 ist Stahl, Durchmesser
d1 = 8 mm. Man berechne:
a) die Zugspannung in der Stange 1,
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 31

a) 8 000 b) c)
α α

1 2
P
FS1 α α F S2
8 00 α α Δl Δl
vP
0

FG P
P
FG

Abb. 2.13 Zwei Stangen mit angehängtem Gewicht FG


a) Lageplan
b) Kräfteplan für den Knoten P
c) Verschiebungsplan

b) den Durchmesser der Stange 2 aus Aluminium so, dass sie gleiche elastische
Verlängerung erfährt, wie die Stange 1,
c) die Zugspannung in der Stange 2,
d) die Verlängerung beider Stangen und die Verschiebung des Gelenkpunktes P.
Gegeben sind E1 = 2,1 · 105 N/mm2 und E2 = 0,675 · 105 N/mm2 und der Winkel
α = 30◦ .

Lösung 2.9
Aus Symmetriegründen (gleichgroße Winkel) sind die Stangenkräfte gleich groß. Für den gegebe-
nen Winkel gilt sin α = 0, 5. Die Gleichgewichtsbedingung für die Kräfte in vertikaler Richtung
ergibt (Abb. 2.13 a)

FG 104 N
FS = FS1 = FS2 = = = 5,77 · 103 N = 5,77 kN .
2 cos α 2 · 0, 866

a) Mit A1 = 50, 3 mm2 erhält man aus Gl. (2.3)

FS 5,77 · 103 N N
σ(1) = = = 114,7 .
A1 50, 3 mm2 mm2
b) Damit beide Stangen gleiche Verlängerung erfahren sollen, gilt für beide die Gl. (2.12)

FS l FS l
Δl1 = Δl2 oder = .
E 1 A1 E 2 A2
Daraus erhält man den gesuchten Querschnitt der Stange 2

A2 = A1 E1 /E2 = 50, 3 mm2 · 2, 1/0, 675 = 156, 5 mm2

und d2 = 14, 1 mm.


c) Für die Zugspannung in der Stange 2 erhält man

FS 5,77 · 103 N N
σ(2) = = = 36, 9 .
A2 156,5 mm2 mm2
32 2 Zug- und Druckbeanspruchung

d) Mit l = 8 000 mm wird die Verlängerung

FS l 5,77 · 103 N · 8 000 mm mm2


Δl = = = 4, 37 mm .
E 1 A1 2,1 · 105 N · 50,3 mm2
Zur Ermittlung der Verschiebung vP des Punktes P zeichnet man den Verschiebungsplan
(Abb. 2.13 c). Man erhält daraus
Δl 4, 38 mm
vP = = = 5, 05 mm .
cos α 0, 866
Zur Konstruktion des Verschiebungsplanes denkt man sich beide Stangen im Gelenkpunkt
(Knoten) P gelöst. Die neue Lage des Knotens P  erhält man als den Schnittpunkt zweier
Kreisbögen mit den Radien l + Δl um die Aufhängepunkte (Festpunkte). Da die Längenände-
rungen Δl sehr viel kleiner sind als die Längen l, kann man die Kreisbögen durch Geraden
rechtwinklig zur Stabrichtung ersetzen. Es genügt dann, nur die Umgebung des Knotens mit
den stark vergrößerten Längenänderungen zu zeichnen.

Beispiel 2.10 (Druckbeanspruchung in zylindrischen Metallstücken).


Zwischen den ebenen starren Druckplatten einer Presse werden zwei eben aufein-
ander liegende zylindrische Metallstücke mit gleichem Durchmesser d = 30 mm
aus zwei verschiedenen Werkstoffen (Werkstoff 1 - Magnesium mit dem E-Modul
E1 = 0,45 · 105 N/mm2 , Werkstoff 2 - Kupfer mit E2 = 1,2 · 105 N/mm2 ) auf Druck
beansprucht (Abb. 2.14). Bei der Druckkraft F wird an einer Messuhr die Gesamt-
verkürzung dh = 0, 16 mm abgelesen. Zu berechnen sind die Spannungen in beiden
Teilen, die jeweilige Verkürzung und die Druckkraft F.
Lösung 2.10
Da beide Teile gleiche Durchmesser haben, sind auch die Spannungen in ihnen gleich groß
σ = F/A. Für die Verkürzung erhalten wir aus Gl. (2.12)
   
h1 h2 σ E1
Δh = Δh1 + Δh2 = σ + = h1 + h2 .
E1 E2 E1 E2

h1 und h2 sind die Höhen der beiden Teilstücke (Abb. 2.14). Durch Umformen obiger Gleichun-
gen ergibt sich

E1 Δh 0, 16 mm · 0,45 · 105 N/mm2 N


σ= = = 149,6 .
h1 + (E1 /E2 )h2 27, 5 mm + (0, 45/1, 2) · 55 mm mm2

F
27, 5

2
55

Abb. 2.14 Druckbeanspruchung


zweier eben aufeinander ∅30
liegender zylindrischer
Metallstücke
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 33

Mit der Querschittsfläche A = 707 mm2 ist die Druckkraft

F = σA = 149,6 N/mm2 · 707 mm2 = 10,6 · 104 N .

Für die Verkürzungen erhält man dann

h1 N 27, 5 mm
Δh1 = σ = 149, 6 · = 0,092 mm,
E1 mm2 0,45 · 105 N/mm2

Δh2 = Δh − Δh1 = 0,069 mm .

Beispiel 2.11 (Aufhängung eines Messgerätes).


Ein Messgerät (Gewichtskraft FG ) hängt an drei Drähten, die in einer Ebene ange-
ordnet sind (Abb. 2.15 a). Die äußeren Drähte 1 sind gleich (E-Modul E1 , Quer-
schnitt A1 ), der mittlere Draht 2 hat den E-Modul E2 und den Querschnitt A2 .
Gegeben sind die folgenden Werte FG = 5 kN, A1 = A2 = 12, 5 mm2 , α = 30◦ ,
l1 = 1, 5 m, l2 = 1 m, E1 = 2,1 · 105 N/mm2 , E2 = 0,7 · 105 N/mm2 . Zu berechnen
sind die Spannungen in den Drähten und die senkrechte Verschiebung des gemein-
samen Aufhängepunktes P.
Lösung 2.11
Die Stangenkräfte in den Stangen 1 sind aus Symmetriegründen gleich groß. Die Gleichgewichts-
bedingung für die Kräfte in vertikaler Richtung ergibt (Abb. 2.15 b)

2FS1 cos α + FS2 = FG .

Mit Gl. (2.3) erhält man


2σ(1) A1 cos α + σ(2) A2 = FG .

a) b) c)

1 1 F S2
F S1 F S1 α α
α α

α α
P
2
l1
l2

vP = δl2

FG δl1

FG

Abb. 2.15 An drei Drähten angehängtes Messgerät


a) Lageplan
b) Kräfteplan für den Knoten P
c) Verschiebungsplan
34 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Aus dieser einzigen Gleichgewichtsbedingung kann man die beiden unbekannten Spannungen
nicht berechnen, das System ist einfach statisch unbestimmt (s. [17], Kapitel 7 - Ebene Fachwerke).
Eine weitere Gleichung gewinnt man, wenn man die Verträglichkeitsbedingung (s. Abschnitt 1.4)
heranzieht. Diese ergibt sich hier aus der Bedingung, dass die Formänderung der Drähte zuein-
ander passen müssen, d. h., dass die Drähte auch im belasteten Zustand im Punkt P verbunden
bleiben. Die Spannungen sind durch das H OOKE’sche Gesetz mit den Dehnungen verknüpft.
Aus dem Verschiebungsplan (Abb. 2.15 c) in Verbindung mit den Gln. (2.3) und (2.12) folgen
die Verlängerungen

Δl1 = (σ(1) /E1 )l1 = vP cos α, Δl2 = (σ(2) /E2 )l2 = vP .

Löst man diese Gleichungen nach den Spannungen auf und setzt sie in die obige Gleichgewichts-
bedingung ein, ergibt sich

2E1 A1 vP cos2 α E2 A2 vP
+ = FG .
l1 l2
Daraus lässt sich unmittelbar die Verschiebung vP berechnen

FG
vP = .
(2E1 A1 cos2 α/l1 ) + (E2A2 /l2 )

Die Spannungen erhält man aus den Gleichungen für die Verlängerungen

E1 E2
σ(1) = vP cos α , σ(2) = vP .
l1 l2
Mit den oben angegebenen Zahlenwerten wird

2E1 A1 cos2 α E2 A2 4,2 · 105 N/mm2 · 12,5 mm2 · 0, 75 7 · 104 N/mm2 · 12,5 mm2
+ = +
l1 l2 1 500 mm 1 000 mm
= 3 500 N/mm,

5 000 N
vP = = 1,43 mm,
3 500 N/mm
2,1 · 105 N/mm2
σ(1) = 1,43 mm · 0, 866 · = 173 N/mm2 ,
1 500 mm
7 · 104 N/mm2
σ(2) = 1,43 mm · = 100 N/mm2 .
1 000 mm
Eine Kontrollrechnung mit der Gleichgewichtsbedingung ergibt

2 · 173 N/mm2 · 12, 5 mm2 · 0, 866 + 100 N/mm2 · 12, 5 mm2 = 3 750 N + 1 250 N = 5 000 N .

Beispiel 2.12 (Berechnung eines Wandkranes).


Ein Wandkran ist aus zwei Winkelstählen 80 × 65 × 8 DIN 10 056-1 (1) und aus
zwei weiteren [-Stählen 140 DIN 1 026 (2) zusammengesetzt, in den Punkten A
und B aufgehängt und in P über ein Drahtseil durch eine Last mit der Kraft F vertikal
belastet (Abb. 2.16 a). Zu berechnen sind:
a) die zulässige Belastung Fzul aus der Bedingung, dass die Zugspannung in der
Stange 1 σzul = 135 N/mm2 nicht überschreiten darf,
b) die Spannung in der Stange 2,
c) die Verschiebung des Knotens P,
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 35

d) die erforderliche Anzahl i der Drähte im Drahtseil


(σzul = 240 N/mm2 , Durchmesser der Einzeldrähte d0 = 1, 5 mm).
Lösung 2.12
Aus der Profiltabelle [22] entnimmt man die Querschnittsfläche für den
– Winkelstahl 0, 5 · A1 = 1 100 mm2 ,
– [-Stahl 0, 5 · A2 = 2 040 mm2 .
a) Mit A1 = 2 · 1 100 mm2 = 2 200 mm2 ergibt sich die Stangenkraft in der Strebe 1

FS1 = σzul A1 = 135 N/mm2 · 2 200 mm2 = 297 · 103 N .

Die gesuchte Kraft Fzul und die Stangenkraft FS2 erhält man aus den Kräftegleichgewichten in
x- und y-Richtung mit α = 33,7◦ (Abb. 2.16 b)

−Fzul + FS1 sin α = 0, −FS2 − FS1 cos α = 0,

Fzul = FS1 sin α = 164,8 · 103 N, FS2 = −FS1 cos α = −247,1 · 103 N .
b) Mit A2 = 2 · 2 040 mm2 = 4 080 mm2 erhält man die Druckspannung im Stab 2

FS2 −247,1 · 103 N


σ(2) = = = −60,6 N/mm2 .
A2 4 080 mm2
Der Druckstab muss noch auf Knicken nachgerechnet werden (s. Kapitel 10).
c) Für die Verschiebung des Knotens P müssen die Verlängerung Δl1 der Stange 1 und die
Verkürzung Δl2 der Stange 2 aus Gl. (2.12) berechnet werden

σ(1) 135 N/mm2 √


Δl1 = l1 = 2
· 13 · 1 000 mm = 2,318 mm,
E1 2,1 · 10 N/mm
5

σ(2) −60, 6 N/mm2


Δl2 = l2 = · 3 000 mm = −0,866 mm .
E2 2,1 · 105 N/mm2

a) b) c)

A Δl2 P
FS1
Δl1
α P
1
2 000

F S2 vp α
B P
2 α
F
v

3 000 F α

Abb. 2.16 Wandkran mit angehängter Last F


a) Lageplan
b) Kräfteplan für den Knoten P
c) Verschiebungsplan
36 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Um die Verschiebung des Knotens P zu berechnen, muss die Verbindung beider Stäbe in die-
sem Punkt gedanklich aufgehoben werden. Die Verlängerung der Stange 1 und die Verkürzung
der Stange 2 werden angezeichnet. Die Lage des verschobenen Punkts P ergibt sich als Schnitt-
punkt der Kreisbögen um die Punkte A und B mit den Radien l1 + Δl1 bzw. l2 + Δl2 (Abb.
2.16 c). Da die Verlängerungen klein sind gegen die Länge der Stangen, können die Kreisbögen
durch ihre Tangenten ersetzt werden

Δl1 u
u = |Δl2 | = 0,865 mm, v= + = 5,475 mm,
sin α tan α
und
vP = u2 + v2 = 5,5 mm .
d) Aus Gl. (2.7) wird der Gesamtquerschnitt des Drahtseils berechnet

Fzul 164,7 · 103 N


A = = 686 mm2 .
σzul 240 N/mm2

Mit d0 = 1, 5 mm ist der Querschnitt eines einzelnen Drahtes A0 = 1, 77 mm2 . Die Anzahl der
Drähte ergibt sich aus
A 686 mm2
i = = 388, 2 ,
A0 1, 77 mm2
d. h. 389 Drähte.

2.4.2 Flächenpressung

Unter Flächenpressung versteht man die Druckbeanspruchung an der ebenen oder


gekrümmten Berührungsfläche zweier Körper unter dem Einfluss einer Kraft. Bei
ebenen Berührungsflächen ist die Flächenpressung

Fn
p=  pzul , (2.20)
A
wenn A die Berührungsfläche und Fn die Normalkraft senkrecht zu dieser ist. Die
Flächenpressung wird als Druckspannung in das Innere der gepressten Körper über-
tragen. Ist die Flächenpressung eines Körpers auf den anderen größer als die zulässi-
ge (z. B. einer Maschine auf den Boden), schaltet man einen Körper mit größerer
zulässiger Flächenpressung dazwischen (Stahlplatte, Betonfundament o.ä.), um die
Berührungsfläche zu vergrößern.
Beispiel 2.13 (Berechnung der Auflagerlänge).
Ein I-Breitflanschträger 400 DIN 1 025, Bl. 2, ist mit seinem Ende auf einem Mau-
erwerk gelagert (pzul = 0, 7 N/mm2 ), Stützkraft Fn = 105 kN. Wie groß ist die Auf-
lagerlänge zu wählen (Abb. 2.17)?
Lösung 2.13
Aus der Profiltabelle [22] entnimmt man die Trägerbreite b = 300 mm. Mit der Berührungsfläche
A = bl erhält man aus Gl. (2.20) die erforderliche Stützlänge

Fn 1,05 · 105 N mm2


l= = = 500 mm .
pzul b 0, 7 N · 300 mm
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 37

Abb. 2.17 Lagerung eines Fn Fn


I-Breitflanschträgers

b
l

Beispiel 2.14 (Berechnung einer Hohlsäule).


Eine Hohlsäule aus Gusseisen (Außendurchmesser da = 200 mm, Innendurchmesser
di = 160 mm) ist mit einer Druckkraft F = 150 kN belastet. Die Säule steht auf einem
gemauerten Sockel (pzul = 0, 8 N/mm2 ), der seinerseits auf gewachsenem Boden
ruht (pzul = 0, 25 N/mm2 ) (Abb. 2.18). Zu berechnen sind der erforderliche Durch-
messers D des an die Säule angegossenen Flansches und die Seitenlänge a des mit
quadratischem Querschnitt gemauerten Sockels.
Lösung 2.14
Die Berührungsfläche zwischen Flansch und Sockel ist
π
AF1 = (D2 − d2i ) .
4
Setzt man diese in die Gl. (2.20) mit Fn = F ein und löst sie nach D auf, dann ergibt sich

4F 60 · 104 N mm2
D= + d2i = + 2,56 · 104 mm2 = 514,1 mm .
πpzul π · 0, 8 N

Gewählt wird D = 520 mm. Die Querschnittsfläche des Sockels ist ASockel = a2 . Mit Gl. (2.20)
erhält man

F 15 · 104 N mm2 √
a= = = 60 · 104 mm2 = 775 mm .
pzul 0, 25 N
Gewählt wird a = 780 mm.

F
da
di

D
a

Abb. 2.18 Hohlsäule aus


Sockel
Grauguss mit Sockel zur
Verringerung der Flächen-
presssung
38 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.19 Vereinfachte An- l d


nahme der Flächenpressung
p an gekrümmten Flächen
(Zapfen)

p p

Flächenpressung an gekrümmten Berührungsflächen tritt bei der Lagerung von Zap-


fen auf, auch bei Bolzen und Nieten in Bohrungen. Unabhängig von der wirklichen
Druckverteilung wird zur Vereinfachung mit einer gleichförmig über die Projekti-
onsfläche A = ld (Abb. 2.19) verteilten Pressung p gerechnet (l wirksame Lager-
oder Bohrungslänge, d Zapfen- oder Bolzendurchmesser). Die Pressung zwischen
Bolzen und Bohrungswand wird auch Lochleibungsdruck genannt [27].
Beispiel 2.15 (Dimensionierung eines Wellenzapfens).
Ein mit einer Kraft F = 60 kN belasteter Wellenzapfen ist in einem Gleitlager gela-
gert. Zu berechnen sind die Länge l und der Durchmesser d des Zapfens mit Rück-
sicht auf die Flächenpressung (zulässiger Druck pzul = 18 N/mm2 ), wenn für das
Verhältnis l/d = 1, 2 vorgeschrieben ist.
Lösung 2.15
Durch Umformung der Gl. (2.20) mit Fn = F

F F F
p= = =  pzul
A ld 1, 2 d2
erhält man

F 6 · 104 N mm2
d = = 52, 8 mm .
1, 2 pzul 1, 2 · 18 N
Gewählt wird d = 55 mm, l = 66 mm. Im Wellenzapfen ist zusätzlich die Biegebeanspruchung
nachzurechnen (s. Abschnitt 4.2).

2.4.3 Spannungen in dünnwandigen zylindrischen Ringen

2.4.3.1 Zugspannungen durch Fliehkräfte

In sich mit der Winkelgeschwindigkeit ω drehenden Bauteilen (z. B. Ringe, Räder,


Trommeln und Scheiben) treten Fliehkräfte auf, die von der Drehachse fort gerich-
tet sind und den Umfang zu vergrößern trachten. Nach dem H OOKE’schen Ge-
setz haben die Längenänderungen des Umfangs Zugspannungen in Umfangsrich-
tung zur Folge. In ringförmigen Bauteilen können diese Spannungen bei Annahme
gleichmäßiger Verteilung berechnet werden, wenn die Dicke t klein ist gegenüber
dem mittleren Radius r (Abb. 2.20 a).
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 39

Nach der Schnittmethode wird ein Stück des Ringes herausgeschnitten und sein
Gleichgewicht betrachtet (Abb. 2.20 b). Als Trägheitskraft wirkt die im Schwer-
punkt angreifende Fliehkraft ΔF = Δmrω2 (s. [16], Abschnitt 5.2 Drehung eines
starren Körpers um eine feste Achse). In den Schnittflächen A wirken die Kräfte
σA. Das Gleichgewicht in radialer Richtung verlangt (Abb. 2.20 c)

Δmrω2 − 2σA sin(Δϕ/2) = 0 . (2.21)

Δm = ρΔV ist die Masse des Teilstücks mit der Dichte ρ und dem Volumen
Δ V = ArΔϕ.
Nach dem Grenzübergang Δϕ → 09 erhält man aus Gl. (2.21) die gesuchte Zug-
spannung

ρ ΔVrω2 ρAr2 ω2 (Δϕ/2)


σ = lim = lim = ρr2 ω2 . (2.22)
Δϕ→0 2A sin(Δϕ/2) Δϕ→0 A sin(Δϕ/2)

Die Zugspannung in einem dünnen umlaufenden Ring ist also unabhängig von der
Größe der Querschnittsfläche A des Ringes. Die Spannung kann somit nur durch
Verringern von Radius oder Winkelgeschwindigkeit vermindert werden, nicht aber
durch Verstärkung“. Da rω = v die Umfangsgeschwindigkeit des Ringes ist, kann

für Gl. (2.22) auch geschrieben werden

σ = ρv2 . (2.23)

Die Spannung in einem umlaufenden Ring hängt demnach nur von der Dichte ρ
des Werkstoffs und von der Umfangsgeschwindigkeit v ab. Es ist zu beachten, dass
Gl. (2.23) streng nur für einen dünnen frei umlaufenden Ring gilt, wie z. B. im Man-

a) a) b) c)

ΔF ΔF
t t
σ
σ
r σA ΔF
σA σA Δϕ/2
Δϕ Δϕ/2
M

r σA

Abb. 2.20 Dünnwandiger zylindrischer Ring


a) Ring unter Fliehkraftbeanspruchung
b) Teilstück aus dem Ring mit der äußeren Kraft ΔF und den Schnittkräften σA
c) Kräfteplan

sin(Δϕ/2)
9 Es gilt lim = 1.
Δϕ→0 Δϕ/2
40 2 Zug- und Druckbeanspruchung

tel einer Zentrifuge oder in einer Trommel (in gewisser Entfernung von Boden und
Deckel). Wird der Ring dagegen z. B. als Schwungrad durch Speichen mit der Nabe
verbunden, dann beeinflussen diese den Spannungszustand im Ring. Solche Proble-
me lassen sich mit Hilfe der Elastizitätstheorie lösen; darauf einzugehen, übersteigt
den Rahmen dieses Buches.
Beispiel 2.16 (Maximale Drehzahl eines Schwungrades).
Mit welcher höchstzulässigen Drehzahl darf ein Schwungrad aus GG-15 mit dem
mittleren Durchmesser D = 10m bei 5facher Sicherheit gegen Bruch rotieren (Ein-
fluss der Speichen vernachlässigt)?
Lösung 2.16
Setzt man in Gl. (2.23) σzul = Rm /5 = 30 N/mm2 ein und löst nach v auf, dann erhält man mit
ρ = 7,35 · 103 kg/m3

σzul 30 · 106 N/m2 m


v= = = 63, 9 .
ρ 7,35 · 103 kg/m3 s

Mit v = (D/2)ω ist ω = 12, 78 s−1 oder n = 122 min−1 .

2.4.3.2 Zug- und Druckspannungen in zylindrischen Hohlkörpern

In zylindrischen Hohlkörpern unter Innen- oder Außendruck10 (z. B. in Rohrleitun-


gen größerer Länge oder in der Zylinderbuchse eines Verbrennungsmotors) treten
dann nur Spannungen in Umfangsrichtung auf, wenn keine Kräfte in Längsrichtung
abgenommen werden können. Derartige offene Körper können näherungsweise als
Ring berechnet werden. Die Spannungen sind gleichmäßig über die Wanddicke t
verteilt, wenn diese klein gegenüber dem Radius r des Behälters ist. In geschlosse-
nen Behältern liegt ein zweiachsiger Spannungszustand vor (s. Abschnitt 9.2.1).
Abbildung 2.21 zeigt einen Ring (Breite b und Wanddicke t) mit gleichmäßig
über der Innenseite verteiltem Innendruck pi ; ein Teilstück ist wie in Abb. 2.20 her-
vorgehoben. Mit der resultierenden Kraft F = pi ri Δϕb nach außen und der Quer-
schnittsfläche A = bt ergibt das Gleichgewicht der Kräfte in radialer Richtung ähn-
lich wie in Abschnitt 2.4.3.1

pi ri Δϕ b − 2σ t b sin(Δϕ/2) = 0 . (2.24)

Mit dem gleichen Grenzübergang wie in Abschnitt 2.4.3.1 erhält man


ri
σ = pi . (2.25)
t
Für den Außendruck pa lautet die Gleichung sinngemäß
ra
σ = −pa . (2.26)
t
10 Innerer oder äußerer Überdruck
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 41

Abb. 2.21 Ring mit b


gleichmäßig über den Innen-

t
umfang verteiltem Innendruck t
pi und eingezeichnetem F σtb
Teilstück mit angreifenden
Kräften ra
ri
Δϕ
σtb

pi

Nach den Berechnungsvorschriften für Druckbehälter (DIN 2 413 und A.D.-Merk-


blätter11 ) kann ein zylindrischer Druckbehälter als dünnwandig angesehen werden,
wenn das Radienverhältnis ra /ri  1, 2 ist. Mit ra = ri + t ist
r a ri + t t
= = 1 +  1, 2 .
ri ri ri

Damit ist die Gültigkeit der Gln. (2.25) und (2.26) abgegrenzt für t/ri ≈ t/ra < 1/5.
Durch Innendruck wird der Umfang U des Ringes vergrößert, durch Außendruck
verkleinert. Die Längenänderung ΔU des Umfanges lässt sich bei elastischer Ver-
formung berechnen
σ ΔU πΔd Δd
ε= = = = .
E U πd d
Die Umfangsänderung ist der Durchmesseränderung proportional, diese erhält man
zu
σ
Δd = d . (2.27)
E
Beispiel 2.17 (Zugspannung und Aufweitung einer Rohrleitung).
Eine Rohrleitung aus PVC (E = 3,5 · 103 N/mm2 ) mit dem Innendurchmesser
250 mm und der Wanddicke 5 mm steht unter dem Innendruck pi = 0, 2 N/mm2 .
Wie groß sind die Zugspannung und die Aufweitung des Außendurchmessers?
Lösung 2.17
Mit Gl. (2.25) ergibt sich

ri N 125 mm N
σ = pi = 0, 2 · =5 .
t mm2 5 mm mm2
Die Vergrößerung des Außendurchmessers da erhalten wir aus Gl. (2.27)

σ 5 N/mm2
Δda = da = 260 mm · = 0, 37 mm .
E 3 500 N/mm2
11 A.D. = Arbeitsgemeinschaft Druckbehälter
42 2 Zug- und Druckbeanspruchung

2.4.4 Wärmespannungen - Schrumpfspannungen

Bei ungleichmäßiger Erwärmung oder Abkühlung (in Gussstücken, beim Härten


von Stahl oder beim Schweißen) treten infolge der damit verbundenen ungleichmä-
ßigen elastischen und bleibenden Formänderungen Eigenspannungen, so genannte
Wärmespannungen, auf. In einfachen Fällen unter definierten Verhältnissen, insbe-
sondere in stabförmigen Körpern, können Wärmespannungen infolge behinderter
Wärmedehnung näherungsweise berechnet werden. Spannungen, die durch Deh-
nungsbehinderung bei der Abkühlung entstehen, nennt man auch Schrumpfspan-
nungen. Grundlage für eine Berechnung ist das physikalische Gesetz der Wärme-
ausdehnung. Fast alle Körper dehnen sich bei Erwärmung von T0 auf T1 um
einen bestimmten Betrag aus, der in gewissen Bereichen der Temperaturzunahme
ΔT = T1 − T0 proportional ist, bei Abkühlung ziehen sie sich wieder zusammen.
Dieses Verhalten kann näherungsweise durch das lineare Wärmeausdehnungsgesetz
beschrieben werden
εT = αT ΔT . (2.28)
αT ist der lineare Wärmeausdehnungskoeffizient. Für Eisen beträgt er 12·10−6 K−1 ,
für Aluminium 24 · 10−6 K−1 zwischen 0◦ und 100 ◦ C (s. auch Tabelle 2.1).
Hat ein stabförmiger Körper die Länge l, dann verlängert er sich somit um

Δl = l εT = l αT ΔT . (2.29)

Wird diese Ausdehnung bei Erwärmung oder Abkühlung behindert, dann entsteht
in dem Stab aus
σ
εges = + αT ΔT = 0
E
die Spannung
σ = −E αT ΔT = −E εT , (2.30)
sofern das H OOKE’sche Gesetz gilt, also keine bleibenden Formänderungen auftre-
ten.
Beispiel 2.18 (Berechnung der Wärmespannungen in einem Schienenstrang).
Ein endlos verschweißter Schienenstrang aus Stahl (E = 2 · 105 N/mm2 ) wurde
spannungsfrei bei der Temperatur T0 = 25 ◦ C verlegt. Wie groß sind die Span-
nungen bei den Temperaturen
a) T1 = 50 ◦ C,
b) T2 = −15 ◦ C?
Lösung 2.18
a) Mit der Temperaturdifferenz ΔT = T1 − T0 = 25 K erhält man aus der Gl. (2.30) die Druck-
spannung

σ = −EαT ΔT = −2,1 · 105 N/mm2 · 12 · 10−6 K−1 · 25 K = −63 N/mm2 .

b) In Analogie erhält man mit ΔT = T2 − T0 = −40 K eine Zugspannung σ = 101 N/mm2


bei Abkühlung.
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 43

Beispiel 2.19 (Analyse des Schrumpfens).


Ein Rahmen aus Stahl 1 (E = 2 · 105 N/mm2 ) soll auf zwei als starr angenommene
Körper 2 geschrumpft werden und diese gegeneinander pressen (Abb. 2.22). Die
Spannung in den elastischen Streben soll 200 N/mm2 nicht überschreiten. Welchen
Abstand voneinander müssen die Pressflächen des Rahmens vor dem Schrumpfen
haben und welche Temperaturerhöhung ist zum Schrumpfen mindestens nötig?
Lösung 2.19
Aus Gl. (2.30) erhält man

σ 200 N/mm2 1
εT = − =− 2
=− .
E 2 · 10 N/mm
5 1 000

Somit folgt aus Gl. (2.29) mit l = 250 mm

250 mm
Δl = −lεT = − = −0, 25 mm .
1 000
Der Abstand der Pressflächen muss demnach l  = 249, 75 mm betragen. Die notwendige Erwär-
mungstemperatur ergibt sich aus Gl. (2.28) zu

|εT | 1
ΔT = = K = 83 K .
αT 1 000 · 12 · 10−6

Beispiel 2.20 (Aufziehen eines Messingringes auf eine Stahlwelle).


Auf eine Stahlwelle (Durchmesser dW = 150 mm) soll ein Ring aus Messing Ms 58
(Außendurchmesser 160 mm, Ausdehnungskoeffizient 19 · 10−6 K−1 , Elastizitäts-
modul E = 0,9 · 105 N/mm2 ) warm aufgezogen werden. Die Pressung zwischen
Ring und Welle soll bei Raumtemperatur p = 10 N/mm2 betragen. Zu berechnen
sind die Zugspannung σ im Ring, dessen Innendurchmesser di und die zum Auf-
ziehen notwendige Mindesterwärmungstemperatur. Was geschieht, wenn Ring und
Welle nach dem Schrumpfen gemeinsam unterkühlt oder erwärmt werden, bei wel-
cher Temperatur kann sich dann die Schrumpfverbindung gerade lösen?
Lösung 2.20
Für die Rechnung dieses Beispiels setzt man die Welle (∅150 mm) im Verglich zum Ring
(t = 5 mm Dicke) als starr voraus, weil die Dehnung der Welle klein gegen die des Ringes ist.
Beim Schrumpfen übt die Welle auf den Ring eine Pressung p aus, die die gleiche Wirkung auf
den Ring hat, wie ein gleichförmig verteilter Innendruck in einem Rohr ohne Längskraft (s. Ab-
schnitt 2.4.3.2). Somit kann aus der Gl. (2.25) die Schrumpfspannung im Ring berechnet werden
(mit ri = rW )

2 1

250
Abb. 2.22 Schrumpfrahmen
44 2 Zug- und Druckbeanspruchung

rW N 75 mm
σ=p = 10 · = 150 N/mm2 .
t mm2 5 mm
Das notwendige Untermaß (Schrumpfmaß) des Ringes erhält man aus Gl. (2.27)

σ 150 N/mm2
ΔdS = dW = 150 mm · = 0, 25 mm .
E 0,9 · 105 N/mm2

Der Innendurchmesser des Ringes ist somit auf das Maß di = 149, 75 mm zu bearbeiten.
Mit Gl. (2.28) ist nun die Temperaturerhöhung

εT ΔdS 0, 25 mm · 106
ΔT = = = K = 88 K .
αT dW αT 150 mm · 19
Werden Ring und Welle nach dem Schrumpfen gemeinsam abgekühlt, dann hat der Ring infol-
ge seiner größeren Wärmedehnzahl das Bestreben, sich stärker zusammenzuziehen als die Welle,
Zugspannung und Pressung werden größer. Durch ein gemeinsames Erwärmen dagegen erreicht
man umgekehrt ein Lockern der Verbindung. Die notwendige Temperaturerhöhung zum vollständi-
gen Lösen erhält man aus der Überlegung, dass bei dieser Temperatur der Innendurchmesser des
Ringes und der Wellendurchmesser gleich groß sein müssen (so als wenn sie jeder für sich erwärmt
würden). Ist ΔdR die Ausdehnung des Innendurchmessers des Ringes, ΔdW die der Welle, dann
führt diese Überlegung auf den Ansatz

ΔdR − ΔdW = ΔdS .

Mit Gl. (2.29) ergibt sich


dW ΔT (αT R − αT W ) = ΔdS .
Die gesuchte Temperaturerhöhung erhält man nun aus dieser Gleichung mit αT W = 12 · 10−6 K−1
zu
ΔdS 0, 25 mm · 106
ΔT = = K = 238 K .
dW (αT R − αT W ) 150 mm · 7
Passungsmaße sind in den vorstehenden Beispielen nicht berücksichtigt, unvermeidliche Herstel-
lungstoleranzen ergeben Abweichungen von den errechneten Zahlenwerten.

In der Technik kommt häufig der Fall vor, dass ein Ring in einen zweiten Ring
geschrumpft werden muss (z. B. eine Laufbuchse aus Gusseisen in einen Zylinder-
mantel aus Aluminium bei Verbrennungskraftmaschinen). Hier darf man nicht die
Voraussetzung treffen, dass einer der Ringe als starr anzusehen ist, sondern beide
sind in gleicher Größenordnung deformierbar.
In Abb. 2.23 sind die Verhältnisse vor und nach dem Schrumpfen dargestellt
(Index 1 für den äußeren, 2 für den inneren Ring). Aus dem Bild kann man das
erforderliche Schrumpfmaß entnehmen, es ist

ΔdS = Δd1 + Δd2 . (2.31)

Für die Berechnung kann man nun den äußeren Ring 1 als Rohr unter Innendruck,
den inneren als Rohr unter Außendruck (ohne Längskraft) ansehen, mit der gemein-
samen Pressung p als Innen- und Außendruck (Abb. 2.23). Die notwendigen Be-
rechnungsunterlagen erhält man aus den Gln. (2.25) - (2.27) und (2.30), in die die
jeweils richtigen Bezeichnungen einzusetzen sind. Häufig sind die Zugspannungen
im äußeren Ring oder ein erforderliches Schrumpfmaß vorgeschrieben, über die an-
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 45

gegebenen Gleichungen können dann die anderen Größen berechnet werden (s. Auf-
gaben 2.12 und 2.13).

2.4.5 Längs der Stabachse veränderliche Spannungen

Ändern sich in Zug- oder Druckstäben die Querschnitte längs der Stabachse, ändern
sich die Spannungen ebenfalls. Ist die Querschnittsänderung nur gering, dann ist
die Annahme gerechtfertigt, dass die Spannungen in jedem Querschnitt gleichmäßig
verteilt sind (s. Abschnitt 2.1). Auch bei der Beanspruchung von stabförmigen Bau-
teilen durch Volumenkräfte (Eigengewicht, Fliehkräfte) in Richtung der Stabachse
ändern sich die Spannungen. In Abb. 2.24 ist ein Zugstab mit einem veränderlichen
Querschnittsverlauf A(x) dargestellt, der sowohl durch die äußere Kraft F als auch
durch Volumenkräfte beansprucht ist. Nach der Schnittmethode ist ein Körperele-
ment, begrenzt durch die Querschnittsflächen A und A + dA im Abstand dx von-
einander, herausgeschnitten; in der linken Fläche sind die Zugspannungen σ, in
der rechten Fläche haben sie sich um dσ geändert. Die am Element angreifenden
Kräfte
 (dK Volumenkraft) sind im Gleichgewicht. Die Gleichgewichtsbedingung
Fix = 0 ergibt
−σA + (σ + dσ)(A + dA) + dK = 0. (2.32)
Nach dem Ausmultiplizieren und Kürzen erhält man

σdA + dσA + dσdA + dK = 0. (2.33)

1 2 p = pi = pa

pa
Δd2
ΔdS

2
2

2
Δd1
2

pi
d0
da
di

Abb. 2.23 Schrumpfung zweier Ringe ineinander


1 äußerer Ring unter Innendruck pi
2 innerer Ring unter Außendruck pa
46 2 Zug- und Druckbeanspruchung

dK
F σA (σ + dσ)(A + dA)
x
dx A A + dA
dx
x=0
Abb. 2.24 Zugstab mit veränderlichem Querschnitt unter Einwirkung einer äußeren Kraft F und
Volumenkräften dK mit herausgeschnittenem Teilstück

Das Glied dσdA ist von höherer Ordnung klein gegenüber den anderen und kann
vernachlässigt werden. Berücksichtigt man noch, dass nach der Produktregel der
Differentialrechnung d(σA) = σdA + dσA ist, dann führt Gl. (2.33) auf den Aus-
druck
(.σA) + dK = 0. (2.34)
Dies ist eine Differentialgleichung, sie kann unter Beachtung der Randbedingun-
gen für verschiedene Fälle gelöst werden und gilt ganz allgemein sowohl bei Zug-
als auch bei Druckbeanspruchung. Für den Zugstab mit A = const. ohne Volumen-
kräfte (dK = 0) ergibt Gl. (2.34) d(σA) = 0, d. h. σ = const. Unter Beachtung der
Randbedingung σA = F hat man wieder Gl. (2.3).
Neben der Spannung interessiert auch die Verformung des Stabes. Unter dem
Einfluss der angreifenden Kräfte erfährt das Element in Abb. 2.24 eine Verschiebung
nach rechts und eine Verlängerung. Bezeichnet man die Verschiebung der Quer-
schnittsfläche A mit u und die Verlängerung mit du (Abb. 2.25), dann ist die Deh-
nung des Elements die Längenänderung du bezogen auf die ursprüngliche Länge
dx
du
ε= . (2.35)
dx
Mit σ = Eε ergibt sich

u + du
u

Abb. 2.25 Elastische Verfor-


mung und Verschiebung eines dx
Körperelements
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 47
σ
du = εdx =
dx . (2.36)
E
Die gesamte Verschiebung kann durch Integration der Gl. (2.36) bestimmt werden.
Verschiebung u und Dehnung ε sind somit mit der Stabkoordinate x veränderlich.

2.4.5.1 Spannungen durch Eigengewicht

In einem einseitig aufgehängten Zugstab (Abb. 2.26) mit konstantem Querschnitt


A und der Kraft F am unteren Ende sollen Zugspannungen und Verlängerung un-
ter Berücksichtigung des Eigengewichtes (Dichte ρ, Erdbeschleunigung g) ermittelt
werden. Aus der Statik (Abb. 2.26 b) folgt zunächst

FL − dFG − (FL + dFL ) = 0

mit der verteilten Eigengewichtskraft

dFEG = gdm = gρdV = gρAdx

Nach Vereinfachungen folgt

dFL − dFG = −gρAdx = dK

Nach Kürzen durch A erhält man die Spannungen

dσ = −gρdx . (2.37)

Die Integration ergibt


σ = −gρx + C .

a) b)

x
FL
dx
l

FL + dFL

Abb. 2.26 Zugstab, belas-


tet durch Eigengewicht und
äußere Kraft F
a) Gesamtsystem
b) Schnitt für die Gleichge- F
wichtsbetrachtung
48 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Mit der Randbedingung für x = l ist σ = F/A; es folgt dann die Integrationskon-
stante
F
C = + gρl .
A
Für die Zugspannung in einem beliebigen Querschnitt an der Stelle x erhalten wir

F
σ = gρ(l − x) + . (2.38)
A
Die größte Spannung tritt im Aufhängquerschnitt auf (x = 0), die Festigkeitsbedin-
gung lautet somit
F
σmax = gρl +  σzul . (2.39)
A
Um die Verlängerung zu berechnen zu können, benötigt man Gl. (2.36) und erhält
mit Gl. (2.38)  
1 F
du = gρ(l − x) + dx
E A
sowie nach Ausführung der Integration
   
1 1 F
u= gρ lx − x2 + x + D .
E 2 A

Die Konstante D ist mit der Randbedingung u = 0 für x = 0 ebenfalls Null. Somit
ergibt sich die Gesamtverlängerung des Zugstabes für x = l

gρl2 Fl
Δl = u(l) = + . (2.40)
2E EA
Das Eigengewicht spielt bei Zugbeanspruchung in Förderseilen, bei Druckbean-
spruchung in Säulen, Mauerwerk und dgl. eine Rolle, wenn also das Gewicht eines
Bauteils in gleicher Größenordnung wie die äußere Belastung liegt (s. Aufgaben
2.14 und 2.15). Wird z. B. ein Seil nur durch sein Gewicht belastet, dann ist die
äußere Kraft F = 0, und als größte Zugspannung ergibt für diesen Fall Gl. (2.39)

σmax = gρl .

Als Reisslänge lR bezeichnet man diejenige Länge, bei der ein Seil unter seinem
Eigengewicht allein abreißen würde, bei der also die Maximalspannung σmax die
Zugfestigkeit des Werkstoffs Rm erreicht

Rm
lR = . (2.41)

Die Reisslänge ist unabhängig von der Form und von der Größe des Querschnitts.
2.4 Berechnung von Bauteilen unter Zug- und Druckbelastung 49

2.4.5.2 Körper konstanter Zug- und Druckbeanspruchung

Bauteile, in denen in jedem Querschnitt die Spannungen gleich groß sind, be-
zeichnet man als Körper konstanter Beanspruchung. Für Bauteile, die infolge ihrer
Beanspruchung längs der Stabachse an sich veränderliche Spannungen aufweisen
würden, sind demnach die einzelnen Querschnitte längs der Achse derart zu gestal-
ten, dass die Forderung nach überall konstanter Spannung erfüllt ist.
Für den Fall der Belastung durch Eigengewicht werden diese Querschnitts-
veränderung wie folgt berechnet werden. Aus der Differentialgleichung (2.34) erhält
man mit dK = gρAdx sowie der Spannung σ = σzul

σzul dA = −gρAdx . (2.42)

Nach Trennung der Veränderlichen ergibt sich

dA gρ
=− dx
A σzul
und nach Ausführung der Integration

ln A = − x + C.
σzul

Mit der Randbedingung A = A0 = F/σzul für x = l folgt für die Konstante



C = ln A0 + l.
σzul
Setzt man die Konstante oben ein, erhält man
A gρ
ln A − lnA0 = ln = (l − x) .
A0 σzul
Für den Querschnittsverlauf längs der Stabachse x folgt somit die Exponentialfunk-
tion
gρ(l−x)
A = A0 e σzul
. (2.43)
Beispiel 2.21 (Körper konstanter Druckbeanspruchung).
Der 50 m lange Betonpfeiler (Abb. 2.27) wird mit der Kraft F = 5 · 103 kN belastet
und soll als Körper konstanter Druckbeanspruchung ausgeführt werden. Der Quer-
schnitt ist rechteckig mit konstanter Höhe h = 5 m. Für Beton gilt σzul = 1 N/mm2
und die Dichte ρ = 2,4 · 103 kg/m3 . Man bestimme die Breite des unteren Quer-
schnitts b1 .
Lösung 2.21
Der obere Querschnitt A0 hat nur die Kraft F aufzunehmen

F 5 · 106 N
A0 = = = 5 · 106 mm2 .
σzul 1 N/mm2
50 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.27 Betonpfeiler mit b0


Rechteckquerschnitt als
Körper konstanter Druck-
beanspruchung
F

50, 00
h
b1

Mit h = 5 000 mm ist die Breite des oberen Querschnitts b0 = 1 000 mm. Die untere Querschnitts-
fläche erhält man aus Gl. (2.43) mit x = 0. Der Exponent in dieser Gleichung ist
kg
gρl 9.81 sm2 · 2,4 · 103 m 3 · 50 m
= = 1.117 .
σzul 1 · 106 m2
N

Somit ist die untere Querschnittsfläche A1 = A0 e1 = A0 e1,117 = 15,3·106 mm2 , die untere Breite
ist b1 = 3 056 mm.

2.4.5.3 Beanspruchung durch Fliehkräfte

Rotiert ein Stab mit konstantem Querschnitt A um eine zur Zeichenebene senk-
rechte Drehachse in x = 0 (Abb. 2.28) mit der Winkelgeschwindigkeit ω, können
die Spannungen ebenfalls aus Gl. (2.34) berechnet werden. Mit dK = dm xω2 und
dm = ρA dx nimmt die Gleichung die Form an

Adσ = −ρAω2 x dx . (2.44)

Die Fläche A kürzt sich heraus, und nach Ausführung der Integration erhält man

1
σ = − ρ ω2 x2 + C .
2
Mit der Randbedingung σ = 0 für x = l ist die Konstante

ω
x

Abb. 2.28 Rotierender Zug- l


stab
2.5 Aufgaben zu Kapitel 2 51

1
C = ρ ω2 l2 .
2
Die Zugspannung durch die Fliehkräfte ist nunmehr

1
σ = ρ ω2 (l2 − x2) . (2.45)
2
Führt man noch die Umfangsgeschwindigkeit des äußeren Stabendes v = ωl ein,
dann ist mit ξ = x/l
σ = 0, 5ρ v2 (1 − ξ2 ) . (2.46)
Näherungsweise stabförmige Bauteile unter Fliehkraftbeanspruchung sind z. B.
Propeller in Verbrennungskraftmaschinen oder Schaufeln in Turbinen. Wenn die
Querschnitte längs der Stabachse nicht gleich groß sind oder die Konturen zeichne-
risch gegeben sind, ermittelt man die Spannungen durch ein Näherungsverfahren.

2.5 Aufgaben zu Kapitel 2

Aufgabe 2.1 (Beanspruchung und Querkürzung einer Zugstange). Eine Zug-


stange aus der Legierung AlMgSi, E = 0,7 · 105 N/mm2 , mit Rechteckquerschnitt
(h = 100 mm, b = 20mm) ist durch die Kraft F beansprucht. Über die Länge
l = 2 000 mm wird dabei die Verlängerung Δl = 4 mm gemessen. Zu berechnen
sind die Zugspannung σ, die Kraft F und die Querkürzung dh der Rechteckseite h.

Aufgabe 2.2 (Anzahl der Einzeldrähte). Wie viele Einzeldrähte mit dem Durch-
messer d0 = 2 mm aus Stahl (σzul = 210 N/mm2 ) muss das Drahtseil einer Kran-
winde für die Höchstkraft Fmax = 150 kN enthalten?

Aufgabe 2.3 (Spannung und Verlängerung in einer Messgeräteaufhängung).


Ein Messgerät (Gewichtskraft 3 800 N) soll an drei in einer Ebene parallelen Stahl-
drähten (E-Modul E = 2,1 · 105 N/mm2 ) mit gleichem Durchmesser d = 3 mm
aufgehängt werden. Beim Einbau ist der mittlere Draht um 3 mm kürzer als die
beiden äußeren mit der Länge l = 7 000 mm.
a) Zu berechnen sind die Spannungen in den Drähten und deren Verlängerung nach
Aufhängen des Gerätes.
b) Wie groß sind die Spannungen und die Verlängerungen, wenn der mittlere Draht
um 3 mm zu lang ist?

Aufgabe 2.4 (Druckspannungen). Ein Stahlzylinder 1 und ein Graugussrohr mit


gleicher Höhe h = 50 mm werden zwischen den starren Druckplatten einer Presse
gemeinsam um den Betrag dh = 0, 03 mm elastisch zusammengedrückt (Abb. 2.29).
Wie groß sind die Druckspannungen in den beiden Teilen sowie die gesamte Press-
kraft F? Kann das Gussrohr die Kraft F allein ertragen, ohne zu versagen? (Stahl
E = 2 · 105 N/mm2 , Grauguss GG-25 E = 1,2 · 105 N/mm2 ).
52 2 Zug- und Druckbeanspruchung

50
1

Abb. 2.29 Stahlzylinder 1 ∅45


und Graugussrohr 2, gemein- ∅50
sam zwischen Druckplatten
∅60
gedrückt

Aufgabe 2.5 (Stangenkräfte, -spannungen und -verlängerung). Zwei Stangen


aus Aluminium mit d = 15 mm und E = 0,7 · 105 N/mm2 und eine aus Stahl mit
d = 10 mm und E = 2,1 · 105 N/mm2 von gleicher Länge l = 2 700 mm werden
gleichmäßig durch die Kraft F = 40 kN gezogen, so dass sie die gleiche Verlänge-
rung erfahren. Zu berechnen sind die Spannungen und die Kräfte in den Stangen
sowie deren Verlängerung.

Aufgabe 2.6 (Schraubendimensionierung). Der Deckel eines Dampfkessels soll


eine Öffnung 480 mm × 500 mm abschließen und ist mit 16 Schrauben verschlos-
sen, Dampfdruck 1 N/mm2 . Welche Gewindegröße ist für die Schrauben zu wählen
(σzul = 50 N/mm2 )?

Aufgabe 2.7 (Bemessung eines Kranauslegers). Der auf Abb. 2.30 dargestellte
Kranausleger besteht aus der Schließe 1 und der Strebe 2, die im Punkt K gelen-
kig miteinander verbunden sind. Die Schließe 1 wird aus zwei Rundstahlstangen

3 000
K
1
F
18

2
00

00
Abb. 2.30 Kranausleger mit 25
angehängter Last F

mit E = 2 · 105 N/mm2 und d = 20 mm, die Strebe 2 aus zwei ungleichschenkli-
gen Winkelstählen 130 × 65 × 10, DIN 1 029, mit gleichem E-Modul gebildet.
In einem Belastungsversuch wurde unter der Kraft F an einer Stange der Schließe 1
die Längsdehnung ε = 0, 06 % gemessen. Zu ermitteln sind
2.5 Aufgaben zu Kapitel 2 53

a) die Spannung und die Kraft in der Schließe 1,


b) die angehängte Kraft F,
c) die Kraft und die Spannung in der Strebe 2,
d) die Verschiebung vK des Knotenpunktes K.

Aufgabe 2.8 (Zugspannung in Folge von Fliehkräften). Eine dünnwandige Trom-


mel aus Kupfer (d = 1 000 mm, ρ = 9,14 · 103 kg/m3 ) rotiert um ihre Achse mit
n = 2 000 min−1 . Wie groß ist die Zugspannung durch die Fliehkräfte?

Aufgabe 2.9 (Höchstdrehzahl). Welche maximale Drehzahl darf eine zylindrische


Trommel aus Stahl, die um ihre Achse rotiert, erreichen (Durchmesser d = 500 mm,
σzul = 320 N/mm2 , ρ = 8 · 10−6 kg/mm3 )?

Aufgabe 2.10 (Aufschrumpfen). Auf einen Radkörper aus Stahlguss, Durchmes-


ser 1 800 mm, soll ein Stahlreifen mit den Kennwerten E = 2,15 · 105 N/mm2 ,
αT = 12 · 10−6 K−1 ) und 1 900 mm Außendurchmesser warm aufgezogen werden.
Zu berechnen sind bei starrem Radkörper der zum Schrumpfen erforderliche Innen-
durchmesser di des Reifens für eine Zugspannung σ = 240 N/mm2 , die Mindest-
erwärmungstemperatur ΔT und die Pressung p zwischen Radkörper und Reifen.

Aufgabe 2.11 (Aufschrumpfen Stahlwelle mit Kupferring). Die Schrumpfver-


bindung aus einer Stahlwelle (αT = 12 · 10−6 K−1 ) und einem 10 mm dicken Kup-
ferring (E = 1,2 · 105 N/mm2 , αT = 17 · 10−6 K−1 ) wird zum Lösen gemeinsam
erwärmt. Bei der Temperatur T1 = 205 ◦ C beginnt sich der Ring gerade zu lockern.
Bei der Raumtemperatur TR = 25 ◦ C ist der Wellendurchmesser 250 mm. Zu berech-
nen sind bei starrer Welle
a) der Wellendurchmesser bei 205 ◦ C,
b) der Innendurchmesser des Ringes vor dem Schrumpfen bei Raumtemperatur,
c) die Schrumpfspannung im Ring und die Pressung zwischen Ring und Welle bei
Raumtemperatur vor dem Lösen.

Aufgabe 2.12 (Aufschrumpfen äußerer auf inneren Ring). Ein äußerer Ring
(da = 350 mm, d0 = 340 mm, E1 = 1,8 · 105 N/mm2 ) soll auf einen inneren Ring
(di = 320 mm, d0 = 340 mm, E2 = 1,2 · 105 N/mm2 ) mit der Pressung p = 5 N/mm2
warm aufgeschrumpft werden.
1. Zu berechnen sind
a) die Spannungen in beiden Ringen,
b) das notwendige Schrumpfmaß ddS ,
c) die zum Aufschrumpfen notwendige Erwärmungstemperatur dT des äußeren
Ringes (αT = 16 · 10−6 K−1 ).
2. Welche Fließgrenzen müssen beide Werkstoffe bei zweifacher Sicherheit gegen
Fließen mindestens aufweisen?
3. Welche Spannungen würden sich im äußeren Ring ergeben, wenn er auf eine (als
starr anzunehmende) Vollwelle (Durchmesser d0 ) mit gleichem Schrumpfmaß,
wie oben errechnet, aufgeschrumpft würde?
54 2 Zug- und Druckbeanspruchung

Abb. 2.31 In einen Alu-


miniumring geschrumpfte
Stahlbuchse

∅38
∅40
∅48

Aufgabe 2.13 (Aufschrumpfen einer Stahlbuchse auf einen Ring). In einem Alu-
miniumring (E = 0,7 · 105 N/mm2 , αT = 24 · 10−6 K−1 ) soll eine Stahlbuchse
(E = 2,1 ·105 N/mm2 , αT = 12 ·10−6 K−1 ) eingeschrumpft werden (Abb. 2.31). Das
vorgeschriebene Schrumpfmaß habe den Wert ΔdS = 0,05 mm. Zu berechnen sind
– die Pressung p zwischen Ring und Buchse,
– die Spannung in Ring und Buchse,
– die Mindesttemperaturdifferenz, die entweder zum Erwärmen des Ringes oder
zum Unterkühlen der Buchse beim Aufschrumpfvorgang erforderlich ist. Welche
der beiden Maßnahmen beim Schrumpfen ist sinnvoller?

Aufgabe 2.14 (Verlängerung eines Seils durch Eigengewicht). Mit welcher Kraft
Fzul darf das Stahldrahtseil (σzul = 150 N/mm2 ) einer Förderanlage (Seillänge
l = 890 m) belastet werden? Das Seil setzt sich aus 200 Einzeldrähten je 1 mm
Durchmesser zusammen. Wie groß ist die Verlängerung des Seiles unter Eigenge-
wichtskraft und Kraft Fzul ?

Aufgabe 2.15 (Eigengewichtsbelastung eines gemauerten Pfeilers). Ein gemau-


erter Pfeiler (σzul = 0,8 N/mm2 ) mit der Höhe h = 10 m ist durch die Druckkraft
F = 500 kN beansprucht. Zu berechnen sind
a) die erforderliche Seitenlänge a des quadratischen Querschnitts unter Berücksich-
tigung der Eigengewichtskraft (ρ = 2,5 · 104 N/m3 ),
b) der Anteil der Eigengewichtskraft in Prozenten der Kraft F,
c) der erforderliche Durchmesser d eines Sockels, der auf gewachsenem Boden
steht, wenn pzul = 0,35 N/mm2 ist,
d) die Abmessungen des oberen und unteren Querschnitts a0 und a1 des Pfeilers,
wenn er als Körper gleicher Druckbeanspruchung auszuführen ist. Wieviel Pro-
zent der Kraft F macht die Eigengewichtskraft nun aus?
2.6 Formelzusammenfassung Kapitel 2 55

2.6 Formelzusammenfassung Kapitel 2

• Zugspannung
F
σ=
A
σ - Zugspannung, F - Kraft in Zugrichtung, A - Querschnittsfläche
• Druckspannung
F
σ=−
A
σ - Druckspannung, F - Kraft in Druckrichtung
• Zulässige Spannung
|F|
|σ| =  σzul
A
σzul - zulässige Spannung
• Tragfähigkeit
|Fzul |  Aσzul
Fzul - zulässige Kraft
• Dimensionierung
|F|
Azul 
σzul
Azul - zulässiger Querschnitt
• Dehnung
ΔL
ε=
L
ε - Dehnung, ΔL - Verlängerung, L - Ausgangslänge
• Querdehnung (Rundstab)
Δd
εq =
d
εq - Querdehnung, Δd - Durchmesseränderung, d - Ausgangsdurchmesser
• Hooke’sches Gesetz
σ = Eε
E - Elastizitätsmodul
• Zugkraft
F = EAε
• Verlängerung
Fl
Δl =
EA
• Wärmedehnungen
εT = αT ΔT .
αT - linearer Wärmeausdehnungskoeffizient, ΔT - Temperaturdifferenz
56 2 Zug- und Druckbeanspruchung

• Verlängerung in Folge einer Temperaturdifferenz

Δl = l εT = l αT ΔT .

• Spannung
σ = −E αT ΔT = −E εT ,
Kapitel 3
Zulässige Beanspruchung und Sicherheit -
Beurteilung des Versagens

Eine Festigkeitsberechnung - sei es die Bemessung, der Spannungsnachweis oder


die Ermittlung der Tragfähigkeit - birgt immer verschiedene Unsicherheiten in sich,
sofern sie sich nur auf die Wahl von zulässigen Spannungen stützt. Sie verlangt aus-
reichende Erfahrung, die der Anfänger nicht mitbringen kann. Die Festigkeitslehre
wird für ihn dann undurchschaubar, er begnügt sich damit, Werte in Gleichungen
einzusetzen, ohne diese selbst zu verstehen.
Eine gewisse Eigenverantwortlichkeit entsteht, wenn die möglichen Arten des
Versagens und die zugehörigen Werkstoffkennwerte (Grenzspannungen) bei der
Festigkeitsberechnung berücksichtigt werden. Dieses ist möglich, wenn auf die Si-
cherheit eingegangen wird. Die Grenzspannungen, im Allgemeinen in Versuchen
an Werkstoffproben ermittelt, dürfen in Bauteilen im Betrieb weder erreicht noch
überschritten werden. Auch die Wahl des so genannten Sicherheitsbeiwertes (kurz
Sicherheit) S erfordert Erfahrung. Vielfach ist die Sicherheit jedoch durch Vorschrif-
ten festgelegt oder es liegen Richtwerte zur Orientierung vor.
Ungünstige und nicht vorherzusehende Betriebsbedingungen, falsche Lastannah-
men, Werkstofffehler usw. können natürlich jeder noch so sorgfältigen Berechnung
zum Trotz zu Schadensfällen führen, wie die Erfahrung immer wieder zeigt. Des-
halb spielt die Schadensanalyse in der Praxis eine große Rolle.
In Ergänzung zu Definition 1.1 werden im Folgenden die beiden in der Festig-
keitsberechnung immer wiederkehrenden Begriffe Sicherheit und zulässige Span-
nung zunächst definiert. Dann wird versucht, beide rechnerisch zu erfassen.
Definition 3.1 (Sicherheit). Die Sicherheit S ist das Verhältnis einer aus Versuchen
ermittelten Grenzspannung σG zu einer errechneten Spannung σ. Die Grenzspan-
nung stellt dabei einen Werkstoffkennwert dar.

Definition 3.2 (Zulässige Spannung). Die zulässige Spannung σzul ist das Verhält-
nis einer aus Versuchen ermittelten Grenzspannung σG zu einer Sicherheit S.

57

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_3,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
58 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

3.1 Ruhende oder statische Beanspruchung

Werden Bauteile zügig bis zu einem Höchstwert F belastet und ändert sich dieser
zeitlich nicht, nennt man die Beanspruchung ruhend oder statisch. Je nach dem Ver-
sagen der Werkstoffe im statischen Versuch (z. B. Zugversuch) werden Sicherheit
und zulässige Spannung aus den entsprechenden Kennwerten berechnet.
Bei Versagen durch Trennbruch ohne messbare bleibende Formänderung ist

Rm
Sicherheit gegen Bruch SB = , (3.1)
σ
Rm
zulässige Spannung σzul = . (3.2)
SB
Besteht dagegen die Gefahr des Versagens durch große bleibende Formänderungen,
dann ist
σF
Sicherheit gegen plastisches Fließen SF = , (3.3)
σ
σF
zulässige Spannung σzul = . (3.4)
SF
Die errechnete Spannung σ in den Gln. (3.1) und (3.3) ist auf einen glatten Stab
bezogen. Die Fließgrenze σF als Oberbegriff umfasst die Streckgrenze Re bzw. die
0, 2 - Dehngrenze Rp0,2 im Zugversuch oder ähnliche Kennwerte, die auch bei ande-
ren Beanspruchungsarten (z. B. Druck oder Biegung) den Beginn größerer bleiben-
der Formänderungen anzeigen. Anhaltswerte für übliche Sicherheiten sind

SB = 2 . . . 4, SF = 1, 2 . . . 2,

wenn keine verbindlichen Vorschriften bestehen. Bei höheren Betriebstemperaturen


sind die Kennwerte Rm/105 und Rp 1/105 als Grenzspannungen (s. Abschnitt 2.2.3)
in die obigen Gleichungen einzusetzen.

3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung

Ruhende Beanspruchung in Bauteilen kommt in der Praxis relativ selten vor, häufi-
ger sind Bauteile Beanspruchungen ausgesetzt, die zeitlich schwanken. Man nennt
diese Beanspruchungen schwingend oder dynamisch (z. B. bei Fahrzeugen). Erfah-
rungen zeigen immer wieder, dass Bauteile unter der Wirkung dynamischer Bean-
spruchung nach längerer Zeit bei Spannungen zu Bruch gehen können, die weit
unterhalb der statischen Bruchfestigkeit des betreffenden Werkstoffs, ja sogar un-
terhalb seiner Proportionalitätsgrenze liegen.
Die aus dem Quotienten von Grenzspannung und errechneter Spannung gebildete
Sicherheit kann nach den Angaben im Abschnitt 3.1 zwar größer als 1 sein, die
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung 59

tatsächliche Sicherheit ist jedoch kleiner als 1, da das Bauteil zerstört wurde. Dieses
muss zweierlei Gründe haben:
1. Die tatsächliche Grenzspannung bei schwingender Beanspruchung ist geringer
als bei ruhender Beanspruchung.
2. Die wirkliche Spannung im Bauteil ist größer als die nach den üblichen Regeln
errechnete Spannung (bei Zugbeanspruchung z. B. σ = F/A).
Beide Einflüsse werden in den folgenden Abschnitten besprochen.

