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FORSCHUNGSBEIRAT

Akzeptanz von Industrie 4.0


Impressum
Herausgeber
acatech – Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften
Geschäftsstelle
Karolinenplatz 4
80333 München
Autoren
Dr. Jörg Abel, Sozialforschungsstelle der Technischen
Universität Dortmund
Prof. Dr. Hartmut Hirsch-Kreinsen, Fakultät Wirtschafts-
wissenschaften der Technischen Universität Dortmund
Dr. Steffen Steglich, acatech – Deutsche Akademie der
Technikwissenschaften
Dr. Tobias Wienzek, Sozialforschungsstelle der
Technischen Universität Dortmund Plattform Industrie 4.0 acatech – Deutsche Akademie
der Technikwissenschaften
Redaktion
Karola Klatt
Gestaltung und Produktion
PRpetuum GmbH, München
Bildnachweis
Shironosov – iStock (Titel); Alexander Limbach –
Adobe Stock (S. 3); Westend61 – Getty Images (S. 8);
ipopba – iStock (S. 10); milanvirijevic – iStock (S. 13)
Stand
Februar 2019
Druck
MKL Druck GmbH & Co. KG, Ostbevern
Inhalt

Zur Studie: Akzeptanz von Industrie 4.0.....................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................2

1. Akzeptanz: Eine zentrale Herausforderung für Industrie 4.0................................................................................................................................................................................................................................................................3

2. Was heißt Akzeptanz?............................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................4

3. Technikakzeptanz als Erfolgsfaktor der Einführung von Industrie 4.0.................................................................................................................................................................................................................5

3.1 Besondere Herausforderungen an Akzeptanz im Umfeld von Industrie 4.0.......................................................................................................................................................................5

3.2 Akzeptanz ist kein Selbstläufer, sondern muss aktiv hergestellt werden........................................................................................................................................................................................6

3.3 Akzeptanz verändert sich im Prozess.................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................6

4. Blick auf das Ganze: Einflussfaktoren und Gestaltungsrahmen..................................................................................................................................................................................................................................................7

5. Stellhebel zur Herstellung und Sicherung von Akzeptanz.............................................................................................................................................................................................................................................................................9

5.1 Akzeptanzsubjekt: Beschäftigte systematisch informieren und einbeziehen.................................................................................................................................................................9

5.2 Akzeptanzobjekt: Nutzerorientierte Gestaltung.......................................................................................................................................................................................................................................................................................................10

5.3 Akzeptanzkontext: Der zentrale Einfluss des Einführungsprozesses....................................................................................................................................................................................................12

6. Ausblick und offene Fragen..........................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................14

Literatur..........................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................15
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Zur Studie: Akzeptanz von Industrie 4.0

Mit der vorliegenden Broschüre werden erste Zwischener- • Welche Ansatzpunkte für Lösungsmöglichkeiten zur
gebnisse des laufenden Forschungsprojekts „Akzeptanz und Überwindung von Akzeptanzproblemen existieren?
Attraktivität der Industriearbeit 4.0“ zur Diskussion gestellt. Lassen sich Erfolgsmuster und Best-Practice-Beispiele
Das Forschungsprojekt hat den Charakter einer explorativen erkennen?
Studie, mit der das in der Industrie 4.0-Debatte immer wie-
der auftauchende Thema der Akzeptanz in einem ersten Methodisch basiert das Projekt auf drei Teilen: einer Zu­sam-
Schritt systematisch erschlossen werden soll. Dabei wird menfassung des Forschungsstands zur Akzeptanz im Umfeld
folgenden Fragen nachgegangen: von Industrie 4.0, der qualitativen empirischen Analyse von
sechs Gesprächen mit Fachleuten aus Wissenschaft und
• Welche Akzeptanzprobleme werden von Beschäftigten Gewerkschaften sowie der empirischen Analyse von fünf
auf dem Shopfloor (Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kurzen Fallstudien in Industriebetrieben. Interviewt wurden
und Führungskräften) im Hinblick auf Industrie 4.0-Sys­ insgesamt dreißig Personen (Geschäftsführungen, Führungs-
teme artikuliert? kräfte, Betriebsräte und Beschäftigte). Das Vorhaben steht
im Kontext der Arbeiten des Forschungsbeirats der Platt-
• Welche Ursachen haben diese Akzeptanzprobleme? form Indus­trie 4.0 und wird vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Durchgeführt wird
• In welchen Phasen der betrieblichen Implementierung das Pro­­jekt im Zeitraum von Juli 2018 bis Juni 2019 an der
äußern sich diese Akzeptanzprobleme und in welcher Sozialforschungsstelle der TU Dortmund in enger Koopera-
Form treten sie auf? tion mit acatech – Deutsche Akademie der Technikwissen-
schaften.
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1. Akzeptanz: Eine zentrale Herausforderung für


Industrie 4.0
„Sie wollen uns in Fesseln schlagen. Sie wollen uns schmieden an ein
furchtbar Ungeheuer. An eine Mühle, die von Dampf getrieben, den
Menschen krallt und schleudert und zu Tode dreht.“
(Ernst Toller, 1922)

