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Band 66.] Κ . VOGEL: Zur F r a g e der Scheffelteile.

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Zeichnung: Archäologische Zeitung 1863, 173, Baumeister, Denkmäler I, 354). Vielleicht


war es das von Plato u. a. erwähnte Polis-, d. i. Städtespiel.
So ist es immerhin möglich, daß nach Indien ein griechisches Spiel zusammen mit
ägyptisch-griechischen Fabeleien gelangte, und daß im Laufe der Zeit die indische Phan-
tasie daraus das Königsspiel, das sich die Welt eroberte, geschaffen hat.

Zur Frage der Scheffelteile.


Von KURT VOGEL.

In seinem Aufsatze „Uber den Scheffel und seine Teile" (Ä. Z. 65,1930, S.42—48)
stellt N E U G E B A U E R die These auf, daß das System der ägyptischen Getreidemaße nicht
homogen sei, sondern aus 2 „Kernen" bestehe. Neben dem auf dem Hekat (Scheffel) selbst
aufgebauten System mit dezimalem Grundcharakter (100 H., 10 H., Vio H. 1 , Va H. und
andere „natürliche" Bruchteile) habe ein zweites bestanden, das sich um den Kern R o
gebildet habe mit den hauptsächlichen Vielfachen 10 und 20 Ro. Erst später seien die
beiden Systeme, „so gut es eben noch gehen wollte" 2 , aneinandergeschlossen worden
unter Fixierung des Verhältnisses Hekat: Ro = 320:1.
Daß sich Maßsysteme derselben Gattung aus verschiedenen Voraussetzungen entwickeln
und erst nachträglich verschmolzen werden, ist oft zu beobachten. So lassen sich ζ. B.
Längenmaße auf der Elle, dem Klafter, dem Fuß oder dem Schritt aufbauen ; diese ver-
schiedenen Ausgangspunkte haben direkt miteinander nichts zu tun und es ist klar, daß
eine spätere „Verkittung" nicht immer reibungslos verlaufen wird. D. h. die dabei auf-
tretenden Reduktionszahlen werden, wenn es sich nicht um die bewußte Neuschaffung eines
Maßsystemes handelt, entweder ziemlich willkürlich festgesetzt 3 oder aber das Umrechnungs-
verhältnis kann, von Zufällen abgesehen, nicht so einfach werden wie hier, wo es durch
10:1 gegeben ist 4 . So wurde ζ. B. bei den griechischen Längenmaßen 1 Schritt = 2V2 Fuß
und dieser gleich 2/s Elle normiert. Nimmt man in unserem Fall nun wirklich verschiedene
Kerne an, so sollte doch jeder der beiden eine praktische Bedeutung haben. Dies ist aber
bei dem Kern Ro wohl nicht der Fall. Dießes „Maß" ist so klein, daß man mit ihm, abge-
sehen vom Apothekermaßstab aus, nichts wird praktisch messen können. Das kleinste
griechisch-römische Hohlmaß, der Kyathus (etwa 1 / 2 Ei) ist noch dreimal so groß wie das
Ro mit seinen ca. 0,015 Litern. Besonders als Getreidemaß wird es sich nicht eignen!
Schon der Name Ro = „Teil" (par excellence5) weist darauf hin, daß es sich hier weniger
um eine konkrete Maßeinheit als um eine Rechnungseinheit zur Erleichterung der Rechen-
praxis handelt. Klar hat dies G R I F F I T H hervorgehoben, wenn er von dem Ro als „greatest
commune measure" oder als „arithmetical fiction" spricht®.

1) Nach P E E T (The Rhind Math. P . S. 25) hat das Henu einen unabhängigen Ursprung. — 2 ) Es
geht aber auf der einfachsten Basis 10:1 sehr gut. — 3) ζ. Β. 1 Maß = 1 Liter oder 1 Schoppen = V4 (bzw.
V2) Liter. — 4 ) Ich glaube nicht, daß man G A R D I N E R (Gramm. S. 198) so auslegen kann, daß bei 1 / 3 2 H.
2 K e r n e z u s a m m e n g e k o m m e n seien (NEUGEBAUER S . 46, F u ß n . 1). — 5) GRIFFITH, P r o c . S . Β . A . 14, S . 426. —
6) GRIFFITH, Proc. S. Β. A. 13, S. 535. N E U G E B A U E R meint umgekehrt (S. 46), daß die äg. Bruchbezeich-
nung von dem Ro-Maß ausgegangen sein könnte. Dazu müßte das Ro ein konkretes Maß (Mundvoll?)
gewesen sein. Aber der Begriff „Teil" ist dann nur wieder indirekt zu gewinnen.
Zcitsclir. f. Ägypt. Spr., G6. Band. •r>

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34 Κ . VOGEL : Zur Frage der Scheñelteile. [66. Band.