3.2.1 Grenzspannung bei dynamischer Beanspruchung

Um den Einfluss einer über längere Zeit einwirkenden schwingenden Beanspru-


chung erfassen zu können, wurde der Begriff der Dauerschwingfestigkeit oder kurz
Dauerfestigkeit geprägt. Die ersten Versuche in dieser Richtung sind systematisch
von W ÖHLER1 um die Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführt worden.
Definition 3.3 (Dauerfestigkeit). Die Dauerfestigkeit ist diejenige Grenzspannung
σD , die eine Werkstoffprobe bei ständiger Wiederholung der Belastung theoretisch
unendlich oft ertragen kann, ohne dass ein Bruch auftritt.

Definition 3.4 (Dauerbruch). Einen Bruch bei schwingender Beanspruchung nennt


man Dauerbruch.

Infolge der Bruchgefahr bei Spannungen häufig schon unterhalb der Proportiona-
litätsgrenze sind Dauerbrüche auch bei sonst duktilem Werkstoff spröde Trenn-
brüche. Diese kündigen sich nicht durch bleibende Formänderungen an. Ausgangs-
punkt sind Mikroschädigungen, die nicht gleich erkannt werden, ständig zunehmen
und daher besonders gefährlich sind.

3.2.1.1 Ermittlung der Dauerfestigkeit im Versuch

Auf Abb. 3.1 a) ist als Beispiel eine beliebige zeitliche Belastungsfolge in einem
Bauteil dargestellt. Die einfachste Methode zur Prüfung besteht darin, dass man
dem Diagramm nur die kleinste und die größte Spannung entnimmt und Proben mit
diesen Werten sinusförmig belastet (Abb. 3.1 b). Eine zweite Methode besteht darin,
die Belastungsfolgen nach der Häufigkeitsverteilung auszuwerten. Die Proben oder
auch die Bauteile werden zwar ebenfalls periodisch, aber mit verschieden hohen
Beanspruchungen von unterschiedlicher Dauer geprüft (Belastungskollektiv, Abb.
3.1 c). Wir wollen nur die am weitesten verbreitete erste Methode weiterverfolgen

1 AUGUST W ÖHLER (∗ 22. Juni 1819 in Soltau; † 21. März 1914 in Hannover), Ingenieur, er-

forschte die Werkstoffe Stahl und Eisen, W ÖHLER linie, Ehrendoktor 1901 TH Charlottenburg
(heute TU Berlin)
60 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

und die Kennwerte als Grundlage für eine Festigkeitsberechnung bei schwingender
Beanspruchung liefert.
Die in Abb. 3.1 b) gezeichneten Beanspruchungen2 kann man zerlegen in eine
σo + σu
Mittelspannung σm = ,
2
die ruhend ist, und einen dieser Mittelspannung überlagerten
σo − σu
Spannungsausschlag σa = .
2
Es gilt

Oberspannung σo = σm + σa , Unterspannung σu = σm − σa .

Die Methode des von W ÖHLER begründeten klassischen Dauerversuchs ist in die
Normung aufgenommen worden (DIN 50 100) und wird wie folgt durchgeführt:
Eine Anzahl (meist 6. . . 8) gleicher Proben des gleichen Werkstoffs (im Allgemeinen po-
liert oder feingeschliffen, Durchmesser 8. . . 10 mm) wird in einer Dauerprüfmaschine je-
weils bei gleicher Mittelspannung σm mit verschieden hohen Spannungsausschlägen ±σa
bis zum Bruch beansprucht. Die Zahl N der Schwingspiele bis zum Bruch wird bei jeder
Probe festgehalten und die Spannung σa in Abhängigkeit von der Bruchschwingspielzahl
N aufgetragen (Abb. 3.2), die Abszisse ist logarithmisch geteilt.

Verbindet man die einzelnen Punkte miteinander, erhält man das so genannte
W ÖHLERschaubild (W ÖHLERkurve). Man erkennt aus dem typischen Aussehen,
dass mit immer geringer werdender Spannung σa die ertragbaren Schwingspielzah-
len bis zum Bruch immer größer werden, bis bei einer Grenzschwingspielzahl keine
Brüche mehr auftreten und die Kurve waagerecht verläuft. Diese Grenzschwing-
spielzahl beträgt bei Stahl N = 2 · 106 . . . 107 , so dass man dann die

Dauerfestigkeit σD = σM ± σA (3.5)

a) b) c)
σ σ σ
σu σa σa
σo
σm
σu

t t t
Abb. 3.1 Beispiele zeitlicher Beanspruchungsfolgen
a) beliebige Beanspruchung in einem Bauteil
b) sinusförmige Beanspruchung in einer Probe
c) Beanspruchung verschiedener Höhe und Zeitdauer in einer Probe

2 Zur Unterscheidung von einzustellenden Beanspruchungsparametern mit kleinen Buchstaben als


Indizes erhalten später die zu bestimmenden Kennwerte der Schwingfestigkeit große Indizes [9].
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung 61

auf endliche Lastwechselzahlen beziehen kann (Abb. 3.2). σA ist der ertragbare
Spannungsausschlag (Ausschlagfestigkeit), der durch den wagerechten Verlauf der
W ÖHLERkurve gegeben ist. Nichteisenmetalle zeigen auch nach größeren Schwing-
spielzahlen noch Dauerbrüche, so dass hier höhere Grenzschwingspielzahlen zu-
grunde gelegt werden müssen (bei Aluminium z. B. 5 · 107 . . . 108 ).
Häufig spielt auch die Zeitfestigkeit eine Rolle, das ist die Schwingbeanspru-
chung für eine Bruchschwingzahl, die kleiner als die Grenzschwingspielzahl ist,
z. B. σA(105 ) in Abb. 3.2. Sie ist größer als die Dauerfestigkeit. Vergleicht man
die Ergebnisse von Dauerfestigkeitsversuchen an gleichen Proben mit verschie-
den hohen Mittelspannungen σm miteinander, stellt man fest, dass der ertragbare
Spannungsausschlag σA mit zunehmender Mittelspannung σm kleiner wird. Die-
se Abhängigkeit kann anschaulich in einem Dauerfestigkeitsschaubild nach S MITH
dargestellt werden, es ist in der DIN 50 100 genormt (Abb. 3.3 a). Dabei wird über
der Mittelspannung der Dauerfestigkeit σM als Abszisse die zugehörige Ober- und
Unterspannung der Dauerfestigkeit σO = σM + σA und σU = σM −σA nach Gl. (3.5)
als Ordinate aufgetragen. Sie haben von der unter 45◦ verlaufenden so genannten
Leitgraden nach oben und unten gleichen Abstand.
Da Fließen auf jeden Fall vermieden werden soll, wird bei Werkstoffen mit plas-
tischen Verformungsverhalten das Schaubild nach oben durch die Fließgrenze be-
schränkt (Abb. 3.3 b). In der üblichen Darstellung werden die gekrümmten Grenz-
spannungslinien durch Geraden ersetzt sind (Abb. 3.3 c). Im Druckbereich kann die
Dauerfestigkeit größer sein als im Zugbereich, z. B. bei Gusseisen. Aus dem Dauer-
festigkeitsschaubild nach S MITH können nun die schon von VON BACH3 eingeführ-
ten drei Lastfälle abgeleitet werden, nach denen auch heute noch vielfach gearbeitet
wird:
Lastfall I Ruhende Beanspruchung, Grenzspannungen sind Zugfestigkeit oder
Fließgrenze (oder entsprechende Kennwerte bei anderen Beanspruchungsarten),

σa
σm = const
σA (105 )

Abb. 3.2 W ÖHLER schaubild.


σA

σA Ausschlagfestigkeit bei
σm = const, σA(105 ) Zeit-
festigkeit bezogen auf 105
Schwingversuche 103 104 105 106 107 N

3 J ULIUS C ARL VON B ACH (∗ 8. März 1847 in Stollberg/Erzgeb.; † 10. Oktober 1931 in Stuttgart),

Maschinenbau-Ingenieur, Elastizitäts- und Festigkeitslehre, Professor TH Stuttgart, Rektor 1885-


88
62 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

a) b) c)
σD σD σD

σO σF

σA σA

σSch
σF
σM

σW
σM σM II I σM
σU

III
Abb. 3.3 Dauerfestigkeitsschaubilder (nach S MITH ) auf der Zugseite
a) allgemeine Darstellung (σO obere Grenzspannung, σU untere Grenzspannung)
b) Schaubild nach oben durch die Fließgrenze σF begrenzt, bei Zug ist σF = Re
c) vereinfachte Darstellung mit geraden Grenzspannungslinien

Lastfall II Schwellende Beanspruchung, die Belastung schwankt dauernd zwi-


schen Null und einem Höchstwert. Als Grenzspannung erhält man mit σM = σA
aus Gl. (3.5) die Schwellfestigkeit

σSch = 2σA , (3.6)

Lastfall III Wechselnde Beanspruchung, die Belastung schwankt dauernd zwi-


schen einem positiven und negativen gleichgroßen Höchstwert. Als Grenzspan-
nung erhält man mit σM = 0 die Wechselfestigkeit

σW = ±σA . (3.7)

Auch für andere Beanspruchungsarten (z. B. Biegung, Torsion) erhält man ähnliche
Dauerfestigkeitsschaubilder, die Grenzspannungen werden durch entsprechende In-
dizes gekennzeichnet σbW , τtSch . Aus der Wechselfestigkeit, der Schwellfestigkeit
und der Fließgrenze kann ein Dauerfestigkeitsschaubild näherungsweise konstru-
iert werden (s. Bsp. 3.1).
Die Dauerfestigkeit σD metallischer Werkstoffe ist sehr stark von der Beschaf-
fenheit der Oberfläche der Proben abhängig. Je glatter diese ist, um so größer
wird auch σM . Schon kleine Oberflächenbeschädigungen, z. B. durch feine Ris-
se, durch Scheuerwirkung in Presssitzen, Korrosionsangriff sowie Guss- und Walz-
haut, können die Dauerfestigkeit erheblich herabsetzen. Aus diesen Gründen begin-
nen Dauerbrüche auch bei gleichmäßiger Spannungsverteilung fast ausnahmslos an
der Oberfläche. Die angeführten Einflüsse wirken sich vor allem in einer Ernied-
rigung der Ausschlagfestigkeit σA aus, Dauerfestigkeitsschaubilder mit derartigen
Einflüssen erscheinen schmal und lang (Abb. 3.4, Kurve 2).
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung 63

Abb. 3.4 Dauerfestigkeitsschaubild σD


eines Federstahls
1 geschliffene Oberfläche
2 gewalzte Oberfläche 1

σM

3.2.2 Einflüsse, die durch die elementare Berechnung nicht erfasst


sind

Die wirkliche oder wirksame Spannung in einem Bauteil kann durch verschiedene
Einflüsse höher sein als die errechnete Spannung (auch Nennspannung σn genannt):
– Unsicherheiten der Berechnung infolge unbekannter Kräfteverteilung oder
komplizierter Bauform sind einer Berechnung im Allgemeinen nicht zugänglich.
Die wirklichen Beanspruchungen können jedoch z. B. durch Dehnungsmessun-
gen in den betreffenden Bauteilen erfasst werden. Von dieser Möglichkeit wird
viel Gebrauch gemacht, z. B. an Triebwerken, Fahrzeugen, Flugzeugen u. a. m.
(s. Abschnitt 9.3.5).
– Ungünstige Betriebsbedingungen durch Stoßbelastungen und unkontrollierba-
re Überlastungen. Die Kräfteverteilung in Bauteilen ist zwar oft bekannt, durch
Betriebseinflüsse, z. B. durch Stoßwirkung, können die Kräfte gegenüber den
rechnerisch anzunehmenden jedoch größer werden. Man berücksichtigt diese
Einflüsse durch eine so genannte Stoßziffer ϕ, die auf Grund von Erfahrung
geschätzt werden kann [27].

3.2.2.1 Kerbwirkung

Einflüsse, die den gleichmäßigen Kraftfluss in einem Bauteil stören, führen zu ei-
ner ungleichmäßigen, von der errechneten Spannung abweichenden Spannungsver-
teilung. Man fasst diese unter dem Begriff Kerbwirkung zusammen. Als Kerben
wirken u.a. Querbohrungen, Längs- und Querrillen, Nuten und plötzliche Quer-
schnittsübergänge. Durch elastizitätstheoretische Berechnungen [37] oder durch nu-
merische Verfahren (z. B. Finite-Elemente-Methode [29]) kann man entweder die
ungleichmäßige Spannungsverteilung als Ganzes oder zumindest deren, meist nur
allein interessierenden Maximalwert bei vielen in der Praxis vorkommenden Kerb-
formen ermitteln.
64 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

Abb. 3.5 Kerbspannungen a) b)


F F
σk und Nennspannungen
σn im Kerbquerschnitt von
gekerbten Zugstäben
a) Flachstab mit Querbohrung
b) Rundstab mit umlaufender
Rille

σk
σk

σn
σn
ρ

d t d
B D

F F

Formzahl αk . In Abb. 3.5 sind die Spannungsverteilungen in je einem Zugstab


dargestellt, einmal als Flachstab mit Querbohrung (Abb. 3.5 a), zum anderen als
Rundstab mit umlaufender Rille (Abb. 3.5 b). Den Bohrungsrand im kleinsten
Querschnitt bzw. den Rillengrund bezeichnet man als Kerbgrund, dort hat die un-
gleichmäßig verteilte Spannung ihren Maximalwert. Diese wird Kerbspannung σk
genannt. Man gibt sie als Vielfaches der auf den kleinsten Querschnitt im Kerbgrund
bezogenen Nennspannung σn = F/Amin an

σk = αk σn . (3.8)

αk nennt man Formzahl oder Formfaktor. Sind die Kerbspannung σk und die Nenn-
spannung σn bekannt, dann kann aus Gl. (3.8) die Formzahl berechnet werden
σk
αk = . (3.9)
σn
Ist die Kerbspannung z. B. durch Dehnungsmessung im Kerbgrund ermittelt wor-
den, dann ergibt sich die Formzahl nach dem H OOKEschen Gesetz mit σk = εk E
zu
εk E
αk = . (3.10)
σn
Die Formzahl hängt von der Form und den Abmessungen der Kerbe (Kerbtiefe t,
Krümmungsradius ρ im Kerbgrund) sowie von der Beanspruchungsart ab. Sie ist
um so größer, je schärfer“ die Kerbe ist, d. h., je kleiner der Kerbradius ist. Für

eine Reihe von Kerbformen sind die Formzahlen bekannt und in Handbüchern zu-
sammengestellt [22; 27; 37; 45].
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung 65

3.2.2.2 Versagen bei ruhender Beanspruchung unter Kerbwirkung

Bei spröden Werkstoffen und ruhender Beanspruchung wird durch Kerbwirkung die
Bruchgefahr immer erhöht, die Formzahl αk ist daher voll in Rechnung zu setzen.
Die Gln. (3.1) und (3.2) lauten nunmehr
Rm
Sicherheit gegen Bruch SB = , (3.11)
αk σn
Rm
Zulässige Spannung σzul = . (3.12)
αk SB
Wird ein gekerbter Zugstab aus duktilem Werkstoff belastet, erreicht bei stetiger
Laststeigerung zunächst die Kerbspannung die Fließgrenze des Werkstoffs, dort be-
ginnt also plastische Verformung. Bei weiterer Lastzunahme können weiter innen
liegende Bereiche, in denen nun ebenfalls die Fließgrenze erreicht wird, fließen,
ohne dass die Spannungen die Fließgrenze überschreiten. Das führt zu einem Ab-
bau der Spannungsspitzen und zu einer Stützwirkung der noch nicht so hoch bean-
spruchten Querschnittsbereiche. Überlastungen, die zu einer teilweisen plastischen
Verformung im Kerbgrund und den eng benachbarten Bereichen führen, sind im
Allgemeinen dann nicht schädlich, wenn der Werkstoff genügend plastische Verfor-
mungsreserve aufweist und keine Verformungsbehinderung durch zu scharfe Ker-
ben eintritt. Man kann diesem Umstand durch Einführung einer Stützziffer n0,2 [45]
Rechnung tragen, die auf eine maximale plastische Dehnung von 0,2 % bezogen
ist. Mit dieser Stützziffer kann die Werkstofffließgrenze multipliziert (Formdehn-
grenze) und in die Berechnung eingeführt werden. Die Gln. (3.3) und (3.4) lauten
dann
n0,2 σF
Sicherheit gegen Fließen SF = , (3.13)
αk σn
n0,2 σF
Zulässige Spannung σzul = . (3.14)
αk SF
Die Stützziffer wird in Abhängigkeit von der so genannten Fließdehnung εF = σF /E
berechnet [45]. Ist keine Stützwirkung vorhanden, z. B. bei sprödem Werkstoff,
dann ist n0,2 = 1, bei voller Stützwirkung, z. B. bei Werkstoffen mit ausgeprägter
Fließgrenze, ist n0,2 = αk , weil dann keine Wirkung der Kerbe mehr vorhanden ist.
Diese Berechnungsmethode setzt voraus, dass genügende plastische Verfor-
mungsfähigkeit des Werkstoffs gegeben ist, die Funktionsfähigkeit der Bautei-
le nicht gestört wird und ausreichende Sicherheit gegen Bruch gewährleistet ist.
Für duktile Werkstoffe mit nicht zu hoher Festigkeit, z. B. Baustähle, kann mit
n0,2 /αk = 1 gerechnet werden, d. h., man kann so vorgehen, als ob keine Kerbe
vorhanden wäre.
66 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

3.2.2.3 Versagen bei schwingender Beanspruchung unter Kerbwirkung

Bei schwingender oder dynamischer Beanspruchung führen spannungserhöhende


Einflüsse, wie sie die Kerbwirkung darstellt, immer zu einer Erhöhung der Dauer-
bruchgefahr. Bei dynamischer Beanspruchung hängt die Kerbwirkung sowohl von
der Art und der Form der Kerbe als auch vom Werkstoff des Bauteils ab.
Kerbwirkungszahl βk . Die Auswirkung einer Kerbe auf die Spannung bei dynami-
scher Beanspruchung wird durch die Kerbwirkungszahl βk erfasst [38]. Die wirksa-
me Kerbspannung ist dann
σkw = βk σn . (3.15)
Die Kerbwirkungszahl hängt sowohl von der Formzahl αk ab, sie schwankt zwi-
schen βk = 1 (keine Kerbwirkung) und βk = αk (volle Kerbwirkung), als auch von
der Zugfestigkeit Rm eines Werkstoffs. Werkstoffe hoher Festigkeit sind bei dy-
namischer Beanspruchung wegen ihrer größeren Sprödigkeit kerbempfindlicher als
solche niedriger Festigkeit. Eine exakte Berechnung der βk -Werte ist bis jetzt nicht
möglich, da viele empirisch festgestellte Einflüsse berücksichtigt werden müssen.
Es gibt eine Reihe von Verfahren, nach denen die Kerbwirkungszahl zumindest
näherungsweise ermittelt werden kann. Die wichtigsten sollen kurz erläutert wer-
den, s. auch [45].
Die Ermittlung von βk durch Dauerversuche ist in der DIN 50 100 beschrieben:
βk ist das Verhältnis der Ausschlagfestigkeit σAglatt einer glatten Probe zur Ausschlagfes-
tigkeit σAgekerbt einer gekerbten Probe, wobei der Kerbquerschnitt (Nennquerschnitt) der
gekerbten Probe gleich dem der glatten Probe gewählt werden muss.

Durch Dauerversuche an glatten und gekerbten Proben für bestimmte Kerbformen,


Werkstoffe und Beanspruchungsarten erhält man die genauesten Werte für die Kerb-
wirkungszahl. Es ist dann
σAglatt
βk = . (3.16)
σAgekerbt
Berechnung nach T HUM4 . Hierbei wird versucht, die Kerbwirkungszahl auf einen
formbedingten Einfluss (αk ) und einen werkstoffbedingten Einfluss (ηk ) zurück-
zuführen
βk = 1 + (αk − 1)ηk . (3.17)
ηk ist die so genannte Empfindlichkeitszahl, die die Kerbempfindlichkeit eines
Werkstoffs kennzeichnet. Für βk = 1 ist ηk = 0 (keine Kerbwirkung), für βk = αk ist
ηk = 1 (volle Kerbwirkung). In Abb. 3.6 ist die Herleitung der Gl. (3.17) angedeutet.
Sie geht von der Überlegung aus, dass die über die Nennspannung σ hinausgehende
Spannungsspitze (αk − 1)σn je nach Kerbempfindlichkeit geringer wird.
Ist durch Dauerversuche z. B. für eine bestimmte Kerbform die Kerbwirkungs-
zahl βk bekannt, dann lässt sich durch Umformung von Gl. (3.17) die Kerbempfind-
lichkeitszahl des betreffenden Werkstoffs ermitteln
4 AUGUST T HUM (∗ 16. Juli 1881 in Marktoffingen/Region Augsburg; † 6. Januar 1957, Zürich),

Gestaltfestigkeit, Professor für Werkstoffkunde an der TH Darmstadt und Leiter der Staatlichen
Materialprüfanstalt, Rektor 1932/33
3.2 Schwingende oder dynamische Beanspruchung 67

αk σ n βk σn
σn (αk − 1)σn σn ηk (αk − 1)σn

Abb. 3.6 Spannungen an einer Kerbe zur Herleitung der Kerbwirkungszahl


(αk − 1)σn elastizitätstheoretische Spannungsspitze
ηk (αk − 1)σn bei schwingender Beanspruchung verminderte Spannungsspitze

βk − 1
ηk = . (3.18)
αk − 1
Für andere Kerbformen in Bauteilen des gleichen Werkstoffs kann somit aus αk und
ηk die Kerbwirkungszahl βk über Gl. (3.17) berechnet werden (s. Beispiel 3.4).
Berechnung nach S IEBEL5 und P ETERSEN. Das Berechnungsverfahren berück-
sichtigt neben der Kerbform und der Werkstofffestigkeit auch die Steilheit der Span-
nungsspitze, das so genannte Spannungsgefälle an der höchstbeanspruchten Stelle
der Bauteile im Kerbgrund. Nach S IEBEL und P ETERSEN [45] ist

1 + ρ∗ χglatt
βk = αk . (3.19)
1 + ρ∗ χgekerbt

χglatt und χgekerbt sind die bezogenen Spannungsgefälle bei glattem und gekerbtem
Bauteil, ρ∗ stellt den Radius einer so genannten Ersatzkerbe dar, der den Einfluss
der Werkstoffestigkeit und des kristallographischen Werkstoffgefüges angibt [45].
Die Berechnung nach T HUM hat sich in der Praxis am meisten durchgesetzt
und aus vielen Versuchen liegen Anhaltswerte für die Empfindlichkeitsziffer ηk vor
(s. Tabelle 3.1).

Tabelle 3.1 Empfindlichkeitsziffern ηk verschiedener Werkstoffe


Baustahl Rm ≈ 400 N/mm2 0, 4 ± 0, 1
Baustahl Rm ≈ 600 N/mm2 0, 5 ± 0, 1
Baustahl Rm ≈ 800 . . . 1 000 N/mm2 0, 7 . . .0, 8
hochfester Federstahl 0, 9 . . .0, 95
Grauguss GG 0, 2 . . .0, 3
AlCuMg (Duralumin) 0, 3 . . .0, 5
Kupfer und Messing 0, 4 . . .0, 6

Oberflächeneinfluss. Die Beschaffenheit der Oberfläche spielt bei dynamischer


Beanspruchung eine große Rolle, jedoch sind Auffassungen, wie sie rechnerisch
berücksichtigt werden kann, noch unterschiedlich. Es liegt nahe, den Einfluss der
5 E RICH S IEBEL (∗ 17. Mai 1891 Solingen; 17. Oktober 1961 Stuttgart), Werkstofftechniker und

Materialprüfer, Grundlagen zum Bau von Dampfkesseln und Druckgefäßen, Professor für Werk-
stoffkunde, Materialprüfung und Festigkeitslehre an der TH Stuttgart und Vorstand der Material-
prüfanstalt)
68 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

rauhen Oberfläche wie eine Art Kerbwirkung als spannungserhöhend zu behan-


deln. Dieses geschieht durch die Oberflächenziffer ok , mit der die Nennspannung
σn multipliziert wird. Für polierte Oberflächen ist ok = 1, bei geschliffener Ober-
fläche ist ok = 1, 1 . . .1, 2. Bei geschlichteter Oberfläche kann ok = 1, 2 . . .1, 4 je nach
Werkstofffestigkeit betragen. Bei gewalzter und geschmiedeter Oberfläche kann
der Einfluss außerordentlich stark sein; ok = 1, 5 . . .2 bei Stahl niederer Festigkeit;
ok = 2, 5 . . .3, 5 bei hochfesten Stählen. Demzufolge müssen hochbeanspruchte Bau-
teile bei dynamischer Beanspruchung eine besondere Oberflächenbehandlung erfah-
ren (Polieren, Rollen, Strahlen). Der Oberflächenfaktor κ berücksichtigt den Abfall
der Dauerfestigkeit mit zunehmender Rauhigkeit [27]. Es gilt dabei κ ≈ 1/ok .
Die Berechnung der Sicherheit gegen Dauerbruch bzw. der zulässigen Spannung
bei schwingender Beanspruchung kann unter Berücksichtigung der oben angeführ-
ten Einflüsse aus den folgenden Gleichungen erfolgen
σD
Sicherheit gegen Dauerbruch SD = αk , (3.20)
ok βk σn
σD
zulässige Spannung σzul = αk . (3.21)
ok βk SD
σn ist die auf den gekerbten Querschnitt bezogene Nennspannung, bei Zugbeanspru-
chung z. B. σn = F/Amin . Je nach Art der dynamischen Beanspruchung (Lastfall) ist
für σD der entsprechende Kennwert einzusetzen oder dem jeweiligen Dauerfestig-
keitsschaubild zu entnehmen. Die Sicherheit gegen Dauerbruch SD soll im Allge-
meinen nicht kleiner als 2 sein; wenn ausnahmsweise alle Einflüsse sicher erfasst
wurden, kann sie auch 1,5 betragen.
Bei der Entwurfsberechnung (Bemessung) ist häufig die Kerbwirkung usw. nicht
bekannt. Man kann diese Einflüsse zunächst in einer Sicherheitszahl S∗ zusammen-
fassen
S∗ = ok βk SD ,
die entsprechend größer anzunehmen ist (4. . . 6). Nach der konstruktiven Gestaltung
des Bauteils ist dann die Sicherheit gegen Dauerbruch in den gefährdeten Quer-
schnitten nachzurechnen. Bei Beanspruchung oberhalb der Schwellfestigkeit (zwi-
schen Lastfall II und I, s. Abb. 3.3 c) ist neben der Sicherheit gegen Dauerbruch mit
der Ausschlagspannung σa auch genügend Sicherheit gegen Fließen mit der Ober-
spannung σo nachzuweisen (s. Beispiel 3.1). Eine derartige Beanspruchung tritt vor
allem bei vorgespannten Bauteilen (Dehnschrauben) auf (s. Beispiel 3.5).

3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung

Die nachfolgenden Beispiele beziehen sich auf die komplexen Fragestellungen des
Kapitels 3 und sind daher separat hier aufgeführt. Die Zuordnung zu bestimmten
Sachverhalten wäre eine unzulässige Einschränkung gewesen.
3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung 69

Beispiel 3.1 (Dauerfestigkeitsschaubild).


Für den legierten Stahl 30 CrNiMo 8 V mit einer Zugfestigkeit 1 100 . . .1 300 N/mm2
(DIN 17 200) sind die folgenden Festigkeitskennwerte bekannt: σW = 380 N/mm2 ,
σSch = 620 N/mm2 , Re = 900 N/mm2 . Man zeichne maßstäblich das Dauerfestig-
keitsschaubild. Aus dem oben angegebenen Werkstoff gefertigte Stangen mit glat-
tem Schaft (Querschnittgröße A = 900 mm2 ) werden verschiedenen Belastungen
unterworfen:
a) F = ±180 kN,
b) F = (90 ± 90) kN,
c) F = (180 ± 90) kN,
d) F = (270 ± 90) kN.
Es ist die jeweilige Sicherheit zu berechnen.
Lösung 3.1
Das Dauerfestigkeitsschaubild ist in Abb. 3.7 aufgezeichnet, der Konstruktionsgang ist ohne Wei-
teres aus der Zeichnung verständlich.
a) Die Stange wird wechselnd beansprucht. Mit der Spannung

F 1,8 · 105 N
σa = = = 200 N/mm2
A 900 mm2
σD in N/mm2

900
800 A
700
σA

600
500
Re

400 1
σSch

300
σM
σa
σW

200
σm

100
0
100 200 300 400 500 600 700 800 900
−100
σM in N/mm2
σW

−200
−300
−400
1
σSch
2

Abb. 3.7 Dauerfestigkeitsschaubild für den Stahl 30 CrNiMo 8 V 1 100 . . . 1 300 N/mm2
(1 Gerade 0A zum Aufsuchen der Ausschlagfestigkeit σA bei konstantem Verhältnis σm /σa )
70 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

und σD = σW , ok βk = 1 und σn = σa ergibt Gl. (3.20)

σW 380 N/mm2
SD = = = 1, 9 .
σa 200 N/mm2

b) Die Oberspannung ist mit Fo = 1,8 · 105 N

Fo
σo = = 200 N/mm2 .
A
Mit σD = σSch , ok βk = 1 und σn = σa wird die Sicherheit

σSch 620 N/mm2


SD = = = 3, 1
σo 200 N/mm2

bei gleicher Größe der Höchstlast also größer als in a).


c) Mit Fm = 200 N ist die Mittelspannung σm = 200 N/mm2 , mit Fa = 9 · 104 N der Spannungs-
ausschlag σa = 100 N/mm2 (Abb. 3.7). Setzt man voraus, dass bei Überbeanspruchung im Be-
trieb alle Spannungen linear ansteigen, dann ist das Verhältnis σm /σa = σM /σA konstant. In
unserem Fall ist es 2/1, dem Dauerfestigkeitsschaubild 3.7 entnimmt man σM = 520 N/mm2
und σA = 260 N/mm2 , Gerade 0A. Die Sicherheit gegen Dauerbruch ist nun

σA 260 N/mm2
SD = = = 2, 6 .
σa 100 N/mm2

Da die Beanspruchung oberhalb der schwellenden liegt, ist auch ausreichende Sicherheit gegen
Fließen nachzuweisen
Re 900 N/mm2
SF = = = 3.
σo 300 N/mm2
d) In gleicher Weise wie in c) erhält man

σm = 300 N/mm2 , σa = 100 N/mm2 ,

d. h. σm /σa = 3/1. Abbildung 3.7 entnimmt man bei σM = 660 N/mm2 die Ausschlagfes-
tigkeit σA = 220 N/mm2 . Nunmehr ist

SD = 2, 2 und SF = 2, 25 .

Beispiel 3.2 (Sicherheit gegen Dauerbruch).


Ein Flachstab hat eine polierte Querbohrung, Kerbquerschnitt A = 900 mm2 und
wird wie in Beispiel 3.1 c) beansprucht, der Werkstoff ist der gleiche wie dort. Wie
groß ist nun die Sicherheit gegen Dauerbruch?
Lösung 3.2
Für kleine Bohrungen in Flachstäben mit d/B ≈ 0, 2 (Abb. 3.5 a) ist αk ≈ 2, 5 [45]. Mit ηk = 0, 8
(Tabelle 3.1) erhält man aus Gl. (3.17) die Kerbwirkungszahl

βk = 1 + (αk − 1)ηk = 1 + 1, 5 · 0, 8 = 2, 2 .

Mit den gleichen Zahlenwerten wie in Beispiel 3.1 c) für die Spannungen und mit ok = 1 ergibt
sich aus Gl. (3.20)
σA 260 N/mm2
SD = = = 1, 18 .
βk σa 220 N/mm2
3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung 71

Diese Sicherheit ist nicht mehr ausreichend. Würde bei gleicher Höchstlast die Ausschlagkraft
verringert (z. B. F = (2,1 · 105 ± 0,6 · 105 ) N), sind σm = 233,3 N/mm2 und σa = 66,7 N/mm2 ,
d. h. σm /σa = 3, 5/1. Abbildung 3.7 entnimmt man dann bei σM = 700 N/mm2 die Ausschlag-
festigkeit σA = 200 N/mm2 .
Nunmehr ist die Sicherheit
200 N/mm2
SD = = 1, 36 .
2, 2 · 66,7 N/mm2

Beispiel 3.3 (Tragfähigkeit).


Eine Rundstange aus Stahl E360 (D = 40 mm) mit glattem polierten Schaft wird
schwellend durch die Kraft F = (130 ± 130) kN auf Zug beansprucht. Wie groß ist
die Sicherheit gegen Dauerbruch? Wie ändert sich die Tragfähigkeit der Stange bei
gleicher Sicherheit, wenn sie eine ausgerundete, polierte Querbohrung (d = 12 mm)
erhält und die Kraft
a) schwellend,
b) als wechselnde
Zug-Druckkraft aufgebracht wird?
Lösung 3.3
Einem Dauerfestigkeitsschaubild für den Stahl E360 entnimmt man den Wert für die Schwellfe-
stigkeit σSch = 410 N/mm2 und die Wechselfestigkeit σW = 230 N/mm2 . Mit dem Querschnitt
A = 1 257 mm2 ist die Oberspannung ohne Querbohrung

Fo 2,6 · 105 N
σo = = = 207 N/mm2 .
A 1 257 mm2
Gleichung (3.20) ergibt mit ok = βk = 1 und σD = σSch

σSch 410 N/mm2


SD = = = 1, 98 .
σo 207 N/mm2

Die Sicherheit ist somit ausreichend, da sie über 1,5 liegt. Um die Tragfähigkeit der quergebohrten
Stange berechnen zu können, muss zunächst die zulässige Spannung ermittelt werden. Gl. (3.21).
Mit dem Verhältnis d/D = 12/40 = 0, 3 erhält man aus dem Diagramm A 15 im Anhang des
Buches [45] die Formzahl einer quergebohrten Rundstange zu αk = 2, 1. Aus Tabelle 3.1 interpo-
liert man für E360 die Empfindlichkeitsziffer ηk = 0, 6. Die Kerbwirkungszahl kann nun aus Gl.
(3.17) berechnet werden

βk = 1 + (αk − 1)ηk = 1 + 1, 1 · 0, 6 = 1, 66 .

Der Querschnitt der Stange ist durch die Querbohrung verkleinert; wenn d/D < 0, 5 ist, kann
die Projektion der Bohrung als Rechteckfläche angesehen werden. Der Kerbquerschnitt ergibt sich
somit zu  
π π d
An = D2 − dD = D2 − .
4 4 D
Mit den gegebenen Zahlenwerten ist An = 777 mm2 .
a) Die zulässige Spannung bei schwellender Beanspruchung ist

σSch 410 N/mm2


σzul = = = 124,7 N/mm2 .
βk SD 1, 66 · 1, 98
72 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

Die Tragfähigkeit erhält man nun aus Gl. (2.6)

Fo zul = σzul An = 124,7 N/mm2 · 777 mm2 = 96,9 · 103 N = 96,9 kN .

Die Schwellbelastung der gekerbten Stange darf also F = (48, 5 ± 48, 5) kN betragen.
b) Für wechselnde Belastung ist die zulässige Spannung

σW 230 N/mm2
σzul = = = 70 N/mm2 .
βk SD 1, 66 · 1, 98
Somit ist die Tragfähigkeit

Fa zul = 70 N/mm2 · 777 mm2 = 54,4 · 103 N = 54,4 kN .

Die Wechselbelastung darf demnach F = ±54 kN sein.

Beispiel 3.4 (Sicherheit gegen Dauerbruch).


Eine Zugstange aus Stahl C 45 V 600. . . 700 N/mm2 mit polierter Oberfläche ist
wechselnd durch die Zug- und Druckkräfte F = 250 kN belastet (Abb. 3.8). Wie
groß ist die Sicherheit gegen Dauerbruch? An Probestäben des gleichen Werkstoffs
ergaben Dauerwechselversuche im glatten Zustand σW glatt = 210 N/mm2 , im ge-
kerbten (αk = 2) Zustand σW gekerbt = 140 N/mm2 .

Lösung 3.4
Der gefährdete Querschnitt der Zugstange mit d = 80 mm liegt an der Rillenkerbe. Mit

t/ρ = 5/2, 5 = 2 und d/2ρ = 16

kann die Formzahl berechnet werden [22; 27]. Man findet αk = 3, 5. Die Kerbwirkungszahl der in
Dauerversuchen geprüften Probestäbe ist mit Gl. (3.16)

σW glatt 210 N/mm2


βk = = = 1, 5 .
σW gekerbt 140 N/mm2

Die Empfindlichkeitsziffer des Werkstoffs ist dann mit Gl. (3.18)

βk − 1 1, 5 − 1
ηk = = = 0, 5 .
αk − 1 2−1
Nunmehr kann die Kerbwirkungszahl der Zugstange mit Rillenkerbe aus Gl. (3.17) abgeschätzt
werden
∅90
t

2, 5
∅80

Abb. 3.8 Zugstange mit


Rillenkerbe (t Kerbtiefe)
3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung 73

βk = 1 + (αk − 1)ηk = 1 + (2 − 1) · 0, 5 = 1, 5 .
Die Nennspannung im Kerbquerschnitt beträgt mit An = 5 030 mm2

F 2,5 · 105 N
σn = = = 49, 7 N/mm2 .
An 5 030 mm2
Aus Gl. (3.20) folgt die Sicherheit mit ok = 1 bei polierter Oberfläche

σW 210 N/mm2
SD = = = 2, 82 .
βk σn 1, 5 · 49,7 N/mm2

Diese annähernd zweifache Sicherheit ist ausreichend.

Beispiel 3.5 (Vorspannkraft).


Der Lagerdeckel (lF = 70 mm) einer Pleuelstange aus Stahl ist mit zwei Dehn-
schrauben M 26 × 1, 5 (lS = 60 mm, dS = 20 mm) aus Stahl befestigt, die Pleuel-
stange wird im Betriebszustand wechselnd durch die annähernd gleich großen Zug-
und Druckkräfte F = 200 kN beansprucht (Abb. 3.9). Zu berechnen sind die er-
forderliche Vorspannkraft der Schrauben sowie die jeweiligen Sicherheiten gegen
Versagen der Schrauben.
Lösung 3.5
Von der Betriebslast der Pleuelstange wirkt sich jeweils nur die Zugkraft auf die Schrauben aus,
je Schraube ist die Betriebskraft FB = 100 kN. Sind die Schrauben nicht vorgespannt, wirkt diese
Kraft als Schwellbeanspruchung voll auf die Schraube ein. Durch das damit verbundene Abheben
des Deckels bei jedem Lastwechsel ergibt sich eine schlagartige Beanspruchung, die bald zum
Versagen führt. Das gleiche tritt auch ein, wenn so genannte starre Schrauben ohne Dehnlänge
verwendet werden.
Durch Vorspannen der elastisch ausgebildeten Dehnschraube mit der hohen Vorspannkraft FV
wird diese um den Betrag ΔlS gedehnt, gleichzeitig wird auch der wirksame Deckelquerschnitt
(Flansch) unter dem Schraubenkopf durch die gleiche Kraft um den Betrag ΔlF elastisch zusam-
mengedrückt. Nunmehr wird bei Einwirken der Betriebskraft FB die Schraube zwar um den Betrag
ΔlB weiter gedehnt, wobei die Zugkraft in ihr auf Fo anwächst, aber der gedrückte Flanschquer-
schnitt federt um den gleichen Betrag ΔlB zurück. Von der Betriebskraft FB wirkt nur noch ein
geringer Teilbetrag 2Fa als Wechselkraft auf die Schraube ein, die sich der ruhenden Mittelkraft
Fm = FV + Fa überlagert. Die Vorspannkraft im Flansch hat dabei auf den Betrag FV abgenom-
men. Diese Verhältnisse können anschaulich in einem Verspannungsschaubild (3.10) dargestellt
werden.

X Einzelheit X

dS
lF
lS

di
Abb. 3.9 Dehnschraube zur da
Befestigung des Lagerdeckels
einer Pleuelstange, der ge-
drückte Flanschquerschnitt ist F
doppelt schraffiert gezeichnet
74 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

a) b) c)

2Fa
α
β

FB
FB

Fm

F0
F0
Kräfte

Kräfte

FV
FV

FV
β

FV
α
ΔlS ΔlB ΔlB ΔlS ΔlB
ΔlF ΔlF
Verlängerung Verkürzung
Abb. 3.10 Verspannungsschaubild

Über der Längenänderung der Schraube ΔlS (Abb. 3.10 a) und der Verkürzung des Flan-
sches ΔlF (Abb. 3.10 b) werden die Kräfte senkrecht aufgetragen, die gegenseitige Abhängig-
keit ist durch das H OOKEsche Gesetz gegeben. Die Richtungen der Kraft-Verformungsgeraden
sind durch die Winkel α und β gegeben, die den Federkonstanten von Schraube cF und vom ge-
drückten Flanschquerschnitt cS proportional sind, s. Gl. (2.13) und (2.14). In Abb. 3.10 c sind
beide Teilbilder zusammengezeichnet. Mit den Abmessungen von Abb. 3.9 (für den gedrück-
ten Flanschquerschnitt ist da = 50 mm angenommen, di = 27 mm) kann die Zahlenrechnung
durchgeführt werden (einige Zwischenrechnungen wurden fortgelassen). Der Schaftquerschnitt ist
AF = 3,14 cm2 , der Flanschquerschnitt AS = 13,91 cm2 ; mit dem Elastizitätsmodul für Flansch
und Schraube E = 2,1 · 105 N/mm2 ergibt sich aus Gl. (2.15) die Federkonstante

AS 314 mm2
cS = E = 2,1 · 105 N/mm2 · = 1,1 · 106 N/mm,
lS 60 mm
AF 1 391 mm 2
cF = E = 2,1 · 105 N/mm2 · = 4,17 · 106 N/mm .
lF 70 mm
Die erforderliche Vorspannkraft FV gewinnt man aus der Bedingung, dass bei Betriebskraft die
restliche Vorspannkraft im Flansch > Null sein muss. Für unser Beispiel soll FV = FV /3 gewählt
sein. Abbildung 3.10 entnimmt man die Beziehungen zwischen den Kräften und den Federkon-
stanten, da
FB − 2Fa
tan α ∼ cS = 2Fa /Δlb und tan β ∼ cF =
Δlb
sowie
FB cS
tan α + tanβ ∼ cS + cF = , 2Fa = FB
Δlb cS + c F
und cF
FV − FV = FB − 2Fa = FB
cS + c F
gilt. Aus der letzten Gleichung erhält man mit FV = FV /3 die notwendige Vorspannkraft zu

3 cF 4,17 · 106
FV = FB = 1,5 · 105 N · = 118,6 · 103 N .
2 cS + c F 5,27 · 106

Die vorletzte Gleichung liefert die wechselnde Belastung 2Fa = 20,8·103 N, die auf die Schraube
wirkt. Somit wird im Betrieb die Schraube mit der Kraft

F = Fm ± Fa = (129 ± 10, 4)kN


3.3 Anwendung auf Zug-Druck-Beanspruchung 75

Abb. 3.11 Verspannungsschaubild 140

20, 8 kN
für Pleuelschraube
120

100 kN
100

80

118, 6 kN
60

Kräfte in KN
40

39, 4 kN
20

0 2 4 6 8 10 2 1 0
×10−3 cm
Verlängerung ΔlS Verkürzung ΔlS

beansprucht. Mit AS = 314 mm2 sind die entsprechenden Spannungen

σm = 410 N/mm2 , σa = 33 N/mm2 , σo = 444 N/mm2 .

Da der Schaftquerschnitt kleiner ist als der Gewindekernquerschnitt, erübrigt sich ein Nachrechnen
der Gewindespannungen. Für die Schraubengüte 10,9 mit Re = 900 N/mm2 ist die Sicherheit
gegen Fließen im Schaft
Re 900 N/mm2
SF = = = 2, 03 .
σo 443 N/mm2
Einem Dauerfestigkeitsschaubild für Schrauben [22] entnimmt man σA = 60 N/mm2 . Somit ist
die auf den Schaftquerschnitt bezogene Sicherheit gegen Dauerbruch

σA 60 N/mm2
SD = = = 1, 82 .
σa 33 N/mm2

Auf den Kernquerschnitt Ak = 454 mm2 bezogen ist σa = 23 N/mm2 und SD = 2, 61. Das ist
voll ausreichend, wenn mindestens zweifache Sicherheit im Gewinde verlangt wird.
In Abb. 3.11 ist das Verspannungsschaubild maßstäblich gezeichnet, die Verformungen unter der
Vorspannkraft erhält man aus Gl. (2.13)

ΔlS = 10,8 · 10−3 cm und ΔlF = 2,84 · 10−3 cm .


76 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

3.4 Aufgaben zu Kapitel 3

Aufgabe 3.1 (Sicherheit gegen Dauerbruch und Tragfähigkeit). Zugstäbe aus


Stahl mit Rechteckquerschnitt 25 mm×12 mm (Oberfläche poliert) werden ver-
schiedenen dynamischen Kräften ausgesetzt:
a) F = ±45 kN; b) F = (45 ± 45) kN; c) F = (72 ± 45) kN .
1. Man berechne die jeweiligen Sicherheiten gegen Dauerbruch.
2. Wie groß ist die Tragfähigkeit Fzul der oben angegebenen Stäbe bei 2facher Si-
cherheit gegen Dauerbruch mit polierter Querbohrung (d = 5 mm; αk = 2,6),
wenn die Belastung
a) wechselnd durch gleich große Zug- und Druckkräfte; b) schwellend auf Zug
erfolgt?
Aus Versuchen sind für Stahl folgende Festigkeitswerte bekannt: σW = 340 N/mm2 ,
σSch = 500 N/mm2 , Re = 640 N/mm2 , ηk = 0, 7 . Man zeichne das Dauerfestigkeits-
schaubild.
Aufgabe 3.2 (Berechnung der zulässigen Kräfte in Zugstäben). Zugstäbe aus
Stahl C 45 mit A = 200 mm2 Querschnitt (Oberfläche geschlichtet, ok = 1, 3) wer-
den verschiedenen dynamischen Kräften F = Fm ± Fa ausgesetzt:
a) Fm = 0, b) Fm = Fa /2, c) Fm = Fa , d) Fm = 3Fa .
Aus Versuchen sind die folgenden Festigkeitskennwerte bekannt: σW = 230 N/mm2 ,
σSch = 320 N/mm2 , Re = 350 N/mm2 . Zu berechnen sind die zulässigen Kräfte Fzul
bei zweifacher Sicherheit gegen Dauerbruch.
Aufgabe 3.3 (Sicherheit gegen Dauerbruch einer Rundstange). Eine Rundstange
(D = 60 mm) aus Stahl E295 (ηk = 0, 4) mit poliertem Schaft wird schwellend durch
die Kraft F = (220 ± 220) kN auf Zug beansprucht.
1. Wie groß ist die Sicherheit gegen Dauerbruch?
2. Wie ändert sich die Tragfähigkeit Fzul der Stange, wenn sie eine polierte Quer-
bohrung mit d = 18 mm und αk = 2, 1 erhält?
Aufgabe 3.4 (Stahlstange bei wechselnder Zug-Druck-Beanspruchung). Eine
Stahlstange (D = 20 mm) ist nach längerer Betriebszeit bei wechselnder Zug-
Druck-Beanspruchung unbekannter Höhe gebrochen. Der Dauerbruch liegt in dem
durch eine polierte Querbohrung (d = 8 mm) geschwächten Querschnitt (Formzahl
αk = 2), s. Abb. 3.12. An einigen der Stange entnommenen Probestäben ist in Zer-
reissversuchen die Zugfestigkeit des Werkstoffs Rm = 540 N/mm2 ermittelt worden.
Zu berechnen sind:
1. die Betriebskraft, mit der die gebrochene Stange belastet war unter der Annahme,
dass der Restquerschnitt ARest = 0., 3An = D2 [(π/4) − (d/D)] (s. Beispiel 3.3)
bei Erreichen der Zugfestigkeit auseinandergerissen ist (so genannter statischer
Restbruch),
2. die wirksame Spannung in der Stange vor Beginn des Dauerbruchs (ηk = 0, 45),
wobei man mit der Dauerfestigkeit σW ≈ Rm /3 des Werkstoffs vergleiche, und
3.5 Formelzusammenfassung Kapitel 3 77

Abb. 3.12 Stahlstange


D 1

d
mit einem Dauerbruch im
Kerbquerschnitt
1 Dauerbruchfläche
2 statische Restbruchfläche
ARest = 0, 3An ,
An = D2 [(π/4) − (d/D)]
2

3. der erforderliche Stangendurchmesser, wenn 1,5fache Sicherheit gegen Dauer-


bruch gefordert wird (Anleitung: Man rechne mit dem gleichen Verhältnis d/D
wie oben).
Aufgabe 3.5 (Stahlbuchse bei schwellendem Innendruck). Auf der Innenwan-
dung der in den Aluminiumring eingeschrumpften Stahlbuchse (s. Aufgabe 2.13,
Abb. 2.31) wirkt der schwellende Innendruck pi = 10 N/mm2 . Im Aluminiumring
befindet sich eine kleine Bohrung (ok βk = 1, 6). Zu berechnen sind die Spannungen
und die Sicherheit gegen Dauerbruch im Aluminiumring. Festigkeitskennwerte für
den Werkstoff Al: σW = 70 N/mm2 ; σSch = 100 N/mm2 ; Re = 130 N/mm2 .
Man zeichne das Dauerfestigkeitsschaubild. Wie groß ist die Spannung in der Stahl-
buchse bei Innendruck? Man vergleiche diese mit derjenigen Spannung, die die
Stahlbuchse ohne Schrumpfung bei gleichem Innendruck erfährt.
Anleitung: Die Schrumpfpressung p wirkt als Vorspannung, der sich der Innendruck
pi überlagert. Mit den auf die Längeneinheit bezogenen Presskräften pd0 und pi di
(Abb. 2.23) und den Durchmesseränderungen ΔdAl und ΔdSt , s. Gl. (2.27), kann
man diese Verhältnisse näherungsweise in einem Verspannungsschaubild darstellen
(Abb. 3.10) und die Höchstkraft im Aluminiumring sowie die restliche Vorspann-

kraft“ in der Stahlbuchse aus diesem entnehmen. Man dividiert diese durch d0 und
erhält dann die Pressungen zur Berechnung der Spannungen.

3.5 Formelzusammenfassung Kapitel 3

• Sicherheit gegen Bruch


SB = Rm /σ,
• Zulässige Spannung (Bruch)

σzul = Rm /SB ,

• Sicherheit gegen plastisches Fließen

SF = σF /σ,

• Zulässige Spannung (plastisches Fließen)

σzul = σF /SF ,
78 3 Zulässige Beanspruchung und Sicherheit - Beurteilung des Versagens

• Mittelspannung
σm = (σo + σu )/2,
• Spannungsausschlag
σa = (σo − σu )/2,
• Oberspannung
σo = σm + σa ,
• Unterspannung
σu = σm − σa ,
• Dauerfestigkeit
σD = σM ± σA
• Kerbspannung
σk = αk σn ,
• Formzahl
αk = σk /σn ,
• Sicherheit gegen Bruch bei Kerben

SB = Rm /αk σn ,

• Zulässige Spannung (Bruch) bei Kerben

σzul = Rm /αk SB ,

• Sicherheit gegen Fließen bei Kerben

SF = (n0,2 σF )/(αk σn ),

• Zulässige Spannung (Fließen) bei Kerben

σzul = (n0,2 σF )/(αk SF ),

• Wirksame Kerbspannung
σkw = βk σn ,
• Kerbwirkungszahl
βk = σAglatt /σAgekerbt .
• Sicherheit gegen Dauerbruch

SD = (σD αk )/(ok βk σn ),

• Zulässige Spannung (Dauerbruch)

σzul = (σD αk )/(ok βk SD ),


Kapitel 4
Biegebeanspruchung gerader Balken

Ein Stab wird auf Biegung beansprucht, wenn Einzelkräfte und Streckenlasten senk-
recht zu seiner Längsachse (Stabachse) wirken oder wenn Kräftepaare in einer Ebe-
ne auf ihn einwirken, welche die Längsachse enthält (Abb. 1.4). Auf Biegung be-
anspruchte gerade stabförmige Bauteile werden auch Balken oder Träger genannt.
Eine gedachte Schnittfläche, die senkrecht zur Längsachse gelegt wird, heißt Quer-
schnittsfläche oder kurz Querschnitt. Die Querschnittsabmessungen sind klein ge-
genüber der Balkenlänge. Die resultierenden Schnittreaktionen in einem beliebigen
Querschnitt des Balkens an der Stelle x (die Balkenlängsachse ist die x-Achse) sind
die Querkraft Fq (x) und das Biegemoment Mb (x) ([17], Kapitel 9 Schnittgrößen
des Balkens). Sind die äußeren Kräfte schräg zur Balkenachse gerichtet, können
auch Längskräfte Fn (x) auftreten. Die Zug- oder Druckbeanspruchung infolge der
Längskräfte kann wie in Kapitel 2 berechnet werden.
Bei der Zug-Druck-Beanspruchung spielt nur die Größe der Querschnittsfläche
eine Rolle, bei der Biegebeanspruchung kommt es dagegen auch auf ihre Gestalt
an. In den Gleichungen für die Biegespannungsverteilung kommen so genannte
Flächenmomente vor. Sie stellen geometrische Größen dar, die vorweg behandelt
werden sollen.

4.1 Flächenmomente

Flächenmomente sind von zentraler Bedeutung in der Technischen Mechanik. Da-


bei sind zu unterscheiden die Flächenmomente (Festigkeitslehre) und die Flächen-
trägheitsmomente oder Massenträgheitsmomente (Kinetik), wobei letztere beispiels-
weise in [16] (Abschnitt 5.2.1.2 Massenträgheitsmomente einfacher Körper) behan-
delt werden. Die Flächenmomente sind rein geometrische Querschnittskennwerte
und stellen ein Maß für das Widerstandsvermögen gegen Verformungen dar. Die
Massenträgheitmomente kennzeichnen den Widerstand eines starren Körpers gegen
Rotationsbewegungen und enthalten neben geometrischen Größen noch die Dichte.

79

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_4,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
80 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Man kann zeigen, dass die jeweiligen Momente 2. Ordnung Tensoreigenschaften


aufweisen.

4.1.1 Begriffsbestimmung

Bei der Begriffsbildung kann man zunächst von der nachfolgenden, für Probleme
der Festigkeitslehre relevanten Definition ausgehen.
Definition 4.1 (Flächenmomente). Unter dem Flächenmoment einer beliebigen
Fläche A (Abb. 4.1) versteht man mathematische Ausdrücke der Form
  
n n
y dA, z dA, yn/2 zn/2 dA (4.1)

mit n = 0, 1, 2, . . . als Ordnungszahl und y sowie z als Abstände des Flächenele-


ments dA von den Bezugsachsen1.
Zur Berechnung von Flächenmomenten ist also immer die Angabe eines Bezugsko-
ordinatensystems erforderlich, wir beschränken uns auf rechtwinklige Koordinaten.
Die Terme (4.1) geben Flächenmomente n-ter Ordnung an, in der Festigkeitslehre
kommen Flächenmomente 0., l. und 2. Ordnung vor. Flächenmomente 0. Ordnung

a) z b) z ζ
y yS η

dA dA

ρ
ζ

S
r
z

rS η
zS

0 A y 0 A y

Abb. 4.1 Beliebige Fläche A zur Definition der Flächenmomente (dA Flächenelement)
a) beliebiges y, z-Koordinatensytem
b) y, z-Koordinatensystem und paralleles η, ζ-System durch den Schwerpunkt S

1 Die Integraldarstellung der Flächenmomente folgt als Grenzwert einer Summe, z. B.


k 
i dAi = y dA.
yn n
lim
k→∞,dAi →0
i=1

Die Summation erstreckt sich über die ganze Fläche.


4.1 Flächenmomente 81

geben den Flächeninhalt dA = A an. Flächenmomente 1. Ordnung werden auch
als statische Momente bezeichnet.

4.1.1.1 Flächenmomente 1. Ordnung

Es gibt in der Festigkeitslehre insgesamt zwei Flächenmomente 1. Ordnung.


Definition 4.2 (Flächenmoment 1. Ordnung). Die Flächenmomente 1. Ordnung
sind über die nachfolgenden Gleichungen entsprechend Abb. 4.1 definiert
 
Hz = y dA, Hy = z dA (4.2)

Sie sind bezogen auf die z- bzw. y-Achse und werden wegen der Ähnlichkeit
ihrer mathematischen Form mit derjenigen der statischen Momente von Kräften
auch als statische Flächenmomente bezeichnet. In der Statik ([17], Abschnitt 5.2
- Schwerpunkte von Flächen und Linien) werden die Flächenmomente 1. Ordnung
zur Berechnung von Flächenschwerpunkten herangezogen, die wichtigsten Bezie-
hungen werden hier wiederholt. Sind yS und zS die Schwerpunktkoordinaten im
y, z-System (Abb. 4.1 b), gilt
 
Hz = y dA = yS A Hy = z dA = zS A . (4.3)

Daraus folgt der Teilschwerpunktsatz.


Satz 4.1 (Teilschwerpunkte). Für den in Abb. 4.1 a) gezeigten Querschnitt lassen
sich die Koordinaten des Schwerpunktes wie folgt berechnen
 
1 1 1 1
yS = y dA = yi dAi , 2 zS = z dA = zi dAi . (4.4)
A A A A
i i

Wenn der Koordinatenanfangspunkt 0 des Bezugssystems im Schwerpunkt S der


Fläche liegt, ist yS = zS = 0 (Abb. 4.1 b) und aus den beiden Gln. (4.3) folgt
 
η dA = 0, ζ dA = 0 . (4.5)

Satz 4.2 (Flächenmomente 1. Ordnung bezüglich der Schwerpunktsachsen).


Die Flächenmomente 1. Ordnung sind in Bezug auf Achsen durch den Schwerpunkt
einer Fläche Null.
Je nach der Lage des Koordinatensystems bezüglich des Schwerpunktes können
Flächenmomente 1. Ordnung positiv, negativ oder Null sein.

2 Die Summenschreibweise benutzt man bei der Unterteilung der Fläche in wenige einfache
Teilflächen.
82 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

4.1.1.2 Flächenmomente 2. Ordnung

Aus Gl. (4.1) erhält man mit n = 2 die Flächenmomente 2. Ordnung.


Definition 4.3 (Axiales Flächenmoment 2. Ordnung). Die axialen Flächenmo-
mente 2. Ordnung bezogen auf die y- bzw. z-Achse werden wie folgt berechnet
 
Iz = y dA,
2
Iy = z2 dA . (4.6)

Durch Addition der beiden Gln. (4.6) erhält man



Iy + Iz = (y2 + z2 )dA .

Mit r2 = y2 + z2 (Abb. 4.1 a) ergibt sich daraus ein weiteres Flächenmoment.


Definition 4.4 (Polares Flächenmoment 2. Ordnung). Das auf den Koordinaten-
anfangspunkt 0 als Pol bezogene polare Flächenmoment 2. Ordnung ist ist die Sum-
me der beiden axialen Flächenmomente
 
Ip0 = r2 dA = (y2 + z2 )dA = Iy + Iz . (4.7)

Es wird bei der Torsionsbeanspruchung von Stäben mit kreissymmetrischen Quer-


schnitten benötigt (s. Abschnitt 7.1).
Aus der dritten Definitionsgleichung (4.1) folgt mit n = 2 ebenfalls ein Flächen-
moment 2. Ordnung.
Definition 4.5 (Gemischtes Flächenmoment 2. Ordnung). Das gemischte Flä-
chenmoment berechnet sich wie folgt

Iyz = yz dA . (4.8)

Die auch gebräuchlichen Bezeichnungen Zentrifugal- oder Deviationsmoment sind


nicht zutreffend gewählt und sollen nicht verwendet werden.
Die Größe der Flächenmomente 2. Ordnung ist abhängig von der Lage des
Koordinatensystems. Aus den Gln. (4.6), (4.7) und (4.8) folgt, dass die axialen
und das polare Flächenmoment 2. Ordnung nur positiv sein können, das gemischte
Flächenmoment kann dagegen positiv, negativ oder Null sein. Besondere Bedeutung
in der Festigkeitslehre haben Flächenmomente 2. Ordnung in Bezug auf Achsen
durch den Schwerpunkt einer Fläche.

4.1.2 Flächenmomente 2. Ordnung für einfache Flächen

Die analytische Berechnung der Flächenmomente 2. Ordnung ist nur für einfache
Flächen durch Ausführung der Integration möglich. Für eine näherungsweise Be-
4.1 Flächenmomente 83

rechnung kann man das Integral durch eine Summe ersetzen, indem die Fläche in
möglichst kleine einfache Teilflächen zerlegt wird. Für komplizierte Flächen, die
z. B. durch Konstruktionszeichnungen gegeben sind, kann man die Summenbil-
dung anwenden, indem man die Fläche z. B. in Rechteckstreifen zerlegt und deren
Flächenmomente addiert. Für die Berechnung der Flächenmomente komplizierter
Flächen stehen Computerprogramme zur Verfügung.

4.1.2.1 Rechteck

Die y, z-Achsen legen wir so in den Schwerpunkt des Rechtecks (Abb. 4.2), dass
sie parallel zu seinen Begrenzungslinien liegen. Zur Berechnung des Flächenmo-
ments Iy wählen wir einen zur y-Achse parallelen Flächenstreifen. Da die Breite
unveränderlich ist, gilt dA = b dz, und die zweite Gleichung (4.6) ergibt
+h/2
 h/2 h/2 bh3
1  2 
Iy = z2 b dz = bz3  = bz3  = .
3 −h/2 3 0 12
−h/2

Vertauscht man b und h, erhält man das Flächenmoment bezüglich der z - Achse

hb3
Iz = .
12
Zur Berechnung des gemischten Flächenmoments wählt man dA = dy dz und erhält
nach Ausführung der Integration von Gl. (4.8) als Doppelintegral
+b/2
 +h/2

y2 b/2 z2 h/2
Iyz = yz dy dz =   = 0.
2 −b/2 2 −h/2
−b/2 −h/2

z
dz
z

S
h

b u
Abb. 4.2 Rechteckfläche
84 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Dieses Ergebnis ist ohne Weiteres einzusehen, da die gewählten Achsen Symmetrie-
achsen sind (s. Abschnitt 4.1.3.3) und die positiven Anteile im 1. und 3. Quadranten
die negativen im 2. und 4. Quadranten aufheben.