In seinem Theaterstück „Die Maschinenstürmer“ thema­ dass Digitalisierung die Arbeitslosigkeit erhöht [2, S. 29].
tisiert Ernst Toller die sogenannte Ludditen-Bewegung Zugleich aber sind die Unternehmen auf die Mitwirkung
Anfang des 19. Jahrhunderts in England [1]. Er beschreibt, der Beschäftigten in hohem Maße angewiesen, wenn sie den
wie schon in der ersten industriellen Revolution die Ängste Wandel zu Industrie 4.0 erfolgreich bewältigen wollen. Das
der Arbeiterklasse den technischen Fortschritt begleiteten Schaffen von Akzeptanz für die Einführung von Industrie
und zu Protesten führten. Diese Entwicklung setzte sich bis 4.0-Lösun­gen ist somit eine zentrale Herausforderung für
ins 20. Jahrhundert fort: In den 1970er-Jahren kam es bei- deutsche Unternehmen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit auf
spielsweise zum Druckerstreik, der sich gegen den elektro- globalisierten Märkten sichern und ausbauen zu können.
nisch gesteuerten Lichtsatz richtete, der den traditionellen
Bleisatz ablöste. Auch die Einführung von Werkzeugma- Für eine erfolgreiche Einführung von Industrie 4.0-Lösun-
schinen mit numerischer Steuerung und die Debatte um gen sind konkret die Akzeptanz neuer Technologien und
das Konzept des Computer Integrated Manufacturing in digitaler Systeme durch die Beschäftigten sowie die Gestal-
den 1980er-Jahren lösten Skepsis und Befürchtungen über tung attraktiver Arbeitssysteme erforderlich. Die Plattform
die als unwägbar angesehenen sozialen Auswirkungen die- Industrie 4.0 und der Forschungsbeirat der Plattform haben
ser Technologien auf die Arbeit aus. Furcht vor einer unge- in der Vergangenheit immer wieder auf die hohe Relevanz
wissen Zukunft, Ablehnung bis hin zu Sabotage begleiten dieses Themas verwiesen [3].
den technischen Fortschritt seit über 200 Jahren. Auch
wenn Tollers Dramatik in der heutigen Zeit überspitzt wir-
ken mag, so ist doch die grundsätzliche Frage, wie der tech- „Wie bei vielen Innovationen kristallisiert sich auch
nische Fortschritt die Situation der Beschäftigten verändert, bei Industrie 4.0 die Akzeptanz gegenüber den Neue-
unverändert relevant. rungen als zentrale Herausforderung heraus. Diese
Akzeptanz steht in engem Zusammenhang mit der
Angesichts der aktuellen vierten industriellen Revolution Sicherheit der Daten, dem Umgang mit der Privatheit
sind die Befürchtungen der Beschäftigten vor Arbeitsplatz- des Einzelnen und der Technikaufgeschlossenheit“
abbau, Dequalifizierung oder Entgelteinbußen kaum gerin- [4, S. 610] – so Henning Kagermann, einer der maß-
ger geworden: Knapp 50 Prozent der Befragten fürchten geblichen Begründer der Vision Industrie 4.0.
einer Studie der acatech und der Körber-Stiftung zufolge,
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2. Was heißt Akzeptanz?

Akzeptanz kann sich auf sehr viele materielle oder immate- • Zum einen die Einstellungsakzeptanz, verstanden als
rielle Gegenstände beziehen. Die Bereitschaft, etwas zu akzep- positive Haltung gegenüber einem Gegenstand, der akzep-
tieren, reicht von Personen oder Gruppen über Politik oder tiert werden soll, oder seine positive Einschätzung bezie-
Politiken, rechtliche Regelungen oder Gerichtsentscheidun- hungsweise Bewertung.
gen bis hin zu Technologien. Entsprechend breit gefächert
sind das Feld der Akzeptanzforschung und das Verständnis • Zum anderen die Handlungsakzeptanz, verstanden als
des Begriffs Akzeptanz. In diesem Forschungskontext geht Komponente des beobachtbaren Handelns, wobei Han-
es um die Akzeptanz digitaler Technologien im Zuge von deln erfolgen kann, aber nicht zwingend muss.
Industrie 4.0, das heißt um das grundsätzliche Problem der
Technikakzeptanz. Entlang dieser beiden Dimensionen lassen sich vielfältige
Ausdrucksformen von Akzeptanz erkennen, die von offenem
Widerstand und Ablehnung bis hin zu Befürwortung und
Der Begriff „Akzeptanz“ wird definiert als „die Eigen- aktiver Unterstützung reichen (siehe Abbildung 1).
schaft einer Innovation, bei ihrer Einführung positive
Reaktionen der davon Betroffenen zu erreichen“. [5] Es liegt auf der Hand, dass Unternehmen bei der Einführung
von Industrie 4.0-Lösungen vor der Herausforderung stehen,
durch entsprechende Vorgehensweisen und Strategien min-
Akzeptanz kann dabei unterschiedliche Ausprägungen und destens die Befürwortung der neuen Systeme, idealerweise
Erscheinungsformen aufweisen. Für eine genauere Definition aber die aktive Unterstützung der Innovationen durch die
sind zwei Merkmalsdimensionen [6] von Relevanz: Beschäftigten zu erreichen.

Abbildung 1: Merkmalsdimensionen von Akzeptanz (eigene Darstellung nach [6, S. 13])

Bewertung

positiv

Befürwortung Unterstützung

Duldung
passiv aktiv Handlung
Indifferenz

Ablehnung Widerstand

negativ
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3. Technikakzeptanz als Erfolgsfaktor der


