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Patchworkökologie im Berliner Tiergarten :

experimenteller Wohnungsbau : Architekt Frei


Otto und Hermann Kendel

Autor(en): Ullmann, Gerhard

Objekttyp: Article

Zeitschrift: Werk, Bauen + Wohnen

Band (Jahr): 78 (1991)

Heft 6: Wohnungbau - typischer, besonderer = Construction de logements


- plus typique, plus particulier = Housing accomodation - more
typical, more special

PDF erstellt am: 27.11.2018

Persistenter Link: http://doi.org/10.5169/seals-59174

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Forum
Streiflichter Patchworkökologie
im Berliner Tiergarten

Experimenteller Wohnungsbau logischen Patchwork verfestigt. Man dazu beigetragen haben, das Experi¬
Architekten: Frei Otto und kann es irritiert, erstaunt oder ver¬ ment eines innerstädtischen Wohnens
Hermann Kendel ärgert zur Kenntnis nehmen: Dieser im Kontext zur Natur wohlwollend zu
(Konzeption und Stahlbetonskelett) bunte Flickenteppich aus Ziegel¬ betrachten und dem Charme einer
Die ursprüngliche Idee hatte die mauerwerk und Holz, aus dreieckför- unorthodoxen Idee nachzugeben. Der
Faszination eines Jugendtraumes: Ein migen Baikonen und verschachtelten Traum vom Eigenheim war greifbar
Haus wie ein Bau, dessen weitausgrei¬ Terrassen, aus breiten Glasfronten, nahe, denn das konstruktive Grund¬
fende Scheiben - ähnlich Ästen - verdeckten Wintergärten sowie einem konzept Frei Oltos - eine Stahlbeton¬
Wohnräume tragen sollten, freie, offe¬ Dach, das sich unter einem dicken platte auf Stützen - schien bei ausrei¬
ne Geschossflächen, welche der Ar¬ Graspelz versteckt - dies Locker- chender Dimensionicrung durchaus
chitekt den Bewohnern zum Ausbau Ungeordnete ist Bestandteil eines geeignet, dem Bewohnerwunsch nach
anbot. Zweieinhalb Jahre nach dem Baukonzeptes, das nicht auf planende Individualität der Ausgestaltung ent¬
Richtfest sind die Bauarbeiten immer Systematik, sondern auf pluralistische gegenzukommen. Die Faszination
noch nicht beendet und die Bewohner Vielfalt setzt. Kein ordnendes Mass solcher Modelle besteht darin, dass sie
in einen Kleinkrieg mit Handwerkern einer modulären Tragkonstruktion ist dem Bauherrn Gelegenheit geben,
und Architekten verstrickt - und vom hier zu erkennen, keine ästhetische seine Vorstellungen umzusetzen.
ökologischen Bauen dcsillusioniert. Verbindlichkeit, die einen Hinweis Doch das so einfache «Modellgestell»
Schon die putzsüchtige, mit unter¬ gibt, wo die Grenzen zwischen Ge¬ erfordert bei seiner Umsetzung vom
schiedlichen Materialien überladene meinschaftsräumen und privaten Be¬ Rohbau zum Innenausbau eine sorg¬
Fassade scheint aller ökologischen reichen verlaufen. fältige Planung und individuelle Be¬
Disziplin und bauphysikalischen Ver¬ Die 18 Bauherren in den zwei treuung, eine Aufgabe, der sich Frei
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nunft zu widersprechen. Die Ökohäu- Wohnburgen am Landwehrkanal Otto als verantwortlicher Architekt
ser im Berliner Tiergarten, von dem zeigen ein erstaunliches Mass an frühzeitig entzog. Die scheinbar so
Stuttgarter Architekten Frei Otto ge¬ Unbekümmertheit und Formenviel¬ grosszügig bemessenen Flächen muss¬
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I plant und als Demonstrationsobjekt falt, so dass auch von der ästhetischen ten auf die Richtwerte des sozialen
der IBA für ökologisches Bauen ge¬ Konzeption her der Zufall und die Wohnungsbaues reduziert weden, so
Jm dacht, sind selbst im exotischen Bau¬ Eigenwilligkeit das Gesamtkonzept dass mit dem Aufstocken der Woh¬