4.1.2.2 Kreisring und Vollkreis

Legt man die y, z-Koordinatenachsen durch den Schwerpunkt (Mittelpunkt) des


Kreisringes (Abb. 4.3), ist das auf den Schwerpunkt als Pol bezogene polare Flächen-
moment mit A = πr2 und dA = 2πr dr nach Gl. (4.7)
a
r a
r
π 4
IpS = r dA = 2π r3 dr =
2
r − r4i .
2 a
ri ri

Ersetzen wir die Radien durch die Durchmesser, ist


π 4
IpS = da − d4i .
32
Für einen Vollkreis mit di = 0 und da = d erhält man
π 4
IpS = d .
32
Aus Symmetriegründen haben alle axialen Flächenmomente 2. Ordnung Ia den
gleichen Wert, und nach Gl. (4.6) ist

Iy + Iz = 2Ia = IpS .

Daraus folgen die axialen Flächenmomente bezüglich der a-Achse für die Kreis-
ringfläche
1 π 4
Ia = IpS = d − d4i
2 64 a

z
dr
r

ri ra

S y

Abb. 4.3 Kreisringfläche


4.1 Flächenmomente 85

und für die Vollkreisfläche


π 4
Ia =
d .
64
Die Flächenmomente 2. Ordnung von Kreisringflächen können auch als Diffe-
renz der Flächenmomente der Einzelkreisflächen aufgefasst werden. Bei Differenz-
flächen mit gemeinsamer Achse der Einzelflächen kann immer so verfahren werden
(s. auch Tabelle 4.1).

4.1.2.3 Dreieck

Das Koordinatensystem wird so gewählt, dass die y-Achse parallel zur Grundseite
b durch den Dreiecksschwerpunkt geht (Abb. 4.4). Ein Flächenstreifen parallel zur
y-Achse mit der Höhe dz hat die Breite b(z) = (2/3)b − (b/h)z. Aus der zweiten
Gleichung (4.6) ergibt sich mit dA = b(z)dz

+2h/3
    
2 1 2 3 z4 +2h/3 bh3
Iy = 2
z − z b dz = b z −  = .
3 h 3 4h −h/3 36
−h/3

Viele Flächen können in Rechtecke, Dreiecke oder Kreise und Kreisstücke zerlegt
werden, so dass man im Allgemeinen mit den oben angegebenen Formeln für die
Flächenmomente 2. Ordnung dieser drei Flächen auskommt, um die Flächenmo-
mente beliebig zusammengesetzter Flächen in Verbindung mit dem Satz von S TEI -
NER3 (Abschnitt 4.1.3.1) berechnen zu können. In Tabelle 4.1 sind die Flächen-
momente 2. Ordnung einiger wichtiger Querschnittsflächen zusammengestellt. Flä-
chenmomente der Normprofile von Stahl und Leichtmetallträgern sind in Profilta-
feln zusammengestellt [22]. Dem Anfänger werden die Aufgaben 4.1 a . . . c zum
Üben empfohlen.

z
dz

h
z

0
h/3

S y

b(z)
b
Abb. 4.4 Dreiecksfläche

3 JAKOB S TEINER (∗ 18. März 1796 in Utzenstorf; † 1. April 1863 in Bern), Mathematiker
86 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Tabelle 4.1 Flächenmomente 2. Ordnung einiger Grundflächen


Fläche Flächenmoment Fläche Flächenmoment
z
bh3 z
a
Iy =
S 12 a4
h

y S Iy = Iz = Ia =

a
hb3 y 12
Iz =
b 12 a
z z
z
S S y

H
h
S H 3 − h3 b/2 BH3 − bh3
H
h

y Iy = b Iy =
12 12
bB B
b
bh3 ζ z
b
Iy2 = Iyz = 0
y2 4
2h/3

y bh3 S η b2 h2
h

S Iy = Iηζ =
h

36 y 72
b y1 0
bh3
Iy1 =
12
z a
πd4 πd4
S Iy = Iz = Ia = IpS = 2Ia =
y 64 32
d
  4 
π 4 πd4a di
a Iy = Iz = Ia = (d − di ) =
4
1−
64 a 64 da
S   4 
dm

π 4 πd4a di
y IpS = 2Ia = (da − d4i ) = 1−
32 32 da
di für kleine Wanddicken mit da − di = 2t, da ≈ di ≈ dm
da π π
Ia = d3m t IpS = d3m t
8 4
z
π π
a

S
y Iy = ba3 Iz = ab3
4 4
b
π π
α< α=
2 2
 
1 1 1 4
z Iy = (r4a − r4i ) α − sin 2α Iy = (r − r4i )
ra 8 2 16 a
 
ri 1 4 1
Iz = (ra − ri ) α + sin 2α
4
Iz = Iy
α 8 2
0
y 1 4 π 4
Ip0 = (ra − ri )α
4
Ip0 = (r − r4i )
4 8 a
1 1
Iyz = (r4a − r4i ) sin2 α Iyz = (r4a − r4i )
8 8
4.1 Flächenmomente 87

4.1.3 Abhängigkeit der Flächenmomente 2. Ordnung von der Lage


des Koordinatensystems

4.1.3.1 Parallelverschiebung des Koordinatensystems - Satz von Steiner

In Abb. 4.1 b sind zwei Koordinatensysteme gegeben. Das η, ζ-System hat seinen
Ursprung im Schwerpunkt S, das y, z-System ist gegenüber diesem parallel ver-
schoben. Das auf die y-Achsebezogene Flächenmoment 2. Ordnung ist nach der
zweiten Gleichung (4.6) Iy = z2 dA. Mit z = zS + ζ folgt
   
Iy = (zS + ζ) dA = zS dA + 2zS ζ dA + ζ2 dA .
2 2


 2 ζ dA ist nach der zweiten Gleichung (4.5) Null,
Das Flächenmoment 1. Ordnung
somit erhalten wir mit Iη = ζ dA

Iy = Iη + z2S A . (4.9)

Entsprechend ergibt sich mit y = yS + η und η dA = 0 das Flächenmoment
bezüglich der z-Achse
Iz = Iζ + y2S A . (4.10)
Das polare Flächenmoment ist gleich der Summe der axialen, also

Ip0 = Iy + Iz = Iη + Iζ + (y2S + z2S )A .

Mit r2S = y2S + z2S (Abb. 4.1) und IpS = Iη + Iζ folgt

Ip0 = IpS + r2S A . (4.11)

Auf die gleiche Weise erhält man das gemischte Flächenmoment 2. Ordnung
 
Iyz = yzdA = (yS + η)(zS + ζ)dA,

Iyz = Iηζ + yS zS A . (4.12)


Die oben angeführten Beziehungen zwischen Flächenmomenten 2. Ordnung bezüg-
lich paralleler Achsen wurden um 1850 von S TEINER angegeben und sind als Satz
von S TEINER bekannt.
Satz 4.3 (Satz von Steiner). Die Flächenmomente 2. Ordnung, bezogen auf ein be-
liebiges rechtwinkliges Achsenkreuz, sind gleich den Flächenmomenten in Bezug
auf ein dazu paralleles Achsenkreuz durch den Schwerpunkt der Fläche, vermehrt
um das Produkt aus Abstand zum Quadrat (oder Abstand mal Abstand) und dem
Flächeninhalt.
Da die Größen y2S , z2S und r2S stets positiv sind, kann man folgende Aussage treffen.
88 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Satz 4.4 (Minimalsatz). Axiale und polare Flächenmomente 2. Ordnung, bezogen


auf ein Achsenkreuz im Schwerpunkt einer Fläche, haben Minimalwerte gegenüber
allen Flächenmomenten, die auf dazu parallele Achsen bezogen sind.
yS und zS können verschiedene Vorzeichen haben, das gemischte Flächenmoment
kann demnach jeden positiven und negativen Wert annehmen, es kann auch den
Wert Null haben. Das auf ein Schwerpunktkoordinatensystem bezogene gemisch-
te Flächenmoment ändert sich nicht, wenn nur eine Achse parallel zu sich selbst
verschoben wird, also entweder yS oder zS Null ist.

4.1.3.2 Flächenmomente 2. Ordnung zusammengesetzter Flächen

Der Satz von S TEINER wird zur praktischen Berechnung von Flächenmomenten
beliebiger Flächen angewendet, die aus einfachen Teilflächen zusammengesetzt sind
(Tabelle 4.1). Das bestimmte Integral ist als Grenzwert einer Summe entstanden, es
gilt somit der nachfolgende Satz.
Satz 4.5 (Additivität der Flächenmomente 2.Ordnung). Flächenmomente 2. Ord-
nung verschiedener Flächen dürfen addiert oder voneinander subtrahiert werden,
wenn sie sich auf die gleichen Bezugsachsen beziehen.
Aus diesem Satz ergibt sich die Regel zur Berechnung der Flächenmomente beliebig
zusammengesetzter Flächen.
Satz 4.6 (Berechnung von Flächenmomenten 2. Ordnung beliebiger Flächen).
Flächenmomente 2. Ordnung beliebiger Flächen berechnet man, indem man die
Flächenmomente der einzelnen Teilflächen nach dem Satz von S TEINER auf ge-
meinsame Bezugsachsen umrechnet und die einzelnen Beträge dann addiert oder
voneinander subtrahiert.
An der in Abb. 4.5 gezeichneten Fläche eines Winkels soll gezeigt werden, wie
die Flächenmomente Iy , Iz und Iyz bezüglich eines Koordinatensystems mit dem
Ursprung im Schwerpunkt S bestimmt werden. Die Winkelfläche zerlegt man in
zwei Teilrechtecke 1 und 2. Mit den Bezeichnungen in Abb. 4.5 findet man

b1 h31 b2 h32
Iη = + ζ21 b1 h1 + + ζ22 b2 h2 ,
12 12
h1 b31 h2 b32
Iζ = + η21 b1 h1 + + η22 b2 h2 ,
12 12
Iηζ = 0 + η 1 ζ 1 b1 h 1 + 0 + η 2 ζ 2 b2 h 2 .

Ein anderer Lösungsweg ergibt sich, wenn man die Differenz der Flächenmomente
des großen Rechtecks (b1 + b2 )h2 und des kleinen Rechtecks b1 (h2 − h1 ) bildet
(s. Beispiel 4.3).
Bei der Berechnung von Flächenmomenten 2. Ordnung zusammengesetzter Flä-
chen macht man oft von folgendem Sachverhalt Gebrauch.
4.1 Flächenmomente 89

Abb. 4.5 Winkelfläche, auf- z ζ


geteilt in zwei Rechtecke 1 ζ1 η1 η2 ζ2
und 2

h1
S1 η1

ζ1
ζ2
S η

h2
S2 η2

zS
0 yS y
b 1 b2

Teilflächen einer zusammengesetzten Fläche können parallel zur Bezugsach-


se verschoben werden, ohne das auf diese Achse bezogene axiale Flächen-
moment zu verändern, da die axialen Flächenmomente 2. Ordnung nur vom
Achsenabstand der Fläche abhängen (Abb. 4.6).

Häufig muss man den Satz von S TEINER auch in seiner Umkehrung anwenden,
um Flächenmomente 2. Ordnung, bezogen auf ein beliebiges Achsenkreuz, auf die
dazu parallelen Schwerachsen umzurechnen, z. B., wenn eine Ausrechnung für be-
liebige Achsen sinnvoller ist. Man erhält dann

Iη = Iy − z2S A, Iζ = Iz − y2S A, Iηζ = Iyz − yS zS A

(s. Beispiele 4.2, 4.3 und 4.4).


Beispiel 4.1 (Flächenmoment Rechtecksfläche).
Das auf die u-Achse bezogene Flächenmoment des Rechtecks (Abb. 4.2) ist zu
berechnen.
Lösung 4.1
Mit zS = h/2 und Iy = bh3 /12 (Tabelle 4.1) ergibt Gl. (4.9)

y y y
Abb. 4.6 Flächen mit glei-
chem Flächenmoment Iy
90 4 Biegebeanspruchung gerader Balken
 2
h bh3 bh3 bh3
Iu = Iy + bh = + = .
2 12 4 3

Beispiel 4.2 (Flächenmoment Dreiecksfläche).


Für die Dreiecksfläche (Abb. 4.7) mit den Abmessungen b = 90 mm, h = 60 mm,
b1 = b/3 sind die Flächenmomente Iη , Iy , Iζ und Iηζ zu berechnen.
Lösung 4.2
Der Tabelle 4.1 entnimmt man
1 1
Iη = bh3 = · 9 cm · (6cm)3 = 54 cm4 .
36 36
Mit zS = h/3 und A = bh/2 ergibt Gl. (4.9)

1 1 1 1
Iy = Iη + z2S A = bh3 + h2 · bh = bh3 .
36 9 2 12

Die Zahlenrechnung liefert das Ergebnis Iy = 162 cm4 . Zur Berechnung der Flächenmomente
Iζ und Iηζ zerlegen wir das Dreieck in zwei Teildreiecke 1 und 2 (Abb. 4.7). Die Abstände der
Teilflächenschwerpunkte von der ζ-Achse sind η1 = −2b/9 und η2 = b/9. Nunmehr folgt aus
Gl. (4.10)
 2  2
hb31 2 b1 h hb32 1 b2 h
Iζ = + b + + b .
36 9 2 36 9 2
Mit b1 = b/2 und b2 = 2b/3 erhält man

7 7
Iζ = hb3 = · 6 cm · (9 cm)3 = 94,5 cm4 .
324 324
Zu dem gleichen Ergebnis gelangt man, wenn man zunächst Iz berechnet und dann Gl. (4.10) mit
yS = b/9 anwendet
 2
hb31 hb32 1 1 1 bh 7
Iz = + = hb3 , Iζ = hb3 − b = hb3 .
12 12 36 36 9 2 324

Die gemischten Flächenmomente der Teildreiecke sind (Tabelle 4.1)

b21 h2 b22 h2
Iη1 ζ1 = + und Iη2 ζ2 = − .
72 72

z ζ
ζ1 η1 η2 ζ2
h

S1 S2 η
zS

0 yS y
Abb. 4.7 Dreiecksfläche, b1 b2
aufgeteilt in Teildreiecke 1 b
und 2
4.1 Flächenmomente 91

Zur Umrechnung auf die Bezugsachsen η und ζ aus Gl. (4.12) folgt mit ζ1 = ζ2 = 0 (s. Ab-
schnitt 4.1.3.1)

h2 2
Iηζ = Iη1 ζ1 + Iη2 ζ2 =(b − b22 ),
72 1
1 2 2 1
Iηζ =− b h =− · (9 cm)2 · (6 cm)2 = −13,5 cm4 .
216 216
Beispiel 4.3 (Flächenmoment Winkelfläche).
Die Winkelfläche (Abb. 4.5) hat die Abmessungen b2 = h1 = 20 mm, b1 = 60 mm
und h2 = 120 mm. Man berechne die Flächenmomente Iη , Iζ und Iηζ in cm4 .
Lösung 4.3
Die Schwerpunktabstände berechnet man aus den Gln. (4.4), sie betragen yS = 5, 67 cm und
zS = 7, 67 cm. Die Teilflächenschwerpunktabstände sind dann η1 = −2, 67 cm, ζ1 = 3, 33 cm,
η2 = 1, 33 cm und ζ2 = − 1, 67 cm. Die Ausrechnung ergibt

6 cm · (2 cm)3 2 cm · (12 cm)3


Iη = + (3,33 cm)2 · 12 cm2 + + (1,67 cm)2 · 24 cm2 = 492 cm4 .
12 12

Auf die gleiche Weise erhält man Iζ = 172 cm4 . Das gemischte Flächenmoment ist

Iηζ = −2,67 cm · 3, 33 cm · 12 cm2 + 1, 33 cm · (−1, 67 cm) · 24 cm2 = −160 cm4 .

Wählt man ein y, z-Koordinatensystem wie in Abb. 4.5, dann ist


 
8 cm · (12 cm)3 6 cm · (10 cm)3
Iy = + (6 cm)2 · 96 cm2 − + (5 cm)2 · 60 cm2 = 2 608 cm4
12 12

das Flächemoment auf die y-Achse bezogen. Mit Hilfe des Satzes von S TEINER folgt das Flächen-
moment bezogen auf die zur y-Achse parallelen Schwerachse

Iη = Iy − z2S A = 2 608 cm4 − (7,67 cm)2 · 36 cm2 = 492 cm4 .

Ebenso rechnet man Iz = 1328 cm4 und

Iζ = Iz − y2S A = 1 328 cm4 − (5,67 cm)2 · 36 cm2 = 172 cm4 .

Das gemischte Flächenmoment für die y- und z-Achsen ist

Iyz = 6 cm · 4 cm · 96 cm2 − 5 cm · 3 cm · 60 cm2 = 1 404 cm4 .

Gleichung (4.12) des Satzes von S TEINER ergibt

Iηζ = Iyz − yS zS A = 1 404 cm4 − 5,67 cm · 7,67 cm · 36 cm2 = −160 cm4 .

Dem Benutzer des Buches wird empfohlen, weitere Lösungswege zu suchen.

Beispiel 4.4 (Flächenmoment U-Querschnitt).


Gesucht ist das auf die η-Achse bezogene Flächenmoment 2. Ordnung des in
Abb. 4.8 gezeichneten U-Querschnitts.
Lösung 4.4
Es ist zweckmäßig, die Fläche in drei Rechtecke zu zerlegen und mit dem Flächenmoment
Iu = Iy = bh3 /3 aus Beispiel 4.3 zu rechnen
92 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Abb. 4.8 Querschnittsfläche z 20

10

90
S

60
η

zS
15
0 u, y
70

1
Iy = (1 cm · (6 cm)3 + 4 cm · (1,5 cm)3 + 2 cm · (9 cm)3 ) = 562,5 cm4 .
3
Mit dem Abstand des Schwerpunktes von der y-Achse aus dem Teilschwerpunktsatz Gl. (4.4)

zi dAi 3 cm · 6 cm2 + 0,75 cm · 6 cm2 + 4,5 cm · 18 cm2
zS = = = 3,45 cm
A 30 cm2
ist
Iη = Iy − z2S A = 562,5 cm4 − (3,45 cm)2 · 30 cm2 = 205,4 cm4 .

Beispiel 4.5 (Flächenmoment Trapezfläche).


Die Flächenmomente Iy und Iη einer Trapezfläche sind zu berechnen (Abb. 4.9).
Lösung 4.5
Das Trapez zerlegen wir in ein Parallelogramm (Grundlinie a) und ein Dreieck (Grundlinie b).
Das Flächenmoment des Parallelogramms bezüglich der y-Achse ist gleich dem des flächenglei-
chen Rechtecks ah (Abb. 4.6). Somit ist

ah3 bh3 h3
Iy = + = (4a + b) .
3 12 12
Entsprechend [22] erhält man

h 3a + b 2a + b
zS = · , A=h ,
3 2a + b 2

z a

S
h

η
zS

Abb. 4.9 Trapezfläche a b y


4.1 Flächenmomente 93

und es folgt
h3 h2 (3a + b)2 2a + b
Iη = Iy − z2S A = (4a + b) − h .
12 9(2a + b)2 2
Nach Umformung ergibt sich für das Flächenmoment, bezogen auf die Schwerachse η,

h3 6a2 + 6ab + b2
Iη = .
36 2a + b

Beispiel 4.6 (Flächenmoment Träger).


Ein Träger besteht aus zwei Stegblechen, zwei Gurtblechen und vier gleichschenk-
ligen Winkelstählen (Abb. 4.10). Zu berechnen ist das Flächenmoment Iy der
Querschnittsfläche. Man vergleiche die prozentualen Anteile der Flächen und der
Flächenmomente der Steg-, Winkel- und Gurtquerschnitte mit der Fläche und dem
Flächenmoment des aus diesen Teilen zusammengesetzten Querschnitts. Was folgt
daraus?

Lösung 4.6
Einer Profiltafel [22] entnimmt man für den Winkelstahl L 120x12 das Flächenoment um eine zur
y-Achse parallelen Achse durch den Schwerpunkt S1 IL = 368 cm4 , die Fläche A = 27, 5 cm2
und den Schwerpunktabstand e = 3, 4 cm. Mit den aus der Zeichnung abgelesenen Abmessungen
erhält man die Flächenmomente
1,2 cm · (48 cm)3
IySteg =2 = 2,21 · 104 cm4 ,
12
IyWinkel = 4 368 cm4 + (20,6 cm)2 · 27,5 cm2 = 4,82 · 104 cm4 ,
 
36
IyGurt =2 · 1, 23 cm4 + 24, 6 cm2 · 43,2 cm2 = 5,23 · 104 cm4 .
12

Das Gesamtflächenmoment ist Iy = 12,26 · 104 cm4 . Die Einzelflächen betragen

ASteg = 115,2 cm2 , AWinkel = 110 cm2 , AGurt = 86,4 cm2 . 12

360
34

S1 120 × 12
246
206

12

S
480

Abb. 4.10 Querschnitt eines


aus Blechen und Winkeln
zusammengesetzten Trägers
94 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Die Gesamtfläche ist A = 311,6 cm2 . Die prozentualen Anteile sind nachstehend gegenüberge-
stellt.
Iy A
Steg 18 % 37 %
Winkel 39,3 % 35,3 %
Gurt 42,7 % 27,7 %
Da die Fläche dem Trägergewicht proportional ist, haben die Gurtbleche bei kleinstem Ge-
wicht den größten Anteil am Flächenmoment, etwa den gleichen Anteil bringen die lediglich zur
Verbindung zwischen Gurt und Steg dienenden Winkel. Die zum Zusammenhalt notwendigen Ste-
ge ergeben bei größtem Gewicht - etwa gleich dem der Winkel - den geringsten Beitrag zum
Flächenmoment. Wegen der Zunahme der axialen Flächenmomente 2. Ordnung mit dem Quadrat
des Abstandes der Flächenteilchen liefern die von der Bezugsachse entfernteren Flächenteile den
größten Beitrag zum Flächenmoment. Deshalb findet man häufig Träger mit I-Querschnitt.

Beispiel 4.7 (Abstand zweier Profilträger).


Man bestimme den Abstand 2a zweier Profilträger U 300 nach DIN 1 026 so, dass
die axialen Flächenmomente Iη und Iζ gleich groß sind (Abb. 4.11).
Lösung 4.7
Einer Profiltafel für U-Profile [22] entnimmt man4 Iy = 8 030 cm4 , Iz = 495 cm4 , A = 58,8 cm2 ,
e = 2,7 cm. Somit ist
Iη = 2Iy = 16 060 cm4 .
Aus der Forderung
Iζ = 2[Iz + (a + e)2 A] = Iη = 2Iy
ergibt sich
Iy − Iz
(a + e)2 = .
A
Mit den gegebenen Zahlenwerten erhält man

8 030 cm4 − 495 cm4


(a + e)2 = = 128 cm2
58,8 cm2
und a + e = 11,3 cm. Der Abstand zwischen den beiden Profilen ist demnach

2a = 17,2 cm = 172 mm.

z ζ

S S1 y=η

Abb. 4.11 Aus zwei e


U-Profilen zusammengesetz- 2a
ter Trägerquerschnitt
4 In den Profiltafeln sind die Querschnittsachsen mit x und y bezeichnet. Wir haben konsequen-

terweise ein y, z-System in der Querschnittsfläche gewählt, da die Längsachse eines Balkens als
x-Achse festgelegt ist.
4.1 Flächenmomente 95

4.1.3.3 Drehung des Koordinatensystems um den Schwerpunkt

Sind für ein rechtwinkliges Achsensystem y und z im Schwerpunkt einer Fläche


die zugehörigen Flächenmomente Iy , Iz und Iyz bekannt, und will man für ein
gedrehtes System η und ζ (Abb. 4.12 a) die Flächenmomente Iη , Iζ und Iηζ er-
mitteln, benutzt man die Transformationsgleichungen (Abb. 4.12 b), s. auch [11],
Abschnitt 2.5.2,

η = y cos ϕ + z sin ϕ, ζ = −y sin ϕ + z cos ϕ . (4.13)

Mit den Definitionsgleichungen (4.6) ist


   
Iη = ζ2 dA = y2 sin2 ϕ dA + z2 cos2 ϕ dA − 2 yz sin ϕ cos ϕ dA,
   
Iζ = η dA = y cos ϕ dA + z sin ϕ dA + 2 yz sin ϕ cos ϕ dA .
2 2 2 2 2

Aus Gl. (4.8) folgt


  
Iηζ = ηζ dA = − y sin ϕ cos ϕ dA + z2 sin ϕ cos ϕ dA
2

 
+ yz cos2 ϕ dA − yz sin2 ϕ dA .

Da ϕ = const. ist, können sin2 ϕ, cos2 ϕ und sin ϕ cos ϕ vor die Integrale gesetzt
werden. Mit

a) b)
z z
ζ ζ
η w y dA

ζ
η
ζ

dA
y
ϕ

S
η
α

ϕ
ϕ

0 η y
v

Abb. 4.12 Drehung des Koordinatensystems


a) beliebige Fläche A mit gedrehtem Koordinatensystem (dA Flächenelement)
b) Koordinatentransformation
96 4 Biegebeanspruchung gerader Balken
  
y2 dA = Iz , z2 dA = Iy , yz dA = Iyz

erhält man

Iη = Iy cos2 ϕ + Iz sin2 ϕ − Iyz 2 sin ϕ cos ϕ,


Iζ = Iy sin2 ϕ + Iz cos2 ϕ + Iyz 2 sin ϕ cos ϕ, (4.14)
Iηζ = (Iy − Iz ) sin ϕ cos ϕ + Iyz (cos2 ϕ − sin2 ϕ) .

Mit Hilfe der Beziehungen

1 1
cos2 ϕ = (1 + cos2ϕ), sin2 ϕ = (1 − cos2ϕ), 2 sin ϕ cos ϕ = sin 2ϕ
2 2
ist
Iy + Iz Iy − Iz
Iη = + cos 2ϕ − Iyz sin 2ϕ,
2 2
Iy + Iz Iy − Iz
Iζ = − cos 2ϕ + Iyz sin 2ϕ, (4.15)
2 2
Iy − Iz
Iηζ = sin 2ϕ + Iyz cos 2ϕ .
2
Addiert man die ersten beiden Gln. (4.15), folgt

Iη + Iζ = Iy + Iz = IpS . (4.16)

Satz 4.7 (Summe der axialen Flächenmomente). Die Summe der axialen Flächen-
momente 2. Ordnung, bezogen auf zwei zueinander senkrechte Achsen, ist invariant
gegenüber der Drehung des Koordinatensystems.
Wir fragen nun nach derjenigen Lage des Koordinatensystems, für die das gemischte
Flächenmoment Null wird. Die dritte Gl. (4.15) ergibt mit Iηζ = 0

2Iyz
tan 2ϕ = − . (4.17)
Iy − Iz

Wegen tan 2ϕ = tan(2ϕ + 180◦) = tan 2(ϕ + 90◦ ) gibt es zwei aufeinander senk-
recht stehende Achsen η und ζ (Abb. 4.12) für die das gemischte Flächenmoment
verschwindet.
Definition 4.6 (Hauptachsen). Hauptachsen sind Achsen, die durch den Schwer-
punkt gehen und für die das gemischte Flächenmoment 2. Ordnung verschwindet.
Ohne Einschränkung der Allgemeingültigkeit soll das y, z-Koordinatensystem
so gewählt werden, dass Iy > Iz und Iyz > 0 sind. Dann hat Gl. (4.17) die beiden
Lösungen  π
2ϕ1 = −2α, 2ϕ2 = −2α + π = 2 −α + .
2
Bei symmetrischen Flächen entspricht jedem Flächenelement mit positivem ein
Flächenelement mit gleich großem negativen gemischten Flächenmoment.
4.1 Flächenmomente 97

Abb. 4.13 Hauptachsen v ζ≡w


und w einer Fläche mit einer
Symmetrieachse

S
η≡v

Satz 4.8 (Hauptachsen). Symmetrieachse und deren Senkrechte durch den Schwer-
punkt einer Fläche sind Hauptachsen.
Diese Situation ist in Abb. 4.13 dargestellt. Die den Hauptachsen zugehörigen axia-
len Flächenmomente 2. Ordnung Iv ≡ I1 und Iw ≡ I2 heißen Hauptflächenmomente.
Satz 4.9 (Hauptflächenmomente). Die Hauptflächenmomente sind Extremwerte
von allen möglichen, auf zwei beliebig senkrecht zueinander stehende Achsen durch
den Schwerpunkt bezogenen axialen Flächenmomenten 2. Ordnung.
Zum Beweis dieses Satzes differenzieren wir die erste Gl. (4.15) nach ϕ und setzen
als Bedingung für Extremwerte die erste Ableitung gleich Null

dIη
= −(Iy − Iz ) sin 2ϕ − 2Izy cos 2ϕ = 0

und erhalten
2Iyz
tan 2ϕ = − .
Iy − Iz
Dies ist das gleiche Ergebnis, das für das Verschwinden des gemischten Flächen-
momentes gefunden wurde, s. Gl. (4.17). Die zweite Ableitung ist

d 2 Iη
= −2(Iy − Iz ) cos 2ϕ + 4Iyz sin 2ϕ .
dϕ2
Mit ϕ1 = −α und cos(−2α) = cos 2α sowie sin(−2α) = − sin 2α erhält man

d2 Iη 
 = −2(Iy − Iz ) cos 2α − 4Iyz sin 2α < 0,
dϕ2 
ϕ1 =−α

d. h., das Hauptflächenmoment I1 (bezogen auf die um den Winkel ϕ1 = −α gegen


die y-Achse gedrehte v-Achse) ist ein Maximalwert; dementsprechend ist I2 ein
Minimalwert. Mit der oben angenommenen Voraussetzung Iy > Iz und Iyz > 0 ist
also I1 > I2 .
Dreht man das Koordinatensystem gegenüber den Hauptachsen v und w entspre-
chend Abb. 4.12 a) und bezeichnet den Winkel zwischen der v- und der η-Achse
98 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

mit ψ (ψ = ϕ + |α|), dann ist in den Gln. (4.15) Iy ≡ I1 , Iz ≡ I2 und Iyz ≡ I12 = 0,
und man erhält
I1 + I2 I1 − I2
Iη = + cos 2ψ,
2 2
I1 + I2 I1 − I2
Iζ = − cos 2ψ, (4.18)
2 2
I1 − I2
Iηζ = sin 2ψ .
2
Für I1 = I2 folgt aus der letzten dieser Gleichungen, dass dann das gemischte
Flächenmoment unabhängig von der Drehung des Koordinatensystems immer Null
ist. Aus den ersten beiden dieser Gleichungen folgt weiter, dass dann auch Iη = Iζ
ist.
Satz 4.10 (Gleichheit der axiale Flächenmomente). Sind für die beiden Haupt-
achsen im Schwerpunkt einer Fläche die axialen Flächenmomente gleich, dann sind
sie auch für alle gedrehten Achsen gleich. In diesem Fall sind alle Achsen durch den
Schwerpunkt Hauptachsen.
Das gilt z. B. für Kreisflächen und Quadrate, aber auch für das Profil im Beispiel
4.7. Manchmal sind für zwei beliebige, aufeinander senkrechte Achsen y und z ei-
ner Fläche die Flächenmomente 2. Ordnung bekannt und die Hauptflächenmomente
gesucht. Setzt man ψ = α in die Gln. (4.18) ein, dann ist

Iy I1 + I2 I1 − I2
= ± cos 2α,
Iz 2 2 (4.19)
I1 − I2
Iyz = sin 2α .
2
Die Differenz der ersten beiden Gleichungen ergibt

Iy − Iz = (I1 − I2 ) cos 2α .

Werden diese Gleichung und die letzte der Gln. (4.19) quadriert und addiert, ist

(I1 − I2 )2 = (Iy − Iz )2 + 4I2yz .

Mit der Invariante Iy + Iz = I1 + I2 findet man nach kurzer Zwischenrechnung die


Hauptflächenmomente

I1 Iy + Iz 1 
= ± (Iy − Iz )2 + 4I2yz . (4.20)
I2 2 2

Die Richtung der Hauptachsen erhält man aus der Gl. (4.17).
Beispiel 4.8 (Größe der Hauptflächenmomente).
Die Größe der Hauptflächenmomente und die Richtung der Hauptachsen für die
Winkelfläche (Abb. 4.5) im Beispiel 4.3 sind zu berechnen.
Lösung 4.8
Mit Iη ≡ Iy = 492 cm4 , Iζ ≡ Iz = 172 cm4 und Iηζ ≡ Iyz = −160 cm4 ergibt sich aus Gl. (4.17)
4.2 Gerade Biegung 99

−320 cm4
tan 2ϕ1 = − = +1, 2ϕ1 = 45◦ .
492 cm4 − 172 cm4
Daraus folgt der Richtungswinkel ϕ1 = α = 22,5◦ . Die Hauptachsen sind also um 22,5◦ ma-
thematisch positiv (entgegen dem Uhrzeigersinn) gegen das η, ζ-System zu drehen. Die Haupt-
flächenmomente sind mit Gl. (4.20)

I1 1 2 I1 = 558 cm4 ,
= 332 cm4 ± 320 + 4 · 1602 cm4 = (332 ± 226) cm4 ,
I2 2 I2 = 106 cm4 .

4.2 Gerade Biegung

Wir betrachten einen Balken mit Rechteckquerschnitt (Abb. 4.14 a), der in A und B
gestützt und durch die Einzelkräfte F1 und F2 auf Biegung beansprucht ist. Durch
einen Schnitt an der Stelle x wird an dem Teilkörper (Abb. 4.14 b) der Querschnitt 1
freigelegt. Die y- und die z-Achse des in dieser Fläche gewählten Koordinatensys-
tems sind wegen der Symmetrie Hauptachsen. Die x-Achse geht durch die Schwer-
punkte aller Querschnitte, sie ist Balkenachse 2. Die Hauptachsen aller Querschnit-
te liegen in einer Ebene, der Balken ist nicht verdreht. Die von den Kraftvektoren
aufgespannte Ebene nennt man Lastebene 3. Der Vektor des durch die Kräfte her-
vorgerufenen resultierenden Schnittmoments Mby an der Stelle x steht senkrecht
zur Lastebene.
Soll der Balken nur auf Biegung beansprucht werden, muss die Balkenachse in
der Lastebene liegen. Ist dies nicht der Fall, tritt neben der Biegebeanspruchung
noch Verdrehung auf, oder der Balken kippt.
Lastebene 3 und Querschnittsfläche 1 schneiden sich. Ist die Schnittgerade (Spur)
mit einer der Hauptachsen identisch, spricht man von gerader Biegung.
Definition 4.7 (Gerade Biegung). Gerade Biegung liegt vor, wenn die Spur der
Lastebene mit einer der beiden Hauptachsen des Balkenquerschnitts zusammenfällt.

a) b)

F1 3
2 3

F2 F1
A
2
1
Mby
Abb. 4.14 Gerade Biegung FA
a) Balken zur Kennzeichnung x y x
B Fq
der Lastebene x
b) Teilkörper mit Schnittreak- z
tionen
100 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

4.2.1 Reine Biegung

Bei der Biegebeanspruchung durch Einzel- oder Streckenlasten ist das Biegemo-
ment im Allgemeinen nicht konstant, sondern eine Funktion von x: Mby = Mby (x).
In Sonderfällen bleibt das Biegemoment konstant, z. B. in Abb. 4.15 a) zwischen den
beiden Kräften F.
Definition 4.8 (Reine Biegung). Die Beanspruchung durch ein konstantes Biege-
moment nennt man reine oder querkraftfreie Biegung.
Aus der zwischen Querkraft und Biegemoment bestehenden Beziehung (s. [17],
Abschnitt 9.2 Beziehungen zwischen Belastung, Querkraft und Biegemoment)

dMb (x)
Fq (x) = (4.21)
dx
folgt, dass für konstantes Biegemoment die Querkraft Null ist, s. Abb. 4.15 b) und
c). Demnach können in den Querschnittsflächen eines Balkens bei reiner Biegung
keine Schubspannungen auftreten.

F a F a
a)

b)
F

x
F

Fq (x)
c)
Mb =Fa

Mby
d) x Schnitt
y
Fa Fa x
z

Abb. 4.15 Reine Biegung


a) Mb = const zwischen den Lasten F
b) Querkraftverlauf
c) Biegemomentenverlauf
d) näherungsweise gleichwertiger Belastungsfall wie in a)
4.2 Gerade Biegung 101

Definition 4.9. Bei reiner Biegung wird ein Balken nur durch ein konstantes Biege-
moment beansprucht.
In Abb. 4.15 d) ist eine dem Teilbild a) näherungsweise gleichwertige Beanspru-
chung des Balkens dargestellt (gleichwertig nur für den Bereich mit konstantem
Biegemoment). Der zur Zeichenebene senkrechte Momentenvektor des Kräftepaa-
res Fa ist durch einen gekrümmten Pfeil dargestellt. Mit den oben getroffenen Vor-
aussetzungen wollen wir nun im folgenden die Spannungen im Balken berechnen.
Wir fassen diese Voraussetzungen noch einmal zusammen:
1. Die Balkenachse ist gerade und liegt in der Lastebene.
2. Die Spur der Lastebene ist Hauptachse jedes Querschnitts (gerade Biegung).
3. Das Biegemoment ist konstant (reine Biegung).
Betrachtet man einen Balken (Abb. 4.16 a), der durch ein konstantes Biegemo-
ment beanspruchtet wird, mit einem nur zur z-Achse symmetrischen Querschnitt
(Abb. 4.16 b), dann ist die z-Achse Hauptachse. In jedem Schnitt an der Stelle x
wirkt das Biegemoment Mby = const. Die Erfahrung zeigt, dass der Balken durch
die Kräftepaare Mb gebogen wird (Abb. 4.16 d) und dass bei positivem Biegemo-
ment die oberen Balkenfasern gedrückt (verkürzt), die unteren gezogen (verlängert)
werden. Somit können nach Abschnitt 2.2.1 und 2.3.1 in jeder Querschnittsfläche
nur Normalspannungen auftreten. Zwischen beiden Bereichen liegt eine Schicht,
die ihre ursprüngliche Länge behält, die neutrale Schicht NS. Die Schnittgerade
der neutralen Schicht mit dem Querschnitt ist die Nulllinie (Abb. 4.16 b). An je-
dem Flächenelement dA im Abstand ζ von der Nulllinie bzw. der neutralen Schicht
(Abb. 4.16 c) greift die Normalspannung σb , auch Biegespannung genannt, an. Die-
se hängt in noch unbekannter Weise von ζ  ab, also σb = σb (ζ). Aus der Gleichge-
wichtsbedingung der Kräfte in x-Richtung Fix = 0 folgt

σb (ζ)dA = 0 . (4.22)

a) b) c)
gedrückte Fasern
Schnitt
Mb Mb
Mby y S
x Mby NS
d) M Mb η
ζ

b
1 dA Nulllinie
σb (ζ)
2
ζ z gezogene Fasern

Abb. 4.16 Balken mit konstantem Biegemoment


a) Balken mit Mby = const
b) beliebige Querschnittsfläche mit Flächenelement dA
c) Seitenansicht eines Balkenteils mit eingezeichneter Spannung σb
d) gerade (1) und durch Biegemoment Mby gebogene (2) Balkenachse
102 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Da keine äußere Kraft in x-Richtung angreift, halten sich die Kräfte σb (ζ)dA im
gesamten Querschnitt das Gleichgewicht.
Die Kraft σb (ζ)dA hat bezüglich der η-Achse ein Moment mit dem Hebelarm
ζ. Die Summe aller dieser Momente über die gesamte Schnittfläche hält dem Bie-
gemoment
 das Gleichgewicht. Aus dem Momentegleichgewicht um die η-Achse
Miη = 0 folgt 
ζσb (ζ)dA = Mby . (4.23)

Aus den Gln. (4.22) und (4.23) kann man die Biegespannungen σb noch nicht be-
rechnen, da weder die Lage der Nulllinie noch der funktionale Zusammenhang zwi-
schen σb und ζ bekannt sind. Für die weitere Berechnung trifft man die Annahme,
dass die Spannungen σb über die Breite des Querschnitts konstant, also unabhängig
von y sind. Diese Annahme trifft streng genommen nur für einen sehr schmalen
Balken zu. Im Flansch eines I-Querschnitts ist die Annahme nicht mehr erfüllt, in
der technischen Balkenbiegungslehre wird der dadurch entstehende Fehler jedoch
vernachlässigt.
Wie bei vielen Aufgaben der Festigkeitslehre reichen auch hier die Gleichge-
wichtsbedingungen der Statik des starren Körpers nicht zur Berechnung der inneren
Kräfte aus. Man muss die Verformungen mit heranziehen. Da das Biegemoment bei
reiner Biegung in jedem Querschnitt gleich groß ist, wird jedes Balkenelement glei-
cher Länge, das durch zwei dicht benachbarte Querschnitte begrenzt ist, gleich ver-
formt. Die Balkenachse erfährt überall die gleiche Krümmung, die gebogene Bal-
kenachse ist also Teil eines Kreises. Es ist anzunehmen, dass jeder Stabquerschnitt
in sich eben bleibt. Diese Annahme wurde erstmals von J. B ERNOULLI5 (1705) ge-
troffen und stimmt mit den experimentellen Ergebnissen überein. Somit können sich
zwei benachbarte, ursprünglich parallele Querschnitte (Abb. 4.17 a) nur gegenein-
ander drehen, bleiben aber in sich eben (Abb. 4.17 b). Mit dem Krümmungsradius
ρ der Stabachse, dem Randabstand ζ2 vom unteren Rand zur neutralen Schicht NS
sowie den Verlängerungen dΔx bzw. dΔxRand je einer Faser mit den Abständen ζ
bzw. ζ2 entnimmt man aus Abb. 4.17 b) die Proportionen

dΔx ζ dΔx ζ
= und = . (4.24)
dΔxRand ζ2 Δx ρ
Die Koordinate ζ ist von der noch unbekannten Nulllinie aus gemessen. Durch Um-
formen der ersten Gl. (4.24) erhält man
dΔx dΔxRand ζ
= . (4.25)
Δx Δx ζ2

Nach der Definition in Abschnitt 2.2.1 sind dΔx/Δx und dΔxRand /Δx die Dehnun-
gen ε(ζ) und εRand ; hiermit wird aus Gl. (4.25)

5 JAKOB I. B ERNOULLI (∗ 27. Dezember 1654 (jul.)/ 6. Januar 1655 (greg.) in Basel; † 16. Au-

gust 1705 ebenda), Mathematiker und Physiker, Wahrscheinlichkeitsrechnung, Variationsrech-


nung, Hypothesen in der Balkentheorie
4.2 Gerade Biegung 103

b)
K

a)

ζ1
z1
y NS η
x

h
Abb. 4.17 Balkenelement der

ζ
Länge Δx

ζ2
z2
a) unverformt dΔx
b) elastisch verformt (NS neu-
trale Schicht, K Krümmungs-
mittelpunkt, ζ1 , ζ2 Rand- Δx Δx dΔxRand
abstände zur neutralen
Schicht) z ζ

εRand
ε(ζ) = ζ = cζ. (4.26)
ζ2
Die aus der Biegebeanspruchung resultierenden Dehnungen nehmen proportional
mit dem Abstand ζ von der Nulllinie zu. Gleichung (4.26) gibt die Verträglich-
keitsbedingung an. Diese Gleichung und die aus den Gleichgewichtsbedingungen
folgenden Gln. (4.22) und (4.23) sind durch das H OOKE’sche Gesetz miteinander
zu verknüpfen. Mit σ = Eε folgt aus Gl. (4.26)
σb Rand
σb (ζ) = ζ. (4.27)
ζ2
Für die Berechnung der unbekannten Randspannung σb Rand und der unbekannten,
durch den Randabstand ζ2 gegebenen Lage der Nulllinie reichen die Gln. (4.22) und
(4.23) gerade aus. Setzt man zunächst die Spannung aus Gl. (4.27) in Gl. (4.22) ein,
ist  
σb Rand
σb (ζ) dA = ζdA = 0 (4.28)
ζ2

und somit ζ dA = 0. Nach Gl. (4.5) geht dann die η-Achse als Nulllinie durch den
Schwerpunkt der Querschnittsfläche, sie fällt also mit der y-Achse zusammen, und
ζ2 = z2 ist der Schwerpunktabstand vom unteren Rand. Fällt bei der geraden Bie-
gung die Spur der Lastebene mit der einen Hauptachse des Querschnitts zusammen,
dann ist die zweite Hauptachse die Nulllinie.
Setzt man aus Gl. (4.27) die Spannung in Gl. (4.23) ein, ergibt sich nun mit
 
σb Rand 2
zσb (z)dA = z dA = Mby . (4.29)
z2
104 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Nach Abschnitt 4.1.1 ist z2 dA = Iy das axiale Flächenmoment 2. Ordnung der
Querschnittsfläche, bezogen auf die y-Achse als Nulllinie. Wird die Lastebene um
90◦ gedreht, dann ist die y-Achse Spur der Lastebene und die z-Achse Nulllinie, in
den Gleichungen sind y und z vertauscht.
Löst man Gl. (4.29) nach der unbekannten Randspannung auf und setzt diese in
Gl. (4.27) ein, erhält man die Biegespannung

Mby
σb (z) = z (4.30)
Iy

oder bei gedrehter Lastebene

Mbz
σb (y) = − y. (4.31)
Iz
Balken werden im Allgemeinen so belastet, dass diejenige Hauptachse Nulllinie
ist, für die das axiale Flächenmoment am größten ist. In diesem Fall ist der Wi-

derstand“ gegen Biegung am größten; die Biegespannungen sind geringer als bei
anderer Anordnung, da die Flächenmomente der 3. Potenz der Balkenhöhe propor-
tional sind. Ausnahmen hiervon bilden z. B. Blattfedern, die zur Erzielung größerer
Durchbiegung um die zur langen Rechteckseite parallele Achse gebogen werden.
Aus Gl. (4.30) für die Biegespannung folgt mit z = ζ2 = z2 die größte Zugbiege-
spannung und mit z = −ζ1 = −z1 die größte Druckbiegespannung
Mby Mby
σbz = z2 , σbd = − z1 .
Iy Iy

Satz 4.11 (Randbiegespannungen). Die Randbiegespannungen verhalten sich also


wie die Randabstände von der Nulllinie.
Die Quotienten
Iy Iy
Wb1 = , Wb2 = (4.32)
z1 z2
bezeichnet man als Widerstandsmomente gegen Biegung. Damit lauten die Aus-
drücke für die Biegerandspannungen
Mby Mby
σbz = , σbd = . (4.33)
Wb2 Wb1
Die absolut größte Biegespannung erhält man für den größten Abstand zmax von der
Nulllinie. Mit Wb min = Iy /zmax wird

Mby
|σb max | = . (4.34)
Wb min
Diese größte Spannung soll die zulässige Spannung σzul nicht überschreiten. Somit
erhält man die Festigkeitsbedingung
4.2 Gerade Biegung 105

Mby
 σzul . (4.35)
Wb min
Aus dieser Gleichung folgen die Tragfähigkeit und die Bemessung eines Balkens
Mby
Mbyzul  Wb min σzul und Wb min  . (4.36)
σzul
In Abb. 4.18 sind die Verteilungen der Biegespannungen bei zur y-Achse unsymme-
trischem (a) und symmetrischem (b) Querschnitt über die Höhe des Balkens darge-
stellt. Bei symmetrischem Querschnitt sind mit z1 = z2 = h/2 auch die Widerstands-
momente Wb1 = Wb2 = Wb = 2Iy /h, und Zug- sowie Druckbiegespannungen sind
gleich groß
Mby
|σbd | = |σbz | = |σb max | =  σzul . (4.37)
Wb
Für die Tragfähigkeit eines Balkens und seine Bemessung erhält man analog zu den
Gln. (4.36)
Mby
Mbyzul  Wb σzul und Wb  . (4.38)
σzul
Aus der Definitionsgleichung der Widerstandsmomente ergibt sich ein wichtiger
Satz (s. Beispiel 4.9).
Satz 4.12 (Addition von Widerstandsmomenten). Widerstandsmomente zusam-
mengesetzter Flächen, die sich auf die gleiche Achse beziehen, dürfen nicht addiert
werden, wenn die einzelnen Teilflächen verschiedene Randabstände haben.
Beispiel 4.9 (Widerstandsmomente).
Für die in Abb. 4.19 gezeichneten Flächen sind die Widerstandsmomente, bezogen
auf die y-Achse als Nulllinie, zu ermitteln.

a) b)
−Mb /Wb1 σb −Mb /Wb σb
h/2
z1

NS
y x
NS
h/2

y x
z2

Mb /Wb2 Mb /Wb
z z
Abb. 4.18 Biegespannungsverlauf
im zur Nulllinie
a) unsymmetrischen und
b) symmetrischen Querschnitt
106 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

a) b) c) da d) 100

10
dm 20
d b t di

z1
S
S S S y

100
h
y y y

z2
z z z z

Abb. 4.19 Verschiedene Querschnittsflächen


a) Kreis
b) Rechteck
c) Kreisring
d) T-Träger

Lösung 4.9
a) Aus Tabelle 4.1 entnimmt man Iy = πd4 /64; mit dem Randabstand d/2 ist das Widerstands-
moment Wb = Iy /(d/2) bzw. Wb = πd3 /32.
b) Iy = bh3 /12,
 z1= h/2, Wb = bh2 /6.
4     
π di π 3 di 4
c) Iy = d4a 1 − , z1 = da /2, Wb = da 1 − .
64 da 32 da
Für dünnwandige Kreisringe ist entsprechend Tabelle 4.1 Iy = (π/8)d3m t, z1 ≈ dm /2,
Wb ≈ (π/4)d2m t.
d) Aus der zweiten Gleichung (4.4) erhält man z1 = 37 mm, folglich gilt

z2 = 100 mm − 37 mm = 63 mm .

Unter Anwendung des Satzes von S TEINER (s. Abschnitt 4.1.3.1) ist Iy = 283 cm4 . Die Wi-
derstandsmomente sind
283 cm4 283 cm4
Wb1 = = 76,5 cm3 , Wb2 = = 44,9 cm3 .
3,7 cm 6,3 cm

Beispiel 4.10 (Randbiegespannungen).


Wie groß sind die Randbiegespannungen des Trägers mit dem Querschnitt nach
Abb. 4.19 d), wenn Mby = 4 000 Nm ist?
Lösung 4.10
Mby 4 · 106 Nmm
σbd = = = 52,3 N/mm2 ,
Wb1 76,5 · 103 mm3
Mby 4 · 106 Nmm
σbz = = = 89,1 N/mm2 .
Wb2 44,9 · 103 mm3

Beispiel 4.11 (Tragfähigkeit eines Profilträgers).


Die Tragfähigkeit eines Profilträgers T 140 DIN 1 024 aus S235JR mit der zulässi-
gen Spannung σzul = 120 N/mm2 ist zu berechnen .
Lösung 4.11
Für genormte Profile sind neben den Flächenmomenten 2. Ordnung auch die Widerstandsmomente
tabelliert [22]; der Profiltafel entnimmt man
4.2 Gerade Biegung 107

Iy = 660 cm4 , Wb2 = Wb min = 64,7 cm3 , e1 = 3,8 cm .

Aus der ersten Gl. (4.36) ergibt sich

Mb zul = Wb min σzul = 64,7 · 103 mm3 · 120 N/mm2 = 7,76 · 106 Nmm .

An der oberen Seite des Querschnitts ist dann die Biegespannung mit

Iy 660 cm4 Mb zul 7,76 · 106 Nmm


Wb1 = = = 174 cm3 , σbd = = = 44,6 N/mm2 ,
e1 3,8 cm Wb1 174 · 103 mm3
wenn ein positives Biegemoment vorausgesetzt ist.

Werden Träger mit zur Nulllinie unsymmetrischen Querschnitten aus Werkstoffen


gefertigt, deren Zugfestigkeit geringer ist als deren Druckfestigkeit, z. B. aus Grau-
guss mit σdB /Rm ≈ 2, 5 . . .4, dann sollte die Konstruktion möglichst so ausgeführt
werden, dass die Fasern mit dem geringeren Randabstand auf Zug beansprucht wer-
den.
Beispiel 4.12 (Balken auf zwei Stützen).
Für den auf Abb. 4.20 dargestellten Balken auf zwei Stützen aus Gusseisen ist zu
untersuchen:
a) Welche Breite b muss der untere Flansch des Querschnitts für den Balken haben,
wenn σbd = 3σbz ist?
b) Wie groß sind die Spannungen?
Gegeben sind F = 22 kN, h = 120 mm und d = 20 mm.
Lösung 4.12
a) Bezieht man den Teilschwerpunktsatz, zweite Gl. (4.4), auf die untere Querschnittkante als
u-Achse (Abb. 4.20 b)
h d
z2 (A1 + A2 ) = A1 + A2 ,
2 2
dann folgt mit A1 = hd und A2 = (b − d)d die Beziehung

a) b)
d
400 400
F F
z1

1 400
h

y S
d
z2

u b z

Abb. 4.20 Balken auf zwei Stützen


a) Lage der zwei Einzellasten
b) Querschnitt
108 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

(h/2) − z2
b−d = h .
z2 − (d/2)

Die Spannungen verhalten sich wie die Randabstände vom Schwerpunkt


σbd z1
= = 3.
σbz z2

Mit z1 + z2 = h ist somit z2 = h/4. Setzt man dies in die obige Beziehung ein, erhält man
die gesuchte Breite
h
b = d+h .
h − 2d
Die Zahlenrechnung ergibt

12 cm
b = 2 cm + 12 cm = 20 cm .
12 cm − 4 cm
b) Wir berechnen zunächst das Flächenmoment Iy . Aus

(b − d)d3 dh3 1 1
Iu = + = · 18 cm · (2 cm)3 + · 2 cm · (12 cm)3 = 1 200 cm4
3 3 3 3
folgt
Iy = Iu − z22 A = 1 200 cm4 − (3 cm)2 · 60 cm2 = 660 cm4 .
Das Biegemoment ist Mby = 22 000 N · 400 mm = 8,8 · 106 Nmm. Nunmehr ergeben sich die
Spannungen

Mby Mby z2 8,8 · 106 Nmm


σbz = = = · 30 mm = 40 N/mm2 ,
Wb2 Iy 660 · 104 mm4

σbd = 120 N/mm2 .

Beispiel 4.13 (Erforderlicher Wellendurchmesser).


Eine Welle mit Kreisquerschnitt aus Stahl, σzul = 60 N/mm2 , ist durch ein Biegemo-
ment Mb = 900 Nm beansprucht. Der erforderliche Durchmesser ist zu berechnen.
Lösung 4.13
Die zweite Gl. (4.38) ergibt

Mb 90 · 104 Nmm
Wb  = = 15 · 103 mm3 .
σzul 60 N/mm2

Daraus erhält man nach Beispiel 4.9 a)

32Wb 32 · 15 · 103 mm3


d3 = = = 153 · 103 mm3
π π
und d = 53,5 mm. Gewählt wird der Durchmesser d = 55 mm mit Wb = 16,33 · 103 mm3 . Für
den Spannungsnachweis erhält man

Mb 90 · 104 Nmm
σb = = = 55,1 N/mm2 < σzul .
Wb 16,33 · 103 mm3
4.2 Gerade Biegung 109

4.2.2 Biegung bei veränderlichem Biegemoment

Im Fall der Biegebeanspruchung durch Einzelkräfte, Streckenlasten und Momente


ist das Biegemoment in einem Querschnitt von x abhängig. Nach Gl. (4.21) tritt als
weitere Beanspruchungsgröße die Querkraft Fq (x) hinzu, die in jedem Querschnitt
Schubspannungen hervorruft. Streng genommen hat man es hier also bereits mit ei-
ner zusammengesetzten Beanspruchung zu tun (s. Kapitel 9). In Abschnitt 8.3 wird
gezeigt, dass für die üblichen Biegestäbe mit Vollprofil, z. B. Wellen, Träger und
Balken, deren Querschnittsabmessungen um etwa eine Größenordnung kleiner sind
als ihre Längen, die Wirkung der Schubbeanspruchung gegenüber den Biegespan-
nungen vernachlässigt werden kann.
Die für die reine Biegung abgeleitete Gl. (4.30) darf also auf die Biegung mit
Querkraft übertragen werden, wenn obige Voraussetzung erfüllt ist. Dabei ist zu be-
achten, dass sich jetzt das Biegemoment mit x ändert. Die Biegespannung in einem
Querschnitt an einer beliebigen Stelle x ist nun

Mby (x)
σb (x, z) = z, (4.39)
Iy

wenn die z-Achse des Querschnitts als Hauptachse die Spur der Lastebene und die
y-Achse Nulllinie ist.
Die maximale Biegespannung σb max tritt bei Balken mit konstantem Querschnitt
am Rande desjenigen Querschnitts auf, in dem das Biegemoment seinen größten
Wert hat, bei zur Nulllinie unsymmetrischem Querschnitt in denjenigen Randpunk-
ten, die von ihr den größten Abstand haben. Der Querschnitt der größten Beanspru-
chung wird auch gefährdeter Querschnitt genannt, er braucht aber nicht immer mit
dem Querschnitt des größten Biegemoments identisch zu sein (z. B. bei veränder-
lichem Balkenquerschnitt und bei Kerbwirkung). Somit lautet die Festigkeitsbedin-
gung
Mb max
|σb max | =  σzul (4.40)
Wb min
oder, wenn bei zur Nulllinie symmetrischem Querschnitt z1 = z2 = h/2 ist,

Mb max
|σb max | =  σzul . (4.41)
Wb
Tragfähigkeit und erforderliches Widerstandsmoment errechnet man sinngemäß, in
dem man das größte Biegemoment Mb max in die Gln. (4.36) und (4.38) einsetzt.
Beispiel 4.14 (Freiträger mit Einzellast).
Der Freiträger (l = 1 000 mm) mit der Einzellast F = 4 kN am freien Ende in
Abb. 4.21 hat den gleichen Querschnitt wie in Beispiel 4.9 d) (Abb. 4.19 d). Zu
berechnen sind die Biegespannungen an der Stelle x1 = 400 mm und im gefährde-
ten Querschnitt.
Lösung 4.14
In dem Querschnitt an der Stelle x1 ist das Biegemoment
110 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

a)
Schnitt A-B l
F A

y S z2 z1 x

z x1

Mb (x1 ) = −Fx1
B
Mb (x) in Nm

b) −4000

Mb (l) = −Fl
−3000
−2000
−1000
0
x
1000
σb σb

z z

Abb. 4.21 Kragträger


a) Geometrie und Belastung
b) Biegemomentenverlauf und Spannungsverteilungen in den Querschnitten x1 = 400 mm und
x=l

Mb (x1 ) = −Fx1 = −4 · 103 N · 400 mm = −1,6 · 106 Nmm .

Die Randspannungen sind

Mb (x1 ) 1,6 · 106 Nmm


σbz = = = 20,9 N/mm2
Wb1 76,5 · 103 mm3
am oberen Rand und
Mb (x1 ) 1,6 · 106 Nmm
σbd = = = 35,6 N/mm2
Wb2 44,9 · 103 mm3
am unteren Rand. Der gefährdete Querschnitt ist der Einspannquerschnitt, dort ist

Mb max = −Fl = −4 · 106 Nmm .

Die Beträge der Randspannungen wie in Beispiel 4.10 sind

σbz = 52,3 N/mm2 , σbd = 89,1 N/mm2 .


4.2 Gerade Biegung 111

a) 750
550
300
F3
F1

x
F2

b)
−500
Mb (x) in Nm

0
100 200 300 400 500 600 700
x in mm
500

1000

1500

Abb. 4.22 Eingespannter Freiträger


a) Position der drei Einzellasten F1 , F2 und F3
b) Biegemomentenverlauf

Aus dem vorstehenden Beispiel geht hervor, dass bei Biegung mit veränderlichem
Biegemoment der Werkstoff eines Balkens bei unveränderlichem Querschnitt nur
unvollständig ausgenutzt ist, s. Abschnitt 4.2.3.
Beispiel 4.15 (Träger mit drei Einzelkräften).
Ein Träger ist durch drei Einzelkräfte F1 = 2 kN, F2 = 10 kN und F3 = 10 kN belastet
(Abb. 4.22 a). Es ist ein hochstegiger T-Stahl nach DIN 1 024 (σzul = 70 N/mm2 )
zu wählen.
Lösung 4.15
Betrag und Ort des größten Biegemoments ergeben sich aus der Berechnung des Biegemomenten-
verlaufs längs der x-Achse

Mb (0 m) = 0 Nm, Mb (0,3 m) = −2 000 N · 0,3 m = −600 Nm,


Mb (0,55 m) = −2 000 N · 0,55 m + 10 000 N · 0,25 m = 1 400 Nm,
Mb (0,75 m) = −2 000 N · 0,75 m + 10 000 N · 0,45 m − 10 000 N · 0,2 m = 1 000 Nm .

Nach Abb. 4.22 b) wirkt das größte Biegemoment am Angriffspunkt der Last F3 , es beträgt
Mb max = 1 400 Nm. Die größte Biegespannung ist eine Zugspannung. Aus der zweiten Gl. (4.36)
erhält man
Mb max 1,4 · 106 Nmm
Wb min  = = 20 · 103 mm3 = 20 cm3 .
σzul 70 N/mm2
Dieser Bedingung genügt das Profil T 100 mit Wb = 24,6 cm3 . Spannungsnachweis:

Wb max 1,4 · 106 Nmm


σb = = = 57 N/mm2 < σzul .
Wb 24,6 · 103 mm3
112 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

l
a b
F qE

x y
z

F
qE l

b a
FA = F FB = F
l l2 l
8
qE

x
1
ab
l

2
F

Mb (x)
3

Abb. 4.23 Träger


a) Geometrie und Belastung
b) Freikörperbild
c) Biegemomentenverlauf; 1 durch Eigengewicht, 2 durch die Last, 3 resultierendes Biegemoment

Beispiel 4.16 (Verstärkter Breitflanschträger).


