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Verdauung und Resorption.

Durch die Verdauung werden makromolekulare Nährstoffe unter Wasseraufnahme (hydrolytisch) in ihre
niedermolekularen Bausteine gespalten. Diese können dann von Darmzellen aufgenommen werden und
gelangen zum Weitertransport in Blut und Lymphe (Resorption). Der Körper kann die aufgenommene
Nahrung erst verwerten, wenn die Stoffe durch die Zellmembran in die Zellen gelangen können. Die
meisten in der Nahrung enthaltenen Substanzen bestehen aus relativ großen Molekülen und können
daher nicht unmittelbar aufgenommen werden. Durch enzymatische Spaltung bei der Verdauung
werden die Proteine zu Aminosäuren, die Fette zu Glycerol und Fettsäuren, die Kohlenhydrate zu
Monosacchariden und die Nucleinsäuren zu Nucleotiden abgebaut. Wasser, Vitamine und die meisten
anorganischen Ionen werden unverändert aufgenommen (Abb. 148.1). Die Reaktionen zum Aufspalten
der Makromoleküle erfordern Aktivierungsenergie. Deshalb laufen sie nur bei Anwesenheit von
Verdauungsenzymen mit nennenswerter Geschwindigkeit ab (S. 86). Diese Verdauungsenzyme werden
beim Menschen in den Verdauungsdrüsen (zum Beispiel Speicheldrüsen, Bauchspeicheldrüse) gebildet.
Vorstufen bestimmter Enzyme werden aus der Magenschleimhaut abgesondert. Schließlich gelangen die
kleineren Moleküle zum Weitertransport in Blut und Lymphe.

Verdauung und Resorption im Tierreich.


Die Verdauungsorgane sind bei den verschiedenen Tiergruppen trotz gleichartiger Funktion
unterschiedlich ausgebildet. Hohltiere und niedere Würmer, also Würmer ohne Leibeshöhle, wie
Leberegel oder Bandwurm, haben einen blind geschlossenen Darm. In ihm wird die Nahrung durch
Enzyme so weit abgebaut, dass sie von Zellen der Darmwand aufgenommen und dort zu Ende verdaut
werden kann. In der Darmwand findet man daher Fresszellen und Drüsenzellen. Bei den höher
entwickelten Wirbellosen und bei allen Wirbeltieren ist der Verdauungsvorgang ganz in den Hohlraum
eines besonderen Verdauungstraktes verlegt. Verdaut wird also außerhalb der Zellen (extrazellulär). Die
Zellen müssen jetzt nur noch die Verdauungssäfte herstellen und die verdauten Nahrungsbestandteile
resorbieren. Ein durchgehendes Darmrohr ermöglicht es, Nahrung aufzunehmen, ehe die zuvor
aufgenommene vollständig verdaut ist. Die Enzyme wirken nacheinander auf den Nahrungsstrom ein.
Durch diese „Fließbandarbeit" wird die Leistungsfähigkeit des Verdauungssystems erheblich gesteigert.
Der Darmkanal, der bei den Ringelwürmern den Körper noch als ein einfaches Rohr durchzieht, ist bei
den höher entwickelten Tieren stärker gegliedert. Durch Zusammenlagerung von Drüsenzellen
entstehen Drüsenorgane. Zum Teil sind sie vom Darm weg in die Leibeshöhle verlagert. Diese
Verdauungsdrüsen können sich weiter spezialisieren und nur noch ganz bestimmte Enzyme liefern. Auch
im Bereich des Darmkanals ist eine Arbeitsteilung zu beobachten. Durch die Verdauung werden
Nährstoffe in kleinere Moleküle gespalten (Abb. 148.1) und dann von Darmzellen aufgenommen.

Verdauung und Resorption beim Menschen.