Einführung von Industrie 4.0

3.1 Besondere Herausforderungen an Akzeptanz sammeln konnten, Akzeptanzbarrieren bei der Einführung
im Umfeld von Industrie 4.0 neuer Technologien relativ schnell abgebaut werden konn-
ten.
Dass ohne Akzeptanz keine erfolgreiche und nachhaltige
Einführung von Industrie 4.0-Lösungen möglich ist, klingt Im Unterschied dazu führen die systematische Verknüpfung
auf den ersten Blick so einleuchtend wie einfach. Welche der virtuellen mit der realen Prozessebene sowie eine unter­
besonderen Bedingungen gilt es hinsichtlich der Herstel- nehmensübergreifende Vernetzung und die Einführung
lung und Sicherung von Akzeptanz bei der Einführung von neuer Geschäftsmodelle im Umfeld von Industrie 4.0 zu einer
Industrie 4.0-Lösungen zu beachten? qualitativ neuen Situation: Zum einen sind die technologi-
schen Veränderungen aufgrund ihres digitalen Charakters
In der Vergangenheit führte die Einführung neuer Techno- für den Einzelnen nicht mehr unmittelbar nachvollziehbar
logien, etwa von funktional begrenzten Technologien wie und verständlich. Eine Konsequenz daraus kann sein, dass
CNC-Maschinen, nach ihrer Implementierung zu modera- neue Prozesse für die Beschäftigten vielfach weniger an­­
ten Veränderungen der Arbeitsprozesse und Qualifikations- schau­lich sind und die Einschätzung und Bewertung der
anforderungen. Reaktionen der Beschäftigten wie Skepsis angestrebten Veränderung schwierig wird. Die Folgen sind
oder Vorbehalte waren kaum von essentieller Bedeutung, oft Verunsicherung und Skepsis.
da die Beschäftigten von den technologischen Veränderun-
gen allen­falls punktuell betroffen waren. Beispiele aus der Zum anderen zieht Industrie 4.0 weitreichende und bis heute
be­­trieblichen Praxis in der Vergangenheit zeigen, dass durch unklare Strukturveränderungen von Arbeit und Qualifika-
die glaubhafte Überzeugungsarbeit von Unternehmensfüh- tionen nach sich, die weit über Veränderungen einzelner
rungen, durch Schulungsmaßnahmen und positive Erfah- Maschinen, Anlagen oder Prozesse hinausgehen. Deshalb
rungen, die Betroffene unmittelbar an den neuen Anlagen stellt sich die Frage nach den sozialen Konsequenzen mit

Abbildung 2: Zukunftsszenarien digitaler Arbeit (eigene Darstellung nach [7])

Substitution von Arbeit Polarisierung von Arbeit

Hochqualifizierte
Fachkräfte
Dispositive Ebene
Erosion mittlerer
Fachqualifikation
Mittlere operative Ebene
Angelernte,
abgewertete
Fachkräfte
Untere ausführende Ebene

Upgrading von Arbeit Entgrenzung von Arbeit/Crowd


Digital ermöglichte Kooperation
unterschiedlich spezialisierter
Beschäftigter
Qualifikationsniveau
Förderung interdisziplinärer
kollektiver Intelligenz

hoch mittel niedrig


6 A K Z E P TA N Z V O N I N D U S T R I E 4. 0

besonderer Dringlichkeit. Die sozialwissenschaftliche Arbeits­ hen, dass Akzeptanz in der Regel bei Nutzerinnen und
forschung beschäftigt sich derzeit mit der Veränderung von Nutzern neuer Technologien unterschiedliche Phasen durch­
Arbeit durch fortschreitende Digitalisierung und geht von läuft. Wie die Forschung zeigt, steigt beispielsweise nach
verschiedenen Zukunftsszenarien aus (siehe Abbildung 2). anfänglichen Zweifeln die Akzeptanz gegenüber einer neuen
Welche dieser Szenarien beziehungsweise welche Kombi- Technik, wenn sie für die Beschäftigten Nutzen und Vorteile
nationen davon zukünftig betriebliche Realität sein werden, mit sich zu bringen scheint, etwa eine Reduktion von Belas­
ist derzeit selbst für Fachleute kaum absehbar. Insbesondere tungen, eine Höherqualifizierung oder ein höheres Entgelt.
ist offen, welche Chancen sich für gute und faire Arbeitsbe- Wenn jedoch erste, nicht beabsichtigte negative Folgen
dingungen beim Wandel der Arbeit im Zuge der Einführung spürbar werden, kann die vorhandene Akzeptanz schnell
von Industrie 4.0 ergeben. wieder schwinden. Akzeptanz muss demnach als ein insta-
biles Konstrukt verstanden und kontinuierlich „gepflegt“
Diese grundsätzlich ungeklärte Situation und die in der Regel werden [6].
kritische öffentliche Debatte über Digitalisierung im Zuge
von Industrie 4.0 können bei Beschäftigten zu pessimisti-
schen Erwartungen und Sorgen über konkrete Folgen für 3.3 Akzeptanz verändert sich im Prozess
ihren Arbeitsplatz und ihre Arbeitssituation führen. Die Kon­
sequenzen sind Skepsis und Vorbehalte gegenüber digitalen In der Forschung lassen sich Phasenmodelle der Entwicklung
Technologien, die sich in der alltäglichen Arbeit in Ableh- von Akzeptanz finden. So wird zwischen der Einstellungs-,
nung oder gar Widerstand äußern können. der Handlungs- und der Nutzungsphase [8] unterschieden:
In der Einstellungsphase wird der Beschäftigte mit einer
Innovation konfrontiert, wägt Vor- und Nachteile ab und
3.2 Akzeptanz ist kein Selbstläufer, sondern kommt zu einer vorläufigen Bewertung, bevor er sich in der
muss aktiv hergestellt werden Handlungsphase auf der Basis von konkreten Informationen
und Tests intensiver mit der Neuerung auseinandersetzt. In
Beschäftigte reagieren auf betriebliche Veränderungen viel- der Nutzungsphase schließlich wird die neue Technik ein-
fach mit einer Grundskepsis, weil Gewohnheiten und Rou- gesetzt und erneut bewertet. Dabei ist die Nutzungsphase
tinen infrage gestellt und neue Arbeitsprozesse und unklare ein Prozess, der andauert, bis neue Problemfelder mit neuen
Arbeitssituationen bewältigt werden müssen. Diese Grund- Erfahrungen und Einstellungen entstehen, die die bisherige
skepsis ist nicht gleichzusetzen mit fehlender Akzeptanz, Akzeptanz verändern oder auch beenden können [6].
sondern drückt zunächst lediglich eine Unwissenheit und
daraus resultierend Unsicherheit über die Zukunft aus. Da In Bezug auf Akzeptanz sind demnach zwei miteinander ver­
Akzeptanz eine subjektive Größe ist, kann sie nicht erzwun­ schränkte Prozesse zu unterscheiden: zum einen die Her-
gen werden [6]. stellung von Akzeptanz für neue betriebliche Maßnahmen
im Sinne einer permanenten Prozessoptimierung, zum an­
Es ist zudem ein Irrglaube, dass Akzeptanz – einmal herge- deren die Stabilisierung eines einmal erreichten Akzeptanz-
stellt – auf Dauer Bestand hat. Vielmehr ist davon auszuge- niveaus bei den Beschäftigten.
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4. Blick auf das Ganze: Einflussfaktoren und