Einen Beweis seiner These sieht N E U G E B A U E R einmal darin, daß sich alle Rechnungen
mit Scheffeln und seinen Teilen ohne Verwendung von Hilfsmitteln 1 mit einem Schlage
überblicken lassen, wenn man statt mit den Bruchteilen des Scheffels mit ganzzahligen
Vielfachen des Ro rechnet. Zu demselben Ergebnis kommt man aber doch viel zwangloser
(weil ohne Auswendiglernen der Zuordnung der Scheffelteile zu den Zahlen), wenn man
daran denkt, daß der Ägypter den allgemeinen Bruch vollständig beherrschte 2 oder mit
anderen Worten, daß er s sich der Relativität zwischen Einheit und Vielheit klar bewußt
war. Ohne diesen Gedanken, der mit der beherrschenden Idee der Proportionalität aufs
engste verwandt ist 4 , läßt sich weder ein metrologisches System noch eine Bruchrechnung
aufbauen. So sind freilich die „Augenteile" ganzzahlige Multipla des Ro (S. 43), aber in
dem Sinne, wie jeder „Zähler" ein Vielfaches der neuen Untereinheit ist. Ζ. B. h a t 1 4 Hekat
„im Gebiet" der 320stel „gezählt" (NEUGEBAUER, Die Grundig. d. äg. Br.-Rechn., S. 11,
3. Ζ. v. u.) den Wert 80. Nun läßt sich jede Scheffelrechnung mühelos im Kopf vollziehen,
indem man alles auf den Ro-Nenner bezieht 5 . Das Auswendiglernen und das mechanische
Handhaben der genannten Zuordnungen (S. 43) wird jetzt ersetzt durch einen logischen
Gedanken, nämlich durch die jederzeit ausführbare dyadische Unterteilung der Zahl 320.
Auf S. 44 führt nun N E U G E B A U E R noch einige direkte Beweise zur Stütze seiner These
an. Darin kann ich ihm nicht zustimmen. Auf der Basis einer Bruchrechnung mit der
„Hilfseinheit" 1 / 320 vollzieht sich alles doch genau so wie bei Verwendung der ganzzahligen Ro-
Multipla. Gerade der bei allen derartigen Aufgaben (neben dem in „Augenteilen" ausgeführ-
ten) vorkommende zweite Beweis, der die ganzzahligen Ro verwendet, wäre vollständig über-
flüssig, wenn der Ägypter ζ. B. mit dem Bild O vs keinen anderen Gedanken verbinden
würde als 80 -j- 10 Ro. Auch bei der Aufgabe Nr. 38 kann ich von einem „besonders klaren"
und „krassen" Unterschied zwischen Bruchteilen und Multipla nichts sehen. 2 / 3 und 7 2 R o
sind hier ebenfalls „wirkliche Ro-Bruchteile", die aber trotzdem nicht in die Neben-
rechnungen einbezogen wurden. Der Unterschied besteht eben darin, daß die einfachen
Brüche im Kopf zusammengefaßt werden konnten, während man für die anderen Brüche
„Hilfszahlen" = „Zähler" benötigte 6 . In den Aufgaben Nr. 31 ff., in denen keine Scheffelteile
vorkommen, sehen wir das gleiche Verfahren. Auch das Zeugnis aus dem Moskauer Papyrus
möchte ich nicht allzu hoch veranschlagen, da man öfters uns überflüssig erscheinende
Bemerkungen findet, wie ζ. B . in Nr. 37, wo 2 1 = 2 und 1 / 3 · 1 = in einer Neben-
rechnung umständlich ausgerechnet wird. Die Aufgabe Nr. 66 allerdings gibt zu denken.
Entweder scheint mir ,,r3. w" wirklich zu Unrecht zu stehen (auch C H A C E ist dieser Ansicht7),

1) Die Tatsache, daß keine Tabellen, ohne die man angeblich Bruchrechnungen nicht lösen konnte (S. 43),
erhalten sind, beweist eben, daß sie nicht notwendig waren! Den Hinweis auf KAHUN V I I I , (S. 43 Fußn. 1)
verstehe ich nicht. Die Tabelle dort ist doch von derselben Art wie die 2: η-Tabelle des Pap. Rhind. Die
„Liste der großen Zahlen" kommt nicht in Frage. — 2) S. VOGEL, Die Grundlagen d. äg. Arithm. S. 185
Fußn. 527. Zur Frage des allgemeinen Bruches vgl. neuerdings A. REY, La science orientale avant les
Grecs (S. 225, 230/231) und CHACE, The Rhind Math. Pap. (S. 114 . . „. . 7„ hekat as a kind of unit, of
which he takes 5 and 3 . ."). CHACE teilt mir mit, daß er noch nicht an den abstraften Bruch 1 / 8 denkt,
sondern nur an 1 / 8 Hekat als konkretes Maß. So vollzieht sich aber der Übergang zur Bruchrechnung
wohl überall. — 3 ) Freilich nicht „jeder". Auch dort gibt es Leute, die die Tabellen nur mechanisch verwenden.
Wieviele der Leser können z. B. einen Logarithmus fehlerlos aufschlagen und wissen doch nicht, was ein
Logarithmus eigentlich ist! — 4) S. VOGEL a. a. O. S. 47, neuerdings REY a. a. 0 . S. 225 u. pass. Der Ge-
danke besteht darin, daß man „weiß", daß das Ganze z. B. 7 mal so groß ist als V 7 · Vgl. hierzu NEU-
GEBAUER, Die Grundlagen der äg. Bruchrechnung, S. 30 und die Einteilung der Elle des Architekten CHA
(Relazioni sui lavori della miss. arch. Italiana in Egitto, Torino 1927, Vol. I I Abb. 155). — 5) Vgl. den
„Teilmaßnenner" (VOGEL a. a . 0 . S. 3 3 ) und das „Apply"-Verfahren (CHACE a . a . 0 . S. 7FF.). — 6 ) Die
Hilfszahl (bei 1 / i Hekat heißt sie 80) wird in Rot hervorgehoben. — 7) Band TI, Problem 66 Fußn. 5.