Die mechanische Zerkleinerung der Nahrung findet beim Menschen im Mund statt. Der vordere
Abschnitt des Darmkanals (Mund, Magen) übernimmt die Speicherung und die Vorverdauung. Der
mittlere Teil (Dünndarm) ist der Ort der Hauptverdauung und der Resorption. Der Endabschnitt
(Dickdarm, Enddarm) beendet die Resorption und formt den Kot. Wegen seiner Länge liegt der Darm in
Schlingen. Seine resorbierende Oberfläche ist durch Falten und Ausstülpungen (Zotten) beträchtlich
vergrößert. Dies gilt nicht nur für den Menschen, sondern für alle Wirbeltiere. Im Mund wird die
Nahrung durch Kauen und Einspeicheln für die Verdauung vorbereitet. Die täglich produzierte Menge
Mundspeichel beträgt etwa 1,5 Liter. Gebildet wird der Mundspeichel in zahlreichen kleinen Drüsen der
Wände von Mundhöhle und Zunge sowie in drei großen paarigen Drüsen, den Ohrspeichel-, Unterkiefer-
und Unterzungendrüsen. Der Speichel reagiert neutral. Er enthält Schleim, das Enzym Amylase und
Salze. Die Hauptaufgabe des Speichels ist das Anfeuchten der Nahrung. Amylase baut einen Teil der
Stärke zu Maltose ab; sie arbeitet optimal im neutralen Bereich. Die bearbeitete Nahrung gleitet beim
Schlucken portionsweise in die Speiseröhre. Durch peristaltische Wellen wird sie zum Mageneingang
transportiert und schließlich in den Magen gedrückt. Eine peristaltische Welle entsteht, wenn sich die
Ringmuskulatur an einer Stelle zusammenzieht (kontrahiert). Dadurch wird das Innere der Speiseröhre
stark eingeengt. Die Kontraktionswelle wandert über die Speiseröhre in Richtung Magen und schiebt
dabei den Speisebrei vor sich her. Deshalb kann man sogar im Kopfstand schlucken. Der Magen ist der
weiteste Teil des Darmkanals. Er sammelt die Nahrung an und gibt sie allmählich in kleinen Mengen an
den Darm ab. Die Magenschleimhaut enthält unzählige kleine Drüsen (Abb. 149.1). Diese erzeugen in
verschiedenartigen Zellen Schleim, Salzsäure und Pepsinogen, eine Vorstufe des Pepsins. Das Enzym
Pepsin des Magensafts dient dem Abbau von Proteinen zu Peptiden. Im Pepsinogen ist das aktive
Zentrum des Pepsins durch ein Stück der Peptidkette (Peptidsequenz) abgedeckt. Dieses Stück wird
unter Einwirkung von Salzsäure langsam abgespalten (Abb. 149.2). Bereits gebildetes Pepsin ist dann
selbst in der Lage, Pepsinogene zu spalten. Durch die Abgabe von inaktivem Pepsin wird verhindert, dass
es schon in der Zelle wirkt und diese zerstört. Pro Tag werden zwei Liter Magensaft gebildet. Durch
seinen Gehalt an freier Salzsäure (0,2 bis 0,5%) reagiert er stark sauer. Salzsäure tötet Bakterien im
Nahrungsbrei ab, sie - denaturiert die enthaltenen Proteine und stellt das optimale pH-Milieu für Pepsin
ein (Abb. 87.1). Die Selbstverdauung der Magen- und Darmwände durch die Enzyme wird durch einen
Schleimbelag der Zellen verhindert. Die Schleimhaut auf der Innenseite des Darms wird ständig
erneuert. Die abgestoßenen Zellen bilden einen Teil des Kots. Querfalten vergrößern die gesamte
Darmoberfläche. Im Bereich des Dünndarms ist die Darmoberfläche außerdem mit Darmzotten besetzt
(Abb. 150.1b). Dabei handelt es sich um 1 mm lange, zapfenförmige Ausstülpungen der Schleimhaut. 1
mm² kann bis zu 30 Dünndarmzotten tragen. Jede Zotte enthält ein Lymphgefäß, Blutgefäße sowie
Nerven- und Muskelfasern. Die Darmzotten vergrößern die Dünndarmoberfläche auf 4 bis 5 m². Die
größte Erweiterung der Darmoberfläche entsteht jedoch durch Millionen von mikroskopisch kleinen,
fingerähnlichen Ausstülpungen der Schleimhautzellen. Diese Ausstülpungen werden auch Mikrovilli
genannt. Sie bilden eine Art Bürstensaum, der die Nährstoffe aufnimmt und in die Blutbahn befördert
(Abb. 150.1). Durch sie erhält die gesamte Schleimhautoberfläche des Dünndarms eine Größe von bis zu
200 m². Sobald saurer Speisebrei vom Magen in den ersten Abschnitt des Dünndarms, den
Zwölffingerdarm, gelangt, scheidet dessen Schleimhaut den Darmsaft ab. Er reagiert alkalisch und
enthält verschiedene Enzyme:

- Exopeptidasen, die große Proteinmoleküle (Polypeptide) durch Abspaltung von Aminosäuren abbauen,

- Enterokinase, die das proteinspaltende Trypsin des Bauchspeichels aktiviert, und

- mehrere Enzyme, die Kohlenhydrate spalten. Die hinter dem Magen liegende Bauchspeicheldrüse gibt
Bauchspeichelsaft und die Leber Gallenflüssigkeit in den Zwölffingerdarm ab.