Für einen verstärkten Breitflanschträger I PBv 1 000 DIN 1 025, Bl. 4, aus Stahl
(Abb. 4.23) ist die zulässige Last Fzul zu berechnen; σzul = 100 N/mm2 , a = 6 m,
b = 9 m. Wie groß ist der Einfluss des Eigengewichts auf die Biegespannung?
Lösung 4.16
Das größte Biegemoment wirkt an der Angriffstelle der Last, es beträgt

ba
Mb max = FA a = F .
l
In Verbindung mit Gl. (4.38) und mit Wb = 14,33 · 106 mm3 aus der Profiltabelle [22] folgt

l 15 000 mm
Fzul = Wb σzul = · 14,33 · 106 mm3 · 100 N/mm2 = 3,98 · 105 N .
ba 9 000 mm · 6 000 mm
Nach der gleichen Tabelle beträgt das Eigengewicht je Längeneinheit qE = 3 490 N/m. Den Bie-
gemomentenverlauf durch Eigengewicht als gleichmäßig über die Länge l verteilte Last zeigt
Abb. 4.23 c). Der Maximalwert für x = l/2 ist

Mb max E = qE l2 /8 = 3,49 N/mm · (15 000 mm)2 /8 = 9,82 · 107 Nmm .


4.2 Gerade Biegung 113

Damit ist σb max E = 9,82 · 107 Nmm/(14,33 · 106 mm) = 6,85 N/mm2 .
Da Last F und Eigengewicht gleichgerichtet sind, kann man die Biegemomente und somit auch
die Biegespannungen addieren. Für den Querschnitt x = 6 000 mm erhält man mit
 
qE l2 x  x 2
MbE (x) = − = 9,42 · 107 Nmm
2 l l

die Spannungen σbE = 6,6 N/mm2 und σb max = 106,6 N/mm2 > σzul . Damit die zulässige Bie-
gespannung nicht überschritten wird, müsste Fzul auf rund 370 kN beschränkt werden.

Für die Bemessung langer Biegeträger wie im vorstehenden Beispiel ist häufig nicht
allein die zulässige Spannung maßgebend, sondern auch die Durchbiegung, s. Bei-
spiel 5.5.
Beispiel 4.17 (Winkelhebel).
Ein Winkelhebel (Abb. 4.24) ist in 0 gelagert und durch die Kräfte F1 und F2 belastet.
In den Querschnitten AB, CD und EF sind die Biegespannungen zu berechnen. Die
Querschnitte AB und EF können als Rechtecke mit der Fläche b × h angenommen
werden.
Lösung 4.17
Mit r1 = 500 mm und r2 = 1 000 mm ist

F1 = (r2 /r1 )F2 = 16 kN.

Die für die Berechnung maßgebenden Biegemomente betragen

MbAB = F1 l1 = 64 · 105 Nmm,


MbCD = F1 r1 = 80 · 105 Nmm,
MbEF = F2 l2 = 72 · 105 Nmm .

Für die Wiederstandsmomente in den entsprechenden Querschnitten erhält man mit Tabelle 4.1
und Gl. (4.32)

Schnitt AB
40

120

F1 Schnitt CD Schnitt EF
0
20

130
0
l1 = 400

16
50
r1 = 500

45
D

E F2 = 8 kN

A 0 B
Abb. 4.24 Auf Biegung be-
anspruchter Winkelhebel, l2 = 900
AB, CD, EF gefährdete Quer- F
r2 = 1 000
C

schnitte
114 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

20
Abb. 4.25 Querschnitt CD 50 σd
mit den aus den Spannungen
Fd
σd und σz resultierenden
Biegekräften Fd und Fz

r = 90

∅160
∅200
r = 90
σz
Fz

bh2 4 cm · (12 cm)2


WbAB = = = 96 cm3 und WbEF = 126,75 cm3
6 6
und mit D = 20 cm, d = 16 cm und b = 5 cm

D3 − d3 (20 cm)3 − (16 cm)3


WbCD = b = 5 cm · = 162,67 cm3 .
6D 6 · 20 cm
Damit ergeben sich die Biegespannungen aus σ = Mb /Wb

σbAB = 66,7 N/mm2 , σbCD = 49,1 N/mm2 , σbEF = 56,7 N/mm2 .

Die Spannungen im Querschnitt C-D lassen sich näherungsweise auch folgendermaßen ermitteln
(Abb. 4.25):
Man denkt sich die Spannungen in den beiden schraffierten Flächen gleichmäßig verteilt. Die
resultierende Kraft in einer Fläche ist Fd = Fz = F. Dann ist MbCD = 2r · F mit r = 90 mm.
Daraus erhält man
MbCD 80 · 105 Nmm
F= = = 4,44 · 104 N .
2r 180 mm
Mit A = 1 000 mm2 ergibt sich σd = σz = σCD = F/A = 44,4 N/mm2 . Der Fehler gegenüber
der genaueren Rechnung beträgt ungefähr 10%. Diese Näherungsrechnung wird häufig auch bei
Trägern mit dünnem Steg und kräftigem Flansch angewandt.

4.2.3 Träger und Wellen konstanter Biegebeanspruchung

Der Idealfall eines überall gleich hoch beanspruchten Bauteils ist ein Zugstab mit
konstantem Querschnitt; der Werkstoff wird voll ausgenutzt. In einem solchen Bal-
ken sind wegen des veränderlichen Biegemoments die Beanspruchungen eine Funk-
tion von x. Der Querschnitt muss jedoch entsprechend der größten Biegerandspan-
nung bemessen werden, der Werkstoff wird also schlecht ausgenutzt. Eine bessere
Ausnutzung erreicht man, wenn die größten Randspannungen in jedem Querschnitt
gleich groß sind. Derartige Träger bezeichnet man als Träger konstanter Biegebe-
4.2 Gerade Biegung 115

anspruchung. Bei reiner Biegung eines Balkens mit konstem Querschnitt ist dies
wegen des konstanten Biegemoments der Fall.
Für ein veränderliches Biegemoment dagegen ergibt die Forderung nach gleicher
Randspannung den Ansatz

Mb (x)
σb Rand = = const = σzul . (4.42)
Wb
Sie lässt sich nur dann verwirklichen, wenn
Mb (x)
Wb = Wb (x) = (4.43)
σzul
ist. Das Widerstandsmoment jedes Stabquerschnitts muss also wie das Biegemo-
ment eine Funktion von x sein. Dies soll an einigen Querschnittsformen für den
Freiträger mit Einzellast am freien Ende (Abb. 4.26 a) betrachtet werden.
1. Träger hat Rechteckquerschnitt b0 h0 in der Einspannung und die entlang der
Trägerachse veränderliche Breite b = b(x).
Aus den Gln. (4.42) und (4.43) folgt mit Wb = bh2 /6

6Fx 6Fl
σb = =  σzul . (4.44)
b(x)h20 b0 h20

Zunächst erhält man aus der Gl. (4.44) die Aussage


x
b(x) = b0 . (4.45)
l

a) l
F b)
b(x)

x
b1
Fx

F
b0

x x
Fl

Mb (x)

c)
nh0

b1 = b0 /n
h0

F d)

Abb. 4.26 Kragträger mit unterschiedlichen Querschnittsformen


a) Freiträger mit Rechteckquerschnitt und Einzellast am freien Ende
b) Dreieckfeder als Träger konstanter Biegebeanspruchung
c) Ansicht einer aus der Dreieckfeder zerschnittenen geschichteten Blattfeder
d) Draufsicht
116 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

2l

F = 50 kN F = 50 kN

2F

Abb. 4.27 Geschichtete Blattfeder

Die Breite des Querschnitts ändert sich linear mit x. Dies ist z. B. bei Dreieckfe-
dern der Fall (Abb. 4.26 b). Denkt man sich die Feder in n Streifen geschnitten,
diese zu gleichen Teilen zusammengefügt (Breite b1 = b0 /n) und untereinander
angeordnet, dann erhält man eine geschichtete Blattfeder (Abb. 4.26 c) und d),
die einzelnen Blätter biegen sich einzeln. Die erforderlichen Abmessungen b0
und h0 bekommt man aus dem Vergleich mit σzul in der Gl. (4.44)

6Fl
b0 h20 = . (4.46)
σzul
Eine der beiden Abmessungen b0 oder h0 muss vorgegeben sein, dann kann die
andere berechnet werden.
Beispiel 4.18 (Geschichtete Blattfeder).
Eine geschichtete Blattfeder aus Federstahl ist nach Abb. 4.27 geformt und belas-
tet. Gegeben sind: die Breite b1 = 100 mm, 2l = 1 600 mm, n = 12 Federblätter,
σzul = 500 N/mm2 . Die erforderliche Blattdicke h0 ist zu berechnen.
Lösung 4.18
Gleichung (4.46) ergibt

6Fl 6 · 50 000 N · 800 mm


h0 = = = 20 mm .
b0 σzul 12 · 100 mm · 500 N/mm2

2. Träger hat Rechteckquerschnitt b0 h0 im Einspannquerschnitt und die entlang der


Trägerachse veränderliche Höhe h = h(x).
Der gleiche Ansatz wie in 1. führt auf

x
h(x) = h0 . (4.47)
l
Die Begrenzung der Trägerhöhe ist eine zur x-Achse symmetrische Parabel
(Abb. 4.28 a), auch die Form b) ist möglich. Da der Endquerschnitt x = 0 die
Last F aufzunehmen hat, bildet man die Träger meist verjüngt (in Abb. 4.28 ge-
4.2 Gerade Biegung 117

F
b0
F

h0 /2

h(x)
h0
h0 /2

h(x)

h0
x
x
x

Abb. 4.28 Parabelträger mit Rechteckquerschnitt als Träger konstanter Biegebeanspruchung


a) symmetrisch zur x-Achse
b) mit gerader Oberkante

strichelt) aus. Anwendung findet diese Form bei Rahmen, Trägern, Traversen
usw.
3. Träger hat Kreisquerschnitt mit dem Durchmesser d0 im Einspannquerschnitt
und entlang der Trägerachse veränderlichen Durchmesser d = d(x) (Abb. 4.29).

Der Ansatz in 1. führt hier auf die Gleichung



x
d(x) = d0 3 . (4.48)
l

Den erforderlichen Durchmesser d0 erhält man aus Gl. (4.38) mit Wb = (π/32)d30

32Fl
d30 = . (4.49)
πσzul
Die Begrenzung ist eine Funktion 3. Grades. Die Form wird näherungswei-
se durch einen Kegelstumpf erreicht und z. B. bei Getriebewellen (s. Bei-
spiel 4.19) angewendet. Für andere Trägerformen und Belastungsarten lassen
sich Träger angenähert konstanter Biegebeanspruchung konstruieren, indem man
Wb (x) = Mb (x)/σzul streckenweise berücksichtigt, z. B. Profilträger mit auf-
geschweißten Verstärkungsblechen (Aufgabe 4.17) und abgesetzte Wellen.

F
d0
d0

d(x)
2
3

x
Abb. 4.29 Funktion 3. Ge-
rades als Begrenzung des
Freiträgers konstanter Bie-
gebeanspruchung mit Kreis- x
querschnitt
118 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Beispiel 4.19 (Zweifach gelagerte Welle).


Eine Welle mit den in Abb. 4.30 a) gegebenen Maßen ist zweifach gelagert. In

2F
a)

dN
lZ lZ

d1

dZ
dZ

d2
x

F 100 F
2l

c) 2F

5
b)

∅112

∅130
∅80
∅65

d0
l

F 39
78
x 50

Abb. 4.30 Welle unter Biegebeanspruchung


a) Welle mit Einzellast 2F in der Mitte
b) Ersatzschema der halben Welle als Freiträger
c) Konstruktion der Welle als Träger annähernd konstanter Biegebeanspruchung

der Mitte soll ein Rad aufgekeilt werden, Gesamtlast in der Mitte 2F. Die Welle
soll als Träger annähernd konstanter Biegebeanspruchung konstruiert werden,
die fehlenden Maße sind zu berechnen. Die Lagerkräfte sind als Einzelkräfte in
Lagermitte angenommen. In Abb. 4.30 b) ist das Ersatzschema der halben Welle
gezeichnet. Gegeben sind:
F = 40 kN, σzul = 59 N/mm2 , lZ = 1, 2dZ , l = 250 mm.
Lösung 4.19
Aus Gl. (4.49) ergibt sich

32 · 40 000 N · 250 mm
d0 = 3 = 120 mm .
π · 59 N/mm2

Mit Rücksicht auf die Keilnut wird dN = 130 mm gewählt. Den Zapfendurchmesser dZ erhält
man aus den Gleichungen
4.3 Schiefe oder allgemeine Biegung 119

Mb (x = lZ /2) = FlZ /2 = 0, 6FdZ

und
Mb (x) πd3Z
WbZ = = .
σzul 32
Setzt man den Ausdruck für Mb aus der ersten der beiden Gleichungen in die zweite ein, ergibt
sich nach Umformung

19, 2F 19, 2 · 40 000 N


dZ = = = 64,4 mm .
πσzul π · 59 N/mm2

Gewählt wird dZ = 65 mm, lZ = 1, 2dZ = 78 mm. Für den Anlaufdurchmesser d2 wird


80 mm angenommen. Den noch fehlenden Durchmesser d1 errechnet man aus Gl. (4.48) mit
x = 200 mm und erhält

d1 = 120 mm · 3 20/25 = 111,3 mm ,

gewählt wird d1 = 112 mm.


In Abb. 4.30 c) ist die gedrehte Welle maßstäblich gezeichnet, die Kontur der kubischen Funk-
tion ist gestrichelt angedeutet. Wird die Welle geschmiedet, erhalten die Durchmesser dN und
dZ Bearbeitungszugaben, der kegelige Teil bleibt roh. Die Durchmesserübergänge von dN auf
d1 und von d2 auf dZ werden gerundet. Hier sind mit Rücksicht auf Kerbwirkung die Si-
cherheiten nachzuweisen, z. B. bei wechselnder Biegebelastung gegen Dauerbruch (s. Beispiel
4.22).

4.3 Schiefe oder allgemeine Biegung

Definition 4.10 (Schiefe Biegung). Unter schiefer Biegung - auch Doppelbiegung


oder allgemein Biegung genannt - versteht man die Beanspruchung eines Balkens
durch Kräfte und Momente, deren Biegemomentvektor im Querschnitt nicht mit ei-
ner der beiden Hauptachsen v oder w zusammenfällt.

Da der Biegemomentvektor zur Lastebene senkrecht steht, fällt also die Spur der
Lastebene ebenfalls nicht in die Richtung einer Hauptachse (Abb. 4.31). Wir set-
zen wieder voraus, dass die Balkenachse in der Lastebene liegt. Durch Zerlegen
des Biegemomentvektors in Richtung der beiden Hauptachsen lässt sich die schiefe
Biegung unmittelbar auf die Überlagerung zweier gerader Biegungen zurückführen.
Die resultierende Biegespannung erhält man durch algebraisches Addieren der je-
weiligen Einzelspannungen. Da jede Biegespannung für sich linear mit den Quer-
schnittkoordinaten zunimmt, steigt auch die resultierende Biegespannung linear an.
Die Querschnittpunkte, in denen die Biegespannung Null ist, bilden die Nulllinie;
sie ist eine Gerade durch den Schwerpunkt des Querschnitts.
120 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

4.3.1 Biegespannungen und Nulllinie

4.3.1.1 Biegespannungen

Zur Berechnung der Biegespannungen werden die Schubspannungen durch Quer-


kräfte vernachlässigt, die Querschnitte bleiben also eben. Wir zerlegen den Biege-
momentvektor in Komponenten in die Richtung der beiden Hauptachsen. Schließt
die Spur der Lastebene mit der großen Hauptachse w ≡ z den Winkel α ein
(Abb. 4.32), dann ist

Mby = Mb cosα, Mbz = Mb sin α .

Die resultierende Biegespannung in einem Flächenelement dA mit seinen Koordi-


naten y und z erhält man aus
Mby Mbz Mb cos α Mb sin α
σb = z− y= z− y. (4.50)
Iy Iy I1 I2

Unter Beachtung der Vorzeichen von y und z kann man aus Gl. (4.50) die Spannun-
gen in jedem Punkt des Querschnitts berechnen.
Beispiel 4.20 (Biegespannungen).
Man berechne die Biegespannungen im gefährdeten Querschnitt des Freiträgers
(Abb. 4.33 a), Länge l = 1 000 mm, dessen Einzellast F = 7 kN am freien Ende um
α = 22,5◦ zur z-Achse geneigt ist. Die Maße des Querschnitts sind b = 100 mm
und h = 200 mm. Der Spannungsverlauf über dem Querschnitt ist maßstäblich dar-
zustellen.
Lösung 4.20
Die Widerstandsmomente bezüglich der Hauptachsen y und z betragen

Wby = bh2 /6 = 667 cm3 und Wbz = hb2 /6 = 333 cm3 .

Das größte Biegemoment ist im Einspannquerschnitt


Lastebene

a) b)
Las

y Mb S
teb
ene

v=y S v

Mb

Abb. 4.31 Schiefe Biegung


a) symmetrischer Querschnitt
b) unsymmetrischer Quer-
schnitt w=z z w
4.3 Schiefe oder allgemeine Biegung 121

Mb (x = l) = Mb max = −Fl = −7 · 106 Nmm .

Die Gl. (4.50) kann mit Iy = Wby h/2 und Iz = Wbz b/2 in folgende, für die Berechnung
zweckmäßige Form gebracht werden

Fl cos α z Fl sin α y
σb = − + .
Wby h/2 Wbz b/2

Mit
Fl cos α = 7 · 106 Nmm · 0, 924 = 6,46 · 106 Nmm
und
Fl sin α = 7 · 106 Nmm · 0, 383 = 2,68 · 106 Nmm
ist der zweite Anteil der Biegespannung längs der Kante AB(y = −b/2)

Fl sin α 2,68 · 106 Nmm


σb = − =− = −8,05 N/mm2
Wbz 333 · 103 mm3

und längs der Kante CD(y = b/2) σb = 8,05 N/mm2 . Längs der Kante BC(z = −h/2) ist der
erste Anteil
Fl cos α 6,46 · 106 Nmm
σb = = = 9,69 N/mm2
Wbz 667 · 103 mm3
und längs der Kante AD(z = h/2) σb = −9,69 N/mm2 . Die resultierenden Spannungen in den
Ecken betragen demnach in

A σb = −9,69 N/mm2 − 8,05 N/mm2 = −17,74 N/mm2 ,


B σb = +9,69 N/mm2 − 8,05 N/mm2 = +1,64 N/mm2 ,
C σb = +17,74 N/mm2 ,
D σb = −1,64 N/mm2 .

)
σ b(u
Lastebene
u1

v≡y
α ini e
Nulll
β
u2

α
Mb

u γ
MN
σ b Rand
dA

y
z

w≡z

Abb. 4.32 Beliebiger Querschnitt eines Balkens bei schiefer Biegung mit Momentvektoren, Null-
linie, Spur der Lastebene und senkrecht zur Nulllinie aufgetragener Biegespannungsverteilung
122 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Mit diesen Werten ist der Biegespannungsverlauf gezeichnet (Abb. 4.33 b). Die Nulllinie ist durch
die Schnittpunkte E und F der resultierenden Spannungslinien zwischen AB und CD mit der Quer-
schnittbegrenzung festgelegt. Sie geht durch den Schwerpunkt S der Fläche und ist eine Gerade.

4.3.1.2 Nulllinie

Die Nulllinie, als geometrischer Ort aller Punkte im Querschnitt eines Balkens, in
denen die Biegespannung Null ist, erhält man aus Gl. (4.50) mit σb = 0

Mb cos α Mb sin α I1
0= z− y oder z = y tan α . (4.51)
I1 I2 I2
Ist β der Winkel zwischen der großen Hauptachse w ≡ z und der Nulllinie (4.33),
kann man für die Gleichung der Nulllinie auch schreiben
π  1
z = tan −β y = y. (4.52)
2 tan β
Durch Vergleich der Gln. (4.51) und (4.52) folgt mit den Hauptflächenmomenten I1
und I2 die Beziehung
I2
tan α tan β = . (4.53)
I1
Die Spur der Lastebene und die Nulllinie liegen auf verschiedenen Seiten der großen
Hauptachse w. Da nach der Voraussetzung in Abschnitt 4.1.3.3 das Verhältnis
I2 /I1 < 1 ist, folgt aus der Gl. (4.53), dass die Winkelsumme α + β < 90◦ ist.
Nulllinie und Spur der Lastebene stehen nicht senkrecht aufeinander, sondern die
Nulllinie liegt schief zur Spur der Lastebene (daher schiefe Biegung). Nur im Fall
der geraden Biegung ist α = 0◦ oder 90◦ , dann ist β = 90◦ oder 0◦ .

a) b)
Schnitt G-H
α C 1,64
74
17, B
E
Nul

l
e
ben

F
llin

G
ste

C B F
ie
La

C, B S
Mbz y
h

y S Mby x
D, A F 4
z 17,7
64 A−
D A 1,
b H − D z

Abb. 4.33 Freiträger mit Einzellast F am freien Ende


a) bei schiefer Biegung
b) Biegespannungsverlauf im Einspannquerschnitt [N/mm2 ]
4.3 Schiefe oder allgemeine Biegung 123

Ist die Lage der Nulllinie bekannt, kann man die Biegespannungen auch ohne
Gl. (4.50) auf einfache Weise berechnen, indem man berücksichtigt, dass sie linear
mit dem Abstand von der Nulllinie ansteigen (Abb. 4.32). Ist u der senkrechte Ab-
stand eines Flächenteilchens dA von der Nulllinie und u2 der Abstand der Nulllinie
zum unteren Rand, dann folgt mit der Randspannung σb max
σb Rand
σb (u) = u. (4.54)
u2
Ferner verlangt die Gleichgewichtsbedingung der Momente für ein abgeschnittenes
Balkenstück bezüglich der Nulllinie
 
MiN = 0 = u σb (u)dA = MN . (4.55)

MN = Mb cos γ ist die Komponente des Biegemomentvektors in Richtung der


Nulllinie (das Biegemoment um die Nulllinie). Da γ = 90◦ − (α + β), folgt mit
cos γ = sin(α + β) das Moment um die Nulllinie MN = Mb sin(α + β). Setzt man
dies zusammen mit Gl. (4.54) in Gl. (4.55) ein, ergibt sich

σb Rand
u2 dA = Mb sin(α + β) .
u2
 2
u dA = IN ist das Flächenmoment 2. Ordnung der Querschnittsfläche A bezüglich
der Nulllinie, man erhält es aus der ersten Gl. (4.18) mit ψ = 90◦ − β. Somit ergibt
sich für die Biegespannung die der Gl. (4.39) ähnliche einfache Gleichung

Mb (x) sin(α + β)
σb (x, u) = u, (4.56)
IN

wobei Mb = Mb (x) das längs der Balkenachse veränderliche Biegemoment ist.


Die Biegespannung hat an der Stelle des gefährdeten Querschnitts mit dem
größten Biegemoment Mb max ihren größten Wert dort, wo der senkrechte Abstand
von der Nulllinie am größten ist

Mb max sin(α + β)
σb max = umax . (4.57)
IN

Führt man noch das Widerstandsmoment bezüglich der Nulllinie WbN = IN /umax
ein, erhält man
Mb max sin(α + β)
σb max =  σzul . (4.58)
WbN
Beispiel 4.21 (Nulllinie und Biegerandspannungen).
Ein Freiträger mit dem Querschnitt aus den Beispielen 4.3 und 4.8 ist am freien
Ende durch eine Last F = 4 kN in Richtung der z-Achse belastet (Abb. 4.34 a). Die
Lage der Nulllinie und die Biegerandspannungen sind zu berechnen.
Lösung 4.21
In Abb. 4.34 b) ist die Querschnittsfläche maßstäblich gezeichnet. Man beachte die gegenüber
124 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Lastebene
ie
in
a) b)
α lll
Schnitt A-B
1 000
O β Nu

u1
F
F
20 A
v
z2 z1

y S
120

y S
x

20 z
B

u2
80

U
w
z
Abb. 4.34 Freiträger mit Winkelquerschnitt
a) Einzellast F am freien Ende (schiefe Biegung)
b) Winkelquerschnitt, Maßstabsfaktor (vgl. [17], Abschnitt 1.3 Darstellung physikalischer Größen)
mL = 25/8 cm cm
Z

Abb. 4.5 geänderte Lage der Fläche gegenüber dem y, z-Koordinatensystem. Gleichung (4.53)
ergibt mit den Zahlenwerten für α = 22,5◦ , I1 = 558 cm4 und I2 = 106 cm4 aus Beispiel 4.8 das
Ergebnis tan β = 0, 459 und β = 24,65◦ .
Aus der ersten Gl. (4.18) erhält man mit ψ = 65,35◦

IN = 332 cm4 + 226 cm4 (−0, 652) = 185 cm4 .

Mit den Werten u1 = −4, 75 cm und u2 = 5, 35 cm (Abb. 4.34 b) sowie dem größten Biege-
moment Mb max = −4 · 106 Nmm errechnet man die Spannungen aus Gl. (4.56) im Querschnitts-
punkt O

Mb max sin(α + β) −4 · 106 Nmm · 0, 733


σb = u1 = · (−47,5 mm) = 75,4 N/mm2
IN 185 · 104 mm4

und ähnlich für den Punkt U σb = −84,9 N/mm2 . Es soll nun gezeigt werden, welchen Fehler
man begeht, wenn man die Voraussetzungen für die gerade Biegung nicht beachtet und mit der
y-Achse als Nulllinie rechnet. Aus den Gln. (4.33) folgt mit

Iy 492 cm4
Wb1 = = = −113,5 cm3 und Mby = Mb max = −4 · 106 Nmm
z1 −4,33 cm

die Spannung entlang der oberen Kante σb = 35,2 N/mm2 und mit

Wb2 = Iy /z2 = 492 cm4 /7,67 cm = 64,1 cm3

die Spannung an der unteren Kante σb = −62,4 N/mm2 .


Die Fehler betragen demnach etwa -54% bzw. -27%. Schwerwiegend ist diese falsche Rech-
nung insofern, als die Ergebnisse zu kleine Spannungswerte darstellen.
4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung 125

4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung

4.4.1 Grenzspannung

Bei ruhender Biegebeanspruchung duktiler Werkstoffe setzt Fließen in der äuße-


ren Randfaser eines Balkens ein, wenn dort die Biegespannung Mb /Wb die Fließ-
grenze des Werkstoffs erreicht hat. Im Gegensatz zum Zugversuch, wo Werkstoffe
mit ausgeprägtem Fließverhalten bei gleich bleibender Last fließen, ist zur weite-
ren plastischen Verformung des Balkens eine Erhöhung des Biegemoments nötig.
Das ist dadurch bedingt, dass die noch elastisch verformten inneren Balkenteile im-
mer mehr zum Mittragen herangezogen werden und so eine Stützwirkung ausüben.
Die in Biegeversuchen ermittelte Biegefließgrenze σbF ist demnach größer als die
Streckgrenze Re , erfahrungsgemäß ist σbF ≈ (1, 1 . . .1, 2)Re . Eine bessere Werkstoff-
ausnutzung kann man erzielen, wenn man als Grenzspannung nicht den Fließbe-
ginn in der äußeren Randzone ansieht, sondern die Spannung Mb0,2 /Wb , die an
der höchstbeanspruchten Stelle eine bleibende Dehnung εp = 0, 2% hervorruft, die
0,2 %-Biegedehngrenze. Das Verhältnis Biegedehngrenze zur Zugstreckgrenze heißt
Dehngrenzenverhältnis n0,2 (auch Stützziffer genannt, s. Abschnitt 3.2.2). Für ein-
fache Vollquerschnitte kann n0,2 berechnet werden, im Allgemeinen muss die Ziffer
jedoch experimentell bestimmt werden. Sie hängt sowohl von der Form des Quer-
schnitts als auch von der Höhe der Fließgrenze, also vom Werkstoff, ab (s. Tabel-
le 4.2 [45]).
Spröde Werkstoffe mit unterschiedlicher Zug- und Druckfestigkeit, z. B. Grau-
guss, zeigen im Biegeversuch ein anderes Verhalten. Fließen kann natürlich nicht
auftreten. Infolge des ungleichen Spannungs-Dehnungs-Diagramms für Zug und
Druck (Abb. 2.9 b) und weil das H OOKE’sche Gesetz nicht gilt, ist auch die Span-
nungsverteilung beiderseits der neutralen Faser ungleich, die Zugspannungen sind
geringer als die Druckspannungen (Abb. 4.35). Aus Gleichgewichtsgründen tritt ei-
ne Verschiebung der neutralen Schicht bei der Biegebeanspruchung ins Druckge-
biet hinein ein, da die resultierende Druckkraft gleich der resultierenden Zugkraft
im Querschnitt ist. Versagen durch Bruch tritt nicht ein, wenn die rechnerische Bie-
gespannung Mb /Wb die Zugfestigkeit Rm erreicht, sondern bei einem größeren
Moment, dem Bruchmoment MbB . Das Verhältnis σbB /Rm von Gusseisen und ähn-

Tabelle 4.2 Dehngrenzenverhältnis n0,2 für verschiedene Querschnittsformen und Streckgren-


zen Re

Querschnittsform y y
(Biegeachse y-y)

Re 200 N/mm2 n0,2 ≈ 1, 6 1,44 1, 47 ≈ 1, 15


Re 600 N/mm2 n0,2 ≈ 1, 4 1,32 - ≈ 1, 10
126 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

lichen Stoffen mit der Biegefestigkeit σbB = MbB /Wb ist also größer als 1. Es ist
abhängig von der Form des Querschnitts und beträgt für Grauguss bei Rechteck-
querschnitt etwa 1,7 und bei Kreisquerschnitt etwa 2,2.
Bei schwingender (dynamischer) Biegebeanspruchung werden Grenzspannun-
gen wie bei Zugbeanspruchung in Dauerversuchen ermittelt. Die Ergebnisse sind
in Dauerfestigkeitsschaubildern zusammengestellt. Wegen des Spannungsgefälles
(Abb. 4.36) und der damit verbundenen Stützwirkung sind die meist an runden Pro-
ben ermittelten Dauerfestigkeitswerte bei Biegung größer als die bei gleichmäßi-
ger Spannungsverteilung in Zugstäben gewonnenen Werte, erfahrungsgemäß ist
σbD ≈ (1, 2 . . . 1, 4)σzD . Allerdings ist hier eine Einschränkung hinsichtlich der
Probengröße zu machen. Während die Dauerfestigkeit bei gleichmäßiger Span-
nungsverteilung nahezu unabhängig von der Größe des Querschnitts ist, ist sie
bei der ungleichmäßigen Spannungsverteilung der Biegung von der Probengröße
abhängig. Die Wahrscheinlichkeit eines Dauerbruchs bei hoch beanspruchtem Ma-
terialvolumen ist größer als bei geringem Volumen, in dem die Spannung steil
abfällt (Abb. 4.36). Die in Dauerfestigkeitsschaubildern meist mit der Probengröße
von etwa 10 mm Durchmesser enthaltenen Werte der Dauerfestigkeit σbD 10 sind
für größere Querschnitte mit einem Größenfaktor b0 < 1 zu multiplizieren, also
σbD = b0 σbD 10 . Für Wellen bei Umlaufbiegung sind Mittelwerte für b0 in Abb.
4.37 aufgetragen. In dünnwandigen Konstruktionen wird bei Biegung häufig mit
der Dauerfestigkeit bei Zugbeanspruchung gerechnet, weil die kräftigen Flansche z.
B. von I-Profilen annähernd gleichmäßig nur auf Zug oder Druck beansprucht sind
(s. Aufgabe 4.24).

4.4.2 Kerbwirkung

Ähnlich wie bei der Zugbeanspruchung tritt auch bei der Biegung Kerbwirkung an
Bohrungen, Querschnittsübergängen, Rillen, Nuten, Passsitzen u.a. auf. Diese wird
ebenfalls durch die Formzahl αk bzw. die Kerbwirkungszahl βk erfasst und, falls

x 1
Mb /Wb

σb

Abb. 4.35 Biegespannungs-


verteilung in einem Balken
aus Gusseisen mit symmetri-
schem Querschnitt (1 - lineare
Spannungsverteilung)
4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung 127

∅10
Abb. 4.36 Biegespannungs-
verteilung in einer Welle
σb
mit kleinem und großem
Durchmesser

∅100
nötig, durch Indizes z für Zug, b für Biegung und t für Torsion unterschieden, Zah-
lenwerte findet man in Taschenbüchern, z. B. [22; 27; 45] oder in [37].

4.4.3 Versagen bei ruhender und schwingender Beanspruchung

Ist Versagen bei ruhender Biegebeanspruchung durch bleibene Formänderungen


möglich, dann berechnet man Sicherheit bzw. zulässige Spannung aus

n0,2 Re n0,2 Re
SF = und σzul = . (4.59)
σb SF
Bei spröden Werkstoffen gelten sinngemäß die Gln. (3.1), (3.2) und (3.11) mit der
Biegefestigkeit σbB .
Ist Versagen bei schwingender Biegebeanspruchung durch Dauerbruch möglich,
dann ist
b0 σD b0 σD
SD = und σzul = . (4.60)
ok βk σbn ok βk SD
σbn ist die auf den gekerbten Querschnitt bezogene Biegenennspannung.
Für die Bemessung von Biegestäben kann man die noch unbekannten Einflüsse
von Kerbwirkung, Größe usw. wieder in einer Sicherheitszahl S∗ zusammenfassen.

ok βk SD
S∗ = .
b0

0, 8
Größenfaktor b0

0, 6

Abb. 4.37 Größenfaktor 0, 4


b0 in Abhängigkeit vom 20 40 60 80 100 120
Durchmesser Wellendurchmesser in mm
128 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Diese kann 5 bis 8 betragen.

4.4.4 Anwendung auf Biegebeanspruchung

Beispiel 4.22 (Sicherheit gegen Dauerbruch).


Für die Welle aus E360 (ηk = 0, 65) in Beispiel 4.19 ist die Sicherheit gegen Dauer-
bruch bei wechselnder Biegebeanspruchung an den beiden Durchmesserübergängen
dN auf d1 und d2 auf dZ nachzuweisen (Übergangsradien ρ1 = 5 mm und ρ2 =
2 mm poliert).
Lösung 4.22
Aus der Tabelle 4 in [22] (Anhang E 1) für die Formzahlen abgesetzter Wellen bei Biegung errech-
net man am Übergang von dN auf d1 mit

t1 dN − d1 (130 − 112) mm a1 d1 112 mm


= = = 1, 8, = = = 11, 2
ρ1 2ρ1 2 · 5 mm ρ1 2ρ1 2 · 5 mm
die Formzahl αk = 2, 1. Gleichung (3.16) ergibt die Kerbwirkungszahl

βk = 1 + (αk − 1)ηk = 1 + 1, 1 · 0, 65 = 1, 715 .

Mit dem Größenfaktor b0 = 0, 6 (Abb. 4.37), der Wechselfestigkeit σbW = 320 N/mm2 für E360
und der auf den Durchmesser d1 bezogenen Nennspannung σbn = σzul = 59 N/mm2 ist die Si-
cherheit nach Gl. (4.60)

b0 σbW 0, 6 · 320 N/mm2


SD = = = 1, 9 .
ok βk σn 1 · 1, 715 · 59 N/mm2

Am Übergang von Durchmesser d2 auf dZ erhält man auf die gleiche Weise mit t2 /ρ2 = 3, 75 und
a2 /ρ2 = 16, 25 die Formzahl αk = 2, 45, das entspricht der Kerbwirkungszahl βk = 1, 94. Mit
dem Größenfaktor b0 = 0, 65 ist die Sicherheit SD = 1, 82. Rechnet man am Nabensitz (Erhöhung
von 120 mm rechnerischem Durchmesser auf 130 mm) mit der geschätzten Kerbwirkungszahl
βk ≈ 2, 5 für Längsnut, ist

Mb max 1 · 107 Nmm


σb = = = 46,3 N/mm2
Wb 216 · 103 mm3
und
320 N/mm2 · 0, 6
SD = = 1, 66 .
2, 5 · 46,3 N/mm2
Da SD mindestens 1,5 sein soll, ist die Welle somit ausreichend bemessen.

Beispiel 4.23 (Sicherheit gegen Dauerbruch).


Eine umlaufende glatte Maschinenwelle(∅10 mm) aus E335 (ηk = 0, 6) ist an bei-
den freien Enden im Abstand 100 mm von den Lagern durch je eine Gewichtskraft
belastet (Abb. 4.38). Wie groß ist die zulässige Gewichtskraft, wenn zweifache Si-
cherheit gegen Dauerbruch vorgeschrieben ist? Auf welchen Wert muss die Kraft
verringert werden, wenn die Welle in der Mitte zwischen beiden Lagern eine Quer-
bohrung d = 3 mm erhält (Abb. 4.38 b)?
4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung 129

Lösung 4.23
Das Biegemoment zwischen den Lagern ist konstant und beträgt Mb = FG a. Die erste Gl. (4.38)
ergibt
FGzul = Mb zul /a = Wb σzul /a .
Da die Welle wechselnd auf Biegung beansprucht ist, benötigt man die Biegewechselfestigkeit.
Einem Schaubild für E360 [22] entnimmt man σbW = 280 N/mm2 . Mit b0 = ok = βk = 1 ergibt
die zweite Gl. (4.60) die zulässige Spannung

280 N/mm2
σzul = = 140 N/mm2 .
2
Das Widerstandsmoment für Kreisquerschnitt ist Wb = πd3 /32 = 98,2 mm3 . Somit ist

98,2 mm3 · 140 N/mm2


FGzul = = 137,5 N .
100 mm
Mit einer Querbohrung in der Welle ist die in Abb. 4.38 b) eingezeichnete y-Achse als Nulllinie
für die Berechnung des Widerstandsmoments maßgebend. Wenn das Verhältnis d/D < 0, 5 ist,
ergibt sich das kleinste Wiederstandsmoment näherungsweise aus
 
π 3 1 1 π 4 d
Wb min = D − dD2 = D3 − = 48,1 mm3 .
32 6 8 4 3D

Diese Rechnung ist zulässig, wenn die Bohrung in der Mitte der Welle liegt. Für das Bohrungs-
verhältnis d/D = 0, 3 entnimmt man die Formzahl αk = 1, 9 [45], die Kerbwirkungszahl aus
Gl. (3.17) beträgt dann βk = 1, 54. Nunmehr ist

σbW 280 N/mm2


σzul = = = 90,9 N/mm2
ok βk SD 1 · 1, 54 · 2
und
48,1 mm3 · 90,9 N/mm2
FGzul = = 43,7 N .
100 mm
Die Gewichtskraft muss demnach also von 137,5 N auf etwa 44 N verringert werden, wenn eine
Querbohrung vorhanden ist.

Beispiel 4.24 (Zweifach gelagerte Welle).


Die umlaufende zweifach gelagerte Welle (Abb. 4.39) ist durch die Gewichtskraft
FG am freien Ende wechselnd auf Biegung beansprucht. Bei welchem Längen-

a) a a b)
l
∅3 d
∅10

FG FG y
z
D

Abb. 4.38 Umlaufende Welle


a) Gewichtsbelastung an den Enden
b) Längs- und Querschnitt durch die Welle mit Querbohrung
130 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

Abb. 4.39 Umlaufende Welle a) l l1


a) Geometrie und Belastung FG

d
b) Biegemomentenverlauf A C

B D a

b)

FG (a − l1 )
FG a
x
Mb (x)

verhältnis l1 /a ist die wirksame Spannung im Querschnitt CD gleich groß wie die
Spannung im Querschnitt AB?
Lösung 4.24
Setzt man in beiden Querschnitten gleichen Oberflächenbehandlungszustand voraus und ver-
nachlässigt den Einfluss des Lagersitzes im Querschnitt AB, dann ergibt sich aus der gestellten
Bedingung der Ansatz
σb(AB) = βk σb(CD) .
Dem Abb. 4.39 b) entnimmt man die Biegemomente

Mb(AB) = −FG a, Mb(CD) = −FG (a − l1 ) .

Somit ist mit σb = Mb /Wb

FG a 32 FG (a − l1 )32
= βk
πD3 πd3
und
1 d3
a − l1 = a.
βk D3
Das gesuchte Längenverhältnis ergibt sich daraus zu
 3
l1 1 d
= 1− .
a βk D

Beispiel 4.25 (Umlaufende Achse).


Auf die höchstbeanspruchte Seite der umlaufenden Achse eines Schienenfahrzeuges
wirken in der Kurvenfahrt die folgenden dynamischen Kräfte: Achskraft F = 50 kN,
Radkraft Fq = 60 kN und Seitenkraft Fh = 25 kN (Abb. 4.40 a).
Die Durchmesser d1 und d2 sind zu bemessen und die Sicherheiten zu berechnen
(Stahl 34 CrMo 4V 800 . . .950 N/mm2 mit σbW = 400 N/mm2 , ηk = 0, 75).
Lösung 4.25
Mit der geschätzten Sicherheit S∗ = 5 ist σzul = 80 N/mm2 . Die Berechnungsquerschnitte sind
AB und CD. Für den Querschnitt AB ergibt die zweite Gl. (4.38) und Abb. 4.40 b)
4.4 Zulässige Spannung und Sicherheit bei Biegung 131

Mb(A−B) 219 · 105 Nmm


Wb1 = = = 274 · 103 mm3 .
σzul 80 N/mm2

Man wählt den Durchmesser d1 = 140 mm mit Wb1 = 269,4 cm3 . Damit ist σn1 = 81,3 N/mm2 .
Für den Übergang von d1 auf den mit 150 mm angenommenen Bunddurchmesser ist t1 /ρ1 = 0, 5
und a1 /ρ1 = 7, wenn man als Radius ρ1 = 10 mm vorsieht. Dem entspricht die Formzahl
αk = 1, 6 und die Kerbwirkungszahl βk = 1, 45. Nimmt man wenig bearbeitete Oberfläche
(ok = 1, 3) an und wählt b0 = 0, 6 (Abb. 4.37), dann ist nach Gl. (4.60) die Sicherheit bei wech-
selnder Biegebeanspruchung

400 N/mm2 · 0, 6
SD = = 1, 57 .
1, 3 · 1, 45 · 81,3 N/mm2

In Analogie erhält man im Querschnitt CD mit den Zahlenwerten d2 = 90 mm, Wb2 = 71,6 cm3 ,
σn2 = 62,8 N/mm2 , t2 /ρ2 = 5, a2 /ρ2 = 9, αk = 2, 2, βk = 1, 9, ok = 1 (polierter Übergang
mit ρ2 = 5 mm) und b0 = 0, 61 die Sicherheit SD = 2, 04. Die Achse ist in den gefährdeten
Querschnitten ausreichend bemessen, wenn mindestens 1,5fache Sicherheit verlangt wird.

a)

60 200

F
A C

d2
d1

5r
1 000

10r 90 90

B D

Fh

Fq
b)
Mb (x) in Nm

12 500
21 900

4 500

Abb. 4.40 Achse eines Schie-


nenfahrzeuges
10 000

a) Achsenteil mit eingezeich-


neten Kräften
b) Biegemomentenverlauf x
132 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

4.5 Aufgaben zu Kapitel 4

4.5.1 Aufgaben zu Abschnitt 4.1

Aufgabe 4.1 (Flächenmomente 2. Ordnung). Man berechne für die folgenden


Flächen die angegebenen Flächenmomente 2. Ordnung:
a) Rechteck mit Breite b = 150 mm < 17 mm >, Höhe h = 230 mm < 42 mm >;
Flächenmomente Iy und Iz (Tabelle 4.1),
b) Kreis mit Durchmesser d = 135 mm < 19,5 mm >; Flächenmomente Ia und IpS ,
c) Kreisring mit Außendurchmesser da = 185 mm < 45 mm >, Innendurchmesser
di = 145 mm < 35 mm >; Flächenmomente Ia und IpS .

Aufgabe 4.2 (Flächenmoment Kreisringstück). Für das in Tabelle 4.1 angegebe-


ne Kreisringstück berechne man die dort aufgeführten Flächenmomente 2. Ord-
nung durch Integration der Definitionsgleichungen (4.6) und (4.8). Wie groß ist das
Flächenmoment für die Halbkreisringfläche (Abb. 4.41)?

Abb. 4.41 Halbkreisring- z


fläche
S η
zS

40 y
60

Aufgabe 4.3 (Flächenmoment Quadrat). Man zeige, dass für ein Quadrat (Tabel-
le 4.1) Ia = Iy = a4 /12 ist.

Aufgabe 4.4 (Abstand des Schwerpunktes). Wie groß sind der Abstand zS des
Schwerpunktes von der unteren Kante und die Flächenmomente Iy und Iz des Quer-
schnitts in Abb. 4.42?

z
60

180

60
480

S y
60
zS

360
Abb. 4.42 I-Querschnitt
4.5 Aufgaben zu Kapitel 4 133

Aufgabe 4.5 (Schwerpunktabstand Träger). Ein Träger ist aus einem Stegblech
und vier ungleichschenkligen Winkelstählen zusammengesetzt. Man berechne den
Schwerpunktabstand zS von der unteren Kante und das Flächenmoment Iy der
Querschnittsfläche (Abb. 4.43). Man vergleiche die Anteile des Flächenmoments

z
*

L100 × 50 × 10
DIN1029
S

240
y

zS
Abb. 4.43 Zusammen-
gesetzter Querschnitt 10

und des Gewichts der Stegfläche mit denen der Gesamtfläche in Prozenten.

Aufgabe 4.6 (Polares Flächenmoment Kreisring). Für eine Kreisringfläche soll


das polare Flächenmoment IpS = 4 760 cm4 betragen. Wie groß sind die Durchmes-
ser des Kreisrings bei di /da = 0, 8 zu wählen?

Aufgabe 4.7 (Gleichgroße Flächenmomente). Ein Träger ist aus vier ungleich-
schenkligen Winkelstählen 200 × 100 × 10 zusammengesetzt (Abb. 4.44). Der Ab-
stand 2a ist so zu bestimmen, dass die Flächenmomente Iy und Iz gleich groß sind.

ey
ez

S y

Abb. 4.44 Komplexer


Trägerquerschnitt 2a

Aufgabe 4.8 (Flächenmomente und Lage der Hauptachsen). Für die in Abb. 4.45
a), b) und c) gezeichneten Flächen berechne man die Flächenmomente Iy , Iz und
Iyz , die Lage der Hauptachsen sowie die Hauptflächenmomente.
134 4 Biegebeanspruchung gerader Balken
a) b) c)
80 z
z z

20

zS
60

60
S

140
150

y y y
S S

20
zS
20 70

30
yS 15
80 100 45

Abb. 4.45 Verschiedene Flächen

4.5.2 Aufgaben zu Abschnitt 4.2

Aufgabe 4.9 (Widerstandsmomente). Für die in Abb. 4.46 gezeichneten Quer-


schnittflächen sind die Widerstandsmomente gegen Biegung zu berechnen, Biege-
achse (Nulllinie) ist die y-Achse. Anleitung: Zunächst die Flächenmomente Iy be-
rechnen.

a) b) c) d)
160
U 200
100
20

120 80 DIN 1 026


60
z1
z1

z1

275
20

y S 20 y S
160
120
180

y y S
z2

S
20

z2

z2

z z
I 200 z
z 60 DIN 1 025 Bl.1

Abb. 4.46 Verschiedene Querschnittflächen

Aufgabe 4.10 (Biegespannungen in einer Welle). Eine Welle wird auf Biegung
beansprucht.
a) Wie groß sind die größten Biegespannungen
1. bei einer Vollwelle mit d = 100 mm,
2. bei Hohlwellen mit da = 100 mm und di = 50 mm bzw. 80 mm bei jeweils
gleichem Biegemoment Mb = 49 · 105 Nmm?
Der Biegespannungsverlauf über der Querschnitthöhe ist darzustellen.
b) Bei welchem Außendurchmesser da werden in Hohlwellen mit gleichem Verhält-
nis di /da wie im Fall 2. die Randbiegespannungen genau so groß wie bei 1.?
c) Man vergleiche die relative Masseersparnis der Hohlwellen gegenüber der Voll-
welle mit der Zunahme der Biegerandspannungen.
4.5 Aufgaben zu Kapitel 4 135

Aufgabe 4.11 (Tragfähigkeitsnachweis). Die Tragfähigkeit Mb zul von Trägern mit


verschiedener Querschnittsform, aber gleicher Querschnittsfläche (d. h. gleichem
Gewicht) ist zu berechnen und miteinander zu vergleichen. Welche Schlüsse las-
sen sich daraus für die konstruktive Gestaltung von Trägern ziehen? Gegeben sind:
A = 4000 mm2 , σzul = 140 N/mm2 , Querschnittsformen a) Quadrat, Kantenlänge
a; b) Rechteck, h/b = 2; c) Kreis, Durchmesser d; d) I-Träger nach DIN 1 025, Bl.
1; e) 2 ungleichschenklinge Winkelstähle nach DIN 1 029, mit den langen Schen-
keln fest verbunden; f) Kreisring, di /da = 0, 8. Die errechneten Maße sind auf ganze
Millimeter zu runden.
Aufgabe 4.12 (Tragfähigkeitsnachweis). Wie groß ist die Tragfähigkeit der in
Abb. 4.47 dargestellten Träger?
Gegeben sind: a) σzul = 12 N/mm2 , b) σzul = 140 N/mm2 .

a) q b) Hohlwelle ∅100/∅75

15
2 500 F

900 4 000
1 800 180

Abb. 4.47 Träger unter verteilter Last


a) Freiträger mit über die halbe Länge gleichmäßig verteilter Last q
b) Hohlwelle mit außermittiger Einzellast

Aufgabe 4.13 (Biegerandspannungen). Ein Träger hat die in Abb. 4.48 gezeich-
nete Querschnittform und wird durch das Biegemoment Mb = 20 kNm belastet.
Die Biegerandspannungen sind zu berechnen, der Verlauf der Biegespannungen ist
maßstäblich über der Trägerhöhe aufzuzeichnen.

80
20 20
20
z1

80

S
y
200
z2

Abb. 4.48 Querschnitt eines


Trägers aus Stegblech und
zwei Winkelstählen z

Aufgabe 4.14 (Biegung einer Welle). Eine Welle aus Stahl mit dem Durchmesser
d = 52 mm ist nach Abb. 4.49 gelagert und belastet. Wie groß sind
136 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

900
200

∅52
Abb. 4.49 Welle mit zwei
entgegengesetzt gerichteten
Einzelkräften F = 10 kN an F
200
den Enden

a) die größte Biegespannung,


b) die erforderlichen Abmessungen di und da der als Hohlwelle auszubildenden
Welle bei gleicher Biegerandspannung wie in a); di /da = 0, 7,
c) die relative Gewichtsersparnis gegenüber der Vollwelle?

Aufgabe 4.15 (Biegung einer Rundstange). Eine Rundstange aus Stahl mit dem
Durchmesser d = 20 mm hängt in der Mitte an einem Kran. Bei welcher Länge
l der Stange erreicht die größte Biegespannung in der Stange die Fließgrenze
σbF = 210 N/mm2 des Werkstoffs (Dichte ρ = 7,85 g/cm3 )?

Aufgabe 4.16 (Freiträger). Ein Freiträger ist durch die gleichmäßig verteilte Last
q belastet (Abb. 4.50). Er soll als Träger gleicher Biegbeanspruchung ausgeführt
werden. Welche Form hat der Träger, wenn
a) die Breite des Rechteckquerschnitts,
b) die Höhe des Rechteckquerschnitts
konstant bleibt?

x
Abb. 4.50 Freiträger mit l
gleichmäßig verteilter Last q

Aufgabe 4.17 (Zweifach gestützter Träger). Ein I-Träger 120 DIN 1 025, Bl. 1,
aus S235JR ist zweifach gestützt, Stützweite l = 3 000 mm, und durch q = 20 kN/m
gleichmäßig belastet. Er ist für diese Last zu schwach bemessen und soll oben
und unten durch je zwei angenietete oder geschweißte Laschen 58 mm × 10 mm
verstärkt werden (Abb. 4.51).
a) Wie groß sind die Laschenlängen l1 und l2 zu wählen, damit der Träger der Form
eines Trägers gleicher Biegebeanspruchung angenähert wird?
b) Man stelle den Randspannungsverlauf längs der x-Achse dar.
c) Wie groß ist die größte Biegespannung ohne die Laschen? Was bedeutet dieses
Ergebnis?
4.5 Aufgaben zu Kapitel 4 137

q in kN/m

x
58 × 10 I 120

Abb. 4.51 Träger auf zwei l2


Stützen mit gleichmäßig l1
verteilter Last q sowie l
Verstärkungslaschen

d) Welches I-Profil ist zu wählen, damit ohne Laschen die Biegespannung in der
Mitte nicht größer ist als im Fall a)?
e) Welche Gewichtsersparnis ergibt sich im Fall a) gegenüber d)?

4.5.3 Aufgaben zu Abschnitt 4.3

Aufgabe 4.18 (Gittermast). Ein Gittermast, Höhe 4 300 mm, besteht aus 4 fest
miteinander verbundenen ungleichschenkligen Winkelstählen 100 × 50 × 10 nach
DIN 1 029. Der Einspannquerschnitt am Boden ist in Abb. 4.52 gezeichnet. Zwei
gleiche Zugkräfte der gespannten Drähte wirken an der Spitze des Mastes in den ge-
zeichneten Richtungen. Wie stark dürfen die Drähte gespannt sein, wenn die zulässi-
ge Spannung 25 N/mm2 im Mast nicht überschritten werden darf?

300

S
200

FS z
60◦

Abb. 4.52 Einspannquerschnitt


eines Gittermastes y FS

Aufgabe 4.19 (Freiträger). Ein Freiträger, Länge l = 2 000 mm, aus hochstegigem
T-Stahl 120 nach DIN 1 024 ist am freien Ende durch die um α = 30◦ zur Verti-
kale geneigte Last F = 2 500 N belastet (Abb. 4.53). Lage der Nulllinie und größte
Biegespannung sind zu berechnen.

Aufgabe 4.20 (Belastungsrichtung). In welche Richtung muss ein Träger mit dem
Querschnitt nach Abb. 4.45 a) belastet werden, damit die Nulllinie mit der y-Achse
zusammenfällt und der Träger sich somit in z-Richtung durchbiegt? (In Abschnı́tt
5.6 wird gezeigt, dass bei schiefer Biegung die Durchbiegung senkrecht zur Nullli-
nie erfolgt.)
138 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

l
Schnitt A-B
α A
F
F
Abb. 4.53 Freiträger mit
T-Querschnitt und um den y
Winkel α geneigter Einzellast z
F am Ende B

Aufgabe 4.21 (Konsole). Eine Konsole mit Winkelquerschnitt (Abb. 4.54 a), Länge
l = 1 500 mm, ist am freien Ende durch die vertikale Kraft Fz = 12 kN und durch
die horizontale Kraft Fy = 3 kN belastet.

a)
Fz Fz A
Fy
y Fy
z l
B
b) 120 c)
Abb. 4.54 Freiträger mit zwei
Kräften S
S
a) Einzelkräften am freien

30
y y
180

Ende
b) Winkelquerschnitt
c) Querschnitt aus Doppel- z
30
winkel z

a) Man berechne für den Querschnitt (Abb. 4.54 b) die Flächenmomente Iy , Iz und
Iyz , die Lage der Hauptachsen, die Hauptflächenmomente I1 und I2 , die Lage
der Nulllinie sowie die größten Zug- und Druckbiegespannungen. An welchen
Querschnittspunkten treten letztere auf?
b) Zwei Winkelprofile (Abb. 4.54 b) werden zur Konsole (Abb. 4.54 a) fest mitein-
ander verbunden (Abb. 4.54 c) und mit den doppelten Kräften wie oben in y- und
z-Richtung belastet. Wie groß sind nunmehr die größten Zug- und Druckbiege-
spannungen und wo treten sie auf?

4.5.4 Aufgaben zu Abschnitt 4.4

Aufgabe 4.22 (Sicherheit gegen Dauerbruch). Für die in Abb. 4.55 gezeichnete
umlaufende Welle aus Stahl C 60 (σbW = 340 N/mm2 , ηk = 0, 6) mit einer Ril-
lenkerbe (ok = 1, 1) zwischen den Lagern ist die Sicherheit gegen Dauerbruch zu
berechnen, FG = 50 N.
Aufgabe 4.23 (Biegung einer Blattfeder). Eine geschliffene Blattfeder aus einem
Federstahl (σzul = 320 N/mm2 , ηk = 0, 9) mit Rechteckquerschnitt ist am freien
Ende durch die Last F = ±Fa wechselnd auf Biegung beansprucht (Abb. 4.56).
4.5 Aufgaben zu Kapitel 4 139

Abb. 4.55 Umlaufende Welle FG FG


mit Rillenkerbe unter Ge-
X
wichtsbelastung
100 l 100

0, 5r
Einzelheit X

∅10
∅8
a) Die zulässige Last Fa zul ist zu ermitteln.
b) Im Abstand 180 mm vom linken Lager wird zusätzlich eine Querbohrung mit
einem Durchmesser d = 1, 5 mm (αk = 2, 2) angebracht (Abb. 4.56 b). Wie wird
dadurch die Beanspruchung der Feder mit der in a) ermittelten Last beeinflusst?
c) In welchem Abstand vom linken Lager darf die Bohrung höchstens liegen, damit
die wirksame Spannung im gebohrten Querschnitt und die Biegespannung im
rechten Lager gleich groß sind?

180
300 200
Abb. 4.56 Blattfeder a) b)
30 30
5

5
a) Rechteckquerschnitt
b) Querschnitt mit Bohrung ∅1, 5

Aufgabe 4.24 (Gitterträger). Ein Gitterträger (Werkstoff S235JR) auf zwei Stützen
ist aus zwei Profilstählen U 80 nach DIN 1 026 zusammengeschweißt (Abb. 4.57).

Einzelheit A U 80

q
h

y
2 000 A
6 000
10 000
30

Er wird schwellend mit der


gleichmäßig verteilten Last q = (20/3) kN/m über die Länge 6 000 mm belastet. Zu berechnen
sind:
a) der Biegemomentenverlauf längs der Trägerachse,
b) die erforderliche Trägerhöhe h für die zulässige Spannung σzul = 70 N/mm2 und
c) die Sicherheit gegen Dauerbruch, wenn im unteren U-Stahl 30 mm von der Unterkante entfernt
in Trägermitte auf jeder Seite eine Bohrung von 8 mm Durchmesser angebracht wird (βk =
1, 6).

Abb. 4.57 Gitterträger auf zwei Stützen mit gleichmäßig verteilter Last q
140 4 Biegebeanspruchung gerader Balken

4.6 Formelzusammenfassung Kapitel 4

• Flächenmomente 1. Ordnung (statische Flächenmomente)


 
Hz = y dA, Hy = z dA ,

• Koordinaten des Schwerpunktes


 
1 1 1 1
yS = y dA = yi dAi , zS = z dA = zi dAi ,
A A A A
i i

• axiale Flächenmomente 2. Ordnung


 
Iz = y2 dA, Iy = z2 dA ,

• polares Flächenmoment 2. Ordnung


 
Ip0 = r2 dA = (y2 + z2 )dA = Iy + Iz ,

• gemischte Flächenmoment

Iyz = yz dA ,

• Parallelverschiebung der Flächenmomente 2. Ordnung

Iz = Iζ + y2S A, Iy = Iη + z2S A,

Ip0 = IpS + r2S A ,


Iyz = Iηζ + yzA ,
• Drehung der Flächenmomente 2. Ordnung

Iy + Iz Iy − Iz
Iη = + cos 2ϕ − Iyz sin 2ϕ,
2 2
Iy + Iz Iy − Iz
Iζ = − cos 2ϕ + Iyz sin 2ϕ,
2 2
Iy − Iz
Iηζ = sin 2ϕ + Iyz cos2ϕ .
2
• Biegespannung
Mby
σb (z) = z
Iy
Kapitel 5
Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Ein durch Biegemomente und Querkräfte beanspruchter gerader Balken erfährt


durch die Verlängerung und Verkürzung der einzelnen Fasern beiderseits der neu-
tralen Faser eine Krümmung. Wenn die Querschnittabmessungen klein gegenüber
der Balkenlänge sind, kann die Verformung durch Schubspannungen infolge der
Querkräfte gegenüber der Verformung durch die Biegespannungen vernachlässigt
werden (s. a. Abschnitt 8.6).
Wir berücksichtigen nur die Biegeverformung des Balkens und betrachten da-
bei die Verschiebung der Balkenachse gegenüber dem unbelasteten Zustand. Die
Gestalt, welche die ursprünglich gerade Balkenachse bei der Biegung annimmt, be-
zeichnet man als Biegelinie oder elastische Linie.
Für die Berechnung der elastischen Linie setzen wir zunächst gerade Biegung
voraus, dann ist die Biegelinie eine ebene Kurve.

5.1 Krümmung der Biegelinie

In Abschnitt 4.2.1 wurde der Zusammenhang zwischen dem Krümmungsradius ρ,


der Balkenachse und der Dehnung ε(z) einer Faser im Abstand z von der Nulllinie
gefunden. Aus der zweiten Gl. (4.24) folgt mit ζ = z die Krümmung

1 dx 1 ε(z)
= = . (5.1)
ρ dx z z
Mit Gl. (4.26) erhält man
1 εRand
= . (5.2)
ρ z2
Mit dem H OOKE’schen Gesetz σ = Eε folgt
1 σbRand
= (5.3)
ρ Ez2

141

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_5,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
142 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

oder nach Umstellen


σbRand z2
= . (5.4)
E ρ
Bei Balken mit symmetrischem Querschnitt ist z1 = z2 = h/2. Mit σbRand ≡ σb
erhält man
σb h
= . (5.5)
E 2ρ
Satz 5.1 (Biegerandspannung). Die Biegerandspannung in einem Balken verhält
sich zum Elastizitätsmodul seines Werkstoffs wie der Randabstand zum Krümmungs-
radius der Balkenachse.
Mit Hilfe von Gl. (5.5) ist es möglich, den zulässigen Krümmungsradius bzw.
den Rollen- oder Raddurchmesser für die Umlenkung von Seilen, Riemen, Bändern
oder Drähten, die man als dünne Balken auffassen kann, zu ermitteln.
Beispiel 5.1 (Raddurchmesser).
Um welchen Raddurchmesser darf ein Stahlband aus DC04 nach EN 10 130 mit
dem Querschnitt 20 mm × 0,2 mm geschlungen werden, wenn die Biegespannung
ein Drittel der Proportionalitätsgrenze betragen darf?
Lösung 5.1
Mit σP = 600 N/mm2 ist die Biegespannung σb = 200 N/mm2 . Setzt man den Elastizitätsmodul
mit E = 2 · 105 N/mm2 in Rechnung, folgt aus Gl. (5.5) mit h = 0, 2 mm

E 2 · 105 N/mm2
D + h = 2ρ = h= · 0,2 mm = 200 mm, D = 199,8 mm ≈ 200 mm .
σb 2 · 102 N/mm2

Beispiel 5.2 (Randdehnung).