Gestaltungsrahmen

Bei der Einführung von Industrie 4.0-Lösungen stehen tech­ Genauer lassen sich die drei Akzeptanz­dimensionen
nologische, personelle, organisatorische und gesellschaftliche folgendermaßen beschreiben:
Faktoren in einem engen Wirkungszusammenhang. Diese
vielfältigen Einflussfaktoren auf die Akzeptanz machen die • Das Akzeptanzsubjekt oder die Akzeptanzsubjekte sind
Komplexität der damit verbundenen Herausforderungen für die Beschäftigten, Produktionsbeschäftigte und Füh­
die Unternehmen, ihr Management sowie die Betriebsrats- rungs­kräfte, die von dem Veränderungsprozess unter-
gremien deutlich. Für das Schaffen und Sichern von Akzep- schiedlich betroffen sind und über jeweils individuelle
tanz ist ein Analyse- und Gestaltungsrahmen notwendig, Verhaltensdispositionen verfügen, die unter anderem
der sowohl ganzheitlich ausgerichtet ist, zugleich aber Dif- von ihrer Rolle in dem konkreten Veränderungsprozess
ferenzierungen nicht vernachlässigt. abhängen. Zentrale Faktoren für Akzeptanz sind bei den
Beschäftigtengruppen die jeweils wahrgenommenen
Folgt man dem Stand der Forschung, so muss zwischen drei Handlungsmöglich­keiten und Alternativen, die eigenen
grundlegenden Akzeptanzdimensionen unterschieden wer- Einflussmöglichkeiten auf die technischen Veränderun-
den: dem Akzeptanzsubjekt, dem Akzeptanzobjekt und dem gen sowie persönliche Einstellungen, die wiederum von
Akzeptanzkontext (siehe Abbildung 3) [6; 9]. verschiedenen Faktoren abhängen können wie Qualifi-
kation, Zugehörigkeit zu einer Beschäftigtengruppe,
Alter etc.
Nach diesem Ansatz lässt sich der Begriff „Akzeptanz“
präzi­sieren: Jemand – beziehungsweise ein näher zu • Bei dem Akzeptanzobjekt handelt es sich um die jeweils
definierendes Akzeptanzsubjekt – nimmt etwas – das konkrete, meist technologische Veränderung. Mit Blick
Akzeptanzobjekt – innerhalb der jeweiligen Rahmen- auf Digitalisierung und Industrie 4.0 können das etwa
oder Ausgangsbedingun­gen – dem Akzeptanzkontext – neue Formen der Vernetzung, innovative Assistenzsys-
an [6]. teme, aber auch klassische Automatisierungstechniken
wie Industrieroboter sein. Für die Akzeptanz der Beschäf­

Abbildung 3: Das Zusammenwirken von Objekt-, Subjekt- und Kontextbezogenheit der Akzeptanz (eigene Darstellung nach [9])

Akzeptanzobjekt

Akzeptanzkontext Akzeptanzsubjekt
8 A K Z E P TA N Z V O N I N D U S T R I E 4. 0

tigten ist relevant, um welche konkrete Digitalisierungs- auch gesellschaftliche Normen und Einstellungen, die
oder Industrie 4.0-Lösung es sich handelt, welche Ziele Einfluss auf die Situation im Unternehmen haben. Bei-
mit ihr verfolgt werden, welche Kosten, welcher Nutzen spielsweise kann die gesellschaftlich weit verbreitete
und welche möglichen Risiken mit dem Einsatz der tech­ Geißelung der Digitalisierung als „Jobkiller“ in Unter-
nischen Veränderung einhergehen und wie ihre Hand- nehmen zu ganz erheblichen Akzeptanzproblemen bei
habung sich zum Beispiel im Hinblick auf Bediener­ der Einführung von Industrie 4.0-Lösungen führen [10].
freund­lichkeit oder Nutzeneffekte gestaltet.
Diese Faktoren stehen in enger Wechselwirkung miteinander,
• Die Rahmenbedingungen, unter denen sich Akzeptanz die bei der Bewältigung von Akzeptanzproblemen nicht
bei den Subjekten herausbildet, werden als Akzeptanz- außer Acht gelassen werden darf [6]. Zudem ist davon aus-
kontext bezeichnet. Gemeint sind betriebliche Faktoren zugehen, dass sich die skizzierten Faktoren unternehmens-
wie die Unternehmenskultur, die bisherige Innovations- spezifisch in unterschiedlicher Weise ausprägen und in ver-
praxis des Unternehmens, seine Digitalisierungsstrategie, schiedenen Konstellationen auftreten. Akzeptanzprobleme
der Prozess der Einführung einer neuen Technologie, die und ihre Bewältigung müssen daher betriebsspezifisch an­­
Mitsprachemöglichkeiten von Betriebsräten und die Parti­ gegangen werden.
zipation der Beschäftigten. Zum Kontext gehören aber
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5. Stellhebel zur Herstellung und Sicherung von