Der Bauchspeichel(saft) enthält zahlreiche Enzyme für die Fett-, Protein- und Kohlenhydratverdauung
und wird von Drüsenzellen abgeschieden (Abb. 150.2). Auffällig ist bei diesen Zellen die starke
Entwicklung des mit Ribosomen besetzten Endoplasmatischen Retikulums. Ribosomen sind die Orte des
Aufbaus von Proteinen und damit auch von Enzymen. In das Drüsengewebe der Bauchspeicheldrüse
sind Zellhaufen eingestreut, die langerhansschen Inseln. Sie sondern Insulin und Glukagon in das Blut ab,
zwei wichtige Hormone für die Regulation des Blutzuckerspiegels. Ein dauerhaft erhöhter
Blutzuckerspiegel kann zu Nervenschädigungen in Armen, Beinen und Organen, zu Hirnschädigungen,
zur Entwicklung einer Arteriosklerose und den daraus resultierenden Erkrankungen, wie zum Beispiel
Herzinfarkt, führen. Durch die Zellen der Dünndarmschleimhaut werden die Nährstoffe und Vitamine ins
Blutgefäßsystem und Lymphgefäßsystem aufgenommen. Eine große Vene, die Pfortader, sammelt das
Blut, das mit Nährstoffen beladen ist, und leitet es zur Leber (Abb. 150.1). Die Leber ist die größte Drüse
im menschlichen Körper. Sie ist von feinsten, von der Pfortader ausgehenden Gefäßverzweigungen
(Kapillaren) durchzogen. Ein zweites Netz feinster Kapillaren, das von der Leberarterie ausgeht, versorgt
die Leberzellen mit Sauerstoff. In der Leber wird dauernd Gallenflüssigkeit gebildet. Diese wird im
Gallenblasengang gesammelt und zur Gallenblase geleitet. Dort wird sie eingedickt, gespeichert und
nach Bedarf in den Darm gepresst. Die in ihr enthaltenen Gallensäuren können Fett in feinste Tröpfchen
zerteilen. Die grünlich-gelbe Farbe der Gallenflüssigkeit entsteht durch die Gallenfarbstoffe. Sie werden
in den Leberzellen aus dem Farbstoff abgebauter roter Blutzellen gebildet, sind also
Ausscheidungsprodukte. Die Gallenfarbstoffe verursachen die Braunfärbung des Kots und die
Gelbfärbung des Harns. Die Leber ist an einer großen Zahl von Stoffwechselvorgängen beteiligt und
produziert daher viel Wärme. Sie baut aus Glucose das stärkeähnliche Reservekohlenhydrat Glykogen
auf und speichert es. Außerdem baut sie Fett auf. Beim intensiven Proteinstoffwechsel der Leber
entstehen Abbauprodukte, die zu Harnstoff und Harnsäure umgesetzt werden. Dem Blut entzieht die
Leber Giftstoffe und baut sie ab. Das Gleiche gilt für gealterte rote Blutzellen. Man kann die Leber daher
als „chemische Zentrale“ des Körpers bezeichnen. Der Dünndarm mündet seitlich in den 5 bis 8 cm
weiten Dickdarm ein. Am Übergang vom Dünndarm in den Dickdarm schließt sich der Blinddarm mit
dem Wurmfortsatz an. Der Wurmfortsatz ist Teil des körpereigenen Abwehrsystems. Er ist einer
besonderen Infektionsgefahr ausgesetzt („Blinddarmentzündung“). Die Drüsen der
Dickdarmschleimhaut liefern nur Schleim, aber keine Enzyme. Der Dickdarm ist von zahlreichen
Bakterien (zum Beispiel Escherichia coli, S. 197) besiedelt, die unter anderem Vitamine erzeugen. Diese
Vitamine werden über die Darmwand in das Blutgefäßsystem aufgenommen. Einseitige Ernährung und
Arzneimittel, zum Beispiel Antibiotika, können die Zusammensetzung dieser Darmflora stören. Dem
dünnflüssigen Darminhalt wird im Dickdarm Wasser entzogen, sodass der Körper einen großen Teil der
Flüssigkeit wieder zurückgewinnt. Wird zu wenig Wasser entzogen, entsteht Durchfall (Diarrhoe). Der
Darminhalt gelangt schließlich als Kot in den Mastdarm. Der Kot besteht aus unverdaulichen und nicht
verdauten Resten der Nahrung. Außerdem enthält er abgestoßene Darmzellen und Darmbakterien, die
zusammen bis zu einem Drittel der Kotmenge ausmachen können. Der Mastdarm wird durch die starken
Schließmuskeln des Afters abgeschlossen und ist gewöhnlich leer. Der Enddarm besitzt zwei
Schließmuskeln. Durch die vermehrte Füllung im Enddarm werden Rezeptoren gereizt. Diese bewirken
eine reflektorische Erschlaffung des inneren Schließmuskels. Gleichzeitig wird eine reflektorische
Anspannung des äußeren Schließmuskels ausgelöst. Der erhöhte Druck im Mastdarm löst Stuhldrang
aus.