Wie groß ist die Randdehnung in einem weichen Stahldraht mit dem Durchmesser
d = 2 mm, der über eine Rolle mit D = 40 mm Durchmesser gebogen wird?
Lösung 5.2
Aus Gl. (5.2) folgt mit z2 = d/2 und 2ρ = D + d

d 2 mm
εRand = = = 0,047 6 = 4, 8% .
D+d 42 mm

Mit der Fließgrenze σF ≈ 200 N/mm2 für geglühten Stahldraht folgt die rechnerische Fließdeh-
nung εF = σF /E ≈ 1/1 000 = 0, 1%. Der Draht wird beim Biegen um die Rolle stark plastisch
verformt.

5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie

In Abb. 5.1 ist ein Teilstück der durch das positive Biegemoment gebogenen Balken-
achse dargestellt. Die durch die Krümmung des Balkens hervorgerufene Verschie-
bung aller Punkte der Achse heißt Durchbiegung w. Die Durchbiegung wird nach
unten positiv gezählt. Setzt man die Randbiegespannung aus Gl. (4.29) in Gl. (5.3)
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 143

Abb. 5.1 Teilstück der durch


x
das Biegemoment Mby ge-

ρ
bogenen Achse
α Mby x

w(x)
ds

dw
w(x) dx
Mby

ein, findet man den Zusammenhang zwischen Biegemoment und Krümmung der
Balkenachse
1 Mby (x)
= , (5.6)
ρ EIy
wenn wir den Allgemeinen Fall des mit x veränderlichen Biegemoments berück-
sichtigen. Iy ist das auf die y-Achse des Querschnitts als Nulllinie bezogene
Flächenmoment 2. Ordnung.
Um die Durchbiegung w analytisch ermitteln zu können, müssen wir noch ihren
Zusammenhang mit der Krümmung suchen. Der Neigungswinkel der Tangente an
die Biegelinie ist durch die Beziehung gegeben
dw
tan α = = w . (5.7)
dx
In der Mathematik ist die Krümmung einer ebenen Kurve als die Änderung dα des
Neigungswinkels α bezogen auf die Bogenlänge ds definiert. In dem gewählten Ko-
ordinatensystem (Abb. 5.1) entspricht einem positiven Biegemoment eine Abnahme
des Neigungswinkels α mit fortschreitendem x, also negativem dα. Somit ist auch
die Krümmung negativ
1 dα
=− . (5.8)
ρ ds
Die weitere Umformung dieser Beziehung [11; 22] führt auf die Gleichung

1 w 
=− . (5.9)
ρ (1 + w  2 )3/2

Die Ermittlung der Durchbiegung w(x) über diese allgemeine Beziehung in Verbin-
dung mit Gl. (5.6) führt auf nichtlineare Differentialgleichungen, die im Allgemei-
nen geschlossen nicht lösbar sind.

5.2.1 Differentialgleichung 2. Ordnung

Beschränken wir uns auf die in technischen Balken vorkommenden kleinen Durch-
biegungen und kleinen Neigungswinkel, dann ist w  2  1, und es folgt aus Gl. (5.9)
144 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

1
= −w  . (5.10)
ρ

Die vorstehend getroffene Vernachlässigung ist für Neigungswinkel bis etwa 100
zulässig. Es ist tan 100 = 0,176 3 und tan2 100 = 0,031 1. Der Fehler beträgt also
weniger 5%.
Mit Gl. (5.9) ergibt sich nunmehr aus Gl. (5.10)

d2 w Mby (x)
= w  = − . (5.11)
dx2 EIy

Diese Differentialgleichung der Biegelinie 2. Ordnung ist die Ausgangsgleichung


zur Ermittlung der Durchbiegung. Ist Mby (x) selbst von der Durchbiegung w un-
abhängig, dann kann die Gleichung direkt integriert werden.
Durch einmalige Integration erhält man die Neigung der Tangente an die Biege-
linie mit tan α = w  (x) und damit den Neigungswinkel α, durch zweimalige Inte-
gration die Biegelinie w(x). Die zwei Integrationskonstanten sind aus den kinema-
tischen Randbedingungen (aus der Konstruktion bekannte Werte für w  und w, z.
B. an Lagerstellen) zu bestimmen. Durch Einsetzen bestimmter Werte für x in die
gefundenen Funktionen w  (x) und w(x) kann man Neigungswinkel und Durch-
biegung an jeder gewünschten Stelle ermitteln. Besonders interessieren häufig die
Durchbiegungen an Lastangriffsstellen und die Neigungswinkel an Lagerstellen.
Das Produkt EIy in Gl. (5.11) heißt Biegesteifigkeit. Die Biegeverformungen
sind um so kleiner, je größer der Elastizitätsmodul des Balkenwerkstoffs und das
Flächenmoment 2. Ordnung der Querschnittsfläche, bezogen auf die Nulllinie, sind.
In vielen Fällen ist die Biegesteifigkeit EIy konstant, die Gl. (5.11) schreibt man
dann zweckmäßiger in der Form

EIy w  = −Mby (x) . (5.12)

Ist die Biegesteifigkeit nicht konstant, z. B. bei abgesetzten Wellen mit verschie-
denen Durchmessern, muss die Gl. (5.12) abschnittsweise integriert werden, eben-
falls dann, wenn im Allgemeinen mehr als zwei äußere Kräfte am Balken angreifen
(s. Abschnitt 5.3).
Häufig ist die Vorausschätzung des ungefähren Verlaufs der Biegelinie nützlich.
Dafür ist die Gl. (5.6) geeignet. Mit Mb (x) = 0 ist auch die Krümmung Null, bei
Vorzeichenwechsel des Biegemoments hat die Biegelinie einen Wendepunkt. Wenn
also der Biegemomentenverlauf bekannt ist, kann man die ungefähre Form der Bie-
gelinie mit Nullstellen (in unverschieblichen Lagern) und Wendepunkten angeben.
Aus Gl. (5.6) erkennt man weiter, dass mit Mb = const die Krümmung konstant,
die Biegelinie also ein Kreisbogen ist.
Beispiel 5.3 (Durchbiegung und der Tangentenneigung eines Freiträgers).
Tangentenneigung w  (x) und Durchbiegung w(x) eines Freiträgers mit der Ein-
zellast F am Ende sind durch Integration der Differentialgleichung der Biegelinie
zu ermitteln. Wie groß sind insbesondere Neigungswinkel und Durchbiegung am
freien Ende des Trägers in Beispiel 4.14, Abb. 4.21?
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 145

Lösung 5.3
In die Gl. (5.12) setzen wir Mby = −Fx ein: EIy w  = Fx. Zweimaliges Integrieren ergibt

1 2 1 3
EIy w  = Fx + C1 , EIy w = Fx + C1 x + C2 .
2 6
Im Einspannquerschnitt sind Neigungswinkel und Durchbiegung Null, demnach lauten die Rand-
bedingungen w  (l) = 0 und w(l) = 0. Aus der ersten Randedingung folgt 0 = Fl2 /2 + C1 ,
also
C1 = −Fl2 /2 .
Die zweite Bedingung ergibt 0 = Fl3 /6 + C1 l + C2 , also

C2 = F(l3 /2 − l3 /6) = Fl3 /3 .

Mit diesen Konstanten ist


   
F x2 l2 F x3 l2 x l3
w = − , w= − + .
EIy 2 2 EIy 6 2 3

Für eine zahlenmäßige Auswertung bringt man diese Gleichungen zweckmäßig auf folgende Form:
   
Fl2  x 2 Fl3 1  x 3 3 x
w = −1 , w= − +1 .
2EIy l 3EIy 2 l 2l

Die Maximalwerte am freien Ende des Trägers erhält man mit x = 0 zu

Fl2 Fl3
w  (0) = tan α = − , w(0) = f = .
2EIy 3EIy

Anmerkung 5.1. Bestimmte Beträge der Durchbiegung, z. B. an der Stelle der Last, bezeichnet
man mit dem Buchstaben f.
Mit E = 2,1 · 105 N/mm2 für Stahl und den Zahlenwerten F = 4 kN, l = 1 000 mm sowie
Iy = 283 cm4 folgen

4 000 N · 106 mm2


tan α = − = −0,003 37, α = −0, 1930 ,
2 · 2,1 · 105 N/mm2 · 283 · 104 mm4
4 000 N · 109 mm3
f = = 2,24 mm .
3 · 2,1 · 105 N/mm2 · 283 · 104 mm4

Diese Werte sind außerordentlich klein, die Vernachlässigung von w  2 1 in Gl. (5.9) ist also
zulässig.

Beispiel 5.4 (Durchbiegung und Tangentenneigung eines Balkens).


Tangentenneigung w  (x) und Durchbiegung w(x) eines Balkens auf zwei Stützen
mit gleichmäßig verteilter Last q (Abb. 5.2) sind durch Integration der Differenti-
algleichung der Biegelinie zu ermitteln. Wie groß ist die Tagentenneigung an den

Abb. 5.2 Zweifach gestütz-


A x
ter Träger mit gleichmäßig B
l
verteilter Last q
146 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Stützen und die Durchbiegung in der Mitte?


Lösung 5.4
Mit der Lagerkraft FA = ql/2 ist das Biegemoment an der Stelle x

ql qx2
Mby (x) = x− .
2 2
Aus Gl. (5.12) ergibt sich nunmehr

ql qx2
EIy w  = − x+ .
2 2
Durch zweimaliges Integrieren erhält man

ql 2 qx3 ql 3 qx4
EIy w  = − x + + C1 , EIy w = − x + + C1 x + C2 .
4 6 12 24
Mit den Randbedingungen w(0) = w(l) = 0 folgt C1 = ql3 /12 − ql3 /24 = ql3 /24 und
C2 = 0. Somit ist
 3   3 
q l lx2 x3 q l x lx3 x4
w = − + , w= − + .
EIy 24 4 6 EIy 24 12 24

Mit x = 0 oder x = l ergibt sich die Tangentenneigung an den Stützen

ql3
w  (0) = −w  (l) = tan α = .
24EIy

Die Durchbiegung in der Mitte ist mit x = l/2

5ql4
w(l/2) = fm = .
384EIy

Ist das Biegemoment Mby keine über die ganze Balkenlänge glatte Funktion,
was meistens der Fall ist, erhalten wir also verschiedene Gleichungen für den Biege-
momentenverlauf, muss die Integration in getrennten Bereichen durchgeführt wer-
den. In jedem Bereich erhält man somit zwei Konstanten. Für den Träger auf zwei
Stützen mit der Einzellast F (Abb. 5.3) wählt man zweckmäßigerweise zwei Abszis-
sen x1 und x2 , die jeweils von den Stützen bis zur Last F gelten. Die Biegemomente
sind dann in den beiden Bereichen

0 < x1 < a : Mb (x1 ) = FA x1 ; 0 < x2 < b : Mb (x2 ) = FB x2

Die Integration der Differentialgleichung (5.12) in beiden Bereichen liefert formal


das gleiche Ergebnis wie in Beispiel 5.3, lediglich die Randbedingungen für die

a b
x1 x2
αA F αB
w1 w2
FA FB
Abb. 5.3 Zweifach gestützter
Träger mit Einzellast F
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 147

Ermittlung der vier Konstanten C1 . . . C4 sind anders zu formulieren, sie lauten

1.w1 (0) = 0, 2.w2 (0) = 0, 3.w1 (a) = w2 (b), 4.w1 (a) = −w2 (b) .

Das Minuszeichen in der Bedingung 4. muss gesetzt werden, weil der Anstieg der
Biegelinie an der Übergangsstelle im x1 -System positiv, im x2 -System negativ ist.
Das Ergebnis ist in Tabelle 5.1 eingetragen, ebenfalls die Ergebnisse aus den Bei-
spielen 5.3 und 5.4. Diese Tabelle enthält für eine Reihe wichtiger Grundbelas-
tungsfälle die notwendigen Angaben über die Neigungswinkel und die Durchbie-
gung. Es wird empfohlen, sich die Gleichungen für w  und w zur Übung selbst
herzuleiten (s. Aufgabe 5.1). Weitere Belastungsfälle sind in der Literatur zu finden.
Für die praktische Berechnung interessieren in vielen Fällen spezielle Werte der
Tangentenneignung an die Biegelinie und der Durchbiegung an bestimmten Stellen
eines Balkens. Bei komplizierten Belastungen, z. B. durch mehrere Kräfte oder Mo-
mente, benutzt man das Überlagerungs- oder Superpositionsgesetz der Mechanik.
Definition 5.1. Die Gesamtformänderung eines Systems ergibt sich als Summe der
Einzelformänderungen von Teilbelastungen des Systems.
Die Werte der Einzelformänderungen (Durchbiegungen und Tangentenneigungen)
entnimmt man Tabelle 5.1 oder entsprechenden Büchern. In Abb. 5.4 wird das Su-
perpositionsgesetz am Beispiel eines Trägers mit zwei Einzellasten gezeigt.
Die Durchbiegung unter der Last F1 ist f1 = f11 + f12 . Der erste Index gibt den
Ort der Durchbiegung an, also an der Stelle der Last (Wirkung), der zweite die Kraft
(oder auch das Moment), welche die Durchbiegung hervorruft, also hier entweder
F1 oder F2 (Ursache). Demnach ist f12 die Durchbiegung an der Stelle 1, verursacht
durch die Last F2 allein. Die Durchbiegung in der Mitte ist dann fm = fm1 + fm2 ,
und die Tangentenneigung in A ist tan αA = tan αA1 + tan αA2 1 .

F1 F2
αA αB
f1 fm f2
FA FB
a1 b1
αA1 F1 αB1

FA1 f11 fm1 f21 FB1


Abb. 5.4 Zweifach gestützter
Träger mit zwei Einzellasten a2 b2
F1 und F2 , Überlagerung der αA2 F2 αB2
Teildurchbiegungen und der
Neigungswinkel FA2 f12 fm2 f22 FB2

1 Es müsste richtig heißen: αA = αA1 + αA2 . Da jedoch nach der getroffenen Voraussetzung
kleiner Durchbiegungen auch die Neigungswinkel klein sind, kann man anstatt der Winkel auch
ihre Tangens addieren. Für die praktische Berechnung ist diese Schreibweise einfacher, sie ist im
folgenden (auch in Kapitel 6) konsequent beibehalten worden.
5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Tabelle 5.1 Durchbiegungen und Neigungswinkel der Tangente an die Biegelinie gerader Träger
Nr. Belastungsfall Gleichung der Biegelinie Durchbiegung Neigung tan α
F l
 
Fl3 3 x 1  x 3 Fl3 Fl2
f
w w= 1− + f= tan α =
3EI 2 l 2 l 3EI 2EI
x α
1
l
Mb Mb l 2  x 2 Mb l 2 Mb l
w w= 1− f= tan α =
2EI l 2EI EI
f x α
2
l/2 F
 
α w f Fl3 x 4  x 2 l Fl3 Fl2
w= 1− ,x  f= tan α =
x 16EI l 3 l 2 48EI 16EI
l
3
l
a        
Fl3  a 2 b 2
b
Fl3 a b 2 x1 l x2 1 l
4 w1 F w2 α2 w1 = 1+ − 1 , f= tan α1 = f 1+
α1 6EI l l l b ab 3EI l l 2a b
f
x2 x1  a  
fmax

x1  
x1max Fl3 b  a 2 x2 l x2 l+b l+b 1 l
w2 = 1+ − 2 , fmax = f tan α2 = f 1+
6EI l l l a ab 3b 3a 2b a
x2  b
(l + b)
x1max = a ,a>b
3a
wenn a < b, dann a ⇔ b
  2  3  2   Fl2 a
l a Fl3 a x1 x 1 Fl a a tan αA =
5 F w1 = 1− f= 1+ 6EI l

w1
6EI l l l 3EI l l

fmax
tan αB = 2 tan αA

w2
αB B
 x1  l  Fl2 a  a
αA
x1 α Fl3 x2
2a 3a x2  x2 2 fmax = √
Fl3 a tan α = 2+3
A x2 w2 = + − 6EI l l

f
6EI l l l l l 9 3EI l
√ x2  a
x1max = l/ 3
148
Tabelle 5.1 Fortsetzung
Nr. Belastungsfall Gleichung der Biegelinie Durchbiegung Neigung tan α
a l 
Fl3 1  x1 3 a  a  x1  
F l/2 a F w1 = − 1+ Fl3  a 2 2a Fl2 a  a
3 l l l l f= 1+ tan α1 = 1+

w2
α2 2EI  

.
 a 2 2a 2EI l 3 l 2EI l l
α1 + 1+ , x1  a
f f l 3 l Fl2 a

fm
x2 Fl3 a
Fl3 a x2  x2  fm = tan α2 =
x1 w2 = 1− , x2  l 8EI l 2EI l
6 2EI l l l
 
l Fl3 x a  a  1  x 2  
l/2 w= 1− − , Fl3  a 2 4a Fl2 a  a
a F a 2EI l l l 3 l f= 1− tan α1 = 1−
w x  a < l/2 2EI l 3 l 2EI l l
F f f  
Fl3 a x  x  1  a 2  
x w w= 1− − , Fl3 a 4  a 2 Fl2 a  a
α1 2EI l l l 3 l fm = 1− tan α2 = 1−2
x α2 8EI l 3 l 2EI l l
7 a  x  l/2

fm
l
 
q ql4 4 x 1  x 4 ql4 ql3
w= 1− + f= tan α =
w 8EI 3 l 3 l 8EI 6EI
f α
x
8
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie

l

α q ql4 x  x 2  x 3  5ql4 ql3
9 w
w= 1−2 + fm = tan α =
fm 24EI l l l 384EI 24EI
x l/2

l
l/2 α2 Mb l 2 Mb l
fm = tan α1 =
2 16EI 3EI
Mb Mb l x  x  x
10 α1 w= 1− 2−

w
fm
6EI l l l Mb l2 1
x fmax fmax = √ tan α2 = tan α1
9 3EI 2
√ √
xmax = l( 3 − 1)/ 3
149
150 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Beispiel 5.5 (Breitflanschträger).


Die Durchbiegung an der Stelle der Last F und in Trägermitte des Breitflansch-
trägers in Beispiel 4.16, Abb. 4.23, sind zu ermitteln. Wie groß ist der Einfluss des
Eigengewichts auf die Durchbiegung in der Mitte?
Lösung 5.5
Mit den in Beispiel 4.16 angegebenen Werten sowie dem E-Modul für Stahl E = 2 · 105 N/mm2
und dem Flächenmoment Iy = 7,223 · 109 mm4 ergibt sich die Durchbiegung unter der Last
(Tabelle 5.1, Fall 4)
    2  2
Fl3  a 2 b 2 3,7 · 105 N · (1,5 · 104 mm)3 6 9
f= = · · = 15,8 mm .
3EIy l l 3 · 2,1 · 105 N/mm2 · 7,223 · 109 mm4 15 15

In Trägermitte ist die Durchbiegung mit x2 = l/2


 
Fl3 b  a 2 x2 l x2
fmF = 1+ − 2
6EIy l l l a ab
 2  
3,7 · 105 N · (1,5 · 104 mm)3 9 6 1 25
= · 3, 5 − = 16,2 mm .
6 · 2,1 · 105 N/mm2 · 7,223 · 109 mm4 15 15 2 24

Die Durchbiegung infolge Eigengewichtes in der Mitte des Trägers findet man (Tabelle 5.1, Fall 9)
aus
5ql4 5 · 3 490 N/m · 15 m · (1,5 · 104 mm)3
fmq = = = 1,52 mm .
384EIy 384 · 2,1 · 105 N/mm2 · 7,223 · 109 mm4
Durch Überlagerung erhält man die Gesamtdurchbiegung in der Mitte

fm = fmF + fmq = 17,7 mm .

Bei einer Stützweite l = 15 m beträgt die Durchbiegung etwa 1, 2/1000 der Länge, das sind
0, 12%. Die zulässige Durchbiegung von Trägern ist im Allgemeinen l/300 bis l/500. Der Anteil
des Eigengewichts an der Gesamtdurchbiegung ist in unserem Beispiel ungefähr 8, 6% (der Anteil
des Eigengewichts an der Biegespannung war ungefähr 6%).

Beispiel 5.6 (Durchbiegung am freien Ende).


Die Durchbiegung am freien Ende des in Abb. 4.47 a) gezeichneten Trägers ist zu
berechnen. Wie groß ist dort der Neigungswinkel?
Lösung 5.6
Die Integration der Differentialgleichung der Biegelinie ist zwar nicht allzu aufwendig (zwei Teil-
bereiche mit vier Konstanten), lässt sich aber vermeiden, indem man das gegebene System in Teil-
systeme aufteilt (Abb. 5.5), für die entsprechende Angaben in Tabelle 5.1 (oder in Taschenbüchern)
enthalten sind. Dies ist insofern berechtigt, als nur die Durchbiegung und Neigung am Ende des
Trägers gesucht sind.
Die Durchbiegung am Ende des Trägers setzt sich aus fünf Anteilen zusammen (Abb. 5.5 b),
die dadurch entstanden sind, dass durch das Freimachen des linken Teils mit der Last q die Schnitt-
größen Mb = ql2 /2 und F = ql auftreten. Deren Anteile müssen berücksichtigt werden. Wir
erhalten
f = fq + fMb + tan αMb l + fF + tan αF l .
Mit den Angaben in Tabelle 5.1, Fall 1, 2 und 8, ist

ql4 ql4 ql3 ql4 ql3 41 ql4


f= + + l+ + l= .
8EI 4EI 2EI 3EI 2EI 24 EI
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 151

Durch Integration der Differentialgleichung erhält man das gleiche Ergebnis; der Leser möge sich
selbst davon überzeugen.
Zur Abschätzung dieses Ergebnisses wollen wir die gleichmäßig verteilte Last als Einzellast
F = ql im Abstand l/2 vom freien Ende wirken lassen (Abb. 5.5 c) und auch damit die Durch-
biegung bestimmen. Die Aufteilung ergibt f = fF + tanαF l/2. Mit den Angaben in Tabelle 5.1
ist
F(3l/2)3 F(3l/2)2 l 40, 5 ql4
f= + · = · .
3EI 2EI 2 24 EI
Der Fehler dieser Abschätzung beträgt nur 1, 22%. Den Neigungswinkel erhält man auf die gleiche
Weise durch Überlagerung (Abb. 5.5 b)

ql3 ql3 ql3 28 ql3


tan α = tan αq + tan αMb + tanαF = + + = · .
6EI 2EI 2EI 24 EI
Das Ersatzsystem zur Abschätzung ergibt

F(3l/2)2 27 ql3
tan α = tan αF = = · .
2EI 24 EI

a) l l

q
f

l
b)

q
ql2
fq Mb =
2
F = ql

l l

fMb
αMb Mb
(tanαMb )l
l l
F
fF
Abb. 5.5 Freiträger (tan αF )l αF
a) mit über die halbe Länge 1 3
gleichmäßig verteilter Last q c) l l
2 2
b) Teilsysteme zur Überlage-
rung der Durchbiegungen und F = ql
Neigungswinkel fF
c) Freiträger nach a) mit (tanαF ) 2l
Ersatzlast F = ql αF
152 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Der Fehler ist hierbei etwas größer, er beträgt 3, 57%. Mit den Werten aus Aufgabe 4.12 a)
l = 90 cm, q = 600 N/m, I = 18 cm · (4,5 cm)3 /12 = 136,7 cm4 sowie dem E-Modul für
Holz E = 1 · 104 N/mm2 ) erhalten wir

41 · 600 N/m · 0,9 m · (0,9 · 103 mm)3


f= = 49,2 mm
24 · 104 N/mm2 · 136,7 · 104 mm4

und
28 · 600 N/m · 0,9 m · (0,9 · 103 mm)2
tan α = = 0.0373, α = 2, 14◦ .
24 · 104 N/mm2 · 136,7 · 104 mm4
Durch den geringen Fehler bei der einfacheren und schnellen Durchführung der
Abschätzung in dem vorstehenden Beispiel darf man sich nicht verleiten lassen,
immer so zu verfahren. Das folgende Beispiel soll das zeigen.
Beispiel 5.7 (Durchbiegung in der Mitte eines Trägers).
Die Durchbiegung in der Mitte eines Trägers auf zwei Stützen mit gleichmäßig
verteilter Last q ist (Tabelle 5.1, Fall 9)

5 ql4
fm = · .
384 EI
Man ersetze die Streckenlast a) durch eine Einzellast F = ql in der Mitte (Tabelle
5.1, Fall 3), b) durch zwei Einzellasten F = ql/2 im Abstand l/4 von den Stützen
(Tabelle 5.1, Fall 7), berechne die Durchbiegung in Trägermitte und vergleiche die
Ergebnisse.
Lösung 5.7
a) Der Tafel entnimmt man

Fl3 ql4 8 ql4


fm = = = · .
48EI 48EI 384 EI
Der Fehler beträgt hierbei 60%.
b) Mit zwei Einzellasten ist
   
Fl3 a 4  a 2 ql4 1 1 5, 5ql4
fm = · 1− = · 1− =
8EI l 3 l 16EI 4 12 384EI

und der Fehler nur noch 10%.

Besondere Bedeutung besitzt die Ermittlung der Biegeverformung von Maschi-


nenwellen. Mit Rücksicht auf Laufruhe, Schwingungsfreiheit usw. werden diese be-
sonders steif gestaltet, um damit die Verformungen gering zu halten.
Beispiel 5.8 (Durchbiegung, Neigungswinkel).
Durchbiegung und Neigungswinkel der schematisch gezeichneten Welle (Abb. 5.6)
ist an den Lastangriffsstellen C und D zu ermitteln. Der ungefähre Verlauf der Bie-
gelinie ist zu zeichnen. Wie groß ist die maximale Biegespannung?
Lösung 5.8
Die Verformungsrechnung führen wir zunächst allgemein durch, die Zahlenrechnung erfolgt zum
Schluss. Nach dem Schema der Abb. 5.4 nehmen wir die Aufteilung in Einzelbelastungen vor
(Abb. 5.6 b) und entnehmen die entsprechenden Werte der Tabelle 5.1, Fall 4. Die Verhältniswerte
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 153

a) 400
100 34 kN 100

∅60
C D 17 kN
A B

b) a1 b1
F1 = 2F F2 = F
a2 b2
5 1
FA = F FB = F
4 4
a1 F1 b1

α11 f11 f21 α21


w(x)

f12 f22
α12 α22
a2 F2 b2
Abb. 5.6 Welle mit zwei l
entgegengesetzt gerichteten
w(x)
Einzellasten 1
c) MD = − Fl
a) Ansicht, 16
b) freigemachte Welle, Teil- f1 α2 x
systeme zur Überlagerung der α1
W f2
Durchbiegungen und Tangen-
tenneigungen w(x)
c) Biegemomentenverlauf und 5
MC = Fl
Biegelinie M(x) 16

a1 /l = 1/4, b1 /l = 3/4 usw. werden aus der Zeichnung abgelesen. Unter der Last F1 = 2F ist
f1 = f11 + f12 mit den Einzelanteilen
 
F1 l3  a1 2 b1 2 18 Fl3
f11 = = · ,
3EI l l 3 · 162 EI
   
F2 l3 a2 b2 2 a1 l a21 7 Fl3
f12 = w1 (x1 = a1 ) = − · 1+ − =− · .
6EI l l l b2 a2 b2 3 · 16 EI
2

Somit wird
11 Fl3
f1 = f11 + f12 = · .
3 · 16 EI
2

Die Durchbiegung unter F2 ist f2 = f21 + f22 . In gleicher Weise wie oben erhält man mit F2 = F

14 Fl3 9 Fl3 5 Fl3


f21 = · , f22 = − · , f2 = · .
3 · 162 EI 3 · 162 EI 3 · 162 EI
Die Neigung der Tangente an die Biegelinie in C ist tan α1 = tan α11 + tan α12 . Die Einzelanteile
bekommt man durch Differenzieren der Gleichung der Biegelinie und Einsetzen der entsprechen-
den Abszissenwerte
154 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie
   
dw1 F1 l2 a1 b1 2 l 3x21
= · 1+ − ,
dx1 6EI l l b1 a1 b1
    
dw1  F1 l2 a1 b1 2
l 3a1 1 Fl2
tan α11 =  = · 1+ − = · .
dx1 a1 6EI l l b1 b1 16 EI

Ebenso ergibt sich


    
dw1  F2 l2 a2 b2 2 l 3a21 0, 5 Fl2
tan α12 =  = − · 1 + − =− · .
dx1 a1 6EI l l b2 a2 b2 16 EI

Somit ist die Tangentenneigung


0, 5 Fl2
tan α1 = · .
16 EI
Die gleiche Rechnung ergibt

0, 5 Fl2
tan α2 = tan α21 + tan α22 = − · .
16 EI
Die Beträge der Neigungswinkel in C und D sind demnach gleich groß. Zum Vergleich sind auch
die Neigungswinkel in den Lagern ausgerechnet, sie betragen (Tabelle 5.1, Fall 4)

1, 125 Fl2 0, 375 Fl2


tan αA = · , tan αB = − · .
16 EI 16 EI
Mit den Zahlenwerten (Abb. 5.6 a) findet man

d4 π
I = Ia = π = · (60 mm)4 = 63,6 · 104 mm4
64 64

sowie mit dem Elastizitätsmodul E = 2,1 · 105 N/mm2

Fl3 17 000 N · (4 · 102 mm)3 Fl2 8,14 mm


= = 8,14 mm, = = 0.0203 .
EI 2,1 · 105 N/mm2 · 63,6 · 104 mm4 EI 400 mm

Die Durchbiegungen ergeben sich dann in C

11
f1 = · 8,14 mm = 0,117 mm,
3 · 162
in D
5
f2 = · 8,14 mm = 0,053 mm .
3 · 162
und die Neigungswinkel an den gleichen Stellen

0, 5
tan α1 = tan α2 = · 0, 0203 = 0, 000669, α1 = 0, 036◦ .
16
Diese Werte sind außerordentlich klein und entsprechen den bei Getriebewellen üblichen. In
Abb. 5.6 c) sind Biegemomentenverlauf und Biegelinie gezeichnet. Bei positivem Biegemoment
ist die Biegelinie nach unten konvex, bei negativem nach unten konkav gekrümmt. Im Schnittpunkt
der Momentenfunktion mit der Abszissenachse Mb (x) = 0 hat die Biegelinie ihren Wendepunkt
W. Das größte Biegemoment ist

5
Mb max = Fl = 2 125 Nm,
16
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 155

das Widerstandsmoment des Kreisquerschnitts mit d = 60 mm ist


π 3
Wb = d = 21,2 · 103 mm3 .
32

Somit erhält man die maximale Biegespannung σb max = Mb max /Wb = 100 N/mm2 .

5.2.2 Differentialgleichung 4. Ordnung

Die Analyse der Biegelinie mit Hilfe der Gl. (5.11) setzt grundsätzlich voraus, dass
der Momentenverlauf Mby (x) bekannt ist. Die Lösung der Differentialgleichung
enthält zwei Integrationskonstanten, die ausschließlich mit kinematischen Randbe-
dingungen befriedigt werden können. In der Praxis treten jedoch Fälle auf, die diese
Vorgehensweise nicht zulassen. Daher soll hier ein alternatives Konzept vorgestellt
werden.
Unter Berücksichtigung der aus [17] (Abschnitt 9.2) bekannte Beziehungen zwi-
schen den Schnittgrößen Biegemoment und Querkraft sowie Querkraft und äußerer
Linienlast gilt
dMby dFqz
= Fqz , = −qz (x) . (5.13)
dx dx
Da sowohl Gl. (5.11) als auch die Beziehungen (5.13) linear sind, kann unter der
Voraussetzung der Differenzierbarkeit zunächst
 
d d2 w dMby
EIy 2 = − = −Fqz
dx dx dx

sowie danach  
d2 d2 w d2 Mby dFqz
EIy 2 = − =− = qz (5.14)
dx2 dx dx 2 dx
ausgerechnet werden. Dies ist eine andere Form der Differentialgleichung zur Er-
mittlung der Biegelinie. Ist noch EIy = const., vereinfacht sich Gl. (5.14) wie folgt

EIy w  = qz . (5.15)

Mit dieser Differentialgleichung der Biegelinie 4. Ordnung kann man jetzt die
Durchbiegungen ermitteln, ohne zunächst den Momentenverlauf mit den Methoden
der Statik zu bestimmen. Daneben kann man jetzt auch dynamische Randbedingun-
gen für die Querkraft und das Biegemoment befriedigen.
Integriert man zunächst Gl. (5.15) einmal, folgt

EIy w  = qz dx + C1 . (5.16)

Dabei stellt C1 eine Integrationskonstante dar. Weitere Integrationen führen auf


156 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

EIy w  = qz dx dx + C1x + C2, (5.17)


x2
EIy w  = qz dx dx dx + C1 + C2 x + C3 (5.18)
2
und 
x3 x2
EIy w = qz dx dx dx dx + C1 + C2 + C3 x + C4 . (5.19)
6 2
Die Größen C2 , C3 und C4 sind gleichfalls Integrationskonstanten. Die Ermittlung
der Integrationskonstanten C1 , . . . , C4 wird exemplarisch in den nachfolgenden Bei-
spielen gezeigt.
Beispiel 5.9 (Biegelinie eines Trägers).
Das Beispiel 5.4 ist mit Hilfe der Differentialgleichung 4. Ordnung für die Biege-
linie zu lösen.
Lösung 5.9
Für den auf Abb. 5.2 dargestellten Träger gilt qz = q0 = const. Damit ist entsprechend Gl. (5.15)
die nachfolgende Differentialgleichung zu lösen

EIy w  = q0 .

Viermalige Integration liefert

EIy w  = q0 x + C1 ,
x2
EIy w  = q0 + C1 x + C2 ,
2
x3 x2
EIy w  = q0 + C1 + C2 x + C3 ,
6 2
x4 x3 x2
EIy w = q0 + C1 + C2 + C3 x + C4 .
24 6 2
Die Integrationskonstanten C1 , . . ., C4 sind aus den Randbedingungen

w(0) = w(l) = 0, Mby (0) = Mby (l) = 0

zu bestimmen. Unter Beachtung des Zusammenhanges zwischen Biegemoment und Durchbiegung


entsprechend Gl. (5.12) folgt

0 0 0
0 = q0 + C1 + C2 + C3 · 0 + C4 ,
24 6 2
l4 l3 l2
0 = q0 + C1 + C2 + C3 l + C4 ,
24 6 2
0
0 = q0 + C1 · 0 + C2 .
2
l2
0 = q0 + C1 l + C2 .
2
Die Integrationskonstanten lauten damit

l l3
C1 = −q0 , C2 = 0, C3 = q0 , C4 = 0 .
2 24
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 157

Damit erhält man für die Biegelinie


 
q0 x4 lx3 l3 x
w= − + .
EIy 24 12 24

Diese Lösung stimmt vollständig mit der Lösung des Beispiels 5.4 überein. Für eine numerische
Auswertung bietet sich die folgende Darstellung an

w̃ = x̃4 − 2x̃3 + x̃

mit der dimensionslosen Durchbiegung w̃ = 24EIy /q0 l4 in Abhängigkeit von der dimensions-
losen Koordinaten x̃ = x/l.

Beispiel 5.10 (Biegelinie eines Kragträgers).


Für den in Tabelle 5.1 in der ersten Zeile behandelten Lastfall soll die Biegelinie
mit Hilfe der Differentialgleichung 4. Ordnung ermittelt werden. Zusätzlich ist die
maximale Durchbiegung und Tangentenneigung auszurechnen. Die Diagramme für
die Durchbiegung, die Tangentenneigung, das Biegemoment sowie die Querkraft
sind grafisch darzustellen.
Lösung 5.10
Mit q(x) = 0 folgen aus Gl. (5.15) die Integrale

EIy w  = C1 ,
EIy w  = C1 x + C2 ,
x2
EIy w  = C1 + C2 x + C3 ,
2
x3 x2
EIy w = C1 + C2 + C3 x + C4 .
6 2
Legt man das Koordinatensystem von links nach rechts, sind drei Randbedingungen einfach zu
formulieren (homogene Randbedingungen)

Mby (0) = −EIy w  (0) = 0, w(l) = 0, w  (l) = 0 .

Die 4. Randbedingung ist eine inhomogene Randbedingung, da am linken Rank x = 0 die Quer-
kraft vorgegeben ist
Fqz (0) = −EIy w  (0) = −F .
Die Auswertung der Randbedingungen führt auf das Gleichungssystem

C1 · 0 + C2 = 0,
l3 l2
C1 + C2 + C3 l + C4 = 0,
6 2
l2
C1 + C2 l + C3 = 0,
2
C1 = F

mit der Lösung


l2 l3
C1 = F, C2 = 0, C3 = −F , C4 = F .
2 3
Damit folgt die Durchbiegung zu
158 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie
 
Fl3 3x x3
w= 1− + 3 ,
3EIy 2l 2l

wobei eine ähnliche Darstellungsform wie in Tabelle 5.1 gewählt wurde, und die Tangentenneigung
zu  
Fl2 x2
w = −1 + 2 .
2EIy l
Die Maxima werden entsprechend den Regeln zur Ermittlung von Extremwerten von Funktionen
einer Variablen bestimmt [11]. Das Extremum der Durchbiegung wird wie folgt ermittelt. Die
Lage kann zunächst aus der gleich Null gesetzten ersten Ableitung bestimmt werden, die Art des
Extremums erhält man nach Einsetzen der Koordinaten des Extremums in die zweite Ableitung.
Die erste Ableitung der Durchbiegung lautet

x2
− 1 = 0,
l2
und man erhält als Lösung
x1,2 = ±l .
Die Lösung x2 = −l muss nicht weiter verfolgt werden, da sie einen Punkt beschreibt, der außer-
halb des Balkens liegt. Mit der zweiten Ableitung an der Stelle x1 = l

Fl
w  (x = x1 ) = w  (l) = >0
EIy

kann man schlussfolgern, dass die erste Lösung einem Minimum entspricht. Dies ist nicht verwun-
derlich, da an der Stelle der Einspannung die maximale Durchbiegung nicht auftreten darf. Bei der
Frage nach dem Maximum muss jetzt noch einbezogen, dass dieses auf einem abgeschlossenen
Interval (der Balken geht von x = 0 bis x = l) zu ermitteln ist. Damit muss untersucht werden,
ob das Maximum möglicherweise an den Intervallgrenzen liegt. Die Grenze x = l war bereits
abgeprüft worden, für x = 0 erhält man dann tatsächlich das Maximum der Durchbiegung

Fl3
wmax = .
3EIy

Dieser Wert wird durch die Angaben in Zeile 1 der Tabelle 5.1 bestätigt. Das Maximum der Tan-
gentenneigung kann analog ermittelt werden. Es gilt zunächst für die erste Ableitung der Tangen-
tenneigung
Fl x
w  = = 0.
EIy l
Die Lösung ist somit x = 0. Die zweite Ableitung der Tangentenneigung ist unabhängig von x
und positiv. Damit ist an der Stelle x = 0 das Minimum der Tangentenneigung. Die Ergebnisse
dieser Aufgabe sind nochmals auf Abb. 5.7 zusammengefasst.

Beispiel 5.11 (Kragträger).


Für den auf Abb. 5.8 dargestellten Kragträger ist die Biegelinie mit Hilfe der Diffe-
rentialgleichung 4. Ordnung zu ermitteln.
Lösung 5.11
Das zu behandelnde Problem ist ein Zweifeld-Problem, wobei im ersten Feld keine Linienlast in
Querrichtung wirkt, im zweiten Feld ist die Linienlast konstant. Damit lauten Differentialgleichun-
gen und die dazugehörigen Integrale für die Felder:
5.2 Durchbiegung - Differentialgleichungen der Biegelinie 159

Abb. 5.7 Verläufe der Quer- 0


Fq
kraft, des Biegemoments, der
Tangentenneigung und der
−F
Durchbiegung für das Bei-
−Fx
spiel 5.10 Mb

0
0
w


Fl2

w

0 2EI

Fl3
3EI
0 l

– 0xl
EIy w1 = 0,
EIy w1 = C1 ,
EIy w1 = C1 x + C2 ,
x2
EIy w1 = C1 + C2 x + C3 ,
2
x3 x2
EIy w1 = C1 + C2 + C3 x + C4 .
6 2
– l  x  2l
EIy w2 = q0 ,
EIy w2 = q0 x + C5 ,
x2
EIy w2 = q0 + C5 x + C6 ,
2
x 3 x2
EIy w2 = q0 + C5 + C6 x + C7 ,
6 2
x 4 x 3 x2
EIy w2 = q0 + C5 + C6 + C7 x + C8 .
24 6 2
Die 8 Integrationskonstanten C1 , . . ., C8 lassen sich aus den Rand- und Übergangsbedingungen
bestimmen. Die Randbedingungen lauten:
– an der Einspannstelle x = 0 sind Durchbiegung und Neigung gleich Null

q = q0

l x
l
Abb. 5.8 Kragträger
160 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

x=0: w1 (0) = 0, w1 (0) = 0;

– am freien Ende sind Biegemoment und Querkraft gleich Null

x = 2l : Mby (2l) = 0 bzw. w1 (2l) = 0, Fqz (2l) = 0 bzw. w2 (2l) = 0 .

Das führt auf die Gleichungen

EIy w1 (0) = 0 = C1 · 0 + C2 · 0 + C3 · 0 + C4 ⇒ C4 = 0,
EIy w1 (0) = 0 = C1 · 0 + C2 · 0 + C3 ⇒ C3 = 0,
EIy w2 (2l) = 0 = 2q0 l + C5 ⇒ C5 = −2q0 l,
(2l)2
EIy w2 (2l) = 0 = q0 + (−2q0 l)2l + C6 ⇒ C6 = 2q0 l2 .
2
Diese vier Randbedingungen genügen jedoch nicht zur Bestimmung der acht Integrationskonstan-
ten aus, so dass noch 4 Bedingungen für die Übergangsstelle x = l zwischen den Feldern formu-
liert werden müssen. Da an dieser Stelle keine Einzelkräfte bzw. Einzelmomente gegeben sind, sind
die Übergangsbedingungen einfach zu definieren: die Durchbiegungen, die Tangentenneigung, das
Biegemoment und die Querkraft müssen für das linke und das rechte Feld im Punkt x = l zusam-
menfallen. Die mathematische Formulierung lautet

EIy w1 (l) = EIy w2 (l) ⇒ C1 = q0 l − 2q0 l ⇒ C1 = −q0 l,


l2 3
EIy w1 (l) = EIy w2 (l) ⇒ −q0 l2 + C2 = q0 − 2q0 l2 + 2q0 l2 ⇒ C2 = q0 l2 ,
2 2
EIy w1 (l) = EIy w2 (l)
l2 3 l3 l2 1
⇒ (−q0 l) + q0 l2 · l = q0 − 2q0 l + 2q0 l2 · l + C7 ⇒ C7 = − q0 l3 ,
2 2 6 2 6
EIy w1 (l) = EIy w2 (l)
l3 3 l2 l4 l3 l2 1
⇒ (−q0 l) + q0 l2 = q0 + (−2q0 l) + 2q0 l2 − q0 l3 · l + C8
6 2 2 24 6 2 6
1
⇒ C8 = q0 l4 .
24
Damit ist die Biegelinie wie folgt definiert
⎧  
⎪ q0 l4 2x3 9x2

⎨ 12 − 3 + 2 für 0  x  l,
l l
EIy w(x) =  4 


4 3 2
⎩ q0 l x 8x
− 3 + 2 −
24x 4x
+ 1 für l  x  2l .
24 l4 l l l

Die Korrektheit der Lösung lässt sich aus einfachen Testrechnungen überprüfen. Z. B. kann man
ohne Schwierigkeiten aus der Statik die Lagerreaktionen in der Einspannung mit 3q0 l2 /2 für das
Moment bzw. mit q0 l2 für die Querkraft ermitteln. Diese Werte erhält man auch, wenn man in die
zweite bzw. dritte Ableitung der Bieglinie für das linke Feld x = 0 setzt. Am rechten Rand wirken
weder Einzelmoment noch Einzelkraft. Bildet man die zweite und die dritte Ableitung von w(x)
für das rechte Feld, wird diese Aussage für x = 2l bestätigt. Die maximale Durchbiegung ergibt
sich für x = 2l aus der Biegelinie. Der Wert für die maximale Durchbiegung ist folglich

41q0 l4
wmax = w(2l) = .
24EIy
5.3 Formänderungsarbeit bei der Biegung - Biegefedern 161

5.3 Formänderungsarbeit bei der Biegung - Biegefedern

In Abschnitt 2.2.2 hatten wir die Formänderungsarbeit eines elastisch beanspruch-


ten Körpers bei gleichmäßiger Spannungsverteilung kennengelernt, s. Gln. (2.18)
und (2.19). Die spezifische Formänderungsarbeit in einem Balken dW = σ2b /2E
(mit der Biegespannung σb ) ist wegen der ungleichmäßigen Spannungsverteilung
eine Funktion der Balkenkoordinaten. In einem Volumenelement dV = dx dy dz ist
dann die Formänderungsarbeit

σ2b
dW = ΔW dV = dV .
2E
Die Gesamtarbeit erhält man durch Integration über das Volumen eines Balkens
  2
σb
W = dW = dV .
2E
Setzen wir wieder gerade Biegung voraus und wählen die Spur der Lastebene als
z-Achse, dann ist bei veränderlichem Querschnitt nach Gl. (4.39)

Mb (x)
σb = z,
Iy (x)

und es folgt
l  
1 M2b (x) 2
W= z dy dz dx .
2 EI2y (x)
0

Es kann zuerst über y und z integriert werden. Die Faktoren, die nur von x abhängen,
können dabei als Konstante angesehen und vor das innere Integralzeichen gezogen
werden. Mit dem Flächenelement dy dz = dA erhält man

l  
1 M2b (x)
W= z2 dA dx .
2 EI2y (x)
0

Nach der zweiten Gl. (4.6) ist das Integral in der Klammer gleich dem axialen
Flächenmoment Iy (x) des Querschnitts. Somit erhalten wir

l
1 M2b (x)
W= dx . (5.20)
2 EIy (x)
0

Bei einem Balken mit konstantem Querschnitt und gleichem Material ist die Biege-
steifigkeit EIy konstant. Dann ergibt sich die Formänderungsarbeit
162 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

l
1
W= M2b (x)dx . (5.21)
2EIy
0

Sie ist unter diesen Voraussetzungen demnach nur vom Biegemomentenverlauf und
somit von der Belastung und der Lagerung des Balkens abhängig.
Nach dem Energiesatz ist die im Balken gespeicherte Formänderungsarbeit
gleich der Arbeit der äußeren Kräfte. Somit kann man mit W = 0, 5Ff die durch
eine Last F hervorgerufene Durchbiegung f in Richtung dieser Last berechnen.
Beispiel 5.12 (Formänderungsarbeit, Durchbiegung).
Die Formänderungsarbeit und die Durchbiegung am freien Ende des Freiträgers (Ta-
belle 5.1, Fall 1) sind zu berechnen.
Lösung 5.12
Mit dem Biegemoment Mb (x) = −Fx ergibt Gl. (5.21)

l
1 F2 l3
W= F2 x2 dx = .
2EI 2EI 3
0

Aus dem Energiesatz erhält man die Durchbiegung

2W Fl3
f= = .
F 3EI
Beispiel 5.13 (Eingespannter Träger).
Der einseitig eingespannte Träger (Abb. 5.9) besteht aus einem Teil 1 mit Kreis-
querschnitt und einem Teil 2 mit quadratischem Querschnitt. Über die Formände-
rungsarbeit berechne man die größte Durchbiegung. Gegeben sind F = 1 200 N,
l = 1 000 mm, a = 400 mm, d = 40 mm, b = 50 mm, E = 2,1 · 105 N/mm2 .
Lösung 5.13
Da das Flächenmoment I nicht konstant ist, muss man die Formänderungsarbeit für die beiden
Teilbereiche 1 und 2 getrennt berechnen. Gleichung (5.20) ergibt
⎛a ⎞
 l
1 ⎝ M2b (x) M2b (x) ⎠
W= dx + dx .
2 EI(1) EI(2)
0 a

Aus Mb = −Fx ist

F 2
x 1
d

b

Abb. 5.9 Träger mit Kreis- a


querschnitt (1) und quadrati- l
schem Querschnitt (2)
5.3 Formänderungsarbeit bei der Biegung - Biegefedern 163

Abb. 5.10 Träger auf zwei x1 x2 F


Stützen mit überkragendem
freien Ende B
A
l a

a l
F2 F2 F2 F2
W= x dx +
2
x2 dx = a3 + (l3 − a3 ) .
2EI(1) 2EI(2) 6EI(1) 6EI(2)
0 a

Mit W = Ff/2 erhält man die Durchbiegung am Ende des Trägers


 
F a3 l3 − a3
f= + .
3E I(1) I(2)

Mit I(1) = πd4 /64 = 12,57 · 104 mm4 und I(2) = b4 /12 = 52,1 · 104 mm4 ergibt sich
 
1 200 N (400 mm)3 (1 000 mm)3 − (400 mm)3
f= + = 4,39 mm .
3 · 2,1 · 105 N/mm2 12,57 · 10 mm
4 4 52,1 · 104 mm4

Beispiel 5.14 (Formänderungsarbeit, Durchbiegung).


Für den in Tabelle 5.1, Fall 5, angegebenen Träger ermittle man die Formänderungs-
arbeit und die Durchbiegung f an der Lastangriffsstelle.
Lösung 5.14
Abweichend von der in der Tabelle angegebenen Richtung wählt man zweckmäßig die Koordinate
x2 von rechts (Abb. 5.10). Wegen des verschiedenen Momentverlaufs in beiden Bereichen muss
die Rechnung in diesen getrennt durchgeführt werden. Es ist

Mb (x1 ) = −FA x1 = −F(a/l)x1 für 0  x1  l,


Mb (x2 ) = −Fx2 für 0  x2  a .

Für die Formänderungsarbeit erhält man


⎡ ⎤
l a
F2 ⎣ a 2 2 F2 F2 a2 (l + a)
W= x1 dx1 + x2 dx2 ⎦ =
2
(a2 l + a3 ) = .
2EI l 6EI 6EI
0 0

Ferner ist die Durchbiegung

2W Fa2 (l + a) Fl3  a 2  a
f= = = 1+ .
F 3EI 3EI l l
Biegestäbe finden häufig als Federn Verwendung, z. B. Blattfedern. Dabei ist
ihre Federkonstante c = F/f, wenn F die biegende Kraft und f die Durchbiegung
an der Lastangriffsstelle in Richtung dieser Kraft bedeutet. Bei einer eingespannten
Blattfeder mit einer Einzellast F am Ende (Freiträger) ist dann die Federkonstante

3EI
c= .
l3
164 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Sie ist wie beim Zugstab, s. Gl. (2.14), dem Elastizitätsmodul sowie hier dem
Verhältnis Flächenmoment I zur dritten Potenz der Länge proportional. Die Fe-
derkonstante einer Biegefeder hängt außerdem noch von der Lagerung ab; dieser
Einfluss ist beim Freiträger durch die Zahl 3 angegeben. Allgemein kann man bei
Biegung die Federkonstante durch die Beziehung angeben
EI F
c=k = . (5.22)
l3 f
Die Konstante k ist eine von der Stützung der Biegefeder abhängige Zahl, beim
Freiträger also k = 3. Bei Belastung nach Tabelle 5.1 (Fall 3) ist z. B. k = 48, nach
Tabelle 5.1 (Fall 4) ist
 2  2
l l
k=3 .
a b
Die Formänderungsarbeit in Federn kann allgemein aus W = ηF ΔW V berech-
net werden (s. Abschnitt 2.2.2). Setzt man ΔW = σ2b max /2E, dann ist dies die spe-
zifische Formänderungsarbeit unter dem Einfluss der größten Biegespannung. Mit
σb max = Mb max /Wb min erhält man

M2b max
ΔW = .
2EWb2min

Durch Vergleich mit der Gl. (5.20) findet man die Raumzahl der Biegefeder

l
M2b (x)
Wb2min dx
Iy (x)
W 0
ηF = = . (5.23)
ΔW V M2b max V

Bei konstantem Querschnitt mit Iy = Wb min zmax (s. Abschnitt 4.2.1) und dem Fe-
dervolumen V = lA erhält man
l
M2b (x)dx
0 Wb min
ηF = · . (5.24)
M2b max zmax Al

Beispiel 5.15 (Raumzahl).


Die Raumzahl η einer Blattfeder mit Rechteckquerschnitt (Breite b und Höhe h)
und der Einzellast F am Ende (Freiträger Tabelle 5.1) ist zu berechnen, wenn sie
a) mit konstantem Querschnitt,
b) als Dreieckfeder (Abb. 4.26 b) ausgebildet ist.
b) Wie verhalten sich die Durchbiegungen des freien Endes?
Lösung 5.15
5.4 Vergleichende Beurteilung von Biegespannung und Durchbiegung 165

a) Mit
l
l3
M2 (x)dx = F2
3
0

(s. Beipiel 5.12), |Mb max | = Fl, Wb min = bh2 /6, A = bh und zmax = h/2 erhält man aus
Gl. (5.24) die Raumzahl
F2 l3 bh2 2 1
ηF = 2 2 = .
3F l 6hlbh 9
b) Da das Flächenmoment Iy wegen der veränderlichen Breite b(x) = b0 x/l des Trägers von
x abhängt, wird Gl. (5.23) herangezogen

l
M2b (x)
Wb2min dx
Iy (x)
0
ηF = .
M2b max V

Mit b(x) = b0 x/l und Iy = b(x)h3 /12 = (b0 h3 /12)(x/l) = I0 x/l ergibt das Integral
im Zähler der vorstehenden Gleichung

l l
M2b (x) F2 l F2 l3
dx = xdx = .
Iy (x) I0 2I0
0 0

Somit erhält man mit dem Volumen V = (b0 h/2)l der Dreieckfeder

b20 h4 6F2 l3 2 1
ηF = = .
36F2 l2 b0 h3 b0 hl 3
Die Ausnutzung des Volumens einer Dreieckfeder ist also dreimal so groß wie die der Feder
mit gleich bleibendem Querschnitt.
c) Die Durchbiegung eines Freiträgers mit gleich bleibendem Querschnitt ist nach Tabelle 5.1
f = Fl3 /3EI0 . Aus dem Energiesatz

l
1 1 M2b (x) F2 l3
W= Ff = dx =
2 2E Iy 4EI0
0

folgt die Durchbiegung der Dreieckfeder f = Fl3 /2EI0 . Die Durchbiegung der Blattfeder ist
bei gleichbleibendem Querschnitt nur zwei Drittel der Durchbiegung der Dreieckfeder.

5.4 Vergleichende Beurteilung von Biegespannung und


Durchbiegung

Die Bemessung eines durch Kräfte und Momente beanspruchten Balkens erfolgt im
Allgemeinen auf Grund der zulässigen Spannung und der zulässigen Verformung.
Lässt man die Verformung ganz außer acht, kann das jedoch häufig zu einer falschen
Bemessung führen. Andererseits kann eine Berechnung nur auf Grund einer vorge-
166 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Abb. 5.11 In A und B gela- l


gerte Schaltstange mit zwei
gleich großen Einzelkräften a a

d
F F

A 300 300 B
800

gebenen Durchbiegung eine zu große Biegespannung ergeben. An den folgenden


Beispielen sollen diese beiden Möglichkeiten aufgezeigt werden.
Beispiel 5.16 (Schaltstange).
Eine glatte Schaltstange aus E295 mit Kreisquerschnitt ist bei horizontaler Betäti-
gung während des Einschaltvorgangs durch zwei parallele Kräfte F = 4 N (z. B. über
Nocken) auf Biegung beansprucht (Abb. 5.11). Wie groß muss der Durchmesser bei
dreifacher Sicherheit gegen Dauerbruch gewählt werden, und wie groß ist damit die
Durchbiegung in der Mitte?
Lösung 5.16
Bei häufigem Ein- und Ausschalten ist die Beanspruchung schwellend, die zulässige Spannung ist
mit der Schwellfestigkeit σb Sch = 360 N/mm2 für E295

σb Sch 360 N/mm2


σzul = = = 120 N/mm2 .
SD 3
Für die Bemessung folgt mit der ersten Gl. (4.38)

Mb max Fa 4 N · 300 mm
Wb  = = = 10 mm3 .
σzul σzul 120 N/mm2

Aus Wb = πd3 /32 erhält man den Durchmesser



3 32 · 10 mm
3
3 32Wb
d= = = 4,67 mm .
π π

Gewählt wird d = 5 mm mit dem Flächenmoment Ia = 30,7 mm4 .


Die Durchbiegung in der Mitte ist nach Tabelle 5.1 mit a/l = 3/8
 
Fl3 a 4  a 2 39 Fl3
fm = 1− = = 12,1 mm .
8EIa l 3 l 2 · 83 EIa

Dieser Betrag ist für eine Schaltstange natürlich zu groß. Lässt man als Maximaldurchbiegung
l/1 000 = 0,8 mm zu, ergibt sich aus der vorstehenden Gleichung

39 Fl3 39 · 4 N · (8 · 102 mm)3


Ia = = = 465 mm4 .
2 · 8 Efm
3
2 · 8 · 2,1 · 105 N/mm2 · 0,8 mm
3

Das entspricht dem Durchmesser



4 64Ia
4
d= = 9 480 mm4 = 9,87 mm .
π
5.4 Vergleichende Beurteilung von Biegespannung und Durchbiegung 167

Wählt man d = 10 mm mit Wb = 98,2 mm3 , ist die Biegespannung

Fa 4 N · 300 mm
σb = = = 12,2 N/mm2
Wb 98,2 mm3
und damit unbedeutend. Ganz anders liegen die Verhältnisse, wenn die Stange in der Mitte z. B.
noch einmal gelagert wird, s. Abschnitt 6.5, insbesondere Beispiel 6.5.

Beispiel 5.17 (Blattfeder).


Eine geschliffene Blattfeder mit Rechteckquerschnitt aus Federstahl DIN 17 221 ist
zweifach gestützt (s. Tabelle 5.1, Fall 3), Stützweite l = 800 mm. Sie soll in der Mit-
te durch die Einzellast F = 5 000 N wechselnd auf Biegung beansprucht werden, der
Federweg in der Mitte soll f = 50 mm betragen. Die Abmessungen des Querschnitts
sind zu berechnen, E = 2 · 105 N/mm2 .
Lösung 5.17
Aus Tabelle 5.1 entnimmt man f = Fl3 /48EI. Aus dieser Gleichung kann das Flächenmoment I
berechnet werden
Fl3 5 000 N · (8 · 102 mm)3
I= = = 5 333 mm4 .
48Ef 48 · 2 · 105 N/mm2 · 50 mm

Wählt man das Verhältnis b/h = 4 für den Rechteckquerschnitt, dann ist mit

bh3 h4
I= =
12 3
die erforderliche Querschnitthöhe
√4

h = 3I = 1,6 · 104 mm4 = 11,25 mm
4

und die Breite b = 4h = 45 mm.


Das Widerstandsmoment ist
bh2 45 mm · (11,25 mm)2
Wb = = = 948 mm3 .
6 6
Mit Mb max = Fl/4 = 5 000 N · 200 mm = 106 Nmm erhält man

Mb max
σb = = 1 054 N/mm2
Wb
als größte Biegespannung.
Für Blattfederstahl der gewählten Güte ist bei wechselnder Beanspruchung die zulässige Span-
nung etwa 400 N/mm2 . Somit ist die Feder erheblich zu hoch beansprucht. Wählt man dagegen
eine geschichtete Blattfeder (Dreieckfeder, s. Abb. 4.26 und 4.27), dann ist die Durchbiegung nach
Beispiel 5.15
(F/2)(l/2)3 Fl3
f= = .
2EI 32EI
Somit ist I = 8 000 mm ; wählt man weiter, z. B. b/h = 54, erhält man aus I = bh3 /36 = 1, 5h4
4

4
4 8 000 mm
h= = 8,5 mm .
1, 5
168 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Die Breite in Federmitte ist dann b = 54h = 461,5 mm. Das Wiederstandsmoment ist nunmehr

461,5 mm · (6,5 mm)2


Wb = = 3 250 mm3 ,
6

und die Biegespannung beträgt jetzt nur etwa 308 N/mm2 . Eine aus sieben Schichten bestehende
Blattfeder mit dem Blattquerschnitt 50 mm × 6,5 mm erfüllt also die eingangs gestellte Bedingung,
ohne dass dabei die zulässige Spannung wesentlich überschritten wird.

5.5 Durchbiegung bei schiefer Biegung

In Abschnitt 4.3 ist gezeigt worden, dass sich die schiefe Biegung unmittelbar auf
die Überlagerung zweier gerader Biegungen um die beiden Hauptachsen des Quer-
schnitts eines Balkens zurückführen lässt. Auch die Durchbiegungen können in
Richtung der Hauptachsen mit den beiden Biegemomenten Mby und Mbx für sich
allein berechnet werden, die resultierende Durchbiegung ergibt sich dann durch Vek-
toraddition der beiden Teildurchbiegungen (Abb. 5.12).
Entsprechend Gl. (5.22) ist bei einem beliebigen Lastfall die Durchbiegung an
der Lastangriffsstelle f = Fl3 /(kEI). In Abb. 5.12 ist der beliebige Querschnitt eines
Balkens mit dem Biegemomentvektor Mb dargestellt. Die Durchbiegung in Rich-
tung der Hauptachsen v ≡ y und w ≡ z ist, da das Biegemoment Mbz der Kraft-
komponente Fy = F sin α proportional ist und entsprechend Mby ∼ Fx = F cos α gilt,

Fl3 sin α Fl3 cos α


fy = − , fz = − . (5.25)
kEI2 kEI1

Bildet man das Verhältnis der Beträge fz /fy , dann folgt mit Gl. (4.53)
Lastebene

v≡y
Mby ie
llin
α Nul
β
S
Mb
ψ = 900 − β
Mbz fz
β fy

Abb. 5.12 Beliebiger Quer-


schnitt eines Balkens mit f
Biegemomentvektor Mb und
Durchbiegung f w≡z
5.5 Durchbiegung bei schiefer Biegung 169

fz I2 cos α 1 I2
= = = tan β .
fy I1 sin α tan α I1

Die Durchbiegung bei schiefer Biegung erfolgt senkrecht zur Nulllinie, nicht
in der Lastebene. Die neutrale Schicht ist somit Biegeebene.