Akzeptanz

Die vorliegenden Zwischenergebnisse des laufenden For-


schungsprojekts lassen vor dem Hintergrund des skizzierten mitnehmen, den Leuten erklären, worum es geht
Analyseansatzes erste Hinweise auf zentrale Einflussmög- (…). Das ist auf jeden Fall ein iterativer Prozess.“
lichkeiten bei der Herstellung und Sicherung von Akzeptanz „Wenn man alles mit Druck macht, und auch die
im Zuge der Einführung von Industrie 4.0 erkennen. Der Erfahrung habe ich gemacht, verbrennt man viel
Fokus richtet sich zunächst auf Produktionsbeschäftigte Erde.“
auf dem Hallenboden, in deren Arbeitsbereichen neue digi-
tale Systeme eingeführt werden. Mögliche Stellhebel für Information allein reiche jedoch nicht aus, vielmehr
eine nachhaltige Akzeptanz werden im Folgenden anhand müssten die Beschäftigten „auch die ganz klare
der Dimensionen Akzeptanzsubjekt, Akzeptanzobjekt und Aufforderung: Wenn was drückt oder beschäftigt,
Akzeptanzkontext aufgezeigt. kommt“ vermittelt bekommen. Diese Rückmel-
dungen sind aufzunehmen und abzuarbeiten, denn
die Beschäftigten erwarten, „dass dann auch was
5.1 Akzeptanzsubjekt: Beschäftigte systematisch passiert“, wie es eine Führungskraft ausdrückte.
informieren und einbeziehen

In vielen der untersuchten Unternehmen herrscht bei den 2. Laufende Optimierung durch Partizipation: Beschäftigte
Beschäftigten anfangs eine skeptische Betrachtung der Ein- sollten möglichst an der Feinplanung und Endauslegung
führung einer Industrie 4.0-Lösung vor, die vielfach mit der neuer Systeme beteiligt werden und beispielsweise über
Angst um den eigenen Arbeitsplatz oder der kritischen zentrale Aspekte der Mensch-Maschine-Schnittstelle
Frage nach dem funktionalen oder ökonomischen Sinn der mitentscheiden können. Nur dann, so ein Management-
jeweiligen Veränderung verbunden ist. Diese Situation führt vertreter, könne der neue Prozess optimal anlaufen und
in manchen Fällen dazu, dass Planungen nicht eingehalten könnten unnötige Störungen von vorneherein vermieden
werden können und der Implementierungsaufwand ständig werden. Das grundlegende Argument hierfür sei, dass die
steigt. Daraus resultieren grundlegende Handlungsempfeh- Beschäf­tigten aufgrund ihrer Erfahrung am besten wüss-
lungen im Hinblick auf die Beteiligung der Beschäftigten ten, wie man einen gegebenen Produktionsprozess mit-
an der Umstellung: hilfe neuer Technologien optimieren könne. Als effektive
Maßnahmen wurden beispielsweise ein fortlaufendes
1. Information und Kommunikation: Es muss von einer Monitoring der neuen Prozesse und ein fehlertoleranter
skeptischen Grundhaltung der Belegschaften im Hinblick Umgang mit der neuen Technologie genannt. Insbeson-
auf die Implementierung von Digitalisierungslösungen dere sollten für die Beschäftigten Möglichkeiten des Aus-
ausgegangen werden, die es zu entkräften gilt. Dies erfor­ probierens geschaffen werden und Rückmeldungen der
dert eine offene und frühzeitige, aber insbesondere kon- Nutzerinnen und Nutzer zu einer ständigen Anpassung
tinuierliche Kommunikation über die Zielsetzungen und und Nachjustierung der neuen Technik im Anwendungs-
möglichen sozialen Konsequenzen geplanter Technologie­ bereich führen.
einführungen. Nur so kann innerbetrieblich ein erster,
breiter Konsens über die weiteren Schritte hergestellt
werden. Durch fortlaufende Information und Kommu- Ein Beispiel hierfür ist ein kleineres Logistik-Unter­
nikation lässt sich bei vielen Beschäftigten das Beharren nehmen, bei dem die Arbeitsprozesse durch eine
auf ablehnenden Einstellungen überwinden. unübersichtliche „Zettelwirtschaft“ geprägt waren.
Die Einführung eines digitalen Informationssys-
tems sollte diese ersetzen. Zum einen sollten die
Die Notwendigkeit einer laufenden Information Fahrerinnen und Fahrer der Gabelstapler über an
der Beschäftigten wird von verschiedenen inter- den Fahrzeugen montierte Industrie-PCs Anwei-
viewten Vertreterinnen und Vertretern des Ma­­ sungen erhalten. Zum anderen sollten die Beschäf-
nage­­ments betont: „Nichtsdestotrotz, ob nun hier tigten an den Packtischen zukünftig durch die dort
oder in anderen Bereichen, für mich ist das Thema installierten Tablets unterstützt werden. Bei der Aus­
Transparenz ganz wichtig. Das heißt, die Leute legung der grafischen Oberfläche des Informations­
110
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Protagonisten beziehungsweise Promotoren im Betrieb