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panorama der IBA exotische Aussen¬ prägen. Was jedoch schwerer wiegt, nungen von drei auf vier pro Etage der
•¦liiiiii seiter. Anstatt mit ökologischen sind bauphysikalische Schwachstellen, Wohnraum schrumpfte.
Grundtugenden zu beeindrucken, die durch Mängel in der Konzeption So reizvoll diese Patchworkar-
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demonstrieren die beiden am Land¬ und durch fehlende Koordination ent¬ chitektur mit ihrer gesteuerten Zufäl¬
wehrkanal gelegenen, verschachtelten standen sind, vermeidbare Fehler, die ligkeit, ihrer Improvisationskunst und
Etagenhäuser ein hohes Mass an for¬ das mehr philosophisch denn kon¬ ihren verdeckten Obsessionen für

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malem Eigensinn, der Ungeordnetes struktiv entwickelte Gerüst vom öko¬ Aussenstehende auch sein mag, eine
zum Prinzip erhebt. logischen Bauen ins Wanken brachten solide Grundlage für ein ökologisch
Ein Jahrzehnt nach dem ersten und auf geradezu simple Weise dem orientiertes Bauen bildet ein so offe¬
Gespräch zwischen J.P. Kleihues, dem Konzept ihres Verfassers widerspre¬ nes und unzureichend betreutes Kon¬
IBA-Neubaudirektor, und dem Stutt¬ chen, der ökologisches Bauen als Ein¬ zept sicher nicht. Statt deklamatorisch
garter Architekturprofessor Frei Otto sparung von Energie, Volumen, Flä¬ mehr Pluralismus zu fordern, wäre ein
und vier Jahre nach der Rohbauge- che und Baumasse definierte. Die konstruktiv einfaches und variabel
nchmigung ist die Zeit nicht spurlos an Bauherren, des Streitens müde, sind genutztes Tragsystem sinnvoller, kom¬
dem ursprünglichen Baumhaus- nach einer langen Bauzeit und vieler plizierte technische Anschlüsse wären
Wohnkonzept vorübergegangen. funktionaler Mängel bereit, für dieses ebenso überflüssig wie aufwendige
Noch unfertig und doch schon bunter Vergnügen den überdurchschnittlich Details und statische Hilfskonstruk¬
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Paradiesvogel ist hier die planende hohen Preis von 2100 DM pro Qua¬ tionen.
Phantasie eigenwillige Wege gegan¬ dratmeter zu zahlen. Es liegt in der Logik des Entwer¬
gen, haben Zufall und Eigenliebe die Die eigentümliche Esoterik, mit fens, dass jedes gewählte Konstruk¬
planerische Idee zerzaust und das ur¬ der berühmte und philosophierende tionssystem die Grenzen des Wirt¬
sprünglich so einfache Grundkonzept, Architekten ihre Projekte, Entwürfe schaftlichen dann überschreitet, wenn
Reihenhäuser als Eigenheime auf ein -
und Bauten interpretieren, mag ne¬ das Verhältnis von Primärstruktur -
Betongerüst zu setzen, zu einem öko¬ ben dem attraktiven Standort - mit Konstruktion und Installation - und

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Gesamtansicht von Osten

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Ansicht von Osten

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Ansicht von Norden

Fotos: Gerhard Ullmann, Berlin *""


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10 Werk, Bauen+Wohnen 6/199I


Sekundärstruktur - Ausbau und bauphysikalischen Probleme nicht m r
Grundrissgestaltung - nicht aufein¬ verschwiegen. Ihr Einwand, dass der
ander abgestimmt ist und die Eigen¬ vorstehende Plattenrand der Stahlbe¬
willigkeit des Bauherrn den vorge¬
gebenen Rahmen der konstruktiven
tondecke eine Wärmebrücke bildet,
hat nicht nur aus finanziellen, sondern
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Möglichkeiten übersteigt. Einige aus¬ auch aus technischen und gestalte¬ p-