Es soll nun gezeigt werden, dass, ähnlich wie die Biegespannung, Gl. (4.56), aus
Biegemoment um die Nulllinie und Flächenmoment bezüglich der Nulllinie, auch
die Durchbiegung aus Kraftkomponente senkrecht zur Nulllinie und IN berech-
net werden kann. Dem Abb. 5.12 entnimmt man die resultierende Durchbiegung
f = fz / sin β. In Verbindung mit der zweiten Gl. (5.25) folgt

Fl3 cos α
f= .
kEI1 sin β

Erweitern wir jetzt mit sin(α + β) Zähler und Nenner und beachten die Identität
sin(α + β) = sin α cos β + cosα sin β (s. [11], Abschnitt Trigonometrische Funktio-
nen), dann erhalten wir nach einigen Umformungen

Fl3 sin(α + β)
f= .
kEI1 (tan α tan β cos2 β + sin2 β)

Mit I2 = I1 tan α tan β, s. Gl. (4.53), folgt

Fl3 sin(α + β) Fl3 sin(α + β)


f= = .
kE I2 cos β + I1 sin β
2 2 kE I2 sin (90 − β) + I1 cos2 (900 − β)
2 0

Der Ausdruck im zweiten Nenner der vorstehenden Gleichung ist das Flächenmo-
ment IN bezogen auf die Nulllinie als Achse, dies folgt aus der ersten Gl. (4.14)
mit ψ ≡ ϕ = 900 − β sowie Iy ≡ I1 , Iz ≡ I2 und Iyz ≡ I12 = 0 . Somit ist die
Durchbiegung
Fl3 sin(α + β)
f= · (5.26)
kE IN
Sie kann ohne geometrisches Addieren nunmehr leicht berechnet werden.
Beispiel 5.18 (Durchbiegung eines Freiträgers).
Die größte Durchbiegung des Freiträgers aus Beispiel 4.21 (Abb. 4.34 a) aus einer
Aluminiumlegierung mit E = 0,7 · 105 N/mm2 ist zu berechnen.
Lösung 5.18
Mit den Zahlenwerten α = 22, 50 , I1 = 558 cm4 und I2 = 106 cm4 ist

Fl3 4 000 N · 109 mm3 · 0, 383


fv = sin α = = 6,88 mm,
3EI2 3 · 0,7 · 105 N/mm2 · 106 · 104 mm4

Fl3 4 000 N · 109 mm3 · 0, 924


fw = cos α = = 3,15 mm .
3EI1 3 · 0,7 · 105 N/mm2 · 558 · 104 mm4
170 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

Abb. 5.13 Gegenüber dem Lastebene


Einspannquerschnitt schief F
verschobenes Trägerende des
Freiträger mit Winkelquer- α
schnitt bei schiefer Biegung neutrale Schicht β
y fw
fv f
v

z w

Die resultierende Durchbiegung senkrecht zur Nulllinie ist somit


 
f = f2v + f2w = (47, 3 + 9, 9)mm2 = 7,56 mm .

Aus Gl. (5.26) erhält man mit IN = 185 cm4

Fl3 sin(α + β) 4 000 N · 109 mm3 · 0, 733


f= = = 7,55 mm .
3E IN 3 · 0,7 · 105 N/mm2 · 185 · 104 mm4

In Abb. 5.13 ist das gegenüber dem Einspannquerschnitt schief verschobene Trägerende darge-
stellt.

5.6 Aufgaben zu Kapitel 5

Aufgabe 5.1 (Biegelinie). Für die in Tabelle 5.1 angegebenen Belastungsfälle 3 bis
10 ermittle man aus der Differentialgleichung der Biegelinie durch Integration die
Gleichungen der Tangentenneigung w  (x) und der Durchbiegung w(x).
Aufgabe 5.2 (Freiträger). Die Gleichungen für die Tangentenneigung w  (x) und
die Durchbiegung w(x) eines als Dreiecksfeder (Abb. 4.26 b) ausgebildeten Frei-
trägers mit der Einzellast F am Ende sind zu ermitteln. Wie groß sind insbesondere
Neigung und Durchbiegung am freien Ende?
Aufgabe 5.3 (Superpositionsgesetz). Durchbiegung und Tangentenneigung am En-
de des Freiträgers in Beispiel 4.15 (Abb. 4.22a) sind mit Hilfe des Superpositions-
gesetzes zu ermitteln.
Aufgabe 5.4 (Getriebewelle). Eine Getriebewelle mit konstantem Durchmesser d
(Abb. 5.14) ist durch die Kräfte F1 = F und F2 = 2F auf Biegung beansprucht, Länge
des überstehenden Wellenendes a = l/3. Die Durchbiegung der Welle an den Kraft-
angriffsstellen sind zu berechnen. Welche der in Abb. 5.14 a) und b) gezeichneten
5.7 Formelzusammenfassung Kapitel 5 171

Richtungen der Last F2 ist die günstigste? Man vergleiche dazu die Lagerkräfte und
die Biegemomente.

F1 F1 F2
a) b)

d
A B A B
l a l a
F2
Abb. 5.14 Schema einer Getriebewelle mit zwei Einzellasten F1 und F2
a) Last F2 nach oben gerichtet
b) Last F2 nach unten gerichtet

Aufgabe 5.5. Wie groß darf der Lagerabstand l der Maschinenwelle ohne Bohrung
in Beispiel 4.23 (Abb. 4.38) werden, wenn die Durchbiegung in der Mitte fm gleich
der Durchbiegung f am freien Ende sein soll? Wie groß ist l, wenn die Durchbiegung
in der Mitte auf 1 mm beschränkt bleiben soll? Für beide Fälle berechne man die
Größe der Durchbiegung, E = 2,1 · 105 N/mm2 .
Aufgabe 5.6. Die Durchbiegung am Ende der Blattfeder in Aufgabe 4.23 (Abb. 4.56
a) ist für die Last F = 200 N zu berechnen (Elastizitätsmodul E = 2,1 ·105 N/mm2 ).
Aufgabe 5.7. Wie groß sind kleinster Krümmungsradius ρ, größte Durchbiegung f
und Neigungswinkel α am Ende der vom Kran angehobenen Rundstange, l = 7, 3 m,
in Aufgabe 4.15 (Elastizitätsmodul E = 2,1 · 105 N/mm2 )?
Aufgabe 5.8. Die Durchbiegung am Ende des Freiträgers in Aufgabe 4.19 ist zu
berechnen (Abb. 4.53)
a) aus den Komponenten in Richtung der Hauptachsen,
b) aus Gl. (5.26)
(Elastizitätsmodul E = 2,1 · 105 N/mm2 ).

5.7 Formelzusammenfassung Kapitel 5

• Differentialgleichung der Biegelinie 2. Ordnung

d2 w Mby (x)
2
= w  = −
dx EIy

• Differentialgleichung der Biegelinie 4. Ordnung (allgemeiner Fall)


 
d2 d2 w d2 Mby dFqz
2
EI y 2
= − 2
=− = qz
dx dx dx dx
172 5 Durchbiegung gerader Balken - Biegelinie

• Differentialgleichung der Biegelinie 4. Ordnung (konstante Biegesteifigkeit)

EIy w  = qz

• Formänderungsarbeit
l
1 M2b (x)
W= dx,
2 EIy (x)
0
Kapitel 6
Statisch unbestimmte Systeme

6.1 Allgemeines

Zur Festigkeitsberechnung von Trägern, die auf Biegung beansprucht sind, ist die
Kenntnis des Biegemomentverlaufs und insbesondere des größten Biegemoments
erforderlich. Im Allgemeinen müssen dafür zunächst die Lager- oder Stützkräfte be-
kannt sein. Sind mehr unbekannte Lagerreaktionen vorhanden als Gleichgewichts-
bedingungen zur Verfügung stehen, dann ist ein mechanisches System statisch unbe-
stimmt gelagert (s. [17], Abschnitt 6.2 Statisch bestimmte und statisch unbestimmte
Systeme).
Der Grad der statischen Unbestimmtheit wird aus der Abzählbedingung

k = a + z − 3n (6.1)

berechnet. In dieser Gleichung sind a die Anzahl der unabhängigen Auflagerreak-


tionen, z die Anzahl der unabhängigen Zwischenreaktionen, z. B. Gelenkkraftkom-
ponenten im G ERBER1 träger, und n die Anzahl der Teile, in die ein System zerlegt
werden kann. Ist k > 0, z. B. gleich eins, zwei oder allgemein i, dann ist ein System
einfach, zweifach oder i-fach statisch unbestimmt gelagert.
Zur Berechnung der überzähligen unbekannten Lagerreaktionen, die man sta-
tisch unbestimmte Größen oder kurz statisch Unbestimmte nennt, muss man die Vor-
stellung von der Starrheit eines Bauteils (z. B. eines Trägers oder einer Welle) fallen
lassen. Man berücksichtigt die durch die Belastungen und die noch unbekannten
Lagerkräfte hervorgerufenen Formänderungen. Aus den Verformungsbedingungen
an den überzähligen Lagerstellen gewinnt man dann die neben den Gleichgewichts-
bedingungen zur Bestimmung der Auflager noch fehlenden Gleichungen. Auch in-
nerlich statisch unbestimmte Systeme (geschlossene Rahmen) kann man durch Auf-
schneiden auf die oben geschilderte Weise berechnen, s. Abschnitt 6.6.

1 H EINRICH G OTTFRIED G ERBER (∗ 18. November 1832 in Hof; † 3. Januar 1912 in München),

Bauingenieur, der nach ihm benannte Träger wurde 1866 patentiert

173

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_6,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
174 6 Statisch unbestimmte Systeme

a) b) c)

w = 0, w  = 0 w = 0, w  = 0 w = 0, w  = 0
Abb. 6.1 Verformungsbedingungen an Lagerstellen, Lagerung
a) einwertig
b) zweiwertig
c) dreiwertig

6.2 Starre Lagerung

In sehr vielen Fällen sind Träger so gelagert, dass die Lager in Belastungsrich-
tung unverschieblich, d. h. starr, sind oder zumindest als starr angenommen wer-
den können. Die Formänderungen der Lager sind also so gering, dass sie gegenüber
den Formänderungen der Träger vernachlässigt werden können. An einem ein- oder
zweiwertigen Lager (Abb. 6.1 a) und b) lautet die Verformungsbedingung z. B., dass
die Durchbiegung Null ist, an einem dreiwertigen Lager (Abb. 6.1 c) sind Durch-
biegung und Tangentenneigung an die Biegelinie Null.
Ein Lösungsweg zur Ermittlung der statisch Unbestimmten ist die Anwendung
der Superpositionsmethode (indem man etwa die Angaben in Tabelle 4.1 benutzt).
Man zerlegt das gegebene System (z. B. den Träger in Abb. 6.2) in ein statisch
bestimmt gelagertes Hauptsystem mit allen gegebenen Belastungen und in so viele
Zusatzsysteme, wie überzählige Lagerreaktionen vorhanden sind, also k (hier k = 1).
Das statisch bestimmt gelagerte Hauptsystem erhält man, indem man die überzähli-
gen Lager entfernt (A in Abb. 6.2 b) oder eine dreiwertige Einspannung durch ein
zweiwertiges Lager ersetzt (B in Abb. 6.2 d).

q
a)
M0

FA FB
q q
b) d)
αBq

fAq
fAA M0
c) e)
αBM0

FA

Abb. 6.2 Einfach statisch unbestimmt gestützter Träger der Länge l


a) Lageplan
b) 1. Hauptsystem
c) 1. Zusatzsystem
d) 2. Hauptsystem
e) 2. Zusatzsystem
6.2 Starre Lagerung 175

Die unbekannten Reaktionskräfte oder -momente dieser Lager werden in je ei-


nem Zusatzsystem als äußere Belastungen eingeführt - entweder FA in Abb. 6.2
c) oder M0 in Abb. 6.2 e). Nun berechnet man für das Hauptsystem und die Zu-
satzsysteme die Verformungen (z. B. mit Hilfe der Tabelle 4.1) - entweder die
Durchbiegungen fAq = ql4 /(8EI) und fAA = −FA l3 /(3EI) oder die Tangenten-
neigungen tan αBq = −ql3 /(24EI) und tan αBM0 = M0 l/(3EI) an den Stellen
der entfernten Lager oder der Einspannung. Bei starrer Lagerung müssen dann
die bei Superposition erhaltenen Gesamtverschiebungen oder die Tangentennei-
gungen an den betreffenden Lagerstellen Null sein. Im ersten Fall erhält man aus
fA = fAq + fAA = 0 die Lagerkraft FA = 3ql/8. Die zwei verfügbaren Gleichge-
wichtsbedingungen ergeben FB = 5ql/8 und M0 = ql2 /8. Im zweiten Fall ergibt
tan αB = tan αBq + tan αBM0 = 0 das Einspannmoment M0 = ql2 /8.
Grundsätzlich ist es egal, wie man ein statisch unbestimmtes System in ein
statisch bestimmtes Hauptsystem und entsprechende Zusatzssteme zerlegt. Der
zweckmäßigste Weg ist der, welcher bei der Zerlegung auf möglichst einfache Be-
lastungsfälle der Teilsysteme, z. B. nach Tabelle 4.1, führt. In Abb. 6.3 sind an ei-
nem Träger mit der Einzellast F und starrer, d. h. in Lastrichtung unverschieblicher
Lagerung die verschiedenen Möglichkeiten einer Aufteilung in Hauptsysteme und
Zusatzsysteme gegenübergestellt. Die jeweiligen Verformungsbedingungen lauten:

fC = fCF + fCC + fCM0 = 0,
a)
tan αC = tan αCF + tan αCC + tan αCM0 = 0,

fA = fAF + fAA + fAB = 0,
b)
fB = fBF + fBA + fBB = 0,
fA = fAF + fAA + fAM0 = 0,
c)
tan αC = tan αCF + tan αCA + tan αCM0 = 0,

F
B M0
A a1 b1 C
a2 b2
statisch bestimmt gelagerte Hauptsysteme
αCF
a) F b) F c) F αCF d) F αCF
fCF fAF fBF fAF
fBF

Zusatzsysteme
FC fBA αCA fBB αCB
fAA fAA
FA FA FB
fCC α
CC

M0 f fBB M0 fBM0 M0
AB

fCM0 α FB αCM0 αCM0


CM0 fAM0

Abb. 6.3 Zweifach statisch unbestimmt gestützter Träger


a). . . d) verschiedene Möglichkeiten zur Zerlegung in Haupt- und Zusatzsysteme
176 6 Statisch unbestimmte Systeme

fB = fBF + fBB + fBM0 = 0,
d)
tan αC = tan αCF + tan αCB + tan αCM0 = 0 .
Die Gl. (6.1) mit a = 5, z = 0 und n = 1 ergibt k = 2, d. h., der Träger ist zwei-
fach statisch unbestimmt gelagert. Da keine Kräfte in Längsrichtung auftreten, ist
eine Gleichgewichtsbedingung identisch erfüllt. Neben den beiden weiteren Gleich-
gewichtsbedingungen reichen die beiden Verformungsbedingungen gerade zur Be-
rechnung der vier Unbekannten aus. Erkennt man die Richtung der gesuchten La-
gerreaktionen, zeichnet man sie richtig in das Bild ein. Erscheint im Ergebnis ei-
ne Unbekannte mit negativem Vorzeichen, ist der im Ansatz gewählte Richtungs-
sinn umzukehren. Für die gewählten Kraftrichtungen sind die Durchbiegungen und
die Neigungswinkel vorzeichenrichtig in die Verformungsbedingungen einzusetzen.
Die Verformungen, z. B. die Durchbiegungen und die Tangentenneigung, können
nach einem der in Abschnitt 5 angegebenen Verfahren ermittelt oder der Tabelle 4.1
und [22] entnommen werden.
In der höheren Festigkeitslehre sind weitere Lösungswege in Gebrauch. Das Ver-
fahren von C ASTIGLIANO2 ermittelt die Verformungsbedingungen über den Ener-
giesatz aus der Formänderungsarbeit und kann für beliebige Systeme mit beliebiger
Belastung angewendet werden. Es ist nicht nur auf die Biegung beschränkt. Für
n-fach gelagerte Wellen mit zur Längsachse senkrechter Belastung können die so
genannten Dreimomentengleichungen oder C LAPEYRON’schen3 Gleichungen ange-
wendet werden. Wegen des z.T. nicht unbeträchtlichen Aufwandes soll im Rahmen
dieses Buches auf die vollständige Herleitung und Anwendung dieser Verfahren ver-
zichtet werden. Exemplarisch wird lediglich im Abschnitt 6.3 der zweite Satz von
C ASTIGLIANO behandelt.
Beispiel 6.1 (Lagerreaktionen).
Für den Träger (Abb. 6.3) mit der Einzellast F sind die Lagerreaktionen FA , FB ,
FC und M0 zu berechnen, Biegemomentenverlauf und Biegelinie sind zu zeichnen.
Gegeben sind a1 = l/2, b1 = 3l/2 und a2 = b2 = l.
Lösung 6.1
Abbildung 6.4 a) zeigt noch einmal den Lageplan, Abb. 6.4 b) den freigemachten Träger mit sämt-
lichen Lasten. Wir entscheiden uns für die Zerlegung nach Abb. 6.3 b) und können mit Hilfe der Ta-
belle 4.1 die Durchbiegungen unter den Lasten F, FB und FA ermitteln. Für alle sechs Teilbeträge
der Durchbiegungen kommen wir allein mit dem Belastungsfall 1 der Tabelle 4.1 aus (Abb. 6.4 c).
Die Durchbiegung an der Stelle A durch die Last F ist

l F(3l/2)3 F(3l/2)2 l 27 Fl3


fAF = fFF + tan α = + = .
2 3EI 2EI 2 16 EI
Ebenso erhält man mit l/2 als x und 3l/2 als l aus der Tabelle
   
l F(3l/2)3 3 1 1 7 Fl3
fBF = w = 1− · + = .
2 3EI 2 3 54 12 EI

2 C ARLO A LBERTO C ASTIGLIANO (∗ 8. November 1847 in Asti; † 25. Oktober 1884 in Mailand),

Baumeister, Ingenieur und Wissenschaftler


3 B ENO ÎT PAUL É MILE C LAPEYRON (∗ 26. Januar 1799 in Paris; † 28. Januar 1864 in Paris), Phy-

siker, Thermodynamik, Professor für Maschinenbau und Mechanik École des Ponts et Chaussées
6.2 Starre Lagerung 177

a) F

A B C
l/2 l/2 l
c) l/2 3l/2
b) F F
M0

FC fAF fBF
FA
FB α fFF
fFA
d) F 9 fBA
fAA
F
56
22 FA
F 43 3 2l
56 F Fl
56 56
6 α
e) − fFB
56 fBB
x fAB
Mb (x)
Fl

3
11 56 FB
f) l l
56 W2
w(x)

x
W1
Abb. 6.4 Zweifach statisch unbestimmter Träger
a) Lageplan
b) freigemachter Träger
c) Durchbiegungen infolge der Kräfte F, FA und FB
d) Kräfte und Momente am Träger
e) Biegemomentverlauf
f) Biegelinie

In gleicher Weise berechnet man die Durchbiegungen infolge der Lasten FA und FB und bekommt

8 FA l3 5 FA l3 1 FB l3
fAA = − , fBA = − , fBB = −
3 EI 6 EI 3 EI
und
5 FB l3
fAB = fBB + l tan α = −.
6 EI
Die Verformungsbedingungen fA = fB = 0 (Abb. 6.3 b) führen auf das Gleichungssystem

27 8 5 7 5 1
F − FA − FB = 0, F − FA − FB = 0
16 3 6 12 6 3
mit der Lösung
22 43
FA =
F, FB = F.
56 56
Die beiden Gleichgewichtsbedingungen werden so gewählt, dass die fehlenden Unbekannten aus
jeder Gleichung für sich berechnet werden können
  3
Fzi = 0 = FA + FB + FC − F, MiC = 0 = FA 2l + FB l − F l − M0 .
2
178 6 Statisch unbestimmte Systeme

Aus der ersten Gleichung ergibt sich FC = −(9/56)F und aus der zweiten M0 = (3/56)Fl. Da
sich in der Rechnung für die Lagerreaktion FC ein negatives Vorzeichen ergibt, ist ihre Richtung
zu der in Abb. 6.4 b) angegebenen entgegengesetzt. In Abb. 6.4 d) ist der Träger mit allen äußeren
Lasten aufgezeichnet, der Biegemomentenverlauf ist in Abb. 6.4 e) dargestellt. In Abb. 6.4 f) ist
der Verlauf der Biegelinie gezeichnet. Wegen des zweifachen Nulldurchgangs des Biegemoments
hat die Biegelinie zwei Wendepunkte W1 und W2 .
Die Durchbiegung des statisch unbestimmt gelagerten Trägers erhält man ebenfalls durch Über-
lagerung. An der Lastangriffsstelle ist sie z. B.

fF = fFF + fFA + fFB .

Mit
9 Fl3 27 FA l3 11 27 Fl3
fFF = , fFA = − =− ·
8 EI 16 EI 8 56 EI
und
l 7 FB l3 43 Fl3
fFB = fBB + tan α = − =−
2 12 EI 8 · 12 EI
erhält man
19 Fl3
fF = .
24 · 56 EI
Vergleicht man diesen Wert mit der Durchbiegung fFF = 9Fl3 /8EI des statisch bestimmt ge-
lagerten Freiträgers, Abb. 6.4 c) oben, dann ist das Verhältnis fF /fFF = 1/80. Der in A und B
statisch unbestimmt gestützte Träger (Abb. 6.4 a) ist also erheblich steifer, als wenn er nur einge-
spannt wäre.

Beispiel 6.2 (Lagerkräfte).


Die Welle (Abb. 6.5) ist in A, B und C gelagert und durch zwei gleich große Kräfte
F belastet. Infolge eines Bearbeitungsfehlers ist das mittlere Lager um den Betrag
f0 = 3Fl3 /(8 · 48EI) entgegengesetzt zur Lastrichtung versetzt. Man berechne die
Lagerkräfte FA , FB und FC und vergleiche sie mit denen, die sich ergeben, wenn alle
drei Lager in gleicher Höhe liegen, also f0 = 0 ist. Der Verlauf der Biegemomente
in den beiden Fällen ist ebenfalls miteinander zu vergleichen.
Lösung 6.2
Abb. 6.5 a) zeigt den Lageplan mit versetztem Lager, Abb. 6.5 b) zeigt die freigeschnittene Welle
und Abb. 6.5 c) die Aufteilung in zwei Systeme. Die Abzählbedingung liefert k = 1, die Welle ist
also einfach statisch unbestimmt gelagert. Wegen der Verformungsbedingung

fB = −f0 = fBF + fBB

ergibt sich zwangsläufig die Lagerkraft FB als statisch Unbestimmte. Der Tabelle 4.1, Fall 7, ent-
nimmt man die Durchbiegung
 
Fl3 1 4 1 11 Fl3
fBF = · 1− · = .
8EI 4 3 16 8 · 48 EI

Der Belastungsfall 3 entsprechend Tabelle 4.1 ergibt

FB l3
fBB = − .
48EI
Setzt man diese Werte in die Verformungsbedingung ein, dann ist

11 Fl3 FB l3 3 Fl3 14
− =− und FB = F
8 · 48 EI 48EI 8 · 48 EI 8
6.3 Satz von C ASTIGLIANO 179

a) l/4 l/4 l/4 l/4


d) F F F F
F F
1 14 1 2, 5 11 2, 5
F F F F F F
A B C 8 6 8 8 8 8 8
f0
− 3
e) 32 −
32
b) F F
1 x 2, 5 x
FA FB FC 32 32
Mb (x) Mb (x)
c) F F
Fl Fl
a
fBF

fBB
FB
Abb. 6.5 Dreifach gelagerte Welle, Mittellager B um den Betrag f0 versetzt
a) Lageplan mit Lagerschema
b) freigeschnittene Welle
c) Durchbiegungen infolge der Kräfte F und FB
d) Kräfte an der Welle
e) Biegemomentverlauf

die gesuchte Lagerreaktion. 


Aus Symmetriegründen ist FA = FC , aus der Gleichgewichtsbedingung Fiz = 0 folgt
FA = F/8. Das Belastungsschema der Welle und der Biegemomentenverlauf sind in Abb. 6.5 d)
und e) links dargestellt. Bei in gleicher Höhe liegenden Lagern mit f0 = 0 ist die Lagerkraft
FB = (11/8)F, und somit FA = (2, 5/8)F. Die Ergebnisse sind in den Teilbildern rechts dar-
gestellt. Man sieht, dass der Bearbeitungsfehler dieses Betrages das Biegmoment im gefährdeten
Querschnitt verdoppelt.

6.3 Satz von C ASTIGLIANO

Kennt man die Energie eines mechanischen Systems bzw. die Arbeit, die bei einem
Verformungsvorgang geleistet wird, kann man die Verschiebungen, Durchbiegun-
gen usw. an bestimmten Punkten effektiver als mit den bisher eingeführten Metho-
den ermitteln. Nachfolgend wird ein Verfahren vorgestellt, welches die Berechnung
von Verformungen in statisch bestimmten Systemen sowie die Ermittlung von Auf-
lagerreaktionen in statisch unbestimmten Systemen gestattet.

6.3.1 Energetische Betrachtungen zu verformbaren Systemen

Die bisher betrachteten elementaren Beanspruchungszustände lassen die nachfol-


genden energetischen Betrachtungen zu. Betrachtet man einen Zugstab (Abb. 6.6 a),
180 6 Statisch unbestimmte Systeme

a) b) c)

dl

wmax
F F
ϕmax

M
Abb. 6.6 Träger mit unterschiedlichen Belastungen.
a) Zugstab,
b) Biegebalken unter Einzelkraft,
c) Biegebalken unter Einzelmoment

ist die elastische Energie nach Gl. (2.15) unter Beachtung von Gl. (2.12)

1 F2 l
W= .
2 EA
Leitet man diese Gleichung nach der äußeren Kraft ab

∂W Fl
= = dl,
∂F EA
erhält man die Stabverlängerung.
Überträgt man diese Überlegung auf den Biegebalken, Abb. 6.6 b), gilt zunächst
entsprechend Beispiel 5.12
F2 l3
W= .
6EI
Die Ableitung nach der Kraft führt dann auf

∂W Fl3
= = wmax .
∂F 3EI
Analysiert man den Biegebalken unter Einwirkung eines Momentes (Abb. 6.6 c),
kann man zeigen, dass die Formänderungsarbeit W sich wie folgt ausrechnen lässt

M2 l
W= .
2EI
Die Ableitung nach dem Moment erhält man dann als

∂W Ml
= = ϕmax .
∂M EI
Die drei Fälle lassen sich verallgemeinern:
6.3 Satz von C ASTIGLIANO 181

Satz 6.1 (Zweiter Satz von Castigliano). Die partielle Ableitung der elastischen
Energie nach den Kraftgrößen (Kräfte und Momente) liefert die zugehörigen Ver-
schiebungsgrößen (Verschiebung und Neigung) in Richtung der Kraftgrößen.
Dabei ist zu beachten, dass die elastische Energie als Funktion der Kraftgrößen auf-
zuschreiben ist. Der zweiten Satz von C ASTIGLIANO lässt ein alternatives Verfahren
zu den bisher behandelten zur Bestimmung von Verformungen in diskreten Punkten
eines Tragwerkes zu.
Vertauscht man Ursache und Wirkung kann man formulieren:
Satz 6.2 (Erster Satz von Castigliano). Die partielle Ableitung der elastischen
Energie nach den Verschiebungsgrößen (Verschiebung und Neigung) liefert die
zugehörigen Kraftgrößen (Kräfte und Momente) in Richtung der Verschiebungs-
größen.
Dabei ist zu beachten, dass die elastische Energie als Funktion der Verschiebungs-
größen aufzuschreiben ist.

6.3.2 Rechenschema zur Anwendung des 2. Satzes von Castigliano

Bei der Anwendung des zweiten Satzes von C ASTIGLIANO muss man drei Fälle
unterscheiden. Diese werden nachfolgend diskutiert.
1. Statisch bestimmte Systeme
Betrachtet wird der auf Abb. 6.7 dargestellte Kragträger. Zunächst ist die Formän-
derungsarbeit entsprechend Gl. (5.3) aufzuschreiben

l
1 M2b
W= dx .
2 EI
0

Diese Gleichung vereinfacht sich bei EI = const. Im hier betrachteten Fall der
Balkenbiegung gilt weiterhin

Mb = F(l − x) .

Die Ableitung lässt sich folgendermaßen ausrechnen

F
x EI

Abb. 6.7 Kragträger unter l


Einzellast
182 6 Statisch unbestimmte Systeme

Tabelle 6.1 Rechenschema zur Anwendung des Satzes von C ASTIGLIANO

l
∂Mb ∂Mb ∂Mb
Bereich Mb Mb Mb dx
∂F ∂F ∂F
0

Fl3
0  x  l F(l − x) l − x F(l − x)2
3

l
∂W 1 ∂Mb
= Mb dx .
∂F EI ∂F
0

Die Rechnung lässt sich damit entsprechend Tabelle 6.1 ausführen. Abschließend
erhält man die Durchbiegung in Richtung der Kraft

Fl3
w= .
3EI
Man kann sofort erkennen, dass dieses Ergebnis mit der Durchbiegung in Tabel-
le 5.1 (Fall 1) übereinstimmt.
Anmerkung 6.1. Man erkennt relativ schnell, dass der Anwendung des 2. Sat-
zes von Castigliano selbst bei nicht korrektem Vorzeichen des Biegemomentes zu
einem korrekten Ergebnis, da das Biegemoment quadratisch in die Formände-
rungsarbeit eingeht.
2. Berechnung der Verformung an Stellen, an denen keine äußere Kraftgröße an-
greift
Dieser Fall kann auf den Fall 1 zurückgeführt werden, wenn man an der Stelle
der gesuchten Durchbiegung eine Hilfskraft FH in Richtung der Durchbiegung
oder bei gesuchtem Neigungswinkel ein Hilfsmoment MH in Richtung der Win-
kelneigung einführt. Dann verläuft der Rechenrozess wie unter 1. Am Schluss
der Rechnung wird die Hilfsgröße gleich Null gesetzt.
Ist beispielsweise der Neigungswinkel am Ende eines Kragträgers (Abb. 6.8) zu
ermitteln, setzt man dort das Moment MH an und schreibt

Mb = F(l − x) + MH

Dann ist die partielle Ableitung des Biegemoments nach dem Hilfsmoment

∂Mb
= 1,
∂MH
und man erhält
6.3 Satz von C ASTIGLIANO 183

l
∂W 1 1 Fl2
ϕ= = [F(l − x) + MH ] · 1dx = + MH l
∂MH EI EI 2
0

Setzt man nun MH = 0, ergibt sich für die Balkenneigung am Ende

Fl2
ϕ= .
2EI
Man kann auch hier erkennen, dass dieses Ergebnis mit der Neigung in Tabelle
5.1 (Fall 1) übereinstimmt.
3. Analyse statisch unbestimmter Systeme
Das in Abb. 6.9 dargestellte System ist einfach statisch unbestimmt gelagert, da
es drei unbekannte Lagergrößen enthält, während nur zwei Gleichgewichtsbe-
dingungen zu ihrer Berechnung zur Verfügung stehen. Man setzt zunächst eine
Lagerreaktion (z. B. FB ) als bekannt voraus. Das System ist damit statisch be-
stimmt und die Lagerreaktionen sowie der Biegemomentenverlauf lassen sich
als Funktion von FB ausrechnen. Nach Ausführung aller Rechenschritte für die
Ermittlung der Durchbiegung an der Stelle der Kraft FB , d. h. der Berechnung
von
l
1 ∂Mb
wB = Mb dx ,
EI ∂FB
0

wird die Durchbiegung gleich Null gesetzt (wB = 0), da im Lager keine Durch-
biegung auftreten darf. Damit hat man eine Bestimmungsgleichung für die unbe-
kannte Lagerkraft FB .
Für das betrachtete Beispiel sieht der Rechengang wie folgt aus:
– Berechnung der Schnittmomente
Für den Fall, dass zunächst die Einspannungskraft FA und das Einspannungs-
moment MA als unbekannt angenommen werden und die Lagerkraft FB als
bekannt angesehen wird, bietet sich an, die Koordinatenrichtung x im Punkt
B beginnend nach links zu legen. Damit ergeben sich die Schnittmomente und
deren Ableitungen für die beiden Abschnitte zu

∂Mb
0  x  l : Mb (x) = FB x, =x
∂FB
und

F MH
x EI

Abb. 6.8 Kragträger mit l


Hilfsmoment
184 6 Statisch unbestimmte Systeme

Abb. 6.9 Einfach statisch l l


unbestimmtes System
MA
F

B
A
FB
FA

∂Mb
l  x  2l : Mb (x) = FB x − F(x − l), = x.
∂FB
– Die Durchbiegung im Punkt B wB erhält man wie folgt
⎧l ⎫
   
1 ⎨ ⎬
2l
  1 8 5
wB = FB x2 dx + FB x2 − F(x − l)x dx = FB l3 − Fl3 .
EI ⎩ ⎭ EI 3 6
0 l

– Die Durchbiegung ist wegen des Festlagers im Punkt B gleich 0

8 5 5
wB = 0 ⇒ FB l3 − Fl3 = 0 ⇒ FB = F .
3 6 16
– Die restlichen Lagerreaktionen kann man jetzt aus den Gleichgewichtsbedin-
gungen ermitteln
11
FA − F + FB = 0 ⇒ FA = F,
16
3
MA − Fl + FA · 2l = 0 ⇒ MA = − Fl .
8
Beispiel 6.3 (Einfach unbestimmt gelagerter Träger).
Für den auf Abb. 6.2 a) dargestellten einfach statisch unbestimmten Träger sollen
die Lagerreaktionen ermittelt werden.
Lösung 6.3
Setzt man zunächst die Auflagerkraft FA als bekannt voraus, ist die Bedingung, dass die Durch-
biegung im Lager verschwindet, zu erfüllen

l
1 ∂Mb
wA = Mb dx = 0 .
EI ∂FA
0

Zunächst sind die übrigen Lagerreaktionen mit Hilfe der Statikgleichungen als Funktionen der
Lagerreaktion FA auszudrücken

ql2
FB = ql − FA , MB = − FA .
2
Schneidet man jetzt den Balken zwischen den Lagern, erhält man das Schnittmoment für den linken
Teil zu
qx2
M b = FA x − .
2
6.4 Elastische Lagerung 185

Die Ableitung nach FA folgt zu


∂M
= x.
∂FA
Nach Einsetzen in die Bestimmungsgleichung für wA und Ausrechnen erhält man

l    
1 qx2 1 l3 l4
wA = FA x − xdx = FA − q 0.
EI 2 EI 3 8
0

bzw. abschließend
3
FA =
ql .
8
Dieses Ergebnis stimmt mit dem entsprechenden Ergebnis im Rahmen der Betrachtungen zu
Abb. 6.2 überein. Die übrigen Lagerreaktionen lassen sich aus den Gleichgewichtsbeziehungen
bestimmen
5 1
FB = ql, MB = ql2 .
8 8
Dies ist nicht der einzige Lösungsweg. Aus der Bedingung für die Einspannung

l
 1 ∂Mb
wB = Mb dx = 0 .
EI ∂MB
0

lässt sich das Einspannungsmoment MB direkt ermitteln. Die Lagerkraft FB kann als Funktion
des Einspannungsmoments aus den Gleichgewichtsbeziehungen ausgerechnet werden

MB ql
FB = + .
l 2
Nach Schnitt kann das Schnittmoment für den rechten Teil aufgeschrieben werden

qx2  x q(lx − x2 )
Mb = −MB + FB x − = −1 + MB + ,
2 l 2
so dass die Ableitung nach MB lautet

∂Mb x
= −1 + .
∂MB l
Einsetzen und Ausrechnen führt dann auf das im ersten Teil bereits angeführte Ergebnis.

6.4 Elastische Lagerung

Sind die Formänderungen der Lager von mechanischen Systemen nicht vernachläs-
sigbar klein, dann sind diese bei der Berechnung der Lagerreaktionen in den Defor-
mationsbedingungen zu berücksichtigen. Das ist z. B. der Fall bei Pendelstützen
oder Querträgern. Die Formänderungen der Lagerungen sind elastisch und der
Größe der Lagerreaktion proportional.

Beispiel 6.4 (Stahlträger).


Ein Stahlträger I 300 nach DIN 1 025 Bl. 1 mit der Last F = 45 kN ist in A und C
186 6 Statisch unbestimmte Systeme

starr und in B auf einem Querträger I 180 nach DIN 1 025 Bl. 1 aus Stahl elastisch
gelagert (Abb. 6.10). Zu berechnen sind die Lagerkräfte FA , FB und FC , die größten
Biegespannungen in beiden Trägern und die Durchbiegung im Lager B sowie an
der Angriffsstelle der Last F. Wie groß sind die Lagerkräfte und Beanspruchungen,
wenn das Lager B starr angenommen wird, wie groß Beanspruchung und größte
Durchbiegung des Trägers, wenn das Lager fehlt?
Lösung 6.4
Der Träger ist einfach statisch unbestimmt gelagert. Die Zerlegung in zwei Systeme (Abb. 6.10 c)
führt beide Male auf den Belastungsfall 4 der Tabelle 4.1, der man mit a = 2l/3 und b = l/3
die Durchbiegungen entnimmt
 
Fl3 2 1 1 1 7 Fl3
fBF = · · · 1+3− = ,
6EI 3 9 3 2 6 · 81 EI
FB l3 4 1 4 FB l3
fBB = − · · =− .
3EI 9 9 3 · 81 EI

In diesen Gleichungen ist I = Iy = 9 800 cm4 das axiale Flächenmoment des Trägers I 300. Mit
dem Flächenmoment I1 = 1 450 cm4 des Trägers I 180 und seiner Länge l1 ist die Federkonstante

a) 60
00
30
00
00
10
A 30
00 00
10
B F

C
b) F
F B = cB f B
FA FC
l/3 l/3
l

c) F

fBF fFF

fBB
FB fFB
Abb. 6.10 Elastisch gestütz- 1
ter Träger d) −
15
a) Lageplan
2 x
b) freigeschnittener Träger Mb (x)
c) Durchbiegungen infolge 15
Fl
der Kräfte F und FB e)
d) Biegemomentverlauf
W x
e) Biegelinie w(x)
6.4 Elastische Lagerung 187

cB = 48EI1 /l31 (s. Tabelle 4.1, Fall 3). Die Verformungsbedingung des mittleren Lagers lautet
mit der Federkonstanten cB
FB
fB = fBF + fBB = .
cB
Setzt man die einzelnen Anteile in diese Verformungsbedingung ein, ergibt sich

7 Fl3 4 FB l3 FB l31
− = .
6 · 81 EI 3 · 81 EI 48EI1
Da beide Träger aus gleichem Werkstoff sind, kann man den E-Modul kürzen und wir erhalten die
Lagerkraft
7F
FB = .
81 l31 I
8+
8 l3 I1
Mit l1 /l = 2/9 und I/I1 = 6, 76 ist

7
FB = F = 36 kN .
8, 75
Aus der Gleichgewichtsbedingung
 2 1
MiA = 0 = FC l − F l + FB l
3 3
folgt
2 1 2
FC =
F − FB = F = 18 kN .
3 3 5

Die Bedingung Fiz = 0 = FA + FB + FC − F ergibt

6 1
FA = F − F = − F = −9 kN .
5 5
Das größte Biegemoment ist im Querschnitt an der Angriffsstelle der Last F und beträgt

FC l
Mb max = = 5,4 · 107 Nmm .
3
Mit dem Widerstandsmoment Wb = 653 cm3 erhält man die größte Biegespannung

Mb max
σb max = = 82,7 N/mm2 .
Wb

In dem Querträger I 180 ist Mb max = FB l1 /4 = 1,8 · 107 Nmm und mit Wb = 161 cm3 die
Biegespannung σb = 111,7 N/mm2 . Mit dem Elastizitätsmodul E = 2 · 105 N/mm2 betragen die
Durchbiegungen in B

FB l31 36 · 103 N · (2 · 103 mm)3


fB = = = 2,07 mm
48EI1 48 · 2 · 105 N/mm2 · 1 450 · 104 mm4

und an der Stelle der Last F


4 Fl3 7 FB l3
fF = fFF + fFB = − =
3 · 81 EI 6 · 81 EI
Wird das Lager B starr angenommen, erhält man aus der Verformungsbedingung
188 6 Statisch unbestimmte Systeme

fB = fBF + fBB = 0

die Aussage
7 3 2
FB = F, FC = F, FA = − F .
8 8 8
Mit dem größten Biegemoment Mb max = Fl/8 = 5,06 · 107 Nmm ist σb max = 77,5 N/mm2 und
damit nur wenig geringer als bei elastischer Lagerung. Ohne das Lager B ist das größte Biegemo-
ment
2 1 2
Mb max = F · l = Fl = 9 · 107 Nmm
3 3 9
und somit die größte Biegespannung σb max = 137,7 N/mm2 . Nach Tabelle 4.1, Fall 4, ergibt sich
die größte Durchbiegung zu

4 2 4 4 2 Fl3
fmax = fFF = = 30 mm .
3 3 3 · 81 3 3 EI
Durch die statisch unbestimmte Lagerung ist die Beanspruchung des Trägers um etwa 40 %, die
Verformung dagegen um mehr als 70 % geringer geworden.

6.5 Einfluss der statisch unbestimmten Lagerung bei Wellen und


Trägern auf die Biegebeanspruchung und die Durchbiegung

Dem Aufwand erheblich höherer Fertigungskosten, die mit der Lagerung einer Ma-
schinenwelle z. B. in mehr als zwei Lagern verbunden sind, steht die Verwirklichung
der Forderung nach hoher Steifigkeit bei geringsten Verformungen und damit ver-
bundener größerer Laufruhe gegenüber. In den Beispielen 6.1 und 6.4 wurde bereits
auf diese Einflüsse hingewiesen. Aber auch die Biegebeanspruchung ist häufig bei
statisch unbestimmter Lagerung geringer, so dass man mit geringeren Abmessun-
gen für die Bauteile auskommt und somit der Forderung nach Leichtbau entsprechen
kann. In den folgenden Beispielen sollen diese Probleme besonders betont werden.
Beispiel 6.5 (Lagerkräfte, Biegespannung, Durchbiegung).
Die Schaltstange in Beispiel 5.16 (Abb. 5.11) ist zusätzlich in der Mitte gelagert. Zu
berechnen sind die Lagerkräfte, die größte Biegespannung und die Durchbiegung
an den Kraftangriffstellen für den Stangendurchmesser d = 5 mm.
Lösung 6.5
Wir bezeichnen die Lagerkräfte von links nach rechts mit FA , FB und FC (Abb. 6.5) und können
die Berechnung ähnlich wie in Beispiel 6.2 durchführen. Die Verformungsbedingung lautet

fB = fBF + fBB = 0 .

Dem Beispiel 5.16 entnehmen wir

39 Fl3
fBF = fm = .
2 · 83 EIa
Mit
FB l3
fBB = −
48EIa
6.5 Einfluss der statisch unbestimmten Lagerung bei Wellen und Trägern 189

aus Beispiel 6.2 folgt

39 Fl3 F l3 117
− B =0 und FB = F = 7,31 N .
2 · 8 EIa 48EIa
3 64
Die übrigen Lagerreaktionen sind dann
 
1 117
FA = FC = 2F − F = 0,344 N .
2 64

Das größte Biegemoment im Querschnitt im mittleren Lager beträgt (Abb. 5.11)


 
l l
Mb max = FA − F − a = 0,344 N · 400 mm − 4 N · 100 mm = −262 Nmm .
2 2

Mit dem Widerstandsmoment Wb = 12,3 mm3 erhält man die Biegespannung

262 Nmm
σb max = = 21,3 N/mm2 .
12,3 mm3

Dieser Betrag ist gegenüber der in Beispiel 5.16 gerechneten zulässigen Spannung 120 N/mm2
unbedeutend.
Die Durchbiegung an der Stelle der Kraft F erhält man aus fF = fFF + fFB . Tabelle 4.1, Fall 7,
ergibt mit a/l = 3/8
 
Fl3 32 4 3 9 Fl3
fFF = · 2 1− · = · .
2EIa 8 3 8 4 · 8 EIa
2

Aus Tabelle 4.1, Fall 3, folgt


 
FB l3 3 4 32 39 FB l3
fFB = w(x = a) = − · 1− · 2 = − .
16EIa 8 3 8 4 · 83 EIa

Somit ist die Durchbiegung

3 · (24F − 13FB )l3 45 Fl3 45 · 4 N · (8 · 102 mm)3


fF = = · = = 0,109 mm .
4 · 8 EIa
3 4 · 8 EIa
5
4 · 85 · 2,1 · 105 N/mm2 · 30,7 mm4

Gegenüber der Durchbiegung ohne Mittellager in Beispiel 5.16 ist das weniger als der hundertste
Teil.

Beispiel 6.6 (Träger).


Ein Träger I 400 nach DIN 1 025 Bl. 1 aus S235JR (σzul = 140 N/mm2 ) ist in A
und B statisch bestimmt gestützt und in der Mitte des überstehenden Endes durch
die Gewichtskraft FG = 100 kN belastet (Abb. 6.11 a). Zu berechnen sind die Durch-
biegung des Trägerendes C und die größte Biegespannung. Das überstehende Ende
des Trägers soll eine zusätzliche Streckenlast q = 30 kN/m tragen. Zur Abstützung
ist in C eine starre Stütze angebracht (Abb. 6.11 b). Wie groß ist die Stützkraft FC
und die größte Biegespannung? Mit welchem I-Trägerprofil würde man nun aus-
kommen?
Lösung 6.6
Die Durchbiegung am Ende des Trägers berechnen wir nach Tabelle 4.1, Fall 5, mit a = l/2 und
I = 29 210 cm4
190 6 Statisch unbestimmte Systeme

a)
l a a

FG

A fGG C
B
fCG

α
FG q
b)

A B C

fCq
Abb. 6.11 Träger auf zwei
Stützen mit der Einzellast FG
auf dem überkragenden Ende
a) Lageplan, Durchbiegung c)
unter der Last FG fCC
b) Träger mit Zusatzlast q
zusätzlich in C gelagert
c) Durchbiegungen infolge q
und FC FC

fCG = fGG + (tan α)a


FG l3 a2  a  FG l2 a  a FG l3 a2  a 13 FG l3
= · 2 1+ + · 2+3 a= · 2 4+5 =
3EI l l 6EI l l 6EI l l 6 · 8 EI
13 · 105 N · (4 · 103 mm)3
= = 28,3 mm .
6 · 8 · 2,1 · 105 N/mm2 · 29 210 · 104 mm4

Mit dem größten Biegemoment

Mb max = FG a = 2 · 108 Nmm

und dem Widerstandsmoment Wb = 1 460 cm3 erhält man die Biegespannung

σb = 137 N/mm2 < σzul .

Zur Ermittlung der Lagerkraft FC bei dreifacher Lagerung benötigen wir die Verformungsbedin-
gung
fC = fCG + fCq + fCC = 0 .
[22] entnehmen wir die Durchbiegung in C unter der Streckenlast
 2  
q2al3 2a 3 2a 7 q2al3
fCq = 1+ · = · .
6EI l 4 l 6·4 EI
6.6 Geschlossene Rahmen 191

Die Durchbiegung an der Stelle der unbekannten Stützkraft FC entnimmt man Tabelle 4.1, Fall 5,
(mit 2a anstatt a der Tabelle)
 2  
FC l3 2a 2a 2 FC l3
fCC = − 1+ =− · .
3EI l l 3 EI

Die obenstehende Verformungsbedingung ergibt

13 FG l3 7 q2al3 2 FC l3
· + − = 0.
6 · 8 EI 6 · 4 EI 3 EI
Nach Auflösen dieser Gleichung erhalten wir

13 7
FC = FG + q2a = 40,6 · 103 N + 52,5 · 103 N = 93,1 · 103 N .
32 16
Nunmehr sind die Biegemomente an der Stelle von FG

qa2
MbG = FC a − = 93,1 · 103 N · 2 · 103 mm − 60 · 103 N · 1 · 103 mm = 126 · 106 Nmm
2
und im Lager B
MbB = FC 2a − q2a2 − FG a = −67,6 · 106 Nmm .
Man erhält mit dem größten Biegemoment an der Stelle von FG die Spannung σb = 86,5 N/mm2 ,
das ist weniger als vorher.
Um die neue Profilgröße zu bestimmen, rechnen wir das erforderliche Widerstandsmoment mit
σzul = 140 N/mm2 aus

Mb max 1,26 · 108 Nmm


Wb = = = 902 · 103 mm3 .
σzul 140 N/mm2

Aus der Profiltafel entnimmt man, dass das I-Profil 340 mit Wb = 923 cm3 ausreicht. Bei insge-
samt mehr als doppelt so großer Last ergibt die dreifache Lagerung des Trägers mit dem I-Profil
340 ca. 26 % Gewichtsersparnis.

6.6 Geschlossene Rahmen

In der Praxis kommen des öfteren geschlossene Konstruktionen vor, z. B. Fe-


derbügel, Gehäuse o.ä., die man als Rahmen bezeichnet. Sie können eingliedrig oder
auch mehrgliedrig sein und sind innerlich statisch unbestimmt, d. h., der Zusam-
menhang zwischen äußeren Kräften und den Schnittreaktionen ist aus den Gleich-
gewichtsbedingungen allein nicht zu erfassen.
In einfacheren Fällen lassen sich die Schnittreaktionen mit Hilfe der Superpo-
sitionsmethode nach dem in den vorigen Abschnitten gezeigten Vorgehen berech-
nen. Auch das in Abschnitt 6.4 behandelte Verfahren von C ASTIGLIANO kann zur
Berechnung von Rahmen herangezogen werden, wenn diese nicht mehr als 2 bis
3fach innerlich statisch unbestimmt sind. Der Einsatz von Computern eröffnet z. B.
über die Finite-Elemente-Methode die Möglichkeit, auch hochgradig statisch unbe-
stimmte ebene und räumliche Probleme zu behandeln. Das folgende Beispiel soll
192 6 Statisch unbestimmte Systeme

zeigen, wie man in einem geschlossenen Rechteckrahmen (Federbügel) elementar


durch Anwendung der Superpositionsmethode die Schnittreaktionen und damit den
Biegemomentenverlauf ermitteln kann.
Beispiel 6.7 (Rechteckrahmen).
Ein in den Ecken biegesteifer geschlossener Rechteckrahmen aus Araldit B (Modell
eines Federbügels) ist durch die zwei gegenüberliegenden Einzelkräfte 2F = 670 N
beansprucht (Abb. 6.12 a). Gesucht sind Biegemomentenverlauf längs der Rahmen-
achse sowie Biegespannungen und Verformungen der Querschnitte I und II.
Lösung 6.7
Um die Schnittreaktionen berechnen zu können, wenden wir die Schnittmethode an. Aus Symme-
triegründen kann ein durch die Schnitte I-I und II-II abgegrenztes Rahmenviertel für sich allein
betrachtet werden, es ist in Abb. 6.12 b) vereinfacht dargestellt. Als unbekannte Schnittreaktionen
sind in den Schnittstellen die Momente M1 und M2 eingezeichnet. Das Momentegleichgewicht
ergibt
M1 + M2 − Fa = 0 .
Da weitere Gleichgewichtsbedingungen nicht zur Verfügung stehen (sie sind identisch erfüllt), ist
das Rahmenviertel einfach statisch unbestimmt. Als weitere Bedingung wählen wir die Verfor-
mungsbedingung tan α1 = 0; sie sagt aus, dass die Mittellinie im Querschnitt I keine Änderung
des Neigungswinkels erfährt. Die Ersatzsysteme zur Überlagerung der Formänderungen sind in
den Bildern 6.12 c) und d) gezeichnet, das untere Ende kann man dabei vorübergehend als einge-
spannt annehmen mit den Einspannreaktionen M2 und F.
Tabelle 4.1 entnimmt man (Fall 1 mit l = a und Fall 2 mit l = b und Mb = Fa)

Fa2 Fa Fa  a 
tan α1F = + b= +b .
2EI EI EI 2
Desgleichen ist nach Tabelle 4.1, Falle 2, mit Mb = M1 , l = a bzw. l = b

a) 2F b) c) d)
I a a a
F F
I M1 M1
40

b
b

b
2b = 300 mm

M2
II II F
10 mm
dick
40 40
40

2F
2a = 200 mm

Abb. 6.12 Rechteckrahmen.


a) Rechteckrahmen mit Einzelkräften,
b) vereinfachtes Teilsystem,
c) und d) Teilsystem zur Überlagerung
6.6 Geschlossene Rahmen 193

M1 a M1 b M1
tan α1M1 = + = (a + b) .
EI EI EI
Die Überlagerung ergibt

Fa  a  M
1
tan α1 = tan α1F − tanα1M1 = +b − (a + b) = 0 .
EI 2 EI
Daraus folgt
a/2 + b
M1 = Fa
a+b
oder mit b = 1, 5a
M1 = 0, 8Fa .
Setzt man M1 in die Gleichgewichtsbedingungen ein, erhält man

a/2
M2 = Fa − M1 = Fa
a+b
und wieder mit b = 1, 5a
M2 = 0, 2Fa .
Der Biegemomentenverlauf über der Rahmenmittellinie ist in Abb. 6.13 aufgezeichnet, im Teil 2a
ist das Biegmoment linear veränderlich, im Teil 2b ist es konstant, die größte Beanspruchung ergibt
sich im Querschnitt I.
Die Biegespannungen sind mit

1
Wb = 10 mm · (40 mm)2 = 2,67 · 103 mm3
6

und M1 = 0, 4 · 6,7 · 104 mm im Querschnitt I σb = 10 N/mm2 , mit M2 = 0,67 · 104 Nmm


im Querschnitt II σb = 2,5 N/mm2 . Im Querschnitt II addiert sich zur Biegespannung noch die
Druckspannung
F 335 N
σd = = = 0,84 N/mm2 .
A 400 mm2
Somit ist im Querschnitt II links die Druckspannung 3,35 N/mm2 und rechts die Zugspannung
1,67 N/mm2 .
Als Verformungsgrößen der Querschnitte I und II ergeben sich Verschiebungen f1v und f1h
infolge Biegung, Druck und Schub; letztere sollen vernachlässigt werden. Die Durchbiegung im
Querschnitt I ergibt sich ebenfalls durch Überlagerung aus den Teilsystemen (Abb. 6.12 c) und d).
Aus Tabelle 4.1 entnimmt man für die gleichen Fälle wie oben

Fa3 Fa Fa2  a 
f1F = +a b= +b
3EI EI EI 3

2
2F Fa
10

8
Fa
10
2b

Abb. 6.13 Biegemomentenverlauf


im Rechteckrahmen 2a 2F
194 6 Statisch unbestimmte Systeme

sowie
M 1 a2 M1 b M1 a  a 
f1M1 = +a = +b .
2EI EI EI 2
Die Überlagerung ergibt

Fa2  a  Fa2  a  2 Fa2


f1v = f1F − f1M1 = + b − 0, 8 +b = (3b − a) .
EI 3 EI 2 30 EI
Mit b = 1, 5a ist
7 Fa3 Fa3
f1v = ≈ 0, 233 .
30 EI EI
Mit I = 10 mm · (40 mm)3 /12 = 5,33 · 104 mm4 und E = 3,5 · 103 N/mm2 für Araldit ist

f1v = 0,418 mm .

Berücksichtigt man noch die Zusammendrückung des vertikalen Teils mit l = 150 mm

Fl 335 N · 150 mm
dl = = = 0,036 mm,
EA 3,5 · 103 N/mm2 · 400 mm2

ergibt sich als Gesamtverschiebung (ohne Schubverformung im Teil 2a) 0,454 mm. Die Verschie-
bung des Querschnitts II in horizontaler Richtung ist gleich der Verschiebung des Querschnitts I
bei festgehaltenem unteren Ende

Fa 2 M1 2
f1hF = b , f1hM1 = b .
2EI 2EI
Die Überlagerung ergibt

Fab2 Fab2 1 Fab2


f2h = f1h = f1hF − f1hM1 = − 0, 8 = .
2EI 2EI 10 EI
Mit b = 1, 5a ist
Fa3
f2h = 0, 225 = 0,404 mm .
EI

6.7 Aufgaben zu Kapitel 6

Aufgabe 6.1 (Lagerreaktionen). Für den Träger in Beispiel 6.1 (Abb. 6.4 a) er-
mittle man die Lagerreaktionen FA , FB , FC und M0 durch Zerlegung des gegebenen
Systems in die Teilsysteme nach Abb. 6.3 a), c) und d).

Aufgabe 6.2 (Maschinenwelle). Eine Maschinenwelle (Durchmesser d = 30 mm)


ist vierfach gelagert und in der Mitte durch die Last F = 4,4 kN belastet, a = 80 mm,
l = 240 mm (Abb. 6.14). Zu berechnen sind die Lagerkräfte, die Biegespannung und
die Durchbiegung in der Mitte der Welle. Man vergleiche Spannung und Durchbie-
gung mit dem Fall, dass die beiden äußeren Lager fehlen (E = 2,1 · 105 N/mm2 ).

Aufgabe 6.3 (Träger under verteilter Last). Ein Träger, Stützweite l = 12 m, ist
durch die gleichmäßig verteilte Last q = 10 kN/m belastet (Abb. 6.15 a).
6.7 Aufgaben zu Kapitel 6 195

l
a l/2 a

Abb. 6.14 Vierfach gelagerte


Welle mit Einzellast A B C D

q
Abb. 6.15 Träger auf zwei q
Stützen
a) mit gleichmäßig verteilter A B A C B

h
l
Last
b) in C zusätzlich gestützt l/2

1. Welches I-Profil nach DIN 1 025 Bl. 1 ist zu wählen, wenn die zulässige Span-
nung σzul = 90 N/mm2 vorgeschrieben ist?
2. Die Last soll auf q  = 20 kN/m verdoppelt werden. Zur Unterstützung wird in
die Mitte ein I-Träger 320 DIN 1 025 Bl. 1, mit einer Höhe h = 3 750 mm als
Pendelstütze eingesetzt (Abb. 6.15 b). Wie groß sind die Stützkraft FC , wenn die
Stütze
a) starr,
b) elastisch
angenommen wird? Wie groß ist im Fall a) die größte Biegespannung im Decken-
träger und die Druckspannung im Stützträger? Welche Profil-Nr. ist unter Aus-
nutzung der zulässigen Biegespannung für den Deckenträger ausreichend?

Aufgabe 6.4 (Stützkräfte, Biegemomente). Für die in Abb. 6.16 a) und b) gezeich-
neten Träger sind die Stützkräfte und die Biegemomente in den maßgebenden Quer-
schnitten zu berechnen. Anleitung zu 6.4 b): Man wähle die Gelenkkraft als statisch
Unbestimmte, fGF = 0!

a) b)
2F
F F F
A l/4 l/3 B A B G C D
l/2
l l
2l l/2
3l
4l

Abb. 6.16 Mehrfach gelagerter Träger


a) doppelt eingespannter Träger mit zwei Einzellasten
b) vierfach gelagerter G ERBER -Träger
196 6 Statisch unbestimmte Systeme

Abb. 6.17 Träger auf drei q


F
Stützen, durch gleichmä-
ßige Last q und Einzellast F
belastet A B C
3 000 3 000
8 000

Aufgabe 6.5 (Biegespannungen im gefährdeten Querschnitt). Ein I-Träger 240


DIN 1 025 Bl. 1 ist durch die gleichmäßig verteilte Last q = 25,6 kN/m und die
Einzellast F = 43,5 kN belastet (Abb. 6.17). Die Lagerkräfte sind zu ermitteln. Wie
groß ist die Biegespannung im gefährdeten Querschnitt?

6.8 Formelzusammenfassung Kapitel 6

• Grad der statischen Unbestimmtheit

k = a + z − 3n

• Formänderungsarbeit bei Biegung

l
1 M2b
W= dx .
2 EI
0

• Durchbiegungen an der Stelle einer Kraft

l
1 ∂Mb
w= Mb dx ,
EI ∂F
0

• Tangentenneigung an der Stelle eines Momentes

l
1 ∂Mb
w = Mb dx ,
EI ∂M
0
Kapitel 7
Torsion prismatischer Stäbe

7.1 Torsion gerader Stäbe

Ein prismatischer Stab ist ein Stab mit konstanter Querschnittform. Die Kreisform
ist dabei die einfachste, von der wir ausgehen wollen. Der Stab wird verdreht (oder
tordiert), wenn Kräftepaare F und −FF, auf ihn einwirken, wobei die Wirkungsebe-
nen senkrecht zur Stabachse liegen oder deren Momentvektoren die Richtung der
Stabachse haben (Abb. 7.1). Das Moment des Kräftepaares heißt Drehmoment oder
Torsionsmoment bzw. Drillmoment Mt . Der Stab wird auch kurz als Torsionsstab
oder Drehstab bezeichnet.
Wir wollen untersuchen, welche Beanspruchungen und Verformungen das Dreh-
moment im Stab hervorruft und wenden die Schnittmethode an. Durch zwei im
Abstand dx benachbarte Querschnitte denken wir uns ein Stababschnitt abgegrenzt
(Abb. 7.2). Ist das äußere Drehmoment längs der Stabachse konstant, wirkt in je-
dem betrachteten Querschnitt als Schnittgröße das gleiche Moment Mt . Dieses ist
gleichzeitig das resultierende Moment aller Kräfte aus den im Querschnitt wirken-
den Spannungen.
Normalspannungen im Querschnitt eines Drehstabes können kein resultieren-
des Moment um die Stabachse ergeben. Wenn solche Spannungen vorhanden sind,

Mt

F −F
−F
y
x
F Mt
Abb. 7.1 Torsionsstab z

197

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_7,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
198 7 Torsion prismatischer Stäbe

Abb. 7.2 Stabteil Mt

dr
r

dx
d
τ(r)

können sie nur ein Gleichgewichtssystem bilden. Aus Symmetriegründen kann man
jedoch schließen, dass Normalspannungen nicht möglich sind.
Somit können nur Spannungen tangential zum Querschnitt vorhanden sein. Im
Abschnitt 1.3 haben wir diese als Schubspannungen τ definiert. Der Index t (von
Torsion) bei τt soll angeben, dass es sich um eine Torsionsschubspannung handelt;
er kann weggelassen werden, wenn eine Verwechslung mit einer anderen Schub-
spannung ausgeschlossen ist.
Aus dem Stabteil (Abb. 7.2) denken wir uns durch zwei Zylinderschnitte ein
dünnes Rohr abgegrenzt. Die auf dieses Rohr entfallenden Anteile der Schubspan-
nungen im Querschnitt können aus Symmetriegründen nur tangential zu den Au-
ßenrändern gerichtet ein, sie sind eingezeichnet. Das gleiche gilt naturgemäß für
jedes Rohr im Stab, so dass im Kreisquerschnitt alle Schubspannungen tangential
zum Außenrand verlaufen. Zwei benachbarte Rohre können sich an ihren Wänden
gegenseitig nicht verschieben, Zylinderschnittflächen sind also spannungsfrei.
Die beiden benachbarten Querschnitte in Abb. 7.2 erfahren infolge des Drehmo-
ments Mt eine relative Verdrehung zueinander um den Winkel dϕ (Abb. 7.3). Ein
Punkt A1 auf dem Umfang des oberen Kreisquerschnittes erfährt eine Verschiebung
nach B1 , die gleiche Verschiebung führt Punkt A2 nach B2 aus und somit jeder
Punkt auf dem Umfang, es gilt A1 B1 = A2 B2 . Da keine Normalspannungen in den
Querschnitten wirken, ändert sich bei der Verdrehung der Abstand dx nicht.
Wir fassen die bisher gewonnen Erkenntnisse über die Verdrehung zusammen.