systems wurde Wert auf ein einfaches Verständ­nis für die Schaffung von Akzeptanz zu verlieren, wird so
gelegt, damit das Informationssystem nach kurzer entgegengewirkt. Es muss jedoch sichergestellt sein, dass
Anlernzeit von allen genutzt werden kann. Zugleich Rückmeldungen und Verbesserungsvorschläge der
sollte es den Beschäftigten zur flexiblen Optimie- Beschäf­­tigten systematisch und zeitnah vom Manage-
rung des Prozesses möglich sein, manuelle Eingriffe ment berücksichtigt werden.
vorzunehmen. Um diese beiden nutzer­orientierten
Zielsetzungen zu realisieren, flossen in die ab­schlie­­­­
ßende Designphase der Schnittstelle systematisch 5.2 Akzeptanzobjekt: Nutzerorientierte
die Bewertungen und Erfahrungen der betroffenen Gestaltung
Beschäftigten ein. Durch die explizite Unterstüt-
zung der Beschäftigten konnte ein relativ schneller Die Industrie 4.0-Einführungsprozesse setzen in vielen
und effektiver Systemanlauf ge­­währ­­leistet werden. Betrieben ausschließlich an der technischen Lösung an und
blenden die Erfordernisse einer nutzerorientierten Gestal-
tung des Gesamtsystems weitgehend aus. Dadurch entste-
3. Qualifizierung: Neben Schulungen, die vornehmlich auf hen bei der Belegschaft Distanz und Skepsis gegenüber den
den Erwerb von technischem Wissen ausgerichtet sind, neuen Systemen, die Anlaufschwierigkeiten zur Folge
sollten die Beschäftigten eine Möglichkeit zum Testen haben. Unter Umständen droht auch eine mehr oder weni-
und Ausprobieren der neuen Technologien erhalten. Dies ger offene Ablehnung, weil die Beschäftigten die Funktions­
ermöglicht ihnen den Aufbau von Erfahrungswissen und weise der Systeme nicht hinreichend durchschauen und
sichert den kompetenten Umgang der Beschäftigten mit ihre Effizienz und Effektivität vor dem Hintergrund ihrer
der neuen Technik. Unterschwelliger Ablehnung und der eigenen Prozesserfahrungen anzweifeln. Aus diesen
bloßen Duldung von Industrie 4.0-Lösungen kann mit Erkenntnissen resultieren folgende grundlegende Hand-
Testumgebungen begegnet werden. Der Gefahr, wichtige lungsempfehlungen:
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1. Nutzerorientierte Gestaltung der Mensch-Maschine-Schnitt­ matik ist „Privacy by Design“. Hinter dem Schlagwort
stelle: Anzustreben ist eine explizit nutzerorientierte verbirgt sich ein Standard, der den Datenschutz tech-
Schnittstellengestaltung durch den systematischen Ein- nisch in die Industrie 4.0-Lösung integriert.
bezug der Beschäftigten. Die bedienerorientierte Ausle-
gung wird von der Mehrzahl der interviewten Fachleute 3. Sozio-technische Gesamtgestaltung: Viele interviewte
als wichtiges Kriterium für die erfolgreiche Einführung Fachleute betonen die Wichtigkeit eines ganzheitlichen
und Anwendung neuer digitaler Technologien gesehen. Industrie 4.0-Verständnisses in den Betrieben. Ganzheit-
Konkret geht es darum, Kenntnisse und Erfahrungen der lichkeit bedeutet in diesem Zusammenhang eine umfas-
Beschäftigten über ihren Arbeitsprozess in die systemsei­ sende sozio-technisch orientierte Planung und Vorgehens­
tigen Voraussetzungen einfließen zu lassen. Die Mensch-­ weise, die die Einführung neuer Techniken systematisch
Ma­schine-Interaktion sollte einen erfahrungsgeleiteten in den technisch-organisatorischen Zusammenhang des
Zugang zu den neuen digitalen Prozessen ermöglichen. Produktionsprozesses insgesamt stellt. Neben der Tech-
Je nach Autonomie des technischen Teilsystems sollten nikeinführung rücken damit auch Gestaltungsoptionen
die Voraussetzungen für eine dauerhafte und praktische für eine Neuausrichtung der Arbeitsorganisation und
Auseinandersetzung mit den technischen Abläufen und strukturelle Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in
möglichst direkte, systemseitige Rückmeldungen über den Blick.
Vorgänge im System gegeben sein.

In einem Großunternehmen für technische Be­­


Exemplarisch hierfür steht ein untersuchtes Unter- leuchtung arbeiten Betriebsrat und Geschäftsfüh-
nehmen, in dem vorwiegend Einfachbeschäftigte rung eng zusammen, um die durch Industrie 4.0
in der Produktion tätig sind. Der IT-Verantwortliche bedingten, tiefgreifenden Veränderungen für die
wies eindrücklich darauf hin, dass die Beschäftigten Beschäftigten sozialverträglich und am Menschen
bereits in der Entwicklung berücksichtigt werden orientiert umzusetzen. Dieser Prozess, durch den
müssten, denn „sonst sind die Lösungen hinterher sich das Unternehmen laut einem Mitglied des
‚verkopft‘ und für die Leute gar nicht anwendbar“. Betriebsrats „von einem blechverarbeitenden Betrieb
zu einem Elektronikhersteller“ entwickelte, wurde
durch eine externe Beratungsfirma und einen
2. Lösung der Kontrollfrage: Die Datenbasierung neuer Sys- betrieblichen Steuerungskreis unterstützt sowie
teme ermöglicht in völlig neuem Umfang die Kontrolle durch Betriebsvereinbarungen abgesichert. Dabei
von Arbeitsprozessen. Die Nutzung von Prozessdaten achteten die Beteiligten insbesondere auf Qualifi-
zur Mitarbeiterkontrolle ist ein immer wieder kritisch zierungsmaßnahmen. Nach den Erfahrungen des
diskutiertes Thema und führt in vielen Betrieben zu Betriebsratsmitglieds „ist es gelungen, die gesamte
Skepsis und teilweise auch zur Ablehnung neuer Sys- Belegschaft zu qualifizieren. Das Angebot ist auf
teme. Um diese Bedenken frühzeitig auszuräumen und sehr viel Zustimmung gestoßen, auch weil allen
zumindest eine Befürwortung von Industrie 4.0-Lösun- klar war: Wer sich nicht qualifiziert, verliert seinen
gen zu erreichen, sind zum einen unter Einbeziehung Arbeitsplatz.“
des Betriebsrats und seiner Mitbestimmungsrechte (etwa
§ 87 Betriebsverfassungsgesetz) explizite und formale
Regeln der Kontrollpraxis, das heißt der Erfassung und Nach den ersten vorliegenden Befunden des Forschungs­
Nutzung von Daten, zu definieren und beispielsweise in projekts schafft eine sozio-technische Gesamtgestaltung
Betriebsvereinbarungen zu fixieren. Zum anderen spielt die Voraussetzungen dafür, dass sowohl die Beschäftigten
für die Herstellung und Sicherung von Akzeptanz auch als auch das Betriebsratsgremium eine Umstellungsmaß­
die gelebte Führungspraxis in Betrieben eine Rolle. Es nahme dauerhaft befürworten oder sogar aktiv unter-
sollte deshalb ebenso transparent geregelt sein, inwieweit stützen. Diese dauerhafte Akzeptanz erleichtert den Wan­
Vorgesetzte informell auf faktisch verfügbare Daten zur del und trägt maßgeblich zum Erfolg der Einführung
Kontrolle des Arbeitshandelns zurückgreifen und diese einer Industrie 4.0-Lösung bei.
für personalpolitische Entscheidungen nutzen dürfen.
Eine weitere Maßnahme zur Lösung der Kontrollproble-
12 A K Z E P TA N Z V O N I N D U S T R I E 4. 0