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führende Architekten der Ökohäuser rischen Gründen Gewicht. Ergebnis
am Landwehrkanal haben Kritikern mangelnder Kooperation zwischen
recht gegeben, die sowohl die lockere Architekt und Bauherren ist auch die
Konzeption wie auch die weiteren Entscheidung Frei Ottos für eine
Ausbaustufen bemängelten und in der Slahlbetontreppe, welche die Öko¬
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•1 an
ungenügenden Koordination ökologi¬ häuser von der Nordseite erschliesst
sches Stückwerk sahen. Die massiven und bei den Bewohnern auf erheb¬ r<mm HILL j---;-1- DQ
Planungsfehler sind am deutlichsten lichen Widerstand stiess. i9 t O.DFEN B

an der Grundrissgestaltung zu sehen: Zählt man bei diesem vertraglich


Die auftretenden Punktlasten muss¬ schwierigen und bautechnisch man¬ 79/BS

ten mit zusätzlichen Pfeilern aufge¬ gelhaft betriebenen Unternehmen die


fangen werden, ein von der Konzep¬ Pluspunkte, so ist es wohl mehr der OT
tion problematischer Eingriff, der die u/n ' ll/U
Geduld der Bauherren und dem En¬
ohnehin komplizierte Erschliessung gagement einzelner Architekten zu
der tiefen Häuser erschwerte und sich verdanken, zumindest partiell ökolo¬
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nachteilig auf die Lichtführung der gische Forderungen durchgesetzt zu


Erdgeschosswohnungen auswirkte. haben. Die Einbeziehung der Vege¬
Bilden die grossen Laubbäume an der tation erhöht den Wohnwert, die
Südseite eine noch angenehme Schat¬ grossen, südlich angebrachten Fen¬
tenzone, so werden die Wohnungen sterflächen erlauben eine passive so¬
auf der Nordseite durch eine aufwen¬ lare Energiegewinnung, thermische «I
dige Betontreppe völlig verschattet. Pufferzonen wie Wintergärten schaf¬ 5ririrrr"
Der Lichtabfall macht sich besonders fen angenehme klimatisierte Räume. tr"
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an der Schnittstelle zwischen Küche Doch trotz dieser Teilerfolge: Öko¬
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und Wohnzimmer bemerkbar, so dass logisches Bauen erfordert stärker als
trotz der verglasten Südseite der konventionelles eine genaue und in¬ n/w
Raum einen höhlenartigen Charakter tensive Vernetzung von Bauwerk und
erhält. Die tatsächliche Lastvertei¬ Benutzung. Energie und Wasserkreis¬
lung, das zeigen die beiden Häuser an lauf. Baustoffwahl und Wohnbehag¬
der Corneliusstrasse, bekommt durch

lichkeit, individuelle Bedürfnisse und
die Erhöhung der Wohneinheiten gemeinschaftliche Interessen. Wirt¬ &
einen anderen Verlauf, so dass ein schaftlichkeit und Umweltschutz, das
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Missverhältnis zwischen überdimen¬ alles soll in einem tragfähigen Gesamt¬ '¦«

sionierten Decken und punktuell auf¬ konzept gebündelt werden. Defizite L'.'UC
tretenden Lasten entsteht, was dem sind allen drei Ökohäusern anzumer¬
Gedanken vom räum- und kosten¬ ken, trotz einer bewundernswerten Ivurtnu.'

sparenden Bauen widerspricht. Energielcistung von ausführenden 27 6 oOFE»

«Wer baut», so der Soziologe Architekten und Bauherren. Des


Lucius Burckhardt zum Thema Philosophen Traum vom Frieden mit
«Vitale Architektur», «will Probleme der Natur - hier ist er ausgeträumt und "v-WF IWW
lösen». Es spricht für die am Ausbau von der Wirklichkeit korrigiert, in die
beteiligten Architekten Martin Sphäre des Komischen geraten. 0 <^
Küenzlen und Günther Ludewig, dass Gerhard Ulimann
sie trotz mancher formalen Eigen¬
sinnigkeit die grundsätzlich wichtigen

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Grundriss Erdgeschoss
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Haus Corneliusstrasse 11 CD ?DD


(Architekten: Ludewig. Löhnert) \~V^~VVw—^-^Jw\, vl^JU*
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Grundriss Obergeschoss

Ansicht von der Strasse m ffl


Werk. Bauen+Wohnen 6/1991
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