Mt

d
dx

Mo
Mu
dϕ B2
B1
Abb. 7.3 Verdrehung am A1 A2
Stabteil C1 C2
7.1 Torsion gerader Stäbe 199

Bei der Torsion prismatischer Stäbe treten in den Querschnitten Schubspan-


nungen auf. Zwei benachbarte Querschnitte erfahren eine relative Verdrehung
zueinander.

Bevor wir uns mit der Torsion weiter befassen, sollen zunächst einige allgemeine
Gesetze über Schubspannungen hergeleitet werden.

7.1.1 Schubspannung und Schubverformung - Hooke’sches Gesetz


- Formänderungsarbeit

Aus dem Stababschnitt in Abb. 7.3 denken wir uns ein an der Oberfläche durch
A1 A2 C2 C1 begrenztes dünnes Rohrstück (Element) mit der Dicke dz herausge-
schnitten (Abb. 7.4). Nach dem oben gesagten wirken in den oberen und unteren
Begrenzungsflächen der Abb. 7.4 a) Schubspannungen, die wir τxy nennen wollen1 .
Die Schubkräfte Ty = τxy dy dz stehen für sich allein nicht im Gleichgewicht, weil
sie ein Kräftepaar (τxy dy dz) dx bilden. In der rechten und der linken Seitenfläche
müssen demnach ebenfalls Schubspannungen τyx vorhanden sein (Abb. 7.4 b),
deren Schubkräfte Tx = τyx dx dz ein Kräftepaar (τyx dx dz) dy bilden. Aus der
Gleichgewichtsbedingung

Miz = 0 = τxy dy dz dx − τyx dx dz dy

folgt
τxy = τyx = τ . (7.1)
Die Gl. (7.1) und der in Abb. 7.4 b) dargestellte Sachverhalt geben den Satz über
die Gleichheit der zugeordneten Schubspannungen an.
Satz 7.1 (Satz über die Gleichheit der zugeordneten Schubspannungen). Schub-
spannungen treten in zwei aufeinander senkrechten Schnittflächen immer paarweise

a) dz τxy b) dz τxy

A1 A2 A1 A2

τyx
dx

dx

τyx

C1 τxy C2 C1 τxy C2
Abb. 7.4 Element mit Schub- dy dy
spannungen

1 Der erste Index, also x, gibt die Richtung der Flächennormalen, der zweite y die Richtung der

Spannung an.
200 7 Torsion prismatischer Stäbe

auf. Sie sind gleich groß, zeigen senkrecht zur Schnittkante und sind beide entweder
zur Schnittkante hin oder von ihr weggerichtet.
In der Literatur wird diese Aussage auch teilweise als B OLTZMANN-Axiom2 for-
muliert.
Die Rohrwand in Abb. 7.3 erfährt durch die Schubkräfte eine Verformung,
die aus einer Verschiebung der Punkte A1 und A2 nach B1 und B2 besteht. Das
Rohrstück (Abb. 7.5) verschiebt sich in die gestrichelt gezeichnete Lage. Die bei-
den Kanten A1 C1 und B1 C1 schließen den Gleitwinkel γ ein. Wie das Experiment
zeigt, sind Gleitwinkel γ und Schubspannung τ für hinreichend kleine Verformun-
gen bei vielen Werkstoffen zueinander proportional

τ = Gγ. (7.2)

Gleichung (7.2) ist das H OOKE’sche Gesetz für Schubbeanspruchung. Es hat für die
Festigkeitslehre die gleiche Bedeutung, wie das H OOKE’sche Gesetz zwischen den
Normalspannungen σ und den Dehnungen ε. Der Proportionalitätsfaktor G ist der
Gleit- oder Schubmodul, der ebenso wie der Elastizitätsmodul E und die Querkon-
traktionszahl ν einen Materialkennwert darstellt3 .
Die auf die Volumeneinheit bezogene Formänderungsarbeit wurde früher be-
reits als spezifische Formänderungsarbeit definiert (s. Abschnitt 2.2.2). Wir wollen
sie auch für Schubbeanspruchung herleiten. Entlang des Weges ds = γ dx leistet

ds
A1 τ

B1 A2 B2

τ
dx

γ
τ
τ

Abb. 7.5 Verschiebung durch C1 dy C2


den Gleitwinkel

2 L UDWIG E DUARD B OLTZMANN (∗ 20. Februar 1844 in Wien; † 5. September 1906 in Duino

bei Triest), Physiker und Philosoph, bedeutende Beiträge zur Thermodynamik (Deutung der Entro-
pie) und statistischen Mechanik, Professor in Graz, München, Wien, Leipzig, 1891 Mitglied der
Bayerischen Akademie der Wissenschaften, 1896 Mitglied der Accademia dei Lincei
3 Zwischen diesen drei Kennwerten besteht für isotrope Werkstoffe die Beziehung (der Beweis

erfolgt in Abschnitt 9.3.2) G2(1 + ν) = E. Für Stahl z. B. erhält man mit E = 2,1 · 105 N/mm2
und ν = 0, 3 den Gleitmodul

2,1 · 105 N/mm2


G= = 8,1 · 104 N/mm2 .
2, 6
7.1 Torsion gerader Stäbe 201

die Schubkraft τ dy dz die Arbeit (Abb. 7.5) dW = 0, 5τ dy dzγ dx. Als spezifische
Formänderungsarbeit bei Schub folgt somit
1
ΔW = τ γ . (7.3)
2
Ersetzen wir in dieser Gleichung den Gleitwinkel aus Gl. (7.2) durch die Schub-
spannung, ergibt sich
τ2
ΔW = . (7.4)
2G

7.1.2 Torsionsstäbe mit Vollkreisquerschnitt

Ist der Querschnitt eines Torsionsstabes kreisförmig und treten im Querschnitt keine
Normalspannungen auf, sind aus Symmetriegründen keine Querschnittsverwölbun-
gen möglich. Kreisquerschnitte bleiben bei der Verdrehung eben und zwei benach-
barte Querschnitte verdrehen sich relativ zueinander (Abb. 7.3).
Wir wollen nun das Verteilungsgesetz der Torsionsschubspannungen herleiten
und betrachten den in Abb. 7.3 durch die Punkte Mo A1 B1 C1 Mu abgegrenzten so
genannten Verformungskeil (Abb. 7.6). Ist an einem beliebigen Radius r der Gleit-
winkel γ(r) und am Außenradius γ, entnimmt man dem Abb. mit dem Kreisdurch-
messer d die Beziehungen

γ(r) r d
= , γ dx = dϕ . (7.5)
γ d/2 2

Die erste Gleichung aus (7.5) stellt für die Torsion von Stäben mit Kreissymmetrie
die Kompatibilitätsbedingung dar. Sie sagt aus, dass der Gleitwinkel γ(r) linear mit
dem Radius r nach außen zunimmt.

Mo

r d/2

B1
Mu A1
γ(r) A1 B1
γ
dx

C1

Abb. 7.6 Verformungskeil C1


202 7 Torsion prismatischer Stäbe

7.1.2.1 Schubspannungen

Nach dem H OOKE’schen Gesetz (7.2) folgt mit

τ(r) = G γ(r), τt = G γ

aus der ersten Gleichung (7.5) die Schubspannung im Abstand r vom Kreismittel-
punkt
r
τ(r) = τt (7.6)
d/2
Mit τt ist hier die Randschubspannung bezeichnet, die nach Gl. (7.6) der Maximal-
wert aller Schubspannungen τ(r) ist.
Das resultierende Moment aller im Querschnitt wirkenden Schubkräfte τ(r) dA
ist dem Drehmoment gleich (Abb. 7.2)


d/2

rτ(r) dA = Mt , dA = 2πrdr . (7.7)


0

Setzt man noch τ(r) aus Gl. (7.6) ein, ergibt sich


d/2 
d/2
r τt
r τt dA = r2 dA = Mt . (7.8)
d/2 d/2
0 0

Das Integral in Gl. (7.8)


 ist nach Gl. (4.7) das polare Flächenmoment 2. Ordnung
des Kreisquerschnitts r2 dA = Ip = (π/32)d4 , bezogen auf den Mittelpunkt als
Pol. Somit ist
Mt d
τt = (7.9)
Ip 2
die größte Schubspannung am Außenrand des Kreisquerschnitts. Mit Gl. (7.6) folgt
die Schubspannungsverteilung
Mt
τ(r) = r. (7.10)
Ip

Beide Gleichungen sind in ihrem Aufbau mit denjenigen für die Biegespannungen
identisch, s. Abschnitt 4.2.1. Wie dort, definiert man auch bei der Torsion als (pola-
res) Widerstandsmoment gegen Torsion den Quotienten

Ip π
Wp = = d3 (7.11)
d/2 16

mit d/2 als Randabstand. Damit lautet der Ausdruck für die Randschubspannung
7.1 Torsion gerader Stäbe 203

Abb. 7.7 Kreisquerschnitt


mit eingezeichneten Schub-
spannungen τt

r)
τ(
r

d
Mt
τt = . (7.12)
Wp

Diese größte Schubspannung soll die zulässige Spannung nicht überschreiten, und
man erhält als Festigkeitsbedingung

Mt
 τzul . (7.13)
Wp

Aus dieser Gleichung folgen wieder wie bei der Biegung die Tragfähigkeit eines
Drehstabes (das zulässige Drehmoment)

Mt zul  Wp τzul (7.14)

und die Bemessung eines Drehstabes

Mt
Wp  . (7.15)
τzul
In Abb. 7.7 ist die Schubspannungsverteilung nach Gl. (7.10) in den Kreisquer-
schnitt eingezeichnet. Aus dem Satz der zugeordneten Schubspannungen folgt, dass
in Längsschnittflächen senkrecht zum Querschnitt auch Schubspannungen vorhan-
den sein müssen. Ihr Vorhandensein kann man in einem Verdrehversuch nachweisen
(s. Abschnitt 7.1.5).

7.1.2.2 Torsionswinkel

Die relative Verdrehung zweier benachbarter Querschnitte gegeneinander ergibt die


zweite Gleichung (7.5)
dx
dϕ = γ
d/2
204 7 Torsion prismatischer Stäbe

oder mit dem H OOKE’schen Gesetz


τt dx
dϕ = .
G d/2

Hat ein Torsionsstab die Länge l, ist mit dx = l der Torsionswinkel über die Länge

τt l
ϕ = dϕ = . (7.16)
Gd/2

Ersetzt man τt nach Gl. (7.9), wird


Mt l
ϕ= . (7.17)
GIp

Den Ausdruck GIp im Nenner der vorstehenden Beziehung nennt man analog zur
Biegesteifigkeit EIy die Torsionssteifigkeit. Sie hängt vom Werkstoff und vom Quer-
schnitt ab. Für die Torsion ist wie bei der Biegung nicht nur die Größe des Quer-
schnitts maßgebend, sondern vor allem seine Form.

7.1.3 Torsionsstäbe mit Kreisringquerschnitt

Teilt man einen Torsionsstab mit Vollkreisquerschnitt in einen Kern mit dem Durch-
messer di und einen Kreiszylinder mit dem Innendurchmesser di und dem Außen-
durchmesser da , bleiben Spannungs- und Formänderungszustand gleich. Demzufol-
ge kann man den Kern entfernen und erhält einen Hohlstab. Wegen der Kreissym-
metrie gelten alle in den vorigen Abschnitten angestellten Überlegungen sinngemäß.
Gleichung (7.6) ergibt die Schubspannung im Abstand r zwischen Innen- und Au-
ßenradius
r
τ(r) = τt . (7.18)
da /2
Da nur der Ringquerschnitt für das
 resultierende Drehmoment der Schubkräfte zur
Verfügung steht, ist in Gl. (7.8) r2 dA = Ip das polare Flächenmoment der Kreis-
ringfläche. Führen wir das Durchmesserverhältnis α = di /da ein, ist
π 4 π
Ip = (d − d4i ) = d4a (1 − α4) .
32 a 32
Für die größte Schubspannung am Außenrand erhalten wir

Mt da
τt = . (7.19)
Ip 2

Für die Schubspannungsverteilung gilt sinngemäß Gl. (7.10). Am Innenrand des


Hohlstabes ist
7.1 Torsion gerader Stäbe 205

Abb. 7.8 Kreisquerschnitt


mit eingezeichneten Schub-
spannungen τt

τ(r)
τti
r

da
di
t

Mt di
τti = = α τt .
Ip 2
Mit dem Widerstandsmoment gegen Torsion

Ip π
Wp = = d3 (1 − α4) (7.20)
da /2 16 a

ist die Randschubspannung


Mt
τt =
Wp
wie beim Vollquerschnitt. Die Beziehungen in den Gln. (7.13) bis (7.15) gelten dann
ebenfalls sinngemäß.
Für dünnwandige Kreisringquerschnitte mit dem mittleren Durchmesser dm , der
Wanddicke t ist Ip = (π/4)d3m t und Wp ≈ Ip /(dm /2) = (π/2)d2m t = 2Am t, wenn
t  dm gilt. Am = (π/4)d2m ist der von der Mittellinie des Ringes eingeschlossene
Flächeninhalt (s. Abschnitt 7.1.4). In Abb. 7.8 ist die Spannungsverteilung im Quer-
schnitt gezeichnet, für dünnwandige Querschnitte kann τ(r) annähernd gleichmäßig
über die Wand t verteilt angenommen werden.
Für die Ermittlung des Torsionswinkels in zylindrischen Hohlstäben gelten eben-
falls die Gln. (7.16) und (7.17). Häufig werden in Bauteilen nicht nur zulässige
Spannungen vorgeschrieben, sondern die Einhaltung bestimmter Grenzen des Tor-
sionswinkels verlangt. Bauteile, die als gerade Torsionsstäbe angesehen werden
können, sind Wellen und Drehstabfedern. Die reine Torsion kommt in diesen Teilen
jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen vor, häufiger ist die Kombination mit
der Biegebeanspruchung. Der Drehstab (Abb. 7.9) z. B. wird nach Abb. 7.9 a) durch
die Kraft gebogen und verdreht, während durch das Anbringen eines Lagers nach
7.9 b) die Biegebeanspruchung praktisch ausgeschaltet ist.
Beispiel 7.1 (Gelenkwelle).
Die Gelenkwelle aus Stahl in einem Kraftfahrzeug ist für ein maximales Dreh-
moment Mt = 264 Nm zu bemessen. Wie groß ist der Torsionswinkel zwischen
206 7 Torsion prismatischer Stäbe

Abb. 7.9 Torsionsstab a) b)


a) mit zusätzlicher Biegung
b) Biegung verhindert R

F F

s
ϕ

den Gelenken bei der Länge l = 2,5 m? Gegeben sind τzul = 30 N/mm2 sowie
G = 8,1 · 104 N/mm2 .
Lösung 7.1
Für die Bemessung benötigt man Gl. (7.15)

Mt 264 · 103 Nmm


Wp  = = 8,8 · 103 mm3 .
τzul 30 N/mm2

Der Durchmesser folgt aus Gl. (7.11)



3 16 · 8,8 · 10 mm
3 3
3 16Wp
d= = = 35,5 mm .
π π
Gewählt wird d = 36 mm. Den Drehwinkel ergibt Gl. (7.17). Mit dem polaren Flächenmoment
Ip = (π/32)d4 = 16,49 · 104 mm4 ist

Mt l 264 · 103 Nmm · 2 500 mm


ϕ= = = 0, 0494 = 2,83◦ .
GIp 8,1 · 104 N/mm2 · 16,49 · 104 mm4

Beispiel 7.2 (Schiffswelle).


Eine Schiffswelle aus Stahl (G = 8,1 · 104 N/mm2 ), Länge l = 16 m, Nenndreh-
zahl n = 80 min−1 , soll so bemessen werden, dass beim größten Drehmoment die
zulässige Schubspannung τzul = 40 N/mm2 nicht überschritten wird. Hierbei darf
der Drehwinkel zwischen den Wellenenden höchstens ϕ = 4◦ betragen. Wie groß
ist der Durchmesser auszuführen, und welche Leistung kann die Welle bei der an-
gegebenen Drehzahl höchstens übertragen?
Lösung 7.2
Zur Berechnung des Durchmessers benötigt man Gl. (7.16), in die τt = τzul einzusetzen ist. Auf-
gelöst nach dem Durchmesser d ergibt sich (dabei ist ϕ in rad einzusetzen)

2τzul l 2 · 40 N/mm2 · 16 · 103 mm


d= = = 226 mm .
Gϕ 8,1 · 104 N/mm2 · π(4◦ /180◦ )

Gewählt wird d = 230 mm. Das höchstzulässige Drehmoment liefert Gl. (7.14)

π · (230 mm)3
Mt zul = Wp τzul = · 40 N/mm2 = 9,56 · 107 Nmm .
16
Die Leistung erhält man mit ω = 2πn aus der Beziehung

80 −1 Nmm Nm
P = Mt ω = 9,56 · 107 Nmm · π · s = 8 · 108 = 8 · 105 = 800 kW .
30 s s
7.1 Torsion gerader Stäbe 207

Beispiel 7.3 (Drehmomentenschlüssel).


Ein Drehmomentschlüssel aus Federstahl mit geradem zylindrischen Schaft soll bei
dem Drehmoment Mt = 50 Nm den Winkelausschlag ϕ = 10◦ , bezogen auf die
Schaftlänge, ergeben. Gegeben sind τzul = 150 N/mm2 , G = 8,1 · 104 N/mm2 . Zu
berechnen sind der Schaftdurchmesser d und die Schaftlänge l.
Lösung 7.3
Der Durchmesser folgt wie in Beispiel 7.1 aus Gl. (7.15)

Mt 5 · 104 Nmm
Wp = = = 333 mm3
τzul 150 N/mm2

und Gl. (7.11)


3 16Wp 3 16 · 333 mm3
d= = = 11,9 mm .
π π
Wir wählen d = 12 mm und erhalten für das polare Flächenmoment Ip (π/32)d4 = 2 036 mm4 .
Löst man Gl. (7.17) nach l auf, erhält man die Schaftlänge

GIp 8,1 · 104 N/mm2 · 2 036 mm4 10◦


l= ϕ= π = 575 mm .
Mt 5 · 104 Nmm 180◦

Beispiel 7.4 (Masseersparnis).


In welchem Verhältnis zum Durchmesser d eines Stabes mit Vollkreisquerschnitt
muss der Außendurchmesser da eines zylindrischen Hohlstabes (Durchmesser-
verhältnis ist α = di /da ) größer sein, wenn in beiden Stäben bei der Torsion durch
das gleiche Drehmoment die Randschubspannungen gleich groß sein sollen? Wie
groß ist dann die prozentuale Masseersparnis beim Hohlstab?
Lösung 7.4
Aus dem Ansatz
Mt Mt
τt = = = const
Wp(Voll) Wp(Hohl)
folgt
π 3 π 3
d = d (1 − α4 ) .
16 16 a
Somit ist das gesuchte Durchmesserverhältnis

da 1
= √ .
1 − α4
3
d

Da die Massen bei gleicher Länge den Querschnitten proportional sind, kann man die Masseer-
sparnis aus einem Flächenvergleich ermitteln

dm dA AVoll − AHohl d2 − d2a (1 − α2 ) d2


= = = = 1 − a2 (1 − α2 ) .
m A AVoll d2 d

Setzt man noch die oben erhaltene Beziehung für da /d ein, ist

dm 1 − α2
= 1− √ .
( 1 − α4 )2
3
m

In Abb. 7.10 sind Durchmesservergrößerung und Masseersparnis in Abhängigkeit vom Durchmes-


serverhältnis α = di /da aufgetragen. Ersetzt man z. B. eine Vollwelle mit d = 100 mm durch
208 7 Torsion prismatischer Stäbe

Abb. 7.10 Durchmesservergröße-


rung (Kurve 1) und Masseer- 

sparnis (Kurve 2) 2, 4 100

1 Durchmesservergrößung da /d

2 Masseersparnis in %
2, 2
80
2, 0
1, 8 60

1, 6


2 40
1, 4
1, 2 1 20

1 0
0 0, 1 0, 2 0, 3 0, 4 0, 5 0, 6 0, 7 0, 8 0, 9 1
Durchmesserverhältnis α = di /da

eine Hohlwelle mit α = 0, 8, entnimmt man dem Bild da = 1, 19d = 119 mm, den Innendurch-
messer erhält man zu di = 0, 8da = 95 mm. Die dabei erzielte Masseersparnis ist etwa 49 %.
Aus der Darstellung in Abb. 7.10 ersieht man ferner, dass man durch dünnwandige Hohlquer-
schnitte beachtliche Masseersparnis erzielen kann. Weil sehr dünne Rohre bei der Torsion aus-
beulen, ist die Ersparnis aber begrenzt. Ein Aufbohren bis zum Verhältnis α = 0, 5 erfordert eine
Zunahme des Außendurchmessers um nur 2 % und ergibt eine Masseersparnis von annähernd 22%.

Beispiel 7.5 (Torsionsstab).


Der in Abb. 7.11 gezeichnete Torsionsstab ist in einer Versuchseinrichtung durch
das Drehmoment Mt beansprucht. Dabei wird über die Länge l der Drehwinkel
ϕ = 2,25◦ gemessen. Gegeben sind l = 300 mm, l1 = 100 mm, D = 30 mm,
d = 20 mm und G = 4,6 · 104 N/mm2 (Magnesiumlegierung).
a) Wie groß sind das eingeleitete Drehmoment Mt und die Schubspannungen?
b) Der Stab soll durch einen neuen mit konstantem Durchmesser bei gleicher Länge
l ersetzt werden.
– Wie groß ist der Durchmesser bei gleichem Drehmoment und gleichem Dreh-
winkel wie in a) zu wählen?
– Wie groß ist dann die Schubspannung τt ?
Lösung 7.5

a) Das Drehmoment berechnen wir bei gegebenem Drehwinkel aus Gl. (7.17). Hierbei ist jedoch
zu beachten, dass der Durchmesser des Stabes sich sprunghaft ändert. Es gilt somit der Ansatz

l
l1 l1
D

Abb. 7.11 Torsionsstab


7.1 Torsion gerader Stäbe 209
 
Mt 2l1 l − 2l1
ϕ= + = 2,25◦ = 0,039
G Ip1 Ip2

mit Ip1 = (π/32)D4 = 7,95 cm4 und Ip2 = (π/32)d4 = 1,571 cm4 . Löst man nach dem
gesuchten Drehmoment auf, erhält man

4,6 · 104 N/mm2 · 0,039 3


Mt = = 2,035 · 105 Nmm .
200 mm/7,95 cm4 + 100 mm/1,571 cm4

Die Schubspannung erhält man aus Gl. (7.12) mit Hilfe der Gl. (7.11). Im Stabteil mit dem
Durchmesser D ist das Widerstandsmoment Wp = (π/16)D3 = 5,3 cm3 und die Schub-
spannung
Mt 2,035 · 105 Nmm
τt = = = 38,4 N/mm2 .
Wp 5,3 · 103 mm3
Im mittleren Stabteil ist Wp = (π/16)d3 = 1,517 cm3 und τt = 129,5 N/mm2 .
b) Über Gl. (7.17) berechnen wir für den neuen Stab das notwendige polare Flächenmoment

Mt l 2,035 · 105 Nmm · 300 mm


Ip = = = 3,38 · 104 mm4 .
Gϕ 4,6 · 104 N/mm2 · 0,039 3

Mit Ip = (π/32)d4 ergibt sich der Durchmesser



4 32Ip

d= = 4 34,4 · 10 mm = 24,2 mm .
π

Ausgeführt wird der Durchmesser d = 25 mm mit Wp = 3 068 mm3 . Nunmehr ist die Schub-
spannung
2,035 · 105 Nmm
τt = = 66,3 N/mm2 .
3,068 · 103 mm3

7.1.4 Torsionsstäbe mit beliebiger Querschnittform

Die mathematische Behandlung der Torsion von Stäben mit nicht kreisförmigem
Querschnitt ist erheblich schwieriger als die der Stäbe mit kreissymmetrischen
Querschnitten. Die Querschnitte der Stäbe bleiben, wie auch Versuche bestätigt ha-
ben, nicht eben. Es treten Querschnittsverwölbungen auf, die nicht vernachlässigt
werden dürfen. Mit elementaren Mitteln lassen sich somit Spannungen und Formän-
derungen nicht mehr erfassen. Eine Ausnahme bildet hier lediglich die Behand-
lung dünnwandiger geschlossener Hohlquerschnitte. Eine geschlossene Lösung ist
möglich, auf deren Herleitung jedoch verzichtet werden soll.
Durch Einführung entsprechender Querschnittgrößen lassen sich die Berech-
nungsgleichungen für Stäbe mit nicht kreisförmigem Querschnitt auf ähnliche Form
bringen, wie die für Stäbe mit kreissymmetrischem Querschnitt, s. Gln. (7.12),
(7.16) und (7.17)
Mt
τt = , (7.21)
Wt
210 7 Torsion prismatischer Stäbe

Mt l
ϕ= . (7.22)
GIt
Ersetzt man in Gl. (7.22) das Drehmoment Mt mit Hilfe der Gl. (7.21), ist auch
τt lWt τt l
ϕ= = . (7.23)
GIt GIt /Wt

In diesen Gleichungen bedeuten


– Wt eine dem Widerstandsmoment Wp bei Kreisquerschnitt entsprechende Größe,
– It eine dem polaren Flächenmoment Ip bei Kreisquerschnitt entsprechende Grö-
ße,
– It /Wt eine dem Randabstand d/2 bzw. da /2 bei Kreisquerschnitt entsprechende
Größe.
It wird als Torsionsflächenmoment bezeichnet.
Nur bei kreissymmetrischen Querschnitten ist

Wt = Wp , It = Ip , It /Wt = d/2 bzw. da /2 .

Das Produkt GIt ist wieder die Torsionssteifigkeit. In der Tabelle 7.1 sind die Be-
ziehungen für die drei angegebenen Größen für die wichtigsten Querschnittformen
zusammengestellt.
Die Schubspannung τt ist die in dem jeweiligen Querschnitt vorkommende ma-
ximale Schubspannung, so dass wieder die der Gl. (7.13) entsprechende Festigkeits-
bedingung gilt
Mt
 τzul . (7.24)
Wt
Besonderheiten bei den einzelnen Querschnittformen sollen im folgenden kurz be-
sprochen werden:

7.1.4.1 Dünnwandige Hohlquerschnitte

In diese Gruppe fallen alle geschlossenen Kastenprofile, deren Wanddicke t klein


ist gegenüber den sonstigen Querschnittabmessungen. Die Schubspannungen in den
Querschnitten wirken überall tangential zur Berandung und können gleichmäßig
über die Wanddicke verteilt angenommen werden. Aus einer Gleichgewichtsbedin-
gung an einem Flächenelement des Hohlquerschnitts ergibt sich, dass das Produkt
aus Schubspannung und Wanddicke konstant ist, man bezeichnet es als Schubfluss
T (Abb. 7.12)
T = τ(t)t = τt tmin = const .
τt ist somit die größte Schubspannung in der dünnsten Wandstelle.
Tabelle 7.1 Querschnittsgrößen bei der Torsion von Stäben mit nicht kreisförmigem Querschnitt

Querschnitt Wt It It /Wt Bemerkungen

in
dünnwandiger geschlossener 4A2m 2A Am - Inhalt der von der Mit-
tm Hohlquerschnitt mit veränder- 2Am tmin  dU  m
dU tellinie umgrenzten Fläche
licher Wanddicke tmin

t
t t
7.1 Torsion gerader Stäbe

t dünnwandiger geschlossener dUm - Umfangselement mit


4A2m t 2Am
Hohlquerschnitt mit konstanter 2Am t der Wanddicke t,
Um Um Um - Länge der Mittellinie
Wanddicke

größte Spannung τt in den

a
Endpunkten der kleinen Ach-
Ellipse π π a3 b3 a2
ab2 2
b se, Schubspannung in den
n = a/b  1 16 16 a2 + b2 a + b2 Endpunkten der großen Ach-
se ist τ2 = τt /n
b
211
7 Torsion prismatischer Stäbe

Tabelle 7.1 Fortsetzung


Querschnitt Wt It It /Wt Bemerkungen
größte Spannungen τt in
den Mitten der größten Sei-
η2 ten, Schubspannungen in den
Rechteck η1 hb2 = η1 nb3 η2 hb3 = η2 nb4 η1
b;
Mitten der kleinen Seiten
h

n = h/b  1 η1 η2 η1 , η2 , η3 τ2 = η3 τt ,
s. Tabelle 7.2 s. Tabelle 7.2 Tabelle 7.2 (η3 s. Tabelle 7.2)
in den Ecken ist
τt = 0
b
größte Spannungen τt in den
gleichseitiges Drei- a3 a4 a Mitten der Seiten, in den
eck 20 46, 2 2, 31 Ecken ist τt = 0
a
bi

dünnwandige offene 
größte Spannungen τt in der
hi hi bi3 1 Mitte der größten Seite des
Querschnitte (Walz- 1 hi bi3 bmax
hi 3 bmax 3 Rechtecks mit der größten
träger usw.)
Dicke bmax

bi
212
7.1 Torsion gerader Stäbe 213

Tabelle 7.2 Konstanten bei der Torsion von Stäben mit Rechteckquerschnitt

n 1 1,5 2 3 4 6 8 10 ∞

η1 0,209 0,230 0,247 0,269 0,284 0,299 0,307 0,312 0,333

η2 0,141 0,196 0,229 0,263 0,281 0,298 0,307 0,312 0,333

η2
0,675 0,852 0,927 0,978 0,989 0,997 1,000 1,000 1,000
η1

η3 1,000 0,858 0,796 0,753 0,745 0,743 0,743 0,743 0,743

Abb. 7.12 Darstellung des τ(t)


Schubflusses

τt t

tm
in

Die Bezeichnung Schubfluss hat man in Analogie zur Kontinuitätsgleichung der


inkompressiblen Strömung geprägt4. Das Abb. 7.13 zeigt die Schubspannungslini-
en an einer Ecke eines geschlossenen Kastenquerschnitts. An der inneren Kante tre-
ten bei scharfkantiger Ausbildung starke Spannungserhöhungen ein, in der äußeren
Kante sind die Schubspannungen Null. Die Spannungserhöhungen können durch
Abrunden der Ecken vermindert werden (Abb. 7.13 b).

a) b)

Abb. 7.13 Ecke eines Kas-


tenquerschnittes τ τ
a) Schubspannungslinien
b) abgerundete Ecke

4 Die mathematische Behandlung der Torsion (S T. V ENANT ) führt auf die Potentialgleichung für
die Verwölbung, die eine Analogie mit der Potentialgleichung der Strömungslehre für reibungs-
freie, inkompressible Strömung erkennen lässt (Strömungsgleichnis). Die Schubspannungen ent-
sprechen der Strömungsgeschwindigkeit in einem Gefäß mit der gleichen Querschnittform wie der
Torsionsstab, in der eine reibungsfreie, inkompressible Flüssigkeit zirkuliert. Die Strömungslinien
entsprechen den Schubspannungslinien, das sind gedachte Verbindungslinien hintereinanderlie-
gender Schubspannungen.
214 7 Torsion prismatischer Stäbe

Abb. 7.14 Spannungsverteilung τ


a) b) τ
bei der Torsion eines Stabes
mit Rechteckquerschnitt τ
a) gedrungenes b) schmales
τ
Rechteck

h
b

1, 5b
b

7.1.4.2 Rechteck

Die Ecken eines Rechteckquerschnitts sind frei von Schubspannungen, man darf
sie deshalb abrunden, ohne dass der Torsionsstab dadurch wesentlich geschwächt
wird. Die Schubspannungsverteilung entlang einer Rechteckseite ist annähernd pa-
rabelförming (Abb. 7.14 a). Ist jedoch das Seitenverhältnis n = h/b > 3 (langge-
strecktes Rechteck), dann ändern sich die Schubspannungen im mittleren Bereich
der langen Seiten nicht, erst in der Entfernung 1, 5b von den Ecken nehmen die
Schubspannungen parabelförmig auf Null ab (Abb. 7.14 b).

7.1.4.3 Dünnwandige offene Profilquerschnitte

Das angegebene Berechnungsverfahren ist eine grobe Näherung und gilt nur für
völlig freie Torsion, d. h. ohne Einspanneffekt, der die freie Längsverschiebung be-
hindern würde. Man denkt sich den Querschnitt aus einzelnen Teilrechtecken zu-
sammengesetzt, deren Seitenverhältnis i. Allg. größer als 10 ist. In der Praxis sind
derartige Torsionsstäbe immer angeflanscht (geschraubt, genietet oder geschweißt),
und es treten erhebliche Abweichungen der Schubspannungen und Verformungen
von den errechneten Werten auf.
Beispiel 7.6 (Zulässige Drehmomente, Torsionswinkel).
Zulässige Drehmomente und Torsionswinkel von Torsionsstäben mit verschiede-
nen Querschnitten gleichen Flächeninhalts nach Tabelle 7.1 sind zu berechnen
und mit denen für Kreis- und Kreisringquerschnitt zu vergleichen. Gegeben sind
τzul = 120 N/mm2 , l = 1 000 mm, A = 800 mm2 , G = 8,1 · 104 N/mm2 .
Lösung 7.6
Es empfiehlt sich, die Rechnung für dieses Beispiel tabellarisch durchzuführen, sie ist in Tabel-
le 7.3 zusammengestellt. In der letzten Spalte sind die Federkonstanten, s. Gl. (7.27) mit aufge-
nommen worden, die einen besseren direkten Vergleich der verschiedenen Formen gestatten. Die
Bezugsgröße ist gleiches Materialgewicht, da Al = const. Geschlossene dünnwandige Hohlprofi-
le ertragen die höchste Belastung und haben die größte Steifigkeit. Von den Vollquerschnitten hat
der Kreisquerschnitt die größte Steifigkeit, während durch das Längsschlitzen eines Hohlprofils ge-
genüber dem geschlossenen die Steifigkeit ganz erheblich abnimmt. Offene Hohlprofile sind also
7.1 Torsion gerader Stäbe 215

sehr verdrehweich! Die Berechnungen wurden unter Nutzung folgender Gleichungen ausgeführt

τzul l Mt
Mt zul = Wt τzul , ϕ= cϕ = .
GIt /Wt ϕ

Beispiel 7.7 (Torsionsstab).


Ein Torsionsstab (Länge l = 800 mm, G = 8,1 · 104 N/mm2 ) mit Rechteckquer-
schnitt (Breite b = 20 mm, Höhe h = 160 mm) ist durch dein Drehmoment
Mt = 2 kNm beansprucht. Zu berechnen sind
a) die größte Schubspannung τt ,
b) der Torsionswinkel ϕ.
c) Wie groß muss der Durchmesser eines Stabes mit Kreisquerschnitt bei gleicher
Länge sein, wenn er gleiche Torsionssteifigkeit haben soll?
d) Man berechne die Schubspannung τt bei gleichem Drehmoment.
e) Die Massen sind miteinander zu vergleichen.
Lösung 7.7

a) Für n = h/b = 8 entnimmt man Tabelle 7.2 die Konstanten η1 = η2 = 0, 307. Somit ist

Wt = η1 nb3 = 0, 307 · 8 · 8 cm3 = 19,65 · 103 mm3

und die Schubspannung nach Gl. (7.21)

Mt 2 · 106 Nmm
τt = = = 101,8 N/mm2 .
Wt 19,65 · 103 mm

b) Mit It = η2 nb4 = 39,3 cm4 erhält man den Drehwinkel aus Gl. (7.22)

Mt l 2 · 106 Nmm · 800 mm


ϕ= = = 0, 0502 = 2,88◦ .
GIt 8,1 · 104 N/mm2 · 39,3 · 104 mm4

c) Gleiche Drehsteifigkeit bedeutet bei gleichem Material und gleicher Länge auch gleicher Dreh-
winkel. Dann ist für den Kreisquerschnitt Ip = It = 393 · 103 cm4 . Daraus erhält man den
Durchmesser  √4
d = 4 (32/π)Ip = 400 · 10 mm = 44,7 mm .

Ausgeführt wird d = 45 mm mit Wp = 17,9 · 103 mm3 .

d) Die Schubspannung ist τt = Mt /Wp = 112 N/mm2 .


e) Der Massenvergleich besteht bei gleicher Länge aus einem Vergleich der Querschnitte

mRechteck /mVollkreis = ARechteck /AVollkreis = 3 200 mm2 /1 590 mm2 ≈ 2/1 .

Der Rechteckstab ist rund doppelt so schwer wie der Kreisstab.


7 Torsion prismatischer Stäbe

Tabelle 7.3 Beispiel 7.6


Querschnitt Abmessungen Wt It It /Wt Mt zul ϕ cϕ
mm 103 mm3 104 mm4 mm Nm ◦ Nm/◦
b2 h2 h
Kasten h = 75, 6 2bht = 21, 60 2 t = 54, 4 b = 25, 2 2592 3, 4 769
b+h b+h
h
=2 b = 37, 8
b
t 1
= t = 3, 78
b 10
π π a3 b3 a2
Ellipse a = 45 ab2 = 4, 47 = 8, 05 b = 18 542 4, 7 115
16 16 a2 + b2 a2 + b2
a
=2 b = 22, 5
b
η2
Rechteck h = 40 η1 hb2 = 3, 95 η2 hb3 = 7, 33 b = 18, 54 474 4, 6 104
η1
h
=2 b = 20 η1 = 0, 247 η2 = 0, 229
b
gleichseitiges a3 a4
a = 43 = 3, 97 = 7, 40 ≈ 0, 433a = 18, 6 476 4, 6 104
Dreieck 20 46, 2
in Längsrichtung h = 75, 6
1 1
geschlitztes b = 37, 8 2(b + h)t2 = 1, 08 2(b + h)t3 = 0, 408 t = 3, 78 130 22, 5 6
Kastenprofil t = 3, 78 3 3
π 3 π 4
Vollkreis d = 32 d = 6, 43 d = 10, 29 d/2 = 16 7, 71 5, 3 144
16 32
Kreisring
da = 53 π 3 π 4
di d (1 − α4 ) = 17, 26 d (1 − α4 ) = 45, 7 da /2 = 26, 5 20, 71 3, 2 649
α= = 0, 8 di = 42, 5 16 a 32 a
216

da
7.1 Torsion gerader Stäbe 217

7.1.5 Kerbwirkung, Grenzspannungen und zulässige Spannung bei


Torsion

Querbohrungen, Querschnittübergänge, Rillen, Nuten, Verzahnungen usw. wirken


in Torsionsstäben als Kerben und ergeben eine Spannungserhöhung gegenüber
der Nennschubspannung τn = Mt /Wt . Bei ruhender Beanspruchung berücksich-
tigt man die Kerbwirkung wie bei Zug-Druck- und Biegebeanspruchung durch die
Formzahl αk = τk /τn , bei schwingender Beanspruchung durch die Kerbwirkungs-
zahl βk . In Vollwellen und Hohlwellen mit Querbohrungen treten am Bohrungsrand
unter 45◦ zur Achsrichtung Normalspannungen σmax = σk auf (Abb. 7.15), die Boh-
rung wird elliptisch verformt. In diesem Fall ist die Formzahl αk = σk /τn . An klei-
nen Bohrungen in dünnwandigen Hohlwellen ist αk ≈ 4. Für Vollwellen mit kleiner
Querbohrung erhält man mit dem Wellendurchmesser D und dem Bohrungsdurch-
messer d näherungsweise Wt = (1 − 0, 9d/D)Wp mit Wp = (π/16)D3.
In Torsionsstäben mit kreissymmetrischen Querschnitten können nach den oben
angegebenen Gleichungen Schubspannungen und Torsionswinkel exakt berechnet
werden. Aus diesem Grund eignen sich Stäbe mit Kreisquerschnitt besonders für
Torsionsversuche zur Ermittlung von Werkstoffkennwerten. Als statische Kennwer-
te sind von Bedeutung
– τtF Torsionsfließgrenze,
– τtB Torsionsfestigkeit .
Ersterer hat Bedeutung bei duktilen Werkstoffen, der zweite bei spröden.
Dynamische Prüfungen können gleichfalls leicht durchgeführt werden. Für die
Durchführung der Versuche und die Auswertung der Versuchsergebnisse gilt das
gleiche sinngemäß wie in Abschnitt 3.2.1 bei Zug-Druck-Beanspruchung. Dauer-
festigkeitsschaubilder für Torsion findet man u.a. in [22]. Insbesondere werden die
beiden folgenden dynamischen Kennwerte benötigt
– τtW Torsionswechselfestigkeit,
– τtSch Torsionsschwellfestigkeit .
Besonders charakteristisch bei Torsionsversuchen ist die mögliche Art des Versa-
gens; sie kann je nach Werkstoff auf drei verschiedene Weisen erfolgen:
– Abscheren senkrecht zur Stabachsrichtung bei duktilen Werkstoffen.
– Trennbruch unter 45◦ zur Stabachse bei ruhender Beanspruchung spröder Werk-
stoffe (Kreide!) und bei dynamischer Beanspruchung auch duktiler Werkstoffe.
Man findet diese Bruchform häufig an Torsionsstabfedern (s. auch Abschnitt 9.4).

Abb. 7.15 Drehstab mit


a) b) Druckspannungen
Querbohrung
a) unverformt
D

b) verformt durch Drehmo- Mt Mt


Zugspannungen
ment
218 7 Torsion prismatischer Stäbe

15 r
Abb. 7.16 Drehstab

0,
∅10, 8

∅9
l1 = 120 poliert l2 = 150

– Abscheren und Aufreißen in Richtung der Stabachse bei gewalztem zeiligen Fe-
derstahl und bei in Faserrichtung herausgearbeiteten Holzstäben. Diese Tatsache
ist ein Beweis für das Vorhandensein von Schubspannungen in Längsrichtung.
Das über die Sicherheit und die zulässige Spannung im Kapitel 3 Gesagte gilt hier
sinngemäß.
Bei dynamischer Beanspruchung ist die Sicherheit
τD
SD = (7.25)
o k βk τ n
und die zulässige Spannung
τD
τzul = .
ok βk SD
Beispiel 7.8 (Welle).
Eine Welle aus E360 (D = 40 mm) mit der polierten Querbohrung (d = 8 mm) hat
(ohne Biegung) das wechselnde Drehmoment Mt = 650 Nm aufzunehmen. Die Si-
cherheit gegen Dauerbruch ist zu berechnen.
Lösung 7.8
Mit dem Verhältnis d/D = 0, 2 ist
π 3
Wt = (1 − 0, 18) D = 0,82 · 12,57 cm3 = 10,3 · 103 mm3
16
und die Nennschubspannung

Mt 65 · 104 Nmm
τn = = = 63,1 N/mm2 .
Wt 10,3 · 103 mm3

Dem Buch [45] entnimmt man die Formzahl αk = τk /τn = 1, 5. Mit ηk = 0, 6 (Tabelle 3.1) ist
die Kerbwirkungszahl
βk = 1 + (αk − 1)ηk = 1, 3 .
Dem Dauerfestigkeitsschaubild für E360 entnimmt man die Wechselfestigkeit τtW = 190 N/mm2 .
Nunmehr ergibt sich aus Gl. (7.25) mit ok = 1 die Sicherheit

190 N/mm2
SD = = 2, 32 .
1, 3 · 63,1 N/mm2
Beispiel 7.9 (Abgesetzte Welle).
Die abgesetzte Welle (schematisch in Abb. 7.16 gezeichnet) ist wechselnd auf Tor-
sion beansprucht. Wie groß darf der zwischen den Enden gemessene Drehwinkel
höchstens sein, wenn zweifache Sicherheit gegen Dauerbruch gewährleistet sein
soll? Wie groß ist dann das Drehmoment? Gegeben sind: Werkstoff E335 mit
ηk = 0, 5 (Tabelle 3.1) und G = 8 · 104 N/mm2 .
7.1 Torsion gerader Stäbe 219

Lösung 7.9
Maßgebend für das Drehmoment Mt  Wp τzul ist der kleine Durchmesser am Übergang. Aus
[22] entnimmt man mit t/ρ = 0,90 mm/0,15 mm = 6 und a/ρ = 4,5 mm/0,15 mm = 30 die
Formzahl αk = 2, 14. Die Kerbwirkungszahl ist dann βk = 1, 57. Mit τtW = 160 N/mm2 und
Wp = (π/16)d3 = 143,1 mm3 erhält man dann für ok = 1

τtW 160 N/mm2


τzul = = = 51,0 N/mm2
βk SD 1, 57 · 2
und
Mt  0,143 · 103 mm3 · 51,0 N/mm2 = 7,3 · 103 Nmm .
Den Drehwinkel berechnen wir wie in Beispiel 7.5. Mit den Flächenmomenten

Ip1 = (π/32)D4 = 0,134 cm4 , Ip2 = (π/32)d4 = 0,064 cm4

ist
   
Mt l1 l2 7,3 · 103 Nmm 120 mm 150 mm
ϕ + = +
G Ip1 Ip2 8 · 104 N/mm2 0,134 · 104 mm4 0,064 · 104 mm4
= 0, 0294 = 1,69◦ .

7.1.6 Formänderungsarbeit bei Torsion - Drehstabfedern

Wie bei der Biegung ist wegen der ungleichförmigen Spannungsverteilung bei
der Verdrehung eines Stabes die spezifische Formänderungsarbeit ΔW = τ2 /2G,
Gl. (7.2), eine Funktion der Stabkoordinaten. Da der Verlauf der Schubspannun-
gen nur bei kreissymmetrischen Querschnitten exakt bekannt ist, wollen wir uns
zunächst darauf beschränken.
In einem Element dV = dA dx ist dann die Formänderungsarbeit

τ2
dW = ΔWdV = dV .
2G
Die gesamt Formänderungsarbeit erhält man durch Integration über das Volu-
men. Für den allgemeinsten Fall des mit der Stabachse x veränderlichen Drehmo-
ments und bei schwach veränderlichem Querschnitt ist mit τ = [Mt (x)/Ip (x)]r die
Formänderungsarbeit

l  
1 M2t (x) 2
W= r dA dx .
2 GI2p (x)
0

Alle von x abhängigen Faktoren in vorstehender Gleichung können vor das innere
Integral gezogen werden (s. auch Abschnitt 5.3)
220 7 Torsion prismatischer Stäbe

l  
1 M2t (x)
W= r2 dA dx .
2 GI2p (x)
0

Nach Gl. (4.7) ist r2 dA = Ip (x) das polare Flächenmoment des Querschnitts und
man erhält
l
1 M2t (x)
W= dx .
2 GIp (x)
0

Bei einem Stab mit konstantem kreissymmetrischem Querschnitt und gleichem Ma-
terial ist die Torsionssteifigkeit GIp konstant. Dann ist

l
1
W= M2t (x)dx .
2GIp
0

Ist insbesondere auch das Drehmoment über die Länge l konstant, erhält man
schließlich
M2t l
W= . (7.26)
2GIp
Nach dem Energiesatz folgt durch Vergleich mit der Arbeit des äußeren Moments
W = (1/2)Mt ϕ der Torsionswinkel ϕ, s. Gl. (7.17)

Mt l
ϕ= .
GIp

Beispiel 7.10 (Welle).


Für die Welle in Beispiel 7.5 ermittle man über die Formänderungsarbeit den Dreh-
winkel.
Lösung 7.10
Wegen der verschiedenen Durchmesser berechnet man die Formänderungsarbeit in zwei Teilberei-
chen ⎛ ⎞
l1 l
1 2
Mt ⎜ dx dx ⎟
Mt ϕ = W = ⎝2 + ⎠.
2 2G Ip1 Ip2
0 2l1

Daraus folgt  
Mt 2l1 l − 2l1
ϕ= + .
G Ip1 Ip2
Ebenso häufig wie Biegefedern kommen in der Praxis des Maschinenbaus Torsions-
federn (auch Drehstabfedern genannt) mit kreisförmigem oder beliebigem Quer-
schnitt vor. Die Torsionsfederkonstante einer Torsionsstabfeder mit überall glei-
chem beliebigen Querschnitt ist mit Gl. (7.22)

Mt GIt
cϕ = = . (7.27)
ϕ l
7.1 Torsion gerader Stäbe 221

Ist eine Torsionsstabfeder wie in Abb. 7.9 b) eingespannt, dann erfährt die Kraft
F am Hebel R die Verschiebung s. Mit Mt = FR, s = ϕR und der Federkonstante
c = F/s ist
FR2
cϕ = = cR2
s
und somit
cϕ GIt
c= 2 = 2. (7.28)
R lR
Die Formänderungsarbeit in Federn kann allgemein durch die Beziehung

W = ηF ΔWV

angegeben werden (s. a. Abschnitt 2.2.2), ηF ist die Raumzahl (auch Gütezahl) der
Feder und V das wirksame Federvolumen. Die spezifische Formänderungsarbeit der
größten (Nenn-) Schubspannung τt ist ΔW = τ2t /2G. Mit τt = Mt /Wt erhält man

M2t
ΔW = .
2GWt2

Durch Vergleich mit Gl. (7.26), deren Gültigkeit wir auch auf beliebige Querschnitt-
formen übertragen und in der wir Ip durch It ersetzen, findet man eine Beziehung
für die Raumzahl der Drehstabfeder

W W2l
ηF = = t (7.29)
ΔWV It V
oder mit dem Federvolumen V = lA
Wt /A
ηF = . (7.30)
It /Wt

Beispiel 7.11 (Drehstabfedern).


Für Drehstabfedern mit Kreis-, Kreisring-, Rechteck- und Dreieckquerschnitt sind
die Gütezahlen ηF zu ermitteln.
Lösung 7.11
Kreis:
π 3 π 2
d / d
ηF = 16 4 = 0, 5,
d/2
Kreisring:
π 3 π
da (1 − α4 )/ d2a (1 − α2 )
ηF = 16 4 = 0, 5(1 + α2 ),
da /2
Rechteck:
η1 hb2 /hb η2
ηF = η2 = 1 (s. Tabelle 7.2),
b η2
η1
gleichseitiges Dreieck:
222 7 Torsion prismatischer Stäbe

a3 3 2
/ a
ηF = 20 4 = 0, 267 .
0, 433a
Die Volumenausnutzung der Federn mit Vollquerschnitt ist gering, sie wird um so besser, je
gleichmäßiger die Spannungsverteilung ist. Für dünnwandige geschlossen Hohlprofile ist ηF ≈ 1
(s. Kreisring mit α → 1).

Beispiel 7.12 (Drehstabfeder).


Eine Drehstabfeder aus Stahl (τzul = 400 N/mm2 , G = 8,1 · 104 N/mm2 ) mit Kreis-
querschnitt soll beim größten Winkelausschlag ϕ = 9◦ die Arbeit W = 270 Nm
aufnehmen können. Durchmesser und Länge der Feder sind zu berechnen.
Lösung 7.12
Zunächst ermitteln wir das Drehmoment aus W = (1/2)Mt ϕ

2W 54 · 104 Nmm
Mt = = = 344 · 104 Nmm .
ϕ 0, 157
Gleichung (7.11) ergibt das Widerstandsmoment

Mt 344 · 104 Nmm


Wp  = = 8,6 · 103 mm3 .
τzul 400 N/mm2

Diesem Wert entspricht der Durchmesser d = 35 mm mit Ip = 14,73 cm4 . Die notwendige
Schaftlänge erhält man aus Gl. (7.17)

GIp ϕ 8,1 · 104 N/mm2 · 14,73 · 104 mm4 · 0, 157


l= = = 545 mm .
Mt 344 · 104 Nmm

7.1.7 Vergleichende Beurteilung von Schubspannung und


Torsionswinkel

Wie auch bei der Biegung erfolgt die Bemessung eines Drehstabes i. Allg. auf Grund
der zulässigen Spannung. Getriebewellen, Steuerstangen usw. dürfen jedoch nur
sehr geringe Drehverformungen aufweisen, so dass eine Festigkeitsrechnung unter
Umständen zu geringe Abmessungen ergeben kann. Mit Rücksicht auf ihre Ver-
formung sind solche Bauteile dann manchmal wesentlich steifer auszuführen. Der
zulässige Torsionswinkel wird auf die Längeneinheit bezogen angegeben und ist für
Triebwerkswellen
ϑzul = ϕzul /l  0,25◦ /m .
Wegen der verschiedenen Einflüsse kann man keine allgemein gültigen Beziehun-
gen aufstellen. Die Problemstellung soll an den folgenden Beispielen aufgezeigt
werden.
Beispiel 7.13 (Welle).
Die Welle eines Schiffsantriebes soll so bemessen werden, dass der Torsionswin-
kel ϑzul = 0,25◦ /m und die Schubspannung τzul = 30 N/mm2 nicht überschritten
werden. Gegeben sind Mt = 1,71 · 105 Nm, l = 12 m, G = 8,2 · 104 N/mm2 .
7.1 Torsion gerader Stäbe 223

Lösung 7.13
Die Verformungsbedingung Gl. (7.17) ergibt das erforderliche polare Flächenmoment

Mt 1,71 · 108 Nmm


Ip  = = 4,78 · 108 mm4 .
Gϑzul 8,2 · 10 N/mm2 · 0,436 · 10−5 mm−1
4

Dies ergibt den Durchmesser



4 32
d= Ip = 48,7 · 108 mm = 264 mm .
4

π
Die Festigkeitsbedingung Gl. (7.15) liefert

Mt 1,71 · 108 Nmm


Wp  = = 5,7 · 106 mm3
τzul 30 N/mm2

und den Durchmesser



3 16
3
d= Wp = 29 · 106 mm = 307 mm .
π
Maßgebend ist der größere Durchmesser, ausgeführt wird die Welle mit d = 310 mm. Zur Kon-
trolle rechnen wir den Torsionswinkel nach. Mit Ip = 9,07 · 108 mm4 ist

Mt 1,71 · 108 Nmm · 1 000 mm/m


ϑ= = = 0,002 3 m−1 = 0,132◦ /m < ϑzul .
GIp 8,2 · 104 N/mm2 · 9,07 · 108 mm4

Beispiel 7.14 (Steuerstange).


Über eine Steuerstange mit quadratischem Querschnitt, Länge l = 2 000 mm, soll
ein Steuerimpuls ausgeführt werden, der das Drehmoment Mt = 1 Nm erfordert. Die
Stange ist für τzul = 100 N/mm2 und ϑzul = 0,5◦ /m zu bemessen, der Schubmodul
G = 8,1 · 104 N/mm2 .
Lösung 7.14
Aus der Festigkeitsbedingung erhält man

Mt 1 000 Nmm
Wt  = = 10 mm3 .
τzul 100 N/mm2

Bezeichnen wir die Seitenlänge des Quadrates mit a und entnehmen wir der Tabelle 7.2 mit
n = a/b = 1 die Konstante η1 = 0, 209, ergibt Tabelle 7.1 Wt = η1 a3 . Durch Vergleich

folgt a = Wt /η1 = 3 47, 8 mm = 3,63 mm. Aus der Verformungsbedingung berechnen wir
3

Mt 1 000 Nmm
It  = = 1 415 mm4 .
Gϑzul 8,1 · 104 N/mm2 · 0,872 · 10−5 mm−1

Mit It = η2 a4 und η2 = 0, 141 folgt a = 10 mm. In diesem Fall ist die Verformung maßgebend,
denn für a = 10 mm ist die Schubspannung nur noch etwa 5 N/mm2 und somit unbedeutend.
224 7 Torsion prismatischer Stäbe

7.2 Torsionsbeanspruchung gekrümmter Stäbe

7.2.1 Zylindrische Schraubenfedern

Wird ein Stab (Draht) räumlich nach Art einer Schraubenlinie gewunden, erhält
man ein in der Technik sehr häufig vorkommendes Bauelement, die Schraubenfeder
(Abb. 7.17). Ist der Durchmesser jeder Windung gleich groß, dann nennt man die
Schraubenfeder zylindrisch. Bei Kegelstumpffedern nimmt der Durchmesser nach
Form eines Kegelstumpfes ab. Im folgenden soll nur die zylindrische Form behan-
delt werden.
Die Wirkungslinie der belastenden Kraft F fällt i. Allg. mit der Federachse zu-
sammen. Sie kann die einzelnen Windungen zusammendrücken (Druckfeder) oder
auseinanderziehen (Zugfeder). Der Drahtquerschnitt ist vielfach kreisförmig, wird
aber auch häufig quadratisch oder rechteckig gestaltet. Ein ebener Querschnitt senk-
recht zur gekrümmten Stabachse wird durch eine Normalkraft, eine Querkraft, ein
Biegemoment und ein Drehmoment beansprucht. Bei den üblichen kleinen An-
stiegwinkeln α kann man Normalkraft und Biegemoment gegenüber Querkraft und
Drehmoment vernachlässigen, bei nicht zu kleinen Windungsradius kann auch die
Querkraft vernachlässigt werden. Eine zylindrische Schraubenfeder wird also nur
auf Torsion berechnet.
Mit dem Drehmoment Mt = FR cos α ≈ FR ist die Schubspannung im Drahtquer-
schnitt nach Gl. (7.21)
Mt FR
τt = = . (7.31)
Wt Wt
Bei Kreisquerschnitt ist Wt = Wp . Infolge der Krümmung der Stabachse wird je-
doch die Schubspannung nach Gl. (7.31) an der dem Krümmungsmittelpunkt zuge-
wandten Seite vergrößert

R
α
Federachse

Abb. 7.17 Zylindrische


Schraubenfeder
7.2 Torsionsbeanspruchung gekrümmter Stäbe 225

FR
τi = ki (7.32)
Wt
und an der gegenüberliegenden Seite verkleinert
FR
τa = ka . (7.33)
Wt
Die von der Stabkrümmung abhängigen Faktoren ki und ka wollen wir abschätzen
(Abb. 7.18). Für ein gerades Stabelement mit der Länge Δl ist nach Gl. (7.23) der
Torsionswinkel
τt Δl
ϕ= .
GIt /Wt
Löst man nach der Schubspannung τt auf, erhält man

It 1
τt = ϕG .
Wt Δl

Geht man von der Überlegung aus, dass sich am gekrümmten Stabteil im Mittel der
gleiche Drehwinkel ergibt, dann ist an der Innenseite

It 1
τi = ϕG .
Wt Δli
Setzen wir beide Spannungen ins Verhältnis zueinander, folgt

τi Δl Rβ R
= = =
τt Δli Ri β Ri
und
R
ki = > 1.
Ri
Ra

R
i
R

Δla
Δli

Δl
β

Abb. 7.18 Stabelement aus


einer zylindrischen Schrau-
benfeder
226 7 Torsion prismatischer Stäbe

Ra Ra
a) b) c)
Ri

h
Ri h

b
d
b
Ri

R
R
Ra R

Abb. 7.19 Bauformen zylindrischer Schraubenfedern


a) Kreisquerschnitt
b) Rechteck hoch gestellt
c) Rechteck flach gestellt

Entsprechend ist
R
ka = < 1.
Ra
Für die Federberechnung ist die maximale Spannung wichtig, also der Faktor ki .
In Abb. 7.19 sind die drei wichtigsten Bauformen der Schraubenfedern im
Schnittbild dargestellt. Als Maß für die Krümmung der Stabachse wird das Win-
dungsverhältnis ξ definiert, für Kreisquerschnitt (Abb. 7.19 a) ξ = d/2R, für hoch-
gestelltes Rechteck (Abb. 7.19 b) ξ = b/2R und für flachgestelltes Rechteck (Abb.
7.19 c) ξ = h/2R. Da der Faktor ki mit wachsendem ξ stark ansteigt, soll das Win-
dungsverhältnis einer Schraubenfeder ξ  1/4 sein.
Mit Hilfe der Umrechnung Ri = R − d/2 (oder R − b/2 bzw. R − h/2) kann man
die Faktoren ki für alle 3 Federformen auf die gleiche Form bringen

R 1
ki = = . (7.34)
Ri 1 − ξ
Dies ist insofern von Bedeutung, als bei der Bemessung einer Schraubenfeder die
Maße vorab nicht festliegen und man ξ besser schätzen kann als etwa d oder R.
Als Festigkeitsbedingung folgt aus Gl. (7.32)

FR
ki  τzul . (7.35)
Wt
τzul ist die zulässige Schubspannung für den geraden Stab.
Bei der Federberechnung spielt neben der Spannung vor allem auch die Verfor-
mung eine große Rolle. Durch die in Richtung der Federachse wirkende Kraft F
werden die Abstände der einzelnen Windungen zueinander verändert. Je nach Bau-
7.2 Torsionsbeanspruchung gekrümmter Stäbe 227

form und Anzahl der Windungen können Schraubenfedern relativ große Federwege
ausführen.
Bezeichnen wir den Federweg mit s, erhält man eine Abschätzung mit dem An-
satz s = Rϕ. Dabei ist ϕ der Torsionswinkel des geraden Stabes unter dem Einfluss
des Torsionsmoments Mt = FR. Mit Gl. (7.22) erhält man

F R2
s= l.
G It
Hier ist l die (abgewickelte) Länge des Federdrahtes. Ist i die Anzahl der tragenden
Windungen (rechnerische Windungszahl), ist l ≈ 2πRi. Die tatsächliche Windungs-
zahl ist i. Allg. um 1,5. . . 2 (nichttragende) Windungen größer als die rechnerische.
Somit erhalten wir für den Federweg die Beziehung

2πiR3
s= F. (7.36)
GIt
Als Beurteilungsgröße für eine Feder ist die Federkonstante wichtig
F GIt
c= = . (7.37)
s 2πiR3
Kombinieren wir Gl. (7.35) mit Gl. (7.36), erhält man eine weitere Beziehung für
den Federweg, die manchmal für die Rechnung nützlich ist

2πiR2
szul = τzul . (7.38)
ki GIt /Wt

Für die Bemessung einer Feder sind i. Allg. die Querschnittabmessungen, der Fe-
derradius R und die Windungszahl i gesucht. Für diese drei Größen stehen nur zwei
Bestimmungsgleichungen, Gl. (7.35) und Gl. (7.36), zur Verfügung. Eine der drei
gesuchten Größen muss somit zunächst geschätzt werden. Besser ist es jedoch, ein
Windungsverhältnis ξ anzunehmen. Oft muss die Rechnung wiederholt werden, bis
die Größen aufeinander und auf den Verwendungszweck (Einbaumaße) abgestimmt
sind (s. Beispiel 7.15). Schraubenfedern werden von den Herstellern in Typenreihen
hergestellt. Man findet meist für jeden Zweck eine passende Größe. Nomogramme
erleichtern die Federberechnung [22].
In der Tabelle 7.4 sind die wichtigsten Gleichungen für die Federberechnung
der drei Bauformen zusammengestellt. Beim flachgestellten Rechteck ist zu beach-
ten, dass die kleinere Rechteckseite der Federachse am nächsten liegt. Nach Tabel-
le 7.2 ist in deren Mitte die Spannung bei gerader Stabachse die Schubspannung
τ2 = η3 Mt /Wt und somit bei gekrümmter Achse

Mt
τi = η3 ki .
Wt
228 7 Torsion prismatischer Stäbe

Tabelle 7.4 Zusammenstellung der Berechnungsgleichungen für zylindrische Schraubenfedern


Querschnitt Kreis Abb. 7.19 a) Rechteck Abb. 7.19 b) Rechteck Abb. 7.19 c)
ξ d/2R b/2R h/2R
FR FR FR
τi ki ki η3 k i , η3 k i > 1
Wp Wt Wt
FR
, η3 k i  1
Wt
π 3
Wp , Wt d η1 nb3 , n = h/b  1
16
τzul Wp τzul Wt τzul Wt
Fzul η3 k i > 1
ki R ki R η3 k i R
τzul Wt
η3 k i  1
R
τzul π τzul 2η1 n τzul 2η1
Fzul ξd2 ξb2 ξb2 , η3 ki > 1
8ki ki η3 k i
τzul 2η1 ξb2 , η3 ki  1


8ki F ki F η3 k i F
d, b , η3 k i > 1
πξτzul 2η1 nξτzul 2η1 ξτzul

F
, η3 k i  1
2η1 ξτzul

2πiR3 2πiR3
s F F
GIp GIt
π 4
Ip , It d η2 nb4
32
64iR3 2πiR3
s F F
Gd4 Gη2 nb4
F Gd4 Gη2 nb4
c=
s 64iR3 2πiR3
4πiR2 2πiR2 τzul 2πiR2 τzul
szul τzul , η3 k i > 1
ki Gd ki (Gη2 /η1 )b η3 ki G(η2 /η1 )b
2
2πiR τzul
, η3 k i  1
G(η2 /η1 )b
0, 5 η21 η21
ηF , η3 k i > 1
k2i η2 k2i η2 (η3 ki )2
η21 /η2 , η3 ki  1
Einbaulänge lE
Druckfeder (1, 1i + 2)d + s (1, 1i + 2)h + s (1, 1i + 2)b + s
Zugfeder (i + 2)d (i + 2)h + x (i + 2)b + x
(Windungen x - fertigungsbedingter Abstand
anliegend) zwischen den Windungen
7.2 Torsionsbeanspruchung gekrümmter Stäbe 229

Für ein kleines Windungsverhältnis ξ und bei schmalen Rechtecken kann η3 ki < 1
werden. Die größte Spannung ist somit in der Mitte der langen Rechteckseite. In
die Tabelle wurden die Einbaulängen lE der Federn im ungespannten Zustand mit
aufgenommen.
Beispiel 7.15 (Zylindrische Schraubendruckfeder).
Eine zylindrische Schraubendruckfeder mit Kreisquerschnitt soll für die Federkraft
F = 2 kN bei einem Federweg s = 100 mm bemessen werden. Gegeben sind die fol-
genden Kennwerte: die zulässige Schubspannung τzul = 400 N/mm2 und der Schub-
modul G = 8,1 · 104 N/mm2 . Gesucht sind Drahtdurchmesser d, Windungsradius
R und Windungszahl i.
Lösung 7.15
Für eine erste Berechnung nehmen wir ξ = 0, 2 an, dann ist nach Gl. (7.34) ki = 1/(1 − 0, 2) =
1, 25. Der Tabelle 7.4 entnehmen wir

8ki F 8 · 1, 25 · 2 000 N
d= = 2
= 79, 6 mm = 8,92 mm .
πξτzul π · 0, 2 · 400 N/mm

Wir wählen d = 9 mm und erhalten aus ξ = d/2R = 0, 2

R = d/2ξ = 9 mm/0, 4 = 22,5 mm .