5.3 Akzeptanzkontext: Der zentrale Einfluss des tengruppen beeinflusst. Bei der Einführung digitaler Sys­
Einführungsprozesses teme auf dem Shopfloor unter der Regie von Fachabtei-
lungen können beispielsweise IT-Beschäftigte ablehnend
Wie die bereits vorliegenden Forschungsergebnisse deut- reagieren und den Prozess behindern, da sie traditionell
lich machen, sind die entscheidenden Kontextbedingungen für digitale Technologien zuständig waren und sich nun
durch Merkmale des Einführungsprozesses einer neuen übergangen fühlen. Um solche Situationen zu vermeiden,
Technologie gekennzeichnet. In welchem Maß Akzeptanz ist es von Vorteil, die Kommunikation über die Zielset-
hergestellt und gesichert werden kann, hängt auch von zungen und die möglichen sozialen Konsequenzen der
strukturellen Merkmalen dieses Prozesses ab. Die bereits geplanten Technologieeinführung möglichst breit zu
angesprochenen Maßnahmen, die darauf abzielen, die führen und auch nicht direkt betroffene Gruppen einzu-
Beschäftigten zu informieren und zu beteiligen oder die beziehen. Außerdem hat Industrie 4.0 das Potenzial, die
Technik bedienerfreundlich zu gestalten, sollten im Rah- Rolle der unteren Vorgesetzten zu verändern. Wenn sie
men eines grundlegenden Musters erfolgen, eines Plans, ihre spezifische Sicht auf die Umstellung nicht einbrin-
der festlegt, mit welchen Vorgehensweisen und Beteiligten gen können und hinsichtlich ihrer zukünftigen Entwick­
ein Unternehmen eine neue Technologie implementiert. lungsmöglichkeiten verunsichert sind, fehlen sie als
Dabei sind die folgenden Aspekte auf Grundlage der bishe- wichtiger Impulsgeber im Umstellungsprozess.
rigen Empirie besonders hervorzuheben:

1. Konsistente Strategie: Eine widerspruchsfreie und stim- In einem mittelgroßen Metallunternehmen wurde
mige Industrie 4.0-Strategie ist entscheidend, um Akzep­ ein umfangreiches Kommunikationskonzept umge­
tanz zu erhalten. Ihre Ziele müssen klar definiert und ihr setzt, als digitale Techniken in der Produktion ein-
Nutzen für den Betrieb transparent sein. Auf dieser geführt werden sollten: In einem ersten Schritt
Grund­­lage lassen sich Entscheidungskompetenzen und wurde der ausgewählte Pilotbereich intensiv in die
Zuständigkeiten bei einer Systemeinführung frühzeitig Planungen eingebunden; in einem zweiten Schritt
klären. Die Kommunikation gestaltet sich dann effekti- wurden die weiteren Produktionsbeschäftigten in­­
ver und Konflikte werden vermieden. Die Planung sollte for­miert und beteiligt, da die geplanten Maßnahmen
auch berücksichtigen, dass anfängliche Fehler und Rei- auch Auswirkungen auf vor- und nachgelagerte
bungsverluste bei der Umstellung auftreten können, die Bereiche nach sich ziehen. In diesen bereichs­über­
zugleich aber Lerneffekte hervorbringen und die Lern- greifenden Beteiligungsrunden wurde detailliert
kurve ansteigen lassen. Dafür eingeplante Ressourcen über den laufenden Einführungsprozesses infor-
vermeiden Frustrationen, die entstehen, wenn Beschäf- miert und der Austausch über geplante und umge-
tigte unvorhergesehenen Mehraufwand auffangen müs- setzte Maßnahmen gefördert. Um Diskussionen
sen. Offene Aspekte der Umsetzung sollten auch als noch zu ermöglichen, den Dialog sicherzustellen und
ungelöste Fragen transparent gemacht werden. Nicht zu bereichsspezifische Hierarchiestrukturen zu durch­
Ende gedachte Lösungen können Misstrauen erregen brechen, wurden die Beschäftigten in Gruppen
und damit Akzeptanz verhindern. Wesent­licher Bestand- aufgeteilt und während der Arbeitszeit zu Partizi-
teil der Strategie muss die kontinuierliche und frühzei- pationsrunden eingeladen.
tige Einbindung der Belegschaft und des Betriebsrats
sein. Wie die Erfahrung der untersuchten Betriebe zeigt,
können auf diese Weise Konflikte und die daraus resul- 3. Einbezug des Betriebsrats: Für die Schaffung eines förder-
tierenden negativen Haltungen gegenüber neuen Tech- lichen Akzeptanzkontexts ist es notwendig, den Betriebs­
nologien vermieden werden. rat systematisch in den Veränderungsprozess einzube-
ziehen. Grundsätzlich verfügt der Betriebsrat aufgrund
2. Einbezug aller Beschäftigtengruppen: Bei der Planung seiner Mitbestimmungsrechte über vielfältige Möglich-
einer Industrie 4.0-Umsetzung sollten sämtliche davon keiten, Umstellungsprozesse zu beeinflussen. Der Be­­
mittelbar oder unmittelbar betroffene Belegschaftsgrup- triebsrat hat nicht nur die Aufgabe, die Interessen der
pen identifiziert und in ihrer jeweiligen Situation ver- Beschäftigten zu wahren, sondern kann auch ihre Hal-
standen werden. Der Akzeptanzkontext einer Umstel- tung beeinflussen und durch seine Unterstützung digi-
lung wird nach allen Erfahrungen auch stark durch die taler Technologien auf ein positives Akzeptanzklima im
Reaktionen von nicht mittelbar betroffenen Beschäftig- Unternehmen hinwirken. Betriebsräte können zudem
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durch eigene Gestaltungsideen den Einsatz von Indus­ genden Befunde zeigen, dass überhastete, unkoordinierte
trie 4.0-Lösungen vorantreiben. Darüber hinaus ist der Einführungen Innovationsvorhaben unglaubwürdig
Betriebsrat in der Lage, wichtige Beschäftigtengruppen werden lassen, bei der Belegschaft Skepsis erzeugen und
zu mobilisieren und ihre Motivation für eine Innovation Passivität und Desinteresse hervorrufen. Längerfristig
zu steigern. Ein verbindlicher Gestaltungsrahmen für angelegte und gut geplante Einführungsprozesse sind
Technik und Arbeit, der in einer Betriebsvereinbarung auch deshalb erfolgreicher, weil es in ihrem Rahmen
zwischen Management und Betriebsrat festgehalten eher gelingt, bei der Produktionsbelegschaft Akzeptanz
wird, schafft eine wichtige Voraussetzung für ein akzep- herzustellen und zu sichern.
tanzförderliches Klima.
Auf lange Sicht sind Unternehmen gut beraten, eine Inno­
4. Längerfristig ausgerichteter Einführungsprozess: Im Hin- vations- und Beteiligungskultur zu etablieren. Nur wenn
blick auf betriebliche Veränderungsprozesse im Umfeld Industrie 4.0-Lösungen im Dialog zwischen Management
von Industrie 4.0 sollte nach Ansicht vieler Befragter und Belegschaft gestaltet und umgesetzt werden, lassen
Wert darauf gelegt werden, dass „durch den Betrieb nicht sich nachhaltige betriebliche Win-win-Situationen her-
immer wieder eine neue Sau getrieben wird“. Die vorlie- stellen.
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6. Ausblick und offene Fragen