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W. SPIEGELBERG: Das Herz als zweites Wesen des Menschen. 35

oder es ist hier nicht das spezielle Ro gemeint, sondern es soll vielleicht heißen: ..Es macht
in Teilen (nämlich solchen des Hekatmaßes) 1 64 usw.".
Als weitere Stütze seiner Auffassung führt N E U G E B A U E R die Paläographie der Scheffel-
teile an. Er hat gut beobachtet, daß die hieratischen Zeichen für 1 16 Hekat ( = ' 2 0 Ro)
und 1 39 Hekat ( = 10 Ro) als 20 (Ro) und 10 R(o) gedeutet werden können 1 , während bei
den anderen ..Augenteilen" das hieroglyphische Bild im wesentlichen erhalten geblieben
ist. Wenn nun tatsächlich ^ als 20 anzusehen ist, so braucht man trotzdem nicht zu
folgern, daß hier der Ro-Kern vorliegt; es kann sich diese Bezeichnung (— 20 a2o) später
eingestellt haben. Andernfalls wäre es schwer zu verstehen, daß 1 64 Hekat 2 , das dem alten
Ro-Kern doch am nächsten steht, nicht als Ro-Vielfaches auftritt. Daß man bei Vie u n d
1 ' 32 Hekat trotz der Schreibung als 20 und 10 Ro bestimmt an Bruchteile des Hekat und

nicht an Vielfache des Ro dachte, ergibt sich aus der gelegentlichen Schreibung dieser

Zeichen als ^ und ^ mit der hier überflüssigen Bruchbezeichnung, wie sie auch manch-

mal bei V4 ( x ) vorkommt 3 .


Ich komme auf Grund der gemachten Ausführungen zu dem Schluß, daß man recht
gut an der bisherigen Auffassung der Scheffeleinteilung und der Scheffelrechnung sowie
daran festhalten kann, daß diese sich nicht „außerhalb des Gebietes der Bruchrechnung
vollzieht". M. E. zeigt der Ägypter, daß er sich der Relativität zwischen Einheit und Viel-
heit wohl bewußt ist. Er kann jederzeit aus einer Einheit 320 Untereinheiten (Ro) machen
und diese umgekehrt wieder zu einer größeren „1" zusammenfassen. Dies alles ist um so
selbstverständlicher, als es ja genau derselbe Gedanke ist, der ihn befähigt 10 und 100
Hekat wieder zu einer Übereinheit, zu einer neuen, größeren „ 1 " zu vereinigen. Daß er
hierbei auf dem besten Wege zu einem „Stellenwertsystem" war, hat N E U G E B A U E R auf
S. 45 seines interessanten Aufsatzes überzeugend zum Ausdruck gebracht.

Das Herz als zweites Wesen des Menschen.


Von WILHELM SPIEGELBERG.

Die Vorstellungen, die der Ägypter mit dem Herzen verband, sind noch wenig
bekannt und werden hoffentlich einmal in einer besonderen Arbeit dargestellt wefden.
Daß dieses in den medizinischen Papyri als Zentrum des menschlichen Körpers behandelte
Organ als Sitz des Verstandes und des Gefühls eine große Rolle in der theologischen Li-
teratur spielte, ist oft hervorgehoben worden^ Doch ist meines Wissens noch nicht

1) Daß die Augensymbolik eine oberäg. Erfindung sein kann, ist ebenfalls eine scharfsinnige Fest-
stellung N E U G E B A U E R S . — 2 ) Die Beispiele auf S. 46 Fußn. 2 sind wohl keine neue Kernbildung um 5 Ro.
Wieviele Kerne gäbe es da in der griechischen oder arabischen Arithmetik! (ζ. B . Sechstel des Fünftels).
— 3) Vgl. MÖLLER, Paläographie II, 670, 711, 712 und I I I , 670, 712. — 4)/Siehe zuletzt KEES, Toten-
glaube S. 83 und GRAPOW, Bildl. Ausdrücke S. 123ff.
Γι*

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