Die Windungszahl i folgt mit c = F/s = 20 N/mm aus der Tabelle 7.4

Gd4 8,1 · 104 N/mm2 · (9 mm)4


i= = = 36, 4 .
64cR 3 64 · 20 N/mm · (22,5 mm)3

Die Einbaulänge als Druckfeder ist (Tabelle 7.4)

lE = (1, 1i + 2)d + s = 42 · 9 mm + 100 mm = 478 mm .

Der Außendurchmesser ist D = 2R + d = 54 mm. Würde die Feder in einer Hülse geführt werden
können (oder auf einem Dorn), könnten wir die Maße beibehalten, frei belastet würde sie jedoch
ausknicken. Für eine nochmalige Rechnung wählen wir ξ = 0, 1 und erhalten mit dem gleichen
Rechenweg wie oben

d = 12 mm, R = 60 mm, i = 6, 075, lE = 204 mm und Da = 132 mm .

Bei diesen Abmessungen ist ein Ausknicken nicht zu befürchten.

Beispiel 7.16 (Schwingfeder).


Die Schwingfeder eines Resonanzpulsers für Zug- und Druckwechselbelastung
ist als zylindrische Schraubenfeder mit dem hochgestellten Rechteckquerschnitt
h = 25 mm, b = 20 mm ausgeführt, Windungsradius R = 61 mm, i = 4, 5. Bei
der Höchstlast F ist die Feder um den Betrag s = ±23 mm ausgelenkt, G = 8,1 ·
104 N/mm2 . Man berechne
a) die Höchstlast F,
b) die größte Schubspannung in der Feder,
c) die Gütezahl ηF .
230 7 Torsion prismatischer Stäbe

Lösung 7.16

a) Mit n = 1, 25 entnimmt man der Tabelle 7.2 den (interpolierten) Wert η2 = 0, 17. Tabelle 7.4
ergibt

Gη2 nb4 8,1 · 104 N/mm · 0, 17 · 1,25 · 104 mm4


F= s= · 23 mm = 9 870 N ≈ 10 kN .
2πiR 3 2 · π · 4, 5 · (61 mm)3
˙ cm)3 = 2 200 mm3 sowie
b) Mit η1 = 0, 22 und Wt = 0, 22 · 1, 25(2

ki = R/Ri = R/(R − b/2) = 61 mm/51 mm = 1, 196

erhalten wir
FR 104 N · 61 mm
τi = ki = 1, 196 = 332 N/mm2 .
Wt 2,2 · 103 mm3
c) Die Gütezahl entnehmen wir Tabelle 7.4

η21 0, 222
ηF = = = 0, 199 ≈ 20% .
2
η2 k i 0, 17 · 1, 1952

Beispiel 7.17 (Zylindrische Schraubenfeder).


Eine zylindrische Schraubenfeder aus Bronze (G = 5,5 · 104 N/mm2 ) mit flachge-
stelltem Rechteckquerschnitt (h = 20 mm, b = 5 mm), Windungsradius R = 30 mm,
soll bei der Druckkraft F = 1 kN den Federweg s = 62,5 mm ergeben. Zu berechnen
sind die rechnerische Windungszahl i und die größte Schubspannung.
Lösung 7.17
Für n = 4 erhält man aus Tabelle 7.2 die benötigten Konstanten η1 = 0, 284, η2 = 0, 281 sowie
η3 = 0, 745. Mit
h 20 mm 1
ξ= = =
2R 60 mm 3
ist ki = 1/(1 − 1/3) = 1, 5 und η3 ki = 1, 118 > 1. Weiter ist die Federkonstante

F 1 000 N N
c= = = 16 .
s 62,5 mm mm
Aus Tabelle 7.4 folgt die Windungszahl

Gη2 nb4 5,5 · 104 N/mm2 · 0, 281 · 4 · (5 mm)4


i= = = 14, 2 .
2πcR3 2 · π · 16 N/mm · (30 mm)3

Mit Wt = η1 nb3 = 0, 284 · 4 · (5 mm)3 = 142 mm3 folgt die Schubspannung

FR 1 000 N · 30 mm N
τi = η3 ki = 1, 118 = 236 .
Wt 142 mm3 mm2
7.3 Aufgaben zu Kapitel 7 231

7.3 Aufgaben zu Kapitel 7

7.3.1 Aufgaben zu Abschnitt 7.1

Aufgabe 7.1 (Getriebewelle). Eine Getriebewelle soll die Leistung P = 18,75 kW


bei der Drehzahl n = 460 min−1 übertragen, τzul = 35 N/mm2 . Die Welle ist
a) als Vollwelle bzw.
b) als Hohlwelle mit α = di /da = 0, 75
zu bemessen. Welche Masseersparnis bringt die Ausführung als Hohlwelle?

Aufgabe 7.2 (Torsionsfeder mit Kreisquerschnitt). Für ein Messinstrument ist ei-
ne gerade Torsionstabfeder mit Kreisquerschnitt zu entwerfen. Bei dem Torsions-
moment Mt = 0,8 Nm beträgt der Torsionswinkel ϕ = 50◦ , τzul = 500 N/mm2 ,
G = 8,1 · 104 N/mm2 . Zu berechnen sind Durchmesser d, Länge l und Formände-
rungsarbeit W.

Aufgabe 7.3 (Torsionsfeder mit Rechteckquerschnitt). Eine gerade Torsionsstab-


feder mit Rechteckquerschnitt (h = 150 mm, b = 15 mm) und der Länge l = 500 mm,
ist durch das Torsionsmoment Mt = 3 kNm beansprucht, G = 8,1 · 104 N/mm2 .
a) Schubspannung τt und Torsionswinkel ϕ sind zu berechnen.
b) Der Torsionsstab soll durch einen neuen mit Vollkreisquerschnitt ersetzt werden.
Man berechne hierfür den erforderlichen Durchmesser (bei gleicher Schubspan-
nung wie in a) und ermittle den Torsionswinkel ϕ. Was ergibt ein Massenver-
gleich?

Aufgabe 7.4 (Zunahme Schubspannung, Masseersparnis). Welche Zunahme der


Schubspannung bei gleichem Torsionsmoment und welche Masseersparnis ergibt
sich, wenn ein Torsionsstab mit Kreisquerschnitt auf verschiedene Durchmesser-
verhältnisse aufgebohrt wird (α = di /da , d = da )?

Aufgabe 7.5 (Torsionsstab mit Rechteckquerschnitt). Je ein Torsionsstab mit


Rechteckquerschnitt (h = 100 mm, b = 25 mm) und Kreisquerschnitt (d = 40 mm)
sind mit dem gleichen Torsionsmoment Mt = 4 kNm beansprucht, Werkstoff Stahl
mit G = 8,1 · 104 N/mm2 .
a) Für beide Stäbe berechne man die Schubspannungen τzul .
b) Die Länge des Kreisstabes ist l2 = 600 mm. Man bestimme die Länge l1 des
Rechteckstabes so, dass beide Stäbe den gleichen Torsionswinkel aufweisen; wie
groß ist dieser?
c) In beiden Fällen berechne man die Formänderungsarbeit. Was ergibt ein Massen-
vergleich?

Aufgabe 7.6 (Träger). Der Träger mit dem Querschnitt nach Abb. 7.20 ist auf Tor-
sion beansprucht. Es sind zu berechnen (G = 8,1 · 104 N/mm2 ):
232 7 Torsion prismatischer Stäbe

a) das zulässige Torsionsmoment für τzul = 120 N/mm2 ,


b) der auf 1 m Länge bezogene Torsionswinkel,
c) die Formänderungsarbeit W.

7
70
Abb. 7.20 Querschnitt eines
Torsionsstabes 70

Aufgabe 7.7 (Torsionsstabfedern). Torsionsstabfedern nach dem Schema des Bil-


des 7.9 b) sollen mit den drei Querschnittformen Kreis, Kreisring (α = 0, 7) und
Rechteck (n = h/b = 10) entworfen werden. Gegeben sind

F = 2 kN, R = 250 mm, l = 400 mm, τzul = 250 N/mm2 , G = 8 · 104 N/mm2 .

Man berechne
a) die Abmessungen (aufgerundet),
b) die Verschiebung s unter der Last (Hebel R starr),
c) die Federkonstante c = F/s,
d) die Formänderungsarbeit W.
Die Massen sind miteinander zu vergleichen.

Aufgabe 7.8 (Abgesetzte Welle). Die abgesetzte Welle (Abb. 7.21) ist wechselnd
durch das Torsionsmoment Mt = 1,2 kNm beansprucht. Man berechne die Sicher-
heit gegen Dauerbruch und den Torsionswinkel über die ganze Länge. Gegeben
sind: Werkstoff Stahl mit τtW = 320 N/mm2 , ηk = 0, 8 und G = 8 · 104 N/mm2 .
1r
∅36

∅40
∅50

poliert
Abb. 7.21 Torsionsstab mit 500
900
Längsbohrung
7.3 Aufgaben zu Kapitel 7 233

7.3.2 Aufgaben zu Abschnitt 7.2

Aufgabe 7.9 (Federwaage). Für eine Federwaage ist eine Zugfeder als zylindri-
sche Schraubenfeder aus Stahldraht (zulässige Schubspannung τzul = 500 N/mm2
und Schubmodul G = 8 ·104 N/mm2 ) mit Kreisquerschnitt zu entwerfen. Höchstlast
F = 300 N, Anzeigegenauigkeit 0,2 mm/N, ξ = 0, 2. Man berechne
a) Drahtdurchmesser d, Windungsradius R, Windungszahl i,
b) die Einbaulänge (Windungen berühren sich im entspannten Zustand),
c) die notwendige Drahtlänge.

Aufgabe 7.10 (Zylindrische Schraubenfeder mit Rechteckquerschnitt). In ei-


ne Maschine ist eine zylindrische Schraubenfeder mit flachgestelltem Rechteck-
querschnitt eingebaut, h = 60 mm, b = 15 mm, R = 60 mm, i = 15, Höchstlast
F = ±8,5 kN, Werkstoff Stahl mit G = 8,1 · 104 N/mm2 .
a) Man berechne den Federweg s, die Federkonstante c und die größte Schubspan-
nung.
b) Bei einer Umkonstruktion der Maschine sollen zwei parallel geschaltete Federn
mit Kreisquerschnitt die gegebene Last aufnehmen, Federweg s und Windungs-
radius R sollen gleich bleiben. Man berechne den erforderlichen Drahtdurchmes-
ser d (Anleitung: Man setze zunächst ki = 1 und rechne mit τzul = 150 N/mm2 ,
d nach oben aufrunden) und die erforderliche Windungszahl i. Die Schubspan-
nung ist zur Kontrolle nachzurechnen, man vergleiche die Gewichte miteinander.

Aufgabe 7.11 (Zylindrische Schraubendruckfeder). Zur Abstützung von Funda-


menten werden häufig zylindrische Schraubendruckfedern verwendet. Ein aus zwei
parallel geschalteten Federn bestehendes Federpaket (quadratischer Querschnitt,
Kantenlänge a = 20 mm), Windungsradius R = 50 mm, Windungszahl i = 10, soll
durch eine Feder mit gleicher Querschnittsform ersetzt werden, die die gleiche Last
aufzunehmen hat, wie beide vorherigen zusammen. Federweg s und Einbaulänge
lE sollen in beiden Fällen etwa gleich sein. Werkstoff Stahl mit τzul = 330 N/mm2 ,
G = 8 · 104 N/mm2 . Man ermittle
a) für die gegebenen Federn Fzul , s und lE ,
b) für die neue Feder Kantenlänge a, Windungsradius R, die Windungszahl i sowie
die Einbaulänge lE (Anleitung: Man rechne mit gleichem Windungsverhältnis
ξ).

Aufgabe 7.12 (Zylindrische Schraubenfeder mit Kreisquerschnitt). Eine zylin-


drische Schraubenfeder mit Kreisquerschnitt hat den Federradius R = 25 mm, den
Drahtdurchmesser d = 8 mm und die Windungszahl i = 10. Werkstoff: Stahl mit
τzul = 200 N/mm2 , G = 8,1 · 104 N/mm2 . Man berechne den zulässigen Federweg
szul , die Federkonstante c, die Last Fzul und die Formänderungsarbeit W.
234 7 Torsion prismatischer Stäbe

7.4 Formelzusammenfassung Kapitel 7

• H OOKE’sches Gesetz für die Schubspannungen

τ = G γ,

• Schubspannungsverteilung
Mt
τ(r) = r,
Ip
• Widerstandsmoment gegen Torsion
Ip π
Wp = = d3 ,
d/2 16

• Torsionswinkel 
τt l
ϕ = dϕ = ,
Gd/2
• Formänderungsarbeit
M2t l
W=
2GIp
Kapitel 8
Schubbeanspruchung durch Querkräfte

8.1 Einfache Scherung

Greifen zwei Kräfte F quer zur Längsachse des Stabes (Abb. 8.1) mit dicht neben-
einander liegenden Wirkungslinien an, treten in dem dazwischen liegenden Quer-
schnitt Schubspannungen auf, die man auch als (Ab-)Scherspannung τa bezeichnet.
Diese Art der Beanspruchung tritt z. B. in Nieten, Bolzen, Scherstiften, Kleb- und
Schweißverbindungen und beim Schneiden oder Stanzen von Blechen auf. Der hier-
durch ausgelöste komplexe Spannungszustand (neben Schubspannungen können
auch Zug-, Druck- und Biegespannungen auftreten) braucht bei praktischen Berech-
nungen nicht erfasst zu werden, da die übrigen Spannungen i. Allg. vernachlässigbar
klein gegenüber den Schubspannungen sind.
Die vereinfachende Annahme, dass die Schubspannungen im Querschnitt gleich-
mäßig verteilt sind1 , führt auf die Beziehung

F
τa = (8.1)
A

A τa

Abb. 8.1 Stab zur Kennzeich- F


nung der Scherbeanspruchung

1Dies bedeutet einen Widerspruch zu dem Satz der zugeordneten Schubspannungen τxy = τyx ,
den man aber hinnimmt.

235

G. Holzmann et al., Technische Mechanik Festigkeitslehre, DOI 10.1007/978-3-8348-8101-4_8,


© Vieweg+Teubner Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden 2012
236 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

Abb. 8.2 Knotenblech mit a) b)


angenieteten Flachstäben
a) Draufsicht 20
A
b) Schnitt A-B
15 15

F F

60
d
s
B

mit der Festigkeitsbedingung τa  τzul . F ist die scherende Kraft und A die Scher-
fläche. Bei Presspassungen in Niet-, Stift- und Scherverbindungen vernachlässigt
man den Einfluss der Biegung, Abb. 1.4 a) und b), bei Spiel zwischen Stift oder
Bolzen und Bohrung kann der Einfluss der Biegung jedoch erheblich sein (s. Bei-
spiel 8.4).
Um zwischen den tatsächlichen Verhältnissen und der durch die Gl. (8.1) ausge-
drückten Annahme möglichst Übereinstimmung zu erzielen, untersucht man Werk-
stoffproben unter gleichen Bedingungen im Scherversuch und ermittelt so die Scher-
festigkeit τaB . Für duktile Metalle ist τaB ≈ 0, 8Rm , für Gusseisen ist τaB ≈ Rm und
τzul = τaB /S.
Beispiel 8.1 (Knotenblech).
An ein Knotenblech sind zwei Flachstäbe angenietet (Abb. 8.2). Die Verbindung
ist durch die Zugkraft F = 120 kN beansprucht. Zu berechnen sind der erforderliche
Nietdurchmesser d1 (τzul = 100 N/mm2 ) und die Flächenpressung (Lochleibungs-
druck) zwischen Niet und Knotenblech.
Lösung 8.1
Zur Berechnung des Nietdurchmessers nimmt man an, dass jeder Niet gleichmäßig belastet ist,
bei drei Nieten je mit F/3. Jeder Niet hat zwei wirksame Scherflächen (zweischnittige Nietverbin-
dung), also ergibt Gl. (8.1)
F/3
τa =  τzul .
2A1
Somit ist A1 = 4 · 104 N/(2 · 100 N/mm2 ) = 200 mm2 und der Nietdurchmesser d1 = 16 mm.
Gewählt wird 17 mm. Die Flächenpressung erhält man (s. Abschnitt 2.4.2) aus

F/3 4 · 104 N
p= = = 117,5 N/mm2 .
sd1 20 mm · 17 mm

Beispiel 8.2 (Scherstift).


Zwei Rohre sind ineinandergesteckt und durch einen Scherstift gehalten (Abb. 8.3).

a) Welche Zugkraft kann die Rohrverbindung mit Rücksicht auf Abscheren aufneh-
men (τzul = 140 N/mm2 )?
b) Beide Rohre sollen miteinander verklebt werden. Wie groß muss die Klebelänge
l bei gleicher Zugkraft mindestens sein (τzul = 10 N/mm2 )?
8.1 Einfache Scherung 237

Abb. 8.3 Rohrverbindung l


mittels Scherstift

∅100
∅80
∅50
∅80
∅15

Lösung 8.2

a) Bei zwei Scherflächen ist F = 2Aτzul = 2 · (π/4) · (15 mm)2 · 140 N/mm2 = 49,5 · 103 N.
b) Mit d = 80 mm ist die Klebefläche A = πdl. Aus Gl. (8.1) ergibt sich dann die notwendige
Klebelänge
F 49,5 · 103 N
l= = = 19,7 mm .
πdτzul π · 80 mm · 10 N/mm2

Beispiel 8.3 (Presskraft eines Standwerkzeuges).


Aus Blech von s = 10 mm Dicke (τaB = 290 N/mm2 ) sollen Ronden mit d = 42 mm
Durchmesser gestanzt werden. Mit welcher Presskraft für das Stanzwerkzeug ist zu
rechnen?
Lösung 8.3
Die zu stanzende (abzuscherende) Fläche ist A = πds = π · 42 mm · 10 mm = 1 320 mm2 . Somit
ergibt sich die Kraft F = τaB A = 290 N/mm2 · 1 320 mm = 38,3 · 104 N.

Beispiel 8.4 (Laschenverbindung).


Für die Laschenverbindung (Abb. 8.4) berechne man die mittlere Scherspannung im
Bolzen. Wie groß ist die Biegespannung im Bolzen, wenn die zulässige Zugspan-
nung in den Laschen σzul = 100 N/mm2 beträgt?
Lösung 8.4
Aus Gl. (8.1) erhält man mit der Scherkraft F = 4 · 104 N und der Scherfläche
π
A= (30 mm)2 = 707 mm2 ,
4
F 4 · 104 N
τa = = = 56,6 N/mm2 .
A 707 mm2
Für die größte Zugspannung in der Lasche ist der gebohrte Querschnitt maßgebend. Mit der La-
schenbreite 3d und dem Bohrungsdurchmesser d ist der maßgebende Flächeninhalt A = 2db/2.
Aus dem Ansatz
F
σ=  σzul
A
ergibt sich die Dicke der mittleren Lasche

F 4 · 104 N
b = = 13,3 mm .
σzul d 100 N/mm2 · 30 mm

Gewählt wird b = 14 mm.


238 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

a) b)

F = 40 kN F = 80 kN
F = 40 kN

∅30

d
c)
F

b
2F

3
4
90

b
3
2
F

Abb. 8.4 Laschenverbindung


a) Geometrie, Belastungen
b) wirkendes Kräftesysteme am Bolzen
c) äquivalentes Einzelkräftesystem

Das auf den Bolzen wirkende Kräftesystem (Abb. 8.4 b) kann man durch die in den Laschen-
mitten wirkende Einzelkräfte (Abb. 8.4 c) ersetzen. Für die Biegebeanspruchung des Bolzens erhält
man so den ungünstigeren Fall. Mit Mb max = F · 3b/4 = 4 · 104 N · 3 · 14 mm/4 = 42 · 104 Nmm
und Wb = (π/32)(30 mm)3 = 2,65 · 103 mm3 ist die Biegespannung

Mb max 42 · 104 Nmm


σb = = = 158,5 N/mm2 .
Wb 2,65 · 103 mm3
Die Flächenpressung zwischen Lasche und Bolzen rechnen wir zur Kontrolle. Es ist

F 4 · 104 N
p= = = 190,5 N/mm2 .
db/2 30 mm · 7 mm

Man sieht, dass die Schubbeanspruchung für eine Laschenverbindung in diesem Fall von unterge-
ordneter Bedeutung ist, Biegebeanspruchung des Bolzens und Flächenpressung sind zu groß. Im
Allgemeinen ist pzul ≈ σzul , die Laschenverbindung ist für

F = 20 kN . . . 25 kN

richtig dimensioniert.

Eine Berechnung der Formänderungen von auf Abscheren beanspruchten Verbin-


dungselementen nimmt man wegen ihrer bedeutungslosen Kleinheit nicht vor.

8.2 Schubspannungen durch Querkräfte bei Biegung

Bei einer Biegebeanspruchung mit veränderlichem Biegemoment treten Querkräfte


auf, die in jedem Querschnitt des Balkens Schubspannungen τq bewirken. Aus dem
Satz der zugeordneten Schubspannungen, Gl. (7.1), folgt, dass in der oberen und der
8.2 Schubspannungen durch Querkräfte bei Biegung 239

F1
1
τ=0 3
3 τq
Mby (x)
x
τl
Fq (x)
τ=0
z
FA 2
x

Abb. 8.5 Abgeschnittenes Balkenstück mit äußeren Kräften und Schnittreaktionen

unteren Ecke 1 und 2 des Querschnitts (Abb. 8.5) die Schubspannungen senkrecht
zur Oberfläche Null sein müssen, da die Oberfläche des Balkens unbelastet ist, also
dort auch keine Schubspannungen wirken. Weiter folgt aus dem Satz, dass Schub-
spannungen τl = τq in Längsschnitten parallel zur Nullfaser auftreten (z. B. Faser
3 in Abb. 8.5). Durch Vergleich der Verformung eines massiven Holzbalkens (Abb.
8.6 a) mit der eines lose aufeinanderliegenden Bretterstapels (Abb. 8.6 b) unter Ein-
wirkung einer Kraft F kann man das Auftreten der Längsschubspannungen τl an-
schaulich erklären. Die relative Verschiebung der einzelnen Bretter zueinander kann
nur durch Schubkräfte verhindert werden. An den freien Oberflächen können keine
Schubkräfte übertragen werden, dort müssen die Schubspannungen verschwinden.
Eine gleichmäßige Verteilung der Schubspannungen über einen Querschnitt, wie
sie in Abschnitt 8.1 angenommen wurde, kann also nur eine Näherung sein, die hier
nicht zutrifft.
Die Resultierende aller Schubkräfte τq dA ist die Querkraft Fq (x)

τq dA = Fq (x) .

Aus dieser Gleichung ist eine Berechnung der Schubspannungsverteilung τq nicht


möglich. Für die Herleitung einer Näherungslösung für die Schubspannung τq set-
zen wir gerade Biegung voraus, d. h., die Querkraft Fq hat die Richtung der Haupt-
achse z, und betrachten das Teilstück eines Balkens (Abb. 8.7 a) mit beliebiger Quer-
schnittsfläche (Abb. 8.7 b). In die Schnittflächen sind die Schub- und Biegespannun-

a) F b) F

Abb. 8.6 Verformung unter Querkraft


a) massiver Holzbalken
b) gebogener Bretterstapel
240 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

a) b)

x S

h
y b(z)
τl τh

τq τq
τq τr

σb (x) x dx σb (x + dx) z
z

0
Abb. 8.7 Zur Herleitung der Näherungslösung für die Schubspannung
a) Teilstück eines Balkens mit eingezeichneten Normal- und Schubspannungen
b) Ansicht eines beliebig gestalteten, einfach symmetrischen Querschnitts

gen eingezeichnet. Man macht für die Berechnung folgende Voraussetzungen:


1. Im beliebigen Querschnitt schneiden sich die Schubspannungen τr in der Faser
z = const. in einem Pol 0. Den Pol 0 erhält man aus der Bedingung, dass τr in
der Oberfläche tangential zum Rand verläuft.
2. Die parallel zur Querkraft gerichtete Vertikalkomponente von τr ist die Schub-
spannung τq , sie wird konstant über die Breite b angenommen.
3. Die aus den Horizontalkomponenten τh der Schubspannung τr resultierenden
Schubkräfte bilden ein Gleichgewichtssystem in symmetrischen Querschnitten.
Zwischen der Querkraft Fq (x) und dem Biegemoment Mb (x) in einem Balken gilt
die Beziehung der Gl. (4.21)

dMb (x)
Fq (x) = .
dx
Das Abb. 8.7 a) zeigt, dass die Differenz der Normalkräfte in der linken und rechten
Schnittfläche des Teilstücks nur durch die Schubkraft im Längsschnitt ausgeglichen
sein kann. Die Gleichgewichtsbedingung für die Kräfte in x-Richtung am Teilstück
verlangt
  
Fix = − σb (x) dA − τl b(z) dx + σb (x + dx) dA = 0 .
8.2 Schubspannungen durch Querkräfte bei Biegung 241

Mit den Biegespannungen

Mb (x) Mb (x) + dMb(x)


σb (x) = z und σb (x + dx) = z,
Iy Iy

wobei dMb (x) die Zunahme des Biegemoments mit x angibt, erhält man nach dem
Weglassen gleicher Ausdrücke

dMb (x)
τl b(z)dx = z dA .
Iy

Da dMb (x) und das Flächenmoment Iy von z unabhängig sind, kann man beide vor
das Integral ziehen 
dMb (x)
τl b(z)dx = z dA .
Iy
In dieser Gleichung ist das Integral das Flächenmoment 1. Ordnung (statisches
Flächenmoment) Hy des in Abb. 8.7 b) schraffierten Teils der Querschnittsfläche
bezüglich der y-Achse (s. Abschnitt 4.1.1.1), es ist mit z veränderlich. Berücksich-
tigt man ferner noch Gl. (4.21), ergibt sich mit τl = τq für die Schubspannung

Fq (x)Hy (z)
τq = . (8.2)
Iy b(z)

Aus dieser Gleichung erhält man den Verlauf der Schubspannungen über die Quer-
schnittshöhe, wenn die Form des Querschnitts gegeben ist. Für den Rechteckquer-
schnitt z. B. ist das statische Moment Hy (z) der schraffierten Fläche (Abb. 8.8)


h/2      
b h2 bh2 z 2
Hy (z) = b ζ dζ = − z2 = 1− .
2 4 8 h/2
z

Setzt man dieses Ergebnis in Gl. (8.2) ein und berücksichtigt ferner Iy = bh3 /12,
erhält man für die Schubspannungsverteilung im Rechteckquerschnitt (A = bh)
   
Fq (x) z 2
τq = 1, 5 1− . (8.3)
A h/2

Dies ist die Gleichung einer Parabel mit dem Scheitelwert

3Fq (x)
τq max = 1, 5Fq (x)/A =
2bh
in der Mitte für z = 0. In Abb. 8.8 b) und c) ist die Verteilung der Schub- und
Biegespannungen im Querschnitt zum Vergleich nebeneinander aufgezeichnet.
242 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

a) b b) τq c) σb

y τq max

h
ζ
z

h/2
τq (z)

z z z

Abb. 8.8 Spannungsverteilungen im Rechteckquerschnitt


a) Ansicht des Querschnitts
b) Schubspannungen
c) Biegespannungen

Satz 8.1 (Schubspannungsverlauf). Die Schubspannung im Querschnitt hat ihren


Maximalwert in der Nulllinie, und sie ist dort Null, wo die Biegespannung am
größten ist.
Auch für Kreisquerschnitte erhält man parabolische Schubspannungsverteilung τq
(s. Beispiel 8.5) mit dem Maximalwert

4Fq(x)
τq max = [4Fq (x)]/(3A) = .
3πr2
Für Balken mit beliebigen Querschnitten kann man allgemein schreiben
Fq
τq max = k .
A
Die Zahlenkonstante k ist nur von der Form des Querschnitts abhängig. Für Kreis-
ringquerschnitte ist z. B.
4 r2 + ra ri + r2i
k= · a 2 ,
3 ra + r2i
für dünnwandige Kreisringe mit ri ≈ ra ist k = 2. Für beliebige Querschnitte wer-
tet man den Quotienten Hy (z)/b(z) in Gl. (8.2) numerisch aus und kann so die
Konstante ermitteln.
8.3 Abschätzung der Größenordnung der Schubspannung 243

8.3 Abschätzung der Größenordnung der Schubspannung im


Verhältnis zur Biegespannung

Zur Abschätzung der Größenordnung der Schubspannungen im Vergleich zur Bie-


gespannung bilden wir das Verhältnis der größten Schubspannung zur größten Bie-
gespannung. Die größte Schubspannung ergibt sich nach Gl. (8.1) und Abb. 8.7
für z = 0. Dann hat das statische Flächenmoment Hy (z) seinen maximalen Wert
Hy max . Wir erhalten somit

Fq max Hy (0)
τq max = .
Iy b(0)

Die größte Biegespannung ist σb max = Mb max /Wby (oder Mb max /Wb min bei zur
y-Achse unsymmetrischen Querschnitten). Wir erhalten nunmehr

τq max Fq max Hy (0)


= . (8.4)
σb max Mb max (Iy /Wby )b(0)

Für einen Freiträger mit Rechteckquerschnitt (Abb. 8.9) ergibt sich z. B. mit
Fq max = F, Mb max = Fl, Hy (0) = bh2 /8 und Iy /Wby = h/2

τq max 1h
= .
σb max 4 l
Die Schubspannung hat die gleiche Größenordnung wie die Biegespannung, wenn
die Höhe h in gleicher Größenordnung wie die Länge l ist. Sie beträgt weniger als
5 % der Biegespannung, wenn h < l/5 ist. Allgemein kann man für Gl. (8.4) auch
schreiben
τq max h
=c . (8.5)
σb max l
Die Konstante c ist eine nur von der Querschnittform und der Balkenlagerung
abhängige Zahlenkonstante.

l
Schnitt A-B
b F B
h

y x

Abb. 8.9 Freiträger mit z B


Rechteckquerschnitt
244 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

Satz 8.2. Das Verhältnis der Schubspannungen zur Biegespannung in einem Balken
ist dem Verhältnis von Balkenhöhe zur Länge proportional.

Die Schubspannungen bei der Biegung sind dann zu berücksichtigen, wenn


Höhe und Länge eines Balkens gleiche Größenordnung haben, der Balken
also extrem kurz ist. Sind die Längenabmessungen wesentlich größer als die
Höhe, können die Schubspannungen vernachlässigt werden.

Beispiel 8.5 (Wellenzapfen).


Für einen Wellenzapfen (als Freiträger) mit Kreisquerschnitt (Durchmesser d) mit
der Länge l, der am freien Ende durch die Einzellast F auf Biegung beansprucht ist,
ermittle man die Schubspannungsverteilung τq und das Verhältnis τq max /σb max .
Lösung 8.5
Wir berechnen das Flächenmoment Hy (z) (Abb. 8.10). Mit

ζ = (d/2) sin ϕ, b(ζ) = 2(d/2) cos ϕ, dζ = (d/2) cos ϕ dϕ

ist


d/2

Hy (z) = ζb(ζ) dζ
z

π/2 
π/2
d d d d3 d3
= sin ϕ cos ϕ cos ϕ dϕ = sin ϕ cos2 ϕ dϕ = cos3 α .
2 2 2 4 12
α α

Mit b(z) = d cos α und A = πd2 /4 sowie Iy = πd4 /64 ist


  2 
4 Fq (x) 4 Fq (x) 4 Fq (x) z
τq = cos α =
2
(1 − sin α) =
2
1−
3 A 3 A 3 A d/2

b(z)
b(ζ)
α

y
ϕ

τh
ζ
d/2

τq
Abb. 8.10 Kreisquerschnitt, τr
τr resultierende Randschub-
spannung, τq Vertikalkompo- z
nente von τr ,τh Horizontal-
komponente von τr 0
8.4 Schubspannungen in Profilträgern - Schubmittelpunkt 245

und
4 Fq (x)
τq max = .
3 A
An der Wellenoberfläche ist τr = τq / cos α (Abb. 8.10). Man erhält für das gesuchte Verhältnis
mit σb max = Fl/Wb und Wb = πd3 /32

τq max 4 Wb 1d
= = .
σb max 3l A 6 l
Die Schubspannungen im Wellenzapfen sind geringer als 5 % der Biegespannung, wenn die Länge
l größer als 3, 33 d ist.

Bei Holz beträgt die Scherfestigkeit in Richtung der Faser etwa 1/10 der Biege-
festigkeit, also τB /σbB ≈ 1/10. In einem Holzzapfen mit Rechteckquerschnitt ist bei
Biegebeanspruchung senkrecht zur Faserrichtung demnach das kritische Längen-
verhältnis l/h = (1/4)σbB /τB = 2, 5. Ist l < 2, 5h, dann ist ein Schubbruch in
Längsrichtung in der Mitte zu erwarten, bei l > 2, 5h kann mit einem Biegebruch
gerechnet werden.

8.4 Schubspannungen in Profilträgern - Schubmittelpunkt

Profilträger (z. B. I-, U- oder L-Träger) haben im Verhältnis zu ihrer Höhe nur ge-
ringe Dicke der Stege und Flansche. Die Schubspannungen kann man deshalb paral-
lel zur Querschnittberandung verlaufend und über die Dicke gleichmäßig verteilt an-
nehmen. Betrachten wir z. B. den I-Querschnitt (Abb. 8.11). Im Flansch treten ver-
tikale Schubspannungen und horizontale Schubspannungen auf, deren Verteilungs-
gesetz eingezeichnet ist (Herleitung s. Beispiel 8.6). Infolge des schroffen Quer-
schnittübergangs vom Flansch zum Steg steigt die Spannung in diesem stark an.
Die vertikalen Schubspannungen im Flansch können im Allgemeinen vernachlässigt
werden, die Querkraft hat im wesentlichen der Steg aufzunehmen (Schubversteifung
in dünnwandigen Profilen, z. B. Querrippen zwischen Flansch und Steg). In solchen

τh

τq τq

ζ ζ

S
y

Abb. 8.11 Schubspannungen


im I-Profil z z
246 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

Abb. 8.12 Schubspannungen


τh
im U-Profil,
Schubmittelpunkt dx

hm
τq
e

y S 0 S

Fq (x)
z

Fällen ist es oft ausreichend, mit der mittleren Schubspannung τm = Fq (x)/ASteg zu


rechnen.
Bei symmetrischen Profilen heben sich die durch die horizontalen Schubspan-
nungen hervorgerufenen Schubkräfte in den Flanschen bei einer Gleichgewichtsbe-
trachtung am abgeschnittenen Teilstück gegenseitig auf. In unsymmetrischen Pro-
filen ist dies nicht der Fall, z. B. dem U-Profil (Abb. 8.12). Die aus den Schub-
spannungen resultierenden Flansch-Schubkräfte Fth ergeben ein Kräftepaar, das eine
Verdrehung um die Längsachse des Trägers zur Folge hat. Diese Verdrehung kann
man durch ein entgegengesetzt drehendes Kräftepaar aus Stegschubkraft und exzen-
trischer Kraft Fq (x) verhindern, wenn also die Lastebene nicht durch den Schwer-
punkt geht, sondern parallel dazu durch den sogenannten Schubmittelpunkt S. Für
den Abstand dieses Puntkes vom Punkt 0 erhält man die Beziehung

Fq e = Fth hm . (8.6)

Bei einfach symmetrischen Querschnitten gilt allgemein



Fq e = τ(s)t(s)r(s)ds . (8.7)

Dabei sind τ(s) die Schubspannung, t(s) die die Profildicke und r(s) der ent-
sprechende Hebelarm. Der Schubmittelpunkt spielt vor allem bei dünnwandigen
Blechprofilen (Abkantprofile, Leichtbau) eine große Rolle. Die Drehung kann allge-
mein verhindert werden, wenn man zwei unsymmetrische Profile (durch Schrauben,
Schweißen oder Nieten) steif zu einem symmetrischen zusammensetzt.
Beispiel 8.6 (I-Träger).
Für einen I-Träger mit dem Breitflanschprofil PBv 320 nach DIN 1 025 Bl. 4 ist die
Schubspannungsverteilung zu ermitteln und aufzuzeichnen. Bei welchem Längen-
verhältnis ist τzul = 0, 6 σb max , wenn der I-Träger als Balken auf zwei Stützen in
der Mitte durch die Einzellast F belastet ist (Abb. 8.13)?
8.4 Schubspannungen in Profilträgern - Schubmittelpunkt 247

Lösung 8.6
Wir berechnen die Schubspannungen mit Hilfe der Gl. (8.2). Mit den Bezeichnungen aus Abb. 8.14
ergibt sich die horizontale Schubspannung im Flansch

Fq (x)Hy Fq (x)zSt tη Fq (x)zSt


τh = = = η.
Iy t Iy t Iy

Sie nimmt von außen zur Mitte hin linear zu und erreicht ihren Maximalwert für η = b/2. Der
Profiltabelle in [22] entnimmt man A = 312 cm2 , b = 30,9 cm und Iy = 68 130 cm4 . Hiermit
erhält man
Fq (x)Hy zS1 Ab 15,95 cm · 312 cm2 · 30,9 cm Fq (x) Fq (x)
τh max = = = 1, 128 .
A 2Iy 2 · 68 130 cm4 A A

Die vertikalen Schubspannungen verlaufen parabolisch, ihr Maximalwert am Übergang vom


Flansch zum Steg ist

Fq (x)zS1 tb Fq (x) zS1 Ab t t Fq (x)


τq1 = = = 2τh max = 0, 292 .
Iy b A Iy b b A

Lassen wir zunächst den allmählichen Übergang vom Flansch zum Steg außer Acht, dann ändert
sich die Schubspannung zum Steg hin im Verhältnis b/s

b Fq (x)
τq2 = τq1 = 4, 3 ,
s A
von hier steigt sie weiter parabolisch an. Die größte Schubspannung im Steg ergibt sich für
z = 0. Der Profiltabelle [22] entnimmt man für die halbe Querschnittfläche das statische Moment
Hy (0) = 2 220 cm3 . Zur Übung wollen wir es unter Berücksichtigung des Übergangsbogens vom
Flansch zum Steg ausrechnen (Abb. 8.15):
– Flansch: Hy (0)Fl = 15,95 cm · 30,9 cm · 4 cm = 1 971 cm3 ,
– Rundung: Hy (0)R = 2 · (2,7 cm)2 · 12,6 cm − 0, 5π(2,7 cm)2 · 12,39 cm = 42 cm3 ,
– Steg: Hy (0)St = 2,0 cm · 13,95 cm · 6,975 cm = 205 cm3 .
Insgesamt erhält man somit Hy (0) = 2 218 cm3 , nur unbedeutend weniger als der Tabellenwert.
Die größte Schubspannung ist

Fq (x) Hy (0)A Fq (x) 2 220 cm3 · 312 cm2 Fq (x)


τq max = = = 4, 84 .
A Iy s A 68 130 cm4 · 2,1 cm A

Die Spannungsverteilung ist in Abb. 8.14 gezeichnet. In dem Übergang vom Flansch zum Steg ist
die allmähliche Zunahme der Schubspannungen dargestellt.
Im Träger auf zwei Stützen mit Mittellast F ist die Querkraft Fq (x) = F/2 und das Biegemo-
ment Fx/2 mit dem Maximalwert Fl/4. Mit σb max = Mb max /Wb erhält man

l/2
F

Abb. 8.13 I-Träger mit l


Einzellast
248 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

b = 309 τq
S1
τh τq1
τq2
zS1 = 159, 5

t = 40
η

27
139, 5

s = 21
112, 5

η τq max

359
279
y

τmax
τh

z
z
Abb. 8.14 Schubspannungen im I-Breitflanschprofilträger

τb max F 4Wb
= 4, 84 · = 0, 6 .
σb max 2A Fl

Der Profiltabelle entnimmt man Wb = 3 800 cm3 , somit kann die Länge l berechnet werden

4, 84 · 2 · 3 800 cm3
l= = 196,5 cm .
312 cm2 · 0, 6
Im Verhältnis zur Höhe h = 35,9 cm erhält man
l 196,5 cm
= = 5, 47 .
h 35,9 cm

Für einen Träger auf 2 Stützen mit Vollrechteckquerschnitt und Einzellast in der
Mitte ist nach Gl. (8.3) das Verhältnis τq max /σb max = h/2l. Bei l/h = 5, 5 ist somit
τq max = (1/11)σb max . Beim I-Träger ist der Anteil der Schubspannung ungefähr
sechseinhalb Mal so groß wie beim Träger mit Rechteckquerschnitt.
Satz 8.3 (Schubanteil). Allgemein ist bei offenen Profilträgern der Schubanteil
größer als bei Trägern mit Vollquerschnitt.

54
27
13, 5
11, 4

Abb. 8.15 Übergangsbögen


y
112, 5

vom Flansch zum Steg des


Breitflanschprofils
8.4 Schubspannungen in Profilträgern - Schubmittelpunkt 249

Häufig werden Profilträger zur Gewichtsersparnis mit kreisförmigen Durchbrüchen


versehen (Abb. 8.16 a). Da diese in der neutralen Faser der Biegung liegen, haben
sie auf die Biegespannungen nur wenig Einfluss. Die Schubspannungen erfahren
jedoch eine beträchtliche Vergrößerung, die man nicht außer Acht lassen darf.
Die im Längsschnitt einer Teilung t des ungeschwächten Steges wirkende Schub-
spannung ist bei in diesem Bereich unveränderlicher Querkraft2 (Abb. 8.16 b)

Fq (x)Hy (0)
τl = τq max = . (8.8)
Iy b

Die hieraus resultierende Schubkraft Ft muss beim gelochten Steg vom Restquer-
schnitt s · b aufgenommen werden

Ft = τl tb = τlm sb

Da nach dem Satz der zugeordneten Schubspannungen eine gleichmäßige Span-


nungsverteilung τlm nicht möglich ist (in A und B ist τl = 0, s. Abb. 8.16 b), rechnet
man mit parabolischer Spannungsverteilung. Der Maximalwert der Schubspannung
im Längsschnitt AB ist
t
τl max = 1, 5τlm = 1, 5τl .
s
Berücksichtigt man die Gl. (8.8), ergibt sich

Fq Hy (0) t
τl max = 1, 5 . (8.9)
Iy b s

a) b) Einzelheit X τm

t d
τmax
τl

A B
A s B
Fq (x)
Fq (x)

s
t
X t

Abb. 8.16 Profilträger mit kreisförmigen Durchbrüchen


a) Geometrie
b) Schubspannungsverteilung im Schnitt AB

2 Ändert sich die Querkraft Fq längs der Teilung, nimmt man den Mittelwert.
250 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

8.5 Berechnung von genieteten und geschweißten Trägern

Profilträger sind oft aus einzelnen Teilen (Gurtblechen, Stegblechen, Winkeln) zu-
sammengesetzt (Abb. 8.17 a und b), gewalzte Profilträger sind mit Gurtblechen
verstärkt (Abb. 8.17 c). Die Verbindungsmittel (Niete, Bolzen oder Schweißnähte in
Stahlkonstruktionen, Nägel oder Leim in Holzkonstruktionen) müssen die Längs-
schubkräfte Ft infolge der Längsschubspannungen aufnehmen.
Die in der Teilung t zu übertragende Schubkraft zwischen Flansch und Gurtblech
des genieteten Trägers (Abb. 8.18) ist

Fq (x)Hy Gurt t
Ft = τl b1 t = . (8.10)
Iy

Ist die Anzahl der in der Teilung t nebeneinander liegenden Niete z (meist 2 oder
4) und A die Querschnittfläche eines Nietes, dann gilt die Beziehung

Ft
 τzul . (8.11)
zA
Aus den letzten beiden Gleichungen erhält man für den erforderlichen Nietquer-
schnitt die Beziehung
Fq (x)Hy Gurt t
A . (8.12)
Iy zτzul
Für die Stegnietung (Abb. 8.17 a) ist in Gl. (8.10) das Flächenmoment 1. Ordnung
Hy der Gurtfläche und der Winkel einzusetzen, weil die Schubkräfte dieser Teile
durch den Stegquerschnitt geleitet werden.
Für die Schweißung (Abb. 8.18 c) erhält man mit der Schweißnahtlänge t die
Längsschubkraft
Ft = τl b1 t = τS 2at .
a ist die Dicke des Nahtquerschnitts. Für die Schubspannung τS in der Naht ergibt
sich
Fq (x)Hy Gurt
τS =  τzul . (8.13)
2Iy a
Die erforderliche Nahtdicke berechnet man aus

a) b) c)
a

Abb. 8.17 Querschnitt von


Profilträgern
a) genietet
b) geschweißt
c) mit aufgeschweißten
Verstärkungsblechen
8.5 Berechnung von genieteten und geschweißten Trägern 251

Abb. 8.18 Genieteter Träger a) b) c)


a) und b) Teilstücke eines t b1 b1

a
genieteten Trägers
c) I-Träger mit aufge-
schweißtem Verstärkungs- t
blech

x y y
z z

Fq (x)Hy Gurt
a . (8.14)
2Iy τzul

Für die Berechnung der Schweißnähte ist allerdings zu beachten, dass sie infolge
Biegung zusätzlich noch Zug- oder Druckspannungen erfahren können, maßgebend
ist somit die Vergleichsspannung σV (s. Abschnitt 9.4.1).
Beispiel 8.7 (Kurzer Träger aus Blechen).
Ein kurzer Träger ist aus Blechen zusammengesetzt und durch die konstante Quer-
kraft Fq = 160 kN belastet. Das Stegblech 300 mm x 12 mm ist einmal mit den Gurt-
blechen 120 mm x 10 mm über die Winkelstähle 55 mm x 8 mm nach DIN 1 028
durch Niete verbunden (Abb. 8.17 a), zum anderen mit ihnen verschweißt (Abb.
8.17 b). Für die Nietteilung der Gurtniete ist t = 200 mm gegeben, die Dicke der
Schweißnaht beträgt a = 4 mm, τzul = 100 N/mm2 für die Niete. Die Flächenmo-
mente für den Querschnitt mit Winkeln bzw. ohne Winkel sind 14 500 cm4 bzw.
8 600 cm4 . Zu berechnen sind
a) der Nietdurchmesser d1 der Gurtniete,
b) dieTeilung t der Stegniete bei gleichem Nietdurchmesser,
c) die Schubspannung in der Schweißnaht sowie
d) in beiden Fällen die größten Schubspannungen im Träger.
Lösung 8.7
a) Die vom Gurt auf die Winkel übertragene Schubkraft ist nach Gl. (8.10)

16 · 104 N · 15,5 cm · 12 cm2


Ft = 20 cm = 4,1 · 104 N .
14 500 cm4

Mit z = 2 ist A1  4,1 · 104 N/(2 · 100 N/mm2 ) = 205 mm2 . Daraus ergibt sich der Niet-
durchmesser (aufgerundet) d1 = 17 mm.
b) Für die Nietteilung t der zweischnittigen Stegniete folgt mit den Gln. (8.10) und (8.11)

Fq (Hy Gurt + Hy Winkel )


t = 2A1 τzul .
Iy

Mit dem Schwerpunktabstand der Winkel 13,36 cm und dem Querschnitt AW = 8,23 cm2 (Pro-
filtabelle DIN 1 028) ist Hy Gurt + Hy Winkel = 186 cm3 + 2 · 13,36 cm · 8,23 cm2 = 406 cm3 .
Für d1 = 17 mm ergibt sich A1 = 2,27 cm2 . Somit erhält man für die Teilung der Stegniete

2 · 2,27 · 102 mm2 · 100 N/mm2 · 14 500 cm4


t= = 10,1 cm .
16 · 104 N · 406 cm3
252 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

Abb. 8.19 Verwölbung der dx


ebenen Querschnitte eines
Balkenteilstücks infolge der
Schubspannungen dwq Ver-
schiebung der Mittellinie A1 A2

dwq
γ x

h
z

Ausgeführt wird t = 100 mm, es sind demnach im Steg doppelt soviel Niete erforderlich wie
auf einer Seite im Gurt.
c) Die Schubspannung in der Schweißnaht berechnen wir aus Gl. (8.13)

16 · 104 N · 186 · 103 mm3


τs = = 43,9 N/mm2 .
2 · 8 460 · 104 mm4 · 4 mm
d) Für die größten Schubspannungen in der Mitte des Querschnitts benötigt man noch das stati-
sche Flächenmoment der halben Stegfläche Sy Steg = 7,5 cm · 18 cm2 = 135 cm3 . Im genieteten
Träger erhält man

16 · 104 N · 541 · 103 mm3


τq max = = 49,7 N/mm2 ,
14 500 · 104 mm4 · 12 mm
desgleichen im geschweißten Träger

16 · 104 N · 321 · 103 mm3


τq max = = 50,6 N/mm2 .
8 460 · 104 mm4 · 12 mm

8.6 Schubverformung

Nach dem H OOKE’schen Gesetz, Gl. (7.2), haben Schubspannungen Winkelände-


rungen zur Folge. Wegen der ungleichmäßigen Schubspannungsverteilung, z. B. im
Rechteckquerschnitt eines Balkens, bei Biegung durch Querkräfte u. a. m. erfährt
der Querschnitt durch verschieden große Schiefstellung der einzelnen Volumenele-
mente eine Verwölbung (Abb. 8.19). Es zeigt sich also, dass die bei der Biegung
getroffene Annahme vom Ebenbleiben nur bei reiner Biegung erfüllt sein kann. So-
mit ist jedoch auch die Schubspannung nach Gl. (8.2) nur näherungsweise richtig,
da sie von der Voraussetzung des Ebenbleibens der Querschnitte ausging.
Zwei benachbarte Querschnitte A1 und A2 (Abb. 8.19) verschieben sich durch
die Schubbeanspruchung um den Betrag dwq in z-Richtung gegeneinander. Für die
Abschätzung der Verformung wollen wir die Formänderungsarbeit heranziehen und
diese mit der Arbeit der Querkraft vergleichen. Diese ist dWq = (1/2)Fq (x)dwq .
8.6 Schubverformung 253

Andererseits ist die Formänderungsarbeit in einem differentiell kleinen Volumen-


element dV, Gl. (7.3), dWq = (τ2q /2G)dV. Setzt man hier τq aus Gl. (8.2) ein, wird
 
1 Fq (x)Hy (z) 2
dWq = dV .
2G Iy b(z)

Für ein Balkenteilstück der Länge dx mit dem Querschnitt A erhält man durch In-
tegration über den Querschnitt
 2
1 Fq (x)Hy (z)
dWq = dA dx .
2G Iy b(z)
A

Zur Abkürzung führt man ein


 2
Hy (z)
κ=A dA .
Iy b(z)
A

κ ist ein nur von der Querschnittform abhängiger Zahlenfaktor (Querschnittfaktor).


Er stellt die Schubkorrektur dar. Nunmehr ergibt sich

F2q (x)
dWq = κ dx .
2GA
Durch Gleichsetzen der beiden Ausdrücke für dWq erhält man

1 F2q (x)
Fq (x)dwq = κ dx
2 2GA
und somit für die Durchbiegung dwq infolge Querkraft

Fq (x)dx
dwq = κ . (8.15)
GA
Mit Fq (x)dx = dMb (x) wird schließlich nach Integration

Mb (x)
wq = κ + w0 . (8.16)
GA
Satz 8.4 (Querkraftbiegung). Die durch die Querkraft verursachte Durchbiegung
wq ist dem Biegemoment direkt und der Schubsteifigkeit GA umgekehrt proportio-
nal.
Die Konstante w0 erhält man aus den Randbedingungen.
Für den Querschnittfaktor erhält man nach Durchführung der Integration für

Rechteckquerschnitt κ = 1, 2 Kreisquerschnitt κ = 10/9 ≈ 1, 1 .


254 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

Für I-Profile ist je nach Größe κ = 1, 0 . . .2, 4 [22]. Wir wollen die Durchbiegung
am Ende des Freiträgers (Abb. 8.9), hervorgerufen durch die Schubspannungen, mit
der Durchbiegung f = Fl3 /3EIy vergleichen (s. Beispiel 5.3 und Tabelle 5.1). Aus
Gl. (8.16) erhalten wir mit Mb (l) = −Fl für x = l und wq = 0 die Konstante

Fl
w0 = κ .
GA
Somit ist wq max = w0 für x = 0 am freien Ende des Trägers. Ersetzt man nach
Gl. (9.61) den Gleitmodul durch den Elastizitätsmodul, ergibt sich

wq max Fl 3EIy 1 + ν h2
=κ = 1, 2 .
f GA Fl3 2 l2
Die Schubverformung ist somit dem Quadrat des Verhältnisses h/l proportional.
Für h/l = 1/5 (die größte Schubspannung beträgt dann 5 % der Biegespannung) ist
für Metalle mit ν = 0, 3 die Schubverformung wq max = 1, 2(2, 6/100)f, also 3,1 %
der Biegeverformung, und kann vernachlässigt werden. Für kurze, dicke Balken gilt
diese Aussage nicht mehr. Für h/l = 1/3 ist wq max = 1, 2(1, 3/18)f, d. h. ca. 9 %,
bei h/l = 1/2 ist wq max = 1, 2(1, 3/8)f, d. h. ca. 20 %.
Beispiel 8.8 (Breitflanschträger).
Für den Breitflanschträger in Beispiel 5.5 (Abb. 4.2) ist die Durchbiegung wq max
durch die Last F = 370 kN zu berechnen und mit der dort gerechneten größten
Durchbiegung zu vergleichen.
Lösung 8.8
Der Profiltabelle in [22] entnimmt man A = 444 cm2 . Mit Mb max = Fab/l und κ = 2, 4 für
große I-Profile ergibt Gl. (8.16)

Fab 37 · 104 N · 6 m · 9 000 mm


wq max = κ = 2, 4 = 0,89 mm .
GAl 15 m · 8,1 · 104 N/mm2 · 444 · 102 mm2

Das sind ungefähr 5 % von fm = 17,72 mm im Beispiel 5.5. Dieser Anteil ist somit unbedeutend;
bei kürzeren Trägern kann er jedoch erheblich höher liegen.

8.7 Aufgaben zu Kapitel 8

Aufgabe 8.1 (Kurze Konsole). Eine kurze Konsole aus dem hochstegigen T-Stahl
140 nach DIN 1 024 trägt am freien Ende die Einzellast F.
a) Bei welcher Länge l beträgt die größte Schubspannung weniger als 10 % der
größten Biegespannung?
b) Die größte Schubspannung ist für F = 21 kN zu berechnen.

Aufgabe 8.2 (Träger). Ein Stahlträger ist aus einem Stegblech 240 mm × 18 mm
und zwei Gurtblechen 180 mm × 15 mm zu einem I-Profil zusammengeschweißt
8.7 Aufgaben zu Kapitel 8 255

(Abb. 8.17 b), die Schweißnahtdicke beträgt 5 mm. In dem Träger wirkt die kon-
stante Querkraft Fq = 90 kN. Das Stegblech ist mit kreisförmigen Durchbrüchen
versehen.
a) Wie groß sind die Schubspannungen in den Schweißnähten?
b) Welchen Abstand s müssen die Durchbrüche (d = 80 mm, Abb. 8.16 a) mindes-
tens voneinander haben, wenn τzul = 80 N/mm2 ?

Aufgabe 8.3 (Träger). Der Träger mit dem Querschnitt (Abb. 8.20) ist durch die
Querkraft Fq = 120 kN beansprucht, sie ist über die Länge des Trägers konstant. Der
erforderliche Nietdurchmesser d1 und die Schubspannung in der mittleren Faser
sind zu berechnen; die zulässige Schubspannung im Niet ist τzul = 100 N/mm2 ,
t = 90 mm.

170

12
U180
DIN 1026

Abb. 8.20 Querschnitt eines


aus zwei I-Profilen und zwei
Blechen genieteten Trägers z

Aufgabe 8.4 (Träger). Ein Träger auf zwei Stützen (Stützweite l) ist durch eine
Einzelkraft F in der Mitte zwischen den Stützen auf Biegung beansprucht.
a) Wie groß muss die Stützweite l mindestens sein, wenn die größte Schubspannung
1/8 der größten Biegespannung betragen darf?
b) Für diesen Fall ermittle man die Tragfähigkeit Fzul . Gegeben sind Profilträger aus
Stahl I PE 300 DIN 1 025 Bl. 5 und σzul = 120 N/mm.

Aufgabe 8.5. Ein geschweißter Kastenträger soll im gezeichneten Querschnitt (Abb.


8.21) das Biegemoment Mb = 15 kNm und die Querkraft Fq = 60 kN aufnehmen.
Zu berechnen sind
a) die größte Biegespannung,
b) die größte Schubspannung und
c) Biege- und Schubspannungen in den Schweißnähten.
256 8 Schubbeanspruchung durch Querkräfte

100
90

200
160
190
Abb. 8.21 Profil eines ge-
schweißten Kastenträgers z

8.8 Formelzusammenfassung Kapitel 8

• Schubspannungen
F
τa =
A
• Schubspannung bei Querkraftschub

Fq (x)Hy (z)
τq = ,
Iy b(z)

• Schubspannung bei Querkraftschub im Rechteckquerschnitt


   
Fq (x) z 2
τq = 1, 5 1− ,
A h/2

• Durchbiegung in Folge Querkraft

Mb (x)
wq = κ + w0 .
GA
w0 wird aus den Randbedingungen ermittelt, k ist ein Querschnittsfaktor
• Querschnittsfaktor
 
Hy (z) 2
κ=A dA
Iy b(z)
A
Kapitel 9
Zusammengesetzte Beanspr