Die skizzierten Forschungsergebnisse und Handlungsemp- Die bisher vorliegenden Ergebnisse zeigen eines schon ganz
fehlungen sind eine Zusammenfassung der bisherigen deutlich: Um Industrie 4.0 in Unternehmen zu verankern,
Auswertung von Literatur, Interviews und Fallstudien im bedarf es in den meisten Fällen eines umfassenden Change-­
Rahmen der Analyse von Akzeptanzprozessen in Unterneh- Pro­­zesses der Unternehmenskultur, denn die Wandlungs-
men, die Industrie 4.0-Systeme einführen. Genauer nachzu- bereitschaft des Shopfloor-Personals und der Führungs-
gehen ist im weiteren Verlauf der Forschungsarbeit vor kräfte ist für einen erfolgreichen Wandel zentral. Sie basiert
allem folgenden Fragen: auf der Veränderungsmotivation jedes Einzelnen und setzt
voraus, dass die Beschäftigten den Wandlungsbedarf erken-
• Inwieweit beeinflussen unternehmensspezifische Bedin- nen, das unternehmerische Zielbild als sinnvoll erachten
gungen den Akzeptanzbedarf? Zu untersuchen sind hier und den unternehmensindividuellen Weg nachvollziehen
unter anderem Faktoren wie die Qualifikations- und können. Der innerbetrieblichen Kommunikation und Parti­
Altersstruktur der Beschäftigten, die Branchenzugehö- zipation kommen beim Wandel zu Industrie 4.0 essentielle
rigkeit, der Digitalisierungsgrad und die Innovationskul- Bedeutung zu. Es gilt in jedem Fall, durch informative, trans­
tur sowie die Funktion und Reichweite des neu imple- parente und überzeugende Vorgehensweisen alle Betei­ligten
mentierten digitalen Systems. in einem Unternehmen frühzeitig einzubinden [11].

• Inwieweit wird der Grad der Akzeptanz eines neuen


Systems durch existierende informelle Kommunika-
tions- und Arbeitszusammenhänge in einem Unterneh-
men beeinflusst? Gibt es eine von den Beschäftigten
getragene „Schatten-IT“ im Unternehmen und inwie-
weit können die damit verknüpften Praktiken für eine
erfolgreiche Industrie 4.0-Einführung nutzbar gemacht
werden?

• Welchen Einfluss haben die Haltung und Motivation der


unteren und mittleren Führungskräfte auf die generelle
Akzeptanzsituation? Der Forschungsstand lässt vermuten,
dass diese Beschäftigtengruppe auf die Haltung der Be­­
troffenen einen großen Einfluss hat.

• Daran schließt sich die grundsätzliche Frage an, wie sich


Führungsstile und Managementrollen ändern müssen,
damit Akzeptanz bei der Einführung von Industrie 4.0-­­­­
Lösun­­­gen hergestellt und gesichert werden kann.
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Literatur

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Hamburg: acatech/Körber-Stiftung 2018. Verlag 1998.

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[4] Kagermann, H.: „Chancen von Industrie 4.0 nutzen“. In: einen New Deal brauchen“. In: Capital (Kommentar vom
Bauernhansl, T./ten Hompel, M./Vogel-Heuser, B. (Hrsg.): 18.02.2018). URL: https://www.capital.de/wirtschaft-politik/
Industrie 4.0 in Produktion, Automatisierung und Logistik, jobkiller-digitalisierung-warum-wir-einen-new-deal-brau-
Wiesbaden: Springer 2014, S. 603 – 614. chen?article_onepage=true [Stand: 12.12.2018].

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In: Trommsdorff, G./Endruweit, G. (Hrsg.): Wörterbuch der Social Networked Industry ganzheitlich gestalten. Future
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[6] Schäfer, M./Keppler, D.: Modelle der technikorientier- alfluss und Logistik (IML) 2017.
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Niehaus, J./Dregger, J.: Social Manufacturing and Logistics.
Konturen eines Leitbildes digitaler Industriearbeit (Begleit-
forschung AUTONOMIK für Industrie 4.0), Berlin: VDI/VDE
Innovation + Technik 2016.
www.plattform-i40.de

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